Kitabı oku: «Tanz der Finanzen»
Thomas Neiße
TANZ DER FINANZEN
Ein Wirtschaftskrimi

»Tanz der Finanzen« ist eine fiktive Geschichte. Handlung, Personen und Dialoge sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten wären rein zufällig.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2021 by R. G. Fischer Verlag
Orber Str. 30, D-60386 Frankfurt/Main
Alle Rechte vorbehalten
Schriftart: Bergamo 11pt
Herstellung: rgf/bf/1A
ISBN 978-3-8301-1875-6 EPUB
Für meine Tochter Sabrina,
die immer an mich geglaubt hat.
Inhalt
Prolog
Treffen
Lichtblick
Abschneiden
Verkrümeln
Überraschungen
Rachegelüste
Teambildung
Angriffsplanung
Details
Anpfiff
Signale
Bestandsaufnahme
Frust
Lackmustest
Rückschritt
Fortschritte
Strategieänderung
Wechselbad
Entdeckungen
Veränderung
Einweisung
Permanenz
Entwicklung
Vorbereitung
Veränderungen
Fiasko
Frontveränderungen
Rückschläge
Erkenntnisse
Wiederbelebung
Aussprache
Fortgang
Präparieren
Zuspitzung
Faktensammlung
Planspiele
Wandel
Repetition
Eskalation
Management
Erkenntnis
Diskreditierung
Wechsel
Kraftproben
Nachverfolgung
Bombenwirkung
Probleme
Eskalation
Eruption
PROLOG
So schlecht ging es ihm gar nicht. Sie hatten ihm eine Einzelzelle zugewiesen, selbst in diesem vergleichsweise komfortablen Gefängnis ein Privileg. Das hatte am Anfang sehr viele kritische Blicke und Anfeindungen, sowohl von den Mitgefangenen als auch den Justizvollzugsbeamten, mit sich gebracht. Aber mittlerweile war er akzeptiert und, was in dieser Umgebung noch wichtiger war, respektiert. Dazu hatte vor allem seine Tätigkeit in der Gefängnisküche beigetragen, bei der er seine Fähigkeiten als exzellenter Hobbykoch voll ausspielen konnte. Aber auch seine mit flotter Musik gewürzte allabendliche Moderation aktueller politischer, wirtschaftlicher und gefängnisrelevanter Nachrichten auf dem hauseigenen Sender hatte ihm viele Pluspunkte eingebracht.
Konrad Pair war durchaus zufrieden mit seiner momentanen Situation, auch wenn der Verlust der uneingeschränkten Bewegungsfreiheit doch ab und zu an seinen Nerven zehrte. Aber letzteres war ja, wie er wusste, nur vorübergehend. Wie zur Bestätigung hörte er das Schloss an seiner Zellentür und sah seinen Aufseher eintreten.
»Sie haben Besuch.«
Na, dachte er, das wurde ja auch allmählich Zeit. An der Identität seines Besuchers hatte er keine Zweifel. Wer zu so später Stunde noch einen Besuchstermin im Gefängnis bekam, verfügte über erstklassige Beziehungen, und da kam nur eine Person in Frage. Als er das Besuchszimmer betrat, war er trotzdem überrascht. Zwar saß, wie erwartet, sein Führungsoffizier in dem Raum, er wurde allerdings von einer zweiten Person begleitet. Diese wies in ihrem Äußeren keinerlei hervorstechende Merkmale auf, sowohl Gesicht als auch Gestalt waren nichts sagend. Unwillkürlich fiel einem bei seinem Anblick die Farbe Grau ein. Sein Chef, Lothar Kaminski, dagegen trug einen etwas altmodischen, aber tadellos geschnittenen Zweireiher in einem kräftigen Blauton.
»Hallo, Herr Pair«, der bewusst joviale Unterton in der Stimme war nicht zu überhören, »schön, Sie wiederzusehen. Sie sehen gut aus. Das Leben in diesem, äh, überschaubaren Umfeld scheint Ihnen bestens zu bekommen.«
Pair nickte ihm zu und setzte sich an die andere Seite des Tisches. Auf seinen fragenden Blick fuhr Lothar Kaminski fort: »Ich habe, Ihre Einwilligung vorausgesetzt, noch Max Snyder, einen Kollegen aus den USA, mitgebracht. Er ist derjenige, der uns damals um Amtshilfe gebeten hat, und wir benötigen ihn noch für ein paar Formalitäten, die auch in Ihrem Sinn sein dürften.«
Konrad Pair sagte immer noch nichts und sah Max Snyder direkt an. Neben der Farbe Grau kam ihm dabei noch kalt, eiskalt in den Sinn.
Snyder lächelte dünn. »Ich freue mich, Sie kennen zu lernen. Sie haben uns damals aus einer ziemlichen Verlegenheit geholfen, aber ich denke, unsere gesamte, mhh, Branche sollte Ihnen dankbar sein. Die US-Regierung ist es jedenfalls. Es wäre äußerst problematisch gewesen, wenn Samuel Leist unsere Existenz und Arbeitsmethoden ausgeplaudert hätte. Daher haben wir uns bereit erklärt, Sie mit einer neuen Identität auszustatten, damit Sie aus der deutschen Öffentlichkeit verschwinden können. Ich hoffe doch, Sie haben nichts dagegen, zu einem Amerikaner zu mutieren.«
Er nahm den von Snyder über den Tisch geschobenen amerikanischen Pass entgegen und blätterte in ihm herum. Das Bild war identisch mit seinem deutschen Passbild.
»John Norton, wer hat sich denn diesen fantasievollen Namen ausgedacht? Und wo soll ich Ihrer Meinung nach wohnen und arbeiten? Ich nehme doch an, dass ich arbeiten soll.«
Snyder und Kaminski tauschten einen flüchtigen Blick, bevor Letzterer antwortete: »Unsere amerikanischen Kollegen sind sehr an einer Mitarbeit in ihrer Organisation interessiert«, das zustimmende Nicken war die bisher lebhafteste Regung von Max Snyder, »das bedeutet natürlich, dass Sie Ihr Domizil in Washington DC aufschlagen. Wir geben Sie hiermit an Silberstein und Partner ab, mich werden Sie in der Ihnen vertrauten Rolle nicht wiedersehen. Sie werden übrigens morgen in aller Herrgottsfrühe entlassen«, dabei umspielte ein leicht boshaftes Lächeln seine Lippen. »Natürlich wegen guter Führung. Sechs Monate Haft haben ausgereicht, um Sie aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit zu tilgen. In Ihrem eigenen Interesse sollten Sie aber unverzüglich in die USA reisen, wir haben für Sie einen Flug für übermorgen gebucht. Sehen Sie zu, dass Sie, wenn Sie Ihre persönlichen Sachen aus Ihrer Wohnung holen, nicht gesehen werden und kontaktieren Sie auch niemanden. Wir wollen keine dummen Fragen bezüglich Ihrer viel zu frühen Entlassung aus dem Gefängnis auslösen. Alles Gute, Herr Norton.«
Mit diesen Worten standen seine beiden Besucher auf, nickten ihm noch einmal zu und schickten sich an, den Raum zu verlassen. Kurz vor der Tür stoppte sie jedoch die Stimme von Pair. »Mich würden aber schon die Auswirkungen meiner kleinen Aktion interessieren. Man erschießt schließlich nicht alle Tage einen Menschen.«
Für einen Moment glaubte er, seine Frage würde ignoriert werden, aber dann drehte sich Max Snyder zu ihm um. »Im Interesse einer künftig guten Zusammenarbeit darf ich Ihnen sagen, dass auch die Gespielin von Samuel Leist einem tragischen Unfall zum Opfer fiel.« Wieder dieses enervierende, dünne Lächeln. »Was die globale Banken-Allianz Ihrer Freunde von der Wertebank angeht, scheint diese wohl zu stocken, wie ich hörte. Der Chef der Allamo Trust hat seinen Posten aus gesundheitlichen Gründen zur Verfügung gestellt, und sein Nachfolger setzt offensichtlich andere Prioritäten. Auch die Chinesen sollen angeblich nicht mehr Feuer und Flamme für diesen Plan Ihres Freundes Peter Nehmer sein. Über deren Gründe kann man natürlich nur spekulieren.«
Bei den letzten Worten konnte auch ein Max Snyder eine boshafte Grimasse nicht unterdrücken.
TREFFEN
Diese Warterei ging ihm nun doch allmählich auf die Nerven. Der Abflug des Barcelona-Fluges verzögerte sich schon fast um zwei Stunden. Am Anfang fand er das nicht so schlimm, er hatte für heute ohnehin noch nichts in Barcelona geplant. Die Maya-Ausstellung, das eigentliche Ziel seiner Reise, öffnete erst morgen ihre Pforten. Allerdings wäre es mit Sicherheit spannender gewesen, sich in Barcelona die Zeit um die Ohren zu schlagen, als hier auf dem Frankfurter Flughafen zu versauern. Niels Werner seufzte resigniert, stand auf und machte sich auf den Weg zu dem kleinen Café nicht weit von seinem Gate. Unterwegs stockte allerdings sein Schritt. Ungläubig starrte er den Mann an, der ihm da entgegenkam.
»Konrad?«
Konrad Pair war nicht minder geschockt, fasste sich allerdings schnell. Er umklammerte Niels Werners Arm und zog ihn zu dem Café. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass in der Nähe des von ihm anvisierten Platzes keine unliebsamen Zuhörer saßen, zwang er Werner mit sanfter Gewalt, Platz zu nehmen. »Mein Name ist John Norton, Herr Werner«, und mit einem leichten Klopfen auf Werners Schulter: »Ich freue mich auch, dich zu sehen, Niels.«
»Du siehst mich leicht perplex. Meines Wissens wurdest du zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, nachdem du vor aller Augen im Gerichtssaal Samuel Leist erschossen hast. Das ist gerade einmal, warte, sechs Monate her.«
»Es war nicht im, sondern vor dem Gerichtssaal. Ich wurde gerade wegen guter Führung entlassen.«
»Konrad, erzähl keinen Scheiß. Was wird hier eigentlich gespielt?«
»Das ist eine lange Geschichte, na ja, so lang auch wieder nicht. Aber auf jeden Fall zu lang, um hier ohne einen Drink zu sitzen. Möchtest du auch ein Bier?«
Nach einem zustimmenden Nicken winkte Konrad Pair die Kellnerin heran und bestellte zwei Bier.
»Also Prost, mein Lieber. Ja, wo fange ich an?«
»Am besten am Anfang und angesichts der vielen Leute hier am besten im Flüsterton. Im Gerichtsaal, nein, vor dem Gerichtssaal hast du vor deinem Schuss zu Leist gesagt, dass Hakim dein bester Freund war.«
»War er auch, deswegen ist es mir ziemlich leichtgefallen, den Mistkerl zu erschießen. Hakim Sailer hat nie einer Fliege etwas zu Leide getan und diese Ratte Leist brachte sein Flugzeug zum Absturz. Das hat er ja selbst zugegeben. Ja, schau mich nicht so skeptisch an. Und dann hat er Peters Jungen entführt, damit Peter der von ihm initiierten Bankenfusion doch noch zustimmt.«
»Konrad«, Niels Werner sah ihn durchdringend an, »du bist doch ein viel zu rationaler Typ, um so einen Mord aus emotionalen Gründen auszuführen.«
Konrad Pair seufzte. »Natürlich war das nicht der einzige Grund für meine Aktion. Ich hatte schon immer gewittert, dass der Typ kein Normalo war. Er gehörte ja, wie wir heute wissen, einer streng geheimen Unterabteilung des Secret Service an. Diese wiederum operiert weltweit im Interesse der USA unter dem Deckmantel der legendären Investmentfirma von Silberstein und Partner. Die Gefahr war einfach zu groß, dass der Leist das alles rausposaunt, um seinen Kopf zu retten. Deshalb musste er aus dem Weg geräumt werden.«
»Aber Konny, was hat das alles mit dir zu tun?«
»Tja, jetzt kommen wir zu des Pudels Kern«, und nach einer längeren Pause: »Es versteht sich doch wohl von selbst, Niels, dass du zu niemandem auch nur ein Sterbenswort sagst?«
Nach dem lautlos formulierten Klar von Niels Werner fuhr Pair fort: »Auch ich gehöre seit ewigen Zeiten einer geheimen Organisation an, die aber deutsche Interessen vertritt, nennen wir sie mal Bundesnachrichtendienst. Die Amerikaner haben uns quasi um Amtshilfe gebeten. Und auch für uns wäre es nicht wünschenswert gewesen, bestimmte Kreise auf die Existenz unserer Zirkel aufmerksam werden zu lassen. Deshalb erging an mich der Auftrag, den Leist zu eliminieren.«
Niels Werner ließ zischend den unwillkürlich angehaltenen Atem entweichen. »Ich habe mich ohnehin schon gefragt, wie du eine Waffe durch die strengen Kontrollen am Gericht hast schmuggeln können.«
»Ja, du bist clever. Ein Gerichtsdiener hat sie mir zugesteckt, deswegen bin ich auch als erstes in den Gerichtssaal gegangen.« »Das bedeutet also, du hast nicht nur für die Wertebank und unseren Chef Peter Nehmer gearbeitet, sondern darüber hinaus auch noch alle Neuigkeiten aus der Wertebank brühwarm an den BND oder wen auch immer weitergeleitet. Sind derartige Arrangements eigentlich der Normalfall in der deutschen Wirtschaft?«
»Da bin ich überfragt, ich kenne ja nur meinen Fall. Die Routine, mit der ich von denen geführt wurde, spricht allerdings dafür, dass Derartiges nicht so selten ist. Schließlich besteht ein großes Interesse an Informationen aus der Wirtschaft und insbesondere aus der Finanzwelt.«
»Echt?«
»Ja. Der Übernahmekampf zwischen dem Brauner und seiner Meinebank und unserem Peter Nehmer mit der Wertebank hat die natürlich brennend interessiert. So etwas war ja in Deutschland einmalig. Und dann Peters Versuch, eine globale Banken-Allianz auf die Beine zu stellen. Da wird jeder Geheimdienst hellhörig, schließlich kann das enorme Komplikationen in der Finanzwelt auslösen.«
»Schon richtig, das erklärt aber immer noch nicht, wieso du jetzt hier herumspazieren kannst.«
»Ich spaziere nicht herum, sondern bin auf dem Weg in die Staaten. Meine dortigen neuen Freunde haben mir eine andere Identität verpasst und werden mich auch beschäftigen. Ich bin also jetzt John Norton, ein Teammitglied von Silberstein und Partner. Und jetzt verstehst du hoffentlich, warum du mich nie gesehen hast. Diese Sorte Amerikaner versteht keinen Spaß, sie haben auch die Geliebte von Leist in Moskau getötet.«
»Puh, Konrad, ich glaube, ich brauche jetzt noch ein Bier. Das muss ich erst einmal verdauen.«
»Ich bin dabei, mein Lieber, aber danach muss ich zum Flieger, der soll pünktlich starten.«
»Ganz im Gegensatz zu meinem.«
Niels Werner gab der Bedienung mit zwei Fingern ein Zeichen.
»Wo willst du eigentlich hin?«
»Nach Barcelona, da ist eine Ausstellung über die neuesten Maya-Funde auf Yukatan. Ich bin ein großer Fan ihrer Kultur.« »Ach, Quatsch, Niels, ich kenne dich doch, du bist mal wieder auf der Suche nach Außerirdischen und hoffst auf neue Hinweise durch die Ausgrabungen.«
Werner hätte sich beinahe an seinem zweiten Bier verschluckt. »Woher weißt du das denn?«
»Das hast du mir selber mal auf einem gemeinsamen Wochenendseminar erzählt. Erinnerst du dich nicht mehr? Nein? Na egal, es gibt wichtigeres für dich zu tun.« Konrad Pairs Gesicht war auf einmal todernst. »Hör zu, vergiss Barcelona und vergiss die Mayas. Fahr nach München zu Peter, der braucht dich. Wenn ich mich nicht allzu sehr täusche, hat er Probleme.«
»Woher willst du das denn wissen?«
»Dieser Typ aus Amerika, der für Silberstein arbeitet, ein gewisser Max Snyder, hat eine Bemerkung gemacht, nach der die Banken-Allianz zum Scheitern verurteilt ist. Sowohl die Amerikaner als auch die Chinesen scheinen aus der Sache auszusteigen. Er hat dabei ein so selbstzufriedenes Gesicht aufgesetzt, dass ich glaube, er hat mit Sicherheit seine Hand im Spiel. Wenn das stimmt, ist die Wertebank in ernsten Problemen, schließlich hat sie für diese Allianz einen Teil ihrer Aktivitäten eingestellt und würde damit mehr oder weniger nackt und bloß dastehen.«
»Puh, das wäre wirklich nicht so super. Aber was kann ich dabei für Peter tun? Wie du weißt, bin ich in erster Linie ein Asset Manager und weniger ein Bankmensch.«
»Genau das ist der Punkt. Deswegen braucht er dich. Um der alten Zeiten willen gebe ich dir jetzt einen Tipp«, Konrad Pair hob abwehrend die Hände, »bevor du etwas sagst, nein, ich gebe diesen Tipp nur dir und niemandem sonst. Im Gefängnis hat man viel Zeit zum Nachdenken, und ich habe ja so eine Art Abendnachrichten im Gefängnissender moderiert und kommentiert.« »Was du als exzellenter Ökonom bestimmt auch super gemacht hast.«
Konrad Pair prostete Niels Werner zu. Offensichtlich freute er sich über das Kompliment. »Danke, ich war ja nicht umsonst Chefvolkswirt unserer Bank. Aber hör zu, die Zeit wird knapp. Der derzeit lächerlich niedrige Zins, den die Bundesrepublik Deutschland bei neuen Schulden zahlen muss, ach was, mittlerweile ist dieser Zins ja teilweise negativ, hat mich dabei auf eine Idee gebracht. Wie wäre es, wenn Deutschland, sagen wir mal 500 Milliarden, neue Schulden aufnehmen und dieses Geld in den Aktienmarkt investieren würde? Du nimmst Geld zu Nullzinsen auf und investierst es in eine Anlage, die sich immer noch langfristig jedes Jahr mit sechs bis acht Prozent verzinst. Die Belastung für den Jahreshaushalt ist gleich Null, du zahlst ja keine Zinsen für das neue Geld, und die, sagen wir, siebenprozentigen Erträge aus dem Investment des Geldes lässt du in einem Fonds anwachsen und kreierst so Werte für jeden einzelnen Bürger. Wenn du es schaffst, die Politiker von dieser Idee zu überzeugen, dann verwaltest du für die Wertebank zusätzliche 500 Milliarden mit wachsender Tendenz und hast ausgesorgt. Keine Bankenallianz würde auch nur annähernd so viele Erträge erzeugen und Peter könnte diese Lieblingsidee von ihm getrost vergessen. Die Einzelheiten auszubaldowern überlasse ich dir, du bist ein kluger Kopf.«
Niels Werner hatte völlig vergessen, sein Bier weiter zu trinken, so fasziniert hatte er zugehört. Konrad Pair tätschelte ihm leicht die Wange. »Mach den Mund zu und denk darüber nach, mein Freund. Ich muss mich jetzt sputen, der Flieger wartet nicht. Pass auf dich auf und vergiss nicht, du hast mich nie gesehen.«
Mit diesen Worten umarmte er ihn und eilte zu seinem Gate. Niels Werner blieb noch einen Moment wie betäubt sitzen. Was für eine geile Idee! Aber wie er wusste, lag bei diesen Dingen der Teufel im Detail. Und ihm war klar, dass er so schnell wie möglich Kontakt mit Peter Nehmer aufnehmen musste. Er war sich zwar nicht sicher, wie der ihn begrüßen würde, aber es war allemal einen Versuch wert. Fürs Erste konnte ihm der Flieger nach Barcelona den Buckel runterrutschen. Gut, dass er nur Bordgepäck dabeihatte.
LICHTBLICK
Nachdem er das Telefonat beendet hatte, pfiff Peter Nehmer in seinem Büro leise vor sich hin. Das war in der Tat eine, wie Niels Werner es gerade formuliert hatte, geile Idee. Die Frage war nur, wie sie im Detail aussah und wie er den zuständigen Politikern das Ganze schmackhaft machen konnte. Oh, er hörte im Geiste schon die Einwände, all die Worthülsen, die Politiker so gerne formulieren, wie sozial ungerecht, verteilungspolitisch problematisch und ähnliches. Darüber hinaus verstand die Mehrzahl der in der Verantwortung stehenden Politiker nichts von ökonomischen Zusammenhängen. Wie denn auch, dachte er resigniert, die sind ja vor allem Berufspolitiker. Als solche agieren sie nicht kreativ im Sinne der Bürger, sondern im Sinn von Macht und Einfluss. Wer handelt, macht sich angreifbar und könnte Wählerstimmen verlieren. Da ist es doch besser, mit der Meute zu heulen.
Er rief sich innerlich zur Ordnung. Das vordringlichste Problem war jetzt erst einmal, seine Vorstandskollegen mit ins Boot zu holen. Das würde schwierig genug werden, er konnte sich noch gut an die Diskussionen im Rahmen des Übernahmegefechtes mit der Meinebank erinnern. Insbesondere sein Risikovorstand Barbara Kohler hatte ihm das Leben mit bohrenden Fragen schwer gemacht. Na, mal sehen, ob es da nicht Möglichkeiten gab, sie etwas zu zähmen. Auch beim ständig nach Beratern rufenden Vorstandskollegen Wohler konnten ein paar Daumenschrauben nicht schaden. Von wegen Berater, von dieser Idee durfte nichts nach draußen sickern. Aus diesem Grund würde er auch seinen Kollegen noch nicht komplett reinen Wein einschenken, sondern nur die grobe Richtung seines Strategiewechsels andeuten. Bankvorstände generell waren häufig Selbstdarsteller und auch der eine oder andere Vorstandskollege von ihm neigte zum Plaudern in der Öffentlichkeit.
Nehmer griff erneut zum Telefon und rief seinen Personalchef Jan Bernhardt an.
»Bernhardt.«
»Hallo, Herr Bernhardt«, obwohl sie schon jahrelang zusammenarbeiteten, waren sie immer noch per Sie. »Ich sehe Sie nachher bei unserem Vorstandstreffen?«
»Selbstverständlich, wenn Sie das wünschen.«
»Sehr schön, dann bringen Sie doch bitte eine detaillierte Aufstellung der Mitarbeiterzahlen mit. Vielleicht brauche ich sie zwecks Erläuterung der durch die Umstrukturierung zur Bankenallianz ausgelösten Bewegungen bei unseren Arbeitnehmern. Eventuell müssen wir erneut eine andere Weichenstellung in unserem Geschäftsmodell diskutieren, und da möchte ich ein Gefühl für mögliche Auswirkungen im Personalbereich haben.«
»Gehen wir denn zu unserem alten Modell zurück?«
»Ganz sicher nicht, aber ehrlich gesagt, weiß ich selbst noch nicht, wo die Reise hinführt. Es ist aber klar, die ursprünglich angedachte globale Bankenallianz wird sich so nicht verwirklichen lassen. Wir werden unseren Plan zumindest adjustieren müssen.«
»Ich werde die Zahlen parat haben, Herr Nehmer.«
»Ach, Herr Bernhardt, wenn ich Sie schon mal am Telefon habe«, die Sprechpause hatte genau die richtige Länge, um unschuldig zu wirken, »sagen Sie, wie sieht es eigentlich mit den Vorstandsverträgen aus? Stehen da einige zur Verlängerung an?«
Soso, dachte Jan Bernhardt, kommen wir jetzt zum eigentlichen Zweck des Anrufs? »Nun, Ihr Vertrag ist ja gerade verlängert worden«, sein Tonfall war absolut neutral, »Herr Kern hat noch vier Jahre und Herr Wohler zwei Jahre Laufzeit. Lediglich bei Frau Kohler müsste der Aufsichtsrat so langsam aktiv werden, ihr Vertrag endet in zwölf Monaten.«
»Danke, Herr Bernhardt, wir sehen uns später.«
Dachte ich es mir doch, Nehmer war hochzufrieden. Dann wollen wir mal sehen, wie die Gute reagiert. Aber erst muss ich den Kaiser briefen. Auch bei seinem Finanzchef rief er direkt an, die Sekretärinnen mussten ja nicht alles mitbekommen. Bereits nach dem ersten Klingeln war Horst Kaiser am Telefon. »Peter?«
»Hallo, Horst, wir sehen uns ja nachher beim Vorstandstreffen. Ich möchte bewusst nur ein Treffen und keine offizielle Vorstandssitzung. Du und der Bernhardt sind dabei. Du kennst ja schon das Thema, und wie du dir denken kannst, wird es an der einen oder anderen Stelle hoch hergehen. Deine Aufgabe wird es sein, auf einen Wink von mir darauf hinzuweisen, dass es vielleicht gut wäre, bei einer Neuausrichtung unserer Aktivitäten uns an den erzielbaren Renditen zu orientieren. Mit anderen Worten, wir sollten das Asset Management und die Vermögensverwaltung weiter forcieren.«
Horst Kaiser erfasste sofort den tieferen Sinn des Anliegens seines Chefs. »Heißt das, du hast einen Plan, wie das gehen soll? Und du weißt, dass wir endlich wieder einen absoluten Spitzenmanager für diese Sparte brauchen.«
»Niels Werner hat mich angerufen und mir dafür eine Superidee geliefert. In Kurzform: Staat leiht sich zu den derzeitigen Nullzinsen Geld und investiert in den hoch rentierlichen Aktienmarkt. Und diesen, ich nenne ihn mal Bürgerfonds, verwalten wir und verdienen so nebenbei eine hübsche Summe Geld.«
Es dauerte einige Momente, bis die Antwort kam. »Wow, umso dringlicher ist die Managementfrage. Meinst du, du kannst Niels zurückholen?«
»Da bin ich mir ziemlich sicher.«
»Super, dann lass uns diese Sache angehen. Vermutlich wird aber die Kohler wieder Zicken machen.«
»Du alter Chauvi, ich glaube, ich kann sie etwas einbremsen. Ihr Vertrag steht zur Verlängerung an.«
»Endlich mal eine gute Nachricht, sie piesackt mich ganz schön. Und das Schlimme ist, du kannst ihr auch kein X für ein U vormachen. Clever ist sie.«
»Lass mich mal machen.«
Mit diesen Worten beendete er das Gespräch und rief seine Assistentin Hannah Pauli herein.
»Hannah, bitte doch Frau Kohler, mir vor der Vorstandssitzung ein kurzes Briefing über unsere Risikosituation zu geben.«
Bereits nach fünf Minuten war seine Assistentin zurück. »Frau Kohler hat gerade einen Besucher von der Finanzaufsicht empfangen und kann noch nicht so ganz abschätzen, wann das Gespräch beendet sein wird. Sie kommt so bald als möglich.«
Nehmer nickte. »Danke, bis Frau Kohler kommt, bitte keine Gespräche«, und als sich ein Hoffnungsschimmer im Gesicht von Frau Pauli breitmachte: »Nein, auch keine Postbesprechung. Ich muss nachdenken.«
Wieder allein nahm er ein Blatt Papier aus dem Schreibtisch und fing an, seine ersten Überlegungen zu skizzieren. Der Gedanke von Niels Werner war brillant. Deutschland konnte in der Tat zu Nullzinsen Geld am Kapitalmarkt aufnehmen, weil seine Reputation als Schuldner erstklassig war. Der Haushalt würde daher durch diese Aktion nicht belastet werden. Die Frage war nur, was mit diesem Geld geschehen sollte. Das könnten zum einen Investitionen in Infrastrukturoder Umweltprojekte sein. Aber es könnten auch Finanzinvestitionen sein, also Aktienkäufe. Dazu war die Expertise von Asset Managern nötig, sowohl für die Begebung der Anleihen als auch für die Käufe von Wertpapieren und natürlich vor allem für das Managen der getätigten Investments. Da kam dann seine Bank ins Spiel. Es mussten also drei Schritte gelingen, erstens Politiker von der Kreditaufnahme zu überzeugen, zweitens ihnen die Anlage der Gelder im Aktienmarkt schmackhaft zu machen und drittens die Wertebank als das Kompetenzzentrum für diese Transaktionen zu etablieren.
Der dritte Schritt war angesichts der in der Vergangenheit erworbenen hervorragenden Beziehungen in die Politik vermutlich der einfachste. Vor allem die Bayernpartei dürfte ihn stark unterstützen, sie war ihm noch so einiges schuldig für die infolge der gewonnenen Übernahmeschlacht gegen die Meinebank mögliche Rettung von tausenden Bankarbeitsplätzen in München. Den zweiten Schritt musste er mit einem zündenden Marketingschlagwort garnieren, wie Bürgerfonds, Schaffen von Werten für die Bevölkerung, Schaffen eines dritten Standbeins für die marode Rentenversicherung oder ähnliches. Der erste Schritt dürfte der schwierigste sein. Wer macht schon gern ohne Not Schulden? Da müssten in Berlin so einige über ihren Schatten springen, insbesondere der Finanzminister, der immer noch seinen Traum von einer schwarzen Null im Budget hochhielt.
Es war aber völlig klar, dass er einen detaillierten Plan zur Ausgestaltung und Umsetzung nicht allein bewerkstelligen konnte, er brauchte dafür eine Arbeitsgruppe. Dazu sollten auf alle Fälle sein Finanzchef Horst Kaiser und Niels Werner, den er hoffte zurückholen zu können, gehören. Vielleicht wäre es ja nicht schlecht, auch Barbara Kohler hinzuzuziehen. Zuckerbrot und Peitsche, das altbewährte Mittel. Und er hätte sie dann schon mal auf seiner Seite. Er selbst könnte nur sporadisch mitarbeiten, schließlich hatte er so nebenbei noch eine Bank zu führen, deren internationale Allianz gerade in Trümmern lag. Woher Niels Werner das wusste, war ihm völlig schleierhaft, er selbst hatte erst gestern diesbezügliche Hinweise erhalten. Er ließ derzeit von seinen Experten eine Ad-hoc-Mitteilung für die Kapitalmärkte vorbereiten, schließlich war es seine Pflicht, Eigenkapital- und Kreditgeber sofort über geschäftsrelevante Veränderungen zu informieren. Ach ja, und dann musste er noch seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Benjamin Fieber die bittere Nachricht der auseinanderdriftenden Partner der Bankenallianz überbringen.
Nehmer notierte sich die einzelnen Schritte und malte jede Menge Diagramme in sein Notizbuch. Er registrierte weder, wie schnell die Zeit verging, noch dass Barbara Kohler plötzlich vor seinem Schreibtisch stand. Erst als sie sich räusperte, schaute er auf. »Ah, Frau Kohler, setzen Sie sich doch bitte.« Er zeigte auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
»Ich fürchte, dazu haben wir keine Zeit, Ihr Vorstandstreffen soll doch in zehn Minuten beginnen.«
»Ach, entspannen Sie sich, ohne uns können die nicht anfangen.« Er drückte den Knopf der Sprechanlage. »Frau Pauli, informieren Sie doch bitte meine Kollegen, dass das Treffen fünfzehn Minuten später beginnt, wir haben hier erst noch etwas zu klären. Danke.«
Daraufhin setzte sich Frau Kohler an den kleinen Besprechungstisch und schaute ihn erwartungsvoll an. Nehmer konnte sich nun nicht mehr hinter seinem Schreibtisch verschanzen, sondern musste ihr Gesellschaft leisten. Seinem Gesicht war dabei nicht anzusehen, ob er sich ausgebremst fühlte oder nicht.
»Frau Kohler, ich habe Sie natürlich nicht wegen des Risikoberichtes hergebeten. Mir war es ein Bedürfnis, Sie, bevor wir in das Treffen mit unseren Kollegen gehen, über unsere bröckelnden Bankallianzen zu informieren.«
Barbara Kohler zog hörbar die Luft ein. »Oh nein, bloß nicht das. Wer bröckelt?«
»Nun, unser amerikanischer Partner, die Allamo Trust, hat einen neuen Chef, und der hat mir gestern seine neuen Prioritäten mitgeteilt. Wir kamen in dieser Aufzählung nicht mehr vor. Er will sich vor allem auf den US-Markt konzentrieren. Damit nicht genug, wollen auch unsere chinesischen Freunde nicht mehr mitmachen.«
»Ausgerechnet. Die beiden waren doch die Eckpfeiler unserer künftigen Strategie. Jetzt stehen wir schön blöd da, wir haben schließlich ganze Geschäftsbereiche zu deren Gunsten geschlossen. Wieso kriegen die auf einmal kalte Füße?«
Er zuckte mit den Schultern. »Da bin ich auf Vermutungen angewiesen. Die Chinesen könnten sauer sein, weil wir unseren Anteil an der Meinebank an die Bundesrepublik Deutschland verkauft haben. Dadurch konnten sie ihre Absicht nicht realisieren, im deutschen Bankenmarkt nachhaltig Fuß zu fassen. Bei den Amerikanern tappe ich im Dunkeln, allerdings hat die dortige Regierung sich über die Silbersteins wohl mit der Meinebank verbündet. Zumindest habe ich die Andeutung von Brauner über seine unbegrenzten Finanzmittel, um uns aufzukaufen, so verstanden. Vielleicht liegt hier, wie bei den Chinesen, der Hund begraben.«
»Du lieber Himmel, was wurde und wird denn hier gespielt?« Die Denkfalten in Barbara Kohlers Gesicht vertieften sich um einiges.
»Ja, Frau Kohler, mir dämmert auch erst so langsam die ganze Dimension unseres Kampfes mit Gerd Brauner und seiner Meinebank. Wir sind da offenbar zwischen die Mühlen der zwei mächtigsten Nationen geraten. Aber was jetzt viel wichtiger ist, ist die Frage, wie geht es weiter.« Er machte eine vielsagende Pause, bevor er tief in Barbara Kohlers Augen sah. »Frau Kollegin, ich habe einen sehr ambitionierten Plan, um diese Bank zukunftsfähig neu auszurichten. Ich werde dazu für einen längeren Zeitraum ein hochrangiges Team zusammenstellen müssen, das verschwiegen und absolut loyal mir zuarbeitet.« Er machte wieder eine kurze Pause. »Werden Sie mir dafür zur Verfügung stehen?«
»Aber was für eine Frage, selbstverständlich werde ich das. Wieso fragen Sie das überhaupt?«
»Weil«, und wieder eine kleine Pause, »weil ich nicht weiß, wie lange Sie noch bei uns sind.«
Barbara Kohler durchströmte es heiß und kalt, ihre Lippen zuckten kurz.
»Ihr Vertrag läuft noch ein Jahr, glaube ich.« Der Mistkerl, dachte sie, das weiß er doch ganz genau. »Hat Herr Fieber schon einmal mit Ihnen über eine Verlängerung gesprochen?«
»Nein, noch nicht. Ich dachte, das sei nur eine Formalität.«
Angesichts ihrer leicht zittrigen Stimme war jetzt die Zeit für das Zuckerbrot gekommen. Seine Stimme hatte ein betont gütiges Timbre. »Ist es sicherlich auch.« Er widerstand dem Impuls, ihre Hand zu nehmen. »Da muss ich unserem Herrn Aufsichtsratsvorsitzenden wohl mal einen Hinweis geben. Üblicherweise werden Verträge zwölf Monate vor Ablauf erneuert. Dafür sind dann aber noch umfangreiche Gespräche nötig, die sind auch nicht in wenigen Tagen abgeschlossen. Ich sehe Herrn Fieber vermutlich heute Nachmittag und werde ihn in Marsch setzen. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn Sie bei uns bleiben.«
»Danke, Herr Nehmer, ich fühle mich auch sehr wohl in dieser Bank, und in München sowieso. Und ich werde loyal an Ihrer Seite stehen, darauf können Sie sich verlassen. Darf ich fragen, wie Ihr ambitionierter Plan für diese Bank in seinen Grundzügen aussieht? Völlig vertraulich, versteht sich.«
Nehmer beugte sich mit verschwörerischer Miene vor. »Es fällt mir nicht leicht, aber ich muss wohl meinen Traum von einer internationalen Bankenallianz begraben. Ich plane, unser Haus noch stärker auf das Asset Management auszurichten.«
»Das würde unserem Risikoexposure sicherlich guttun. Sie wissen ja, ich war aus Sicht des Risikomanagements immer skeptisch gegenüber dem internationalen Geschäftsmodell. Immer, wenn zusätzliche Geschäftspartner ins Spiel kommen, steigen auch die Risiken. Man ist schließlich auf Gedeih und Verderb an die Ertragsentwicklung des Partners gebunden, hat aber auf dessen Geschäftspolitik kaum Einfluss, schon gar nicht, wenn er im Ausland residiert. Wird er insolvent, haben auch wir ein Problem. Im Asset Management dagegen handelt es sich ja um Zug-um-Zug-Geschäfte, du gibst mir und gleichzeitig gebe ich dir. Von daher sind hier Kontrahentenrisiken so gut wie nicht vorhanden.«
Er nickte zustimmend. »Ja, in der Tat. Bleibt nur die Frage, wie wir zusätzliches Asset-Management-Geschäft kreieren.«
»Vielleicht können wir dazu unsere exzellenten Beziehungen in Regierungskreise nutzen. Die brauchen doch Vermögensverwalter, jetzt, wo die Milliarden aus den Atomrückstellungen der Elektrizitätsversorger professionell in einem Staatsfonds gemanagt werden.«
Donnerwetter, die Kollegin hatte er ja wohl gründlich unterschätzt. »Eine sehr gute Idee, das werden wir in der Arbeitsgruppe ausführlich zu diskutieren haben. Ich hätte da noch die eine oder andere kleine Ergänzung, über die wir aber jetzt nicht reden können, dafür fehlt uns die Zeit. Wir können unsere Kollegen nicht noch länger warten lassen.«
Peter Nehmer geleitete mit einem hochzufriedenen Gesichtsausdruck Barbara Kohler aus seinem Büro.
ABSCHNEIDEN
Er liebte Washington DC. Die Stadt hatte das Flair einer Machtmetropole, war aber gleichzeitig noch irgendwie beschaulich. Man konnte alles zu Fuß erreichen, es gab wunderbare Museen, erstklassige Restaurants und sehr viele geschichtsträchtige Denkmäler. Ihn persönlich zog es vor allem zum Vietnam-Memorial. Stundenlang konnte er auf den Namen seines Bruders starren, der dort inmitten der Namen vieler anderer Gefallener eingraviert war, als ob der dadurch wieder lebendig würde. Er war so ziemlich der einzige Mensch, zu dem er eine tiefere emotionale Beziehung gehabt hatte.
Heute allerdings hatte er schnurstracks den Weg zu seinem Büro am Woodland Park eingeschlagen. Er hatte ein volles Programm und vor allem musste er die leidige Affäre Konrad Pair entscheiden. Natürlich hatte der nur deswegen eine amerikanische Identität bekommen, damit er besser aus dem Weg geräumt werden konnte. Max Snyder ließ bei seinen Aktivitäten niemals lose Enden zurück. Und hier in den Staaten konnte er bei einem überraschenden Tod von Pair massiven Einfluss auf die polizeilichen Ermittlungen nehmen. Dadurch war sichergestellt, dass sie im Sande verlaufen würden. In Deutschland wäre so etwas nur äußerst schwierig zu bewerkstelligen gewesen.
Er wollte gerade die Treppe zum Eingang des unscheinbaren Gebäudes hochgehen, in dem sich seine nur Spezialisten bekannte Behörde befand, als sein Handy vibrierte. »Ja?«
»Max?«
»Ja.«
»Jerry hier, ich muss dich sprechen. Wo bist du?«
»Bin gleich in meinem Büro. Ist es dringend?«
»Mega.«
»Dann komm gleich, nachher bin ich im Stress.«
Er beendete das Gespräch und machte sich auf den Weg in sein Büro. Was hatte denn seinen Nachrichtenspezialisten nur so aufgescheucht? Der war doch sonst die Ruhe selbst. Und da war er auch schon, er hatte doch tatsächlich noch vor ihm sein Büro erreicht.
»Komm rein, Jerry. Was gibt es?«
»Du hattest mir doch ein Foto von diesem John Norton in die Hand gedrückt und mich gebeten, meine Lauscher aufzustellen. Hattest du dabei etwas Bestimmtes im Sinn?«
»Eher eine Ahnung. Nennen wir es Instinkt. Bist du über etwas gestolpert?«
»Gestolpert ist gut, gefallen trifft es eher. Schau dir das mal an. Ist das unser Kandidat?«
»Das ist er.« Max Snyder sah Jerry Darkin scharfan. »Woher stammen diese Aufnahmen und wer ist der Typ neben Norton auf dem Bild?«
»Das haben wir noch nicht raus.« Darkin hob die Hände. »Aber wir arbeiten daran. Diese Bilder stammen von einer Überwachungskamera im Frankfurter Flughafen. Wie du weißt, durchsuchen wir regelmäßig die uns von der deutschen Polizei überlassenen Filme nach verdächtigen Personen. Wenn du uns nichts gesagt hättest, wären uns die beiden nicht aufgefallen.« Darkin sah ihn bewundernd an. »Kein Wunder, dass du so gut bist.«
»Geschenkt. Jerry, schick mir Liam rein. Aber bitte unauffällig. Und ich will schleunigst wissen, wer der Typ neben Norton ist.«
Nachdem Darkin sein Büro verlassen hatte, ließ sich Snyder in seinen Sessel fallen. Dieser Mistkerl von Pair! Er sollte doch jeden Kontakt vermeiden. Nicht auszudenken, was der alles erzählt hatte. Er schlug mit der flachen Hand auf seinen Schreibtisch. Das war es dann ja wohl, Herr Norton. Damit hast du dein Todesurteil besiegelt. Max Snyder griff zum Telefon.
»Ilan, Max hier.«
»Hallo, Max. Was treibt dich um?« Die Stimme von Ilan Silberstein, dem nominellen Chef der Investmentfirma Silberstein und Partner in New York, klang wie fast immer sehr distinguiert.
»Wir hatten ja schon über unseren deutschen Freund gesprochen und die finale Möglichkeit erörtert. Jetzt sind neue Fakten aufgetaucht, die uns bestätigen und die Dinge beschleunigen. Ich schicke ihn zu dir nach New York. So etwas lässt sich in einer Millionenstadt besser bewerkstelligen.«
Trotz der aus Sicherheitsgründen unscharfen Ausdrucksweise verstand Silberstein perfekt, wovon Snyder sprach.
»Wen hast du ausgewählt? Liam?«
»Ja, Samuel steht ja nicht mehr zur Verfügung.«
»Gut, ich werde John Norton nach Ankunft bei mir mit Arbeitspapieren ausstatten und ihn dann in unsere Dependance auf Staten Island setzen. Da ist er ungestört und kann in Ruhe seinen Aufgaben nachgehen. Liam kann ihm dort assistieren.«
»Danke, Ilan.« Snyder trat ans Fenster und schaute nachdenklich in die Senke des Woodland Park hinab. Plötzlich schnippte er mit den Fingern und griff erneut zum Telefon.
»Jerry, habt ihr schon etwas?«
»Nein, Max, die deutschen Freunde haben unsere Anfrage noch nicht beantwortet.«
»Vergiss die, da kommt ohnehin nichts. Zapf die Fotodateien der Immigration-Jungs an. Alle Ausländer, die ESTA, Global Entry oder die Greencard beantragt haben, sind dort mit Passfotos festgehalten. Vielleicht ist unser Mann auch dabei.«
»Superidee, machen wir.«
Alles muss man selber machen, dachte Snyder. An alles muss unsereiner denken. Was machen die bloß, wenn ich mal nicht mehr da bin? Dabei war Jerry noch einer seiner besten Leute, aber auch ihm mangelte es manchmal an Fantasie. Bevor er sich noch tiefer in seinen Frust hineindenken konnte, betrat Liam Waggoner den Raum und setzte sich auf einen Wink vor seinen Schreibtisch.
Wortlos schob ihm Snyder die Fotos zu und wartete, bis Waggoner die Aufnahmen studiert hatte. Der ließ sich Zeit und sah sich jedes Bild mehrmals genau an. Er schien jedes gezeigte Detail in sich aufzusaugen. Dann zeigte er mit dem Finger auf Konrad Pair und sah Max Snyder an. Der nickte.
»Ganz richtig, unser neuer Kollege John Norton. Ich denke, Sie sollten seinen Arbeitsvertrag vorzeitig beenden. Am besten in New York, da fällt ein Toter mehr oder weniger kaum auf. Ich schicke ihn zu Silberstein, und die werden ihn im Büro auf Staten Island platzieren. Da haben Sie freie Bahn.«
»Können Sie mir ein paar Informationen über Norton geben? Ich weiß ganz gern, über welche Fähigkeiten mein Gegenspielerverfügt. Das erspart unliebsame Überraschungen.«
»Nun, er war zwar in Diensten unserer deutschen Freunde, aber nicht sehr aktiv. Die meiste Zeit hat er den Chefvolkswirt einer deutschen Bank gemimt. Ich glaube kaum, dass er Ihnen auch nur annähernd ebenbürtig ist.«
»Irgendwelche Jahre in der Armee, irgendwelche Spezialausbildungen?«
»Ach, Liam, jetzt hören Sie auf. Gut, er kann mit einer Waffe umgehen, das hat er ja kürzlich erst unter Beweis gestellt. Aber darüber hinaus traue ich ihm eigentlich nichts Besonderes zu.«
»Ist er etwa bewaffnet?«
»Natürlich, wie jeder hier hat er seine Standardausrüstung bekommen.«
»Na super. Was für eine Schulbildung hat er, wie ist seine Fitness, hat er Freunde in den Staaten, irgendwelche Angewohnheiten, Besonderheiten und dergleichen?«
»Was weiß ich, ich kenne den Mann ja kaum. Was ist bloß mit Ihnen los?«
»Sie kennen den Mann kaum, das genau ist das Problem, Herr Snyder. Ich kenne ihn überhaupt nicht, ich habe ihn nur einmal ganz kurz gesehen. Dieser John Norton stellt eine Unwägbarkeit dar, und Unwägbarkeiten mag ich in meinem Geschäft gar nicht. Wenn dieser Mann Chefvolkswirt war, dann hat er ein Hochschulstudium absolviert. Dann ist er nicht dumm, und das allein macht ihn zu einem Risiko. Mit welcher Begründung werden Sie ihm seinen Transfer nach New York schmackhaft machen?«
»Na, wie denn wohl? Plötzlich auftretende personelle Engpässe in New York bei der Analyse der aus Deutschland hereinkommenden Meldungen. Wir haben sonst niemanden, der Deutsch spricht. Das wird er wohl schlucken.«
Liam Waggoner schüttelte seinen Kopf, aber auch ohne diese Geste drückte seine Körpersprache Zweifel aus. »Wenn er das mal glaubt. In unserer Branche werden plötzlich auftretende Ereignisse grundsätzlich mit Misstrauen betrachtet. John Norton dürfte da keine Ausnahme sein.«
»Na, wenn schon, Sie werden das schon machen. Und jetzt muss ich Sie hinauskomplimentieren, ich habe mich auch noch um andere Dinge zu kümmern.«
VERKRÜMELN
Nicht, dass er sonderlich überrascht gewesen wäre, und natürlich hatte er kein Wort von dem geglaubt, was ihm da als Erklärung angeboten wurde. Von wegen Personalengpass in New York, lächerlich. Der gute Max Snyder wollte keinerlei Risiko eingehen und ihn aus dem Weg haben. Seine Organisation konnte es sich nicht leisten, irgendwelche Spuren zu hinterlassen. In Washington schien ihnen offenbar das Risiko bei seinem plötzlichen Tod zu groß, das war mit Sicherheit in New York kleiner. In solch einer Riesenmetropole wurden jeden Tag viele Menschen umgebracht. Einer mehr oder weniger fiel da nicht ins Gewicht, schon gar nicht angesichts einer notorisch unterbesetzten Polizei.
Bestätigt in seinen Überlegungen hatte ihn der Schatten, der ihm seit seinem gestrigen Gespräch mit Snyder folgte. Er hatte ihn sofort erkannt. Er wusste zwar seinen Namen nicht, aber mit Sicherheit war der ihm in der Organisation schon über den Weg gelaufen. Warum wollten die ihre eigenen Leute überwachen? Dafür gab es nur eine Erklärung. Sein Entschluss war daher schnell gefasst. Er würde nach Deutschland zurückgehen. Schließlich hatte er noch seine deutschen Papiere, seine Wohnung in München, seine Kreditkarten und seine ordnungsgemäße Entlassungsbescheinigung aus dem Gefängnis. In Deutschland kannte er sich aus, und mit diesem Aas von Kaminski würde er schon fertig werden.
Er hatte seinen unscheinbaren Duffle Bag aus abgewetztem Leder aus dem Schrank geholt und die Moleskinhose und - jacke sowie das großkarierte Baumwollhemd eingepackt. Hinzu kamen neben Unterwäsche und Socken noch seine aus weichem Rindsleder gefertigten Stiefel. Jeder Soldat hätte ihn um diese beneidet.
In Washington musste er aber zunächst seinen Schatten loswerden. Er hatte sich im Taxi zum Reagan Airport fahren lassen, schließlich hatte ihm Snyder einen Flug bei Delta Airlines gebucht, und er musste zumindest so tun, als ob er diesen auch nehmen würde. Dann war er in das mit Leuten vollgestopfte Terminal gegangen. Als er seinen Schatten ebenfalls aus seinem Taxi steigen sah, verließ er das Gebäude durch einen Seiteneingang. Wieder im Taxi hatte er sich zur Union Station fahren lassen und die ganze Zeit auf den rückwärtigen Verkehr geachtet.
Sein kleiner Trick hatte offenbar funktioniert, weit und breit war von einem Verfolger nichts zu sehen. In der Union Station erstand er eine Fahrkarte für den Amtrak nach New York. Als er drei Stunden später in der Pennsylvania Station in New York den Zug verließ, hatte sein Äußeres nichts mehr mit John Norton alias Konrad Pair gemein. Er trug jetzt die Moleskinsachen, das Baumwollhemd und seine Stiefel. Eine Baseballkappe komplettierte sein Outfit als Holzfäller. Dafür war er aber selbst für Manhattan ziemlich markant, schließlich liefen hier nicht allzu viele dieser Typen herum. Aus diesem Grund hatte er auf ein Taxi verzichtet und es vorgezogen, den langen Weg zu den Port Authorities, dem Startpunkt der Greyhound-Busse, zu Fuß zurückzulegen. Schließlich sollten die Silbersteins es nicht so leicht haben, seine Fährte aufzunehmen.
In der Nähe des Union Square angekommen gönnte er sich eine Pause in einem mexikanischen Restaurant mit einem kleinen Außenbereich. Dort bestellte er erst einmal ein Corona und studierte die Speisekarte. Seine letzte Mahlzeit lag eine Weile zurück und die Fahrt mit dem Greyhound sollte ungefähr neun Stunden dauern. Da war es gut, vorher noch einmal anständig zu essen.
Die Würfel waren ja gefallen, und bis jetzt hatte alles ganz gut geklappt. Er war in den Amtrak gekommen, ohne seine Identität preisgeben zu müssen, und auch im Zug selbst war das Personal mehr als nachlässig gewesen. Jetzt musste er es nur noch beim Greyhound schaffen, aber das dürfte wohl schwieriger werden. Schließlich würde der Bus auf dem Weg nach Montreal die Grenze passieren, und in solchen Fällen wurden üblicherweise bereits beim Erwerb der Fahrkarte die Personalien aufgenommen.
Spätestens aber die kanadischen Grenzbehörden wollten mit Sicherheit seinen Ausweis sehen. Innerlich zuckte er mit den Schultern. Na wenn schon, dann würde er sich halt wieder in Konrad Pair verwandeln und seinen deutschen Pass hervorzaubern. Wichtig war es vor allem, in New York seine Identität geheim zu halten. In Montreal selbst würde er den Flughafen ansteuern und mit seiner Konrad Pair-Kreditkarte einen Flug nach Paris buchen. Von dort könnte er mit einem Mietwagen bequem nach Deutschland fahren. Damit dürfte es jeder sehr schwer haben, seinen Weg nachzuverfolgen.
Seine Gedanken wurden von einer Stimme unterbrochen. »Entschuldigen Sie, mein Herr, hätten Sie wohl etwas Geld für mich?«
Konrad Pair schaute von seinem Tisch auf und sah sich einem ungefähr 25-jährigen Mann gegenüber, der in respektvoller Entfernung von seinem Tisch verharrte.
»Wofür?«
Die Antwort war entwaffnend ehrlich. »Ich habe Hunger.«
Er musterte sein Gegenüber. Intelligentes Gesicht, wache Augen und nicht ungepflegt. Vermutlich ein Student, dachte er. »Sie haben Hunger? Dann setzen Sie sich und bestellen sich etwas. Ich lade Sie ein.«
»Kein Scherz?«
»Nun machen Sie schon oder wollen Sie da noch ewig herumstehen?«
Das ließ der junge Mann sich nicht zweimal sagen und hatte im Nu Enchiladas und eine Cola bestellt. Dann sah er ihn verlegen an.
»Ich bin übrigens Daniel. Ich habe seit zwei Tagen nichts mehr gegessen und kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich bin. Die meisten Menschen hätten mich bestenfalls einfach nur mitleidig angesehen.«
»Was ist Ihr Problem?«
»Ein ganz banales. Ich bin Student und meine Eltern sparen sich meine Studiengebühren vom Mund ab. Ich muss also für meinen Lebensunterhalt selbst sorgen, und nun habe ich letzte Woche meinen Nebenjob als Bartender verloren. Die Bar musste schließen. Ein neuer Job ist schwer zu finden, eine Erfahrung, die nahezu alle meine Kommilitonen ebenfalls machen. Jeder ist auf einen Nebenverdienst angewiesen. Deswegen bin ich heute zum Union Square gekommen, in der Hoffnung, in einem der vielen Restaurants hier etwas zu finden. Leider Fehlanzeige, aber ich versuche es nachher weiter.«
Konrad Pair lächelte ihm aufmunternd zu. »Nicht aufgeben, Sie finden bestimmt etwas.«
»Darf ich fragen, was Sie in New York machen? Vom Akzent her würde ich Sie in Deutschland oder Holland verorten.«
»Da liegen Sie ziemlich richtig. Ich bin in der Tat aus Holland. Amsterdam, um genau zu sein.«
»Und was machen Sie hier in New York, sind Sie Tourist?«
Die Kellnerin, die just in diesem Moment das Essen servierte, enthob ihn einer Antwort. Er nickte Daniel zu. »Na, dann wollen wir uns das mal schmecken lassen. Genießen Sie es.«
Die Geschwindigkeit, mit der die Enchiladas vertilgt wurden, war rekordverdächtig. Konrad Pair konnte nicht umhin, den korrekten Umgang mit Messer und Gabel bei seinem Gast zu registrieren. Offenbar stammte er aus einem guten Haus und hatte Tischmanieren gelernt, ganz im Gegensatz zu den barbarischen Essgewohnheiten, die er sonst bei Amerikanern sah. Während des Essens nahm in ihm eine zuerst vage Idee immer mehr konkrete Gestalt an. Da bot sich ihm vielleicht die Gelegenheit, seinen Häschern ein Schnippchen zu schlagen.
»Das hat Ihnen offenbar geschmeckt«, sagte er. Und nach dem bestätigenden Nicken: »Möchten Sie noch eine Cola?«
»Nein, danke, ich bin Ihnen schon genug zur Last gefallen.«
»Aber ganz und gar nicht, es war mir ein Vergnügen. Wenn Sie erlauben, würde ich Ihnen gern noch einmal helfen. Ich gebe Ihnen hier eine Kreditkarte. Mit der gehen Sie jetzt in den Publix dort hinten und kaufen für sich Lebensmittel ein. Damit kommen Sie dann einige Tage über die Runden. Ich trinke hier noch ein Bier und warte darauf, dass Sie mir die Karte zurückbringen. Was meinen Sie?«
»Oh, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Warum tun Sie das alles?«
»Sagen wir mal, ich war auch mal Student und kann mich ziemlich gut in Ihre Situation hineinversetzen.«
Immer noch ungläubig nahm Daniel zögernd die ihm gereichte Kreditkarte entgegen und machte sich auf den Weg zum Supermarkt. Konrad Pair winkte die Kellnerin heran und beglich die Rechnung. Als Daniel im Publix verschwunden war, stand er auf und machte sich eiligen Schrittes auf den Weg zur Port Authority. Durch den Einkauf würde Daniel eine falsche Spur legen, falls die Kreditkarten-Aktivitäten eines John Norton nachverfolgt wurden. Und er war sich sicher, dass dies geschehen würde. Wenn ihn der Student nach seiner Rückkehr nicht mehr vorfand, würde er die Kreditkarte entweder wegwerfen oder weiter benutzen. Letztere Variante wäre perfekt, denn sie würde suggerieren, dass er sich immer noch in New York aufhielt. Er pfiff vor sich hin. Seine neuen Kollegen hatten da eine schöne Nuss zu knacken.
Bei den Port Authorities angekommen, war er doch ein wenig platt. Sein Alter prädestinierte ihn nicht gerade für diese Art von Gewaltmärschen. Obwohl er mit 50 noch ziemlich fit war, hatte ihn doch sein, insbesondere seit dem Union Square, hohes Tempo ganz schön aus der Puste gebracht. Er hatte keine Mühe, die Abfahrtsplattform für den Bus nach Montreal zu finden. Dankenswerterweise fuhr der erst in einer guten Stunde los, so dass ihm noch genügend Zeit blieb, sich für die lange Fahrt mit Getränken und Sandwiches einzudecken.
Zunächst jedoch ging er zum Fahrkartenschalter. Der übergewichtige Mann in dem Glaskasten sah ihn kurz an, wobei sein schwarzes Gesicht eigentlich nur Langeweile verriet. »Fahrkarte?«
»Ja, nach Montreal bitte.«
»Hin und zurück?«
»Nein, nur hin.«
Nun schaute der Schaffner doch etwas interessierter. »Aha«, wobei sich das bedeutungsschwere Aha auf alles Mögliche beziehen konnte, »das macht 86 Dollar.«
»Okay.« Konrad Pair fingerte einen 100 Dollar-Schein aus der Hosentasche.
»Pass.«
Da hatte er es, dieser schläfrig wirkende Typ hatte nicht nach dem in den USA üblichen Führerschein gefragt, sondern den Pass angemahnt. Sein Akzent hatte ihn wohl gleich als Ausländer entlarvt. Konrad Pair fingerte einen weiten Hunderter aus der Hose und legte ihn auf den Counter. Der Schaffner zeigte keinerlei Reaktion, stempelte das Ticket ab und ließ den Geldschein verschwinden. Dann reichte er ihm die Fahrkarte und sah ihn mit einem unlesbaren Gesichtsausdruck an.
»Ich habe Sie nie gesehen. Gute Fahrt.«
ÜBERRASCHUNGEN
Beim Verstauen seiner Einkäufe wurde ihm die Stille in seinem Schwarzwälder Berghof unangenehm bewusst. Gabi war mit ihren Jungen wieder zu ihrem Mann zurückgegangen, nachdem Norbert sie diesbezüglich händeringend angefleht hatte. Er war offensichtlich seiner neuen Flamme doch relativ zügig überdrüssig geworden. Zwanzig Jahre Altersunterschied waren auf die Dauer einfach zu viel.
Nicht nur Gabi fehlte ihm, zusätzlich hatte er vor zehn Tagen auch noch seine Schäferhündin einschläfern lassen müssen. Ihre Hüftprobleme waren immer schlimmer geworden und in Absprache mit der Tierärztin hatte er sich zu diesem Schritt durchgerungen. Ihm war immer noch ganz schwer ums Herz und wo immer er sich im Haus bewegte, sah er seine Nicki. Aber es half nichts, seine einzige Unterhaltung waren jetzt zweimal in der Woche die etwas einsilbigen Dialoge mit Agathe, seiner Haushälterin.
Das Telefon riss ihn aus seiner etwas düsteren Stimmung.
»Werner.«
»Hallo, Niels, hier ist Peter, Peter Nehmer.«
»Hallo, Peter, wie geht es?«
»Danke der Nachfrage, mein Lieber. Den Jungen geht es prächtig und Claire, na – du kennst sie ja, sie wird mit jedem Tag schöner. Das Alter scheint ihr überhaupt nichts auszumachen. Ich hoffe, du bist auch gut drauf?«
»Alles okay. Was kann ich für dich tun?«
»Ich will dich nur kurz ins Bild setzen. Deine Idee des … ich nenne es mal Staatsfonds … ist hier bestens aufgenommen worden. Horst war sofort Feuer und Flamme, Boris ist sowieso immer positiv, was meine Vorschläge angeht, die Kohler habe ich mit sanftem Druck auf meine Seite gebracht, nur der Wohler war zögerlich. Natürlich wollte er mal wieder einen Unternehmensberater einschalten.«
Niels Werner stöhnte leicht. »Oh nein, nur das nicht. Da kannst du ja gleich in den Medien unser Vorhaben hinausposaunen. Hast du deinen Kollegen irgendwelche Details gesagt?«
»Wo denkst du hin! Die haben von mir nur vage die grobe Richtung mitgeteilt bekommen. Genauso wie unser Aufsichtsratsvorsitzender Fieber. Der schwätzt ja auch gerne rum. Was mich persönlich noch umtreibt, ist die Frage, woher du so schnell die Information bezüglich des Scheiterns unserer Bankenallianz bekommen hast. Ich meine, ich wusste das ja mal gerade einen Tag vorher. Darf ich fragen, welches Vöglein dir das gesungen hat?«
»Fragen darfst du.«
Nach einem längeren Moment der Stille kam wieder Peter Nehmers Stimme durch das Telefon.
»Schon gut, ich habe verstanden. Übrigens denkt die Kohler, wir sollten uns um das Management des Atomfonds bemühen. Was meinst du?«
»Kann man machen, aber gemessen an den 500 Milliarden, die du im Visier haben solltest, sind das eher Peanuts.«
»Da hast du wohl Recht, ich habe sie zur Tarnung in dem Glauben gelassen, dass das ein guter Vorschlag ist. Horst hat mich übrigens noch auf eine Dringlichkeit aufmerksam gemacht, falls wir deinen Plan umsetzen wollen.« Horst Kaiser, der Finanzchef, die graue Eminenz der Wertebank, war immer für gute Vorschläge gut. Niels Werner schätzte ihn sehr.
»Und was meint er?«
»Er hat mich schon vor Wochen darauf aufmerksam gemacht, dass wir einen guten Chef für das Asset Management brauchen. Die Frage, Niels, ist schlicht, ob du bereit bist, zu uns zurück zu kommen.«
»Du hattest mich doch entlassen, erinnerst du dich?«
»Ich weiß.« Nehmers Stimme klang leicht gequält. »Im Nachhinein betrachtet habe ich damals wohl überreagiert.«
»Ich weiß, ich wollte dich eben auch nur ein wenig piksen.«
»Niels, ich hatte mich bei meiner Entscheidung zu sehr auf deine angedachte Rolle als trojanisches Pferd für Gerd Brauners Meinebank fokussiert und weniger auf deine enormen Verdienste für unsere Bank und mich persönlich natürlich. Ohne dich wäre die Entführung unseres Sohnes wohl nicht so glimpflich ausgegangen.«
Das Angebot zur Wertebank zurückzukommen und seine alte Position wieder einzunehmen, hatte Niels Werner befürchtet. Er fühlte sich hier auf seinem Berghof im Schwarzwald pudelwohl, auch wenn es im Moment sehr still in seinen vier Wänden war. Aber natürlich würde es ihm auch Spaß machen, wieder in seine alte Rolle bei der Wertebank zu schlüpfen.
»Denk darüber nach, Niels. In drei Tagen halte ich in Straßburg eine Rede. Das Europaparlament zieht mal wieder für eine Woche dorthin. Claire will mit den Kindern anschließend nach Colmar zu ihren Eltern fahren. Ich könnte von dort schnell bei dir vorbeischauen, mit dem Auto ist es ja nur eine Stunde.«
»Du bist herzlich willkommen, Peter.«
»Gut, dann also bis Freitag.«
Puh, was sollte er bloß machen? Offenbar ließ ihn seine alte Branche nicht los. Vielleicht sollte er hin und her pendeln? Dann könnte er zumindest das Wochenende hier verbringen. Wenn bloß die Verkehrsverbindung nach München nicht so schlecht wäre. Mit dem Zug war das eine Katastrophe, da kam nur der Wagen in Frage. Aber auch das würde zeitaufwändig sein.
Erst jetzt bemerkte er das laute Klopfen. Als er die Haustür öffnete, stand vor ihm ein etwas verlegen wirkender Josef. Der alte Mann vom tiefer gelegenen Bauernhof war sein nächster Nachbar, allerdings hatte er mit ihm noch nie mehr als drei Worte gewechselt, und das meistens auch nur, wenn seine Nicki die Katze vom Josef gejagt hatte. Das hatte ihn dann stets eine Flasche Rotwein gekostet. Gegenseitige Besuche waren aber völlig ausgeschlossen und hatten auch nie stattgefunden. Entsprechend verlegen trat Josef von einem Bein auf das andere und drehte seinen verwitterten Strohhut in der Hand.
»Entschuldigung, ich habe keine Klingel gefunden – und da habe ich halt an die Tür geklopft. Ich hoffe, ich störe nicht.«
»Aber nein, ganz und gar nicht. Wollen Sie hereinkommen?«
»Nein, passt schon, ich bleib lieber hier draußen in der schönen Sonne und setze mich an den Tisch dort.«
Wie immer hatte Niels Werner Schwierigkeiten mit dem alemannischen Dialekt, aber viele Jahre im Schwarzwald hatten sein Ohr mittlerweile dafür geschärft.
»Haben Sie zwei Gläser?« Mit diesen Worten holte Josef aus den Untiefen seines Umhangs eine Flasche Schnaps hervor. »Selbstgebrannt, versteht sich.«
Nachdem die Gläser auf dem Tisch standen, schenkte er großzügig ein. Mit einem »Prost« kippte er sein Glas hinunter und füllte es sofort wieder nach. Niels Werner kam gar nicht hinterher. Bevor das Ganze allerdings zum Kampftrinken ausartete, begann Josef seine für seine Verhältnisse unfassbar lange Rede.
»Also, die Gerda, was meine Frau ist, und ich, wir haben gedacht, jetzt, wo die Jungen weg sind und auch die Nicki nicht mehr da ist, muss es doch hier oben ziemlich einsam sein und dass Ihnen ein wenig Gesellschaft gut tun würde. Und da wir schon so lange eine gute Nachbarschaft pflegen«, Niels Werner traute seinen Ohren nicht, »habe ich eine Flasche von meinem Selbstgebrannten geschnappt und bin hier hoch gekommen.«
»Das ist eine Superidee von Ihnen, Josef. Ich weiß das sehr zu schätzen. Sagen Sie das auch Ihrer Frau.«
Josef nickte vor sich hin und kippte mittlerweile das dritte Glas seines Schnapses hinunter, ehe Niels Werner fortfuhr: »Aber ich hatte gedacht, die Nicki geht Ihnen auf die Nerven, weil sie doch immer Ihre Katze gejagt hat.«
»Ja, ja, die Nicki, eine bildschöne Hündin, und so lieb war sie, tat keiner Menschenseele etwas zuleide. Und meine Katze, na ja, es gab ja immer eine gute Flasche Rotwein hinterher.«
Josef sah ihn augenzwinkernd an und er begriff, dass wahrscheinlich sein Hund immer dann angeblich die Katze gejagt hatte, wenn der Josef eine neue Flasche Wein brauchte. Das alte Schlitzohr!
»Ja, und die Jungen, die haben doch sicher jede Menge Lärm gemacht und ständig Ihre Äpfel vom Baum geklaut.«
»Ach, die Jungen, lebhaft waren sie schon«, Josef kippte sein viertes Glas, während Niels Werner immer noch mit dem zweiten kämpfte, »aber Äpfel haben wir doch alle geklaut in der Jugend. Die schmeckten immer am besten. Ich bin übrigens der Josef. Du kannst ruhig du zu mir sagen.«
Jetzt musste er doch sein zweites Glas erheben, während Josef sich sein mittlerweile fünftes einschenkte.
»Ich bin der Niels, Prost, Josef.«
»Prost, Niels.«
Dann stand der Josef auf, verkorkte seine Flasche und ließ sie wieder in seinem Umhang verschwinden. Danach kam er um den Tisch herum und legte Niels Werner die Hand auf die Schulter.
»Mein Bruder, der Karl, der hat einen Hof weiter oben in der Nähe vom Höllental und seine Hündin hat Junge bekommen. Das sind Hirtenhunde, vielleicht auch Mischlinge. Aber wenn du einen Welpen willst, sag mir Bescheid. Wir würden auch auf ihn aufpassen, wenn du mal nicht da bist.«
Niels Werner hätte den alten Bauern fast in den Arm genommen, so überwältigt war er von dessen unerwarteter Herzlichkeit.
»Danke, Josef. Aber ich werde eventuell künftig wohl wieder, zumindest in der Woche, in München sein.«
»Sag nur ein Wort und wir werden ein Auge auf deinen wunderschönen Hof haben. Ich muss mich jetzt aber wieder um mein Vieh kümmern. Wenn du etwas brauchst, du weißt ja, wo wir sind.«
Mit diesen Worten drehte er sich um und stapfte wieder den Weg herunter zu seinem Hof, wobei seinem Gang nicht anzusehen war, dass er gerade eine gehörige Menge Schnaps in sich hineingeschüttet hatte. Trotzdem behielt Niels Werner ihn von seiner erhöhten Position im Auge. Man konnte ja nie wissen. Aber Josef meisterte den doch recht steilen Abstieg mit traumwandlerischer Sicherheit und erreichte unbeschadet seinen Hof.
Dort allerdings wurde er von einem Autofahrer angehalten, der ihn offensichtlich nach dem Weg fragte. Josefs Zunge war wohl immer noch vom Schnaps gelöst, denn er beugte sich durch die geöffnete Scheibe zu dem Fahrer herunter und verharrte eine ganze Weile in dieser Position. Dann machte er mit seinem Arm eine einladende Geste den Weg hinauf, den er gerade heruntergegangen war. Der Wagen setzte sich daraufhin in Bewegung und schlug den Weg zu seinem Berghof ein. Jetzt war Niels Werner hochgradig alarmiert. Was kam denn da auf ihn zu? Als der Fahrer, auf seinem Hof angekommen, ausstieg, dachte er nur: Mich laust der Affe!
»Konrad, was in aller Welt machst du denn hier?«
»Hallo, Niels, wie es aussieht, besuche ich einen alten Freund und Ex-Kollegen.«
»Aber um Himmels willen, ich denke, du bist in Amerika und darfst dich in Deutschland nicht mehr blicken lassen.«
»Eins nach dem Anderen. Darf ich vorher erst einmal dein Bad benutzen?«
»Na klar, komm, ich zeige dir den Weg. Möchtest du etwas trinken?«
»Wenn ich unverschämt sein darf, Kaffee wäre schön, und vielleicht hast du auch noch eine Kleinigkeit für meinen Magen.«
»Kein Problem.«
Während Konrad Pair im Bad verschwand, warf Niels Werner die Kaffeemaschine an und stellte schon einmal Milch und Zucker bereit. Es dauerte auch nicht lange, bis sein Gast sichtlich entspannter wieder auftauchte.
»Das ist ja ein Superdomizil, ich muss schon sagen, Niels, schön hast du es hier. Das gefällt mir«, und mit einem ironischen Zwinkern, »hier werde ich mich sicherlich wohlfühlen.«
»Hast du vor zu bleiben?«
»Wenn ich darf. Ich müsste für einige Tage untertauchen, und ich glaube, hier wird mich keiner vermuten und schon gar nicht finden.«
»Du bist willkommen, in dieser Hütte ist es in letzter Zeit ohnehin zu still. Das Gästezimmer ist frei und du hast da auch dein eigenes Bad. Wollen wir uns raussetzen? Auf der Terrasse im Garten ist es am angenehmsten und du hast einen Superblick über das Dreisamtal.«
»Gern.«
Konrad Pair ließ seinen Blick schweifen, während Niels Werner Kaffee und Teile des von Agathe gebackenen Zwetschgenkuchens auf den Tisch stellte. Sein Gast griff beherzt zu.
»Das sind die Dinge, die man in Amerika vermisst. Der Kaffee ist eine Katastrophe und so einen Kuchen bekommst du nirgends.«
»Und deswegen bist du nach Deutschland zurückgekehrt?«
Pair gluckste vor sich hin. »Nicht so ganz. Ich bin vor allem zurückgekommen, um am Leben zu bleiben.«
»Erzähl.«
»Na ja, warum wollten die Amis Samuel Leist eliminieren und warum hat der deutsche Geheimdienst durch meine Person dabei geholfen? Weil nichts über die Existenz dieser Organisationen bekannt werden soll. Nachdem Leist tot war, verblieb nur noch ein Restrisiko.«
»Du redest von dir.«
»Exakt. Ich glaube, sie hatten von Anfang an vor, mich ebenfalls mundtot zu machen. Nur deswegen haben sie mich in die USA gelotst. Natürlich bot sich für ihr Vorhaben New York an, in dieser Millionenstadt fällt ein Toter nicht so auf. Nachdem die mir in Washington erklärten, dass mein künftiger Arbeitsplatz in New York sei, war mir klar, ich muss verschwinden. Ich habe mich dann von New York aus in einem Greyhound abgesetzt und bin nach Montreal gefahren. Dort habe ich einen Flug mit Air France nach Paris gebucht. Vom Flughafen Charles de Gaulle ging es dann mit dem Mietwagen hierher. Den Wagen gebe ich morgen in Freiburg zurück.«
»Und nun? Wie willst du verhindern, dass die dich finden?«
»Das dürfte für die Jungs erst einmal nicht so einfach werden. Ich habe in New York eine falsche Spur gelegt und die John-Norton-Kreditkarte einem dortigen Studenten gegeben. Der wird sie eifrig benutzt und den Amis damit signalisiert haben, ich sei noch in New York. Beim Buchen des Greyhound-Tickets habe ich meine Identität nicht offenlegen müssen und beim Passieren der kanadischen Grenze hat sich so spät in der Nacht kein Grenzer für uns interessiert. Mein Ticket in Montreal lautete dann auf Konrad Pair, ebenso dieser Mietwagen da hinten. Natürlich werden sie mich finden, aber es wird wohl eine Weile dauern.«
»Ja, und dann?«
»Bis dahin werde ich mir eine Rückversicherung schaffen. Ich werde alles niederschreiben und einem Notar übergeben, der im Falle meines plötzlichen Todes diese Informationen an die Presse weitergibt. Und ich werde dafür sorgen, dass sowohl die Geheimdienste in Deutschland als auch in den USA davon wissen. Das dürfte deren Wunsch mich zu töten spürbar dämpfen.«
»Na, das hast du dir ja fein ausgedacht. Aber was ist, wenn es die Öffentlichkeit mitbekommt, ich meine, dass du frei bist?«
»Da wird es dann wohl den einen oder anderen bissigen Zeitungsartikel geben, von wegen Beugung des Rechtssystems und so weiter. Aber ich habe ordnungsgemäße Entlassungspapiere, die als Grund extrem gute Führung angeben. Rechtlich bin ich damit sauber. Der deutsche Geheimdienst kann ja schlecht seine Hilfe bei dieser Entlassung zugeben.«
»Mhm, wenn das so ist, dann könntest du ja wieder in die Wertebank eintreten.«
»Theoretisch schon. Was ist mit dir, hast du mit Peter gesprochen?«
»Ja, er hat mir diesbezüglich schon Avancen gemacht. Er will übrigens in ein paar Tagen hier vorbeikommen. Da kannst du ja auch mit ihm reden.«
»Das passt wie die Faust aufs Auge. Super. Niels, ich würde mich jetzt gern zurückziehen. Ich bin hundemüde, im Flieger konnte ich wie immer nicht schlafen.«
»Kein Problem, fühl dich wie zuhause.«
RACHEGELÜSTE
Sein von Haus aus ohnehin sauertöpfisches Naturell hatte sich in den zurückliegenden Tagen noch weiter eingetrübt. Auch der Blick aus seinem Arbeitszimmer in den schönen Woodland Park konnte seine Stimmung nicht aufhellen. Es war ja auch wirklich zum Auswachsen. Seit Tagen trieb sich offenbar Konrad Pair in New York herum, hatte sich aber noch nicht bei Silberstein gemeldet. Sein genauer Aufenthaltsort war ein Rätsel. Auch wie er überhaupt nach New York gereist war, hatten sie noch nicht wirklich aufklären können. Sein Schatten Liam Waggoner hatte ihn zwar in den Ronald Reagan Airport hineingehen sehen, dann aber aus den Augen verloren.
Max Snyder zuckte mit den Schultern. Es war ja auch eigentlich nicht wichtig. Wichtig war, dass Pair es offenbar für nötig gehalten hatte, seine Fahrt nach New York zu verschleiern. Das ließ sich nur mit einem gehörigen Misstrauen erklären und, was fast noch schlimmer war, wahrscheinlich hatte er Waggoner in seinem Kielwasser bemerkt. Deswegen hatte er den für ihn gebuchten Flug nicht genommen. Das immerhin wussten sie. Und dass er die John Norton-Kreditkarte schon einige Male in New York benutzt hatte.
Er drehte sich um und ging zurück zu seinem Schreibtisch. Dort studierte er die Liste mit den Kreditkartennutzungen in New York: Publix, Publix, Drugstore, Barnes & Nobles. Hier stoppte er abrupt. Barnes & Nobles? Was hatte Pair in einem Buchladen zu suchen? Hier stand es: Kauf eines Buches über Financial Accounting von Stickney & Weil. In ihm keimte ein fürchterlicher Verdacht. Er riss seine Bürotür auf und rief seiner Sekretärin zu: »Liam Waggoner, ich will ihn sofort sehen!« Seine Vorzimmerdame goss ungerührt ihre Pflanzen weiter, derartige Ausbrüche hatte sie schon öfter erlebt.
»Herr Waggoner ist in New York. Er versucht, die Kreditkarte aufzuspüren.«
»Dann holen Sie ihn ans Telefon, sofort.«
Seelenruhig wählte Linda Herzog die Telefonnummer. Nach einer Weile sah sie ihn bedauernd an.
»Herr Waggoner geht nicht ran.«
»Dann versuchen Sie es weiter.«
Max Snyder knallte seine Bürotür wieder zu. Kaum hatte er sich in seinen Bürostuhl fallenlassen, läutete sein Telefon.
»Na, haben Sie endlich geruht, an Ihr Handy zu gehen?«
Nach einem kurzen Moment der Stille: »Max, hier ist Jerry.«
»Oh, Jerry, sorry, ich dachte, es ist Liam.«
»Alles okay bei dir?«
»Ja, alles okay. Was hast du?«
»Dieser Typ, mit dem der Norton auf dem Frankfurter Flughafen gesprochen hat, du erinnerst dich?«
»Ja, klar, ihr solltet sein Foto mit den Dateien unserer Immigrationsbehörde abgleichen. Habt ihr etwas gefunden?«
»Deine Idee dazu war goldrichtig. Bei den ESTA-Anträgen sind wir fündig geworden. Der Typ ist Deutscher und heißt Niels Werner. Ein Auskunftsersuchen an die deutschen Behörden ist schon unterwegs.«
»Das schadet zwar nichts, aber eigentlich brauchen wir das nicht. Ich kenne den Mann, na ja, kennen ist nicht das richtige Wort. Sagen wir, ich weiß, wer das ist und in welcher Beziehung er zu Norton steht. Danke, Jerry, wenigstens ein Lichtblick an diesem trüben Tag.«
Wie recht er mit seiner Einschätzung des Tages hatte, wurde ihm relativ schnell im unmittelbar folgenden Telefonat mit Liam Waggoner deutlich.
»Wieso gehen Sie nicht an Ihr Handy? Sie wissen doch, Sie haben jederzeit erreichbar zu sein.«
»Es tut mir leid, aber ich war beschäftigt und habe den Klingelton vom Handy nicht mitbekommen.«
Angesichts der trotz ständigen Räusperns belegten Stimme von Liam Waggoner wusste Max Snyder instinktiv, dass unangenehme Nachrichten auf ihn zukamen.
»Spucken Sie es schon aus.«
»Na ja, mir ist aufgefallen, dass die Kreditkarte eigentlich immer nur für Käufe eingesetzt wurde, die für Norton untypisch sind.«
»Schau an, das haben Sie also auch schon gemerkt.«
Liam Waggoner ignorierte diese Äußerung seines Chefs, er wusste die Zeichen eines brodelnden Vulkans nur zu gut zu deuten.
»Wir haben uns daher auf die Stellen des Kreditkarteneinsatzes konzentriert. Ich selbst habe beim häufig frequentierten Publix auf eine erneute Nutzung gewartet. Die kam dann auch relativ prompt.«
»Ja und?«
Max Snyders Stimme hatte einen etwas schrillen Unterton.
»Ich habe danach den Kerl einkassiert. Er war Student der Volkswirtschaft, 25 Jahre alt, Name: Daniel Manner. Bei der Befragung hat er ausgesagt, die Kreditkarte von einem holländischen Touristen bekommen zu haben. Er wollte sie ihm nach der ersten Nutzung zurückgeben, aber der Tourist war nicht mehr an dem vereinbarten Platz. Dann hat er die Karte weiter benutzt. Den Touristen hat er übrigens nach einem Foto als John Norton identifiziert.«
Max Snyder knirschte kurz mit den Zähnen. Dieser Mistkerl von Pair! Weiß der Kuckuck, wo der sich mittlerweile herumtrieb. Vermutlich hatte er die USA schon verlassen.
»Hat der Knabe eine Ahnung, wo dieser holländische Tourist hin wollte?«
»Äh, dazu konnte er keine Auskunft mehr geben.«
Ihn überlief es heiß und kalt. Wie hatte Waggoner eingangs gesagt: Er war Student.
»Ihr habt doch wohl nicht …«
»Doch, es tut mir leid, die Befragung war vielleicht etwas zu grob, aber wir wollten halt schnelle Antworten von ihm.«
»Waggoner, Sie sind ein hirnloser Idiot!« Snyders Stimme hatte nun einen gefährlichen Unterton. »Es bestand keinerlei Veranlassung den Jungen zu töten. Er stellte weder für uns noch für unsere Organisation eine Gefahr dar«, und nachdem er sich nach einer längeren Pause wieder in der Gewalt hatte, »ich hoffe, ihr habt ihn gescheit entsorgt.«
»Keine Sorge, er ist im Krematorium sauber verbrannt worden, als Beigabe für einen kürzlich ebenfalls Verstorbenen.«
»Dann machen Sie sich jetzt auf den Weg zu den Port Authorities. Das ist der Startpunkt für die Greyhounds. Ich wette, unser Freund ist mit denen weitergereist und mein Tipp wäre nach Kanada.«
»Wird gemacht, Boss.«
Boss! Das hatte Waggoner noch nie zu ihm gesagt. Dem war wohl doch ein wenig das Herz in die Hose gerutscht. Das nutzt dir nichts, mein Lieber, in deine Personalakte kommt trotzdem eine Notiz. Schlampige Auftragsausführung, unnötige Brutalität und so weiter. Bevor er jedoch anfangen konnte, dies auszuformulieren, kam ungerührt Linda Herzog in sein Büro und stellte eine Kanne Kräutertee auf seinen Tisch.
»Das entspannt und beruhigt die Nerven. Übrigens hat ein Herr Kaminski vom deutschen Nachrichtendienst versucht, Sie zu erreichen.«
»Und das sagen Sie erst jetzt?«
Max Snyders Stimme hatte schon wieder eine gepresste Tonlage. Seelenruhig schenkte die Herzog ihm trotzdem Tee in die mitgebrachte Tasse.
»Trinken Sie erst einmal einen Schluck, wie gesagt, das beruhigt. Ich verbinde Sie dann gleich.«
Nachdem sie sein Büro wieder verlassen hatte, schlürfte Snyder vorsichtig an seinem Tee. Mmh, in der Tat nicht schlecht. Auch wenn die Herzog ihm manchmal auf die Nerven ging, wusste er doch ihren Dienst in seinem Vorzimmer sehr zu schätzen. Ihm blieb gerade noch Zeit für einen weiteren Schluck Tee, als es schon wieder klingelte.
»Ja.«
»Kaminski hier. Guten Tag, Herr Kollege.«
Der grauenhafte Akzent von diesem Kerl tat seinen Ohren weh. Warum mussten diese Deutschen immer in so einem abgehackten Stakkato sprechen und stets am Ende des Satzes mit der Betonung in den Keller gehen? Egal, er zwang einen freundlichen Unterton in seine Antwort.
»Herr Kollege, wie geht es und was gibt es Neues?«
»Tja, so einiges. Ich hatte vorhin einen Anruf von Konrad Pair.«
Max Snyder saß stocksteif.
»Was wollte der Mistkerl?«
»Er hat mich darüber informiert, dass er in Deutschland ist und gedenkt, sein normales Leben wieder aufzunehmen.«
»Haben Sie den Anruf zurückverfolgen können?«
»Dafür war er nicht lang genug, aber das Gespräch kam definitiv aus dem Inland.«
»Na egal, wir werden ihn schon finden. Mit Ihrer Mithilfe natürlich.«
»Ich fürchte, das wird uns nicht viel nützen. Er hat mir eiskalt erklärt, dass er sein Wissen niedergeschrieben hat und die jeweiligen Papiere an drei Stellen hinterlegen wird. Für den Fall seines plötzlichen unnatürlichen Todes werden die Dokumente automatisch an die Presse weitergeleitet.«
Wenn er weiter so mit seinen Zähnen knirschte, würde er bald ein längeres Gespräch mit seinem Zahnarzt haben.
»Aber wie will er denn ein normales Leben führen? Er muss doch die Öffentlichkeit meiden.«
»Das habe ich ihm auch gesagt. Er hat mich daraufhin nur ganz ungerührt daran erinnert, dass er ja legale Entlassungspapiere aus dem Gefängnis vorlegen könne, die ihm bestätigen, wegen extrem guter Führung wieder freigesetzt worden zu sein. Nach deutscher Rechtsprechung ist er damit sauber. Eine eventuelle Aufregung in der Öffentlichkeit wegen zweierlei Maß bei der Behandlung von Kriminellen würde er locker aushalten.«
»Hat er sonst noch etwas rausgelassen? Wovon will er leben?«
»Das wird sich zeigen. Ich persönlich würde mich nicht wundern, wenn er zur Wertebank zurückgeht. Soweit wir wissen, wird er dort immer noch sehr geschätzt. Sobald ich etwas höre, melde ich mich. Bis dann, Herr Snyder.«
»Machen Sie’s gut, Herr Kaminski.«
Nach dem Telefonat ging Snyder an sein Bürofenster zurück und nahm seine Betrachtung des Woodland Parks unter ihm wieder auf. Das musste er erst einmal verarbeiten. Er spürte eine ungeheure Wut in sich und den übermächtigen Wunsch, sich zu rächen, nur wie und an wem, das war ihm noch nicht so ganz klar.
TEAMBILDUNG
Als die beiden Männer den Weg zu seinem Berghof hinaufgingen, war die Luft erfüllt von dem Duft der Blumen und Kräuter am Wegesrand. Außer dem Zirpen der Grillen und dem Klopfen eines Spechtes wurden sie von einer angenehmen Stille umhüllt. Noch nicht einmal Josefs Kühe waren zu hören. Der Zauber des Dreisamtals hatte sie voll im Griff. Niels Werner genoss jedes Mal den Aufstieg zu seinem Zuhause und soweit er das beurteilen konnte, ging es gerade Konrad Pair ebenso.
Der sah mittlerweile viel besser aus. Die zwei Tage Ruhe und das eifrige Bekochen durch Agathe hatten positive Zeichen hinterlassen. Offenbar hatte der gute Konrad den Dreh mit den Damen heraus. Seine Haushälterin jedenfalls bot ihre Dienste weit über das normalerweise von ihr zu erwartende Maß an. Statt der vereinbarten drei Stunden täglich war sie gestern geschlagene fünf Stunden geblieben und hatte sich immer wieder nach Konrads Wünschen erkundigt. Vermutlich wartete sie auch heute dort oben, obwohl es gar nicht ihr Tag war. Und es war ja nicht nur Agathe. Auch Gerda, die Frau vom Josef, war bei ihrem Besuch eben nicht wiederzuerkennen gewesen. Von wegen schwerhörig oder, wie sie in der Vergangenheit immer betonte, stocktaub, sie hatte äußerst lebhaft Konversation betrieben und jedes Wort verstanden. Die war genauso ein Schlitzohr wie der Josef selbst. Zur Krönung hatte sie dann noch etwas Lippenstift aufgetragen. Dem Josef war fast sein obligatorisches Schnapsglas aus der Hand gefallen.
Aber Konrads Charme hatte ihr eigentliches Anliegen beim Josef sehr erleichtert. Selbstverständlich würde er den verklebten Umschlag mit den darin befindlichen Dokumenten in seine Obhut nehmen, und natürlich hatte er diesen Umschlag nie gesehen. Die Gerda hatte ihn auch gleich irgendwo auf dem Bauernhof in einem Geheimfach verstaut. Beide hatten verstanden, dass sie diesen Umschlag nur nach Aufforderung durch Niels Werner wieder herausgeben sollten.
Niels Werner klopfte sich innerlich auf die Schulter. Es war seine Idee gewesen, den Josef einzuspannen. Vielleicht würden diese Geheimdienstfuzzis irgendwie hinter seine Identität kommen und sein Haus durchsuchen. Aber auf den Josef kommen die nie, dachte er zufrieden.
So sah das offensichtlich auch Konrad Pair. »Ich wette, meine Kollegen kommen nie darauf, dass der Josef die Papiere hat. Bei dir könnten sie etwas vermuten, aber bei den beiden nie.«
Mittlerweile hatten sie das Plateau erreicht, auf dem Niels Werners Berghof stand.
»Ich denke das auch – hoffentlich täuschen wir uns nicht.«
»Keine Sorge, Niels, Geheimdienstleute sind viel zu hochnäsig, um hinter der Fassade von Josef und Gerda etwas Derartiges zu vermuten. Der Josef hat dich ja auch super über den Tisch gezogen und mit dieser Hundenummer deine Weinvorräte dezimiert.«
»Woher willst du das denn wissen?«
»Na, er hat es mir gesteckt, als du im Bad warst. Die Gerda hat dabei schallend gelacht.«
»Hauptsache, ihr habt euch amüsiert. Ich kann mich jedenfalls nur über deinen Charme wundern, die Gerda habe ich noch nie so aufgeräumt gesehen. Ihr Geheimdienstagenten scheint speziell auf Frauen eine besondere Ausstrahlung zu haben.«
»Klar, das kannst du in jedem James-Bond-Film sehen.«
»Setz dich, ich hole uns ein Bier.«
Als Niels Werner wieder zurückkam und die Rothaus-Biere auf den Tisch stellte, konnte er sich eine süffisante Bemerkung denn doch nicht verkneifen.
»So doll scheint es mit deinem Charme doch nicht her zu sein. Ich hätte gewettet, Agathe kommt heute wieder.«
»Das ist nur, weil du in die falsche Richtung siehst. Schau mal, die Radfahrerin da oben am Berg. Ich wette, das ist sie.«
Beide Männer lachten lauthals und sahen Agathe entgegen, als sie auf ihrem Mountainbike den schmalen Hohlweg herunterkam. Als sie den Hof erreichte, durchzuckte es Niels Werner. Mich laust der Affe, dachte er, jetzt hat die auch noch Lippenstift aufgelegt. Agathe strahlte sie beide an, Konrad Pair etwas länger, und verschwand im Haus, aus dem kurze Zeit später das Klappern von Pfannen und Töpfen zu vernehmen war. Niels Werner rief durch das offene Fenster in die Küche: »Was gibt es denn heute Schönes, Agathe?«
»Szegediner Gulasch.«
Natürlich, Konrad Pair hatte ihr gestern sein Lieblingsessen genannt und prompt kam das heute auf den Tisch. Er machte eine hilflose Geste zu seinem Gast und bewegte den Kopf energisch zu der etwas weiter vom Haus weg gelegenen zweiten Gartenterrasse. Dort waren sie außer Hörweite.
»Was meinst du, Niels, wo deponieren wir die anderen Dokumente? Der Josef hat jetzt einen Satz und gestern habe ich an meinen Münchner Notar einen zweiten abgeschickt mit der Maßgabe, im Falle meines plötzlichen Todes diese Papiere sofort zu veröffentlichen. Ich habe aber noch einen dritten Umschlag gestern angefertigt.«
Niels Werner zögerte keine Sekunde. »Den solltest du bei Peter hinterlegen. Entweder er oder die Pauli können im Falle des Falles die Veröffentlichung veranlassen.«
»Gute Idee, aber meinst du, Peter wird dem zustimmen? Eigentlich muss er doch sauer auf mich sein. Schließlich habe ich ihm jahrelang meine Geheimdienst-Zugehörigkeit verheimlicht. Wo steckt er überhaupt, er wollte doch schon gestern hier sein?«
»Du siehst ihn nur nicht, weil du in die falsche Richtung siehst. Schau, da unten bei Josef, siehst du die schwarze Limousine?« Beide lachten wieder schallend. »Ich wette, das ist er.«
Beide Männer standen auf und gingen wieder zu der Terrasse am Haus, wo sie dem sich nähernden Auto entgegenblickten.
»Agathe, es sieht so aus, als ob wir noch einen Gast bekommen. Am besten kochen Sie etwas mehr.«
Als Peter Nehmer strahlend aus dem Auto stieg, hatte Konrad Pair sich aus dessen Blickfeld entfernt und ins Haus zurückgezogen.
»Hallo, Niels, ich freue mich wahnsinnig, dich zu sehen.«
»Das gilt auch für mich.«
Beide Männer umarmten sich.
»Wie war die Fahrt, hast du den Weg gut gefunden?«
»Kein Problem.« Peter Nehmer reckte sich leicht und ließ den Blick anerkennend schweifen. »Jetzt verstehe ich gut, warum du an diesem Platz so hängst. Da hast du dir ja ein wunderschönes Fleckchen ausgesucht.«
»Ja, Peter, ich fühle mich sehr wohl hier.«
»Wohnen da, wo andere Urlaub machen. Sehr schön. Aber ist dir das auf Dauer nicht doch ein wenig zu langweilig?«
Niels Werner konnte nicht umhin, die Ironie dieser Situation zu registrieren. Genau die gleiche Argumentation hatte damals Gerd benutzt, als er ihn als trojanisches Pferd in Peters Bank gewinnen wollte.
»Das Thema können wir ja nachher noch vertiefen. Zunächst muss ich dir sagen, dass ich noch einen Besucher habe. Das Vöglein gewissermaßen.«
»Wie, was, Vöglein, wovon redest du?«
»Na, du wolltest doch wissen, welches Vöglein mir vom Scheitern der Bankenallianz gesungen hat.«
Peter Nehmer ließ sich schwer auf einen Gartenstuhl sinken. »Und dieses Vöglein ist hier?«
»In der Tat«, ließ sich nun der aus dem Haus getretene Konrad Pair vernehmen. »Hallo Peter, alles gut? Du siehst etwas angegriffen aus.«
Peter Nehmer sprang auf und umarmte ihn heftig. Dann hielt er ihn auf Armeslänge von sich, sah ihm ins Gesicht und schüttelte immer wieder seinen Kopf. »Jetzt brat mir aber einer einen Storch. Wo in aller Welt kommst du denn her? Das gibt es doch gar nicht!«
»Das ist eine spezielle Geschichte. Am besten setzen wir uns wieder dahinten in den Garten.«
Dabei machte er eine bedeutungsvolle Geste in Richtung Haus. Nehmer verstand sofort und folgte ihm zusammen mit Niels Werner.
»Also, wenn ihr nichts dagegen habt, ich kenne die Geschichte ja schon. Ich werde mal ins Haus gehen und Agathe ein wenig auf die Finger schauen. Wer weiß, was die in ihrem Faible für Konrad sonst noch alles anstellt. Peter, was darf ich dir zu trinken anbieten?«
»Ihr habt ja schon mit Bier angefangen, dann schließe ich mich an.«
»Okay, kommt sofort. Konrad, du hast noch?«
Konrad Pair nickte und begann, als Niels Werner die zwei allein ließ, intensiv auf Peter Nehmer einzureden. Niels Werner ließ sich Zeit mit dem Bier. Er wusste, Peter würde angesichts dessen, was Konrad ihm auftischte, so schnell kein Bedürfnis nach seinem Bier haben. Agathe sah ihn vorwurfsvoll an, sie hatte sich wohl ein wenig mehr Zweisamkeit mit Konrad erhofft oder war enttäuscht, dass sie nicht mitbekam, was da so Interessantes besprochen wurde. Als er mit dem Bier in der Hand zum Tisch der beiden Freunde ging, spielte Peter Nehmer gerade den Moralapostel und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum.
»Willst du mir ernsthaft sagen, du warst ein Geheimdienstagent? All die Jahre, die du für mich gearbeitet hast? Konrad, ich habe dir vertraut!«
»Ja, so kann man es auch formulieren. Ich habe mich aber immer im Hauptberuf als dein Mitarbeiter gesehen und meine Geheimdienstnummer war eher eine Nebenbeschäftigung. Ich denke, dein Vertrauen in mich war in jeder Phase gerechtfertigt. Ich habe dir schließlich nicht geschadet.«
An dieser Stelle mischte sich Niels Werner ein. »Peter, man muss die Vergangenheit auch mal ruhen lassen können. Schließlich haben wir alle, und dazu zählst vermutlich auch du, früher Dinge getan, auf die wir heute nicht mehr unbedingt stolz sind. Das gilt ganz besonders für mich und meine, wenn auch nur kurzzeitige, Rolle als trojanisches Pferd. Du hast es ja auch bei mir geschafft zu verzeihen. Ich denke, Konrad hat so viel für dich getan, du solltest auch in seinem Fall großzügig sein können.«
Die nun folgende Pause war lang, sehr lang. Werner und Pair sahen Peter Nehmer schweigend an. Dessen Blick war auf ein imaginäres Ziel in der Ferne gerichtet. Schließlich kehrte sein Blick zurück, er nahm das Bier und schenkte sein Glas voll. Dann sah er die beiden an und hob sein Glas. »Na dann Prost, ihr Säcke.«
Ein erleichtertes Lachen und ein lautes Prost war die Reaktion. Niels Werner brachte geschickt sofort ein anderes Thema zur Sprache. »Was hat dich aufgehalten, Peter, du wolltest doch gestern schon hier sein.«
»Ich hatte kurzfristig einen Termin beim bayerischen Ministerpräsidenten bekommen. Ihr kennt ihn übrigens, er war damals dabei, als wir Gerd Brauner bei unserem Treffen in der bayerischen Landesvertretung in Berlin zerlegt haben. Damals war er noch Wirtschaftsminister, ihm sind also ökonomische Fragestellungen durchaus geläufig. Deswegen hat sich mein Besuch bei dir, Niels, um einen Tag verzögert.«
Niels Werner winkte ab. »Kein Problem, wie war seine Reaktion?«
»Nun, er hat den Charme dieser Idee natürlich sofort verstanden, nicht umsonst war er vor seiner politischen Karriere als Steuerberater tätig. Aber er hat mich gleich gewarnt. Es würde sehr schwierig werden, den Finanzminister zu gewinnen. Diesem Buchhaltertyp wären neue Schulden ein Gräuel. Und er sieht auch keine Möglichkeit, diesen Plan durch den Haushaltsausschuss zu bringen, ohne eine riesige Debatte über Verteilungsgerechtigkeit loszutreten. Der Haushaltsausschuss muss aber in jedem Fall derartige Aktionen genehmigen. Darüber hinaus stellt die Frage, wer an diesem Fonds partizipieren soll, für ihn ein schier unüberwindbares Hindernis dar. Sollen alle einen Anteil an diesem Fonds haben oder nur die, die auch in unser Sozialsystem einzahlen, egal welcher Nationalität sie angehören. Und dann wäre da noch zu klären, ab wann dieser Anteil bezogen werden kann, erst mit der Rente oder auch schon früher, und so weiter und so weiter. Zusammengefasst, er persönlich findet die Idee gut, sieht aber enorme Probleme bei der Durchführung. Er will mir demnächst noch ein Grundsatzpapier zu all diesen Problemen erstellen lassen, sein Sekretär wird diesbezüglich auf mich zukommen.«
Peter Nehmer hatte sich zwar vorgenommen, nicht zu negativ bei seinem Bericht zu werden, aber je länger er sprach, desto schlechter konnte er seinen Frust verbergen. Und wie so oft in der Vergangenheit war es auch diesmal Konrad Pair, der ihn wieder aufbaute.
»Vergiss diesen ganzen Verteilungskram, vergiss, wer wann ein Anrecht auf seinen Anteil hat. Das Ganze muss als Staatsfonds konzipiert werden. Schau nach Norwegen, die haben so einen Staatsfonds. Der ist 1000 Milliarden Euro schwer, wird aus den Öl- und Erdgaseinnahmen des Landes gespeist und investiert in die globalen Anleihe- und Aktienmärkte. Norwegen hat auch schon bei konjunkturellen Schwierigkeiten bis zu 50 Milliarden aus dem Fonds abgezogen, um der Wirtschaft wieder Leben einzuhauchen. Zuletzt geschehen 2020 während der Corona-Pandemie.«
»Das ist es, Konrad«, Niels war sofort Feuer und Flamme, »und unser Fonds speist sich eben aus der Aufnahme von Schulden zu Nullzinsen. Bei 500 Milliarden und einer durchschnittlichen Verzinsung unserer Aktieninvestments von 6 Prozent, etwas, was die Börse in den letzten 100 Jahren im Durchschnitt eines jeden Jahres erzielt hat, haben wir Pi mal Daumen in zehn Jahren auch 1000 Milliarden Fondsvolumen. Der Staat kann dann sogar bei wichtigen Unternehmen als Ankerinvestor auftreten und so unerwünschte Übernahmen aus dem Ausland verhindern.«
»Na, ihr zwei seid ja wohl der perfekte Braintrust. Einfach super! Kann ich denn davon ausgehen, dass ihr mir künftig zur Verfügung steht?«
Niels Werner war der Erste, der das folgende Schweigen brach: »Wenn Konrad mit an Bord ist und du mir einen Wagen mit Fahrer stellst, der mich Montag morgens abholt und Freitag abends hier wieder abliefert, dann bin ich dabei, Peter. Eine derart spannende Geschichte möchte ich um nichts in der Welt verpassen.«
»Okay, letzteres lässt sich leicht arrangieren und was Konrad angeht, kannst du dich denn überhaupt in Deutschland frei bewegen?«
»Ich denke schon. In meinen Papieren steht Entlassung wegen extrem guter Führung. Wer daran gedreht hat, wird dankenswerterweise nicht erwähnt. Meine persönliche Sicherheit ist durch das Deponieren meiner Niederschrift über das Geschehene wohl gewährleistet. Nicht umsonst habe ich das meine früheren Kollegen wissen lassen. Natürlich kann es aber einen gewissen Sturm der Entrüstung in den Medien geben, aber noch nicht einmal das ist sicher.«
»Na, und selbst wenn, damit können wir umgehen.« Nun hatte Peter Nehmer einen Geistesblitz. »Wenn wir diesen Plan in Berlin durchboxen wollen, brauchen wir einen fähigen Mann vor Ort. Wie wäre es, Konrad, wenn du unsere Berliner Dependance leitest und vor Ort den Kontakt zu den entscheidenden Personen auf dem politischen Parkett intensivierst? Wir brauchen eine erstklassige Lobbyarbeit, und du hast das richtige Temperament und den Grips dafür.«
Niels Werner konnte es sich nicht verkneifen: »Oh ja, und er hat auch noch andere Talente, die sehr nützlich sein könnten.« »Hör nicht auf ihn, Peter, er ist nur neidisch. Also gut, deine Idee gefällt mir. Für diesen Fonds müssen wir in der Tat eine starke Präsenz in Berlin aufbauen und eventuell sogar einen Teil unseres Asset Managements dorthin verlagern.« Er ignorierte, dass Niels Werner seine Augen verdrehte. »Ich bin dabei, mein Lieber, sehr gern sogar.«
»Sehr schön, zusammen mit Horst Kaiser sind wir ein unschlagbares Team. Wegen der Details wird sich der Bernhardt mit euch in Verbindung setzen, er …«
Seine weitere Rede wurde rüde von Agathe unterbrochen, die die Herren zu Tisch bat.
ANGRIFFSPLANUNG
Der Flug vom Washingtoner Ronald Reagan zum New Yorker La Guardia Airport war eine einzige Schüttelei. Die Ausläufer eines massiven Sturmtiefs in den Carolinas warfen das Flugzeug hin und her. Mehr als einmal erwartete er das Abbrechen eines Flügels, aber die betagte Boeing versah tapfer ihren Dienst. Offenbar war auch den anderen Fluggästen mulmig, denn im Flugzeug war es verdächtig ruhig. Lediglich die Stewardess sah auf ihrem Sitz, auf dem auch sie sich zur Sicherheit angeschnallt hatte, ziemlich unbeeindruckt aus. Ihm jedenfalls reichte es und er war heilfroh, als die Landung relativ problemlos klappte. Hastig verließ Max Snyder, sobald es ging, den Flieger und atmete tief durch.
Am Ausgang des Flughafengebäudes erspähte er Ilans Fahrer, der ihm seinen Aktenkoffer abnahm und ihn zu der etwas entfernt parkenden Limousine lotste. Dankbar ließ er sich auf den Rücksitz fallen und versuchte, sich zu entspannen. Er schloss die Augen und praktizierte ein wenig autogenes Training. Der Chauffeur ließ ihn gewähren, er wusste von früheren Gelegenheiten, welch unangenehmer Zeitgenosse sein heutiger Fahrgast sein konnte.
Die Fahrt zum Rockefeller Plaza war erfreulich kurz, von dem sonst üblichen Gedrängel auf den Straßen war diesmal nichts zu sehen. Max Snyder stieg aus und hastete in das Rockefeller Center zu dem für Silberstein reservierten Aufzug. Durch seine Chipkarte aktiviert, öffneten sich dessen Türen und nach seinem Eintreten setzte sich der Aufzug zum vorprogrammierten Stockwerk in Bewegung. Dort angekommen, führte ihn ein wartender Mitarbeiter zum Büro der Investmentlegende Ilan Silberstein, der sich bei seinem Eintritt sofort erhob.
»Hallo Max, schön, dich zu sehen. Setz dich.«
Wie immer war Ilan Silberstein makellos gekleidet, seine gepflegte Erscheinung und sein schlohweißes, volles Haar verliehen ihm eine unnachahmliche Grandezza. Hinzu kamen, wie Snyder wusste, perfekte Manieren und eine sehr kultivierte Sprache. Das waren alles Dinge, die niemand von ihm behaupten würde. Er war eher der hemdsärmelige Typ, der keinerlei Empathie ausstrahlte. Aber wie er wusste, war auch bei Ilan nicht alles Gold, was glänzte.
»Hallo Sir, leider habe ich nicht so tolle Nachrichten.«
Ilan Silberstein stellte eine geöffnete Flasche Wasser und zwei der in den USA unvermeidbaren Pappbecher auf den Besuchertisch und nahm gegenüber von Snyder Platz. »Schieß los.«
»Also, die Nummer mit dem Pair kennst du ja.«
»Ja, der ist uns hier in meiner Stadt entwischt, also eigentlich ist er euch entwischt. Auf jeden Fall hat er uns ganz schön blamiert.«
Als Silberstein Snyders griesgrämigen Gesichtsausdruck bemerkte, fügte er hastig hinzu: »Solche Dinge passieren, deswegen solltest du keine Magengeschwüre bekommen. Mir ist nur nicht klar, warum Liam den Studenten umbringen musste.«
»Das weiß ich auch nicht, das war völlig überflüssig. Auf jeden Fall ist dieser Pair in Deutschland wieder aufgetaucht.«
»Dann ist ja alles gut, wir schnappen ihn uns eben dort.«
»Eben nicht. Mich hat dieser Kaminski vom BND angerufen. Pair hat sich bei ihm gemeldet, deswegen wissen wir ja auch, dass er in Deutschland ist. Der Typ hat dem Kaminski eiskalt erklärt, dass er an drei Stellen, die er nicht näher bezeichnete, Aufzeichnungen, Dokumente und was weiß ich noch alles deponiert hat. Diese Papiere würden detailliert unsere Aktivitäten belegen und im Falle seines plötzlichen Todes veröffentlicht. Er will wieder ein normales Leben führen und nichts mehr von Geheimorganisationen wissen.«
Silberstein lehnte sich in seinem Sessel zurück und sah Snyder prüfend an.
»Dann lassen wir ihn doch in Ruhe. Von sich aus wird er sicher nicht reden, dann würde ja auch seine eher unrühmliche Rolle in dieser Angelegenheit näher beleuchtet. Daran kann nun wiederum ihm nicht gelegen sein«, und nach einem weiteren prüfenden Blick, »aber daran scheinst du kein Interesse zu haben. Ist da noch mehr?«
»Ja, du bist auf dem richtigen Dampfer, Kaminski hat noch einmal angerufen.«
»Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen. Worum ging es diesmal?«
»Er hat von einem Informanten in der bayerischen Partei gehört, dass die Wertebank in Berlin mit einem großen Projekt vorstellig werden will. Ziel ist es, angesichts der praktisch nicht vorhandenen Zinsen die deutsche Regierung dazu zu bringen, am Kapitalmarkt reichlich Geld aufzunehmen und so eine Art Bürgerfonds zu gründen. Die Rede ist von 500 Milliarden in einem ersten Schritt. Dieses Geld soll dann höher rentierlich in den Aktienmarkt investiert werden. Natürlich will die Wertebank dann zunächst die Kapitalaufnahme über Anleihen und danach die Aktieninvestments dieses Fonds managen.«
Es dauerte eine Weile, bevor Silberstein das Wort ergriff, und diesmal war seine Stimme verdrießlich.
»Das darf auf keinen Fall passieren. Wenn die Deutschen damit Erfolg haben, machen die anderen Staaten in Europa das nach. Das bedeutet einen riesigen Kapitalstrom von unseren Börsen weg in die europäischen Finanzmärkte. Das könnte dazu führen, dass unsere bisherige dominierende Rolle auf den weltweiten Kapitalmärkten zumindest abgeschwächt wird, wenn nicht gar der Vergangenheit angehört. Stell dir das mal vor. Die fegen mit ihrer Kreditaufnahme unseren Anleihemarkt leer und blasen mit diesem Geld gleichzeitig ihre Aktienmärkte auf. Wir können dann dem Rest der Welt nicht mehr vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Wir können sie dann nicht mehr mit dem Zugang zu unseren Kapitalmärkten erpressen. Diese bisher erfolgreiche Strategie, entweder ihr macht, was wir wollen oder wir schneiden euch von unseren Börsen ab, können wir uns dann abschminken. Unser politischer Einfluss wäre dahin, denn ausländische Unternehmen würden sich einen Dreck um unsere jeweils erlassenen Handelssanktionen gegenüber anderen Staaten kümmern. Wir könnten nur noch zusehen, wie unsere Politik ins Leere läuft. Längerfristig wäre sogar die Position unseres Dollars als führende Weltwährung in Gefahr. Eine absolute Katastrophe wäre das.«
Jeden seiner Sätze unterstrich er dabei mit einem Schlag seiner flachen Hand auf den Tisch.
»Jetzt, mein lieber Ilan, kennst du den wahren Grund für meine schlechte Laune. Wir müssen das verhindern, ich weiß nur noch nicht, wie.«
Wieder sah Ilan Silberstein lange nachdenklich an die Decke, dann schaute er plötzlich Max Snyder an. »Hast du Hunger?«
»Mann, wie kannst du jetzt ans Essen denken?«
»Na, ich habe jedenfalls Hunger, und wenn ich Hunger habe, kann ich nicht denken. Ich lass uns mal ein paar Sandwiches machen. Außerdem muss ich etwas abklären. Und du, entspann dich in der Zwischenzeit, es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.«
Mit diesen Worten verließ er das Besprechungszimmer und ließ einen leicht konsternierten Snyder zurück. Bevor der sich jedoch über das merkwürdige Verhalten Silbersteins wundern konnte, vibrierte sein Handy.
»Ja?«
»Ich habe den Kaminski in der Leitung.«
Die Stimme von Linda Herzog war wie immer unaufgeregt.
»Stellen Sie durch.«
Kurz darauf signalisierte das veränderte Geräusch im Handy den neuen Gesprächspartner.
»Snyder.«
»Hier ist noch einmal Ihr Asset aus Deutschland.«
»Schon gut, Kaminski, was gibt es?«
»Die Wertebank wird ihre Präsenz in Berlin ausbauen. Zum Leiter der dortigen Filiale wurde ein früherer, hochrangiger Mitarbeiter ernannt. Dreimal dürfen Sie raten, wer das ist.«
»Konrad Pair.«
Die Stimme von Snyder hatte wieder diesen unangenehmen schrillen Tonfall.
»Genau der.«
»Danke, Herr Kaminski, Sie haben etwas gut bei mir.«
Kaum hatte er sein Gespräch beendet, als sein kongenialer Partner zurückkam. Kurz informierte er ihn über das soeben Gehörte. Seelenruhig nahm Silberstein eines der in diesem Moment gebrachten Sandwiches, biss genüsslich hinein und schaute sinnierend an die Decke. Schließlich sagte er: »Das passt ins Bild, nicht wahr? Aber es ist ein Fehler von denen, eigentlich ein großer Fehler. Wir haben dadurch einen weiteren Angriffspunkt. Es dürfte ziemlich leicht fallen, diesen Pair und damit auch die Wertebank zu diskreditieren. Wir müssen nur in Berlin die Tatsache betonen, dass nun ein verurteilter Mörder die Repräsentanz der Wertebank in Berlin darstellt.«
Max Snyder nickte beifällig. »Wer soll die deutschen Politiker und die Öffentlichkeit darauf stoßen? Unser Botschafter?«
»Nein, der ist schon zu oft in diplomatische Fettnäpfchen getappt. Dem hört keiner mehr zu. Das gilt leider auch für unseren Präsidenten. Auch den können wir hier nicht einsetzen, von wegen direkter Draht zum deutschen Kanzler. Ich denke, wir sollten dafür den Wirtschaftsattaché benutzen. Der hat doch gute Beziehungen ins Finanzministerium, insbesondere zu diesem Staatssekretär, diesem …«
»Du meinst diesen Kerl, der früher selber mal hier in Wall Street gearbeitet hat, diesen Herrn, wie war doch gleich der Name, Keller, Koller, nein, Krämer, Dieter Krämer.«
»Genau den meine ich, dein Namensgedächtnis ist besser als meines.«
»Vorhin hast du von einem weiteren Angriffspunkt gesprochen?«
»Ja, Max, wie gesichert ist mittlerweile das Scheitern der Bankenallianz?«
»Ziemlich gesichert. Sowohl die Allamo Trust als auch die chinesischen Freunde haben der Wertebank ihren Rückzug aus dieser globalen Allianz mitgeteilt.«
»Mitgeteilt. Wie haben sie das gemacht? Verbal oder auch schriftlich?«
»Soweit ich weiß, erst einmal nur verbal. Warum ist das so wichtig?«
»Das will ich dir sagen. Wenn ein börsennotiertes Unternehmen Kenntnis von einem kursbeeinflussenden Ereignis erhält, ist es gesetzlich verpflichtet, dies in einer sogenannten Ad-hoc-Mitteilung allen anderen Börsenteilnehmern zukommen zu lassen. Der Sinn dieser Regelung ist, dass alle Marktteilnehmer bei Kauf oder Verkauf von Aktien den gleichen Wissensstand haben sollen. Niemand darf im Besitz von privilegierenden Informationen sein.«
»Lass mich raten, die Wertebank hat noch keine derartige Mitteilung veröffentlicht.«
»So ist es. Der legale Grund dafür kann nur das Fehlen eines offiziellen schriftlichen Dokumentes sein. Lediglich auf Grund von verbalen Informationen gibt kein Unternehmen eine Adhoc-Mitteilung heraus. Du weißt ja selbst, wieviel Unsinn in unserer Branche jeden Tag geredet wird, wenn man da jedes Mal …«
Silberstein ließ den Rest des Satzes in der Luft hängen und nahm die Betrachtung der Decke seines Büros wieder auf. Max Snyder ließ ihn zunächst gewähren, er kannte ja dessen Marotten mittlerweile. Aber nach einer Weile wurde er dann doch ungeduldig.
»Das bedeutet, wir schwärzen die Wertebank auch damit an?« Silberstein sah ihn mitleidig an. »Nein, wir machen das viel schlauer. Das entscheidende Asset der Wertebank ist ihr Aktienkurs, und wir, mein Freund, spekulieren auf fallende Kurse.«
»Und wie soll das gehen?«
»Max, hast du denn gar nichts von mir gelernt? Wir machen Shorts auf und lassen das die Börse wissen. Genauer gesagt, wir lassen Shorts aufmachen. Mit anderen Worten, wir sorgen für Leerverkäufe in Wertebank-Aktien. Das heißt, jemand verkauft deren Aktien auf Termin, sagen wir auf drei Monate, obwohl er die noch gar nicht besitzt. Er muss also erst die Aktien in drei Monaten liefern. Fällt bis dahin der Kurs, kann er die Papiere günstiger an der Börse kaufen.«
»Und das funktioniert?«
»Natürlich, das ist doch auch nichts anderes, als wenn du heute zehn Liter Wein verkaufst, gleichzeitig aber auch das Recht erwirbst, dem Kunden den Wein erst in drei Monaten zu liefern. Sinkt der Weinpreis, kannst du die zehn Liter billiger einkaufen und den Wein liefern. Die Differenz zwischen deinem Verkaufspreis plus die Gebühr für das spätere Liefern und dem von dir dann tatsächlich zu zahlenden Preis für den Wein ist dein Gewinn.« »Und wenn der Preis steigt?«
»Dann bist du gekniffen und machst einen fetten Verlust. Also müssen wir für fallende Kurse sorgen. Das passiert einmal durch die Leerverkäufe an sich. Wenn diese ein Volumen von einem halben Prozent des Grundkapitals, in diesem Fall der Wertebank, ausmachen, greift die Meldepflicht. Das bedeutet, die Position wird öffentlich gemacht. Wenn wir nun mehrere Asset Manager dazu bringen, derartige Leerverkäufe zu tätigen, diese dann ihre Positionierung offenlegen müssen, wird die sehr hellhörige Börse Probleme bei der Wertebank wittern und sich entsprechend verhalten. Sie werden also keine Wertebankaktien mehr kaufen, vermutlich ihre Bestände sogar verkaufen. Das allein bringt den Kurs schon nach unten. Und dann kommt von uns zusätzlich der Hinweis auf das Scheitern der Bankenallianz und die fehlende Ad-hoc-Mitteilung. Dann bleibt der Bank nichts anderes übrig, als unsere Meldung zu bestätigen. Das dürfte dem Kurs den Rest geben.«
»Du bist ganz schön raffiniert, Ilan. Das wird die Wertebank ordentlich ins Schwitzen bringen.«
»Natürlich. Je niedriger der Aktienkurs, desto niedriger der an der Börse gehandelte Unternehmenswert, desto größer die Wahrscheinlichkeit einer Übernahme durch Andere. Lass mich mal mit Steve Burner vom Pensionsfonds Relax reden, vertraulich natürlich. Und du sorgst dafür, dass die schriftliche Allianzabsage noch einige Wochen auf sich warten lässt. Wir brauchen ein wenig Zeit.«
Als Max Snyder den Rückflug nach Washington DC antrat, hatte sich seine Laune merklich gebessert.
DETAILS
An diesem Tag ging ihm das Wetter in London mal wieder so richtig an die Nerven. Es regnete in Strömen und Luke Donaldson hatte trotz seines großen Schirms Mühe, sich halbwegs trocken zu halten. Da das Auto nicht in Frage kam, trotz der Londoner City-Maut war der Verkehr ein Alptraum, war er im Wechsel mit Bus und U-Bahn unterwegs. Endlich an der Station Liverpool Street angekommen, verließ er erleichtert die durch die vielen durchnässten Leute muffige Luft der Bahn und strebte seinem Bürokomplex entgegen. Schon von weitem konnte er das erleuchtete Logo seiner Firma erkennen, das Licht der goldenen Buchstaben TRIN widerstand selbst dem durch den prasselnden Regen verursachten, die Sicht reduzierenden Dunst. Gottseidank war der Rest des Weges durch Arkaden weitgehend überdacht.
An seinem Gebäude angekommen, verriet ihm ein Blick auf die große Uhr in der Eingangshalle, dass er bis zum Beginn der Videokonferenz noch genügend Zeit hatte, um sich beim im Parterre befindlichen Starbucks einen Kaffee zu holen. Der ansonsten überall erhältliche typische englische Kaffee war für ihn, wie für fast alle Schotten, ungenießbar. Während er im Starbucks vor dem Counter Schlange stand, kreisten seine Gedanken bereits um die anstehende Online-Konferenz.
Er hatte keine Ahnung, warum Steve Burner mit ihm sprechen wollte. Er hatte seit dem Tod von Gerd Brauner nichts mehr von ihm gehört, und nun, urplötzlich, wollte er mit ihm konferieren. Laut Lydia würde auch Francois Monterrin der Dritte im Bunde sein. Und das, obwohl, wie er hundertprozentig wusste, Francois den lieben Steve am liebsten auf den Mond schießen würde. Zwischen den beiden gab es irgendeine Unstimmigkeit noch aus gemeinsamen New Yorker Zeiten. Donaldson zuckte innerlich mit den Schultern. Letztendlich war das nicht sein Problem. Aber dass Francois dabei sein würde, verdeutlichte die Wichtigkeit dessen, was Steve ihnen mitzuteilen hatte. Und es schien dringend zu sein, denn in New York dürfte es gerade mal vier Uhr morgens sein, selbst für den notorischen Frühaufsteher Burner war das sehr früh.
Als er mit dem Kaffee seinen Flur erreichte und das Großraumbüro betrat, signalisierte ihm seine Assistentin Lydia Cummings schon von weitem mit gespreizten Fingern die 10 Minuten bis zum Konferenzbeginn. Er warf ihr einen ironischen Handkuss zu und steuerte seinen, nur durch Glaswände abgetrennten, Schreibtisch an. Dann winkte er sie herein.
»Morgen, irgendetwas Wichtiges in den Mails?«
»Nichts, was nicht warten könnte. Du bist spät dran heute, irgendein Problem, abgesehen vom Wetter?« Und als keine Antwort kam: »Der Wirtschaftsprüfer will dich sprechen. Es sieht so aus, als ob er ein Problem mit der Bewertung unserer Fonds hat.«
»Hat er sich genauer geäußert?«
»Nö, aber er hat sehr geheimnisvoll getan.«
Donaldson schnaubte verächtlich. »In welchem Raum ist die Konferenz?«
»In der 4. Die Verbindung steht schon.«
»Okay, bis dann.«
Im Konferenzzimmer angekommen, ließ er sich in einen Sessel fallen und trank genüsslich aus seinem Starbucks-Becher. Dann knabberte er nachdenklich an den Keksen, die Lydia ihm noch schnell in die Hand gedrückt hatte. Was wollte bloß dieser nervige Wirtschaftsprüfer von ihm? Vermutlich ging es mal wieder um die von der TRIN angewandte Methode bei der Wertermittlung der Fondsbestandteile. Darauf hatte der schon die letzten Male herumgehackt.
»Hi, Luke, so vertieft in Gedanken?«
Ups, er war also schon live.
»Hallo Steve, lange nicht gesehen. Wie geht es dir?«
»Wir haben uns das letzte Mal in Paris gesehen, zusammen mit Gerd und Francois. Apropos Francois, der sollte doch auch schon zugeschaltet sein.«
Genau in diesem Moment erschien ein weiterer Bildausschnitt auf dem Monitor.
»Ich bin schon hier, mes amies. Ich habe nur geschwiegen, um eure überschwängliche Begrüßung nicht zu stören.«
»Hallo Francois, nett, wieder französische Ironie zu spüren.« Donaldsons Mundwinkel zuckten und in seiner Stimme schwang eine gehörige Portion Amüsement mit. »Da leider Gerd nicht mehr unter uns weilt, werde ich jetzt mal den Moderator spielen, ich meine, falls ich keinen Widerspruch höre.«
»Ihr Engländer habt über Jahrhunderte die ganze Welt moderiert, dann wirst du das bisschen mit uns auch schaffen. Wir Franzosen treten gern in die zweite Reihe zurück.«
Oha, wie war denn der gute Francois heute drauf, das konnte ja heiter werden.
»Okay, Steve, da ich nichts von dir höre, wäre es am besten, du erklärst uns, was denn so Dringendes anliegt. Und dringend muss es ja sein, wenn du dir die halbe Nacht um die Ohren schlägst.«
»Eigentlich die ganze Nacht. Aber lassen wir das, kommen wir zur Sache. Eine gewöhnlich gut unterrichtete Quelle hat mir geflüstert, dass die internationale Bankenallianz, welche die Wertebank aufgebaut hat, nicht mehr fliegt. Unsere Allamo Trust will aussteigen, und das gilt wohl auch für die Shanghai Corporation. Das allein wäre schon ausreichend, gegen die Wertebank-Aktie zu wetten. Aber es kommt noch besser. Beide haben sich diesbezüglich bis jetzt wohl nur verbal geäußert, und genau deswegen gibt es noch keine Ad-hoc-Mitteilung der Wertebank. Die wird aber über kurz oder lang erfolgen müssen und entsprechend negative Kursreaktionen nach sich ziehen. Das ideale Szenario also, um zwischenzeitlich die Aktie zu shorten.«
Francois Monterrin ergriff nach einer Denkpause als Erster das Wort. »Fangen wir doch einfach noch einmal von vorn an, Steven. Wer war diese gut unterrichtete Quelle?«
Steve Burner wand sich offensichtlich. »Das tut doch nichts zur Sache. Wenn ich euch sage, sie ist Top of the Top, dann reicht das ja wohl.«
»Oh Steven«, jetzt war der französische Akzent sehr ausgeprägt, ein sicheres Zeichen der inneren Anspannung von Monterrin, »wir kennen dich ja auch ein wenig. Deshalb kann ich mich nicht auf dein Wort verlassen. Wer also ist deine Quelle?«
Luke Donaldson musste die Selbstbeherrschung von Steve Burner bewundern. Früher wäre er geplatzt. Andererseits zeigte ihm das aber auch, wie wichtig ihm das Thema war. »Also gut, meine Quelle ist Ilan Silberstein.«
Na, das wurde ja immer besser, wo die Silbersteins waren, war die amerikanische Regierung nicht weit.
»Wieso wollen die der Wertebank an den Karren fahren?«
»Keine Ahnung, Luke. Vielleicht sind die einfach noch sauer. Die hatten doch Gerd bei seinem Übernahmeversuch unterstützt, und wie wir wissen, ist die Sache damals ja gescheitert.« Bevor Donaldson weiterbohren konnte, war wieder Monterrin zu vernehmen: »Also, ich fasse einmal zusammen. Die amerikanische Regierung, oder sollte ich sagen die Silbersteins wollen, warum auch immer, der Wertebank ans Bein pinkeln. Sie wollen das aber nicht selber machen, sondern dich, Steven, und möglichst auch uns vorschicken. Warum sollten wir dieses Spiel mitspielen?«
»Na, das versteht sich doch von selbst«, wie die heftige Handbewegung verdeutlichte, kam jetzt doch eine leichte Gereiztheit bei Burner auf, »weil wir dabei richtig Geld verdienen. Wir bauen Leerverkäufe auf und decken die ein, wenn der Kurs so richtig in den Keller gerauscht ist. Solche Szenarien sind doch ideal, um unsere Performance aufzupeppen.«
»Und warum kaufen wir uns nicht einfach Verkaufsoptionen?« Luke Donaldson konnte sich bequem zurücklehnen, Francois übernahm offenbar die ganze Diskussion mit Steve.
»Leerverkäufe sind die coolere Idee. Die müssen offengelegt werden, wenn sie 0,5 Prozent des Grundkapitals ausmachen. Ilan hat das ausbaldowert. Dann sehen andere Investoren, es gibt eine oder besser noch mehrere Shortpositionen am Markt und werden die Wertebank-Aktien meiden wie die Pest. Damit verstärkt sich deren Abwärtstrend noch.«
Steve Burner sah sehr selbstgefällig drein, bis sich Monterrin wieder meldete: »Und was ist, wenn einer dieser Investoren gegen uns spekuliert, die Aktien nach oben zieht und wir dann Hals über Kopf Wertebank-Aktien zurückkaufen müssen, um unseren Short zuzumachen?«
»Francois, was ist nur heute los mit dir? Wenn wir drei gemeinsam agieren, ist ein solches Szenario extrem unwahrscheinlich. Welcher Investor hat denn genug Volumen, um sich gegen uns zu stellen?«
»Warren Buffet zum Beispiel.«
»Also bitte, jetzt bleib mal ernst. Das Ganze ist doch eine todsichere Angelegenheit. Wir bauen unsere Shorts ja auch nicht für ewig auf. Wir könnten sie ja auf drei Monate terminieren, je nachdem, was gerade am Markt angeboten wird. Drei Monate sollten für unser Vorhaben mehr als ausreichend sein. Die Wertebank wird das schriftliche Aufkündigen der Bankenallianz in zwei bis drei Wochen bekommen. Dann müssen die eine Ad-hoc-Mitteilung herausgeben und damit die Börse informieren. Zeit genug, um uns entsprechend zu positionieren.«
Es war nicht zu glauben, aber der gute Francois hatte immer noch etwas zu sagen: »Dann sage mir, Steven«, wieder diese französische Betonung des Namens, »dann sage mir, warum wir uns mit Shorts begnügen sollen. Warum spekulieren wir nicht gegen die Wertebank mit dem Ziel, sie zu zerschlagen? Wir übernehmen die Mehrheit, setzen das Management an die Luft und verkaufen die Einzelteile an andere Banken oder bringen sie in einem neuen Gewand an die Börse. Dann verdienen wir doch doppelt.«
Dieser abgefeimte Kerl, dachte Luke Donaldson, der kann doch nie den Hals vollkriegen. Die Idee an sich hatte aber etwas Bestechendes. Zuerst mit den Leerverkäufen richtig Geld verdienen und dann dieses Geld für Aktienkäufe verwenden. Das war es wert im Hinterkopf zu behalten. Aber jetzt galt es erst einmal, seiner Rolle als Moderator gerecht zu werden. »Das ist eine hochinteressante Idee, Francois, die wir unbedingt noch weiter vertiefen sollten. Ich denke, unsere Assistenten sollen weitere Termine für Videokonferenzen ausmachen. Aber jetzt werden wir uns erst einmal auf das Naheliegende konzentrieren. Ich für meinen Teil muss zunächst meinen Research ankurbeln. Ich hoffe, Steve, du verstehst, dass für derartig weitreichende Aktionen ich meine eigenen Erkenntnisse brauche. Ich glaube, das gilt auch für dich, Francois. Wie wäre es mit einer weiteren Konferenz am, sagen wir nächsten Montag, um uns dann noch einmal auszutauschen und die weitere Strategie zu besprechen«, und nach einem zustimmenden Okay von allen Seiten, »gut, wir sollten dann aber später anfangen, damit Steve ausgeschlafen ist. Bis dann, mes amies.«
Luke Donaldson wartete nicht ab, bis die Monitore dunkel wurden, sondern stand sofort auf und ging zu seinem Schreibtisch zurück. Dann rief er nach Lydia. »Ich will sofort unseren Bankanalysten sprechen, der Pit soll alles stehen und liegen lassen und zu mir kommen.«
Der Pit hieß eigentlich Peter Steiner, war ein ausgesprochener Spezialist für Banken und arbeitete schon seit zehn Jahren für die TRIN. Er war auch sogleich zur Stelle. Wie alle in der True Investment wusste er, dass Luke Donaldson sehr ungehalten werden konnte, wenn seine Anweisungen nicht sofort umgesetzt wurden.
»Luke, wo brennt es?«
»Schau dir die Wertebank an. Da scheint etwas faul zu sein. Konzentriere dich insbesondere auf deren Bankenallianz. Ich brauche eine Analyse über die Auswirkungen, falls die auseinanderfliegt.«
»Hast du diesbezüglich irgendwelche Informationen?«
Donaldson zögerte einen Moment. »Schau dir das einfach mal an. Ist deren Geschäftsmodell auch ohne diese internationale Bankenallianz tragfähig? Was wären eventuelle Alternativen und wie schnell könnten die umgesetzt werden? Das sind so die Fragen, die mich interessieren. Und ich brauche möglichst schnelle Antworten.«
»Wie schnell?«
»Gestern.«
»Verstehe, dann ist es wohl besser, wenn ich hier nicht länger herumhänge.«
Donaldson machte eine zustimmende Handbewegung und rief etwas später Hank Morris, seinen Chef von der Handelsabteilung an.
»Hank, Luke hier, check mal die Bedingungen am deutschen Aktienmarkt für Leerverkäufe bei der Wertebank. Und der Teufel soll dich holen, wenn davon auch nur die leiseste Andeutung nach draußen dringt. Ich hoffe, wir verstehen uns.« »Vollkommen, Luke, wird erledigt.«
Luke Donaldson trank seinen letzten Schluck Kaffee und entspannte sich dabei ein wenig. Er hatte nun alle notwendigen Schritte unternommen und konnte jetzt nur noch auf die Ergebnisse warten. Die Entspannung war allerdings nur von kurzer Dauer.
»Der Washborne ist jetzt da.«
Donaldson sah Lydia Cummings zwar missbilligend an, winkte den Wirtschaftsprüfer aber in sein bescheidenes Büro. Es war offensichtlich, dass der mehr als nervös war. Das konnte nur extrem schlechte Nachrichten bedeuten.
»Also, Herr Washborne, was kann ich für Sie tun?«
»Nun, Herr Donaldson, wir haben über die Bewertungen Ihrer Fonds ja schon öfter gesprochen. Das Problem ist aber nach wie vor gegeben. Bei der Bewertung der Einzelpositionen in Ihren Fonds benutzen Sie für asiatische Werte die Schlusskurse des vorherigen Handelstages, für die europäischen Werte die Mittagskurse und für die amerikanischen Werte die Eröffnungskurse, da die Zeitdifferenz in die USA fünf Stunden beträgt. Das bedeutet in letzter Konsequenz, dass die Wertstellung der Fondsanteile willkürlich berechnet wird.«
»Aber das machen doch alle Fondsgesellschaften so.«
»Deswegen ist diese Methode aber nicht richtig. Wir brauchen ein Verfahren, welches zu einem bestimmten Zeitpunkt alle Kurse weltweit erfasst. Wie das genau aussehen soll, wird derzeit in einer Arbeitsgruppe des Finanzministeriums erarbeitet. Auch ich gehöre dieser Gruppe an und ich bin beauftragt worden, Sie zu fragen, ob Sie dieser Arbeitsgruppe beitreten wollen.«
»Na, wenn das Ihr einziges Problem ist, dann ist das einfach zu lösen. Selbstverständlich werde ich dabei mitarbeiten. Vielleicht ersetzt mich hier und da einer meiner Mitarbeiter, aber im Prinzip bin ich natürlich dabei.«
Jake Washborne ignorierte die unausgesprochene Verabschiedung, er hatte offensichtlich noch etwas auf dem Herzen. »Herr Donaldson, wir sollten uns dann auch überlegen, wie wir folgendes Problem aus der Welt schaffen. Wie gesagt, Sie bewerten mittags unserer Zeit mit allen Unzulänglichkeiten, über die wir ja schon gesprochen haben. Veröffentlicht werden die Preise für die Fondsanteile aber manchmal erst um 16 Uhr. Dazwischen liegen also mehrere Stunden, in denen faule Orders abgewickelt werden können.«
»Wollen Sie damit andeuten, dass bei unseren Fonds unsaubere Handelspraktiken angewandt werden?«
»Ich will gar nichts andeuten. Ich will nur darauf hinweisen, dass, wenn jemand den Wert der Mittagsberechnung kennt, dieser dann aber erst Stunden später veröffentlicht wird, er mehrere Stunden Zeit hat, nämlich bis zur Veröffentlichung, daraus einen Nutzen zu ziehen.«
Der Tag war zwar erst wenige Stunden alt, aber Luke Donaldson fühlte sich bereits unendlich müde.
»Danke, Herr Washborne, ich werde das zunächst mit meinen Mitarbeitern diskutieren und komme dann auf Sie zu.«
ANPFIFF
Das war ja ein hoch interessantes Telefonat gewesen, sowohl was das Gespräch an sich als auch den Inhalt und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen anging. Dieter Krämer schlürfte seinen heißen Frühstückskaffee und rekapitulierte das soeben Gehörte.
Erstens, der Wirtschaftsattaché der amerikanischen Botschaft rief früh am Morgen ihn, den Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, auf dessen geheimer Handynummer an. Womit sich die Frage stellte, wie die Amis an diese Telefonnummer gekommen waren und wieso der Anruf nicht hatte warten können. Offenbar hatten sie Wind von seinem Meeting heute Vormittag mit den Leuten von der Wertebank bekommen, was wiederum für ihre exzellenten Informationsquellen sprach.
Zweitens, der Inhalt des Gespräches war zumindest teilweise relativ banal. Und die Themen Konrad Pair sowie Bankenallianz hätte er im Gespräch mit den Bankern ohnehin angesprochen.
Drittens, offensichtlich hatte die amerikanische Regierung etwas gegen die Wertebank, und, ebenso offensichtlich, sie wussten bereits etwas über das Anliegen seiner Besucher. Warum sonst hätten sie versucht, auf diesem ungewöhnlichen Weg diese anzuschwärzen?
Krämer schenkte Kaffee nach, trat ans Fenster und sah in das regentrübe Berlin hinaus. Eines hatten die amerikanischen Freunde in jedem Fall erreicht, er sah dem bevorstehenden Treffen nun sehr erwartungsvoll entgegen. Er schnappte sich wieder sein Handy und rief in seinem Büro an. Prompt meldete sich seine Sekretärin: »Guten Morgen, Herr Krämer.«
»Sind Sie etwa schon im Büro?«
»Nein, aber auf dem Weg dorthin. Das Telefon habe ich auf mein Handy umgeleitet.«
»Gut, wann ist das Meeting mit der Wertebank?«
»Um zehn Uhr.«
»Irgendetwas Neues vom Minister?«
»Nicht, dass ich wüsste. Er hat gestern noch einmal seine Teilnahme bestätigen lassen.«
»Gut, Frau Schrader, ich mache mich dann auch auf den Weg. Bis gleich.«
Krämer kippte den Rest seines Kaffees in die Spüle und stellte die Tasse in die Spülmaschine. Dann zog er sein Jackett an, schnappte sich seine Aktentasche und verließ sein kleines Appartement in der Friedrichstraße. Während des kurzen Weges in die Wilhelmstraße hörte der Regen dankenswerterweise endgültig auf. Als er das Finanzministerium sah, stimmte er heimlich mal wieder mit den Kritikern überein, die dieses Gebäude als das hässlichste in ganz Berlin bezeichneten. Es hatte in der Tat den Charme eines nationalsozialistischen Protzbaus, was es ja letztendlich auch war.
Nachdem er die Sicherheitsschleuse am Eingang passiert hatte, steuerte er schnurstracks den Paternoster an, der ihn direkt zu seinem Büro bringen würde. Dort angekommen wartete schon seine Sekretärin Bärbel Schrader ungeduldig auf ihn.
»Der Herr Minister wollte Sie gerade sprechen.«
»Will er sich vor dem Meeting drücken?«
»Nein, keineswegs, er wollte nur den bayerischen Ministerpräsidenten ankündigen. Der kommt heute in Berlin an und würde gerne am Meeting teilnehmen. Sie brauchen den Minister nur dann zurückzurufen, wenn Sie damit ein Problem haben.«
»Warum sollte ich«, knurrte Krämer, »der hat doch das Treffen überhaupt erst arrangiert. Nee, nee, kein Problem damit. Was steht an, Frau Schrader?«
»Auf Ihrem Schreibtisch liegt seit geraumer Zeit der Entwurf zur Reform des Länderfinanzausgleichs.«
»Schon gut, ich habe verstanden.«
Seufzend setzte sich Krämer und öffnete den bezeichnenderweise roten Ordner. Am besten würde man den ganzen Quatsch völlig abschaffen und stattdessen ein neues Steuersystem einführen, in dem innerhalb gewisser Grenzen Gemeinden, Länder und der Bund eigene Steuern erheben würden. Aber wie so oft war für Logik in der Politik kein Platz. Entsprechend nervtötend war das Studium der Vorlage und er war heilfroh, als die Schrader ihm signalisierte, dass die Zeit für das Meeting gekommen war. Außerdem informierte sie ihn über die Verspätung des bayerischen Politikers und es war klar, dass dann auch der Minister später zum Gespräch dazu stoßen würde. Aber egal, Hauptsache, er konnte dieser Vorlage entkommen.
Im Besprechungszimmer erhoben sich bei seinem Eintritt drei Männer von ihren Plätzen, die, obwohl unterschiedlichen Aussehens, sich doch irgendwie ähnelten. Banker halt, dachte er. Nachdem er jeden mit Handschlag begrüßt hatte, forderte er sie mit einer einladenden Geste auf, wieder Platz zu nehmen. »Meine Herren, ich freue mich, Sie hier in diesem geschichtsträchtigen Gebäude begrüßen zu dürfen. Der Herr Minister wird später zu uns stoßen, er wartet noch auf den bayerischen Ministerpräsidenten, der ebenfalls an unserem Gespräch teilnehmen möchte.«
Peter Nehmer ergriff das Wort: »Vielen Dank, Herr Staatssekretär, ich darf vielleicht kurz unsere Gruppe vorstellen. Zu meiner Linken sehen Sie Niels Werner, den Leiter unserer Asset-Management-Sparte, zu meiner Rechten sitzt Konrad Pair, unser Repräsentant in Berlin, und ich bin Peter Nehmer. Ich leite die Wertebank.«
»Vielen Dank, Herr Nehmer, ich denke, wir sollten die Zeit, bis der Minister kommt, nutzen, um einige Details vorab zu besprechen. Ehrlich gesagt, bin ich doch etwas verwundert, dass ein verurteilter Mörder Ihre Bank hier in Berlin repräsentiert und an unserem Gespräch teilnehmen soll.«
Bei diesen Worten fixierte Dieter Krämer ausschließlich Konrad Pair. Der erwiderte jedoch seinen Blick mit stoischer Ruhe. »Ich darf darauf hinweisen, Herr Staatssekretär, dass ich wegen Totschlags und nicht wegen Mordes verurteilt wurde. Und ich bin nach, inklusive der Untersuchungshaft, einem Jahr Gefängnis wegen extrem guter Führung vorzeitig, und ich möchte betonen, offiziell, entlassen worden.«
»Herr Pair, verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte das deutsche Rechtssystem auch nicht kritisieren. Für mich ist das völlig in Ordnung. Aber meine Meinung wird nicht von allen geteilt werden und Ihre Arbeit hier in Berlin wird durch Ihre Vergangenheit nicht unbedingt erleichtert.«
»Das ist uns durchaus bewusst, Herr Staatssekretär, aber zu der Vergangenheit von Herrn Pair gehört auch seine Reputation als ausgezeichneter Wirtschaftsfachmann. Und als solcher ist er heute hier.« An dieser Stelle wurde Peter Nehmer unwillkürlich lauter. »Und ehrlich gesagt, wenn er nicht geschossen hätte, dann hätte vermutlich ich es getan, spätestens dann, wenn eine Auslieferung in die USA diskutiert worden wäre. Dieser Kerl hatte schließlich meinen Sohn entführt und wollte mich erpressen.«
Sieh an, sieh an, die halten zusammen wie Pech und Schwefel, ziemlich selten in der heutigen Zeit, das gefällt mir.
»Schön und gut, Herr Nehmer. Im Zusammenhang mit Ihrer Bank existiert aber noch ein anderes Problem. Wie wir hören, steht Ihre internationale Bankenallianz kurz vor dem Scheitern. Sie haben aber noch keine entsprechende Mitteilung herausgegeben, um die Börse zu informieren.«
»Bis heute haben wir noch keine schriftlichen Dokumente diesbezüglich erhalten. Nur auf Grund von vagen verbalen Äußerungen können und dürfen wir auch keine Ad-hoc-Mitteilung herausgeben. Aber auch ohne schriftliche Informationen werden wir das demnächst wohl doch tun müssen, denn die Spatzen pfeifen das offensichtlich ja schon von den Dächern. Es ist mir völlig unerklärlich, wie diese Information nach draußen dringen konnte. Darf ich fragen, woher Sie diese Erkenntnisse haben?«
In diesem Moment betraten der Finanzminister und der bayerische Ministerpräsident den Raum.
»Bleiben Sie sitzen, bleiben Sie sitzen, meine Herren. Ich freue mich, Sie in meinem Ministerium begrüßen zu dürfen. Wir kennen uns ja alle bereits, eine gegenseitige Vorstellung kann daher unterbleiben«, und an Krämer gewandt: »Ich habe doch hoffentlich nichts verpasst?«
»Keineswegs, Herr Minister, wir haben nur über einige Kleinigkeiten gesprochen, eigentlich war es lediglich Smalltalk.«
»Na schön, meine Herren, bitte bedienen Sie sich, wie ich sehe, ist für das leibliche Wohl gesorgt«, und nachdem das Tassengeklapper und Kaffee einschenken erledigt war, fragte der Finanzminister: »Was kann ich für Sie tun?«
Peter Nehmer ergriff das Wort: »Vielen Dank, Herr Minister, für diesen Gesprächstermin. Vielen Dank, Herr Ministerpräsident, auch Ihnen. Die Wertebank ist heute hier, um Ihnen einen, zugegebenermaßen leicht revolutionären, Vorschlag bezüglich der Staatsfinanzen zu machen. Wird dieser Vorschlag umgesetzt, würde Deutschland auf Jahre, nein, Jahrzehnte hinaus ein enormes finanzielles Polster besitzen, welches bei ökonomischen Krisen die Handlungsfähigkeit der deutschen Politik sicherstellen würde. Darüber hinaus wäre die Stellung Deutschlands in der Europäischen Union, aber auch weltweit nachhaltig gestärkt. Ich schlage vor, dass Herr Pair Ihnen jetzt die Idee erläutert. Er war wesentlich an ihrer Entwicklung und Formulierung beteiligt.«
»Pair, sagten Sie, war der Name?«
»Ja, Konrad Pair, er war als anerkannter Ökonom über lange Jahre unser Chefvolkswirt und leitet nun seit einigen Tagen unsere Berliner Filiale.«
Es war unmöglich, in den Gesichtszügen des Ministers zu lesen.
»Na schön, dann schießen Sie mal los.«
»Herr Minister, Herr Ministerpräsident, Herr Staatssekretär, wir alle wissen, was für ein wunderbares Land Norwegen ist. Was nicht alle wissen, ist, wie klug die dortige Wirtschafts- und Finanzpolitik ist. Norwegen hat schon vor einigen Jahren einen Staatsfonds ins Leben gerufen, der durch die Einnahmen aus den Öl- und Gasressourcen gespeist wird. Dieser Staatsfonds investiert sein Vermögen in die weltweiten Kapitalmärkte mit deutlich höheren Renditen als angesichts der gegenwärtigen Nullzinsphase zu erwarten gewesen wäre. Sein Volumen beträgt mittlerweile tausend Milliarden Euro. Dieser Fonds dient der Zukunftssicherung des Landes und als Reserve für Zeiten mit wirtschaftlichen Problemen. So hat Norwegen im Zuge der Corona-Pandemie dem Fonds 50 Milliarden entnommen, um der daniederliegenden Wirtschaft des Landes wieder auf die Sprünge zu helfen.«
An dieser Stelle hakte Dieter Krämer sofort ein: »Wir haben aber leider keine signifikanten Öl- und Gasreserven, Herr Pair.« »Das ist natürlich richtig, Herr Staatssekretär, und deswegen haben wir bis heute auch keinen Staatsfonds in unserem Land. Aber auch wir haben eine Einnahmequelle. Infolge des erstklassigen Rufes Deutschlands als Schuldner können wir zu Nullzinsen am Kapitalmarkt Geld aufnehmen. Unser Vorschlag ist nun, derartige Anleihen mit einer Laufzeit von dreißig Jahren zu begeben und mit dem so gewonnenen Kapital einen Staatsfonds ins Leben zu rufen.«
Die Politiker am Tisch tauschten ungläubige Blicke und schüttelten leicht den Kopf. Der Minister ergriff zuerst wieder das Wort: »Sie wollen, dass wir neue Schulden machen, obwohl wir das Geld gar nicht benötigen? Wissen Sie eigentlich, wie froh wir sind, den Haushalt wieder auf halbwegs solide Füße gestellt zu haben?«
»Herr Minister, genau deshalb wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Mittelaufnahme. Ihr Jahreshaushalt wird davon ja in keiner Weise tangiert. Sie zahlen für diese Anleihen keine Zinsen, also steigt in Ihrem Budget der Posten Schuldendienst auch nicht.«
»Aber irgendjemand muss dieses Geld am Ende doch zurückzahlen.«
Nun schaltete sich Niels Werner ein: »Herr Minister, wenn Aktien auch künftig die Renditen abwerfen, die sie in den letzten 100 Jahren erzielt haben, nämlich durchschnittlich zwischen 6 und 8 Prozent jährlich, dann verdoppelt sich in den nächsten 10 Jahren Ihr eingesetztes Kapital. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Bei 500 Milliarden Kapitalaufnahme hätte der deutsche Staatsfonds in 10 Jahren auch ein Volumen von 1000 Milliarden.«
Auf den hilfesuchenden Blick des Finanzministers nickte Dieter Krämer zustimmend. Für ihn klang das alles extrem logisch. Er war gespannt, wie sein Chef darauf reagieren würde. Der jedoch hüllte sich in Schweigen, so dass er selbst das Frage- und-Antwort-Spiel fortsetzte: »500 Milliarden! Gibt der Kapitalmarkt das überhaupt her und wird eine derartige Kreditaufnahme nicht letztendlich doch den Zins nach oben treiben?«
Niels Werner schüttelte den Kopf: »Herr Staatssekretär, der weltweite Anleihemarkt hat ein Volumen von rund 100 Billionen Euro, der Aktienmarkt übrigens nicht ganz so viel, aber auch da sind es 90 Billionen. Da würden die 500 Milliarden leicht zu erzielen sein. Aber natürlich müssten die marktschonend aufgenommen und dann platziert werden, das bedeutet volumenmäßig Schritt für Schritt und im Zeitablauf nach und nach. Das würde sicherlich kaum Auswirkungen auf Zinsen und Aktienmärkte haben.«
»Herr Werner«, der Minister hatte seine Sprache wiedergefunden, »bei jedem Konzept liegt der Teufel im Detail. Wir, das heißt, die Bundesregierung, sind Politiker und keine Fondsspezialisten. Woher sollen wir denn die Expertise nehmen, um ein solches Monstrum zu installieren und dann auch noch zu bändigen?«
Nun war die Reihe an Peter Nehmer: »Dafür haben Sie uns, Herr Minister, wir haben die Spezialisten für so etwas.«
Aha, dachte Dieter Krämer, jetzt ist die Katze aus dem Sack. Aber warum auch nicht. Die Wertebank will sich neue Geschäftsmöglichkeiten erschließen, das ist durchaus legitim. Sein Minister war aber offenbar anderer Meinung: »Sie wollen, dass ich einen weiteren Schattenhaushalt einrichte?«
»Ich bevorzuge den Begriff der Spardose, Herr Minister.«
»Meine Herren, das können wir doch nicht im stillen Kämmerlein beschließen. Wenn wir so etwas machen, muss, entsprechend unseren Gepflogenheiten, eine Ausschreibung her, so dass alle Asset Manager die Chance haben; sich zu bewerben.«
Niels Werner konnte sein Entsetzen gerade noch so kaschieren: »Herr Minister, wenn Sie das Vorhaben öffentlich werden lassen wollen, sollten Sie von der Idee gleich vollständig Abstand nehmen. Wenn der Kapitalmarkt auch nur ansatzweise Wind von dem Vorhaben bekommt, wird er sich entsprechend verhalten. Das bedeutet, in einem ersten Schritt steigen die Zinsen, damit wäre Ihr Budget doch tangiert, und in einem zweiten Schritt steigen die Aktienkurse. Damit müssten bei Investments an der Börse deutlich höhere Preise gezahlt werden.« »Wenn ich Sie nun richtig verstehe, bin ich Ihnen irgendwie ausgeliefert, ich meine, falls ich der Sache zustimme«, hier hob er abwehrend die Hände, »bitte, ich weiß ja noch gar nicht, ob das überhaupt umsetzbar ist, politisch, meine ich. Wenn ich das aber auch nicht herausfinden will, ist meine einzige Chance, Ihren Vorschlag abzulehnen.«
Die Antwort von Niels Werner war brutal ehrlich: »Das fasst es ziemlich korrekt zusammen.«
Dieter Krämer bekam allmählich eine gewisse Hochachtung vor den Wertebank-Leuten. So gegenüber dem als leicht cholerisch verschrienen Finanzminister aufzutreten, dazu gehörte schon einiges. Aber er spürte auch, dass sein Chef ebenfalls beeindruckt war. Allerdings war die politische Durchsetzung in der Tat ein Problem. Derartige Aktionen mussten vom Haushaltsausschuss des Bundestages genehmigt werden, der traditionsgemäß von einem Mitglied der Oppositionspartei geleitet wurde. Entsprechend störrisch verhielt sich daher bei manchen Ausgabeplanungen der Ausschuss. Da konnte er aber wahrscheinlich helfen, schließlich war er im Besitz einer Akte, die Bilder des aktuellen Vorsitzenden in einer mehr als nur anrüchigen Bar in New York beinhaltete. Der Zweck heiligt ja bekanntlich die Mittel, und die andere Seite war auch nicht immer fein unterwegs.
Erst jetzt merkte er, dass der Minister offenbar auf einen Kommentar von ihm wartete. Er hatte nur keine Ahnung, worauf.
»Ich denke, Ihre Idee hat viel Charme, meine Herren.«
Nun ergriff noch einmal Peter Nehmer das Wort, der spürte, dass jetzt der Plan aus den buchhalterischen Niederungen gehoben werden musste. Schließlich hatten sie es hier mit Politikern zu tun.
»Herr Minister, Herr Ministerpräsident, Herr Staatssekretär, dieser Fonds hat viel mehr als nur Charme. Mit diesem Fonds emanzipiert sich Deutschland ein Stück weit von den die Kapitalmärkte dominierenden Amerikanern. Damit emanzipiert sich auch Europa, insbesondere, wenn andere Länder auf diesem Kontinent dem Beispiel Deutschlands folgen würden, was sehr wahrscheinlich ist. Sie können mit diesem Fonds auch bei heimischen Unternehmen als Ankerinvestor auftreten, um feindliche Übernahmen aus dem Ausland zu verhindern. Sie bekommen ein Instrumentarium an die Hand, um bei Krisen gegensteuern zu können. Ja, Sie könnten sogar durch diesen Fonds auf Jahre hinaus eventuelle Rentenlücken im Haushalt schließen. Dieser Fonds eröffnet der deutschen Regierung ganz neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten.«
Wow, dachte Krämer, gut gebrüllt, Löwe. Sein Chef war jedenfalls schwer beeindruckt, so viel konnte er feststellen. Nicht umsonst hatte er sich eifrig Notizen gemacht. Auch der so schweigsame Ministerpräsident hatte auf einmal glänzende Augen, er malte sich wahrscheinlich schon all die neuen Perspektiven aus.
»Tja, das sind in der Tat faszinierende Aussichten«, der Minister war immer noch dabei, in die Realität zurückzufinden, »aber ich muss doch ein wenig Wasser in den Wein schütten. Wie bekommen wir das durch den Haushaltsausschuss? Dessen Vorsitzender zerschießt das doch sofort.«
»Nun, Herr Minister, ich denke, hier könnte ich durch ein persönliches Gespräch mit Herrn Müller helfen.«
Sein Chef sah ihn zwar erstaunt an, ließ das Ganze aber auf sich beruhen.
»Wie mir ein Blick auf meine Uhr verrät, meine Herren, rufen mich jetzt andere Pflichten. Bitte lassen Sie sich nicht stören und diskutieren Sie mit meinen Kollegen weiter. Ich möchte nur noch kurz mit meinem Staatssekretär einige Worte wechseln. Ich wünsche Ihnen eine gute Heimreise. Bis bald.« Krämer folgte seinem Chef in dessen Büro. Ihm gefielen die Wertebank-Leute und ihr Vorschlag war, richtig umgesetzt, zukunftsweisend für Deutschland. Er war sich allerdings nicht sicher, ob der Minister seine Einschätzung teilte, der war bisher noch nie durch unternehmerisches Denken aufgefallen. Aber er war durchaus eitel und vielleicht war das der Hebel, ihn positiv zu stimmen.
»Was meinen Sie, Krämer?«
»Ich halte die Idee für ausgezeichnet und auch für durchführbar. Ob wir dadurch international an Einfluss gewinnen, wird sich zeigen. Auf alle Fälle würde das Finanzministerium innerhalb der Regierung noch wichtiger. Ich denke, die Zeiten, in denen der Außenminister stellvertretender Regierungschef wird, wären endgültig vorbei, ohne den Finanzminister geht dann künftig gar nichts.«
Das Nicken des Ministers wurde immer heftiger.
»Und bedenken Sie, wir könnten über den Fonds und dessen Beteiligungen an Unternehmen über die damit verbundenen Aufsichtsratsmandate dann aktive Industriepolitik machen, etwas, was Sie schon immer wollten. Und Ihre Popularität in der Bevölkerung würde deutlich steigen. Sie wären es, der zum ersten Mal in der Geschichte unseres Landes für den Bürger endlich Werte schafft. Sogar die Gewerkschaften dürften applaudieren.«
»Was würde ich nur ohne Sie machen, Krämer«, sein Chef klopfte ihm auf die Schulter. »Sie haben mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. Also gut, signalisieren Sie der Wertebank mein Wohlwollen, allerdings müssten wir über das Volumen des Fonds noch einmal diskutieren. 500 Milliarden halte ich als Anfangskapital für deutlich zu hoch, mir würden da in einem ersten Schritt 100 Milliarden vorschweben. Und dann sehen wir erst einmal, wie die Dinge laufen. Ich werde die Idee morgen mit dem Kanzler besprechen.«
»Vergessen Sie Ihren Kollegen Wirtschaftsminister nicht, für dieses Vorhaben brauchen wir alle politische Unterstützung, die wir bekommen können.«
Der Finanzminister nickte nachdenklich.
»Ja, danke, wir sollten auch den Kanzleramtsminister nicht übergehen. Er hat das Ohr des Kanzlers.«
Als Krämer sich zum Gehen wandte, holte ihn die Stimme seines Chefs wieder ein: »Wie kommen Sie darauf, den Miesepeter Müller positiv stimmen zu können?«
»Herr Minister, es ist besser, wenn Sie das nicht wissen.«
SIGNALE
Die letzten zwei Stunden hatten ihn total geschafft. Es war ja immer schwierig, mit Fondsmanagern über ihr Portfolio zu diskutieren, aber heute war es besonders ermüdend gewesen. Die Geschichte war immer die gleiche. Da wurden über die Jahre verschiedene Aktienpositionen aufgebaut, von denen einige später überdurchschnittliche Kurssteigerungen aufwiesen und einige eben nicht.
Um letztere hatte sich die Diskussion der zurückliegenden zwei Stunden gedreht, mit einem besonderen Augenmerk auf Aktien, welche, verglichen mit dem Kaufzeitpunkt, sogar Kursverluste aufwiesen. Da Fondsmanager auch nur Menschen waren, starb auch bei ihnen die Hoffnung zuletzt. Darüber hinaus hatte jeder eine natürliche Scheu, Kursverluste zu realisieren und damit frühere Fehler einzugestehen. Dabei geht es bei derartigen Kursflops nur um die Frage, ob ich heute mit meinem Wissen die Aktien noch einmal kaufen würde. Wenn das nicht der Fall ist, bleibt nur der harte Schnitt, das bedeutet: Verkauf der Position. Die Kursverluste mussten dann halt mit Kursgewinnen anderer Aktien wieder ausgeglichen werden. Offenbar war das aber schwer zu verstehen.
Niels Werner hatte derartige Debatten in seinem Berufsleben schon unzählige Male führen müssen. Zum Schluss blieb meistens nur das »par ordre du mufti«, obwohl er das nicht gerne tat. Ihm war es lieber, wenn er überzeugen konnte, aber heute war ihm das nicht gelungen. Er machte sich darüber eine mentale Notiz, den Managern des Aktien-Europa-Fonds würde er künftig stärker auf die Finger sehen. Falls sie das Mandat der Bundesregierung bekommen würden, hieß es außerdem, neue Fondsmanager dafür zu finden, denn natürlich würde dieses von ihm im Stillen immer Bürgerfonds genannte Investmentvehikel sich mit seinem Geld schwerpunktmäßig in Europa tummeln.
Als er auf dem Weg zu seinem Büro den Handelsraum durchquerte, winkte ihn der Chefhändler der Wertebank zu sich heran.
»Hallo, Lars, was gibt es Neues auf dem Parkett?«
Lars Wolf wiegte seinen Kopf. »Darüber bin ich mir noch nicht im Klaren, Niels. Irgendetwas braut sich zusammen. Der Markt ist insgesamt freundlich, aber unsere Aktien sind durchgehend schwach.«
»Na ja, unsere Ad-hoc-Meldung hat ja nicht gerade für Begeisterung gesorgt. Zumal wir auch nichts Konkretes zu sagen hatten, lediglich dass nach unseren verbalen Informationen wir von einem Scheitern der internationalen Bankenallianz ausgehen müssen.«
»Schon klar, aber da stimmt trotzdem etwas nicht. Ich sehe ständig Verkäufe unserer Aktien aus Handelsplätzen, denen in der Vergangenheit keine oder kaum Käufe gegenübergestanden haben. Wenn ich wetten müsste, würde ich sagen, dass das Leerverkäufe sind.«
»Von welchen Handelsplätzen sprichst du?«
»Hauptsächlich New York und London, ein wenig auch aus Paris.«
Das konnte ja wohl nicht sein, Déjà-vu lässt grüßen. Waren etwa die alten Freunde von Gerd Brauner, Steve, Luke und Francois am Werk? Niels Werner blies die Backen auf und ließ die Luft zischend entweichen.
»Das könnte in der Tat etwas sein, Lars. Hast du Peter Nehmer schon informiert?«
»Weiß der Geier, wo der steckt. Ich habe noch nicht einmal die Pauli ans Telefon bekommen. Nur ihre hilflose Vertreterin, die Schwarzer.«
»Okay, halte mich auf dem Laufenden.«
»Moment mal, Niels, lass mich nicht dumm sterben, du vermutest doch etwas.«
»In der Tat, achte mal auf den New Yorker Pensionsfonds Relax, den Londoner Hedgefonds True Investor, bekannt unter dem Kürzel TRIN, und die Pariser Privatbank Claron. Das sind alte Freunde, die traditionell gemeinsame Sache machen.«
»Alte Freunde von wem?«
»Ich glaube, das wissen die selbst nicht so genau. Wie gesagt, behalte die im Auge und lass mich sofort wissen, wenn es etwas Neues gibt.«
Lars Wolf hob den Daumen und Niels Werner nahm den Weg zu seinem Büro wieder auf. Dort erwartete ihn seine Assistentin Karin Stigel.
»Ich habe Ihnen Ihren grünen Tee auf den Schreibtisch gestellt. Und Herr Bernhardt hat angerufen, Herr Kolinski ist etwas früher als vorgesehen gekommen, er bittet Sie, alsbald zu dem Gespräch dazuzukommen.«
»Also, wenn der Kolinski sich nicht an die Zeiten hält, muss er eben warten. Ich trinke jetzt erst einmal meinen Tee. Gibt es sonst noch irgendetwas?«
»Nur Herr Kloos war kurz hier. Ich hatte den Eindruck, dass er mir nur sagen wollte, wie froh er ist, Sie wieder bei uns zu haben. Er schien mir in der Vergangenheit reichlich überfordert.«
»Das ist ein anständiger Kerl, der genau weiß, was er kann und was nicht. Ich mag ihn sehr, es hat ein wenig gedauert, aber wir haben uns damals ganz gut zusammengerauft. Ich hoffe doch, Sie sind auch froh, mich wieder hier zu sehen.«
»Aber ja, Herr Werner, wie können Sie nur so etwas fragen.«
In diesem Moment unterbrach das Telefon im Vorzimmer das Geplänkel. Karin Stigel nahm den Hörer ab, sagte etwas und winkte ihm sofort heftig zu. Dann hielt sie mit der linken Hand die Hörmuschel zu und rief: »Frau Schwarzer, sie hat den Krämer vom Finanzministerium in der Muschel. Der will eigentlich den Nehmer sprechen, der ist aber nicht da, die Pauli auch nicht, und sie weiß nicht, was sie tun soll.«
»Sie soll ihn einfach durchstellen.«
Niels Werner trank noch einen Schluck Tee, räusperte sich und nahm den Hörer ab.
»Werner.«
»Dieter Krämer hier, guten Tag, Herr Werner. Ist Peter Nehmer nicht erreichbar?«
»So ist es, Herr Staatssekretär, eine Vorsorgeuntersuchung im Herzzentrum hat unseren Chef in Beschlag genommen. Kann ich Ihnen weiterhelfen?«
»Ich denke schon. Wir hatten ja ein Nachfolgemeeting beim letzten Mal bereits angedeutet. Dieses Meeting ist nun terminiert auf Freitag nächste Woche um 17 Uhr im Bundeskanzleramt. Die fehlende Absprache tut mir leid, aber ich hoffe, Sie können den Termin trotzdem möglich machen. Von unserer Seite werden teilnehmen mein Finanzminister, der Bundeskanzler, der Wirtschaftsminister und natürlich ich. Ich bin deswegen dabei, weil bei einem positiven Votum ich, zusammen mit Ihnen, mit der Implementierung des Staatsfonds befasst sein würde.«
»Wir werden selbstverständlich den Termin möglich machen, Herr Staatssekretär. Darf ich fragen, wie die Stimmung in Berlin ist?«
»Nun, zumindest bei uns, und insbesondere bei mir, haben Sie einen großen Eindruck hinterlassen. Nicht umsonst habe ich Ihnen schon nach dem letzten Treffen wohlwollende Zustimmung signalisiert. Ich denke, Sie haben gute Chancen, Ihr Projekt genehmigt zu bekommen, allerdings dürften 500 Milliarden gleich am Anfang ein wenig zu hoch gegriffen sein. Kleinere Tranchen sind da eher zielführend. Einen Hinweis hätte ich noch. Es wäre, glaube ich, für die gegenseitige Chemie besser, wenn Herr Pair nicht an dem Meeting teilnehmen würde. Insbesondere der Wirtschaftsminister könnte als Jurist daran Anstoß nehmen. Aber auch der Bundeskanzler sollte auf keinen Fall kompromittiert werden.«
»Wir respektieren Ihre Bedenken natürlich, aber ich möchte an dieser Stelle auf den untadeligen Lebenswandel, mit Ausnahme der Affekthandlung im Gerichtssaal, von Herrn Pair hinweisen.«
»Ich bin ja bei Ihnen, Herr Werner, aber die Dinge sind nun mal so, wie sie sind. Ich sehe Sie nächste Woche Freitag.« Niels Werner sah nach dem abrupten Ende des Gesprächs den Telefonhörer eine Weile nachdenklich an. Dem fragenden Blick der Stigel begegnete er mit einem resignierenden Öffnen der Arme.
»Wo zum Teufel steckt unser Chef, und wieso ist die Pauli nicht an ihrem Platz?«
Karin Stigels Gesicht war betont ausdruckslos. »Darauf kann ich mir auch keinen Reim machen.«
Werner sah sie nachdenklich an, ihr Gesicht war ihm irgendwie zu nichtssagend. Ihm fiel eine frühere Bemerkung von Peter Nehmer ein, der auf den intensiven Kontakt zwischen den jeweiligen Assistentinnen hingewiesen hatte. Er hatte sogar eine weitläufige Verwandtschaft der beiden erwähnt. Konnte es sein, dass die Stigel viel mehr wusste, es aber nicht preisgeben wollte?
»Na egal, wenn einer der beiden wieder auftaucht, informieren Sie sie über ein neues Meeting in Berlin, Freitag nächster Woche um 17 Uhr im Bundeskanzleramt. Details werde ich dann dem Nehmer persönlich mitteilen. Der Schwarzer brauchen Sie noch nichts zu sagen, ich weiß nicht, ob sie solche Sachen nicht ausplaudert.«
Karin Stigel wollte aus Solidarität mit ihrer Kollegin erst protestieren, überlegte es sich dann aber anders, zumal das Telefon schon wieder klingelte.
»Das war das Büro vom Bernhardt. Die Herren erwarten Sie dringend.«
Kein Wunder, er hatte mit dem Personalchef Jan Bernhardt die Details seines Bedarfs noch nicht besprochen.
»Okay, ich gehe gleich zu denen. In welchem Raum sind die?«
»Direkt beim Bernhardt im Büro.«
Niels Werner war doch sehr auf Kolinski gespannt. Er kannte den Personalberater ja nicht persönlich. Seine seinerzeitige Installation als trojanisches Pferd in der Wertebank durch den Berater war telefonisch erfolgt. Das galt auch für ihre Kommunikation untereinander. Er wusste, dass hinter Kolinski harte Zeiten lagen. Im zurückliegenden Jahr hatte er von der Wertebank, nachdem seine heimliche Verbindung mit Gerd Brauner publik geworden war, nicht einen einzigen Auftrag bekommen. Aber seine Personalberatungsfirma hatte in der Branche einen guten Ruf und Werner wusste selber nur zu gut, wie perfide der liebe Gerd vorgehen konnte. Es war Zeit für einen Neuanfang. Bei seinem Eintritt erhoben sich die beiden Herren, Bernhardt schien bei seinem Anblick sehr erleichtert, Kolinski leckte sich nervös die Lippen.
»Entschuldigen Sie mein spätes Auftauchen, ich hatte für unseren Chef noch etwas Eiliges zu erledigen. Herr Kolinski, ich freue mich, dass wir uns endlich einmal persönlich kennen lernen.«
»Ganz meinerseits, Herr Werner.«
Heinz Kolinski bot einen eher enttäuschenden Anblick. Mittelgroß, zur Fettleibigkeit neigend, hatte er etwas von einem Wiesel an sich.
»Waren Sie in der Lage, mit Herrn Bernhardt zu besprechen, warum wir Sie heute hierher gebeten haben?«
Hier schaltete sich Lars Bernhardt ein: »Ehrlich gesagt, konnte ich dazu noch nicht viel Erhellendes beitragen. Wir waren eher mit der Bewältigung der Vergangenheit beschäftigt.«
Niels Werner machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Vergangenheit ist, wie der Name schon sagt, vergangen. Ich hoffe, Ihre Firma ist noch so leistungsfähig wie früher?«
Heinz Kolinski konnte seinen Frust nicht so ganz verbergen.
»Sie wissen ja selbst, wie umkämpft der Markt in der Personalberatung ist. Da ist es besonders bitter, wenn der Hauptkunde seine Beziehung zu uns aufkündigt.«
»Wir haben sie nicht aufgekündigt, Sie haben nur keine neuen Aufträge bekommen.« Bernhardt war jetzt ganz im Fahrwasser des Personalchefs. »Das wäre auch gar nicht möglich gewesen. Durch die Änderung unseres Geschäftsmodells mussten wir Leute freistellen, an Neueinstellungen war da nicht zu denken. Das ist heute anders.«
Heinz Kolinskis Gesicht erhellte sich sichtbar.
»Heißt das, Sie brauchen Leute?«
»In der Tat, Herr Kolinski.« Niels Werner entnahm einer mitgebrachten Mappe ein Blatt Papier. »Ich habe es für Sie hier aufgeschrieben. Wir brauchen drei erstklassige Fondsmanager mit Expertise in europäischen Aktien und wir benötigen drei Spezialisten für Unternehmensanalysen.«
Als er das Papier entgegennahm und einen Blick darauf warf, glich Kolinskis Miene nunmehr einer aufgehenden Sonne.
»Darf ich fragen, wie dringlich die Angelegenheit ist? Und über welchen gehaltlichen Rahmen sprechen wir? Sie wissen, in dieser Branche ist es nicht leicht, Leute von Frankfurt nach München zu lotsen. Frankfurt ist halt der Nabel im Asset Management.«
»Der Einsatzort wird nicht in München sein, vermutlich eher in Frankfurt. Wir sind da noch unschlüssig, aber wir ziehen auch Berlin in Betracht.«
Kolinskis Kopf fuhr nach oben, seine Augen waren auf einmal hellwach. Da haben wir es, dachte Werner resigniert, es wäre besser gewesen, der Bernhardt hätte seinen Mund gehalten. Schnell versuchte er, die Möglichkeit Berlin als etwas Normales zu verkaufen.
»Nun, wir wollen unser Asset Management geographisch breiter streuen. Wie Sie wissen, haben wir ja bereits eine Gruppe in Frankfurt sitzen. In den Zeiten der zunehmend digitalisierten Arbeitswelt ist das auch kein Problem mehr.«
»Selbstverständlich, selbstverständlich, Herr Werner.«
»Nachdem dies nun geklärt ist, brauchen Sie mich ja nicht mehr. Die weiteren, eher personaltechnischen Details wie Sozialleistungen unseres Hauses, können Sie ja noch mit Herrn Bernhardt diskutieren. Guten Tag, Herr Kolinski. Herr Bernhardt.«
Mit einer leichten Verbeugung gegenüber seinem Kollegen zog sich Niels Werner zurück. Diese Ratte von Kolinski, natürlich hatte der gleich etwas gewittert. Aber das ließ sich jetzt nicht mehr ändern.
BESTANDSAUFNAHME
Als Heinz Kolinski die Wertebank verließ, schwirrte ihm immer noch der Kopf. Nach einer monatelangen Durststrecke hatte er plötzlich einen Großauftrag an Land gezogen. Nein, falsch, der Auftrag hatte ihn an Land gezogen. Schließlich war der Anruf der Wertebank aus dem Nichts erfolgt, er jedenfalls hatte schon lange seine Akquisitionsbemühungen in deren Richtung eingestellt. Die ehemals gut funktionierende Geschäftsbeziehung mit den Münchnern hatte sich im Zuge der Brauner-Affäre mehr als nur abgekühlt. Das Verhältnis war schlicht eisig gewesen. Und nun das, gleich sechs hochbezahlte Spezialisten sollte er denen besorgen. Das konnte nur auf Initiative dieses Werner geschehen sein. Er schüttelte den Kopf. Egal wie, jedenfalls würden die Vermittlungshonorare seine kränkelnde Firma erst einmal wieder sanieren.
Am Hauptbahnhof angekommen, hastete er vom Taxi zum ICE-Bahnsteig. Der Zug nach Frankfurt hatte erfreulicher- weise mal wieder einige Minuten Verspätung. Er erreichte ihn daher problemlos und suchte sofort den spärlich besetzten Speisewagen auf. Die Bewirtung in der Wertebank war doch recht überschaubar gewesen. Zum Glück reagierte der Service sehr schnell und er bestellte sich einen Silvaner sowie die Nürnberger Rostbratwürste. Dann rekapitulierte er noch einmal seine Lage.
Noch gestern hatte seine Situation rabenschwarz ausgesehen. Nachdem seine Verbindung zu Brauner publik geworden war, hatte sich sein größter Kunde, die Wertebank, quasi abgemeldet. Aber auch andere Banken und Investmentinstitute zogen sich zurück. Als dann die Aufträge ausblieben, musste er praktisch seine halbe Belegschaft entlassen. Um seine Kosten weiter zu senken, vermietete er den größten Teil seiner Büroräume an einen Rechtsanwalt für Arbeitsrecht. Der schusterte ihm auch ab und zu einen kleinen Beratungsauftrag zu, so dass er sich, wenn auch mit Mühe, über Wasser halten konnte.
Seine Frau reichte die Scheidung ein, er konnte ja ihren teuren Lebenswandel nicht länger finanzieren. Und als Tochter eines reichen Vaters war sie nicht bereit, seinetwegen Abstriche zu machen. Lieber suchte sie sich einen neuen Geldgeber. Das hatte zur Folge, dass er das komfortable Haus in Kronberg seiner Frau, die nichts dazu beigetragen hatte, überlassen musste. Dafür durfte er nun in einer kleinen Mietwohnung hausen. Der Sohnemann hatte sich auch nicht mehr sehen lassen, nachdem er seine monatlichen Schecks nicht mehr bekam. Soweit er wusste, hatte er daraufhin sein Studium geschmissen und arbeitete jetzt als Barmann auf Ibiza.
Heinz Kolinski seufzte leicht und trank einen Schluck von seinem Silvaner. Nicht dass er ihn vermissen würde, genauso wenig wie seine Frau. Die einzige Person, der er nachtrauerte, war seine frühere Geliebte in London. Maggy war im Zuge der Brauner-Affäre Knall auf Fall verschwunden, er wusste bis heute nicht warum und was aus ihr geworden war. Schade, die Zeiten mit ihr waren jedes Mal aufregend gewesen, sie hatte ihm nicht nur neue Horizonte in der Londoner Szene gezeigt, sondern auch sein Sexualleben auf ein ihm vorher völlig unbekanntes Niveau gehoben.
Aber er hatte von Brauners Selbstmord auch profitiert. Seine Schuldscheine, die ja zu einer stillen Beteiligung Brauners an seiner Firma geführt hatten, waren wundersamerweise verschwunden. Er hatte dafür keine Erklärung, es sei denn, Brauner hätte als eine seiner letzten Handlungen doch einmal etwas Anständiges gemacht und sie vernichtet. Auf jeden Fall gehörte, was von der Firma noch übrig war, ihm jetzt wieder ganz allein.
Der Zug hatte sich langsam in Bewegung gesetzt und rollte aus dem Münchner Hauptbahnhof. Nur 20 Minuten Verspätung, nicht schlecht, meine Herren, dachte er, als er sich über seine Rostbratwürste hermachte. Er merkte erst jetzt, wie hungrig er war.
Und dann gestern der Anruf vom Bernhardt, der erst einmal herumgeschleimt hatte, von wegen der in der Vergangenheit guten Zusammenarbeit und seiner anerkannten Expertise in der Personalberatung. Letztendlich kam er aber doch zur Sache. Die Wertebank hätte einen Personalbedarf und ob es ihm möglich wäre, nach München zu kommen. Als erfahrener Berater hatte er sofort eine gewisse Dringlichkeit gespürt und seinen Besuch für heute angeboten. Prompt hatte er den Termin bekommen und natürlich rechnete er lediglich mit einer einzigen Personalsuche. Dann kommt dieser Werner in den Raum und auf einmal ist von sechs Personen die Rede.
Der Hintergrund dieses Bedarfs war allerdings kaum begründet worden. Wieso sechs zusätzliche Leute, die Wertebank hatte doch in München genug Portfoliomanager. Er konnte sich das nur mit zusätzlichem Geschäft erklären. Auch waren keine Gehaltsgrenzen zur Sprache gekommen. Sie hatten lediglich genickt, als er die Notwendigkeit eines attraktiven Gehaltspaketes erwähnte.
Und dann die eventuelle Platzierung der Leute in Berlin. Da wollte doch kaum einer hin, Berlin war in Sachen Fondsmanagement ja Deutschsibirien. Wieso Berlin? Von wegen geographische Diversifikation der Asset Manager, damit brauchte ihm der Werner nicht zu kommen. Hier steckte offenbar etwas ganz anderes dahinter. Er hatte wieder, wie immer, wenn er einen Knaller witterte, dieses Kribbeln im Nacken.
Heinz Kolinski ließ den Tisch abräumen, bestellte sich noch einen Silvaner und öffnete seinen Laptop. In ihm war sein eigentliches Kapital verborgen, eine umfangreiche Datei, in welcher alle relevanten Personen in der Bankenbranche verzeichnet waren. Selbst in seinen schwärzesten Zeiten hatte er diese Datenbasis gepflegt. Sie beinhaltete nicht nur die Fachleute, welche potentiell wechselwillig waren, sondern auch die, welche den Arbeitgeber bereits gewechselt hatten. Letztere stellten häufig nach mehreren Monaten fest, dass sich ihre Erwartungen in der neuen Firma nicht vollends erfüllt hatten und orientierten sich neu im Markt. In der Regel ergaben sich in diesem Segment für einen Personalberater gute Chancen.
Die nächsten knapp zwei Stunden verbrachte er mit dem Studieren der Datei, allerdings ohne irgendwelche zündenden Ideen zu entwickeln. Lediglich in zwei Fällen könnten sich Personalperspektiven ergeben, jedoch sechs gute Leute am Markt zu finden, dürfte sehr schwierig werden. Aber mal sehen, bei der Fondsgesellschaft Privat Capital in Frankfurt hatte es einen Wechsel in der Unternehmensleitung gegeben. Das zog in der Regel immer Personalbewegungen nach sich. Er würde morgen mal diesbezüglich seine Fühler ausstrecken.
In Frankfurt angekommen, zog es ihn nicht in seine triste Wohnung. Schließlich war er wieder im Geschäft, und das musste gefeiert werden. Außerdem trafen sich in der Börsenklause viele Leute aus der Finanzindustrie. Bei diesen abendlichen Zusammentreffen wurde zwar jede Menge dummes Zeug geredet, aber manchmal entstanden auch großartige Ideen. Auf alle Fälle gab es dort jede Menge Informationen, und diese waren in der Finanzbranche Gold wert.
Entgegen den sonstigen Gegebenheiten war aber heute Abend das Publikum sehr überschaubar. Heinz Kolinski setzte sich an die Bar und bestellte beim Barkeeper einen Bourbon on the Rocks. Als er sein Glas hob, fiel eine schwere Hand auf seine Schulter und eine vertraute Stimme fragte: »Trinkst du immer allein?«
Natürlich musste sein nichtsnutziger Cousin auch hier sein, wo sonst. Als Börsenhändler gehörte diese Lokalität quasi zu seinem Arbeitsplatz.
»Hallo,Ludwig, welche Überraschung, dich hier zu sehen.«
Die feine Ironie ging aber völlig an Ludwig Schmidt vorbei, seine Sensoren waren auf andere Dinge ausgelegt.
»Hallo, Heinz, zurück zu meiner Frage …«
»Ja, schon gut, ich gebe einen aus. Was trinkst du?«
»Was du hast, sieht doch ganz gut aus«, und zum Barkeeper gewandt: »Das Gleiche für mich.«
Nach dem gegenseitigen Zuprosten und dem Austausch der letzten Neuigkeiten aus der Familie war es für Kolinski Zeit, das Thema auf andere Bereiche zu lenken. Schließlich brauchte er Informationen.
»Was gibt es Neues aus der Branche?«
»Nicht allzu viel. Die Elektronik macht uns das Leben weiter schwer …«
»Du meinst, die dadurch gegebene Transparenz macht es euch schwerer, ahnungslose Privatkunden über den Tisch zu ziehen.«
»Sei doch nicht immer so negativ. Wir sind durchaus auch zum Vorteil dieser Kunden tätig.«
»Erspar mir die Einzelheiten.«
»Okay, kommen wir mal zu dir. Ich habe dich ewig nicht in diesem Etablissement gesehen. Hast du etwas zu feiern?«
Heinz Kolinski wollte sich zwar zurückhalten, aber er musste die sensationellen Neuigkeiten mit jemandem teilen, und wenn es nur sein Cousin war.
»Ja, das kann man durchaus sagen. Ich bin wieder im Geschäft, ich habe jede Menge Suchaufträge.«
»Was du nicht sagst, das freut mich für dich, ehrlich.« Kolinski glaubte ihm kein Wort. »Wer ist denn so optimistisch, in diesen schwierigen Zeiten Personal einzustellen?«
»Die Wertebank.«
»Sag das noch einmal. Ich dachte, die nehmen von dir kein Stück Brot mehr. Woher kommt denn dieser Sinneswandel?«
Kolinski war nun doch leicht pikiert. »Vielleicht bin ich in meinem Job einfach gut. Ist dir schon jemals dieser Gedanke gekommen?«
»Ist ja gut, ist ja gut«, Ludwig Schmidt hob beschwichtigend die Hände. »Jetzt blas’ dich bloß nicht so auf. Andere in deinem Metier sind auch gut, warum also kommen die zu dir zurück?«
»Ach, das weiß ich auch nicht. Wichtig ist doch, dass sie es getan haben.«
Schmidt sah ihn nachdenklich an.
»Pass mal auf, mein lieber Cousin. Jetzt erzähle ich dir etwas. An der Börse gibt es bedeutende Spieler, die gerade Short-Positionen bei Wertebankaktien aufgebaut haben. Das bedeutet, die rechnen mit fallenden Kursen. Die sind ja auch schon gefallen, als diese Mitteilung der Wertebank über das vermutliche Scheitern der Bankenallianz herauskam. Allerdings nicht so richtig, von einem Kursrutsch kann noch keine Rede sein. Genau den brauchen die aber, damit sie aus ihrer Spekulation mit einem satten Gewinn herauskommen. Und nun erzählst du mir von geplanten Personalaufstockungen bei der Wertebank, was üblicherweise auf die Erwartung steigender Geschäftsvolumina schließen lässt. Wie, bitte schön, passt das zusammen? Was für neue Leute sucht denn die Bank?«
Heinz Kolinski spürte wieder dieses Kribbeln in seinem Nacken.
»Jeweils drei Topleute für das Fondsmanagement von europäischen Aktien sowie Unternehmensanalysten.«
»Donnerwetter, das ist mal eine Hausnummer, die werden nicht so ohne weiteres zu finden sein.«
»Da hast du Recht, aber ich habe da so ein paar Ideen. Das eigentlich Merkwürdige ist, dass diese neuen Leute eventuell in Berlin stationiert werden sollen. Kannst du dir darauf einen Reim machen?«
Ludwig Schmidt verdrehte innerlich die Augen. »Nee, überhaupt keinen, Berlin ist doch für diese Branche Niemandsland.«
»So ist es, ich habe aber das Gefühl, da ist irgendetwas am Kochen. Die Leute von der Wertebank sind alles andere als blöd. Vor einigen Wochen haben die ihren früheren Chefvolkswirt zum Leiter ihrer Berliner Filiale ernannt. Wenn die jetzt auch noch in Berlin Fondsmanagement-Kapazitäten aufbauen wollen, dann haben die dort etwas vor.«
Schmidt drehte sein inzwischen leeres Glas nachdenklich in den Händen und sah Kolinski sinnierend an.
»Diese Geschichte macht nur dann irgendeinen Sinn, wenn die Shortseller schiefliegen sollten. Wenn also die Wertebank demnächst mit guten Nachrichten rauskommt und unsere Leerverkäufer auf dem falschen Fuß erwischt werden. Dann müssen sie ihre Shorts ganz schnell zumachen, und dann, mein Lieber, schlägt unsere große Stunde.«
»Wie das, Ludwig?«
»Indem wir uns long positionieren, das heißt, wir kaufen Kaufoptionen. Steigen die Kurse, machen wir den Reibach.« Ludwig Schmidt tätschelte leicht die Wange von Heinz Kolinski. »Lass mich nur machen. Hast du trotz deiner langen Durststrecke noch etwas Kapital in der Hinterhand?«
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