Kitabı oku: «Hekate»
Thomas Lautwein
Hekate
Die dunkle Göttin
Geschichte & Gegenwart

Erste Digitale Auflage 2012
Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH
Copyright © 2009 by Edition Roter Drache.
Edition Roter Drache, Holger Kliemannel, Postfach 10 01 47,
D-07391 Rudolstadt.
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Buch- und Umschlaggestaltung: Edition Roter Drache.
Lektorat: Sabine Möbius.
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Gesamtherstellung: Bexx GmbH, Neuweiler.
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ISBN: 9783944180007
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Einleitung
Wir stehen an einer Wegkreuzung
Die Realität der Götter
C. G. Jung: Das „kollektive Unbewusste“ und die „psychischen Teilsysteme“
Exkurs zum buddhistischen Weltbild
Die vier Gesichter der Göttin
Die Religion der Steinzeit
Erde, Unterwelt, Geisterwelt
Das Material: die antike Literatur
Teil I
Hekate in archaischer Zeit
Herkunft und Erscheinung
Kleinasiatische Sonnengöttinnen
Die Karer
Der Tempel in Lagina
Trimorphos - Das Rätsel der drei Gestalten
Frühe literarische Zeugnisse
Der Hekate-Hymnus in Hesiods „Theogonie“
Der eleusinische Demeter-Hymnus
Teil II
Hekate in der klassischen Literatur
Hekate in Athen
Hekate in der griechischen Tragödie
Die Hekatesien – Dunkelmond-Opfer am Kreuzweg
Kirke und Medea – die Hexen der Hekate
Kirke
Medea
Nekromantie und Unterweltreisen
Teil III
Hekate in der Spätantike
A) Griechische Zauberpapyri aus Ägypten:
Die Papyri Graecae Magicae
Große Anrufung der Selene (PGM IV, 2786 ff.)
Symbolik und Ritual
Die goldene und eherne Sandale der Hekate
Weihung von Statuen und Talismanen
Das Mantra der Hekate
Hekate als Orakelgöttin und Traumsymbol
Die Figuren der zweiten Kreiszone (Agrell, S. 88 - 109)
Die Figuren der dritten Kreiszone
Hermes und Hekate
Hermetische Theurgie
Die Iynx
Sophron
Verfluchungen
B) Hekate in der Orphik
Der orphische Hekate-Hymnus
Das orphische Argonautenepos
C)Hekate im Mithras-Kult, in den chaldäischen Orakeln und der neuplatonischen Theurgie
Die Neuplatoniker und die chaldäischen Orakel
Teil IV
Hekate in der Renaissance
Latenz und Wiedererscheinen der Göttin in der Renaissance
Erasmus von Rotterdam und der Hexenprozess von Orléans 1501
Thomas Middleton: The Witch
Shakespeare: Schicksals-Göttinnen
Teil V
Hekate in der Moderne und Gegenwart
Hekate-Iphigenie in Gerhart Hauptmanns
Atriden-Tetralogie
Iphigenie in Aulis
Iphigenie in Delphi
Das Nachleben einer Göttin: Lady Death
Hekate in der modernen Esoterik:
Crowley und Steiner
Crowley: Dark side of the moon
Rudolf Steiner: Weltenwunder, Seelenprüfungen & Geistesoffenbarungen
Crowleys Kinder: O.T.O., T.O.T.O, Ma’at
Im Zeichen der Ma’at
Hekate-Verehrung in der Gegenwart
„Sie veränderte mein Leben“
Rituale
Anhang
Literatur
Index
Der Autor
Vorab
Einleitung
Wir stehen an einer Wegkreuzung

Es erscheint heute als möglich, wenn nicht sogar unausweichlich, dass eine weitere Ausbreitung unserer technisch-industriellen Zivilisation die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit zerstört. Seit der Jungsteinzeit hat die Menschheit versucht, die Natur durch Technik zu beherrschen und sich vor ihrer Unberechenbarkeit zu schützen. Während die Technologie ständig neue Erfolge erzielt (die es irgendwann vielleicht ermöglichen werden, den eigenen Körper beliebig zu modfizieren, das Bewusstsein in einen virtuellen Raum zu übertragen und das Weltall zu besiedeln), wächst andererseits bei vielen Menschen die Sehnsucht nach einer Rückkehr zur Einheit mit der Natur – sei es einem ländlichen Leben wie vor der industriellen Revolution oder gar einer Jäger- und – Sammlerexistenz wie vor der neolithischen Revolution.
Die Zwiespältigkeit unserer heutigen Existenz macht sich auch sozial und ideologisch bemerkbar. Die gesellschaftliche Beziehung zwischen Mann und Frau wird neu verhandelt, wobei die seit 5000 Jahren geltende Vorrangstellung des Mannes (das Patriarchat) zunehmend in Frage gestellt wird. In Religion, Kunst und Wissenschaft sind „Frauenthemen“ in den letzten 50 Jahren vom Rand zunehmend in den Mittelpunkt gewandert, wie etwa die Diskussionen um ein ursprüngliches Matriarchat (matrizentrische Gesellschaft u. ä.) zeigen. Vor allem aber macht sich unterschwellig ein immer stärkeres Unbehagen an und in den monotheistischen (d. h. patriarchalen) Religionsformen bemerkbar. Die Formen, in denen sich heute ein neues Heidentum artikuliert, mögen oft genug unbeholfen und naiv wirken, entspringen aber offenbar dem dunklen Gefühl, dass in den letzten 2000 Jahren eine Möglichkeit religiösen und Natur-Erlebens unterdrückt, verfälscht oder verzerrt wurde, dass unserem Dasein eine Dimension fehlt, die es früher wohl einmal gegeben haben muss und nach nach der eine tiefe Sehnsucht besteht.
Mit einem Wort: Die GÖTTIN wird wieder zum Thema.
Für die Aktualität des Themas „Göttin“ gibt es ontologische und historische Gründe. Ontologie, als Analyse der menschlichen Existenz verstanden, wird uns zu der Einsicht führen, dass der Mensch nicht nur in abstrakten Begriffen denkt, sondern auch innere Bilder erlebt, die symbolische Bedeutung haben (sei es individuell oder kollektiv). Diese inneren Bilder werden von Polaritäten strukturiert, d. h. von Gegensätzen, die sich logisch gesehen zwar gegenseitig ausschließen, sich im LEBEN aber gegenseitig bedingen und ständig ineinander übergehen, wie Tag und Nacht, Licht und Schatten, Sonne und Mond. Eine der grundsätzlichen Polaritäten ist die von männlich und weiblich, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckt. Mit Ludwig Klages können wir sie wie folgt skizzieren:
Empfängnisvermögen, unten, Ruhe, Dunkelheit, Erde, Raum, Nacht, Sterben, Zügelung, Innerung, ‚Herz’, links auf der einen Seite;
Zeugekraft, oben, Bewegung, Licht, Sonne, Zeit, Tag, Entstehen, Antrieb, Äußerung, ‚Kopf’, rechts auf der andern.1
Ursprünglich sind „männlich“ und „weiblich“ (chinesische gesproch: Yin und Yang) keine feindlichen Gegensätze, sondern sich ergänzende Pole:
Gleichgültig, ob wir unterscheidende Eigentümlichkeiten des Verhaltens im Paarungsvorgang oder sonstige Haltungsunterschiede beider Geschlechte zum Leitbild wählen, immer besteht auf männlicher Seite ein Übergewicht des Sichbewegens, Aussicherhausgehens, Kräfteverschwendens, auf weiblicher des Verharrens, Empfangens und Kräftebewahrens. Darnach entsprechen dem Männlichen: offenbarende Helle, Beweglichkeit, Schleuderkraft, aufrechte Lage, heraklitischer ‚Weg nach oben’, Gestaltung des Kommenden; dem Weiblichen: verhüllendes Dunkel, Ruhe, Ziehkraft, liegende Lage, heraklitischer ‚Weg nach unten’, Hang zum Gewesenen. Wird aber jede der beiden Seiten als Pol und nicht etwa als vereinzelbare Hälfte gefasst, so haben wir die sinnbildlich gemeinte Mannheit als durchdrungen vom Weiblichen vorzustellen, die Weiblichkeit als durchdrungen vom Männlichen. Die heute vollzogene Spaltung der Geschlechter dagegen in zwei einander bald befehdende und gebrauchende, bald leidenschaftlich suchende Parteien, ist nur die praktische Folge der nämlichen Lebenszerklüftung, (...) der Entbilderung und Atomisierung der Welt durch den rechnenden Willen zum Ausdruck kommt.2
In der Geistesgeschichte des Westens wurde das „weibliche“ Prinzip in den letzten 2500 Jahren zweifellos immer weiter zurückgedrängt, ja geradezu als Ursprung des „Bösen“ und Irrationalen verteufelt – mit fatalen Konsequenzen, die von der gesellschaftlichen Unterdrückung der Frauen bis zur Naturzerstörung reichen. Im Bereich der Religion drückt sich die einseitige Dominanz des männlichen Prinzips in der Errichtung monotheistischer Strukturen mit ihren Priesterhierarchien aus.
Zweiter Grund: Seit Bachofen mehren sich die Zweifel an der naturgegebenen Vorherrschaft des Mannes. Die Erforschung unserer Ur- und Frühgeschichte lässt es zunehmend glaubhaft erscheinen, dass am Anfang der Menschheitsgeschichte eine Epoche stand, in der religiöse Funktionen überwiegend von Frauen ausgeübt wurden und die Verehrung nicht einem allmächtigen Vatergott galt, sondern einer großen Göttin, die mit der Natur in all ihren Aspekten gleichgesetzt wurde. Sie war war nicht nur die Große Mutter, in deren Händen Liebe und Geburt ruhen, sondern auch die Herrin der Dunkelheit und des Todes; sie war unten und oben, Himmel und Erde. Diese ursprüngliche Einheit wurde dann in der Jungsteinzeit und Bronzezeit aufgespalten in eine Polarität von weiblicher Erde und männlichem Himmel, bis die neuen Himmelsgötter schließlich ganz die Macht an sich rissen und die Göttinnen als Gemahlin oder Tochter von sich abhängig machten. Die Geschichte des Abendlandes lässt sich so als gigantischer Verdrängungsprozess beschreiben, an dessen Ende die Dämonisierung der Göttin als Hexe oder ihre Reduktion auf eine bloß dienende Funktion erfüllt (wie wir dies etwa sehr gut am Beispiel des katholischen Marienkultus sehen können). Die abgespaltenen und verdrängten Aspekte lösen sich aber nicht einfach in nichts auf, sondern bleiben im kollektiven Bewusstsein latent vorhanden und drängen immer wieder nach oben, wobei sie, da sie nicht erkannt und akzeptiert werden können, Angst auslösen.
Einer dieser Aspekte, die ursprünglich ein Gesicht der Göttin waren, ist die Gestalt der Todes- und Hexengöttin. Bevor wir uns aber näher mit den vier Gesichtern der Göttin beschäftigen, wollen wir uns zunächst einmal der grundsätzlichen Frage zuwenden, was denn Götter eigentlich sein sollen – und wozu man sich im 21. Jahrhundert noch mit ihnen beschäftigen soll.
Die Realität der Götter
The true nature of the gods is that of magical images shaped out of the astral plane by mankind‘s thought, and influenced by the mind.
Dion Fortune, The Mystical Qabalah
Menschen aller Kontinente und Rassen haben seit Jahrtausenden an die Existenz von Göttinnen und Göttern geglaubt und sie verehrt; völkerkundlich gesehen, ist der Götterglaube geradezu als eine anthropologische Konstante zu bezeichnen. Jedes Volk besitzt ursprünglich sein eigenes Pantheon und praktiziert einen naturverbundenen Polytheismus.
Mit dem Aufkommen des Monotheismus wird die Gottesvorstellung abstrakt und transzendent, Gott ist nicht mehr in der Welt, sondern über der Welt; er verkörpert sich nicht mehr in Bäumen und Berggipfeln, sondern im WORT, d. h. in einer heiligen Schrift, die nun alle Weisheit und Antwort auf alle Fragen enthalten soll. Da es nur noch einen wahren Gott geben kann, werden die alten Götter des Polytheismus entwertet, zu Dämonen degradiert oder als Betrug denunziert.
Als sich der neuzeitliche Rationalismus in der Zeit der Aufklärung schließlich vom Monotheismus emanzipiert, der ihm lange als Vehikel diente, kommt es zum Streit zwischen Offenbarung und Vernunft. Historische und Erkenntniskritik erschüttern den Glauben an die Existenz Gottes, so dass die Religion als gesellschaftliche Legitimationsinstanz nun von der empirischen Wissenschaft und dem „Diskurs“ der Spezialisten abgelöst wird (auch die Ideologien des 20. Jahrhunderts mussten sich als „wissenschaftlich“ präsentieren, um Akzeptanz zu finden, sei es die biologische Rassenlehre des Nationalsozialismus oder der soziologische „wissenschaftliche Sozialismus“). Die Wissenschaft kann sich seither (also spätestens seit dem 18. Jahrhundert) daran machen, das Phänomen „Religion“ bzw. Religiosität endgültig aufzulösen (d. h. durch Reduktion zu beseitigen). Mit welchen Methoden dies versucht wird, sieht man sehr schön in der Einleitung zur „Griechischen Mythologie“ von Herbert J. Rose (1928), wo sieben Theorien genannt werden, die den Glauben an Götter philosophisch erklären sollen:
1. Die allegorische Theorie – Ein Gott ist lediglich eine Veranschaulichung eines bestimmten Phänomens oder Begriffs, so ist etwa Venus = Liebe;
2. Die symbolische Theorie – Götter sind Symbole, in denen die Philosophen alter Zeit ihre geheime Weisheit verborgen haben, die für das gemeine Volk zu anspruchsvoll war (Friedrich Creuzer);
3. Der Rationalismus – primitives Missverstehen von natürlichen Vorgängen führt über eine falsche Schlussfolgerung zu der Illusion, ein höheres Wesen habe z. B. den Blitz geschleudert, der einen Baum in Brand setzt (Palaiphatos)
4. Euhemerismus – die Götter waren ursprünglich herausragende Menschen (Könige, Gesetzeber), die nach ihrem Tode immer mehr von Sagen umwoben und schließlich ins Übermenschliche erhoben wurden;
5. Die Naturmythen-Theorie – Götter entstehen durch ein poetisches Naturerleben, Zeus = Himmel, Hermes = Wind (Stoa, Max Müller)
6. Ethnologie und Soziologie – Mythen sind Ausdruck eines Volksgeistes, in ihnen drücken sich die sozialen Verhältnisse eines Volke, sein Gemütsleben und seine Weltanschauung aus (Lobeck, K. O. Müller);
7. Psychologie – Mythen sind Ausdruck unbewusster Komplexe und verdrängter Wünsche, die nach außen projiziert werden, sie sind eine kollektive Neurose bzw. Wahnbildung (Feuerbach, Freud).3
Der Nachweis, dass alle diese Theorien letzten Endes unfähig sind, religiöses Erleben restlos zu erklären, bedürfte eines eigenen Buches. Halten wir vorläufig nur die Situation fest, wie sie sich heute in der westlichen Gesellschaft darstellt: Dem traditionellen christlichen Monotheismus, der sich in der Defensive befindet, steht ein öffentlich dominierender Skeptizismus und Atheismus gegenüber. Zwischen diesen beiden Positionen erstreckt sich das Feld der sogenannten „Spiritualität“ und „Esoterik“, d. h. die Welterklärungsmodelle der Menschen, die sich weder als Christen noch als Atheisten fühlen.
Typisch für die moderne Spiritualität ist die Vermengung traditionell religiöser Themen mit psychologischer Terminologie. Besonders folgenreich war hierbei die Psychologie Carl Gustav Jungs, der aus Sicht der orthodoxen Freudianer der „Schlammflut des Okkultismus“ Tür und Tor öffnete und aus Sicht der orthodoxen Christen in gnostische Irrlehren zurückfiel. Für unser Thema ist Jung von Interesse, weil er die Existenz von Göttern als objektive psychische Realität plausibel macht.
C. G. Jung: Das „kollektive Unbewusste“ und die „psychischen Teilsysteme“
In seinem Kommentar zu dem taoistischen Text „Das Geheimnis der goldenen Blüte“ definiert C. G. Jung das „kollektive Unbewusste“ als ein „gemeinsames Substrat“, das aus „latenten Dispositionen zu gewissen identischen Reaktionen“ besteht: „Die Tatsache des kollektiven Unbewussten ist einfach der psychische Ausdruck der Identität der Gehirnstruktur jenseits aller Rassenunterschiede. Daraus erklärt sich die Analogie, ja sogar Identität der Mythenmotive und der Symbole und der menschlichen Verständnismöglichkeit überhaupt. Die verschiedenen seelischen Entwicklungslinien gehen von einem gemeinsamen Grundstock aus, dessen Wurzeln in alle Vergangenheit hinunterreichen.“4
Im kollektiven Unbewussten existieren nun „psychische Teilsysteme“, die, je komplizierter sie sind, umso mehr Persönlichkeitscharakter haben:
Sie sind eben auch Konstituenten der psychischen Persönlichkeit und müssen darum Persönlichkeitscharakter haben. Solche Teilsysteme finden sich namentlich bei Geisteskrankheiten, bei den psychogenen Persönlichkeitsspaltungen (...) und ganz gewöhnlich bei den mediumistischen Phänomenen. Auch bei religiösen Phänomenen sind sie zu finden. Darum sind viele der früheren Götter aus Personen zu personifizierten Ideen und schließlich zu abstrakten Ideen geworden, denn belebte unbewusste Inhalte erscheinen stets zuerst als nach außen projiziert und werden im Verlauf der geistigen Entwicklung via Raumprojektion vom Bewusstsein allmählich assimiliert und zu bewussten Ideen umgestaltet, wobei letztere ihren ursprünglich autonomen und persönlichen Charakter einbüßen. Einige der alten Götter sind bekanntlich via Astrologie zu bloßen Eigenschaften geworden (martialisch, jovial, saturnin, erotisch, logisch, lunatic usw.). 5
Das Bewusstsein versucht also ständig, die psychischen Teilsysteme zu abstrahieren und zu rationalisieren, um sie beherrschbar zu machen und dem abstrakten Gott des Monotheismus zu unterwerfen. Nach Jungs Ansicht ist es insbesondere dem Christentum nicht gelungen, die die „Götter“ wirklich zu überwinden:
Unsere wahre Religion ist ein Monotheismus des Bewusstseins, eine Bewusstseinsbesessenheit mit fanatischer Leugnung der Existenz von autonomen Teilsystemen. Darin unterscheiden wir uns aber von den buddhistischen Yogalehren, dass wir sogar die Erfahrbarkeit von Teilsystemen leugnen. Darin liegt eine große psychische Gefahr, denn dann verhalten sich die Teilsysteme wie irgendwelche verdrängten Inhalte: sie bringen zwangsläufig falsche Einstellungen hervor, indem das Verdrängte in uneigentlicher Form wiederum im Bewusstsein erscheint. Diese in jedem Neurosenfall in die Augen springende Tatsache gilt auch für die kollektiven psychischen Erscheinungen. Unsere Zeit begeht in dieser Hinsicht einen fatalen Irrtum; sie glaubt nämlich, religiöse Tatsachen intellektuell kritisieren zu können. (…) Man vergisst dabei völlig, dass der Grund, warum die Menschheit an den ‚Daimon’ glaubt, gar nicht mit irgend etwas Äußerem zu tun hat, sondern einfach auf der naiven Wahrnehmung der gewaltigen, inneren Wirkung autonomer Teilsysteme beruht.6
Eine bloße Leugnung der psychischen Teilsysteme führt dazu, dass sie unbewusst nach außen projiziert werden. Im christlichen Bezugssystem werden sie dann als „Satan“ oder „Dämonen“ bezeichnet und mit großem Aufwand exorziert, ohne doch jemals völlig besiegt zu werden. In anderen Ideologien kann eine beliebige Gruppe als Projektionsfläche gewählt werden (Juden, Freimaurer, Illuminaten, Aliens), deren „bösem Willen“ eine weltweite Verschwörung unterstellt wird – kurz, es kommt zu kollektiver Wahnbildung, und destruktiven Massenpsychosen, die durchaus Kriege und Revolutionen auslösen können. Mit Jungs Worten:. „Die Götter sind Krankheiten geworden.“7
Ein Aspekt des kollketiven Unbewussten ist die Anima, das Ur-Weibliche:
Die tiefere Introspektion oder die ekstatische Erfahrung enthüllt die Existenz einer weiblichen Figur im Unbewussten, daher die weibliche Namengebung Anima, Psyche, Seele. Man kann die Anima auch definieren als Imago oder Archetypus oder Niederschlag aller Erfahrungen des Mannes am Weibe. Darum ist das Animabild auch in der Regel in die Frau projiziert.8
Nach Jungs Auffassung nimmt die Anima für jeden Mann eine besondere Gestalt an, so wie umgekehrt jede Frau einen Animus in sich trägt. Können Animus und Anima nicht richtig integriert werden, weil die herrschende Religion etwa bestimmte Aspekte von Weiblichkeit unterdrückt und tabuisiert, werden begreiflicherweise Anima-Projektionen entstehen, die angstbesetzt, aber auch gleichzeitig faszinierend sind. So wird etwa in der Offenbarung des Johannes von der reinen, keuschen Muttergöttin Maria die scharlachrote „Hure Babylon“ abgespalten. Auch Göttinnen wie Venus, Hekate und Diana wurden in den Untergrund abgedrängt, wo sie, wie wir wissen, dort das ganze Mittelalter über rumorten.
Da das Christentum unfähig ist, die archetypischen Bilder zu integrieren, prophezeite Jung 1928 ein Zunehmen von individuellen Symbolbildungen:
Diese seit uralters bestehende Symbolfunktion ist auch heute noch vorhanden, obschon die Entwicklung des Geistes seit vielen Jahrhunderten danach strebte, die individuelle Symbolbildung zu unterdrücken. (…) Die christliche Epoche hat bekanntlich Außerordentliches geleistet in der Unterdrückung der individuellen Symbolbildung. In dem Maße, als die Intensität der christlichen Idee abzublassen beginnt, darf man auch ein Wiederaufflackern der individuellen Symbolbildung erwarten. Die geradezu ungeheure Sektenvermehrung seit dem 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der ‚Aufklärung’, dürfte ein entsprechendes Zeugnis dafür sein.9
Inzwischen sind 80 Jahre vergangen, und rückblickend darf man wohl sagen, dass Jungs Prophezeiung sich erfüllt hat, obwohl Jung die Entstehung der modernen Hexenbewegung nach dem 2. Weltkrieg, den Zen- und Yoga-Boom seit den 1960er Jahren und die kommerzialisierte Vulgäresoterik der letzten vier Jahrzehnte nicht voraussehen konnte. Die Religionssoziologie spricht heute abschätzig von einer „Patchwork-Spiritualität“, um das zu bezeichnen, was Jung „individuelle Symbolbildung“ nannte. Der Begriff „patchwork“ suggeriert dabei, dass heterogene Elemente wahllos zusammengeklaubt werden, was bei manchen Zeitgenossen sicherlich der Fall sein mag. Es sollte jedoch nicht unterschätzt werden, dass in vielen Fällen tatsächlich eine Wiederentdeckung bislang verschütteter und unterdrückter Symbole stattfindet, was sich dann eben in dem Gefühl äußert, von „Göttern“ ergriffen zu werden und natürlich eine hochemotionale Angelegenheit ist.
Exkurs zum buddhistischen Weltbild
Jung meint, der Buddhismus habe bei dem Umgang mit Teilsystemen einen Vorteil. Damit hat er durchaus Recht, da der Buddhismus nicht denselben Zwängen unterliegt wie monotheistische Religionen.
Nach buddhistischer Auffassung existieren Götter real als Wesen in Samsara; ihre Existenz ist, wie bei allen Lebewesen, bedingt durch Karma. Ein Dasein als Gott ist das Resultat positiven Handelns und Denkens, das jedoch immer noch durch die grundlegende Unwissenheit über die wahre Natur der Realität getrübt ist. Großherzigkeit und meditative Versenkung sind karmische Ursachen, um ein Gott zu werden; da diese Zustände auch für Menschen erfahrbar sind, kann es Kontakte zwischen Menschen und Göttern geben. Wir alle sind schon einmal Götter gewesen, die jetzigen Götter werden im Kreislauf von Samsara eines Tages auch wieder als Menschen geboren werden.
Die buddhistische Welt gliedert sich in drei Bereiche: einen grobstofflichen, der von groben Leidenschaften regiert wird, einen feinstofflichen und einen unstofflichen (kamadhatu, rupadhatua, arupadhatu). Die uns begegnenden Götter gehören meistens wie wir zum Begierdebereich und sind daher recht menschenähnlich, schwerer ist es schon, zu den Welten der reinen Form und der Formlosigkeit vorzudringen (letztere lässt sich beispielsweise erreichen, wenn man sehr lange nur über den leeren Raum oder die Unendlichkeit des Bewusstseins meditiert).
Kurz: Götter sind im Buddhismus nicht absolut, sonder relativ, nicht noumena, sonder phainomena. Einige Götter haben sich vom Buddha belehren lassen und sind auf dem Weg zum Erwachen (wie die vier großen Könige der Weltrichtungen), daher können Götter auch als Sangha und verehrungswürdig betrachtet werden. Ebenso ist es möglich, dass ein Mensch vor dem Erlangen des Pari-Nirwana noch einmal in einem Götterbereich wiedergeboren wird, dort letzte subtilste Hindernisse bereinigt, bevor er Erleuchtung erlangt. Diese Möglichkeit gilt im „kleinen Fahrzeug“ etwa für den „Nicht-Wiederkehrer“, der die Arhatschaft erst in einer Götterexistenz erlangt. Dieser Gedanke wurde im „großen Fahrzeug“ mit besonderer Vorliebe ausgebaut, so befinden sich die meisten großen Bodhisattvas ab der ersten Bhumi (Erde) in Götterbereichen, die von ihnen zu „reinen Bereichen“ ausgebaut wurden. So konnte der Buddhismus in Indien die Hindu-Götter ohne größere Probleme in sein Pantheon aufnehmen und sich in Tibet, China und Japan an die dortigen Gegebenheiten anpassen; andererseits konnten die Bodhisattvas des Mahayana die Attribute der Hindu-Gottheiten assimilieren. Im tantrischen Buddhismus verfiel man schließlich gar auf die Idee, dass es zur Erweiterung des Bewusstseins sinnvoll sein könnte, sich selbst meditativ mit einer solchen Bodhisattva-Gottheit zu identifizieren, wobei man sich aber stets der grundsätzlichen Leerheit aller Erscheinungen bewusst bleibt.
Die vier Gesichter der Göttin
Aus buddhistischer Sicht wäre daher nichts Ungewöhnliches daran, dass in einer Welt, in der es eine Zweiteilung in männlich und weiblich gibt, auch Götter und Göttinnen existieren. Da es verschiedene Aspekte von Männlichkeit und Weiblichkeit gibt, wird es folglich wohl auch verschiedene Göttinnen geben, die verschiedene Aspekte von Weiblichkeit verkörpern. Wie lassen sich diese systematisieren?
Der Mensch erlebt sich ursprünglich als Teil einer Landschaft. In dieser gibt es ein Oben und ein Unten, vier Himmelsrichtungen und eine Mitte. Die Himmelsrichtungen haben bestimmte Eigenschaften, die von Kontinent zu Kontinent, von Kultur zu Kultur verschieden sein können. Universell ist aber der tägliche Lauf der Sonne am Himmel: vom Aufgang am Morgen über den Höchststand am Mittag bis zum Untergang am Abend und der Verborgenheit in der Nacht. Ähnliches gilt für den Mond, der innerhalb von 29 Tagen vier Phasen durchläuft. Der Mensch steht im Mittelpunkt dieser vier Kardinalpunkte und zwischen oben und unten. Die vier Himmelsrichtungen können nun beispielsweise mit folgenden symbolischen Korrespondenzen verbunden werden (nach Wolf-Dieter Storl, Naturrituale, S. 72 - 74):
• Osten: Aufgehendes Licht, taufrischer Morgen, Frühling, Ostara, Werden, Heilen, Erscheinen, China: grüner Drache, Christen: Raphael, göttlicher Heiler – Göttin als junges Mädchen
• Süden: Mittagssonne, Sommer, Wärme, Zenith, volle Entfaltung, Belenos, Baldur, Lukas-Stier, China: zinnoberroter Phönix, Göttin als Frau
• Westen: Sonnenuntergang, Abend, Herbst, Ernte, Abstieg, Untergang, Tod, Avalon, Totenreich, China: weißer Tiger, Alter, Austrocknen, Lugh, Michael (Drachentöter), Markus-Löwe, Göttin als alte Frau/Mutter.
• Norden: Kälte, Finsternis, Winter, Tod, Stille, Meditation, Weisheit, Klarheit des Geistes, Riesen, Hel. Polarstern, Kailash, China: Schwarze Schildkröte (Urchaos). Johannes-Adler
• Oben: Himmel, Devas, leuchtende Gottheiten
• Unten: Unterwelt, inneres Licht der Erde, Erdgöttin, Frau Holle, Götterwiese, untere Großmutter (Cheyenne), Reich unter den Pflanzenwurzeln,
• Mitte: Midgard, Herz, Essenz, Menschen, Buddha, Shiva, Thron des Kaisers (China)
Wie wir sehen, wird die Vierteilung der horizontalen Menschenwelt ergänzt durch eine Dreiteilung der Welt in Oberwelt, Unterwelt und Himmel; die Achse bzw. Verbindung zwischen den Ebenen bildet in vielen Mythologien ein Weltenbaum (z. B. die Weltesche Yggdrasil). Dieses schamanische Weltbild ist wohl die älteste und ursprünglichste Kosmologie des Menschen.
Die Göttin, deren Verehrung vermutlich am Anfang menschlicher Kultur und Religion stand, müsste also vier Gesichter haben. In den heute verbreiteten Hexenkulten, insbesondere in den Strömungen, die unter der Bezeichnung „Wicca“ laufen, ist aber meist nur von drei Gesichtern die Rede: Die Göttin erscheint als junges Mädchen (zunehmender Mond), als vollerblühte reife Frau (Vollmond) und als alte, weise Frau (abnehmender Mond). Dies erscheint auch insofern plausibel, als sich das Jahr in eine Phase der Empfängnisbereitschaft (Frühling), eine Zeit der Trächtigkeit-Fruchtbarkeit (Sommer, Herbst) und eine Phase der Unfruchtbarkeit (Winter) einteilen lässt. Außerdem lassen sich eine weiße, schwarze und rote Erscheinungsform der Göttin ausmachen.
Es gibt jedoch schwerwiegende Einwände gegen die heutzutage beliebte Dreiteilung, die sich sowohl aus natürlichen Gegebenheiten als auch aus dem mythologischen Material ergeben. Zum einen gibt es bei den Mondphasen nicht nur drei, sondern vier Phasen: zunehmender und Vollmond, abnehmender und Neumond (Dunkelmond, Schwarzmond). Die Menstruation der Frau, die wohl mit dem Mondzyklus in Verbindung steht, lässt ebenfalls vier Phasen erkennen:
1. Präovulatorische Phase oder Ei-Reifung.
2. Ovulationsphase, beginnend mit dem Eisprung.
3. Prämenstruelle Phase, Abfall von Gelbkörperhormon und Östrogen.
4. Menstruelle Phase.
Wie Jutta Voss zu Recht kritisiert, herrscht eine weitverbreitete Tendenz, die menstruelle „Dunkelmond“-Phase zu vernachlässigen. Sie schreibt:
Die allgemeine Verwirrung der Mythologen über die Vier- und Dreiteilung scheint der Verwirrung der Mediziner beim ovariellen und uterinen Zyklus zu entsprechen. Mythologen vergessen den Schwarzmond als eine selbständige Phase. (…) Auch die matriarchale Forschung macht diesen kurzschlüssigen Denkfehler. Sie ordnet dem zunehmenden Mond das Mädchen Kore zu; dem Vollmond gehört die gebärende Mutter, und zum abnehmenden Mond gehört dann die weise Alte, die Hekate oder Kali. Wie bei den Menstruationsphantasien der Psychiater fällt auch hier die Schwarzmondphase einfach unter den Tisch. Das ist umso erstaunlicher, als auf allen uns erreichbaren Bildern früherer Kulturen genau dieser Schwarzmond als liegende Mondsichel das Symbol für die Göttin ist. Die Schwarzmond-Menstruationsphase wird als die Phase der Göttin einfach nicht wirklich wahrgenommen. Die einfache Parallelität von Mondphasen und Zyklusphasen, auch die von Mondphasen und Göttinnen-Gestaltungen ist zu kurzgeschlossen.10
Auch die Sonne, die in vor-patriarchalischer Zeit ebenfalls als Göttin gesehen wurde, durchläuft im archaischen Weltbild vier Phasen: Sonnenaufgang im Osten, Höchststand an Mittag im Süden, Untergang im Westen und nächtliche Reise unter der Erde hindurch nach Osten, wobei sie an Mitternacht genau im Norden steht. In der griechischen Mythologie fällt uns zudem auf, dass Aphrodite keineswegs als „rote“ Göttin bezeichnet wird, wie man erwarten könnte, sondern schon bei Homer konstant „die Goldene“ genannt wird. Pythagoras soll gesagt haben, dass die vier weiblichen Lebensalter nicht umsonst nach vier Göttinnen benannt seien: Die Jungfrau heißt Kore, die junge Frau Nymphe, die Mutter Meter, die Großmutter Maia (Iamblich. De vita Pyth., 56).
Wesentlicher als solche Stellen aus der spätantiken Literatur ist jedoch die psychologische Tatsache, dass Menschen die vier Gesichter der Göttin auch heute noch erleben – in Visionen, Tagträumen, Offenbarungen (oder Comics). Ein sehr überzeugendes Beispiel hierfür sind die „Visionen der vierfachen Göttin“ der Kölner Ärztin Bärbel Kreidt, die 1988 eine Visionssuche in der kalifornischen Wüste unternahm und dort nach dreitägigem Fasten von einer Serie archetypischer Bilder überschwemmt wurde, die sich schließlich als die vier Gesichter der Göttin erwiesen.
Zunächst erschien ihr, aus dem Süden kommend, die Goldene (die Liebesgöttin):
Über mir auf einmal ein atemberaubender Anblick: die feurige, ekstatische Göttin, ganz in Gold gekleidet, die Arme hoch erhoben, den Kopf in den Nacken geworfen. Das Gesicht schaut zur Seite. Sie lacht, freut sich unglaublich. Über und über ist sie mit Sternen geschmückt, so dass sie von innen und außen glüht, leuchtet, sprüht. Es sieht aus, als tanze sie fortwährend über den Himmel. Sie liebt ihren Körper, sich selbst, die Liebe, die Männer – das Leben. Ihr Anblick ist überwältigend schön. Die Göttin der Liebe. Sie sagt, sie liebt mich und ich könnte sie jederzeit rufen.11
Als nächste erscheint aus dem Westen eine tiefschwarze, isisartige, verschleierte Gestalt, die folgende Erklärung abgibt:
Ich bin die Göttin, die alle Rätsel löst (…) Ich löse alle Rätsel, weil ich alles weiß. Die Goldene hat mich zu dir geschickt. Jeder Mensch muss mich wenigstens einmal im Leben anschauen. Verschleiert, weil unverschleiert mein Anblick unerträglich ist. Aber wer Wissen sucht, kann mich bitten, meinen Schleier zu heben.
Als die Gestalt schließlich auf Kreidts Bitten hin ihren Schleier lüftet, bietet sich ein Bild des Grauens, wie es in Indien von Kali verkörpert wird:
Ihr Gesicht! Das namenlose Grauen, das Entsetzen, Tod, Krieg, Krankheit, Gemeinheit, Folter aller Zeiten und der ganzen Welt sind darin zu sehen. Ich höre das Schreien, das Weinen, die Verzweiflung. Es kommt einfach aus ihrem Gesicht. Ein Gesicht – steinalt, alterslos. Ein Urbild von Hässlichkeit. Unfassbar. Mit Augen, die sich vor nichts verschließen. Ich nehme das in mich auf und höre noch ihre Stimme, die mir sagt, es komme darauf an, sie nicht nur zu ertragen, sondern zu lieben. Ich könne zu ihr kommen, wann immer ich wolle.
Die dritte Gestalt kommt aus dem Norden und verkörpert Eigenschaften, wie wir sie von Artemis und Athene kennen:
Wieder später. Ich entdecke die dritte. Die Göttin des Nordens. Sehr schön, wieder anders und ebenfalls vertraut. Ihre Gestalt ist hoch und schlank, eine einzige Verkörperung von Stolz, Willen, Mut und kühler Überlegung. Sie trägt einen weichen, rehbraunen Lederanzug. Sehr sinnlich und gleichzeitig deutlich ein Kämpferinnenanzug. Die Arme sind nach beiden Seiten ausgestreckt; wie ein lebendes Kreuz steht sie da; zugänglich, aber mit spürbaren Grenzen, die niemand ungestraft überschreiten wird. Auch sie trägt Sternenschmuck; ein Stern in jeder Handinnenfläche, auf den Fußrücken und einen auf dem Scheitel. Klar, geordnet, kühl, entschlossen. Gefährlich, wenn es sein muss, und niemals im Gefühlschaos. Göttin der Amazonen.
Ganz zum Schluss erscheint der Seherin schließlich eine entfernte, starre weiße Gestalt, die sie so beschreibt:
Schließlich sehe ich die vierte, weit entfernt im Osten. Die ganze Erscheinung weiß. Ein langes, weißes Gewand, das Haar lang und weiß wie bei einer Greisin. Trotzdem scheint sie die Jüngste von allen zu sein. Als einziger Schmuck auf ihrer Stirn ein Stern. So weit, wie sie am Himmel von mir entfernt steht, so fremd ist mir auch ihr Wesen. Auch sie strahlt Ruhe, Gelassenheit und Unerreichbarkeit aus, aber anders als bei der Schwarzen. Wenn ich das einigermaßen treffend kennzeichnen soll, dann als Unschuld mit hohem Wissen – eine unbeschreibliche Mischung.12
Aus diesem Erfahrungsbericht wird bereits deutlich, dass das vierte Gesicht der Göttin am schwersten zu erfassen ist, auch wenn es unverkennbar ist. Wenn wir versuchen, die vier Göttinnen zu einem Muster zu abstrahieren, ergeben sich vier Göttinnen-Familien, die jeweils mit einer Himmelsrichtung, einer Tageszeit, einer Mondphase, einer Menstruationsphase, einer Jahreszeit, einem Element verbunden sind.
1. Osten - Luft: Die Göttin erscheint als junges Mädchen oder Jungfrau, Lichtbringerin, Sonnenjungfrau, Frühlingskönigin. Morgendämmerung, zunehmender Mond. Brigid, Hathor, Ischtar/Astarte, Aphrodite, Arianrhod, Vajrayogini. Gold
2. Süden - Feuer: Die Göttin erscheint als Mutter, liebevoll beschützend oder festhaltend-verschlingend. Mittag, Vollmond, Mittsommer. Maria, Isis, Demeter, Kybele, Tara, Rhea. Rot.
3. Westen - Wasser: Die Göttin erscheint als weise Alte, Ratgeberin und Führerin, oder als destruktive, dämonische Hexe. Abend, abnehmender Mond, Herbst. Ceridwen, Göttin des Meeres, Baba Yaga, Frau Holle, Frigga, Athene. Weiß.
4. Norden - Erde: Die Göttin erscheint als Ahnin, Todesbotin, Zerstörerin, Spenderin der Wiedergeburt, geschmückt mit Schädeln und Knochen als starre, weiße Gestalt, Herrscherin der Unterwelt. Nacht, Dunkelmond, Winter. Hela, Hekate, Ereschkigal, Morrigan, Ankou, Giltine, Kali, Santa Muerte, Lady Death, Death. Schwarz/weiß.13
Selbstverständlich sind diese vier Grundtypen nicht scharf von einander abgetrennt, sondern fließen ineinander. So kann die gütige Mutter leicht zur dämonischen Verschlingerin werden, und die Todesgöttin kann als unschuldiges junges Mädchen auftreten (wie z. B. in Neil Gaimans „Sandman“-Epos). Wir haben es schließlich nicht mit mathematischen Funktionen zu tun, sondern mit Symbol-Bildern, die ähnlich ambivalent sind wie Traumsymbole. Daher kann die Zuordnung der Farben, Himmelsrichtungen und Symboltiere variieren, wie wir dies auch in der Mythologie feststellen können.
Hekate, mit der wir uns im Folgenden befassen wollen, ist unseres Erachtens eine Ausprägung des vierten Göttinnen-Aspekts. Dabei werden wir versuchen, ihren ambivalenten Charakter herauszuarbeiten und gegen die gängige Auffassung polemisieren, dass Hekate eine Mondgöttin sei – wenn sie mit dem Mond in Verbindung steht, dann allenfalls mit dem Dunkelmond. Die Fixierung auf die „Mondgöttin“ Hekate verhindert jedoch, ihr ursprüngliches Wesen als Erd- und Sonnengöttin zu erkennen. Die Mondgöttin Hekate ist ein eher sekundärer Aspekt, wie sich im Folgenden, wie wir hoffen, noch zeigen wird.
Hekate verkörpert den Tod, aber auch die Geburt, ist der personifizierte Übergang, die Herrin der Kreuzwege, die unfruchtbare Zeit, in der sich aber unsichtbar schon das neue Leben vorbereitet, die Einweiherin und Entsühnerin, das Tor zur Unterwelt. Sie ist verwandt mit all den „weißen Frauen“, die in der europäischen Folklore als Todesbotin und Zerstörerin/Erneuerin auftreten, wie z. B. die keltische Morrigan, die germanische Hel, die litauische Giltinè oder die bretonische Ankou. Nach Meinung von Marija Gimbutas stammen alle diese Göttinnen von dem Typus der steinzeitlichen „starren weißen Frau“ ab, der in zahlreichen Gräbern gefunden wurde:
Ein ganz eigener Typus in der Skulpturenkunst ist die Nackte mit verschränkten oder anliegenden Armen, übergroßer Vulva, langem Hals, kaum angedeuteten Gesichtszügen oder Gesichtsmaske und Polos oder Diadem. Sie ist stets in Marmor, Alabaster, Bernstein, Knochen, hellem Stein oder Ton gearbeitet. Der helle Farbton ist die Farbe von Knochen und damit auch die Farbe des Todes. Im europäischen Volksglauben gibt es bis heute die Vorstellung vom Tod in Gestalt einer großen, weißgekleideten Frau mit knochendürren Beinen. Zweifellos stammt dieses Bild aus dem alten Europa, wo der Tod weiß war wie Knochen und nicht schwarz wie der furchterregende, indoeuropäische Gott des Todes und der Unterwelt. (…) Die meisten starren Nackten aus dem Neolithikum, der Kupferzeit und der Frühbronzezeit wurden in Gräberfeldern oder Einzelgräbern gefunden, da diese Art von Statuetten als Grabbeigaben fungierten.14
Die wichtigsten Symbole der Todesgöttin sind unheilverkündende Vögel wie der Geier, die Eule, der Kuckuck, der wilde Eber, die Schlange und der Jagdhund sowie der trockene Knochen. Wir werden sehen, was davon sich bei Hekate wieder findet.
Die Religion der Steinzeit
Die Forschungsergebnisse von Marija Gimbutas haben unseren Blick auf die Tatsache gelenkt, dass die Wurzeln aller heutigen Religionen, aller Götter und Riten, in der Steinzeit liegen. Denn in dieser Zeit begann der Mensch erstmals, Tote zu bestatten, Rituale durchzuführen und Magie zu üben. Eine Rekonstruktion des steinzeitlichen Weltbildes ist daher anthropologisch, religionsgeschichtlich und psychologisch von hohem Interesse.
Eine behutsame Rekonstruktion der steinzeitlichen Glaubenswelt unternimmt Ina Mahlstedt in ihrem Buch „Die religiöse Welt der Jungsteinzeit“ (2004 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen); ihre Erkenntnisse sollen im Folgenden zusammengefasst werden.
Der Mensch der Alt- und Mittelsteinzeit war Jäger und Sammler, erst in der Jungsteinzeit erfolgt der Übergang vom Nomadenleben zur Sesshaftigkeit und zum Ackerbau. In Verbindung mit der Agrikultur wird die Beobachtung der Gestirne und die Bestimmung des Jahreszeitenzyklus immer wichtiger, was dazu führt, dass die ursprüngliche Verehrung von Ahnengeistern und Tiergeistern durch einen ausgeprägten Sonnen- und Gestirnkult ergänzt wird (Stonehenge, Planeten identifiziert mit Göttern).
Erde und Himmel bilden eine Polarität, wobei die Erde als weiblich, der Himmel als männlich gesehen wird. Die Erde ist ambivalent, einerseits die große Mutter, andererseits die große Verschlingerin:
Denn im zyklischen Vegetationskreislauf steht ihrem Leben gebenden Aspekt gleichwertig eine zum Tode führende Kraft gegenüber. Als Magna Mater war sie Mutter des Lebens und des Todes. Andere weibliche Gottheiten, wie sie heute noch in Indien als Anba, Durga, Kali oder Shakti verehrt werden, wurden als Personifikation der Ur-Energie verstanden, die das Leben rhythmisch entstehen und vergehen lässt. (Mahlstedt, S. 56).
Der Himmel verkörpert hingegen Ordnung und Zeugungskraft, sein Regen wird daher als Samen verstanden, der die Erdmutter schwängert und befruchtet. Der tägliche Sonnenuntergang sowie die kürzere Sonnenscheindauer im Winter werden als zyklischer Tod des Sonnengottes, als Unterweltsfahrt oder als Wechsel von Sommer- und Wintergott verstanden. Symboltier des männlichen Himmelsgottes ist hauptsächlich der Stier, seine Paarung mit der Erdgöttin wird alljährlich vom König, Stammesfürst, Clanchef und der Hohepriesterin (oder Königin) stellvertretend vollzogen; die Legitimität des männlichen Anführers bedarf anfangs der Bestätigung durch die Göttin und ihre Priesterinnen.
So bewegt sich das Leben in einem ewigen Kreislauf von Leben und Sterben; das Leben läuft auf den Tod zu, während sich im Tod schon wieder kommendes Leben ankündigt. Für den Menschen der Jungsteinzeit
war der Tod das Geheimnisvollste, weil nur er das Leben wiederkehren lassen konnte… Der Tod ist im Neolithikum die geheimnisvollste und mächtigste Kraft des Daseins. Er ist der geheimnisvollste Magier, da er den Tod in Leben zu verwandeln vermag. Es ist dieser Gedanke – nämlich die existentielle Bedeutung des Todes für die Erhaltung und Weitergabe des Lebens – der den Archäologen und Religionswissenschaftlern bislang entgangen ist… man hat sich nicht vorstellen können, dass man den Tod als schöpferische Kraft erfuhr. (62 - 63)
Ausdruck solcher Vorstellungen sind die zahlreichen Mythen, in denen die Entstehung der Welt aus der Tötung und Zerstückelung eines Ur-Wesens erklärt wird oder das Opfer eines jungen Lieblings der Göttin notwendig ist, um die Fruchtbarkeit der Erde zu sichern. So wird der Himmel etwa als steinerne Kuppel gedacht, die von einem Helden mit einem Hammer, einer Axt oder einem Vajra (Indra in Indien) zerschlagen wird. Der Stein erscheint geradezu als Manifestation von Schöpferkraft, was sich in zahllosen Steinkulten ausdrück, die auf der ganzen Erde verbreitet sind. Die Geburt des Mithras aus einem Stein ist ein später Widerhall solcher Vorstellungen.
Voraussetzung für neues Leben ist der Tod eines (anfänglich sicherlich freiwilligen) Opfers: die Zerteilung von Kornpuppen, deren Stücke über die Felder verstreut werden, sind ein schwacher Rest solcher ursprünglichen Menschenopfer. Der Mythos von Osiris und Seth spiegelt keinen Mord wieder, sondern ein Kultopfer, das Fruchtbarkeit erzeugt (aus Osiris’ Leib wachsen Pflanzen) – woraus übrigens auch folgt, dass Gott Seth in diesem Mythos nicht einfach nur der „Böse“ sein kann. „Die Zerstückelung eines Urzeitwesens und das daraus Hervorgehen von Kulturpflanzen und Tier ist ein weltweites Mythologem.“ (S. 72). Der Opfertod wird als Hochzeit mit dem Gott oder der Göttin gefeiert, das Opfer wird selbst vergöttlicht und als Bote zu den Göttern geschickt. Teilweise scheinen die Opfer auch lebendig begraben worden zu sein, was man noch aus einer Koranstelle herauslesen kann (Sure 81,7 - 10), die einen vorislamischen Brauch verurteilt.
Das Jenseits ist für den Menschen der Jungsteinzeit kein Ort des Schreckens und auch kein statischer „Himmel“, sondern ein Ort der Wandlung und Entstehung: „Die neolithische Jenseitswelt hatte überhaupt nichts Furchtbares. Es war eine geheimnisvolle, kraftvolle Landschaft, eine entlegene Gegend, in der Einsamkeit, Leere und Kargheit sichtbar wurden. In den Mythen ist sie oft durch Tore, Türen oder Mauern von der Lebenswelt der Menschen getrennt.“15 Beispiele sind die Insel Tirnanog oder das Gebirgsland Maschu im Gilgamesch-Epos. Dieses Jenseits konnte in schamanischen Jenseitsreisen rituell besucht werden, Kultorte und Gräber waren Zugangspforten zur Unterwelt (so noch bei Vergil im sechsten Gesang der Äneis).
Dieses Weltbild kreist um die Gestalt der Göttin, die als Erdgöttin die beiden scheinbar widersprüchlichen Aspekte von Fruchtbarkeit und Vernichtung verkörpert. Nun gibt es in der Steinzeit, wie wir aus den Grabungsfunden wissen, zwei Arten von Göttinnen: zum einen ausgesproche üppige, ausladende Göttinnen, die auf Sitzen thronen und von Löwen begleitet sind, zum anderen dürre, starre Gestalten, die aufrecht stehend die Arme vor der Brust verschränken. Gimbutas deutete letztere als Verkörperung des Mangels und der Angst vor Dürre, Tod usw. Mahlstedt widerspricht und deutet diese „starren Nackten“ als Ausdruck für die Kraft des schöpferischen Todes“16 , die vielmehr die Fähigkeit zur Regeneration verkörpern. Die beiden Göttinnen-Typen würden also die beiden Aspekte der Erd-Göttin verkörpern: in zyklischem Wechsel Mutter und Mörderin zu sein.
Erde, Unterwelt, Geisterwelt
Hekate ist sicherlich eine Nachfahrin dieser steinzeitlichen „starren nackten“ Göttin. Allerdings hat sich ihre Erscheinung im Laufe der Geschichte zweifellos an die Gegebenheiten angepasst; wir müssen insbesondere berücksichtigen, dass ursprünglich matrizentrische Vorstellungen in einen patriarchalen Kontext eingepasst wurden, was dazu führen kann, dass ursprünglich positive Eigenschaften negativ gewertet werden oder ursprünglich sinnvolle Symbole später nicht mehr richtig verstanden oder missdeutet werden. Wenn wir versuchen, Hekates Wesen provisorisch zu umreißen, ergibt sich ungefähr folgendes Bild:
Hekate ist ein Aspekt der großen Erdgöttin. Die Erde steht für alles, was Form und Materie ist; da die weibliche Kraft im Universum die Gestaltgeberin ist, die die ursprünglich ungebundene Energie in eine Form bringt. Die Erde ist auch das Reich der Toten und der Ort der Wiedergeburt: Wenn etwas stirbt, existiert eine subtile Form des Lebewesens weiter, die in die „Unterwelt“ geht und dort aufgesucht oder beschworen werden werden kann. Schon zu Lebzeiten kann sich der subtile Körper von dem grobstofflichen Fleischkörper trennen und im Traum oder in Trance umherwandern; solche Schattenkörper können durchaus Schaden anrichten, weshalb man in der Antike großen Wert darauf legte, sich vor den Seelen der Verstorbenen zu schützen. Der Ort dieser Schattenwelt wird allgemein unter der Erde gedacht. Die Göttin, die diesem Unterweltbereich vorsteht, ist ein Aspekt der Erdgöttin, aber ein eher verborgener, unheimlicher Aspekt, der nicht direkt greifbar ist und das Zwischenreich des Traums, des Todes, des Okkulten, der Hexerei und Magie beherrscht. Dieser Zwischenbereich wird mit der „schwarzen“ Sonne in Verbindung gebracht, die nachts unter der Erde von Westen nach Osten wandert, später wird dieses Reich in den Mond verlegt.
Sehr treffend resümiert der französische Archäologe Alfred Laumonier 1958 in seiner Studie über die einheimischen Kulte im antiken Karien, der Heimat der Hekate:
Der weibliche Aspekt der Gottheit ist die Materie, die Welt der Formen, aber diese lebende Materie ist bald die sichtbare und berührbare physikalische Materie, Pflanzen, Tiere, Menschen (Demeter, Artemis, Aphrodite), bald die subtile psychische und „strahlende“ Materie (Hekate), bald die geistige Materie (Athene). Und jede der Gottheiten Griechenlands, die ursprünglich die Komplexität eben dieser eminent plastischen Materie wiedergab, hat sich nach und nach auf einen Aspekt dieser gewaltigen Weiblichkeit spezialisiert, die die Hindus insgesamt Maya nannten. (…) Hekate ist die Göttin der untersten unsichtbaren Welt – der Welt der Entkörperten, der gespenstischen Gestalten, der Larven, der unbegrabenen Toten, deren Ausgang und Aktivität die Nacht begünstigt. Aber diese Welt ist auch die sublunare Welt, die „astrale“ Welt des Okkultisten, die Welt des Fegefeuers, in der die schwarze Magie gern arbeitet, die Hexerei. Wie alle Göttinnen ist sie ursprünglich eine chthonische Göttin, weil die Erde die Mutter aller unsichtbaren Formen ist, sie, die auf der Erde durch ihre kondensierende Kraft, durch ihre Passivität, die männlich-aktive, aber sublimierende Kraft der Sonne ausgleicht.17
Das Material: die antike Literatur
Für eine ernsthafte Beschäftigung mit Hekate ist es notwendig, sich zunächst mit den antiken Quellentexten zu beschäftigen. Hierzu stellt uns die Altertumswissenschaft eine Menge an Material zur Verfügung, das durch allerlei Nachschlagewerke hervorragend erschlossen ist (und von der gängigen esoterischen Literatur aber offensichtlich weitgehend ignoriert wird). Günstig ist auch, dass sich in den letzten Jahrzehnten in der Altertumswissenschaft ein verstärktes Interesse für die magischen und irrationalen Aspekte der antiken Religion bemerkbar macht, „auch unter dem Einfluß eines gesamtkulturellen Interesses an Esoterik, das sich am aufklärungsmüden Ende des (20.) Jahrhunderts breitgemacht hat“18 . Karl Preisendanz, der erste Herausgeber der antiken Zauberpapyri, berichtet hingegen davon, wie sein Lehrer Albert Dieterich 1905 in Heidelberg ein Seminar über antike Magie im Vorlesungsverzeichnis noch mit einem harmlosen Titel tarnen musste, um nicht „unseriös“ zu erscheinen. Der starre Gegensatz zwischen dem „wüsten Aberglauben der Zauberpapyri“ (Wilamowitz-Moellendorf) und der „echten“ Religion der olympischen Götter, den J. G. Frazer („The Golden Bough“) Ende des 19. Jahrhunderts zum Dogma erhoben hatte, spielt heute keine Rolle mehr. Inzwischen hat die Altertumswissenschaft selbstkritisch aufgearbeit, wie stark solche Anschauungen vom Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts (der Magie als unvollkommene Vorstufe von monotheistischer Religion und Wissenschaft sah) und von der christlichen Prägung der Forscher abhingen. Die Debatte über die Funktion und den Stellenwert von Magie, die im 20. Jahrhundert in der Ethnologie geführt wurde (Malinowski, Tylor, Mauss, Evans-Pritchard), brachte auch die Altertumswissenschaftler seit den sechziger Jahren dazu, zunehmend neue Wege zu gehen. Forscher wie E. R. Dodds, Walter Burkert, Volkert Haas, Georg Luck, Fritz Graf und Sarah Johnston haben seit den sechziger Jahren das Feld der antiken Mythologie, Religion und Magie neu vermessen. Da Hekate nun einmal die Göttin der Hexen und Zauberer ist, rückt auch sie zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses. Auf der anderen Seite hat die feministische Forschung ein ganz neues Interesse an den Göttinnen erzeugt und einige interessante Erkenntnisse gewonnen, auch wenn Forscherinnen wie Marija Gimbutas oder Gerda Lerner im akademischen Milieu nach wie vor ausgegrenzt werden.
Mein Interesse an dem Thema ist aber kein rein wissenschaftliches. Neben altertumswissenschaftlicher Fachliteratur und antiken Quellen zitiere ich daher auch feministische Literatur „unseriöse“ Autoren aus dem Schattenreich des westlichen Okkultismus (etwa den vielgeschmähten Aleister Crowley), soweit ich das Gefühl habe, dass sie Aspekte beleuchten, die bloße Philologie nicht abdecken kann. Außerdem versucht der zweite Teil dieser Studie, die Gegenwärtigkeit der Göttin aufzuzeigen.
Ich konnte auch nicht davon absehen, dass ich zehn Jahre in einer tibetisch-buddhistischen Tradition verbracht habe und mit dem buddhistischen Tantrismus in Berührung kam, wobei sich mir immer mehr die Frage stellte, ob es das, was im Osten „Tantra“ heißt, nicht auch einmal im Westen gegeben hat und heute wieder geben könnte. Die verborgenen, lange verschüttet gebliebenen Spuren des westlichen Tantrismus ein Stück weit freizulegen und zu der überfälligen Renaissance des Heidentums in Europa meinen bescheidenen Beitrag zu leisten, ist deswegen ebenfalls Ziel dieser Arbeit.
Es steht folglich zu befürchten, dass mein Text heillos zwischen Altertumswissenschaft, Buddhismus und Okkultismus, Tantra, Magie und Altertumswissenschaft oszilliert, und ich selber zwischen allen Stühlen sitze. Aber wer sich im Dämmerlicht des Übergangs auf der Kreuzung zwischen den Wegen herumtreibt, hat vielleicht eine Chance, der Enodia, der Wegegöttin, zu begegnen.
1 Ludwig Klages, Der Geist als Widersacher der Seele, 1932, S. 1316
2 Ludwig Klages, Der Geist als Widersacher, Bd. 3/II, S. 1317.
3 Herbert J. Rose: Griechische Mythologie. Ein Handbuch. München: C. H. Beck 2003, S. 1 - 12.
4 C. G. Jung: Gesammelte Werke, Band XIII, Olten 1978, S. 20 f.
5 Jung: GW XIII, S. 43.
6 Jung, GW XIII, S. 44.
7 Jung, GW XIII, S. 45.
8 Jung, GW XIII, S. 48.
9 C. G. Jung: Über die Energetik der Seele (1928). In: GW, Bd. 8, S. 60.
10 Jutta Voss: Das Schwarzmond-Tabu. Stuttgart 1990, S. 59
11 Ralph Metzner: Der Brunnen der Erinnerung. Von den mythologischen Wurzeln unserer Kultur. Braunschweig 1994, S. 166 - 168.
12 Eine eindrückliche Vision der Todesgöttin findet sich auch in Regine Leisners Roman „Unter dem Rabenmond“ (2008).
13 Dank an Regine Leisner für die Zusammenstellung der Korrespondenzen. Auch Erich Neumann geht in seinem klassischen Werk „Die große Mutter“ von vier Aspekten der Göttin aus. In der neueren feministisch-esoterischen Literatur ist in letzter Zeit ebenfalls eine gewisse Tendenz spürbar, von vier Gesichtern der Göttin zu sprechen, vgl. etwa Elizabeth Davis/Carol Leonard: Im Kreis des Lebens, Engerda 2005.
14 Marija Gimbutas: Die Sprache der Göttin. 4. Aufl., Frankfurt 1998, S. 198.
15 Mahlstedt, S. 77.
16 Mahlstedt, S. 92.
17 Alfred Laumonier: Les cultes indigènes en Carie. Paris 1958, S. 414 f. Meine Übersetzung.
18 Fritz Graf: Gottesnähe und Schadenszauber. München 1996, S. 15.
Teil I
Hekate in archaischer Zeit

Hekate ist geheimnisvoll und unter den antiken Göttinnen eine der vielgestaltigsten (polymorphos). Die Forschung hat sie lange vernachlässigt, da sie in Kunst und Mythos der Antike weniger augenfällig ist als andere Gottheiten. Hinzu kam, dass sie als unheimliche Göttin der Verstorbenen und der Hexerei alle denkbaren Vorurteile gegen „Okkultismus“, Magie und Aberglauben aktiviert. Mit der spätantiken Überlieferung der Zauberhandschriften, Verfluchungstäfelchen und neuplatonischen Theurgie, in denen unsere Göttin eine überragende Stellung erlangt, mochte man sich in der Altertumswissenschaft lange nicht gern beschäftigen, da diese Epoche als dekadente Verfallszeit nicht hoch im Kurs stand. Man überließ diese Zeit, die ja gleichzeitig die Frühzeit des Christentums ist, lieber den Theologen, von denen man keinen unvoreingenommenen Blick auf das antike Heidentum erwarten konnte.
In den letzten Jahrzehnten hat sich jedoch einiges getan. Es sind einige akademische Arbeiten erschienen, die ein differenzierteres Bild der Göttin gezeichnet haben. Hervorzuheben sind die kunstgeschichtliche Monographie von Theodor Kraus (1960), Sarah Johnstons Studie über Hekate und die chaldäischen Orakel (1990), Stephen Ronans Textsammlung von 1992, von Rudloffs Studie (1999), Bergs kommentierte Ausgabe der Proklos-Hymnen (1999), die Wiener Magisterarbeit von Karin Zeleny (1999) und die Monographien von Wolfgang Fauth (2006) und Nina Werth (2007). Gemeinsam ist diesen Arbeiten, dass sie das herkömmliche Bild der „bösen“ und „dämonischen“ Hekate revidiert haben und stattdessen das Bild einer bipolaren, vermittelnden Wesenheit zeichnen, die Übergänge herstellt und beherrscht: „Sie ist keine ihrem Wesen nach dämonische Gottheit, sondern eine der Grenzbereiche, die damit befasst ist, ihren Verehrer durch gefährliche und unsichere Gebiete des Niemandslandes jenseits des Gewissen und Bekannten zu führen, wie Geburt und Tod und, auf der physikalischen Ebene, Kreuzwege und Türen.“1
Hekates Entwicklung in der Antike lässt sich in drei Phasen gliedern: eine vorklassische, eine klassisch-hellenistische und eine chäldäisch-neuplatonische ab dem 2. Jahrhundert nach Christus. In der ersten Phase ist sie eine kleinasiatische Spielart der Magna Mater (Mêter), die nach und nach in das Pantheon der Griechen integriert wird. Sie trägt ursprünglich eher erdhafte und solare Züge, ihre unheimliche Seite tritt in den ältesten Texten nicht offen zutage. In der Zeit der Klassik und des Hellenismus, also etwa ab dem 5. und 4. Jahrhundert v. Z., steigt sie zur Göttin der Geister, der Magie und der Nacht auf und wird zunehmend mit Artemis-Diana und der Mondgöttin Selene gleichgesetzt. In der dritten Phase, die ab dem 2./3. Jahrhundert nach Chr. anzusetzen ist, wird Hekate bei den Neuplatonikern zur „Göttin Natur“, zur Verkörperung der Weltseele oder des höchsten weiblichen Prinzips, während sie nach wie vor die Göttin der Magie bleibt und als solche eine bedeutende Rolle in der neuplatonischen Theurgie spielt.
Wie sich das Bild der Göttin über tausend Jahre in der Antike entwickelt hat, will ich im Folgenden aufzeigen. Dabei gehe ich von der Prämisse aus, dass die Göttin in den einzelnen Epochen auf durchaus unterschiedliche Art und Weise erschienen ist, aber im Grunde immer dieselbe blieb. Sie ist die „Vielnamige“ und „Vielgestaltige“ (Polymorphos) mit den tausend Gesichtern und tausend Namen (Isis myriônymos), die sich doch immer gleich bleibt.
Herkunft und Erscheinung
Die Göttin kommt aus dem Osten.2 Ihr Heimatland ist das kleinasiatische Karien, das südlich des Großen Mäanders liegt und ihm Süden an das Ägäische Meer angrenzt. Ins Landesinnere erstreckt sich der Taurus, die Küste ist von vielen tiefen Meeresarmen eingeschnitten. Vor der Küste liegen die Inseln Samos, Rhodos und Kos, bekannte griechische Städte an der Küste waren Milet, Halikarnassos und Knidos. Das benachbarte Phrygien, zu dem auch Troja gehört, ist die Heimat der in orgiastischen Riten gefeierten Muttergottheit Kybele, die seit dem zweiten punischen Krieg auch in Rom von Staats wegen verehrt wurde.
Hekate stammt also aus Kleinasien und ist mit der Magna Mater (meter) verwandt, deren Kult in Anatolien seit der Steinzeit blühte. Ursprünglich hatte sie einen Partner-Gott, der den Namen Hekatos trug. Diese männliche Gottheit wurde schon bald von dem ebenfalls kleinasiatischen Apollon assimiliert, so dass „Hekatos“ zu einem Beinamen des Apollon wurde. Dadurch wurde auch Hekate in die Nähe Apollons gerückt und konnte mit dessen Schwester Artemis (Diana) identifiziert werden, was in der Spätantike auch häufig geschah. Dennoch konnte sich Hekate immer auch als eigenständige Gottheit behaupten und sich über Karien, Thrakien und Thessalien sogar bis nach Athen ausbreiten. Mit Apollon gemeinsam hat sie die Funktion als Hüter der Tore und das Glänzende ihrer Erscheinung, das sich in Beinamen wie epiphanês, epiphanestátê (Leuchtende), megistê (Große) und sôteira (Retterin) ausdrückt.
Bevor wir aber näher auf die frühen griechischen Belege für den Hekate-Kult eingehen, wollen wir ihrer orientalischen Herkunft noch etwas weiter nachgehen. Die kleinasiatische Herkunft der Göttin legt nahe, ähnlich wie bei Aphrodite nach Beziehungen zur hurritischen, hethitischen, mesopotamischen und phönizischen Götterwelt zu forschen.3
Die Bücher des Berliner Hethitologen Volkert Haas liefern hierzu ergiebiges Material.4 Ein erster Hinweis ist die Tatsache, dass es in der hethitischen Kultur eine wichtige Göttin mit dem Namen „Hepat“ (Hebat, Hepit, Khepan) gab, deren Name verdächtig ähnlich klingt. Stutzig macht auch, dass in den spätantiken chaldäischen Orakeln Hekate mit dem syrischen Wettergott Hadad verbunden wird, dessen Partnerin eigentlich die Sonnengöttin Atargatis war. Das Symboltier der Atargatis (und der Hepat!) war der Löwe, der der Hekate allerdings selten zugewiesen wird, jedoch werden beide Göttinnen als „Drachenfrauen“ mit schlangen- oder fischförmigem Unterleib dargestellt und tragen einen leuchtenden Kopfschmuck (polos, seit der Steinzeit ein häufiges Attribut der Erdgöttin).5 Das verbreitete alte Motiv der Göttin als „Herrin der Tiere“ mit zwei Löwen, das wir vor allem von Kybele-Darstellungen her kennen, taucht übrigens auch in der etruskischen Kunst auf, so auf dem Antefix im Kampanischen Provinzmuseum von Capua, das aus dem 6. Jahrhundert v. Z. stammt.6
Hekate scheint, wie aus ihren Attributen erschlossen werden kann, in ihrer frühesten Form eine Erd- und Sonnengöttin gewesen zu sein, und keinesfalls eine Mondgöttin, wie schon der englische Altphilologe Herbert J. Rose 1928 urteilt:
Eine Göttin, die wie Hekate ursprünglich eine Fruchtbarkeitsgöttin war und von der man glaubte, dass sie nachts erscheine, musste früher oder später mit dem Mond in Verbindung gebracht werden. Es wird nicht selten angenommen, dass die drei Gesichter ihrer Kultbilder für ihre drei Erscheinungen stehen, als Selene am Himmel, als Artemis auf der Erde, als Hekate in der Unterwelt. Aber da unsere früheste Quelle weder etwas von ihrer Beziehung zum Mond noch zu den unterirdischen Regionen weiß und es keinen Hinweis dafür gibt, dass Hekate und Artemis ein und dieselbe waren, sie vielmehr deutlich unterschieden sind, haben wir weder das Recht, anzunehmen, dass Hekate ursprünglich Artemis, noch, dass sie eine Mondgöttin war.7
Auch Robert von Rudloff weist in seiner Studie „Hecate in Ancient Greek Religion“ (1999) schlüssig nach, dass Hekate ursprünglich keine Mondgöttin gewesen sein kann.
Doch wie kann eine Erd- gleichzeitig Sonnengöttin sein? Die Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand, wenn man sich einmal in die Weltanschauung eines archaischen Menschen hineinversetzt: Indem die Erde als Erzeugerin der Sonne gedacht wird, die jeden Abend die Sonne wieder in sich aufnimmt und sie am Morgen neu gebiert. Nach antiker, geozentrischer Vorstellung versinkt die Sonne nämlich abends im Westen und reist während der Nacht unterirdisch in den Osten zurück, um dort ihren Lauf von neuem zu beginnen. Die „Sonne um Mitternacht“ (Apuleius, Met. XI) wäre also die Sonne unter der Erde, die in der Nacht gen Westen geführt wird – und zwar von der großen Erdgöttin, die anfänglich auch eins mit dem Himmel gewesen ist, und erst später vom Himmel getrennt wurde, der dann mit männlichen Gottheiten besetzt wurde. Dabei wurde der Himmel (Uranos) mit der Sonne und dem Symboltier Stier assoziiert, während die Erde (Gaia) mit der unterirdischen Sonne und der Nacht verbunden wurde und das Symboltier Löwe erhielt. Da die Göttin aber nach wie vor der Ursprung von allem war, war sie natürlich auch nach wie vor die große Lichtbringerin, wie es auch die ägyptische Hathor, die keltische Brigid oder die Sternengöttin Nut (Nu, Nuit) sind.
Auch die Ekliptik, d. h. der jährliche Weg der Sonne um die Erde, führt die Sonne im Winterhalbjahr scheinbar unter die Erde. Im ptolemäischen System wird die Entstehung der Jahreszeiten dadurch erklärt, dass die Sonne sich auf ihre Bahn ab März über den Himmelsäquator erhebt und im Juni ihren höchsten Stand erreicht. Im September ist wieder auf die Höhe des Himmelsäquators zurückgekehrt und taucht nun scheinbar nach Süden unter die Erde, wobei sie im Dezember den Tiefststand erreicht und erst im März wieder auf der Höhe des Himmelsäquators ankommt. Die Ekliptik war für die Alten sehr wichtig, da sie Sommer und Winter zu machen schien und wurde nach den dahinterliegenden zwölf Sternbildern eingeteilt, die den Zodiacus von Widder, Stier, Zwillinge usw. bilden. Zusammen mit ihrer täglichen Drehung um die Erde ergibt sich im geozentrischen System ein Spirallauf der Sonne um die Erde, die Sonne beschreibt jeden Tag einen vollen Kreis um die Erde, setzt dabei aber in jedem Halbjahr jeweils ein klein wenig höher bzw. tiefer an.8
Hekate ist unserer Meinung nach also ursprünglich die Göttin der unterirdischen, nächtlichen Sonne. Diese These lässt sich mit Hilfe der hethitischen Überlieferung stützen, der wir uns nun zuwenden wollen.
Kleinasiatische Sonnengöttinnen
Sonnengöttin von Arinna, meine Herrin, aller Länder Königin! Im Hatti-Lande gabst du dir den Namen Sonnengöttin von Arinna, in dem Lande aber, das du zu dem der Zeder machtest, gabst du dir den Namen Hepat!
Die hethitische Königin Puduhepa, um 1250 v. Chr.
Hierzu müssen wir uns etwas näher mit der kleinasiatischen Erdgöttin beschäftigen, die seit dem Neolithikum in Anatolien nachweisbar ist. Die ältesten Funde (Catal-Hüyük und Hacilar) stammen aus dem 7. Jahrtausend v. Z. und zeigen eine Göttin, die thronend, säugend, gebärend oder in sexueller Vereinigung mit einer männlichen Gottheit dargestellt ist. Ob wir diese Kulturen wirklich als „matriarchal“ oder „matrizentrisch“ bezeichnen können, mag zweifelhaft erscheinen, doch können wir sicherlich davon ausgehen, dass die Frauen in diesen frühen Gesellschaften eine relativ starke Stellung hatte und dass die Göttin in dieser Phase als die eine allumfassende Macht gesehen wurde, die Himmel und Erde, Ober- und Unterwelt umfasste, Leben gab und Leben nahm.
Diese machtvolle Erdgöttin, die zugleich auch „Herrin des Himmels“ (sumerisch: GAŠAN-AN-NA) ist, spaltet sich in verschiedene Hypostasen auf, die verschiedene Funktionen erfüllen. Aus dem „negativen Elementcharakter der Erde“9 (wie Haas sich ausdrückt) gehen ambivalente Todes- und Unterweltsgöttinnen wie Ereškigal, Allatum, Allani und Lelwani hervor. Während Allani durchaus jung und verführerisch sein kann, sind die greisenhaften Schicksalsgöttinnen, die bei den Hethitern dann Istušaya-Papaya heißen, unberechenbar und gefährlich. Auch die Großmuttergöttinnen Hannahanna und Am(m)am(m)a, die mit Schicksal und Geburt zu tun haben, sind bedrohlich. Sie werden in hethitischen Texten als DINGIR.MAH.mes („mächtige Göttinnen“) bezeichnet und sitzen wie die Nornen und Parzen am Ufer des Schwarzen Meeres, wo sie mit ihren Spinnröcken und Spindeln die Lebensjahre des Königs spinnen.10
Ab dem 4. Jahrtausend gelingt es den Männern, die Frauen immer stärker von sich abhängig zu machen, und parallel dazu die ersten großen Staaten aufzubauen. Neben die großen Göttinnen treten zunehmend männliche Sturm- und Himmelsgötter, die sich mit der Göttin in der „heiligen Hochzeit“ verbinden, und als deren menschliche Ebenbilder sich die Herrscher der neuen Großreiche sehen. Das Symboltier der Göttin ist der Löwe (Kybele, Ischtar, Atargatis, Hepat), das des Gottes ist der Stier. In einem langwierigen Prozess, der sich vom 4. bis zum 1. Jahrtausend v. Z. hinzieht, bildet sich dann die eigentliche patriarchale Gesellschaft heraus:
Obwohl die Herausbildung der archaischen Staaten (...) deutliche Veränderungen in den Machtbeziehungen zwischen Männern und zwischen Männern und Frauen mit sich brachte, gab es keinen Hinweis auf einen „Umsturz“. Die Periode der „Durchsetzung des Patriarchats“ war nicht „ein Ereignis“, sondern ein Prozess, der sich in einem Zeitraum von etwa 2500 Jahren, ungefähr von 3100 bis 600 v. Chr. vollzogen hat.11
Das zentrale Ritual in dieser Zeit ist die „heilige Hochzeit“. Sie beruht auf dem Glauben, dass die Fruchtbarkeit von Land, Vieh und Mensch abhängig sei von der Zelebrierung der sexuellen Kraft der Fruchtbarkeitsgöttin. Dabei vereinte sich die Göttin (z. B. Inanna in Uruk) mit dem Hohepriester, der den Gott repräsentierte, oder mit dem König. Die jährliche Wiederholung dieser mythischen Vereinigung war eine öffentliche Zeremonie, die für das Wohl der Gemeinschaft von größter Bedeutung war. In einigen Ritualen gingen der Hochzeit der Tod und die Auferstehung des Gottes (Dumuzi, Adonis, Attis) voraus:
Die Entthronung der mächtigen Göttinnen und ihre Ablösung durch einen dominanten männlichen Gott vollzieht sich in den meisten Gesellschaften des Vorderen Orients nach dem Errichten eines starken und imperialistischen Königtums. Zunehmend wird die Funktion der Kontrolle der Fruchtbarkeit, die zuvor ganz den Göttinnen oblag, dargestellt durch die symbolische oder tatsächliche Vermählung des männlichen Gottes oder Gottkönigs mit der Göttin oder ihrer Priesterin. Schließlich werden Sexualität und Fruchtbarkeit voneinander getrennt und durch das Erscheinen von entsprechenden Göttinnen für jede dieser Funktionen symbolisiert, wobei die Muttergöttin zur Gemahlin/Gefährtin des obersten männlichen Gottes wird.12
Als die indogermanischen Luwier, Palaer und Hethiter ab 2000 v. Z. nach Kleinasien einwanderten, fanden sie die einheimische bronzezeitliche Kultur der Hattier vor, die bereits eine recht hohe Kulturstufe erreicht hatte und eine Große Göttin unter verschiedenen Namen verehrte. Die Hethiter hingegen verehrten vor allem den Himmels- und Lichtgott Sius (von idg. *Dieus), der mit dem griechischen Zeus verwandt ist. Dieser Wettergott, der hurritisch Tessub (Teššob, „hoch, herrlich“) bzw. hethitisch Tarhunt hieß, sah sich nun mit der machtvollen hattischen Erd-, Unterwelts- und Sonnengöttin konfrontiert, die Namen wie Estan, Wurunsemu, Šawoška oder Hepat trug:
Ihr hattischer Name Wurunsemu enthält das hattische Wort /wur/ „Erde“; hurritisch heißt sie Allani, gebildet aus allai „Herrin“. In ihrer Eigenschaft als Unterweltsgöttin führt sie den noch ungedeuteten Namen Lelwani oder die sumerische Bezeichnung Ereškigal „Herrin der großen Erde“. Als Mutter- und Schicksalsgöttin heißt sie auch Hannahanna, eine Reduplikation von hann- „Großmutter“. Inara ist ihr hattischer Name, wenn man die Schutzgöttin des Hatti-Landes meint. Zumeist aber verehrt man sie unter dem Namen „Sonnengöttin von Arinna“. Arinna ist wie Nerik, Zippalanda oder Kastama eine alte hattische Kultstadt. In Beschwörungsritualen, aber auch gelegentlich sonst, ruft man sie als Sonnengöttin der Erde an. Sicher bezieht sich dieser Aspekt einer Sonnengöttin der Erde auf die Vorstellung der des Nachts in der Unterwelt weilenden Sonne, die des Morgens als „Sonnengottheit des Wassers“ von der Unterwelt, die tief unterhalb des Meeres gedacht ist, aus den Wassern emporsteigt. Nun ist die Sonne in der hattischen Religion nicht wie bei den Hethitern oder Babyloniern männlich, sondern weiblich. In einem althethitischen Text ist sie noch mit dem Attribut „Tochter“ versehen: „Und die Frau Erde und die Tochter Sonne“.13
Als Sonnengöttin trug sie den Namen Estan (später Arinna und Hepat) und war die Herrin des Landes, das sie dem König in ihrer Funktion als „Throngöttin“ übertrug. Die Legitimität des Königs hing von dieser Bestätigung ab. Nicht zufällig versuchten später illegitime Könige, die die Macht an sich gerissen hatten, die matrilineare Sukzession abzuschaffen. Die Stellung der Königin, die gleichzeitig Hohepriesterin war, blieb bis weit ins 2. Jahrtausend hinein sehr stark. Die späteren Könige übernahmen dann sogar den Titel „meine Sonnengottheit“ für sich selbst.14
In Kilikien entsteht um 1500 v. Z. das hurritische Königreich Kizzuwatna, das „Land der Zauberpriesterinnen“15, das seine Unabhängigkeit von den Hethitern lange behaupten kann. In ihm wird eine Göttertrias verehrt, die aus dem Gott Tessub, der Göttin Hepat und ihrem Sohn Sarruma besteht (ähnlich der Dreiheit Osiris, Isis, Horus). Hepat, die zunächst vor allem in Nordsyrien und Südanatolien verehrt wird, ist auch mit den Namensformen DHA-A-BA-DU (Ebla), hba-eni („Mutter Heba“, Lykien) und Hipta (orphisch als Mutter des Dionysos) bezeugt.16 Kizzuwatna ist ein „Sammelbecken religiöser und magischer Überlieferungen, die manchmal bis in die hellenistische Epoche weitergereicht worden sind“17. Die Macht der Frauen ist bis 1200 v. Chr., als das Hethiterreich im Ansturm der Seevölker zusammenbricht, in ganz Kleinasien politisch und religiös noch sehr stark. Immer wieder klagen hethitische Könige darüber, dass ihre Frauen oder weiblichen Verwandten mithilfe von „Zauberweibern“ und schwarzer Magie gegen sie intrigieren. So beschuldigt König Mursili II. (1345 - 1315) die alte Königin, sie habe seine Frau von der Hexe Mezulla töten lassen und trachte auch ihm selbst und seinen Kindern nach dem Leben. Offensichtlich handelt es sich dabei um einen Machtkampf zwischen dem König, der das Prinzip der männlichen Erbfolge durchsetzten will, und der Königin-Hohepriesterin, die ihre alte Macht verteidigt:
Hier zeigt sich noch deutlich die Macht der alten Königin, die ja höchste priesterliche Würden bekleidete und sich oftmals in innenpolitischer Opposition zum König befand. Dass sich hier einst vorhandene, schon von Hattusili I. unterdrückte politische Rechte Geltung zu verschaffen suchten, steht wohl außer Frage.18
Die hethitische Geschichte liefert also ein besonders gutes Beispiel für den Übergang von einem matrilinearen Königtum mit entsprechender Thronfolge zum patrilinearen Königtum, und wie sich dieser Vorgang in der Mythologie widerspiegelt. Gerda Lerner resümiert:
Die frühe Herrschaftsform bei den Hatti stützte sich auf ein System, demzufolge das Recht der Nachfolge bei der tawananna lag, der Schwester des Fürsten. Das Königshaus der Hatti praktizierte die Geschwisterehe, ähnlich den Regelungen im ägyptischen Königshaus. Ein männlicher Herrscher heiratete seine Schwester, die als tawananna eine Priesterin mit beträchtlicher wirtschaftlicher und politischer Macht war und zum Beispiel das Recht hatte, von den Städten Steuern einzunehmen. Ihr Sohn erbte das Recht auf Thronfolge – nicht weil sein Vater König war, sondern weil das Recht auf die Thronfolge über die tawananna weitergegeben wurde. Das Amt war erblich, so dass die Tochter der tawananna, die ihr Amt erbte, eine ebenso wichtige Machtposition erhielt wie ihr Bruder. Als später die Geschwisterehe verboten wurde, blieb die tawananna in ihrem Amt als Priesterin und behielt die Macht zur Regelung der Nachfolge.19
Dieses System wurde zuerst von König Hattuschili I. in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Z. in Frage gestellt, als er seinen Enkel zum Erben ernannte, was diesen in Konflikt mit seiner Tante brachte. Außerdem schaffte er das Amt der tawananna ab, ernannte sich selbst zum Oberpriester und begann, nach eigenem Gutdünken königliche Prinzessinnen als Priesterinnen der Göttin einzusetzen – ganz nach dem Vorbild von Sumer, in dem ähnliches schon viel früher geschehen war. Hattuschilis Dekret konnte die matrilineare Sukzession jedoch nur vorübergehend unterbrechen. Auch der Versuch von Hattuschilis Schwiegersohn Telipinu, um 1500 v. Z. die männliche Thronfolge erneut durchzusetzen, verlief im Sande. Die matrilineare Tradition bewies ihre Stärke noch gut hundert Jahre später, als König Tuthalija mit seiner Schwester in Streit geriet, da er sie beschuldigte, ihm mit Hexerei nach dem Leben zu trachten. Der Familienstreit wurde durch einen Kompromiss beendet, in dem man sich darauf einigte, dass der Sohn des Königs den Thron bestieg, die Tochter des Königs aber wieder tawananna wurde und das Amt der Priesterin des Sonnengottes (!) übernahm. Das war das letzte Mal in der Geschichte der Hethiter, dass ein Geschwisterpaar sich die weltliche und geistliche Macht teilte. Erst Schuppiluliuma I., der Gründer des „Neuen Reichs“, konnte die patrilineare Erbfolge endgültig durchsetzen, indem er das Amt der tawananna per Dekret seiner Frau übertrug.20 Doch noch König Hattuschili III. hielt es um 1250 v. Z. für angebracht, seine Frau Puduhepa zur Mitregentin zu ernennen und seine Usurpation des Thrones durch die Gunst der Göttin Ischtar zu rechtfertigen.
Dieser politischen Veränderung entsprechen Veränderungen im Götterhimmel. Die hattischen Ureinwohner Kleinasiens hatten eine Sonnengöttin Eschtan und einen Sturmgott Taru verehrt. Die hethitischen Einwanderer hingegen verehrten an der Spitze ihres Pantheons einen Sonnengott (Sius, Sawel) und einen Sturm- und Wettergott (dieus, dyew). Die Hethiter verbanden beides miteinander, machten aus der Sonnengöttin einen männlichen Sonnengott namens Ischtanu, der fortan als „Vater“ und „König“ verehrt wurde. Neben ihm wird die Sonnengöttin Arinna als „Königin“ verehrt, die die Tradition der alten Erd- und Sonnengöttin Eschtan fortsetzt. Noch später wird die Göttin Arinna zu Hepat, die dem Sturmgott Tessub (Teššub), der den Sonnengott Tiwat (luwisch) oder Tiyat (palaisch) entthront hat, als Gemahlin beigegeben wird. Der Würzburger Altorientalist Daniel Schwemer fasst das Ergebnis dieses Prozesses wie folgt zusammen:
Die in der zentralanatolischen Stadt Arinna verehrte Sonnengöttin stand neben ihrem Gemahl, dem Wettergott, an der Spitze des hethitischen Reichspantheons. Ihr hethitischer Name war Istanu; dieser wiederum geht auf den Namen der hattischen Sonnengöttin Estanu zurück. Die Göttin gehörte also bereits zum Pantheon der vor den Hethitern in Zentralanatolien siedelnden Hattier. Die Hethiter unterschieden zwei Sonnengottgestalten: Istanu, die Sonnengöttin der Erde (bzw. Unterwelt), als Nachtgestalt des Gestirns, und den männlichen Sonnengott des Himmels als seine Taggestalt. Im Zuge der Aufnahme hurritisch geprägter nordsyrisch-südanatolischer Vorstellungen in die hethitische Theologie wurde die Sonnengöttin mit der nordsyrischen Hepat identifiziert. Diese steht (...) in der Hauptszene des Felsreliefs von Yazilikaya ihrem Gemahl, dem Wettergott, gegenüber. 21
Halten wir fest, dass es neben einem männlichen Sonnengott im kleinasiatischen Bereich eine „Sonnengöttin der Erde“ Istanu-Hepat gibt, die stark nächtlich-erdhafte Züge trägt und ursprünglich einen männlichen Sonnengott als Partner hat. Volkert Haas fasst zusammen: „In der von den Hethitern übernommenen, autochthonen hattischen Vorstellung ist die Sonne sowohl eine Göttin des Himmels als auch der Unterwelt (…) Die Sonnengöttin der Erde ist die Nachtsonne und unter diesem Aspekt die Herrin der Unterwelt.“22 Dieser chthonische Aspekt der Göttin verkörpert sich in hethitischer Zeit insbesondere in der hattischen Unterweltsgöttin Lelwani, die an der Spitze der im hešta-Haus verehrten unterweltlichen Göttergruppe steht. Typisch für ihren Kult ist u. a. die Verwendung von schwarzen Libationsgefäßen und die Opferung schwarzer Schafe, die anscheinend nicht erstochen, sondern mit einem speziellen Stein erschlagen wurden.23 Ihre Riten erinnern außerdem frappant an die Rituale, mit denen später bei den Griechen Hekate beschworen wird:
Will man sie in ihrem Aspekt als Unterweltsgöttin beschwören, so begibt man sich zu Höhlen oder man gräbt eine Grube, bringt blutige Opfer dar und spricht die Beschwörungen:
[Frühmorgens] begibt sich der Beschwörungspriester nach Nera-Lala und bringt dort dem Wettergott von Nerik ein Schaf als Blutopfer dar. Drei Schafe bringt er der Ereškigal – der Wurunsemu – und den uralten Göttern als Blutopfer dar. Man schlachtet die Schafe in eine Höhle hinab... Und der Beschwörungspriester ruft dreimal in die Höhle hinunter: ‚Herbei, herbei, Dämon der Erde, Dämon der Erde!’ Und dort spricht er fernerhin eine Beschwörung.
Sie öffnet den Unterweltsgöttern das „Tor der Unterwelt“, auf dass sie hervorkommen und das „Böse an Füßen und Händen fesseln“ und es „hinab in die Unterwelt schaffen“. Die Unterweltsgötter nehmen als Figürchen geformt an den Beschwörungshandlungen teil. Die Ritualhandlungen z.B. gegen Behexung werden als prozessuales Geschehen betrachtet: Kläger ist der Behexte, Beklagter der Hexer, Richter aber sind die Unterweltsgötter.24
Das Opfertier dient dabei als Substitut für den Behexten, wobei kein Zweifel besteht, dass in besonders schweren Fällen auch Menschen geopfert wurden, um die erzürnten Götter zu besänftigen.25 In den magischen Ritualen, in denen die Sonnengöttin häufiger erscheint als in anderen Ritualtexten, erscheint sie vor allem „in der Phase, in der es zunächst um die Beseitigung des Bösen, des Übels geht (bevor das Gute/Heile wieder aufgebaut wird)“26.
Wir werden später noch griechische Texte kennen lernen, in denen Hekate in einer Höhle lokalisiert wird, oder in denen das Ausheben einer Grube geschildert wird, in der ihr dann schwarze Schafe geopfert werden. Dass Opfertiere für die Manen und Götter der Unterwelt schwarz sein müssen, erwähnt bereits Homer (Ilias III, 104 - 105; Odyssee X und XI; vgl. auch Arnobius, Adv. Nat. VI, 20); und die vermittelnde Stellung der Hekate wird uns noch in den spätantiken Zaubertexten begegnen.
In diesem kleinasiatischen Umfeld, zwischen Syrien und Phrygien, müssen wir den Ursprung der Göttin Hekate suchen. Meiner Ansicht nach erklären sich viele rätselhafte Züge der Hekate, ihre Unheimlichkeit, ihre Rolle als Hexengöttin, ihre unabhängige Stellung im griechischen Pantheon aus ihrer ursprünglichen Rolle als machtvolle kleinasiatische Sonnen- und Erdgöttin. Hekate verkörpert einen Rest spezifisch weiblicher Macht und Magie, der sich die ganze Antike hindurch behaupten konnte.
Beziehungen zwischen Griechenland und Kleinasien bestanden bereits in mykenischer Zeit, wovon sich noch Spuren in den griechischen Sagen finden, nicht zuletzt in der Sage vom trojanischen Krieg. Dass sich hethitische und mykenische Kultur in der Bronzezeit an der Westküste Asiens überschnitten und durchdrangen, lassen die archäologischen Funde (z. B. in der Umgebung von Ephesos) erkennen. An die Griechen vermittelt wurde Hekate jedoch von dem rätselhaften Volk der Karer.
Die Karer
Als die Griechen im Laufe der ägäischen Völkerwanderung, die um 1250 v. Z. einsetzte, die Karer von ihren ursprünglichen Wohnsitzen in der Ägäis vertrieben, nahmen diese die Landschaft Karien in Besitz und gaben ihr ihren Namen, wobei sie eine ältere Bevölkerung (die Leleger) ins Landesinnere abdrängten:
Von den vielen Angaben über die Carier ist dieß die allgemeinste, dass die Carier von Minos Gesetze erhielten, und damals Leleger hießen, und die Inseln bewohnten. Dann begaben sie sich auf das feste Land und besetzten einen großen Theil der Küste und des innern Landes, den sie den vorigen Besitzern entrissen. Und auch dieß waren größtentheils Leleger und Pelasger; ihnen aber entrissen wiederum die Griechen einen Theil, die Ionier nämlich und die Dorier. Ihre Liebe für das Kriegswesen beurkunden die Handhaben der Schilde, die Wappen und Helmbüsche.27
Ob Leleger und Karer anfangs unterschiedliche Völker waren, ist nicht ganz klar, eine Stelle bei Homer (Ilias 10,42828) und Strabons Kommentar dazu (XIII, 58 f.) legen dies jedoch nahe. Jedenfalls scheinen die Karer, bevor sie selbst von den Griechen ins Landesinnere abgedrängt wurden, ursprünglich selbst über das Meer gekommen zu sein. Nach einer Sage sollen sie von der Insel Samos stammen. Auf Samos wuchs ein uralter Lygos-Baum (Agnus castus, Keuschlamm) der der Hera geweiht war. Unter diesem Baum soll die Göttin die Ureinwohner der Insel geboren haben. Dieser bis zu zwei Meter hohe Strauch mit bläulichvioletten Blumen ist seit jeher eine beliebte Bienenweide. Da die Biene schon bei den Hethitern ein Symboltier der Erdgöttin war, wie wir noch sehen werden, lag es dann nahe, die Pflanze ebenfalls der Göttin zuzuordnen.
Die Karer konnten, obwohl sie zunehmend hellenisiert wurden, doch eine gewisse kulturelle Eigenart bewahren. Um dies zu verstehen, müssen wir zunächst auf die Geographie Kariens eingehen. Karien ist eine Bergregion, die von drei großen Flüssen durchzogen wird, dem Morsynos (heute: Dandala Çay), dem Harpasos (Ahçay) und dem Marsyas (Çine Çay), die in den Mäander (Menderes) münden. Das Bergland fällt zur Küste hin steil ab, die stark zerklüftet ist. Karien erstreckte sich vom Mäander im Norden bis zum Indos in Süden und grenzte an Lydien, Lykien und Phrygien. Die Bergzüge im Norden bestehen aus Gneis, Granit und Glimmerschiefer, während im Süden mesozoisch-alttertiäre Sedimente überwiegen. Die wichtigsten Städte an der Küste waren die ionischen Siedlungen Ephesos, Milet und Halikarnassos, die Heimat des Historikers Herodot. Während die berühmten Seestädte wie Milet und Halikarnassos Handelsverbindungen bis nach Griechenland und Indien hatten, war das Hinterland fast gänzlich von der Landwirtschaft geprägt, die Wein, Oliven, Feigen und Honig erzeugte. Die Kiefern- und Pinienwälder des Latmos-Gebirges lieferten Holz für den Schiffsbau der Küstenstädte. Viele Karer aus dem Landesinneren verdingten sich als Söldner, Seeleute und Handwerker. In der Tat waren die Karer in der Antike allgemein als gute Soldaten und Seefahrer bekannt (auch als Piraten scheinen sie sich betätigt zu haben, s. Herodot 2,152). Karische Söldner werden schon in der Bibel erwähnt (2 Könige 11,4) und standen auch im Dienste der ägyptischen Pharaonen (Herodot 2,152 und 3,11).
Am Südufer des Bafa-Sees (der in der Antike noch nicht vom Meer abgeschnitten war) wurde Marmor abgebaut, der zum Bau der Tempel in Iasos, Milas, Herakleia, Aphrodisias usw. verwendet wurde. Die Siedlungsstruktur im Landesinneren war dörflich geprägt. Die Architektur der Karer, wie sie heute noch in Latmos (oberhalb von Herakleia am Nordufer des Bafa-Sees), Alinda und Labranda erkennbar ist, unterscheidet sich deutlich von der griechischen. Die Bauten wirken klobig und wuchtig, passen sich aber geschickt dem gebirgigen Gelände an und haben eine gewisse herbe Schönheit. Typisch karische Ortsnamen sind oft an der nichtgriechischen Endung auf –anda erkennbar (Labranda, Alabanda, Alinda). Karische Personennamen erkennt man an den Endungen auf –assis, -ollos und –omos. Einige karische Wörter: ala (Pferd), banda (Sieg), gela (König), gissa (Stein), Soua (Grab). Seitdem der Ägyptologe John D. Ray die karische Schrift in den 1980er Jahren entziffern konnte, hat sich herausgestellt, dass Karisch zu den anatolischen Sprachen gerechnet werden muss. 29
Über die Frühgeschichte Kariens ist wenig bekannt, da sie bisher kaum erforscht wurde. Anneliese Peschlow-Bindokat, die in den 1990er Jahren im Latmos-Gebirge steinzeitliche Felsmalereien entdeckte, nimmt aber an, dass es schon im 8. Jahrtausend v. Z. einen Kult des Wettergottes und einer großen Muttergottheit gegeben hat.30 Die Felsmalereien im Latmos stammen ihrer Ansicht nach aus dem 8. - 4. Jahrtausend vor Z. Älteste Spuren einer minoischen Kolonisation an der Küste stammen aus dem 2. Jahrtausend v. Z. „Über die Geschichte Kariens in den ersten Jahrhunderten des 1. Jahrhunderts v.Chr. erfahren wir aus den Quellen nichts.“31 Erst in den letzten Jahren hat man Spuren gefunden, die auf Beziehungen zum Hethiterreich hinweisen. Um 1000 vor Z. entstand dort die karische Rückzugssiedlung Latmos.
Die Karer bildeten ab dem 6.Jahrhundert v. Z. einen Bund (chrysaorischer Bund), dessen Zentrum zunächst Mylasa, später das Heiligtum des Zeus Chrysaor in Stratonikeia war, „in welchem sie zusammenkommen, um zu opfern und sich über gemeinsame Angelegenheiten zu beraten“ (Strabon XIV, 2,25). Während des ionischen Aufstandes der griechischen Küstenstädte 500 v. Chr. standen die Karer auf Seiten der Griechen, unterwarfen sich aber bald wieder dem Perserkönig Dareios. Im 4. Jahrhundert wurde Karien von der Herrscherfamilie der Hekatomniden beherrscht, deren Name offenbar von Hekate abgeleitet ist. Der bekannteste Herrscher aus diesem Satrapen-Geschlecht war Mausolos (377 - 351), dessen Frau Artemisia in Halikarnassos (Bodrum) das berühmte Mausoleion errichtete. Als Alexander der Große Karien eroberte, bestätigte er Mausolos’ Schweser Ada in der Herrschaft über Karien und ließ sich sogar von ihr adoptieren. Die Kultur der Karer war wie die der Lyder mutterrechtlich organisiert; was auch erklären mag, warum bei den Hekatomniden nach dem Tod eines Königs Schwestern und Gattinnen offenbar ganz selbstverständlich die Herrschaft übernehmen konnten. Die verwickelte Familiengeschichte der Hekatomniden und das selbstbewusste Handeln der beiden Königinnen Artemisia und Ada wird von Strabon in Buch XIV seiner Erdbeschreibung erwähnt:
Hekatomnus nämlich, der König von Karien, hatte drei Söhne, Mausolos, Hidrieus und Pixodarus, und zwei Töchter, mit deren älterer, Artemisia, der älteste der Brüder, Mausolus, vermählt war, während der zweite, Hidrieus, die andere Schwester, Ada, zur Gemahlin hatte. Als jener kinderlos starb, hinterließ er das Reich seiner Gattin, von welcher ihm das erwähnte Grabmahl errichtet wurde. Als aber auch sie aus Gram über den Verlust des Gatten an der Auszehrung verschieden war, herrschte Hidrieus, und ihm folgte, als er an einer Krankheit starb, seine Gemahlin Ada; diese aber verdrängte der Pixodarus, der noch übrige von den Söhnen des Hekatomnus. Dieser, ein Freund der Perser, ließ einen Satrapen zur Teilnahme an der Herrschaft kommen, und als auch er aus dem Leben schied, behielt der Satrap Halikarnassus, da er die Ada, eine Tochter des Pixodarus und der Aphneis, einer Kappadocierin, zur Gemahlin hatte. Als aber Alexander heranzog, hielt er eine Belagerung aus; Ada jedoch, die Tochter des Hekatomnus, welche Pixodarus verdrängt hatte, flehte den Alexander an und beredete ihn, sie in das ihr entrissene Königreich zurückzuführen, indem sie ihm ihre Mitwirkung in Bezug auf die abgefallenen Städte versprach, da ja deren jetzige Besitzer ihre Verwandten wären; auch übergab sie ihm Alinda, wo sie sich damals aufhielt. Alexander erklärte seine Zustimmung, ernannte sie zur Königin und überließ ihr, nachdem er die Stadt bis auf die Burg erobert hatte, die Belagerung jener.32
Ab 129 v. Z. gehörte Karien zur römischen Provinz Asia, ab 305 wurde es eigene Provinz (Caria), aus dieser Zeit stammt auch das Preisedikt des Diokletian in Stratonikeia. In byzantinischer Zeit gehörte es zum Thema Kibyrrhaiton, bis sich ab 1260 die Seldschuken und Osmanen in Karien festsetzten.
Ob die Karer die Gottheit Hekate aus ihrer ursprünglichen Heimat mitbrachten oder erst auf dem Festland kennen lernten, ist unklar, es spricht aber einiges dafür, dass Hekate eine autochthone kleinasiatische Gottheit ist. Karien war im Landesinneren eine eher unzugängliche Region, so dass sich dort altertümliche Sitten und Kulte länger hielten als andernorts (auch die Christianisierung verlief langsamer als andernorts). Nachdem man in den letzten Jahren die Schrift der Karer entziffern konnte und die wenigen Inschriften lesen konnte, ordnen Sprachwissenschaftler heute das Karische der Gruppe der anatolischen Sprachen zu, zu denen auch das Luwische gehört. Karisch wäre also eine indogermanische Sprache und folglich mit dem Hethitischen verwandt33. Eine Stelle bei Homer (Ilias II, 867) belegt jedenfalls, dass ihre Sprache von den Griechen als „rau“ empfunden wurde: Nastes führte die Karer, die rauh, ganz ungriechisch, sprechen 34
Strabon (XIV,2, 28) bemerkt zu diesem Vers, dass nicht etwa das Karische an sich „rau“ klinge, sondern das gebrochene Griechisch der karischen Söldner, die in ganz Griechenland angeheuert wurden.
Herodot geht jedenfalls davon aus, dass Lyder, Mysier und Karer stammverwandt sind; Strabon (XIV, 2,3) erwähnt überdies, die Einwohner von Kaunus hätten dieselbe Sprache wie die Karer und seien ursprünglich aus Kreta gekommen. Auch wenn die Karer also eine indogermanische Sprache sprachen, hatte ihre Kultur doch mit ziemlicher Sicherheit ein starkes Substrat aus der bronzezeitlichen ägäischen Kultur. In einem Gedicht des Kritias (460 - 403 v. Z.) wird den Karern die Erfindung des Schiffs zugeschrieben, eine Kulturleistung, die sie auf dieselbe Stufe wie die Phönizier stellt:
Der Phoiniker erfand, Stütze des Geistes, die Schrift.
Theben baute zum ersten Male den Wagen - die Karer,
kluge Beherrscher der See, stellten die Lastschiffe her.35
Eine andere Theorie besagt hingegen, dass Hekate ursprünglich eine thrakische Göttin sei, da ihr Kult in Makedonien und Thrakien sehr alt war. Darauf lässt der Paian Pindars für Abdera36 schließen, in dem Hekate der Stadt an Neumond das Schicksal verkündet, sowie eine Stelle bei Pausanias (II,30), der zufolge die Bewohner der Insel Ägina behaupteten, Orpheus habe den Hekate-Kult zu ihnen gebracht. Jedoch wurden dem Orpheus bei den Griechen alle möglichen Kulte zugeschrieben, so dass man diese Aussage nicht überbewerten sollte, auch Nilsson spricht sich gegen den thrakischen Ursprung aus: „Vor allem hat man das Zeugnis der Personennamen übersehen, das unwiderleglich beweist, dass der feste Sitz der Hekate in den kleinasiatischen Städten und auf den Inseln im Südosten zu suchen ist. Von hier stammen fast alle Träger der Namen Hekataios, Hekatomnos usw., die wir kennen.“37
Auf der durch den Mysterienkult der Kabiren berühmten Insel Samothrake hatte sie eine eigene Höhle, in der ihr bei Fackelschein Mysterien gefeiert und Hunde geopfert wurden; Hundeopfer sind auch für Böotien, Kos, Thrakien und Kolophon belegt.38 Von den Griechen wurden sie sogar gelegentlich als „karisches Opfer“ (karikòn thyma) bezeichnet. Vermutlich wurde Hekate auf Samothrake mit einer vorgriechischen Göttin namens Zerynthia gleichgesetzt, die auf samothrakischen Münzen als thronende Göttin mit zwei Löwen dargestellt wird. Der Löwe ist, wie schon Alfred Laumonier zu Recht hervorhebt, auch das Symboltier der hethitischen Hauptgöttin von Yazilikaya, der Atargatis, Kybele, Artemis, Hera, Dea Syriaca, Kirke, Cyrene und Nemea (vgl. Porphyrios, De abstinentia, III, 16 - 17). Auf Münzen aus Stratonikeia wird Hekate mehrfach mit einem Löwen als Reit- oder Begleittier abgebildet.39 Bezeichnenderweise wird Hekate auch öfters als „despoina“ (Herrin) bezeichnet, eine Anrede, die sonst nur orientalischen Göttinnen zuteil wird. In den anderen Regionen Kleinasiens wurde Hekate allem Anschein nach stets mit mächtigen Erdgöttinnen gleichgesetzt: In Kilikien war sie mit Gê (Gaia) identisch, in Phrygien hieß sie Nenena und wurde mit Zeus Brontôn verbunden, in Lykien war sie äquivalent mit Leto, in Pisidien hingegen Partnerin des Sonnengottes Helios, während sie in Chalke und auf Kreta anstelle von Hera an die Seite des Zeus trat. In Kolophon wurde sie mit Kybele geglichen.40 Die Göttinnen, die in Karien am meisten verehrt wurden, sind Aphrodite (Aphrodisias), Artemis (Ephesus) und Hekate (Lagina-Stratonikeia).
Eine weitere Besonderheit der Karer war der Kult des Zeus Labrandeos, des Zeus mit der Doppelaxt. Nun ist die Doppelaxt ein altes Symbol der Potnia, der „großen Herrin“, die unter den Namen Diktynna, Rhea und Gaia verehrt wurde. Dass der karische Wettergott dieses Symbol übernahm, deutet darauf hin, dass er ursprünglich der Gefährte der großen Göttin war und rückt ihn in die Nähe des syrischen Zeus Dolichenus, des lydischen Zeus Targunnos und des hethitischen Tessub, die alle Blitz und Doppelaxt führen. Der Gipfel des Latmos war ihm heilig und war noch im Mittelalter das Ziel von Bittprozessionen, die bei anhaltender Trockenheit veranstaltet wurden: „Der Stein besaß Heilkräfte und verlieh den Äbten die Gabe der Erleuchtung.“41 So berichtet in einer Vita des heiligen Paulos des Jüngeren, die kurz nach 955 entstanden ist! Mit dem „Stein“ ist der 1375 Meter hohe „Radberg“ (Teherledag) oberhalb des Styrosklosters gemeint. Der Wettergott mit der Doppelaxt, der auf Berggipfeln haust, ist selbst den Türken heute noch als sagenhafter „Regenvater“ (Yamurbaba) geläufig.
Der Tempel in Lagina
Das berühmteste Heiligtum der Hekate war Lagina in der Nähe von Stratonikeia.42 Dass der Tempel berühmt war und bei einem alljährlichen Fest viele Menschen anzog, berichtet der Geograph Strabon in seiner Erdbeschreibung (XIV, 2,25); in der Nähe befand sich der bereits erwähnte Tempel des Zeus Chrysaoreus. Lagina gehörte ab 189 v. Z. zum Herrschaftsgebiet von Rhodos, das mit Rom verbündet war; der Tempel wurde 40 v. Z. Von den Parthern geplündert und 27 v. Z. von Augustus renoviert. Der Tempel genoss Asylie, der entsprechende Senatsbeschluss aus dem Jahre 81 v. Z. wurde laut Tacitus (Annalen 3,62) von Cäsar und Augustus bestätigt.
Das heutige Turgut (früher Leyne) liegt 15 Kilometer nordwestlich von Yatağan in der türkischen Provinz Muğla. 8 Kilometer vor Turgut befindet sich ein riesiges Kohlekraftwerk, in dem die Kohlevorkommen, die in der Umgebung von Stratonikeia im Tagebau gewonnen werden, verheizt werden. Die heilige Straße nach Lagina wird heute nördlich des Stadttors von Stratonikeia durch Aufschüttungen versperrt, die durch den Kohleabbau verursacht wurden.
Das Tempelareal wurde erstmals 1891 - 93 ausgegraben, die derzeitigen Grabungen werden von Ahmet A. Tirpan geleitet. Das Gelände steigt nach Westen hin an, nach Osten hat man einen schönen Blick auf die Berge am Horizont. Das Heiligtum der Göttin bestand aus einem von dorischen Säulenhallen umgebenen Temenos mit einem um 27 v. Z. errichteten Propylon, welches ein Portal aus drei Monolithblöcken besitzt. An der Südseite des Bezirkes befinden sich Sitzstufen für Zuschauer der jährlichen Festspiele für die Göttin; in jüngster Zeit (2008) hat man auch im Nordwesten des Tempels Sitzstufen freigelegt. Der Tempel, ein Preudodipteros mit 8 x 11 korinthischen Säulen, stammt aus der 2. Hälfte des 2. Jhrs. v. Z. Er misst 21,50 auf 28,02 Meter. Die Cella des Tempels ist relativ klein, die Vorhalle (Pronaos) besitzt 2 eingestellte Säulen ionischer Ordnung. Der Tempel besitzt keinen Opistodomos (Raum hinter der Cella). Der Fries des Tempels mit Szenen der Hekate befindet sich heute im archäologischen Museum in Istanbul.
Der Fries zeigt die Göttin als Zentralgestalt eines kleinasiatischen Pantheons sowie als Geburtshelferin des Zeus. Der Westfries zeigt den Gigantenkampf und imitiert in vielen Einzelheiten den im 2. Jahrhundert v. Z. geschaffenen Pergamonaltar. Hekate ist hier eingestaltig als starre, stehende Gestalt dargestellt, wie sonst auch in der kleinasiatischen Tradition, und bildet den Mittelpunkt des Geschehens. Sie hält die Arme weit von sich gestreckt und hält eine Fackel in der rechten Hand. Im Zentrum des Nordfrieses reichen eine Amazone und ein Krieger sich die Hand zum Vertrag. Hekate, die eine Fackel und eine Schale in den Händen hält, macht eine Libation (Trankopfer) und verleiht dem Bündnis ihren Segen. Der Ostfries zeigt den Mythos der Zeusgeburt, wobei Hekate dem jungen Gott das Leben rettet, indem sie die Rolle der Rhea übernimmt und Zeus‘ Vater Kronos den Stein überreicht, den er anstelle seines Sohnes verschlingt. Hekate erscheint hier also in der Funktion der Kourotróphos, der Kinderschützerin. Der Südfries zeigt das karische Götterpaar Zeus und Hera mit vier Knaben; neben der sitzenden Hera steht Hekate, zu deren Füßen ein Hase kauert (!); zwischen dem thronenden Zeus und Hera steht Hermes, der einen Knaben am Kopf berührt. Hekate berüht das Kleinkind in Heras Armen am Kopf; diese Geste steht in auffälliger Entsprechung zur Segensgeste des Hermes. Beide Gottheiten sind hier wohl als kourotrophoi, Schützer des Nachwuchses, dargestellt. Rechts sind noch zwei karische Ortsnymphen und andere Götter erkennbar. Diese merkwürdige Zusammenstellung beruht sicherlich auf einer regionalen Überlieferung43. In Stratonikeia befand sich eine weitere Darstellung der stehenden Hekate, die ebenfalls in ziemlich starrer Haltung dargestellt war44.
Höhepunkt des Hekate-Kultes in Lagina war die jährliche Schlüsselprozession (kleidòs pompé), bei der ein Schlüssel und ein der Göttin geweihtes Gewand umhergetragen wurden. Der Schlüssel wurde meistens von Frauen getragen, es sind aber in den Inschriften auch einige Männer als Träger überliefert. Das Symbol des Schlüssels scheint jedoch stets mit der Vorstellung von Schicksal und Gerechtigkeit verbunden gewesen zu sein, denn kein Geringerer als Parmenides spricht von der „Schlüsselhalterin Gerechtigkeit“ (klêidoûchos Díkê), die mit der Ananke, der Notwendigkeit, identisch ist; diese bewacht das Tor, „wo sich die Pfade des Tages und der Nacht scheiden“, also den Ort, wo die Sonne untergeht.45 In der babylonisch-assyrischen Kultur wird jedoch des Öfteren davon gesprochen, dass ein Gott „das Schloss des reinen Himmels öffnet“46, wie es von Ischtar und Šamaš überliefert ist, im Falle von Hekate öffnet der Schlüssel aber sicher vor allem den Weg zur Unterwelt. Außerdem sind durch Inschriften regelmäßige Gastmähler und Geldausteilungen belegt, weißgekleidete Knaben zogen täglich zum Tempel und sangen zu Ehren der Göttin feierliche Hymnen47. „Welchen Platz die Mysterien einnahmen und worin sie bestanden, ist völlig unbekannt. Über die wahre Natur der Göttin gibt das Fest keinen Aufschluss; sie war sicher eine Karierin wie Zeus Panamaros und seine Gemahlin.“48 Eine Verbindung zu den kretischen Kureten und den Korybanten des Dionysos-Kultes stellt Strabon her, der davon berichtet, dass „einige die Kureten für Diener der Hekate und für dieselben mit den Korybanten“ halten (XIV, 3,20).
In Lagina fand man 198 Inschriften, die die Bedeutung des Kultortes bezeugen. Eine Inschrift stammt von einem Eunuchen, der Priester des Tempels war (Lagina 188/IStraton 544). Dass die Hekate-Priester aber keineswegs alle Eunuchen waren, wird z. B. durch die Inschrift Nr. 193 belegt, in der ein ungenannter Priester bezeugt, dass seine Frau und seine Tochter ebenfalls priesterliche Funktionen wahrnahmen. Die in ionischem Dialekt abgefasste, altertümelnde Inschrift ist schwer zu übersetzen, sie lautet:
Alles, was Kraft für die Armut beständig erlangte, sei dein Opfer, Göttin, du Erhabne. Auch meine Gattin habe ich zu deiner Priesterin gemacht, aus Asien, das eine reizende Art hat, Moschion, dazu noch Klodiane, ein reizendes Mädchen, das die Schlüssel mit ihren zarten Händen berührt, zur Schlüsselhüterin. Wieviel ich beim Mahl und Gelage geopfert, weiß zahlreich mein Zuhause zu bezeugen. Alles habe ich geopfert, wie es ärmliche Kraft mir gegeben, ja für dich und um dich, Dämon (oder: Göttin) fernzuhalten.49
Die Hekate-Priesterschaft war im Übrigen „die höchste Ehre, die den Mitgliedern des Priesteradels zuletzt nach der des Zeus Panamaros und des Zeus Chrysaor gewöhnlich nur einmal verliehen wurde“50 .
Ein weiteres Hekataion befand sich in Ephesus hinter dem Artemis-Tempel; dort befand sich laut Strabon (XIV, 1,23) eine Hekate-Statue des Thrason, von welcher der ältere Plinius behauptet, die Marmorstatue der Göttin habe einen so blendenden Schein von sich gegeben, dass die Fremdenführer die Besucher aufforderten, die Augen zu schützen (in cuius contemplatione admonent aeditui parcere oculis, tanta marmoris radiatio est, Nat. Hist. XXXVI, 32).
Das älteste archäologische Zeugnis der Hekate-Verehrung ist ein archaischer Rundaltar, der im Heiligtum des Apollon Delphinios zu Milet stand. Aus der Inschrift auf dem Stein geht nur hervor, dass drei Prytanen während ihrer Amtszeit den Altar stifteten, so dass „Hekate eine gewiss nicht unbedeutende Rolle im offiziellen Kult Milets gespielt haben dürfte“51. Die meisten Fundstücke lassen erkennen, dass Hekate (zusammen mit dem ithyphallischen Hermes oder Hermes Enodios, „Hermes Wegschützer“) im Kultus die Funktion einer Türhüterin und Entsühnerin zukam. So wird im Kultgesetz des Molpos, das um 100 v. Chr. aufgezeichnet wurde, festgelegt, dass bei der großen Prozession nach Didyma zwei gylloi (wahrscheinlich Steinwürfel) mitgeführt werden sollen, von denen der erste, bekränzt und mit ungemischtem Wein besprengt, παρ’ Έκάτην τήν πρόσθεν πυλέων, par’ Hekatên tên prosthen pyléôn, bei der Hekate vor den Toren, niedergelegt werden sollte.52 Dieser Brauch bedeutete wohl eine Entsühnung der Schwelle, die Unheil abwehren sollte, möglicherweise ist das Besprengen mit Wein Ersatz für ein Blutopfer in früherer Zeit. Ein ausdrücklicher Bezug zur Unterwelt ist nicht direkt zu erkennen, aber durchaus wahrscheinlich, da Hekate später ausschließlich mit chthonischen Göttinnen verschmolz: „Es ist unbedingt davon auszugehen, dass bereits die kleinasiatische Hekate in irgendeiner Weise unterweltliche Züge trug.“53
Eine Inschrift auf einer Asklepios-Säule aus Hassanlar (in Lydien) erwähnt Hekate und Men, den kleinasiatischen Mondgott, und weist darauf hin, dass Hekate auch eine Heilgöttin gewesen sein muss: Als Erfinderin der Gifte kann Hekate mit ihnen auch heilen statt schaden (auf die Dosis kommt es an). Dass Aristaios, der Vater des legendären Götterarztes Paion (Ilias 5, 401 u. 900), in einem Scholion zu Apollonios von Rhodos (3, 467) auch zum Vater der Hekate gemacht wird, bestätigt dies. Auf dem berühmten Pergamon-Fries kämpft Hekate an der Seite der olympischen Götter gegen die Titanen.
In Thrakien assimilierte Hekate jedenfalls Züge der Jagdgöttin Bendis, während sie in Thessalien mit der Wegegöttin Enodia und der wilden Brimo („die Wutschnaubende“) von Pherai verschmolz. Enodia wird auf Münzen aus Pherai als fackeltragende Reiterin dargestellt, die zur Nachtzeit erscheint und einen Bezug zur Unterwelt hat, da auch das Pferd als Todestier galt und Tote in Thessalien als Reiter dargestellt wurden (s. LIMC II, 1, 687 ff.). Anführerin der „wilden Jagd“ bleibt Hekate dann auch in der Folgezeit. In dieser Hinsicht ähnelt sie der deutschen Holle bzw. Percht.
In Antiochien soll Kaiser Diokletian (284 - 305) neben einem Apollo-Tempel einen unterirdischen Tempel der Hekate gebaut haben, der 365 Stufen hatte, wie der byzantinische Historiker Johannes Malalas berichtet (XII,38).54 Sollten die 365 Stufen darauf hindeuten, dass Hekate auch Herrin der Zeit ist? Jedenfalls wird sie in den spätantiken Zaubertexten auch als akroubórê bezeichnet, d.h. als die, die ihre Schwanzspitze frisst, was auf das in sich selbst zurücklaufende Jahr bezogen ist.55
Der Name der Göttin ist bis heute rätselhaft und allem Anschein nach nichtgriechischen Ursprungs, so dass die etymologischen Erklärungen der Alten wohl kaum seine ursprüngliche Bedeutung treffen. Auffällig ist hierbei, dass ihr Name als weibliches Gegenstück zu dem Apollo-Namen „Hekatos“ gedeutet werden kann, was „Strahlender“ oder „Fernwirkender“ (´εκάς = fern) heißen soll, wie schon der italienische Humanist Lilius Gyraldus 1548 mutmaßt: Hecate primum sic nuncupata, quod ´εκάς hekas – id est longe – radios iaciat.56 Einer anderen Erklärung zufolge leitet sich beides aus „wekat“ (indogermanisch. *Veknt-) „wollend“ (griech. ´εκών), ab. Ein Holz, an das Verbrecher zur Auspeitschung gebunden wurden, hieß nach Hesychios ebenfalls „΄εκάτη“. Am wahrscheinlichsten ist, Hekate als die „Strahlende, Fernwirkende“ zu übersetzen – was wieder an einen Ursprung als Sonnengöttin denken lässt. Die Vorstellung einer in die Ferne reichenden Wirkung begünstigte sicherlich die Gleichsetzung mit der Pfeile verschießenden Jägerin Artemis-Diana, mit der Hekate in der Spätantike oft verschmilzt. Die „Pfeile“, die die Götter verschießen, sind jedoch nicht nur Lichtstrahlen, sondern können auch Krankheiten und Schmerzen sein, wie man im ersten Gesang der „Ilias“ und bei den Tragikern sehen kann.57 In Ägypten wurde Hekate mit dem ägyptischen Begriff „heku“ in Verbindung gebracht, der soviel wie „Magie“ oder „magische Kraft“ bedeutet – nicht ganz unpassend, wie man zugeben muss (es gab sogar einen Frosch-Gott Hekt – bei den Griechen hat Hekate, soweit ich sehe, aber nie etwas mit Fröschen zu tun). Walkers Theorie, Hekate habe ihren Ursprung „in der ägyptischen Göttin der Geburtshelferinnen Heqit, Heket oder Hekat, die sich wiederum aus der heq oder Stammesmutter des vordynastischen Ägyptens entwickelte“58, entbehrt allerdings jeder Grundlage.
Bedenkenswerter sind die Überlegungen, die Alfred Laumonier anstellt. Als ursprüngliche karische Namensform der Hekate rekonstruiert er *Akta, was als Namensbestandteil auch in Aktaion, Aktis und Hektor enthalten sein soll. Hektor sei eigentlich Hekator, und auch Frauennamen wie Hekabe, Hekamede, Hekaerge wiesen einen Bezug zu unserer Göttin auf. Da der phrygische Name „Hek(a)tor“ einer Notiz bei Hesychius zufolge wörtlich „der Weise“ bedeutet habe, hält es Laumonier für möglich, dass auch Hekate wörtlich „die Weise“ sei – eine durchaus ansprechende These.
Trimorphos - Das Rätsel der drei Gestalten
Ihre Darstellung ändert sich im Lauf der Jahrhunderte kaum. Ihre Attribute sind: Schlüssel, ein Apfel, Fackel, Dolch und Schwert, ein Hund, Schlangen, eine Geißel. Sie wird häufig mit drei Leibern dargestellt, was auf die drei Phasen des Mondes bezogen wird, auf die Wegkreuzungen, an denen sich die Hekataien meist befanden, oder auf die drei Elemente Erde, Wasser, Himmel, über die sie Gewalt hatte. Letzteres ist die ältere Zuordnung.
Hekate wurde im eigentlichen Griechenland erst ab dem 5. Jahrhundert v. Z. dreigestaltig dargestellt, wie Pausanias in seinem Reiseführer für Griechenland bestätigt: „Alkamenes hat nach meiner Meinung als erster Hekatebilder gemacht zu dritt aneinander, die die Athener die Epipyrgidia nennen.“59 Laumonier weist allerdings darauf hin, dass es auf der Insel Rhodos, die vor der karischen Küste liegt, schon 150 Jahre früher eine dreigestaltige archaische Darstellung der Hekate gab, die wie eine hethitische Göttin als „Herrin der Tiere“ auf zwei Löwen steht.60 Da es auch bei den Hethitern schon dreigestaltige Götter gab, stellt sich in der Tat die Frage, ob diese Darstellung der Göttin nicht auch aus dem Osten kommt.61 In der Folgezeit wurde diese dreigestaltige Form zur häufigsten und erfreut sich auch heute wieder einiger Beliebtheit; es gab jedoch immer auch eingestaltige Darstellungen. Die dreigestaltige Darstellung konnte auch Tierköpfe haben, in den Orphischen Argonautika (V. 977 - 980) erscheint sie mit einem Pferde-, Schlangen- und Hundekopf. Andere Kombinationen sind: Hündin-Jungfrau-Kuh (PGM IV, 2119), Frau-Rind-Hund (Lukian, Philops. 14), Stier-Hund-Löwin (Porphyrios, De abstin. 3,17,2).
Spätantike Gemme, nach Roscher
Schon von den antiken Gelehrten wurde die Dreigestalt der Hekate unterschiedlich erklärt. Wenn Vergil etwa in der Aeneis von der „am Himmel und in der Unterwelt mächtigen Hekate“ (voce vocans Hecaten, Caeloque Ereboque potentem; VI, 247) spricht, greift er Hesiod auf, bei dem Hekate, wie wir noch sehen werden Allgöttin über Himmel, Erde und Meer ist. Der Verfasser des als „Servius auctus“ bekannten spätantiken Vergil-Kommentars deutet Hekates Macht genauer als Macht über Geborenwerden, Leben und Sterben (potestas nascendi valendi moriendi) und stellt sie als Triade Lucina-Diana-Proserpina neben die Moiren, macht Hekate also zur Schicksalsgöttin, die das zyklische Werden und Vergehen der Lebewesen beherrscht. Augenscheinlichstes Beispiel für zyklisches Werden sind die Mondphasen, mit denen Hekate zuerst in der römischen Kaiserzeit von dem stoischen Philosophen und Astronomen Kleomedes gebracht wird (Kleomedes 2,5; ähnlich auch L. Annäus Cornutus, De natura deorum, c. 34). Allerdings nennt Kleomedes die Mondgöttin Artemis, und nicht Hekate, so dass die Übertragung der Mondphasen auf Hekate erst durch die Gleichsetzung Hekate-Diana zustande gekommen sein kann, die allerdings durch einen Vers Vergils (Aeneis IV,511) nahe gelegt wird, in dem der Dichter sowohl Hekate als auch Diana als „dreiköpfig“ (tergeminamque Hecaten, tria Virginis ora Dianae) bezeichnet. Dass solche späten naturphilosophisch-theologischen Spekulationen aber für die künstlerische Darstellung maßgebend gewesen sein sollten, wird von Theodor Kraus zu Recht bezweifelt, da die dreigestaltige Darstellung ja schon lange vor der Stoa aufkam. Dass die drei Herrschaftsbereiche in den drei Leibern dargestellt sein sollten, erscheint auch unwahrscheinlich; und wenn die Auffassung von Hekate als einer Mondgöttin zur Dreigestalt geführt hätte, hätte eigentlich auch die eigentliche Mondgöttin Selene dreigestaltig abgebildet werden müssen, was aber nicht der Fall ist. Plausibler erscheint da, dass die drei Körper etwas mit den drei Wegen zu tun haben, an deren Kreuzung Hekate verehrt wurde. Ist die τριοδίτις (trioditis, lateinisch: trivia) also zur τρίμορφος trímorphos, geworden, die Wegegöttin zur Dreileiber-Statue?
Dafür spricht insbesondere eine Stelle bei Ovid, in der der römische Gott Janus sich selbst mit Hekate vergleicht (Fasten I, 142 f.). Janus ist der Gott der Schwelle (ianua), und als solcher wie Hekate ein Gott, der den Übergang und die Zeit des Übergangs symbolisiert (er wird daher auch von Proklos neben Hekate gestellt, wie wir später noch sehen werden). So wie Janus nach innen und außen schaut bzw. in die Zukunft und in die Vergangenheit, schaut Hekate in die drei Richtungen der Wegkreuzung:
Ora vides Hecates in tres vergentia partes,
Servet ut in ternas compita secta vias.
Nach drei Seiten gekehrt erscheint dir auch Hecates Antlitz,
Nach drei Seiten sich hin theilenden Pfaden zur Hut.62
Theodor Kraus erscheint auch das nicht überzeugend genug. Er verweist vielmehr darauf, dass vor allem Gottheiten der Unterwelt dreigestaltig dargestellt werden: Neben dem dreiköpfigen Hadeswächter Kerberos, neben Hermes, der als Totengott mehrköpfig wurde, wurde auch der Riese Geryon dreiköpfig dargestellt, der wie alle Titanen ein Kind der Erdgöttin Gaia ist. Dass Hekate eine chthonische Gottheit ist, haben wir bereits gesehen, und dass sie von Titanen abstammt, werden wir gleich bei Hesiod sehen. In ähnlicher Weise ist auch die germanische Hel eine Tochter Lokis und der Riesin Angrboda (die Parallele geht sogar noch weiter: eine Variante des Mythos erzählt, Hekate sei von Zeus in die Unterwelt hinabgeworfen worden, ähnlich wie auch Hel von Wotan unter die Erde verbannt wird).
Kraus spekuliert, ob es nicht einen Brauch gegeben haben könnte, an den Dreiwegen an einem Pfahl drei Masken aufzuhängen, die die Göttin darstellen sollten, und dass hieraus die Dreigestalt entstanden sei. Das ist denkbar, es gibt jedoch keinerlei Beleg dafür. Eine befriedigende religionswissenschaftliche Erklärung für die Dreigestalt der Hekate gibt es jedenfalls bis heute nicht, wie Karin Zeleny 1999 feststellt. Denkbar wäre es, die Dreigestalt der Göttin mit den drei Parzen und Nornen in Verbindung zu bringen, und die drei Leiber als Symbole für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sehen, wofür auch der oben zitierte Vergil-Kommentar spricht. Dies ließe sich dadurch plausibel machen, dass Hekate schon in der Antike mit Janus in Verbindung gebracht wurde, der offensichtlich ein Gott der Zeit ist. Dass die Römer den Janus von den Etruskern übernahmen, und dieser Gott wohl wie Hekate kleinasiatischen Ursprungs war, macht die Zeit-Symbolik ebenfalls wahrscheinlich.
Dreigestaltige Hekate, St. Petersburg
Es gibt noch rund 300 antike Hekate-Darstellungen. Meist handelt es sich dabei um Bruchstücke und Fragmente von Statuen, Darstellungen auf Münzen, Vasen und Amuletten (wie bei dem Anhänger in Brüssel, Musées Royaus, Inv. A 1662). Einigermaßen vollständige Statuen stehen u. a. in der St. Petersburger Eremitage, im kunsthistorischen Museum Wien, im Vatikan (Museo Chiaramonti Inv. 192263), im Museo archeologico in Venedig, im Museo Torlonia in Rom (Abb. 104 in C. G. Jungs „Symbolen der Wandlung“), in der Münchener Glyptothek, in der Bibliothèque Nationale in Paris und im Riijksmuseum van Oudheden in Leiden. Eine der schönsten, eine aus Ägina stammende Dreiergruppe aus der Sammlung Metternich, befindet sich in Prag (NM 4742). Wer sich kunstgeschichtlich mit den erhaltenen Hekate-Darstellungen beschäftigen will, greife zu dem von H. C. Ackermann herausgegebenen Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae (LIMC), speziell zu Band VI/1 (Zürich,München 1992, S. 985 - 1010) und Band VI/2 (S. 655 - 673), sowie zu den Dissertationen von Tatjana Brahms und Nina Werth.64
Typische Attribute der Hekate sind Fackel, Hund, Oinochoe (Schöpfkanne), Phiale (Trinkschale), Frucht, Mondsichel, Dolch, Peitsche, Schlange, Schlüssel, selten sind Darstellungen mit Lotusblüte, Hirsch, Altar oder Sonnenscheibe (auf ägyptischen Münzen, wo Hekate mit Isis gleichgesetzt wird).
Aus der Antike ist im Übrigen keine einzige Darstellung überliefert, die Hekate als alte Frau oder „Hexe“ zeigt. Diese Vorstellung stammt aus der Zeit der Renaissance bzw. dem späten 19. Jahrhundert (Crowley), von wo sie an die Esoterik des 20. Jahrhunderts vermittelt wurde.
Frühe literarische Zeugnisse
Der Hekate-Hymnus in Hesiods „Theogonie“
Dass Hekate bei Homer nicht erwähnt wird (genau so wenig wie Dionysos) berechtigt uns jedoch nicht zu der Annahme, sie sei damals noch ganz unbekannt gewesen. Göttin des Todes ist bei Homer Persephone, die von ihm häufig als „he Kêr“, die Todesgöttin, apostrophiert wird. Die Nichterwähnung der Hekate in der „Ilias“ und der „Odyssee“ könnte ein Indiz dafür sein, dass sie ursprünglich keine griechische Gottheit war und von der homerischen Adelsgesellschaft nicht verehrt wurde, da sie eher eine Göttin für Frauen und für nichtadlige Schichten der Bevölkerung war. Schon Wilamowitz-Moellendorf meint daher:
Sie ist also nicht durch Homer verbreitet, war aber in anderen Kreisen als denen, für die er dichtete, wohl schon verehrt; das südliche Ionien liegt ihm ja überhaupt ferner, und von da muss der Kult der Hekate ausgegangen sein.65
Die erste ausführliche Erwähnung der Göttin finden wir bei Hesiod in der Theogonie, v. 411 - 452. Der dort eingeschobene Hekate-Hymnus, dessen Echtheit heute weitgehend anerkannt wird, ist oft kommentiert worden.66 Er ist eingebaut in eine Reihe von Amtszuteilungen und Ehrenbekundungen, die Zeus ab Vers 348 den Töchtern der Tethys, der Göttin Styx und eben der Hekate zuteil werden lässt. Den Kontrast hierzu bilden die Besiegung der Titanen, die Ablösung des Kronos durch Zeus und die Bestrafung des Prometheus (ab V. 507).
Für Verwirrung unter den Philologen sorgt, dass Hekate hier nicht als dämonisch-blutrünstige Herrin der Nacht und der Zauberei erscheint, sondern als eine alte, sehr mächtige Göttin, die ihrem Verehrer Reichtum und Glück bescheren kann. Der Aufbau des Hymnus ist kompliziert, zerfällt aber doch organisch in zwei Hauptteile, deren erster Hekates Macht beschreibt, die sich über Himmel, Erde und Meer erstreckt und auch von Zeus anerkannt wird, während der zweite Teil an einzelnen Beispielen beschreibt, wie ihre Gnade dem einzelnen Menschen Glück und Sieg zuteil werden lässt.
Hekate stammt nach Hesiod von der Titanin Asteria und dem Titanen Perses ab, die ihrerseits Kinder der Gaia und des Uranos bzw. der Gaia und des Pontos sind. Hekate gehört also der vierten Generation der Götter an, ist damit gleichalt mit Zeus und stammt von den Elementen Erde (Gaia), Himmel (Uranos) und Meer (Pontos) ab. Ihr Vater Perses ragt „unter allen an Wissen und Klugheit hervor“ (V. 377). Ihre Mutter Asteria (benannt nach „aster“, „der Stern“?) ist eine Schwester der Leto, der Mutter von Apollo und Artemis, deren Cousine sie somit ist. Ihre Großeltern mütterlicherseits sind der Titan Koios, dessen Name auf vorgriechische Ursprünge verweist und die „goldbekränzte“ Titanin Phoibe („die Glänzende“, Theogonie Vers 146); ihre Großeltern väterlicherseits sind der Titan Kreios (ebenfalls ein vorgriechischer Gott, der auf dem Peloponnes verehrt wurde) und die Titanin Eurybia („die weithin mächtig ist“, V. 375), „die mit dem härtesten Herzen“ (t’ adamantos eni presi thymon echousan, V. 239). Nach späteren Autoren ist sie entweder ein Kind der Nacht (so Bacchylides), des Tartaros oder eine Tochter von Zeus und Asteria; nach orphischer Überlieferung gar eine Tochter der Demeter.67 Hervorzuheben ist, dass Hekate monogenes ist, „alleingeboren“, sie hat keine Geschwister, und wie Diana-Artemis verzichtet sie auf Mutterschaft. Sie ist keine Göttin der Fruchtbarkeit und der Liebe.
Merkwürdig ist, wie stark Hesiod betont, dass Hekates Macht von Zeus so sehr respektiert wird, dass er keinen Versuch macht, sie zu schwängern oder zu unterwerfen (was mythologisch gesehen auf dasselbe hinausläuft: Der Vatergott Zeus unterwirft sich die Göttin, indem er sie zu seiner Gattin, Liebhaberin oder Tochter macht). Im Gegensatz zu Hera, die Zeus als Gemahlin beigeordnet ist und nur indirekt gegen Zeus aufbegehrt, indem sie seine zahllosen Geliebten und Kinder verfolgt, hat sich Hekate ihre Unabhängigkeit erhalten können und sich nicht in die patriarchale Hierarchie der olympischen Götter integriert.
Der Name von Hekates Vater Perses führt uns wieder auf eine nicht-indogermanische Wortwurzel *persa mit der Bedeutung „Licht, Feuer, Sonne“, wie sie auch in den Namen Persephone und Perse enthalten ist. Perses dürfte daher auf einen vorgriechischen Sonnengott zurückgehen, der wiederum Sohn der Erdgöttin ist. Tatsächlich ist Perses’ Mutter die Titanin Eurybie, die als Tochter der Gaia selbst eine Hypostase der Erdgöttin ist, so dass wir in dem Mutter-Sohn-Verhältnis zwischen Eurybie und Perses wiederum den altorientalischen Mythos vorfinden, in dem der Sonnengott ein Kind der Erdgöttin ist.68
Hier nun der Text aus Hesiods „Theogonie“:
Phoibe aber bettete sich in Liebe mit Koios.
In der Umarmung empfing den Samen des Gottes die Göttin,
und sie gebar die schwarzgewandete Leto, die sanfte,
sanften Sinns seit Beginn, die friedlichste in des Olympos
Reich, den Menschen so freundlich gesinnt wie den ewigen Göttern.
Ferner gebar sie die namenschöne Asteria; Perses
Führte sie heim in sein Haus, auf dass sie Gattin ihm heiße.
Diese empfing und gebar dann Hekate, die der Kronide
Zeus vor allen geehrt, indem er sie herrlich begabte,
Teil an der Erde zu haben und an der Öde des Meeres.
Hohe Ehre auch ward ihr zuteil unter Himmelsgestirnen,
höchste Achtung genießt sie im Kreis der unsterblichen Götter.
Denn noch jetzt ist es so: Wenn einer der irdischen Menschen
Gnade erfleht, im heiligen Opfer dem Brauche genügend,
ruft er Hekate an. Und reichen Segen gewinnt er
mühelos, wenn nur die Göttin sein Bitten gnädig erhört hat.
Aus der Fülle der Macht gewährt sie Glück ihm und Wohlstand.
Denn von allen Göttern, die Erde und Himmel entstammen,
mögen sie noch so geehrt sein: Sie hält ihr Schicksal in Händen.
Niemals übte Gewalt gegen sie der Kronide, nie rührte
Er an die Macht, die ihr zukam unter den früheren Göttern.
Nein, was von Anfang an ihr heiliges Teil war, behielt sie:
Alle Ehre auf Erden, am Himmel wie auf dem Meere.
War sie auch einzeln geboren, empfing sie nicht kleineren Anteil,
nein, viel größeren noch, da Zeus sie achtet wie keine.
Ganz, wie sie will, gewährt sie Hilfe und Schutz einem Manne:
Ehrwürdig hohen Königen sitzt er als Richter zur Seite,
in der Versammlung ragt er hervor, der Günstling der Göttin.
So auch im Krieg: Wenn zum männermordenden Kampfe die Männer
Rüsten, hilft sie, die Göttin, dem Helden, dem ihre Gnade
Sieg zu schenken und Ruhm zu gönnen freundlich gewillt ist.
Gut ist sie auch, wenn Männer in sportlichen Kämpfen sich messen;
Denn auch denen leistet die Göttin Beistand und Hilfe.
Wer durch Kraft und Stärke gesiegt, den herrlichen Kampfpreis
Trägt er leicht, voller Freude davon, der Stolz seiner Eltern.
Gut ist ferner die Göttin den Reitern, denen sie wohl will,
auch den Männern zur See, die in schlimmer Bläue sich plagen,
wenn sie zu Hekate flehn und zum Erderschüttrer Poseidon.
Mühelos reichen Fang gewährt die erhabene Göttin,
leicht auch nimmt sie ihn fort aus dem Licht nach eignem Gefallen.
Hilfreich wirkt sie mit Hermes im Stall, dem Vieh zu Gedeihen.
Rinderherden und weithin weidende Ziegen und Scharen
Wolliger Schafe, und sind sie noch so gering: Sie vermehrt sie,
wie es ihr immer gefällt, und lässt sie auch wieder schwinden.
Also, obwohl als einziges Kind ihrer Mutter geboren,
steht sie dennoch in höchsten Ehren unter den Göttern.
Darum legt auch Zeus ihr ans Herz das Gedeihen der Jungen,
die das weithinschauende Licht des Morgens erblickten.
Uranfänglich hegt sie die Jugend. Das sind ihre Ehren.69
Der Hymnus zeigt Hekate als Schicksalsgöttin, die das Schicksal der Menschen in Händen hält. Hervorheben möchte ich die enge Verbindung zu Hermes, die hier hergestellt wird, und die Rolle der Hekate als Hüterin der Jugend (V. 452, όυτως εξ ‘αρχης κουροτρόφος, houtôs ex archês kourotróphos), die auch sonst mehrfach belegt ist. Als „kourotrophos“ bezeichnet man griechische Statuen der Göttin, in denen sie als Mutter eines kleinen Kindes dargestellt wird (wie Isis mit Osiris und später Maria mit dem Jesuskind). Wie sollen wir uns diesen scheinbaren Widerspruch zu ihrem sonstigen Erscheinungsbild als „Hexengöttin“ erklären? Ich glaube, man muss berücksichtigen, dass der Hymnus die Göttin gnädig stimmen soll, der Dichter also bewusst den segensreichen Aspekt betont und das ungnädige Gesicht der Göttin verschweigt. Vers 443 und 447 sind aber verräterisch: „leicht auch nimmt sie ihn (den Fischfang) fort aus dem Licht nach eignem Gefallen“, „wie es ihr immer gefällt, und lässt sie (die Tiere) auch wieder verschwinden“. Es ist erstaunlich, dass kaum einer der bisherigen Kommentatoren hier an das bekannte Motiv der Göttin als „Herrin der Tiere“ (potnia therôn) gedacht hat. Die Göttin kann Leben und Reichtum geben, genauso schnell kann sie aber auch Leben und Besitz wegnehmen. Sie ist also auch Göttin des Todes. Wenn ihr zum Schluss von Zeus die Kinder ans Herz gelegt werden, können wir daraus unausgesprochen die Angst vor der Kindestöterin Hekate herauslesen, die durch gutes Zureden davon abgebracht werden soll, die Kinder vorzeitig zu sich zu nehmen – ein Aspekt, der uns bei anderen Göttinnen (Ischtar, Lilith, Hel, Holle) ebenfalls begegnet. Sehr gut passt hierzu, dass Hekate an anderen Stellen als Geburtshelferin erscheint, die von den Gebärenden um Beistand angerufen wird, wie wir weiter unten noch sehen werden.
Ich komme daher zu dem Schluss, dass die Hekate-Episode bei Hesiod keineswegs im Widerspruch zu den sonstigen Zeugnissen steht, sondern die ambivalente Natur der Göttin sehr wohl erkennen lässt, obgleich ihre düsteren Züge nur vorsichtig angedeutet werden. Alle weiteren Informationen über Hekate ergänzen das Bild, das Hesiod zeichnet, aber widerlegen es nicht. Im Gegenteil, die Verbindung zu Hermes, die in V. 444 hergestellt wird, wird durch spätere Dokumente wie etwa die griechischen Zauberpapyri aus Ägypten nur bestätigt (s. unten). Insgesamt passt das Gesamtbild, das Hesiod von der Göttin zeichnet, gut zu einem mutmaßlichen Ursprung als kleinasiatische Sonnengottheit, die ähnlich ambivalent und ungezähmt ist wie die babylonische Ischtar und die phönizische Astarte.
Der eleusinische Demeter-Hymnus
Die Menschen, schreibt Strabon in seiner „Erdbeschreibung“, seien den Göttern dann am ähnlichsten, „wenn sie glücklich sind. Dies aber bewirkt die Freude, das Feiern der Götterfeste, das Philosophieren und die Beschäftigung mit der Musik“. Dem antiken Menschen wurden die Götter in den Mysterien erfahrbar, in denen er durch Einweihung und kultische Feier zur Gottbegeisterung geführt wurde. Die wichtigsten Mysteriengottheiten waren Demeter, Dionysos, Apollo, die Musen – und Hekate: „Die meisten Hellenen nun haben dem Dionysos, dem Apollo, der Hekate, den Musen, ja vor allem der Demeter jede Art von Orgienfeier und Bakchischer Begeisterung, die Chortänze und das Geheimnisvolle der Einweihungsfeste beigelegt (...) Auch das Herumtragen geweihter Bäume, die Chortänze und die Einweihungen sind diesen Göttern gemeinschaftlich“ (Strabon, X,3,10). Die Mysteriengötter haben zwar ihre speziellen Zuständigkeitsbereiche und Symbole, wie das Getreide bei Demeter und der Wein bei Dionysos, sind andererseits aber doch so ähnlich, dass ihre Kulte sich gegenseitig überlappen.
Hekate konnte daher eine Rolle in den Demeter-Mysterien von Eleusis spielen. Die homerische Hymne vom Raub der Persephone, die den Gründungsmythos der eleusinischen Feier erzählt, ist der zweite frühe Text, in dem Hekate uns in der griechischen Literatur entgegentritt.
Mit Demeter war Hekate schon früh verbunden, da beide Göttinnen durch ihre Beziehung zur Unterwelt charakterisiert sind; so lag etwa der kleine Bezirk der Hekate in Selinus (Selinunt auf Sizilien) neben dem Tor des Demeterbezirks, eine Metope mit Demeter, Hekate und Kore ist noch vorhanden (Hekate begrüßt die aus der Unterwelt kommenden Göttinnen).70 Die Forschung geht heute allgemein davon aus, dass der Hymnus als Einweihungstext zu lesen ist, der in der Nacherzählung des Mythos die Einweihung nachklingen lässt.
Hekate ist hier außer Helios die einzige Gestalt, die den Hilferuf der Kore vernimmt, aber nicht sieht, wer der Entführer ist (Vers 20 ff.):
Aber kein Gott vernahm und keiner der Menschen ihr Flehen,
auch nicht die Ölbäume in der Pracht der leuchtenden Früchte;
nur die kinderliebende Tochter des Perses in ihrer
Höhle, die Göttin Hekate mit dem schimmernden Schleier
(λιπαροκρήδεμνος),
und Fürst Helios, Hyperions stattlicher Sprössling,
hörten das Mädchen nach seinem Vater rufen. 71
Hekate sitzt in einer unterirdischen Höhle und ist neben Helios die einzige Zeugin der Entführung. Die enge Verbindung zwischen Helios und Hekate wird uns noch öfter begegnen, so ist z. B. die Hekate-Priesterin Medea auch eine Enkelin des Helios. Meist wird diese Stelle des Hymnos so interpretiert, dass Hekate hier für den Mond, die Nacht und das Weibliche stehe und mit Selene gleichgesetzt sei, was zunächst auch durchaus plausibel klingt. Unwillkürlich drängt sich einem da das Bild einer weisen Frau auf, die in sich gekehrt, mit der Kopfbinde der Eingeweihten geschmückt, in ihrer Höhle über Geheimwissen nachsinnt. Aber wie passt das zu der Höhle, in der Hekate sitzt? Meines Wissens wird Selene in der griechischen Mythologie nie in einer Höhle sitzend dargestellt. Die Symbolik der Höhle verweist viel eher auf den Zugang zur Unterwelt, auf Erd- und Muttergöttinnen. Der Höhepunkt der Einweihung in Eleusis war erreicht, wenn Hierophant und Hohepriesterin den Abstieg (katabasion) vollzogen und in der Dunkelheit der Höhle die heilige Hochzeit vollzogen, nachdem die Mysten die Fackeln gelöscht hatten.72 Die enge Verbindung zu Demeter und der Kore lässt m. E. keinen anderen Schluss zu, als dass Hekate im Rahmen der Mysterien von Eleusis ebenfalls als Erdgöttin aufzufassen ist, die speziell die unterirdische, nächtliche Sonne verkörpert und den Sonnengott des Tages als Partner hat. Eine Höhle der Hekate spielte auch bei den Mysterien der Kabiren auf Samothrake eine wichtige Rolle, als Göttin Kabeiro scheint Hekate dabei die Mutter der geheimnisvollen Kabiren gewesen zu sein; in Antiochia soll Kaiser Diokletian ihr eine Krypta geweiht haben, zu der man auf 365 Stufen hinabstieg.73
Es steht außer Zweifel, dass im Mittelpunkt der Mysterien von Eleusis die Fruchtbarkeit der Erde stand, dass dabei Schweine geopfert wurden und den Epopten eine geschnittene Ähre gezeigt wurde. Auf dem Höhepunkt der Einweihung rief der Hierophant: „Einen heiligen Sohn hat die Herrin geboren, Brimo den Brimos.“74 D. h. das Mysterium einer heiligen Geburt hat sich ereignet, die Göttin hat in der Unterwelt einen Sohn geboren und sich damit als Lebensgeberin erwiesen, die durch Töten und Tod hindurch den Kreislauf der Natur in Gang hält. Nun ist Brimo eine alte thessalische Erdgöttin, die oft mit Hekate und Persephone gleichgesetzt wird; und auch die kleinasiatische Muttergöttin (Magna Mater, Meter) wurde allgemein als Erdgöttin verstanden und insofern mit Demeter identifiziert. Wir sehen also, dass Demeter, Persephone und Hekate im Demeter-Hymnus geradezu eine Trinität von Erdgöttinnen bilden, der die Himmelsgottheiten (Helios, Zeus) als eine ganz andere Götterkategorie gegenüberstehen.
Neun Tage irrt Demeter auf der Suche nach ihrer Tochter mit Fackeln umher. Am zehnten Tag begegnet sie Hekate, die sich ebenfalls mit einer Fackel auf die Suche nach ihr gemacht hat. Gemeinsam machen sie sich auf zu Helios, der ihnen enthüllt, dass Hades der Räuber ist (im Gegensatz zu Hekate, die den Raub nur hörte, hat Helios die Szene auch gesehen, als er am Himmel dahinzog). Diese unruhige, angstvolle Suche nach der Verschwundenen wurde von den Neophythen im Vorbereitungsteil der Mysterien rituell nachgespielt (Vers 48 - 64):
Ganze neun Tage durchstreifte die machtvolle Deo den Erdkreis,
flammende Fackeln in ihren Händen; vom Kummer gepeinigt,
rührte sie weder Ambrosia an noch köstlichen Nektar,
tauchte auch ihren Körper nicht mehr ins Wasser zum Bade.
Als ihr am zehnten Tage die leuchtende Eos emporstieg,
kam ihr Hekate, in den Händen die Fackel, entgegen,
richtete gleich das Wort an sie und stellte die Frage:
„Hohe Demeter, Göttin der Reife und herrlicher Gaben,
wer von den himmlischen Göttern oder wer von den Menschen
raubte Persephone dir und schlug dich mit bohrendem Kummer?
Schreien hörte ich sie, doch erkannte nicht den Entführer.
Damit enthülle ich kurz dir den Hergang, soweit ich ihn kenne.“
So sprach Hekate. Keinerlei Antwort erteilte die Tochter
Rheias, der lockengeschmückten, sondern an Hekates Seite
stürmte sogleich sie fort, in den Händen die flammenden Fackeln.
Helios suchten sie auf, der acht gibt auf Götter und Menschen,
traten vor sein Gespann.75
Zum dritten Mal erscheint Hekate nach der Wiedervereinigung von Demeter und Persephone (v. 438). Sie wird als Dritte in den innigen Bund von Mutter und Tochter aufgenommen und zur festen Begleiterin der Persephone gemacht (C. G. Jung fühlt sich von Hekate als Helferin der Demeter an die Rolle des Anubis im Osiris-Mythos erinnert). Hekate erweist sich schließlich als zartfühlende, Anteil nehmende Freundin, die mit den beiden Getreide-Göttinnen eng verbunden ist und mit ihnen eine chthonische Trinität bildet:
So bereiteten sie, in herzlicher Eintracht, den ganzen
Tag einander aus inniger Liebe vielerlei Freuden
und erholten sich allmählich vom lastenden Kummer.
Jeder der beiden gab und empfing Beweise des Frohsinns.
Hekate nahte den beiden, die Göttin im schimmernden Kopftuch,
und umarmte herzlich die Tochter der hohen Demeter.
Seitdem wirkte die Herrin für sie als treue Genossin.76
Der letzte Vers lautet wörtlich: „Seit dieser Zeit war Hekate die Dienerin (πρόπολος, própolos) und Begleiterin (όπάων, opaôn) der Persephone.“
Der Hymnus deutet mit diesen beiden Begriffen an, dass Hekate im Mythos und im Ritual der Einweihung eine entscheidende Rolle bei der „Höllenfahrt“ und der „Auferstehung“ der Kore zukommt. Sie ist die schützende Begleiterin der Proserpina, die den Übergang in die chthonische Welt vermittelt, und dies nicht nur einmal, sondern alljährlich. Wenn wir uns noch einmal Hekates Ort zu Beginn des Hymnus vergegenwärtigen, sehen wir, dass sie wieder die Mittlerin zwischen Ober- und Unterwelt ist. Sie ist gegenwärtig, als die Kore in die Unterwelt hinabsteigt und ebenso, als sie wiedergeboren wird. Daher wird Hekate auf Vasenbildern häufig neben Persephone dargestellt (Beispiele von antiken Vasen findet man auf der Homepage www.theoi.com).77 Hekate ist die Vermittlerin, die Göttin des Übergangs von Leben zu Tod und Tod zu Leben, von Unterwelt und Oberwelt. Ich frage mich, ob die dreigestaltige Darstellung der Hekate nicht sogar als die Dreifaltigkeit von Demeter, Hekate und Persephone gedeutet werden könnte, wobei Hekate die geheime Verbindung zwischen Demeter und Persephone wäre, der schwarze Engel, der die Verbindung zwischen oben und unten bewacht, wie der Psychologe James Hillman meint:
Von Hekate heißt es, sie habe die ganze Zeit dabeigestanden und zugehört oder zugesehen. Es gibt offensichtlich eine Perspektive, von der aus der Kampf der Seele wahrgenommen werden kann ohne die Angst der Persephone oder das Unglück der Demeter. Auch in uns lebt ein schwarzer Engel (Hekate hieß auch angelos), ein Bewusstsein (sie hatte auch den Namen phospheros), das im Dunkeln leuchtet und solche Ereignisse wahrnimmt, weil es ihrer schon vor aller Erfahrung gewahr ist. Dieser Teil hat eine a priorische Verbindung mit der Unterwelt durch schnuppernde Hunde und Keiferei, Mondfinsternisse, Geister, Abfälle und Gifte. Ein Teil von uns wird nicht nach unten gezogen, sondern lebt immer dort, wie Hekate teilweise eine Göttin der Unterwelt ist. Von diesem Aussichtspunkt können wir unsere eigenen Katastrophen mit einer dunklen Weisheit beobachten, die kaum etwas anderes erwartet.78
Hekate wird im Demeter-Hymnus zweimal „mit glänzendem (gesalbtem?) Kopfband geschmückt“ (λιπαροκρήδεμνος, liparokrêdemnos) genannt. Die deutschen Übersetzungen von Eduard Mörike (1840) und Weiher (1961) geben dieses seltene Adjektiv, mit dem Homer in der Ilias (18,382) die Charis bezeichnet, ungenau mit „weißverschleiert“ wieder. Erst Dietrich Ebener (1976) übersetzt korrekt mit „schimmerndes Kopftuch“. Die Bedeutung dieses Beinamens ist rätselhaft, er muss einen esoterischen Sinn gehabt haben, der sich nur dem Eingeweihten erschloss. Das Anlegen von Kopfbinden kommt jedoch häufig bei Einweihungsriten (z. B. bei tantrischen Einweihungen) vor und steht meist für das Nicht-Sehen des Ungeweihten; sobald der Neophyt in die Geheimnisse eingeweiht wurde („Eintritt ins Mandala“), darf er die Kopfbinde abnehmen (daher verhüllt auch der Held bei Achilleus Tatios, III,18 sein Gesicht, als seine Geliebte von einem Ägypter mit Hilfe der Hekate wiederbelebt wird). Insbesondere bei der Einweihung in die Mysterien der unterweltlichen Götter musste man sich den Kopf verhüllen, so z. B. bei den Mysterien der „unterweltlichen Persephone“ in Agrai (Hippolytus, Refutatio, 5,8,43). Auf einem Marmorrelief aus dem 1. Jahrhundert n. Z. im Nationalmuseum von Neapel, das eine Einweihungsszene zeigt, ist deutlich zu erkennen, dass der Kopf des Mysten mit einem Tuch verhüllt ist, während eine weibliche Gestalt links von ihm zwei umgedrehte Fackeln hält und ein Priester mit Kopfbinde eine Flüssigkeit ins Feuer gießt.79 Sogar Goethe plante ursprünglich für den zweiten Teil des „Faust“ eine Szene, in der Faust in der Unterwelt der „verhüllten Persephone“ gegenüber treten sollte.
Dass Hekates Kopfband „glänzend“ ist, passt wieder sehr gut zu ihrem Charakter als Licht-Gottheit. Merkwürdig ist auch, dass Zeus’ Mutter Rheia, die Demeter auf sein Geheiß in den Kreis der olympischen Götter zurückholen soll, ebenfalls als „mit glänzender Kopfbinde geschmückte“ (V. 459) bezeichnet wird. Rhea wurde gern mit der phrygischen Kybele gleichgesetzt, die ebenfalls Mysterien besaß; beide wurden von den Pythagoräern mit Demeter identifiziert. Ein Grabrelief aus Lebadeia in Böotien, wo sich die berühmte Orakelhöhle des Trophonios befand, zeigt einen Mysten, der nach seinem Tod von Hekate an der Hand genommen und vor Kybele geführt wird.80 Da der Verstorbene in derselben Größe wie die Göttinnen abgebildet ist, darf man annehmen, dass er selbst vergöttlicht wurde. Hekate scheint also in den Kybele-Mysterien ebenfalls eine vermittelnde Funktion übernommen zu haben. Über Beziehung zwischen Rheia und Hekate haben sich später dann die Neuplatoniker Gedanken gemacht, wir werden bei der Besprechung von Proklos’ sechster Götter-Hymne noch darauf zurückkommen.
Da der Mythos von Eleusis allem Anschein nach die Erfahrung eines Abstieges in die Unterwelt und einer Wiedergeburt vermittelte, spielte Hekate in ihm eine wichtige Rolle als Helferin und Wegbereiterin des Einzuweihenden. Sie war die Hüterin der Schwelle, die vor jeder Reise in die Anderwelt gewonnen werden musste. Hierfür spricht, dass sich in Eleusis ein propyläisches Hekate-Heiligtum befand, das auch von Pausanias (I, 38) erwähnt wird. Bei den Einweihungen hat die Fackel, die sie oft als Symbol in Händen hält, gewiss eine kultische Rolle gespielt (und zwar als chthonisches Symbol81). Hekate hilft Demeter bei der Suche nach der geraubten Tochter, indem sie ihr mit ihrer Fackel leuchtet – was von den Neophyten zu Eleusis am Abend des 20. Boedromion, des Iakchos-Tages, am Meeresufer kultisch nachgespielt wurde.
Auch hier erweist sich die Göttin also wieder als Vermittlerin bzw. Wächterin des Übergangs zwischen verschiedenen Welten. Sie steht am Übergang von Haus und Öffentlichkeit, profan und sakral, lebendig und tot. Wir können also die gängige Vorstellung, Hekate sei die Göttin der Unterwelt und der Toten – denn dies ist in Wirklichkeit Persephone als Gattin des Hades/Plutos - dahingehend modifizieren, dass sie die Göttin des Übergangs von Leben zu Tod und von Tod zu Leben ist. In dieser Funktion ist sie mit dem Türhüter Apollon, mit dem römischen Gott Janus und vor allem mit Hermes dem Seelenführer verwandt, der ebenso wie Hekate Seelen in die Unterwelt hinab- und Träume hinaufführt (vgl. Odyssee, XXIV). Dies erklärt auch den scheinbaren Widerspruch, warum Hekate (oder Artemis) häufig als Geburtshelferin angerufen wird: Die Geburt ist ebenfalls ein Übergang, bei dem eine Seele aus der Unter- in die Oberwelt überführt wird (die Vorstellung der Reinkarnation war mit den eleusinischen Mysterien eng verbunden, wie die bekannte Stelle in Platons „Gesetzen“ und archäologische Funde beweisen). Die Geburtswehen wurden bildlich als Pfeil gedeutet, den die Göttin auf die Gebärende abschießt: „Wie in den Wehen der spitzige Pfeil die Gebärende peinigt,/ stechend, wie ihn die hilfreiche Eileithyia entsendet,/ Heras Tochter, die mit sich führt die bitteren Wehen“82. Von daher erklärt sich die Gleichsetzung der Geburtsgöttin Eileithyia mit Artemis und Hekate. Wir werden später noch einmal auf die Unterwelt (chthonos) zurückkommen.
Mit dieser Funktion der Hekate hängt auch der Galinthias-Mythos zusammen, der das Wiesel zu einem ihr heiligen Tier macht. Die Sage wird uns bei Antoninus Liberalis (Verwandlungen, 29) und Ovid (Metamorphosen IX, 281 ff.) überliefert. Als Hera die Geburt des Herakles verzögert, um zu verhindern, dass er König von Theben wird, greift Galinthis oder Galinthias ein:
Galinthias war die Tochter der Prötus in Theben. Diese Jungfrau war die Gespielin und Freundin der Alkmene, der Tochter des Elektryon. Als nun Alkmenen die Geburt des Herakles drängte, hemmten die Parzen und Ilithyia, aus Gefälligkeit gegen Here, den Fortgang der Wehen Alkmenes, indem sie mit eingeschlagenen Händen dabei saßen. Indem nun Galinthias fürchtete, Alkmene möchte den Schmerzen unterliegen, kam sie eilig zu den Parzen und der Ilithyia heraus, und meldete, Alkmene habe nach Zeus Willen einen Knaben geboren, und mit ihrem Ehrennamen wäre es nun aus. Bei dieser Nachricht ergriff die Parzen ein heftiger Schreck, und sie verließen augenblicklich die Wehen, und Herakles kam zur Welt. Darob trauerten die Parzen, und nahmen der Galinthias ihr Magdthum ab, weil sie, eine Sterbliche, Götter betrogen hatte, verwandelten sie in ein listiges Wiesel, wiesen ihr den Aufenthalt im Winkel an, und machten ihre Begattung widerwärtig; denn sie begattet sich durch die Ohren, und wirft, was sie empfangen, durch den Hals aus. Indes hatte Hekate wegen der Verwandlung ihrer Gestalt Mitleiden mit ihr, und machte sie zu ihrer heiligen Dienerin; Herakles aber gedachte, als er herangewachsen war, ihres Dienstes, errichtete ihr ein Heiligtum neben dem Hause, und brachte ihr Opfer. Diese Opfer beobachten die Thebaner auch jetzt noch, und opfern vor dem Feste des Herakles zuerst der Galinthias.83
Die Verwandlung der Galinthias, englischer Stich von 1777
Ovid ergänzt in seiner ausschmückenden Erzählung, mit welcher magischen Geste die Geburtsgöttin die Geburt hemmt: sie schlägt das rechte Knie über das linke und verschränkt die Finger „kammartig“ (dextroque a poplite laevum/ Pressa genu, digitis inter se pectine junctis). Das Verschränken der Finger und Beine soll, verbunden mit einer böswilligen Absicht, eine hemmende Wirkung haben, was durch den älteren Plinius bestätigt wird:
Bei Schwangeren zu sitzen oder, wenn Heilmittel für irgendjemanden angewandt werden, mit kammartig (pectinatim) ineinander verschränkten Fingern ist eine Giftmischerei, und dies überliefern sie zuverlässig von der den Herkules gebärenden Alkmene, schlimmer, wenn um ein oder zwei Knie, ebenso die Knie gegenseitig gegen die Knie aufgelegt werden. Daher haben die Vorfahren verboten, dies bei Beratungen der Heerführer oder der Beamten zu machen gleich wie das jede amtliche Handlung Hemmende, sie haben aber auch verboten, Opfern und Gelübden auf ähnliche Weise beizuwohnen.“84
Galinthis handelt als Hexe, wenn sie den bösen Zauber der Geburtsgöttin mit einer List, also einem Gegenzauber, bricht. Ihre Verwandlung in ein Wiesel ist einerseits eine Bestrafung, andererseits eine Erhöhung, da sie nun selbst zu einer Gottheit mit eigenem Kult erhoben wird. Man fragt sich auch, wieso Hekate am Ende der Geschichte so unvermittelt eingreift, nachdem zuvor nur von Hera, Eileithyia und den Moiren (Parzen) die Rede war. Die Antwort kann nur darin liegen, dass sie eine Affinität zu der Göttin hat, der sie assoziiert wird. Dass Hekate oft mit der Geburtsgöttin gleichgesetzt wird, haben wir gesehen; sollten also Eileithyia und Hekate hier nicht im Grunde identisch sein und nur zwei Aspekte der Göttin ausdrücken? In der Sage geht es um Binden und Lösen, Hemmen und Vorantreiben, „schwarze“ und „weiße“ Magie. Eine Göttin der Magie wird beide Aspekte haben müssen, die hier durch Eileithyia, Hera und die Parzen einerseits und Hekate andererseits ausgedrückt werden. Das Wiesel galt im alten Thessalien, dem griechischen Hexenland, als Verwandlungsform von Hexen – dass Hexen meistens ein „Krafttier“ haben oder nachts ihren Körper verlassen und in Tiergestalt herumstreifen, ist vielfach belegt.85 Was der Mythos als einmalige Verwandlung erzählt, dürfte in Wirklichkeit eine sich regelmäßig wiederholende Praxis der Hexen gewesen sein. Das Wiesel muss also ein Hexentier gewesen sein, das womöglich einen Bezug zu einem alten Göttinnenkult hatte, in dem die Göttin selbst als dieses Tier verehrt wurde. Jedenfalls wurde das Tier als ambivalent empfunden, wofür die Spuren im europäischen Volksaberglauben sprechen, in dem es sowohl unglückbringend wie glückverheißend ist (die getrocknete Zunge des Wiesels im Schuh zu tragen sollte alle Feinde zum Verstummen bringen, ein Wiesel vermag den Basilisken zu töten, Plin. Nat. hist. 8,33,78). In der Tat kann dieses kleine Raubtier beim Eindringen ins Haus Schaden anrichten und wurde verdächtigt, Kühen die Milch auszusaugen, andererseits macht es sich als Vertilger von Ratten und Mäusen nützlich, weshalb man früher Wieselfelle in die Scheune legte oder im alten Rom gar die Asche eines verbrannten Wiesels im Stall verstreute.86 Dass das Wiesel im Lauf des Jahres sein Fell wechselt (braun zu weiß), passt ebenfalls zu seinem ambivalenten Wesen. Da es bei ihm keine normale Fortpflanzung gibt, wie man glaubte, schrieb man ihm im Volksglauben sogar eine empfängnisverhütende Wirkung zu – was wiederum sehr gut zu Dunkelmond-Göttinnen wie Hekate passt.87
1 „She is not essentially a demonic deity but one of liminality, concerned with guiding the worshipper through inherently dangerous and uncertain areas of ‚no-man’s lands’ beyond the certain and the known, like birth and death and, in the physical realm, crossroads and doorways“ (Stephen Ronan: The goddess Hekate. Hastings 1992, S. 6).
2 Gegen die orientalische Herkunft der Göttin spricht sich hingegen Nina Werth (2007) aus, was mich aber nicht überzeugt.
3 Alfred Heubeck hat schon 1955 gefordert, man müsse in Zukunft die hurritisch-hethitischen Mythen auf ihre Vorbildfunktion für die griechische Sagenbildung betrachten, ein Ansatz, der heute u. a. von Frank Starke, Norbert Oettinger und Peter Högemann vertreten wird.
4 Volkert Haas: Magie und Mythen in Babylonien, Vastorf 1986; Magie und Mythen im Reich der Hethiter, Hamburg 1977; Geschichte der hethitischen Religion, Leiden/New York/Köln 1994.
5 S. Ronan, S. 120 f. und Gimbutas.
6 S. Abb. 354 in G. Camporeale, Die Etrusker, Düsseldorf u. Zürich 2003.
7 Herbert J. Rose: Griechische Mythologie. Ein Handbuch. München 2003, S. 118.
8 Reinhold Merkelbach: Mithras. Königsstein 1984, S. 216 - 218.
9 Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion. Leiden, New York, Köln 1994, S. 156.
10 Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion, S. 300 und 373.
11 Gerda Lerner: Die Entstehung des Patriarchats. Frankfurt 1991, S. 25.
12 Gerda Lerner, S. 27.
13 Volkert Haas: Magie und Mythen im Reich der Hethiter. Hamburg 1977, S. 51. Hervorhebung im Zitat von mir.
14 Haas, Hethiter, S. 18.
15 Haas, Hethiter, S. 28.
16 Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion, S. 383 - 392.
17 Haas, Hethiter, S. 29.
18 Haas, Hethiter, S. 33.
19 Gerda Lerner, S. 198.
20 Gerda Lerner, S. 198 - 200, vgl. V. Haas, Hethiter, S. 25 - 40.
21 Daniel Schwemer: Gebet und Vorzeichenkunde bei den Hethitern. In: Damals, 34. Jg., Heft 2/2002, S. 28. S. auch Schwemer, Die Wettergottgestalten Mesopotamiens und Nordsyriens im Zeitalter der Keilschriftkulturen, Wiesbaden 2001.
22 Volkert Haas: Geschichte der hethtischen Religion, S. 378 u. 421.
23 Daisuke Yoshida: Untersuchungen zu den Sonnengottheiten bei den Hethitern. Heidelberg 1996, S. 318 f.
24 Haas: Mythen und Magie im Reich der Hethiter, S. 52.
25 „Das von den aufgebrachten Dämonen oder den erzürnten Göttern begehrteste Substitut ist ein Mensch.“ (V. Haas: Geschichte der hethtitischen Religion, S. 896).
26 Yoshida: Untersuchungen, S. 319.
27 Strabon: Geographie XIV.2, übersetzt von Karl Kärcher, Stuttgart 1835, S. 1208.
28„Meerwärts liegen die Karer, die Päoner, kundig des Bogens, Leleger auch, Kaukonen zugleich.“ (Ilias 10,428, Übersetzung von D. Ebener).
29 I. J. Adiego: The Carian Language. Leiden 2006.
30 Anneliese Peschlow-Bindokat: Der Latmos. Eine unbekannte Gebirgslandschaft an der türkischen Westküste. Mainz 1996.
31 Peschlow, S. 5.
32 Strabon, XIV,17, p. 656 f.
33 S. Artikel „Karisch“ in: Der Neue Pauly, Bd. 6, Sp. 279 f.
34 Homer: Werke. Erster Band: Ilias. Deutsch von Dietrich Ebener, 3. Auflage, Berlin u. Weimar 1983, S. 47.
35 Griechische Lyrik in einem Band. 2. Aufl., Berlin u. Weimar 1980, S. 287.
36 „sprach die purpurfüßige Jungfrau, die wohlwollende/Hekate, dieses Wort“ (Pindar, frag. 34/P. Oxy. 841; Pindar: Gedichte, München o. J., S. 361).
37 M. P. Nilsson: Griechische Feste von religiöser Bedeutung. Leipzig 1995, S. 398.
38 Nilsson, Griechische Feste, S. 398 - 400.
39 Alfred Laumonier: Les cultes indigènes en Carie. Paris 1958, Tafel VI, Abb. 4,6,7.
40 A. Laumonier, S. 423 f.
41 Annemarie Peschlow, S. 12.
42 Nilsson: Griechische Feste, S. 400 f. Ich konnte den Ort am 21.3.2008 besuchen.
43 Zum Lagina-Fries s. Peter Baumann: Der Fries des Hekateions von Lagina, Neue Untersuchungen zu Monument und Kontext. BYZAS 6, Istanbul 2007.
44 „Dans une pose assez raide“, A. Laumonier, S. 406.
45 Karl Kerényi: Die Göttin Natur. Eranos XIV (1946), S. 57; Diels, Vorsokratiker, Bd. 1, S. 149.
46 Theodor Kraus: Hekate. Studien zu Wesen und Bild der Göttin in Kleinasien und Griechenland. Heidelberg 1960, S. 50.
47 A. Laumonier, S. 401, Nilsson, S. 401.
48 Nilsson, S. 401.
49 Cousin BCH 11,1887, 160-161, Hula, Arch.-epig. Mitt. Aus Öst.-Ung. 12, 1887, 77 - 79. IStrantonikeia 543. S. auch http:/7epigraphy.packhum.org/inscriptions .
50 Martin Nilsson: Griechische Feste von religiöser Bedeutung, Stuttgart 1995, S. 400.
51 Theodor Kraus: Hekate. Heidelberg 1960, S. 11.
52 Th. Kraus, S. 12.
53 Karin Zeleny, Die Göttin Hekate, Wien 1999, S. 12.
54 Scott Jeffreys: The chronicle of John Malalas. A Translation. Melbourne 1986, S. 167.
55 Richard Wünsch: Antike Fluchtafeln, 2. Aufl. Bonn 1912, Text 1.
56 „Hekate ist zuerst so genannt worden, weil sie Strahlen von weither schleudert.“ (Historiae Deorum Gentilium, Basel 1548, S. 494; zit. bei K. Zeleny, S. 7). Näheres zur Etymologie-Diskussion bei Zeleny, S. 26 - 32.
57 S. hierzu Peter Högemann: Die Seuche im Heerlager der Griechen vor Troia. Klio 2007 (im Druck).
58 Barbara G. Walker: Das geheime Wissen der Frauen. München 1996, S. 361.
59 Pausanias: Beschreibung Griechenlands, II, 30,2. Neu übersetzt von Ernst Meyer. Zürich 1954, S. 136.
60 „L‘Hekataion archaïsant de l’Acropole de Rhodos prouverait la persistance dans l’île du type triple du Vie s. jusqu’à l’époque gréco-romaine. Ainsi se trouverait confirmée l’origine orientale, au moins en partie, de notre Hekate carienne, et ses affinités étroites avec Cybele déjà reconnue à Kolophon et à Lagina. Hekate semble encore à Rhodes tenir la place de la vieille Terre-Mère trônant seule sur les hauts-lieux, ou associée à Zeus (…) parèdre du Souverain des dieux sur un double-trône.„ (Alfred Laumonier: Les cultes indigènes en Carie. Paris 1958, S. 681).
61 S. V. Haas: Geschichte der hethitischen Religion, S. 477 - 481.
62 Ovid: Festkalender (Fasten). Metrisch übertragen von C. F. Metzger. Erstes Bändchen. Stuttgart 1838, S. 697.
63 http://www.mlahanas.de/Greeks/Mythology/HecateChiaramonti1922.html.
64 Tatjana Brahms: Archaismus. Untersuchungen zur Funktion und Bedeutung archaistischer Kunst in der Klassik und im Hellenismus. Frankfurt a. M 1994; Nina Werth: Hekate, Hamburg 2006.
65 Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf: Der Glaube der Hellenen. 2. Aufl., Bd. 1, Darmstadt 1955, S. 165.
66 Hesiod: Sämtliche Gedichte. Übersetzt und erläutert von Walter Marg. Zürich 1970, S. 194 - 207.
67 S. die Übersicht der verschiedenen Genealogien bei Zeleny, S. 33.
68 H. Petersmann: Persephone im Lichte des altorientalischen Mythos. Eine etymologisch-religionsgeschichtliche Untersuchung. In: Die Sprache 32 (1986), S. 298 ff.
69 Hesiod: Theogonie. Hrsg. Von Albert von Schirnding. München und Zürich 1991, S. 37 - 39.
70 Nielsson, Griechische Feste, S. 349; Margaret M. Miles: The Propylon to the Sanctuary of Demeter Malophoros at Selinous, in: American Journal of Archaeology, Vol. 102, No. 1 (Jan., 1998), pp. 35 - 57; IG XIV 270 (Vª). Abbildung auf: www.selinunte.net/le_piccole_metope.htm (2007).
71 In: Griechische Lyrik, 2. Aufl., Berlin u. Weimar 1980, S. 1. Hingewiesen sei auch auf die Übersetzung Eduard Mörikes (Sämtliche Werke, München 1964, S. 1254 - 1268).
72 „Ist dort nicht der finstere Niederstieg und das feierliche Zusammensein des Hierophanten und der Priesterin, zwischen ihm und ihr allein; werden nicht die Fackeln ausgelöscht und hält nicht die unzählbare Menge für ihr Heil, was in der Finsternis von den Beiden vollzogen wird?“ (Bischof Asterius, um 390, nach C. G. Jung, Ges. Werke V, Olten 1973, S. 435).
73 Karl Kerényi: Humanistische Seelenforschung, Stuttgart 1996, S. 111; C. G. Jung: Ges. Werke V, S. 471.
74 Walter Burkert: Antike Mysterien. München 1990, S. 76 (Hippol. Ref. 5,8,39).
75 Griechische Lyrik, S. 2 - 3.
76 Griechische Lyrik, S. 14 - 15.
77 Vgl. Sarah Iles Johnston, Hekate Soteira, Atlanta 1990, S. 23 („by being both behind and in front of Persephone, Hekate thoroughly protects or guides her… Hekate’s role in the story of Persephone is that of an escort across a very important boundary”).
78 James Hillman: Im Anfang war das Bild. München 1983, S. 50. Ähnlich äußert sich schon Kerényi in Das göttliche Mädchen (Amsterdam 1941, S. 24 - 28): „Doch mahnte Hekate (...) die Griechen zugleich daran, dass die Dreiteilung neben der geordneten Zeuswelt auch einem chaotischen Bereich Raum lassen muss, in dem sich die Gestaltlosigkeit der Urwelt als Unterwelt weiter erhält.“
79 S. Abbildung 7 in: J. J. Bachofen, Mutterrecht und Urreligion, Stuttgart 1941, S. 144.
80 S. Eitrem: Orakel und Mysterien am Ausgang der Antike. Zürich 1947, S. 67.
81 „Wo sonst die Fackel im Kult vorkommt, gehört sie keiner Gottheit, die je als Mond- oder Sonnengottheit in Anspruch genommen worden ist, sondern chthonischen und orgiastischen Göttern.“ (Martin Nilsson, Griechische Feste, S. 396 f. Fußnote 4).
82 Homer: Ilias, XI, 269 - 271, übers. von Dietrich Ebener, Berlin 1983, S. 199 f. Vgl. Nonnos: Dionysiaka XXXVI, 62 ff.
83 Antoninus Liberalis Sammlung von Verwandlungen. Uebersetzt von Fr. Jacobs. Stuttgart 1837, S. S. 125 - 126 (s. auch Mader, Griechische Sagen, Zürich 1963, S. 225 - 226). Kurze Erwähnung bei Aelian, Hist. Anim. XII,5.
84 Plinius, Nat.Hist. 28,17,59: Adsidere gravidis vel, cum remedia alicui adhibeantur, digitis pectinatim inter se inplexis veneficium est, idque conpertum tradunt Alcmena Herculem pariente; peius, si circa unum ambove genua; item poplites alternis genibus inponi. ideo haec in consiliis ducum potestatiumve fieri vetuere maiores velut omnem actum inpedientia, vetuere vero et sacris votisve simili modo interesse.
85 Manfred Lurker: Wörterbuch der Symbolik, Stuttgart 1988, S. 809; Agrippa von Nettesheim: De Occulta Philosophia, Kap. XVII.
86 Baechtold-Stäubli: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, VI,50 u. 321, I, 537 u. a.
87 Baechtold-Stäubli, HdA, I,537 (Stichwort „Aphrodisiaca“): „Deß Wieselins linckes hödlin in die Haut eines Maultieres verwickelt, machent unbärhafft.“
Teil II
Hekate in der klassischen Literatur

Hekate in Athen
Über Thrakien und Thessalien, vielleicht auch über die Inseln der Ägäis – eine Hekate-Insel befand sich vor dem Hafen von Delos1 – gelangte der Kult der Göttin schließlich nach Athen, wo sie spätestens ab dem 5. Jahrhundert populär wurde. In dieser Zeit wurde ihr am Rand der Akropolis ein Heiligtum erbaut, das sie wieder einmal in ihrer Funktion als Hüterin des Eingangs (Hekate Propylaia) zeigt. Pausanias (II, 30,2) berichtet, dass sie als Hekate epipyrgidia (Turm-Hekate) unweit des Nike-Tempels auf der Akropolis verehrt wurde, als Alkamenes die oben erwähnte dreigestaltige Hekate-Statue schuf.2 Schließlich war die Göttin so beliebt, dass vor nahezu jeder athenischen Haustür ein Hekate-Bild stand, wie Philokleon in Aristophanes’ „Wespen“ V. 804 sagt (‘ώσπερ Έκάτειον, πανταχού προ τών θυρών, hôsper Hekáteion, pantachoú pro tôn thyrôn). Inschriften aus Epidauros und Magnesia belegen denselben Beinamen für Artemis und die Altäre vor den Haustüren.
Hekate in der griechischen Tragödie
Wenden wir uns nun den Stellen zu, an denen Hekate bei den griechischen Tragikern Aischylos, Sophokles und Euripides erscheint, die allesamt Athener waren. Hier tritt sie uns erstmals als dämonische Göttin der Magie entgegen, die nachts beschworen wird, den Menschen Gespenster und böse Träume sendet und auf einer Drachenschlange reitet, ja selbst schlangenhafte Züge aufweist.
In den „Hiketiden“ (Schutzflehenden) des Aischylos ruft der Chor V. 676 Hekate-Artemis als Geburtshelferin an, wobei die Göttin als Schützin gedacht wird, die der Gebärenden mit ihren Pfeilen die Wehen sendet (vgl. Homer, Ilias XI, 269):
Hort sei Artemis Hekate
Bei Geburten den Frauen!3
(Άρτεμιν δ Έκάταν γυναικων λόχους εφορεύειν, Artemin d’ Hekátan gynaikôn lóchous ephoreúein).
Ganz ähnlich heißt es bei Euripides im „Hippolytos“, als die Amme Artemis als Geburtshelferin erwähnt:
Auch meinen Leib hat
einst der Sturm durchzittert.
Da schrie ich zur Herrin der guten Geburten,
zur bogenwaltenden himmlischen Jungfrau
Artemis.4
Als „Despoina (Herrin) Hekate, Hüterin königlicher Paläste“ begegnet sie uns in einem Aischylos-Fragment (TrGF 388). In Sophokles verlorener Medea-Tragödie „Die Wurzelsammlerinnen“ (Rhizotomoi) stand die folgende Anrufung, die uns Hekate zum ersten Mal als die unheimliche, nächtliche Herrin der Dreiwege zeigt. Dieses kurze Fragment ist schwer zu deuten und verwendet sehr archaische Bilder:
Helios, Herrscher und heiliges Feuer,
Speer der Hekate Einodia
Welchen sie durch den Olympus trägt,
Und sie, bewohnend der Erde heilige Dreiwege,
Hat sich umgeben mit Eiche(nlaub) und Geflecht,
Mit den Windungen grausamer Schlangen.5
Bemerkenswert ist ihre enge Verbindung zum Sonnengott, der hier als ihr „Speer“ bezeichnet wird und von ihr geführt wird. Die Metapher deutet die Strahlen der Sonne als Waffe der Göttin, was an eine Stelle im großen Pariser Zauberpapyrus erinnert, in dem die „Allmutter Physis“ als „Unbezwungene, Zusammenhaltende“ bezeichnet wird, „die das große Feuer im Kreise umtreibt“ (PGM IV,2915 ff.).6 „Phosphoros, „Lichtbringerin“, ist überhaupt einer der häufigsten Beinamen der Hekate (etwa Schol. Ad. Theocr. II,12; Eur. Hel. 569; fr. 959); ihre Fackel wird im Demeter-Hymnus als „sélas“ (Licht) bezeichnet.7 Der Speer ist zudem die wohl älteste Jagdwaffe der Menschheit, noch vor Pfeil und Bogen. Kurz, Hekate erscheint hier unseres Erachtens als Jägerin, als Sonnen- und Erdgöttin. Wie aber kommt eine Erd- und Nachtgöttin wie Hekate dazu, die Sonne zu führen? Die plausibelste Erklärung wäre auch diesmal wohl, dass Hekate die Sonne in der Nacht unter der Erde hindurch von Westen nach Osten führt, damit sie morgens wieder im Osten aufgehen kann. Denn die Nachtreise der Sonne, die in klassischer Zeit dem Sonnengott Helios zugeschrieben wird (er fährt in einem goldenen Gefäß unter der Erde nach Osten), war in archaischer Zeit Aufgabe der Erdgöttin: Noch die Mondkuh der ägyptischen Göttin Hathor trägt ein Boot unter ihrem Leib, in dem Sonne und Sterne nachts gen Osten reisen. Hekate würde also bei Sophokles tatsächlich noch die alte Erdgöttin verkörpern, die die Mutter der Sonne ist. Der Bezug zur Sonne bzw. zum Sonnengott ist bei Hekate stets vorhanden, wie wir bei der Medea-Sage noch sehen werden. Die mythische Vorstellung der Unterweltfahrt bietet sich auch förmlich an als Symbol für Tod und Wiedergeburt, für den Übergang von einem Leben zum nächsten und für die zyklische Erneuerung der Lebenskraft. Wolfgang Fauth sieht daher gerade in Medeas Fähigkeit, Lebewesen durch Zerstückelung zu verjüngen, einen Ausdruck ihres solaren Erbes: „sie verjüngt und erneuert mit dem Zerstückelungsopfer des Widders im magischen Kessel (Diod. Bibl. Hist. 4,52, 1 - 2 T34) die solare Lebenskraft, - analog dem nächtlichen Aufenthalt des Sonnengottes im goldenen Gefäß. Demgemäß werden in Rhizotomoi des Sophokles (...) Helios und Hekate vom magischen Anruf zusammengefasst“8 .
Hierzu passt auch, dass Hekate in der Antike gelegentlich mit dem Morgenstern in Verbindung gebracht wurde, der den Aufgang der Sonne ankündigte (ähnlich wie die phönizische Astarte).
Ob die „Schlangen“ sich auf dem Kopf (wie bei der Medusa) oder am Körper befinden (wie in späteren Texten erwähnt), ist nicht ganz klar. Als Hekate dem Jason erscheint, heißt es bei Apollonios von Rhodos: „Und rundherum bekränzten sie schreckliche Schlangen mit Eichenzweigen.“ (smerdaléoi dryïnoisi metà ptórthoisi drákontes; Argonautika III, 1215). Dass Hekate gern mit einem Schlangen-Gürtel dargestellt wurde, wissen wir auch aus den gräko-ägyptischen Zauberpapyri (PGM).9 Dort heißt es auch, sie habe „giftsendende Drachengeflechte auf den Schultern“ bzw. einen Eichenlaubkranz mit Schlangen, oder sei am Unterleib mit Schlangenschuppen bedeckt (wie Melusine) oder von Schlangen umgürtet.10 Die byzantinische Suda-Enzyklopädie spricht sogar davon, dass die Erscheinung der Hekate drachen- oder schlangenköpfig sei.11 In einem spätantiken Text fordert Hekate selbst von ihren Anhängern, sie mit Schlangen auf dem Kopf und um die Hüfte abzubilden:
Vollende mir nun alles, was ich dir sage: Meine Statue stellt dar
In sich das Bild der Demeter, geschmückt mit prächtigen Früchten,
Mit schneeweißem Gewand und goldenen Sandalen an den Füßen,
Um den Gürtel winden sich lange Schlangen (δράκοντες),
die auf meinen reinen Spuren kriechen, andere hängen
Von meinem Haupte herab bis auf die Füße,
Um mich gewunden in geordneten Reihen.12
Den Schlangengürtel hat Hekate mit der Gorgo Medusa gemeinsam, die beispielsweise auf dem Relief des Artemis-Tempels von Korfu (585 v.Z.) mit zwei Schlangen dargestellt wird, die sich vor ihrem Bauch gegenseitig umschlingen wie am Heroldsstab des Hermes. Historisch gesehen verweist die Schlangengöttin zurück auf die minoische Kultur Kretas, in der es um 1600 v. Z. Schlangenpriesterinnen bzw. –göttinnen gegeben zu haben scheint (vgl. die bekannte Statue einer barbusigen Priesterin aus Knossos, die zwei Schlangen hält und sich heute im Museum von Heraklion befindet). Auch Ischtar trägt einen Schlangengürtel, die ägyptische Göttin Isis (Thermutis) wurde noch in römischer Zeit in Ägypten mit einem Schlangenleib dargestellt, selbst die etruskische Todesgöttin Vanth hält in kretischer Manier zwei Schlangen in den Händen. Die Drachensymbolik ist immer mit chthonischen Gottheiten verbunden, die von den olympischen Göttern und den Heroen überwunden werden müssen (man denke an den Drachenkampf des Jason, Herakles und Kadmos). So muss Apollon zuerst die Python-Schlange töten, bevor er Delphi in Besitz nehmen und dort Orakel spenden kann. Delphi war eindeutig ein Ort der alten Erd- und Muttergöttin, die dort schon vor der Ankunft Apollos und der patriarchalen Griechen von rätselhaften Pelasgern verehrt wurde. Der Drachenkampf scheint generell ein Symbol für die Überwindung matrizentrischer Strukturen durch das Patriarchat zu sein, stehen die Schlangen doch ursprünglich für die „einstmals androgynen Fähigkeiten der sich selbst befruchtenden Muttergöttin“13 , aber auch für Dunkelheit, Nacht, Feuchtigkeit und Tod.
Die Polarität von männlich und weiblich, Sommer und Winter, Himmel und Erde wurde von den Griechen daher auch in dem Sprichwort „Der Stier ist der Vater der Schlange, und die Schlange ist der Vater des Stiers“ ausgedrückt, das bei Firmicius Maternus überliefert ist. C. G. Jung schreibt hierzu:
Das bringt es auf den Begriff. Man kann es nicht übertreffen an großartiger Klarheit, nur muss man verstehen, was der Stier ist und was die Schlange ist. Der Stier ist der Monat Mai, die großartige Fruchtbarkeit des Frühlings. Taurus, die unzähmbare Kraft in ihrer vollen männlichen Manifestation, ist das Haus der Venus. Die Schlange ist das kaltblütige Tier, die irdische Gottheit, sie bedeutet Dunkelheit, Nacht, Feuchtigkeit. Sie ist in der Erde versteckt, sie symbolisiert Tod und Furcht. Sie ist giftig. Sie ist das genaue Gegenteil des Stieres; daher erklärt das Sprichwort den Vater des Stiers zum Vater des offenkundigen Gegenteils und macht das Positive zum Vater des Negativen. Die Chinesen sind der Auffassung, wenn Yang den Höhepunkt erreiche, erscheine dabei Yin. Yin erreicht den tiefsten Punkt, und Yang wird erschaffen. Deshalb können sie sagen: „Um Mitternacht wird der Mittag geboren, und am Mittag wird Mitternacht geboren. Es ist alles dasselbe.14
Die Schlange ist jedoch nicht unbedingt lunar, wie man aufgrunddessen vermuten könnte, sie kann durchaus auch für die Sonne stehen, da die Schlange wie die Sonne lautlos in der Erde verschwindet. Der Schlangengürtel, Schlangenleib oder der Drache als Reittier weisen die Göttin als die Verkörperung des großen Kreislaufs aus und stehen für die Menstruation:
Die Schlange und die Göttin umwinden einander und in Furcht und Entzücken werden sie eins. Ihre symbolische Vereinigung entspricht dem natürlichen Zusammenfügen gemeinsamer Attribute. Beide sind mit Geburt, Tod und Auferstehung verknüpft: Die Schlange durch die Fähigkeit, ihre Haut abzustreifen, die Göttin durch lunare Assoziationen ihrer Wiedergeburt. In einem komplexen Gewebe symbolischer Fäden haben sie beide mit den Reichen der Erde, des Wassers und der Unterwelt sowie mit dem Sprießen und Vergehen der Vegetation zu tun.15
Auch der Geist eines Verstorbenen kann in der Antike die Gestalt einer Schlange annehmen. Als Aeneas im fünften Gesang der Aeneas seinem verstorbenen Vater ein Totenopfer darbringt, erscheint eine riesige Schlange, die das Opfer frisst und wieder in der Erde verschwindet – worauf Aeneas unschlüssig ist, ob dies nun der Geist des Vaters oder ein Erdgeist war (incertus geniumne loci famulumne parentis/esse putet; Aen. VI, 95 f.). Bei Plotins Tod kroch eine Schlange unter dem Bett hervor (Porphyr. Vita Plotin. 2). Sicher ist jedenfalls, dass die Schlange eng mit dem Totenkult verbunden ist.
Da ist zunächst die Schlange als Erscheinungsform chthonischer Geistwesen, der Seele verstorbener Heroen oder der Totenseele überhaupt. Hinzu kommt die Idee von der Schlange als Hüterin des Grabes und als genius loci; kann doch auch der Genius dem chthonischen Kultkreis angehören, und zwar als comes (Begleiter) der menschlichen Seele, der mit dem Menschen stirbt, aber nicht mit dem Tod zu existieren aufhört, mit den manes identisch ist und in zahlreichen Grabinschriften erwähnt wird.16
Ein schönes Beispiel für den Zusammenhang von Erdgöttin und Schlange liefert uns auch Macrobius im ersten Buch der „Saturnalien“. Nachdem er den Monatsnamen „Mai“ von Maja, der Mutter Merkurs, abgeleitet hat, diskutiert er die Gleichsetzung Majas mit der Erdgöttin, wobei er als einen der Hauptgründe anführt, dass ihr im Mai ein schwangeres Schwein geopfert werde, ein typisches Opfertier der Erdgöttin (quod sus praegnans ei mactatur, quae hostia propria est terrae; I, 12,2o); auch werde die „chthonische Hekate“ mit der Tochter des Feld- und Waldgottes Faunus gleichgesetzt. Sodann erzählt Macrobius eine alte Sage, derzufolge Faunus seine Tochter vergewaltigen wollte, als diese sich dagegen sträubte, habe er sich in eine Schlange verwandelt und sich mit ihr vereinigt, (transfigurasse se tamen in serpentem pater creditur et coisse cum filia; I, 12,24), weshalb Schlangen in ihrem Tempel erschienen, ohne sich zu fürchten oder Furcht zu erregen (serpentesque in templo eius nec terrentes nec timentes indifferenter appareant; I, 12,25). Der Maja-Tempel war außerdem eine Kräuter-Apotheke, kein Mann durfte ihn betreten.
Nun ist Faunus/Fauna eine ursprünglich zweigeschlechtliche Gottheit, ähnlich wie Cacus/Caca und Liber/Libera.17 Solche androgynen Götter, die durchaus nicht selten sind, sind jedoch immer chthonisch und verweisen zurück auf die Vorstellung der sich selbst befruchtenden Erdgöttin, also auf eine frühere Phase der kulturellen Entwicklung. Der Faunus-Mythos scheint also ebenfalls auf die alte Religion der Göttin zurückzugehen. In esoterischer Hinsicht verweist der Drache auf die „Feuerschlange“, die Shakti oder Kundalini, und auf die „drakonischen“ oder tantrischen Kulte, die ihr gewidmet sind. Wir werden weiter unten noch einige Hinweise auf die magischen Praktiken finden, die mit Schlangengöttinnen wie Hekate verbunden wurden.
Am häufigsten erscheint Hekate in den Dramen des Euripides, was möglicherweise damit zu tun hat, dass sie ab dem 5. Jahrhundert v. Z. in Athen auch offiziell verehrt wurde. In der Erkennungsszene der „Helena“ (v. 569 ff.) rufen Menelaos und Helena Hekate als „Lichtträgerin“ und Verursacherin von Traumbildern an. Wieder tritt ihre ambivalente Doppelnatur als Licht- und Nachtgöttin hervor:
M.: Lichtgöttin Hekate, send’ uns holde Bilder zu!
H.: Kein Nachtgebild der Wegegöttin schauest du.
(ώ φωσφόρ́ Έκατη πέμπε φάσματ’ είμερη)18 .
Auch diese Stelle macht nur Sinn, wenn man Hekate als Hüterin eines verborgenen Lichtes denkt, eben der Sonne, die sich nachts unter der Erde befindet. Im dritten Akt des „Ion“ plant Kreusa die Ermordung des jungen Ion, den sie für einen Bastard ihres Gatten Xuthos hält. Der Chor ermuntert sie dabei, indem er in seinem Chorlied Hekate anruft, die heimliche Vergiftung zu unterstützen:
Pfadebehütende Gottheit, Tochter Deos, Lenkerin nächtlichen Pfads wie hellen
Gangs an leuchtenden Tag, o sei Pfadlenkerin heute
Jenem todausströmenden Kelch der Herrin,
Jenem Kelch, in welchen das Blut
Halsdurchschnittener Gorgo träuft, zum Trunk ihm,
Der keck das fürstliche Haus der Erechtheiden begehrt.19
Deo ist Demeter, so dass Hekate hier als Tochter der Demeter gesehen und mit Persephone gleichgesetzt wird, aber anhand ihres Beinamens „Pfadlenkerin“ als Hekate identifizierbar ist. Johannes Minckwitz kommentiert diese umstrittene Passage so:
Als Göttin der Nacht galt gerade Hekate für eine Beschützerin aller Wege und Stege; sie sendet Nachtgesichter und jeder Art gespensterhafte Erscheinungen, und wurde deßhalb angerufen. Unbedingt richtig aber ist es, was Hartung gegen Seidler und Hermann anführt, welche beide Kritiker eine falsche Interpunktion aufstellten, wonach es heißen würde, Hekate sei bloß die Vorsteherin nächtlicher Pfade, aber sie solle auch einmal den Tagsgeschäften hold sein und den tödlichen Becher zum rechten Ziele lenken. Sehr gezwungen wäre diese Abteilung des Satzes, besonders da kaì sich so leichter und natürlich an den ersten Theil des Satzes anschließt und in der Bedeutung von „auch“ sich nur schwer auf den folgenden Imperativ beziehen lässt. Richtig bemerkt also Hartung, dass die Wegegöttin (Enodia) über die Pfade am Tage in dem Falle walte, wenn dieselben im Dunkeln schleichen. Und hier gilt es einem hinterlistigen, einzig in Verborgenheit möglichen Vorgehen auf Schleichwegen.20
Der heimtückische Giftmord ist eine Handlung, die ihrer Natur nach „nächtlich“, verborgen und dunkel ist, und daher in den Zuständigkeitsbereich der dunklen Göttin fällt. Das Gift ist Drachenblut, das Blut der von Perseus erschlagenen Medusa, und man kann nun lange über dieses Drachenblut rätselraten – aber wenn man sich erinnert, dass Drachen bzw. Schlangen immer auf die Göttin verweisen, kommt man seiner wahren Natur bald auf die Spur: Es ist Menstruationsblut, dem weltweit besondere magische Eigenschaften und Gefährlichkeit zugeschrieben werden, wie man etwa bei Plinius nachlesen kann. Wir werden auch hierfür noch weitere Belege finden.21
Ein weiteres Beispiel für den düsteren Aspekt der Göttin finden wir in den „Troerinnen“ des Euripides. Das Stück schildert die Misshandlung der besiegten Trojaner, die von den siegreichen Griechen nach der Eroberung von Troja getötet oder versklavt werden. Die Hellseherin Kassandra fällt als Kriegsbeute an den Feldherrn der Griechen, Agamemnon, der sie „als heimliche Bettgenossin“ (skótia nympheutêria, V. 251) begehrt. Da Kassandra als Apollo-Priesterin zölibatär lebt, bedeutet diese „Vermählung“ das Ende ihrer Priesterschaft und wahrscheinlich auch ihrer Seherschaft. Verzweifelt und Fackeln schwingend singt sie ein Hochzeitslied, in dem sie verkündet, sie bringe dem Hochzeitsgott Hymen und der Hekate die Hochzeitsfackeln – was normalerweise die eigene Mutter tut. Da ihre Zuteilung als Beutegut an Agamemnon aber keine Heirat ist, ist diese Anrufung der Hekate ein Zeichen schwärzester Verzweiflung und Ahnung des bevorstehenden Todes:
und spende dir, Hekate, Licht
zur Hochzeit der Jungfrau,
wie‘s fordert der Brauch.22
Perseus enthauptet die Gorgo Medusa. Kampanische Halsamphora aus Capua, 340 - 330 v. Chr. (Pergamonmuseum Berlin, Inv. F 3022).
Mit Artemis identifiziert wird Hekate in den „Phönizierinnen“ v. 109, wobei die Vorstellung des Glanzes eine Rolle spielt. Antigone erblickt das Heer der Belagerer vor Theben und ruft entsetzt aus:
O Fernschützin, du Kind Letos, Hekate,
Hochhehre, das ganze Gefild,
Lodert im Erz glanzhell.23
Der Glanz der Waffen wird von Antigone spontan mit dem Glanz der Göttin assoziiert, die hier eng mit Apollo und Leto assoziiert wird und von Artemis nicht zu unterscheiden ist. Sie verhält sich, als würde das Glänzen eine Erscheinung der Hekate anzeigen. Das Epitheton hekatê-belétês (weithin werfend, aus der Ferne treffend) steht im Übrigen auch Apollo zu und spiegelt die uralte animistische Vorstellung wieder, dass Krankheiten und Schmerzen von den Göttern als Pfeile auf die Menschen geschossen werden. Der Dichter spielt offensichtlich mit dem Gleichklang von schmückendem Beiwort und Namen der Göttin, die aus der Ferne schießt und bei ihren Erscheinungen nachts in blendend hellem Licht strahlt. Der Lichtcharakter Hekates wird auch in einigen Tragödien-Fragmenten betont: So wird der Hund, Begleiter und Opfertier der Hekate, in einem Fragment des Euripides (frag. 968 Nauck) „Statue der lichttragenden Hekate“ (Έκατης άγαλμα φωσφόρου Hekatês ágalma phosphórou)24 genannt.
Nun würden all diese Symbole und Beinamen keinen Sinn machen, wenn sie nicht in innerem Erleben wurzeln würden. Gemäß unserer Prämisse, die Göttin als real zu behandeln, müsste es Erlebnisse gegeben haben, in denen sie Menschen als numinose Lichterscheinung erschien; dass solche Erlebnisse möglich sind, lässt sich völkerkundlich belegen. So finden wir in jüngster Zeit in Mexiko eine merkwürdige Parallele: 2003 und 2004 gingen Berichte durch die Presse, die vom Auftauchen eines neuen Kultes berichteten, der einer Heiligen „Santa Muerte“ gewidmet ist. Hinter dieser Gestalt, die als Skelett mit Sense und Weltkugel dargestellt wird und von den Mexikanern auch „Niña Blanca, La Flaca (die Magere), Martita“ genannt wird, verbirgt sich wahrscheinlich eine alte aztekische Todesgöttin namens Mictecacihuatl. Sie wird vor allem von Kriminellen und Drogenhändlern verehrt (aber auch von Polizisten) und hat die Macht, vor dem Tod zu bewahren oder das Sterben leichter zu machen. Ihren Anhängerinnen und Anhängern erscheint sie als Skelett, als weiße Frau mit extrem bleichem Gesicht oder als blendend weißes Licht:
Eine andere Gestalt, in der sie erscheint, ist unter dem Bild einer hochgewachsenen und schlanken Frau, die von einer großen Tunica bedeckt ist, mit langen Haaren und von außergewöhnlich weißer Gesichtsfarbe. Diese Erscheinung kann mit der weinenden Muttergottes verwechselt werden, jedoch ist es sehr leicht, sie auseinander zu halten, da die Santa Muerte niemals weint oder schreit. Die Santa Muerte zeigt sich auch als weißes und kaltes Licht, das den Ort erfüllt, an dem sie erscheint. Einige Leute, die diese Kundgebung gespürt haben, beschreiben sie als ein Gefühl von Ruhe und völligem Frieden, auch haben sie erwähnt, dass sie eine Entspannung des ganzen Körpers fühlten, die mit einem tiefen Schlaf endete. Diese Erfahrung mit der Allerheiligsten widerfährt Personen, die eine tiefe emotionale Krise durchmachen, an einer chronischen Krankheit leiden, die sie ans Bett oder ans Krankenhaus fesselt, oder mit Hingabe darum gebeten haben, dass die Herrin sich ihnen zeigen möge.25
Diese Beschreibung entspricht genau dem Typus der „starren weißen Frau“, der in der europäischen Kultur in verschiedenen Ausprägungen erscheint, als deren gemeinsamen Ursprung Marija Gimbutas eine steinzeitliche Todesgöttin vermutet, deren heilige Tiere der Geier, die Eule und das Schwein sind:
Ein ganz eigener Typus in der Skulpturenkunst ist die Nackte mit verschränkten oder anliegenden Armen, übergroßer Vulva, langem Hals, kaum angedeuteten Gesichtszügen oder Gesichtsmaske und Polos oder Diadem. Sie ist stets in Marmor, Alabaster, Bernstein, Knochen, hellem Stein oder Ton gearbeitet. Der helle Farbton ist die Farbe von Knochen und damit auch die Farbe des Todes. Im europäischen Volksglauben gibt es bis heute die Vorstellung vom Tod in Gestalt einer großen, weiß gekleideten Frau mit knochendürren Beinen. Zweifellos stammt dieses Bild aus dem Alten Europa, wo der Tod weiß war wie Knochen und nicht schwarz wie der furchterregende, indoeuropäische Gott des Todes und der Unterwelt.26
Als „weiße Frau“ spukt diese steinzeitliche Todesgöttin, die meist von Hunden begleitet wird, bis heute durch den europäischen Volksglauben, gelegentlich tritt sie auch als Gruppe von drei Mädchen auf.27
Dass auch Hekate eine Todesgöttin sein kann, zeigt uns die „Antigone“ des Sophokles, wo sie Vers 1199 als strafende Rachegottheit angerufen wird. Der Bote, der Königin Eurydike von der Bestattung des Polyneikes berichtet, erwähnt, dass man vor der Beisetzung des Leichnams zuerst die Unterweltgötter angerufen habe:
Erst flehten wir die Wegegöttin (enodia) an
Und Pluton, Einhalten ihrem Zorn zu tun.28
Erzürnt sind die chthonischen Götter, weil ihnen der Leichnam bisher von Kreon verweigert wurde. Antigone beruft sich in ihrem Gespräch mit Kreon ausdrücklich auch auf „Dike in der Totengötter Rat“ (V. 451), d. h. die strafende Gerechtigkeit, und auch Teiresias weist Kreon eindringlich darauf hin, dass er Unheil über Theben bringt, weil er „einen vorenthält den Göttern drunten“ (V. 1070). Durch das verweigerte Begräbnis kann der Tote nicht in die Unterwelt hinabsteigen und muss auf der Erde bleiben, wodurch er den oberen Göttern wider die natürliche Ordnung aufgezwungen wird (V. 1073). Die Schuld, die dadurch hervorgerufen wird, konkretisiert sich in Gestalt der Erinnyen (Furien) – die Angst vor ihnen ist es, die Kreon schließlich zum Nachgeben bringt (V. 1103), aber zu spät.
Herrin der Rachegöttinnen ist Hekate, sie hat die Macht, sie aus der Unterwelt hervorzurufen und den Menschen auch noch andere Phantasmen zu senden, die ihnen den Verstand rauben. Daher fragt bei Euripides im „Hippolytos“ der Chor V. 142 ff.: „Hat dich mit Wahnsinn geschlagen/Pan oder Hekate?“29 Denn für den antiken Menschen sind Träume kein Produkt des „Unterbewussten“, sondern kommen aus der Unterwelt, dem Reich der Toten und der Geister, dem Reich von Hypnos, Nyx, Thanatos und Chthon, von wo sie von Hermes oder von Hekate heraufgesandt werden. Sie sind eidolon (was Vergil mit imago übersetzt), Schattenbilder, Trugbilder, die archetypische Rollen spielen und die weder Abbilder einer realen Person sind noch Teile meiner selbst. Sie sind personae, „Masken“, hinter denen sich ein numen verbirgt.
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