Kitabı oku: «Die Maskerade»

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Die Maskerade

1  Titel

2  Motto

3  Inhalt

4  Prolog

5  1. Kapitel

6  2. Kapitel

7  3. Kapitel

8  4. Kapitel

9  5. Kapitel

10  6. Kapitel

11  7. Kapitel

12  8. Kapitel

13  9. Kapitel

14  10. Kapitel

15  11. Kapitel

16  12. Kapitel

17  13. Kapitel

18  14. Kapitel

19  15. Kapitel

20  Epilog

Thomas Neukum

Die Maskerade

Satirischer Roman © 2019

Motto

Nach deinem Tode wirst du sein,

was du vor deiner Geburt warst.

Arthur Schopenhauer

Inhalt

Prolog

1. Die Erbin des Holiday Shopping Centers

2. Der Kapitalist und das Attentat

3. Aufbruch zu Lina

4. Ein trautes Gelage

5. Im Reich der Begierde

6. Linas Erzählung

7. Ben und die Versuche des Reinwaschens

8. Erregung öffentlichen Ärgernisses

9. Schleichjagd auf unchristliche Wahrheiten

10. Und im Schlepptau zu Kristin

11. Gruppentherapie mit Bacchus

12. Quer über dem dekadenten Schreibtisch

13. Buße bei Einbruch der Nacht

14. Belagerungszustände

15. Das Kostümfest - Motto: Spätantike

Epilog

Prolog

Der Mund der sommerlichen Nutte lächelte ihn an. Sehr auffällig gekleidet sah sie gar nicht aus. Doch ihr blanker Arm schmiegte sich an den Türrahmen wie an eine Lanze, und der Blick unter ihrem Wimpernvorhang wirkte prüfend. Welcher Typ Mann stand vor ihr?

Ben war 37 Jahre alt, sehr gepflegt und zugleich so kraftgemeißelt, als läge ein ausmergelnder Sturm hinter ihm. Nervös hatte er im strahlenden Tageslicht sein Carbon-Rad angekettet und versucht, nicht auf die runtergefallenen Wildpflaumen zu treten - unmöglich. Ihr Fruchtfleisch war bereits gärender Matsch.

Das Häuschen duckte sich mit bürgerlicher Fassade umringt von Wohnblöcken, Bäumchen und einer Autowaschanlage in einem Rostocker Stadtteil. Die beiden Klingeln, „Maier“ und „Schmidt“, hätten auch zu Ferienwohnungen führen können.

„Na, Süßer“, flötete die Nutte mit osteuropäischem Akzent, der wie knackende Zwetschgenkerne klang. Sein Herz pochte. „Schüchtern? Du hast mich doch vorhin angerufen, oder?“

„Ja, hab ich.“

In Rostock gab es keinen Straßenstrich. Stattdessen mieteten verschiedene Prostituierte wöchentlich Apartments, schmissen sich für Inserate in Pose und tingelten dann weiter. Berlin, Rom, Sodom - wo auch immer die alte Gier auf Frisches herrschte. Zumindest mussten diese Frauen als frei gelten. Was heißt frei? Sie hatten keinen Zuhälter außer den Bedingungen der Welt. Ben wusste das, obwohl er noch nie eine Nutte - höflicher gesprochen eine Sexarbeiterin - angefasst hatte.

Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter und umgarnte ihn mit Parfum. „Dann komm.“

Er hinkte rein.

Durch einen weißen Flur gelangten sie in eine Wohnung mit Couchtisch, schwarzer Venus-Statuette und rosenrotem Bett. Die leichte Dame drückte ihr pralles Dekolleté an Ben und tastete über seine Hose. „Eine halbe Stunde siebzig Euro, nur blasen zwanzig. Vielleicht hast du aber spezielle Wünsche?“

Und nachdem sie ihm etwas vorgespielt hätte? Wie sollte sich dadurch sein Gefühl bessern, dass sein Leben in einer Sackgasse steckte? Er schluckte hart, versuchte seinen Nacken locker zu halten und nicht zu denken.

Würde sie das Geld an eine kranke Mutter in Polen schicken, verprassen oder sparen, damit sie nicht in reiferen Jahren putzen müsste? Wie viele Männer hatten in dieser Wohnung schon abgespritzt? Gedämpft schwoll nebenan Gestöhn.

„Oder erst eine Massage?“

Er zog einen Zwanziger aus seinem abgenutzten Portemonnaie. „Danke, aber ich habe es mir anders überlegt. Das ist für die Umstände.“

Ernst sah sie auf das Geld und zuckte dann clownesk mit der Achsel. „Na gut“, schnappte sie es sich. „Noch einen schönen Tag.“

Ben hinkte wieder raus zu den zermatschten Wildpflaumen. Enttäuscht, unbefriedigt und wütend schwang er sich auf sein Rad.

In einem schweißtreibenden Zickzack-Kurs raste er an den Fußgängern vorbei. Hoffentlich würde ihn ein abbiegender Lkw umnieten!

Doch er landete wieder in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung, die so ordentlich war, als hätte er einen ganzen Trupp Putzfrauen. Dabei tratschte hier nicht mal ein einsamer Fernseher. Ben zog die Schuhe aus, schrubbte sie mit einer alten Zahnbürste und wusch sich im Bad die Hände.

Dann ging er zu einem Bücherregal. Statt gleich das Gewollte herauszuziehen, zählte er jedoch von links die Exemplare ab, bis er zu dem Werk eines buddhistischen Meisters gelangte. Er schlug es beim Lesezeichen auf und setzte sich.

Sinnlos ist es zu beklagen, dass du die Gelegenheit auf einen saftigen Genuss nicht genutzt hast. Was hättest du denn jetzt mehr davon? Die dürre Mumie einer Erinnerung.

Jeder erfüllte Wunsch gebiert ohnehin einen neuen, und die flüchtige Befriedigung lässt uns bestenfalls erkennen, dass wir einer Illusion nachjagten. Darum gleicht die Welt einem eitlen Maskenball, auf dem gedrängelt und geschubst wird. Willst du inneren Frieden und wahre Leidensfreiheit, so entsage.

Das tröstete ihn. Lediglich die irrationale Lehre von der Wiedergeburt übersprang er, denn er glaubte an nichts mehr, an gar nichts.

1. Kapitel
Die Erbin des Holiday Shopping Centers

Kristin Nortius hatte einen Ellbogen auf den Schreibtisch und ihren Kopf mit dem kastanienbraunen Haar in die Hand gestützt. Ihre Bluse war oben aufgeknöpft, und der Chefsessel unter ihr schaukelte wie in einem trägen Tanztrott, als sie sich durch das Labyrinth einer Bilanz klickte. Mit einem Blick auf die Uhr schaltete sie den Computer aus.

Es klopfte schmal, aber klar.

„Was brennt denn noch? Sie können reinkommen.“

Eine junge Blondine mit modischer Brille und einem Bündel Arbeit in der Armbeuge stöckelte herein, Bianca, die Sekretärin. Trotz ihrer kerzengeraden Haltung gab sie der Tür hinter sich mit dem Fuß einen sanften Schubs, wodurch diese bis auf einen Spalt schloss.

Dann fragte sie: „Kann ich Ihnen vielleicht einen aufgeschäumten Espresso machen, Frau Nortius?“

„Sehr nett, aber ich hatte schon ein Dutzend. Deswegen haben Sie doch nicht geklopft?“

„Nein, die Zeitung möchte Sie interviewen.“

„Schon wieder? Mir reicht noch das Interview nach dem Attentat. Und dieser andere Batzen da, der wie Waisenkinder in Ihrem Arm liegt?“

Schräg und steil verlagerte die Sekretärin den Stapel auf ihre Taille. „Die Baufirma kann die Minigolf-Anlage in dieser Saison nicht mehr fertigstellen und hat eine Fristverlängerung beantragt. Dafür will McDonald's die Filiale in unserem Gebäude vergrößern und die Wand zur Apotheke durchbrechen, die dann natürlich verkleinern müsste.“

„Wenn McDonald's expandieren möchte, dann muss auch die Medikamentenversorgung expandieren. Was noch? Weiter.“

„Ihr Mann hat angerufen.“

Kristin seufzte. „Weiter.“

„Die Besucherzahlen insgesamt sind zwar gestiegen, aber der Betreiber der Pole-Dancing-Bar steht vor dem Bankrott.“

„Wen wundert das? Er lässt Abend für Abend dasselbe Sortiment an Frauen turnen, die ihre blanken Achselhöhlen zeigen. Das kann ich mir mit jeder halbwegs flotten Kosmetikwerbung reinziehen. Als Mann würde ich auch überlegen, ob ich dafür noch 'ne Kröte locker mache. Unsere Gesellschaft feiert ihre Neuerungssucht und giert nach mehr, mehr, mehr.“

Mit nachtblauer Krawatte war inzwischen Marco eingetreten, Kristins rechte Hand. Er bestach durch eine akkurat gestylte Frisur, athletische Schultern und einem couragierten Lächeln. „Genau das ist die Philosophie. Wofür brauchst du mich noch?“

„Ach, für tausend Geschichten, wie du hörst. Ich hab heute leider gar keine Zeit mehr und muss schon gehen“, stand Kristin verlegen auf.

Die Sekretärin schritt beladen zur Seite.

„Kippen Sie ruhig alles auf meinen Schreibtisch. Marco, würdest du bitte den Stoß durcharbeiten? Ich möchte meine Entscheidungen mit dir besprechen.“

„Aber mit Vergnügen.“

Kristin erwiderte seinen Blick, hörte den Stoß niedergleiten und äugte über die Schulter. Höflich hielt Marco schließlich die Tür auf.

„Danke schön“, sagte sie zu ihm, aber auch zu Bianca, die noch vor ihr aus dem Raum huschte. Auch von ihren anderen Mitarbeitern verabschiedete sich die Chefin.

Hallend ging sie durch das kleine Imperium, das Holiday Shopping Center oder kurz HSC.

Im obersten Stock befand sich außer den Büroräumen nur die großflächige Pole-Dancing-Bar, eigentlich geeignet als Festsaal. Es folgten ein Casino, Elektronik- und Modegeschäfte, Cafés, Restaurants, Supermarkt, Apotheke, Sauna, Massagebereich und Bowling, nicht zu vergessen innen wie außen Tennisplätze. Hier unten wimmelte es. Kristin kaufte allerdings noch zwei Papiertüten voll Lebensmittel ein, bevor sie in ihren roten Lamborghini stieg.

Mit nur mäßig überhöhter Geschwindigkeit fuhr sie in den städtischen Randbereich zu Ben.

Er entriegelte zweifach, um eine knattervolle Papiertüte in Empfang zu nehmen. „Vollkornbrot, Reis, Haferflocken, Bio-Joghurt, Obst, verschiedenes Gemüse und Salat, geröstete Pistazien, Olivenöl und noch 'ne sauscharfe Gewürzmischung“, kam Kristin mit einem Kaugummi zwischen den weißen Zähnen herein. Die andere Tüte hatte sie im Auto gelassen. „Wolltest du auch Spaghetti?“

„Alles tipptopp“, packte er in der Küche aus. „Was schulde ich dir?“

„Ben, was schulden wir dir? Du bist Wachmann mit Invalidenrente, ich 'ne Millionärin.“

„Wie läuft's denn im HSC?“, fragte er, ohne aufzublicken. „Kommst du schon besser zurecht, seitdem du es geerbt hast?“

„Stress wie eh und je“, winkte Kristin ab. Sie verschränkte die Arme. „Rainer fragt manchmal nach dir. Wie geht's deinem Knie?“

Rainer war ihr Mann, ein Orthopäde.

„Ich bin froh, dass er mein Bein gerettet hat und nicht amputieren musste. Radfahren kann ich schon fast beschwerdefrei.“

„Wo fährst du denn hin?“

„Dahin, wo ich schnell wieder wegkomme oder keine Menschenmassen sind“, öffnete Ben den Kühlschrank und staffelte die Produkte nach Mindesthaltbarkeitsdatum. „Mein psychischer Schaden ist größer als mein körperlicher.“

Kristin schwieg, während die Abenddämmerung durchs Fenster kroch und er den Kühlschrank wieder zuflappte. Wie sollte sie ihn fragen? „Morgen wird meine Halbschwester aus der Psychiatrie entlassen - auf eigenen Wunsch. Es wäre für mich eine große Hilfe, wenn du sie abholen könntest.“

Er starrte Kristin an und schluckte.

„Schaffst du das?“

Die Psychiatrie lag auf der anderen Seite der Warnow, die durch Rostock floss und in der Ostsee mündete. „Womit soll ich sie denn abholen? Mit einem Fähre-, Bus- und Bahntrip?“

„Ich leih dir mein Auto und du saust einfach über die Brücke.“

„Welches? Den Lamborghini?“

„Der bietet maximale Beinfreiheit und Schutz vor Menschenmassen“, versuchte Kristin ihren invaliden Freund zu ermuntern.

„Und damit fahre ich sie zu dir nach Hause?“

„Ähm, nein. Da würde sie einsam rumgeistern, bis mein Sohn von der Schule heimkäme. Ich dachte deshalb, dass sie vielleicht bei dir wohnen könnte.“

„Was! Hier?“ Ben versuchte die Gefühlsbrühe abzusieden, die in ihm hochschoss.

„Du fandest sie doch früher nett.“

„Das war in … einer anderen Epoche, obwohl es erst zweieinhalb Jahre her ist. Seitdem komme ich kaum noch mit mir alleine zurecht.“

„Eben. Sie würde dich verstehen. Außer dir hat niemand unter der Schießerei im HSC so gelitten wie sie. Trotzdem muss das alles ja nicht bedeuten, dass es so bleibt oder meine Halbschwester keine eigene Wohnung findet.“

„Was sagt denn sie selber zu deinem Vorschlag?“

„Oh, sie ist offen und ganz lebendig.“

„Lebendig, hm?“ Ben neigte schon immer dazu, an seine Grenzen und darüber hinauszugehen. Zudem würde er es vermutlich bereuen, wenn er sich vor diesem zugeflogenen Versuch drückte, endlich etwas zu ändern. Er lebte ja wie ein Toter. „Also gut. Ich leih mir den Lamborghini.“

„Das ist der alte Sportsgeist!“, umarmte ihn Kristin länger als sonst und gab ihm den Schlüssel. „Nur noch eine Bitte: Kutschierst du mich nach Hause? Ich bin zu faul zum Laufen.“

„Klar.“

Der rote Schlitten mit Automatikgetriebe fuhr beinahe von selbst. In der Villa, die Kristin ebenfalls geerbt hatte, schimmerte Licht.

„Vergiss nicht deinen eigenen Einkauf“, hievte Ben einarmig ihre Papiertüte vom Rücksitz und sah Chips oben liegen. „Dafür hast du noch eine gute Figur.“

„Wer sagt, dass die für mich sind?“, schäkerte sie.

„Sind sie das nicht?“

„Nur wenn ich frustriert bin. Kommst du noch mit rein?“

Er schüttelte den Kopf. „Grüß Rainer von mir. Wir wollen es mal mit der Sozialität nicht übertreiben.“

„Nein, versteht sich. Um neun Uhr morgens kannst du sie abholen“, stieg Kristin aus. „Danke nochmals und viel Glück!“

Grübelnd kehrte er um, und sie ging in die Villa.

„Hallo, Liebling“, grüßte Rainer sie. Er saß wie ein schmusiger Eisbär von 42 Jahren auf der Couch und schaute mit dem Sohn einen fantastischen Zeichentrickfilm.

Der dunkelblonde Zweitklässler war leicht pummelig und in der Schule weder unbeliebt noch beliebt, aber ein Stubenhocker. Vorhin hatte er noch fröhlich gelacht, doch als seine Mama reinkam, musterten seine von Natur aus großen Augen sie keinesfalls zutraulich.

„Na, was glotzt ihr da?“, drückte sie ihm einen Kuss auf die Wange.

Er drehte sich wieder zum Bildschirm. „Nichts.“

„Für Nichts ist das aber ganz schön viel.“

„Viel Nichts.“

Kristin riss die Chipstüte auf und mampfte im Stehen. Es ärgerte sie, dass sie keinen Zugang zu ihrem Sohn fand. Was machte sie falsch? Gut, sie hatte ihm zu früh das Inlineskaten beibringen wollen und er war auf die Schnauze gefallen, solche Sachen eben. Das durfte doch nicht der Grund sein, dass er sich nur noch an seinen Vater klammerte?

Rainer hob dafür seine Schnute, als möchte er etwas von dem knusprigen Salzgeschmack in Kristins Mund abhaben, und sie beugte sich fast widerwillig zu ihm. Vor Langeweile hätte sie kotzen können.

Sie streckte den zwei die Chipstüte hin und sagte zu ihrem Mann: „Wie war's in der Praxis? Ich soll dir Grüße von Ben ausrichten.“

„Oh, das freut mich …“ Rainer begann zu reden, und sie hörte überhaupt nicht zu. Auf Fragen antwortete sie wie ein Android aus weiter Ferne. Zwischenzeitlich zog sie sich sogar im Schlafzimmer leger um.

Sie hatte schon lange keine Lust mehr auf ihren Mann. Nicht zu ändern. Für dieses Gekuschel und Ohrengeschlabber fehlte ihr einfach der Nerv. Wenn er sie kurz entschlossen durchgevögelt hätte, dann wäre das natürlich etwas anderes gewesen.

Doch Rainer liebte Kristin. Er wusste, wie viel eine Managerin leisten musste, und hatte sich anscheinend entschieden, nichts Negatives über seine Frau zu denken.

Morgen würde sie auf jeden Fall länger im Büro bleiben. „Ich muss noch telefonieren“, sagte sie zusammenhangslos.

2. Kapitel
Der Kapitalist und das Attentat

Als „Itaker mit fetter Eroberer-Manier“ wurde der alte Nortius einmal betitelt, ein italienischstämmiger Amerikaner, der nach Deutschland siedelte. Seine ersten Erfolge landete er mit kleinen Geschäftsmodellen im südwestlichen Rheingebiet. Er heiratete vom Podestchen weg eine schusslige Schönheitskönigin, Kristins Mutter, und auch die Tochter selbst wurde anno 1983 noch dort geboren.

Doch nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes und dem Mauerfall zog er mit seiner Familie wagemutig in den Nordosten von Deutschland. Er wusste, wonach hier die Bevölkerung ungeachtet manch Abwehrhaltung lechzte - nach Investoren, nach Arbeitsplätzen, Lebensqualität und freiem Konsum. Exzessiv arbeitete er in Rostock am Bau des Holiday Shopping Centers, das wuchs und wuchs.

Einerseits verwöhnte er Tinchen, wie er seine Tochter gern nannte. Andererseits pushte er sie, bis sie jammerte. Kristin besuchte das Sportgymnasium, wo ein schüchterner und gleichwohl standfester Junge ihr bester Freund wurde, Ben. Weil sie ein herausragendes Tennistalent zeigte, engagierte ihr Vater zudem einen Personal Trainer. Doch die Teenagerin hatte keinen Bock, sich auch noch in den Sommerferien auf den Außenanlagen des HSCs anzustrengen. Lieber schleckte sie mit nackten Beinen Waffeleis und wartete darauf, dass der lateinamerikanische Tennislehrer sie mit sanfter Gewalt auf den Platz ziehen würde. Diese blöd-geilen Träumereien hielten sie zusätzlich von einem ernsthaften Flirt mit Ben ab. Und nichts folgte, außer dass ihr Vater wie ein rotköpfiger Drache die Backen blähte und den Rauch durch die Nase abließ.

Dabei liebte er selber Eiscreme, aber auch Spaghetti, Steak, Weißbier und bonbonweise Viagra. Seine Frau darbte in Selbstmitleid, weil er sie trotz zunehmender Anzugsgröße chronisch betrog.

Kristins Halbschwester, Lina, wurde 1999 in Rostock geboren. Ihre Mutter war eine alleinstehende Maßschneiderin, die sie mit schnörkelloser Herzensgüte zur Selbstständigkeit erzog. Dementsprechend zeichnete sich das hellhäutige Mädchen mit den brünettschwarzen Haaren durch Sensibilität und ein starkes Gerechtigkeitsempfinden aus. Lange wurde sie von ihrem Vater verleugnet, bis er sie endlich als uneheliche Tochter anerkannte. Schon aufgrund des Altersunterschieds konnte die Erstgeborene jedoch keine enge Bindung zu Lina aufbauen.

Der alte Nortius zwang sein erwachsen gewordenes Tinchen, BWL zu studieren. Als sie die Prüfung schaffte, betrank sie sich schwindelerregend. Im Lift lehnte sie breitbeinig gegen die Wand, pinkelte vor einer Quadrille gut aussehender Burschen ihre nicht mal runtergezogenen Nylons voll und knackste weg. Hinterher war ihr das so peinlich, dass sie nie mehr eine Party feierte. Rainer, damals noch als Assistenzarzt tätig, kurierte dafür mit verständnisvollen Händen und Äuglein ihren leichten Fußknöchelbruch.

Ebenso flog diese oder jene schicke Freundin auf Ben. Er hatte unlängst seine Stelle als Wachmann im HSC angetreten, und Kristin wurde Büromitarbeiterin in der Logistik.

Ihre Mutter, die ehemalige Schönheitskönigin, ließ sich dagegen verbittert scheiden und forderte eine Abfindung in Millionenhöhe. Kristin versicherte ihr, dass niemals eine unproduktive Bruthenne eine hysterischere Summe erstritten und sich mieser mit Kindern ausgekannt habe. Irgendwie hatte sie selber sich als Papas Prinzessin mehr von der Welt erhofft.

Genau vor 29 Monaten, Ende Februar 2018, zerriss das Attentat alle vorhersehbare Kontinuität.

Im HSC zog ein Deutscher unter seinem langen Anorak ein illegal beschafftes Sturmgewehr hervor und schoss auf drei Ausländer - einen vorbeilaufenden Afrikaner sowie zwei türkische Imbissverkäufer. Dabei brüllte der Mörder die verwirrenden Worte: „Gottverdammte Dekadenzpolitik!“ Doch es gab noch weitere Opfer.

Lina hatte gerade das beliebte Freizeit- und Einkaufszentrum zusammen mit ihrer Mutter betreten. Instinktiv schob sich dieselbe vor ihre schreckensstarre Tochter in die Schusslinie, sofern sich überhaupt von einer Linie reden lässt. Eine Kugel traf die Mutter tödlich in die Brust. Allerdings durchdrang das Kaliber vollständig den Körper und verwundete - abgeschwächt - auch noch Lina. Sie verlor das Bewusstsein. Das alles dauerte nur wenige Sekunden.

Beeinträchtigt durch die panischen Menschenmenge, zielte Ben seinerseits und drückte den Abzug. Ein Schwall Blut fegte aus der Schulter des blindwütigen Täters. Wankend feuerte er weiter, ließ Kinder ebenso wie Ältere unter Streifschüssen aufschreien und zerfetzte das Knie des Wachmanns, der zu Boden fiel. Dennoch hielt Ben seine Pistole fest umklammert. Er stützte sich auf, zielte noch einmal und knallte dem Attentäter nun die Visage weg. Fünf Tote und elf Verletzte.

Und wie immer lauteten die Fragen: Warum? Hätte man das nicht verhindern können?

Bei dem Attentäter handelte es sich um einen öligen Fischbrötchenhändler. Er hatte für seinen Stand im HSC nur einen hinteren Platz bekommen und nicht mit dem vorderen Döner Palast konkurrieren können, geschweige denn mit McDonalds. Irgendeinem Netzwerk gehörte er nicht an. Er hatte nur gerne vom alten Sozialismus geschwärmt und Litaneien vom Stapel gelassen wie: „Das Pack sollte man grillen, bis es noch schwärzer wird.“ Aber das fand niemand seiner wenigen Bekannten besonders auffällig. Ja, man versicherte bestürzt, dass sein Vater sogar ein guter Pastor gewesen sei.

Der Stress unter den hereinbrechenden Reportern, Sanitätern, Kriminalbeamten und Aufgaben in der Chefetage des HSCs war gewaltig. Der Imageschaden riss die Aktienkurse in den Abgrund. Innerhalb von einer Woche starb das italoamerikanische, hohe Tier an einem Herzinfarkt.

Kristin erbte sein gesamtes Unternehmen. Zu allem hin erkrankte ihre Mutter an Alzheimer, und weil die Tochter selber nicht mehr wusste, wo ihr der Kopf stand, schob sie die Alte ins Pflegeheim ab.

Vor Überforderung heulte Kristin. Deshalb stellte sie einen ehrgeizigen, spritzigen Marketingspezialisten ein - Marco. Die beiden verstanden sich auf den ersten Blick. Dank manipulativer Werbekampagnen und punktuell hübscher Innovationen gewann das HSC wieder Oberwasser.

In der Zwischenzeit kämpfte sich Ben durch eine medizinische Reha. Seine Freundin trennte sich in den dunkelsten Stunden von ihm und machte eine Reise in die hellsten Länder der Welt. Bei ihm blieb die Gewissensqual, ob er nicht schneller hätte reagieren können.

Er bekam psychologische Betreuung, doch ohne Erfolg. Noch immer war er nicht mal in der Lage, einen vollen Lidl oder Rewe zu betreten. Insofern sich die Enttäuschung über das Therapieprozedere wie ein stachliger Igel in Ben einnistete, steigerte sich sein Trauma sogar. Er hielt die Psychiaterin für eine zwar nette, aber überkandidelte Schlunze. Umso mehr verwunderte es ihn, als er später hörte, dass sie an die renommierte Universitätsklinik wechselte.

Und Lina? Sowie die Ärzte das stecken gebliebene Projektil aus ihren Rippen gezogen hatten, wurde sie mit einer Psychose ins Zentrum für Nervenkranke überwiesen. Ben wusste nicht so recht, was er sich darunter vorstellen sollte. Sie musste jetzt 21 Jahre alt sein. Das arme, reizende Mädchen hatte im zweiten Semester Geschichte studiert.

Wieder und immer wieder sah er sie bespritzt mit fremdem Blut unter dem Donnerhall des Angriffs ihr Bewusstsein verlieren.

3. Kapitel
Aufbruch zu Lina

Er schreckte aus Alpträumen hoch. Die kantigen Leuchtziffern auf seinem Smartphone zeigten 5:50 Uhr. Durchatmend versuchte sich Ben wieder in den Schlaf zu meditieren, aber er konnte die Unruhe nicht mehr eindämmen und stand auf.

Er machte Klimmzüge und einarmige Liegestützen mit rechts, einarmige Liegestützen mit links, beidarmige Liegestützen und noch einmal Klimmzüge und noch ein Mal. Ruhiger ging er ins Bad.

In der Küche brühte er Kräutertee auf und maß eine Menge Müsli mit kleingeschnittenen Früchten ab, damit er nicht an Körpergewicht verlor. Von Zeitungen und Online-Nachrichten wollte er nichts wissen. Er schabte mit dem Löffel den Rest aufgequollener Haferflocken zusammen, aß, wartete und ging endlich die Treppe runter zu diesem absurden Lamborghini.

Das Sonnenlicht prallte ihm von der glitzernden Motorhaube entgegen. Würde Lina sich freuen, ihn wiederzusehen? Freute er sich? Nervös fuhr er los.

Selbstverständlich befand sie sich nicht auf der Geschlossenen, und zugleich konnte man die ganze Psychiatrie keineswegs als öffentlichen Ort bezeichnen. So oder so blieb auch dieser Komplex der Unimedizin Rostock aber ein vertracktes Menschengebilde.

Immerhin fand Ben auf der Anlage schnell einen Parkplatz. Bei einzelnen grüßenden Menschen war er sich nicht sicher, ob es sich um einen Patienten, Personal oder Besucher handelte. Endlich entdeckte er die ausgeschilderte Station, riss sich zusammen und trat ein.

Von innen sah sie halb wie ein Sanatorium und halb wie eine Cafeteria aus. Ein verschlumpftes Pärchen süffelte noch entkoffeinierten Kaffee, und auf einem Aushang fanden sich fünf gekrakelte Namen für einen Strandausflug. Verwunderlich? Jedenfalls stand Ben zu früh auf der Matte. Ein brilletragender Pfleger bat ihn zu warten, latschte zur Tür der Psychiatrieärztin und sagte gleich danach dem Abholenden, dass sie noch gern mit ihm reden würde. Also zwang sich Ben ins Sprechzimmer.

Die überkandidelte Schlunze! Obwohl sie schon um die Vierzig war, hatte sie noch immer ein milchiges Gesicht und einen Bob so brünett wie Nutella. Zudem trug sie keinen Kittel, sondern einen - wenn auch leichten - Rollkragenpullover und Jeans.

„Ach, wie nett, Sie wiederzusehen“, gab sie Ben ihr Pianistinnenhändchen. „Sie möchten Lina abholen?“

„Ja, ihre Schwester, Frau Nortius, schickt mich.“

„Der Pfleger sagt ihr Bescheid. Bitte setzen Sie sich noch für einen Moment“, rückte ihm die Ärztin einen Stuhl zurecht.

Sein Augenmaß verriet ihm nun, dass ihr Busen praller geworden war. Hatte sie ein Kind gekriegt? Bestimmt nicht, es handelte sich um schnörkelloses - wenn auch günstig verteiltes - Fett. Die Ärztin hatte Kummer, weil sie unfruchtbar war und sich gleichzeitig nicht für eine Adoption entscheiden konnte. Jedesmal, wenn sie einem Mann mit markanten Genen gegenübersaß, wurde sie verlegen. Sie glaubte zu sehen, dass er ihr ansah, wie sie sich abends in den Schlaf masturbierte und so ihren vollgehämmerten Kopf freiblies. Aber natürlich konnte sie das in einem Meta-Dialog mit sich selbst als Projektion erkennen und unter Bezugnahme quasi-statistischer Wahrscheinlichkeit dahingehend rationalisieren, dass sie in puncto der objektiven Realität irrte. Oder im Falle des Falles eben nicht.

„Wie geht es Ihnen?“, rutschte sie in Sitzposition.

„Warum fragen Sie mich das?“

„Halten Sie mich für eine Floskeltante?“

Ben spürte, wie sich schon wieder Gereiztheit in seinen Fasern hochschrauben wollte. „Mein Leben ist ruiniert. Wie geht's Lina? Ich habe gehört, besser.“

Die Psychiaterin war selbstkritisch, fast selbstzerfleischend und deshalb verletzt. Umso mehr strengte sie Sympathien und Professionalität an. „Genau darauf wollte ich Sie vorbereiten.“

„Das habe ich befürchtet.“

„Lina hält sich für die wiedergeborene Tochter eines römischen Kaisers aus der Spätantike.“

Ben schaute die Ärztin fassungslos an. „Ich vermute, die Ursache dafür ist der Schock, den sie durch das Attentat erlitt?“

„Ja, das haben Sie richtig erkannt. Hinter der ganzen Symptomatik verbirgt sich ein Schutzmechanismus, der letztlich die Psyche vor dem Auseinanderfallen bewahrt. Für Lina waren diese Ereignisse einfach zu grausam. Doch eine martialische Kaisertochter steckt das weg.“

Kristin hatte ihre Halbschwester ein- oder zweimal hier besucht. Das bedeutete, dass sie davon wusste und bloß nix sagte. Sie hatte sich schon immer aus kleinlicher Ichsucht durchgemogelt, und dennoch verdankte es Ben vielleicht nur ihrer Freundschaft, dass er nie Selbstmord begangen hatte.

„Linas Psychose“, fuhr die Ärztin fort, „lässt sich nur schwer therapieren. Wir haben ihr anfangs Neuroleptika verabreicht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass dabei Nebenwirkungen auftreten, aber seitdem verweigert sie jegliche Medikation.“

„Klingt vernünftig.“

Die sahnesteife Doktorin schluckte Bens dazugestreuselte Spitze. „Von Lina geht keine Gefahr aus. Aber versuchen Sie nicht, ihr das Gegenteil zu beweisen.“

„Das Gegenteil? Dass von ihr eine Gefahr ausgeht?“

„Nein, dass sie nicht als Re-Inkarnation einer Römerin unter uns wandelt. Sie ist überzeugt, dass sich ihre Seele erinnern kann - die Seelen von uns anderen nicht. Denken Sie noch immer, dass Ihr eigenes Leben ruiniert ist, Ben?“

„Jetzt erst recht. Sie wird wohl oder übel bei mir wohnen. Wie soll ich denn mit ihr umgehen?“, stieß der invalide Enddreißiger hervor.

Klick-klack, erschall es an der Tür. Sofort raffte er sich auf, ohne noch die Oberweite der Psychiaterin zu beachten, die öffnen ging.

„Guten Morgen, Lina.“

„Hi, und dem tapfersten der tapferen Kaiser zum Heil: Lang lebe Rom!“ Da stand sie mit einer modischen Tunika über kantigen Damenschultern, Sandalen von Armani und goldenem Armreif, so blauäugig, so dunkelmähnig, so strahlend - Lina. In ihrer Linken hielt sie allerdings ein schäbiges, bordeauxbraunes Köfferchen.

Die Ärztin trat ein Stückchen zur Seite.

„Ben, alter Krieger“, streckte Lina auf Schulterhöhe die Linke aus. „Es freut mich, dass du mich abholst.“

Mit einem warmen Schaudern erwiderte er ihre Umarmung. „Mich freut es genauso. Lass mich doch deinen Koffer tragen.“

„Sehr höflich“, gab sie ihm das alte Gepäckstückchen und fragte mit einem herablassenden Blick auf die Doktorin: „Ihr habt Tacheles gesprochen?“

„Aufrichtigkeit ist eine römische Tugend, nicht wahr?“, erwiderte diese und holte ein Kuvert von ihrem Schreibtisch. „Ihr Entlassungsschreiben für die weiterbehandelnden Ärzte und Psychologen.“

„Wovon reden Sie? Die existieren nicht.“

Die Rollkragenbrünette ließ ihr Hirn rattern, legte den Brief ordentlich zurück und notierte etwas auf einem gelbgrünen Zettel. Dann verabschiedete sie sich mit einem Lächeln, als nähmen die Dinge ihren normalen Lauf. „Ich wünsche Ihnen alles Gute, Ihnen beiden!“

„Danke“, sagte sowohl Ben als auch Lina. Voll strotzender Jugendlichkeit wandte sich die Kranke gleich zum Gehen.

Doch als ihm die Seelenklempnerin den Zettel mit den Worten zusteckte: „Rufen Sie mich an, wenn es Probleme gibt“, da drehte sich Lina noch mal um.

„Und Sie waren einst eine Priorin in einem menstruationsstickigen Nonnenkloster.“

„Du hinkst“, zog Lina draußen ihre dünnen Brauen zusammen. Ihr Gang wirkte erhaben-lässig.

Würde sie das Attentat leugnen, bei dem ihr Bewusstsein riss? Allerdings hatte sie ihn ›alten Krieger‹ genannt. „Einer der Schüsse traf mich ins Knie.“

„Das war echt ein Massaker. Wenigstens musste die gute Frau, die in diesem Leben meine Mutter war, nicht lange leiden. Du hast den Hurensohn exekutiert, oder?“

„Kann man so sagen.“ Ben wurde übel.

„Oh“, staunte Lina auf dem Parkplatz, „wer hätte gedacht, dass dir Kristin ihren klobigen Flitzer leiht.“

Ben öffnete den Kofferraum. „Ist das eigentlich alles, was du besitzt?“, verstaute er das Gepäck und hielt ihr die Wagentür auf.

„Was sollte ich denn mit allem Reichtum in der Klapse anfangen?“, stieg Lina ein und klang auf einmal traurig. Wie so viele Studenten hatte sie in der KTV gewohnt, der Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Doch natürlich war ihre Wohnung in diesem Viertel längst gekündigt, und es stand in den Sternen, ob sie je wieder die Uni besuchen würde.

Als der Motor schnurrte und Ben nach der Warnow-Brücke in die nördlichen Teile von Rostock abbog, fügte sie hinzu: „Aber wo fährst du mich denn nun hin?“

„Wo ich dich …? Es war doch abgemacht, dass du bei mir wohnst?“

„Davon wusste ich nichts. Aber es ist okay.“

Kristin!

„Wie wär's“, fragte Lina, „wenn wir noch einen Abstecher machen? Gehen wir ein bisschen shoppen.“

Was stellte die sich vor? Es war für ihn schon schwer gewesen, die Nacht zu überstehen und zu wissen, dass er sich diesem Klinikkomplex aussetzen musste. Dennoch wollte er das vor Lina nicht deutlich eingestehen. „Ich möchte jetzt nicht shoppen. Ich kann nicht.“

„Warum kannst du nicht?“

„Weil ich einfach nicht kann.“ Er merkte, wie sie ihn von der Seite musterte, und hielt krampfhaft das Lenkrad fest.

„Verstehe“, drückte sie sich zurück in den Ledersitz. „Hast du wenigstens Wein zu Hause?“

„Nein, ich hab schon ewig keinen mehr getrunken.“

„Ich auch nicht. Dann fahr bitte mal da vorne an die Tankstelle. Ich kauf welchen.“

Es war vermutlich einfacher, ihrem Wunsch oder Befehl nachzukommen. „Ich warte im Wagen. Hier hast du zwanzig Euro.“

Sie nahm den Schein, setzte eine nackte Wade aus dem Auto und schritt zum Supermarkt der Tankstelle. Das zog alle erdenklichen Blicke auf sich.

In der Zwischenzeit versuchte Ben demütig die vier buddhistischen Wahrheiten zu rekapitulieren. Alles Leben ist Leiden … ja. Alles Leiden hat seine Ursache in der Begierde … ja, irgendwie schon. Die Befreiung von der Begierde führt zur Befreiung von der Kette der Wiedergeburten … halt, nein.

Mit fünf Weinflaschen und überkreuzten Armen - zwei in der Rechten, zwei in der Linken, eine an die Brust geklemmt - kam Lina wieder raus. Ben schwang die Autotür auf und lief ihr leidend entgegen.

„Schau mal, was ich hier entdeckt hab: ›Feudo Montoni‹, sizilianischer Rotwein.“

„Wie hat denn dafür das Geld gereicht?“, half er ihr.

„Ich hatte auch noch was.“

Schließlich blitzten die Felgen über den Asphalt weiter bis zum Wohnblock, wo sie endgültig hielten. Die Haustür unten war von irgendeinem Tölpel wieder mal nicht richtig zugemacht worden. Aus Verdruss darüber fielen Ben im Treppenhaus gleich die Schlüssel runter, doch Lina fischte sie mit erstaunlicher Geistesgegenwart aus der Luft und ging weiter.

„Du hast an deiner Wohnungstür zwei Schlösser?“, stellte sie dann fest.

„Nimm einfach den hier und den da. Ich wohne nicht unbedingt“ - er trug ihren Koffer samt dem Großteil der Weinflaschen hinein - „kaiserlich.“

Lina zog ihre Sandalen aus, sah sich barfuß um und zuckte die Achseln. „Befriedigendes Basislager.“

Das hätte ihm ein Schmunzeln entlockt, wäre er nicht von anderen Gedanken belagert worden. „Also, ich hab im Kleiderschrank Platz gemacht, wir können ihn uns teilen. Das Bett bekommst du. Ich werde auf der Couch schlafen.“

„So schmal sieht das Bett gar nicht aus.“

Sein Handy jaulte. Er war noch nicht mal dazugekommen, sich die Hände zu waschen. Im Übrigen musste er nicht mal auf das Ding gucken, um zu wissen, dass ihn Kristin anrief.

„Na, Ben? Wie läuft's? Bringt sie frischen Wind rein?“

„Die Aktion war etwas hinterlistig von dir, Kristin.“

„Überraschungen sind immer hinterlistig. Ich komm in den nächsten Tagen mal vorbei. Behaltet den Lamborghini noch so lange …“

Hörbar zog Lina eine Küchenschublade auf. Vermutlich suchte sie einen Korkenzieher, wie ihn Ben an seinem Taschenmesser hatte.

4. Kapitel
Ein trautes Gelage

Wann immer Lina etwas in den Händen hatte, ließ sie es irgendwo liegen, und er musste es ihr hinterherräumen: eine Nagelfeile, ein Handtuch, ein iPhone. Ja, sie besaß tatsächlich ein Handy von Apple.

Lieber als im engen Käfig der Wohnung schlenderte sie allerdings im Freien rum - drei, vier Stunden, weiß der Teufel, wohin. Vom Frühstücken hielt sie nix, und vom Mittagessen auch nicht sehr viel. Dafür brachte sie im Abendlicht mit Jeansshorts und einem Fähnchen bekleidet blassrosige Hähnchen vom Schlachter.

„Grill die bitte für uns!“, sagte sie zu Ben.

„Erstens lasse ich mir nichts befehlen.“

„Ich habe ›bitte‹ gesagt.“

„Zweitens ernähre ich mich zum größten Teil vegan, weil ich Blut und Tod satthabe.“

„Dann musst du eine triumphale Portion Gemüse dazu essen, damit so ein Hähnchen nur noch einen kleinen Teil ausmacht. Am allerwenigsten möchtest du sicher, dass es umsonst gestorben ist. Ich pinsle die Marinade drauf, und sei froh, dass die Tierchen schon ausgenommen wurden. Wir hielten früher Eingeweideschau, um daraus den Willen der Götter zu wahrsagen.“

Ein Irrsinn!, ärgerte sich Ben nutzlos.

Obwohl er ihr bei der Zubereitung half, wollte er seinen moralischen Prinzipien treu bleiben und nichts von dem Fleisch essen. Allem voran trug er deshalb Paprika-Reis, gegrillte Auberginen, Bohnen und gemischten Salat auf.

„Warum deckst du den Tisch?“, breitete die eingebildete Römerin eine bestickte Decke auf den Wohnzimmerboden und fläzte sich seitlich wie ein Filmstarlet hin. Unter ihren Arm häufte sie weiche Kissen.

„Das ist nicht dein Ernst, Lina?“

„Sogar schon die Etrusker, Phönizier und Babylonier, ganze Äonen haben im Liegen gegessen.“

„Ja, aber jetzt lebst du in der Moderne.“

„Man muss nicht jeden Trend mitmachen.“

Wollte sie ihn necken, oder was? Er machte selber auch nicht alles mit, aber in diesem Fall konnte er ihr unmöglich Recht geben. „Tu, was du willst.“ Dann stellte er sich jedoch vor, wie er am Tisch aß und die Frau auf dem Boden liegen ließ. Das war auch nicht akzeptabel. „Na schön“, suchte er den Kompromiss, „ich werde zu dir kommen, mich aber eher auf den Boden setzen.“

Er verfrachtete bückend die Schüsseln und Teller in sorgfältigster Anordnung auf die Decke. Linas Magen knurrte behaglich wie eine Katze, als Ben endlich die würzige Dampfwolke aus dem Ofen ließ und beide Hähnchen auf einer Platte in ihre territoriale Hälfte rückte. Sofort verspürte er Durst und stellte eine Karaffe frisches, klares Wasser mit Gläsern dazu.

„Vorzüglich, es fehlt nur noch der Wein. Bestecke brauche ich nicht“, lächelte Lina.

„Willst du auch gleich aus der Flasche trinken?“

„Nein, das ist nicht mein Stil.“

Nicht ihr Stil, tss. Ben holte den Wein, begab sich mit einem Gelenkknacken in den Lotussitz und entkorkte die Flasche eingeklemmt zwischen seinem Schoß (schön am Phallus, wie es Lina sah). „Auch den“, goss er ihr diesen ›Feudo Montoni‹ und sich hingegen Wasser ein, „musst du alleine genießen.“

„So sei es denn. Auf Fortuna, Mars und den souveränen Jupiter - prost!“, ließ Lina die Gläser wie einen kitzligen Gong erklingen.

Dann riss sie einen krossen Schlegel ab und biss saftig hinein. Mithilfe einer Waage füllte Ben sich Reis in ein großes Schälchen und Gemüse auf den Teller.

„Warum wiegst du das ab?“

„Damit ich nicht mich wiegen muss.“

„Du pflegst verrückte Riten.“

„Das musst gerade du sagen“, konterte er.

Mit triefenden Fingern langte sie in den Reistopf.

„Lina!“

„Was denn?“

„Hast du in der Anstalt auch als so ein Schwein brilliert?“

Sie machte ein verdrossenes Gesicht. „Was glaubst du, warum ich da rauswollte? Die haben mich behandelt, als wäre ich ein kleines Gör und nicht schon tausendsechshundertzweiundsechzig Jahre alt. Aber die Unwissenden meckern immer gern über die Sehenden“, kippte sie den Wein in sich und hielt Ben nochmals ihr Glas hin. „Wärst du so gut?“

Entweder den Hals umdrehen oder weise Nachsicht üben. Er drückte beide Augen zu, kehrte in sich, öffnete sie wieder und schenkte Lina nach.

„Sehr liebenswürdig.“ Vollmundig, fast ehrgeizig widmete sie auch dem Geflügel ihre Esslust und fingerte dazwischen nur noch knackige Salatblätter aus der Schüssel. „Weißt du, dass du dich wie ein Asket verhältst?“

„Ja.“

„Führt dich denn nichts in Versuchung?“

Er streifte mit dem Blick das zartfeste Frauenfleisch ihrer Beine und senkte schweigend den Kopf.

„Du versteifst dich aus Angst in Sicherheitsmanövern. Das ist keine Schande. Denn wer keine Angst kennt, der kann auch nicht tapfer sein, nur blöd. Aber schade finde ich's. Du müsstest nur die Hand ausstrecken und das Leben würde dich mit herzhaften Freuden beschenken.“

Er aß bald schneller, bald langsamer, je nachdem, wie seine Gedanken wühlten oder stockten. Stärker erlahmte Lina. Doch sie sperrte einfach die Knöpfe ihrer Jeansshorts auf, verlagerte ihre Liegeposition und schlemmte auch dem zweiten Hähnchen die marinierte Haut runter. Zügellos frönte sie der Völlerei.

Wäre Ben ein Maler gewesen, so hätte er sich hinter eine Staffelei gestellt und über das Bild nicht ganz richtig geschrieben: ›Eine archaische Interpretation modernen Intervallfastens.‹

„So wie du allerdings dasitzt“, stieß Lina hinter vorgehaltener Hand erleichtert auf, „zählst du immerhin nicht zu diesen erbärmlichen Christen.“

„Ich zähle zu gar niemandem.“

„Glaube mir, Ben: Ich weiß, wie es sich anfühlt, von niemandem mehr verstanden zu werden und nur noch eine Geistestruhe voller Erinnerungen zu haben.“ Ihre Lippen hinterließen rotglänzende Fettabdrücke am Glas. Die ganze Weinflasche schwappte in ihr. „Is' mit mir auch nicht leicht.“

Ben aß auf. Seine Gefühle prallten aufeinander wie die romantischen Trümmer einer Tempelstadt. Dennoch geduldete er sich, bis auch sie fertig war und auf den Rücken rollte, ja fiel. Ihr Bauch wölbte sich obszön.

Abräumend stand er auf, verzog sich in die Küche und schrubbte das Geschirr blank. Doch Linas Gestöhne ließ ihm keine Ruhe.

Offensichtlich schaffte sie es nicht mehr, aufzustehen. „Komm, mein hochgeborenes und hochdiszipliniertes Fräulein“, half er ihr, „sicher willst du nicht auch noch auf dem Boden schlafen.“

„Ich hab so … Bauchschmerzen.“

„Ach wirklich?“

„Ja, ich bin zu vollgestopft.“

Trotzdem fiel es ihm nicht schwer, sie ins Bett zu tragen. Behutsam versuchte er die Tür zu schließen.

„Ben“, winkte sie ihn zurück.

Welche Schlauheit wollte sie ihm denn noch zuflüstern?

„Gut gekocht“, berührte ein Kuss seine Wange.

Sie schlief seit fünfzehn Stunden, und er konnte seine Tageseinteilung nicht von ihren Launen abhängig machen. Also begann er mit seinen Sit-up's. Eins, zwei, drei …

Kurz darauf öffnete sich mit gähnender Anmut die Schlafzimmertür. Er drehte nicht den Kopf, aber er spürte genau, wie ihn Lina angaffte. Mit zusammengepressten Zähnen versuchte er sich zu konzentrieren. Vier-, fünfundvierzig?

„Verflixt, Lina, jetzt habe ich mich verzählt.“

„Auf wie viel wolltest du denn zählen? Du machst einfach weiter, bis du nicht mehr hochkommst.“

Angesichts ihres gestrigen Gelages riss ihm bei dieser Bemerkung der Geduldsfaden. Er schnellte in die Höhe und …! Darauf war er nicht vorbereitet.

Sie stand splitternackt vor ihm. Die Nippel ihrer straffen Brüste schauten ihn wie Speerspitzchen an, und ihr Bauch war wieder flach. Anscheinend hatte sie einen guten Stoffwechsel.

„Ich wollte ins Bad.“

„Kannst du dir nicht trotzdem was anziehen?“

„Leider nein. Ich hab nur noch ein Kleid, alles andere ist in der Wäsche, und du wolltest nicht mit mir shoppen.“

Ben wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Wunderlicherweise war er gerade jetzt den Tränen nahe, doch sie merkte es.

„Ich bummle nachher durch die Geschäfte. So hast du noch ein bisschen Ruhe.“

Er nickte vor sich hin, verwirrt. „In einer Dreiviertelstunde gibt es Mittagessen.“

„Ich habe nicht den allerkleinsten Hunger. Aber deine Anstrengungen sind hübsch“, drehte sich Lina um.

Als es nach langen und stillen Stunden wieder an der Tür klingelte, stellte Ben betroffen fest, dass er sich freute. Ohne durch das Guckloch zu linsen, öffnete er.

„Kristin?“

„Hey, ich hab doch versprochen, dass ich komme“, spazierte die Geschäftsfrau nichtsdestoweniger vorsichtig rein. Im Wohnzimmer verharrte ein voller Wäscheständer in seinem stupiden Dienst, und trotz eines geöffneten Fensters roch es nach einer veränderten Aura. „Wo ist Lina?“

„Einkaufen.“

„Oh, wie schön, dass sie dir hilft. Endlich bist du nicht mehr auf mich angewiesen.“

„Ich weiß nicht, ob man das als Hilfe bezeichnen kann. Sie ist die reinste Zumutung …“, bot er Kristin mit einer Geste an, Platz zu nehmen.

Sie setzte sich und hörte ihm zugleich wie eine Beschwerdestelle zu. Mitten aus ihrer ernsten Miene verfiel sie jedoch in einen Heiterkeitsausbruch.

„Das ist nicht lustig.“

„Nein, entschuldige.“

„Ich könnte sie manchmal durchschütteln.“

„Mach dir nichts vor, Ben. Du bist ein Kavalier.“

Plötzlich fiel ihm ein: „Ich hab ihr für die Shoppingtour überhaupt kein Geld gegeben.“

„Wozu sollst du was von deiner Invalidenrente abknapsen?“ Kristin senkte die Stimme, als könnte es ihre jüngere Halbschwester hören, der sowieso alle Geheimnisse schnuppe waren: „Sie hat auch ein paar Milliönchen geerbt.“

Ben konnte nicht lange dem Gedanken hinterherspringen, was das vielleicht für ihn bedeutete. Denn schon tirilierte wieder die Klingel, und diesmal war es Lina.

„Sieh an, mein Schwesterherz stattet uns einen Besuch ab“, stellte sie die silbernen und feigenroten Boutiquentäschchen hin.

Kristin richtete sich sofort auf. In Wirklichkeit war sie keineswegs so taff wie Lina und hatte sogar etwas Angst vor ihr. Entsprechend unsicher fiel die Umarmung aus.

„Ben hat mir gesagt, dass ihr euch gut versteht?“, behauptete Kristin. Dabei warf sie ihrem verdutzten Kumpel einen Seitenblick zu, dass diese glatte Lüge doch ganz nett und fromm sei.

„Sehr gut sogar. In Vaters Domizil wäre es langweiliger.“ Vaters Domizil? Meinte sie den Kaiserpalast? Oder wollte sie sticheln, weil sie nicht in der Villa Nortius wohnen durfte?

Kristin stutzte, wie der arme Ben die hübsche Irre in den Griff kriegen könnte. Doch vorerst wusste sie keinen Rat und fragte einfach dieselbe: „Was hast du denn Schickes gekauft?“

Lina entfaltete die Kleidungsstücke und zog sich auch jetzt zwanglos aus, um eins nach dem anderen vorzuführen. Zwar trug sie dieses Mal einen Seidenschlüpfer, aber die Erfindung von BHs hatte sie wohl vergessen.

„Mann, Mann, Mann“, gab Kristin anerkennend von sich, ohne Ben aus dem Auge zu lassen. „Na, sag schon, ist das auch dein Geschmack?“

Bescheiden antwortete er: „Ja.“

Lina lächelte stolz.

„Darf ich?“, nahm Kristin dieses oder jenes Kleid in die Hand, das auch ihr stehen könnte. Für den Bruchteil einer Sekunde reizte sie die Vorstellung, es wie Lina zu machen, aber ein bisschen langsamer sollte sich der Sittenverfall schon vollziehen. „Das eine hast du in der Innenstadt und das andere in der KTV gekauft, oder? Bist du mit der Straßenbahn hin und zurück?“

„Per pedes.“

„Per pedes?“, wiederholte Kristin.

Ben erklärte: „Zu Fuß.“

„Zu Fuß!?“

„Wir Römer“, antwortete Lina, „wanderten von Gallien bis nach Konstantinopel und noch viel weiter.“

„Aber sicher nicht auch die Frauen?“

Lina zog maliziös eine Braue hoch. „So eine Tabellenschleckerin würde natürlich aus ihren Latschen kippen.“

Ben wartete, wie Kristin auf diese freche Beleidigung reagieren würde. Doch sie hatte sich einmal bei einem Psychiatriebesuch mit der Jüngeren angelegt und war von deren Argumenten plattgemacht worden. Seitdem hielt sie es für geschickter, alles zu schlucken.

„Tja, bei so ausdauernden Märschen dürfte es euch nicht stören, wenn ich den Lamborghini wieder mitnehme.“

„Natürlich nicht, und außerdem hab ich noch mein Fahrrad“, holte Ben im Gang den Autoschlüssel. Fast hätte er die Frage drangehängt, wie Kristin denn hergekommen sei. Aber das hätte sie vermutlich in Verlegenheit gebracht, weil sie sich kutschieren ließ (von Marco).

„Dann gute Fahrt“, winkte Lina einfach.

Kristin ließ sich von Ben die Tür öffnen. „Wir sehen uns“, umarmte sie ihn, so dass sich ihr Mund dicht an seinem Ohr befand. Inzwischen war ihr ein Rat eingefallen. „Du solltest sie dringend bumsen.“

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23 eylül 2025
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