Kitabı oku: «Einführung in die Politolinguistik»

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vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich

Thomas Niehr

Einführung in die

Politolinguistik

Gegenstände und Methoden

Vandenhoeck & Ruprecht

Prof. Dr. Thomas Niehr lehrt Germanistische Sprachwissenschaft an der RWTH Aachen.

Mit 22 Abbildungen und 6 Tabellen

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

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Umschlagabbildung: Plenarsaal des Deutschen Bundestages © picture alliance / Daniel Kalker

© 2014, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen/Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.

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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: Ruhrstadt Medien AG, Castrop-Rauxel

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Ulm

UTB-Band-Nr. 4173

ISBN: 978-3-8252-4173-5

Inhalt

Vorwort

1. Einleitung

2. Sprache (in) der Politik – Politische Sprache – Politolinguistik

2.1 Sprache und Politik

2.2 Funktion(en) politischer Sprache

2.3 Der Gegenstandsbereich der Politolinguistik

2.4 Die Geschichte der Politolinguistik

2.4.1 Frühe Studien zur Sprache der NS-Zeit

2.4.2 Die Sprache der NS-Zeit in neueren politolinguistischen Studien

2.4.3 Frühe Studien zur Sprache in der DDR und der BRD

2.4.4 Semantische Kämpfe

2.4.5 Neuere Entwicklungen: Multimodale Analysen und (Online-)Diskurse

Weiterführende Literatur

3. Methoden und Analyseobjekte der Politolinguistik

3.1 Die Analyse der Wortebene

3.1.1 Politischer Wortschatz

3.1.2 Denotation – Konnotation – Deontik

3.1.3 Schlagwörter – Fahnenwörter – Stigmawörter

3.1.4 Frames

3.1.5 Strategien im politischen Sprachgebrauch

3.1.6 Begriffe besetzen

Weiterführende Literatur

3.2 Die Analyse der Textebene

3.2.1 Textsorten-Klassifikation

3.2.2 Textsorten als „Stolpersteine“

3.2.3 Ausgewählte Textsorten: Parteiprogramme, Parlamentsdebatten

3.2.4 Intertextualität

Weiterführende Literatur

3.3 Die Analyse der Diskursebene

3.3.1 Linguistische Diskursanalyse

3.3.2 Kritische Diskursanalyse vs. Linguistische Diskursanalyse

3.3.3 Die Analyse der diskursrelevanten Lexik

3.3.4 Die Analyse der diskursrelevanten Metaphorik

3.3.5 Die Analyse der diskursrelevanten Argumentation

Weiterführende Literatur

4. Aufgaben

4.1 Aufgaben zu Kapitel 2

4.2 Aufgaben zu Kapitel 3.1

4.3 Aufgaben zu Kapitel 3.2

4.4 Aufgaben zu Kapitel 3.3

5. Lösungshinweise

5.1 Lösungshinweise zu 4.1

5.2 Lösungshinweise zu 4.2

5.3 Lösungshinweise zu 4.3

5.4 Lösungshinweise zu 4.4

Literatur

Sachregister

Vorwort

Mit der hier vorgelegten Einführung in die Politolinguistik soll der Versuch unternommen werden, Lehrenden wie Studierenden ein Arbeitsbuch an die Hand zu geben, das das linguistische Teilgebiet Politolinguistik erschließen helfen soll. Dabei ist ein Blick auf die Geschichte dieses Teilgebiets ebenso unerlässlich wie eine Auseinandersetzung mit seinen Methoden. Allerdings versteht sich dieses Buch nicht als umfassende Darstellung eines Forschungsgebiets der germanistischen Linguistik. Es soll lediglich dabei behilflich sein, Wege aufzeigen, um sich die Methoden der aktuellen Politolinguistik zu erschließen. Dabei wurde Wert darauf gelegt, die vorgestellten und diskutierten Methoden immer wieder anhand von Beispielen zu illustrieren. Nur so scheint es möglich, Studierenden Hinweise für eigene Analysen zu geben.

Dafür, dass diese Einführung zustande gekommen ist, habe ich vielfältigen Dank abzustatten. Zunächst den Studierenden der RWTH Aachen, die sich in Seminaren und Vorlesungen auf Politolinguistik eingelassen haben und auch immer wieder bereit waren, Teile des vorliegenden Textes auf ihre Verständlichkeit zu prüfen und zu diskutieren. Weiterhin danke ich meinen KollegInnen, die das Manuskript oder Teile davon kritisch gelesen haben. Namentlich erwähnen möchte ich Jörg Kilian, Georg Stötzel und Alexander Ziem, die das Manuskript in unterschiedlichen Bearbeitungsstadien akribisch gelesen und kritisch kommentiert haben. Wenn aus dem Manuskript eine verständliche Einführung geworden ist, dann hat ihre Mithilfe wesentlich dazu beigetragen. Dies gilt ebenfalls für die anregenden Fragen, die der Reihenherausgeber Peter Schlobinski gestellt hat. Dank gebührt ebenfalls Carolin Kruff für das Korrekturlesen des Manuskripts und die Erstellung des Registers.

Nicht zuletzt gilt mein Dank dem Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, der die Zusammenarbeit beim Erstellen der Druckvorlage sehr angenehm gestaltet hat.

Aachen, im Frühjahr 2014

1. Einleitung

Politiker gelten als Meister ihres Fachs. Wir trauen ihnen jederzeit zu, dass sie uns mit ihren Sprachkünsten manipulieren und im wahrsten Sinne des Wortes hinters Licht führen. Wie wichtig die Sprache – oder genauer gesagt: der Sprachgebrauch – in der Politik ist, das können wir fast täglich den Medien entnehmen. Da streiten Politiker darüber, ob die Auseinandersetzung, die in Afghanistan stattfindet, tatsächlich mit dem Ausdruck Krieg korrekt bezeichnet wird. Der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg prägte in diesem Zusammenhang schließlich die Formel von den kriegsähnlichen Zuständen. Der unbedarfte Fernsehzuschauer konnte stattdessen zu dem Ergebnis kommen, dass das, was er da an Bildern zu sehen bekam, zweifelsohne Krieg war. Er konnte sich fragen, was denn den Ausdruck kriegsähnliche Zustände vom Ausdruck Krieg unterscheide, wo denn die Grenze zwischen beiden verlaufe. Weiter konnte er sich fragen, warum der Vorgänger zu Guttenbergs, Verteidigungsminister Franz Josef Jung, sich beharrlich weigerte, diesen Krieg als Krieg zu bezeichnen, und stattdessen auf dem Ausdruck Kampfeinsatz bestand. Diese Beispiele machen deutlich, dass Politiker selbst ihren sprachlichen Äußerungen ein großes Gewicht beimessen. Wenn sie das nicht oder nur in unzureichender Weise tun, dann hat dies mitunter Folgen: Man denke beispielsweise an den Vergleich zwischen George W. Bush und Adolf Hitler, den die damalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin zog und der sie letztlich ihr Amt kostete.1 Dass auch die Rezipienten von Politik, die Wähler, das sprachliche Handeln von Politikern kritisch betrachten, zeigt sich, wenn etwa beklagt wird, dass die Debattenkultur im Bundestag nachgelassen habe und nicht mehr so sei wie noch zu Zeiten von Herbert Wehner und Franz Josef Strauß.

Dass also ein enger Zusammenhang zwischen Sprache und Politik besteht, scheint offensichtlich zu sein. Diesen Zusammenhang will die vorliegende Einführung aus linguistischem Blickwinkel näher beleuchten. Dabei ist zunächst zu klären, was unter „politischer Sprache“ verstanden werden soll. Wollen wir darunter ausschließlich das Sprachhandeln von Politikern verstehen? Wie wären dann die zahlreichen Medientexte (z. B. Zeitungskommentare, Blogs, Talkshows) einzuschätzen, in denen politische Fragen behandelt werden? Und wie verhielte es sich mit den Äußerungen eines Thilo Sarrazin, die bei ihrer Veröffentlichung für ein großes Medienecho und danach für den Rücktritt Sarrazins von seinem Amt als Bundesbank-Vorstand sorgten?2 Sollen derartige mündliche und schriftliche Texte von vornherein ausgeschlossen sein?

Schließlich stellt sich die Frage, welche linguistischen Herangehensweisen es gibt, um politische Sprache zu analysieren: Was sind also die Objekte der Sprachein-der-Politik-Forschung bzw. der Politolinguistik? Einer intuitiven Herangehensweise entspräche die Betrachtung bestimmter, besonders auffälliger Wörter. Doch es gibt zweifelsohne Texte im politischen Raum, an deren Wortwahl kaum etwas auffällt, und die dennoch einer großen Zahl von Rezipienten kritikwürdig oder auch lobenswert erscheinen. Dies gilt beispielsweise für die viel gerühmte Rede Richard von Weizsäckers vom 8. Mai 1985 zum 40. Jahrestag der Befreiung Deutschlands3 oder für die Rede Willy Brandts, die er am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Berliner Mauer, vor dem Schöneberger Rathaus gehalten hat4. Neben die Analyse von einzelnen Wörtern muss der linguistische Blick also auch ganzen Texten und ihren Eigenheiten gelten. Darüber hinaus ist die Linguistik in den letzten Jahrzehnten immer mehr dazu übergegangen, auch die Textgrenzen zu überschreiten und ganze Diskurse, verstanden als Ansammlung einer Vielzahl von Texten zum gleichen Thema, zu analysieren. Auch diese Betrachtungsweise hat sich die Politolinguistik zunutze gemacht.

Außerdem können die LeserInnen dieses Buches – mit gutem Recht – erwarten, auch etwas über die Geschichte der Politolinguistik, einer noch jungen „Bindestrich-Linguistik“, zu erfahren. Sie hat antike Vorfahren, handwerklich ausgereift ist sie – wenn überhaupt – allerdings erst in den letzten Jahrzehnten.

Damit sind die Grenzen dieser Einführung abgesteckt. Sie kann vieles nur skizzieren, und einiges wird zweifelsohne zu kurz kommen. Dennoch ist das Ziel, den LeserInnen einen ersten Überblick über ein gesellschaftlich relevantes und spannendes Teilgebiet der Linguistik zu geben.

______________

1 Zur langen Geschichte der Nazivergleiche siehe Eitz/Stötzel (2007: 489 ff.).

2 Vgl. dazu Niehr (2011a).

3 Von Weizsäcker (1985).

4 Die Rede ist abgedruckt bei Brodersen (2002: 191–195).

2. Sprache (in) der Politik – Politische Sprache – Politolinguistik

2.1 Sprache und Politik

Politik und Sprache sind eng miteinander verknüpft. Dass dies so ist, wird bereits offensichtlich, wenn man sich typische Tätigkeiten von Politikern anschaut: In der Öffentlichkeit – und das heißt für uns: in den Massenmedien – treten sie z. B. als Parlaments- oder Festredner, Verhandlungspartner oder Wahlkämpfer und Talkshowgäste auf. Wir wissen zudem, dass sie darüber hinaus in nicht-öffentlichen Gremien wie Fraktionssitzungen oder innerparteilichen Zirkeln tagen, um dort mit Fraktions- und Parteikollegen die „große“ politische Ausrichtung oder aber ihre Haltung in einer ganz speziellen Frage abzustimmen. Alle diese Tätigkeiten sind sprachliche Tätigkeiten und können als sprachliches Handeln klassifiziert werden. Betrachtet man Politik als „auf die Durchsetzung bestimmter Ziele bes. im staatlichen Bereich u. auf die Gestaltung des öffentlichen Lebens gerichtetes Handeln von Regierungen, Parlamenten, Parteien, Organisationen o.Ä.“ (Duden 2011: 1353), dann zeigt sich ebenfalls die besondere Bedeutung der Sprache: Die Durchsetzung bestimmter Ziele wie auch die Gestaltung des öffentlichen Lebens setzen – insbesondere in demokratisch verfassten Gesellschaften – manchmal langwierige und komplizierte, stets jedoch diskursive und mithin sprachliche Abstimmungsprozesse voraus. Man kann deshalb mit Girnth (2002: 1) festhalten, dass „Sprache […] nicht nur irgendein Instrument der Politik, sondern überhaupt erst die Bedingung ihrer Möglichkeit [ist]“. Dies bedeutet keineswegs, dass man Sprache und Politik gleichsetzen könnte, es bedeutet aber, dass Politik ohne Sprache nicht denkbar ist: „Kommunikation und Information sind also die Grundkategorien der westlichen Demokratie-Auffassung. Sie ermöglichen jene diskursive Meinungsbildung, auf der demokratische Entscheidungs- und Handlungsvollzüge aufruhen.“ (Jäger 1996: 67) Zur politischen Kommunikation gehört neben der sprachlichen Komponente beispielsweise auch der Einsatz bestimmter politischer Symbole – man denke in diesem Zusammenhang etwa an einen Staatsakt, bei dem eine Hymne gespielt wird, Flaggen in den Nationalfarben zu sehen sind und möglicherweise Orden verliehen und getragen werden (vgl. Girnth 2002: 3).

Ohne näher darauf einzugehen, wie das Verhältnis von Sprache und Politik gewichtet ist, sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass sich die hier vorliegende Einführung in die Politolinguistik als linguistische Einführung versteht, die sich in erster Linie mit Sprache, ihrem Gebrauch und ihren Funktionen (und weniger mit Politik) beschäftigen wird. Sie setzt ein „weites“ Verständnis von Linguistik voraus und macht auch Phänomene wie den Sprachgebrauch in den Massenmedien und den Social Media oder die Struktur von Argumentationen zum Thema, sofern sie für die Analyse politischer Kommunikation von Relevanz sind.


Abb. 1: Staatsakt (picture-alliance/dp/DB Pingel)

2.2 Funktion(en) politischer Sprache

Sprache dient den politisch handelnden und argumentierenden Personen dazu, „im Medium der Öffentlichkeit Zustimmungsbereitschaften zu erzeugen“1. Wenn man politische Sprache in diesem Sinne auffasst, dann wird ihre Verwandtschaft zur Werbesprache deutlich (vgl. Dieckmann 1975: 27). Von besonderer Wichtigkeit ist dabei, dass man sich von der Vorstellung verabschiedet, Sprache diene in erster Linie der Informationsübermittlung.


Abb. 2: Das Organon-Modell von Karl Bühler (1934/1965: 28)

Bereits an dem bekannten Modell sprachlicher Funktionen von Karl Bühler lassen sich verschiedene Grundfunktionen von Sprache ablesen, und für politische Sprache ist die Appellfunktion von besonderer Bedeutung. (Davon unberührt bleibt, dass in politischen Argumentationen immer wieder behauptet wird, die Darstellungsfunktion sei alleiniger oder wichtigster Zweck der Sprache.) Betrachtet man etwa den politischen Sprachgebrauch in Wahlkämpfen, so sieht man recht deutlich, dass die politisch Handelnden sich häufig einer wertenden Sprache bedienen, um den eigenen Standpunkt zu legitimieren, den des Gegners zu delegitimieren oder mindestens abzuwerten:

Politischem Handeln und Sprechen liegen vielfältige Interessen zugrunde, die ihrerseits die Handlungs- und Sprechhandlungsintentionen determinieren. In demokratisch-pluralistischen Systemen ist politische Kommunikation vom Widerstreit der Interessen, Meinungen und Weltanschauungen geprägt, der sich bis in die – großenteils selber konfliktäre – Lexik und deren ideologisch gegensätzliche Verwendung hinein auswirkt. Insofern ist politisches Sprechen notwendigerweise parteilich und bedient sich ideologisch wertender Sprachformen. (Burkhardt 2003a: 120)

Zwar wird diese Funktion politischer Sprache teilweise als „manipulativ“ abgewertet, nichtsdestotrotz kann man kaum umhin, gerade in der Beeinflussung der Rezipienten eine zentrale Funktion von politischer Sprache, von Sprache überhaupt zu sehen. Zumindest ist es wenig realistisch, in der Darstellungs- bzw. Informationsfunktion die Hauptfunktion von Sprache zu sehen. Dieckmann (1975: 26) weist zu Recht darauf hin, „daß dem Menschen, der sich rein auf diese Funktion beschränken wollte, außerhalb wissenschaftlicher Publikationen nicht viel zu reden übrig bliebe“. Für die politische Sprache gilt zudem, dass sie nicht in erster Linie der Wahrheitsfindung verpflichtet ist:

Es geht darum, über die Wünschbarkeit und Verwirklichbarkeit von Vorschlägen und Plänen zu befinden und zu ihrer Durchsetzung Unterstützung zu suchen. Die Sorge, daß Emotionen den Sachverhalt verunklären und das Ergebnis nicht Überzeugung, sondern Verführung sei, ist berechtigt, muß sich aber genauso auf die intellektuellen Mittel beziehen. Auch die Information und die deutende Verarbeitung ist parteiisch. (Dieckmann 1975: 99)

Zu Recht merkt allerdings Kilian (1997: 4 ff.) an, dass es eine unzulässige Verkürzung wäre, politische Sprache bzw. Politik überhaupt auf den Kampf um Machterhalt, auf Manipulation und Propaganda zu reduzieren, mithin der politischen Sprache die Funktion der Darstellung gänzlich abzusprechen. Hilfreich ist hier eine differenzierte Betrachtung des Politik-Begriffs, die zwischen politischem System (polity), politischen Prozessen (politics) und verschiedenen Politikfeldern (policies) unterscheidet (vgl. ebd. sowie Klein 1998a: 194 ff.). Insbesondere für die politischen Prozesse (politics), in denen es um die Durchsetzung von Interessen geht, ist strategischer Sprachgebrauch von zentraler Bedeutung. Dies gilt allerdings weniger für die politische Sprache, die mit dem politischen System (polity) in Verbindung steht. Man denke hier etwa an Texte wie Geschäftsordnungen, Verfassungstexte oder auch den institutionsinternen Fachwortschatz. Auch für die verschiedenen Politikfelder (policies) gilt – wie Kilian (1997: 6) in Anlehnung an Bühler treffend formuliert –, dass politische Sprache „nicht nur eine Ausdrucks- und Appellfunktion, sondern auch eine Darstellungsfunktion [hat].“

In diesem Zusammenhang muss außerdem an die realitätskonstituierende Funktion von Sprache erinnert werden: Einen direkten Zugang zur Realität haben wir nicht, sondern nur vermittels unserer Sprache. Mit den Ausdrücken unserer Sprache bezeichnen wir die Dinge in der Welt. Man darf sich dieses Verhältnis von Dingen in der Welt und Ausdrücken allerdings nicht als eine eindeutige Zuordnung von Dingen und Ausdrücken vorstellen. Vielmehr haben wir – insbesondere bei politischen Sachverhalten – meist Bezeichnungsalternativen zur Verfügung. Sie unterscheiden sich oft durch die ihnen inhärente Wertungskomponente. So mag der eine die Bezeichnung Steueranpassung angemessen finden, während ein anderer Steuererhöhung für die einzig zutreffende Variante hält. Und was der eine für Krieg hält, ist für den anderen eine friedenserhaltende Maßnahme: „Meist machen erst die Nachbar- und Gegenbegriffe die ideologische Sehweise offenbar.“ (Dieckmann 1975: 31)

Eine Entscheidung über die Angemessenheit oder Nicht-Angemessenheit von (ideologisch geprägten) Ausdrücken lässt sich zwar argumentativ begründen, letztlich ist sie aber ein Reflex auf die jeweilige (ideologische) Sicht der Sprecher. Der „Streit um Worte“ – so der berühmte Titel eines Aufsatzes von Lübbe – ist mithin keinesfalls überflüssig, sondern notwendiger Bestandteil einer diskursiven Meinungsbildung und eines kommunikativen Konsenses über die Ausgestaltung unserer politischen Umwelt.

2.3 Der Gegenstandsbereich der Politolinguistik

Bei der Politolinguistik handelt es sich um ein Teilgebiet der Linguistik, um eine sogenannte Bindestrich-Linguistik, deren Gegenstandsbereich einer Abgrenzung bedarf. Intuitiv würde man möglicherweise dazu neigen, als Sprache der Politik das Sprechen (und Schreiben) von Politikern zu betrachten. Dies scheint jedoch bei genauerem Hinsehen wenig plausibel, weil man damit von vornherein weite Teile des öffentlichen Sprachgebrauchs, die man mit guten Gründen als politisch bezeichnen kann, aus dem Untersuchungsbereich ausklammern würde.

Bedenkt man, woher wir unser Wissen über politische Vorgänge haben und wie wir zu unseren politischen Einstellungen kommen, dann wird man dabei die Rolle der Massenmedien nicht vernachlässigen dürfen. Deren Aufgabe besteht ja keineswegs nur darin, ihre Rezipienten zu informieren. Vielmehr gehört auch die Meinungsbildung unbestreitbar zu den Aufgaben der Medien. Massenmedien, die sich als frei und unabhängig verstehen, legen allerdings großen Wert auf die Trennung von Information und Meinungsbildung. Diese Trennung zeigt sich deutlich in den verwendeten Textsorten: Während es die Aufgabe von Nachrichtentexten ist, zu informieren, dienen Kommentare der Meinungsbildung. Inwieweit diese Textsorten immer mehr vermischt werden (und damit auch die Trennung von Information und Meinungsbildung verwischt wird), soll hier nicht weiter diskutiert werden (vgl. Burger 2005: 48 ff., 224 ff.).

Eine Meinungsbildung wird zumindest mittelbar schon allein dadurch in Gang gesetzt, dass die Medien den Menschen weniger vermitteln, was sie denken sollen, dafür umso mehr, worüber sie nachzudenken haben (vgl. Schulz 2011: 221). Dieser Effekt wird in der Kommunikationswissenschaft als Agenda-Setting bezeichnet. Mit diesem Terminus wird der inzwischen zur Alltagsweisheit gewordenen Bemerkung Luhmanns (1995/2009: 9) Rechnung getragen, dass wir das, was wir über unsere Gesellschaft und über die Welt, in der wir leben, wissen, aus den Medien erfahren. Die Medien ihrerseits bestimmen durch die Auswahl der Themen, die sie veröffentlichen, was unsere Aufmerksamkeitsschwelle überschreitet und welche politische Priorität diesen Themen zugeschrieben wird.2 So geht die Kommunikationswissenschaft davon aus, dass allein die Präsenz eines Politikers im Fernsehen ihm Vorteile bei Wahlen verschaffen kann:

Diese Form des Primings gilt auch für politische Urteile und für Urteile über Personen. Je auffälliger daher ein Kandidat im Fernsehen sichtbar ist, desto größer die Chance, dass er in der Vorstellung der Wähler präsent ist und als relevante Alternative für die Wahlentscheidung in Betracht gezogen wird. (Schulz 2011: 257)

Diese kurzen Bemerkungen reichen schon aus, um zu sehen, dass die Politolinguistik sich keinesfalls auf die Sprache der Politiker beschränken kann. Weiterhin ist es von entscheidender Bedeutung, wie man den Ausdruck politisch definieren möchte. Damit hängt letztlich auch zusammen, ob man von Sprache in der Politik oder von Sprache der Politik sprechen möchte (vgl. Dieckmann 2005: 12 f.). Es gibt zahlreiche Definitionen von Politik, die jeweils andere Aspekte betonen. Eine „schlanke“ Definition von Politik bzw. politisch würde beinhalten, dass unter politischem Handeln das Handeln von Individuen oder Gruppen zu verstehen ist, das staatlich oder auf den Staat bezogen ist (vgl. ebd.). Eine solche Definition, die den folgenden Ausführungen zugrunde liegt, schließt beispielsweise das sprachliche Handeln unterschiedlicher Interessenverbände (Lobbyverbände, Kirchen, Gewerkschaften etc.) und Einzelpersonen ein, solange es auf den Staat bezogen ist.3 Insofern können eben auch wir alle jederzeit politisch handeln,

z. B. bei der Abgabe von Wahlzetteln, der Teilnahme an politischen Diskussionen und Demonstrationen oder beim Extremfall der aktiven Durchführung von Revolutionen. Dabei wird natürlich auch und gerade sprachlich gehandelt; nicht zuletzt gilt dies übrigens für Zwischenrufe aus der Zuhörerschaft, etwa bei Podiumsdiskussionen und Talkshows, oder für Sprechchöre bei Kundgebungen […]. (Burkhardt 2003: 118)


Abb. 3: Gegenstandsbereiche der Politolinguistik (Burkhardt 1996: 81)

Eng verbunden mit diesen Überlegungen ist die Frage, ob man vor diesem Hintergrund besser von Sprache in der Politik, von Sprache der Politik oder lediglich von Sprache und Politik4 sprechen sollte. In dieser Einführung wird der Terminus politische Sprache bevorzugt. Er soll verstanden werden als Sprachgebrauch in der Politik und bezieht das Sprechen über Politik (z. B. an bei privaten oder öffentlichen Diskussionen), die politische Mediensprache (z. B. in Talkshows oder Zeitungskommentaren) und die Politiksprache mit ein. Unter Letztere lassen sich die Sprache der Politiker (z. B. im Parlament) und die Sprache in der Politik (z. B. innerhalb einer Partei oder Fraktion) subsumieren (vgl. Burkhardt 1996: 79 ff.).

Die linguistische Erforschung der politischen Sprache soll im Folgenden mit einem Vorschlag Burkhardts (1996: 82) als Politolinguistik bezeichnet werden:

Für die bisher namenlose Disziplin der Sprachwissenschaft, die sich mit der Untersuchung der politischen Sprache im allgemeinen und deren oben genannten Teilbereichen im besonderen beschäftigt, möchte ich die Bezeichnung Politolinguistik vorschlagen.

Die Politolinguistik beschäftigt sich mit politischer Sprache, nicht nur mit dem Sprachgebrauch von Politikern.

2.4 Die Geschichte der Politolinguistik

Bei einer extensiven Auslegung des Terminus politische Sprache könnte man zu der Auffassung gelangen, dass es sich bei der Politolinguistik um eine altehrwürdige Disziplin handelt, die ihren Ausgang von der antiken Rhetorik genommen hat. Die Rhetorik ist – um eine berühmte Definition Quintilians zu bemühen – die ars benedicendi, also die Kunst, gut zu sprechen (vgl. Ottmers 1996: 5). Bemühungen um diese Kunst sind schon lange vor Quintilian bekannt – die berühmteste historische Rhetorik-Anleitung dürfte von Aristoteles (384–322 v.Chr.) stammen (Aristoteles 1999). Man darf diese historischen Rhetoriker (zu nennen sind hier zahlreiche weitere Autoren wie z. B. Plato, Cicero, Augustinus) allerdings nicht mit den modernen populären Rhetorik-Ratgebern unterschiedlichster Qualität verwechseln, die uns allerorten angeboten werden. Während derartige Rhetorik-Ratgeber sich meist auf die „angewandte“ Seite der Rhetorik beschränken und dabei in ganz unterschiedlicher Weise Anleihen bei den klassischen Autoren machen, verstand sich die historische Rhetorik nicht nur als praktische Redekunst, sondern auch als Wissenschaft von der guten Rede (vgl. Ottmers 1996: 6 f.). Die Beschränkung auf mündliche Kommunikation dagegen ist seit der Frühen Neuzeit immer mehr geschwunden. Insofern müsste man die Rhetorik zeitgemäß als ars benedicendi et bene scribendi umschreiben (vgl. ebd.) oder ganz allgemein als „Theorie der wirkungsvollen Kommunikation“ (ebd.: 8). Diese Theorie wiederum darf man sich nicht als „reine“ Theorie vorstellen, die losgelöst von jeglichem Erfahrungswissen operiert. Vielmehr ist das Erfahrungswissen integraler Bestandteil der Rhetorik:

Dabei wurde schon in der Antike nicht verkannt, daß jene außerhalb der Theorie liegenden Komponenten durchaus von Bedeutung sind: Zunächst die Naturbegabung des Redners, also die angeborene Veranlagung (natura), aber auch die praktische Erfahrung (usus), die er als Redner sammelt und die ihm hilft, seine Urteilsfähigkeit (iudicium) zu schulen, also zu entscheiden, was für seine Absichten am wirkungsvollsten und welche Redestrategien erfolgversprechend sind. […] Theoretisches Wissen, Anschaulichkeit anhand von Übungsmaterial und praxisnahe Vorbereitung sind die Grundpfeiler des rhetorischen Studiums, das über die Beherrschung der Regeln zum souveränen, freien Umgang mit den zur Verfügung stehenden Mittel[!] erziehen will. (Ottmers 1996: 8)

Versetzt man sich in die Rolle von Politikern, deren Handeln ja zu weiten Teilen sprachliches Handeln ist, dann wird die Bedeutung der Rhetorik unmittelbar deutlich. Dass Politolinguistik und Rhetorik jedoch keineswegs deckungsgleich sind, obwohl sie teilweise das gleiche sprachliche Material zugrunde legen, wird deutlich, wenn man sich die Zielsetzung der Politolinguistik vor Augen führt. Sie lässt sich insofern zur Angewandten Sprachwissenschaft zählen, als sie sich auf konkretes Sprachhandeln (parole) bezieht, das sie unter verschiedenen Gesichtspunkten analysieren möchte. Der wichtigste Unterschied zwischen Rhetorik und Politolinguistik dürfte darin bestehen, dass die Rhetorik sich als präskriptive Wissenschaft versteht, die eine Anleitung zur wirkungsvollen Kommunikation geben will.

Die Politolinguistik dagegen versteht sich als Teil der deskriptiven Linguistik, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, sprachliche Phänomene zu beschreiben und zu erklären, ohne sie jedoch einer Wertung zu unterziehen.

Die Vermittlung kommunikativer Techniken zur Erzielung bestimmter Wirkungen und die „Lösung von lebens- und gesellschaftspraktischen Problemen in den Bereichen von Sprache und Kommunikation“5 (Knapp u.a. 2007: XX) gehört aber nicht zum traditionellen Themenspektrum der deskriptiven Linguistik.

Versteht man die Politolinguistik in diesem deskriptiven Sinne, dann ist sie eine relativ neue Disziplin der Linguistik, die sich v.a. in Deutschland seit der Nachkriegszeit entwickelt hat.6 Dass sich insbesondere Linguisten in Deutschland für Fragestellungen der Politolinguistik erwärmen konnten, mag in der Tat daran liegen, dass sowohl die Politiker des „Dritten Reichs“ wie auch die der DDR es verstanden hatten, sich die Sprache für ihre Zwecke nutzbar zu machen (vgl. Klein 1998a: 186 f.).

Hinzu kam dann die Erfahrung der deutschen Teilung. Sprachwissenschaftler und -kritiker in Ost- und Westdeutschland gingen in diesem Zusammenhang der Frage nach, ob die deutsche Sprache durch diese Teilung des Landes ebenfalls gespalten werden würde. Im Laufe der Zeit kamen sie zu unterschiedlichen und auch wechselnden Ergebnissen.7 Insgesamt kann man festhalten, dass diese frühen Studien häufig nicht den Standards genügen, die wir heute an eine politolinguistische Studie anlegen würden.8 Dies hängt sicherlich auch damit zusammen, dass solche Standards, verstanden als methodisches Instrumentarium, für diesen Zweig der Linguistik noch nicht entwickelt waren. So muss man festhalten, dass häufig die politischen Einstellungen der Forscher (im Westen z. B. der Antikommunismus) ihre Forschungen beeinflussten. Sie kamen dann beispielsweise zu dem Ergebnis, dass in der DDR eine neue totalitäre Sprachdiktatur, eine Sprache des vierten Reiches (vgl. Klein 1998a: 187) entwickelt würde und die deutsche Sprache somit (wie auch der deutsche Staat) gespalten würde. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts haben dann aber Sprachwissenschaftler wie Peter von Polenz und Walther Dieckmann die methodischen Defizite solcher Arbeiten aufgezeigt. So merkte Dieckmann bereits im Jahre 1967 an, dass einige dieser frühen Studien zum sprachlichen Ost-West-Problem nicht aufgrund empirischer Untersuchungen zu ihren Ergebnissen kamen. Derartige Arbeiten dienten lediglich dazu, sprachliche Illustrationen dessen bereitzustellen, was die Autoren politisch ohnehin schon zu wissen glaubten (vgl. Dieckmann 1967: 138).

2.4.1 Frühe Studien zur Sprache der NS-Zeit

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte die linguistische Beschäftigung mit der Sprache des Nationalsozialismus ein. Man hatte die unheilvollen Wirkungen von Sprache gerade am eigenen Leib erfahren müssen und war deshalb sehr daran interessiert, die Eigenheiten der sogenannten NS-Sprache zu erforschen. Insofern kann man diese Phase der Politolinguistik mit Burkhardt (2003a: 132) als „rückwärtsgewandt“ bezeichnen.

Sie ist insofern prekär, als auch nicht jederzeit außer Zweifel stand, was ihr Untersuchungsobjekt sein sollte. Dies lässt sich an unterschiedlichen Bezeichnungen ablesen. Teilweise begegnet uns die Formel „Sprache des Nationalsozialismus“, teilweise ist von „Sprache im Nationalsozialismus“ bzw. „Faschismus“ die Rede.

Möchte man hier eine plausible Unterscheidung treffen, so könnte man mit von Polenz (1999: 547) den Sprachgebrauch der NSDAP seit 1920 mit dem Etikett „Sprache des Nationalsozialismus“ belegen. Die NSDAP-Sprache mit verschiedenen Traditionen politischer Sprache, die dann von 1933 bis 1945 vorherrschend wurde, ließe sich hingegen mit „Sprache im Nationalsozialismus“ angemessen beschreiben. Dabei muss allerdings auch berücksichtigt werden, dass politischer Sprachgebrauch eben nicht nur die Sprache der Politiker umfasst, sondern auch das Sprachverhalten der Massen, die ja politische Strömungen mittragen:

Selten kommt dagegen in den Blick, daß diese „manipulierten“ Subjekte in großen Teilen der Geschichte ja keineswegs in die Zustimmung, in, wie es dann hieß, die „Gefolgschaft“ gezwungen wurden. Es wird nur allzu leicht vergessen, daß „die Macht“ der Nationalsozialisten ihnen in einem demokratischen Entscheidungsprozeß übertragen wurde. Es wird übersehen, daß mehrheitlich der Nationalsozialismus in Deutschland – und in Österreich – konsensuell war. (Ehlich 1998: 291 f.)

Selbstverständlich gab es während der Naziherrschaft keine wie auch immer geartete öffentliche Sprachanalyse. Eine Sprachkritik wie sie in der Zwischenkriegszeit beispielsweise von Bertolt Brecht oder Karl Kraus geübt wurde, war lebensgefährlich und damit nahezu unmöglich geworden. So erscheint Karl Kraus‘ sprachkritische Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich erst lange nach Ende der Naziherrschaft im Jahre 1952. Kraus (1952: 9) beginnt diese Schrift mit dem Satz „Mir fällt zu Hitler nichts ein“, um dann aber umso detaillierter die Sprache im Nationalsozialismus zu sezieren, etwa indem er das sprachliche Unvermögen von Parolen-Schrei(b)ern ironisierend aufs Korn nimmt:

Hätte ich Mut, würde ich mutmaßen, daß eine Prüfung auf Sprachgefühl und grammatikalisches Wissen der Leute, die durch die Forderungen „Deutschland erwache!“ und „Juda verrecke!“ zu Macht und Vermögen gekommen sind, schon bei der Frage nach eben der Konstruktion jener auf Schwierigkeiten stößt [oder stoßt, wie sie grundsätzlich schreiben]. Sie wissen bestimmt nicht, daß da ein Komma hineingehört, weil die jeweils genannte Nation, die doch angeherrscht werden soll, sonst nicht die zweite, sondern nur die dritte Person vorstellt und die verlangte Tätigkeit: erwachen oder verrecken, nicht die Befehlsform, sondern bloß die Wunschform annimmt, die ja namentlich im Fall Juda nicht angebracht wäre. […] Das Ausrufezeichen sichert noch nicht den Befehl, sondern könnte eine Verstärkung des Wunsches sein. Freilich muß man in dem Zitat, das Deutschland und Juda betrifft, den Fehler übernehmen, der insofern nicht uneben ist, als so brüske Forderung durch Sorgfalt des Ausdrucks abgeschwächt würde. Schließlich standen die Cäsaren immer über der Grammatik, und besser autarkisch nicht deutsch können, als Fremdwörter gebrauchen, von denen man doch nie wissen kann, was sie bedeuten. (Ebd.: 112)

Im Gegensatz zu einer solchen Sprachkritik wurden jedoch puristische Bestrebungen öffentlich propagiert – hier ist etwa an den Allgemeinen Deutschen Sprachverein zu denken, der sich als „SA unserer Muttersprache“ verstand und rassistischen Fremdwortpurismus betrieb. Dies allerdings auch nur so lange, bis ein Vereinsmitglied feststellte, dass das Ehrenmitglied des Vereins, Eduard Engel, ebenfalls ein radikaler Fremdwortpurist, ein „recht rühriger Jude“ sei (vgl. v. Polenz 1999: 280). Dies führte zu einer Vereinskrise, die schließlich – auch weil die Nazis aus naheliegenden Gründen vom Fremdwortpurismus nichts hielten – zum plötzlichen Ende der fremdwortkritischen Bestrebungen dieses Vereins führten, zumindest auf der Ebene des Gesamtvereins. Die einzelnen Zweigvereine spielten weiterhin eine unrühmliche Rolle und führten „Entwelschungs-Kampagnen“ u.Ä. durch (vgl. Niehr 2009, v. Polenz 1999: 283).

Eine Besonderheit der Analyse politischer Sprache während des Zweiten Weltkriegs stellen die Tagebücher des Romanisten Victor Klemperer dar. Er wurde in der Nazizeit mit Berufsverbot belegt und durfte schließlich nicht einmal mehr Bibliotheken nutzen. Er hat den öffentlichen wie privaten Sprachgebrauch seiner Zeit scharf beobachtet und analysiert. Seine Tagebücher sind deshalb eine Ausnahme, weil Klemperer als Philologe weiß, dass Situationen und Handlungszusammenhänge wichtig sind, um eine nachvollziehbare Sprachanalyse zu bewerkstelligen. Seine Sprachbeobachtungen zur Sprache im Nationalsozialismus hat er in seine Tagebücher integriert. Diese überarbeiteten und erweiterten Hinweise wurden 1946 unter dem Titel LTI (Lingua Tertii Imperii) veröffentlicht. Mit einigen wenigen Beispielen kann man die Scharfsinnigkeit der Sprachanalysen Klemperers verdeutlichen:

Ich wünsche nicht und glaube auch nicht, daß das scheußliche Wort [Entnazifizierung, Th.N.] ein dauerndes Leben behält; es wird versinken und nur noch ein geschichtliches Dasein führen, sobald seine Gegenwartspflicht erfüllt ist. Der Zweite Weltkrieg hat uns mehrfach diesen Vorgang gezeigt, wie ein eben noch überlebendiger und scheinbar zu nie mehr ausrottbarer Existenz bestimmter Ausdruck plötzlich verstummt: er ist versunken mit der Lage, die ihn erzeugte, er wird später einmal Zeugnis von ihr ablegen wie eine Versteinerung. So ist es dem Blitzkrieg ergangen und dem ihm zugeordneten Adjektiv schlagartig, so den Vernichtungsschlachten und den dazugehörigen Einkesselungen, so auch dem „wandernden Kessel“ – er bedarf schon heute der Kommentierung, daß es sich um den verzweifelten Rückzugsversuch eingekesselter Divisionen handelte […]. (Klemperer 1946/2007: 7 f.; Kursivierung von mir, Th.N.]

Hier wird deutlich, dass Klemperer Sprachwandelphänomene antizipiert. Er ist sich offensichtlich darüber im Klaren, dass die Verwendung und Nicht-Verwendung sprachlicher Ausdrücke immer auch durch die gesellschaftlichen Umstände mitbestimmt wird. Schließlich weist Klemperer auch schon darauf hin, dass eine isolierte Wortkritik wenig sinnvoll ist, da man „Wortwerte“ und „Worthäufigkeiten“ nur in (Kon-)Texten bestimmen kann. Ebenso lässt sich nur anhand konkreter Texte die spezielle Wirkung von Wörtern, ihre Rolle und Funktion analysieren:

Sondern der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang […] Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. […] Die nazistische Sprache weist in vielem auf das Ausland zurück, übernimmt das meiste andere von vorhitlerischen Deutschen. Aber sie ändert Wortwerte und Worthäufigkeiten, macht zum Allgemeingut, was früher einem Einzelnen oder einer winzigen Gruppe gehörte, sie beschlagnahmt für die Partei, was früher Allgemeingut war, und in alledem durchtränkt sie Worte und Wortgruppen und Satzformen mit ihrem Gift, macht sie die Sprache ihrem fürchterlichen System dienstbar, gewinnt sie an der Sprache ihr stärkstes, ihr öffentlichstes und geheimstes Werbemittel. (Ebd.: 26 f.)

Klemperer spricht deutlich an, dass es nicht nur eine kleine Clique von Machthabern ist, die diese Sprache spricht, sondern dass diese spezielle Sprache von einer Gruppen- zur Volkssprache wurde (vgl. Schiewe 1998: 213):

Durch die „Machtübernahme“ der Partei wurde sie 1933 aus einer Gruppen- zu einer Volkssprache, d.h., sie bemächtigte sich aller öffentlichen und privaten Lebensgebiete: der Politik, der Rechtsprechung, der Wirtschaft, der Kunst, der Wissenschaft, der Schule, des Sportes, der Familie, der Kindergärten und der Kinderstuben. (Klemperer 1946/2007: 31)

Dieses Diffundieren der Sprache in alle Lebensbereiche führt laut Klemperer dazu, dass schließlich auch der Sprachgebrauch aller Sprecher und damit auch ihr Denken beeinflusst wird:

Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft: fanatisch sagt, glaubt er schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein. Die Worte fanatisch und Fanatismus sind nicht vom Dritten Reich erfunden, es hat sie nur in ihrem Wert verändert und hat sie an einem Tage häufiger gebraucht als andere Zeiten in Jahren. (Ebd.: 26; Kursivierung von mir, Th.N.]

Klemperer bemerkt, dass sogar die Unterdrückten selbst die offizielle Sprache annehmen und verinnerlichen und auf diese Weise auch dem nationalsozialistischen System Geltung verschaffen. In diesem Zusammenhang erwähnt er beispielsweise die perfide Unterscheidung von Volljuden, Halbjuden, Mischlingen ersten (und anderen) Grades, Judenstämmlingen und Privilegierten (vgl. ebd.: 227). Privilegierte waren Mitglieder jüdischer Arbeitsgruppen in Fabriken, die keinen Judenstern tragen mussten und nicht im Judenhaus wohnen mussten. Und natürlich führten diese Privilegien zu Streitigkeiten und Hass zwischen den nichtprivilegierten Juden und eben den Privilegierten. Dies ist ein besonders plastisches Beispiel dafür, wie die Sprache das Denken beeinflussen kann.

Klemperer – so lässt sich aus heutiger Zeit feststellen – war mit seinen Analysen seiner Zeit und wohl auch den Sprachkritikern der Nachkriegszeit voraus. Dass aber auch seine Beobachtungen Widersprüchliches offenbaren, hat Utz Maas (1984: 208 ff.) in einer wichtigen Untersuchung herausgearbeitet. Denn auch bei Klemperer finden sich Passagen, in denen er die Sprache des Nationalsozialismus als Gift, als Infektion des deutschen Volkskörpers usw. charakterisiert (vgl. ebd.: 215). Damit entsteht ein Topos, gegen den der Sprachwissenschaftler Maas sich mit Vehemenz wendet. Es entsteht so die Vorstellung einer kleinen Clique von perversen Nationalsozialisten, die es schafften, mithilfe der Macht des Wortes die Massen zu verführen und zu indoktrinieren. Dabei wird allerdings ausgeblendet, dass weite Teile der Bevölkerung ja zumindest keinen Widerstand geleistet hatten. Außerdem scheint es wenig plausibel, dass ein ganzes Volk den Propagandatricks einer kleinen Minderheit auf den Leim gegangen war.

Eine andere Sicht der Dinge als Klemperer vertraten Sternberger, Storz und Süskind in ihrem erstmals 1957 zusammenhängend veröffentlichten Wörterbuch des Unmenschen. Auf dieses Buch wird hier relativ ausführlich eingegangen, weil es sich dabei um eine folgenreiche Veröffentlichung der frühen Nachkriegszeit handelt, die auch für die deskriptive Linguistik und die Methoden der Politolinguistik von Bedeutung ist.9

Sternberger, Storz und Süskind wollten mit ihrem Wörterbuch vor allem nachweisen, dass das Vokabular der Nationalsozialisten inhuman sei. Durch seine „Ausmerzung“ versprachen sie sich, auch inhumane Denkweisen und aus ihnen resultierende Taten aus der Welt zu schaffen.

Das „Wörterbuch des Unmenschen“ war in der Zeitschrift „Die Wandlung“ bereits in den Jahren 1945/46 in fortlaufenden Artikeln erschienen und wurde 1957 erstmals in Buchform veröffentlicht. Man kann es als bundesrepublikanisches Pendant zu Klemperers LTI lesen (vgl. Schiewe 1998: 227). Schaut man sich die einzelnen Artikel an – das Buch enthält tatsächlich wie ein Wörterbuch Wortartikel in alphabetischer Reihenfolge –, dann ist man zunächst über die Auswahl erstaunt: Betreuung, durchführen, intellektuell, Kontakte, Gestaltung, Härte, organisieren sind Stichwörter, die in diesem Buch behandelt werden. Heutzutage verbinden wir diese Wörter nicht mit nationalsozialistischer Ideologie: Wir können eine Maßnahme durchführen, Kontakte pflegen, eine Veranstaltung organisieren usw. und finden an diesen Ausdrucksweisen nichts Unmenschliches. Andererseits fällt auf, dass Vokabeln, die wir auch heute noch für ideologisch belastet halten, wie z. B. Arier, Rasse, Blut und Boden, in diesem Wörterbuch nicht als Stichwörter verzeichnet sind.

Sternberger, Storz und Süskind hatten jedenfalls ein sehr ehrenwertes Anliegen, und zwar formulieren sie es in einer „Vorbemerkung“ zu ihrem Wörterbuch so:

So hat der Mensch auch als Unmensch seinen Wortschatz, seine eigentümliche Grammatik und seinen eigentümlichen Satzbau. Wir wollen hier seinem Wortschatz nachspüren und in der Sprache jeweils der Sache auf die Sprünge kommen, die sie bedeutet. […] Dieses Wörterbuch hat eine Aufgabe, die derjenigen der übrigen und gewöhnlichen Wörterbücher genau entgegengesetzt ist: es soll uns diese Sprache fremd machen… (Sternberger/Storz/Süskind 1957/1986: 7)

Es geht in diesem Buch also um den Wortschatz, es geht um Wörter. Sternberger, Storz und Süskind haben eine zentrale These, die ihrem Wörterbuch zugrunde liegt. Sie lautet: Wörter sind nicht unschuldig. So schreiben sie etwa über das uns heute unverdächtig klingende Wort Lager:

Das Wort „Lager“, so harmlos es einmal war und wieder werden mag, können wir doch auf Lebenszeit nicht mehr hören, ohne an Auschwitz zu denken. (Ebd.: 11 f.)

Diese These, mit der eigentlich das ganze Buch steht und fällt, ist eine ziemlich weitreichende. Möglicherweise fällt uns, die wir alle nicht persönlich den Nazi-Sprachgebrauch erleben mussten, die Beurteilung einer solchen These nicht besonders schwer. Denken wir tatsächlich an die Vernichtungslager in Auschwitz (und anderswo), wenn wir das Wort Lager hören? Dies können wir wohl – zumindest für die heutige Zeit – ausschließen. Selbst die im Zitat gemachte zeitliche Einschränkung („auf Lebenszeit“) verliert an Gewicht, wenn man bedenkt, dass bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts der Ausdruck Endlösung unbefangen im politischen Kontext der Abstimmung über das Saarstatut als neutrale Vokabel verwendet wurde (vgl. Eitz/Stötzel 2007: 169 ff.).

Ähnliches gilt für Wörter wie Raum, gestalten und durchführen, die in diesem Kontext auch genannt werden (vgl. Sternberger/Storz/Süskind 1957/1986: 11). Offensichtlich ist auch, dass Wörter wie Endlösung oder Sonderbehandlung (beides NS-Euphemismen für den Genozid an den europäischen Juden) heute und in Zukunft wieder verwendet werden können, ohne dass Assoziationen an den NSSprachgebrauch aufkommen oder gar ein Proteststurm losbricht. Ein nur flüchtiger Blick in die Presse macht dies deutlich. So berichtet beispielsweise Focus Online am 8. September 2010 über eine „Sonderbehandlung für Paris Hilton“10, während in der Online-Ausgabe der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG am 7. April 2011 ein „Jungenforscher“ gefragt wird: „Brauchen Jungen eine Sonderbehandlung?“11

Es scheint demnach zuzutreffen, „dass viele Wörter, die in der öffentlichen Sprachdiskussion als NS-Wörter fest etabliert waren, inzwischen von großen Teilen der Bevölkerung unbefangen verwendet werden“ (Dieckmann 2012: 156). Die These, dass Wörter nicht unschuldig seien – man kann sie in einem Atemzug mit der manchmal formulierten These nennen, dass Wörter „lügen“ können –, scheint uns heute kaum haltbar. Zumindest in gehörigem zeitlichem Abstand scheint es mehr oder minder unproblematisch, auch „belastete“ Vokabeln in entsprechenden Kontexten ohne politische Assoziationen zu verwenden.

Vor der Kritik an der Vorgehensweise des Wörterbuchs des Unmenschen soll jedoch die Herangehensweise der Autoren etwas ausführlicher dargestellt werden. Sternberger, Storz und Süskind gehen davon aus, dass es verschiedene Kategorien von Wörtern gibt, und zwar (vgl. Sternberger/Storz/Süskind 1957/1986: 11 f.):

– von Haus aus harmlos, aber den Unmenschen dienlich: Raum, Lager

– geschichtlich bedeutungsträchtige Wörter, die von der Sprachgemeinschaft verraten wurden: intellektuell, Intellektuelle, Anliegen, Problem

– Neu- und Missbildungen sowie Umdeutungen: Menschenbehandlung, Ausrichtung, charakterlich, Kulturschaffende

– Wörter, die für unmenschlichen Gebrauch prädestiniert scheinen: betreuen.

Exemplarisch für die Vorgehensweise der Autoren können die Bemerkungen zum Wort betreuen stehen:

[…] Dieses „be-“ drückt nicht bloß ein selbstloses Hinzielen auf den Gegenstand aus wie die einfachen Transitiva „lieben“ und „schützen“, sondern eine Unterwerfung des Gegenstands, und darauf kommt es an. Dieses „be-“ gleicht einer Krallenpfote, die das Objekt umgreift und derart erst zu einem eigentlichen und ausschließlichen Objekt macht. Muster und Vorgänger sind: Beherrschen und Betrügen, Beschimpfen und Bespeien, Bestrafen, Benutzen, Beschießen, Bedrücken, auch Belohnen und Beruhigen. In allen diesen Fällen wird das Objekt, eben der Jemand, mindestens zeitweilig des eigenen Willens beraubt oder soll des eigenen Willens beraubt werden oder hatte seine Freiheit schon verloren […] (Sternberger/Storz/Süskind 1957/1986: 31 f.)

Es hat nicht lange gedauert, bis sich auch Sprachwissenschaftler zu den Thesen von Sternberger, Storz und Süskind geäußert haben. Diese Kontroverse zwischen Sprachkritikern und Sprachwissenschaftlern ist über viele Jahre geführt worden und hat schließlich sozusagen zum „Abbruch der Beziehungen“ geführt.

Sehen wir zunächst einmal, was aus linguistischer Sicht zum Befund, den wir dem Wörterbuch des Unmenschen entnehmen können, zu sagen ist. (Nur am Rande sei dazu angemerkt, dass mit einer linguistischen Kritik natürlich nicht die zweifellos ehrenwerten Motive der damaligen Sprachkritiker infrage gestellt werden können. Allerdings dürfen auch honorige Motive nicht dazu führen, dass die sachlich-methodischen Gesichtspunkte nicht mehr offen diskutiert werden können.)

Linguisten würden gegenüber dem Wörterbuch des Unmenschen betonen, dass man Wörtern nicht vorwerfen kann, dass sie unmenschlich etc. seien. Zweifelsohne können mit bestimmten Vokabeln unmenschliche Handlungen kaschiert, beschrieben oder auch ausgeführt werden. Aber es sind doch immer die Sprecher, die sich dieser Wörter bedienen, um zu verurteilen, zu morden oder auch zu beschützen und zu retten. So kennen wir alle das Phänomen, dass Wörter sozusagen durch unmenschlichen Gebrauch kontaminiert, belastet sind – etwa im Deutschen das Wort Führer oder auch Konzentrationslager. Diese Ausdrücke verbinden wir mit dem nationalsozialistischen Regime und seiner Politik, eben weil sie von dem entsprechenden Personenkreis immer wieder verwendet wurden. Deshalb werden sensible Sprecher auch heute noch sehr vorsichtig mit der Verwendung solcher Wörter sein, und es ist auch kein Zufall, dass niemand auf die Idee gekommen ist, beispielsweise Asylbewerberheime als Konzentrationslager zu bezeichnen – außer in polemischer Absicht. Trotzdem wird man festhalten müssen, dass man den Vokabeln als solchen keine Attribute wie unmenschlich oder lügnerisch bescheinigen kann – diese Eigenschaften kommen allenfalls den jeweiligen Sprechern zu, wenn sie solche Ausdrücke zur Verschleierung ihrer Machenschaften verwenden.

Eine andere Kritik hat bereits in den 60er Jahren der Germanist Herbert Kolb unter dem Titel „Der inhumane Akkusativ“ vorgebracht. Auch diese Kritik ist in den neueren Auflagen des Wörterbuchs des Unmenschen abgedruckt. Sie soll hier wiederholt werden, weil sie auf eine Gefahr aufmerksam macht, der Linguisten auch heute noch ausgesetzt sind, der Gefahr nämlich, anhand von Beispielen gleich eine linguistische Theorie zu entwerfen. Häufig stellt sich jedoch schnell heraus, dass es genauso viele Gegenbeispiele gibt, die die schöne eigene Theorie widerlegen.

Die Theorie aus dem Wörterbuch sagte ja nichts weniger aus, als dass die sogenannten be-Verben, die ein Objekt im Akkusativ fordern, eben dieses Objekt in ein Unfreiheits-Verhältnis setzen. Die Beispiele machten dies ja auch mehr oder minder (bei belohnen und beruhigen) plausibel.

Kolb schreibt zu dieser These:

Ein Vorzug der be-Verben liegt darin, daß sie die Nennung der (akkusativierten) Person verlangen, die der präpositional damit verknüpften (,instrumentalisierten‘) Sache aber freistellen. Man kann sagen: er beliefert die Kundschaft – und muß nicht sagen: er beliefert die Kundschaft mit Ware; man kann sich begnügen mit der Angabe: er beschenkte seine Kinder – und braucht nicht hinzuzufügen: …mit Spielzeug. […] Möchte man also das sachliche Objekt nicht benennen oder hält man seine Nennung für überflüssig, so ist man geradezu auf das be-Verb angewiesen. Und diese Fälle sind beim Sprechen, in der gesellschaftlichen Konversation, im diskreten Mitteilen gewiß zahlreich, daß ich ausdrücken möchte, daß ich liefere und wem ich liefere, aber nicht, was ich liefere; daß ich schenke und wem ich schenke, nicht aber, was ich schenke. (Sternberger/Storz/Süskind 1957/1986: 236 f.)

Kolb (ebd.: 245) gelangt zu dem Schluss, dass der Akkusativ weder inhuman noch human sei, sondern lediglich eine grammatische Form,

die von human und inhuman Gesinnten gebraucht werden kann. Sogar die akkusativierenden be-Bildungen sind so wenig inhuman, wie es inhuman ist, die Gefangenen zu befreien, die Schwachen zu beschützen, die Nackten zu bekleiden.

Dem ist aus Sicht der deskriptiven Linguistik nicht viel hinzuzufügen. Gerade im letzten Zitat finden wir die Quintessenz, die man als Linguist einer solchen Art der Sprachkritik entgegenhalten muss: Die verschiedenen grammatischen Formen wie auch verschiedene Ausdrücke sind nicht als solche inhuman oder human, sie werden lediglich von entsprechend gesinnten Sprechern in entsprechender Weise verwendet.12 Dazu – das sei am Rande noch angemerkt – kann die Politolinguistik allerdings nicht mehr viel beitragen: Wenn jemand durch seinen Sprachgebrauch bewusst verletzen, beleidigen oder erniedrigen möchte, dann kann die deskriptive Linguistik das beschreiben. Inwieweit die danach anstehende moralische Bewertung noch mit Mitteln der Linguistik bzw. einer linguistisch begründeten Sprachkritik erfolgen kann, wird durchaus kontrovers diskutiert (vgl. Janich 2013).

Die frühen Arbeiten zur NS-Sprache genügen trotz ihrer ehrenvollen Motive aus heutiger Sicht nicht den methodischen Standards der deskriptiven Linguistik.

2.4.2 Die Sprache der NS-Zeit in neueren politolinguistischen Studien

In den neueren Arbeiten zur Sprache des Nationalsozialismus wird die in den vorigen Abschnitten beschriebene sprachkritische Haltung zunehmend durch eine sprachwissenschaftliche Haltung abgelöst. Es gibt sowohl Wörterbücher wie auch Textanalysen, die sprachwissenschaftlichen Standards zu genügen versuchen.

Zunächst zu nennen ist das von Cornelia Schmitz-Berning (2000) verfasste große Wörterbuch „Vokabular des Nationalsozialismus“. Hier wird die Zeit von 1918 bis 1945 in Wörterbuchartikeln erfasst. Schmitz-Berning macht deutlich, dass es nicht ohne Weiteres gelingen kann, zwischen der offiziellen und der privaten Sprache in der Zeit des Nationalsozialismus zu unterscheiden. Dies liegt daran, dass dem NS-Regime in besonderer Weise daran gelegen war,

auch den Raum der Nichtöffentlichkeit organisatorisch und ideologisch zu durchdringen. Die Reichweite der offiziellen Sprache ging daher weit über die Verwendung in Reden der Parteioberen und Funktionäre, in Verordnungen, Gesetzen, Presseanweisungen, Rundfunksendungen und Zeitungen hinaus (ebd.: IX).

Dies zeigt sich an der Vielzahl von Organisationen, Schulungen und Betreuungen der Bevölkerung, die auch den Freizeit- und Feierabendbereich abdeckten. Auf Grundlage einer Vielzahl von Quellen (vgl. ebd.: X ff.) unterscheidet Schmitz-Berning drei Typen von Wörtern:

1. Wörter, die von Nationalsozialisten neugeprägt wurden

2. Wörter, die umgedeutet wurden oder eine zusätzliche spezifische Bedeutung erhielten

3. Wörter, die sehr häufig verwendet wurden und durch die hohe Gebrauchsfrequenz ihren hohen Stellenwert im NS-Sprachgebrauch signalisierten. (Schmitz-Berning 2000: XIV f.)

Als besonders interessantes Ergebnis lässt sich festhalten, dass die wenigsten „NS-Wörter“ Neuprägungen sind. So würde man vermutlich intuitiv Wörter wie fremdblütig, Nichtarier, Rassenpflege oder Überfremdung für Ausdrücke halten, die von den Nationalsozialisten geprägt worden sind. In Wirklichkeit können sie alle jedoch schon in der Kaiserzeit nachgewiesen werden, wo sie in den entsprechenden völkisch orientierten Kreisen verwendet wurden (vgl. ebd.: XVI). Und offensichtlich gibt es Wörter, die wir heute trotz ihrer historischen Belastung wieder verwenden, ohne an ihre Rolle im NS-Sprachgebrauch zu denken. Dies zeigt sich am berühmten Beispiel betreuen, das uns bereits im Wörterbuch des Unmenschen begegnet ist. Schmitz-Berning (ebd.: 89 ff.) stellt zunächst kurz die Wortgeschichte seit dem Mittelalter dar. Für die NS-Zeit stellt sie – in Übereinstimmung mit Klemperer – eine auffällige Frequenzsteigerung fest. Diese erklärt sie dadurch, „daß betreuen im hierarchisch durchorganisierten NS-Staat einheitliche Bezeichnung für die unterschiedlichen Formen der Beziehung zwischen ↑dem Führer, Führern und Geführten wurde. Die drei Grundtypen der Betreuung: fürsorgerische Betreuung, politische Betreuung, kulturelle Betreuung schlossen immer ↑weltanschauliche Schulung und ↑Ausrichtung ein.“ (Ebd.: 90) Für die heutige Zeit heißt es dann:

In der heutigen Sprache sind betreuen, Betreuung nahezu universell verwendbare Ausdrücke zur Bezeichnung von vorsorgender, pflegender, beratender, unterweisender, beaufsichtigender, verwaltender, steuernder, regelnder Tätigkeit von Einzelpersonen, häufiger noch von Organisationen und Behörden, in bezug auf Menschen, Tiere, Pflanzen, Verhaltensweisen, Sachen und Sachgebiete und gelten deshalb als Modewörter. (Ebd.: 93)

Universelle Verwendbarkeit und Ökonomie sind nach Schmitz-Berning also die wesentlichen Gründe dafür, dass betreuen dazu dient, „die unterschiedlichsten Formen der Zuwendung“ zu benennen, „ohne daß der Grad der möglicherweise mitgemeinten organisatorischen Regelung oder Bevormundung beschrieben werden muß […]“ (ebd.: 94). Von Interesse ist in diesem Zusammenhang, dass im BGB 1992 Entmündigung durch Betreuung ersetzt wurde, in der Hoffnung, das negativ konnotierte Wort Entmündigung durch ein „neutrales“ Wort zu ersetzen. In einem juristischen Kommentar hieß es dazu: „Es bleibt abzuwarten, wann die neuen termini ‚Betreuung‘ und ‚Einwilligungsvorbehalt‘ so weit in das allgemeine Bewußtsein gelangt sein werden, daß von ihnen die nämliche Negativwirkung ausgeht wie vom terminus Entmündigung.“ (Ebd.: 94) Dies mag als Beispiel dafür genügen, wie die neuere Forschung, wenn sie sich auf Einzelwörter bezieht, mit solchen Phänomenen umgeht. Der Unterschied zur moralisierenden Sprachkritik der Nachkriegsjahre dürfte deutlich geworden sein.

Das Werk von Schmitz-Berning und weitere neuere Untersuchungen brachten folgende, besonders charakteristische Sprachstrategien im Nationalsozialismus zutage (vgl. Stötzel/Wengeler 1995: 364 f.):

Aufgewertet wurden bestimmte Wörter bzw. die mit ihnen bezeichneten Verhaltensweisen: hart, fanatisch, blindlings. Abgewertet wurden dagegen: demokratisch/Demokratie, objektiv, intellektuell, individuell/Individualismus.

Als ausschließliche Selbstbezeichnungen beanspruchten die Nazis: Führer, Propaganda (vs. Greuelhetze), Reich, Parteigenosse, Parteikongreß. Als positive Hochfrequenzwörter galten: Volk, Rasse, Art, Blut, Raum, Arbeit, Leistung. Pejorisierungen wurden häufig durch die Wiederholung stereotyper Eigenschaftszuweisungen erreicht: Jude = gerissen, feige, plattfüßig, krummnasig etc. Menschen und Menschengruppen wurden undifferenziert in positiv und negativ eingeteilt durch die stereotype Wiederholung von dualistischen Paradigmen: arthaft, volkhaft, artfremd, blutsfremd, volksfremd, rassefremd, fremdblütig, fremdrassisch, Fremdvölker etc. Charakteristische Wortbildungsmittel waren Präfixe, die Verläufe und Verlaufsvollzüge bezeichnen: ent- (entjuden, entnorden), ver- (verjuden, vernegern) auf/ab- (-norden, -juden, -rassen). Der Konditionierung von Fremdenhass dienten Metaphern aus dem Bereich der Medizin oder Schädlingsbekämpfung. So wurde Geschlechtsverkehr zwischen sogenannten Ariern und Nicht-Ariern als Blutvergiftung metaphorisiert, Juden als Parasiten oder Schädlinge bezeichnet.

Die bereits erwähnte Studie von Maas aus dem Jahre 1984 trägt den Titel: „Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand. Sprache im Nationalsozialismus.“ Maas empfiehlt, die Texte des Nationalsozialismus als polyphone Texte zu lesen, die jeweils vor dem spezifischen gesellschaftlichen und historischen Hintergrund zu interpretieren sind. Damit soll einer Lesart vorgebeugt werden, die einer politischen Clique oben das verführte Volk unten gegenüberstellt. Der nationalsozialistische Diskurs wird so zu einer

Fähre, die die Menschen von ihren konkreten Erfahrungen, ihren Hoffnungen und Ängsten, aber auch ihrem opferbereiten Elan in die integrativen Organisationsformen des Machtapparates transportierte – und auf der anderen Seite, im gleichen Diskurs, den Terror inszenierte, der alle die traf, die sich der Integration verweigerten (Maas 1984: 11).

Wie funktionierte dies konkret? Ein kleines Beispiel kann dies gut verdeutlichen. Im Jahre 1937 wurde ein Aufruf des Reichsnährstandes verbreitet (vgl. Maas 1984: 21 ff.). Er lautete folgendermaßen:


Abb. 4: Aufruf des Reichsnährstandes (Maas 1984: 12)

Zur Sicherung der deutschen Brotversorgung:

Tauscht Roggen gegen Futtermittel!


Warum?Aller mahlfähiger Roggen dient der Brotversorgungund gehört nicht in den Futtertrog. Wer Brotgetreide verfüttert, begeht Landesverrat (Hermann Göring auf dem Reichsbauerntag 1936)
Was?Roggen wird getauscht gegen: Gerste, Mais, Maisfuttermehl; auf Wunsch gegen Kleie oder vollwertige Zuckerschnitzel.
Wie?Der Eintausch erfolgt schlicht um schlicht, d.h. für die gleiche Menge Roggen gibt es die gleiche Menge Futtermittel. Dabei werden Gerste und Mais zum Roggenerzeugerfestpreis, Kleie zum reinen Kleiefestpreis, Maisfuttermehl zum Preise von 7,50 RM pro Zentner und vollwertige Zuckerschnitzel zum Preise von 6,- RM pro Zentner sämtlich frei Eisenbahnempfangsstation geliefert.
Wann?Ab sofort.
Wer?Es muß jeder, der Roggen noch zur Verfügung hat, eintauschen. Er ist dazu jedoch erst berechtigt, wenn er sein Roggenablieferungssoll voll erfüllt hat.
Wo?Der Eintausch erfolgt durch Abschluß eines Erzeuger-Tauschvertrages mit Deinem gewohnten Verteiler (Händler oder Genossenschaft). Du mußt Dich an ihn wenden.Deine zuständige Kreisbauernschaft wird Dir die vollständige Erfüllung Deines Ablieferungssolls und damit Deine Berechtigung zum Eintausch an Hand der vorhandenen Unterlagen bescheinigen.
Bediene Dich also dieser Möglichkeit des Eintausches!
Du erfüllst damit Deine Pflicht gegenüber dem Volksganzen!

Wie kann dieser Text interpretiert werden? Maas plädiert für ein Vorgehen bei solchen Textanalysen, das jeweils vier bzw. fünf Schritte umfasst. Eine solche „Formalisierung des Vorgehens“ (ebd.: 17) sorge dafür, dass eine linguistische Analyse stattfinden könne, „statt nur assoziativ wertend zu denunzieren“ (ebd.). Die Schritte, die Maas zur Analyse vorschlägt, beziehen sich auf (vgl. ebd.: 18):

1. Inhalt/Gegenstand des Textes

2. Inszenierung des Inhalts (sprachliche Analyse)

3. Sinn der Inszenierung (Rückgriff auf den sozialgeschichtlichen Kontext)

4. Zusammenfassung der Analyse

5. Entwicklung konkurrierender Lesweisen (falls sich bei 4 Widersprüche ergeben haben).

Wendet man diese Schritte auf den zitierten Text an, so kommt man zu folgenden Ergebnissen (vgl. ebd.: 23 ff.):

1. Es geht um die Rationierungsmaßnahmen bei der Bewirtschaftung von Nahrungs- und Futtermitteln.

2. Interessant ist die spezielle Inszenierung dieses Textes: So können beispielsweise die meisten Attribuierungen weggelassen werden, ohne dass sich der Sinn des Textes ändert. Auf die Adressaten erfolgt ein persönlicher Zugriff: Es heißt nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, jeder muß – es ist zu tun, sondern: Dein gewohnter Verteiler, Du mußt Dich an ihn wenden. Es handelt sich also um die Umkehrung des sonst üblichen Ablaufs: Nicht der Staat erhebt Steuern, sondern der Bürger selbst muss aktiv werden. Diese Maßnahme gilt nicht ab einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft, sondern: ab sofort. Das heißt: Schon vor der Lektüre, nämlich bei Drucklegung, trat dieses Verfahren in Kraft. Wer immer den Aufruf liest, hätte schon vorher so handeln müssen. Mithin ist er auch schon schuldig geworden.

3. Diese spezielle sprachliche Inszenierung verweist auf eine weitere Botschaft, die man nur versteht, wenn man die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit mit berücksichtigt. Es herrschte ein traditionell feindliches Verhältnis zur Obrigkeit: Diese nimmt bzw. presst den Bauern etwas ab. Die Steuereinnehmer bezahlten dies nicht selten mit ihrem Leben. Die organischen Strukturen wie Familie, Dorf, die auch immer latente Widerstandsinseln gegen staatlichen Zugriff waren, sollten aufgelöst werden. Deshalb wird in diesem Aufruf das Individuum direkt angesprochen und persönlich verpflichtet. Dabei werden aber geschickt traditionelle Bezüge instrumentalisiert, etwa der gewohnte Verteiler. Weiterhin ist bemerkenswert, dass es im gesamten Text keine weltanschauliche Legitimation der Maßnahmen gibt, auch Hinweise auf die nationalsozialistische Ideologie sind hier nicht zu finden. Es gibt also keine Begründungen der Maßnahmen, lediglich wird das Verfahren ausführlich geschildert (Warum? Was? Wie? Wann? Wer? Wo? usw.).

4. Üblicherweise bedürfen solche staatlichen Maßnahmen einer Kontrolle. Eine solche ist für den hier angesprochenen Bereich (hauswirtschaftliche bäuerliche Betriebe, die nicht mit moderner Großlandwirtschaft zu vergleichen sind) nicht denkbar, weil die Zahl der Kontrolleure der der Kontrollierten entsprechen müsste. Eine effektive Kontrolle dieser Maßnahme wäre also gar nicht möglich gewesen.

5. Trotzdem wird ein Kontrollapparat angesprochen, der jedoch eine andere Qualität hat. Gefordert wird in diesem Text eine Selbstkontrolle: Jeder, der den neuen Staat will, trägt durch Selbstkontrolle seinen Teil dazu bei. Dabei ist diese Selbstkontrolle nicht auf das eigene, individuelle Handeln beschränkt. Denn jeder kann potenziell auch sein soziales Umfeld kontrollieren. Jeder muss also damit rechnen, von seinem Umfeld, z. B. Nachbarn, kontrolliert zu werden. Damit ist der Aufruf gleichzeitig ein Aufruf zur Denunziation. Da die Identifikation mit dem neuen Staat sich vor allem an die Jugend richtete, hatte man sozusagen in jedem Haushalt, in jedem Bauernhof die Kontrollinstanz vertreten. Und Denunziationen von Eltern durch die eigenen Kinder waren durchaus keine Seltenheit.

Zusammenfassend lässt sich zu diesem Text also sagen, dass sich hier der neue Staat inszeniert:

An der Oberfläche richtet sich die Inszenierung an die Parteigänger, die bereit sind, das Neue unter Opfern zu schaffen; die über ihre Identifikation aber auch als Kontrollinstanz für die andern fungieren. Das wird mit diesem Text auch der Masse der Indifferenten, der Verweigerer deutlich gemacht, die in Angst vor der Denunziation versetzt werden – und so vermittelt eben auch von der realen Vergesellschaftung erfaßt werden. (Maas 1984: 27)

Eine solche „polyphone“ Interpretation von Texten kann man – das sollte die Analyse deutlich gemacht haben – nur erreichen, wenn man den sozialgeschichtlichen Kontext in die Analyse mit einbezieht. Nur so kann das vereinfachende Schema „oben vs. unten“ umgangen werden.

Über die Analyse von Einzeltexten hinaus geht eine Studie von Heidrun Kämper, die sich mit dem Schulddiskurs in der frühen Nachkriegszeit beschäftigt.

Besonders interessant an diesem Werk ist, dass Kämper zwischen Texten von Opfern, Tätern und Nichttätern unterscheidet. Anhand derer arbeitet sie heraus, welche Charakteristika der Sprachgebrauch der einzelnen Gruppen aufweist, wenn sie über Schuld in der NS-Zeit reden. Bei den Opfern ist beispielsweise markant, dass sie Freiheit „als Begriff zur Bezeichnung des Gegenteils von Knechtschaft und Unterdrückung“ (Kämper 2005: 468) auffassen. In ihrem Diskurs spielen Erinnerungsorte (wie Lager, Appellplatz, Steinbruch) etc. eine große Rolle.13 Der Schulddiskurs der Täter hingegen hat eine rechtfertigende Grundtendenz (vgl. ebd.: 471). Vergangenheitsbezogene Äußerungen dienen der Selbstverteidigung und Schuldabwehr. Wörter wie ausrotten, Sonderbehandlung werden umgedeutet, die eigenen Taten marginalisiert und das eigene Denken und Wollen idealisiert (Glaube, Liebe, Hoffnung, Dienst, Pflicht) (vgl. ebd.). Der Diskurs der Nichttäter – damit sind Menschen gemeint, die sich vom Nationalsozialismus fernhalten konnten – kann dagegen am ehesten mit „analytisch-diagnostisch angelegten Reflexionen zur Schuld der Deutschen“ (ebd.: 473) umschrieben werden. Wichtige Vokabeln in diesem Zusammenhang sind beispielsweise Abendland, Demokratie, Kollektivschuld, -scham, Kultur, Wiedergutmachung.

Auf reges Interesse stießen seit jeher die rhetorischen Besonderheiten, die man in NS-Reden feststellen kann. Dass es allerdings so etwas wie eine spezielle NS-Rhetorik gegeben habe, lässt sich mit guten Gründen bezweifeln. Die Redecharakteristika lassen sich eher mit der in der Weimarer Zeit verbreiteten „allgemein übertriebenen, verwilderten Art des Redens in großen Freiräumen ohne bzw. mit noch primitiver Mikrophon- und Übertragungseinrichtung“ (von Polenz 1999: 553) erklären.

Als Beispiel für eine solch eine verwilderte Art des Redens kann eine Rede Hitlers vom 8. November 1940 stehen, aus der hier einige kurze Auszüge genügen sollen (Domarus 1965: 1606):

Und so, nachdem er das an sich nicht mehr bestreiten kann, hat sich dieser genialste Stratege, der bisher geboren wurde, auf den Luftkrieg gestürzt. Denn es ist schon eine geniale Idee von Mr. Churchill gewesen, ausgerechnet mit der Waffe, mit der England uns gegenüber am allerschwächsten ist, den Luftkrieg anzufangen. […] Man hat Bomben geworfen auf die Zivilbevölkerung in Westfalen. Und ich habe dann 14 Tage zugesehen und dachte mir: Der Mann ist wahnsinnig! […] Ich habe über drei Monate gewartet, und dann eines Tages allerdings gab ich nun den Befehl: So, ich nehme jetzt diesen Kampf auf, und ich nehme ihn auf mit der Entschlossenheit, mit der ich noch jeden Kampf aufnahm. Das heißt: jetzt Kampf bis zum letzten! Sie wollten es, sie sollen es haben! Sie wollten Deutschland durch den Luftkrieg vernichten. Ich werde ihnen jetzt zeigen, wer vernichtet wird! Das englische Volk, das ich nun bedaure, kann sich dafür bei seinem Generalverbrecher Churchill bedanken. […] Dieses Deutschland wird durch jede Bombe fanatischer. Seine Entschlußkraft wird nur noch stärker, es weiß vor allem: Mit diesem Unfug muß einmal für immer aufgeräumt werden. Und dazu sind wir entschlossen.

Möchte man NS-Reden linguistisch untersuchen, steht man heutzutage vor dem Problem, dass häufig nur die Manuskripte vorliegen, von denen die Redner möglicherweise abgewichen sind. Für die Massenwirksamkeit dieser Reden bzw. Redner dürften aber insbesondere auch parasprachliche Faktoren wie Intonation, Akzentuierung, Satzmelodie, Lautstärke etc. verantwortlich gewesen sein. Hinzu kommen Verhaltensmerkmale wie Mimik und Gestik des Redners. Nicht zu vergessen sind auch situative Faktoren, sozusagen das Setting dieser Reden: Sie fanden häufig an historischen Orten statt, die Rednertribüne wurde wie ein Altar hergerichtet, es gab quasi rituelle Begleithandlungen (z. B. militärische Aufmärsche) und eine genau durchchoreographierte Dramaturgie. Die Auftritte wurden so zu einem faschistischen Gemeinschaftserlebnis, in dem die Sprache möglicherweise nur eine untergeordnete Rolle spielte.

Vor diesem Hintergrund scheint es problematisch, solche Reden zu analysieren, indem man die angewandten sprachlichen Mittel lediglich auflistet.14 Eine solche „disparate Zusammenstellung […] erlaubt im Grund keinen Zugriff auf die nationalsozialistische Spezifik des Redens. Es handelt sich um Redemittel, die sich leicht in sehr vielen anderen älteren und neueren Reden auffinden lassen“ (Sauer 2003: 98). Stattdessen komme es darauf an, so fordert Sauer (ebd.: 109), den Untersuchungsansatz zu erweitern und die Analysen nicht auf einzelne Reden bzw. Redner einzuschränken. Vielversprechender sei es dagegen, die sprachlichen Verhältnisse insgesamt in den Blick zu nehmen:

Vereinfacht ausgedrückt, geht es um die Frage, was die Menschen davon hatten, dass sie sich eine Hitler-Rede anhörten oder sie in der Zeitung nachlasen (noch abgesehen davon, dass öfters auch die Zuhörer zum Zuhören verpflichtet waren) – und was das Regime davon hatte, dass es so aufwändige Veranstaltungen betrieb, bei denen eben den vielen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz nicht alle Faktoren zu kontrollieren waren. (Ebd.: 100)

Wichtig bei all diesen Beobachtungen bleibt, dass der Erfolg solcher Inszenierungen auf einer bestimmten Sprecher-Hörer-Konstellation beruht, in der es etwa dem Sprecher gelingt, „kollektiven Stimmungen eine Stimme zu geben und sie so aus ihrer quälenden Sprachlosigkeit zu erlösen“ (Kopperschmidt 2003c: 190). Dies betont auch von Polenz (1999: 548) in wünschenswerter Deutlichkeit, wenn er schreibt:

Unter politischem Sprachgebrauch ist nicht nur Propaganda und ‚Manipulation‘ von ‚oben‘ nach ‚unten‘ zu verstehen, sondern auch das Sprachverhalten der eine politische Richtung mittragenden Massen aufgrund sprachlicher und politischer Prädispositionen und Erwartungen.

Eine unabdingbare Voraussetzung für Redeerfolge ist also immer die Zustimmung eines Redepublikums (vgl. Kopperschmidt 2003b: 19). Dies muss man bei linguistischen Analysen von NS-Reden stets im Blick behalten.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass der Sprachgebrauch der Nationalsozialisten am besten „als Teil eines sprachgeschichtlichen Kontinuums“ (Braun 2007: 226) zu begreifen ist, denn weder der sprachliche Antisemitismus, die Sportmetaphorik oder auch die sakrale Ausdrucksweise noch militärische oder technische Metaphern sind neu im politischen Sprachgebrauch gewesen.15

2.4.3 Frühe Studien zur Sprache in der DDR und der BRD

Betrachtet man die Erforschung der Sprache in der DDR bzw. der sprachlichen Auswirkungen, die die Teilung Deutschlands mit sich brachte, so zeigt sich besonders deutlich, dass frühe politolinguistische Studien häufig mit entscheidenden methodischen Mängeln behaftet waren. So sieht man bei zahlreichen Studien zur Sprache der DDR, dass andere als linguistische Aspekte eine Rolle spielten. Manfred W. Hellmann, einer der exponiertesten Erforscher der DDR-Sprache, zählt insbesondere die folgenden Punkte auf (1980: 519 ff.).

1. Der nationale Aspekt

Es wurde zu einem nationalen Politikum, ob die deutsche Sprache überhaupt noch eine funktionstüchtige gemeinsame Sprache der BRD und der DDR war. Während zunächst von beiden Seiten die Einheit der deutschen Sprache betont wurde, kam es nach politisch brisanten Ereignissen wie z. B. dem Mauerbau 1961 von westlicher Seite zu dem Vorwurf, die DDR-Führung wolle nach der politischen auch eine sprachliche Spaltung herbeiführen. In der zweiten Hälfte der 60er Jahre waren die BRD-Forscher sich allerdings einig, dass die These von einer möglichen Sprachspaltung nicht zu halten sei. In der DDR hob man dagegen die Eigenständigkeit und Fortschrittlichkeit der eigenen sprachlichen Entwicklung hervor. In den 70er Jahren vertrat der Linguist Gottfried Lerchner dementsprechend die These von vier nationalsprachlichen Varianten des Deutschen. Gemeint sind hier also das Deutsch in der BRD, der Schweiz und Österreich sowie der DDR.16

2. Der politisch-ideologische Aspekt

Während DDR-Forscher immer wieder das Klassenkampfschema bemühten, übertrafen die BRD-Forscher sich teilweise in ihrer antikommunistischen Haltung. Dies führte dann unweigerlich zu gegenseitigen Manipulationsvorwürfen sowie zum (sinnlosen) Kampf um die „richtige“ Bedeutung von Wörtern.

3. Der gesellschaftsstrukturelle Aspekt

Teilweise wurde nicht berücksichtigt, dass unterschiedliche soziale Verhältnisse für Unterschiede im Sprachgebrauch verantwortlich sein können. Unterschiedliche Sprachgebräuche müssen also nicht zwangsläufig als Ausdruck unterschiedlicher Ideologien interpretiert werden. Insbesondere der Alltagssprachgebrauch der DDR-Bürger wurde kaum untersucht, vielmehr konzentrierte man sich auf den „offiziellen“ politisch-propagandistischen Sprachgebrauch. Hier waren die Unterschiede allerdings offensichtlich.

4. Der kommunikative Aspekt

Durchaus unterschiedlich ist die Frage nach der Verständigungsmöglichkeit zwischen DDR- und BRD-Bürgern beantwortet worden. Lerchner betonte Mitte der 70er Jahre die vorhandene Kommunikationsfähigkeit, während Dieckmann zunehmende Schwierigkeiten beschrieb. Allerdings ist nicht untersucht worden, inwieweit es tatsächlich ausschließlich oder hauptsächlich sprachliche Faktoren sind, die zu Kommunikationsschwierigkeiten führten. Denkbar sind auch biografische, soziale oder gruppenpsychologische Aspekte.

Bevor zur Illustration einzelne Beispiele herangezogen werden, soll zunächst noch einmal zusammenfassend die unterschiedliche Erforschung des sprachlichen Ost-West-Problems in der BRD und DDR betont werden. In der BRD folgte nach der ersten Phase, die eine (von der DDR forcierte) Sprachspaltung betonte, eine Phase, in der häufig der DDR-Sprachgebrauch als „abweichend“ (von einer nicht definierten Norm) dargestellt wurde. Teilweise fehlte diesen Arbeiten die empirische Grundlage und teilweise folgten sie deutlich politischpolemischen Intentionen. Burkhardt (2003a: 133) bezeichnet die Haltung, die solche Arbeiten kennzeichnet, zu Recht als „latent sprachimperialistisch“. Nach der bereits erwähnten Kritik von Dieckmann Mitte der 60er Jahre (vgl. oben S. 19) entstanden dann in der BRD fundiertere Arbeiten. Das Institut für deutsche Sprache (IdS) gründete in Bonn eine eigene Forschungsstelle, die fortan vergleichende empirische Studien zum Sprachgebrauch in der BRD und der DDR – gestützt auf Zeitungstexte aus beiden Staaten – durchführte. Eine dritte Phase lässt sich ab Ende der 70er Jahre ausmachen, in der das Interesse bundesdeutscher Sprachwissenschaftler an dieser Problematik mehr und mehr nachlässt. Lediglich die erwähnte Forschungsstelle des IdS blieb zunächst erhalten. Mit der Vereinigung von BRD und DDR im Jahre 1989 gab es dann noch einmal ein gesteigertes Interesse, das sich unter dem Stichwort „Sprache der Wende“ zusammenfassen lässt. Hierzu gibt es auch einige Veröffentlichungen, auf die zurückzukommen sein wird.

Die DDR-Forschung war größtenteils durch eine „gereizte Verteidigungshaltung“ (Hellmann 1980: 521) gekennzeichnet. Der DDR-Wortschatz sollte als fortschrittlich, der der BRD als manipulativ herausgestellt werden.

Wie lassen sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten von BRD- und DDR-Sprache herausarbeiten? Sie müssen auf jeden Fall empirisch erforscht werden. Und – das ist bereits angeklungen – insbesondere in der DDR gab es einen großen Unterschied zwischen offizieller und privater Sprache. Allerdings darf dieser Umstand nicht dazu führen, die DDR-Sprache als ein bloßes Partei-Idiom, als Sprache einer herrschenden Gruppe misszuverstehen. Denn die DDR-Bürger waren ja gezwungen, diese offizielle Sprache zu verstehen und je nach Situation (z. B. im Betrieb) auch zu verwenden. Deshalb ist man schließlich dazu übergegangen, bei DDR- und BRD-Deutsch von gleichwertigen Varianten einer Sprache auszugehen, die beide standardsprachliche Spezifika haben, aber auch durchaus eine gemeinsame Mitte. Ein grundsätzliches Forschungsproblem soll dabei bereits hier angesprochen werden: In der DDR war lediglich der öffentliche – und das heißt weitgehend kontrollierte und normierte – Sprachgebrauch erforschbar. Man hat sich hier meist auf die völlig unter Parteikontrolle stehende Presse bezogen. Der private, umgangssprachliche Sprachgebrauch war für West-Forscher prinzipiell unzugänglich. Zu unterscheiden im DDR-Sprachgebrauch waren drei Kommunikationsbereiche (v. Polenz 1999: 433):

– Öffentlicher Diskurs in allen staatlichen Institutionen (einschließlich Bildungswesen) und Massenmedien; stark normiert und ritualisiert, funktionell ähnlich distanzierend wie deutsche Standardsprache in der Schweiz und in Luxemburg.

– Halböffentlicher Diskurs in kirchlichen und oppositionellen Diskussionsgruppen, im kulturell-literarischen Bereich, auch gruppenintern in der SED, und privat; sprachkritisch, sprachspielerisch, ironisch, zunehmend regional orientiert.

– Privat-zwischenmenschlicher Diskurs im politikfernen Umgang in Familie, Nachbarschaft und Freundeskreis, gespeist aus der eigenen Erfahrungswelt, vom offiziellen Diskurs abgeschirmt […].

Bei den sprachlichen Unterschieden ist zu differenzieren zwischen Unterschieden in der Grammatik, der Lexik und Stilistik. Erstere hat sich als recht stabil erwiesen: Sowohl Syntax wie auch Morphologie sind im Wesentlichen gleich geblieben – es gab wenige marginale Unterschiede. Eine statistische Untersuchung an literarischen Texten hat hier keine Unterschiede aufzeigen können.

Sprachpfleger auf beiden Seiten haben der jeweils anderen Seite Bürokratenjargon, Amtsdeutsch bzw. Funktionärsdeutsch vorgeworfen. Diese Erscheinungen kennzeichneten die DDR-Presse allerdings wesentlich stärker als die BRD-Presse. Insbesondere formelhafte Wendungen wie sozialistische Menschengemeinschaft, brüderliche Kampfesgrüße etc. waren dort häufig anzutreffen (vgl. Hellmann 1980: 522). Diese Erscheinungen hängen sicherlich damit zusammen, dass die DDR-Presse ausnahmslos unter staatlicher Kontrolle stand. In einer Dokumentation des Gesamtdeutschen Instituts aus dem Jahre 1991 sind zahlreiche Beispiele für Zensur der DDR-Presse abgedruckt: Einerseits finden sich dort Hinweise auf Tabus, also auf Themenbereiche, über die aus politischen Gründen nicht berichtet werden durfte:

1. Keinerlei Veröffentlichungen zur Erprobung des ökonomischen Systems in der VVB Schiffsbau, im Kombinat Ruhla, im VEB Carl Zeiss Jena und über Betriebe, die Teile des ökonomischen Systems erproben […].

4. Keine Veröffentlichungen über die Bildung von Kombinaten (Agitationskommission). Als Begründung wurde angegeben, daß zunächst die Erfahrungen der bestehenden Kombinate gründlich ausgewertet werden sollen. […]

8. Keine Veröffentlichungen über die Inbetriebnahme des Düngemittelwerkes Schwedt. (Ministerium für Chemische Industrie – Werk ging verspätet in Betrieb, Anlagen z. T. us kapitalistischem Ausland sind weiterhin störanfällig.) (Gesamtdeutsches Institut 1991: 16 f.)

Andererseits gibt es sogenannte Argumentationshilfen, in denen den Chefredakteuren genau vorgegeben wurde, welche Themen auf welcher Seite der Zeitung zu veröffentlichen bzw. kommentieren waren:

Hinweise für die Zeitungen am 9. Oktober 1978

a) Militärparade an der Spitze der Zeitungen bringen, und zwar in folgender Weise: zunächst einen Bericht über die Militärparade, dann einen zweiten Bericht über Volksfest anhängen

b) Zweispaltig auf der Titelseite das Grußtelegramm der Sowjetunion veröffentlichen. An das Grußtelegramm schließt sich eine knappe Zusammenfassung über weitere ausländische Glückwunschtelegramme zum Nationalfeiertag an.

c) Die Rede auf dem Auszeichnungsakt am Freitag (4 Manuskriptseiten) in der Montag-Ausgabe veröffentlichen. (Ebd.)

Untersuchungen zur Stilistik in west- und ostdeutschen Zeitungen haben ebenfalls zu interessanten Ergebnissen geführt (vgl. v. Polenz 1999: 432 f.). Monika Fingerhut hat die Fußballberichterstattung in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG (FAZ) und in der LEIPZIGER VOLKSZEITUNG (LVZ) (1955–1985) vergleichend untersucht und kommt zu folgenden Ergebnissen (vgl. ebd.):

FAZ: Seit den 70er Jahren infolge der Radio- und TV-Konkurrenz mehr Kommentierung, Wertung, Unterhaltung – viel Kritik an Niederlagen, Trainern, Schiedsrichtern – emotionaler, kreativ-spielerischer, witziger Stil – viel Ironie und Metaphorik – viel Satzbauvarianz

LVZ: Medienbedingte Verschiebung schwächer und später; mehr Berichten über Ereignisverlauf (vs. mehr Kommentierung) – keine Kritik. Anerkennung von Leistung auch bei Niederlagen – trockener, formelhafter, archaisch-hochliterarischer Stil – kaum Ironie, wenig Metaphorik, beides bis in die 60er Jahre in Anführungszeichen – Satzbau und Interpunktion mehr traditionell und standardsprachlich.

Exemplarisch kann dies an der Beschreibung derselben Szene in der FAZ und der LVZ gezeigt werden. So liest man 1983 in der LVZ:

Wie aus dem Lehrbuch kam auch von Moldt jener die Abwehr um Österreichs Nationalspieler Pezzey entblößende Pass auf Richter, den der Lok-Mittelstürmer zum goldenen Tor im wahrsten Sinne des Wortes verwandelte. (LVZ Nr. 247/1983, S. 7; zit. nach Fingerhut 1991: 169)

Dieselbe Szene wird in der FAZ weniger ungelenk und mit ironischem Einschlag beschrieben:

Doch den Führungstreffer erzielt in der 35. Minute Lokomotive Leipzig. Hans Richter, ein bulliger, wuchtiger Stürmer (…) lief durch eine Gasse, die Pezzey und Gruber freundlicherweise für ihn offen hielten, und plazierte den Ball ins Tor. (FAZ Nr. 244/1983, S. 23; zit. nach Fingerhut 1991: 169)

Zusammenfassend schreibt Fingerhut (1991: 170) in ihrer kurz nach dem Mauerfall erschienenen Dissertation:

Der Sportjournalismus der Presse hat sich in der Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten wesentlich gewandelt. Die immer stärker werdende Konkurrenz auf dem Mediensektor – Hörfunk, Fernsehen – brachte die Tagespresse in Zugzwang. Diese reagierte entsprechend und verzichtete weitgehend auf eine ausführliche Berichterstattung des Spielverlaufs. Stattdessen gestaltete sie die Berichte im Laufe der Jahrzehnte immer mehr ‚analytisch‘. Hintergrundgeschichten, Zitate und Wertungen des Reporters, die mitunter witzig und originell realisiert werden, sind Belege für das Bemühen nach mehr Informationsvermittlung und Unterhaltung.

In der DDR hat die Einflußnahme der Medien noch nicht die Auswirkungen, wie sie sich in der Bundesrepublik zeigen. Zwar gibt es auch hier Ansätze (z. B. Zitate), die eine Änderung der Gestaltungsweise andeuten, dennoch ist der Ereignisverlauf das dominierende Element.

Inhaltlich – das zeigt ebenfalls die bereits angesprochene Dokumentation des Gesamtdeutschen Instituts – ist die öffentliche (und damit gleichzeitig offizielle) Sprache der DDR durch einen permanenten Klassenkampf gekennzeichnet. Dieser äußert sich in ständigem Eigenlob, gepaart mit massiver Polemik gegen den politischen Gegner, das kapitalistische System. Gerade diese Kombination ist charakteristisch für den offiziellen DDR-Sprachgebrauch.

Der Wortschatz hat sich in der BRD und der DDR teilweise unterschiedlich entwickelt. Am wenigsten betroffen ist hier der Alltagswortschatz wie auch der historisch orientierte Bildungswortschatz. Folgende Phänomene kann man unterscheiden (vgl. Hellmann 1980: 523 ff.):

A) Ausgehend von der Ausdrucksseite

Wörter, bei denen Bezeichnetes und Bezeichnendes nur einer Seite (BRD oder DDR) zuzuordnen sind: Staatskammer, Volkskammer, VEB vs. Bundesregierung, Bundestag, AG. Dies betrifft häufig auch spezifische Wendungen, die teilweise nur kurzzeitig in Gebrauch waren: friedliche Koexistenz, wissenschaftlich-technische Revolution vs. europäische Integration, atlantische Partnerschaft.

Weiterhin gibt es homonyme Wörter, bei denen die Bezeichnung gleich lautet, das Bezeichnete jedoch mehr oder minder unterschiedlich war: APO: ‚Abteilungs-Partei-Organisation‘ vs. ‚Außerparlamentarische Opposition‘.

Schließlich sind Wörter zu nennen, bei denen jeweils eine von mehreren Bedeutungen dominiert: Kommission: ‚Gremium mit autoritativer (Kontroll- oder Leitungs-)Kompetenz‘ vs. ‚Gremium mit beratender Kompetenz‘ oder Kurs: ‚politische Richtung‘ vs. ‚Börsenkurs‘.

Ebenfalls auffällig sind unterschiedliche Frequenzen von Wörtern gleicher Bezeichnung und Bedeutung (DDR): friedliebend, sozialistisch, umfassend, allseitig, Massen; (BRD): freiheitlich, Partnerschaft, Markt, Preis, dynamisch.

B) Ausgehend von der Inhaltsseite

Wörter, die bei gleichem oder ähnlichem Denotat in der BRD und der DDR unterschiedliche Bezeichnungen hatten: Plastik/Plaste, Personalchef/Kaderleiter, Arbeitnehmer/Werktätiger.

Grundsätzlich betrifft die Wortschatzdifferenzierung zwischen BRD und DDR alle Lebensbereiche; besonders stark macht sich die Differenzierung aber in den Bereichen Ideologie/Politik/Propaganda, bei Bezeichnungen für Institutionen und Organisationen und bei wirtschaftlichen Zusammenhängen bemerkbar. Weiterhin gab es erhebliche Differenzierungen im Wortschatz des Erziehungs- bzw. Bildungswesens.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass von einer Sprachspaltung zwischen BRD und DDR nicht gesprochen werden kann, zumindest nicht in dem Sinne, dass eine Verständigung zwischen BRD- und DDR-Bürgern nicht möglich gewesen wäre. Allerdings war diese Verständigung nicht unbedingt problemlos möglich, sie bedurfte teilweise eines erhöhten metakommunikativen Aufwands. Andererseits gab es jedoch auch vielfache direkte Kontakte zwischen BRD- und DDR-Bürgern, insbesondere als Ergebnis der sogenannten Entspannungspolitik in den 60er und 70er Jahren. Weiterhin ist der Einfluss des Westfernsehens nicht zu unterschätzen: Über 80% der DDR-Bürger schauten Westfernsehen. Wenn dieses auch lediglich eine medial vermittelte Wirklichkeit präsentierte, waren die DDR-Bürger über die Verhältnisse und den BRD-Sprachgebrauch besser informiert als umgekehrt. Im Jahre 1990, also kurz nach der Vereinigung von BRD und DDR, stellte Hellmann (1990: 268) resümierend fest:

Es gibt e i n e deutsche Sprache, bezogen auf das grammatische System, die Regeln der Wortbildung, den Grundwortschatz und eine Reihe stilistischer Normen; es gibt aber auch erhebliche Besonderheiten im Wortschatz und im Gebrauch, teilweise auch in den Stilnormen, besonders im öffentlichen Sprachgebrauch.

Dabei dürfte es nicht unbedingt in erster Linie der Wortschatz gewesen sein, der für Kommunikationsschwierigkeiten sorgte. Denn derartige Unterschiede konnte man ja bei privaten Kontakten relativ leicht durch Nachfragen und/oder Vermeiden umgehen. So war es allgemein bekannt, dass Wörter wie Brigade, Broiler, Datsche, Intershop, Kader, Kollektiv typische DDR-Wörter waren, an denen DDR-Bürger eindeutig zu erkennen waren (vgl. von Polenz 1999: 431). Besonders deutlich werden die sprachlichen Unterschiede in ihrer ganzen Tragweite aber erst, wenn man sich alltagsweltliche Sachbereiche anschaut. Am Beispiel des Wohnungsmarktes hat von Polenz dies einmal dargestellt (ebd.: 431 f.):

Im Westen mußte man bei der Wohnungssuche von Eigenbedarf, Kündigung, Makler, Mieterhöhung, Mieterschutz, Mietvorauszahlung, Nebenkosten, rausklagen, Sozialamt, Sozialwohnung, Vermieter, Wohngeldantrag, Wohnungsmarkt, usw. sprechen. Im Osten hatte man es dagegen mit Bedarfsträger, Bevorrechtigung, Feierabendbrigade, Hausgemeinschaft, nichterfaßtes Zimmer, einen Mieter umsetzen, Vergabeplan, Wohnraumlenkung, Wohnungsamt, -antrag, -beauftragter-, -kommission, -tausch, Zuweisung, usw. zu tun; und für all dies gab es in dem jeweils anderen deutschen Staat keine direkten Entsprechungen […], und Altbauwohnung hatte in der DDR eine höchst pejorative Bedeutung.

Inwieweit es heute noch sprachliche Unterschiede zwischen Ost und West gibt, ist nicht ausreichend erforscht.17 Allerdings hat es insbesondere zur sogenannten Wendezeit, also 1989/90, Untersuchungen zum öffentlichen Sprachgebrauch gegeben, die die spezielle sprachliche Situation zur Zeit der Vereinigung von BRD und DDR untersucht haben (vgl. Herberg/Steffens/Tellenbach 1997). Zweifelsohne lässt sich jedoch feststellen, dass diese Vereinigung auch längerfristige sprachliche Konsequenzen hatte:

Das sogenannte offizielle Sprachregister, das die öffentliche Kommunikation [in der DDR, Th.N.] maßgeblich bestimmt hatte, ist binnen weniger Monate bis auf wenige Rudimente bedeutungslos geworden und nur noch sprachhistorisch interessant. […] So sind ganze Teilbereiche des vormals DDR-typischen Wortschatzes gemeinsam mit der SED und dem administrativ-sozialistischen System untergegangen. In anderen Bereichen ist es zu Umbenennungen gekommen, wobei häufig vormals DDR-typische Lexeme durch in der alten BRD geltende ersetzt wurden. Schließlich hat die Adaption der bundesdeutschen Gesellschaftsordnung durch die ehemalige DDR einen Prozeß der Wortwanderung von West nach Ost ausgelöst. (Bauer 1993: 145, 156)

Hellmann stellt in seinem jüngsten Forschungsüberblick fest, dass die „Kommunikation zwischen Ost- und Westbürgern […] in den ersten Jahren nach der friedlichen Revolution desaströs [misslang]“ (Hellmann 2011: 69). Dieses Problem dürfte sich nach Hellmanns Auffassung jedoch mit den nachwachsenden Generationen in Ost und West von selbst erledigen.

Auch die frühen Studien zur Sprache in der BRD und der DDR entsprechen nicht den Standards der deskriptiven Linguistik. Erst mit neueren Forschungen ist es gelungen, die Defizite der früheren Arbeiten auszugleichen.

2.4.4 Semantische Kämpfe

Vor allem in den 70er Jahren wurde eine intensive Diskussion über manipulative Tendenzen im politischen Sprachgebrauch geführt. Man kann sie gut anhand einiger Sammelbände nachvollziehen, die in dieser Zeit erschienen sind. Diese Sammelbände sind deshalb auch heute noch interessant, weil sich hier in prototypischer Manier „Rechte“ und „Linke“ gegenseitig Manipulationen vorwerfen. Hier können nicht alle Aufsätze aus diesen Werken ausführlich vorgestellt werden. Stattdessen sollen einige Passagen herausgegriffen werden, um zu verdeutlichen, dass es wiederkehrende Muster gibt, die sich durch solche Sprachauseinandersetzungen ziehen.

Zunächst zu erwähnen ist ein von Kaltenbrunner (1975) herausgegebener Sammelband mit dem Titel „Sprache und Herrschaft. Die umfunktionierten Wörter“. Allein daran, dass ein Aufsatz darin mit dem Titel „Rote Semantik“ überschrieben ist, während ein anderer „für einen erneuerten Begriff der Autorität“ wirbt, ist zu erkennen, aus welcher politischen Richtung die Autoren argumentieren.

Im Aufsatz von Helmut Kuhn mit der Überschrift, „Despotie der Wörter“ heißt es gleich zu Anfang:

Worte sind dazu da, Dinge zu bezeichnen. Sie sollen sagen, was ist; und sofern ihnen das gelingt, sagen sie die Wahrheit. (Kuhn 1975: 11)

Hier findet sich bereits ein typisches Argument, das nicht nur in politischen Diskussionen häufig instrumentalisiert wird. Für Linguisten ist hingegen klar, dass Wörter eben nicht eine feste Bedeutung haben und dass es erst recht keine Einszu-eins-Beziehung zwischen Wörtern und Dingen gibt. Aber genau dies suggeriert das Zitat, nämlich dass Wörter dazu da seien, Informationen zu transportieren und nicht mehr („Sie sollen sagen, was ist.“) Das ist, wie wir inzwischen wissen, auf die Darstellungsfunktion von Wörtern reduziert und kaum mit unserer Sprachrealität, mit der Polyfunktionalität unserer Sprache in Einklang zu bringen. Aber natürlich hat solch eine beschränkte Sprachauffassung einen entscheidenden strategischen Vorteil: Wenn man der Meinung ist, dass die Bedeutung von Wörtern eindeutig festgelegt ist und dass es eine feste Beziehung zwischen Wörtern und Dingen gibt, dann gibt man meist im gleichen Atemzug vor, die Bedeutung der Wörter auch zu kennen. Und abweichender Sprachgebrauch wird dann meist zum „falschen“ Sprachgebrauch, den man seinem (politischen) Gegner sehr gerne vorwirft. Implizit drückt dieses Zitat auch aus, dass Wörter lügen können – das ergibt sich daraus, dass sie unter bestimmten Voraussetzungen vermeintlich die Wahrheit sagen. Auch das ist ein beliebter Topos in der politischen Sprachkritik: Wörter lügen. Hier wird – um es linguistisch auszudrücken – eine Ecke des semiotischen Dreiecks vollkommen ausgeblendet, nämlich der Zeichenbenutzer.

Wir finden in diesem Band ein weiteres gern genutztes Argument im Sprachkampf, nämlich das etymologische: Man stellt fest, dass ein Begriff eine lange Tradition hat, meist kommt er aus dem Griechischen oder Lateinischen, und dann legt man die „ursprüngliche“ Bedeutung dieses Begriffes als die „eigentliche“, die „richtige“ Bedeutung fest. Ein Beispiel ist das Wort Emanzipation, das seinerzeit überaus umstritten war und auf konservative Zeitgenossen geradezu wie ein rotes Tuch wirkte:

Emanzipation. Vielen klingt das Wort „Emanzipation“ wie ein Fanal; wie ein Fanfarenstoß zur Befreiung von jedem Zwang. Andere sehen eine lange Entwicklung und einen steilen Weg zur Gleichheit vor sich. Sie sprechen von „emanzipatorischem Prozeß“ und meinen im Ringen um den sozialen Fortschritt mit der „Emanzipation“ eine dialektische Vielzweckwaffe in Händen zu halten. Am Anfang stand, nach dem römischen Recht, die Entlassung eines Familienmitgliedes aus dem manicipium, der väterlichen Gewalt. Die Bedeutung: „Befreiung aus der Abhängigkeit“ blieb auch in den folgenden Jahrhunderten gültig […]. Bei dem häufig ungenauen Begriff der Emanzipation wird in der politischen Diskussion vielfach übersehen, daß Karl Marx zwischen einer politischen Emanzipation und einer menschlichen Emanzipation unterschied. Die politische Emanzipation blieb auf bürgerliche Revolutionen zur Herstellung demokratischer Verhältnisse beschränkt. Die menschliche Emanzipation soll dagegen die arbeitenden Klassen von allen Zwängen befreien. […] Beim heutigen, meist willkürlichen Gebrauch der Worte „gesellschaftliche Emanzipation“ und „emanzipatorischer Prozeß“ wird die abgegrenzte Definition von Marx ebenso großzügig verwischt wie zahlreiche andere Begriffe. Die bequeme Diskussion mit Schlagworten verbietet deren historische und sprachliche Anatomie, weil sonst die Streuwirkung eines Begriffes eingeengt und die Faszination, die von ihm ausgehen kann, immer wieder geschmälert würde. (Roegele 1976: 71 ff.)

Eine linguistische Beurteilung dieser Argumentation müsste darauf abheben, dass hier der Sprachgebrauch einer ganz bestimmten Zeit absolut gesetzt und für unveränderbar erklärt wird. Diese Art der pseudolinguistischen Argumentation findet sich recht häufig, wenn jemand seinen eigenen Standpunkt durchsetzen möchte. Er kramt dann sozusagen in seiner klassischen Bildung, findet eine „ursprüngliche“ Bedeutung des Wortes und erklärt alle anderen Bedeutungen schlichtweg für falsch (vgl. dazu unten Kap. 3.1.6.). Als Linguist kann man dazu sagen: Solche Erklärungen zeichnen sich zunächst durch ihre Normativität aus. Mit Ludwig Wittgenstein könnte man dagegenhalten, dass die Bedeutung eines Wortes aber sein Gebrauch in der Sprache ist. Dieser Gebrauch ändert sich offensichtlich, so auch die Bedeutung von Wörtern. Oder kürzer gefasst: Derartige etymologische Erklärungen verkennen bzw. blenden aus, dass es Sprachwandel gibt, immer gegeben hat und dass eben dieser Sprachwandel ein notwendiger Bestandteil gesprochener Sprachen ist. Wenn man heutzutage also das Wort Alternative anders verwendet als es die humanistisch Gebildeten gelernt haben, dann hat sich die Bedeutung dieses Wortes geändert. Deshalb erscheint die Formulierung Es gibt noch eine andere Alternative zahlreichen Sprechern als unproblematisch, auch wenn Alternative „ursprünglich“ ‚die andere von zwei Möglichkeiten‘ bedeutete. Entsprechendes gilt für das Wort renovieren (lat. erneuern), das manche Sprecher mit dem Wort neu kombinieren, obwohl der Bedeutungsbestandteil ‚neu‘ bereits in ihm enthalten ist. Auch hier ist ein Sprach- bzw. Bedeutungswandel zu beobachten.

Auch Hans Maier (1975) beschäftigt sich in seinem Aufsatz „Können Begriffe die Gesellschaft verändern?“ u. a. mit dem Begriff Emanzipation:

Es [das Wort Emanzipation, Th.N.] hat, lange Zeit ein fast historisch gewordener Begriff, in den letzten Jahren eine Aktualisierung und Verbreitung gewonnen, die ganz ungewöhnlich ist. […] Worauf zielt dieser Anspruch? Es scheint mir wichtig festzuhalten, daß er nicht oder doch nicht in erster Linie Freisetzung (einer Person, einer Gruppe) zu etwas meint, sondern ausschließlich den Vorgang des Sich-Befreiens (von Institutionen, Verhaltensweisen, sozialen Zwängen) umschreibt. Dies mit einem pathetischen Akzent, als läge Freiheit wesentlich im Sich-Befreien. Der Freiheitsbegriff wird also negatorisch verengt. […] Damit aber erhält der Begriff einen anderen historisch-politischen Richtungssinn als in seiner Ursprungszeit. (Maier 1975: 62 f.)

Deutlich wird, dass Maier nicht so naiv vorgeht, wie dies teilweise bei politischen Diskussionen zu erleben ist. Er meint vielmehr eine Strategie in der Verwendung solch „alter“ Begriffe zu erkennen:

Ich wähle dazu Begriffe, die – liberaler Tradition entstammend – im Zusammenhang der neuen politischen Sprache einen veränderten Sinn erhalten haben, jedoch im Bewußtsein vieler, die sie verwenden, noch in der alten Wortbedeutung gegenwärtig sind – was sie zu geeigneten Objekten einer politisch-semantischen „Doppelstrategie“ macht. (Meier 1975: 62)

Dies scheint eine realistische Umschreibung zu sein, wenn man bei der Verwendung politischer Vokabeln eine Strategie vermuten möchte.

Ein weiterer wichtiger Aufsatz aus diesem Sammelband stammt von Hermann Lübbe und trägt den Titel „Der Streit um Worte“. Hier wird in selten klarer Weise (Lübbe war lange Zeit Professor für Philosophie in Bochum und Zürich) dargetan, dass das Wehgeschrei über die politische Sprache nichts mit der Realität zu tun habe. Man dürfe politischen Sprachgebrauch nicht mit wissenschaftlichem Sprachgebrauch gleichsetzen. Nur in der Wissenschaft (und das sei ein Sonderfall) gehe es primär um Informationen und nicht um weitere Zwecke. In der Politik gehe es aber um anzustrebende Veränderungen, und deshalb hätten für die Sprache in der Politik auch andere Maßstäbe zu gelten, z. B. solche wie in der antiken Rhetorik. Deshalb sei es geradezu erforderlich, dass man sich in der politischen Auseinandersetzung auch um Worte streite:

Politik ist nicht zuletzt die Kunst, im Medium der Öffentlichkeit Zustimmungsbereitschaften zu erzeugen. Dabei muß man sich der Worte bedienen, die den Angesprochenen vertrauterweise verbal repräsentieren, was ihnen teuer ist. Diese Worte nicht zu verwenden, weil sie, in anderem politischen Richtungssinn, auch schon der Gegner verwendet, hieße den verwirrenden Anschein erzeugen, man habe diesem Gegner einen Alleinvertretungsanspruch bezüglich der hohen Zwecke eingeräumt, die in jenen Worte Parole sind. […] So gehorcht es also zwingender politischer Logik, dass man sich, auf weltpolitischer Bühne, wechselseitig die Legitimität des Anspruchs auf den Gebrauch zentraler politischer Vokabeln streitig macht. (Lübbe 1975: 107 f.)

Es zeigt sich mithin, dass die Diskussion um das „Begriffe besetzen“ (vgl. dazu Kap. 3.1.6) ein Streit um Wörter ist. Man konstatiert, dass der jeweilige politische Gegner die falschen Wörter benutzt oder aber die richtigen Wörter in der falschen Bedeutung und auf diese Weise die Öffentlichkeit hinters Licht führt. Man selbst ist ausschließlich der Wahrheit verpflichtet und bringt deshalb geeignetere Vokabeln ins Gespräch, um der Wahrheit wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. Dieses Argumentationsmuster ist auch heute noch allerorten zu finden, und wir werden ausführlich auf weitere Beispiele zu sprechen kommen.

Das Gegenstück zu dem hier anhand von einigen Zitaten vorgestellten Sammelband stammt aus dem Jahre 1976 und wurde von Iring Fetscher und Horst-Eberhard Richter herausgegeben. Sein Titel lautet „Worte machen keine Politik. Beiträge zu einem Kampf um politische Begriffe.“ Hier finden sich einerseits direkte Antworten auf die Beiträge des Kaltenbrunner-Bandes (z. B. Hubert Ivo zu Hans Maier), es finden sich Analysen zum Semantik-Programm der CDU (Eduard Heußen: Sprache als Kampfmittel, S. 47 ff.), und es findet sich Kritik an der Kritik „linker Sprache“ (Iring Fetscher: Was ist schlecht an der „Leistungsgesellschaft“?, S. 60 ff.). Weiterhin gibt es Studien zu einzelnen Begriffen (z. B. Ulrich Wickert über Freiheit). Die Beiträge können hier nicht im Einzelnen vorgestellt werden, sind aber die Lektüre auch heute noch wert.

Schließlich erwähnenswert ist ein von Martin von Greiffenhagen herausgegebener Band. Man könnte den Inhalt dieses Bandes damit umschreiben, dass hier ein Platz für den Kampf um Wörter geschaffen wurde. Denn zu fast jedem der behandelten Stichwörter finden sich zwei oder drei Autoren aus entgegengesetzten politischen Lagern. Das Stichwort Staatsbürokratie wird gar in drei offiziellen „Stellungnahmen“, nämlich der CDU, SPD und FDP abgehandelt. Dies ist die Konsequenz, die der Herausgeber Greiffenhagen, Politologe und seinerzeit Direktor des Instituts für Politische Wissenschaft der Universität Stuttgart, aus einer Erkenntnis zieht, die er folgendermaßen umschreibt:

Viele politische Wörter gelten in allen denkbaren politischen Systemen und meinen doch ganz verschiedenes. Aber auch innerhalb eines Staates gilt ein politischer Begriff verschiedenen politischen Gruppierungen verschiedenes. […] Der Kampf um Wörter erweist sich als Kampf um politische Vorstellungen und Strategien. Was das „richtige“ Verständnis von Demokratie ist, darum wird unter Kommunisten und Liberalen, Technokraten und Befürwortern einer Räteverfassung gestritten. In diesem Streit trägt der etymologische Hinweis darauf, daß Demokratie Volksherrschaft bedeutet, nichts aus. (Greiffenhagen 1980: 31 f.)

Das ist der uns jetzt schon geläufige Hinweis darauf, dass eine etymologische Argumentation innerhalb einer konkreten Auseinandersetzung um das aktuelle Verständnis eines Wortes oft nur wenig hilfreich ist. Die Konsequenz, die Greiffenhagen daraus zieht, ist eine ähnliche wie sie auch Lübbe vertritt:

Man soll deshalb nicht versuchen, den Politiker sprachlich an die Leine zu legen. Dieser Punkt ist besonders für den Umgang mit diesem Bande wichtig. Sein Ziel ist nicht, den Politiker zu einem strikten Gebrauch politischer Begriffe anzuhalten, sondern den Bürger über die Unbestimmtheit politischer Begriffe, dazu über die jeweils vorliegende Art dieser Unbestimmtheit in Kenntnis zu setzen. (Ebd.: 32)

Dies kann natürlich am besten geschehen, indem man sich mit den verschiedenen politischen Positionen und ihren unterschiedlichen Begriffsverwendungen auseinandersetzt – oder mit den Worten Greiffenhagens:

Ohne Achtung des politischen Gegners gibt es keine Demokratie. Zur Achtung aber gehört die Kenntnis der gegnerischen Position, ihrer Voraussetzungen und Bedingungen. Diese Kenntnis will das Buch verbessern helfen. (Ebd.: 37)

Wir finden deshalb in diesem Band Wörter wie Chancengleichheit, Demokratisierung, demokratischer Sozialismus, Emanzipation oder Leistung, Radikalismus/Extremismus und Sozialstaat aus verschiedenen Positionen beleuchtet. Die Verfasser machen ihre Position deutlich und akzentuieren ihr Verständnis des jeweiligen Begriffs. Erst bei der synoptischen Analyse werden dann die Unterschiede deutlich. Im Kapitel zur Familienpolitik lesen wir beispielsweise eine programmatische Aussage der CDU. Sie stammt aus dem Grundsatzprogramm der CDU aus dem Jahre 1978:

Unsere Familienpolitik geht von der Ehe als einer Gemeinschaft aus, die auf Lebenszeit und Partnerschaft angelegt ist. […] Jedes Kind hat ein Recht auf seine Familie, auf persönliche Zuwendung, Begleitung und Liebe der Eltern […]. Diese Zuwendung kann den Kindern meist nur dadurch gegeben werden, daß die Mutter in den ersten Lebensjahren ihres Kindes auf die Ausübung eines Erwerbsberufes verzichtet. (Ebd.: 187)

Die thematisch entsprechenden Passagen bei der FDP lauten nun:

Als Familie gelten dabei einer oder mehrere Sorgeberechtigte mit einem oder mehreren Kindern. […] Früher galt es als höchste Bestimmung der Frau zu heiraten und Kinder zu haben […]. In der heutigen Gesellschaft finden sich diese Vorstellungen weitgehend nicht mehr wieder. Die gleichberechtigte Integration der Frau und Mutter in die Berufswelt ist ein wesentliches Ziel gesellschaftspolitischer Bemühungen; […] schließlich wird die Vorbestimmung der Frau für die Versorgung von Haushalt und Kindern immer weniger akzeptiert. (Ebd.: 192 ff.)

Und in der Stellungnahme der SPD heißt es ebenfalls recht deutlich:

Sozialdemokraten wollen der Familie keine festen Leitbilder vorgeben. Sozialdemokratische Familienpolitik ist offen für neue Formen partnerschaftlicher Lebensgestaltung. Ein besonderes Anliegen ist es, alleinerziehende Mütter und Väter mit Kindern vor Benachteiligung zu schützen und ihnen bei ihren besonderen Problemen zu helfen. […] Sozialdemokraten bejahen den Anspruch der Frau und des Mannes auf Selbstverwirklichung in der Familie und im Berufsleben. Auch die Frau hat das Recht auf bestmögliche Ausbildung und auf Erwerbstätigkeit. […] Eine vordringliche Aufgabe besteht darin, durch geeignete gesellschaftliche Hilfen Kindererziehung und Beruf vereinbar zu machen. (Ebd.: 203 f.)

Anhand der zentralen Vokabeln und Aussagen, die in diesen Texten verwendet werden, lässt sich die unterschiedliche Akzentuierung, die die Parteien der Familienpolitik zu geben versuchen, sichtbar machen:


CDU FDP SPD
Ehe als Gemeinschaft ein oder mehrere Sorgeberechtigte(r) neue Formen partnerschaftlicher Lebensgestaltung
auf Lebenszeit und Partnerschaft angelegt gleichberechtigte Integration (von Frauen u. Müttern) in die Berufswelt alleinerziehende Mütter und Väter mit Kindern vor Benachteiligung schützen
Recht des Kindes auf Zuwendung, Begleitung, Liebe der Eltern durch geeignete gesellschaftliche Hilfen Kindererziehung und Beruf vereinbar machen
Verzicht (der Mutter) auf Ausübung eines Erwerbsberufs Vorbestimmung der Frau für Versorgung und Haushalt immer weniger akzeptiert Anspruch der Frau und des Mannes auf Selbstverwirklichung in der Familie und im Berufsleben

Tab. 1: Unterschiedliche Akzentuierungen des Familien-Begriffs

Dieses Beispiel mag ausreichen, um das Prinzip des Bandes zu verdeutlichen. Er stellt mithin nicht einfach einen weiteren Beitrag in der Disziplin des Begriffe-Besetzens dar, sondern kann eher als die Zur-Verfügung-Stellung eines Kampfplatzes im Dienste der politischen Aufklärung angesehen werden.

Die hier nur kurz skizzierten politisch motivierten Auseinandersetzungen fanden ihren Niederschlag auch in der Politolinguistik. Das vom damaligen Generalsekretär der CDU, Kurt Biedenkopf, als Begriffsbesetzung bezeichnete Verfahren wurde von Linguisten aufgegriffen und linguistisch präzisiert. Dies geschah zunächst in zwei Sammelbänden (Klein 1989a und Liedtke/Wengeler/Böke 1991), in denen einerseits die strategische Komponente politischen Sprachgebrauchs herausgearbeitet wurde, andererseits das Konzept des Begriffe-Besetzens linguistisch handhabbar gemacht wurde.18 Ohne Übertreibung kann man sagen, dass in diesen beiden Bänden politolinguistische Grundlagenarbeit geleistet wurde, die bis heute Geltung beanspruchen kann. Dies dürfte auch daran liegen, „dass der Streit um Worte […] eine genuin demokratische Angelegenheit ist“ (Wengeler 2005: 191). Denn – so fährt Wengeler in seiner kurzen Geschichte des Begriffe-Besetzens (ebd.) fort – „nur wo heterogener Sprachgebrauch zwischen konkurrierenden politischen Gruppen erkennbar ist, gibt es eine Auseinandersetzung um und keine diktatorische Festsetzung von Wirklichkeitssichten, Deutungsmustern und ‚Wahrheiten‘“. Insofern dürfen wir – so kann man aus Sicht der Politolinguistik vielleicht formulieren – durchaus beruhigt sein, wenn in politischen Auseinandersetzungen weiterhin Begriffsbesetzungsversuche unternommen werden, der sogenannte Kampf um Wörter also unvermindert weitergeht.

2.4.5 Neuere Entwicklungen: Multimodale Analysen und (Online-)Diskurse

Da die Vermittlung und Inszenierung von Politik v.a. durch die Massenmedien erfolgt, hat sich die Politolinguistik zunehmend auch mit den audiovisuellen Medien und den sogenannten Neuen Medien beschäftigt.

Insbesondere die Berücksichtigung von Bildmaterial – etwa bei der Analyse von Parlamentsdebatten, Nachrichtensendungen oder Talkshows – machte zunehmend deutlich, dass eine Beschäftigung allein mit den sprachlichen Anteilen der Kommunikation defizitär ist. Vor diesem Hintergrund entstanden Studien, die sich intensiver mit dem Zusammenspiel von Bildern und Texten befassten. So hat Werner Holly bereits vor mehr als 20 Jahren auf die emotionale Kraft von Wahlwerbespots im Fernsehen hingewiesen. Diese seien aufgrund ihrer „medienspezifischen Möglichkeiten für den Prozeß der Emotionalisierung in der politischen Kommunikation besonders geeignet“ (Holly 1991: 272).

Dementsprechend hat sich die Politolinguistik auch immer wieder mit der Vermittlung von Politik im Fernsehen beschäftigt. Im Fokus der Analysen standen beispielsweise Fernsehdiskussionen (vgl. Holly/Kühn/Püschel 1986), Fernsehduelle (vgl. Bucher 2007, Burkart 1985, Niehr 2007b, Tänzler 2004) wie auch vorher schon die sogenannten Elefantenrunden (Klein 1990). Die immer wieder zu beobachtende Vermischung von Politik und Entertainment wurde teilweise beklagt – mit dem Buchtitel Politainment (Dörner 2001) wurde dafür auch gleich ein griffiges Kürzel erfunden. Gemeint ist damit eine Vermischung von Politik und Unterhaltung (Entertainment), die u. a. die Funktion hat, Politik in unterhaltender Weise zu vermitteln:

Das Politainment ist ein Instrument der Inszenierung und der unterhaltenden Vermittlung von Politik, und es hat als solches seinen Eigenwert. Der nämlich liegt, und hier ist auf den Feel-Good-Faktor zurückzukommen, auch darin, daß die Stimmung in der öffentlichen Diskussion wie in der Bevölkerung verbessert wird. (Dörner 2001: 70)

Eine solche Art der Politikvermittlung weckt die Befürchtung, dass der Primat des Politischen abgelöst werden könnte durch einen Primat der Medien und damit letztlich der Ökonomie:

Alle Einwände gegen die massenmediale Politikvermittlung, von der ‚Boulevardisierung‘ über die ‚Selbstreferentialität‘ bis zur ‚Entsprachlichung‘ kulminieren in der Sorge, die politischen Institutionen würden durch eine Herrschaft des Mediensystems (,Mediokratie‘) entmachtet, die ‚Eigenlogik‘ der Politik durch eine ‚Eigenlogik‘ der Medien kolonialisiert, die ihrerseits im Zuge einer zunehmenden Kommerzialisierung nach ökonomischen Prinzipien umgestaltet würden. (Habscheid/Klemm 2007: 5)

Dörner legt jedoch Wert auf die Feststellung, dass Politainment keineswegs ausschließlich dazu diene – wie man in kulturpessimistischer Attitüde annehmen könnte –, die Massen zu verdummen. Vielmehr diene es auch dazu, Politisches überhaupt auf die Agenda zu setzen und erfahrbar zu machen (vgl. Dörner 2001: 33 f.). Insofern erfülle Politainment eine durchaus legitime Funktion in der demokratisch verfassten Mediengesellschaft:

Natürlich lässt sich mit dem Feel-Good-Faktor auch Illusionspolitik betreiben und von realen Problemen oder Schwächen ablenken. […] es wäre eine grobe Verkürzung der politischen Realität, wenn man Symbolpolitik, Feel-Good-Faktor und „Cheerleading“ immer schon vorab mit negativen Vorzeichen versehen würde. (Dörner 2001: 72)

Aus Sicht der politischen Akteure scheinen die hier beschriebenen Entwicklungen des Politainments sowohl Chancen zu eröffnen wie auch Risiken zu bergen. Einerseits nämlich lassen sich Talkshowauftritte und TV-Diskussionen mit Holly/Kühn/Püschel (1986) als kostenlose Sendezeit für politische Werbung verstehen:

Je besser ein Akteur seine Natürlichkeit, Spontaneität und „Menschlichkeit“ zu inszenieren versteht, um so häufiger wird er im Forum der Talk-Show seine Bildschirmpräsenz sicherstellen, seine Popularität erhöhen und seine Statements unters Volk bringen können. Talkerprobte Politiker wie Gerhard Schröder, Heiner Geißler oder Gregor Gysi beherrschen dieses Instrumentarium bis zur Perfektion und wissen die Shows gezielt für den inner- wie den zwischenparteilichen Meinungskampf einzusetzen. Der gelungene, erfolgreiche Talk-Show-Auftritt von Politikern kann als Musterbeispiel für die symbiotische Struktur des modernen Politainment betrachtet werden. Die einen bekommen Medienpräsenz und somit Machtressourcen, die anderen steigern ihre Einschaltquoten und über die Marktanteile auch ihre Werbeeinnahmen. (Dörner 2001: 134 f.)

In solchen Sendungen wird demnach Politik konsequent personalisiert. Berücksichtigt man, dass eine relativ geringe Zahl prominenter Politiker immer wieder in Talkshows und Diskussionssendungen eingeladen wird,19 so wird offensichtlich, dass es hier weniger um die Vermittlung politischer Prozesse geht. Denn der Zuschauer will „politische Stars sehen […], keine komplizierten (Fach)-Themen“ (Holly/Kühn/Püschel 1986: 32). Für diese Stars bieten die entsprechenden Sendungen ein geeignetes Forum, um sich als menschlich und zugänglich zu präsentieren und dadurch Sympathiegewinne zu erzielen.

Ein deutliches Beispiel dafür lieferte die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, als sie im Mai 2008 in der Sendung Beckmann darüber berichtete, dass sie ihren demenzkranken Vater, Ernst Albrecht, in der Familie pflege:20 „Damit war es möglich, ein positives Image als Privatperson aufzubauen und gleichzeitig beim Publikum eine Legitimation für das Amtshandeln als Familienministerin einzuholen“ (Dörner/Vogt 2011: 204).

Diese Art der Personalisierung von Politik steht durchaus im Gegensatz zu der Tatsache, dass Politik immer komplexer wird und die Entscheidungsmöglichkeiten von Einzelpersonen immer mehr an Bedeutung verlieren (vgl. ebd.: 202). Vor diesem Hintergrund wird die Kritik des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert verständlich, die er im März 2011 gegenüber dem Spiegel äußerte:

Der Bundestagspräsident hat die „anschwellende Flut“ von Politik-Talkshows in der ARD scharf kritisiert. „Sie simulieren nur politische Debatten. In Wahrheit benutzen sie Politik zu Unterhaltungszwecken“, sagte er.

Inzwischen würden mehr Sendeminuten von Talkshows ausgestrahlt als der Parlamentsberichterstattung im Sonderkanal Phoenix eingeräumt werde. „Mich stört die Abstinenz bei authentischer und der Übereifer bei simulierter politischer Auseinandersetzung.“21

Das von Lammert kritisierte Phänomen – auch Talkshowisierung genannt (vgl. Dörner/Vogt 2011: 203) – birgt für die teilnehmenden Politiker jedoch andererseits auch Gefahren. Denn sie müssen stets damit rechnen, dass ihnen die Moderatoren die Bühne nicht allein überlassen. Schließlich kann es durchaus in deren Interesse liegen, sich durch hartnäckiges Nachfragen als kritische Journalisten zu profilieren. Mit diesem Anspruch tritt etwa Frank Plasberg in seiner Sendung hart aber fair an (vgl. Nieland 2011: 211 f.). Er wird auf der Internetseite seiner Sendung wie folgt vorgestellt:

Fragen ohne vorzuführen, nachhaken ohne zu verletzen – Talk auf Augenhöhe – so sieht Frank Plasberg seinen Arbeitsauftrag bei „hart aber fair“: „Jeder wird so lange Auskunft geben müssen, bis die Frage wirklich beantwortet ist“.22

Für die Zuschauer von Plasbergs Sendung klingt diese Ankündigung wie ein Versprechen: Der Moderator wird sich nicht mit Ausflüchten abspeisen lassen, sondern – sozusagen stellvertretend für die Zuschauer und Wähler – so lange nachhaken, bis er eine zufriedenstellende Antwort erhalten hat. Diese Ankündigung kann im Hinblick auf die These von Holly/Kühn/Püschel (1986) so verstanden werden, dass Politiker in Plasbergs Sendung keine kostenlose Werbezeit bekommen, sondern tatsächlich Rede und Antwort stehen müssen. Dementsprechend kann es kaum verwundern, dass die eingeladenen Politiker ein derartiges Sendungsformat durchaus mit gemischten Gefühlen sehen, laufen sie doch Gefahr, die Kommunikationskontrolle zu verlieren und vorgeführt zu werden (vgl. Nieland 2011: 212). Dass Auftritte in derartigen Talkshows nicht nur zum Imagegewinn beitragen, sondern auch den gegenteiligen Effekt bewirken können, musste beispielsweise die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin am 5. Mai 2010 erfahren, als sie sich bei der Frage danach, um welchen Betrag die Staatsverschuldung während der 75-minütigen Sendezeit gestiegen sei, dramatisch verschätzte. Während die anderen Gäste der Sendung mit ihren Schätzungen zwischen 15 und 25 Mio. Euro immerhin eine halbwegs realistische Größenordnung zugrunde legten (die richtige Antwort wäre 20 Mio. Euro gewesen), gab Koch-Mehrin 6.000 Euro als Schätzung ab. Dass das mediale Echo auf diese Fehleinschätzung desaströs ausfiel und gleichzeitig den negativen Effekt noch verstärkte, liegt in der Logik derartiger Medienangebote.23

Mit dem TV-Duell zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber im Wahlkampf des Jahres 2002 hat ein neues Element der Personalisierung Einzug in die bundesrepublikanischen Massenmedien gehalten, das inzwischen nicht mehr aus den Bundestagswahlkämpfen wegzudenken ist. Klein (2009: 1270) geht davon aus, dass TV-Duelle inzwischen „die Wahlrede vom Spitzenplatz der wichtigen W.[ahlkampf]-Genres verdrängt“ habe. So verfolgten das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Gerhard Schröder im Jahr 2005 bereits mehr als 20 Millionen Menschen, auch Menschen, die sonst an politischen Informationen kaum interessiert sind (vgl. Maurer 2011: 251).

In den USA haben TV-Duelle dagegen eine längere Tradition, bereits 1960 traten Nixon und Kennedy gegeneinander an. Wer aus solch einem Duell aufgrund welcher Phänomene als Sieger hervorgeht, ist dabei durchaus umstritten. So wird beispielsweise die These kolportiert, dass Richard Nixon das Fernsehduell gegen John F. Kennedy im Jahre 1960 verloren habe, weil er schlecht rasiert war und gegenüber dem blendend aussehenden Kennedy keine gute Figur machte.24 Nicht zuletzt deshalb wird vor solchen Veranstaltungen beispielsweise akribisch zwischen den Duellanten ausgehandelt, ob im Sitzen oder Stehen diskutiert wird, damit die Körpergröße nicht zum Vor- oder Nachteil wird. Ob derartige Äußerlichkeiten jedoch tatsächlich entscheidend sind, kann mit guten Gründen bezweifelt werden. Von großer Bedeutung ist dagegen die mediale Nach-Berichterstattung über derartige Medien-Events, in der meist intensiv über Gewinner und Verlierer und die jeweiligen Gründe für das Gewinnen und Verlieren debattiert wird. Diese Berichterstattung dürfte sich in der Einschätzung der Zuschauer ebenfalls niederschlagen. Bemerkenswert jedoch ist, dass die Medienberichterstattung nach dem TV-Duell von Schröder und Merkel die politischen Inhalte fast gar nicht zum Thema machte, sondern v.a. das Medienformat TV-Duell selbstreferentiell kommentierte (vgl. Niehr 2007b: 193 ff.).

Empirische Untersuchungen zur Wirkung von TV-Duellen betonen dagegen, dass die von den Duellanten vermittelten Inhalte sehr wohl für die Einschätzung der Zuschauer entscheidend seien:

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