Kitabı oku: «50 Meisterwerke Musst Du Lesen, Bevor Du Stirbst: Vol. 2 (Golden Deer Classics)»

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Glanz und Elend der Kurtisanen

Honoré de Balzac

(Übersetzer: Felix Paul Greve)

Teil 1

Von der Liebe der Dirnen

Beim letzten Opernball des Jahres 1824 fiel mehreren Masken die Schönheit eines jungen Mannes auf, der in den Gängen und im Foyer auf und ab ging; und zwar in der Haltung eines Menschen, der eine durch unvorhergesehene Umstände in ihrem Hause zurückgehaltene Frau sucht. Das Geheimnis dieses bald eiligen, bald lässigen Schritts ist nur alten Frauen und einigen ausgedienten Pflastertretern bekannt. Bei jenem ungeheuren Stelldichein beobachtet die Masse die Masse nur wenig; die Interessen sind leidenschaftlich, der Müßiggang selbst ist mit sich beschäftigt. Der junge Dandy wurde von seiner unruhigen Suche so sehr in Anspruch genommen, daß er seinen Erfolg gar nicht bemerkte: die spöttisch bewundernden Rufe gewisser Masken, das ernsthafte Erstaunen, die beißenden ›lazzi‹, die süßesten Worte hörte und sah er nicht. Obgleich seine Schönheit ihn unter die Ausnahmepersonen einreihte, die den Opernball besuchen, um dort ein Abenteuer zu verfolgen, und die es erwarteten, wie man zu Lebzeiten Frascatis einen Glücksfall beim Roulette erwartete, so schien er doch seines Abends sicher wie ein Bürger; er mußte der Held eines jener Mysterien sein, die sich unter drei Personen abspielen, jener Mysterien, aus denen der ganze Opernball besteht und die nur denen bekannt sind, die eine Rolle darin haben; denn für junge Frauen, die hingehen, um sagen zu können: ›Ich habe es gesehen‹, für Provinzialen, für unerfahrene junge Leute und Fremde muß die Oper an diesen Abenden der Palast der Ermüdung und der Langweile sein. Für sie ist diese schwarze, langsame und gedrängte Masse, die kommt und geht, sich schlängelt und wendet und wieder wendet, hinauf und hinab steigt und sich mit nichts vergleichen läßt als mit Ameisen auf ihrem Haufen, ebensowenig verständlich, wie die Börse einem bretonischen Bauern, der nichts vom Dasein der Staatspapiere weiß, verständlich ist. Mit in allen Zonen von Paris ein Auftreten gibt, das offenbart, wer man ist, was man tut, woher man kommt und was man will?

»Was für ein hübscher junger Mann! Hier kann man sich umdrehen und ihn ansehen,« sagte eine Maske, in der die Stammgäste des Balls eine anständige Frau erkannten. »Sie entsinnen sich seiner nicht?« antwortete der Herr, der ihr den Arm reichte. »Und doch hat Frau du Châtelet ihn Ihnen vorgestellt … « »Wie! Das ist der Apothekerssohn, in den sie sich vernarrt hatte und der Journalist wurde, der Liebhaber des Fräulein Coralie?« »Ich glaubte, er wäre zu tief gefallen, um je wieder in die Höhe zu kommen, und ich verstehe nicht, wie er in der Pariser Gesellschaft wieder auftreten kann?« sagte der Graf Sixtus du Châtelet. »Er sieht aus wie ein Prinz,« sagte die Maske, »und nicht die Schauspielerin, mit der er lebte, wird ihn so verwandelt haben; meine Cousine, die ihn entdeckt hatte, hat ihn nicht herauszuputzen verstanden; ich möchte wohl die Geliebte dieses Sargino kennen. Sagen Sie mir etwas aus seinem Leben, was mich instand setzt, ihn zu beunruhigen.«

Dieses Paar, das dem jungen Manne flüsternd folgte, wurde eben jetzt von der breitschultrigen Maske scharf beobachtet.

»Lieber Herr Chardon,« sagte der Präfekt der Charente, indem er den Dandy am Arm nahm, »erlauben Sie mir, Ihnen jemanden vorzustellen, der seine Bekanntschaft mit Ihnen wieder anknüpfen möchte … « »Lieber Graf Châtelet,« erwiderte der junge Mann, »ebendiese Dame hat mich gelehrt, wie lächerlich der Name war, den Sie mir geben. Eine Ordonnanz des Königs hat mir den meiner Vorfahren mütterlicherseits, der Rubemprés, verliehen. Wenn auch die Zeitungen diese Tatsache gemeldet haben, so geht sie doch nur eine so dürftige Persönlichkeit an, daß ich nicht erröte, sie meinen Freunden, meinen Feinden und den Gleichgültigen ins Gedächtnis zurückzurufen: Sie werden sich rechnen, worunter Sie wollen, aber ich bin überzeugt, Sie werden nicht eine Maßregel mißbilligen, die Ihre Frau mir anriet, als sie nur erst eine Frau von Bargeton war.«

Dieses hübsche Epigramm, über das die Marquise lächeln mußte, jagte dem Präfekten ein nervöses Zittern durch den Körper.

»Sie werden ihr sagen,« fügte Lucien hinzu, »daß ich jetzt den roten Schild mit dem wütenden Silberstier im grünen Felde führe.« »Dem Silberstier … « wiederholte Châtelet. »Die Frau Marquise wird Ihnen erklären, weshalb dieses alte Wappenschild etwas Besseres ist als der Kammerherrnschlüssel und die goldenen Bienen des Kaiserreichs, die sich in dem Ihren befinden, und zwar zur großen Verzweiflung der Frau Châtelet, gebornen Nègrepelisse d'Espard … « sagte Lucien lebhaft. »Da Sie mich erkannt haben, kann ich Sie nicht mehr beunruhigen; und ich könnte Ihnen nicht erklären, wie sehr Sie mich beunruhigen,« sagte die Marquise d'Espard mit leiser Stimme zu ihm; sie war erstaunt über die Unverschämtheit und Sicherheit, die dieser einst von ihr verachtete Mann sich erworben hatte. »Erlauben Sie also, gnädige Frau, daß ich mich nicht der einzigen Möglichkeit beraube, Ihre Gedanken zu beschäftigen; lassen Sie mich in diesem geheimnisvollen Halbschatten,« sagte er mit dem Lächeln des Mannes, der nicht ein sicheres Glück gefährden will. Die Marquise konnte eine kurze, harte Bewegung nicht unterdrücken, als sie sich, nach einem englischen Ausdruck, von Luciens Schärfe so ›geschnitten‹ sah. »Ich mache Ihnen mein Kompliment zu Ihrem Standeswechsel,« sagte der Graf du Châtelet zu Lucien. »Ich nehme es an, wie Sie es geben,« erwiderte Lucien, indem er die Marquise mit unendlicher Anmut grüßte. »Der Geck!« sagte der Graf leise zu Frau d'Espard, »endlich hat er seine Vorfahren erobert!« »Bei jungen Leuten deutet die Geckerei, wenn sie sich gegen uns wendet, fast immer auf ein sehr hoch stehendes Glück; denn unter Ihnen deutet sie auf Unglück. Deshalb möchte ich diejenige unserer Freundinnen kennen, die diesen schönen Vogel in ihren Schutz aufgenommen hat; vielleicht sähe ich dann eine Möglichkeit, mich heute abend zu amüsieren. Mein anonymer Brief ist zweifellos eine von einer Rivalin vorbereitete Bosheit, denn es ist von diesem jungen Mann darin die Rede; seine Unverschämtheit wird ihm diktiert worden sein: spionieren Sie ihm nach. Ich will den Arm des Herzogs von Navarreins nehmen; Sie werden mich schon wiederfinden können.«

In dem Augenblick, als Frau d'Espard ihren Verwandten anreden wollte, trat die geheimnisvolle Maske zwischen sie und den Herzog, um ihr ins Ohr zu sagen: »Lucien liebt Sie; er hat den Brief geschrieben; Ihr Präfekt ist sein größter Feind; konnte er sich vor ihm erklären?«

Der Unbekannte ging und ließ Frau d'Espard in doppelter Überraschung zurück. Die Marquise kannte keinen Menschen auf der Welt, der imstande gewesen wäre, die Rolle dieser Maske zu spielen; sie fürchtete eine Falle, setzte und versteckte sich.

Der Graf Sixtus du Châtelet, dessen ehrgeiziges ›du‹ Lucien mit einer Absichtlichkeit unterdrückt hatte, die nach lange erträumter Rache roch, folgte dem wunderbaren Dandy aus einiger Ferne; bald traf er auf einen jungen Mann, dem er sein Herz ausschütten zu können vermeinte. »Nun, Rastignac, haben Sie Lucien gesehen? Er hat sich gehäutet.« »Wenn ich ein ebenso hübscher Junge wäre wie er, wäre ich noch reicher als er,« erwiderte der junge Lebemann in leichtem, aber feinem Ton, der eine attische Spötterei verriet. »Nein,« sagte ihm die dicke Maske ins Ohr; und durch den Ton, mit dem sie das eine Wort aussprach, gab sie ihm tausend Spöttereien für seine eine zurück. Rastignac, der nicht der Mann dazu war, eine Beleidigung hinunterzuschlucken, stand da wie vom Blitz getroffen und ließ sich von einer Eisenhand, die abzuschütteln ihm unmöglich war, in die Nische eines Fensters führen. »Sie junger Hahn aus Mama Vauquers Hühnerstall, Sie, dem es an Herz fehlte, die Millionen des Papa Taillefer zu packen, als der größte Teil der Arbeit schon getan war, erfahren Sie zu Ihrer persönlichen Sicherheit dies: wenn Sie sich gegen Lucien nicht wie gegen einen Bruder verhalten, den Sie lieben, so sind Sie in unserer Hand, ohne daß wir in Ihrer wären. Schweigen und Ergebenheit! Sonst mische ich mich in Ihr Spiel ein und stoße Ihnen die Kegel um. Lucien von Rubempré steht im Schutz der größten Macht von heute, der Kirche. Wählen Sie zwischen Leben und Tod. Ihre Antwort?«

Rastignac schwindelte es wie einen Menschen, der im Walde eingeschlafen ist und an der Seite einer ausgehungerten Löwin erwacht. Er fürchtete sich, und er hatte keine Zeugen: in solchen Fällen überlassen sich die mutigsten Männer der Furcht. »Nur er kann wissen … und wagen … « sagte er halblaut vor sich hin. Die Maske drückte ihm die Hand, um ihn zu verhindern, daß er seinen Satz aussprach. »Handeln Sie, als wäre er es,« sagte sie. Rastignac tat, was ein Millionär auf der Landstraße täte, wenn er einen Räuber auf sich anschlagen sähe: er kapitulierte.

»Mein lieber Graf,« sagte er zu du Châtelet, als er zu ihm zurückkehrte, »wenn Ihnen an Ihrer Stellung liegt, so behandeln Sie Lucien von Rubempré wie einen Menschen, den Sie eines Tages viel höher gestellt sehen werden, als Sie es sind.«

Die Maske ließ sich eine unmerkliche Geste der Befriedigung entschlüpfen und nahm die Spur Luciens wieder auf.

»Mein Lieber, Sie haben Ihre Meinung über ihn gar schnell geändert,« erwiderte der mit Recht erstaunte Präfekt. »Gibt es heute noch Meinungen? Es gibt nur noch Interessen,« fiel Des Lupeaulx, der sie hörte, ein; »um was handelt es sich?« »Um den Herrn von Rubempré, den Rastignac als eine Persönlichkeit ausgeben will,« sagte der Deputierte zu dem Generalsekretär. »Mein lieber Graf,« erwiderte Des Lupeaulx mit ernsthafter Miene, »Herr von Rubempré ist ein junger Mann von höchstem Verdienst; und er hat so gute Stützen, daß ich mich glücklich schätzen würde, wenn ich meine Bekanntschaft mit ihm wieder anknüpfen könnte.« »Da wird er gleich in das Wespennest der Wüstlinge unserer Zeit hineingeraten,« sagte Rastignac.

Die drei Teilnehmer des Gesprächs wandten sich einem Winkel zu, in dem ein paar Schöngeister, mehr oder minder berühmte Leute, und einige elegante Männer standen. Diese Herren teilten sich ihre Beobachtungen, ihre Witze und ihre Bosheiten mit, indem sie versuchten, sich zu amüsieren, oder indem sie ein Vergnügen erwarteten. In dieser so wunderlich zusammengesetzten Gruppe befanden sich auch Leute, zu denen Lucien Beziehungen gehabt hatte, und unter deren scheinbar gutem Verhältnis zu ihm sich schlimme Dienste verbargen.

»Nun, Lucien, mein Kind, mein Liebchen, da sind Sie ja wieder ausgestopft und ausstaffiert. Woher kommen wir? Sind wir endlich mit Hilfe der Geschenke aus Florines Boudoir wieder in den Sattel gekommen? Bravo, mein Bürschchen!« sagte Blondet, indem er Finots Arm losließ, um Lucien vertraulich um die Hüften zu fassen und ans Herz zu drücken.

Andoche Finot war der Besitzer einer Zeitschrift, an der Lucien fast unentgeltlich mitgearbeitet hatte und die er nicht wie Finot daran, sich das für den Bejahrten nötige Vermögen zu erwerben.

Es gehörte für Lucien vielleicht der schwierigste Mut dazu, um in diesem Augenblick Blondet zu ›schneiden‹, wie er soeben Frau d'Espard und Châtelet geschnitten hatte. Zu seinem Unglück hemmte bei ihm die Genußsucht der Eitelkeit die Entfaltung des Ehrgeizes, der sicherlich der Ausgangspunkt vieler großen Dinge ist. Seine Eitelkeit hatte in jenem ersten Waffengang triumphiert; er hatte sich vor zwei Leuten, die ihn einst in seiner Armut und seinem Elend verachtet hatten, reich, glücklich und geringschätzig gezeigt; aber konnte ein Dichter gleich einem ergrauten Diplomaten zwei sogenannten Freunden die Spitze bieten, die ihn in seinem Elend aufgenommen, die während der Tage seiner Not ihr Bett mit ihm geteilt hatten? Finot, Blondet und er hatten sich gemeinsam weggeworfen; sie hatten sich in Orgien gewälzt, die nicht nur das Geld ihrer Gläubiger auffraßen. Gleich jenen Soldaten, die ihren Mut nicht am rechten Ort anzubringen wissen, tat Lucien jetzt das, was sehr viele Leute in Paris tun: er kompromittierte sich von neuem, indem er Finots Händedruck annahm und sich gegen Blondets Liebkosung nicht wehrte. Wer sich je mit dem Journalismus befaßt hat oder noch befaßt, sieht sich in der grausamen Notwendigkeit, Leute, die er verachtet, begrüßen, seinen besten Feinden zulächeln, mit den übelriechendsten Gemeinheiten paktieren und, wenn er seine Angreifer mit ihrer eigenen Münze bezahlen will, sich die Finger beschmutzen zu müssen. Man gewöhnt sich daran, zuzusehen; wenn Schlimmes geschieht, es geschehen zu lassen; man billigt es erst, man tut es schließlich selbst. Auf die Dauer wird die Seele, die durch schmähliche und dauernde Kompromisse unablässig befleckt wird, kleiner, die Schnellfeder edler Gedanken verrostet, die Angeln der Banalität nutzen sich ab und drehen sich von selber. Alzesten werden zu Philinten; Charaktere erschlaffen, Talente werden zu Bastardbegabungen, der Glaube an schöne Werke entfliegt. Wer einst auf die beschriebenen Blätter stolz sein wollte, verschwendet seine Kraft auf traurige Artikel, die sein Gewissen ihm früher oder später als ebenso viel schlimme Handlungen vorwirft. Man war gekommen, wie es bei Lousteau, bei Vernou ging, um ein großer Schriftsteller zu werden; man erkennt in sich selbst den ohnmächtigen Libellisten. Deshalb kann man jene, bei denen der Charakter auf der Höhe ihres Talents steht, niemals genug loben: die d'Arthez, die sichern Fußes durch die Klippen des literarischen Lebens zuschreiten wissen. Lucien wußte auf Blondets Schmeicheleien nichts zu erwidern, denn dessen Geist übte auf ihn eine unwiderstehliche Verführung aus, er bewahrte noch immer die Gewalt des Wüstlings über seinen Schüler, und außerdem nahm er durch seine Liaison mit der Gräfin von Montcornet in der Gesellschaft eine gute Stellung ein.

»Haben Sie einen Onkel beerbt?« fragte Finot mit spöttischer Miene. »Ich habe wie Sie begonnen, die Dummen systematisch zu schröpfen,« erwiderte Lucien im gleichen Ton. »Hätte der Herr eine Zeitschrift, irgendein Journal?« fragte Andoche Finot mit der unverschämten Selbstzufriedenheit, die der Ausbeutende dem Ausgebeuteten gegenüber entfaltet. »Ich habe Besseres,« versetzte Lucien, dessen durch die gespielte Überlegenheit des Chefredakteurs verwundete Eitelkeit ihm den Geist seiner neuen Stellung zurückgab. »Und was haben Sie, mein Lieber? … « »Ich habe eine Partei.« »Es gibt eine Partei Lucien?« fragte Vernou lächelnd. »Finot, da hat dich dieser Bursche in Schatten gestellt, ich habe es dir vorhergesagt, Lucien hat Talent, du hast ihn nicht richtig behandelt, du hast ihn gerädert. Bereue, grober Tölpel!« rief Blondet.

schönste Zierde du gewesen bist, und wir werden dich stützen. Finot, ein paar Zeilen im Leitartikel! Blondet, ein verfängliches Artikelchen auf der vierten Seite deines Blattes! Wir wollen das Erscheinen des schönsten Buches der Zeit, des ›Bogenschützen Karls IX.‹ melden. Wir wollen Dauriat anflehen, uns bald die ›Margueriten‹ zu bescheren, jene göttlichen Sonette des französischen Petrarca! Erheben wir unsern Freund auf den Schild des Stempelpapiers, das einen Ruf schafft oder vernichtet!« »Wenn du ein Souper willst,« sagte Lucien zu Blondet, um diese Truppe, die immer größer zu werden drohte, abzuschütteln, »so scheint mir, hattest du es einem alten Freund gegenüber nicht nötig, Hyperbeln und Parabeln anzuwenden, als wäre er ein Tropf. Auf morgen Abend, bei Lointier!« sagte er lebhaft, als er eine Frau kommen sah, auf die er zueilte. »Oh! oh! oh!« sagte Bixiou in dreimal wechselndem Ton und mit spöttischer Miene, während es schien, als erkennte er die Maske, der Lucien entgegenging; »das verdient eine Bestätigung.« Und er folgte dem hübschen Paar, ging an ihm vorbei, prüfte es mit scharfblickendem Auge und kehrte zur großen Befriedigung all dieser Neider zurück, die nur zu gern wissen wollten, woher der Wechsel in Luciens Vermögensumständen kam. »Meine Freunde, ihr kennt seit langem das Glück des Herrn von Rubempré,« sagte Bixiou zu ihnen: »es ist die alte Ratte Des Lupeaulx'.«

Eine der jetzt vergessenen Verderbtheiten, die jedoch im Anfang dieses Jahrhunderts sehr verbreitet war, bestand in dem Luxus der ›Ratten‹. Eine Ratte – das Wort ist schon veraltet – nannte man ein Kind von zehn bis elf Jahren, eine Statistin an irgendeinem Theater, vor allem an der Oper, die irgendein Wüstling für das Laster und die Gemeinheit erzog. Eine Ratte war eine Art Höllenpage, ein weiblicher Gassenbube, dem man gute Streiche verzieh. Die Ratte konnte alles nehmen, man mußte ihr mißtrauen wie einem gefährlichen Tier; sie führte ein Element der Lustigkeit in das Leben ein, wie es in der alten Komödie die Scapins, die Sganarelles und die Frontins taten. Die Ratte war zu teuer: sie trug weder Ehre noch Nutzen noch Vergnügen ein; die Mode der Ratten verschwand so vollständig, daß heute nur wenige Menschen dieses intime Detail des eleganten Lebens vor der Restauration noch kannten, bis ein paar Schriftsteller sich der Ratte als eines neuen Themas bemächtigten.

»Wie, sollte uns Lucien, nachdem ihm Coralie unter dem Leibe getötet wurde, die Torpille entführen?« fragte Blondet. Als die Maske mit den athletischen Formen diesen Namen hörte, entschlüpfte ihr eine Bewegung, die Rastignac sah, obwohl sie verhalten war. »Das ist nicht möglich!« erwiderte Finot; »die Torpille hat keinen Heller zu geben: sie hat sich, wie mir Nathan sagte, von Florine tausend Franken geborgt.« »O meine Herren, meine Herren! … « sagte Rastignac, indem er Lucien gegen so gehässige Beschuldigungen zu verteidigen suchte. »Nun,« rief Vernou, »ist denn der ausgehaltene Geliebte Coralies so tugendhaft geworden? … « »O, gerade diese tausend Franken«, sagte Bixiou, »beweisen mir, daß unser Freund Lucien mit der Torpille zusammenlebt … « »Welchen unersetzlichen Verlust erlebt die Elite der Wissenschaft, der Kunst und der Politik!« rief Blondet. »Die Torpille ist das einzige Freudenmädchen, in dem man das Zeug zu einer schönen Kurtisane fand; kein Unterricht hatte sie verdorben, sie konnte weder lesen noch schreiben: sie hätte uns verstanden. Wir hätten unserer Zeit eine jener prachtvollen Aspasiafiguren geschenkt, ohne die es kein großes fügte er hinzu, indem er Blondet, Finot und Lousteau ansah. »Ja, der Bursche ist dazu geschaffen, um es weit zu bringen,« sagte Lousteau, der vor Eifersucht barst, »um so mehr, als er das hat, was wir ›Unabhängigkeit in den Ideen‹ nennen … « »Du hast ihn zu dem gemacht, was er ist,« sagte Vernou. »Nun,« versetzte Bixiou, indem er Des Lupeaulx ansah, »ich appelliere an die Erinnerungen des Herrn Generalsekretärs und Berichterstatters über die Bittschriften; diese Maske ist die Torpille, ich wette ein Souper … « »Ich halte die Wette,« sagte du Châtelet, der gern die Wahrheit wissen wollte. »Auf! Des Lupeaulx,« sagte Finot, »sehen Sie zu, daß Sie die Ohren Ihrer alten Ratte wiedererkennen.« »Es ist nicht nötig, einen Verstoß gegen die Maskenfreiheit zu begehen,« erwiderte Bixiou; »die Torpille und Lucien werden bis zu uns herkommen, wenn sie das Foyer wieder heraufgehn; ich mache mich anheischig, euch dann zu beweisen, daß sie es ist.« »Er ist also wieder übers Wasser gekommen, unser Freund Lucien?« sagte Nathan, der sich der Gruppe anschloß; »ich glaubte, er wäre für den Rest seiner Tage nach Angoulême zurückgekehrt. Hat er irgendein Geheimnis wider die Manichäer entdeckt?« »Er hat getan, was du so bald nicht tun wirst,« erwiderte Rastignac, »er hat alles bezahlt.« Die dicke Maske nickte beistimmend mit dem Kopf. »Wenn ein Mann in seinem Alter ein ordentlicher Mensch wird, gerät er auf Abwege; er hat keine Kühnheit mehr, er wird Rentier,« versetzte Nathan. »Oh, der wird stets ein großer Herr bleiben, und er wird innerlich stets eine Höhe der Gedanken besitzen, die ihn über viele sogenannte überlegene Menschen erhebt,« gab Rastignac zurück.

In diesem Augenblick sahen die Journalisten, Dandys und Müßiggänger, wie sich etwa Pferdehändler ein Pferd ansehen, das verkauft werden soll, prüfend den reizenden Gegenstand ihrer Wette an. Diese in der Kenntnis der Woher kommt diese Flamme, die eine liebende Frau umstrahlt und sie unter allen anderen auszeichnet? Woher kommt jene Leichtigkeit eines Luftgeistes, die die Gesetze der Schwere zu verwandeln scheint? Ist es die nach außen tretende Seele? Hat das Glück physische Kräfte? Die Harmlosigkeit einer Jungfrau, die Anmut der Kindheit verrieten sich unter dem Domino. Obgleich sie getrennt einhergingen, glichen diese beiden Wesen jenen Gruppen Floras und Zephyrs, die von den geschicktesten Bildhauern kunstvoll verschlungen sind; aber es war mehr als Skulptur, als die größte der Künste; Lucien und sein hübscher Domino erinnerten an jene mit Blumen oder Vögeln beschäftigten Engel, die der Pinsel Giovanni Bellinis unter die Bilder der Jungfrau-Mutter setzte; Lucien und diese Frau gehörten der Phantasie an, die über der Kunst steht, wie die Ursache über der Wirkung steht.

Als diese Frau, die alles vergaß, nur noch einen Schritt von der Gruppe entfernt war, rief Bixiou: »Esther!« Die Unglückliche wandte sich lebhaft um, wie jemand, der sich rufen hört, erkannte den boshaften Menschen und senkte den Kopf gleich einem Sterbenden, der den letzten Seufzer ausgestoßen hat. Ein gellendes Gelächter brach aus, und die Gruppe zerstob in der Menge wie ein Trupp erschreckter Feldmäuse, die am Rande des Weges in ihre Löcher schießen. Nur Rastignac entfernte sich nicht weiter, als er mußte, damit es nicht aussah, als flöhe er vor den funkelnden Blicken Luciens; er konnte einen zwiefachen, gleich tiefen, wenn auch verschleierten Schmerz bewundern: zunächst die Torpille, die wie vom Blitz getroffen war; dann die unverständliche Maske, den einzigen Menschen der Gruppe, der geblieben war. Esther flüsterte Lucien in dem Moment, in dem ihr die Knie brachen, etwas ins Ohr, und Lucien verschwand mit ihr, indem er sie stützte. Rastignac folgte dem hübschen Paar mit dem Blick, versunken in seine Gedanken.

»Woher hat sie diesen Namen der Torpille?« fragte ihn eine düstere Stimme, die ihn bis ins Innerste traf, denn sie war nicht mehr verstellt. »Er ist es, und er ist wieder entkommen … « sagte Rastignac vor sich hin. »Schweig, oder ich bringe dich um,« erwiderte die Maske, indem sie eine andere Stimme annahm. »Ich bin mit dir zufrieden; du hast dein Wort gehalten, und also hast du mehr als einen Arm zu deinem Dienst. Bleibe hinfort stumm wie das Grab; aber ehe du verstummst, antworte auf meine Frage.« »Nun, dieses Mädchen ist so reizvoll, daß sie dem Kaiser Napoleon den Kopf benommen hätte und daß sie selbst einem, der noch schwerer zu verführen ist, den Kopf benehmen würde: dir!« erwiderte Rastignac, indem er fortging. »Einen Augenblick!« sagte die Maske. »Ich will dir zeigen, daß du mich niemals irgendwo gesehen zu haben brauchst.«

Der Fremde nahm die Maske ab; Rastignac zögerte einen Augenblick, da er nichts von der scheußlichen Persönlichkeit erblickte, die er ehemals im Hause Vauquer gekannt hatte. »Der Teufel hat es Ihnen ermöglicht, sich ganz zu verwandeln, nur die Augen nicht, die man niemals vergessen könnte,« sagte er. Die Hand aus Eisen drückte ihm den Arm, um ihm ewiges Schweigen zu empfehlen.

Um drei Uhr morgens fanden Des Lupeaulx und Finot den eleganten Rastignac noch immer an derselben Stelle; er lehnte an der Säule, wo ihn die furchtbare Maske verlassen hatte. Rastignac hatte vor sich selbst gebeichtet: er war in einer Person Priester und Sünder, Richter und Angeklagter gewesen. Er ließ sich zum Frühstück davonführen, und als er nach Hause kam, war er vollständig berauscht, aber schweigsam.

Die Rue de Langlade verunziert mit den anstoßenden Straßen das Palais Royal und die Rue de Rivoli. Dieser Teil eines der glänzendsten Pariser Viertel wird noch lange Schäflein drängten, die immer dahin kommen werden, wohin die Spaziergänger gehen: und ist es nicht besser, wenn die Spaziergänger dahin gehen, wo sie sich befinden? Was ist geschehen? Heute sind die glänzendsten Teile der Boulevards, ist diese Zauberpromenade am Abend der Familie entzogen. Die Polizei hat die Auskunftsmittel nicht zu benutzen verstanden, die ihr in dieser Hinsicht einige Durchgänge boten, so daß sie die öffentliche Straße hätte retten können.

Das auf dem Opernball von einem Wort gebrochene Mädchen wohnte seit einem oder zwei Monaten in der Rue de Langlade, in einem Hause von gemeinem Äußeren. Dieser Bau, der sich an die Mauer eines ungeheuren Hauses anlehnt, ist schlecht stuckiert, ohne Tiefe und von fabelhafter Höhe; er bezieht sein Licht von der Straße und hat nicht geringe Ähnlichkeit mit einer Hühnerstiege. In jedem Stockwerk liegt eine Wohnung von zwei Zimmern. Eine schmale Treppe führt hinauf, die an die Mauer angeklebt ist und wunderlich beleuchtet wird durch Fensterklappen; die geben außen den Gang des Gewindes an, und jeder Treppenabsatz wird markiert durch eine Abflußrinne, eine der scheußlichsten Eigentümlichkeiten von Paris. Laden und Zwischenstock gehörten ehemals einem Blechschmied; der Besitzer des Hauses wohnte im ersten Stock; die vier andern Stockwerke hatten sehr anständige Grisetten inne, die vom Wirt und der Schließerin allerlei Rücksichten und Gefälligkeiten beanspruchen konnten, weil es schwer war, ein so sonderbar gebautes und gelegenes Haus zu vermieten. Der Charakter dieses Viertels findet seine Erklärung eben im Vorhandensein einer großen Menge solcher Häuser, die der Handel nicht will und die nur von verleugneten, anrüchigen oder würdelosen Industrien ausgebeutet werden können.

Um drei Uhr nachmittags hatte die Pförtnerin, die um zwei Uhr morgens gesehen hatte, wie Fräulein Esther aus Mahagoni; ein mit Küchengerät der gewöhnlichsten Art überladener Kamin, zwei angebrochene Holzbündel, ein Steingesims, auf dem hier und da, untermischt mit Schmuck und Scheren, ein paar Glassachen standen; ein schmutziges Nähkissen, weiße parfümierte Handschuhe, ein entzückender Hut, der auf die Wasserkanne geworfen war, ein Ternauxschal, der das Fenster verstopfte, ein elegantes Kleid, das an einem Nagel hing, ein kleines hartes Kanapee ohne Kissen; gemeine Überschuhe und reizende Schuhe, Stickereien, die den Neid einer Königin hätten erwecken können, Teller aus gewöhnlichem Porzellan, auf denen man die Reste der letzten Mahlzeit sah, die Stoßstellen zeigten und Messer und Gabeln aus Weißblech trugen, dem Silber des Pariser Armen; ein Korb voll Kartoffeln und schmutziger Wäsche, darüber eine frische Gazehaube, und ein schlechter, offen und verlassen dastehender Spiegelschrank, auf dessen Konsolen sich Pfandscheine zeigten: das war das Gesamtbild düsterer und heiterer, elender und reicher Dinge, das sich dem Blick darbot.

Diese Spuren des Luxus unter den Scherben, diese Einrichtung, die so gut zu dem Bohèmeleben des Mädchens paßte, das hier in seiner wirren Unterkleidung zusammengebrochen war, einem in seinem Geschirr verendeten und unter der zerbrochenen Deichsel in seine Leinen verwickelten Pferd vergleichbar: gab dieses seltsame Schauspiel dem Priester seine Gedanken ein? Sagte er sich, daß dieses verirrte Geschöpf wenigstens selbstlos sein mußte, um solche Armut mit der Liebe zu einem reichen jungen Mann zu paaren? Schrieb er die Unordnung des Mobiliars der Unordnung des Lebens zu? Empfand er Mitleid, Schrecken? Rührte sich sein Erbarmen? Wer ihn gesehen hätte, wie er mit untergeschlagenen Armen dastand, mit sorgenvoller Stirn, mit zusammengekniffenen Lippen und hartem Auge, hätte glauben müssen, er wäre mit finsteren, gehässigen Empfindungen beschäftigt, mit widerspruchsvollen Gedanken, mit unheimlichen Plänen. Auf jeden Fall war er unempfindlich für die hübschen Rundungen einer Brust, die unter der Last des vorgebeugten Oberkörpers fast zermalmt wurde, und für die entzückenden Formen der kauernden Venus, die unter dem schwarzen Unterrock sichtbar waren, so straff war die Sterbende in sich zusammengebrochen; die Hingeschmiegtheit dieses Kopfes, der, von hinten gesehen, dem Blick seinen weißen, weichen und biegsamen Nacken darbot, die schönen Schultern in ihrer kühn enthüllten Nacktheit rührten sich nicht; er hob Esther nicht auf, er schien ihr herzzerreißendes Atmen, das die Rückkehr zum Leben verriet, nicht zu hören: es bedurfte eines grauenhaften Schluchzens und des beängstigenden Blicks, den ihm dies Mädchen zuwarf, damit er sie aufzuheben und zum Bett zu tragen geruhte, was er mit einer Leichtigkeit tat, die eine fabelhafte Kraft offenbarte.

»Lucien!« sagte sie murmelnd. »Die Liebe kehrt zurück, da ist die Frau nicht mehr fern,« sagte der Priester mit einer gewissen Bitterkeit.

Jetzt erkannte das Opfer Pariser Ausschweifungen das Kostüm seines Retters, und mit dem Lächeln des Kindes, das endlich die Hand auf etwas lang Ersehntes legt, sagte sie: »Ich soll also nicht sterben, ohne mich mit dem Himmel versöhnt zu haben!« »Sie werden Ihre Fehler sühnen können,« sagte der Priester, indem er ihr die Stirn mit Wasser benetzte und sie an einem Essigkännchen riechen ließ, das er in einem Winkel fand. »Ich fühle, wie das Leben, statt mich zu verlassen, auf mich einströmt,« sagte sie, als sie diese Pflegerdienste von dem Priester erhielt, indem sie ihrem Dank durch Gesten voller Natürlichkeit Ausdruck gab. Diese reizvolle Pantomime, die die Grazien hätten spielen können, um zu verführen, rechtfertigte den Beinamen dieses seltsamen Mädchens vollkommen. »Fühlen Sie sich wohler?« fragte der Geistliche, indem er ihr ein Glas Zuckerwasser zu trinken gab.

Dieser Mensch schien solche merkwürdigen Hauswesen zu kennen; er wußte genau in ihnen Bescheid, er war wie zu Hause. Dieses Vorrecht, überall zu Hause zu sein, besitzen nur Könige, Dirnen und Diebe.

»Wenn Ihnen wieder ganz wohl ist,« fuhr der eigentümliche Priester nach einer Pause fort, »werden Sie mir sagen, welche Gründe Sie zu Ihrem letzten Verbrechen, diesem versuchten Selbstmord, trieben.« »Meine Geschichte ist ganz einfach, mein Vater,« erwiderte sie. »Vor drei Monaten lebte ich noch in der Unordnung, in der ich geboren wurde. Ich war das letzte und verworfenste Geschöpf; jetzt bin ich nur noch das unglücklichste auf der Welt. Erlauben Sie mir, Ihnen von meiner Mutter nichts zu erzählen, sie wurde ermordet … « »Und zwar von einem Hauptmann, in einem verdächtigen Hause,« sagte der Priester, indem er sein Beichtkind unterbrach. »Ich kenne Ihren Ursprung und weiß, daß, wenn je ein Wesen Ihres Geschlechts für einen schmählichen Lebenswandel eine Entschuldigung hatte, Sie es sind, denn Ihnen haben die guten Beispiele gefehlt.« »Ach, ich bin nicht einmal getauft; ich habe in keiner Religion Unterweisung erhalten.« »So ist also alles noch wieder gutzumachen,« fuhr der Priester fort, »vorausgesetzt, daß Ihr Glaube und Ihre Reue aufrichtig und ohne Hintergedanken sind.« »Lucien und Gott füllen mein Herz aus,« sagte sie mit rührender Naivität. »Sie hätten sagen können: Gott und Lucien,« gab der Priester lächelnd zurück. »Sie erinnern mich an den Zweck meines Besuchs. Lassen Sie nichts aus, was diesen jungen Mann betrifft.« »Sie kommen um seinetwillen?« fragte sie mit einem Ausdruck der Liebe, der jeden andern Priester gerührt hätte. »Oh, er hat alles geahnt!« »Nein,« erwiderte er, »nicht um Ihren Tod, sondern um Ihr Leben macht man sich Sorge. Reden Sie, erklären Sie mir Ihre Beziehungen.« »Mit einem Wort,« sagte sie.

Das arme Mädchen zitterte bei dem schroffen Ton des Geistlichen, aber doch als eine Frau, die die Brutalität seit langem nicht mehr überraschte.

»Lucien ist Lucien,« fuhr sie fort, »der schönste junge Mann und das beste aller lebenden Wesen; aber wenn Sie ihn kennen, so muß Ihnen meine Liebe sehr natürlich erscheinen. Ich habe ihn vor drei Monaten zufällig in der Porte Saint-Martin getroffen, wohin ich an einem Ausgehtag gegangen war; denn im Hause der Frau Meynardie, in dem ich lebte, hatten wir einen Tag in der Woche frei. Sie begreifen wohl, daß ich mich am folgenden Tage ohne Urlaub frei machte. Die Liebe war in mein Herz gedrungen und hatte mich so sehr verändert, daß ich mich selbst nicht mehr erkannte, als ich aus dem Theater kam: mir graute vor mir selber. Nie hat Lucien irgend etwas erfahren dürfen. Statt ihm zu sagen, wo ich lebte, gab ich ihm die Adresse dieser Wohnung, die damals eine meiner Freundinnen inne hatte, und die sie mir aus Gefälligkeit abtrat. Ich schwöre Ihnen auf mein heiliges Wort … « »Sie dürfen nicht schwören.« »Ist es denn ein Schwur, wenn ich Ihnen mein heiliges Wort gebe? Nun, seit jenem Tage habe ich in diesem Zimmer wie eine Verlorene gearbeitet und für achtundzwanzig Sous das Stück Hemden genäht, um von ehrlicher Arbeit leben zu können. Einen Monat lang habe ich nur Kartoffeln gegessen, um anständig und Luciens würdig zu bleiben; denn er liebt mich wie die Tugendhafteste der Tugendhaften. Ich habe der Polizei meine förmliche Erklärung abgegeben, um meine Rechte wieder aufnehmen zu können, und man hat mir zwei Jahre der Überwachung auferlegt. Dieselben, die einen so leicht in die Register der Schmach eintragen, machen außerordentliche Schwierigkeiten, wenn sie einen streichen sollen. Ich bat den Himmel nur um eins, darum, meinen Entschluß zu festigen. Ich werde im April neunzehn Jahre alt: in diesem Alter hat man noch Möglichkeiten. Mir wenigstens scheint es, als wäre ich erst vor drei Monaten geboren worden … Ich habe jeden Morgen zum lieben Gott gebetet und ihn angefleht, daß Lucien nie etwas von meinem früheren Leben erfahren möchte. Ich habe mir die Jungfrau gekauft, die Sie hier sehen; ich habe auf meine Art zu ihr gebetet, denn Gebete kenne ich nicht; ich kann weder lesen noch schreiben, ich bin nie in einer Kirche gewesen und habe mir den lieben Gott nur aus Neugier bei den Prozessionen angesehen.«

»Was sagen Sie denn zu der Jungfrau?« »Ich spreche zu ihr, wie ich zu Lucien spreche, in jenen Seelenergüssen, die ihm Tränen entlocken.« »Ach, er weint?« »Vor Freude,« sagte sie lebhaft. »Der arme Junge! Wir verstehen uns so gut, daß wir nur eine Seele haben! Er ist so zart, so einschmeichelnd, so sanft im Herzen, in seiner Gesinnung und seinen Manieren! … Er sagt, er sei ein Dichter; ich sage, er ist ein Gott … Verzeihen Sie, aber Sie als Priester wissen nicht, was die Liebe ist. Übrigens kennen nur wir die Männer genau genug, um einen Lucien zu würdigen. Ein Lucien, sehen Sie, ist ebenso selten wie eine Frau ohne Sünde; wenn man ihm begegnet, kann man nur ihn noch lieben: das ist es. Aber ein solches Wesen braucht seinesgleichen. Ich wollte also der Liebe meines Lucien würdig werden. Daher kam mein Unglück. Gestern wurde ich in der Oper von ein paar jungen Leuten wiedererkannt, die so wenig ein Herz haben wie Tiger Mitleid kennen; aber mit einem Tiger wollte ich mich noch verständigen! Der Schleier der Unschuld, den ich trug, ist gefallen; ihr Lachen hat mir Kopf und Herz zerrissen. Glauben Sie nicht, Sie hätten mich gerettet; ich werde vor Kummer sterben.« »Ihr Schleier der Unschuld? … « fragte der Priester. »So haben Sie Lucien mit äußerster Strenge behandelt?« »O ehrwürdiger Vater, wie können Sie, der Sie ihn kennen, eine solche Frage stellen?« erwiderte sie, indem sie ihm ein wunderbares Lächeln zuwarf. »Einem Gott leistet man keinen Widerstand!« »Lästern Sie nicht,« sagte der Geistliche mit sanfter Stimme. »Niemand kann Gott gleichen: die Übertreibung steht der wahren Liebe schlecht, Sie haben für Ihr Idol noch keine reine und echte Liebe gefühlt. Wenn Sie den Wandel empfunden hätten, den durchgemacht zu haben Sie sich rühmen, so hätten Sie Tugenden erworben, wie sie das Erbteil der Jugend sind; Sie hätten die Wonnen der Keuschheit und die Feinheiten der Scham kennen gelernt, jene beiden Ruhmestitel des jungen Mädchens. Sie lieben nicht.«

Esther machte eine Bewegung des Schreckens, die der Priester sah, die jedoch die Gleichgültigkeit dieses Beichtvaters nicht erschütterte. »Ja, Sie lieben ihn um Ihretwillen und nicht um seinetwillen, wegen der weltlichen Genüsse, die Sie bezaubern, und nicht um der Liebe selber willen. Wenn Sie sich seiner so bemächtigt haben, so empfanden Sie nicht jenes heilige Zittern, wie es ein Wesen einflößt, auf das Gott den Stempel der anbetungswürdigsten Vollkommenheit gedrückt hat: haben Sie daran gedacht, daß Sie ihn durch Ihre vergangene Unreinheit erniedrigen, daß Sie ein Kind verderben wollen durch jene grauenhaften Verzückungen, die Ihnen Ihren glorreichen gemeinen Beinamen eingetragen haben? Sie sind in sich selbst und in Ihrer Leidenschaft eines Tages inkonsequent gewesen … « »Eines Tages!« wiederholte sie, indem sie die Augen hob. »Mit welchem Namen soll man eine Liebe nennen, die nicht ewig ist, die uns mit dem, was wir lieben, nicht bis in die Zukunft des Christen hinein vereinigt?« »Ach, ich will katholisch werden!« rief sie mit einem dumpfen und gewaltsamen Ton, der ihr die Gnade unseres Heilands erworben hätte. »Kann ein Mädchen, das weder die Taufe der Kirche noch die des Wissens empfangen hat, das weder zu lesen noch zu schreiben noch zu beten versteht, das keinen Schritt zu tun vermag, ohne daß das Pflaster aufsteht, um sie anzuklagen, das einzig bemerkenswert ist durch das vergängliche Vorrecht einer Schönheit, die vielleicht morgen schon eine Krankheit vernichtet: kann dieses verderbte, erniedrigte Geschöpf, das seine Erniedrigung kannte – ohne dieses Wissen und mit weniger Liebe wären Sie eher entschuldbar gewesen –, kann die künftige Beute des Selbstmords und der Hölle Lucien von Rubemprés Frau werden?«

Jeder Satz war ein Dolchstoß, der im innersten Herzen traf. Bei jedem Satz zeugten das immer sich steigernde Schluchzen und die reichlichen Tränen des verzweifelten Mädchens für die Gewalt, mit der das Licht hereinbrach in ihren Verstand, der unbelehrt war wie der eines Wilden, in ihre endlich erweckte Seele, in ihr eigentliches Wesen, über das die Verderbtheit eine Schicht kotigen Eises gebreitet hatte, die jetzt an der Sonne des Glaubens schmolz.

»Weshalb bin ich nicht gestorben!« das war der einzige Gedanke, dem sie mitten unter den Gedankenströmen, die ihr durch das Gehirn jagten und es verheerten, Ausdruck gab. »Liebes Kind,« sagte der furchtbare Richter, »es gibt eine Liebe, die sich vor Menschen nicht bekennen läßt und deren Geständnis mit glücklichem Lächeln Engel entgegennehmen.« »Welche?« »Die Liebe, die ohne Hoffnung ist, wenn sie Leben einhaucht, wenn sie den Keim der Hingebung hineinsenkt, wenn sie alle Handlungen veredelt durch den Gedanken, eine ideale Vollkommenheit zu erreichen. Ja, dieser Liebe spenden die Engel Beifall, sie führt zur Kenntnis Gottes. Sich unablässig vervollkommnen, um dessen, den man liebt, würdig zu werden, ihm tausend heimliche Opfer bringen, ihn aus der Ferne anbeten, Tropfen um Tropfen sein Blut hingeben, ihm seine Eigenliebe darbringen, keinen Stolz noch Zorn ihm gegenüber mehr kennen, ihm selbst die grauenhafte Eifersucht verhehlen, die er im Herzen entzündet, ihm alles geben, was er wünscht, und wäre es zum eigenen Schaden, lieben, was er liebt, stets das Gesicht zu ihm gewendet halten, um ihm zu folgen, ohne daß er es weiß: eine solche Liebe hätte die Religion Ihnen vergeben; sie hätte weder die menschlichen noch die göttlichen Gesetze verletzt und Sie in einen andern Weg geleitet als den Ihrer schmutzigen Wollust.«

Als Esther diesen furchtbaren Spruch vernahm, der in einem einzigen Wort – und was für einem Wort, begleitet von was für einem Tonfall! – Ausdruck fand, fühlte sie sich von einem nicht unberechtigten Mißtrauen ergriffen. Dieses Wort wirkte wie ein Donnerschlag, der ein ausbrechendes Gewitter verrät. Sie sah den Priester an, und es ergriff sie jener innere Krampf, der den Mutigsten packt, wenn er sich einer plötzlichen und drohenden Gefahr gegenübersieht. Kein Blick hätte zu lesen vermocht, was jetzt in diesem Manne vorging: aber selbst der Verwegenste hätte eher gebebt als gehofft beim Anblick seiner Augen, die einmal wie des Tigers klar und gelb gewesen waren und über die Kasteiung und Entbehrungen einen Schleier gelegt hatten, wie er mitten in den Hundstagen über den Horizonten liegt: die Erde ist heiß und leuchtet, aber der Nebel macht sie undeutlich, dunstig; sie wird fast unsichtbar. Ein geradezu spanischer Ernst und tiefe Falten, denen die tausend Narben einer scheußlichen Pockenkrankheit ihre Häßlichkeit und ihre Ähnlichkeit andern Wunders bedarf, um im Herzen einer Kurtisane aufzublühen. Der Ton und die Manieren dieses Priesters, der wie aus einer Leinwand Zurbarans hervorgetreten war, schienen diesem armen Mädchen, dem die Form wenig ausmachte, so feindselig, daß sie sich weniger wie der Gegenstand der Besorgnis vorkam, als vielmehr wie das für einen Plan notwendige Werkzeug. Ohne zwischen dem Schmeicheln des persönlichen Interesses und der Salbung der Wohltätigkeit unterscheiden zu können – denn man muß wohl auf der Hut sein, um das falsche Geld zu erkennen, das ein Freund gibt –, fühlte sie sich doch gleichsam zwischen den Fängen eines ungeheuren wilden Vogels, der sie lange umschwebt hatte und schließlich auf sie gestürzt war; und in ihrem Schrecken sagte sie mit beängstigter Stimme die Worte: »Ich glaubte, die Priester hätten die Aufgabe, uns zu trösten; und Sie ermorden mich!«

Bei diesem Schrei entschlüpfte dem Geistlichen eine Bewegung, und er machte eine Pause; er sammelte sich, ehe er fortfuhr. Während dieser Sekunde sahen die beiden so sonderbar zusammengeführten Personen sich verstohlen prüfend an. Der Priester begriff das Mädchen, ohne daß das Mädchen den Priester begreifen konnte. Er verzichtete ohne Zweifel auf einen Plan, der die arme Esther bedrohte, und wandte sich zu seinen ersten Gedanken zurück.

»Wir sind die Ärzte der Seelen,« sagte er mit sanfter Stimme, »und wir wissen, welche Arzneien für ihre Krankheiten passen.« »Sie müssen dem Elend vieles vergeben,« sagte Esther. Sie glaubte sich getäuscht zu haben, glitt von ihrem Bett hinunter, warf sich diesem Menschen zu Füßen, küßte in tiefer Demut seine Soutane und hob von Tränen schwimmende Augen zu ihm auf. »Ich glaubte schon viel getan zu haben,« sagte sie. »Hören Sie, liebes gefunden, bewaffnet mit Frechheit und Scharfsinn, faul bis ins Mark und der Stimme der Reue taub, so hätte ich Sie ihrem Zorn preisgegeben. Jene bürgerliche und politische Freiheit, die so schwer zu erlangen ist, die die Polizei im Interesse der Gesellschaft mit Recht so lange verzögert und die ich Sie mit der Glut der echten Reue habe erflehen hören – hier ist sie,« sagte der Priester, indem er ein Papier in amtlichem Format aus dem Gürtel zog. »Gestern hat man Sie gesehen, diese Ankündigung ist von heute datiert: Sie sehen, wie mächtig die Leute sind, die sich für Lucien interessieren.«

Beim Anblick dieses Papiers schüttelte das krampfhafte Zittern, das einen bei einem unverhofften Glück überfällt, Esther so unverkennbar, daß ihr ein starres Lächeln, wie es die Irren zeigen, auf die Lippen trat. Der Priester hielt inne und blickte dieses Kind an, um zu sehen, ob es, der furchtbaren Kraft, die verdorbene Leute ihrer Verderbtheit selber entnehmen, beraubt und beschränkt auf seine gebrechliche und zarte ursprüngliche Natur, so vielen Eindrücken Widerstand leisten würde. Als betrügerische Kurtisane hätte Esther Komödie gespielt; war sie aber wieder unschuldig und wahr geworden, so konnte sie sterben, wie ein operierter Blinder das Gesicht wieder verlieren kann, weil ein zu scharfer Strahl in sein Auge fällt. Dieser Mensch tat also in diesem Augenblick einen tiefen Blick in das menschliche Wesen; aber er verharrte in einer durch ihre Starrheit furchtbaren Ruhe: wie eine kalte, weiße, dem Himmel benachbarte Alp, die unveränderlich und steil aufragt mit ihren granitenen Flanken und doch wohltätig ist. Dirnen sind wesentlich bewegliche Wesen, die aus stumpfestem Mißtrauen zum unbedingten Vertrauen übergehen. Sie stehen in dieser Hinsicht noch unter dem Tier. Sie sind in allem übertrieben: in ihren Freuden, in ihrer Verzweiflung, in ihrer Religiosität und sind vollkommen durch jenen Durst nach der idealen Schönheit zu erklären, der alle Schaffenden auszeichnet. Heißt es nicht ein wenig den Engeln gleichen, die beauftragt sind, die Sünder zu besseren Gesinnungen zurückzuführen; heißt es nicht schaffen, wenn man ein derartiges Wesen reinigt? Wie verlockend, die moralische Schönheit mit der physischen Schönheit in Einklang zu bringen! Welcher Genuß des Stolzes, wenn es gelingt! Welche schöne Aufgabe, wenn man kein anderes Werkzeug besitzt als die Liebe! Solche Bündnisse, berühmt geworden durch die Beispiele des Aristoteles, des Sokrates, Platos, des Alkibiades, Cethegus und Pompejus, gründen sich auf die Empfindung, die Ludwig XIV. dazu trieb, Versailles zu erbauen, die die Menschen in alle verderblichen Unternehmungen stürzt: die Miasmen eines Sumpfes in eine duftende Insel zu verwandeln, umringt von frischem Wasser; auf einem Hügel einen See anzulegen, wie es der Fürst von Conti zu Nointel tat, oder Schweizer Ansichten zu Cassan, wie es der Generalpächter Bergerat unternahm. Kurz, da bricht die Kunst in die Moral ein.

Der Priester schämte sich, weil er dieser Zärtlichkeit erlegen war, und stieß Esther heftig zurück; sie setzte sich, gleichfalls beschämt, denn er sagte zu ihr: »Sie sind immer noch Kurtisane!« Und er schob den Brief kühl in seinen Gürtel zurück. Wie ein Kind, das nur einen einzigen Wunsch im Kopf hat, ließ Esther nicht ab, die Stelle des Gürtels anzustarren, hinter der der Brief stak. »Liebes Kind,« fuhr der Priester nach einer Pause fort, »Ihre Mutter war Jüdin, und Sie sind nicht getauft; aber Sie sind auch nie in die Synagoge geführt worden: Sie sind in der Vorhölle, in die die kleinen Kinder kommen … « »Die kleinen Kinder! … « wiederholte sie mit gerührter Stimme. »… Wie Sie in den Listen der Polizei stehen, als eine Ziffer außerhalb der menschlichen Wesen,« sagte der unerschütterliche Priester, indem er fortfuhr. »Wenn die Liebe, die Sie verstohlen sahen, Ihnen vor drei Monaten den Eindruck gab, als würden Sie geboren, so müssen Sie von heute an das Gefühl haben, als ständen Sie wirklich in Ihrer Kindheit; Sie müssen sich völlig verwandeln, und ich übernehme es, Sie unkenntlich zu machen. Zunächst werden Sie Lucien vergessen.«

Dieses Wort brach dem armen Mädchen das Herz; sie hob die Augen auf den Priester und schüttelte den Kopf; sie war nicht imstande zu reden, als sie von neuem im Heiland den Henker fand.

»Sie werden wenigstens darauf verzichten, ihn zu sehen,« sagte er. »Ich werde Sie in ein Kloster führen, in dem die Töchter der besten Familien ihre Erziehung erhalten; Sie werden dort katholisch werden, man wird Sie in der Übung der christlichen Gebräuche unterweisen, in der Religion unterrichten; Sie können es als gebildetes, keusches, reines, wohlerzogenes junges Mädchen verlassen, wenn … « (dieser Mensch hob den Finger und machte eine Pause), »wenn Sie die Kraft in sich fühlen, die Torpille hier zurückzulassen.« »Ach!« rief das arme Kind, für das jedes Wort gleichsam der Ton einer Musik gewesen war, bei deren Klang sich langsam die Pforten des Paradieses öffneten; »ach, wenn es möglich wäre, hier mein ganzes Blut zu vergießen, um ein neues dafür zu erhalten! … « »Hören Sie mich an.« Sie verstummte. »Ihre Zukunft hängt von Ihrer Kraft, zu vergessen, ab. Denken Sie an die Ausdehnung Ihrer Verpflichtungen! Ein Wort, eine Geste, die die Torpille verriete, tötet Luciens Frau. Ein im Traum gesprochenes Wort, ein unwillkürlicher Gedanke, ein zuchtloser Blick, eine Bewegung der Ungeduld, eine Erinnerung an die Ausschweifungen, eine Unterlassung, ein Kopfnicken, das enthüllte, was Sie wissen oder was Ihnen zu Ihrem Unglück bekannt geworden ist … « »Lassen Sie, lassen Sie, mein Vater,« sagte das Mädchen mit der Glut einer Heiligen; »müßte ich in Schuhen aus glühendem Eisen gehen und lächeln, müßte ich in einem mit Stacheln besetzten Mieder leben und die Anmut einer Tänzerin bewahren, müßte ich mit Asche bestreutes Brot essen und Absinth trinken – alles wäre süß und leicht!«

Sie sank wieder auf ihre Knie; sie küßte dem Priester die Schuhe, brach über ihnen in Tränen aus und benetzte sie, umschlang seine Beine und schmiegte sich an sie, indem sie unter Freudentränen sinnlose Worte murmelte. Ihre schönen, wundervollen blonden Haare rieselten herab und breiteten sich wie ein Teppich zu den Füßen dieses Himmelsboten aus, den sie düster und hart fand, als sie sich erhob und ihn ansah.

»Wodurch habe ich Sie beleidigt?« sagte sie ganz entsetzt. »Ich habe von einer Frau gleich mir gehört, die Jesu Christi Füße mit Wohlgerüchen wusch. Ach, die Tugend hat mich so arm gemacht, daß ich Ihnen nur noch meine Tränen bieten kann.« »Haben Sie mich nicht verstanden?« erwiderte er mit grausamer Stimme. »Ich sage Ihnen, Sie müssen das Haus, wohin ich Sie führen werde, physisch und moralisch so verwandelt verlassen, daß keiner und keine von denen, die Sie gekannt haben, Ihnen je wieder ›Esther!‹ zurufen kann und Sie den Kopf zu wenden zwingt. Gestern hatte Ihnen die Liebe noch nicht die Kraft gegeben, das Freudenmädchen so tief zu vergraben, daß es nicht wieder aufgetaucht wäre; es taucht noch in der Anbetung auf, die nur Gott gebührt.« »Hat er Sie nicht zu mir geschickt?« fragte sie. »Wenn Sie während Ihrer Erziehung von Lucien bemerkt würden, so wäre alles verloren,« fuhr er fort, »bedenken Sie das.« »Wer wird ihn trösten?« fragte sie. »Worüber haben Sie ihn hinweggetröstet?« fragte der Priester mit einer Stimme, in der zum erstenmal während dieser Szene ein nervöses Falten unseres Herzens verborgen sind und die an uns zehren! … Ich weiß nur zu gut, was mir fehlt.« »Nun also wissen Sie, wie Sie nächsten Sonntag aussehen müssen,« sagte der Priester, indem er aufstand. »O lehren Sie mich«, sagte sie, »ein echtes Gebet, ehe Sie gehen, damit ich Gott anflehen kann.«

Es war rührend anzusehen, als dieser Priester dieses Mädchen das Ave-Maria und das Paternoster auf Französisch hersagen ließ.

»Das ist herrlich!« sagte Esther, als sie diese beiden wunderbaren und beliebten Ausdrücke des katholischen Glaubens fehlerlos gesprochen hatte. »Wie heißen Sie?« fragte sie den Priester, als sie ihm Leb wohl sagte. »Carlos Herrera; ich bin Spanier und aus meinem Lande verbannt.« Esther ergriff seine Hand und küßte sie. Es war keine Kurtisane mehr, sondern ein Engel, der von einem Sturz aufstand.

In einem Hause, das wegen der aristokratischen und religiösen Erziehung, die dort erteilt wird, berühmt ist, bemerkten die Pensionärinnen im März des Jahres eines Montags morgens, daß ihre hübsche Schar um eine Ankömmlingin vermehrt war, deren Schönheit nicht nur unbestreitbar über ihre Gefährtinnen triumphierte, sondern auch über die einzelnen Schönheiten, die eine jede von ihnen in vollkommenem Grade besaß. In Frankreich ist es äußerst selten, um nicht zu sagen unmöglich, daß man die berühmten dreißig Schönheiten beisammen findet, die, wie man sagt, eine in persischen Versen im Serail eingemeißelte Inschrift aufzählt und die notwendig sind, damit eine Frau vollkommen schön sei. In Frankreich gibt es wenig Gesamtschönheiten; es gibt nur entzückende Einzelheiten. Was die imponierende Gesamtschönheit angeht, wie die Skulptur sie wiederzugeben sucht und wie sie sie auch in einigen seltenen Schöpfungen, zum Beispiel erstaunt war; er, den nichts in der Welt überraschen zu sollen schien; und die Oberin wünschte ihm Glück zu seinem Mündel. Diese Frauen waren in ihrer ganzen Unterrichtslaufbahn nie einem liebenswürdigeren Naturell, einer christlicheren Sanftmut, einer echteren Bescheidenheit und einer so großen Lernbegier begegnet. Wenn ein Mädchen die Leiden durchgemacht hat, die die arme Zöglingin überwältigt hatten, und wenn sie dabei einen Lohn erwartet, wie der Spanier ihn Esther bot, so kann sie kaum anders als jene Wunder der ersten Tage der Kirche verwirklichen, die die Jesuiten in Paraguay erneuerten.

»Sie ist erbaulich,« sagte die Oberin, indem sie ihr die Stirn küßte. Dieses wesentlich katholische Wort sagt alles.

Während der Erholungsstunden fragte Esther ihre Gefährtinnen maßvoll nach den einfachsten Dingen der großen Welt aus, und sie weckten in ihr etwas wie das erste Staunen eines Kindes über das Leben. Als sie erfuhr, daß sie am Tage ihrer Taufe und ihrer ersten Kommunion weißgekleidet gehen würde, daß sie ein Stirnband aus weißem Satin, weiße Bänder, weiße Schuhe und weiße Handschuhe erhalten und weiße Schleifen im Haar tragen sollte, da brach sie mitten unter ihren erstaunten Gefährtinnen in Tränen aus. Es war das Gegenteil der Szene Jephthas auf dem Berge. Die Kurtisane fürchtete, durchschaut zu werden; sie schob ihre furchtbare Melancholie auf die Freude, die dieses Schauspiel ihr schon im voraus bereitete. Da es sicherlich ebensoweit ist von den Sitten, die sie aufgab, bis zu den Sitten, die sie annahm, wie vom Zustand eines Wilden bis zur Zivilisation, so hatte sie die Anmut, die Naivität und Tiefe, die die wunderbare Heldin der Puritaner von Amerika auszeichnen. Sie trug auch, ohne es zu wissen, eine Liebe im Herzen, die an ihr nagte, eine seltsame Liebe, ein Verlangen, heftiger bei ihr, die alles wußte, als es je bei einer Jungfrau ist, die nichts weiß, um diesen Kampf des Dämons mit dem Engel. Wenn die Oberin sie schalt, weil sie künstlicher frisiert war, als die Regel es wollte, so veränderte sie ihre Frisur mit anbetungswürdigem und schnellem Gehorsam; sie wäre bereit gewesen, sich das Haar abzuschneiden, wenn die Mutter es ihr befohlen hätte. Dieses Heimweh hatte bei einem Mädchen, das lieber umgekommen wäre als zurückgekehrt in die unreinen Lande, eine rührende Anmut. Sie wurde blaß, verwandelte sich, wurde mager. Die Oberin verkürzte ihren Unterricht und zog das interessante Geschöpf in ihre Nähe, um sie auszufragen. Esther war glücklich; es gefiel ihr unendlich unter ihren Gefährtinnen; sie fühlte sich in keinem vitalen Teil angegriffen, aber ihre Vitalität selber war angegriffen. Sie sehnte sich nach nichts zurück; sie wünschte nichts. Die Oberin war erstaunt über die Antworten ihrer Zöglingin, und sie wußte nicht, was sie von ihr denken sollte, als sie sie einer verzehrenden Sehnsucht zur Beute fallen sah. Man rief den Arzt, als der Zustand des jungen Mädchens ernst zu werden schien, aber dieser Arzt kannte Esthers Vorleben nicht und konnte sie nicht beargwöhnen: er fand überall Leben, das Leiden war nirgends. Die Krankheit warf alle Hypothesen um. Es blieb noch eine Art und Weise, die Zweifel des Gelehrten, der sich an einen furchtbaren Gedanken klammerte, aufzuklären: Esther weigerte sich hartnäckig, sich der Untersuchung des Arztes zu unterwerfen. In dieser Gefahr appellierte die Oberin an den Abbé Herrera. Der Spanier kam, sah Esthers verzweifelten Zustand und plauderte einen Augenblick abseits mit dem Arzt. Nach diesem Gespräch erklärte der Mann der Wissenschaft dem Mann des Glaubens, das einzige Mittel sei eine Reise nach Italien. Der Abbé wollte nicht, daß diese Reise vor Esthers Taufe und erster Kommunion stattfände.

»Wieviel Zeit brauchen Sie noch?« fragte der Arzt. »Einen Monat,« erwiderte die Oberin. »Dann ist sie tot,« versetzte der Doktor. »Ja, aber im Stand der Gnade und als Gerettete,« sagte der Abbé.

Die Frage der Religion beherrscht in Spanien die Fragen der Politik, des bürgerlichen und physischen Lebens; der Arzt gab also dem Spanier keine Antwort, er wandte sich zu der Oberin; aber der furchtbare Abbé ergriff ihn am Arm, um ihn zu hindern. »Kein Wort, Herr Doktor!« sagte er.

Der Arzt warf, obwohl er religiös und monarchisch gesinnt war, einen Blick voll zärtlichen Mitleids auf Esther. Dieses Mädchen war schön wie eine Lilie, die sich auf ihren Stengel neigt. »Wie Gott will, also,« sagte er und ging.

Noch am Tage dieser Konsultation wurde Esther von ihrem Gönner in den Rocher de Cancale geführt, denn der Wunsch, sie zu retten, hatte diesem Priester die seltsamsten Auskunftsmittel eingegeben; er versuchte es mit zwei Ausschweifungen: einem ausgezeichneten Diner, das das arme Mädchen an seine Orgien erinnern konnte, und der Oper, die ihr einige weltliche Bilder bot. Es bedurfte seiner überwältigenden Autorität, um die junge Heilige zu solchen Entweihungen zu überreden. Herrera verkleidete sich so vollkommen als Offizier, daß Esther ihn nur mit Mühe erkannte; er ließ seine Gefährtin einen Schleier nehmen und setzte sie in eine Loge, wo sie allen Blicken verborgen bleiben konnte. Dieses Linderungsmittel, das für eine so ernstlich zurückgewonnene Unschuld ungefährlich war, verlor bald seine Kraft. Die Zöglingin wurde von Ekel vor den Diners ihres Gönners, von religiösem Widerwillen gegen das Theater gepackt und sank in ihre Melancholie zurück.

›Sie stirbt vor Liebe zu Lucien,‹ sagte Herrera sich; er wollte die Tiefe dieser Seele sondieren und wissen, was man von ihr verlangen konnte.

Es kam also ein Augenblick, in dem dieses Mädchen nur noch durch seine moralische Kraft aufrechterhalten wurde und in dem der Körper versagen mußte. Der Priester berechnete diesen Augenblick mit dem grauenhaften Scharfsinn, den ehedem die Folterknechte entfalteten, wenn es galt, das Verhör zu beginnen. Er fand sein Mündel im Garten, wo sie am Gitter, das die Aprilsonne liebkoste, auf einer Bank saß; sie schien zu frieren und sich dort zu wärmen; ihre Gefährtinnen sahen voll Interesse auf diese Bleichheit welken Grases, auf diese Augen einer sterbenden Gazelle und auf ihre melancholische Haltung. Esther erhob sich und ging dem Spanier entgegen, und zwar mit einer Bewegung, die bewies, wie wenig Leben sie nur noch in sich hatte, und auch, sagen wir es, wie wenig Freude am Leben. Dieses arme Bohèmegeschöpf, diese verwundete wilde Schwalbe erregte zum zweitenmal Carlos Herreras Mitleid. Der düstere Priester, den Gott nur zur Erfüllung seiner Rache hätte verwenden dürfen, empfing die Kranke mit einem Lächeln, das ebensoviel Bitterkeit wie Süße enthielt, ebensoviel Rachsucht wie Erbarmen. Esther war seit ihrem nahezu klösterlichen Leben an das Nachdenken gewöhnt, an die Einkehr in sich selber, und jetzt empfand sie zum zweitenmal ein Gefühl des Mißtrauens beim Anblick ihres Gönners; aber wie beim erstenmal wurde sie von seinen Worten auf der Stelle beruhigt.

»Nun, mein liebes Kind,« sagte er, »weshalb haben Sie mir nie von Lucien gesprochen?« »Ich hatte Ihnen versprochen,« erwiderte sie, während sie in krampfhafter Bewegung vom Kopf bis zu den Füßen erbebte, »ich hatte Ihnen geschworen, diesen Namen nicht mehr auszusprechen.« »Trotzdem aber haben Sie nicht aufgehört, an ihn zu denken.« »Das ist mein einziger Fehler. In jeder Stunde denke ich an ihn; als Sie sich zeigten, sagte ich diesen Namen vor mich hin.« »Die Trennung tötet Sie?«

Statt aller Antwort neigte Esther den Kopf, wie es die Kranken tun, die schon die Grabesluft riechen. »Ihn wiedersehen?« fragte er. »Das wäre das Leben,« erwiderte sie. »Denken Sie nur mit der Seele an ihn?« »Ach, die Liebe läßt sich nicht teilen.« »Tochter des verfluchten Geschlechts! Ich habe alles getan, um dich zu retten; ich überlasse dich deinem Schicksal: du sollst ihn wiedersehen!« »Weshalb sollten Sie mein Glück schmähen? Kann ich nicht Lucien lieben und doch die Tugend üben, die ich ebensosehr liebe wie ihn? Bin ich nicht bereit, hier für sie zu sterben, wie ich bereit wäre, für ihn zu sterben? Will ich nicht umkommen in diesem doppelten Fanatismus: für die Tugend, die mich seiner würdig machte, für ihn, der mich der Tugend in die Arme warf? Ja, bereit zu sterben, ohne ihn wiederzusehen; bereit zu leben, wenn ich ihn wiedersehe. Gott wird mich richten.« Ihre Farbe war zurückgekehrt; ihre Blässe hatte einen goldigen Ton angenommen. Esther wurde noch einmal begnadigt.

»Am Tage, nach dem Sie im Wasser der Taufe gebadet werden, sollen Sie Lucien wiedersehen, und wenn Sie glauben, tugendhaft leben zu können, indem Sie für ihn leben, so sollen Sie sich nicht mehr trennen.«

Der Priester mußte Esther aufheben, da ihr die Knie versagten. Das arme Mädchen war gestürzt, als hätte der Boden unter ihren Füßen nachgegeben; der Abbé setzte sie auf die Bank, und als sie die Sprache wiederfand, sagte sie: »Weshalb nicht heute?« »Wollen Sie Seiner Hochwürden den Triumph Ihrer Taufe und Bekehrung rauben? Sie sind Lucien zu nah, um Gott nicht fern zu sein.« »Ja, ich dachte an nichts mehr!« »Sie werden nie irgendeiner Religion angehören,« sagte der Priester mit einer Regung tiefer Ironie. »Gott ist gut,« erwiderte sie; »er liest in meinem Herzen.«

Besiegt von der entzückenden Naivität, die in Esthers Stimme, Blick, Gesten und Haltung durchbrach, küßte Herrera sie zum erstenmal auf die Stirn. »Die Wüstlinge hatten dir mit Recht deinen Namen gegeben: du würdest Gott, den Vater, verführen. Noch ein paar Tage, es ist nötig, und nachher sollt ihr alle beide frei sein.« »Alle beide!« wiederholte sie in ekstatischer Freude.

Diese aus der Ferne gesehene Szene setzte die Zöglinginnen und die Oberinnen in Erstaunen; sie glaubten einer Zauberverwandlung beizuwohnen, als sie Esther mit ihrem früheren Selbst verglichen. Das völlig verwandelte Kind lebte jetzt. Sie zeigte sich in ihrer wahren Liebesnatur, zierlich, kokett, lockend und lustig: kurz, sie war auferweckt.

Herrera wohnte in der Rue Cassette, dicht bei Saint-Sulpice, der Kirche, der er sich angeschlossen hatte. Dieser Bau sagte dem Spanier mit seinem harten und trockenen Stil zu, denn seine Religion hatte viel von der der Dominikaner. Als ein verlorener Posten der verschlagenen Politik Ferdinands VII. leistete er der konstitutionellen Sache schlimme Dienste, obwohl er wußte, daß diese Ergebenheit niemals ihren Lohn finden konnte, es sei denn bei einer Wiedereinsetzung des Rey netto. Und Carlos Herrera hatte sich in dem Augenblick, als es schien, daß die Cortes nicht mehr zu stürzen waren, mit Leib und Seele der Camarilla ergeben. Für die Welt verriet dieses Verhalten eine überlegene Seele. Der Feldzug des Herzogs von Angoulême war erfolgt, König Ferdinand herrschte, und Carlos Herrera ging nicht nach Madrid, um sich den Preis für seine Dienste zu holen. Gegen die Neugier verteidigte ihn ein diplomatisches Schweigen, und als Grund seines Aufenthalts in Paris führte er seine lebhafte Neigung zu Lucien von Rubempré an, der der junge Mann bereits die Ordonnanz des Königs über seinen Namenswechsel verdankte. Herrera lebte übrigens, wie der Tradition nach alle Priester leben, die in geheimen Missionen Verwendung sein würde. Diese Fragen derer, die einen Blick auf den lange verheimlichten Bund werfen konnten, strebten danach, ein furchtbares Geheimnis zu durchschauen, das auch Lucien erst seit wenigen Tagen kannte. Carlos war für zwei ehrgeizig; das zeigte sein Verhalten denen, die ihn kannten und die alle glaubten, Lucien sei ein natürliches Kind dieses Priesters.

Fünfzehn Monate nach seinem Erfolg in der Oper, der ihn zu früh in eine Gesellschaft hineinwarf, in der der Abbé ihn erst sehen wollte, wenn er ihn durchaus gegen die Welt gewaffnet hätte, standen drei schöne Pferde in Luciens Stall, ein Coupé für den Abend, ein Kabriolett und ein Tilbury für den Vormittag. Er aß in der Stadt. Herreras Ahnungen hatten sich erfüllt: ein Leben der Zerstreuungen hatte sich seines Schülers bemächtigt; aber er hatte es notwendig gefunden, der sinnlosen Liebe, die dieser junge Mann für Esther im Herzen bewahrte, Ablenkung zu verschaffen. Nachdem er etwa vierzigtausend Franken ausgegeben hatte, hatte jede Torheit Lucien nur um so lebhafter zu der Torpille zurückgeführt, die er hartnäckig suchte; und da er sie nicht fand, so wurde sie für ihn das, was das Wild für den Jäger ist. Konnte Herrera wissen, welcher Art die Liebe eines Dichters ist? Hat sich einem dieser großen kleinen Leute diese Empfindung einmal in den Kopf gesetzt, wie sie das Herz versengt und die Sinne durchdrungen hat, so wird der Dichter der Menschheit ebensosehr durch seine Liebe überlegen, wie er es durch die Macht seiner Phantasie ist. Da er einer Laune der intellektuellen Zeugung die seltene Fähigkeit verdankt, die Natur durch Bilder auszudrücken, denen er zugleich Empfindung und Gedanken aufprägt, leiht er seiner Liebe die Flügel seines Geistes; er empfindet und er malt, er handelt und denkt, er vervielfältigt seine Empfindungen durch sein Denken, er verdreifacht die gegenwärtige Seligkeit durch stets weiß, beflügelt, rein und geheimnisvoll, wie sie für ihn geworden war, da sie erriet, daß er sie so wollte.

Gegen Ende des Mai 1825 hatte Lucien seine ganze Lebhaftigkeit eingebüßt; er ging nicht mehr aus, er speiste mit Herrera, war nachdenklich, arbeitete, las die Sammlung diplomatischer Traktate, saß nach türkischer Weise auf einem Diwan und rauchte am Tage drei oder vier Hukas. Sein Groom hatte mehr damit zu tun, die Schläuche dieses schönen Werkzeugs zu reinigen und zu parfümieren, als das Fell der Pferde zu striegeln und sie für die Ausfahrten im Bois mit Rosen zu schmücken. An dem Tage, als der Spanier Luciens Stirn bleich sah, als er in den Torheiten der unterdrückten Liebe die Spuren der Krankheit erkannte, wollte er dieses Menschenherz ergründen, auf das er sein Leben gebaut hatte.

Eines schönen Abends, als Lucien, in einem Sessel liegend, mechanisch durch die Bäume des Gartens dem Sonnenuntergang zusah, indem er, wie es gedankenverlorene Raucher tun, in langen und gleichmäßigen Wolken den Schleier seines parfümierten Rauches ausbreitete, zog ihn ein tiefer Seufzer aus seiner Träumerei. Er wandte sich um und sah den Abbé mit untergeschlagenen Armen dastehen.

»Du hast dagestanden?« sagte der Dichter. »Seit langem,« sagte der Priester; »meine Gedanken sind dem Flug der deinen gefolgt … « Lucien verstand dieses Wort. »Ich habe mich nie für eine eherne Natur ausgegeben, wie du es bist. Für mich ist das Leben abwechselnd ein Paradies und eine Hölle; aber wenn es gerade einmal weder das eine noch das andere ist, so langweilt es mich; und ich langweile mich … « »Wie kann man sich langweilen, wenn man so viele großartige Hoffnungen vor sich hat? … « »Wenn man an diese Hoffnungen nicht glaubt, oder wenn sie zu verschleiert sind … « »Keine Dummheiten!« sagte der du klein bist; aber du darfst nicht den Prägstock zerbrechen, mit dem wir Geld münzen. Ich erlaube dir alles, ausgenommen die Fehler, die deine Zukunft zertrümmern würden. Wenn ich dir die Salons des Faubourg Saint-Germain öffne, so verbiete ich dir, dich in der Gosse zu wälzen. Lucien, ich werde in deinem Interesse wie eine Eisenschranke sein; ich will alles von dir, für dich erdulden. Und deshalb habe ich deinen Mangel an Fühlung mit dem Spiel des Lebens in die Finesse eines gewandten Spielers verwandelt … «

Lucien hob in einer Bewegung wütender Schroffheit den Kopf. »Ich habe die Torpille entführt!« »Du?« schrie Lucien auf. In einem Anfall tierischer Wut sprang der Dichter empor und warf dem Priester, den er so heftig zurückstieß, daß er den Athleten zu Boden schleuderte, das Bocchinetto aus Gold und Edelsteinen ins Gesicht. »Ich,« sagte der Spanier, indem er sich erhob und ohne seine furchtbare Würde zu verlieren.

Die schwarze Perücke war gefallen. Ein Schädel, blank wie ein Totenkopf, gab diesem Manne seine wahre Physiognomie zurück; sie war grauenhaft. Lucien lag mit hängenden Armen und überwältigt auf seinem Diwan und starrte den Abbé mit stumpfer Miene an.

»Ich habe sie entführt,« wiederholte der Priester. »Was hast du aus ihr gemacht? Du hast sie am Morgen nach dem Maskenball entführt … « »Ja, am Morgen nach dem Tage, als ich sah, wie ein Wesen, das dir gehörte, von Schelmen beschimpft wurde, denen ich nicht den Fuß in den … « »Schelmen?« sagte Lucien, indem er ihn unterbrach, »sag Ungeheuern, neben denen die, die man guillotiniert, Engel sind. Weißt du, was die Torpille für drei unter ihnen getan hat? Einer von ihnen war zwei Monate lang ihr Liebhaber. Sie war arm und suchte sich ihr Brot in der Gosse; er hatte keinen Heller, er war wie ich, als du mir begegnetest, dem Fluß recht nahe; mein Bürschchen stand nachts auf und ging zu dem Schrank, in dem die Reste der Mittagsmahlzeit dieses Mädchens waren, und aß sie auf; sie entdeckte schließlich diese Kniffe und begriff die Scham; sie sorgte dafür, daß viele Reste übrig blieben, und sie war glücklich; sie hat das niemandem als mir gesagt, in ihrem Fiaker, als wir aus der Oper kamen. Der zweite hatte gestohlen; aber ehe man den Diebstahl bemerken konnte, lieh sie ihm die Summe, die er wieder hinlegen konnte; und er hat stets vergessen, sie dem armen Mädchen zurückzugeben. Für den dritten hat sie sein Glück gemacht, indem sie eine Komödie spielte, in der sich Figaros Genie zeigte: sie hat sich für seine Frau ausgegeben und ist die Geliebte eines allmächtigen Mannes geworden, der sie für die naivste der Bürgerfrauen hielt. Dem einen das Leben, dem andern die Ehre, dem letzten sein Vermögen, und das bedeutet heute all jenes! Und so wird es ihr von ihnen gelohnt … « »Willst du, daß sie sterben?« sagte Herrera, dem eine Träne in die Augen trat. »Nun, da bist du! Jetzt erkenne ich dich … « »Nein, erfahre alles, rasender Dichter,« sagte der Priester: »die Torpille lebt nicht mehr.«

Lucien warf sich so kräftig auf Herrera, um ihn an der Kehle zu packen, daß jeder andere gestürzt wäre; aber der Arm des Spaniers hielt den Dichter zurück.

»Höre doch zu,« sagte er kühl. »Ich habe eine keusche, reine, wohlerzogene, fromme Frau aus ihr gemacht, eine anständige Frau; sie ist auf dem Wege der Bildung. Sie kann, sie muß, unter der Herrschaft deiner Liebe, eine Ninon, eine Marion Delorme, eine Dubarry werden, wie dieser Journalist in der Oper sagte. Du wirst sie als deine Geliebte anerkennen oder hinter dem Vorhang deiner Schöpfung verborgen bleiben, was verständiger ist! Das eine wie das andere wird dir Vorteil und Ruhm, Genuß und Fortschritt eintragen. Aber wenn du ein ebenso großer Politiker wie Dichter bist, so wird dir Esther nur eine Dirne sein; denn später wird sie uns vielleicht aus der Verlegenheit ziehen, sie ist ihr Gewicht in Gold wert. Trinke, aber berausche dich nicht. Wenn ich deiner Leidenschaft nicht in die Zügel gefallen wäre, wo wärst du da heute? Du hättest dich mit der Torpille im Schlamm des Elends gewälzt, aus dem ich dich herausgezogen habe … Da, lies!« sagte Herrera so einfach wie Talma im ›Manli us‹, den er nie gesehen hatte.

Dem Dichter fiel ein Papier auf die Knie und entriß ihn der ekstatischen Verwunderung, in die ihn diese beängstigende Antwort gestürzt hatte; er nahm es und las den ersten je von Fräulein Esther geschriebenen Brief:

»An den Abbé Carlos Herrera.

Mein teurer Gönner! Werden Sie nicht glauben, daß bei mir die Dankbarkeit den Vortritt vor der Liebe hat, wenn Sie sehen, daß ich die Fähigkeit, meine Gedanken schriftlich auszudrücken, zuerst dazu benutze, Ihnen zu danken, statt eine Liebe zu schildern, die Lucien vielleicht vergessen hat? Aber ich werde Ihnen sagen, göttlicher Mann, was ich ihm zu sagen nicht wagen würde, obwohl er zu meinem Glück noch auf der Erde steht. Die gestrige Zeremonie hat Schätze der Gnade in mein Inneres gegossen, und also lege ich mein Schicksal in Ihre Hand. Müßte ich sterben, indem ich meinem Geliebten fernbleibe, so werde ich gereinigt sterben wie Magdalena, und meine Seele wird für ihn die Nebenbuhlerin seines Schutzengels werden. Werde ich je das gestrige Fest vergessen? Wie sollte ich dem glorreichen Thron entsagen, auf den ich gestiegen bin? Gestern habe ich all meine Besudelungen im Wasser der Taufe abgewaschen, und ich habe den heiligen Leib unseres Heilandes empfangen; ich bin zu einem seiner Tabernakel geworden. In jenem Augenblick habe ich den Gesang der Engel gehört, ich war mehr als eine Frau, ich wurde einem Leben des Lichts geboren, mitten unter den Zurufen der Erde, von der Welt bewundert, in einem Gewölk des Weihrauchs und der Gebete, das berauschte, geschmückt wie eine Jungfrau für einen himmlischen Gatten. Als ich mich, was ich niemals hoffen konnte, Luciens würdig fand, habe ich jede unreine Liebe abgeschworen, und ich will nicht mehr auf andern Wegen als denen der Tugend wandeln. Wenn mein Leib schwächer ist als meine Seele, so möge er zugrunde gehen! Seien Sie Richter über mein Schicksal, und wenn ich sterbe, so sagen Sie Lucien, daß ich für ihn gestorben bin, indem ich für Gott geboren wurde. Sonntag Abend.«

Lucien hob seine tränenfeuchten Augen.

»Du kennst die Wohnung der dicken Caroline Bellefeuille, in der Rue Taitbout,« fuhr der Spanier fort. »Dieses Mädchen war, als sie von ihrem Richter verlassen wurde, in furchtbarer Not, sie sollte gepfändet werden; ich habe ihre Wohnung in Bausch und Bogen kaufen lassen, sie ist mit ihren Sachen ausgezogen. Esther, dieser Engel, der zum Himmel steigen wollte, ist dort niedergestiegen und wartet auf dich.«

In diesem Augenblick hörte Lucien im Hof seine stampfenden Pferde; er hatte nicht die Kraft, seine Bewunderung für eine Ergebenheit auszusprechen, die nur er zu würdigen wußte: er warf sich dem Menschen, den er beschimpft hatte, in die Arme und machte alles durch einen einzigen Blick und seine überströmende Empfindung wieder gut; dann eilte er die Treppe hinunter, warf seinem Groom Esthers Adresse ins Ohr, und die Pferde flogen davon, als belebte die Leidenschaft ihres Herrn ihre Beine.

Am folgenden Tage ging ein Mann, den die Vorübergehenden nach seiner Kleidung hätten für einen verkleideten Gendarmen halten können, in der Rue Taitbout einem Hause gegenüber auf und ab, als wartete er, daß jemand herauskäme; sein Schritt war der erregter Leute. Man wird in Paris oft solche leidenschaftlichen Spaziergänger treffen, echte Gendarmen, die einen widerspenstigen Nationalgardisten belauern, Gerichtsdiener, die ihre Maßnahmen für eine Verhaftung treffen, Gläubiger, die darauf sinnen, ihren Schuldnern einen Schimpf anzutun, wenn sie sich eingeschlossen halten, eifersüchtige und argwöhnische Liebhaber oder Ehemänner, oder schließlich Freunde, die für Freunde Posten stehen; aber recht selten wird man einem Gesicht begegnen, das von den wilden, rauhen Gedanken entflammt ist, wie sie das Gesicht des düstern Athleten belebten, der unter den Fenstern Fräulein Esthers mit der gedankenverlorenen Eile eines Bären im Käfig hin und her ging. Gegen Mittag tat sich ein Fenster auf, um die Hand einer Kammerfrau hinauszulassen, die die mit einer Polsterfütterung versehenen Läden aufstieß. Ein paar Augenblicke darauf trat Esther im Negligé vor, um frische Luft zu schöpfen; sie stützte sich auf Lucien. Wer sie gesehen hätte, hätte sie für das Original einer anmutigen englischen Vignette gehalten. Esther bemerkte sofort die Basiliskenaugen des spanischen Priesters, und wie von einer Kugel getroffen, stieß das arme Geschöpf einen furchtbaren Schrei aus.

»Da ist der schreckliche Priester,« sagte sie, indem sie ihn Lucien zeigte. »Der!« sagte er lächelnd, »der ist so wenig Priester wie du … « »Was ist er denn?« fragte sie beängstigt. »Nun, ein alter Schuft, der nur an den Teufel glaubt,« sagte Lucien.

Wäre dieser Lichtstrahl, der auf die Geheimnisse des falschen Priesters fiel, von einem weniger ergebenen Wesen aufgefangen worden, als Esther es war, so hätte er Lucien auf immer vernichten können. Als die beiden Liebenden vom Fenster ihres Schlafzimmers in das Eßzimmer hinübergingen, wo ihnen eben das Frühstück serviert worden war, begegneten sie Carlos Herrera.

ein Mädchen aus gutem Hause heiraten, zu deren Gunsten der König uns diese Gnade erweisen wird. Dieser Bund wird Lucien in die Welt des Hofes einführen. Dieses Kind, aus dem ich einen Mann zu machen verstanden habe, wird zunächst Gesandtschaftssekretär werden; später wird er an einem deutschen Hofe Botschafter, und mit Gottes oder meiner Hilfe – und meine ist mehr wert – wird er sich eines Tages auf die Bänke der Pairs setzen … « »Oder auf die Bänke … « sagte Lucien, indem er diesen Menschen unterbrach. »Schweig!« rief Carlos, indem er Lucien mit seiner breiten Hand den Mund zuhielt. »Ein solches Geheimnis einer Frau! … « flüsterte er ihm ins Ohr. »Esther eine Frau!« rief der Verfasser der ›Margueriten‹. »Immer noch Sonette?« sagte der Spanier, »oder besser Albernheiten! All diese Engel werden früher oder später wieder zu Frauen; nun hat die Frau immer Augenblicke, in denen sie zugleich Affe und Kind ist: zwei Wesen, die uns töten, weil sie lachen wollen … Esther, mein Juwel,« sagte er zu der entsetzten jungen Zöglingin, »ich habe Ihnen zur Kammerfrau ein Geschöpf gesucht, das mir ergeben ist, als wäre es meine Tochter. Zur Köchin werden Sie eine Mulattin haben; das gibt einem Hause einen stolzen Ton. Mit Europa und Asien werden Sie hier für einen Tausendfrankenschein monatlich, alles eingeschlossen, wie eine Königin … des Theaters leben können. Europa ist Schneiderin, Modistin und Statistin gewesen; Asien hat einem Lord und Feinschmecker gedient. Diese beiden Geschöpfe werden für Sie zwei Feen sein.«

Als Esther Lucien vor diesem Wesen, das sich mindestens einer Entweihung und einer Fälschung schuldig gemacht hatte, sehr klein werden sah, empfand sie, die durch ihre Liebe geheiligt war, einen tiefen Schrecken auf dem Grunde ihres Herzens. Ohne etwas zu erwidern, zog sie Lucien ins Zimmer und sagte zu ihm: »Ist das der Teufel?« »Etwas Schlimmeres … für mich,« erwiderte er lebhaft. »Aber wenn du mich liebst, so versuche, die Ergebenheit dieses Mannes nachzuahmen und gehorche ihm bei Todesstrafe … « »Bei Todesstrafe? … « sagte sie noch entsetzter. »Bei Todesstrafe,« wiederholte Lucien. »Ach, mein kleines Schäfchen, kein Tod ließe sich mit dem vergleichen, der mich ereilen würde, wenn … « Esther erblich, als sie diese Worte hörte, und fühlte, wie ihre Kräfte sie verließen.

»Nun,« rief ihnen der Fälscher und Kirchenschänder zu, »habt ihr denn eure Maßliebchen noch nicht kahl gezupft?«

Esther und Lucien kehrten zurück, und das arme Mädchen sagte, ohne daß sie es wagte, einen Blick auf den geheimnisvollen Menschen zu werfen: »Wir werden Ihnen gehorchen, wie man Gott gehorcht.« »Gut,« erwiderte er; »Sie können also eine Zeitlang sehr glücklich sein, und … Sie werden nur Haus- und Nachttoilette zu machen haben; das wird viel Geld ersparen.«

Und die beiden Liebenden gingen auf das Eßzimmer zu; aber Luciens Gönner machte eine Geste, um das hübsche Paar aufzuhalten, so daß es stehen blieb. »Ich habe Ihnen eben von Ihren Leuten gesprochen, liebes Kind,« sagte er zu Esther, »ich muß sie Ihnen vorstellen.«

Der Spanier schellte zweimal. Die beiden Frauen, die er Europa und Asien nannte, erschienen, und jetzt war der Grund dieser Beinamen leicht zu erkennen.

Asien, die auf der Insel Java geboren zu sein schien, zeigte dem Blick, als wolle sie ihn erschrecken, jenes den Malaien eigene kupferfarbene Gesicht, das flach ist wie ein Brett und in das die Nase wie durch einen gewaltsamen Druck hineingepreßt zu sein scheint. Die wunderliche Stellung der Kieferknochen gab dem Untergesicht einige Ähnlichkeit mit dem Gesicht der großen Affen. Der wenn auch niedrigen Stirn fehlte es nicht an der durch gewohnheitsmäßig angewandte List entwickelten Intelligenz. Zwei kleine brennende Augen bewahrten die Ruhe der Augen des Tigers, aber sie blickten einem nie ins Gesicht. Es sah aus, als fürchtete Asien, die Leute zu erschrecken. Die blaßblauen Lippen ließen Zähne von blendender Weiße sehen, die aber kreuzweis standen. Der allgemeine Ausdruck dieser tierischen Physiognomie war der der Feigheit. Die wie die Gesichtshaut glänzenden und fetten Haare umrandeten ein sehr reiches Kopftuch mit zwei schwarzen Streifen. Die äußerst hübschen Ohren zeigten als Schmuck zwei große Perlen. Klein, kurz, untersetzt, so glich Asien jenen närrischen Schöpfungen, die die Chinesen sich auf ihren Lichtschirmen erlauben; oder genauer, jenen indischen Idolen, deren Typus nicht mehr vorhanden sein zu sollen scheint, den aber die Reisenden schließlich doch noch finden. Als Esther dieses Ungeheuer sah, das über einem Kleid aus englischer Wolle mit einer weißen Schürze geziert war, durchlief sie ein Schauder.

»Asien,« sagte der Spanier, zu dem die Frau den Kopf mit einer Bewegung emporhob, wie sie sich nur mit der eines Hundes vergleichen läßt, der seinen Herrn ansieht, »das ist Eure Herrin.« Und er zeigte Esther in ihrem Hauskleid mit dem Finger.

Asien sah diese junge Fee mit einem fast schmerzlichen Ausdruck an; aber zugleich flog zwischen ihren engen Wimpern hervor wie der Funke eines Brandes ein ersticktes Licht auf Lucien, der, bekleidet mit einem prachtvollen offenen Schlafrock, einem Hemd aus friesischer Leinwand und einer roten Hose, eine türkische Mütze auf dem Kopf, von dem seine blonden Haare in starken Locken herabfielen, ein göttliches Bild darbot. Das italienische Genie kann die Erzählung von Othello erfinden, das englische kann es in Szene setzen, aber die Natur allein hat das Recht, in einen einzigen Blick einen vollständigeren und großartigeren Ausdruck der Eifersucht hineinzulegen, als England und Italien zusammen. Vor diesem Blick, den Esther auffing, ergriff sie den Spanier beim Arm und preßte ihm ihre Nägel ins Fleisch, wie es eine Katze getan hätte, die sich festhält, um nicht in einen Abgrund zu fallen, dessen Boden sie nicht sieht. Der Spanier sagte in einer unbekannten Sprache drei oder vier Worte zu diesem asiatischen Ungeheuer, das herbeikam und kriechend vor Esthers Füßen niederkniete, um sie ihr zu küssen.

»Sie ist«, sagte der Spanier zu Esther, »keine Köchin, sondern ein Koch, der Carême vor Eifersucht wahnsinnig machen würde. Sie wird Ihnen eine einfache Schüssel Bohnen so bereiten, daß Sie zweifeln, ob nicht die Engel herabgestiegen sind, um die Kräuter des Himmels darunter zu mischen. Sie wird jeden Morgen selbst in die Markthallen gehen und sich wie der Teufel schlagen, der sie ist, um die Dinge zum angemessensten Preis zu erhalten; sie wird die Neugierigen durch ihre Verschwiegenheit ermüden. Da man aussprengen wird, Sie seien in Indien gewesen, so wird Asien viel dazu beitragen, diese Fabel wahrscheinlich zu machen, denn sie ist eine jener Pariserinnen, die geboren werden, um dem Lande anzugehören, das sie wollen; aber mein Rat ist nicht etwa der, daß Sie Fremde seien … Europa, was meinst du dazu? … «

Europa bildete einen vollkommenen Gegensatz zu Asien, denn sie war die zierlichste Soubrette, die sich Monrose je auf dem Theater als Partnerin hätte wünschen können. Schlank, scheinbar leichtfertig, mit einem Wiesellärvchen und runder Nase, so bot Europa dem Blick ein Gesicht dar, das von den Pariser Verderbtheiten ermüdet ist, das fahle Gesicht eines mit rohen Äpfeln ernährten Mädchens, bleichsüchtig und faserig, weich und zäh. Ihren kleinen Fuß vorgesetzt, die Hände in den Taschen ihrer Schürze, zitterte sie, obwohl sie reglos dastand, so voll Leben war sie. Sie war zugleich Grisette und Statistin und mußte trotz ihrer Jugend schon viele Berufe ausgeübt haben. Verdorben wie alle Insassinnen des Magdalenenstifts, konnte sie ihre Eltern bestohlen und die Bänke der Sittenpolizei gestreift haben. Asien flößte großen Schrecken ein, aber man kannte sie auf den ersten Blick ganz; sie stammte in gerader Linie von Locusta ab. Europa aber flößte eine Unruhe ein, die nur wachsen konnte, je mehr man sich ihrer bediente; ihre Verderbtheit schien keine Grenzen zu haben; sie mußte, wie das Volk sagt, verstehen, Berge zum Wackeln zu bringen.

»Die gnädige Frau könnte aus Valenciennes sein,« sagte Europa mit leiser und trockener Stimme; »daher bin ich. Will der gnädige Herr«, sagte sie in wohlweisem Ton zu Lucien, »uns sagen, welchen Namen er der gnädigen Frau zu geben gedenkt?« »Frau van Bogseck,« erwiderte der Spanier, indem er auf der Stelle Esthers Namen ausgab. »Die gnädige Frau ist eine Jüdin aus Holland, die Witwe eines Kaufmanns und leidet an einer Leberkrankheit, die sie aus Java mitgebracht hat … Kein großes Vermögen, um keine Neugier zu wecken.« »Genug zum Leben, sechstausend Franken Rente; und wir werden uns über ihre Knickerei beklagen?« sagte Europa. »Ganz recht,« sagte der Spanier mit einer Neigung des Kopfes. »Ihr verteufelten Possenspielerinnen!« fuhr er in beängstigendem Tone fort, da er zwischen Asien und Europa Blicke auffing, die ihm mißfielen, »ihr wißt, was ich euch gesagt habe? Ihr dient einer Königin, ihr schuldet ihr die Achtung, die man einer Königin schuldet; aber ihr werdet sie hegen, als hegtet ihr eine Rache; ihr werdet ihr ebenso ergeben sein wie mir. Weder der Pförtner noch die Nachbarn noch die Mieter, kurz niemand in der Welt darf erfahren, was hier vorgeht. Es ist eure Sache, jede Neugier zu vereiteln, wenn sie erwacht. Und die gnädige Frau«, fügte er hinzu, indem er seine große behaarte Hand auf Esthers Arm legte, »darf nicht die geringste Unvorsichtigkeit begehen; ihr werdet sie im Notfall daran hindern, aber … immer achtungsvoll. Europa, du wirst wegen der Toilette der gnädigen Frau mit der Außenwelt in Berührung bleiben, und du wirst selbst daran arbeiten, um zu sparen. Kurz niemand, nicht einmal die unbedeutendsten Leute setzen den Fuß in die Wohnung. Ihr beide werdet hier alles machen müssen … Meine kleine Schöne,« sagte er zu Esther, »wenn Sie abends im Wagen ausfahren wollen, so werden Sie es Europa sagen, sie weiß, wo sie Ihre Leute suchen muß, denn Sie werden einen Jäger erhalten, der wie diese beiden Sklavinnen ebenfalls aus meiner Hand hervorgegangen ist.«

Esther und Lucien fanden keine Worte; sie hörten dem Spanier zu und sahen die beiden kostbaren Wesen an, denen er seine Befehle gab. Welchem Geheimnis verdankte er die Unterwürfigkeit und Ergebenheit, die sich auf diesen beiden Gesichtern malten, deren eines so boshaft aufrührerisch und das andere von so tiefer Grausamkeit war? Er erriet Esthers und Luciens Gedanken; denn beide schienen erstarrt, wie Paul und Virginie es beim Anblick zweier furchtbarer Schlangen gewesen wären; und er sagte ihnen mit seiner guten Stimme ins Ohr: »Ihr könnt auf sie zählen wie auf mich; habt keinerlei Geheimnis vor ihnen, das wird ihnen schmeicheln … Trage auf! Asien, meine Kleine,« sagte er zu der Köchin; »und du, Liebchen, lege noch ein Gedeck hinzu,« sagte er zu Europa; »es ist doch das wenigste, daß diese Kinder Papa zum Frühstück einladen.«

Als die beiden Frauen die Tür geschlossen hatten und der Spanier Europa hin und her gehen hörte, sagte er zu Lucien und dem jungen Mädchen, indem er seine große Hand öffnete: »Ich habe sie in der Gewalt!« – ein Wort und eine Geste, vor denen man erbeben konnte. »Wo hast du sie nur gefunden?« rief Lucien aus. »Ah, bei Gott!« erwiderte der andere, »ich habe sie nicht am Fuß der Throne gesucht! Europa kommt aus dem Kot und fürchtet, dahinein zurückzusinken … Droht ihnen mit dem Herrn Abbé, wenn sie euch nicht zufriedenstellen, und ihr werdet sehen, daß sie erzittern wie eine Maus, der man von der Katze redet. Ich bin ein Tierbändiger,« fügte er lächelnd hinzu. »Sie machen mir den Eindruck eines Dämons!« rief Esther anmutig aus, indem sie sich gegen Lucien drängte.

»Liebes Kind, ich habe versucht, Sie dem Himmel zu schenken, aber die reuige Dirne wird stets für die Kirche eine Mystifikation bleiben; wenn sich je eine fände, so würde sie im Paradies wieder zur Kurtisane werden … Sie haben das dabei gewonnen, daß man Sie vergessen hat und daß Sie einer anständigen Frau ähnlich sehen; denn Sie haben da unten gelernt, was Sie in der ehrlosen Sphäre, in der Sie lebten, nie hätten lernen können … Sie schulden mir nichts,« sagte er, als er auf Esthers Gesicht einen entzückenden Ausdruck des Dankes sah, »ich habe alles für ihn getan … « Und er zeigte auf Lucien. »Sie sind eine Dirne, Sie werden Dirne bleiben und als Dirne sterben; denn trotz der verführerischen Theorien der Tierzüchter kann man hier unten nur werden, was man ist. Der Mann mit den Schädelwölbungen hat recht. Sie haben die Schädelwölbung der Liebe.«

Der Spanier war, wie man sieht, Fatalist, ebenso wie Napoleon, Mohammed und viele große Politiker. Seltsam, fast alle Menschen der Tat neigen zum Fatalismus, genau wie die meisten Denker zum Glauben an die Vorsehung neigen.

»Ich weiß nicht, was ich bin,« erwiderte Esther mit der Sanftmut eines Engels, »aber ich liebe Lucien, und ich werde sterben, indem ich ihn anbete.« »Kommen Sie zum Frühstück,« sagte der Spanier schroff, »und beten Sie zu Gott, daß Lucien sich nicht zu schnell verheiratet, denn dann würden Sie ihn nicht wiedersehen.« »Seine Heirat wäre mein Tod,« sagte sie.

Sie ließ den Priester vortreten, um sich ungesehen zu Luciens Ohr emporheben zu können. »Ist es dein Wille,« sagte sie, »daß ich unter der Gewalt dieses Menschen bleibe, der mich von diesen beiden Hyänen bewachen läßt?«

Lucien neigte den Kopf. Das arme Mädchen unterdrückte ihre Trauer und schien lustig, aber sie fühlte sich furchtbar bedrückt. Es bedurfte mehr als eines Jahres beständiger und ergebener Pflege, damit sie sich an diese beiden furchtbaren Geschöpfe gewöhnte, die Carlos Herrera ›die beiden Wachhunde‹ nannte.

Luciens Verhalten trug seit seiner Rückkehr nach Paris das Gepräge einer so tiefen Politik, daß er die Eifersucht all seiner alten Freunde wecken mußte und weckte; er übte ihnen gegenüber keine andere Rache als die, daß er sie durch seine Erfolge, seine einwandfreie Haltung und seine Art, die Leute von sich fernzuhalten, wütend machte. Dieser so mitteilsame, so überströmende Dichter wurde kühl und zurückhaltend. De Marsay, jener von der Pariser Jugend nachgeahmte Typus, hielt in seinen Reden und Handlungen nicht mehr Maß als Lucien. Was den Geist angeht, so hatte der Journalist schon ehedem seine Proben geliefert. Von Marsay, dem viele Leute schaden froh Lucien entgegenhielten, indem sie dem Dichter den Vorzug gaben, war klein genug, sich darüber zu ärgern. Lucien stand in hoher Gunst bei denen, die im geheimen die Macht hatten, und er gab jeden Gedanken an literarischen Ruhm so vollständig auf, daß er unempfänglich blieb für den Erfolg seines Romans, der unter seinem ersten Titel ›Der Bogenschütze Karls IX.‹ neu herausgegeben wurde, und gegen das Aufsehen, das seine Sonettensammlung, die ›Margueriten‹, erregte; Dauriat verkaufte die Auflage in einer einzigen Woche. »Das ist ein posthumer Erfolg,« erwiderte er lachend, als Fräulein Des Touches ihn beglückwünschte.

Der furchtbare Spanier hielt sein Geschöpf mit ehernem Arm auf der Linie fest, an deren Ende die Fanfaren und die Beute des Sieges auf die geduldigen Politiker warten. Lucien hatte, um der Rue Taitbout näher zu sein, die Junggesellenwohnung Beaudenords am Quai Malaquais genommen, und sein Ratgeber hatte sich in drei Zimmern desselben Hauses, im vierten Stock eingemietet. Lucien hatte nur noch ein Reit-und Wagenpferd, einen Diener und einen Stallknecht. Wenn er nicht in der Stadt speiste, speiste er bei Esther. Carlos Herrera überwachte die Leute am Quai Malaquais so genau, daß Lucien im Jahr noch keine zehntausend Franken ausgab. Auch für Esther genügten, dank der beständigen unerklärlichen Ergebenheit Europas und Asiens, zehntausend Franken. Lucien wandte die größte Vorsicht auf, wenn er in die Rue Taitbout ging oder aus ihr kam. Er fuhr stets nur im Wagen hin, hatte die Vorhänge heruntergelassen und ließ den Kutscher stets in die Einfahrt hineinfahren. Daher schadeten auch seine Leidenschaft für Esther und die Existenz des Haushalts der Rue Taitbout, die der Welt völlig unbekannt blieben, keiner seiner Unternehmungen oder Beziehungen; nie entschlüpfte ihm ein unvorsichtiges Wort über diesen heiklen Gegenstand. Die Fehler, die er in dieser Hinsicht zur Zeit seines ersten Aufenthalts in Paris mit Coralie begangen hatte, machten ihn klug. Sein Leben zeigte zunächst jene Regelmäßigkeit des guten Tons, unter der man viele Geheimnisse verbergen kann: er blieb jede Nacht bis ein Uhr in der Gesellschaft; man fand ihn von zehn bis ein Uhr nachmittags zu Hause; dann fuhr er ins Bois de Boulogne und machte bis fünf Uhr Besuche. Man sah ihn selten zu Fuß, und so vermied er seine alten Bekannten. Wenn ihn irgendein Journalist oder einer seiner alten Kameraden grüßte, antwortete er vorläufig mit einer Kopfneigung, die gerade höflich genug war, damit man sich nicht ärgern konnte, durch die aber doch jene tiefe Geringschätzung hindurchblickte, die die französische Vertraulichkeit tötet. Auf diese Weise entledigte er sich schnell der Leute, die er nicht mehr gekannt haben wollte. Ein alter Haß hinderte ihn, zu Frau d'Espard zu gehen, obwohl sie ihn mehrmals hatte bei sich sehen wollen. Wenn er ihr bei der Herzogin von Maufrigneuse begegnete oder bei Fräulein Des Touches, bei der Gräfin von Montcornet oder anderswo, so benahm er sich ihr gegenüber ausgesucht höflich. Dieser Haß, der bei Frau d'Espard ebenso groß war, zwang Lucien zur Vorsicht; denn man wird sehen, wie sehr er ihn belebt hatte, indem er sich eine Rache erlaubte, die ihm übrigens eine starke Predigt Herreras eintrug.

»Du bist noch nicht mächtig genug, um dich an irgend jemandem zu rächen,« hatte der Spanier zu ihm gesagt. »Wenn man bei brennender Sonne unterwegs ist, bleibt man nicht stehen, um die schönste Blume zu pflücken … «

Lucien hatte zuviel Zukunft und echte Überlegenheit, als daß nicht die jungen Leute, die seine Rückkehr nach Paris und sein unerklärlicher Wohlstand in Schatten stellten, entzückt gewesen wären, ihm einen schlimmen Streich spielen zu können. Lucien, der wußte, daß er viele Feinde hatte, übersah die arge Gesinnung seiner Freunde nicht. Daher warnte denn auch der Abbé seinen Adoptivsohn in ausgezeichneter Weise vor der Verräterei der Welt und der Unvorsichtigkeit, die der Jugend so verhängnisvoll wird. Lucien mußte dem Abbé jeden Abend die kleinsten Ereignisse des Tages erzählen und tat es stets. Dank den Ratschlägen dieses Mentors wich er der geschicktesten Neugier aus, der der Gesellschaft. Geschützt durch einen englischen Ernst, gedeckt durch die Schanzen, die die Umsicht der Diplomaten aufführt, gab er niemandem das Recht oder die Gelegenheit, einen Blick in seine Angelegenheiten zu werfen. Sein junges und schönes Gesicht war schließlich in der Gesellschaft so reglos geworden wie das einer Prinzessin während einer Zeremonie. Gegen Mitte des Jahres 1829 war von seiner Heirat mit der ältesten Tochter der Herzogin von Grandlieu die Rede, die damals nicht weniger als vier Töchter zu versorgen hatte. Niemand zweifelte daran, daß der König bei Gelegenheit dieses Bündnisses Lucien die Gunst erweisen würde, ihm den Titel ›Marquis‹ zu verleihen. Die Heirat sollte Luciens politisches Glück entscheiden, denn wahrscheinlich sollte er an einem deutschen Hofe zum Botschafter ernannt werden. Seit drei Jahren war Luciens Leben unangreifbar vorsichtig gewesen; daher hatte auch von Marsay dieses merkwürdige Wort über ihn gesagt: ›Dieser Bursche muß einen sehr starken Menschen hinter sich haben.‹

So war Lucien fast zu einer Persönlichkeit geworden. Seine Leidenschaft für Esther hatte ihm übrigens viel dabei geholfen, seine Rolle eines ernsten Mannes zu spielen. Eine derartige Gewöhnung schützt die Ehrgeizigen vor sehr vielen Dummheiten; da sie an keiner Frau festhalten, so lassen sie sich nicht durch die Reaktionen des Körperlichen auf das Geistige fangen. Was das Glück angeht, das Lucien genoß, so war es die Verwirklichung der Träume aller hellerlosen Dichter, die in einer Bodenkammer fasten. Esther, das Ideal der verliebten Kurtisane, erinnerte Lucien an Coralie, die Schauspielerin, mit der er ein Jahr lang gelebt hatte; aber sie löschte sie vollständig aus. Alle liebenden und hingebenden Frauen erfinden von neuem die Abschließung, das Inkognito, das Leben der Perle auf dem Meeresboden; aber bei den meisten unter ihnen ist es nur eine jener reizenden Launen, die einen Gesprächsgegenstand bilden, einen Beweis der Liebe, von dem sie nur träumen und den sie nicht geben; während Esther, die immer gleichsam am Morgen nach der ersten Seligkeit stehen blieb und in jeder Stunde unter Luciens erstem zündenden Blick lebte, in vier Jahren keine Regung der Neugier empfand. Ihren ganzen Geist verwandte sie darauf, in den Grenzen des von der Schicksalshand des Spaniers vorgezeichneten Programms zu bleiben. Ja, noch mehr, mitten unter den berauschendsten Entzückungen mißbrauchte sie nicht die unbegrenzte Macht, die geliebten Frauen die wiedererwachenden Begierden eines Liebhabers geben, um Lucien eine Frage über Herrera zu stellen, der sie übrigens immer noch beängstigte: sie wagte nicht an ihn zu denken. Die klugen Wohltaten dieses Mannes, dem Esther auf jeden Fall ihre Klosterzöglingsanmut, ihr Benehmen als anständige Frau und ihre moralische Wiedergeburt verdankte, erschienen dem armen Mädchen als Vorschüsse der Hölle. »Ich werde für all das eines Tages zahlen,« sagte sie sich voll Grauen.

Während all der schönen Nächte fuhr sie im Mietswagen aus. Sie fuhr mit einer Schnelligkeit, die ohne Zweifel der Abbé anbefohlen hatte, in einen der entzückenden Wälder, die Paris umgeben: nach Boulogne, Vincennes, Romainville oder Ville d'Avray, oft mit Lucien, bisweilen allein mit Europa. Sie ging dort furchtlos spazieren, denn sie wurde, wenn Lucien nicht dabei war, von einem großen Leibjäger begleitet, der gekleidet war wie die elegantesten Leibjäger, bewaffnet mit einem wirklichen Weidfänger, und dessen Physiognomie und dürre Muskulatur auf einen furchtbaren Athleten deuteten. Dieser weitere Wächter war nach englischer Mode mit einem Stock bewaffnet, den man ›bâton de longueur‹ nannte, der den Stockfechtern wohlbekannt ist und mit dem sie mehreren Angreifern standhalten können. Gemäß einem Befehl, den der Abbé erteilt hatte, durfte Esther mit diesem Jäger niemals ein Wort wechseln. Europa stieß, wenn die gnädige Frau Formel: ›Sie waren glücklich!‹ für sie noch vielsagender als in den Feenmärchen, denn sie hatten keine Kinder. So konnte Lucien in der Gesellschaft kokettieren, sich seinen Dichterlaunen und – sagen wir es – dem Zwang seiner Lage überlassen. Er leistete während der Zeit, in der er langsam seinen Weg machte, ein paar Politikern heimliche Dienste, indem er an ihren Arbeiten mitwirkte. Er war darin sehr verschwiegen. Er besuchte viel den Salon der Frau von Sérizy, mit der er sich nach den Reden der Gesellschaft ausgezeichnet stand. Frau von Sérizy hatte Lucien der Herzogin von Maufrigneuse entführt, die, wie sie sagte, keinen Wert mehr auf ihn legte: ein Wort, durch das sich die Frauen wegen eines Glückes rächen, das ihren Neid erweckt. Lucien stand sozusagen im Angelpunkt des Almosenpflegeramts, und er war intim mit einigen Frauen, die mit dem Erzbischof von Paris befreundet waren. Als bescheidener und verschwiegener Mann harrte er geduldig. Daher enthielt denn auch das Wort von Marsays, der sich damals verheiratet hatte und der seine Frau zwang, das Leben Esthers zu führen, mehr als eine Anmerkung. Aber die unterseeischen Gefahren der Lage Luciens werden im Verlauf dieser Geschichte deutlich genug hervortreten.

So standen die Dinge, als in einer schönen Augustnacht der Baron von Nucingen vom Landgut eines in Frankreich ansässigen ausländischen Bankiers, bei dem er gespeist hatte, nach Paris zurückkam. Das Landgut liegt in der Brie, acht Stunden von Paris. Da nun der Kutscher des Barons sich gerühmt hatte, seinen Herrn mit seinen eigenen Pferden hin und zurück zu fahren, so nahm sich dieser Kutscher die Freiheit, als die Nacht gekommen war, langsam zu fahren. Beim Eintritt in den Wald von Vincennes waren Tiere, Leute und Herr in folgender Lage. Der Kutscher, dem man in der Küche des berühmten Geldautokraten freigebig zu trinken gespendet hatte, war vollständig Schreckens ihren Schleier. Der Jäger stieß einen heisern Schrei aus, dessen Sinn der Kutscher sofort verstand, denn der Wagen schoß wie ein Pfeil davon. Der alte Bankier war in furchtbarer Erregung: das Blut, das ihm aus den Füßen emporwallte, trieb ihm das Feuer in den Kopf, sein Kopf schickte Flammen ins Herz hinein; die Kehle schnürte sich ihm zu. Der Unglückliche fürchtete eine schlechte Verdauung, und trotz dieser großen Befürchtung erhob er sich auf seine Füße.

»Kalopp! Elländes Vieh, wer schläft!« rief er. »Hündert Franken, wänn de einholst d'n Wagen.«

Bei den Worten ›hündert Franken‹ erwachte der Kutscher; der Diener hinten hörte sie zweifellos noch im Schlaf. Der Baron wiederholte den Befehl; der Kutscher trieb seine Tiere zum Galopp, und es gelang ihm auch am Throntor, einen Wagen einzuholen, der jenem, in dem Nucingen die göttliche Unbekannte gesehen hatte, einigermaßen ähnlich war; aber der erste Kommis irgendeines reichen Kaufhauses spreizte sich darin mit einer ›anständigen Frau‹ der Rue Vivienne.

Dieser Irrtum schlug den Baron nieder. »Wänn ich hätt mitkenommen den Schorsch (sprich Georg) und nich dich, dann hätt er kefunden die Frau,« sagte er zu dem Diener, während die Zollbeamten den Wagen visitierten. »Ach, Herr Baron, ich glaube, der Teufel saß als Heiduck hinten auf, und er hat mir diesen Wagen untergeschoben.« »Teifel, gibt nix Teifel,« sagte der Baron.

Der Baron von Nucingen gab damals sechzig Jahre zu; die Frauen waren ihm völlig gleichgültig geworden, vor allem seine eigene Frau. Er rühmte sich, nie die Liebe des Hauses hatten der Baronin zu verstehen gegeben, daß ein Mann wie Nucingen nicht unversehens sterben dürfte; seine ungeheuren Geschäfte erforderten Vorsichtsmaßregeln, man müßte unbedingt wissen, an was man sich zu halten hätte. Diese Herren wurden zu dem Diner eingeladen; ebenso der Graf von Gondreville, der Schwiegervater Franz Kellers, der Chevalier d'Espard, Des Lupeaulx, der Doktor Bianchon, derjenige unter Despleins Schülern, den er am meisten liebte, Beaudenord mit seiner Frau, der Graf und die Gräfin von Montcornet, Blondet, Fräulein Des Touches und Conti; schließlich auch Lucien von Rubempré, für den Rastignac seit fünf Jahren die lebhafteste Freundschaft empfand, wenn auch auf Befehl, wie man im Affichenstil sagt.

»Den da werden wir nicht so leicht loswerden,« sagte Blondet zu Rastignac, als er Lucien schöner als je und entzückend gekleidet in den Salon treten sah. »Es ist besser, man macht ihn sich zum Freunde, denn er ist zu fürchten,« sagte Rastignac. »Der?« sagte von Marsay. »Ich erkenne als furchtbar nur die Leute an, deren Stellung klar ist, und die seine ist eher unangegriffen als unangreifbar! Lassen Sie sehen, wovon lebt er? Woher hat er sein Vermögen? Ich bin überzeugt, er hat an die sechzigtausend Franken Schulden.« »Er hat in einem spanischen Priester einen sehr reichen Gönner gefunden, der ihm wohl will,« erwiderte Rastignac. »Er heiratet die älteste Fräulein von Grandlieu,« sagte Fräulein Des Touches. »Ja, aber«, sagte der Chevalier d'Espard, »man verlangt, daß er einen Landsitz von dreißigtausend Franken Rente kauft, um das Vermögen sicherzustellen, das er seiner Zukünftigen zuerkennen muß, und dazu braucht er eine Million, die man unter dem Fuß keines Spaniers findet.« »Das ist teuer, denn Klotilde ist recht häßlich,« sagte die Baronin.

Frau von Nucingen nannte Fräulein von Grandlieu aus Affektiertheit bei ihrem Vornamen, als verkehrte sie, eine geborene Goriot, in dieser Gesellschaft.

»Nein,« erwiderte du Tillet, »die Tochter einer Herzogin ist für uns Männer niemals häßlich; besonders dann nicht, wenn sie uns den Titel ›Marquis‹ und einen diplomatischen Posten mitbringt; aber das größte Hindernis für diese Heirat ist die sinnlose Liebe der Frau von Sérizy zu Lucien: sie muß ihm viel Geld geben.« »Es wundert mich nicht mehr, daß ich Lucien so ernst sehe; denn Frau von Sérizy wird ihm sicherlich keine Million geben, damit er Fräulein von Grandlieu heiratet. Er weiß gewiß nicht, wie er sich aus der Verlegenheit ziehen soll,« sagte von Marsay. »Ja, aber Fräulein von Grandlieu betet ihn an,« sagte die Gräfin von Montcornet, »und mit Hilfe des jungen Mädchens wird er vielleicht bessere Bedingungen erlangen.« »Was wird er mit seiner Schwester und mit seinem Schwager in Angoulême machen?« fragte der Chevalier d'Espard. »Aber«, erwiderte Rastignac, »seine Schwester ist reich, und er nennt sie heute Frau Séchard von Marsac.« »Wenn auch Schwierigkeiten vorhanden sind, so ist er doch ein recht hübscher Bursche,« sagte Bianchon, indem er aufstand, um Lucien zu begrüßen. »Guten Tag, lieber Freund,« sagte Rastignac, indem er einen warmen Händedruck mit Lucien tauschte. Von Marsay grüßte kühl, nachdem er zuerst von Lucien begrüßt worden war.

Vor dem Diner erkannten Desplein und Bianchon, die den Baron von Nucingen untersuchten, während sie mit ihm scherzten, daß seine Krankheit rein seelischer Natur war; aber niemand konnte die Ursache erraten, so unmöglich schien es, daß dieser tiefe Politiker der Börse verliebt sein sollte. Als Bianchon keine andere Erklärung für den leidenden Zustand des Bankiers mehr fand als die Liebe und als er Delphine von Nucingen ein paar Worte darüber sagte, lächelte sie wie eine Frau, die seit langem weiß, woran sie sich bei ihrem Manne zu halten hat. Als man jedoch nach dem Diner in den Garten hinunterging, umringten die Intimen des Hauses den Bankier; denn da sie Bianchon behaupten hörten, Nucingen müßte verliebt sein, so wollten sie diesen außerordentlichen Fall aufklären.

»Wissen Sie, Baron,« sagte von Marsay zu ihm, »daß Sie beträchtlich abgemagert sind? Und man hat Sie in Verdacht, daß Sie die Gesetze der Finanznatur vergewaltigen.« »Nimmals,« sagte der Baron. »Doch,« erwiderte von Marsay. »Man wagt die Behauptung, Sie seien verliebt.« »Recht hat mer,« erwiderte Nucingen jämmerlich. »Ich seifze um aine Unpegannte.« »Sie sind verliebt, Sie? … Sie sind ein Geck!« sagte der Chevalier d'Espard. »Wenn mer ist verliept in mainem Alter, ist mer lächerlich; kanz kewiß; aber was wollen Se! S'is so!« »In eine Frau aus der Gesellschaft?« fragte Lucien. »Aber«, sagte von Marsay, »der Baron kann nur durch eine hoffnungslose Liebe so abmagern; er hat die Mittel, alle Frauen zu kaufen, die sich verkaufen wollen und können.« »Kenn'n tu ich se nich,« erwiderte der Baron. »Und jetzt kann ich es Ihnen sagen, denn Frau von Nischinguen ist im Salon: ich hab noch nie kewußt, was die Liebe ist. Die Liebe? … Ich glaube, davon wird mer mager.« »Wo sind Sie dieser jungen Unschuld begegnet?« fragte Rastignac. »Im Wagen, nachts, im Wald von Vincennes.« »Ihre Personalbeschreibung?« sagte von Marsay. »Ain Schabot aus weißer Kase, rotes Klaid, weißer Kürtel, weißer Schlaier … Ain Kesicht, piplisch einfach! Feieraugen, orientalischer Täng.« »Sie haben geträumt!« sagte Lucien lächelnd. »Recht haben Se, ich schlief wie ain Sack … ain voller Sack,« verbesserte er sich, »denn ich kam von ainem Tiner auf dem Landgut maines Freindes … « »War sie allein?« fragte du Tillet, indem er den Luchs unterbrach. »War se,« sagte der Baron mit leidender Stimme; »nur hintern Wagen ain Heiduck und aine Zofe.« »Lucien sieht aus, als kenne er sie,« rief Rastignac, da er ein Lächeln des Liebhabers der Fräulein Esther auffing. »Wer kennt nicht die Frauen, die imstande sind, um Mitternacht auszufahren und Nucingen zu begegnen?« sagte Lucien, indem er sich im Kreise umdrehte. »Auf jeden Fall ist es keine Frau, die in die Gesellschaft geht,« sagte der Chevalier d'Espard, »denn dann hätte der Baron den Heiducken wiedererkannt.« »Ich hab se kesehen noch nirgendwo,« erwiderte der Baron; »und ich laß se suchen seit anderthalb Monaten von der Bolißei, die se nich findet.« »Lieber soll sie Sie ein paar hunderttausend Franken kosten, als das Leben; und in Ihrem Alter ist eine Leidenschaft, die keine Nahrung findet, gefährlich,« sagte Desplein; »man kann daran sterben.« »Ja,« gab Nucingen Desplein zur Antwort; »was ich esse, ernährt mich nicht, die Luft schaint mir tötlich; ich fahre in den Wald von Vincennes, um ßu sehn die Stelle, wo ich se kesehen habe! … Un das is main Leben! Ich hab nich können mich kimmern um die letzte Anlaihe: ich hab mich missen verlassen auf maine Kollägen, die hatten Mitlaid mit mir … Um aine Million möcht ich die Frau kennen lernen; ich würd noch kewinnen daqei, denn ich keh nich mehr an die Pörse … Fragen Se ti Dilet.« »Ja,« bestätigte du Tillet, »er hat einen wahren Abscheu vor den Geschäften; er wird anders, das ist ein Vorzeichen des Todes.« »Ein Szeichen von Liebe,« erwiderte Nucingen; »für mich ist das ain und dasselbe!«

Die Naivität dieses Greisen, der kein Luchs mehr war und der zum erstenmal in seinem Leben etwas Heiligeres und Geweihteres erkannte als das Gold, rührte diese Gesellschaft blasierter Leute: die einen tauschten ein Lächeln aus, die andern sahen sich mit einem Ausdruck an, als wollten sie sagen: ›Ein so starker Mensch, und dahin zu kommen!‹ Dann kehrten alle in den Salon zurück, indem sie von diesem Ereignis plauderten. Es war in der Tat ein Naturereignis, das die größte Sensation erregen mußte. Frau von Nucingen brach in Lachen aus, als Lucien ihr das Geheimnis des Bankiers entdeckte; aber als der Baron die Spöttereien seiner Frau hörte, nahm er sie am Arm und führte sie in eine Fensternische.

»Knädige Frau,« sagte er, »hab ich je kesagt ein spöttisches Wort ieber Ihre Laidenschaften, daß Sie sich machen lustik ieber maine? Aine kute Frau wirde helfen ihrem Mann, daß er sich ßieht aus der Verlegenheit, ohne ßu spotten, wie Sie es tun … «

Nach der Schilderung, die der alte Bankier entworfen hatte, erkannte Lucien seine Esther. Da er sich schon ärgerte, weil er sah, daß man sein Lächeln bemerkt hatte, so benutzte er den Augenblick allgemeinen Geplauders, während man den Kaffee servierte, um zu verschwinden.

»Wo ist denn Herr von Rubempré geblieben?« fragte die Baronin von Nucingen. »Er bleibt seiner Devise ›Quid me continebit?‹ treu,« erwiderte Rastignac. »Was ganz nach Belieben heißt: ›Was kann mich halten?‹ oder ›Ich bin unbezähmbar‹,« fuhr von Marsay fort. »In dem Augenblick, als der Herr Baron von seiner Unbekannten sprach, entschlüpfte Lucien ein Lächeln, aus dem ich schließen möchte, daß sie ihm bekannt ist,« sagte Horace Bianchon, ohne zu ahnen, wie gefährlich eine so natürliche Bemerkung war.

›Kut!‹ sagte der Luchs vor sich hin.

Wie alle verzweifelt Kranken griff der Baron nach allem, was eine Hoffnung zu sein schien; und er nahm sich vor, Lucien von andern Leuten überwachen zu lassen als denen Louchards, des gewandtesten Exekutors der Handelsgerichte, an den er sich vor vierzehn Tagen gewandt hatte.

Ehe Lucien sich zu Esther begab, mußte er ins Hotel der Grandlieus gehen, um dort die zwei Stunden zu verbringen, die Klotilde Friederike von Grandlieu zum glücklichsten Mädchen des Faubourg Saint-Germain machten. Die Klugheit, die das Verhalten dieses jungen Ehrgeizigen charakterisierte, riet ihm, Carlos Herrera alsbald darüber zu unterrichten, welche Wirkung das Lächeln gehabt hatte, das ihm entschlüpft war, als der Baron von Nucingen Esthers Bild entwarf. Die Liebe des Barons zu Esther und der Gedanke, der ihm gekommen war, sie durch die Polizei suchen zu lassen, waren übrigens als Ereignisse wichtig genug, um sie einem Menschen mitzuteilen, der unter der Soutane Zuflucht gesucht hatte, wie ehedem die Verbrecher in den Kirchen Zuflucht suchten. Und von der Rue Saint-Lazare, wo der Bankier damals wohnte, bis zur Rue Saint-Dominique, in der sich das Hotel Grandlieu befindet, führte Luciens Weg ihn bei seiner Wohnung auf dem Quai Malaquais vorbei. Lucien traf seinen furchtbaren Freund, wie er sein Brevier rauchte, das heißt eine Pfeife anbräunte, ehe er zu Bett ging. Dieser eher fremdartige als fremdländische Mensch hatte auf spanische Zigarren verzichtet, weil er sie zu milde fand.

»Das wird ernst,« erwiderte der Spanier, als Lucien ihm alles erzählt hatte. »Der Baron, der sich Louchards bedient, um die Kleine zu suchen, wird auch Geist genug haben, um dir einen Schergen auf die Fersen zu setzen, und alles würde bekannt. Die Nacht und der Morgen sind nicht zuviel, um die Karten für die Partie zu studieren, die ich gegen diesen Baron spielen will, um ihm vor allem die Ohnmacht der Polizei zu beweisen. Wenn unser Luchs jede Hoffnung aufgegeben hat, sein Lamm zu finden, so mache ich mich anheischig, sie ihm um den Preis zu verkaufen, den sie für ihn wert ist … « »Esther verkaufen?« rief Lucien, dessen erste Regung stets ausgezeichnet war. »Du vergißt unsere Lage!« rief Carlos Herrera.

Es handelt sich um unsere Tugendlivree, um unsere Mäntel der Ehrlichkeit, um den Windschirm, hinter dem die Großen all ihre Infamien verbergen … Es handelt sich um mein fürtreffliches Ich, um dich, der du nie beargwöhnt werden darfst. Der Zufall hat uns einen bessern Dienst geleistet als mein Denken, das seit zwei Monaten im Leeren arbeitete.«

Während Carlos Herrera diese furchtbaren Sätze einen nach dem andern hinwarf, zog er sich an und machte sich zum Ausgang bereit. »Du freust dich sichtlich,« rief Lucien; »du hast die arme Esther nie geliebt, und du siehst mit Wonne den Augenblick kommen, in dem du dich ihrer entledigen kannst.« »Du bist der Liebe zu ihr nie müde geworden, nicht wahr? … Nun gut, ich bin es nie müde geworden, sie zu verfluchen. Aber habe ich nicht immer gehandelt, als hinge ich aufrichtig an diesem Mädchen, ich, der ich durch Asien ihr Leben in der Hand hielt? Ein paar schlechte Champignons in einem Ragout, und alles wäre getan gewesen … Aber Fräulein Esther lebt! … Sie ist glücklich! Weißt du, weshalb? Weil du sie liebst! Spiele nicht das Kind. Seit vier Jahren warten wir jetzt auf einen Zufall, der für oder wider uns ist; nun, es gilt, mehr als bloßes Talent zu entfalten, um das Gemüse auszuzupfen, das das Schicksal uns heute hinwirft: in diesem Rouletteschlag liegt Gutes und Schlimmes, wie in allem. Weißt du, woran ich in dem Augenblick dachte, als du eintratest?« »Nein … « »Daran, mich hier wie in Barcelona mit Hilfe Asiens zum Erben einer reichen Frömmlerin zu machen … « »Ein Verbrechen?« »Mir blieb nur noch dieser Ausweg, um dein Glück zu sichern. Die Gläubiger regen sich. Wärst du erst von den Gerichtsvollziehern verfolgt und aus dem Hotel Grandlieu verjagt, was wäre da aus dir geworden? Für den Teufel wäre der Tag des Verfalls gekommen.«

Carlos Herrera malte durch eine Geste den Selbstmord eines Mannes, der sich ins Wasser wirft; dann heftete er einen jener starren und durchdringenden Blicke auf Lucien, die dem Willen der Starken Eingang verschaffen in die Seele der Schwachen. Dieser Zauberblick, der die Wirkung hatte, daß er jeden Widerstand brach, verriet, daß Lucien und seinen Ratgeber nicht nur Geheimnisse um Leben und Tod verbanden, sondern auch Empfindungen, die ebenso hoch über den gewöhnlichen Empfindungen standen, wie dieser Mensch über der Gemeinheit seiner Stellung.

Er war gezwungen, außerhalb der Welt zu leben, in die wieder einzutreten das Gesetz ihm auf ewig verbot, das Laster und wütender, furchtbarer Widerstand hatten ihn erschöpft, aber er war mit einer Kraft der Seele begabt, die an ihm nagte; und so lebte diese unedle und große, obskure und berühmte Persönlichkeit, verzehrt vor allem von fieberhaftem Lebensdrang, im eleganten Körper Luciens wieder auf, dessen Seele die seine geworden war. Er ließ sich im sozialen Leben von diesem Dichter vertreten, dem er seine zähe Kraft und seinen ehernen Willen lieh. Für ihn war Lucien mehr als ein Sohn, mehr als eine geliebte Frau, mehr als eine Familie, mehr als sein Leben: er war seine Rache; und da starke Seelen mehr an einer Empfindung festhalten als am Dasein, so hatte er ihn durch unlösliche Bande an sich gefesselt.

Nachdem er in dem Augenblick, als der verzweifelte Dichter einen Schritt zum Selbstmord tat, Luciens Leben gekauft hatte, hatte er ihm einen jener Höllenpakte vorgeschlagen, die man fast nur aus Romanen kennt, deren furchtbare Möglichkeit aber durch berühmte Justizdramen oft vor Gericht erwiesen wurde. Indem er alle Freuden des Pariser Lebens über Lucien ausschüttete, indem er ihm bewies, daß er sich immer noch eine schöne Zukunft schaffen konnte, hatte er aus ihm sein Werkzeug gemacht. Kein Opfer fiel übrigens diesem seltsamen Menschen schwer, sobald es sich um sein zweites Selbst handelte. Trotz all seiner Kraft war er den Launen seines Geschöpfes gegenüber so schwach, daß er ihm schließlich seine Geheimnisse anvertraut hatte. Vielleicht war diese rein moralische Mitschuld nur ein Band mehr zwischen ihnen! Seit dem Tage, an dem Esther entführt worden war, wußte Lucien, auf welcher furchtbaren Grundlage sein Glück ruhte.

Die Soutane des spanischen Priesters verbarg Jakob Collin, eine der Berühmtheiten des Bagno, die vor zehn Jahren unter dem bürgerlichen Namen Vautrin im Hause Vauquer wohnte, in dem auch Rastignac und Bianchon in Pension waren. Jakob Collin, genannt ›Betrüg-den-Tod‹, der aus Rochefort fast unmittelbar nach seiner Wiedergefangennahme ausgebrochen war, machte sich das Beispiel des berühmten Grafen von Sankt Helena zunutze, doch vermied er alles, was an der verwegenen Aktion Coignards fehlerhaft gewesen war. Sich selbst an die Stelle eines ehrlichen Mannes setzen und dabei das Leben eines Sträflings fortführen, das ist eine Aufgabe, deren beide Ziele zu widerspruchsvoll sind, um nicht eine verhängnisvolle Entwicklung zu nehmen, vor allem in Paris; denn wenn ein Verurteilter sich in eine Familie verpflanzt, so verzehnfacht er die Gefahren dieser Unterschiebung. Muß man sich nicht, um vor jeder Forschung sicher zu sein, eine Stellung hoch über den gewöhnlichen Interessen des Lebens suchen? Ein Mann der Gesellschaft ist Zufällen ausgesetzt, die selten auf den Leuten lasten, wenn sie nicht mit der Gesellschaft in Fühlung sind. Deshalb ist die Soutane die sicherste Verkleidung, wenn man sie durch ein exemplarisches, einsames und tatenloses Leben ergänzen kann. »Ich werde also Priester werden,« sagte sich dieser bürgerlich Tote, der durchaus unter einer sozialen Gestalt wiederaufleben wollte, um Leidenschaften zu befriedigen, die ebenso unheimlich waren wie er.

Der Bürgerkrieg, den die Verfassung von 1812 in Spanien entfachte, wohin dieser Mann der Tatkraft sich begeben hatte, lieferte ihm die Gelegenheit, den wirklichen Carlos Herrera in einem Hinterhalt zu töten. Dieser Priester, der Bastard eines großen Herrn, seit langem von seinem Vater im Stich gelassen, war von König Ferdinand VII., dem ein Bischof ihn empfohlen hatte, mit einer politischen Mission in Frankreich betraut worden. Der Bischof, der einzige Mensch, der sich für Carlos Herrera interessierte, starb, während dieser verlorene Posten die Reise von Cadiz nach Madrid und von Madrid nach Frankreich machte. Glücklich über die so lange ersehnte Begegnung mit dieser Individualität, die obendrein ein Amt bekleidete, wie er es wollte, brachte Jakob Collin sich auf dem Rücken Wunden bei, um die verhängnisvollen Brandmale auszulöschen; und sein Gesicht verwandelte er mit Hilfe chemischer Reagenzien. Indem er sich so vor dem Leichnam des Priesters entstellte, ehe er ihn vernichtete, konnte er sich einige Ähnlichkeit mit seinem Doppelgänger geben. Um diese Verwandlung, die fast ebenso wunderbar war wie jene in dem arabischen Märchen, wo der Derwisch die Macht erlangt hat, mit Hilfe magischer Worte in einen jungen Leichnam einzudringen, vollkommen zu machen, lernte der Sträfling, der spanisch sprach, genau so viel Lateinisch, wie ein andalusischer Priester wissen mußte. Als Bankier der drei Bagnos war Collin reich, da man alle Depositen seiner bekannten Ehrlichkeit anvertraut hatte, die übrigens auch erzwungen war: denn unter solchen Partnern wird ein Irrtum mit Dolchstichen bezahlt. Mit diesen Geldern vereinigte er die Summe, die der Bischof Carlos Herrera gegeben hatte. Ehe er Spanien verließ, konnte er sich in Barcelona des Schatzes einer frommen Frau bemächtigen, der er die Absolution erteilte, indem er ihr versprach, die Summen zurückzuerstatten, die sie mit Hilfe eines von ihr begangenen Mordes gestohlen hatte und aus denen das Vermögen seines Beichtkindes stammte. So war Jakob Collin Priester geworden und mit einer geheimen Mission betraut, die ihm die einflußreichsten Empfehlungen in Paris eintragen mußte; er war entschlossen, nichts zu tun, was den Charakter, den er sich umgehängt hatte, kompromittieren konnte, und überließ sich also den Zufällen seines neuen Daseins, als er auf der Straße von Angoulême nach Paris Lucien traf. Dieser Junge schien dem falschen Abbé ein wundervolles Werkzeug der Macht zu sein; er rettete ihn vor dem Selbstmord, indem er zu ihm sagte: ›Überantworten Sie sich einem Manne Gottes, wie man sich dem Teufel überantwortet, und Sie sollen alle Aussichten eines neuen Lebens haben. Sie werden leben wie im Traum, und das schlimmste Erwachen ist höchstens der Tod, den Sie sich geben wollten … ‹

Das Bündnis dieser beiden Wesen, die nur eins ausmachen sollten, beruhte auf dieser kraftvollen Gedankenreihe, die Carlos Herrera übrigens noch durch eine schlau herbeigeführte Mitschuld besiegelte. Da er mit dem Genie des Verführers begabt war, so vernichtete er Luciens Ehrlichkeit, indem er ihn in grausame Zwangslagen brachte und ihn daraus erlöste, indem er ihn stillschweigend in schlimme oder ehrlose Handlungen einwilligen ließ, bei denen er jedoch in den Augen der Welt stets rein, offenherzig und edel dastehen blieb. Lucien war der soziale Glanz, in dessen Schatten der Fälscher leben wollte. ›Ich bin der Verfasser, du sollst das Drama sein; wenn du keinen Erfolg hast, so wird man mich auszischen,‹ sagte er ihm an dem Tage, als er ihm die Kirchenschändung seiner Verkleidung anvertraute.

Seiten unter scheinbarer Freundschaft die Furcht verbarg. Im Augenblick der Gefahr hätte Rastignac offenbar mit größtem Vergnügen den Wagen geliefert, der Betrüg-den-Tod zum Schafott führen sollte. Jeder wird jetzt erraten, von welcher finstern Freude Carlos ergriffen wurde, als er von der Liebe des Barons von Nucingen erfuhr, denn er erkannte mit einem einzigen Blick, welchen Nutzen ein Mann seiner Art aus der armen Esther ziehen konnte.

»Geh,« sagte er zu Lucien, »der Teufel schützt seinen Almosenpfleger.« »Du rauchst auf einem Pulverfaß!« »Incedo per ignes!« erwiderte Carlos lächelnd, »das ist mein Beruf.«

Das Haus Grandlieu hat sich um die Mitte des letzten Jahrhunderts in zwei Zweige gespalten: erstens das herzogliche Haus, das dem Erlöschen geweiht ist, weil der gegenwärtige Herzog nur Töchter hat; zweitens die Vicomtes von Grandlieu, die Titel und Wappen ihrer älteren Linie erben werden. Der herzogliche Zweig führt im roten Felde drei in einer Reihe angeordnete goldene Streitäxte mit dem berühmten ›Caveo non timeo‹, das die ganze Geschichte dieses Hauses enthält. Der Schild der Vicomtes ist gevierteilt und zeigt im roten Felde den zinnenbesetzten goldenen Balkenstreifen; er ist bekrönt mit dem Ritterhelm; die Devise lautet: ›Grands faits, Grand lieu!‹ Die gegenwärtige Vicomtesse, die seit 1813 Witwe ist, hat einen Sohn und eine Tochter. Obwohl sie aus der Verbannung fast ruiniert zurückkam, hat sie doch infolge der Ergebenheit eines Anwalts, Dervilles, ein ziemlich beträchtliches Vermögen zurückgewonnen.

Der Herzog und die Herzogin von Grandlieu waren 1804 nach Frankreich heimgekehrt, und sie wurden alsbald zum Gegenstand der Koketterien des Kaisers; Napoleon gab denn auch, als er sie an seinem Hofe sah, durfte, um dann ›Herr von Rubempré‹ melden zu hören, und zwar in dem großen Salon im Stil Ludwigs XIV., der zur Zeit Ludwigs XIV. nach dem Muster derer von Versailles eingerichtet worden war, und in dem sich jene auserlesene Gesellschaft, die ›Crème‹ von Paris befand, die man damals, ›le petit Château‹ nannte.

Die vornehme Portugiesin, eine der Frauen, die es am wenigsten liebten, ihr Haus zu verlassen, war meist von ihren Nachbarn, den Chaulieus, den Navarreins und den Lenoncourts, umgeben. Oft kamen die hübsche Baronin von Macumer (geborene von Chaulieu), die Herzogin von Maufrigneuse, Frau d'Espard, Frau von Camps und Fräulein Des Touches, die mit den Grandlieus – sie stammen aus der Bretagne – verschwägert war, zu Besuch, wenn sie zu einem Ball gingen oder aus der Oper kamen. Der Vicomte von Grandlieu, der Herzog von Rhétoré, der Marquis von Chaulieu, der eines Tages Herzog von Lenoncourt-Chaulieu werden sollte, seine Frau, Madeleine von Mortsauf, die Enkelin des Herzogs von Lenoncourt, der Marquis von Ajuda-Pinto, der Fürst von Blamont-Chauvry, der Marquis von Beauséant, der Stiftsamtmann von Pamiers, die Vandenesses, der alte Fürst von Cadignan und sein Sohn, der Herzog von Maufrigneuse waren die Stammgäste dieses großartigen Salons, in dem man Hofluft atmete und in dem sich die Manieren, der Ton und der Geist dem Adel der Hausherrn anpaßten, deren große, aristokratische Haltung ihre napoleonische Knechtschaft schließlich in Vergessenheit gesenkt hatte.

Die alte Herzogin von Uxelles, die Mutter der Herzogin von Maufrigneuse, war das Orakel dieses Salons, zu dem Frau von Sérizy nie hatte Zutritt erlangen können, obwohl sie eine geborene von Ronquerolles war.

Von Frau von Maufrigneuse eingeführt, die ihre Mutter zu einer Aktion zugunsten Luciens bewogen hatte, da sie zwei Jahre lang wahnsinnig in ihn vernarrt gewesen war, hielt dieser verführerische Dichter sich dort dank dem Einfluß des Almosenpflegeramts von Frankreich und mit Hilfe des Erzbischofs von Paris. Freilich ließ man ihn erst zu, als er die Ordonnanz erhalten hatte, die ihm den Namen und das Wappen der Rubemprés zurückgab. Der Herzog von Rhétoré, der Chevalier d'Espard und ein paar andere, die auf Lucien eifersüchtig waren, nahmen den Herzog von Grandlieu von Zeit zu Zeit gegen ihn ein, indem sie ihm Anekdoten aus Luciens Vorleben erzählten. Aber die fromme Herzogin, die bereits von den Spitzen der Kirche umgeben war, und Klotilde von Grandlieu stützten ihn. Lucien erklärte jene Feindschaften übrigens durch sein Abenteuer mit der Cousine der Frau d'Espard, mit Frau von Bargeton, die seither Gräfin du Châtelet geworden war. Und da er empfand, wie notwendig es war, daß eine so mächtige Familie ihn aufnahm, zumal sein intimer Ratgeber ihn drängte, Klotilde zu verführen, so fand Lucien den Mut der Emporkömmlinge: er erschien an fünf Tagen von den sieben der Woche, schluckte artig die Beleidigungen des Neids hinunter, ertrug unverschämte Blicke und antwortete geistreich auf alle Spöttereien. Seine Beharrlichkeit, der Reiz seiner Manieren und seine Gefälligkeit stumpften schließlich die Bedenken ab und verringerten die Hindernisse. Als ein Mann, der mit der Herzogin von Maufrigneuse immer noch vortrefflich stand – die glühenden Briefe, die sie im Laufe ihrer Leidenschaft geschrieben hatte, bewahrte Carlos Herrera auf –, als Idol der Frau von Sérizy lernte Lucien, der bei Fräulein Des Touches gern gesehen wurde und zufrieden war, wenn man ihn in diesen drei Häusern empfing, von dem Abbé, in seinen Beziehungen die größte Vorsicht walten zu lassen.

›Man kann sich nicht mehreren Häusern zugleich widmen,‹ sagte ihm sein intimer Ratgeber. ›Wer über all hingeht, findet nirgends lebhaftes Interesse. Die Großen begönnern nur die, die mit ihren Möbeln wetteifern, die sie jeden Tag sehen und die für sie so notwendig zu werden wissen wie der Diwan, auf den man sich setzt.‹

Da Lucien sich daran gewöhnt hatte, den Salon der Grandlieus als sein Schlachtfeld anzusehen, so sparte er seinen Geist, seine Scherze, seine Neuigkeiten und seine Höflingsschmeicheleien für die Zeit auf, die er des Abends dort verbrachte. Er war einschmeichelnd und liebevoll, und Klotilde warnte ihn vor den Klippen, die er meiden mußte; so konnte er den kleinen Leidenschaften des Herrn von Grandlieu schöntun. Nachdem Klotilde zunächst die Herzogin von Maufrigneuse um ihr Glück beneidet hatte, verliebte sie sich sterblich in Lucien.

Da Lucien alle Vorteile einer derartigen Verbindung erkannte, so spielte er seine Liebhaberrolle, wie Armand, der letzte jugendliche Liebhaber der Comédie Française, sie gespielt hätte. Er schrieb Klotilde Briefe, die jedenfalls literarische Meisterwerke ersten Ranges waren, und Klotilde antwortete, indem sie danach rang, dieser wütenden Liebe auf dem Papier Ausdruck zu geben, denn sie konnte nur auf diese Weise lieben. Lucien ging jeden Sonntag in die Messe zu Saint-Thomas d'Aquin, er gab sich für einen glühenden Katholiken aus, er ergoß sich in monarchischen, religiösen Predigten, die Wunder wirkten. Er schrieb außerdem für die der Congregation ergebenen Zeitungen äußerst bemerkenswerte Artikel, ohne irgendeine Zahlung annehmen zu wollen und ohne sie anders als mit einem L zu unterzeichnen. Er verfaßte politische Broschüren, wie entweder König Karl X. oder das Almosenpflegeramt sie verlangte, ohne die geringste Belohnung zu verlangen. ›Der König‹, sagte er, ›hat schon so viel für mich getan, daß ich ihm mein Blut schuldig bin.‹

Daher war auch seit einigen Tagen die Rede davon, Lucien in der Eigenschaft als Geheimsekretär an das Kabinett des Premierministers zu fesseln; aber Frau d'Espard schickte so viel Leute gegen Lucien ins Feld, daß Karls X. Faktotum zögerte, diesen Entschluß zu fassen. Nicht nur Luciens Stellung war nicht klar genug, und die Worte: ›Wovon lebt er?‹ die, je höher er stieg, jeder um so öfter auf den Lippen hatte, verlangten eine Antwort, sondern auch die wohlwollende Neugier ging wie die boshafte Neugier in ihrem Forschen von Schritt zu Schritt weiter; und sie fand mehr als eine Lücke im Panzer dieses Ehrgeizigen. Klotilde von Grandlieu diente ihrem Vater und ihrer Mutter als argloser Spion. Vor ein paar Tagen hatte sie Lucien in eine Fensternische gezogen, um dort zu plaudern und ihn über die Einwände der Familie aufzuklären.

»Verschaffen Sie sich einen Landsitz im Wert von einer Million, und Sie erhalten meine Hand: das war die Antwort meiner Mutter,« hatte Klotilde gesagt. »Später werden sie dich fragen, woher dein Geld gekommen ist!« hatte Carlos zu Lucien gesagt, als der ihm dieses angebliche Ultimatum überbrachte. »Mein Schwager muß sein Glück gemacht haben,« bemerkte Lucien; »wir werden in ihm einen verantwortlichen Herausgeber finden.« »So fehlt also nur noch die Million,« rief Carlos aus; »ich werde darüber nachdenken.«

Luciens Stellung im Hotel Grandlieu erhellt am deutlichsten daraus, daß er nie dort gespeist hatte. Weder Klotilde noch die Herzogin von Uxelles noch auch die Frau von Maufrigneuse, die sich stets ausgezeichnet zu Lucien stellte, hatten diese Gunst von dem alten Herzog erlangen können, so hartnäckig hing der Edelmann an seinem Mißtrauen gegen den Herrn von Rubempré. Lucien fühlte, daß er unter der ganzen Gesellschaft dieses Salons nur geduldet war. Die Gesellschaft hat das Recht, anspruchsvoll zu sein, sie wird so oft betrogen. In Paris eine Rolle zu spielen, ohne daß man ein bekanntes Vermögen besitzt oder eine eingestandene Erwerbsquelle hat, das ist etwas, was sich vermöge keiner List lange durchführen läßt. Daher gab denn Lucien auch, je höher er stieg, dem Einwand: ›Wovon lebt er?‹ eine übermäßige Kraft. Er hatte bei Frau von Sérizy, der er die Stütze des Generalstaatsanwalts Granville und eines Staatsministers, des Grafen Octavius von Bauvan, des Präsidenten eines Obertribunals, verdankte, sagen müssen: ›Ich stürze mich in furchtbare Schulden.‹

Als er den Hof des Hotels betrat, in dem sich die Rechtfertigung seiner Eitelkeit befand, sagte er mit Bitterkeit, indem er an die Überlegung Herreras dachte, bei sich selber: ›Ich höre alles unter meinen Füßen krachen.‹

Er liebte Esther, und er wollte Fräulein von Grandlieu zur Frau! Eine seltsame Lage! Es galt, die eine für die andere zu verkaufen. Ein einziger Mensch konnte diesen Schacher vornehmen, ohne daß Luciens Ehre darunter litt: dieser Mensch war der falsche Spanier; mußten sie nicht der eine wie der andere gleich vorsichtig sein, der eine dem andern gegenüber? Man findet im Leben nicht zwei Pakte dieser Art, in denen jeder abwechselnd Herrscher und Beherrschter ist.

Lucien verjagte die Wolken, die sein Gesicht umdunkelten; heiter und strahlend trat er in die Salons des Hotels Grandlieu. Die Fenster waren eben offen, die Gerüche des Gartens durchdufteten den Salon; der Blumentisch, der die Mitte einnahm, zeigte dem Blick seine Blütenpyramide. Die Herzogin saß in einer Ecke auf einem Sofa und plauderte mit der Herzogin von Chaulieu. Mehrere Frauen bildeten eine Gruppe, die durch allerlei Haltungen auffiel, wie sie der verschiedene Ausdruck mit sich brachte, den eine jede unter ihnen einem gespielten Schmerz lieh. In der Gesellschaft interessiert sich niemand für ein Unglück oder ein Leiden, alles ist dort ein Wort. Die Männer gingen im Garten oder im Salon spazieren, Klotilde und Josephine waren um den Teetisch beschäftigt. Der Stiftsamtmann von Pamiers, der Herzog von Grandlieu, der Marquis von Ajuda-Pinto und der Herzog von Maufrigneuse spielten in einer Ecke ihren Whist. Als Lucien gemeldet wurde, durchschritt er den Salon und begrüßte die Herzogin, die er nach dem Grund der Betrübnis auf ihren Zügen fragte.

»Frau von Chaulieu hat soeben eine furchtbare Nachricht erhalten: ihr Schwiegersohn, der Baron von Macumer, der ehemalige Herzog von Soria, ist gestorben. Der junge Herzog von Soria und seine Frau, die nach Chantepleur gegangen waren, um ihren Bruder dort zu pflegen, haben das traurige Ereignis in einem Briefe gemeldet. Luise ist in einem herzzerreißenden Zustand.« »Eine Frau wird nicht zweimal in ihrem Leben so geliebt, wie Luise von ihrem Mann geliebt wurde,« sagte Magdalene von Mortsauf. »Sie ist eine reiche Witwe,« fuhr die Herzogin von Uxelles fort, indem sie Lucien ansah, dessen Gesicht seine Unbeweglichkeit bewahrte. »Die arme Luise!« sagte Frau d'Espard, »ich verstehe und beklage sie.«

Die Marquise d'Espard zeigte die versonnene Miene einer Frau von Seele und Herz. Obgleich Sabine von Grandlieu erst zehn Jahre alt war, hob sie das intelligente Auge zu ihrer Mutter empor, die ihren fast spöttischen Blick sofort mit einem strafenden niederschlug. Das nennt man seine Kinder gut erziehen.

»Wenn meine Tochter diesen Schlag überlebt,« sagte Frau von Chaulieu mit der mütterlichsten Miene, »so macht ihre Zukunft mir Sorge. Luise ist sehr romantisch.« »Ich weiß nicht,« sagte die alte Herzogin von Uxelles, »woher unsere Töchter das haben! … « »Es ist heutzutage schwer,« sagte ein alter Kardinal, »das Herz und die Konvention zu versöhnen.«

Lucien, der kein Wort zu sagen hatte, ging zum Teetisch, um dem Fräulein von Grandlieu sein Kompliment zu machen. Als der Dichter sich ein paar Schritte von der Frauengruppe entfernt hatte, neigte die Marquise d'Espard sich herab, um der Herzogin von Grandlieu ins Ohr flüstern zu können. »Sie glauben also, daß dieser Bursche Ihre teure Klotilde sehr liebt?« sagte sie zu ihr.

Wie heimtückisch diese Frage war, kann man erst begreifen, wenn wir Klotilde skizziert haben. Dieses junge Mädchen von siebenundzwanzig Jahren stand am Tisch. Ihre Haltung erlaubte dem spöttischen Blick der Marquise d'Espard, Klotildes dürre und dünne Gestalt zu überfliegen, denn sie glich ziemlich genau einer Spargel. Der Busen des armen Mädchens war so flach, daß er nicht einmal die Ersatzmittel möglich machte, die die Modistinnen falsche Brüste nennen. Daher ließ denn auch Klotilde, die wußte, daß sie in ihrem Namen genügende Vorzüge besaß, diesen Fehler, statt sich die Mühe zu machen und ihn zu verkleiden, heroisch hervortreten. Indem sie sich eng in ihre Kleider einschnürte, erreichte sie die Wirkung der starren und scharfen Zeichnung, die die Holzschnitzer des Mittelalters für ihre Figuren suchten; deren Profil hebt sich scharf vom Hintergrund der Nischen ab, vor die sie sie in den Kathedralen stellten. Klotilde war fünf Fuß und vier Zoll hoch. Wenn es erlaubt ist, sich einer familiären Wendung zu bedienen, die wenigstens das Verdienst hat, klar verständlich zu sein, so kann man sagen, sie war ganz Bein. Dieser Mangel an Proportion gab ihrem Oberkörper etwas Unförmliches. Sie hatte eine braune Gesichtshaut, hartes schwarzes Haar, sehr dichte Brauen, glühende Augen, die in schon gedunkelten Höhlen lagen, und ein Gesicht, krumm wie die Mondsichel im ersten Viertel und gekrönt von einer vorspringenden Stirn; so stellte sie die Karikatur ihrer Mutter dar, einer der schönsten Frauen Portugals. Die Natur gefällt sich in solchen Spielen. Man findet in vielen Familien eine Schwester von überraschender Schönheit, deren Züge bei dem Bruder zu vollendeter Häßlichkeit werden, obwohl alle beide sich ähneln. Klotilde trug auf ihrem stark eingezogenen Mund den stereotypen Ausdruck der Geringschätzung. Daher verrieten ihre Lippen mehr als jeder andere Zug ihres Gesichts die heimlichen Regungen ihres Herzens, denn die Liebe gab ihnen einen reizenden Ausdruck, der um so mehr auffiel, als ihre Wangen, die zu braun waren, um zu erröten, und ihre stets harten schwarzen Augen nie etwas sagten. Aber trotz so vieler Nachteile, trotz ihrer Bretterscheinung hatte sie durch ihre Erziehung und ihre Rasse etwas von Größe mitbekommen, einen stolzen Zug, kurz alles, was man mit so viel Recht ›jenes Etwas‹ genannt hat; vielleicht lag es an der Sicherheit ihres Kostüms, das die Tochter aus gutem Hause verriet. Sie machte sich ihre Haare zunutze, deren Stärke, Fülle und Länge für eine Schönheit gelten konnte … Ihre Stimme, die sie gepflegt hatte, übte einen Zauber aus: sie sang entzückend. Klotilde war eben das junge Mädchen, von dem man sagt: ›Sie hat schöne Augen!‹ oder ›Sie hat einen reizenden Charakter!‹ Irgend jemandem, der sie nach englischer Manier ›Euer Gnaden‹ anredete, erwiderte sie: ›Nennen Sie mich Euer Dünne.‹

»Weshalb sollte man meine arme Klotilde nicht lieben?« erwiderte die Herzogin der Marquise. »Wissen Sie, was sie gestern zu mir gesagt hat? ›Wenn man mich aus Ehrgeiz liebt, so übernehme ich es, daß man mich um meiner selbst willen lieben soll.‹ Sie ist geistreich und ehrgeizig; es gibt Männer, denen diese beiden Eigenschaften gefallen. Was ihn angeht, meine Liebe, so ist er schön wie ein Traum; und wenn er den Landsitz der Rubemprés zurückkaufen kann, so wird der König ihm uns zu Gefallen den Titel ›Marquis‹ verleihen … Schließlich war seine Mutter die letzte Rubempré.« »Der arme Junge, woher soll er die Million nehmen?« sagte die Marquise. »Das ist nicht unsere Sache,« erwiderte die Herzogin; »aber sicherlich ist er nicht imstande, sie zu stehlen … Und übrigens würden wir Klotilde keinem Intriganten und keinem unehrlichen Menschen geben, und wäre er auch noch so schön, wäre er auch Dichter und ebenso jung wie Herr von Rubempré.«

»Sie kommen spät,« sagte Klotilde, indem sie Lucien mit unendlicher Anmut zulächelte. »Ja, ich habe in der Stadt gespeist.« »Sie gehen seit einigen Tagen viel in die Gesellschaft,« sagte sie, indem sie Eifersucht und Unruhe unter einem Lächeln barg. »In die Gesellschaft? … « erwiderte Lucien. »Nein, ich habe nur durch den größten Zufall die ganze Woche hindurch bei Bankiers gespeist, heute bei Nucingen, gestern bei du Tillet, vorgestern bei den Kellers … «

Man sieht, daß Lucien es gut verstanden hatte, den geistreich unverschämten Ton großer Herren anzunehmen.

»Sie haben sehr viele Feinde,« sagte Klotilde zu ihm, als sie ihm – und mit welcher Liebenswürdigkeit! – eine Tasse Tee anbot. »Man hat meinem Vater gesagt, Sie genössen sechzigtausend Franken Schulden, und binnen kurzem würden Sie Sainte-Pélagie zum Lustschloß haben. Und wenn Sie wüßten, was all diese Verleumdungen mir eintragen … All das fällt auf mich zurück. Ich rede Ihnen nicht von dem, was ich leide – mein Vater hat Blicke, die mich kreuzigen –, sondern von dem, was Sie gesagt, in welche Gefahr sie mich gestürzt haben, indem sie erraten ließen, aus welcher Quelle ihm Auskünfte stammten. Der Herr Marquis d'Espard war ungeschickt genug, mir einen Besuch zu machen, weil er mich als die Ursache ansah, durch die er diesen niederträchtigen Prozeß gewonnen hat.« »Ich werde Sie von Frau d'Espard befreien,« sagte Klotilde. »Und wie?« rief Lucien. »Meine Mutter wird die kleinen Espards einladen; sie sind entzückend und schon recht groß. Der Vater und seine beiden Söhne werden hier Ihr Lob singen, und wir sind sicher, ihre Mutter niemals wiederzusehen … « »Oh, Klotilde, Sie sind anbetungswürdig, und wenn ich Sie nicht um Ihrer selbst willen liebte, so würde ich Sie um Ihres Geistes willen lieben.« »Das ist kein Geist,« sagte sie, indem sie ihre ganze Liebe auf die Lippen legte. »Adieu. Kommen Sie ein paar Tage lang nicht. Wenn Sie mich in der Kirche mit einer roten Schärpe sehen, so hat die Laune meines Vaters gewechselt. Sie finden eine Antwort am Rücken des Sessels, auf dem Sie sitzen; die wird Sie vielleicht trösten, wenn Sie uns nicht sehen … Tun Sie den Brief, den Sie mir bringen, in mein Taschentuch … «

Dieses junge Mädchen war offenbar älter als siebenundzwanzig Jahre.

Lucien nahm in der Rue de la Planche einen Fiaker, verließ ihn auf den Boulevards, nahm bei der Madeleine einen andern und befahl ihm, in der Rue Taitbout die Einfahrt öffnen zu lassen.

Als er um elf Uhr zu Esther kam, fand er sie ganz in Tränen, aber sie war angezogen, wie sie sich anzog, um ihm ein Fest zu bereiten! Sie erwartete ihren Lucien und lag auf einem Diwan aus weißem, mit gelben Blumen besticktem Satin, bekleidet mit einem entzückenden Hauskleid aus indischem Musselin mit kirschfarbenen Schleifen; sie war ohne Korsett, hatte die Haare einfach auf dem Kopf aufgesteckt, die Füße in hübschen Samtpantoffeln, die mit kirschfarbenem Satin gefüttert waren; alle Kerzen brannten, und der Huka war bereit; aber den ihren hatte sie nicht geraucht, er lag unangezündet vor ihr, als wollte er ein Symbol ihrer Lage geben. Als sie die Türen öffnen hörte, wischte sie sich die Tränen ab, sprang wie eine Gazelle auf und umschlang Lucien mit den Armen, als wäre sie ein Gewebe, das sich, vom Wind erfaßt, um einen Baum schlingt.

»Getrennt,« rief sie, »ist es wahr? … « »Bah! Auf ein paar Tage,« erwiderte Lucien.

Esther ließ Lucien los und fiel wie tot auf den Diwan zurück. In solchen Lagen schwätzen die meisten Frauen wie Papageien! Ah, wie sie einen lieben! … Nach fünf Jahren stehen sie noch wie am Morgen nach dem ersten Tage des Glücks da, sie können einen nicht verlassen, sie sind wundervoll in ihrer Entrüstung, ihrer Verzweiflung, ihrer Liebe, ihrem Zorn, ihrer Reue, ihrer Angst, ihrem Kummer, ihren Ahnungen! Kurz, sie sind schön wie eine Szene von Shakespeare. Aber, das beachte man wohl, diese Frauen lieben nicht! Wenn sie all das sind, wofür sie sich ausgeben, so machen sie es, wie Esther es machte, wie es die Kinder machen, wie es die wahre Liebe macht: Esther sagte kein Wort; sie lag da, das Gesicht in den Kissen, und weinte heiße Tränen. Lucien seinerseits mühte sich, Esther aufzuheben, und sprach auf sie ein.

»Aber, Kind, wir werden nicht getrennt … Wie! Nach vier Jahren des Glücks nimmst du eine Trennung so auf?« … ›Ach, was habe ich denn all diesen Mädchen getan? … ‹ sagte er bei sich selber, denn er entsann sich, daß auch Coralie ihn so geliebt hatte. »Ah, gnädiger Herr, Sie sind so schön!« sagte Europa.

Die Sinne haben ihr Ideal der Schönheit. Wenn sich mit dieser so verführerischen Schönheit die Sanftheit des Charakters und die Poesie verbinden, die Lucien auszeichneten, so kann man sich die wahnsinnige Leidenschaft jener Geschöpfe vorstellen, die für die äußeren Naturgaben so außerordentlich empfänglich und in ihrer Bewunderung so naiv sind. Esther schluchzte leise und verharrte in einer Pose, die höchsten Schmerz verriet.

»Aber, kleiner Dummkopf,« sagte Lucien, »hat man dir nicht gesagt, daß es sich um mein Leben handelt? … « Bei diesem Wort, das Lucien genau berechnet hatte, richtete Esther sich wie ein wildes Tier auf; ihr gelöstes Haar umgab ihr wundervolles Gesicht wie ein Laubwerk; sie sah Lucien mit starrem Auge an. »Um dein Leben! … « rief sie, indem sie mit einer Geste, die nur Dirnen in der Gefahr haben, die Arme hob und wieder fallen ließ. »Aber ja, der Brief dieses Wilden spricht von ernsten Dingen.« Sie zog ein elendes Papier aus dem Gürtel; aber sie erblickte Europa und sagte: »Laß uns allein, meine Tochter.«

Als Europa die Tür geschlossen hatte, fuhr sie fort: »Sieh, das hat er mir geschrieben,« und sie reichte Lucien einen Brief, den Carlos eben geschickt hatte und den Lucien mit lauter Stimme las:

»Sie werden morgen früh um fünf abreisen; man wird Sie zu einem Wildhüter im Herzen des Waldes von Saint-Germain bringen. Sie werden dort ein Zimmer im ersten Stock einnehmen. Verlassen Sie dieses Zimmer nicht, bis ich es Ihnen erlaube; es wird Ihnen dort nichts fehlen. Der Wildhüter und seine Frau sind zuverlässig. Schreiben Sie Lucien nicht. Gehen Sie während des Tages nicht ans Fenster; während der Nacht können Sie unter Führung des Wildhüters spazierengehen, wenn Sie Bewegung haben möchten. Halten Sie unterwegs die Vorhänge des Wagenschlags geschlossen: es handelt sich um Luciens Leben.

Lucien wird heute abend zu Ihnen kommen, um Ihnen Lebwohl zu sagen; verbrennen Sie dies vor seinen Augen.«

Lucien verbrannte das Billet sofort an der Flamme einer Kerze.

»Höre, mein Lucien,« sagte Esther, nachdem sie die Lektüre dieses Briefes angehört hatte, wie ein Verbrecher die seines Todesurteils anhört, »ich will dir nicht sagen, daß ich dich liebe, das wäre eine Dummheit … Jetzt scheint es mir seit bald fünf Jahren so natürlich, daß ich dich liebe, wie daß ich atme und lebe. Schon an dem Tage, an dem unter dem Schutz dieses unerklärlichen Wesens, das mich hier eingesperrt hat, wie man ein kleines merkwürdiges Tier in einen Käfig einsperrt, mein Glück begann, wußte ich, daß du dich verheiraten müßtest. Die Heirat ist ein notwendiges Element deines Schicksals, und Gott verhüte, daß ich der Entwicklung deines Glücks in den Weg treten sollte. Diese Heirat ist mein Tod. Aber ich werde dich nicht langweilen: ich werde es nicht wie die Grisetten machen, die sich mit Hilfe eines Kohlenbeckens töten. Davon habe ich mit einemmal genug bekommen; zweimal, das wird ekelhaft, wie Mariette sagt. Nein, ich werde weit fort gehen, aus Frankreich fort. Asien kennt die Geheimnisse ihres Landes, sie hat mir versprochen, mich zu lehren, wie man ruhig stirbt. Man sticht sich, Schluß! Alles ist getan. Ich verlange nur eins, mein angebetener Engel: nicht getäuscht zu werden. Ich habe meinen Anteil vom Leben gehabt: ich habe seit dem Tage, an dem ich dich zum erstenmal sah, im Jahre 1824, bis heute mehr Glück genossen, als das Dasein zehn glücklicher Frauen enthält. Nimm mich also als das, was ich bin, als eine Frau, die ebenso stark wie schwach ist. Sag mir: ›Ich verheirate mich.‹ Ich verlange nichts als einen zärtlichen Abschied von dir, und du wirst nicht mehr von mir hören.«

Nach dieser Erklärung, deren Aufrichtigkeit sich nur mit der Naivität der Gesten und des Tones vergleichen läßt, herrschte einen Augenblick Schweigen.

speist, auch sei; aber wie jeden Sonntag hatte Carême das Diner bereitet.«

Unwillkürlich verglich Lucien Esther mit Klotilde. Die Geliebte war so schön, so unablässig reizend, daß sie das Ungeheuer noch nicht hatte nahe kommen lassen, das die kräftigste Liebe verschlingt: die Sättigung.

›Wie schade,‹ sagte er bei sich, ›daß man seine Frau in zwei Bänden findet! Auf der einen Seite die Poesie, die Wollust, die Liebe, die Hingebung, die Schönheit, die Zartheit … ‹

Esther stöberte umher, wie die Frauen umherstöbern, ehe sie zu Bett gehen; sie lief hin und wider; sie flatterte trällernd wie ein Schmetterling. Man hätte sie mit einem Kolibri vergleichen können.

›… Auf der andern den Adel des Namens, die Rasse, die Ehre, den Rang, die Kenntnis der Gesellschaft! … Und keine Möglichkeit, sie in einer einzigen Person zu vereinigen!‹ rief Lucien.

Als der Dichter am andern Morgen um sieben Uhr in diesem reizenden rosa und weißen Zimmer erwachte, war er allein. Als er geschellt hatte, eilte die phantastische Europa herbei.

»Was wünscht der gnädige Herr?« »Esther!« »Die gnädige Frau ist um dreiviertel fünf fortgefahren. Nach dem Befehl des Herrn Abbé habe ich gratis und franko ein neues Gesicht empfangen.« »Eine Frau? … « »Nein, gnädiger Herr, eine Engländerin … eine jener Frauen, die nachts auf Tagelohn gehen; und wir haben Befehl, sie zu behandeln, als wäre sie die gnädige Frau: was will der gnädige Herr mit diesem Frauenzimmer beginnen? … Die arme gnädige Frau! Wie hat sie geweint, als sie in den Wagen stieg! … ›Nun, es muß sein! … ‹ rief sie. ›Ich habe den armen Liebling schlafend verlassen,‹ sagte sie, indem sie sich die Tränen abwischte; ›wenn er mich angesehen oder meinen Namen ausgesprochen hätte, so wäre ich geblieben, und hätte ich mit ihm sterben müssen!‹ Sehen Sie, gnädiger Herr, ich liebe die gnädige Frau so sehr, daß ich ihr ihren Ersatz nicht gezeigt habe; viele Kammerfrauen hätten ihr das auch noch angetan.« »Die Unbekannte ist da?« »Aber, gnädiger Herr, sie war in dem Wagen, der die gnädige Frau entführt hat; ich habe sie nach meinen Instruktionen in meinem Zimmer versteckt.« »Ist sie hübsch?« »So hübsch, wie eine Gelegenheitsfrau eben sein kann, aber es wird ihr nicht schwer werden, ihre Rolle zu spielen, wenn der gnädige Herr hilft,« sagte Europa, indem sie davonging, um die falsche Esther zu holen.

Am Abend zuvor hatte der allmächtige Bankier, ehe er zu Bett ging, einem Kammerdiener, der schon um sieben Uhr morgens den berühmten Louchard, den gewandtesten Schergen des Handelsgerichts, in einen kleinen Salon einführte, wohin der Baron im Schlafrock und in Pantoffeln kam, seine Befehle gegeben.

»Sie haben sich lustik kemacht ieber mich!« sagte er, statt den Gruß des Schergen zu erwidern. »Das konnte wohl nicht anders sein, Herr Baron. Ich hänge an meinem Amt, und ich hatte schon einmal die Ehre, Ihnen zu sagen, daß ich mich nicht in Dinge einlassen kann, die nichts mit meinen Obliegenheiten zu tun haben. Was habe ich Ihnen versprochen? Sie mit demjenigen unserer Agenten in Verbindung zu bringen, der mir am ehesten imstande schien, Ihnen zu dienen. Aber der Herr Baron kennt die Grenzen, die zwischen den Leuten verschiedener Berufe existieren … Wenn man ein Haus baut, läßt man nicht vom Zimmermann machen, was den Schlosser angeht. Nun, es gibt eine doppelte Polizei: die politische Polizei und die Kriminalpolizei. Niemals lassen sich die Agenten der Kriminalpolizei in Dinge ein, die die politische Polizei angehen, und umgekehrt. Wenn Sie sich an den Chef der politischen Polizei wendeten, so brauchte der eine Ermächtigung des Ministers, um sich mit Ihrer Angelegenheit zu befassen; und Sie würden es nicht wagen, sie dem Generalpolizeidirektor des Königreichs auseinanderzusetzen. Ein Agent, der auf eigene Rechnung Polizeidienste leistete, würde sein Amt verlieren. Nun ist die Kriminalpolizei genau so vorsichtig wie die politische Polizei. Daher arbeitet im Ministerium des Innern wie in der Präfektur niemand anders als im Interesse des Staates oder der Justiz. Handelt es sich um eine Verschwörung oder um ein Verbrechen, ja, mein Gott, da stehen Ihnen die Herren zur Verfügung; aber begreifen Sie doch, Herr Baron, daß sie ganz andere Dinge zu tun haben, als sich um die fünfzigtausend Liebeshändel von Paris zu kümmern. Was uns angeht, so dürfen wir uns nur mit der Verhaftung von Schuldnern befassen; und sobald es sich um etwas anderes handelt, setzen wir uns ungeheurer Gefahr aus, wenn wir die Ruhe irgend jemandes stören. Ich habe Ihnen einen meiner Leute geschickt, aber Ihnen auch gesagt, daß ich nicht für ihn bürgte. Sie haben ihm gesagt, er solle Ihnen eine Frau in Paris ausfindig machen, Contenson hat Ihnen einen Tausender ›abgeluchst‹, ohne sich auch nur zu rühren. Ebensogut könnte man eine Nadel im Fluß suchen, wie in Paris eine Frau, die verdächtig ist, in den Wald von Vincennes zu fahren, und deren Personalbeschreibung der aller hübschen Pariser Frauen glich.«

»Gondanzon«, sagte der Baron, »konnte doch sagen die Wahrheit, statt mir abzuluchsen ainen Tausender.« »Hören Sie, Herr Baron,« sagte Louchard, »wollen Sie mir tausend Taler geben? Ich will Ihnen einen Rat dafür geben … ihn Ihnen verkaufen.« »Is er wert tausend Taler, der Rat?« fragte Nucingen. »Ich lasse mich nicht fangen, Herr Baron,« erwiderte Louchard. »Sie sind verliebt, Sie wollen den Gegenstand Ihrer Leidenschaft entdecken, Sie dürsten nach ihr wie Lattich ohne Wasser. Gestern sind, wie mir Ihr Kammerdiener gesagt hat, zwei Ärzte bei Ihnen gewesen, die Ihren Zustand gefährlich finden; ich allein kann Sie in die Hand eines geschickten Menschen geben … Ja, zum Teufel, wenn Ihr Leben keine tausend Taler wert wäre … « »Sagen Se mir den Namen dieses keschickten Menschen, und zählen Se auf maine Großmut!« Louchard nahm seinen Hut, grüßte und ging. »Teifelsmensch!« rief Nucingen, »kommen Se! … Ta … « »Geben Sie wohl acht,« sagte Louchard, ehe er das Geld nahm, »daß ich Ihnen ganz einfach eine Auskunft verkaufe. Ich werde Ihnen den Namen und die Adresse des einzigen Menschen angeben, der Ihnen dienen kann; aber er ist ein Meister … « »Keht ßum Teifel!« rief Nucingen; »nur Varschilds Name ist wert tausend Taler, und auch nur, wenn er am Fuß aines Schaines steht … Ich biete tausend Franken.«

Louchard, ein kleiner Schlaukopf, der noch um keine Notars-, Gerichtsvollziehers- oder Verteidigerskonzession hatte unterhandeln können, schielte den Baron bedeutsam an. »Für Sie tausend Taler oder nichts; Sie haben sie an der Börse in wenigen Sekunden wieder eingenommen,« sagte er. »Ich biete tausend Franken! … « wiederholte der Baron. »Sie würden um eine Goldmine feilschen!« sagte Louchard, indem er grüßte und sich zurückzog. »Ich werde haben die Atreß fier einen Finfhündertfrankenschain!« rief der Baron, der seinem Kammerdiener befahl, ihm seinen Sekretär zu schicken.

Turcaret lebt nicht mehr. Heute entfaltet der größte wie der kleinste Bankier seinen Scharfsinn in den geringsten Dingen: er feilscht um die Künste, die Wohltätigkeit und die Liebe; er würde mit dem Papst um eine Absolution feilschen. Daher hatte Nucingen, während er Louchard zuhörte, sich schnell überlegt, daß Contenson als der rechte Arm des Exekutors die Adresse dieses Meisters der Spionage kennen müßte. Contenson würde für fünfhundert Franken hergeben, was Louchard nicht billiger verkaufen wollte als für tausend Taler. Diese rasche Überlegung beweist energisch, daß der Kopf dieses Menschen, wenn auch sein Herz von der Liebe überfallen war, noch der des Luchses blieb.

»Kehn Se selbst«, sagte der Baron zu seinem Sekretär, »ßu Gondanzon, dem Spion Licharts, des Exegutors; aber nähmen Se ainen Wagen und bringen Se'n her auf der Stell. Ich warte! … Sie werden kehn durch die Gartentier; hier haben Se d'n Schlüssel; denn niemand soll sehn den Menschen bei mir. Sie werden ihn fiehren in den glainen Kartenpavillon. Sehn Se ßu, daß Se mainen Auftrag ausfiehren mit Verstand.«

Es kam Besuch, um mit Nucingen von Geschäften zu reden; aber er wartete auf Contenson, er träumte von Esther, er sagte sich, daß er in kurzer Zeit die Frau wiedersehen würde, der er unerhoffte Erregungen verdankte, und er schickte alle Welt mit unbestimmten Worten und doppelsinnigen Versprechungen davon. Contenson schien ihm das wichtigste Wesen in Paris zu sein; er spähte fortwährend in den Garten hinunter. Und schließlich ließ er sich, nachdem er Befehl gegeben hatte, seine Tür zu schließen, sein Frühstück in dem Pavillon servieren, der in einer der Ecken des Gartens lag. In den Bureaus erschien das Verhalten und Zögern des schlauesten, klarblickendsten, politischsten aller Pariser Bankiers unerklärlich.

»Was hat denn der Chef?« fragte ein Wechselagent einen der ersten Kommis. »Man weiß nicht; es scheint, seine Gesundheit gibt zu Besorgnissen Anlaß; gestern hat die Frau Baronin die Doktoren Desplein und Bianchon berufen … «

Eines Tages wollten Fremde Newton sehen, und zwar in dem Augenblick, als er einem seiner Hunde namens Beauty Arznei eingab; Beauty – es war eine Hündin – brachte ihn, wie man weiß, um eine ungeheure Arbeit, und er sagte zu ihr nichts als: ›Ach, Beauty, du weißt nicht, was du eben vernichtet hast … ‹ Die Fremden gingen voller Achtung vor den Arbeiten des großen Mannes davon. In allen großartigen Existenzen findet man eine kleine Hündin Beauty. Als der Marschall von Richelieu nach der Einnahme von Mahon, einer der größten Waffentaten des achtzehnten Jahrhunderts, Ludwig XV. beglückwünschte, sagte der König zu ihm: ›Wissen Sie schon die große Nachricht? … Der arme Lansmatt ist tot!‹ Lansmatt war ein Pförtner, der in die Intrigen des Königs eingeweiht war. Nie erfuhren die Pariser Bankiers, wie sehr sie Contenson verpflichtet waren. Dieser Spion war der Anlaß, daß Nucingen ein ungeheures Geschäft zum Abschluß kommen ließ, an dem er beteiligt war und das er ihnen ganz überließ. Sonst konnte der Luchs mit der Artillerie der Spekulation ein Vermögen aufs Korn nehmen, während der Mensch der Sklave des Glücks war.

Der berühmte Bankier nahm seinen Tee und nagte als ein Mensch, dessen Zähne seit langem nicht mehr vom Appetit geschärft wurden, an ein paar Butterbroten, als er an der kleinen Pforte seines Gartens einen Wagen halten hörte. Bald führte Nucingens Sekretär ihm Contenson vor, den er erst in einem Café in der Nähe von Sainte-Pélagie hatte finden können, wo der Agent von dem Trinkgeld frühstückte, das ihm ein Schuldner gegeben hatte, weil er ihn unter gewissen Rücksichten, wie man sie bezahlt, ins Gefängnis brachte. Nun muß man wissen, blassen Lippen, das Zwinkern seiner grünlichen Augen, die kleine Grimasse seiner Stumpfnase verrieten, daß es ihm nicht an Geist fehlte. Er hatte ein Gesicht aus Weißblech, und die Seele mußte dem Gesicht gleich sein. Daher waren die Bewegungen seiner Züge eher Grimassen, die der Höflichkeit abgerungen waren, als der Ausdruck seiner inneren Regungen. Er hätte beängstigt, wenn er nicht zum Lachen gereizt hätte. Contenson, eins der seltsamsten Produkte des Schaums, der über dem Sieden der Pariser Kufe schwimmt, in der alles Gärung ist, tat sich vor allem etwas darauf zugute, daß er Philosoph war. Er sagte ohne Bitterkeit: ›Ich habe große Talente; aber ich gebe sie umsonst, es ist, als wäre ich ein Kretin.‹ Und er verurteilte sich selbst, statt die Menschen anzuklagen. Man suche Spione, die nicht mehr Galle haben, als Contenson hatte. ›Die Umstände sind gegen uns,‹ sagte er immer von neuem zu seinen Chefs; ›wir könnten Kristall sein, aber wir bleiben Sandkörner, das ist alles.‹

Sein Zynismus in Dingen der Kleidung hatte einen Sinn; er legte auf seinen Straßenanzug ebensowenig Wert, wie es die Schauspieler tun: er glänzte in Verkleidungen, im Schminken. Er hätte Frédéric Lemaître unterrichten können, denn er konnte sich im Notfall zum Dandy machen. Er mußte in seiner Jugend zu der verfallenen Gesellschaft der Leute mit Häusern für geheime Vergnügungen gehört haben. Er legte die tiefste Antipathie gegen die Kriminalpolizei an den Tag, denn er hatte unter dem Kaiserreich der Polizei Fouchés angehört, den er als einen großen Mann ansah. Seit der Aufhebung des Polizeiministeriums hatte er als Ausweg die Verhaftung von Schuldnern erwählt; aber seine bekannten Fähigkeiten, seine Schlauheit machten ihn zu einem kostbaren Werkzeug, und die unbekannten Leiter der politischen Polizei hatten seinen Namen in ihren Listen behalten. Contenson war ebenso wie seine Kameraden nur einer der Statisten des Dramas, dessen erste Rollen ihren Vorgesetzten zufielen, sobald es sich um eine politische Arbeit handelte.

»Kehn Se,« sagte Nucingen, indem er durch eine Geste seinen Sekretär fortschickte.

›Weshalb wohnt dieser Mensch in einem Hotel und ich in einem möblierten Zimmer? … ‹ fragte Contenson sich selber. ›Er hat seine Gläubiger dreimal an der Nase herumgeführt, und er hat gestohlen; ich habe nie einen Heller genommen … Ich habe mehr Talent als er … ‹

»Gondanzon, main Glainer,« sagte der Baron, »Sie haben mir abgeluchst ainen Tausendfrankenschain … « »Meine Geliebte war Gott und dem Teufel schuldig … « »Du hast aine Keliepte?« rief Nucingen aus, indem er Contenson mit einer Bewunderung ansah, in die sich Neid mischte. »Ich bin erst siebzig Jahre alt,« erwiderte Contenson als ein Mensch, den wie ein verhängnisvolles Beispiel das Laster jung erhalten hatte. »Und was macht se?« »Sie hilft mir,« sagte Contenson. »Wenn man Dieb ist, und eine anständige Frau liebt einen, so wird sie entweder Diebin, oder man wird ein ehrlicher Mensch. Ich bin Spitzel geblieben.« »Du prauchst immer Keld?« fragte Nucingen. »Immer,« sagte Contenson lächelnd; »es ist mein Stand, daß ich mir welches wünsche, wie es der Ihre ist, welches zu verdienen; wir können uns verständigen: raffen Sie es zusammen, ich mache mich anheischig, es auszugeben. Sie sollen der Brunnen sein, ich der Eimer.« »Willste verdienen finfhündert Franken? … « »Schöne Frage! … Aber bin ich dumm! … Sie bieten sie mir nicht, um die Ungerechtigkeit des Schicksals mir gegenüber wieder gutzumachen.« »Was haißt! Ich lege sie ßu dem Tausender, den du mir stipitzt hast; das macht finfzehnhündert Franken, die ich dir keb.« »Gut, Sie geben mir die tausend Franken, die ich schon habe, und Sie legen fünfhundert Franken hinzu … « »Kanß recht,« sagte Nucingen mit einem Kopfnicken. »Das macht immer erst fünfhundert Franken,« sagte Contenson unerschütterlich. »Die ich kebe! … « erwiderte der Baron. »Die ich bekomme. Nun, gegen welche Werte will der Herr Baron sie eintauschen?« »Man hat mir kesagt, daß in Baris ain Mensch lebt, der kann finden die Frau, die ich liebe, und daß du seine Atreß hast … Kurz, ain Maister der Schbionasche!« »Allerdings … « »Kut, kieb mir die Atreß, und du hast die finfhündert Franken.« »Wo sind sie?« erwiderte Contenson lebhaft. »Hier,« sagte der Baron, indem er einen Schein aus der Tasche zog. »Schön, geben Sie her,« sagte Contenson, indem er die Hand ausstreckte. »Keben, keben! Laß uns kehen ßu suchen den Mann, und du hast das Keld, denn du könntest verkaufen viele Atressen um diesen Preis.«

Contenson brach in Lachen aus. »Wahrhaftig, Sie haben das Recht, so von mir zu denken,« sagte er, während es schien, als hielte er sich zurück. »Je hundsgemeiner unser Stand ist, um so mehr bedarf er der Ehrlichkeit. Aber lassen Sie sehen, Herr Baron, sagen Sie sechshundert Franken, und ich werde Ihnen einen guten Rat geben.« »Kieb und verlaß dich auf maine Kroßmut … « »Ich will es wagen,« sagte Contenson; »aber ich spiele gewagtes Spiel. In Dingen der Polizei, sehen Sie, muß man unterirdisch vorgehen. Sie sagen: Los, auf! … Sie sind reich; Sie glauben, alles weiche vor dem Geld. Das Geld ist ja auch etwas. Aber mit Geld hat man nach den zwei oder drei tüchtigen Leuten unseres Metiers immer erst die Menschen. Und es gibt Dinge, an die man nicht denkt, die sich nicht kaufen lassen! … Den Zufall nimmt man nicht in Sold. Daher macht man die Dinge im guten Polizeidienst auch nicht so. Wollen Sie sich mit mir im Wagen zeigen? Man wird uns begegnen. Man hat den Zufall ebensosehr für sich wie gegen sich.« »Wahr,« sagte der Baron. »Wahrhaftig, ja, Herr Baron. Ein Hufeisen, das der Polizeipräfekt in der Straße auflas, führte ihn zur Entdeckung der Höllenmaschine. Nun, wenn wir heute abend im Dunkeln zu Herrn von Saint-Germain führen, so würde ihm nicht mehr daran liegen, Sie bei sich zu sehen, als Ihnen, gesehen zu werden, wenn Sie zu ihm fahren.« »Das ist richtig,« sagte der Baron. »Ah, er ist der Stärkste der Starken, die Stütze des berühmten Corentin, des rechten Arms Fouchés, den manche für seinen natürlichen Sohn ausgeben; er soll ihn als Priester gezeugt haben; aber das sind Dummheiten: Fouché verstand es, Priester zu sein, wie er es verstanden hat, Minister zu sein. Nun, sehen Sie, diesen Mann werden Sie nicht unter zehn Tausendfrankenscheinen an die Arbeit bringen … Überlegen Sie sich's … Aber Ihre Angelegenheit wird erledigt, und gut erledigt. Nicht gesehen noch erkannt, wie man sagt. Ich werde den Herrn von Saint-Germain benachrichtigen müssen, und er wird Ihnen ein Stelldichein geben irgendwo, wo niemand etwas hören oder sehen kann; denn er setzt sich Gefahren aus, wenn er auf Rechnung Privater Polizeidienste leistet. Aber was wollen Sie! … Er ist ein braver Mensch, der König der Menschen, und ein Mensch, der große Verfolgungen durchgemacht hat, und obendrein, weil er Frankreich gerettet hatte! … Wie übrigens auch ich, wie alle, die es gerettet haben!«

»Kut; du kannst mir schraiben die Schäferstunde,« sagte der Baron, indem er über diesen vulgären Scherz lächelte. »Der Herr Baron schmiert mir nicht einmal die Pfote? … « sagte Contenson mit zugleich demütiger und drohender Miene.

»Schan,« rief der Baron seinem Gärtner zu, »keh, laß dir von Schorsch ßwanßig Franken keben und bring se her … «

»Wenn freilich der Herr Baron keine andern Angaben machen kann, als er mir gegeben hat, so zweifle ich, ob ihm der Meister von Nutzen sein kann.« »Hab ich andre!« erwiderte der Baron mit schlauem Gesicht. »Ich habe die Ehre, dem Herrn Baron einen guten Tag zu wünschen,« sagte Contenson, indem er das Zwanzigfrankenstück nahm; »ich werde die Ehre haben, wiederzukommen und Georg zu sagen, wo der Herr Baron sich heute abend einfinden soll, denn man darf im guten Polizeidienst niemals etwas schreiben.«

›Gomisch, wieviel Keist diese Burschen haben!‹ sagte der Baron vor sich hin; ›es ist in der Bolißei kenau wie bei den Keschäften.‹

Als Contenson den Baron verließ, ging er ruhig von der Rue Saint-Lazare in die Rue Saint-Honoré und bis zum Café David; er blickte dort durch die Scheiben und bemerkte einen Greisen, der unter dem Namen Vater Canquoelle bekannt war.

Das Café David, das in der Rue de la Monnaie lag, genoß während der ersten dreißig Jahre dieses Jahrhunderts eine gewisse Berühmtheit, die freilich auf das sogenannte ›Quartier des Bourdonnais‹ beschränkt blieb. Dort versammelten sich die alten Händler, die sich zur Ruhe gesetzt hatten, und die Großkaufleute, die noch im Geschäft standen: die Camusots, die Lebas, die Pilleraults, die Popinots, und ein paar Grundbesitzer wie der kleine Vater Molineux. Man sah dort von Zeit zu Zeit auch den alten Vater Guillaume, der aus der Rue du Colombier dorthin kam. Man sprach dort unter sich von Politik, freilich vorsichtig, denn der Standpunkt des Café David war der Liberalismus. Man erzählte sich die Klatschereien des Quartiers, so stark empfinden die Menschen das Bedürfnis, sich übereinander lustig zu machen! … Dieses Café hatte, wie übrigens alle Cafés, seinen Sonderling, und zwar in eben jenem Vater Canquoelle, der dort seit dem Jahre 1811 verkehrte und der mit den ehrlichen Leuten, die sich dort versammelten, so sehr im Einklang zu stehen schien, daß niemand sich Zwang antat, wenn man in seiner Gegenwart von Politik sprach. Bisweilen war dieser Ehrenmann, dessen Einfalt den Stoff zu vielen Scherzen unter den Stammgästen hergab, auf einen oder zwei Monate verschwunden; aber sein Ausbleiben, das man stets seinen Krankheiten oder seinem Alter zuschrieb, denn er schien schon 1811 sein sechzigstes Jahr überschritten zu haben, erstaunte niemals irgend jemanden.

»Was ist denn aus dem Vater Canquoelle geworden? … « fragte man die Büfettdame. »Ich denke mir,« erwiderte sie, »wir werden eines schönen Tages durch die ›kleinen Anzeigen‹ von seinem Tod erfahren.«

Der Vater Canquoelle lieferte in seiner Aussprache einen beständigen Beweis seiner Herkunft; er sagte: estatue, especialle, le peuble und ture statt turc. Sein Name war der eines kleinen Landsitzes, der Les Canquoelles hieß, ein Wort, das in einigen Provinzen ›Maikäfer‹ bedeutet; dieses Landgut lag im Departement Vaucluse, aus dem er gekommen war. Man nannte ihn schließlich nur noch Canquoelle, ohne daß der Biedermann sich darüber ärgerte; der Adel schien ihm seit 1793 tot zu sein; übrigens gehörte ihm das Lehnsgut Les Canquoelles nicht, er war der jüngere Sohn einer jüngeren Linie. Heute würde der Anzug des Vaters Canquoelle seltsam erscheinen; aber zwischen 1811 und 1820 setzte er niemanden in Erstaunen. Dieser Greis trug Schuhe mit facettierten Stahlschnallen, seidene Strümpfe mit abwechselnd weißen und blauen wagerechten Streifen, eine Hose aus glattem Seidenstoff mit ovalen Schnallen, die der Form nach denen der Schuhe glichen. Eine weiße Weste mit Stickereien, ein alter Rock aus grünlichbraunem Tuch mit Metallknöpfen und ein Hemd mit ein Vitellius; und auch der kaiserliche Bauch war sozusagen durch eine Wiedergeburt bei ihm entwickelt. 1816 betrank sich dort ein junger Handlungsreisender zwischen elf Uhr und Mitternacht mit einem pensionierten Offizier. Er war unvorsichtig genug, von einer ziemlich ernsten Verschwörung gegen die Bourbonen zu sprechen, die eben vor ihrem Ausbruch stand. Im Café sah man nur noch den Vater Canquoelle, der eingeschlafen zu sein schien, zwei schlummernde Kellner und die Büfettdame. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden war Gaudissart verhaftet, und die Verschwörung war entdeckt. Zwei Leute fanden den Tod auf dem Schafott. Weder Gaudissart noch irgend jemand sonst faßte je Verdacht, daß der Vater Canquoelle Lunte gerochen hätte. Man entließ die Kellner, man behielt einander ein Jahr lang im Auge, und man entsetzte sich über die Polizei, die mit dem Vater Canquoelle zusammen arbeitete, obwohl er davon sprach, das Café David zu verlassen; so sehr graue ihm vor der Polizei.

Contenson betrat das Café, verlangte ein kleines Glas Branntwein und sah den Vater Canquoelle, der damit beschäftigt war, die Journale zu lesen, nicht einmal an; nur nahm er, als er sein Glas Branntwein hinuntergegossen hatte, das Goldstück des Barons und rief den Kellner, indem er dreimal kurz auf den Tisch schlug. Die Büfettdame und der Kellner prüften das Goldstück mit einer Sorgfalt, die für Contenson sehr beleidigend war.

›Ist dieses Gold das Ergebnis eines Diebstahls oder eines Mordes? … ‹ das war der Gedanke einiger starker und klarblickender Geister, die Contenson unter der Brille her ansahen, obwohl sie scheinbar ihre Blätter lasen. Contenson, der all das sah und nie über irgend etwas erstaunte, wischte sich mit einem Tuch, das nur dreimal gestopft worden war, geringschätzig den Mund ab, nahm sein Kleingeld in Empfang, schob all die Sous in seine Geldtasche, deren einst weißes Futter ebenso schwarz war wie das Tuch der Hose, und ließ dem Kellner keinen einzigen.

»Was für ein Galgenvogel!« sagte der Vater Canquoelle zu Herrn Pillerault, seinem Nachbar. »Bah!« gab Herr Camusot dem ganzen Café zur Antwort; er allein hatte nicht das geringste Erstaunen verraten; »das ist Contenson, der rechte Arm Louchards, unseres Exekutors am Handelsgericht. Die Schelme haben vielleicht einen im Quartier zu rupfen … «

Eine Viertelstunde darauf erhob sich der Biedermann Canquoelle, nahm seinen Schirm und ging ruhig davon.

Ist es nicht nötig, hier aufzuklären, welcher furchtbare und tiefe Mensch sich unter dem Anzug des Vaters Canquoelle verbarg, genau wie der Abbé Carlos das Versteck Vautrins war? Dieser Südländer, der auf Les Canquoelles, dem einzigen Besitz seiner übrigens recht ehrenwerten Familie, geboren war, hieß Peyrade. Er gehörte in Wirklichkeit der jüngeren Linie des Hauses de la Peyrade an, einer alten, aber armen Familie der Grafschaft, die noch heute das kleine Gut La Peyrade besitzt. Er war als siebentes Kind mit sechs Franken in der Tasche zu Fuß nach Paris gekommen, und zwar im Jahre 1772, als er siebzehn Jahre alt war; ihn trieben die Fehler eines wilden Temperaments und das brutale Verlangen, es zu etwas zu bringen, das so viele Südländer in die Hauptstadt treibt, wenn sie erkannt haben, daß das väterliche Haus ihnen nie die für ihre Leidenschaften nötige Rente geben kann. Wir haben die ganze Jugend Peyrades enthüllt, wenn wir sagen, daß er 1782 der Vertraute, der Heros des Generalpolizeiamts war, wo die Herren Lenoir und d'Albert, die beiden letzten Generalleutnants, ihn sehr hoch schätzten. Die Revolution kannte keine Polizei, sie hatte sie nicht das Napoleon den Feldzug von Boulogne zurückgeben wollte, und sie sahen sich überrumpelt ohne den Meister, der auf der Insel Lobau verschanzt war, wo ganz Europa ihn für verloren hielt; und also wußten sie nicht, welchen Entschluß sie fassen sollten. Die allgemeine Meinung ging dahin, dem Kaiser einen reitenden Boten zu schicken; aber Fouché allein wagte es, den Feldzugsplan zu entwerfen, den er auch ausführte. »Handeln Sie, wie Sie wollen,« sagte Cambacérès zu ihm; »mir aber ist mein Kopf zu lieb, und ich schicke dem Kaiser einen Bericht.«

Man weiß, welchen absurden Vorwand der Kaiser ergriff, als er bei seiner Rückkehr vor versammeltem Staatsrat seinem Minister die Gnade entzog und ihn dafür bestrafte, daß er Frankreich ohne ihn gerettet hatte. Seit jenem Tage stand dem Kaiser außer der Feindschaft des Fürsten von Talleyrand auch die des Herzogs von Otranto im Wege, und sie waren die beiden einzigen großen Politiker, die aus der Revolution hervorgegangen waren und die Napoleon 1813 vielleicht hätten retten können. Um Peyrade zu beseitigen, ergriff man den vulgären Vorwand der Veruntreuung; er hatte den Schmuggel begünstigt, indem er mit dem Großhandel ein paar Gewinste teilte. Diese Behandlung war hart für einen Mann, der den Marschallstab des Generalkommissariats großen Diensten verdankte, die er geleistet hatte. Dieser inmitten der Geschäfte gealterte Mann kannte die Geheimnisse aller Regierungen, die sich seit 1775 gefolgt waren; denn in diesem Jahre war er in das Generalpolizeiamt eingetreten. Der Kaiser, der sich für stark genug hielt, sich Menschen zu seinem Gebrauch zu schaffen, achtete nicht auf die Vorstellungen, die man ihm zugunsten eines Mannes machte, der als eines der verläßlichsten, der geschicktesten und schlauesten jener unbekannten Genies galt, die die Aufgabe haben, über die Sicherheit der Staaten zu wachen. Er glaubte, Peyrade durch Contenson ersetzen zu können; aber Contenson wurde damals von Corentin aufgesogen, und zwar zu dessen Nutzen. Peyrade war um so grausamer getroffen, als er, ein Wüstling und Schlemmer, sich den Frauen gegenüber in der Lage eines Zuckerbäckers befand, der Naschwerk liebt. Seine lasterhaften Gewohnheiten waren ihm zur Natur geworden: er konnte es nicht mehr entbehren, gut zu speisen, zu spielen, kurz jenes Leben eines prunklosen großen Herrn zu führen, dem sich alle Menschen von großen Fähigkeiten ergeben, wenn ihnen übermäßige Zerstreuungen zum Bedürfnis geworden sind. Dann hatte er bisher im großen Stil gelebt, ohne je zur Repräsentation verpflichtet zu sein, aus dem Vollen speisend, denn man rechnete nie mit ihm oder seinem Freund Corentin. Als ein zynisch geistreicher Mensch liebte er seinen Stand, er war Philosoph. Schließlich kann ein Spion, auf welcher Stufe der Leiter der Polizei er auch stehe, ebensowenig wie ein Sträfling in einen sogenannten ehrlichen oder freien Beruf zurückkehren. Spione wie Sträflinge haben, wenn sie einmal auf der Liste stehen, gleich den Kirchendienern einen unauslöschlichen Charakter. Es gibt Wesen, denen ihr sozialer Stand ihr Schicksal unweigerlich aufprägt. Zu seinem Unglück hatte Peyrade sich in ein hübsches kleines Mädchen verliebt, in ein Kind, das er selbst mit einer berühmten Schauspielerin gezeugt hatte, der er einen Dienst erwies und die ihm drei Monate lang dankbar war. Peyrade sah sich also, als er sein Kind aus Antwerpen kommen ließ, in Paris ohne Mittel, abgesehen von einer Unterstützung in Höhe von jährlich zwölfhundert Franken, die die Polizeipräfektur dem alten Schüler Lenoirs zukommen ließ. Er nahm in der Rue des Moineaux in einem vierten Stock eine kleine Wohnung von fünf Zimmern, für die er zweihundertfünfzig Franken zahlte.

Wenn je ein Mensch fühlen muß, wie nützlich, wie angenehm die Freundschaft ist, ist es da nicht der moralisch Aussätzige, den die Masse einen Spion, das Volk einen Spitzel und die Verwaltung einen Agenten nennt? Peyrade und Corentin also waren Freunde, wie Orest und Pylades es waren. Peyrade hatte Corentin zu dem gemacht, was er war; genau wie Vien David zu dem gemacht hat, was er wurde; aber der Schüler übertraf den Meister gar bald. Sie hatten zusammen mehr als einen Feldzug unternommen (siehe ›Eine dunkle Begebenheit‹). Peyrade, der glücklich war, weil er Corentins Begabung erraten hatte, lancierte ihn in seiner Laufbahn, indem er ihm einen Triumph bereitete. Er zwang seinen Schüler, sich einer Geliebten, die ihn verabscheute, als Angel zu bedienen, um einen Menschen zu fangen. Und Corentin war damals kaum fünfundzwanzig Jahre alt! … Corentin war einer der Generäle geblieben, deren Konnetabel der Polizeiminister ist, und er hatte unter dem Herzog von Rovigo die hervorragende Stellung bewahrt, die er unter dem Herzog von Otranto eingenommen hatte. Nun war es damals bei der politischen Polizei genau so wie bei der Kriminalpolizei. Bei jeder ein wenig ausgedehnten Angelegenheit schloß man mit den drei, vier oder fünf tüchtigen Agenten einen Akkord. Wenn der Minister von irgendeiner Verschwörung unterrichtet oder vor irgendeinem Anschlag gewarnt wurde, einerlei, wie es geschah, so sagte er zu einem der Obersten seiner Polizei: ›Was brauchen Sie, um zu dem und dem Ergebnis zu kommen?‹ Corentin, Contenson antworteten dann nach reiflicher Erwägung: ›Zwanzig-, dreißig-, vierzigtausend Franken.‹

War dann einmal der Auftrag zum Vorrücken gegeben, so blieben alle anzuwendenden Mittel und Leute der Wahl und dem Urteil Corentins oder des gewählten Agenten überlassen. Die Kriminalpolizei arbeitete übrigens mit dem berühmten Vidocq in der Entdeckung der Verbrechen ebenso.

Die politische Polizei wählte wie die Kriminalpolizei ihre Leute hauptsächlich unter den bekannten, registrierten, eingewöhnten Agenten, wie sie gleichsam die Soldaten dieser Streitmacht bilden, die für die Regierungen so notwendig ist, was auch die Philanthropen oder die Moralisten mit ihrer kleinen Moral dagegen einwenden mögen. Aber das ungeheure Vertrauen, das den zwei oder drei Generalen von der Art Peyrades und Corentins gebührte, brachte für sie das Recht mit sich, unbekannte Personen zu verwenden, freilich stets unter der Bedingung, daß sie in ernsten Fällen dem Minister Bericht erstatten mußten. Nun waren Peyrades Erfahrung und Schlauheit für Corentin zu kostbar, und sowie der Sturm von 1810 vorüber war, verwandte er seinen alten Freund; er zog ihn stets zu Rate und sorgte reichlich für seine Bedürfnisse. Corentin fand Mittel und Wege, Peyrade etwa tausend Franken im Monat zu geben. Peyrade seinerseits leistete Corentin ungeheure Dienste. 1816 versuchte Corentin anläßlich der bonapartistischen Verschwörung, an der Gaudissart teilnehmen sollte, Peyrade in die politische Polizei wieder einzuführen; aber ein unbekannter Einfluß setzte sich ihm entgegen. Der Grund war dieser. In ihrem Wunsch, sich unentbehrlich zu machen, hatten Peyrade, Corentin und Contenson auf Anstiften des Herzogs von Otranto für Ludwig XVIII. eine Gegenpolizei organisiert, in der die Agenten ersten Ranges ihre Stellung fanden. Ludwig XVIII. starb, unterrichtet von Geheimnissen, die den bestunterrichteten Historikern Geheimnisse bleiben werden. Der Kampf der politischen Polizei des Königreichs mit der Gegenpolizei des Königs erzeugte grauenhafte Verwicklungen, deren Geheimnisse durch einige Hinrichtungen bewahrt worden sind. Es ist hier weder der leisten konnte. Als Ludwig XVIII. starb, verlor Peyrade nicht nur seine ganze Bedeutung, sondern auch die Einkünfte seiner Stellung als regelmäßiger Spion Seiner Majestät. Da er sich für unentbehrlich hielt, so hatte er seine Lebensweise fortgesetzt. Die Frauen, das Wohlleben und der ›Cercle des Etrangers‹ hatten diesen Mann, der, wie alle für das Laster geschaffenen Leute, eine eiserne Konstitution besaß, vor jeder Sparsamkeit bewahrt. Von 1826 bis 1829 freilich, während welcher Zeit er nahezu sein vierundsiebzigstes Jahr erreichte, ließ er nach, wie er es ausdrückte. Von Jahr zu Jahr hatte Peyrade zusehen müssen, wie sein Wohlsein schwand. Er er lebte das Begräbnis der Polizei, er erkannte mit Bedauern, daß die Regierung Karls X. ihre guten Traditionen verließ. In jeder neuen Sitzung beschnitt die Kammer die Bewilligungen ein wenig mehr, die für das Dasein der Polizei notwendig sind, denn man haßte dieses Regierungswerkzeug und wollte die ganze Einrichtung von vornherein demoralisieren. ›Das ist gerade, als wollte man in weißen Handschuhen kochen,‹ sagte Peyrade zu Corentin.

Corentin und Peyrade hatten 1830 schon 1822 vorausgesehen. Sie kannten den heimlichen Haß, den Ludwig XVIII. seinem Nachfolger entgegenbrachte, der auch seine Nachgiebigkeit gegen die ältere Linie erklärte und ohne den seine Regierung und seine Politik ein Rätsel ohne Lösung wären.

Je mehr Peyrade alterte, um so größer war seine Liebe zu seiner natürlichen Tochter geworden. Für sie hatte er seine bürgerliche Gestalt angenommen, denn er wollte seine Lydia mit einem ehrlichen Mann verheiraten. Deshalb wollte er auch, vor allem seit den letzten drei Jahren, entweder in der Polizeipräfektur oder in der Direktion der politischen Polizei des Königreichs unterkommen; und zwar in irgendeiner Stellung, die er zeigen, die er eingestehen konnte. Er hatte schließlich selbst eine Stellung erfunden, deren Notwendigkeit sich, wie er zu Corentin sagte, früher oder später fühlbar machen würde. Es handelte sich darum, in der Polizeipräfektur ein sogenanntes ›Auskunftsbureau‹ zu schaffen, das ein Vermittler zwischen der Pariser Polizei im eigentlichen Sinne, der Kriminalpolizei und der Polizei des Königreichs werden sollte; auf diese Weise wollte er der Generaldirektion all diese zerstreuten Mächte dienstbar machen. Peyrade allein konnte in seinem Alter nach fünfundfünfzig Jahren der Verschwiegenheit das Ringglied bilden, das die drei Zweige der Polizei vereinigte, den Archivar, an den sich die Politik wie die Justiz wenden mußte, um in gewissen Fällen Aufklärung zu erhalten. Peyrade hoffte so mit Hilfe Corentins eine Gelegenheit zu finden, um der kleinen Lydia eine Mitgift und einen Gatten zu verschaffen. Corentin hatte schon mit dem Generaldirektor der Polizei des Königreichs darüber gesprochen, ohne aber Peyrade zu erwähnen; und der Generaldirektor, ein Südländer, hielt es für nötig, ein Gutachten der Präfektur einzuziehen.

In dem Augenblick, als Contenson dreimal mit seinem Goldstück auf den Tisch schlug – ein Signal, das bedeutete: ›ich habe mit euch zu sprechen‹ –, dachte der Älteste der Polizeiagenten eben über folgendes Problem nach: ›Durch welche Persönlichkeit, durch welches Interesse soll ich den gegenwärtigen Polizeipräfekten gewinnen?‹ Und dabei sah er aus wie ein Dummkopf, der seinen ›Französischen Kurier‹ studierte.

›Unser armer Fouché,‹ sagte er bei sich selber, während er die Rue Saint-Honoré dahinschritt, »dieser große Mann, ist tot! Unsere Vermittler mit Ludwig XVIII. sind in Ungnade. Übrigens glaubt man, wie Corentin mir gestern sagte, nicht mehr an die Regsamkeit und Findigkeit eines Siebzigers … Ach, weshalb habe ich mir angewöhnt, bei Véry zu speisen, köstliche Weine zu trinken … lustige Liedchen zu singen und zu spielen, wenn ich Geld habe? Um sich eine Stellung zu sichern, genügt es nicht, daß man Geist hat, wie Corentin sagt, sondern man muß auch noch den Geist des Behaltens besitzen! Dieser teure Herr Lenoir hat mir mein Los ja vorausgesagt, als er bei Gelegenheit der Halsbandaffäre rief: ›Sie werden es nie zu etwas bringen!‹ sobald er erfuhr, daß ich nicht unter dem Bett der Dirne Oliva geblieben war.«

Wenn der ehrwürdige Vater Canquoelle – man nannte ihn auch in seinem Hause Vater Canquoelle – im vierten Stock der Rue des Moineaux geblieben war, so kann man wohl glauben, daß er in der Verteilung der Räume Eigentümlichkeiten gefunden hatte, die die Ausübung seiner furchtbaren Obliegenheiten begünstigten. Sein Haus lag an der Ecke der Rue Saint-Roche und stand auf der einen Seite frei. Da es vermittelst einer Treppe in zwei Teile geteilt war, lagen in jedem Stockwerk zwei Zimmer, die absolut abgeschlossen waren. Diese beiden Zimmer blickten in die Rue Saint-Roche. Oberhalb des vierten Stocks erstreckten sich die Mansarden, deren eine als Küche diente, während die andere von der einzigen Dienerin des Vaters Canquoelle bewohnt wurde; es war eine Flamländerin namens Katt, die Lydia gesäugt hatte. Der Vater Canquoelle hatte das eine der abgetrennten Zimmer zu seinem Schlafzimmer gemacht, das andere zum Arbeitszimmer. Eine dicke Mauer schloß dieses Arbeitszimmer nach hinten ab. Das Fenster, das auf die Rue des Moineaux ging, blickte auf eine einspringende Mauer ohne Fenster. Da nun die ganze Breite des Schlafzimmers die beiden Freunde von der Treppe trennten, so fürchteten sie keinen Blick und kein Ohr, wenn sie in diesem für ihr furchtbares Gewerbe eigens geschaffenen Zimmer von Geschäften sprachen. Aus Vorsicht hatte Peyrade in das Zimmer der Flamländerin ein Strohbett und einen mit Kuhhaargewebe unterlegten sehr dicken Teppich getan, indem er sagte, er wolle die Amme seines Kindes glücklich machen. Ferner hatte er den Kamin vermauert und bediente sich eines Ofens, dessen Rohr durch die Außenmauer auf die Rue Saint-Roche ging. Schließlich hatte er den Boden mit mehreren Teppichen bedeckt, um die Bewohner des untern Stockwerks daran zu hindern, daß sie das geringste Geräusch auffingen. Da er in allen Spionagemitteln bewandert war, so untersuchte er einmal in der Woche die hintere Mauer, die Decke und den Boden und durchforschte sie wie jemand, der lästige Insekten töten will. Die Gewißheit, daß er hier ohne Zeugen und Zuhörer war, hatte auch Corentin veranlaßt, dieses Arbeitszimmer als Beratungssaal zu wählen, wenn er nicht zu Hause beriet. Corentins Wohnung war nur dem Generalpolizeidirektor des Königreichs und Peyrade bekannt; er empfing dort diejenigen Persönlichkeiten, die das Ministerium oder die Krone in ernsten Sachen zu Vermittlern nahmen; aber kein Agent, kein Subalterner kam dorthin, und die Berufsangelegenheiten erledigte er bei Peyrade. In diesem unscheinbaren Zimmer wurden Pläne gesponnen, wurden Entschlüsse gefaßt, die wunderliche Annalen und seltsame Dramen ergeben würden, wenn die Mauern reden könnten. Dort wurden zwischen 1816 und 1826 ungeheure Interessen analysiert. Dort wurden die Keime der Ereignisse entdeckt, die so schwer auf Frankreich lasten sollten. Dort sagten sich Peyrade und Corentin, die ebenso klarblickend, aber besser unterrichtet waren als der Generalprokurator Bellart, schon 1819: ›Wenn Ludwig XVIII. den und den Schlag nicht führen, sich des und des Prinzen nicht entledigen will, so verabscheut er also seinen Bruder? Er will ihm also eine Revolution vermachen?‹

beschmutzt hätte, so hätte der Vater, um diesen zu verschlingen, eine jener grauenhaften Fallen erfunden, in denen sich unter der Restauration die Unglücklichen fingen, die ihren Kopf aufs Schafott trugen. Tausend Taler im Jahr genügten für Lydia und Katt, die sie ihre Bonne nannte.

Als Peyrade oben in die Rue des Moineaux einbog, sah er Contenson; er ging an ihm vorbei, stieg als erster hinauf und führte seinen Agenten, als er seine Schritte auf der Treppe hörte, hinein, ehe noch die Flamländerin die Nase zur Küchentür hinausgesteckt hatte. Eine Glocke, die von einer Tür mit Guckfenster in Bewegung gesetzt wurde, und die im dritten Stockwerk hing, da, wo der Steinmetz wohnte, meldete es den Mietern des dritten und vierten Stockwerks, wenn jemand zu ihnen hinaufging. Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß Peyrade stets um Mitternacht den Schlägel dieser Glocke umwickelte.

»Was gibt es denn so Eiliges, Philosoph?« ›Philosoph‹ war der Beiname, den Peyrade Contenson gegeben hatte, und den dieser Epiktet unter den Spitzeln auch verdiente. Dieser Name ›Contenson‹ verbarg – ach! einen der ältesten Namen des normannischen Feudaladels. »Nun, es gibt so gegen zehntausend zu verdienen.« »Was ist es? Politik?« »Nein, eine Kinderei! Der Baron von Nucingen, Sie wissen, dieser alte patentierte Dieb wiehert einer Frau nach, die er im Wald von Vincennes gesehen hat; und man muß sie ihm auffinden, oder er stirbt vor Liebe … Man hat gestern eine ärztliche Konsultation abgehalten, nach dem, was mir sein Kammerdiener gesagt hat … Ich habe ihm unter dem Vorwand, ich wolle ihm das Liebchen suchen, schon tausend Franken aus der Nase gezogen.« Und Contenson erzählte die Begegnung Nucingens und Esthers, indem er hinzufügte, der Baron habe einige neue Angaben zu machen.

»Geh,« erwiderte Peyrade; »wir werden diese Dulzinea finden; sag dem Baron, er solle heute abend im Wagen auf die Champs Elysées kommen, in die Avenue Gabriel, an der Ecke der Allee von Marigny.«

Peyrade setzte Contenson vor die Tür und pochte bei seiner Tochter, wie man pochen mußte, um eingelassen zu werden. Er trat freudig ein, denn der Zufall hatte ihm ein Mittel zugeworfen, endlich die Stellung, nach der er sich sehnte, zu erhalten. Er warf sich in einen guten Voltairesessel und sagte zu seiner Tochter, nachdem er sie zuvor auf die Stirn geküßt hatte: »Spiele mir etwas vor.«

Lydia spielte ihm ein Stück vor, das Beethoven für das Piano geschrieben hatte. »Das hast du hübsch gespielt, mein kleines Schäfchen,« sagte er, indem er seine Tochter zwischen die Knie zog. »Weißt du, daß wir einundzwanzig Jahr alt sind? Wir müssen heiraten, denn unser Vater ist über siebzig alt … « »Ich bin hier glücklich,« erwiderte sie. »Du liebst nur mich? Aber ich bin doch so häßlich und alt!« sagte Peyrade. »Aber wen soll ich denn lieben?« »Ich speise bei dir, mein kleines Schäfchen; sag Katt Bescheid. Ich denke daran, uns anders einzurichten; ich will eine Stellung annehmen und dir einen Gatten suchen, der deiner würdig ist … irgendeinen guten jungen Mann, der Talent hat und auf den du eines Tages stolz sein kannst … « »Ich habe erst einen gesehen, der mir als Gatte gefallen hätte … « »Du hast schon einen gesehen? … « »Ja, in den Tuilerien,« erwiderte Lydia; »er ging vorüber, er hatte der Gräfin von Sérizy den Arm gereicht.« »Er heißt? … « »Lucien von Rubempré … Ich saß mit Katt unter einer Linde und dachte an nichts. Neben mir saßen zwei Damen, die untereinander sagten: ›Das ist Frau von Sérizy und der schöne Lucien von Rubempré.‹ Ich sah mir das Paar an, das auch die beiden Damen ansahen. ›Ah, meine Liebe,‹ sagte die andere, ›es gibt Frauen, die recht glücklich sind. Der da läßt man alles hingehen, weil sie eine geborene von Ronquerolles ist und ihr Mann die Macht hat.‹ ›Aber, meine Liebe,‹ erwiderte die erste, ›Lucien kostet sie recht viel.‹ … Was heißt das, Papa?« »Das sind Dummheiten, wie die Leute aus der Gesellschaft sie sagen,« gab Peyrade seiner Tochter mit gutmütiger Miene zur Antwort. »Vielleicht spielten sie auf politische Ereignisse an.« »Nun, du hast mich gefragt, ich antworte dir. Wenn du mich verheiraten willst, so suche mir einen Gatten, der diesem jungen Mann ähnlich sieht … « »Kind,« erwiderte der Vater, »beim Mann ist die Schönheit nicht immer ein Zeichen der Güte. Junge Leute mit angenehmem Äußern begegnen im Anfang ihres Lebens keinerlei Schwierigkeiten, sie entfalten keinerlei Talent, sie werden durch das Entgegenkommen der Welt verdorben, und sie müssen nachher die Zinsen für ihre Stellung zahlen! … Ich möchte dir das suchen, was die Bürger, die Reichen und die Dummköpfe ohne Unterstützung und Schutz lassen … « »Wer ist das, Vater?« »Der unbekannte Mann von Talent … Aber geh, mein liebes Kind, ich bin imstande, alle Dachkammern von Paris zu durchstöbern und dein Programm zu erfüllen, indem ich dir einen Mann zu lieben gebe, der ebenso schön ist wie der schlechte Kerl, von dem du redest, der aber zugleich eine Zukunft hat, einen jener Leute, die vorbestimmt sind für den Ruhm und das Glück … Oh, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht! Ich muß eine Herde von Neffen haben, und unter ihrer Zahl findet sich vielleicht einer, der deiner würdig ist! … Ich will in die Provence schreiben oder schreiben lassen!«

Seltsam! In ebendiesem Augenblick kam ein junger Mann, der vor Hunger und Ermattung fast tot war, aus dem Departement Vaucluse, und er zog ein durch das Italienische Tor; es war ein Neffe des Vaters Canquoelle auf der Suche nach seinem Onkel. In den Träumen der Familie, der das Schicksal dieses Onkels unbekannt war, blieb Peyrade ein Text der Hoffnung: man glaubte, er sei mit Millionen aus Indien heimgekehrt! Von solchen Winterabendmärchen getrieben, hatte dieser Neffe namens Theodosius eine Entdeckungsreise unternommen, um den phantastischen Onkel zu suchen.

Als Peyrade ein paar Stunden lang sein Vaterglück gekostet hatte, schritt er mit ausgewaschenen und gefärbten Haaren – sein Puder war eine Maske –, bekleidet mit einem guten dicken, blauen Tuchrock, der bis zum Kinn hinauf zugeknöpft war, eingehüllt in einen schwarzen Mantel, die Füße in groben Stiefeln mit dicken Sohlen und versehen mit einer geheimen Karte, langsamen Schrittes die Avenue Gabriel entlang, wo ihm vor den Gärten des Elysée Bourbon, als alte Obsthändlerin verkleidet, Contenson entgegentrat.

»Herr von Saint-Germain,« sagte Contenson, indem er seinem ehemaligen Chef seinen Kriegsnamen gab, »ich habe durch Sie fünfhundert Franken verdient; aber ich habe hier Posto gefaßt, um Ihnen zu sagen, daß der verdammte Baron sie mir nicht gegeben hat, ohne zuvor ins Haus – die Präfektur – zu fahren und Auskünfte einzuholen.« »Ich werde dich zweifellos nötig haben,« sagte Peyrade. »Sprich mit unsern Nummern sieben, zehn und einundzwanzig. Die Leute werden wir verwenden können, ohne daß man es bei der Polizei oder auf der Präfektur merkt.«

Contenson kehrte in die Nähe des Wagens zurück, in dem Herr von Nucingen auf Peyrade wartete.

»Ich bin Herr von Saint-Germain,« sagte der Südländer zu dem Baron, indem er sich bis zum Wagenschlag erhob. »Kut, staigen Se ain,« erwiderte der Baron, der Befehl gab, zum Triumphbogen hinaufzufahren. »Sie sind auf der Präfektur gewesen, Herr Baron? Das ist nicht recht … Darf man wissen, was Sie dem Herrn Präfekten gesagt haben, und was er erwidert hat?« fragte Peyrade. »Ehe ich ainem Schelm wie Gondanzon sechshündert Franken kab, follte ich doch wissen, ob er se hat verdient … Ich hab kesagt zum Bolißeibräfekten, daß ich wollte verwenden ainen Achenten namens Beirate fier aine telikate Mission im Ausland; und ob ich könnte haben unbekrenztes Vertrauen ßu ihm. Der Bräfekt hat mir kesagt, Sie wären ainer der keschicktesten und ehrlichsten Leite. Das ist alles.« »Will mir der Herr Baron sagen, um was es sich handelt, da man ihm meinen wahren Namen offenbart hat?«

Als der Baron in seinem scheußlichen Dialekt des polnischen Juden ausführlich und wortreich Auskunft gegeben hatte über seine Begegnung mit Esther, über den Schrei des Jägers, der hinter dem Wagen gestanden hatte, und über seine vergeblichen Bemühungen, schloß er damit, daß er erzählte, was sich am Tage zuvor bei ihm ereignet hatte; er berichtete von dem Lächeln, das Lucien von Rubempré entschlüpft war, und von dem Glauben Bianchons, den auch einige Dandys geteilt hätten, an einen Verkehr zwischen der Unbekannten und diesem jungen Mann.

»Hören Sie, Herr Baron, Sie werden mir zunächst zehntausend Franken auf die Kosten einhändigen; denn für Sie handelt es sich in dieser Angelegenheit um das Leben; und da Ihr Leben eine Geschäftsfabrik ist, so darf man nichts versäumen, damit Sie diese Frau finden. Ah! Sie sind erwischt!« »Ja, ich bin erwischt … « »Wenn mehr nötig ist, so werde ich es Ihnen sagen, Baron; verlassen Sie sich auf mich,« fuhr Peyrade fort. »Ich bin kein Spion, wie Sie vielleicht glauben … Ich war 1807 Generalpolizeikommissar in Antwerpen, und jetzt, da Ludwig XVIII. tot ist, kann ich Ihnen auch anvertrauen, daß ich sieben Jahre hindurch seine Gegenpolizei geleitet habe … Man handelt also nicht mit mir. Sie begreifen, Herr Baron, daß man keinen Voranschlag darüber machen kann, wieviel Gewissen man zu kaufen hat, ehe man eine Angelegenheit auch nur studiert hat. Seien Sie ohne Sorge, ich komme zum Ziel. Glauben Sie aber nicht, daß Sie mich mit irgendeiner Summe zufriedenstellen können; ich will etwas anderes als Lohn … « »Wenn es kain Gönigreich ist … « sagte der Baron. »Es ist für Sie weniger als ein Nichts.« »Das ist kut!« »Sie kennen die Kellers?« »Kenau.« »Franz Keller ist der Schwiegersohn des Grafen von Gondreville, und der Graf von Gondreville hat gestern mit seinem Schwiegersohn bei Ihnen gespeist.« »Wer Teifel kann Ihnen kesagt haben … ?« rief der Baron. »Schorsch wird es sein; der schwatzt immer.« Peyrade brach in ein Lachen aus. Dem Bankier kam ein seltsamer Verdacht über seinen Bedienten, als er dieses Lächeln bemerkte.

»Der Graf von Gondreville ist ganz in der Lage, mir eine Stellung in der Polizeipräfektur zu verschaffen, die ich mir wünsche und über deren Einrichtung der Präfekt innerhalb von achtundvierzig Stunden eine Denkschrift haben wird,« sagte Peyrade, indem er fortfuhr. »Bitten Sie für mich um diese Stellung; sorgen Sie dafür, daß der Graf von Gondreville sich mit der Sache befaßt, und zwar warm; so werden Sie sich für den Dienst, den ich Ihnen leisten will, erkenntlich zeigen. Ich verlange von Ihnen nur Ihr Wort; denn wenn Sie es brächen, so würden Sie den Tag verfluchen, an dem Sie geboren sind … Auf Peyrades Ehre!« »Ich keb Ihnen main Ährenwort, daß ich will tun das Mögliche … « »Wenn ich für Sie nur das Mögliche tun wollte, so wäre das nicht genug.« »Kut, ich will offen handeln.« »Offen … Das ist alles, was ich verlange,« sagte Peyrade, »und die Offenheit ist das einzige ein wenig neue Geschenk, das wir einander machen können.« »Offen,« wiederholte der Baron. »Wo wollen Se, daß ich Se absetze?« »Am Ende des Pont Louis Seize.« »Szur Kammerbricke,« sagte der Baron zu dem Diener, der an den Wagenschlag trat.

›Ich werd also pesitzen die Unpegannte,‹ sagte der Baron vor sich hin, als er davonfuhr.

›Was für ein wunderlicher Zufall!‹ sagte Peyrade bei sich selber, während er zu Fuß zum Palais Royal zurückkehrte, denn dort hoffte er die zehntausend Franken zu verdreifachen, um Lydia eine Mitgift geben zu können. »Da soll ich nun die kleinen Angelegenheiten des jungen Mannes untersuchen, der meine Tochter mit einem Blick bezaubert hat. Er gehört ohne Zweifel zu jenen Männern, die das ›Frauenauge‹ haben,« sagte er bei sich selber mit einem Wort aus der Geheimsprache, die er sich für seinen Gebrauch zurechtgelegt hatte und in der seine Beobachtungen wie die Corentins in Worte zusammengefaßt wurden, die zwar oft die Sprache vergewaltigten, aber ebendeshalb malerisch und energisch waren.

Als der Baron von Nucingen nach Hause kam, sah er sich selbst nicht mehr ähnlich; er setzte seine Leute und seine Frau in Erstaunen: er zeigte ihnen ein belebtes Gesicht voller Farbe; er war lustig.

»Weh unsern Aktionären!« sagte du Tillet zu Rastignac.

Man nahm eben nach der Rückkehr aus der Oper in Delphine von Nucingens kleinem Salon den Tee. »Ja,« erwiderte lächelnd der Baron, da er den Scherz seines Kollegen aufgefangen hatte, »ich habe das Pedürfnis, Keschäfte zu machen … « »So haben Sie Ihre Unbekannte gesehen?« fragte Frau von Nucingen. »Nain,« erwiderte er; »ich hab nur Hoffnung, sie ßu finden.«

»Liebt man je so seine Frau? … « rief Frau von Nucingen aus, während sie ein wenig Eifersucht empfand, weil sie sie heuchelte. »Wenn Sie sie für sich haben,« sagte du Tillet zu dem Baron, »so werden Sie uns mit ihr zum Souper einladen; denn ich bin begierig darauf, das Geschöpf zu sehen, das Sie so jung machen konnte, wie Sie es sind.« »Sie ist ain Maisterwerk der Nadur,« erwiderte der alte Bankier.

»Er wird sich fangen lassen wie ein Minderjähriger,« sagte Rastignac Delphine ins Ohr. »Bah, er verdient doch wohl Geld genug, um … « »Ein wenig wieder auszugeben, nicht wahr?« sagte du Tillet, indem er die Baronin unterbrach.

Nucingen ging im Salon spazieren, als stolperte er über seine Beine. »Das ist der Augenblick, um sich Ihre neuen Schulden von ihm bezahlen zu lassen,« sagte Rastignac der Baronin ins Ohr.

In ebendiesem Augenblick verließ Carlos die Rue Taitbout voller Hoffnung. Er war dorthin gekommen, um Europa die letzten Anweisungen zu geben; denn sie sollte die Hauptrolle in der Komödie spielen, die erfunden worden war, um den Baron von Nucingen zu betrügen. Bis zum Boulevard begleitete den Spanier Lucien, den es ziemlich stark beunruhigte, als er diesen Halbteufel so vollkommen verkleidet sah, daß er selbst ihn nur hatte an der Stimme erkennen können.

»Wo zum Teufel hast du eine Frau gefunden, die schöner ist als Esther?« fragte er seinen Verführer. »Mein Kleiner, so etwas findet man nicht in Paris. Ein solcher Teint wird nicht in Frankreich erzeugt.« »Ich will sagen, du siehst mich noch ganz starr … Die Venus Kallipyga ist nicht so schön gewachsen! Man könnte sich für sie dem Teufel verschreiben … Aber woher hast du sie?« »Sie ist die schönste Londoner Dirne. Im Ginrausch hat sie in einem Eifersuchtsanfall ihren Liebhaber getötet. Der Liebhaber ist ein Elender, den die Londoner Polizei glücklich los ist, und man hat dieses Geschöpf, damit die Sache in Vergessenheit gerät, auf einige Zeit nach Paris geschickt … Die Schelmin ist recht gut erzogen. Sie ist die Tochter eines Ministers; sie spricht französisch, als wäre das ihre Muttersprache; sie weiß nicht und darf nie erfahren, was sie da macht. Wir haben ihr gesagt, wenn sie dir gefalle, so könne sie dir Millionen verzehren; aber du seiest eifersüchtig wie ein Tiger; und wir haben ihr das Programm nach Esthers Leben vorgeschrieben.« »Aber wenn Nucingen sie Esther vorzöge?« »Ah! Da haben wir dich! … « rief Carlos. »Du fürchtest heute, es könne nicht geschehen, was dich gestern so sehr erschreckte! Sei unbesorgt. Dieses blonde und weiße Mädchen hat blaue Augen: sie ist der Gegensatz der schönen Jüdin, und nur Esthers Augen können einen so verfaulten Menschen wie Nucingen aufstören. Du konntest doch keine Scheuche verstecken, zum Teufel! Wenn diese Puppe ihre Rolle ausgespielt hat, werde ich sie unter dem Geleit einer zuverlässigen Person nach Rom oder nach Madrid schicken, wo sie Leidenschaften entfachen wird.« »Da wir sie nur auf kurze Zeit haben,« sagte Lucien, »so kehre ich zu ihr zurück … « »Geh, mein Sohn, amüsiere dich … Morgen hast du noch einen Tag. Ich erwarte jemanden, dem ich den Auftrag gegeben habe, zu erkunden, was beim Baron von Nucingen vorgeht.« »Wen?« »Die Geliebte seines Kammerdieners; denn schließlich muß man fortwährend wissen, was beim Feind geschieht.«

Um Mitternacht fand Paccard, Esthers Jäger, Carlos auf dem Pont des Arts, dem günstigsten Ort in Paris, wenn man sich ein paar Worte zu sagen hat, die niemand hören darf. Während sie miteinander sprachen, sah der Jäger nach der einen Seite, während sein Herr in die entgegengesetzte Richtung spähte.

»Der Baron ist heute zwischen vier und fünf Uhr auf der Polizeipräfektur gewesen,« sagte der Jäger; »und heute abend hat er sich gerühmt, daß er die Frau, die er im Wald von Vincennes gesehen hat, finden würde; man hat sie ihm versprochen … « »So werden wir beobachtet werden!« sagte Carlos; »aber von wem?« »Man hat sich schon einmal Louchards bedient, des Exekutoren.« »Das wäre Kinderei,« erwiderte Carlos. »Wir haben nur das Sicherheitskorps und die Kriminalpolizei zu fürchten; und sowie die sich nicht regt, können wir uns regen! … « »Noch eins … « »Was?« »Die Freunde der Kette … Ich bin gestern Lapouraille begegnet … Er hat einen Haushalt kalt gemacht und zehntausend ›Thonen‹ zu je fünf Rädern erbeutet … in Gold!« »Man wird ihn verhaften,« sagte Jakob Collin; »das ist der Mord in der Rue Boucher.« »Welches ist die Losung?« fragte Paccard mit der ehrfurchtsvollen Miene, die ein Marschall zeigen mochte, wenn er von Ludwig XVIII. die Losung entgegennahm. »Ihr werdet jeden Abend um zehn Uhr ausfahren. Ihr werdet in scharfer Fahrt in die Wälder von Vincennes, Meudon oder Ville d'Avray gehen. Wenn euch jemand beobachtet oder folgt, so laß mit dir reden, sei zugänglich, schwatzhaft, bestechlich. Sprich von der Eifersucht Rubemprés, der wahnsinnig verliebt ist in die ›gnädige Frau‹, und der vor allem nicht will, daß man in der Gesellschaft erfährt, daß er eine solche Geliebte hat … « »Genügt. Muß ich bewaffnet sein?« »Nie!« sagte Carlos lebhaft. »Eine Waffe! … Wozu dient die? Um Unglück anzurichten! Wenn man dem stärksten Menschen mit dem Hieb, den ich dir gezeigt habe, die Beine zerbrechen kann … wenn man sich gegen drei bewaffnete Stockmeister schlagen kann, und zwar mit der Gewißheit, zwei von ihnen zu Boden zu strecken, ehe sie noch ihr Seitengewehr gezogen haben – was fürchtet man da? Hast du nicht deinen Stock?« »Allerdings,« sagte der Jäger.

Paccard, beibenannt ›Alte Garde‹, ›Braver Kerl‹ und ›Festheran‹, ein Mann mit eisernen Kniekehlen, stählernem Arm, italienischem Backenbart, künstlerischer Haartracht und einem Gesicht, bleich und regungslos wie das Contensons, verbarg sein Feuer im Innern, und er erfreute sich einer Tambourmajorsstatur, die jeden Argwohn verbannte. Einer, der aus Poissy oder Melun entsprungen ist, hat nicht jene ernsthafte Geckerei und jenen Glauben an seine Vorzüge. Als Dschaafar des Harun al-Raschid des Bagnos bezeigte er ihm die freundschaftliche Bewunderung, die Peyrade für Corentin empfand. Dieser ungeheuer langbeinige Koloß, der keine starke Brust und nicht zuviel Fleisch auf den Knochen hatte, ging ernsten Schrittes auf seinen beiden Stelzen umher. Nie bewegte sich die Rechte, ohne daß auch das rechte Auge die äußern Umstände mit jener ruhigen Geschwindigkeit prüfte, wie sie dem Dieb und dem Spion eigen ist. Das linke Auge ahmte dem rechten nach. Dürr, beweglich, zu jeder Stunde zu allem bereit, so wäre nach Jakobs Worten Paccard ohne jenen vertrauten Feind, den man den Branntwein der Helden nennt, vollkommen gewesen, da er alle Talente, die ein Mensch, der mit der Gesellschaft im Kampf lebt, braucht, im höchsten Grade besaß; doch war es dem Meister gelungen, den Sklaven zu überreden, daß er dem Feuer nur einen Teil von sich preisgab und also nur abends trank. Wenn Paccard nach Hause kam, trank er das flüssige Gold hinunter, das ihm die dickbäuchige Steingutflasche aus Danzig eingoß.

»Man wird das Auge offen halten,« sagte Paccard, nachdem er den gegrüßt hatte, den er seinen Beichtvater nannte und indem er seinen prachtvollen Federhut aufsetzte.

Durch diese Ereignisse kam es dahin, daß sich die Leute, die, jeder in seiner Sphäre, so stark waren wie Jakob Collin, Peyrade und Corentin, auf einem und demselben Boden in einen Kampf verwickelt sahen, in dem sie ihr Genie entfalten konnten und in dem ein jeder für seine Leidenschaft oder seine Interessen kämpfte. Es war eine jener furchtbaren Schlachten, von denen man nichts weiß, in denen aber an Talent, an Haß, an Gereiztheit, an Märschen und Gegenmärschen und Listen genau so viel Kraft aufgewandt wird, wie nötig ist, um ein Vermögen zu begründen. Menschen und Mittel, das alles war auf seiten Peyrades Geheimnis; sein Freund Corentin unterstützte ihn bei dem ganzen Feldzug, der für sie eine Kinderei war. Daher schweigt auch die Geschichte über diesen Gegenstand, wie sie über die wahren Ursachen vieler Revolutionen schweigt.

Aber dieses ist das Ergebnis: Fünf Tage nach der Unterredung des Herrn von Nucingen mit Peyrade stieg ein Mann von etwa fünfzig Jahren, mit jenem Bleiweißgesicht, das das Leben in der Gesellschaft den Diplomaten verleiht, bekleidet mit blauem Tuch, von ziemlich eleganter Haltung und annähernd der Erscheinung eines Staatsministers, aus einem prachtvollen Kabriolett, indem er seinem Bedienten die Zügel zuwarf. Er fragte den Kammerdiener, der auf einer Bank der Vorhalle gesessen hatte und ihm ehrerbietig die wundervolle Glastür aufhielt, ob der Baron von Nucingen zu sprechen wäre.

»Der Name des Herrn?« fragte der Bediente. »Sagen Sie dem Herrn Baron, ich käme aus der Avenue Gabriel,« erwiderte Corentin. »Wenn Gäste da sind, so hüten Sie sich, diesen Namen laut zu nennen; man würde Sie vor die Tür setzen.«

Eine Minute darauf kam der Kammerdiener zurück und führte Corentin durch die innern Gemächer in das Arbeitszimmer des Barons.

Corentin tauschte einen undurchdringlichen Blick gegen einen ebensolchen des Bankiers aus, und sie grüßten sich, wie es sich ziemte.

»Herr Baron,« sagte er, »ich komme im Namen Peyrades.« »Kut,« sagte der Baron, indem er aufstand, um die Riegel vor beide Türen zu schieben. »Die Geliebte des Herrn von Rubempré wohnt in der Rue Taitbout, in der ehemaligen Wohnung des Fräuleins von Bellefeuille, der ehemaligen Geliebten des Herrn von Granville, des Generalstaatsanwalts.« »Ah, so ticht bei mir!« rief der Baron, »wie gomisch!« »Es wird mir nicht schwer zu glauben, daß Sie wahnsinnig in diese prachtvolle Person verliebt sind; ich habe sie mit Vergnügen gesehen,« erwiderte Corentin. »Lucien ist so eifersüchtig auf dieses Mädchen, daß er ihr verbietet, sich zu zeigen; und er wird sehr von ihr geliebt, denn in den vier Jahren, seit sie der Bellefeuille in ihrem Mobiliar und ihrem Stand gefolgt ist, haben weder die Nachbarn noch der Pförtner noch die Mieter des Hauses sie je erblicken können. Das Liebchen fährt nur nachts spazieren. Wenn sie aufbricht, sind die Vorhänge des Wagenschlags herabgelassen, und die gnädige Frau ist verschleiert. Luciens Gründe, wenn er diese Frau verbirgt, bestehen nicht nur in der Eifersucht: er soll Klotilde von Grandlieu heiraten, und er ist gegenwärtig der Günstling der Frau von Sérizy. Natürlich hängt er sowohl an seiner Prunkgeliebten wie an seiner Braut. Sie sind also Herr der Situation, denn Lucien wird sein Vergnügen seinen Interessen und seiner Eitelkeit aufopfern. Sie sind reich, es handelt sich wahrscheinlich um Ihr letztes Glück, also seien Sie freigebig. Sie werden durch die Kammerfrau ans Ziel gelangen. Geben Sie der Zofe etwa zehntausend Franken, so wird sie Sie in dem Schlafzimmer ihrer Herrin verstecken; und für Sie ist es das schon wert.«

Keine rhetorische Figur vermag die stoßweise, scharfe, apodiktische Redeweise Corentins zu malen; der Baron bemerkte sie, und er verriet Erstaunen; sein regungsloses Gesicht zeigte einen Ausdruck, den er ihm seit langem verwehrt hatte.

»Ich komme, um Sie für meinen Freund Peyrade um fünftausend Franken zu bitten; er hat einen Ihrer Scheine fallen lassen … ein kleiner Unfall,« fuhr Corentin im schönsten Befehlston fort. »Peyrade kennt sein Paris zu genau, um Anzeigekosten auf sich zu nehmen, und er hat auf Sie gezählt. Aber das ist nicht das Wichtigste,« sagte Corentin, indem er sich auf eine Art verbesserte, die der Geldforderung jede Bedeutung nahm. »Wenn Sie nicht auf Ihre alten Tage Kummer haben wollen, so verschaffen Sie Peyrade die Stellung, um die er Sie gebeten hat; und Sie können sie ihm leicht verschaffen. Der Generalpolizeidirektor des Königreichs wird gestern einen Bericht über diesen Gegenstand erhalten haben. Es handelt sich nur darum, daß Gondreville mit dem Polizeipräfekten darüber spricht. Nun, sagen Sie Malin, dem Grafen von Gondreville, es handle sich darum, einen von denen zu verpflichten, die ihn der Herren von Simeuse entledigt haben, so wird er sich regen.« »Ta, main Herr,« sagte der Baron, indem er fünf Tausendfrankenscheine nahm und Corentin hinreichte.

»Die Kammerfrau hat einen großen Jäger namens Paccard zum guten Freund. Er wohnt in der Rue de Provence bei einem Stellmacher, und er vermietet sich als Jäger an alle, die wie die Fürsten auftreten. Den Weg zu der Kammerfrau der Frau van Bogseck finden Sie durch Paccard, einen großen Piemonteser Schlingel, der den Wermut herzlich liebt.«

Offenbar war diese elegant als Postskriptum hingeworfene Auskunft die Quittung für die fünftausend Franken. Der Baron suchte zu erraten, welcher Rasse Corentin angehörte; seine Intelligenz sagte ihm, daß er in ihm eher einen Spionagedirektor vor sich hatte, als einen Spion; aber Corentin blieb für ihn das, was für einen Archäologen eine Inschrift ist, an der mindestens drei Viertel der Buchstaben fehlen.

»Wie haißt die Gammerfrau?« fragte er. »Eugenie,« erwiderte Corentin, der den Baron grüßte und hinausging.

Der Baron von Nucingen verließ in seinem Überschwang der Freude seine Geschäfte, seine Bureaus und stieg in dem glücklichen Fieber eines jungen Mannes von zwanzig Jahren, der in Gedanken ein erstes Stelldichein mit einer ersten Geliebten vorkostet, in seine Wohnung hinauf. Der Baron Treue zu wahren, sie stürzt sich in Schulden. Der Kapitalist, den man nach Holland gerufen hat, vergißt die Arbeiterin; er geht nicht ein einziges Mal in das Paradies, in das er sie verpflanzt hat, und aus dem sie von neuem so tief hinunterstürzt, wie man in Paris nur stürzen kann. Nucingen spielte nicht, Nucingen begönnerte keine Künste, Nucingen hatte keinerlei Launen: er mußte sich also in seine Leidenschaft für Esther mit einer Verblendung hineinstürzen, auf die Carlos Herrera gerechnet hatte.

Nach seinem Frühstück ließ der Baron Georg, seinen Kammerdiener, kommen und befahl ihm, in die Rue Taitbout zu gehen und Fräulein Eugenie, die Kammerfrau der Frau van Bogseck, zu bitten, daß sie in einer wichtigen Angelegenheit in seine Bureaus kommen möchte. »Du fiehrst sie selbst,« fügte er hinzu, »und läßt sie in main Szimmer hinaufstaigen und sagst ihr, daß ihr Klück kemacht ist.«

Georg hatte große Mühe, Europa-Eugenie dazu zu bringen, daß sie mitkam. Die gnädige Frau, sagte sie, erlaubte ihr niemals, auszugehen; sie könnte ihre Stellung verlieren usw. Daher sang Georg denn auch dem Baron, der ihm zehn Louisdor gab, sein eigenes Lob in den höchsten Tönen. »Wenn die gnädige Frau heute nacht ohne sie ausfährt,« sagte Georg zu seinem Herrn, dessen Augen wie Karfunkeln blitzten, »so wird sie gegen zehn Uhr kommen.« »Kut; du kommst um nein, um mich anßußiehen und zu vrisieren; denn ich will so kut aussehen wie möglich … Ich glaube, daß ich vor maine Keliepte treten werde, oder das Keld mißte nicht das Keld sein … «

Von zwölf bis ein Uhr mittags färbte der Baron sich Haar und Bart. Um neun Uhr machte er, nachdem er vor dem Diner ein Bad genommen hatte, wie ein Bräutigam Toilette; er parfümierte und putzte sich. Frau von Nucingen machte sich, als sie von dieser Verwandlung hörte, das Vergnügen, ihren Gatten zu besuchen.

»Mein Gott,« sagte sie, »wie lächerlich Sie sind! … Binden Sie doch wenigstens eine Krawatte aus schwarzem Satin um statt dieser weißen Krawatte, die Ihren Backenbart noch härter macht; außerdem ist das Empire, alter Biedermann, und Sie geben sich das Aussehen eines alten Parlamentsrats. Legen Sie doch Ihre Diamantknöpfe ab, die kosten das Stück hunderttausend Franken; die Äffin würde Sie darum bitten, und Sie könnten sie ihr nicht abschlagen; wenn Sie sie schon einer Dirne schenken wollen, stecken Sie sie lieber mir in die Ohren.«

Der arme Finanzier, dem die Richtigkeit dieser Bemerkungen einleuchtete, gehorchte seiner Frau mit sauertöpfischer Miene.

»Lächerlich! Lächerlich! … Ich hab Ihnen nie kesagt, daß Sie wären lächerlich, wenn Sie sich fain machten fier Ihren klainen Herrn von Rastignac.« »Ich hoffe sehr, daß Sie mich niemals lächerlich gefunden haben. Bin ich die Frau dazu, solche orthographischen Fehler in meiner Toilette zu machen? Lassen Sie sehen; drehen Sie sich um! … Knöpfen Sie den Rock bis oben zu, wie es der Herzog von Maufrigneuse macht, und lassen Sie nur die beiden obersten Knöpfe offen. Kurz, versuchen Sie, sich zu verjüngen!«

»Gnädiger Herr,« sagte Georg, »Fräulein Eugenie ist da.«

»Atiee, knädige Frau … « rief der Bankier. Er führte seine Frau bis über die Grenze ihrer Gemächer hinaus, um sicher zu gehen, daß sie der Unterredung nicht zuhören würde.

Als er zurückkam, nahm er Europa bei der Hand und führte sie mit einer gewissen ironischen Ehrfurcht in sein Zimmer. »Nun, maine Glaine, Sie haben Klück, denn Sie stehen im Tienst der schönsten Frau des Weltalls … Ihr Klück ist kemacht, wenn Sie wollen fier mich reden und fier maine Inderessen sorgen.« »Das würde ich nicht um zehntausend Franken tun,« rief Europa. »Sie begreifen, Herr Baron, daß ich vor allem ein anständiges Mädchen bin … « »Ja, ich will kut beßahlen Ihren Anschdand. Man nennt ihn im Keschäft aine Raridät.« »Und dann ist das nicht alles,« sagte Europa. »Wenn der gnädige Herr der gnädigen Frau nicht gefällt, und das ist möglich! so ärgert sie sich, und ich werde fortgeschickt … Meine Stellung bringt mir jährlich tausend Franken ein.« »Das Gapidal von tausend Franken bedrägt ßwanßigtausend; und wenn ich Ihnen die kebe, so verlieren Se nix.« »Meiner Treu, wenn Sie es so nehmen, Dickchen,« sagte Europa, »so ändert das die Sache sehr. Wo sind sie?« »Ta,« erwiderte der Baron, indem er die Banknoten einzeln hinzählte.

Er beachtete jeden Blitz, den jeder Schein aus Europas Augen lockte, und der die Gier verriet, auf die er wartete. »Sie bezahlen die Stellung; aber die Ehrlichkeit und das Gewissen? … « sagte Europa, indem sie ihr verschlagenes Gesicht hob und dem Baron einen Seria-buffa-Blick zuwarf. »Das Kewissen ist nicht wert, was ist wert die Schdellung; aber sagen wir noch finftausend Franken;« und er fügte fünf weitere Tausendfrankenscheine hinzu. »Nein, zwanzigtausend Franken für das Gewissen und fünftausend für die Stellung, wenn ich sie verliere … « »Wie Se wollen,« sagte er. »Aber um se ßu vertienen, missen Se mich verstecken im Schlafzimmer Ihrer Herrin, nachts, wenn se ist allain … « »Wenn Sie mir versichern wollen, niemals zu sagen, wer Sie eingelassen hat, bin ich bereit. Aber ich warne Sie: die gnädige Frau ist stark wie ein Türke, sie liebt Herrn von Rubempré wie eine Wahnsinnige; und wenn Sie ihr auch eine Million in Banknoten geben, so würde sie doch keine Untreue begehen! … Es ist dumm, aber sie ist nun einmal so, wenn sie liebt; sie ist schlimmer als eine anständige Frau. Wenn sie mit dem gnädigen Herrn in die Wälder fährt, so bleibt der gnädige Herr nachher selten zu Hause; sie ist heute abend mit ihm ausgefahren, ich kann Sie also in meinem Zimmer verstecken. Wenn die gnädige Frau allein zurückkommt, so werde ich Sie holen; Sie werden in den Salon gehen, ich will die Schlafzimmertür nicht verschließen, und der Rest … wahrhaftig, der Rest ist Ihre Sache … Bereiten Sie sich vor!«

»Ich werde dir keben die finfundzwanzigtausend Franken im Salon … par, par.« »Ah!« sagte Europa, »mißtrauischer sind Sie nicht? … Entschuldigen Sie … « »Du wirst oft haben Kelegenheit, mich zu rupfen … Wir werden schließen Peganntschaft.« »Gut, seien Sie um Mitternacht in der Rue Taitbout; aber dann stecken Sie dreißigtausend Franken zu sich. Die Ehrlichkeit einer Kammerfrau ist wie die Droschken nach Mitternacht bedeutend teurer.« »Aus Vorsicht werde ich dir keben ainen Scheck auf die Pank … « »Nein, nein,« sagte Europa, »Banknoten, oder es gibt nichts … «

Um ein Uhr morgens war der Baron von Nucingen, den Europa in der Mansarde, wo sie schlief, versteckt hatte, allen Ängsten eines Mannes auf der Verfolgung galanter Abenteuer unterworfen. Er bebte, sein Blut schien ihm in den Zähnen zu kochen, und der Kopf war bereit, wie eine überheizte Dampfmaschine zu bersten. »Ich hatte moralisch fier mehr als hünderttausend Taler Kenüsse,« sagte er zu du Tillet, als er ihm dieses Abenteuer erzählte.

Er hörte die geringsten Geräusche der Straße, und um zwei Uhr vernahm er den Wagen seiner Geliebten schon vom Boulevard an. Als sich das große Tor in den Angeln drehte, pochte ihm das Herz so stark, daß es die Seide der Weste hob: er sollte also Esthers himmlisches, glühendes Gesicht wiedersehen! … Bis ins Herz hinein spürte er das Knirschen des Wagentritts und das Schlagen der Tür. Die Erwartung des höchsten Augenblicks regte ihn mehr auf, als wenn es sich um den Verlust seines Vermögens gehandelt hätte. »Ah!« rief er, »das haißt Leben! Szu sehr sokar; ich werde sain imstand zu nix!«

»Die gnädige Frau ist allein, kommen Sie hinunter,« sagte Europa, die sich plötzlich zeigte; »machen Sie kein Geräusch, Sie dicker Elefant!« »Ticker Elewant!« wiederholte er lachend, indem er dahinging wie auf rotglühenden Eisenstangen. Europa führte ihn, einen Leuchter in der Hand.

»Ta, ßähl nach,« sagte der Baron, indem er Europa die Banknoten hinhielt, sowie sie im Salon waren. Europa nahm mit ernstem Gesicht die dreißig Scheine entgegen und ging hinaus, indem sie den Bankier einschloß.

Nucingen ging sofort zum Schlafzimmer, in dem er die schöne Engländerin fand, die zu ihm sagte: »Bist du es, Lucien?« »Nain, schönes Gind … « rief Nucingen, der seinen Satz nicht beendete.

Er blieb erstarrt stehen, als er eine Frau erblickte, die das gerade Gegenteil von Esther war: blond, wo er schwarz gesehen hatte; Schwäche, wo er Kraft bewunderte; eine liebliche britische Nacht, wo Arabiens Sonne gefunkelt hatte.

»Ah! Woher kommen Sie? … Wer sind Sie? … Was wollen Sie? … « sagte die Engländerin, indem sie schellte, ohne daß die Glocken erklangen.

»Ich hab umfickelt die Klocken, aber haben Se kaine Ankst, ich kehe,« sagte er. »Ta sind treißigtausend Franken ins Wasser geworfen. Sie sind die Keliepte des Herrn von Ripembré?« »Ein wenig, mein König,« sagte die Engländerin. »Aber wer pist du?« fragte sie, indem sie Nucingens Sprechweise nachahmte. »Ain Mensch, der schön herainkefallen ist!« sagte er jämmerlich. »Ist man herainkefallen, wenn man aine hibsche Frau hat?« fragte sie scherzend. »Erlauben Se mir, daß ich Ihnen schicke ainen Schmuck, als Antenken an den Paron von Nischinguen.« »Kenn ich nicht,« sagte sie, indem sie lachte wie eine Wahnsinnige; »aber der Schmuck soll wohl aufgenommen sein, mein dicker Einschleicher.« »Sie werden ihn lernen kennen! Atiee, knädige Frau. Sie sind ein Gönigsbissen; aber ich bin nur ein armer Bangier von ieber sechzig Jahren, und Sie haben mir geßaigt, wieviel Macht die Frau hat, die ich liebe; denn Ihre iebermenschliche Schönheit hat sie nicht in Verkessenheit kepracht … « »Ai, das ist hibsch, was Sie mir da sagen,« erwiderte die Engländerin. »Nicht so hibsch wie die, die es mir einkiebt … « »Sie sprachen von treißigtausend Franken … Wem haben Sie die kekeben?« »Ihrer Gammerfrau, der Halungin! … «

Die Engländerin rief; Europa war nicht fern. »Oh!« rief Europa aus, »ein Mann im Schlafzimmer der gnädigen Frau, und nicht der gnädige Herr! … Was für ein Greuel!« »Hat er dir dreißigtausend Franken gegeben, damit du ihn einließest?« »Nein, gnädige Frau, denn soviel sind wir beide zusammen nicht wert … «

Und Europa begann so energisch um Hilfe zu rufen, daß der erschreckte Bankier zur Tür eilte, von wo aus Europa ihn die Treppe hinunterstieß … »Dicker Halunke!« rief sie ihm nach, »Sie denunzieren mich bei meiner Herrin! … Diebe! Diebe!«

Der verliebte Baron war verzweifelt, aber er konnte unverletzt seinen Wagen erreichen, der auf dem Boulevard wartete; doch wußte er jetzt nicht mehr, welchem Spion er sich anvertrauen sollte.

»Wollte die gnädige Frau mir etwa meine Verdienste nehmen?« sagte Europa, als sie wie eine Furie zu der Engländerin zurückkehrte. »Ich kenne die französischen Sitten nicht,« erwiderte die. »Aber ich brauche dem gnädigen Herrn nur ein Wort zu sagen, so werden Sie morgen vor die Tür gesetzt,« sagte Europa unverschämt.

»Die vertammte Gammerfrau«, sagte der Baron zu Georg, der seinen Herrn natürlich fragte, ob er zufrieden sei, »hat mich um treißigtausend Franken kebrellt … Aber es ist maine eikene Schuld, maine kroße Schuld!« »Also hat dem gnädigen Herrn seine Toilette nichts genützt? Teufel, ich rate dem gnädigen Herrn nicht, seine Pastillen für nichts und wieder nichts zu nehmen … « »Schorsch, ich komme um vor Verßweiflung … Mich friert … Ich hab Aiß ums Herz … Kaine Esder, main Freind!« Georg war in allen großen Angelegenheiten der Freund seines Herrn.

Zwei Tage nach dieser Szene, die die junge Europa viel amüsanter spielte, als man sie erzählen kann, denn sie fügte ihre Mimik hinzu, frühstückte Carlos mit Lucien unter vier Augen.

»Weder die Polizei, mein Kleiner, noch irgend jemand sonst darf die Nase in unsere Angelegenheiten stecken,« sagte er leise, während er sich eine Zigarre an der Luciens anzündete. »Das bekommt nicht gut. Ich habe ein verwegenes, aber unfehlbares Mittel gefunden, um unsern Baron und seine Agenten zur Ruhe zu bringen. Du wirst zu Frau von Sérizy gehen und wirst sehr artig gegen sie sein. Du wirst ihr in der Unterhaltung sagen, daß du Herrn von Rastignac, um ihm gefällig zu sein, da er von Frau von Nucingen seit langem genug hat, als Deckmantel dienst, um eine Geliebte zu verbergen. Herr von Nucingen sei nun sterblich in die Frau verliebt, die Rastignac versteckt – darüber wird sie lachen müssen –, und er hat es sich einfallen lassen, dir durch die Polizei nachzuspionieren, dir, der du völlig unschuldig bist an den Ausschweifungen deines Landsmannes und dessen Interessen bei den Grandlieus gefährdet werden könnten. Du wirst die Gräfin bitten, dir bei einem Gang auf die Polizeipräfektur die Stütze ihres Gatten zu verschaffen, der Staatsminister ist. Bist du einmal dort und stehst vor dem Herrn Präfekten, so beklage dich, aber wie ein Politiker, der bald in die ungeheure Staatsmaschine eintreten wird, um einer ihrer wichtigsten Kolben zu werden. Du wirst die Polizei als Staatsmann begreifen, und du wirst sie, einschließlich des Präfekten, bewundern. Die schönsten Maschinen machen Ölflecken oder spritzen. Werde nur im rechten Augenblick ärgerlich. Du grollst dem Herrn Präfekten keineswegs; aber ermahne ihn, seine Leute zu überwachen, und beklage ihn, daß er sie schelten soll. Je milder und je mehr Edelmann du bist, um so furchtbarer wird der Präfekt gegen seine Agenten sein. Dann haben wir Ruhe, und wir können Esther zurückkehren lassen; sie wird röhren wie die Damhirsche in ihrem Walde.«

Der damalige Präfekt war ein ehemaliger Richter. Ehemalige Richter ergeben viel zu junge Polizeipräfekten. Sie sind voll vom Recht, sie reiten auf der Gesetzmäßigkeit; ihre Hand ist nicht gewandt genug, wenn eine kritische Situation Entscheidungen nach eigenem Ermessen verlangt; denn oft muß das Handeln der Präfektur dem eines Feuerwehrmannes gleichen, der ein Feuer löschen soll. In Gegenwart des Vizepräsidenten des Staatsrats erkannte der Präfekt der Polizei mehr Nachteile zu, als sie hat; er beklagte die Mißbräuche und entsann sich des Besuches, den der Baron von Nucingen ihm gemacht hatte, um Auskünfte über Peyrade einzuziehen. Der Präfekt versprach, die Überschreitung der Befugnisse seiner Agenten zu ahnden, dankte Lucien dafür, daß er sich direkt an ihn gewandt hatte, und versprach ihm Schweigen; dabei machte er eine Miene, als verstände er die ganze Intrige. Schöne Worte über die individuelle Freiheit, über die Unverletzlichkeit des Hauses wurden zwischen dem Staatsminister und dem Präfekten ausgetauscht; und Herr von Sérizy bemerkte, wenn auch die großen Interessen des Königreichs zuweilen heimliche Ungesetzlichkeiten erforderten, so beginne das Verbrechen doch da, wo man diese Hilfsmittel des Staates in den Dienst privater Interessen stelle.

Als Peyrade am folgenden Morgen in sein teures Café David ging, um sich am Anblick der Bürger zu ergötzen, wie ein Künstler sich ein Vergnügen daraus macht, Blumen wachsen zu sehen, sprach ihn ein Gendarm in Zivilkleidung auf der Straße an. »Ich war auf dem Wege zu Ihnen,« sagte er ihm ins Ohr; »ich habe Befehl, Sie auf die Präfektur zu führen.«

Peyrade nahm einen Fiaker und stieg, ohne die geringste Bemerkung zu machen, mit dem Gendarmen ein.

Der Polizeipräfekt behandelte Peyrade, als wäre er der letzte Stockmeister des Bagnos, während er in einer Allee des kleinen Gartens der Polizeipräfektur auf und ab ging, der sich damals am Goldschmiedkai entlang zog.

»Nicht ohne Grund hat man Sie seit 1809 aus der Verwaltung entfernt … Wissen Sie nicht, welchen Möglichkeiten Sie uns aussetzen und sich selbst aus setzen? … «

Der Verweis schloß mit einem Blitzschlag. Der Präfekt verkündete dem armen Peyrade in aller Härte, daß man ihm nicht nur seine jährliche Unterstützung entzöge, sondern daß er selbst sogar einer besonderen Polizeiaufsicht unterstellt würde. Der Greis nahm diesen Wasserstrahl mit der ruhigsten Miene von der Welt auf. Nichts ist so regungslos und gleichgültig wie ein vom Blitz getroffener Mensch. Peyrade hatte sein ganzes Geld im Spiel verloren. Lydias Vater zählte auf seine Stellung, und er sah sich, abgesehen von den Almosen seines Freundes Corentin, ohne alle Mittel.

»Ich bin selbst Polizeipräfekt gewesen, ich gebe Ihnen vollkommen recht,« sagte der Greis ruhig zu dem Beamten, der in seiner richterlichen Majestät posierte und mit dem Oberkörper eine bezeichnende Bewegung machte. »Aber erlauben Sie mir, Sie, ohne mich etwa entschuldigen zu wollen, darauf aufmerksam zu machen, daß Sie mich nicht kennen,« fuhr Peyrade fort, indem er dem Präfekten einen feinen Blick zuwarf. »Ihre Worte sind entweder für den ehemaligen Generalpolizeikommissar in Holland zu hart oder für einen einfachen Spitzel nicht streng genug … Nur, Herr Präfekt,« fügte Peyrade nach einer Pause hinzu, da er sah, daß der Beamte Schweigen bewahrte, »vergessen Sie nicht, was ich die Ehre haben werde, Ihnen jetzt zu sagen. Ohne daß ich mich im geringsten in ›Ihre Polizei‹ einmische oder meine Rechtfertigung versuche: Sie werden Gelegenheit haben, zu erkennen, daß in dieser Angelegenheit irgend jemand betrogen wird: in diesem Augenblick ist es Ihr Diener; später werden Sie sagen: ›Der war ich!‹«

Und er grüßte den Präfekten, der nachdenklich zurückblieb, um sein Staunen zu verbergen. Er ging nach Hause, an Armen und Beinen gebrochen, von kalter Wut gegen den Baron von Nucingen erfaßt. Dieser plumpe Finanzier allein konnte ein Geheimnis verraten haben, das sich auf die Köpfe Contensons, Peyrades und Corentins beschränkte. Der Greis beschuldigte den Bankier, er wolle sich, nachdem er sein Ziel erreicht hatte, von der Zahlung entbinden. Eine einzige Unterredung hatte ihm genügt, um die Verschlagenheit des verschlagensten aller Bankiers zu erraten.

›Er akkordiert mit jedermann, selbst mit uns; aber ich werde mich rächen,‹ sagte der Biedermann bei sich selber. ›Ich habe Corentin nie um etwas gebeten: ich werde ihn bitten, daß er mir hilft, mich an dieser bornierten Kasse zu rächen. Verdammter Baron, du sollst erfahren, mit was für Holz ich einheize; du sollst deine Tochter eines Morgens geschändet vorfinden … Aber liebt er seine Tochter?‹

Am Abend nach dieser Katastrophe, die alle Hoffnungen des Greisen umstieß, war er um zehn Jahre gealtert. Als er mit Corentin sprach, mischte er unter seine Beschwerden die Tränen, die ihm die Aussicht in die traurige Zukunft entlockte, wie er sie seiner Tochter, seinem Idol, seiner Perle, seinem Gottesopfer vermachte.

»Wir werden diese Angelegenheit verfolgen,« sagte Corentin zu ihm. »Wir müssen zunächst in Erfahrung bringen, ob der Baron dein Denunziant ist. Sind wir vorsichtig gewesen, indem wir uns auf Gondreville stützten? Dieser alte Malin verdankt uns zuviel, als daß er nicht versuchen sollte, uns überzuschlucken; deshalb lasse ich auch seinen Schwiegersohn Keller überwachen; der ist in der Politik ein Tropf und ganz imstande, an einer Verschwörung teilzunehmen, die die ältere Linie zugunsten der jüngeren stürzen will … Morgen werde ich erfahren, was bei Nucingen vorgeht, ob er seine Geliebte gesehen hat, und woher dieser Zügelzug kommt … Verzweifle nicht. Zunächst wird der Präfekt nicht lange in seiner Stellung bleiben … Die Zeit geht mit Revolutionen schwanger, und die Revolutionen, die sind unser trübes Wasser.«

In der Straße erscholl ein eigentümlicher Pfiff.

»Das ist Contenson,« sagte Peyrade, indem er ein Licht ins Fenster stellte, »und es gibt etwas, was mich persönlich angeht.«

Einen Augenblick darauf erschien der treue Contenson vor den beiden Polizeignomen, die er wie zwei Genies verehrte. »Was gibt es?« fragte Corentin. »Neues! Ich komme aus der Hundertdreizehn, wo ich alles verloren habe. Was sehe ich unter den Galerien? … Georg! Diesen Burschen hat der Baron fortgeschickt, weil er ihn für einen Spitzel hält.«. »Das ist die Wirkung eines Lächelns, das mir entschlüpft ist,« sagte Peyrade. »Oh, wieviel Unheil, das durch ein Lächeln kam, habe ich erlebt!« sagte Corentin. »Nicht zu zählen, was durch einen Hieb mit der Gerte kommen kann,« sagte Peyrade mit einer Anspielung auf die Angelegenheit Simeuse (siehe ›Eine dunkle Begebenheit‹). »Aber laß sehen, Contenson, was geht vor?« »Dies,« fuhr Contenson fort: »Ich habe Georg zum Schwatzen gebracht, indem ich ihn kleine Gläschen in unendlich vielen Farben bezahlen ließ, die ihn betrunken machten; ich meinerseits muß wie ein Brennkolben sein! Unser Baron ist, gepfropft voll Serailpastillen, in die Rue Taitbout gegangen. Dort hat er die Schöne gefunden, die Sie kennen. Aber was für ein Possen! Diese Engländerin ist nicht seine ›Unpegannte‹! … halt. Der Baron, dem man seine Binde abnimmt, sieht in einem gleichfalls haltenden Wagen seine Unbekannte, die – hast du nicht gesehen! – verschwindet. Und der Wagen fährt ihn (Fahrt Ludwigs XVIII.) zur Brücke von Neuilly zurück, wo er seinen eigenen Wagen vorfindet. Georg hatte man ein kleines Billet dieses Inhalts in die Hand gedrückt: ›Wieviel Tausendfrankenscheine gibt der Herr Baron her, wenn man ihn mit seiner Unbekannten in Verbindung bringt?‹ Georg gibt das Billet seinem Herrn; und der Baron, der nicht daran zweifelt, daß Georg mit mir oder mit Ihnen, Herr Peyrade, im Einverständnis steht, um ihn auszubeuten, setzt Georg vor die Tür. Das ist mir ein Dummkopf von einem Bankier! Georg durfte er erst fortschicken, nachdem er ›bei der Unpegannten keschlafen hat‹.«

»Georg hat die Frau gesehen?« fragte Corentin. »Ja,« sagte Contenson. »Nun,« rief Peyrade, »wie sieht sie aus?« »Oh!« erwiderte Contenson, »er hat mir nur ein einziges Wort gesagt: eine wahre Sonne der Schönheit! … «

»Da machen sich stärkere Schelme über uns lustig, als wir es sind!« rief Peyrade. »Die Hunde werden ihr Weib dem Baron teuer verkaufen.« »Ja, mein Herr,« erwiderte Contenson auf Deutsch. »Deshalb habe ich auch, als ich erfuhr, daß man Sie auf der Präfektur geohrfeigt hat, Georg zum Schwätzen gebracht.« »Ich möchte wohl wissen, wer mich betrogen hat,« sagte Peyrade, »wir würden unsere Sporen messen!« »Müssen die Asseln spielen,« sagte Contenson. »Er hat recht,« rief Peyrade; »wir müssen in die Ritzen schlüpfen, um zu lauschen und abzuwarten … «

»Wir werden diese Version studieren,« sagte Corentin; »für den Augenblick habe ich nichts zu tun. Halte dich vernünftig, Peyrade! Wir müssen dem Herrn Präfekten immerhin gehorchen … « »Herr von Nucingen ist gut zu schröpfen,« bemerkte Contenson, »er hat zuviel Tausendfrankenscheine im Blut … « »Und da war auch Lydias Mitgift!« sagte Peyrade Corentin ins Ohr. »Contenson, komm mit, wir wollen unsern Vater schlafen lassen … Bis morgen!«

»Herr Corentin,« sagte Contenson auf der Schwelle der Tür, »was für ein reizendes Geldgeschäft hätte der Biedermann da gemacht! … He? Seine Tochter verheiraten mit dem Erlös … Haha! Man könnte ein hübsches Moralstück daraus machen, mit dem Titel: ›Die Mitgift eines jungen Mädchens‹.« »Ah, was für Organe ihr habt, ihr! … Was für Ohren!« sagte Corentin zu Contenson. »Es ist klar, die soziale Natur bewaffnet all ihre Gattungen mit den Eigenschaften, die für die Dienste nötig sind, wie sie sie von ihnen erwartet! Die Gesellschaft – das ist eine zweite Natur!« »Was Sie da sagen, ist sehr philosophisch,« rief Contenson; »ein Professor würde ein System daraus machen!« »Halte dich«, fuhr Corentin fort, indem er lächelte und mit dem Spion durch die Straßen davonging, »über alles, was in betreff der Unbekannten bei Herrn von Nucingen vorgeht, auf dem Laufenden … So im großen … keine Kniffe dabei … « »Man paßt auf, ob die Schornsteine rauchen!« sagte Contenson. »Ein Mann wie Baron von Nucingen kann nicht inkognito glücklich sein,« fuhr Corentin fort. »Übrigens dürfen wir, für die die Menschen Karten sind, uns niemals von ihnen foppen lassen!« »Bei Gott! Das wäre, als wollte der Verurteilte sich damit amüsieren, dem Henker den Hals abzuschneiden!« rief Contenson. »Du findest immer das Wörtchen, über das man lachen muß,« erwiderte Corentin, indem er sich ein Lächeln entschlüpfen ließ, das leise Falten in seine Gipsmaske zeichnete.

Diese Angelegenheit war an sich und abgesehen von ihren Ergebnissen von Wichtigkeit. Wenn nicht der Baron Peyrade verraten hatte, wer hatte dann ein Interesse daran gehabt, den Polizeipräfekten aufzusuchen? Es handelte sich für, Corentin darum, zu erfahren, ob er nicht falsche Brüder unter seinen Leuten hatte. Als er zu Bett ging, sagte er bei sich selber, was auch Peyrade sich überlegte: ›Wer ist nur zum Präfekten gegangen, um sich zu beklagen? … Wem gehört diese Frau?‹

So kamen sich, ohne daß die einen etwas von den andern wußten, Jakob Collin, Peyrade und Corentin unbemerkt immer näher; und die arme Esther, Nucingen und Lucien mußten notwendig in den schon begonnenen Kampf, den die Eigenliebe, die alle Leute von der Polizei auszeichnet, furchtbar machen sollte, mit hineingezogen werden.

Dank der Gewandtheit Europas konnte der bedrohlichste Teil der sechzigtausend Franken Schulden, die auf Esther und Lucien lasteten, getilgt werden. Das Vertrauen der Gläubiger wurde nicht einmal erschüttert. Lucien und sein Verführer konnten einen Augenblick aufatmen. Wie zwei verfolgte wilde Tiere, die am Rande irgendeines Sumpfes ein wenig Wasser schlecken, konnten sie weiter an den Abgründen hinziehen, an denen entlang der Starke den Schwachen zum Galgen oder zum Glück leitete. »Heute«, sagte Carlos zu seinem Geschöpf, »spielen wir für alles um alles; aber zum Glück sind die Karten gestichelt, und die Gegner sind sehr jung!«

Während einiger Zeit bemühte Lucien sich auf Befehl seines furchtbaren Mentors emsig um Frau von Sérizy. Wirklich durfte Lucien nicht in den Verdacht kommen, daß er ein ausgehaltenes Mädchen zur Geliebten hatte. Er fand übrigens in dem Vergnügen, geliebt zu werden, in dem Schwung des gesellschaftlichen Lebens die Scheinkraft, um sich zu betäuben. Er gehorchte Fräulein Klotilde von Grandlieu und sah sie nur noch im Bois und auf den Champs Elysées.

Am Tage, nachdem Esther im Hause des Wildhüters eingeschlossen worden war, kam das für sie rätselhafte und furchtbare Wesen, das ihr auf dem Herzen lastete, und verlangte, daß sie drei gestempelte Papiere unterschrieb, auf denen folgende Folterworte standen; auf dem ersten: ›Akzeptiert für sechzigtausend Franken‹; auf dem zweiten: ›Akzeptiert für einhundertundzwanzigtausend Franken‹; auf dem dritten: ›Akzeptiert für einhundertundzwanzigtausend Franken‹. Im ganzen waren es für dreimalhunderttausend Franken Akzepte. Wenn man schreibt: ›Gut für‹, so stellt man eine einfache Anweisung aus. Das Wort ›Akzeptiert‹ macht den Wechsel aus und unterwirft einen der Schuldhaft. Dieses Wort bedroht den, der es unvorsichtig hinschreibt, mit fünf Jahren Gefängnis, einer Strafe, die das Zuchtpolizeigericht fast niemals auferlegt und die das Kriminalgericht nur über Verbrecher verhängt. Das Gesetz über die Schuldhaft ist ein Rest der barbarischen Zeiten, der mit seiner Borniertheit das seltene Verdienst verbindet, daß er nutzlos ist, weil er die Schelme niemals trifft (siehe ›Verlorene Illusionen‹).

»Es handelt sich«, sagte der Spanier zu Esther, »darum, Lucien aus der Verlegenheit zu ziehen. Wir haben sechzigtausend Franken Schulden, und mit diesen dreihunderttausend Franken kommen wir vielleicht aus.«

Carlos datierte die Wechselbriefe um sechs Monate zurück und ließ sie auf Esther ziehen, und zwar durch einen ›von der Zuchtpolizei verkannten Menschen‹, dessen Abenteuer trotz des Aufsehens, das sie erregten, bald vergessen wurden und versanken, zugedeckt von dem Lärm der großen Julisymphonie von 1830.

Dieser junge Mann, einer der verwegensten Industrieritter, der Sohn eines Gerichtsvollziehers in Boulogne bei Paris, heißt Georg Maria Destourny. Der Vater, der sich gezwungen sah, seine Stellung unter wenig gedeihlichen Umständen zu verkaufen, ließ seinen Sohn um 1824 ohne alle Mittel zurück, nachdem er ihm jene glänzende Erziehung gegeben hatte, auf die die kleinen Bürger für ihre Kinder versessen sind. Mit dreiundzwanzig Jahren hatte der junge, glänzende Student der Rechte seinen Vater bereits verleugnet, indem er seinen Namen auf der Visitenkarte also schrieb: ›Georg d'Estourny‹. Diese Karte gab seiner Persönlichkeit einen Hauch von Aristokratie. Der elegante junge Mann war verwegen genug, sich einen Tilbury und einen Groom zu halten und die Klubs zu besuchen. Ein Wort wird alles erklären: er spielte an der Börse mit dem Gelde der ausgehaltenen Frauen, deren Vertrauter er war. Schließlich unterlag er vor dem Zuchtpolizeigericht, wo man ihn beschuldigte, sich allzu glücklicher Karten bedient zu haben. Er hatte Mitschuldige, junge Leute, die er verdorben hatte, Sklaven, die ihm schuldpflichtig waren, Gevattern seiner Eleganz und seines Kredits. Zur Flucht gezwungen, vergaß er, seine Differenzen an der Börse zu begleichen. Ganz Paris, das Paris der Luchse und der Klubs, zitterte noch vor dieser doppelten Angelegenheit.

Zur Zeit seines Glanzes hatte Georg von Estourny, ein hübscher Junge und vor allem ein guter Kerl, großmütig wie ein Räuberhauptmann ein paar Monate hindurch die Torpille begönnert. Der falsche Spanier begründete seine Spekulation auf Esthers Verkehr mit diesem berühmten Halunken, einen Verkehr, wie er den Frauen dieser Klasse eigen ist.

Georg von Estourny, dessen Ehrgeiz mit dem Erfolg immer kühner geworden war, hatte einen Mann unter seinen Schutz genommen, der aus der tiefsten Provinz gekommen war, um in Paris Geschäfte zu machen, und den die liberale Partei entschädigen wollte, weil er in dem Kampf der Presse gegen die Regierung Karls X., dessen Verfolgung sich während des Ministeriums Martignac verlangsamt hatte, mutig einige Verurteilungen auf sich nahm. Man hatte damals den Herrn Cérizet, jenen verantwortlichen Herausgeber mit dem Beinamen ›der mutige Cérizet‹, begnadigt.

Nun begründete Cérizet, den der Form halber die Spitzen der Linken begönnerten, ein Haus, das zugleich etwas von einer Geschäftsagentur, einer Bank und einem Kommissionshaus an sich hatte. Es war eine jener Stellungen, die im kaufmännischen Leben etwa jenen Dienstboten glichen, wie sie im ›Kleinen Anzeiger‹ als ›Mädchen für alles‹ annoncieren. Cérizet war sehr glücklich, sich mit Georg von Estourny liieren zu können, und der bildete ihn aus.

Esther konnte kraft der Anekdote über Ninon ganz gut als getreue Bewahrerin eines Teiles der Habe Georg von Estournys gelten. Ein Blanko-Indossament mit der Unterschrift ›Georg von Estourny‹ machte Carlos Herrera zum Herrn der Werte, die er selbst geschaffen hatte. Diese Fälschung war ganz gefahrlos, sobald nur Esther oder für sie ein anderer zahlen konnte oder zahlte. Als Carlos über das Haus Cérizet Auskünfte einzog, erkannte er in seinem Gründer eine jener dunklen Persönlichkeiten, die entschlossen sind, ihr Glück zu machen, aber … auf gesetzmäßige Weise. Cérizet, der wirkliche Vertrauensmann von Estournys, hatte große Summen in der Hand, die an der Börse in Haussespekulationen engagiert waren und die ihm erlaubten, sich Bankier zu nennen. Derlei macht man in Paris; man verachtet einen Menschen, aber sein Geld verachtet man nicht.

Carlos begab sich zu Cérizet, und zwar in der Absicht, ihn auf seine Art zu bearbeiten, denn zufällig war er Herr aller Geheimnisse dieses würdigen Partners von Estournys.

Der mutige Cérizet wohnte in einem Zwischenstock der Rue du Gros-Chenet; und Carlos, der sich geheimnisvoll melden ließ, als käme er von Georg von Estourny, überraschte den sogenannten Bankier, wie er ob dieser Meldung ganz bleich war. Der Abbé sah in einem bescheidenen Arbeitszimmer einen kleinen Mann mit spärlichem blonden Haar, und er erkannte in ihm nach der Schilderung, die Lucien ihm entworfen hatte, den Judas David Séchards.

»Können wir hier reden, ohne fürchten zu müssen, daß man uns hört?« sagte der Spanier, der sich plötzlich in einen rothaarigen Engländer mit blauer Brille verwandelt hatte und so sauber und peinlich aussah wie ein Puritaner, der in die Predigt geht. »Und weshalb?« fragte Cérizet; »wer sind Sie?« »William Barker, ein Gläubiger des Herrn von Estourny; aber da Sie es wünschen, will ich Ihnen zeigen, wie notwendig es ist, daß Sie Ihre Türen schließen. Wir wissen, Herr Cérizet, welches Ihre Beziehungen zu den Petit- Clouds, den Cointets und den Séchards in Angoulême waren.«

Bei diesen Worten stürzte Cérizet zur Tür, schloß sie, eilte zu einer zweiten Tür, die in ein Schlafzimmer führte, verriegelte sie und sagte dann zu dem Unbekannten: »Leiser, mein Herr!« Und er sah den falschen Engländer prüfend an, indem er zu ihm sagte: »Was wollen Sie von mir?«

»Mein Gott!« erwiderte William Barker, »jeder für sich in dieser Welt! Sie haben die Gelder dieses Schelms von Estourny … Beruhigen Sie sich, ich komme nicht, um sie von Ihnen zu verlangen; aber da ich ihn drängte, hat mir der Halunke, der, unter uns, den Strick verdient, diese Werte gegeben, indem er mir sagte, es sei vielleicht Aussicht vorhanden, sie einzulösen; und da ich nicht in meinem Namen pfänden will, so sagte er mir, Sie würden mir Ihren Namen nicht versagen.«

Cérizet sah die Wechsel an und sagte: »Aber er ist nicht mehr in Frankfurt … « »Ich weiß«, erwiderte Barker; »aber zur Zeit des Datums dieser Tratten kann er noch dort gewesen sein … « »Ich will keine Verantwortung tragen … « sagte Cérizet. »Dieses Opfer verlange ich nicht von Ihnen; Sie können beauftragt sein, Zahlung in Empfang zu nehmen. Quittieren Sie, und ich übernehme die Einziehung.« »Ich bin erstaunt, daß von Estourny so viel Mißtrauen gegen mich zeigt,« sagte Cérizet. »In seiner Lage«, erwiderte weniger ist, Treue! Wir werden uns wiedersehen, und ich werde dafür sorgen, daß Sie Ihr Glück machen.«

Nachdem er in diese Kotseele eine Hoffnung gesenkt hatte, die auf lange hinaus ihre Verschwiegenheit sichern mußte, ging Carlos, immer noch als Barker, zu einem Gerichtsvollzieher, auf den er zählen konnte, und beauftragte ihn, die entscheidenden Urteile gegen Esther zu erwirken. »Man wird zahlen,« sagte er zu dem Gerichtsvollzieher, »es ist eine Ehrensache; wir wollen nur ordnungsgemäß vorgehen.«

Barker ließ Fräulein Esther beim Handelsgericht durch einen Prozeßagenten vertreten, damit die Urteile vollstreckbar wären. Der Gerichtsvollzieher, den man gebeten hatte, höflich vorzugehen, tat die Prozeßakten in seine Mappe und ging selbst in die Rue Taitbout, um das Mobiliar zu pfänden; er wurde von Europa empfangen. Als die Schuldhaft einmal verhängt worden war, stand Esther scheinbar unter dem Druck von dreihundert und einigen tausend Franken unbestreitbarer Schulden.

Carlos stürzte sich dabei nicht in große Erfindungskosten. Dieser Schwank der falschen Schulden wird in Paris sehr oft gespielt. Es gibt dort ›Unter‹-Gobsecks, ›Unter‹-Gigonnets, die gegen eine Provision zu diesem Kalauer bereit sind, denn sie scherzen über diesen ehrlosen Streich. Es ist das eine Erpressung gegen widerspenstige Eltern oder filzige Liebhaber, die angesichts einer brennenden Notwendigkeit oder einer angeblichen Entehrung ›in den sauren Apfel beißen‹. Maxime von Trailles hatte sich dieses Mittels sehr oft bedient; entnommen ist es den Komödien des alten Repertoires. Nur hatte Herrera, der die Ehre seines Gewandes und Luciens retten wollte, seine Zuflucht zu einer gefahrlosen Fälschung genommen, die freilich oft genug vorkommt, um eben jetzt die Justiz gegen sie ins Feld zu rufen. Es gibt, so sagt man, in der Umgebung des Palais Royal eine Börse falscher Werte, wo man eine Unterschrift für drei Franken erhält.

Ehe Carlos die Frage dieser hunderttausend Taler anschnitt, die an der Tür des Schlafzimmers Posten stehen sollten, nahm er sich vor, Herrn von Nucingen zunächst weitere hunderttausend Franken zahlen zu lassen. Die Art und Weise war diese.

Auf seinen Befehl gab Asien sich dem verliebten Baron gegenüber als alte Frau aus, die in den Angelegenheiten der schönen Unbekannten auf dem laufenden war. Bisher haben die Sittenschilderer zwar viele Wucherer auf die Szene gebracht; aber man hat die Wucherin, die heutige Kleiderhändlerin, vergessen, eine höchst merkwürdige Persönlichkeit, die die wilde Asien spielen konnte, denn sie besaß zwei Geschäfte, eins auf dem Trödelmarkt, das andere in der Rue Neuve Saint-Marc, die beide von ihr ergebenen Frauen geleitet wurden. »Du wirst dich wieder in die Haut der Frau von Saint-Estève stecken,« sagte Herrera zu ihr. Er wollte Asien in ihrem Kostüm sehen.

Die falsche Vermittlerin kam in einem Kleid aus geblümtem Damast, der von den Vorhängen irgendeines gepfändeten Boudoirs stammte, und mit einem jener altmodischen, abgenutzten, unverkäuflichen Kaschmirschals, die ihr Leben auf dem Rücken solcher Frauen beschließen. Sie trug eine Krause aus prachtvollen, aber gänzlich zerrissenen Spitzen und einen scheußlichen Hut; aber sie hatte Schuhe aus irischem Leder an den Füßen, über deren Rand ihr Fleisch den Eindruck eines Polsters aus durchbrochener schwarzer Seide machte. »Und die Schnalle meines Gürtels!« sagte sie, indem sie eine verdächtige Goldschmiedearbeit zeigte, die ihr Köchinnenbauch vordrängte. »He? Was für eine Arbeit! Und mein Umfang … wie mich der verhäßlicht! Oh, Frau Nourrisson hat mich famos angezogen!«

»Sei zunächst honigsüß,« sagte Carlos zu ihr, »fast furchtsam, mißtrauisch wie eine Katze; und vor allem muß der Baron darüber erröten, daß er die Polizei benutzt hat, ohne daß es aussehen darf, als hättest du vor den Agenten zu zittern. Kurz, gib dem Kunden in mehr oder minder klaren Worten zu verstehen, daß du jede Polizei der Welt herausforderst, in Erfahrung zu bringen, wo sich die Schöne befindet. Verbirg deine Spuren gut … Wenn der Baron dir das Recht gegeben hat, ihn auf den Bauch zu klopfen und ihn ›Dicker Wüstling‹ zu nennen, so werde unverschämt und laß ihn wie einen Lakaien abfahren.«

Da man Nucingen gedroht hatte, er werde die Vermittlerin nicht wiedersehen, wenn er sich einfallen ließe, ihr im geringsten nachzuspionieren, besuchte er Asien, indem er zu Fuß zur Börse ging, geheimnisvoll in einem elenden Zwischenstock der Rue Neuve Saint-Marc. Wie oft verliebte Millionäre diese kotigen Gassen gestreift haben und mit welcher Wonne, das wissen die Pflaster von Paris. Frau von Saint-Estève brachte den Baron, indem sie Hoffnung mit Verzweiflung abwechseln ließ, so weit, daß er ›um jeden Preis‹ über alles, was die Unbekannte anging, aufgeklärt werden wollte.

Währenddessen arbeitete der Gerichtsvollzieher; und er arbeitete um so besser, als er bei Esther keinerlei Widerstand fand und also innerhalb der gesetzlichen Fristen vorgehen konnte, ohne vierundzwanzig Stunden zu verlieren.

Lucien besuchte nach der Anweisung seines Ratgebers die Einsiedlerin fünf- oder sechsmal in Saint-Germain. Der wilde Anstifter all dieser Ränke hatte diese Zusammenkünfte für notwendig gehalten, damit Esther nicht verfiel; denn ihre Schönheit war jetzt zum Kapital geworden. Als sie das Haus des Wildhüters verlassen sollte, führte Carlos Lucien und die arme Kurtisane am Rande eines verlassenen Weges an eine Stelle, von der aus man Paris sah, wo aber niemand sie hören konnte. Sie setzten sich alle drei unter der aufgehenden Sonne auf den Stamm einer gefällten Pappel und vor diese Landschaft, die eine der großartigsten der Welt ist und den Lauf der Seine, Montmartre, Paris und Saint-Denis umfaßt.

»Meine Kinder,« sagte Carlos, »euer Traum ist zu Ende. Du, meine Kleine, wirst Lucien nie wiedersehen; oder wenn du ihn wiedersiehst, so mußt du ihn vor fünf Jahren nicht länger als ein paar Tage gekannt haben.« »So ist also mein Schicksal gekommen!« sagte sie, ohne eine Träne zu vergießen. »Also! Jetzt bist du seit fünf Jahren krank,« fuhr Herrera fort. »Denke, du seiest schwindsüchtig, und stirb, ohne uns mit deinen Elegien zu langweilen. Aber du sollst sehen, daß du noch leben kannst, und sehr gut leben! … Laß uns, Lucien, geh und pflücke Sonette,« sagte er, indem er ihm in wenigen Schritten Entfernung ein Feld zeigte.

Lucien warf einen bettelnden Blick auf Esther, einen jener Blicke, wie sie solchen schwachen, gierigen Menschen eigen sind, deren Herz voller Zärtlichkeit und deren Charakter voller Feigheit ist. Esther antwortete ihm mit einem Kopfnicken, das etwa sagen sollte: ›Ich will den Henker anhören, um zu sehen, wie ich den Kopf unters Beil legen muß; ich werde den Mut haben, ruhig zu sterben.‹ Das war so anmutig und zugleich so grauenvoll, daß der Dichter weinen mußte; Esther lief zu ihm, schloß ihn in die Arme, trank seine Tränen und sagte zu ihm: »Sei ruhig!« – eines jener Worte, die man mit den Gesten, den Augen und der Stimme des Deliriums sagt.

Carlos begann, ohne Umschweife, klar und oft mit furchtbaren, treffenden Worten, Luciens kritische Lage, seine Stellung im Hotel Grandlieu, sein schönes Leben im Falle des Triumphes und schließlich die Notwendigkeit auseinanderzusetzen, die Esther zwänge, sich dieser herrlichen Zukunft zu opfern.

»Was muß ich tun?« rief sie voller Fanatismus. »Mir blind gehorchen,« sagte Carlos. »Und worüber könnten Sie sich beklagen? Es wird nur an Ihnen liegen, sich ein schönes Los zu schaffen. Sie werden werden, was Tullia, Florine, Mariette und die Val-Noble, Ihre einstigen Freundinnen, sind: die Geliebte eines reichen Mannes, den Sie nicht lieben. Sind unsere Angelegenheiten einmal erledigt, so ist unser Verliebter reich genug, um auch Sie glücklich zu machen … « »Glücklich! … « sagte sie, indem sie die Augen gen Himmel hob. »Sie haben vier Jahre im Paradies gelebt,« fuhr er fort, »kann man nicht mit solchen Erinnerungen leben?« »Ich werde Ihnen gehorchen,« erwiderte sie, indem sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. »Machen Sie sich um das übrige keine Sorge! Sie haben es gesagt, meine Liebe ist eine tödliche Krankheit.« »Das ist nicht alles,« fuhr Carlos fort: »Sie müssen schön bleiben. Mit zweiundzwanzig und einem halben Jahr stehen Sie dank Ihrem Glück auf dem Gipfel Ihrer Schönheit. Vor allem werden Sie wieder zur Torpille. Seien Sie schelmisch, verschwenderisch, erbarmungslos gegen den Millionär, den ich Ihnen ausliefere. Hören Sie an! … Dieser Mensch ist ein Dieb der großen Geldbeutel; er ist gegen viele Leute mitleidslos gewesen, er hat sich gemästet mit dem Vermögen der Witwe und der Waise; Sie werden deren Rache sein! … Asien wird kommen und Sie in einem Fiaker abholen; heute abend sind Sie in Paris. Wenn Sie erraten ließen, daß Sie vier Jahre mit Lucien gelebt haben, so könnten Sie ihm ebensogut eine Pistolenkugel in den Kopf jagen. Man wird Sie fragen, was Sie getrieben haben. Sie werden antworten: ein äußerst eifersüchtiger Engländer habe Sie mit auf Reisen genommen. Sie haben ehedem Geist genug gehabt, um zu schwindeln; haben Sie von neuem diesen Geist … «

Hat man je einen strahlenden Papierdrachen gesehen, jenen Giganten unter den Schmetterlingen der Jugend, wie er, ganz mit Gold beladen, in den Himmeln schwebte? … Die Kinder vergessen einen Augenblick die Schnur, ein Vorübergehender schneidet sie ab: der Meteor ›schießt‹, in der Schülersprache, ›kopfüber‹ und stürzt mit erschreckender Geschwindigkeit … So ging es Esther, als sie Carlos zuhörte.

Was alte Herren sich die Liebe kosten lassen

Seit acht Tagen feilschte Nucingen fast täglich in dem Laden der Rue Neuve Saint-Marc um die Auslieferung derer, die er liebte. Dort thronte Asien bald unter dem Namen Saint-Estève, bald unter dem ihres Geschöpfes, der Frau Nourrisson, unter dem schönsten Putz, der jenen grauenhaften Zustand erreicht hatte, in dem Kleider keine Kleider mehr, aber auch noch keine Lumpen sind. Der Rahmen stand im Einklang mit der Figur, die diese Frau sich zulegte, denn solche Läden sind eine der unheimlichsten Eigentümlichkeiten von Paris. Man sieht dort den Nachlaß, den der Tod mit seiner entfleischten Hand dorthin geworfen hat, und man hört das Röcheln einer Schwindsucht unter dem Schal, wie man die Todesqual des Elends unter einem goldbeflitterten Kleide errät. Dort stehen die furchtbaren Debatten zwischen dem Luxus und dem Hunger auf leichten Spitzen geschrieben. Man sieht die Züge einer Königin unter einem federgeschmückten Turban, dessen Stellung an das fehlende Gesicht erinnert und es fast ergänzt. Hier steht das Scheußliche im Hübschen. Die Geißel Juvenals in den Amtshänden des Taxators streut enthaarte Muffs, verdorbene Pelze bedrängter Dirnen aus. Es ist ein verwesender Hauf Blumen, in dem hier und dort gestern geschnittene Rosen glänzen, die einen Tag getragen wurden, und auf dem stets eine Alte hockt, die leibliche Schwester des Wuchers, die kahle, zahnlose Gelegenheit, bereit, auch den Inhalt zu verkaufen, weil sie so sehr daran gewöhnt ist, die Hülle zu kaufen: das Kleid ohne die Frau oder die Frau ohne das Kleid! Asien schaltete dort wie der Stockmeister im Bagno, wie ein Geier mit gerötetem Schnabel über Leichen, mitten in ihrem Element, furchtbarer noch als diese wilden Greuel, vor denen die Vorübergehenden erbeben, wenn sie zuweilen mit Erstaunen eine ihrer jüngsten, frischesten Erinnerungen in einem schmutzigen Schaufenster erkennen, hinter dem eine echte Saint-Estève Grimassen schneidet.

Von Aufregung zu Aufregung, von zehntausend zu zehntausend Franken war schließlich der Bankier so weit gekommen, daß er Frau von Saint-Estève sechzigtausend Franken bot; sie aber erwiderte mit einer Grimasse des Neins, die einen Makako zur Verzweiflung getrieben hätte. Nachdem er erkannt hatte, wie Esther ihm die Gedanken verwirrte, nachdem er unerwartete Verdienste an der Börse hatte einstreichen können, kam er eines Morgens nach einer aufgeregten Nacht endlich in der Absicht, die hunderttausend Franken, die Asien verlangte, herzugeben; aber er wollte ihr eine Fülle von Auskünften entlocken.

»Du entschließt dich also, dicker Possenreißer?« sagte Asien, indem sie ihm auf die Schulter klopfte.

Die entehrendste Vertraulichkeit ist der erste Zoll, den solche Frauen von wahnsinnigen Leidenschaften oder von dem Elend, das sich ihnen anvertraut, fordern; sie erheben sich nie zur Höhe des Klienten, sie nötigen ihn, sich Seite an Seite neben sie auf den Kothaufen zu setzen. Asien gehorchte ihrem Herrn ausgezeichnet, wie man sieht.

»Ich muß fohl,« sagte Nucingen. »Und du wirst nicht bestohlen,« erwiderte Asien. »Man hat Frauen schon verhältnismäßig teurer verkauft, als du die da bezahlen sollst! Von Marsay hat für die verstorbene Coralie sechzigtausend Franken gegeben. Die, die du willst, hat aus erster Hand hunderttausend gekostet; aber für dich, siehst du, alter Wüstling, ist es eine Anstandssache.« »Und wo ist sie?« »Ah! Du wirst sie sehen. Ich bin, wie du bist: bar, bar! … Ach ja, mein Lieber, ›deine Leidenschaft‹ hat Dummheiten gemacht. Junge Mädchen … das ist unvernünftig. Die Prinzessin ist augenblicklich eine Nachtschöne … « »Aine Nacht … « »Was! Willst du den Gimpel spielen? … Sie hat Louchard auf den Fersen; ich habe ihr selbst fünfzigtausend Franken geliehen … « »Finfundßwanßig! Sag?« rief der Bankier. »Bei Gott! Fünfundzwanzig für fünfzig, das versteht sich von selbst,« erwiderte Asien. »Diese Frau, man muß gerecht sein, ist die Ehrlichkeit selbst! Sie hatte nur noch ihren Leib, und sie sagte: ›Liebe kleine Frau Saint-Estève, ich werde verfolgt, nur Sie können mich verpflichten, geben Sie mir zwanzigtausend Franken, ich gebe Ihnen eine Hypothek auf mein Herz … ‹ Oh, sie hat ein hübsches Herz! Außer mir weiß niemand, wo sie ist. Ein unvorsichtiges Wort würde mich meine zwanzigtausend Franken kosten … Früher wohnte sie in der Rue Taitbout. Ehe sie auszog – ihr Mobiliar war gepfändet worden … von wegen der Kosten … Diese Lumpen von Gerichtsvollziehern! – nun also, nicht dumm, vermietete sie ihre Wohnung auf zwei Monate einer Engländerin, einem prachtvollen Weib, die diesen kleinen … den Rubempré, zum Liebhaber hatte; der war so eifersüchtig, daß er sie nur nachts ausfahren ließ. Aber da man das Mobiliar verkaufen will, so hat sich die Engländerin aus dem Staube gemacht, um so mehr, als sie für einen Knirps wie Lucien zu teuer war.« »Sie treiben kute Keschäfte,« sagte Nucingen. »In Naturalien,« sagte Asien. »Ich borge hübschen Frauen; das lohnt sich, denn man diskontiert zwei Werte zugleich.«

Asien amüsierte sich damit, die Rolle dieser Frauen zu ›chargieren‹; sie sind herb, aber schleicherhafter, sanfter als die Malaiin, und sie rechtfertigen ihr Gewerbe mit Reden voll schöner Motive. Asien posierte als eine Frau, die all ihre Illusionen, fünf Liebhaber und ihre Kinder verloren hat und sich trotz all ihrer Erfahrung von jedermann ›bestehlen‹ läßt. Sie zeigte von Zeit zu Zeit Pfandscheine vor, um zu beweisen, wieviel schlimme Zufälle ihr Gewerbe mit sich brachte. Sie gab sich für bedrängt, für verschuldet aus. Und schließlich war sie so naiv häßlich, daß der Baron zuletzt an die Rolle glaubte, die sie gab.

»Kut, wenn ich herkebe die hunderttausend, wo werd ich se da sehen?« fragte er mit der Geste des Mannes, der zu allen Opfern bereit ist. »Mein dicker Alter, du wirst heute abend mit deinem Wagen, sagen wir, vor das Gymnase kommen, das liegt auf dem Wege,« erwiderte Asien. »Du wirst an der Ecke der Rue Sainte-Barbe halten. Ich werde dort Posten stehen; dann gehen wir zusammen zu meiner schwarzhaarigen Hypothek … Oh, sie hat wundervolles Haar, meine Hypothek! Wenn Esther ihren Kamm herauszieht, steht sie da wie unter einem Zelt. Aber wenn du dich auch auf Zahlen verstehst, so machst du mir im übrigen den Eindruck eines Gimpels; ich rate dir, die Kleine gut zu verbergen, denn man steckt sie dir ins Gefängnis, wenn man sie findet, und zwar lebhaft, gleich am folgenden Tage … und man sucht sie!«

»Gönnte man nicht ßurückgaufen die Wechsel?« fragte der unverbesserliche Luchs. »Die hat der Gerichtsvollzieher … aber es geht nicht. Die Kleine hat eine Leidenschaft gehabt und ein Depot verzehrt, das man von ihr zurückverlangt. Ah, wahrhaftig, das ist ein Schelm, so ein Herz von zweiundzwanzig Jahren.« »Kut, kut, ich werde das arranschieren,« sagte Nucingen, indem er seine Miene eines Schlaukopfes aufsetzte. »Es verschdeht sich, daß ich ihr Könner werde.« »Ah, dickes Vieh, es ist deine Sache, ihr Liebe einzuflößen, und du hast ja die Mittel dazu, dir einen Schein von Liebe zu erkaufen, der wohl die wahre aufwiegt. Ich gebe dir die Prinzessin in die Hand; sie ist gehalten, dir zu folgen, um den Rest kümmere ich mich nicht … Aber sie ist an Luxus gewöhnt, an die größte Rücksicht. Ah, mein Kleiner, sie ist eine anständige Frau … Hätte ich ihr sonst zwanzigtausend Franken gegeben?« »Kut, es ist apkemacht. Auf heite Apend!«

Der Baron begann die Hochzeitstoilette, die er schon einmal gemacht hatte, von neuem; aber diesmal verdoppelte er in der Gewißheit des Erfolgs die Zahl der Pillen. Um neun traf er die furchtbare Frau beim Stelldichein, und er nahm sie in seinen Wagen. »Fo?« fragte der Baron. »Wo?« sagte Asien. »Rue de la Perle, im Marais, eine Gelegenheitsadresse, denn deine Perle liegt im Kot, aber du wirst sie waschen!«

Als sie dort ankamen, sagte die falsche Frau von Saint-Estève mit einem scheußlichen Lächeln zu Nucingen: »Wir werden ein paar Schritte zu Fuß gehen; ich bin nicht so dumm, daß ich die wahre Adresse gegeben hätte.« »Du tenkst an alles,« sagte Nucingen. »Das ist mein Beruf,« erwiderte sie.

Asien führte den Baron in die Rue Barbette, wo er in einem Logierhaus, das ein Tapezierer des Viertels hielt, in den vierten Stock geführt wurde. Als der Millionär Esther in einem kärglich möblierten Zimmer mit einer Stickereiarbeit beschäftigt sah, erblaßte er. Noch nach einer Viertelstunde, während derer Asien scheinbar auf Esther einflüsterte, konnte dieser junge Greis kaum sprechen. »Knädikes Fräulein,« sagte er schließlich zu dem armen Mädchen, »wirden Se haben die Küte, mich als Könner anßunehmen?« »Ich muß wohl,« sagte Esther, aus deren Augen zwei dicke Tränen rannen. »Wainen Se nicht. Ich will Se machen ßur klücklichsten aller Frauen … Lassen Se sich nur von mir lieben, Sie ferden sehen.«

»Meine Kleine, der Herr ist vernünftig,« sagte Asien; »er weiß genau, daß er über siebzig Jahre alt ist, und er wird nachsichtig sein. Kurz, mein schöner Engel, er ist ein Vater, den ich dir gesucht habe … Müssen ihr das sagen,« flüsterte Asien dem unzufriedenen Bankier ins Ohr. »Man fängt keine Schwalben, indem man mit der Pistole nach ihnen schießt. Kommen Sie mit,« sagte sie, indem sie Nucingen ins Nebenzimmer führte. »Sie kennen ja unsere kleinen Abmachungen, mein Engel?«

Nucingen zog eine Brieftasche aus seinem Rock und zählte die hunderttausend Franken hin, die Car los, der in einer Kammer versteckt war, mit lebhafter Ungeduld erwartete und die die Köchin ihm brachte.

»Das sind hunderttausend Franken, die unser Mann in Asien anlegt; jetzt soll er uns einiges in Europa anlegen,« sagte Carlos zu seiner Vertrauten, als sie auf dem Treppenabsatz standen. Er verschwand, nachdem er der Malaiin seine Anweisungen gegeben hatte; sie kehrte in das Zimmer zurück, wo Esther heiße Tränen weinte. Das Kind hatte sich wie ein zum Tode verurteilter Verbrecher einen Roman der Hoffnung zurechtgelegt, und jetzt war die verhängnisvolle Stunde gekommen.

»Meine lieben Kinder,« sagte Asien, »wohin wollt ihr gehen? … Denn der Baron von Nucingen … « Esther sah den berühmten Bankier an und ließ sich eine wundervoll gespielte Geste der Überraschung entschlüpfen. »Ja, main Gind, ich bin der Paron von Nischinguen.« »… Der Baron von Nucingen darf und kann nicht in einem solchen Hundestall bleiben. Hören Sie mich an … Ihre ehemalige Kammerfrau Eugenie … « »Eischenie! Aus der Rie Daidpoud? … « rief der Baron. »Nun ja, die gerichtliche Bewahrerin der Möbel,« erwiderte Asien, »die die Wohnung der schönen Engländerin vermietet hat.« »Ach, ich verschdehe!« sagte der Baron. »Die ehemalige Kammerfrau der gnädigen Frau«, fuhr Asien ehrfurchtsvoll fort, indem sie auf Esther deutete, »wird Sie heute abend sehr wohl aufnehmen, und nie wird der Exekutor es sich einfallen lassen, sie in ihrer ehemaligen Wohnung zu suchen, die sie vor drei Monaten verlassen hat … « »Auskeßaichnet, auskeßaichnet!« rief der Baron. »Üprikens genne ich die Exegudoren; ich habe maine Worte, damit sie verschwinten.« »Sie werden in Eugenie eine schlaue Füchsin haben,« sagte Asien, »ich selbst habe sie der gnädigen Frau gegeben … « »Ich genne sie,« rief der Millionär lachend; »Eischenie hat mich um treißigtausend Franken gebrellt … «

Esther machte eine Geste des Grauens, auf die hin ein Mann von Herz ihr sein Vermögen anvertraut hätte. »Oh, durch maine eikene Schuld,« fuhr der Baron fort, »ich lief Ihnen nach … « Und er erzählte das Quiproquo, das die Vermietung der Wohnung an eine Engländerin zur Folge gehabt hatte.

»Nun, sehen Sie, gnädige Frau?« sagte Asien; »davon hat Ihnen Eugenie in ihrer Schlauheit nichts gesagt! Aber die gnädige Frau ist sehr an dieses Mädchen gewöhnt,« sagte sie zu dem Baron, »behalten Sie sie trotzdem.«

Dann nahm Asien Nucingen beiseite und sagte zu ihm: »Geben Sie Eugenie fünfhundert Franken im Monat, das ist ein rundes Sümmchen, und Sie werden alles erfahren, was die gnädige Frau tut; geben Sie sie ihr zur Kammerfrau. Eugenie wird um so besser für Sie passen, als sie Sie bereits gerupft hat … Nichts fesselt eine Frau mehr an einen Mann, als wenn sie ihn rupft. Aber halten Sie Eugenie am Zügel: sie tut alles für Geld; es ist ein Greuel mit diesem Mädchen! … « »Und du? … « »Ich,« sagte Asien, »ich halte mich schadlos.«

Nucingen, dieser so tiefe Mensch, hatte eine Binde vor den Augen; er ließ mit sich umgehen wie ein Kind. Der Anblick dieser aufrichtigen und anbetungswürdigen Esther, die sich die Augen trocknete und mit dem Anstand einer Jungfrau die Maschen ihrer Stickerei zog, gab dem verliebten Greis die Empfindungen zurück, die er im Wald von Vincennes gehabt hatte: er hätte den Schlüssel zu seiner Kasse hergegeben! Er fühlte sich jung, er hatte das Herz voller Anbetung und wartete nur auf Asiens Aufbruch, um sich dieser Madonna Raffaels zu Füßen werfen zu können. Dieses plötzliche Aufblühen der Kindheit im Herzen eines Luchses und Greisen gehört zu den sozialen Erscheinungen, die die Physiologie aufs leichteste erklären kann. Unter dem Gewicht der Geschäfte zusammengepreßt, erstickt von ständigen Berechnungen, von dem fortwährenden Sinnen über die Jagd nach den Millionen, so taucht die Jugend mit ihren wunderbaren Illusionen wieder empor, und sie schwingt sich in die Höhe und blüht wie eine Ursache, wie ein vergessener Keim, dessen Wirkungen, dessen prachtvolle Blüten dem Zufall gehorchen, einer Sonne, die spät erst hervorbricht und leuchtet. Der Baron war mit zwölf Jahren Kommis in dem alten Hause Aldrigger in Straßburg gewesen, und also hatte er den Fuß nie in die Welt der Empfindungen hineingesetzt. Als er nun vor seinem Idol stand, hörte er tausend Phrasen, die sich in seinem Gehirn stießen, und da er keine auf den Lippen fand, so gehorchte er einem brutalen Verlangen, in dem der Sechziger wieder durchbrach.

»Wollen Se kommen in die Rie Daidpoud?« fragte er. »Wohin Sie wollen,« erwiderte Esther, indem sie sich erhob. »Fohin Se follen!« wiederholte er in Entzückung. »Sie sind ain Engel vom Himmel, den ich liebe, als wäre ich ain glainer junger Mensch, obgleich ich kraue Haare habe … « »Ach, Sie können ruhig sagen, weiße! Denn sie sind von einem zu schönen Schwarz, um nur erst grau zu sein,« sagte Asien. »Keh wek, schlechtes Weib! Du hantelst mit Menschenfleisch! Du hast dein Keld, pekeifere mir diese Plume der Liebe nicht mehr!« rief der Bankier, indem er sich durch diese wilde Anrede für alle Unverschämtheiten schadlos hielt, die er hatte ertragen müssen. »Alter Schlingel! Das sollst du mir bezahlen!« sagte Asien, indem sie dem Bankier mit einer Geste drohte, die der Markthalle würdig gewesen wäre, über die er aber nur die Achseln zuckte. »Zwischen dem Mund des Bechers und dem des Zechers hat eine Natter Platz, und da sollst mich du finden!« sagte sie, er regt über Nucingens Geringschätzung.

Die Millionäre, deren Geld von der Bank von Frankreich bewacht wird, deren Häuser bewacht werden von einer ganzen Brigade von Dienern und deren Person auf der Straße den Panzer eines raschen Wagens mit englischen Pferden um sich hat, fürchten keinerlei Unglück; daher sah denn auch der Baron Asien kühl an, er war ganz der, der ihr eben hunderttausend Franken gegeben hatte. Diese Majestät tat ihre Wirkung. Asien trat den Rückzug an und brummte auf der Treppe; sie führte eine höchst revolutionäre Sprache: sie sprach vom Schafott.

»Was haben Sie ihr denn gesagt? … « fragte die stickende Jungfrau, »denn sie ist eine gute Frau.« »Sie hat Sie vergauft, sie hat Sie geschdohlen … « »Wenn wir im Elend sind,« erwiderte sie mit einer Miene, die einem Diplomaten das Herz gebrochen hätte, »wer hat da Geld und Mitleid für uns? … « »Arme Glaine!« sagte Nucingen, »pleiben Se kaine Minute mehr hier!«

Nucingen reichte Esther den Arm, er führte sie, so wie sie war, hinunter und setzte sie mit vielleicht mehr Achtung in seinen Wagen, als er der schönen Herzogin von Maufrigneuse bezeigt hätte. »Sie sollen aine schöne Egibasche haben, die hüpscheste von Baris,« sagte Nucingen während der Fahrt. »Das Raizendste, was der Luxus besitzt, soll Sie umkeben. Keine Gönikin soll raicher sain als Sie. Sie sollen werden keachtet wie aine Praut in Teutschland: ich will, daß Sie frei sind … Wainen Se nicht. Hören Se … Ich lieb Sie wahrhaftig mit rainer Liebe … Jede Ihrer Dränen pricht mir das Herz … « »Liebt man eine Frau, die man kauft, wirklich? … « fragte das arme Mädchen mit entzückender Stimme. »Schosef ist auch von sainen Priedern vergauft worden, weil er so hibsch war. Das schdeht in der Pibel. Außerdem gauft man im Orient saine rechtmäßiken Frauen.«

Als sie in der Rue Taitbout ankamen, konnte Esther den Schauplatz ihres Glücks nicht ohne schmerzliche Eindrücke wiedersehen. Sie blieb regungslos auf einem Diwan liegen, indem sie ihre Tränen eine nach der andern hemmte, ohne ein Wort von den Torheiten zu hören, die der Bankier radebrechte. Er ließ sich auf die Knie nieder; sie ließ ihn liegen, ohne ihm ein Wort zu sagen; sie entzog ihm ihre Hände nicht, wenn er sie nahm; aber gewissermaßen wußte sie nicht, welchen Geschlechts das Geschöpf war, das ihr die Füße wärmte, denn Nucingen fand sie kalt. Diese Szene brennender Tränen, die dem Baron auf den Kopf gesät wurden, und eisiger Füße, die er wärmte, dauerte von Mitternacht bis zwei Uhr morgens.

»Eischenie,« sagte endlich der Baron, indem er Europa rief, »pringen Se doch die knädige Frau daßu, daß sie ßu Pett keht … « »Nein!« rief Esther, indem sie sich wie ein scheuendes Pferd auf ihren Beinen erhob; »hier niemals!«

»Sehen Sie, gnädiger Herr, ich kenne die gnädige Frau, sie ist sanft und gut wie ein Lamm,« sagte Europa zu dem Bankier; »nur darf man sie nicht vor den Kopf stoßen; man muß sie immer von der guten Seite nehmen … Sie ist hier so unglücklich gewesen! Sehen Sie her … das Mobiliar ist recht abgenutzt! Lassen Sie sie ihrer Neigung folgen. Richten Sie ihr recht artig ein hübsches Hotel ein. Vielleicht wird sie, wenn sie ringsum nur Neues sieht, sich fremd vorkommen, und sie wird Sie vielleicht besser finden, als Sie sind, und dann wird sie von engelhafter Sanftmut sein … Oh, die gnädige Frau hat nicht ihresgleichen! Und Sie können sich rühmen, eine ausgezeichnete Erwerbung gemacht zu haben: ein gutes Herz, artige Manieren, einen feinen Spann, eine Haut, eine Frische … ah! … Und Geist, daß zum Tode Verurteilte lachen müssen! … Die gnädige Frau ist der Leidenschaft fähig … Und wie sie sich anzuziehen versteht! … Ja, wenn es auch teuer ist, so hat der Mann doch etwas für sein Geld. Hier sind all ihre Kleider gepfändet, sie ist also mit ihrer Toilette um drei Monate in Rückstand. Aber die gnädige Frau ist so gut, sehen Sie, daß sogar ich sie liebe, und sie ist meine Herrin! Aber seien Sie gerecht! Eine Frau wie sie und mitten unter gepfändeten Möbeln! Und für wen all das? Für einen Taugenichts, der sie gefoltert hat … Die arme kleine Frau! Sie ist nicht mehr sie selber!«

»Esder … Esder … « sagte der Baron, »kehen Se ßu Pett, main Engel. Ach, wenn Sie vor mir Ankst haben, dann plaibe ich auf diesem Ganabee … « rief der Baron, den die reinste Liebe entflammte, als er sah, daß Esther immer noch weinte. »Nun gut,« erwiderte Esther, indem sie die Hand des Barons ergriff und sie mit einem Gefühl der Dankbarkeit küßte, die diesem Luchs etwas in die Augen trieb, was einer Träne ähnlich sah, »ich werde Ihnen dafür dankbar sein … « Und sie lief in ihr Zimmer, wo sie sich einschloß.

»Da liegt etwas Unerglärliches … « sagte Nucingen bei sich selber; seine Pillen regten ihn auf. »Was wird man sagen bei mir?« Er stand auf und sah durch das Fenster: »Main Wagen schdeht immer noch da … Es wird pald Tag.« Er ging im Zimmer auf und ab. »Wie wirde Frau von Nischinguen lachen, wenn sie jemals erfiehre, wie ich diese Nacht ßukepracht habe! … « Er schmiegte sein Ohr an die Tür des Schlafzimmers, als er sich ein wenig zu albern untergebracht fand. »Esder! … « Keine Antwort. »Kott, du Kerechter! Sie waint immer noch! … « sagte er, als er zurücktrat, um sich wieder auf das Kanapee zu legen.

Etwa zehn Minuten nach Sonnenaufgang wurde der Baron von Nucingen, der zu einem schlechten, gewaltsamen Schlummer entschlafen war, noch dazu in unbequemer Stellung, mitten in einem jener Träume, wie man sie dann hat und deren rasche Verwirrungen zu den unlöslichen Problemen der medizinischen Physiologie gehören, von Europa jäh geweckt.

»Ach, mein Gott, gnädige Frau!« rief sie, »gnädige Frau! Soldaten! … Gendarmen! Die Polizei! … Man will Sie verhaften! … «

In dem Augenblick, als Esther, nur halb in ihren Morgenrock gehüllt, die nackten Füße in Pantoffeln, die Haare in Unordnung, schön genug, um den Erzengel Raphael zur Verdammnis zu führen, ihre Tür auftat und sich zeigte, spie die Salontür eine Flut von Menschenauswurf herein, der zehnpfotig auf die Himmelstochter, die wie ein Engel auf einem flämischen Altarbild dastand, zustürzte. Ein einzelner trat vor. Contenson, der scheußliche Contenson legte die Hand auf Esthers feuchte Schulter. »Sie sind Fräulein Esther van … ?« sagte er.

Europa warf ihn mit einem Backenstreich um so leichter nieder, damit er sich sein Stück Teppich abmaß, als sie ihm zugleich jenen scharfen Hieb in die Beine versetzte, der allen, die die Kunst des Fußboxens ausüben, so bekannt ist. »Zurück!« schrie sie; »meine Herrin rührt man nicht an!«

»Sie hat mir das Bein gebrochen!« rief Contenson, indem er aufsprang; »das soll man mir bezahlen!«

Von der Masse der fünf Büttel, die eben wie Büttel gekleidet waren, die ihre scheußlichen Hüte auf den noch scheußlicheren Köpfen behielten und deren Köpfe wie aus geädertem Mahagoni zu sein schienen, während hier die Augen schielten, dort die Nasen fehlten und alle Münder sich zur Grimasse verzerrten, löste sich Louchard ab, der sauberer gekleidet war als seine Leute, aber gleichfalls den Hut auf dem Kopf behielt; sein Gesicht war zugleich süßlich und zum Lachen verzogen. »Gnädiges Fräulein, ich verhafte Sie,« sagte er zu Esther. »Was Sie angeht, meine Tochter,« sagte er zu Europa, »so würde jede Empörung bestraft werden, und jeder Widerstand ist nutzlos.«

Das Geräusch der Gewehre, deren Kolben auf die Fliesen des Eßzimmers und des Vorzimmers stießen und auf diese Weise meldeten, daß der Exekutor die Polizeiwache hinter sich hatte, bekräftigte diese Rede.

»Und weshalb wollen Sie mich verhaften?« fragte Esther unschuldig. »Und unsere kleinen Schulden? … « erwiderte Louchard. »Ach, freilich!« rief Esther. »Lassen Sie mir Zeit, mich anzuziehen.« »Unglücklicherweise, gnädiges Fräulein, muß ich mich überzeugen, daß Sie in Ihrem Zimmer kein Mittel zur Flucht haben,« sagte Louchard.

All das vollzog sich so rasch, daß der Baron noch keine Zeit gehabt hatte, sich ins Mittel zu legen. »Nun, ich hantle jetzt mit Menschenfleisch, Paron von Nischinguen! … « rief die furchtbare Asien, indem sie zwischen den Bütteln durch bis zum Diwan schlüpfte und tat, als entdeckte sie dort den Bankier. »Elände Halungin!« rief Nucingen, indem er sich in seiner ganzen Finanzmajestät aufrichtete.

Und er warf sich zwischen Esther und Louchard, der seinen Hut abnahm, als Contenson rief: »Der Herr Baron von Nucingen! … «

Auf einen Wink Louchards räumten die Büttel das Zimmer, indem sie ehrfurchtsvoll den Kopf entblößten. Contenson blieb allein zurück. »Bezahlt der Herr Baron?« fragte der Exekutor, der seinen Hut in der Hand hielt. »Ich peßahle,« erwiderte er; »aber ich muß doch wissen, um was es sich hantelt.« »Um dreihundertundzwölftausend Franken und einige Centimes, die Kosten mitgerechnet; aber die Verhaftung ist nicht einbezogen.« »Dreihünderttausend Franken!« rief der Baron. »Das ist ain teures Erwachen fier ainen, der die Nacht auf ainem Ganabee verpracht hat,« fügte er, Europa ins Ohr flüsternd, hinzu.

»Ist dieser Mensch wirklich der Baron von Nucingen?« fragte Europa Louchard; und sie kommentierte ihren Zweifel durch eine Geste, um die Fräulein Dupont, die letzte Soubrette des Théâtre Français, sie beneidet hätte. »Ja,« sagte Louchard. »Ja,« erwiderte Contenson. »Ich pürge fier sie,« sagte der Baron, den Europas Zweifel in seiner Ehre traf; »lassen Se mich mit ihr schbrechen ain Wort.« Esther und ihr alter Liebhaber traten in das Schlafzimmer, an dessen Schloß Louchard das Ohr zu legen für nötig fand.

»Ich liebe Sie mehr als main Leben, Esder; aber woßu Ihren Kläubikern Keld keben, das unentlich viel pesser in Ihrer Pörse wäre? Kehn Se ins Kefänknis: ich mache mich anhaischig, die hünderttausend Taler fier hünderttausend Franken aufßugaufen; dann haben Se ßweihünderttausend Franken fiersich … «

»Dieses System«, rief Louchard ihm zu, »nützt nichts. Der Gläubiger ist nicht in das gnädige Fräulein verliebt! … Sie verstehen? Und er will mehr als alles, weil er weiß, daß Sie in sie vernarrt sind.« »Erztummkopf!« rief Nucingen Louchard zu, indem er die Tür öffnete und ihn in das Schlafzimmer einließ, »du waißt nicht, was du sagst! Ich kebe dir fier dich finf Broßent, wenn du erletigst die Sache … « »Unmöglich! Herr Baron.« »Wie, Herr Baron, Sie hätten das Herz,« sagte Europa, indem sie eintrat, »meine Herrin ins Gefängnis gehen zu lassen? … Aber wollen Sie meinen Lohn, meine Ersparnisse? Nehmen Sie sie, gnädige Frau, ich habe vierzigtausend Franken … « »Ach, mein armes Mädchen, ich kenne dich nicht wieder!« rief Esther, indem sie Europa in die Arme schloß. Europa brach in Tränen aus.

»Ich peßahle,« sagte der Baron jämmerlich, indem er ein Heft hervorzog, dem er einen jener kleinen bedruckten, viereckigen Zettel entnahm, wie sie die Bank den Bankiers zur Verfügung stellt und auf denen sie nur in Ziffern und Buchstaben die Summe auszufüllen haben, um auf den Inhaber lautende Anweisungen daraus zu machen.

»Das lohnt nicht der Mühe, Herr Baron,« sagte Louchard, »ich habe Befehl, meine Zahlung nur bar in Gold oder Silber entgegenzunehmen. Weil Sie es sind, will ich mich mit Banknoten begnügen.« »Der Teifel!« rief der Baron auf deutsch, »ßeigen Se mir doch die Fechsel!« Contenson reichte drei Aktenhefte mit blauem Umschlag hin, die der Baron nahm, indem er Contenson ansah und ihm zuflüsterte: »Du hättest ainen pessern Dag kehapt, wenn du mich kewarnt hättest.« »Ach, wußte ich, daß Sie hier sein würden, Herr Baron?« erwiderte der Spion, ohne sich darum zu kümmern, ob Louchard ihn hörte oder nicht. »Sie haben dabei verloren, daß Sie mir Ihr Vertrauen entzogen. Man rupft Sie,« fügte der tiefe Philosoph hinzu, indem er die Achseln zuckte. »Wreilich,« sagte der Baron bei sich selber. »Ach, maine Glaine,« rief er, als er die Wechsel sah, indem er sich zu Esther wandte, »Sie sind das Obwer aines Erzhalungen, aines Schwindlers!« »Leider, ja!« sagte die arme Esther; »aber er hat mich sehr geliebt! … « »Wenn ich hätt kewußt … dann hätt ich fier Sie Ainspruch erhoben.« »Sie verlieren den Kopf, Herr Baron,« sagte Louchard, »es ist ein zweiter Indossant vorhanden.« »Ja,« erwiderte er, »es ist ein ßweiter Intossant vorhanten … « »Will der Herr Baron ein Wort an seinen Kassier schreiben?« fragte Louchard; »ich werde Contenson zu ihm schicken und meine Leute entlassen. Die Zeit vergeht, und jedermann würde erfahren … «

»Keh, Gondanzon!« sagte Nucingen. »Main Gassier wohnt Ecke Rie tes Madhirins und de l'Argate. Hier ist ain Prief, damit er ßu den Kellers keht, wenn wir kaine hünderttausend Taler haben; denn unser Keld ist kanz auf der Pank … Sziehen Se sich an, main Engel,« sagte er zu Esther, »denn Sie sind frai. Die alten Frauen«, rief er, indem er Asien ansah, »sind kewährlicher als die jungen … «

»Ich gehe, um den Gläubiger zum Lachen zu bringen,« sagte Asien zu ihm, »und er wird mir so viel geben, daß ich mich heute amüsieren kann. Ohne Kroll, Herr Baron!« fügte die Saint-Estève hinzu, indem sie eine scheußliche Verbeugung machte … Louchard nahm die Papiere wieder aus den Händen des Barons entgegen und blieb mit ihm allein im Salon zurück, wohin eine halbe Stunde darauf mit Contenson auch der Kassier kam. Esther erschien eben in einer entzückenden, wenn auch improvisierten Toilette. Als Louchard die Summen gezählt hatte, wollte der Baron die Papiere nochmals prüfen, aber Esther ergriff sie mit der Geste einer Katze und trug sie in ihren Sekretär.

»Was geben Sie für das Gesindel?« fragte Contenson Nucingen. »Sie haben nicht kenommen viel Rücksicht,« sagte der Baron. »Und mein Bein! … « rief Contenson. »Lichart, Sie werden keben hündert Franken an Gondanzon von dem Rest des Tausendfrankenschains … «

»Das ist aine ssehr hibsche Frau!« sagte der Kassier zu dem Baron, als sie die Rue Taitbout verließen; »aber sie gömmt den Herrn Paron recht teier.« »Pewahren Se mir Kehaimnis,« sagte der Baron, der auch Contenson und Louchard um Schweigen gebeten hatte.

Louchard ging davon, und ihm folgte Contenson; aber auf dem Boulevard hielt Asien, die auf ihn wartete, den Exekutor zurück. »Der Gerichtsvollzieher und der Gläubiger sitzen da in einem Fiaker, sie haben Durst,« sagte sie, »und da ist was zu verdienen.«

Während Louchard die Scheine hinzählte, konnte Contenson die Kunden prüfen. Er sah Herreras Augen, erkannte die Form der Stirn unter der Perücke, und die Perücke erschien ihm mit Recht verdächtig; er merkte sich die Nummer des Fiakers, obwohl er allem, was vorging, ganz gleichgültig gegenüberzustehen schien; Asien und Europa machten ihm außer ordentlich viel zu schaffen. Er sagte sich, daß der Baron das Opfer äußerst geschickter Leute sei, und zwar um so mehr, da Louchard von merkwürdiger Verschwiegenheit gewesen war, als er seine Dienste erbat. Europas Beinhieb hatte Contenson übrigens nicht nur am Schienbein getroffen. ›Das ist ein Hieb, der nach Saint-Lazare) schmeckt!‹ hatte er bei sich selbst gesagt, als er wieder aufstand.

Carlos schickte den Gerichtsvollzieher fort, nachdem er ihn freigebig bezahlt hatte, und sagte, während er zahlte, zum Kutscher: »Palais Royal, Freitreppe.«

›Ah, der Schlaukopf!‹ sagte Contenson bei sich, als er die Adresse hörte, ›da gibt es etwas! … ‹

Carlos kam in solcher Fahrt zum Palais Royal, daß er keine Verfolgung zu fürchten hatte. Übrigens eilte er dort auf seine Art durch die Galerien, nahm auf der Place Château d'Eau einen zweiten Fiaker und rief dem Kutscher zu: »Opernpassage, auf der Seite der Rue Pinon.«

Eine Viertelstunde darauf trat er in der Rue Taitbout ein. Als Esther ihn sah, sagte sie: »Hier sind die gefährlichen Papiere!« Carlos nahm sie, sah sie durch und ging hinaus, um sie am Küchenfeuer zu verbrennen.

»Der Streich ist gespielt!« rief er, indem er die dreihunderttausend Franken zeigte, die er, in ein Bündel gerollt, aus der Tasche seines Überrocks zog. »Das und die hunderttausend Franken, die Asien erwischt hat, damit können wir handeln.« »Mein Gott! Mein Gott!« rief die arme Esther. »Aber, du Dummkopf!« sagte der wilde Rechner, »sei zum Schein Nucingens Geliebte, und du wirst Lucien sehen können; er ist Nucingens Freund; ich verbiete dir nicht, eine Leidenschaft für ihn zu hegen!«

Esther sah eine schwache Helle in ihrem düstern Leben; sie atmete auf.

»Europa, meine Tochter,« sagte Carlos, indem er dieses Geschöpf in einen Winkel des Boudoirs führte, wo niemand ein Wort ihrer Unterhaltung auffangen konnte, »Europa, ich bin mit dir zufrieden.«

Europa hob den Kopf und sah diesen Menschen mit einem Ausdruck an, der ihr welkes Gesicht so sehr verwandelte, daß die Zeugin dieser Szene, nämlich Asien, die an der Tür wachte, sich fragte, ob das Interesse, durch das Carlos Europa an sich fesselte, das, durch das sie sich an ihn gekettet fühlte, an Tiefe übertreffen könnte.

»Das ist nicht alles, meine Tochter. Vierhunderttausend Franken sind für mich nichts … Paccard wird dir eine Rechnung für Silbergeschirr überreichen, sie beläuft sich auf dreißigtausend Franken, und es sind Anzahlungen darauf geleistet; aber Biddin, unser Goldschmied, hat Kosten gehabt. Unser Mobiliar, das er hat pfänden lassen, wird ohne Zweifel morgen ausgeboten werden. Suche Biddin auf; er wohnt in der Rue de l'Arbre-Sec; er wird dir für zehntausend Franken Pfandscheine geben. Du verstehst: Esther hat sich Silbergeschirr machen lassen, sie hat es nicht bezahlt und hat es versetzt; wir werden sie mit einer kleinen Klage wegen Betrugs bedrohen. Summe: dreiundvierzigtausend Franken mit den Kosten. Dieses Silbergeschirr ist von schlechter Legierung, der Baron wird es erneuern, wir werden ihm da wieder ein paar Tausendfrankenscheine mausen. Ihr schuldet der Schneiderin für zwei Jahre … wieviel?« »Wir schulden ihr vielleicht sechstausend Franken,« erwiderte Europa. »Gut; wenn Frau Auguste bezahlt werden und sich die Kundschaft erhalten will, so wird sie für vier Jahre eine Rechnung über dreißigtausend Franken ausstellen. Der gleiche Handel mit der Modistin. Der Juwelier Samuel Frisch, der Jude in der Rue Sainte-Avoie, wird dir Pfandscheine leihen; wir müssen ihm fünfundzwanzigtausend Franken schulden, und wir werden für sechstausend Franken von unserm Schmuck im Leihhaus haben. Wir werden den Schmuck dem Juwelier zurückgeben, die Hälfte der Steine muß falsch sein; daher wird der Baron sie nicht einmal ansehen. Kurz, du zueinander passen,« sagte Carlos. »Nach Valenciennes zurückkehren! … Können Sie das denken, gnädiger Herr?« rief Europa erschreckt aus.

Europa war als Tochter sehr armer Weber, geboren zu Valenciennes, mit sieben Jahren in eine Spinnerei geschickt worden, und dort hatte die moderne Industrie ihre Körperkräfte mißbraucht, genau wie das Laster sie vor der Zeit verdorben hatte. Mit zwölf Jahren verführt, mit dreizehn Mutter, so sah sie sich an tief entartete Wesen gefesselt. Aus Anlaß eines Mordes hatte sie als Zeugin vor dem Geschwornengericht erscheinen müssen. Der Schrecken, den die Rechtspflege einflößt, und ein Rest von Ehrlichkeit besiegten die Sechzehnjährige, und der Angeklagte wurde auf Grund ihres Zeugnisses zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Dieser Verbrecher, einer jener Rückfälligen, deren Organisation mit furchtbarer Rache droht, hatte vor dem versammelten Gerichtshof zu diesem Kind gesagt: ›In zehn Jahren, Prudentia, da komm ich wieder, als wäre es heute, um dich kalt zu machen, und müßt' ich unter die Sense!‹

Der Präsident des Gerichtshofs versuchte zwar, Prudentia Servien zu beruhigen, indem er ihr die Stütze und das Interesse der Justiz versprach; aber das arme Kind wurde von so tiefem Schrecken befallen, daß sie erkrankte und fast ein Jahr lang im Spital blieb. Die Justiz ist ein Vernunftwesen, das dargestellt wird von einer Anzahl von Individuen, die sich fortwährend erneuern und deren gute Absichten und Erinnerungen wie sie selbst außerordentlich wandelbar sind. Polizei und Gerichte können Verbrechen niemals verhindern; sie sind dazu erfunden, sie als vollendete Tatsachen hinzunehmen. In dieser Hinsicht wäre eine Vorbeugungspolizei eine Wohltat für das Land; aber das Wort Polizei schreckt heute den Gesetzgeber, der nicht mehr zwischen den Worten ›regieren‹, ›verwalten‹ und ›Gesetze geben‹ zu unterscheiden weiß. Der Gesetzgeber neigt dazu, alles in den Staat hineinzuziehen, als könnte der handeln. Der Sträfling müßte immerfort an sein Opfer denken und sich rächen, wenn die Justiz weder an ihn noch an sie denken würde. Prudentia, die ihre Gefahr instinktiv, im großen und ganzen, wenn man will, begriff, verließ Valenciennes und kam mit siebzehn Jahren nach Paris, um sich dort zu verbergen. Sie übte dort vier Berufe aus, deren bester der einer Statistin bei einem kleinen Theater war. Paccard begegnete ihr, und sie erzählte ihm ihr Unglück. Paccard, Jakob Collins rechter Arm und Sklave, sprach seinem Herrn von Prudentia; und als der Meister eine Sklavin brauchte, sagte er zu ihr: ›Wenn du mir dienen willst, wie man dem Teufel dienen muß, so werde ich dich von Durut befreien.‹

Durut war der Sträfling, das Damoklesschwert, das über dem Kopf der Prudentia Servien hing. Ohne diese Einzelheiten hätten manche Kritiker wohl Europas Ergebenheit ein wenig phantastisch gefunden. Und niemand hätte den Theatercoup begriffen, den Carlos herbeiführen wollte.

»Ja, meine Tochter, du kannst nach Valenciennes zurückkehren … Da, lies!« Und er reichte ihr das Zeitungsblatt vom Tage vorher, indem er ihr mit dem Finger den folgenden Artikel zeigte: »Toulon. Gestern fand die Hinrichtung Johann Franz Duruts … Schon am frühen Morgen mußte die Garnison usw.«

Prudentia ließ die Zeitung fallen; ihre Beine gaben unter dem Gewicht ihres Körpers nach: sie fand das Leben wieder, denn wie sie sagte, hatte sie seit Duruts Drohung am Brot keinen Geschmack mehr gefunden.

»Du siehst, ich habe mein Wort gehalten. Ich habe vier Jahre gebraucht, um Duruts Kopf zu Fall zu bringen, indem ich ihn in eine Schlinge lockte … Nun also, vollende hier mein Werk, und du sollst in deiner Heimat an der Spitze eines kleinen Geschäfts stehen mit einem Vermögen von zwanzigtausend Franken und als Frau Paccards, dem ich als Pension die Tugend gestatte.«

Europa nahm die Zeitung wieder auf und las mit lebendigen Augen all die Einzelheiten, wie Zeitungen sie, ohne dessen müde zu werden, seit zwanzig Jahren über die Hinrichtung der Sträflinge bringen: sie las von dem imposanten Schauspiel, dem Geistlichen, der noch stets den Sühnenden bekehrt hat, dem alten Verbrecher, der seine ehemaligen Kollegen ermahnt, von den aufgeprotzten Geschützen und den knienden Verbrechern; und schließlich folgten die banalen Reflexionen, die nichts an er Verwaltung des Bagnos ändern, in dem achtzehntausend Verbrecher wimmeln.

»Wir müssen Asien wieder ins Haus bringen,« sagte Carlos. Asien trat vor; sie verstand nichts von der Pantomime Europas. »Um sie hier wieder zur Köchin zu machen, werdet ihr zunächst dem Baron ein Diner servieren, wie er es noch nie gegessen hat,« fuhr er fort; »dann werdet ihr ihm sagen, Asien habe ihr Geld im Spiel verloren und wieder Dienste genommen. Einen Jäger werden wir nicht brauchen: Paccard wird Kutscher; Kutscher verlassen ihren Bock nicht; und da sie dort kaum zugänglich sind, so wird ihn die Spionage dort weniger leicht fassen. Die gnädige Frau wird ihm befehlen, eine gepuderte Perücke und einen dicken, betreßten Filzdreispitz zu tragen; das wird ihn verändern; übrigens werde ich ihm Runzeln malen.«

»Werden wir Bediente bei uns haben?« fragte Asien schielend. »Wir werden ehrliche Leute nehmen,« erwiderte Carlos. »Lauter schwache Köpfe,« sagte die Mulattin. »Wenn der Baron ein Hotel mietet, so hat Paccard einen Freund, der zum Pförtner taugt,« fuhr Carlos fort. »Dann brauchen wir nur noch einen Lakaien und ein Küchenmädchen; zwei Fremde werdet ihr wohl überwachen können.«

In dem Augenblick, als Carlos hinausgehen wollte, zeigte Paccard sich. »Bleiben Sie, es sind Leute auf der Straße,« sagte der Jäger.

Dieses so einfache Wort war beängstigend. Carlos stieg in Europas Zimmer hinauf und blieb dort, bis Paccard gekommen war, um ihn mit einem Mietswagen abzuholen, der bis ins Haus hineinfuhr. Carlos zog die Vorhänge herunter und wurde in so schneller Fahrt dahingeführt, daß jede Verfolgung eitel sein mußte.

Im Faubourg Saint-Antoine ließ er sich einige Schritte von einer Fiakerhaltestelle entfernt absetzen, ging zu Fuß zu einer Droschke und fuhr zum Quai Malaquais; so entging er den Neugierigen.

»Sieh, Kleiner,« sagte er zu Lucien, indem er ihm vierhundert Tausendfrankenscheine zeigte, »da haben wir, denke ich, eine Anzahlung auf den Landsitz Rubempré. Wir wollen hunderttausend davon aufs Spiel setzen. Man hat eben die Omnibusse lanciert, die Pariser werden sich in diese Neuheit verlieben: in drei Monaten werden wir unsern Einsatz verdreifachen. Ich kenne die Geschichte: man wird prachtvolle Dividenden auf das Kapital zahlen, damit die Aktien in Gang kommen … ein wiederaufgewärmter Gedanke Nucingens. Wenn wir den Rubempréschen Landsitz wieder zusammenstellen, werden wir nicht alles sofort bezahlen. Du wirst auf der Stelle Des Lupeaulx aufsuchen und ihn bitten, dich persönlich an einen Anwalt namens Desroches zu empfehlen, einen gerissenen Schlingel, den du in seinem Bureau besuchen wirst; du wirst ihm sagen, er möge nach Rubempré gehen und das Terrain studieren; und du wirst ihm zwanzigtausend Franken Honorar versprechen, wenn er dir dreißigtausend Franken Rente verschaffen kann, indem er rings um die Trümmer des Schlosses für achthunderttausend Franken Land aufkauft.« »Wie du jagst! … Und jagst und jagst! … « »Ich jage immer. Aber keine Scherze. Du wirst hunderttausend Taler in Schatzanweisungen anlegen, um keine Zinsen zu verlieren; du kannst sie Desroches übergeben, er ist ebenso ehrlich wie verschmitzt … Ist das geschehen, so eile nach Angoulême und setze bei deiner Schwester und deinem Schwager durch, daß sie dir zuliebe eine kleine Lüge auf sich nehmen. Deine Verwandten können dir ganz gut sechshunderttausend Franken gegeben haben, um deine Heirat mit Klotilde von Grandlieu zu erleichtern; das ist nicht entehrend.«

»Wir sind gerettet!« rief Lucien geblendet. »Du, ja!« erwiderte Carlos; »aber auch du bist es erst, wenn du mit Klotilde als Frau aus Saint-Thomas d'Aquin kommst … « »Was fürchtest du?« fragte Lucien, scheinbar voller Interesse für seinen Ratgeber. »Mir sind Neugierige auf der Spur … Ich muß den Eindruck eines wirklichen Priesters machen, und das ist recht langweilig! Der Teufel wird mich nicht mehr schützen, wenn er mich mit einem Brevier unterm Arm sieht.«

In diesem Augenblick erreichte der Baron von Nucingen, der Arm in Arm mit seinem Kassier davonging, das Tor seines Hotels. »Ich firchte,« sagte er, als er nach Hause kam, »ich habe ainen eländen Feldßug kemacht … Pah, wir werden das wieder einholen gönnen … « »Das Unklück ist, daß der Herr Paron sich ins Kerede kepracht hat,« erwiderte der gute Deutsche, dem nur das Dekorum Sorgen machte. »Ja, maine Keliepte muß in ainer Lage sain, die mainer wirdig ist,« sagte dieser Ludwig XIV. des Bureaus.

Da der Baron gewiß war, Esther früher oder später zu besitzen, so wurde er wieder der große Finanzier, der er war. Er nahm die Leitung seiner Geschäfte so energisch wieder auf, daß sein Kassier, als er ihn am folgenden Tage um sechs Uhr in seinem Arbeitszimmer vorfand, wie er Werte durchsah, sich die Hände rieb. »Entschieten hat der Herr Paron kestern nacht aine Ersparnis kemacht,« sagte er mit dem Lächeln eines Deutschen, der halb schlau, halb albern ist.

Wenn die Leute, die nach Art des Barons von Nucingen reich sind, mehr Gelegenheiten haben als andere, Geld zu verlieren, so haben sie auch mehr Gelegenheiten, welches zu gewinnen, selbst wenn sie sich ihren Torheiten überlassen. Obgleich die Finanzpolitik des berühmten Hauses Nucingen anderswo erklärt ist, so ist es doch wohl nicht unnötig, darauf aufmerksam zu machen, daß sich ein so beträchtliches Vermögen inmitten der geschäftlichen, politischen und industriellen Revolutionen unserer Zeit nicht erwerben, ausbauen, vergrößern und erhalten läßt, ohne daß ungeheure Kapitalsverluste stattfinden oder, wenn man will, ohne daß dem Vermögen der Einzelnen Steuern auferlegt werden. Es werden sehr wenig neue Werte in den Gesamtschatz der Erdkugel eingeführt. Jeder neue wucherische Aufkauf bedeutet eine neue Ungleichheit in der allgemeinen Verteilung. Was der Staat verlangt, gibt er zurück; aber was ein Haus Nucingen nimmt, das behält es. Dieser Dolchstoß entgeht den Gesetzen aus demselben Grunde, der aus Friedrich II. einen Jakob Collin, einen Mandrin gemacht hätte, wenn er, statt mit Schlachten auf die Provinzen einzuwirken, im Schmuggel oder in beweglichen Werten gearbeitet hätte. Die europäischen Staaten zu zwingen, daß sie Anleihen zu zwanzig oder zu zehn Prozent aufnehmen, diese zehn oder zwanzig Prozent mit dem Gelde des Publikums zu verdienen, die Industrien im großen zu prellen, indem man sich der Rohstoffe bemächtigt, dem Gründer eines Geschäfts einen Strick hinzureichen, um ihn überm Wasser zu halten, bis man seine scheintote Unternehmung aufgefischt hat, kurz all diese gewonnenen Schlachten der Taler bilden die hohe Politik des Geldes. Sicherlich kommen sowohl für den Bankier wie für den da, und England wird in gleichem Maße demoralisiert. Das Übel kommt bei uns durch das politische Gesetz. Die Verfassung hat die Regierung des Geldes proklamiert, der Erfolg wird zum letzten Richter einer atheistischen Zeit. Daher ist auch die Verderbtheit der höheren Sphären, trotz vor Gold blendender Ergebnisse und ihrer schönen Gründe, unendlich viel scheußlicher als die unvornehme und gewissermaßen persönliche Verderbtheit der unteren Kreise, aus der einige Einzelheiten dieser Szene als komisches, als, wenn man will, furchtbares Ingrediens dienen. Die Regierung, die jeder neue Gedanke erschreckt, hat die Elemente der gegenwärtigen Komik vom Theater verbannt. Die Bourgeoisie, die weniger liberal ist als Ludwig XIV., zittert davor, ihre ›Hochzeit Figaros‹ zu sehen; sie verbietet, den politischen ›Tartuffe‹ zu spielen; und sicherlich würde sie heute ›Turcaret‹ nicht spielen lassen, denn Turcaret selbst ist zum Souverän geworden. Hinfort wird die Komödie erzählt, und das Buch wird zur, wenn auch weniger rasch wirkenden, so doch sicherern Waffe der Dichter.

Während jenes Morgens, während des Hin und Hers der Audienzen, der erteilten Befehle und der wenige Minuten dauernden Besprechungen, die aus Nucingens Arbeitszimmer eine Art Vorhalle der Finanz machten, meldete ihm einer seiner Wechselmakler, daß ein Mitglied der Gesellschaft, eins der geschicktesten, eins der reichsten, nämlich Jakob Falleix, der Bruder Martin Falleix', der Nachfolger Julius Desmarets, verschwunden war. Jakob Falleix war der offizielle Wechselmakler des Hauses Nucingen. Im Einverständnis mit du Tillet und den Kellers hatte der Baron den Ruin dieses Mannes ebenso kühl heraufbeschworen, als hätte es sich darum gehandelt, zu Ostern ein Lamm zu schlachten.

»Er gonnte sich nicht halten,« sagte der Baron ruhig.

Jakob Falleix hatte dem Börsenwucher ungeheure Dienste geleistet. Während einer Krisis hatte er noch vor ein paar Monaten ›den Platz gerettet‹, indem er ein verwegenes Manöver ausführte. Aber Dankbarkeit von den Lüchsen verlangen, hieße das nicht, im Winter die Wölfe der Ukraine rühren wollen?

»Der arme Mensch!« sagte der Wechselmakler; »er war so wenig auf diese Entwicklung gefaßt, daß er seiner Geliebten in der Rue Saint-Georges noch ein kleines Haus möbliert hatte; er hat hundertfünfzigtausend Franken für Gemälde und Mobiliar ausgegeben. Er liebte Frau du Val-Noble so sehr! … Jetzt muß die Frau all das im Stich lassen … Alles ist noch unbezahlt.« ›Kut, kut!‹ sagte Nucingen bei sich selber, ›da haben wir aine Kelegenheit, maine Verluste der Nacht wieder ainßupringen.‹ »Er hat nichts peßahlt?« fragte er den Wechselmakler. »Oh,« versetzte der Agent, »welches wäre der ungehobelte Lieferant, der Jakob Falleix keinen Kredit gegeben hätte? Es scheint, das Haus hat einen auserlesenen Keller. Nebenbei, das Haus ist zu verkaufen, er wollte es erstehen. Der Mietsvertrag lautet auf seinen Namen. Was für eine Dummheit! Jetzt wird das Silberzeug, das Mobiliar, die Weine, der Wagen und die Pferde – alles wird zur Masse geschlagen, und was werden die Gläubiger davon haben?« »Gommen Se morgen,« sagte Nucingen, »dann hab ich mir das alles ankesehen, und fenn man nicht Gongurs eröffnet und die Tinge kütlich bailegt, werd ich Ihnen keben den Auftrag, ainen verninftigen Brais fier das Mopiliar zu pieten; den Mietsvertrag werd ich iebernehmen … « »Das wird sich machen lassen,« sagte der Wechselmakler. »Gehen Sie heute morgen hin, Sie werden einen der Kompagnons bei den Lieferanten finden, die sich gern ein Vorzugsrecht schaffen möchten; aber die Val-Noble hat ihre Rechnungen, die auf den Namen Falleix lauten.«

Der Baron von Nucingen schickte auf der Stelle einen seiner Kommis zu seinem Notar. Jakob Falleix hatte ihm von diesem Hause gesprochen, das höchstens sechzigtausend Franken wert war; und er wollte sofort den Besitz antreten, um wegen der Mieten ein Pfandvorrecht zu haben.

Der Kassier – der ehrliche Mensch – kam, um zu fragen, ob sein Herr bei dem Bankrott etwas verlöre. »Im Kegenteil, main kuter Wolfkang, ich werde wieder einpringen hunderttausend Franken.« »Und wie?« »Ah, ich werde gaufen das glaine Haus, das der arme Teifel Walleix seit ainem Jahr fier saine Keliepte ainrichtete. Ich werde begommen das Kanze, wenn ich den Kläubikern biete finfzigtausend Franken; und Gartod, mein Nodar, begommt mainen Auftrag fier das Haus, denn der Besitzer sitzt in der Glemme … Ich hab das kewußt, aber ich hatte mainen Gopf nicht mehr. Pald soll maine köttliche Esder ain glaines Balais pewohnen … Walleix hat es mir keßaigt: es ist funderpar, und kanz nah bei … Das paßt mir wie ain Hantschuh.«

Der Konkurs Falleix zwang den Baron, an die Börse zu gehen; aber es war ihm unmöglich, die Rue Saint-Lazare zu verlassen, ohne daß er in der Rue Taitbout vorging; er litt schon darunter, daß er ein paar Stunden ohne Esther verbracht hatte; er hätte sie am liebsten an seiner Seite behalten. Der Gewinn, den er durch die Masse seines Wechselmaklers zu erzielen gedachte, machte ihm den Verlust der vierhunderttausend Franken, die bereits ausgegeben waren, äußerst leicht. Er war entzückt, ›sainem Engel‹ den Umzug aus der Rue Taitbout in die Rue Saint-Georges melden zu können; denn dort würde sie in einem ›glainen Balais‹ sein, und ihrem Glück würden sich keine Erinnerungen entgegenstellen; so schien ihm denn das Pflaster unter den Füßen weich, er schritt dahin wie ein junger Mensch, er war befangen im Traum eines jungen Menschen. An der Ecke der Rue des Trois-Frères sah der Baron mitten in seinem Traum und mitten auf dem Pflaster mit verstörtem Gesicht Europa auf sich zukommen.

»Wohin willst du?« fragte er. »O gnädiger Herr, ich war auf dem Wege zu Ihnen. Sie hatten ganz recht, gestern! Ich sehe jetzt ein, daß die arme gnädige Frau auf ein paar Tage hätte ins Gefängnis gehen sollen. Aber verstehen sich wohl die Frauen auf die Finanzen? … Als die Gläubiger der gnädigen Frau erfuhren, daß sie in ihre Wohnung zurückgekehrt ist, sind sie alle wie über eine Beute über sie hergefallen … Gestern um sieben Uhr abends, gnädiger Herr, haben sie scheußliche Zettel angeklebt, daß Sonnabend ihr Mobiliar verkauft werden soll … Aber das ist noch nichts … Die gnädige Frau ist eben nur Herz, und da hat sie seinerzeit diesem Ungeheuer, Sie wissen ja, einen Gefallen tun wollen!« »Welchem Unkeheier?« »Nun, dem, den sie liebte, diesem von Estourny; oh, er war reizend! nur spielte er.« »Er schbielte mit kestichelten Karten … « »Nun, und Sie? … « sagte Europa, »was treiben Sie an der Börse? Aber lassen Sie mich erzählen. Um also eines Tages Georg daran zu hindern, daß er sich eine Kugel vor den Kopf schoß, hat sie ihr ganzes Silberzeug und ihren Schmuck ins Leihhaus getragen, und beides war nicht bezahlt. Als nun die Leute erfuhren, daß sie einem Gläubiger etwas gegeben hat, sind sie alle gekommen, um ihr eine Szene zu machen. Man droht ihr mit der Polizei … Ihr Engel auf der Anklagebank! – Kann einem da nicht die Perücke überm Kopf zu Berge stehen? … Sie schwimmt in Tränen, sie spricht davon, sich ins Wasser zu werfen … Oh, sie wird es tun!« »Wenn ich mitgomme, dann atiee Pörse!« rief Nucingen; »und es ist unmöglich, daß ich nicht hinkehe; ich will da etwas fier sie gewinnen … Keh und peruhige Mädchen von der Gasse, wenn sie Sie nicht liebte, denn Sie ziehen sie aus einer Hölle … Hat sie erst keine Sorgen mehr, so werden Sie sie kennen lernen. Unter uns, Ihnen kann ich es sagen: in der Nacht, als sie so viel weinte … was wollen Sie! Man will doch auch die Achtung des Mannes, der einen aushalten soll … Sie wagte Ihnen all das nicht zu sagen … Sie wollte durchgehen!« »Durchkehn!« rief der Baron, den dieser Gedanke entsetzte. »Aber die Pörse! die Pörse! Keh, keh, ich gomm jetzt nicht … Aber ich möchte sie am Fenster sehen … Ihr Anplick wird mir Mut keben … «

Esther lächelte Herrn von Nucingen zu, als er vor dem Hause vorüberging; und er schritt schwerfällig weiter, indem er sich sagte: ›Sie ist ain Engel!‹

Um dieses unmögliche Ergebnis herbeizuführen, war Europa auf folgendes Mittel verfallen. Gegen zweieinhalb Uhr hatte Esther sich angezogen, als erwartete sie Lucien; sie war entzückend; und als Prudence sie so sah, sagte sie mit einem Blick aufs Fenster: »Da ist der gnädige Herr!« Das arme Mädchen stürzte hin, weil sie Lucien zu erblicken meinte, und sie sah Nucingen. »Oh, wie du mich quälst!« sagte sie. »Es gab nur dieses Mittel, um den Schein zu wecken, als beachteten Sie einen armen alten Mann, der Ihre Schulden bezahlen wird,« erwiderte Europa; »denn jetzt werden sie alle bezahlt.« »Welche Schulden?« rief dieses Geschöpf, das nur daran dachte, ihre Liebe festzuhalten, die ihr furchtbare Hände entrissen. »Die, die Herr Carlos für die gnädige Frau gemacht hat.« »Wie? Wir haben doch schon fast vierhundertfünfzigtausend Franken!« rief Esther. »Sie haben noch für weitere hundertfünfzigtausend Franken Schulden. Aber der Baron hat all das sehr hübsch hingenommen … Er will Sie hier fortnehmen und in ein ›glaines Balais‹ bringen … Meiner Treu! Unglück haben Sie nicht! An Ihrer Stelle würde ich mir, da Sie diesen Menschen einmal am rechten Ende halten, sobald Sie Carlos befriedigt haben, ein Haus und Renten geben lassen. Die gnädige Frau ist ja die schönste Frau, die ich je gesehen habe, und auch die reizvollste; aber die Häßlichkeit kommt so schnell. Ich bin auch frisch und schön gewesen, und jetzt … ? Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, fast so alt wie die gnädige Frau, und ich sehe zehn Jahre älter aus … Eine Krankheit genügt … Aber wenn man ein Haus in Paris besitzt und seine Renten, so fürchtet man nicht mehr, auf der Straße zu enden … «

Esther hörte Europa, Eugenie, Prudentia Servien nicht mehr zu. Der Wille eines Menschen, der das Genie der Verderbtheit besaß, hatte also Esther mit der gleichen Kraft in den Kot zurückgeschleudert, mit der er sie daraus hervorgezogen hatte. Wer die Liebe in ihrer Unendlichkeit kennt, weiß, daß man ihre Genüsse nicht erlebt, wenn man nicht auch ihre Tugenden anerkennt. Seit der Szene in ihrer Mansarde der Rue de Langlade hatte Esther ihr altes Leben vollständig vergessen. Sie hatte bisher sehr tugendhaft gelebt, eingemauert in ihre Leidenschaft. Daher hatte auch der kluge Verführer das Talent gezeigt, alles so einzufädeln, daß das arme Mädchen, getrieben von ihrer Ergebenheit, nur noch schon vollzogenen Halunkereien oder solchen, die im Begriff standen, vollzogen zu werden, ihre Zustimmung zu geben hatte. Diese Feinheit zeigt die Überlegenheit des Verführers und gibt zugleich einen Fingerzeig über das Verfahren, durch das er Lucien unterworfen hatte. Furchtbare Zwangslagen schaffen, die Mine legen, sie mit Pulver füllen und im kritischen Augenblick zum Komplicen sagen: ›Ein Zucken mit dem Kopf, und alles fliegt in die Luft!‹ … Früher hatte Esther, vollgesogen von der Moral, die den Kurtisanen eigen ist, all diese Späße so natürlich gefunden, daß sie ihre Rivalinnen nur danach bemaß, wieviel sie einen Menschen auszugeben zwangen. sie putzen sich für die Gesellschaft und suchen in ihr ihre Ernte begehrlicher Blicke; aber Esther hatte, ohne daß es ein Opfer war, die Wunder echter Liebe vollbracht. Sie hatte Lucien sechs Jahre lang geliebt, wie die Schauspielerinnen und die Kurtisanen lieben, die, hinabgestoßen in den Schlamm und die Unsauberkeit, nach dem Adel und der Hingebung wahrer Liebe dürsten und die dann ausschließlich in ihr leben. Die entschwundenen Nationen, Griechen land, Rom und der Orient, haben die Frau stets eingesperrt; die Frau, die liebt, sollte sich von selbst einsperren. Man kann sich also denken, daß Esther, als sie aus dem phantastischen Palast kam, in dem sich dieses Fest, diese Dichtung abgespielt hatte, um in das ›glaine Balais‹ eines kalten Greisen hinabzusteigen, von einer Art moralischer Krankheit befallen wurde. Von einer eisernen Hand geschoben, war sie schon bis zur halben Höhe des Körpers hineingewatet in die Ehrlosigkeit, ohne auch nur überlegen zu können; aber seit zwei Tagen dachte sie nach, und sie fühlte tödliche Kälte im Herzen. Bei den Worten: ›auf der Straße zu enden‹ stand sie jäh auf und sagte: »Auf der Straße zu enden? … Nein, eher will ich in der Seine enden … « »In der Seine? … Und Herr Lucien? … « fragte Europa.

Dieses einzige Wort warf Esther in ihren Sessel zurück, in dem sie sitzen blieb, die Augen auf eine Rosette des Teppichs geheftet, während das Brennen des Schädels ihre Tränen verzehrte. Um vier Uhr fand Nucingen seinen Engel versunken in jenen Ozean der Reflexionen, der Entschließungen, auf dem der weibliche Geist zu schwimmen pflegt und aus dem sie mit Worten emportauchen, wie sie allen, die nicht mit ihnen zusammengesegelt sind, unverständlich bleiben.

»Klätten Se die Schdirn, maine Schöne,« sagte der Baron, indem er sich neben sie setzte. »Sie sollen gaine Schulten mehr haben. Ich werde mich verschdändigen mit Eischenie, und in ainem Monat sollen Se verlassen diese Wohnung, um in ain glaines Balais ßu ßiehen … Ach, was fier aine raizende Hand! … Keben Se her, daß ich se kisse.« Esther ließ ihre Hand nehmen, wie ein Hund die Pfote gibt. »Ah! Sie keben die Hant, aber nicht das Herz … und ich liebe das Herz … «

Das wurde mit einem solchen Tonfall der Wahrheit gesagt, daß die arme Esther mit einem Ausdruck des Mitleids, der ihn fast wahnsinnig machte, die Augen auf den Greisen hob. Liebende fühlen sich ebenso wie Märtyrer als Brüder einer und derselben Folter! Nichts in der Welt versteht sich so gut wie zwei gleiche Schmerzen. »Der arme Mensch!« sagte sie, »er liebt.«

Als der Baron diese Worte hörte, deren Sinn er mißverstand, wallte ihm das Blut in den Adern, und er atmete, Himmelsluft. In seinem Alter bezahlen Millionäre eine solche Empfindung mit soviel Gold, wie die Frauen ihnen dafür abverlangen.

»Ich lieb Sie ebensosehr, wie ich maine Tochter liebe! … « sagte er; »und ich fiehle da,« fuhr er fort, indem er die Hand aufs Herz legte, »daß ich Sie nicht anders als klücklich sehen kann.« »Wenn Sie nur mein Vater sein wollten, so würde ich Sie von Herzen lieben, Sie nie mehr verlassen, und Sie würden erkennen, daß ich keine schlechte Frau und weder feil noch habgierig bin, wie es in diesem Augenblick den Anschein hat … « »Sie haben Ihre glainen Tummheiten kemacht,« erwiderte der Baron, »wie alle hibschen Frauen, weiter nix. Reden wir nicht mehr davon. Es ist unser Beruf, fier Sie Keld zu vertienen … Seien Sie klücklich: ich will kern fier ain paar Tage Ihr Vater sain, denn ich verschdehe, daß Sie sich an main armes Kerippe kewöhnen müssen.« »Wahr! … « rief sie, indem sie aufstand und Nucingen auf die Knie sprang, wobei sie ihm die Hand um den Hals legte und sich an ihm festhielt. »Wahr,« erwiderte er, indem er seinem Gesicht ein Lächeln aufzuprägen suchte.

Sie küßte ihn auf die Stirn, sie glaubte an einen unmöglichen Kompromiß: rein bleiben und Lucien sehen … Sie umschmeichelte den Baron so zärtlich, daß die Torpille wieder herausschaute. Sie umgarnte den Greisen, der ihr versprach, vierzig Tage lang Vater zu bleiben. Diese vierzig Tage waren nötig, um das Haus in der Rue Saint-Georges zu erwerben und einzurichten.

Doch als er wieder auf der Straße war und nach Hause ging, sagte er bei sich: ›Ich pin ain Kimpel!‹ Und freilich, wenn er in Gegenwart Esthers zum Kind wurde, so schlüpfte er in ihrer Abwesenheit wieder in seine Luchshaut zurück, genau wie der Spieler wieder in Angelika verliebt ist, wenn er keinen Heller mehr hat. ›Aine halbe Million, und noch nicht ainmal ßu wissen, was fier ain Bain sie hat, das ist doch ßu tumm! Aber ßum Klück wird niemand davon erfahren,‹ sagte er zwanzig Tage darauf.

Und er faßte schöne Entschlüsse, mit einer Frau zu brechen, die er so teuer gekauft hatte; aber sowie er wieder vor Esther stand, brauchte er die ganze Zeit, die er ihr zu widmen hatte, dazu, die Brutalität seiner ersten Anrede wieder gutzumachen. »Ich gann nicht«, sagte er am Ende des Monats zu ihr, »der ewige Vater sain!«

Gegen Ende des Dezember 1829, kurz bevor Esther in das kleine Hotel der Rue Saint-Georges einziehen sollte, bat der Baron du Tillet, Florine dorthin zu führen und zu sehen, ob alles mit dem Vermögen Nucingens im Einklang sei und ob die Worte ›ain glaines Balais‹ durch die Künstler, die dieses Bauer des Vogels hatten würdig machen sollen, zur Wirklichkeit geworden wären. Alle Erfindungen, die der Luxus vor der Revolution von 1830 gemacht hatte, erhoben dieses Haus zum Typus des guten Geschmacks. Der Architekt Grindot hatte das Meisterwerk seines Talents als Dekorateur geliefert. Die neu errichtete Marmortreppe, die Stuckarbeiten, die Stoffe, die sparsam angebrachten Vergoldungen, die kleinsten Einzelheiten wie die großen Wirkungen übertrafen alles, was das Jahrhundert Ludwigs XV. in dieser Art in Paris geschaffen hatte.

»Das ist mein Traum: das und die Tugend!« sagte Florine lächelnd. »Und für wen machst du diese Ausgaben?« fragte sie Nucingen. »Ist es eine Jungfrau, die sich hat vom Himmel herabfallen lassen?« »Es ist aine Frau, die wieder hinaufschdaigt,« erwiderte der Baron. »Auch eine Art, dich als Jupiter aufzuspielen,« rief die Schauspielerin. »Und wann wird man sie sehen?« »Oh, an dem Tage, an dem der Einweihungsschmaus gegeben wird,« rief du Tillet. »Eher nicht … « sagte der Baron. »Für den Abend wird man sich hübsch bürsten und schnüren und putzen müssen,« erwiderte Florine. »Oh, wieviel Mühe werden die Frauen ihren Schneiderinnen und Friseuren machen! … Und wann?« »Ich bin nicht der Herr.« »Das ist mir eine Frau! … « rief Florine. »Oh, wie gern ich sie einmal sähe!« »Ich auch,« versetzte der Baron naiv. »Wie! Haus, Frau und Möbel, alles wird neu sein?« »Selbst der Bankier,« sagte du Tillet, »denn mein Freund scheint mir recht jung.« »Er muß ja auch«, sagte Florine, »seine zwanzig Jahre wiederfinden; wenigstens für einen Augenblick.«

In den ersten Tagen des Jahres 1830 sprach in Paris jedermann von Nucingens Leidenschaft und von dem wahnsinnigen Luxus seines Hauses. Der arme Baron, der sich so im Gerede und verhöhnt sah, geriet in eine Wut, die man sich leicht vorstellen kann, und er setzte sich den Willen eines Geldmannes in den Kopf, der mit der Leidenschaft seines Herzens im Einklang stand. Er wünschte nach dem Einweihungsschmaus das Gewand des edlen Vaters an den Nagel zu hängen und den Erlös so vieler Opfer einzustreichen. Da die Torpille ihn stets aus dem Felde schlug, entschloß er sich, die Angelegenheit seiner Eheschließung brieflich zu behandeln, um ein schriftliches Versprechen von ihr zu erhalten. Bankiers glauben nur an Wechselbriefe. Der Luchs stand also an einem der ersten Tage dieses Jahres früh auf, schloß sich in seinem Arbeitszimmer ein und begann den folgenden Brief zu verfassen, den er in gutem Französisch schrieb; denn so schlecht seine Aussprache war, so gut war seine Orthographie.

»Teure Esther, Blüte meiner Gedanken und einziges Glück meines Lebens! Als ich Ihnen sagte, daß ich Sie wie meine Tochter liebte, täuschte ich Sie und täuschte mich selber. Ich wollte Ihnen auf diese Weise nur die Heiligkeit meiner Empfindungen ausdrücken, die keiner von denen gleichen, wie die Männer sie sonst gefühlt haben; denn erstens bin ich ein Greis und zweitens hatte ich noch nie geliebt. Ich liebe Sie so sehr, daß ich Sie nicht weniger lieben würde, wenn Sie mich auch mein Vermögen kosten würden. Seien Sie gerecht! Die meisten Männer hätten nicht wie ich einen Engel in Ihnen gesehen; ich habe nie einen Blick auf Ihre Vergangenheit geworfen. Ich liebe Sie zugleich, wie ich meine Tochter Augusta liebe, die mein einziges Kind ist, und wie ich meine Frau lieben würde, wenn meine Frau mich hätte lieben können. Wenn das Glück die einzige Rechtfertigung eines verliebten Greisen ist, so fragen Sie sich, ob ich nicht eine lächerliche Rolle spiele. Ich habe aus Ihnen den Trost und die Freude meiner alten Tage gemacht. Sie wissen ja, daß Sie bis zu meinem Tode so glücklich sein werden, wie eine Frau es nur sein kann; und Sie wissen auch, daß Sie nach meinem Tode reich genug sein werden, um Ihr Schicksal vielen Frauen beneidenswert erscheinen zu lassen. Von allen Geschäften, die ich mache, seit ich das Glück gehabt habe, mit Ihnen zu sprechen, wird im voraus Ihr Anteil erhoben, und Sie haben Ihr Konto im Hause Nucingen. Wert darauf. Nun, wenn ich Ihnen alles gäbe, was ich besitze, und dadurch als Armer Ihre Liebe gewinnen könnte, so würde ich lieber arm und von Ihnen geliebt sein, als reich und verschmäht. Sie haben mich so sehr verwandelt, meine teure Esther, daß mich niemand mehr erkennt: ich habe für ein Bild von Joseph Bridau zehntausend Franken bezahlt, weil Sie mir gesagt hatten, daß er ein verkannter Mann von Talent sei. Und allen Armen, denen ich begegne, gebe ich in Ihrem Namen fünf Franken. Nun, und was verlangt der arme Greis, der sich als Ihren Schuldner ansieht, wenn Sie ihm die Ehre erweisen, irgend etwas anzunehmen? … Er will nur eine Hoffnung; und was für eine Hoffnung! Großer Gott! Ist es nicht vielmehr die Gewißheit, von Ihnen nie mehr zu erlangen, als was meine Leidenschaft von Ihnen nehmen wird? Aber das Feuer meines Herzens wird Ihrer grausamen Täuschung helfen. Sie sehen mich bereit, mich allen Bedingungen zu fügen, die Sie mir für mein Glück, für meine seltenen Genüsse stellen mögen; aber wenigstens sagen Sie mir, daß Sie an dem Tage, an dem Sie von Ihrem Hause Besitz ergreifen werden, das Herz und die Knechtschaft dessen annehmen wollen, der sich für den Rest seiner Tage nennt

Ihren Sklaven

Friedrich von Nucingen.«

»Ach, er langweilt mich, dieser Millionentopf!« rief Esther aus, da sie wieder zur Kurtisane geworden war. Und sie nahm Briefpapier und schrieb, so oft das Blatt es zuließ, den berühmten Satz, der zu Scribes Ruhm sprichwörtlich geworden ist: ›Nehmen Sie meinen Bären!‹

Eine Viertelstunde darauf schrieb Esther, von Gewissensbissen gepackt, folgenden Brief:

»Herr Baron!

Schenken Sie dem Brief, den Sie von mir erhalten haben, nicht die geringste Beachtung, ich hatte einen Rückfall in die tolle Art meiner Jugend; verzeihen Sie ihn einem armen Mädchen, das Sklavin sein soll. Ich habe die Niedrigkeit meines Standes nie schärfer empfunden als seit dem Tage, da ich Ihnen überliefert wurde. Sie haben gezahlt, ich schulde mich. Nichts ist heiliger als die Schulden der Unehre. Ich habe nicht das Recht, zu ›liquidieren‹, indem ich mich in die Seine werfe. Mit dieser furchtbaren Münze, die nur für die eine Seite gut ist, kann man eine Schuld immer bezahlen. Ich stehe Ihnen also zur Verfügung. Ich will in einer einzigen Nacht alle Summen zahlen, die für diesen verhängnisvollen Augenblick verpfändet sind, und ich bin überzeugt, daß eine Stunde bei mir Millionen wert ist, um so mehr, als es die einzige, die letzte sein soll. Nachher werde ich frei sein; dann kann ich aus dem Leben scheiden. Eine anständige Frau hat die Möglichkeit, sich von einem Fall wieder zu erheben; aber wir, wir fallen zu tief. Deshalb steht mein Entschluß auch so fest, daß ich Sie bitte, diesen Brief aufzuheben als Zeugnis für die Ursache des Todes derer, die sich auf einen Tag nennt

Ihre Dienerin

Esther.«

Als dieser Brief abgegangen war, kam Esther ein Bedauern an. Zehn Minuten später schrieb sie den dritten Brief, der hier folgt.

»Verzeihen Sie, lieber Baron, ich bin es noch einmal. Ich habe mich weder über Sie lustig machen noch Sie verletzen wollen; ich will Sie nur zum Nachdenken über diesen einzigen Gedankengang bringen: wenn wir in den Beziehungen eines Vaters zu seiner Tochter leben, so haben Sie einen schwachen, aber dauerhaften Genuß; wenn Sie die Erfüllung des Vertrags verlangen, so werden Sie mich beweinen. Ich will Sie nicht länger langweilen: der Tag, an dem Sie statt des Glücks den Genuß erwählen, wird für mich ohne ein Morgen sein.

Ihre Tochter

Esther.«

Bei dem ersten Brief geriet der Baron in jenen kalten Grimm, der die Millionäre töten kann; er sah sich in dem Spiegel und schellte. »Ain Fußpad! … « rief er seinem neuen Kammerdiener zu.

Während er das Fußbad nahm, kam der zweite Brief; er las ihn und fiel bewußtlos zu Boden. Man trug den Millionär auf sein Bett. Als der Geldmann wieder zu sich kam, saß Frau von Nucingen am Fuß des Bettes.

»Dies Mädchen hat recht!« sagte sie. »Weshalb wollen Sie die Liebe kaufen? Zeigen Sie mir Ihren Brief.« Der Baron gab die verschiedenen Entwürfe her, die er gemacht hatte. Frau von Nucingen las sie lächelnd. Der dritte Brief kam.

»Das ist ein erstaunliches Mädchen!« rief die Baronin, nachdem sie auch diesen letzten Brief gelesen hatte. »Was tun, knätige Frau?« fragte der Baron. »Warten.« »Warten?« erwiderte er; »die Nadur ist unerpittlich … « »Hören Sie, mein Lieber,« sagte die Baronin, »Sie haben sich endlich vortrefflich zu mir gestellt; ich werde Ihnen einen guten Rat geben.« »Sie sind aine kute Frau!« sagte er. »Machen Se Schulden, ich peßahle sie … « »Was Ihnen beim Empfang der Briefe dieses Mädchens widerfahren ist, rührt eine Frau mehr als verschwendete Millionen und alle Briefe, so schön sie auch sein mögen; versuchen Sie, daß sie es auf Umwegen erfahre, dann werden Sie sie vielleicht besitzen! Und … haben Sie keine Angst, sie wird nicht daran sterben,« sagte sie, indem sie ihren Gatten mit dem Blick maß.

Frau von Nucingen hatte keine Ahnung vom Wesen der Dirne.

›Wieviel Keist die Frau von Nischinguen hat!‹ sagte der Baron bei sich selber, als seine Frau ihn allein gelassen hatte.

Aber je mehr der Baron die Feinheit des Rats, den die Baronin ihm gegeben hatte, bewunderte, um so weniger erriet er, wie er sich seiner bedienen sollte. Er fand sich nicht nur borniert, sondern er sagte es sich auch.

Obgleich die Borniertheit des Geldmannes fast sprichwörtlich geworden ist, ist sie nur relativ. Es geht mit den Fähigkeiten unseres Geistes wie mit den Begabungen unseres Körpers. Der Tänzer trägt seine ganze Kraft in den Füßen, der Schmied die seine in den Armen; der Athlet der Markthalle übt sich darin, Lasten zu tragen, der Sänger bearbeitet seinen Kehlkopf, und der Pianist stählt sein Handgelenk. Ein Bankier gewöhnt sich daran, Geschäfte auszutüfteln und zu studieren, die Interessen in Bewegung zu bringen, wie ein Schwankdichter sich darauf dressiert, Situationen auszutüfteln und Personen in Bewegung zu bringen. Man darf sowenig vom Baron von Nucingen Geist in der Unterhaltung verlangen, wie man die Bilder des Dichters im Begriffsvermögen des Mathematikers suchen darf. Wieviel Dichter trifft man in einer Epoche, die Prosaisten wären oder geistreich im Verkehr des Lebens wie Frau Cornuel? Buffon war schwerfällig, Newton hat nie geliebt, Byron hat kaum jemanden außer sich selbst geliebt, Rousseau war finster und fast wahnsinnig, Lafontaine war zerstreut. Gleichmäßig verteilt, schafft die menschliche Kraft nur Dummköpfe und die Mittelmäßigkeit; ungleich verteilt, erzeugt sie jene Mißverhältnisse, denen man den Namen des Genies gibt und die in der sichtbaren Welt Mißgestaltungen ergeben würden. Das gleiche Gesetz regiert den Körper: konnte das Mittel ausbeuten, das die Baronin gefunden hatte. Der Baron bereute bitter, sich mit der verhaßten Kleiderhändlerin überwerfen zu haben. Da er aber auf den Magnetismus seiner Kasse und auf die Beruhigungsmittel, die die Unterschrift des Finanzministeriums trugen, vertraute, so schellte er trotzdem seinem Kammerdiener und befahl ihm, sich in der Rue Neuve Saint-Marc nach jener scheußlichen Witwe zu erkundigen und sie um ihren Besuch zu bitten. In Paris finden sich die Gegensätze durch die Leidenschaften. Das Laster lötet dort beständig den Reichen an den Armen, den Großen an den Kleinen. Die Kaiserin frägt Frau Lenormand um Rat. Und der große Herr findet dort von Jahrhundert zu Jahrhundert einen Ramponeau.

Der neue Kammerdiener kam nach zwei Stunden zurück. »Herr Baron,« sagte er, »Frau von Saint-Estève ist ruiniert.« »Ah, um so pesser!« sagte der Baron freudig; »ich habe sie!« »Die gute Frau ist, wie es scheint, ein wenig Spielerin,« fuhr der Kammerdiener fort. »Obendrein steht sie unter der Herrschaft eines kleinen Schauspielers der Theater der Bannmeile, den sie um des Anstandes willen als ihr Patenkind ausgibt. Es scheint, sie ist eine ausgezeichnete Köchin; sie sucht eine Stellung.« ›Diese verteifelten Subaldernschenies haben ßehn Arten, Keld ßu vertienen, aber ßwölf, um es ausßukeben,‹ sagte der Baron bei sich selber, ohne zu ahnen, daß er sich mit Panurg begegnete.

Er schickte seinen Diener von neuem auf die Suche nach Frau von Saint-Estève, die jedoch erst am folgenden Tage kam. Da Asien ihn ausfragte, so erzählte der neue Kammerdiener diesem weiblichen Spion, welche furchtbare Wirkung die von der Geliebten des Herrn Baron geschriebenen Briefe gehabt hatten.

»Der gnädige Herr muß diese Frau sehr lieben, denn er ist fast gestorben. Ich habe ihm den Rat gegeben, nicht wieder zu ihr zu gehen, da würde er bald sehen, wie man ihm schmeichelte. Eine Frau, die den Herrn Baron, wie man sagt, schon fünfhunderttausend Franken gekostet hat, nicht zu rechnen, was er für das kleine Hotel der Rue Saint-Georges ausgegeben hat! Aber diese Frau will Geld und nichts als Geld. Als die Frau Baronin den gnädigen Herrn verließ, sagte sie lachend: ›Wenn das so weitergeht, wird mich dieses Mädchen zur Witwe machen.‹« »Teufel!« erwiderte Asien, »töten darf man die Henne mit den goldenen Eiern nicht.« »Der Herr Baron setzt seine Hoffnung nur noch auf Sie,« sagte der Kammerdiener. »Ah, weil ich es verstehe, die Franken in Gang zu bringen! … « »Nun, treten Sie ein,« sagte der Kammerdiener, indem er sich vor dieser okkulten Macht demütigte.

»Also,« sagte die falsche Saint-Estève, indem sie mit demütiger Miene bei dem Kranken eintrat, »der Baron hat also kleine Widerwärtigkeiten? Was wollen Sie? Jedermann wird in seiner Schwäche getroffen. Auch ich habe Unglück erlebt. In zwei Monaten hat sich das Glücksrad für mich sonderbar gedreht! Da suche ich jetzt eine Stellung … Wir sind beide nicht vernünftig gewesen. Wenn der Herr Baron mich als Köchin in Fräulein Esthers Haus aufnehmen wollte, so hätte er in mir die Ergebenste der Ergebenen, und ich könnte ihm recht nützlich sein, indem ich Eugenie und die gnädige Frau überwachte.« »Darum hantelt es sich nicht,« sagte der Baron. »Ich gann nicht so weit gommen, daß ich Herr werde; und man fiehrt mich an der Nase … « »Wie einen Kreisel,« unterbrach Asien ihn. »Sie haben die andern genasführt, Papa, jetzt hält Sie die Kleine fest und behandelt Sie schnöde … Der Himmel ist gerecht!« »Kerecht?« rief der Baron. »Ich habe dich nicht lassen gommen, um Moral ßu hören … « »Bah, mein Sohn, ein wenig Moral schadet nichts. Sie ist das Salz des Lebens für uns, wie es für die Frommen das Laster ist. Lassen Sie sehen, sind Sie großmütig gewesen? Haben Sie ihre Schulden bezahlt?« »Ja,« sagte der Baron jämmerlich. »Gut. Sie haben auch ihre Sachen ausgelöst, das ist noch besser; aber geben Sie zu, es ist nicht genug; damit kann sie noch nichts anfangen, und solche Geschöpfe lieben es, zu verschwenden.« »Ich pereite ihr aine Ieberraschung vor, in der Rie Sainte-Schorsche … Sie waiß es,« sagte der Baron. »Aber ich will kain Kimpel sain.« »Gut, so verlassen Sie sie … « »Ich firchte, sie läßt mich kehn!« rief der Baron. »Und wir wollen doch etwas für unser Geld, mein Sohn?« erwiderte Asien. »Hören Sie. Wir haben ja das Publikum um all die Millionen gerupft, mein Kleiner. Man sagt, Sie besäßen fünfundzwanzig davon.«

Der Baron konnte sich nicht enthalten, zu lächeln.

»Also, Sie müssen eine davon hergeben … « »Ich käbe sie schon her,« erwiderte der Baron, »aber sowie ich sie herkekeben habe, wird man aine ßwaite verlangen.« »Ja, ich verstehe,« sagte Asien, »Sie wollen nicht b sagen, weil Sie fürchten, es könne bis zum z so weiter gehen. Esther ist aber ein anständiges Mädchen.« »Ain sehr anschdändikes Mädchen!« rief der Baron; »sie will sich ja erkeben, aber wie man aine Schuld peßahlt.« »Kurz, sie will nicht Ihre Geliebte werden, sie hat den Widerwillen. Und ich begreife es. Das Kind hat immer ihren Launen gehorcht. Wenn man nur reizende junge Leute gekannt hat, kümmert man sich wenig um einen Greisen … Schön sind Sie nicht! Sie sind dick wie Ludwig XVIII. und ein wenig Dummkopf, wie alle, die dem Glück schmeicheln, statt sich mit den Frauen abzugeben. Nun, wenn Sie auf sechshunderttausend Franken nicht sehen,« sagte Asien, »so übernehme ich es, sie für Sie ganz zu dem zu machen, was Sie nur wünschen mögen.« »Sechshünderttausend Franken!« rief der Baron mit einem kleinen Ruck nach hinten. »Esder gostet mich schon aine Million!« »Das Glück ist wohl sechzehnhunderttausend Franken wert, mein dicker Wüstling. Sie kennen Männer in unserer Zeit, die sicherlich mehr als eine oder zwei Millionen mit ihren Geliebten aufgegessen haben. Ich kenne sogar Frauen, die das Leben gekostet haben, und für die man seinen Kopf in einen Sack gespien hat … Sie wissen, der Arzt, der seinen Freund vergiftete? … Der wollte reich werden, um das Glück einer Frau zu machen.« »Ja, ich waiß; aber wenn ich auch verliept bin, so bin ich doch kain Tummkopf; hier wenigstens nicht; denn wenn ich sie sehe, so würde ich ihr maine Brieftasche keben.«

»Hören Sie, Herr Baron,« sagte Asien, indem sie eine Semiramispose einnahm, »man hat Sie schon genug ausgespült. So wahr ich mich Saint-Estève nenne, im Geschäft, versteht sich, ich ergreife Ihre Partei.« »Kut! … Ich werde dich pelohnen.« »Ich glaube es; denn ich habe Ihnen gezeigt, daß ich mich zu rächen weiß. Erfahren Sie es übrigens, Papa,« sagte sie, indem sie ihm einen furchtbaren Blick zuwarf, »ich habe ein Mittel, Ihnen Fräulein Esther wegzuschnappen, wie man eine Kerze schnäuzt. Und ich kenne meine Frau! Wenn das kleine Weib Ihnen das Glück gegeben hat, so wird sie Ihnen notwendiger sein, als sie es jetzt ist. Sie haben mich gut bezahlt; Sie haben sich das Ohr ziehen lassen, aber schließlich haben Sie geblecht! Ich meinerseits habe meine Verpflichtungen erfüllt, nicht wahr? Gut also, ich will Ihnen einen Handel vorschlagen.« »Lassen Sie sehen.« »Sie geben mich der gnädigen Frau zur Köchin; Sie nehmen mich auf zehn Jahre; ich erhalte tausend Franken Lohn, die letzten fünf Jahre zahlen Sie im voraus … Ein Gottespfennig, wie? Bin ich einmal bei der gnädigen ›Wie recht man hat, viel Keld ßu pesitzen.‹ Und er sprang aus dem Bett, ging in seine Bureaus und nahm mit freudigem Herzen die Leitung seiner ungeheuren Geschäfte wieder auf.

Nichts konnte für Esther verhängnisvoller sein als der Entschluß, zu dem Nucingen gekommen war. Die arme Kurtisane verteidigte ihr Leben, indem sie sich gegen die Untreue wehrte. Carlos nannte diese so natürliche Verteidigung Ziererei. Nun machte Asien sich auf – nicht ohne die für einen solchen Fall vorgesehenen Sicherheitsmaßregeln –, um Carlos mitzuteilen, was für eine Unterredung sie mit dem Baron gehabt und wieviel Nutzen sie daraus gezogen hatte. Der Zorn dieses Menschen war so furchtbar wie er selbst; er fuhr auf der Stelle im Wagen mit herabgelassenen Vorhängen zu Esther und ließ den Wagen in den Torweg hineinfahren. Noch fast weiß, als er hinaufstieg, so trat dieser doppelte Fälscher vor das arme Mädchen; sie sah ihn an, sie stand aufrecht da und fiel, als brächen ihr die Beine, in einen Sessel.

»Was haben Sie?« fragte sie, an allen Gliedern zitternd. »Laß uns allein, Europa,« sagte er zu der Kammerfrau. Esther sah dieses Mädchen an, wie ein Kind seine Mutter angesehen hätte, von der ein Mörder es trennen wollte, um es töten zu können.

»Wissen Sie, wohin Sie Lucien schicken werden?« fragte Carlos, als er mit Esther allein war. »Wohin?« fragte sie mit schwacher Stimme, während sie es wagte, ihren Henker anzusehen. »Dahin, woher ich komme, mein Juwel.« Esther sah alles rot, als sie diesen Menschen anblickte. »Auf die Galeeren!« fügte er mit leiser Stimme hinzu. Esther schloß die Augen, ihre Beine streckten sich, ihre Arme fielen herab, sie wurde weiß.

Carlos schellte, Prudence erschien. »Bring sie wieder zum Bewußtsein,« sagte er kühl, »ich bin noch nicht fertig.« Er ging im Salon auf und ab, während er wartete. Prudence-Europa sah sich gezwungen, den gnädigen Herrn zu bitten, daß er Esther aufs Bett trüge; er nahm sie mit einer Leichtigkeit auf, die athletische Kraft verriet. Man mußte die schärfsten Mittel holen, die die Pharmazie besitzt, um Esther der Empfindung für ihre Leiden zurückzugeben. Eine Stunde darauf war das arme Mädchen wieder imstande, diesem leibhaftigen Alp zuzuhören; er saß am Fuß des Bettes, sein starrer Blick blendete wie zwei Strahlen geschmolzenen Bleies.

»Mein kleines Herz,« fuhr er fort, »Lucien steht zwischen einem glänzenden, ehrenvollen, glücklichen, würdigen Leben und dem Loch voll Wasser, Schlamm und Kieseln, in das er sich werfen wollte, als ich ihm begegnete. Das Haus Grandlieu verlangt von dem teuren Kinde einen Landsitz zu einer Million, ehe es ihm den Marquistitel erwirken und ihm die lange Stange namens Klotilde reichen will, mit deren Hilfe er zur Macht emporsteigen wird. Dank uns beiden hat Lucien soeben das mütterliche Schloß erwerben können, das nicht viel gekostet hat: dreißigtausend Franken; aber es ist seinem Anwalt durch glückliche Unterhandlungen gelungen, für eine Million Land daran anzugliedern, auf das wir dreihunderttausend Franken bezahlt haben. Das Schloß, die Kosten, die Provisionen für die, die wir vorgeschoben haben, um den Leuten im Lande dort die Geschichte zu verbergen, haben den Rest verschlungen. Wir haben freilich noch hunderttausend Franken in Aktien, die in ein paar Monaten zwei- bis dreihunderttausend Franken wert sein werden; aber dann bleiben immer noch vierhunderttausend Franken zu bezahlen … In drei Tagen kehrt Lucien aus Angoulême zurück; denn dorthin ist er gegangen, weil er nicht in Verdacht kommen darf, sein Vermögen gefunden zu haben, indem er Ihre Matratzen kämmte … « »O nein,« sagte sie, indem sie mit wundervoller Bewegung die Augen hob. »Ich frage Sie, ist dies der Augenblick, um den Baron zu erschrecken?« sagte er ruhig. »Und vorgestern haben Sie ihn fast getötet! Er ist wie eine Frau in Ohnmacht gefallen, als er Ihren zweiten Brief las. Sie haben einen famosen Stil, ich mache Ihnen mein Kompliment. Wenn der Baron gestorben wäre, was sollte da aus uns werden? Wenn Lucien Saint-Thomas d'Aquin als Schwiegersohn des Herzogs von Grandlieu verläßt und Sie wollen dann in die Seine … nun, mein Liebchen, dann reiche ich Ihnen die Hand, um den Kopfsprung gemeinsam zu machen. Das ist auch eine Art, allem ein Ende zu machen. Aber denken Sie doch ein wenig nach! Wäre es nicht besser, am Leben zu bleiben und sich von Stunde zu Stunde zu sagen: ›Welch glänzendes Los, welche glückliche Familie!‹ Denn er wird Kinder haben … Kinder! … Haben Sie je an das Vergnügen gedacht, mit den Händen durch das Haar seiner Bänder zu streichen?« Esther schloß die Augen und schauderte leicht. »Nun, wenn man das Gebäude eines solchen Glückes sieht, so sagt man sich: Das ist mein Werk!«

Es entstand eine Pause, während derer diese beiden Wesen sich ansahen. »Das habe ich versucht, aus einer Verzweiflung zu machen, die sich ins Wasser stürzen wollte,« fuhr Carlos fort. »Bin ich ein Egoist? So liebt man! So gibt man sich nur Königen hin; aber ich habe Lucien zum König geweiht! Man könnte mich für den Rest meiner Tage an meine alte Kette schmieden, und mir scheint, ich würde ruhig bleiben, wenn ich mir sagte: Er tanzt, er ist bei Hofe! Meine Seele und mein Denken würden triumphieren, während mein Madensack den Stockmeistern preisgegeben wäre. Sie sind ein elendes Weibchen, Sie lieben als Weibchen! Aber die Liebe sollte für eine Kurtisane wie für alle entarteten Wesen ein Mittel sein, der Natur, die Sie mit Unfruchtbarkeit schlägt, zum Trotz Mutter zu werden! Wenn man je unter der Haut des Abbés Carlos Herrera den Sträfling wiederfände, der ich früher war, wissen Sie, was ich da tun würde, um Lucien nicht zu kompromittieren?« Esther erwartete die Antwort nicht ohne Angst. »Also,« fuhr er nach einer leichten Pause fort, »ich würde wie die Neger sterben, indem ich meine Zunge hinunterwürgte. Und Sie geben ihnen mit Ihrem Geziere meine Spur an! Was hatte ich von Ihnen verlangt? … Daß Sie auf sechs Monate, auf sechs Wochen den Rock der Torpille wieder anziehen, um eine Million zu ergattern … Lucien wird Sie nie vergessen! Die Männer vergessen das Wesen nicht, an das sie ein Glück erinnert, dessen man sich jeden Morgen freut, weil man stets als Reicher erwacht. Lucien ist mehr wert als Sie … Er hat erst Coralie geliebt; sie stirbt, gut; aber er hatte kein Geld, um sie beerdigen zu lassen; er machte es nicht, wie Sie es eben gemacht haben: er ist, obwohl er ein Dichter war, nicht ohnmächtig geworden; er schrieb sechs lustige Liedchen, und er erhielt dreihundert Franken dafür, mit denen er Coralies Begräbnis bezahlen konnte. Ich besitze die Lieder, ich kenne sie auswendig. Nun, dichten Sie Ihre Lieder: seien Sie lustig, seien Sie toll! Seien Sie unwiderstehlich und … unersättlich! Sie haben mich verstanden? Zwingen Sie mich nicht, noch einmal zu reden … Küssen Sie Papa. Adieu.«

Als Europa eine halbe Stunde darauf bei ihrer Herrin eintrat, fand sie sie auf den Knien vor einem Kruzifix in der Stellung, die der religiöseste Maler Moses vor dem Busche Horeb gegeben hat, um die tiefe und vollkommene Andacht vor Jehova auszudrücken. Esther hatte ihre letzten Gebete gesprochen und verzichtete auf ihr schönes Leben, auf die Ehre, die sie sich geschaffen hatte, auf ihren Ruhm, auf ihre Tugenden und ihre Liebe. Sie stand auf.

»O gnädige Frau, so werden Sie nie wieder aussehen!« rief Prudence Servien, da die wunderbare Schönheit ihrer Herrin sie vor Staunen erstarren ließ. Schnell wandte sie den Spiegel so, daß das arme Mädchen sich sehen konnte. Die Augen hatten gerade noch einen Rest der Seele in sich, die zum Himmel entflog. Der Teint der Jüdin glitzerte. Ihre Wimpern, die feucht waren von Tränen, obwohl das Feuer des Gebets sie getrocknet hatte, glichen dem Laub nach einem Sommerregen; die Sonne der reinen Liebe ließ sie zum letztenmal auffunkeln. Die Lippen bewahrten gleichsam noch einen Ausdruck von den letzten Anrufungen der Engel her, denen sie ohne Zweifel die Palme des Martyriums entliehen hatte, indem sie ihnen ihr fleckenloses Leben anvertraute. Kurz, sie hatte die Majestät, in der Maria Stuart erglänzen mußte, als sie ihrer Krone, der Erde und der Liebe Lebwohl sagte. »Ich wollte, Lucien sähe mich so,« sagte sie, indem sie sich einen erstickten Seufzer entschlüpfen ließ. »Und jetzt«, fuhr sie mit vibrierender Stimme fort, »wollen wir ›schwindeln‹ … «

Europa stand, als sie dieses Wort vernahm, ganz blöde da, so wie sie wohl dagestanden hätte, wäre ihr die Lästerung eines Engels ins Ohr geklungen. »Nun, was hast du denn zu starren, ob ich Gewürznelken im Munde habe statt der Zähne? Ich bin jetzt nur noch ein ehrloses und unsauberes Geschöpf, eine Dirne, eine Gaunerin, und ich erwarte Mylord. Laß also ein Bad heizen und bereite mir meine Toilette. Es ist zwölf Uhr; der Baron wird wohl nach der Börse kommen; ich werde ihm schreiben, daß ich ihn erwarte; und ich hoffe, daß Asien ihm ein allerliebstes Diner bereitet; ich will ihn rasend machen, diesen Menschen … Vorwärts! Los, los! meine Tochter … Wir wollen lachen, das heißt wir wollen ›arbeiten‹.«

Sie setzte sich an ihren Tisch und schrieb den folgenden Brief:

»Mein Freund, wenn die Köchin, die Sie mir ge schickt haben, nicht schon in meinen Diensten gestanden hätte, so könnte ich glauben, es wäre Ihre Absicht, mich wissen zu lassen, wie oft Sie vorgestern bei Empfang meiner drei Briefe ohnmächtig geworden sind. – Was wollen Sie? Ich war an jenem Tage sehr nervös, ich ging die Erinnerungen meiner beklagenswerten Existenz noch einmal durch. – Aber ich kenne Asiens Aufrichtigkeit. Ich bereue also nicht mehr, Ihnen einigen Kummer gemacht zu haben, denn es hat mir beweisen müssen, wie teuer ich Ihnen bin. Wir sind einmal so, wir verachteten Geschöpfe; echte Liebe rührt uns mehr, als wenn wir der Anlaß wahnsinniger Ausgaben sind. Ich selbst habe immer gefürchtet, ich wäre nur der Kleiderhaken, an dem Sie Ihre Eitelkeiten aufhingen. Es langweilte mich, Ihnen nichts anderes zu sein. Ja, trotz Ihrer schönen Beteuerungen glaubte ich, Sie hielten mich für eine gekaufte Frau. Nun, jetzt werden Sie in mir also ein braves Mädchen finden, freilich unter der Bedingung, daß Sie mir immer noch ein klein wenig gehorchen. Wenn dieser Brief bei Ihnen die Verordnungen des Arztes ersetzen kann, so werden Sie es mir beweisen, indem Sie mich nach der Börse aufsuchen. Sie werden die unter den Waffen und mit Ihren Gaben geschmückt vorfinden, die sich zeit ihres Lebens Ihre Vergnügungsmaschine nennt,

Ihre

Esther.«

An der Börse war der Baron von Nucingen so lustig, so zufrieden, scheinbar so umgänglich, und er erlaubte sich so viel Scherze, daß du Tillet und die Kellers, die anwesend waren, sich nicht enthalten konnten, ihn nach dem Grunde seiner guten Laune zu befragen. »Ich werde keliept … Wir werden bald den Einwaihungsschmaus abhalten,« sagte er zu du Tillet. »Wie teuer kommt Sie das?« fragte Franz Keller scharf zurück; »Frau Coleville soll ihn im Jahr fünfundzwanzigtausend Franken gekostet haben.« »Nie hat mich diese Frau, die ain Engel ist, um ßwei Heller kepeten.« »So macht man es nie,« erwiderte du Tillet. »Um niemals etwas erbitten zu brauchen, legen sie sich Tanten oder Mütter zu.«

Siebenmal sagte der Baron auf der Fahrt von der Börse bis zur Rue Taitbout zu seinem Kutscher: »Sie fahren ja nicht, prauchen Se doch die Beitsche! … «

Er kletterte behend hinauf und fand seine Geliebte zum erstenmal so schön, wie es jene Mädchen sind, deren einzige Beschäftigung die Sorge für ihre Toilette und ihre Schönheit ist. Sie kam eben aus dem Bad, und die Blume war frisch und duftete, daß sie einem Robert von Arbrissel Begierden hätte einflößen können. Esther war in einer entzückenden Toilette. Eine Jacke aus schwarzem Rips, besetzt mit Posamenten aus rosa Seide, fiel offen über einen Rock aus grauem Satin herab; es war das Kostüm, in dem sie später die schöne Amigo in den ›Puritani‹ spielte. Eine Brustkrause aus englischen Spitzen fiel leicht auf die Schultern herab. Die Ärmel des Kleides waren von Schnüren gehalten, um die Puffen abzuteilen, die die anständigen Frauen seit einiger Zeit an Stelle der zu ungeheuerlich gewordenen Keulenärmel trugen. Esther hatte auf ihrem prachtvollen Haar eine Haube aus Mechelner Spitzen befestigt, die immer fallen zu wollen schien und doch nicht fiel; die ihr den Anschein gab, als sei sie nicht angezogen und schlecht gekämmt, obwohl man genau die weißen Striche ihres kleinen Kopfes zwischen den Furchen des Haares durchschimmern sah.

»Ist es nicht ein Greuel, die gnädige Frau so schön zu sehen hier in einem so verbrauchten Salon?« fragte Europa den Baron, als sie ihm die Tür des Salons aufhielt.

»Kut, gommen Se in die Rie Sainte-Schorsche,« sagte der Baron, indem er stehen blieb, wie ein Hund vor einem Rebhuhn halt macht. »Das Wedder ist brachtvoll, wir werden in den Champs Elysées schbaßierenfahren, und Frau Saint-Esdèfe wird mit Eischenie Ihre kanße Doilette, Ihre Wäsche und unser Tiner in die Rie Sainte-Schorsche hinieberschaffen.« »Ich werde alles tun, was Sie wollen,« sagte Esther, »wenn Sie mir das Vergnügen machen wollen, meine Köchin ›Asien‹ zu nennen und Eugenie ›Europa‹. So habe ich alle Frauen genannt, die mir gedient haben, von den beiden ersten an, die ich je gehabt habe. Ich liebe die Abwechslung nicht … « »Aßien … Eiroba … « wiederholte der Baron, indem er in ein Gelächter ausbrach. »Wie gomisch Sie sind … Sie haben Ainfälle … Ich gönnte viele Tiners essen, ehe ich aine Göchin Aßien nennte.« »Es ist unser Beruf, daß wir komisch sind,« sagte Esther. »Sehen Sie, kann denn ein armes Mädchen nicht Asien für sich kochen und sich von Europa kleiden lassen? Während Sie doch von der ganzen Welt leben? Das ist ein Mythus! Es gibt Frauen, die die Erde aufessen würden, und ich will nur die Hälfte; nicht?«

›Was fier aine Frau diese Frau von Saint-Esdèfe ist!‹ sagte der Baron bei sich selber, indem er den Wandel in Esthers Wesen bewunderte.

»Europa, ich brauche einen Hut, meine Tochter,« sagte Esther. »Ich muß einen Kapotthut aus schwarzem Satin mit rosa Futter und Spitzengarnitur haben.« »Frau Thomas hat ihn nicht geschickt … Auf, Baron, schnell! Die Pfote gerührt! Beginnen Sie Ihren Dienst als Lastträger, das heißt als glücklicher Mensch! Das Glück ist schwer! … Sie haben Ihren Wagen, gehen Sie zu Frau Thomas,« sagte Europa zum Baron. »Lassen Sie durch Ihren Bedienten um den Kapotthut der Frau van Bogseck bitten … Und vor allem,« flüsterte sie ihm ins Ohr, »bringen Sie das schönste Bukett mit, das in Paris vorhanden ist. Wir sind im Winter, sehen Sie zu, tropische Blumen zu finden.«

Der Baron ging hinunter und sagte zu seinem Bedienten: »Szu Frau Thomas.«

Der Kutscher fuhr seinen Herrn zu einer berühmten Konditorei. »Es ist aine Motistin, Tummkopf, kaine Dortenpäckerin!« sagte der Baron, der zum Palais Royal eilte, zu Frau Prévot, von der er für zehn Louisdors einen Strauß zusammenstellen ließ, während sein Bedienter zu der berühmten Modistin fuhr.

Der oberflächliche Beobachter fragt sich, wenn er in Paris spazierengeht, welches die Narren sind, die jene fabelhaften Blumen kaufen, wie sie den Laden der berühmten Blumenhändlerin schmücken, oder die Erstlinge Chevets, des Delikatessenhändlers von europäischem Ruf, des einzigen, der mit dem Rocher de Cancale eine wirkliche und wundervolle ›Revue der beiden Welten‹ bietet … Jeden Tag erheben sich in Paris hundert und einige Leidenschaften gleich der Nucingens, und sie zeigen sich in Seltenheiten, wie sie Königinnen sich nicht zu schenken wagen, wie man sie aber auf den Knien jenen Mädchen darbringt, die zu glänzen lieben. Ohne einen solchen Hinweis würde eine ehrliche Bürgersfrau nicht begreifen, wie ein Vermögen in den Händen dieser Geschöpfe zerschmelzen kann, deren soziale Obliegenheit im System Fouriers vielleicht darin besteht, daß sie das Unglück des Geizes und der Habgier wieder gutmachen. Solche Verschwendung wirkt ohne Zweifel auf den sozialen Organismus wie der Schnitt einer Lanzette auf einen vollblütigen Körper. In zwei Monaten hatte Nucingen den Kleinhandel mit mehr als zweihunderttausend Franken bewässert.

Als der alte Liebhaber zurückkehrte, brach die Nacht herein; das Bukett war überflüssig. Im Winter legt man die Spazierfahrt auf den Champs Elysées in die Zeit von zwei bis vier Uhr. Immerhin diente der Wagen Esther dazu, sich von der Rue Taitbout in die Rue Saint-Georges zu begeben, wo sie Besitz ergriff von dem ›glainen Balais‹. Nie, das muß man sagen, war Esther der Mittelpunkt eines solchen Kultus und einer solchen Verschwendung gewesen; sie war überrascht; aber sie hütete sich wie all jene königlichen Undankbaren, das geringste Staunen zu verraten. Wenn man in Rom Sankt Peter betritt, so zeigt man, um einen Anhalt über die Größe und Höhe der Königin aller Kathedralen zu geben, den kleinen Finger einer Statue, der ich weiß nicht welche Länge hat und doch als ein kleiner Finger in natürlicher Größe erscheint. Nun hat man gegen alle Schilderungen so viele Einwände erhoben, obwohl sie für die Geschichte unserer Sitten so notwendig sind, daß wir hier den römischen Cicerone nachahmen müssen. Als sie also in den Speisesaal traten, konnte der Baron sich nicht enthalten, Esther den Stoff der Fenstervorhänge in die Hand zu geben; sie hingen in königlicher Fülle da; das Futter war aus weißem Moiré, und der Besatz bestand aus Posamenten, die der Büste einer portugiesischen Prinzessin würdig gewesen wären. Dieser Stoff war eine Seidenarbeit, die in Kanton gekauft war und auf der chinesische Geduld die Vögel Asiens mit einer Vollkommenheit darzustellen gewußt hatte, derengleichen man nur noch auf mittelalterlichen Pergamenten oder im Meßbuch Karls V., dem Stolz der Kaiserlichen Bibliothek in Wien, wiederfindet.

»Er hat ainen Lord, der ihn hat mitkepracht aus Indien, zwaitausend Franken die Elle kekostet … « »Sehr hübsch … reizend! … Welch Vergnügen, hier Champagner zu trinken!« sagte Esther. »Hier wird der Schaum nicht schmutzig auf dem Boden!« »O gnädige Frau,« sagte Europa, »sehen Sie doch den Teppich! … « »Da man den Deppich fier den Herzog von Dorlonia, mainen Freind, keßeichnet hatte und er ihn ßu teier findet, so hab ich ihn kenommen fier Sie, denn Sie sind aine Gönigin!« sagte Nucingen.

Durch einen Zufall paßte dieser Teppich, der von einem unserer genialsten Zeichner stammte, zu den Launen der chinesischen Draperie. Die Wände, die Schinner und Leo von Lora gemalt hatten, stellten wollüstige Szenen dar, die hervorgehoben wurden von Ebenholzschnitzereien; diese Schnitzereien waren für schweres Gold von Dusommerard erstanden, und einfache Goldstriche zogen sparsam das Licht auf sie. Auf alles übrige kann man jetzt schließen.

»Sie haben gut daran getan, mich herzuführen,« sagte Esther; »ich werde wohl acht Tage nötig haben, um mich an mein Haus zu gewöhnen und nicht wie eine Emporkömmlingin auszusehen … « »Main Haus!« wiederholte der Baron voll Freude; »so nehmen Se an?« »Aber ja, tausendmal ja, dummes Tier,« sagte sie lächelnd. »Tier allain hädde kenügt … « »Dumm ist nur Liebkosung,« erwiderte sie, indem sie ihn ansah.

Der arme Luchs ergriff Esthers Hand und legte sie sich aufs Herz: er war Tier genug, um zu empfinden, aber zu dumm, ein Wort hervorzubringen. »Sehn Se, wie es bocht … fier ein zärtliches Förtchen!« sagte er.

Und er führte seine Göttin in das Schlafzimmer. »O gnädige Frau,« sagte Eugenie, »hier kann ich nicht bleiben. Man hat zu große Lust, sich ins Bett zu legen.« »Also,« sagte Esther, »ich will den Zauberer glücklich machen, der solche Wunder vollbringt. Auf, mein dicker Elefant, nach dem Diner gehen wir zusammen ins Schauspiel. Ich habe einen wahren Heißhunger aufs Theater.«

Es war genau fünf Jahre her, seit Esther nicht mehr in ein Theater gegangen war. Ganz Paris ging damals in die Porte Saint-Martin, um dort eins jener Stücke zu sehen, denen die Gewalt der Schauspieler den Ausdruck einer furchtbaren Realität verleiht: ›Richard Darlington‹. Wie alle naiven Naturen liebte Esther es ebensosehr, das Beben der Angst zu spüren, wie sich den Tränen der Rührung hinzugeben. »Wir wollen Frédéric Lemaître sehen,« sagte sie, »ich bete diesen Schauspieler an!« »Es ist ein fildes Trama,« sagte Nucingen, der sich im Nu gezwungen sah, sich bloßzustellen.

Der Baron schickte seinen Diener aus, damit er eine jener Proszeniumslogen im ersten Stock belege. Wieder eine Pariser Originalität! Wenn der Erfolg, das Geschöpf auf tönernen Füßen, einen Saal füllt, so ist stets zehn Minuten, bevor der Vorhang hochgeht, noch eine Proszeniumsloge zu vergeben; die Direktoren behalten sie für sich, wenn sich keine Leidenschaft wie die Nucingens für sie findet. Diese Loge ist wie das Frühobst Chevets ein Zoll, der auf die Launen des Pariser Olymps erhoben wird.

Es ist nicht nötig, vom Tischgerät zu reden. Nucingen hatte drei Garnituren zusammengebracht: das kleine Service, das mittlere Service und das große Service. Das Nachtisch-Gerät des großen Service war, Teller wie Schüsseln, ganz aus getriebenem, vergoldetem Silber. Damit es nicht aussah, als wollte er den Tisch mit Gold- und Silberwerten zermalmen, hatte er all diesen Garnituren noch eine aus reizend zerbrechlichem Porzellan nach sächsischer Art hinzugefügt; es kostete mehr als ein Silberservice. Was das Gedeck angeht, so wetteiferten sächsisches, englisches, flandrisches und französisches Leinen mit ihren Damastblumen an Vollkommenheit.

Beim Diner war der Baron im Staunen an der Reihe, als er Asiens Küche kostete. »Ich verschdehe,« sagte er, »weshalb Sie sie Aßien nennen: es ist aine aßiatische Güche.« »Ah, ich fange an zu glauben, daß er mich liebt,« sagte Esther zu Europa, »er hat beinahe so etwas wie einen Witz gemacht.«

Die Küche war so gewürzt, daß der Baron sich den Magen verderben mußte; er sollte früh nach Hause gehen. Daher war denn dies auch alles, was er an Genüssen von seinem ersten Zusammensein mit Esther davontrug. Im Theater sah er sich gezwungen, eine unendliche Anzahl von Gläsern voll Zuckerwasser zu trinken und Esther in den Zwischenakten allein zu lassen. Durch ein Zusammentreffen, das zu leicht vorherzusagen war, um es einen Zufall zu nennen, waren an jenem Tage auch Mariette, Tullia und Frau du Val-Noble im Theater. ›Richard Darlington‹ war einer jener wahnsinnigen und übrigens verdienten Erfolge, wie man sie nur in Paris erlebt. Alle Männer kamen, wenn sie dieses Drama sahen, auf den Gedanken, man könnte seine eheliche Frau zum Fenster hinauswerfen, und alle Frauen sahen sich gern ungerechterweise unterdrückt. Die Frauen sagten sich: ›Das ist zu stark! Wir werden nur gestoßen … aber es geht uns oft so! … ‹

Nun konnte ein Geschöpf von Esthers Schönheit und in Esthers Kleidung nicht ungestraft im Proszenium der Porte Saint-Martin glänzen; und schon im zweiten Akt fand in der Loge der beiden Tänzerinnen eine Art Revolution statt, veranlaßt durch die Feststellung der Identität der schönen Unbekannten mit der Torpille. »Ah! Woher kommt die?« fragte Mariette Frau du Val-Noble; »ich glaubte, sie wäre ertrunken … « »Ist sie es? Sie scheint mir siebenunddreißigmal jünger und schöner als vor sechs Jahren.« »Sie hat sich vielleicht wie Frau d'Espard und Frau Zayonchek in Eis konserviert,« sagte der Graf von Brambourg, der die drei Frauen ins Schauspiel geführt hatte, und zwar in eine Parterreloge. »Ist das nicht die Ratte, die Sie mir schicken wollten, damit sie meinen Onkel einbalsamierte?« fragte er, indem er sich an Tullia wandte. »Ganz recht,« versetzte die Sängerin. »Du Bruel, gehen Sie doch ins Orchester und sehen Sie zu, ob sie es wirklich ist.« »Hält die die Nase hoch!« rief Frau du Val-Noble mit einer wundervollen Redensart aus dem Wortschatz der Dirnen. »Oh,« rief der Graf von Brambourg, »sie hat das Recht dazu, denn sie ist bei meinem Freund, dem Baron von Nucingen. Ich gehe hin … « »Sollte das die angebliche Jungfrau von Orléans sein, die Nucingen erobert hat, und mit der man uns seit drei Monaten langweilt? … « fragte Mariette.

»Guten Abend, mein lieber Baron,« sagte Philipp Bridau, als er in Nucingens Loge trat. »Sie sind also mit Fräulein Esther vermählt? … Gnädiges Fräulein, ich bin ein armer Offizier, den Sie ehedem in Issoudun aus einer Klemme ziehen sollten … Philipp Bridau … « »Kenn ich nicht,« sagte Esther, indem sie ihr Glas in den Saal richtete. »Das knädige Fräulein«, bemerkte der Baron, »haißt nicht mehr einfach Esder: sie haißt Frau von Chamby; das ist ain glaines Kut, das ich ihr kekauft habe … « »Wenn Sie die Dinge auch recht gut machen,« sagte der Graf, »so behaupten die Damen dort doch, Frau von Champy trage die Nase zu hoch … Wenn Sie sich meiner nicht entsinnen wollen, so werden Sie vielleicht geruhen, Mariette, Tullia, Frau du Val-Noble wiederzuerkennen,« fügte dieser Emporkömmling hinzu, dem der Herzog von Maufrigneuse die Gunst des Dauphins verschafft hatte.

»Wenn die Damen gut zu mir sind, so bin ich geneigt, mich ihnen sehr angenehm zu zeigen,« erwiderte Frau von Champy trocken. »Gut!« sagte Philipp; »sie sind ausgezeichnet, sie nennen Sie die Jungfrau von Orléans.« »Kut, wenn diese Damen Ihnen Kesellschaft leisten wollen,« sagte Nucingen, »so werde ich Sie allain lassen, denn ich habe ßuviel kekessen. Ihr Wagen wird Sie mit Ihren Leiten abholen … Die verdammte Aßien!« »Zum erstenmal wollten Sie mich allein lassen?« sagte Esther. »Hören Sie! Man muß an Bord zu sterben verstehen. Ich brauche meinen Mann beim Ausgang. Wenn ich beleidigt würde, so müßte ich also umsonst schreien?«

Der Egoismus des alten Millionärs mußte vor den Verpflichtungen des Liebhabers weichen. Der Baron litt und blieb. Esther hatte ihre Gründe, wenn sie ›ihren Mann‹ dabehalten wollte. Wenn sie ihre alten Bekanntschaften empfing, konnte man sie in Gesellschaft nicht so ernstlich ausfragen, wie wenn sie allein war. Philipp Bridau beeilte sich, in die Loge der Tänzerinnen zurückzukehren und sie über den Stand der Dinge aufzuklären.

»Ah, sie erbt mein Haus in der Rue Saint-Georges!« sagte Frau du Val-Noble bitter zum Obersten; denn sie war, wie man sich in der Sprache dieser Frauen ausdrückt, ›zu Fuß‹. »Wahrscheinlich,« erwiderte er. »Du Tillet hat mir gesagt, er habe dort dreimal soviel ausgegeben wie Ihr armer Falleix.« »Wir wollen sie doch besuchen,« sagte Tullia. »Meiner Treu, nein!« erwiderte Mariette, »sie ist zu hübsch; ich werde sie in ihrem Hause besuchen.« »Ich finde mich hübsch genug, um es zu wagen,« sagte Tullia.

Der verwegene erste Besuch kam also während des Zwischenakts und knüpfte die Bekanntschaft mit Esther wieder an. Esther hielt sich in Allgemeinheiten. »Woher kommst du zurück, mein liebes Kind?« fragte die Tänzerin, die sich vor Neugier nicht mehr halten konnte. »Oh, ich habe fünf Jahre lang mit einem Engländer, der eifersüchtig ist wie ein Tiger, einem Nabob, in einem Schloß in den Alpen gelebt; ich nannte ihn immer den Knirps, denn er war nicht so groß wie der Schultheiß von Pfirt. Jetzt bin ich wieder an einen Bankier geraten, vom Regen in die Traufe. Und da ich wieder in Paris bin, habe ich solche Lust, mich zu amüsieren, daß ich mir einen wahren Karneval leisten will. Ich werde offenes Haus halten. Ach, ich muß mich von fünf Jahren der Einsamkeit erholen, und ich beginne, das Verlorene einzubringen. Fünf Jahre bei einem Engländer, das ist zuviel; nach dem Wochenblatt sind sechs Wochen genug.« »Hat der Baron dir diese Spitze geschenkt?« »Nein, das ist ein Rest vom Nabob … Habe ich ein Unglück, meine Liebe! Er war gelb wie das Lächeln eines Freundes vor einem Erfolg. Ich glaubte, er würde in zehn Monaten sterben. Bah, er war stark wie ein Berg. Man muß allen mißtrauen, die sich als leberkrank ausgeben … Von Leber will ich nichts mehr hören. Dieser Nabob hat mich bestohlen, er starb, ohne ein Testament gemacht zu haben, und die Familie hat mich vor die Tür gesetzt, als hätte ich die Pest. Deshalb habe ich auch dem Dicken da gesagt: Bezahle für zwei! Sie haben ganz recht, mich eine Jungfrau von Orléans zu nennen, ich habe England zugrunde gerichtet, und ich werde vielleicht verbrannt … « »Von Liebe?« fragte Tullia. »Und bei lebendigem Leibe!« erwiderte Esther, die dieses Wort träumerisch machte.

Der Baron lachte über all diese stark gesalzenen Albernheiten, aber er verstand sie nicht immer gleich, so daß sein Lachen jenen vergessenen Raketen glich, die nach einem Feuerwerk aufsteigen.

Wir leben alle in irgendeiner Sphäre, und die Bewohner aller Sphären sind mit der gleichen Dosis von Neugier begabt. Am folgenden Tage war das Abenteuer von der Rückkehr Esthers in der Oper Kulissenneuigkeit. Mittags zwischen zwei und vier Uhr hatte das ganze Paris der Champs Elysées die Torpille wiedererkannt, und endlich wußte man, welches der Gegenstand der Leidenschaft des Barons von Nucingen war. »Wissen Sie,« fragte Blondet von Marsay im Foyer der Oper, »daß die Torpille am Morgen nach dem Tage, an dem wir sie hier als die Geliebte des kleinen Rubempré erkannt hatten, verschwunden war?«

In Paris erfährt man wie in der Provinz alles. Die Polizei der Rue de Jérusalem ist nicht so gut organisiert wie die der Gesellschaft, in der jeder den andern belauert, ohne es zu wissen. Daher hatte Carlos auch genau erraten, wie gefährlich Luciens Lage während und nach der Zeit in der Rue Taitbout gewesen war.

Es gibt keine grauenhaftere Situation als die, in der Frau du Val-Noble sich befand, und das Wort ›zu Fuß sein‹ gibt spazierengehen, wenn es trocken und schön ist. Peyrade, dem in Livree sein Mulatte folgte, schritt ohne Affektation und als ein echter Nabob, der nur an sich selber denkt, auf der Spur der beiden Frauen dahin, so daß er ein paar Worte ihrer Unterhaltung im Fluge auffangen mußte.

»Nun, mein liebes Kind,« sagte Esther zu Frau du Val-Noble, »suchen Sie mich auf. Nucingen ist es sich selber schuldig, daß er die Geliebte seines Wechselmaklers nicht ohne einen Heller sitzen läßt … « »Um so mehr, als man sagt, daß er ihn ruiniert habe,« fügte Theodor Gaillard hinzu, »und wir ganz gut Geld von ihm erpressen könnten.« »Er speist morgen bei mir, komm, meine Gute,« sagte Esther. Dann flüsterte sie ihr ins Ohr: »Ich mache mit ihm, was ich will; er hat noch nicht so viel … « Sie legte einen ihrer behandschuhten Nägel unter den hübschesten ihrer Zähne, jene bekannte Geste, die auf energische Weise etwa sagen will: ›Nicht das geringste!‹ »Du hast ihn in der Gewalt … « »Meine Liebe, bisher hat er nur erst meine Schulden bezahlt … « »Ist das ein Knicker!« rief Susanne du Val-Noble. »Oh,« erwiderte Esther, »ich hatte genug, um selbst einen Finanzminister abzuschrecken. Jetzt will ich vor dem ersten Mitternachtsschlag dreißigtausend Franken Rente. Oh, er ist reizend, ich kann mich nicht beklagen … Er läßt sich nicht lumpen. In acht Tagen haben wir den Einweihungsschmaus; du sollst dabei sein … Morgens muß er mir den Vertrag über das Haus der Rue Saint-Georges überreichen. Man kann anständigerweise ein solches Haus nicht bewohnen, ohne dreißigtausend Franken Rente für sich zu haben, damit man sie im Falle eines Unglücks wiederfinden kann. Das Elend habe ich kennen gelernt, ich will nichts mehr davon wissen. Es gibt gewisse Bekanntschaften, von denen man auf der Stelle genug hat.« »Früher sagtest du: ›Das Glück bin ich!‹ Wie du dich verändert hast!« rief Susanne. »Das macht die Schweizer Luft, dort wird man sparsam … Sieh, da geh hin, meine Liebe! Nimm dir einen Schweizer, du schaffst dir vielleicht einen Ehemann! Denn sie wissen noch nicht, was für Frauen wir sind … Auf alle Fälle liebst du, wenn du zurückkommst, die Renten in Staatsschuldscheinen, und das ist eine ehrliche und zarte Liebe! … Adieu.«

Esther stieg wieder in ihren schönen Wagen, den die prachtvollsten Apfelschimmel zogen, die in Paris zu finden waren.

»Die Frau, die in den Wagen steigt,« sagte Peyrade auf englisch zu Contenson, »ist hübsch; aber die andere, die dort spazierengeht, gefällt mir noch besser; du wirst ihr folgen und in Erfahrung bringen, wer sie ist.« »Dieser Engländer hat eben auf englisch folgendes gesagt,« sagte Theodor Gaillard, und er wiederholte Frau du Val-Noble Peyrades Rede.

Ehe Peyrade sich Englisch zu sprechen getraute, hatte er in dieser Sprache ein Wort hingeworfen, das Theodor Gaillard eine Bewegung seiner Gesichtszüge entlockte, wodurch er sich davon überzeugte, daß der Journalist Englisch verstand. Frau du Val-Noble ging alsbald sehr langsam nach Hause, indem sie zur Seite sah, ob der Mulatte ihr auch folgte; sie wohnte in einem anständigen Logierhaus der Rue Louis-le-Grand. Dieses Logierhaus gehörte einer Frau Gérard, der Frau du Val-Noble in den Tagen ihres Glanzes gefällig gewesen war und die ihrer Dankbarkeit Ausdruck gab, indem sie ihr eine annehmbare Unterkunft bot. Diese Person, eine ehrenwerte und sogar fromme Bürgersfrau voller Tugenden, nahm die Kurtisane wie ein Wesen höherer Ordnung auf; sie sah sie immer noch inmitten ihres Luxus und hielt sie für eine Königin im Unglück. Sie vertraute ihr ihre Töchter an, und – das ist natürlicher, als man denkt – die Kurtisane war ebenso vorsichtig, wenn sie sie ins Schauspiel führte, wie es eine Mutter gewesen wäre; die beiden Fräulein Gérard liebten sie. Die tüchtige und würdige Wirtin glich jenen wundervollen Priestern, die in diesen vom Gesetz verstoßenen Frauen ein zu rettendes, zu liebendes Geschöpf sehen. Frau du Val-Noble achtete diese Anständigkeit, oft beneidete sie sie, wenn sie abends plauderte und ihr Unglück beklagte. »Sie sind noch schön, Sie können ein gutes Ende erleben,« sagte Frau Gérard. Frau du Val-Noble war übrigens nur verhältnismäßig gefallen. Die so verschwenderische und elegante Toilette dieser Frau war noch gut versehen, genug, um ihr gelegentlich zu erlauben – wie zum Beispiel am Tage des ›Richard Darlington‹ in der Porte Saint-Martin –, daß sie in ihrem ganzen Glänze erschien. Frau Gérard bezahlte noch bereitwillig genug die Wagen, die ›die Frau zu Fuß‹ nötig hatte, wenn sie in der Stadt dinierte oder sich ins Theater begab oder aus ihm nach Hause kam.

»Also, meine liebe Frau Gérard,« sagte sie zu dieser anständigen Familienmutter, »mein Schicksal will sich wenden, glaube ich … « »Nun, um so besser; aber seien Sie verständig, denken Sie an die Zukunft … Machen Sie keine Schulden mehr. Es wird mir so schwer, all die fortzuschicken, die Sie suchen! … « »Oh, kümmern Sie sich nicht um diese Hunde, die ungeheure Summen an mir verdient haben. Hier, da sind zwei Billete zum Théâtre des Variétés für Ihre Töchter, eine gute Loge im zweiten Rang. Wenn heute abend jemand nach mir fragen sollte und ich bin noch nicht wieder zu Hause, so lassen Sie ihn trotzdem hinaufsteigen. Adele, meine ehemalige Zofe, wird da sein; ich werde sie Ihnen schicken.«

Frau du Val-Noble, die weder Tante noch Mutter hatte, sah sich gezwungen, ihre Zuflucht zu ihrer Kammerfrau, die auch zu Fuß war, zu nehmen, damit sie bei dem Unbekannten, dessen Eroberung ihr erlauben sollte, sich wieder zu ihrem Rang zu erheben, die Rolle einer Saint-Estève spielte. Sie ging mit Theodor Gaillard zum Diner, denn der hatte gerade für diesen Tag eine ›Partie‹, das heißt, er war von Nathan, der eine verlorene Wette bezahlte, zum Diner eingeladen worden: es war eine jener Orgien, von denen man bei der Einladung sagt: Es werden Frauen da sein.

Peyrade hatte sich nicht ohne zwingende Gründe entschlossen, sich persönlich auf das Feld dieser Intrige zu begeben. Seine Neugier war übrigens, ebenso wie die Corentins, so lebhaft geweckt, daß er sich auch ohne Gründe gern in dieses Drama eingemischt hätte. In diesem Augenblick hatte die Politik Karls X. die letzte Phase ihrer Entwicklung durchgemacht. Der König hatte das Steuer der Geschäfte selbstgewählten Ministern anvertraut und bereitete die Eroberung Algeriens vor, um den dadurch erworbenen Ruhm als Paß für das zu benutzen, was man einen Staatsstreich genannt hat. Im Innern konspirierte niemand mehr; Karl X. glaubte keinen Gegner mehr zu haben. Wie auf dem Meere gibt es auch in der Politik eine trügerische Windstille. Corentin war also einer absoluten Beschäftigungslosigkeit verfallen. In einer solchen Lage schießt der echte Jäger, um seine Hand in Übung zu erhalten, statt der Kramtsvögel Amseln. Domitian tötete Fliegen, wenn er keine Christen hatte. Als Zeuge der Verhaftung Esthers hatte Contenson mit dem vortrefflichen Sinn des Spions diesen Vorgang sehr richtig beurteilt. Wie man gesehen hat, hatte der Schelm sich nicht die Mühe gemacht, dem Baron von Nucingen seine Meinung zu verschleiern. »Zu wessen Nutzen brandschatzt man die Leidenschaft des Bankiers?« das war die erste Frage, die die beiden Freunde sich stellten. Als Contenson in Asien eine Dramatis Persona erkannt hatte, hoffte er durch sie bis zum Verfasser durchzudringen; aber sie schlüpfte ihm eine Zeitlang durch die Finger, indem sie sich wie ein Aal im Pariser Schlamm verbarg; und als er sie in Esthers Köchin wiederfand, schien ihm die Mitarbeit dieser Mulattin unerklärlich. Zum erstenmal stießen also die beiden Künstler der Spionage auf einen unentzifferbaren Text, wenn sie auch eine dunkle Geschichte argwöhnten. Nach drei einander folgenden und verwegenen Stürmen auf das Haus der Rue Taitbout fand Contenson noch immer das hartnäckigste Schweigen. Solange Esther dort wohnte, schien der Portier von tiefer Angst beherrscht zu sein. Vielleicht hatte Asien der ganzen Familie im Fall der Indiskretion vergiftete Fleischklößchen versprochen. Am Tage, nachdem Esther ihre Wohnung verlassen hatte, fand Contenson diesen Pförtner ein wenig vernünftiger; er bedauerte den Fortzug dieser kleinen Dame, die ihn, wie er sagte, mit den Resten ihrer Tafel ernährte. Contenson, der sich als Handelsagent verkleidet hatte, feilschte um die Wohnung, und er hörte die Beschwerden des Portiers an, indem er sich über ihn lustig machte und alles, was er sagte, durch ein ›Ist es möglich?‹ in Zweifel zog. »Ja, gnädiger Herr, diese kleine Dame wohnte fünf Jahre hier, ohne je auszugehen, denn ihr Liebhaber war eifersüchtig, obwohl sie sich niemals etwas zuschulden kommen ließ, und er wandte die größte Vorsicht an, wenn er kam und eintrat oder ging. Übrigens war es ein sehr schöner junger Mann.« Lucien befand sich gerade zu Marsac bei seiner Schwester, Frau Séchard; aber sowie er zurückgekehrt war, schickte Contenson den Portier auf den Quai Malaquais, um Herrn von Rubempré zu fragen, ob er bereit sei, die Möbel der von Fräulein Esther van Bogseck verlassenen Wohnung zu verkaufen. Der Portier erkannte in Lucien den geheimnisvollen Liebhaber der jungen Witwe, und mehr wollte Contenson nicht wissen. Man kann sich vorstellen, von welchem tiefen, wenn auch verhaltenen Staunen Lucien und Carlos erfaßt waren; es schien, als hielten sie den Portier für verrückt; sie suchten ihn davon zu überzeugen.

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24 eylül 2025
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