Kitabı oku: «Barbaren am Rande des Nervenzusammenbruchs»

Yazı tipi:

Thomas Niggenaber

Barbaren

am Rande des

Nervenzusammenbruchs

Roman

Impressum

Texte: © 2021 Thomas Niggenaber

Umschlag: © 2021 Thomas Niggenaber

Verantwortlich

für den Inhalt: Thomas Niggenaber

Stockumer Str.12

44225 Dortmund

Druck: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

1

Erst nach vielen Stunden brachialer Gewalt fand die Schlacht an den Reißzahn-Bergen am späten Nachmittag ihr Ende.

Dort, wo in den frühen Morgenstunden die Armee der Barbaren auf das Heer der Orks geprallt war wie Brandung auf Fels, kehrte nun eine unheimliche Ruhe ein. Statt des Kampflärms war nur noch das Klagen der Verletzten und das Wimmern der Sterbenden zu hören, welches vom leisen Rauschen des Windes begleitet wurde.

Von den beiden einstmals gewaltigen Streitmächten vermochte es nur noch eine Handvoll Krieger, sich aus eigener Kraft fortzubewegen. In den meisten darniederliegenden Leibern steckte noch nicht einmal mehr ein Rest von Leben, was sie zu einer üppigen Mahlzeit für jeden Aasfresser machte.

Der Gestank von Blut und Tod lockte auch schon bald unzählige Krähen herbei. Ein schmackhaftes Stück toten Gedärms oder den ein oder anderen delikaten Augapfel wollten sich selbige freilich nicht entgehen lassen. Einem gewaltigen schwarzen Schleier gleich senkte sich dieser Schwarm auf die weite Ebene am Fuße des Gebirges nieder. Jedwede Tischmanieren vermissen lassend nahm sich die Vogelschar dann umgehend der vielen Leichen menschlicher und orkischer Krieger an.

Nur einer der dunkel gefiederten Gesellen – ein Exemplar, das aufgrund seiner Größe auch ein Rabe hätte sein können – stürzte sich nicht sofort auf die erst kürzlich dahingeschiedenen Leckerbissen. Er ließ sich auf dem kahlen Ast eines abgestorbenen Baumes nieder, der inmitten der kargen, mit blassbraunem Steppengras bewachsenen Landschaft stand. Aus tiefschwarzen, seltsam intelligent wirkenden Augen beobachtete er von hier aus seine Artgenossen bei ihrem grausigen Festschmaus.

Von den wenigen Überlebenden, die sich mühsam humpelnd, auf allen vieren oder sogar auf dem Bauch kriechend ihren Weg vom Schlachtfeld suchten, ließen sich die gefiederten Leichenfledderer nicht stören. Unbeeindruckt und gierig pickten sie an den toten Körpern herum, die sich hier und da sogar zu kleinen Hügeln häuften.

Auf einen dieser blutigen Leichenhaufen stieg Zorm der Zerfetzer, Heerführer der Nordland-Barbaren und einer der bekanntesten und gefürchtetsten Krieger Archainos. Selbst in den entlegensten Winkeln dieser Welt kannte man seinen Namen und seinen Ruf als grausame, gnadenlose und unbesiegbare Kampfmaschine. Wenn er guter Laune war – so erzählte man sich –, riss er seinen Gegnern Arme und Beine mit bloßen Händen aus. War seine Laune schlecht, fügte er ihnen meist sogar ernsthafte Schmerzen zu.

In seiner Rechten hielt Zorm sein mächtiges Breitschwert, dessen Klinge nahezu vollständig bedeckt war mit dem Blut seiner erschlagenen Feinde. Sein massiger, nur aus steinharten Muskeln bestehender Leib war ebenso blutbesudelt, was der Reinheit seiner Garderobe natürlich sehr abträglich war. Da diese jedoch ohnehin nur aus einem Lendenschurz und Fellstiefeln bestand, schenkte er diesem Umstand keinerlei Beachtung.

Auf dem Gipfel des Leichenhügels blieb der Zerfetzer stehen. Während seine lange, blonde Mähne im Wind wehte, blickte er mit grimmiger Miene und aus stahlblauen Augen gen Süden.

Von dort näherte sich langsam eine Gestalt, die ebenso beeindruckend und ehrfurchtgebietend war wie Zorm, wenn nicht vielleicht sogar noch ein wenig imposanter, massiger und blutbesudelter.

Es war Morack Meuchelhammer, Hordenführer der Bergorks.

In Sachen Grausamkeit war Morack dem Barbaren wohl mehr als nur ebenbürtig. Seine Halskette aus menschlichen Ohren und die vielen, ebenfalls menschlichen Skalps, die er an seinem Gürtel trug, legten davon Zeugnis ab. Manch Barde sang Balladen darüber, wie der Ork seinen Opfern manchmal die Därme aus den Körpern riss, um sie damit zu erdrosseln. Diese Lieder gehörten jedoch zu den gemäßigteren Stücken über Morack, die man auch schon mal auf Familienfeiern vortrug.

Während sich dieser grünhäutige Kampfkoloss gemächlich seinen Weg über das Schlachtfeld bahnte, erlöste er im Vorbeigehen noch so manch Sterbenden von seinen Qualen. Ganz gleich war es ihm, ob es sich dabei um Mensch oder Ork handelte. Ein kurzer Hieb mit seiner riesigen, mit spitzen Metalldornen bestückten Keule ließ die Lebenslichter beider Rassen gleichermaßen schnell erlöschen. Ob man von diesen armen Seelen vielleicht noch einige hätte retten können, tangierte Morack selbstverständlich überhaupt nicht. Ihr erbärmliches, unverschämt leidvolles Stöhnen entsprach einfach nicht seinem Sinn für Heldentum und Tapferkeit. Es nervte ihn deshalb in hohem Maße.

Als er sich dem Zerfetzer bis auf wenige Meter genähert hatte, breitete er seine muskelbepackten Arme aus und lachte laut. Das Dröhnen seiner Stimme scheuchte nun auch endlich die gefräßigen Krähen auf. Lauthals krächzend beschwerten sie sich über die Störung ihrer Mahlzeit, während sie erbost davonflogen. Nur der schwarze Bursche auf dem Baum blieb einsam sitzen und beobachtete weiter das Geschehen.

»Was für ein herrlicher Tag!« Der Ork grinste breit. Seine prächtigen Hauer, die aus seinem vorstehenden Unterkiefer hinauf bis zu seinen Augen ragten, glänzten dabei strahlend weiß im Licht der tief stehenden Sonne.

»Was für eine glorreiche Schlacht! Der Boden getränkt vom Blut der Erschlagenen, Hunderte von zerschmetterten Leibern und kaum ein Krieger, der noch aufrecht gehen kann – was kann man vom Leben mehr erwarten? Und nun folgt als krönender Abschluss das epische Gefecht der zwei mächtigsten Krieger des Landes. Lass uns beginnen, Zorm, die Götter wollen Blut sehen!«

Zur Überraschung des Orks machte der Zerfetzer keinerlei Anstalten, dieser Aufforderung nachzukommen. Er stand nur reglos, irgendwie erstaunlich unheldenhaft da und ließ die breiten Schultern kraftlos herabhängen. Noch verblüffter war Morack von dem Ausdruck der Bestürzung, der urplötzlich die Miene des Barbaren prägte.

»Das … das ist ja alles so furchtbar«, murmelte dieser leise. »All diese Toten, all diese bedauernswerten Kreaturen.« Mit gesenktem Kopf blickte er um sich. »Schau mich doch mal an – ich stehe auf einem Berg aus Leichen und bin von Kopf bis Fuß mit Blut beschmiert. Das ist doch krank!«

Der Ork stutze. »Hä, was stimmt denn mit dir nicht? Was soll denn an einem Haufen Kaputter so schlimm sein? Und Blut ist doch ungemein dekorativ, solange es nicht das eigene ist. Und jetzt lass uns endlich loslegen, daheim wartet mein Abendessen auf mich.«

Der Barbar schüttelte sein noch immer gebeugtes Haupt. »Nein, keine weitere Gewalt mehr! Ich ertrage dieses Morden und endlose Blutvergießen nicht mehr. Tun dir die vielen Gefallenen denn nicht auch leid? Empfindest du denn kein Mitleid für all diese armen Wesen? Nur weil wir sie in den Kampf geschickt haben, mussten sie alle sterben. Welch gigantische Schuld haben wir damit auf unsere Schultern geladen?«

Morack Meuchelhammer grunzte verächtlich. »Was erzählst du denn da für einen Kappes? Das war doch ein 1A-Gemetzel! Unsere Leute haben über Stunden fröhlich aufeinander eingedroschen. Sie sind voller Stolz und Elan in den Tod gegangen, haben alles gegeben, so wie es sich für echte Krieger geziemt. Nur dafür haben sie gelebt, nur dafür wurden sie geboren!«

»Also ich weiß ja nicht.« Zorms Stimme klang beinahe schon weinerlich. »Das kann doch nicht der Sinn unserer Existenz sein. Es gibt doch so viel Schönes auf dieser Welt, für das es sich zu leben lohnt: Freunde, ein bisschen Frieden, ein hübsches Zuhause und eine glückliche Familie.« Mit merkwürdig sanftem Blick sah er sein Gegenüber an. »Hast du Familie, Ork?«

Der grünhäutige Hüne atmete tief ein und der Stolz ließ seinen ohnehin schon gewaltigen Brustkorb dermaßen anschwellen, dass man bequem einen Humpen Met auf ihm hätte abstellen können. »Natürlich habe ich das! Ich habe achtundzwanzig Weiber, die mir so ungefähr einundfünfzig oder zweiundfünfzig Kinder geschenkt haben – so ganz genau weiß ich das nicht. Mehr als dreißig davon sind aber ganz sicher männlich.« Mit seiner zur Faust geballten linken Hand schlug sich der Ork vor die Brust, was einen dumpfen, hohlen Ton erzeugte. »Meinem leuchtenden Beispiel zu folgen und ein ebenso großer Krieger wie ich zu werden, das ist natürlich der sehnlichste Wunsch all meiner Söhne. Sie alle sind unsagbar stolz darauf, einen Vater wie mich zu haben und sie alle werden nach meinem Tod stolz die Geschichten meiner Heldentaten erzählen.«

»Ein lebender Vater würde ihnen dann gewiss lieber sein«, gab Zorm zu bedenken. »Ein Vater, der für sie da ist, der sich ihre Sorgen anhört und mal was Schönes mit ihnen unternimmt. Einen Ausflug ins Grüne oder ein nettes Gesellschaftsspiel zum Beispiel. Ich habe zwar noch keine Familie, aber ich werde eines Tages ein solcher Vater sein. Ich habe so viel Schlechtes getan, habe so viel Leid verursacht und so unglaublich vielen Wesen den Tod gebracht. Das muss nun ein Ende haben. Ich werde nur noch Gutes tun, ich werde eine Familie gründen, mit der ich gemeinsam die Liebe und den Frieden hinaus in die Welt tragen werde.«

Der blonde Barbar richtete sich auf. Er erhob sein Haupt und starrte in den dunkler werdenden Himmel, als würde er dort oben etwas Erhabenes, etwas Bedeutungsvolles erblicken.

Dann fuhr er mit lauter, feierlicher Stimme fort. »Hier und jetzt gelobe ich im Beisein Hunderter dahingemordeter Seelen: Mein Weg soll von nun an der Pazifismus sein!«

»Pattsi… was?« Die Augen des Orks verengten sich zu schmalen Schlitzen. »So ein Wort gibt es doch gar nicht!« Ein Augenblick verging, dann blitzte ein Funke vermeintlicher Erkenntnis in ihm auf. Voller Misstrauen musterte er den Barbaren. »Ist das vielleicht eine List, Mensch? Willst du mich etwa verwirren, weil du glaubst, mich so leichter besiegen zu können?«

»Aber nein, versteh doch«, flehte Zorm eindringlich. »Ich will nicht gegen dich kämpfen. Ich will nie wieder kämpfen. Kämpfen ist doof!«

Ob nun die Empörung oder die Verwirrung in ihm überwog, dessen war sich Meuchelhammer nicht gewiss. Sein Antlitz zeigte jedoch eindeutig die Anzeichen großer Verwunderung.

»Du willst echt nicht kämpfen?«, erkundigte er sich noch einmal ungläubig.

»Nein!«, erwiderte Zorm entschlossen.

»Etwas raufen vielleicht?«

»Nö!«

»Könntest du wenigstens dein Schwert erheben, damit ich dich reinen Gewissens erschlagen kann?«, schlug der Ork vor. »Du brauchst dich auch nicht zu wehren.«

Der Zerfetzter verneinte vehement. »Das werde ich auch nicht tun! Ich will nur noch nette Sachen machen – so wie Bilder malen, Gedichte schreiben oder einen kleinen Garten mit bunten Blumen anlegen.«

Während Morack Meuchelhammer nun versuchte, das soeben Gehörte zu verarbeiten, verfolgte der schwarz gefiederte Beobachter – noch immer unbemerkt von den beiden Kriegern auf seinem Ast hockend – das Gespräch aufmerksam. Es schien fast so, als könnte er jedes Wort der beiden Kontrahenten verstehen. Als der Ork plötzlich seine Keule erhob und sich dem Barbaren drohend näherte, zuckte er nur kurz und leicht erschrocken zusammen. Der blonde Barbar auf dem Leichenhaufen tat es ihm gleich.

»Jetzt hab ich die Schnauze aber so langsam voll!«, äußerte sich Morack lautstark. »Ich bin hierhergekommen, um gegen Zorm den Zerfetzer zu kämpfen, einen der mächtigsten Barbarenkrieger unserer Zeit. Man hat mir von deiner Wildheit, deiner Stärke und deiner Unerbittlichkeit erzählt. Du wärst beinahe ein so fähiger Kämpfer wie ich, haben sie gesagt, mir im Kampf vielleicht sogar ebenbürtig. Doch was sehe ich nun vor mir? Ein jammerndes, rückgratloses Etwas! Ein widerliches, feiges Gewürm, das sich mit wirren Worten einem anständigen Kampf zu entziehen versucht. Erhebe endlich dein Schwert, du Lappen!«

Morack Meuchelhammer hatte in dieser endlosen Schlacht, die er sein Leben nannte, schon viel gesehen. In die Augen unzähliger Feinde hatte er geblickt, während er ihnen den Bauch aufgeschlitzt, die Eingeweide herausgerissen oder Schlimmeres angetan hatte. Er hatte gegen Kreaturen gekämpft, deren bloßer Anblick andere in die Flucht geschlagen hätte oder sie sogar wahnsinnig hätte werden lassen.

Doch nun bot sich dem Ork ein Anblick, der ihn zutiefst verstörte und sein Weltbild bis ins Mark erschütterte: Über die ausgeprägten, nervös zuckenden Wangenknochen des Barbaren bahnte sich eine Träne langsam ihren Weg nach unten.

»Das … das war total fies von dir«, jammerte der Zerfetzer. »Warum sagst du so garstige Sachen zu mir? Denkst du denn gar nicht darüber nach, was solche Beleidigungen in den Seelen anderer Wesen anrichten können? Wörter können mehr verletzen als Schwerter, weißt du? Sie schneiden tief in dein Innerstes und hinterlassen dort Narben, die niemals richtig verheilen.«

»Ich werde dir dein Innerstes gleich mal zeigen!«, erwiderte Morack und seine Stimme wurde mehr und mehr zu einem bedrohlichen Knurren. »Dann kannst du ja mal nachschauen, was meine Worte dort hinterlassen haben. Weiß deine Mutter eigentlich, was für einen erbärmlichen Sitzpinkler sie in diese Welt gesetzt hat?« Ein höhnisches, boshaftes Grinsen machte sich im Gesicht der Grünhaut breit. »Oder hast du etwa gar keine Mutter? Hat dich vielleicht eine Ziege bei ihrem Stuhlgang versehentlich mit ausgeschissen? So muss es sein, Barbar: Deine Mutter ist eine alte, dreckige und stinkende Ziege!«

»Och menno!« Wie ein trotziges Kind stampfte Zorm mit seinem linken Bein auf, wobei er versehentlich den Schädel einer der unter ihm liegenden Leichen zertrümmerte. Blut, kleine Schädelsplitter und ein wenig Hirnmasse blieben an seinem Fellstiefel kleben. »Wieso beleidigst du denn jetzt auch noch meine Mutter? Weißt du eigentlich, wie lieb ich meine Mami habe? Meine Mutti ist die allerbeste Mutti auf der ganzen Welt! Du bist wirklich ein ganz ungehobelter Bursche – schlecht erzogen, total aggressiv und absolut unsensibel. Ich will mir diese Unverschämtheiten auch gar nicht mehr anhören!«

Mit einer ungelenken Bewegung warf Zorm der Zerfetzer sein blutbesudeltes Breitschwert von sich. Es landete scheppernd zu Füßen des verwirrt dreinblickenden Orks.

»Du … du ungehobelter, grünehäutiger Rüpel!« Diese Worte als Abschiedsgruß hinterlassend wandte sich der Barbar ab, um dann leise schluchzend den Leichenberg hinunterzulaufen.

Morack öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen und erhob dabei seine Hand. Er ließ sie jedoch wieder sinken, als er feststellen musste, dass es ihm die Sprache verschlagen hatte. Stumm und in nicht unerheblichem Maße verwirrt blickte er dem Zerfetzer hinterher.

Dieser bahnte sich weiterhin heulend seinen Weg über die vielen Toten, für deren Ableben er zum größten Teil selbst gesorgt hatte. Dass ihm der Schatten einer kleinen, fliegenden Kreatur folgte, das bemerkte er nicht.

Ein einsamer, irgendwie verloren wirkender Ork blieb zurück. Erst nach einigen Minuten fand dieser seine Sprache wieder.

»Das war ja mal ein Ding«, sagte er leise zu sich selbst. »So was ist mir ja noch nie passiert.«

Ratlos schaute er um sich. Einen anderen würdigen Gegner suchte er vergeblich. Alles, was er hätte niedermähen können, war schon geflohen oder lag mehr oder weniger leblos und zumeist recht lädiert auf dem Boden herum.

Schulterzuckend entschloss er sich deshalb dazu, ebenfalls den Heimweg anzutreten. Nachdem er das Schwert des Barbaren aufgehoben hatte, schlenderte er langsam von dannen. Die seltsamen Worte des Zerfetzers hallten derweil in seinen Gedanken wider. Ja, auch er mochte seine Mutter sehr und es war wohl auch an der Zeit, sie mal wieder zu besuchen.

Vorher würde er ihr aber noch ein paar Blümchen pflücken.

2

Noch nie hatte ein Barbarenkönig eine solch unangenehme Unterredung führen müssen wie die, welche Storne Stahlhand nun bevorstand.

Etwas nervös saß er deshalb im herrschaftlichen Langhaus auf dem riesigen, wuchtigen Thron, der an der südlichen Wand des geräumigen Holzbaus stand. Zwei dicke, mehr als mannshohe, lodernde Fackeln flankierten dieses Ehrfurcht einflößende Symbol der Macht. Schon vor Jahrtausenden war dieses aus den bleichen Totenschädeln der unterschiedlichsten Kreaturen Archainos angefertigt worden. Mit viel Geschick hatte man die vielen fleischlosen Häupter zusammengefügt und anschließend mit einem speziellen Harz behandelt, sodass der Zahn der Zeit diesem imposanten Kunstwerk nichts anhaben konnte.

Sehr bequem saß man auf diesem morbiden Möbelstück allerdings nicht. Die Wölbungen der harten Schädel drückten sich selbst durch das dicke, rote Polster, mit dem man die Sitzfläche ausstaffiert hatte. Nach längerem Sitzen hinterließen sie deshalb kleine, schmerzende Dellen im Gesäß.

Dessen ungeachtet war es natürlich trotzdem eine große Ehre, auf dem Schädelthron sitzen zu dürfen. Jeder Angehörige des Barbarenstamms hätte weit mehr als ein schmerzendes Hinterteil in Kauf genommen, um dieses Privileg einmal für sich in Anspruch nehmen zu dürfen.

Doch selbiges war ausschließlich Storne Stahlhand vorbehalten. Erst vor Kurzem hatte man ihn zum neuen Oberhaupt des Stammes ernannt, weil er der stärkste, muskulöseste und braungebrannteste aller Nordland-Barbaren war. Nur Zorm der Zerfetzer wies nahezu identische physische Merkmale auf und wäre aufgrund dessen ebenfalls qualifiziert für das Amt des Königs gewesen. Da Storne jedoch seine Brustmuskeln sehr beeindruckend zucken lassen konnte, war die Wahl letztendlich doch auf ihn gefallen.

Nun stand dem König sein ehemaliger Konkurrent gegenüber. Er stand zwischen dem Thron und der langen, rustikalen Festtafel, die sich fast über die ganze verbleibende Länge des Langhauses erstreckte und an der mehrmals wöchentlich wilde Gelage gefeiert wurden. Die präparierten Tierköpfe, von denen unzählige die Wände aus groben, unbehauenen Baumstämmen zierten, schienen schon ungeduldig auf das Gespräch der beiden Barbaren zu warten.

Während Storne Stahlhand sein Gegenüber missmutig beäugte, rutschte er unruhig auf seinem Thron hin und her. Sein schmerzender Hosenboden war nicht die alleinige Ursache für diese Unrast.

»Nun, Zorm«, begann der König langsam, während er sich seufzend mit der rechten Hand durch sein rabenschwarzes Haar fuhr. Diese Angewohnheit war ihm seit jeher zu eigen und zeigte sich stets, wenn er ein ungutes Gefühl bei einer Sache verspürte. »Du kannst dir sicher denken, warum ich dich hab rufen lassen.«

»Wahrscheinlich geht es um die Schlacht an den Reißzahn-Bergen«, vermutete Zorm kleinlaut. Er hielt dabei seinen Blick auf die Spitzen seiner Stiefel gerichtet.

Allein dafür hätte Storne ihm schon gerne einen Scheitel mit der Breitaxt gezogen, der hinunter bis zu seinem Kinn gereicht hätte. Ein Barbar hatte nicht dazustehen wie ein geprügelter Hund; ein Barbar hatte aufrecht und stolz jedem Ungemach, welches ihm drohte, entgegenzusehen. Natürlich setzte der König seinen Wunsch nicht in die Tat um – zumindest vorerst nicht.

»Und ob es um die Schlacht an den Reißzahn-Bergen geht!«, schnauzte er stattdessen. Dann hielt er eine Schriftrolle hoch, die ihm ein Brieffalke aus dem Lager der Bergorks gebracht hatte. »Dieses Schreiben ist hier eingetroffen, kurz bevor du aus der Schlacht heimgekehrt bist. Es ist von Morack Meuchelhammer und was darin geschrieben steht, kann ich beim besten Willen nicht glauben. Bitte sag mir, dass du nicht – wie Morack es behauptet – vor dem Endkampf davongelaufen bist.«

Zorm hob seinen Blick und schüttelte den Kopf, was eine Welle der Erleichterung in Storne Stahlhand auslöste. Doch der Zerfetzer sollte dieses Wohlgefühl gleich wieder zunichtemachen.

»Ich bin nicht davongelaufen. Ich war es nur leid, mir die unflätigen Äußerungen des Orks anzuhören. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, die Konversation mit ihm zu beenden.«

»Also bist du doch weggerannt!«, stellte der König aufgebracht fest, wobei er mit seiner flachen Hand auf die Armlehne seines Throns schlug. »Wie peinlich ist das denn? Wie steht unser Stamm denn jetzt da?« Voller Verachtung warf er Zorm die zusammengerollte Schriftrolle an den Kopf. »Ein Heerführer der Nordland-Barbaren, der sich vor einem Kampf drückt. Meuchelhammer wird die schmachvolle Geschichte deiner feigen Flucht überall herumerzählen!«

»Morack Meuchelhammer ist ein ordinärer Flegel«, wandte Zorm der Zerfetzer ein und ein Hauch von Trotz schlich sich in seine Stimme. »Er hat mich und meine Mutter in einer außerordentlich vulgären Art und Weise beleidigt. Ich musste unser Gespräch beenden, um ihn für sein ungebührliches Verhalten zu bestrafen. Es wird ihm sicher eine Lehre sein. Demnächst wird er sein loses Mundwerk zügeln und seinen Gesprächspartnern den gebührenden Anstand entgegenbringen.«

»Ääääääh…«, war zunächst alles, was dem König dazu einfiel. Eine Verwirrung unbekannten Ausmaßes machte sich in ihm breit und nötigte ihm einige Sekunden ab, in denen er sich sammeln musste. Während er dies tat, zog er seine buschigen Augenbrauen zusammen, sodass sie wie ein weit geöffnetes V über seinen fast schwarzen Augen verweilten.

»Habe ich was verpasst?«, fragte er dann. »Seit wann reagieren wir Barbaren auf eine Beleidigung nicht mehr mit brutaler Gewalt und vollständiger Vernichtung? Hat es da irgendeine bedeutsame Veränderung in der natürlichen Ordnung der Welt gegeben, von der ich nichts mitbekommen habe?«

»Gewalt ist doch nicht die Lösung für alles«, sprach der Zerfetzer nun einen Satz aus, wie ihn seit Anbeginn der Zeit wohl noch kein Barbar je ausgesprochen hatte. Er tat dies zudem mit einer Selbstverständlichkeit, die den König in übermächtiges Erstaunen versetzte.

»Es gibt doch auch friedvollere, erwachsenere Methoden der Konfliktbewältigung«, fuhr der Zerfetzer fort. „Einfach mal über die persönlichen Differenzen reden, bei einem Schluck Tee oder auch Met. Dabei sollte man seinem Gegenüber natürlich den nötigen Respekt und auch Verständnis entgegenbringen. Man sollte nicht immer nur draufhauen, draufhauen, draufhauen. Mal das Gehirn zu benutzen, das könnte euch allen nicht schaden.«

»Dich kneift ja wohl dein Lendenschurz!« Maßlose Empörung ließ Storne von seinem Thron hochfahren.

Er kam jedoch nicht mehr dazu, dem blonden Barbaren eine passende und vielleicht sogar schmerzhafte Antwort auf seine unverschämte Bemerkung zu geben. Die hohe Doppeltür des Langhauses öffnete sich nämlich und Grahlum der Greise trat herein.

Grahlum war der Druide der Nordland-Barbaren und wie es sich für einen Druiden gehörte, trug er wesentlich mehr am Leib als die anderen Mitglieder des Stammes. Seine Gestalt wurde verhüllt von einem weiten, erdbraunen Gewand, dessen Kapuze sein Gesicht in tiefen Schatten tauchte. Nur die Spitze seines grauen, schwarz melierten Bartes lugte aus diesem hervor und zwei stechende, graublaue Augen funkelten in dieser Düsternis.

Den langen, knorrigen Stab aus Eichenholz, auf den er sich beim Hereinkommen stützte, benötigte er eigentlich gar nicht als Gehhilfe. Der Druide trug ihn stets als Waffe bei sich und um seiner Erscheinung ein etwas ehrwürdigeres Aussehen zu verleihen. Tatsächlich war er in einer außerordentlich guten körperlichen Verfassung und an Agilität mangelte es ihm in keiner Weise. Für einen Mann seines Alters war dies zweifellos ungewöhnlich, denn die Anzahl der von ihm gelebten Jahre war wirklich legendär hoch. Man munkelte sogar, dass er vor einiger Zeit schon sein fünfzigstes Lebensjahr vollendet hatte.

Solch ein enormer Fundus an Lebenserfahrung prädestinierte Grahlum natürlich dazu, dem König als Berater zu dienen. Darüber hinaus gehörte es zu seinen Aufgaben als Druide, sich um die mystischen, übersinnlichen Belange des Barbarenstamms zu kümmern. Dies beinhaltete das gelegentliche Opfern von Lebewesen, das Brauen geheimnisvoller Tränke und die Kommunikation mit diversen Naturgeistern. Nur noch selten kam er jedoch dazu, sich diesen Verpflichtungen zu widmen, denn auch die Kranken und Verwundeten des Stammes fielen in seinen Zuständigkeitsbereich.

Letztere gab es aufgrund der mehrmals wöchentlich stattfindenden Gemetzel natürlich massenhaft. Er behandelte deshalb nur diejenigen, deren Wiederherstellung voraussichtlich vollständig und somit wertvoll hinsichtlich der Kampfkraft des Stammes sein würde. Dem Rest bereitete er ein schnelles und humanes Ende mit der Streitaxt.

»Zorm!«, rief der Greise erfreut, als er den Zerfetzer sah. »Du bist wieder zurück aus der Schlacht! War bestimmt ein nettes kleines Massaker. Hattest du viel Spaß?«

Während der Druide frohen Mutes näher trat, sah Zorm ihn vorwurfsvoll an. Der uralte Barbar konnte sich natürlich nicht erklären, womit er diese strafenden Blicke verdient hatte.

»Ob ich Spaß hatte?«, fragte der blonde Krieger. »Wie kannst du mir eine so gefühllose Frage stellen? Es war eine grausame, blutige Tragödie! Ich habe den größten Teil meiner Männer in dieser Schlacht verloren. Kaum einer hat es zurück ins Dorf geschafft. Erschlagen und vergessen liegen sie nun fern der Heimat herum und dienen den Krähen als Futter! Und du fragst mich allen Ernstes, ob ich Spaß hatte?«

Man hätte fast meinen können, die Verwirrung würde sich wie ein Virus in dem Langhaus verbreiten, denn die gleiche Verblüffung ergriff nun Besitz von Grahlum, wie sie auch der König noch immer verspürte.

»Na und?«, wunderte sich der Druide. »Das ist doch bei all unseren Schlachten so. Oftmals kommt gar kein Kämpfer aus ihnen zurück und das ist auch ganz gut so. Schließlich berücksichtigen wir diese Verluste ja auch bei der Kalkulation unserer Nahrungsreserven.«

Unverhohlene Missachtung und Entrüstung schlugen dem Druiden nun aus dem Antlitz des Zerfetzers entgegen. »Wie könnt ihr nur so herzlos sein? Ist euch das Leben der anderen Stammesmitglieder denn gar nichts wert? Ihr sprecht vom Töten, als sei es das Normalste auf der Welt. Das ist doch … barbarisch!«

Der Barbar hielt verdutzt inne. Irgendwas schien ihn an seiner eigenen Aussage zu verstören.

»Unser guter Zorm tickt nicht mehr ganz richtig«, mischte sich nun der König wieder ein, der noch immer vor seinem Thron stand und sich mit der flachen Hand seinen Hintern rieb. »Du wirst es nicht glauben, Druide, aber er ist vor Morack Meuchelhammer aus dem Kampf geflohen. Er hat einfach die Biege gemacht und nun sülzt er mich voll mit irrem Geschwafel von friedvoller Konfliktbewältigung und ähnlichem Tinnef. Er hat sogar behauptet, dass Gewalt nicht die Lösung für alles sei.«

Von diesen Worten geradezu schockiert und mit sorgenvoller Miene betrachtete Grahlum den blonden Hünen eingehend. Dann ging er langsam um ihn herum, blieb vor ihm stehen und legte ihm die linke Hand auf seine Stirn.

»Hast du vielleicht einen Schlag auf den Kopf bekommen?« Mit dem Daumen schob er das linke Augenlid des Zerfetzers nach oben, um dessen Augapfel begutachten zu können. »Oder hast du irgendeine andere Verletzung während der Schlacht erlitten?«

Zorm wischte die Hand des Druiden mit einer groben Bewegung beiseite. »Mir fehlt gar nichts«, stellte er dann fest. »Ich habe mich noch nie so gut gefühlt wie in diesem Moment. Nach all den Jahren des Kämpfens und des Mordens verspüre ich nämlich so etwas wie Frieden in mir. Die Erkenntnis ist in mir erwacht, dass nur ein friedvolles Miteinander aller Rassen dieser Welt ein erstrebenswertes Ziel ist. Nur diesem Ziel werde ich mich fortan widmen.«

Zorm der Zerfetzer musterte erst den Druiden, dann sogar den König mit abfälligen Blicken, die fast schon an Majestätsbeleidigung grenzten. »Aber das könnt ihr beiden natürlich nicht verstehen. Ihr seid weiterhin gefangen in diesem jahrhundertealten Irrglauben, dass Krieg und Zerstörung der Sinn eurer Existenz sei. Mitgefühl, Barmherzigkeit, Einfühlungsvermögen – all das ist euch fremd. Euch fehlt die Fähigkeit zur Empathie.«

Als Geste der Hilflosigkeit warf Storne Stahlhand seine Arme in die Luft. »Jetzt lässt der sich auch noch neue Wörter einfallen! Die Blitzbirne ist doch total meschugge!«

Grahlum winkte den König wortlos zu sich. Gemeinsam entfernten sie sich so weit von Zorm, dass dieser ihre gedämpften Stimmen nicht mehr vernehmen konnte. Neben der Festtafel unter dem gestrengen Blick einer Elchtrophäe steckten sie ihre Köpfe zusammen.

»Ich habe keine Ahnung, was mit dem Burschen los ist«, gab der Druide flüsternd zu. »Aber so können wir ihn auf gar keinen Fall im Dorf herumlaufen lassen. Mit seinem ganzen Gequatsche von Frieden und diesen seltsamen, erfundenen Wörtern erschreckt er die anderen ja zu Tode.«

Storne nickte ernst. »Soll ich ihm die Runkel runterhauen?«

Erst nach einigem Zögern und Nachdenken verneinte Grahlum. »Vielleicht finde ich ja doch heraus, was mit ihm nicht stimmt. Bis dahin sollten wir ihn irgendwo einsperren. Wie wäre es mit der Rauschhöhle?«

Wieder stimmte der König ihm zu. Die Rauschhöhle befand sich am Rande des Dorfes. In ihr wurden alkoholisierte Barbaren eingesperrt, die bei einem der regelmäßig stattfindenden Besäufnisse über die Strenge schlugen oder bei den obligatorischen Schlägereien zu viel Schaden anrichteten. Für einen geistig derart aus der Fassung geratenen Burschen wie Zorm war dies natürlich eine ideale Unterbringungsmöglichkeit.

»Also gut«, sprach Storne deshalb. »Du lenkst ihn ab und ich setze ihn außer Gefecht.«

Während sich Grahlum nun mit einem aufgesetzten Lächeln Zorm zuwandte, schlenderte der König einmal um die Festtafel herum, um sich dem Zerfetzer unauffällig von hinten nähern zu können. Dabei nahm er einen der vielen Hocker mit, die um selbige herumstanden. Selbstverständlich waren diese Hocker sehr massiv und aus extrem harten Holz gefertigt. Immerhin mussten sie das Gewicht eines ausgewachsenen Barbaren aushalten und nur in den seltensten Fällen betrug selbiges weniger als einhundertzwanzig Kilo.

»Mein lieber Zorm«, begann der Druide nun weiterhin scheinheilig grinsend. »Wie stellst du dir denn dieses friedliche Miteinander aller Rassen so vor? Sollen wir eine Art Rat bilden, in den jede Rasse ihre Vertreter entsendet? Und anstatt sich wie bisher gegenseitig abzumurksen, diskutieren die dann dort miteinander?«

Augenscheinlich bereitete es dem alten Kapuzenträger einiges an Mühe, bei diesen Worten ein Kichern zu unterdrücken. Kein Wunder also, dass sein Verhalten das Misstrauen des Zerfetzers erregte.

Dieser legte seine Stirn in Falten. »Was soll das? Dein Interesse und deine Freundlichkeit sind ganz offensichtlich ebenso falsch wie dein Grinsen. Was hast du vor?«

»Aber Zorm, mein Freund, traust du mir etwa nicht?« Die vorgetäuschte Betroffenheit des Druiden war ganz sicher kein Beweis großer Schauspielkunst. »Ich will dir helfen und dich verstehen. Als Erstes möchte ich mehr über diese M-Party erfahren, von der du vorhin gesprochen hast.«

»Das heißt Empathie!«, entgegnete Zorm. »Und Leute wie du …«

Von weiteren Erklärungen hielt ihn ein Schlag ab, den er an seinem Hinterkopf verspürte. Dieser war zwar schmerzhaft, doch keinesfalls heftig genug, um den Barbaren niederstrecken zu können. Um einen massiven Holzhocker in Brennholz zu verwandeln, dafür reichte dessen Wucht allerdings aus.

Empört drehte sich Zorm zu dem hinter ihm stehenden König um. »Sag mal, was war denn das jetzt für eine Aktion? Dir ist schon klar, dass so etwas wehtut?«

Storne antwortete nicht, sondern zertrümmerte schweigend einen weiteren Hocker auf dem Schädel des Zerfetzers. Lediglich ein Bein des Möbelstücks behielt er in seiner Hand zurück. Nun begann Zorm zu wanken, doch noch immer vermochte er es, sich auf den Beinen zu halten. Erst nach ein paar weiteren Schlägen mit dem zum Knüppel umfunktionierten Hockerbein ging er endlich bewusstlos zu Boden.

»Ganz schön zäh, der gute Zorm«, stellte der König anerkennend fest, während er seine provisorische Schlagwaffe hinter sich warf.

Grahlum der Greise nickte. »Aber leider auch durchgeknallter als ein volltrunkener Iltis. Ich gehe vor und sehe nach, ob die Luft rein ist. Wir sollten unnötiges Aufsehen vermeiden. Es könnte etwas befremdlich auf die anderen Stammesmitglieder wirken, wenn ihr König einen besinnungslosen Heerführer durch das Dorf schleppt.«

Storne lud sich also den schlaffen Körper des niedergeschlagenen Barbaren ohne Mühe auf seine breite Schulter. Dann positionierte er sich neben der Doppeltür des Langhauses, während der Druide selbige durchschritt und langsam davon schlenderte. Sein gemächlicher Gang und das unbekümmerte Gebaren, welches er dabei zeigte, sollte den Eindruck von Gelassenheit und Gemütsruhe vermitteln. Um diesen Anschein noch zu verstärken, pfiff er dabei eine heitere Melodie vor sich hin.

Storne beobachtete den Greisen derweil aufmerksam und fasziniert. Zutiefst beeindruckt war er von diesem genialen, sehr originellen Einfall, mithilfe fröhlichen Pfeifens Unschuld vorzutäuschen. Wie dankbar er doch sein konnte, dass ihm ein solch weiser, erfahrener Mann zur Seite stand. Er würde sich diese grandiose Idee auf jeden Fall merken müssen.

Inmitten der Ortschaft, in der Nähe des Dorfbrunnens, blieb der Druide stehen. Noch immer Luft durch seine gespitzten Lippen pustend sah er sich um, weiterhin um ein möglichst harmlos erscheinendes Auftreten bemüht. Außer einer ungewöhnlich großen Krähe, die sich auf dem Dach des königlichen Langhauses niedergelassen hatte, konnte er jedoch keinerlei Lebenszeichen ausmachen.

Die Sonne hatte die Herrschaft über das Land schon fast gänzlich der Dunkelheit anvertraut, weshalb sich die meisten Einwohner des Dorfs bereits in ihre mit Stroh gedeckten Holzhütten zurückgezogen hatten. Durch die dicken Baumstämme der unverputzten Hüttenwände drangen hier und da ein paar gedämpfte Stimmen oder leises Gemurmel. Ansonsten war alles ruhig.

Grahlum gab dem König deshalb ein Zeichen, woraufhin sich dieser mit der Last auf seiner Schulter auf den Weg machte. Er hatte den Druiden schon erreicht und gemeinsam hatten sie sich bereits nach Süden in Richtung Rauschhöhle gewandt, als hinter ihnen eine unangenehm schrille Stimme erklang.

»Was treibt ihr beiden denn da?«, fragte die Stimme und ließ sowohl Storne als auch Grahlum erschrocken innehalten.

Den zwei Barbaren war diese Stimme wohlbekannt. Sie gehörte Froengi, einer betagten Dorfbewohnerin, die schon mehr als dreißig Winter erlebt hatte. Neben ihrem hohen Alter war sie vor allem für ihre Neugier und Geschwätzigkeit bekannt. Sie personifizierte deshalb genau das, was König und Druide momentan so gar nicht gebrauchen konnten. Zu dumm, dass sie gerade dieser alten Klatschbase auf ihrem Abendspaziergang begegnen mussten.

»Überlass das Reden mir«, flüsterte Grahlum deshalb, während sie sich Froengi zuwandten.

Diese näherte sich ihnen raschen Schrittes. Während sie das tat, betrachtete sie den bloßen, wohlgeratenen Oberkörper des Königs mit eindringlichen, lustvollen Blicken.

Storne erschauderte. Er fand es ekelhaft und geradezu widernatürlich, dass sich eine Frau in solch hohem Alter noch für das andere Geschlecht interessierte. Zumindest war sie altersgemäß gekleidet und trug nicht nur Lendenschurz und Bustier aus Fell, so wie es die jungen Frauen des Dorfs taten. Ihrem Alter entsprechend verbarg sie ihren bestimmt schon welken Körper unter einem weiten, grauen Gewand.

»Aber das ist doch Zorm der Zerfetzer«, stellte sie fest, ohne eine Antwort auf ihre vorherige Frage abzuwarten. »Was ist denn mit dem passiert?«

»Er wurde in der Schlacht verletzt«, antwortete der Druide rasch. »Konnte sich gerade noch so ins Dorf schleppen. Wir bringen ihn jetzt in meine Hütte, damit ich ihn behandeln kann.«

Froengi runzelte ihre Stirn, die in den Augen Stornes ohnehin schon sehr zerfurcht aussah. »Das ist aber seltsam. Ich bin ihm begegnet, als er ins Dorf zurückgekommen ist. Er schien ganz und gar nicht verletzt zu sein. Er ist aufrecht gegangen und ohne ein Zeichen der Schwäche. Wir haben sogar ein paar Worte miteinander gewechselt. Er hat gesagt, er sei des Kämpfens müde und würde sich ein friedliches und harmonisches Leben herbeisehnen.«

Grahlum räusperte sich und der König konnte es geradezu hören, wie der Druide in seinem Kopf nach geeigneten und glaubhaften Erklärungen herumwühlte.

»Wirres Gebrabbel ist ein ganz eindeutiges Symptom einer schweren Kopfverletzung.«, erklärte er dann. »Ebenso symptomatisch ist es, dass der Geschädigte einer solchen Verletzung plötzlich und unvermittelt zusammenklappt. So etwas nennt man Spätfolge. Der arme Zorm war gerade dabei, uns von der Schlacht zu erzählen, als er wie ein nasser Sack in sich zusammensank.«

»So ein Pech aber auch.« Froengis Anteilnahme schien aufrichtig zu sein. »Wo er doch so nette Sachen zu mir gesagt hat. Ich sei doch noch gar nicht so alt, hat er gesagt, eher reif und erfahren.« Ein fast schon entrückter Ausdruck erhellte ihr Antlitz. »Er hat mich sogar attraktiv genannt.«

»Na, daran siehst du ja, wie enorm verwirrt er bereits war«, bemerkte Grahlum. »Es wird bestimmt sehr lange dauern, bis er wieder er selbst ist – vorausgesetzt er überlebt diese Verletzung. Es ist deshalb wichtig, dass ich möglichst bald mit seiner Behandlung beginnen kann.«

»Aha!« Froengi nickte nachdenklich, dann wandte sie sich dem König zu. »Ich finde es aber befremdlich, dass unser König selbst einen Verwundeten durch das Dorf schleppt. So eine niedere Aufgabe sollte er doch seinen Untertanen überlassen. Schickt sich das überhaupt für einen Herrscher?«

Storne antwortete nicht, sondern sah nur hilfesuchend zu seinem Berater hinüber. Dieser verlor langsam die Geduld und verschärfte deshalb seinen Tonfall.

»Einem großen Krieger und Heerführer wie Zorm kann man eine solche Begünstigung schon mal angedeihen lassen. Du hingegen solltest dich mal lieber fragen, ob es sich für eine Frau deines Alters schickt, um diese Zeit noch im Dorf herumzulaufen. Du solltest schon längst im Bett liegen! Reife weibliche Haut benötigt sehr viel Schlaf, sonst trocknet sie aus und wird spröde und runzlig wie die einer getrockneten Pflaume.«

»Verzeiht mir, großer Druide.« Froengi senkte schuldbewusst den Blick. »Ich habe mich nur gefragt, ob ich Euch vielleicht irgendwie helfen kann.« Sie sah wieder auf und ein verschmitztes Lächeln erschien in ihrem Gesicht, das vor vielen Jahren vielleicht sogar mal hübsch gewesen war. »Es wäre nämlich wirklich schade um so einen ansehnlichen, stattlichen Burschen wie Zorm.«

Wieder schüttelte es den König. Alte Frauen mit solch unkeuschen Gedanken waren ihm wahrlich ein Graus. Zudem spürte er, wie sich die Last auf seiner Schulter leise regte. Allzu lang würde die Bewusstlosigkeit des Zerfetzers wohl nicht mehr anhalten.

»Genug, Weib!«, meldete er sich deshalb nun lautstark zu Wort. »Du hast gehört, was der Druide gesagt hat. Tue, was dir dein König nun befiehlt: Geh zurück in deine Hütte und belästige uns nicht weiter! Wir haben schon viel zu viel Zeit mit unnützem Geplapper verschwendet. Ende meiner herrschaftlichen Durchsage!«

Derart gescholten wich Froengi einen Schritt zurück. »Aber natürlich, Hoheit!«

Sie verbeugte sich zum Abschied vor ihrem Herrscher, jedoch nicht tief genug nach dessen Ermessen. Angesichts ihrer bestimmt schon morschen Knochen sah er ihr diese Verfehlung allerdings nach. Dann wendete sie sich endlich ab und ging langsam davon.

»Schwatzhafte, alte Vettel«, zischte Storne leise. »Wir hätten ihr nach dem Tod ihres Mannes schnell einen neuen beschaffen sollen. Das hätte ihre unerträgliche Neugier vielleicht im Zaum gehalten.«

Grahlum stieß ein höhnisches Schnaufen aus. »Sei nicht albern! Das verrottende Gestell hätte doch keiner mehr genommen.«

Er sah der Witwe misstrauisch hinterher. Selbige bewegte sich in einer enervierend mäßigen Geschwindigkeit von ihnen fort und warf immer wieder einen Blick über die Schulter zurück. Glücklicherweise lag die Behausung des Druiden auf halbem Weg zur Rauschhöhle, sodass es tatsächlich so aussah, als würden die beiden Barbaren den Bewusstlosen nun dorthin bringen. Als sie die Hütte erreicht hatten, überzeugten sie sich ausgiebig davon, dass Froengi fort war und auch sonst niemand ihr Tun beobachtete. Da nur die Krähe auf dem Langhaus ihnen weiterhin ihre Aufmerksamkeit schenkte, umgingen sie rasch die Heimstätte des Druiden. Anschließend setzten sie ihren Weg mit beschleunigtem Schritt fort.

Recht schnell und ohne weitere Störungen erreichten sie den kleinen bewaldeten Hügel am Rand des Dorfs, dessen Inneres die Rauschhöhle beherbergte. Deren Zugang war versperrt von einem hohen, massiven Holztor. Wie ein Fallgatter konnte dieses mittels einer dicken, über mehrere Rollen laufenden Kette nach oben gezogen werden. In Gang gesetzt wurde diese aufwendige Vorrichtung durch das Drehen eines großen Handrads, das dem Steuerrad eines Schiffes sehr ähnelte und sich seitlich des Höhleneingangs befand. Zwei oder mehr Personen waren üblicherweise für diesen Kraftakt vonnöten.

Der greise Druide schaffte es jedoch unter großen Anstrengungen auch alleine, das Tor ein wenig zu öffnen. Es hob sich gerade so weit, dass der König den bewusstlosen Körper Zorms davor ablegen und mit seinem Fuß darunter herschieben konnte. Danach ließ Grahlum das Handrad wieder los, woraufhin das Tor wieder nach unten fiel und sich mit einem dumpfen Krachen schloss.

»Das hätten wir«, stellte der Druide zufrieden schnaufend fest. Er schickte sich an, den Heimweg anzutreten, doch sein Begleiter erstarrte plötzlich.

»Moment mal«, sagte Storne. »Mir fällt da gerade etwas ein.«

»Was denn?«, wollte Grahlum wissen.

Der Barbarenkönig verzog sein Gesicht wie unter leichten Schmerzen, dann ließ er die Finger seiner rechten Hand durch die schwarze Mähne auf seinem Kopf gleiten. »Haben wir nicht vor Kurzem auch den Säbelzahntiger dort eingesperrt? Du weißt schon, den kräftigen Burschen, auf den ich letzte Woche im Wald gestoßen bin und den ich mit einem Fausthieb niedergestreckt habe. Ich wollte mir die Bestie doch zum Schoßtier abrichten.«

Im Gesicht des Greisen erschien ein Ausdruck jäher Erkenntnis und Erschreckens.

»Ups!«, machte er, dann hasteten die beiden Barbaren zum Tor.

Mit angehaltenem Atem pressten sie ihre Ohren gegen das dicke Holz und nach nur wenigen Sekunden konnten sie auch schon ein leises Knurren durch selbiges vernehmen. Dieses Knurren näherte sich begleitet vom Tapsen mächtiger Pfoten aus dem Inneren der Höhle. Dann löste ein deutlich wahrnehmbares Schnüffeln dieses Geräusch ab.

»Zorm?« Der König klopfte gegen das Höhlentor. »Zorm, du solltest jetzt vielleicht besser aufwachen!«

»Der rührt sich nicht«, stellte Grahlum fest.

Tatsächlich konnten sie keinerlei Geräusche vernehmen, die auf ein Erwachen des Zerfetzers schließen ließen. Stattdessen wurde es für eine Weile ganz still in der Höhle.

»Vielleicht sollten wir mal nachsehen«, schlug Storne vor.

Der Druide verspürte jedoch keine Lust, den schwergängigen Mechanismus des Tores wieder zu betätigen. Ein weiser Mann wie er war natürlich stets darauf bedacht, unnötige Anstrengungen zu vermeiden.

»Ich habe heute schon genug am Rad gedreht«, stellte er deshalb fest.

Ein lautes Fauchen, das urplötzlich die Stille zerriss, ließ sie diesen Vorschlag auch sofort wieder vergessen. Ein gellender Schrei, der sich ganz eindeutig einer menschlichen Kehle entrang, folgte diesem Fauchen. Die zwei erfahrenen Barbaren hatten freilich schon viele Schreie gehört, weshalb sie diesen auch eindeutig als Todesschrei identifizieren konnten. Danach wurde es wieder ruhiger und nur noch ein genussvolles Schmatzen drang durch das Tor aus der Rauschhöhle.

»Jetzt musst du dein zukünftiges Schoßtier zumindest nicht mehr füttern«, stellte der Druide fest. »So ein Bursche wie Zorm sollte für zwei, drei Tage reichen.«

Der König nickte. »Ich hätte ja gedacht, dass ein erfahrener Krieger wie er auch unbewaffnet gegen eine solche Bestie bestehen kann. Denkst du, dass dieser Wahnsinn, der ihn befallen hat, auch seine Fähigkeiten als Kämpfer beeinflusst hat?«

Grahlum der Greise wiegte nachdenklich den Kopf hin und her. »Entweder das hat seine Kampfkraft beeinflusst oder der Umstand, dass er noch bewusstlos war.«

»Oder das.« So wie sein Begleiter, so wandte sich auch Storne nun wieder dem Dorf zu.

»Es hätte mich aber schon interessiert, was eigentlich mit ihm los war«, bemerkte Grahlum, während sie nebeneinander hergingen.

»Wir werden es wohl nie erfahren«, seufzte der König etwas enttäuscht. Dann grinste er breit. »Eigentlich könnten wir Zorm den Zerfetzer jetzt in Zorm den Zerfetzten umbenennen.«

Der Druide schmunzelte ebenfalls. »Dein Humor ist so feinsinnig und taktvoll wie immer. Anscheinend hast du dich bei Zorm nicht mit dieser maßlos übertriebenen Empfindsamkeit angesteckt.«

Der Barbarenkönig hielt erschrocken inne. »Glaubst du etwa, dass so was möglich wäre?«

Der Greise zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Spürst du vielleicht das Bedürfnis, über deine Gefühle reden zu müssen?«

Die beiden Barbaren brachen angesichts dieser urkomisch absurden Frage in schallendes Gelächter aus. Sie lachten immer noch, als sie die Hütte des Druiden erreichten. Hier sollten sich ihre Wege trennen.

»Ich muss meinen alten Knochen nun etwas Ruhe gönnen«, sagte Grahlum. »Du solltest es mir gleichtun. Morgen willst du ja gegen die Amazonen ins Feld ziehen und deshalb liegt eine lange, anstrengende Reise vor dir. Falls noch irgendwas sein sollte, weißt du ja, wo du mich findest.«

Storne winkte lächelnd ab. »Was soll heute schon noch passieren? Außerdem bin ich König der Nordland-Barbaren, ich werde mit fast allem alleine fertig!«

Der Druide schlug ihm auf die Schulter. »So ist es, Hoheit. Schlaf gut!«

Nach diesen Worten verschwand er in seiner Behausung, während Storne sich auf den Weg zu seiner Heimstätte machte. Er ließ die Ereignisse des Tages noch einmal Revue passieren, während er durch das Dorf schlenderte, was immer wieder ein unwillkürliches Schütteln seines Kopfes verursachte. Seiner Überzeugung und Weltsicht zuliebe würde er sich darum bemühen, diese seltsamen Sachen zu vergessen, die Zorm der Zerfetzer zu ihnen gesagt hatte. Wie sonst sollte ein anständiger Barbar auch mit solch hanebüchenem Unsinn umgehen?

Derart in Gedanken versunken bemerkte er die Gestalt erst spät, die sich ihm in der Dunkelheit näherte. Er erkannte sie dann jedoch sofort. Es war Vorak der Verstümmler, ein weiterer Heerführer in seinen Diensten, dessen Fähigkeiten jedoch bei Weitem nicht an die des leider verblichenen Zerfetzers heranreichten.

»Ah, Vorak!«, begrüßte Storne seinen Untergebenen fröhlich. »Mein bester Feldherr, wie geht es dir denn so?«

Der rothaarige, bärtige Barbar sah seinen König überrascht an. »Bester Feldherr? Ich dachte, das wäre Zorm.«

»Äh, ja natürlich«, berichtigte sich Storne rasch. »Ich meinte ja auch zweitbester Feldherr. Aber darüber unterhalten wir uns ein andermal. Jetzt verrate mir doch erst einmal, ob deine Männer gut vorbereitet sind für den großen Feldzug gegen die Amazonen.«

»Na ja, darüber wollte ich gerade mit dir reden«, erklärte Vorak.

Er tat dies mit einem Zögern, das eines Barbaren natürlich nicht würdig war. Prompt fühlte sich Storne auf unangenehme Weise an das Gebaren Zorms erinnert. Noch mehr davon wollte der König jedoch auf gar keinen Fall über sich ergehen lassen. Sein Gesicht verfinsterte sich deshalb zusehends und in erschreckendem Maße.

»Sprich, Mann!«, forderte er mit einem drohenden Knurren. »Sprich sofort! Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, dass ich dir sonst die Zunge aus dem Maul reiße und sie dir an deine Stirn nagle.«

»Ein paar der Männer haben Bedenken bezüglich des Feldzugs geäußert«, berichtete Vorak nun hastig. »Nicht viele, nur vier oder fünf von ihnen. Sie sagten etwas von Gewalt gegen Frauen und dass sie damit nicht einverstanden wären. So etwas würde sich nicht mit ihren ethischen Grundsätzen vereinbaren lassen, haben sie gesagt.«

Storne Stahlhand zuckte zusammen. Schon wieder drangen völlig unbekannte Worte an sein Ohr, die nur einem gänzlich verwirrten Geist entsprungen sein konnten. Darüber hinaus verspürte er ein stärker werdendes Kribbeln in seiner rechten Hand. Irgendwas zog sie wie ein Magnet in Richtung seines Haupthaars.

Er rang sich trotzdem ein hohnvolles Lachen ab. »Jede Amazone würde sich totlachen über so alberne Einwände. Danach würde sie den, der sie geäußert hat, wahrscheinlich bei lebendigem Leib häuten und ihn dann noch mal fragen, was er da gerade über Gewalt gegen Frauen gesagt hat.«

»Ich sehe das ja auch so«, gab Vorak zu. »Aber die Jungs wollen trotzdem wissen, ob auch wirklich alle diplomatischen Mittel ausgeschöpft wurden.«

Storne verlor nun gänzlich die Kontrolle über seine Rechte. Sie schoss nach oben und pflügte durch sein Haar.

»Natürlich wurden alle diplomatischen Mittel ausgeschöpft«, erwiderte er entnervt. »Wir haben einen Unterhändler geschickt, der sich mit einer Abgesandten der Amazonen auf neutralem Boden getroffen hat. Dort hat er unsere berechtigten und äußerst vernünftigen Forderungen überbracht, dass sich die Amazonen gefälligst zu unterwerfen haben und sie meine uneingeschränkte Herrschaft bedingungslos anerkennen sollen. Die Gesandte der Amazonen hat dieses großzügige Angebot abgelehnt, woraufhin ihr unser Abgesandter den Kopf vom Hals geschlagen hat. Also mehr Diplomatie geht doch nun wirklich nicht!«

»Aha … nun gut. Aber da ist noch etwas.« Wieder druckste Vorak herum, doch ein Blick in die zornigen, tiefschwarzen Augen des Königs ließ ihn schleunigst fortfahren. »Wir alle bewundern natürlich deine enorme Stärke, deine mächtigen Muskeln und die Makellosigkeit deiner Bräune. Wie du deine Brustmuskeln zucken lassen kannst, imponiert uns natürlich auch ungemein. Doch einige von uns haben sich die Frage gestellt, ob diese Eigenschaften wirklich ausreichen, um ein guter Herrscher zu sein.«

Storne Stahlhand schwieg. Kein Laut drang über seine Lippen, während er seinen Untergebenen eine Zeit lang mit versteinerter Miene anstarrte. Dieser sah bereits sein Leben in einer irrsinnigen Geschwindigkeit an sich vorbeiziehen.

Dann jedoch wandte sich der König schweigend von ihm ab. Er sah zu der Hütte hinüber, in der Grahlum der Greise lebte und zum ersten Mal in seinem Leben stieß er einen lauten, verzweifelten Hilferuf aus. »Druideeeeeee!«

3

Mit einem leisen Sirren löste sich der Pfeil von der nach vorne schnellenden Bogensehne, bevor er sich seinen Weg durch den Dschungel bahnte. Er schoss zwischen hohen Farngewächsen hindurch, drang durch wild wuchernde Sträucher und durchschlug das große Blatt eines Philodendrons.

Sein Ziel jedoch verfehlte er. Stattdessen traf er den Stamm eines gewaltigen Baumriesens, in dem er fast bis zur Hälfte verschwand. Dann blieb er kurz vibrierend dort stecken.

Tissha – die Tochter von Khelea, Herrscherin der Amazonen – fluchte. Sie fluchte wesentlich lauter und derber, als es sich für eine Prinzessin geziemte. Glücklicherweise war niemand zugegen, dem ihre deftigen Kraftausdrücke die Schamesröte ins Gesicht hätten treiben können. Auch die Gestalt, welche sie nur schemenhaft durch das Dickicht hatte huschen sehen, war längst schon wieder verschwunden. Das plötzliche Auftauchen dieses Schattens hatte sie zu dem Schuss verleitet, den sie daraufhin reflexartig, voreilig und mit mangelnder Sorgfalt abgegeben hatte.

Sein Misslingen war jedoch nicht der Grund für ihren Ärger. Sie ärgerte sich über ihr törichtes, unbesonnenes Handeln, das einer erfahrenen Kriegerin wie ihr ganz sicher nicht zur Ehre gereichte. Der Pfeil hätte ihre Beute schwer verletzen oder sogar töten können und das entsprach nicht ihren Absichten. Ihre Intention war es, das entlaufene Haustier möglichst wohlbehalten und weitestgehend unversehrt nach Hause zurückzubringen. Immerhin gehörte es ihrer Mutter und die wäre bestimmt nicht erfreut darüber, wenn Tissha ihrem kleinen Liebling eine ernsthafte Verletzung zufügen würde. Eine solche Fehlleistung würde ihrem Ansehen und ihrem Ruf als Jägerin vielleicht sogar nachhaltigen Schaden zufügen können.

Sie atmete die schwere, feuchte Luft des Urwalds tief ein und spülte ihren Ärger damit hinunter, während sie sich selbst zur Ruhe gemahnte. Es gab keinen Grund zur Eile. Ihre Beute konnte ihr nicht entkommen – nicht hier, nicht in diesem dicht bewachsenen, schwer zu durchdringenden Labyrinth. Nicht mal ein Wesen mit der Geschmeidigkeit einer Schlange und der Gewitztheit einer Maus hätte sich hier fortbewegen können, ohne eine deutlich sichtbare Spur zu hinterlassen. Wie hätte dies also eine Kreatur vollbringen sollen, die so plump, grobschlächtig und zudem recht einfältig war wie jene, die sie verfolgte?

Zügig, doch sorgsam die Umgebung im Auge behaltend, setzte Tissha deshalb die Verfolgung fort. Zerbrochene Äste, geknickte Blätter und zertretenes Moos wiesen ihr dabei den Weg durch den Dschungel, in den aufgrund des dichten, hoch über ihr wuchernden Blätterdachs nur wenig Licht drang. Dieses Zwielicht beeinträchtigte die Amazone in ihrem Bestreben jedoch wenig. Sie hatte schon unter weitaus widrigeren Umständen gejagt und vermochte es sogar in dunkelster Nacht, einer Spur zu folgen. Dagegen war diese Jagd das reinste Kinderspiel. Mitunter hatte ihre Beute einen so komfortablen Pfad durch das Dickicht gepflügt, dass sie diesem mühelos und schnellen Schrittes folgen konnte, was sie natürlich auch tat.

Einige Zeit später fand dieses rasche Fortkommen jedoch ein jähes Ende. Noch immer konnte Tissha die Fährte eindeutig erkennen, doch nun führte sie durch eng verwachsenes Gestrüpp und über das oberirdisch wachsende, gewaltige Wurzelwerk der riesenhaften Bäume hinweg. Sie schulterte deshalb ihren Bogen, zog den Krummsäbel aus ihrem Gürtel und nahm den anstrengenden Teil der Verfolgung auf.

Sie schlug sich durch verworrenes, oftmals dorniges Geäst, erklomm meterhohe, moosbewachsene Wurzeln und ließ sich an seildicken Kletterpflanzen wieder herab. Sie sprang, kletterte, kroch und lief über viele Kilometer hinweg, ohne ein Anzeichen der Erschöpfung zu zeigen.

Selbst ihre Kleidung aus braunem, gehärtetem Leder geriet aufgrund dieser körperlichen Aktivitäten nicht aus der Form. Weder die hohen Stiefel noch der kurze Rock verloren ihren perfekten Sitz. Sogar das äußerst knappe Mieder, das ihre üppigen, wohlgeratenen Formen nur mit Mühe und Not zu bändigen schien, verrutschte um keinen Millimeter.

Das Dasein als Amazone hatte halt so seine Vorteile. Wie für alle Angehörigen ihres Volkes galten nämlich für Tissha ganz eigene physikalische Gesetze. Aus diesem Grund saß ihre Garderobe immer einwandfrei und die Schminke in ihrem makellosen Gesicht wurde niemals von Schweiß oder anderen Einflüssen verunstaltet. Auch ihr volles, blauschwarz schimmerndes Haar sah deshalb immer so aus, als hätte sie es gerade eben erst gekämmt – außer natürlich der Wind zerzauste es ihr in einer Art und Weise, die sie romantisch wild und überaus gut aussehen ließ.

Im Dschungel war es jedoch windstill, weshalb Tissha bald auch tadellos frisiert eine kleine Lichtung erreichte. Auf deren gegenüberliegenden Seite erspähte sie endlich das entlaufene Haustier. Erstaunlicherweise stand selbiges seelenruhig und mit dem Rücken zu ihr da, während es seine Notdurft in einen weiß blühenden Holunderbusch verrichtete. Von dieser Tätigkeit gänzlich vereinnahmt, hatte es die Ankunft der Amazone überhaupt nicht bemerkt.

Tissha grinste und schüttelte den Kopf – auf die Idee, während einer Flucht eine Pinkelpause einzulegen, konnte auch nur ein Mann kommen. Während sie einen Pfeil auf die Sehne ihres Bogens legte, näherte sie sich ihrer Beute behutsam. Noch einmal würde ihr dieser Kerl nicht entkommen. Ein wohlgezielter Schuss ins Bein sollte dies notfalls verhindern und stellte ja auch keine nennenswerte Beschädigung dar.

»Hab dich!«, rief sie, als sie sich ihrem Ziel bis auf wenige Meter genähert hatte. Der Schreck ließ den blonden, hageren Burschen heftig zusammenzucken und seine bislang sprudelnde Quelle schlagartig versiegen.

»Pack dein Gehänge ein, wir gehen heim.«

Hektisch verstaute der Mann seine Preziosen wieder in seinem Lendenschurz. Dann wendete er sich mit erhobenen Händen der Amazone zu. Bestürzt stellte diese fest, wie sehr ihm die Flucht durch den Dschungel geschadet hatte. Neben unzähligen kleinen Verletzungen und Abschürfungen, die seinen verschwitzten, ausgemergelten Körper zierten, war es natürlich der viele Schmutz, der das ausgeprägt ästhetische Empfinden der Amazone störte.

»Nun sieh dich doch nur mal an«, sagte sie weiterhin auf ihre Beute zielend. »Meine Mutter wird stinksauer sein, wenn ich dich so zurückbringe. Deine Tage als ihr Lieblingsgespiele sind wohl vorüber. Den Rest deines Lebens wirst du wahrscheinlich mit dem Verrichten niederer Arbeiten verbringen müssen. Für einen Mann ist das immer noch mehr als angemessen, wenn du mich fragst.«

Tisshas Worte schienen ihr Gegenüber gar nicht zu erreichen. Resigniert und mit leerem Blick starrte der dürre Knabe, der vielleicht gerade mal zwanzig Jahreswechsel erlebt hatte, sie an. Offensichtlich wurde ihm die Sinnlosigkeit seines Handelns nun bewusst und er erkannte, dass es für ihn kein Entkommen gab.

»Ist mir egal«, stellte er mit kraftloser Stimme fest. »Töte mich einfach, wenn du willst, denn zurückgehen werde ich auf gar keinen Fall. Ich möchte lieber tot als weiterhin ein Sklave sein.«

Etwas verblüfft musterte die Amazone das Häufchen Elend. Dessen Erschöpfung beeinträchtigte ganz offensichtlich auch sein Denkvermögen.

»Nun übertreib mal nicht«, bat sie, ihrer Stimme eine gewisse Sanftmut verleihend. »Warum solltest du sterben wollen? Euch geht es doch gut bei uns! Eure Käfige sind sauber und geräumig, ihr bekommt ausreichend Nahrung und gezüchtigt werdet ihr auch nur, wenn ihr es verdient habt. Vor dir ist deshalb auch noch nie eines unserer Haustiere auf die dumme Idee gekommen, solch ein behütetes Leben gegen die Gefahren und Mühseligkeiten der Freiheit tauschen zu wollen.«

»Ich bin ja auch kein Haustier!« Der Tonfall ihrer Beute wurde forscher, fast schon aufmüpfig, was Tissha überhaupt nicht gefiel. Scheinbar mit neuer Kraft erfüllt richtete sich der Bursche auf. »Ich bin ein freier Mann! Ich besitze einen eigenen Willen und habe als Individuum das Recht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen! Habe ich denn keinen Anspruch auf eigene Wünsche, Träume und Ziele im Leben? Soll es mir denn auf ewig verwehrt bleiben, mich selbst zu verwirklichen?« Er drückte seinen eingefallenen Brustkorb nach vorn, so als würde er ihn Tissha anbieten wollen. »Also los, Amazone, jage deinen Pfeil in mich! Dann sterbe ich zumindest als freies Wesen und für meine Überzeugung. Du jedoch wirst damit weiterleben müssen, dass du einer aufgeklärten, emanzipierten Existenz ein Ende bereitet hast.«

Tissha zog ihre wohlgeformte, dunkelrot geschminkte Oberlippe nach oben und verlieh damit ihrer Verwunderung Ausdruck. Das Mannsbild hatte vermutlich soeben mehr Worte von sich gegeben als in seinem gesamten bisherigen Leben. Üblicherweise beschränkten sich die Äußerungen der Haustiere auf rudimentäre Satzgebilde wie »Habe Hunger!«, »Will schlafen!« oder »Nicht hauen!«. Zudem hatte sie noch nicht einmal die Hälfte dieser komplizierten und in ihren Ohren frei erfunden klingenden Wortgebilde verstanden.

All das ließ sie schlussfolgern, dass dieses Männchen krank war und sie es vielleicht doch besser von seinen Qualen erlösen sollte. Vorher wollte sie aber noch mal nachschauen, ob es auch äußerliche Anzeichen einer Erkrankung an ihm gab.

Vorsichtig, allzeit bereit, den Pfeil auf ihrem Bogen seiner tödlichen Bestimmung zuzuführen, trat sie nahe an den vermeintlich Kranken heran. Mit dessen Dreistigkeit und Respektlosigkeit hatte sie jedoch nicht gerechnet.

Sein rechtes Bein schoss empor und traf ihre linke Schulter, sodass ihr Bogen zur Seite gedrückt wurde. Aufgrund der Erschütterung entwand sich die Sehne ihrem Griff und ihr Schuss löste sich. Nur um wenige Zentimeter verfehlte der Pfeil den blonden Burschen, der daraufhin mit einem Hechtsprung im Gebüsch verschwand.

Wieder stieß Tissha ein paar Flüche aus, die selbst eine Hafendirne in Schockstarre versetzt hätten. Dabei rieb sie sich ihre schmerzende Schulter. Krank hin, krank her – dieser Kerl malträtierte ihren zarten Geduldsfaden weit mehr, als es seiner Gesundheit zuträglich war. Ihn für sein ungebührliches Verhalten büßen zu lassen und seinen Kadaver als abschreckendes Beispiel vor den anderen Haustieren zu präsentieren, dieser Gedanke gewann für sie zunehmend an Attraktivität.

Sie nahm einen weiteren Pfeil aus ihrem Köcher und sondierte die Umgebung. Dieser Urwald war ihr wohlbekannt, weshalb es ihr auch schnell bewusst wurde, wohin der weitere Verlauf dieser Jagd sie beide führen würde. Das kopflos fliehende Männchen würde schon sehr bald einen Teil des Dschungels erreichen, der zu einem großen Teil überschwemmt und dessen Boden morastig, instabil und überaus tückisch war. Darüber hinaus beherbergte dieses Sumpfgebiet einige recht unfreundliche Kreaturen, auf deren Speiseplan auch Zweibeiner ihren Platz hatten. Wenn die Amazone also noch irgendwas von ihrer Beute mit nach Hause nehmen wollte, würde sie sich sputen müssen. Ohne noch länger zu zögern, folgte sie deshalb dem Flüchtenden weiter.

Noch nicht mal hundert Meter war sie seiner Spur gefolgt, als seine verzweifelt klingenden Hilferufe an ihr Ohr drangen. Trotz des zunehmend feuchter und schlammiger werdenden Untergrunds beschleunigte sie ihre Schritte, die sie dennoch geschickt und mit viel Bedacht setzte. Einen Fehltritt wollte sie natürlich vermeiden, denn sollte sie im Morast stecken bleiben, würden Jägerin und Gejagter nur noch im Duett um Hilfe schreien können.

Dank ihrer Erfahrung erreichte sie jedoch ohne Zwischenfälle das ausgedehnte Sumpfloch, welches schon fast einem kleinen See glich und in dessen trübem Wasser der blonde Bursche hilflos herumpaddelte. Der irrigen Annahme folgend, sie durchschwimmen zu können, war der Idiot einfach in die schmutzig braune Brühe gesprungen. Nun steckte er wahrscheinlich in dem schlammigen Boden fest, der sich unter der Wasseroberfläche verbarg. Selbige reichte ihm bereits bis zur Unterlippe.

»Na du Individuum?«, rief Tissha ihm hämisch grinsend zu. »Wie lebt es sich denn so frei und selbstbestimmt?«

»Bitte hilf mir!«, jammerte ihre Beute, anstatt auf ihre Frage zu antworten. »Meine Füße stecken im Schlamm fest und ich weiß nicht, wie lange ich meinen Kopf noch über Wasser halten kann!«

Die Amazone stieß einen schweren Seufzer aus. »Siehst du, Männeken, das ist der Grund, warum wir euch nicht frei herumlaufen lassen. Es ist noch nicht mal einen halben Tag her, dass du aus deinem Käfig geflohen bist und schon steckst du in einer aussichtslosen Lage. Ihr Männer seid einfach zu blöd – zu blöd sogar, um durch einen Wald zu rennen.«

»Bitte!«, flehte der Blondschopf erneut. Obwohl er versuchte, sich mit Schwimmbewegungen über Wasser zu halten, drang immer wieder etwas davon in seinen Mund. Seine Worte wurden deshalb immer wieder von Husten und Spucken unterbrochen. »Wenn du mir hilfst, werde ich mit dir zurückgehen, ohne Widerstand zu leisten.«

Tissha dachte über sein Angebot nach. Die Versuchung in ihr, ihn einfach absaufen zu lassen, war angesichts seiner unverschämten Taten natürlich groß. Andererseits wollte sie nur ungern mit leeren Händen vor ihre Mutter treten und ein lebendiger Mann war wesentlich leichter aus einem Sumpfloch zu bergen als eine Leiche. Zudem würde sie ein lebendiges Haustier nicht schleppen müssen. Was sie mit dem impertinenten Knaben anstellen würde, wenn sie erst mal wieder zu Hause waren, diese Frage ließ sie für den Moment offen.

»Also gut«, entschied sie deshalb. »Ich hol dich da raus, obwohl du es nicht verdient hast. Solltest du diesen Akt der Barmherzigkeit nicht zu schätzen wissen, werde ich die Bäume ringsum mit deinen Innereien schmücken.«

Mit kleinen, vorsichtigen Schritten arbeitete sich Tissha an das Sumpfloch heran. Dieses war begrenzt von einem etwa drei Meter breiten Streifen aus zähem Schlamm, der unter ihren Füßen sofort nachgab. Sie trat deshalb wieder zurück und schätzte die Entfernung zu dem im Wasser planschenden Burschen sorgsam ab. Dessen Sprung hatte ihn über den Schlammstreifen hinweg noch ungefähr zwei Meter weiter ins Wasser befördert. Die Amazone nahm dies mit einer gewissen Achtung zur Kenntnis. Die Leistungsfähigkeit seiner Beine überstieg die seines Gehirns scheinbar erheblich.

Dies gereichte ihm allerdings nun zum Nachteil, denn ohne Hilfsmittel würde ihn Tissha nicht aus seiner Notlage befreien können. Sie sah sich nach einem geeigneten Gegenstand um, fand jedoch nur einen dicken, etwa zweieinhalb Meter langen Ast. Wenn sie ihn damit aus dem Wasser ziehen wollte, würde sie den Rest der Distanz mittels Körpereinsatz überwinden müssen.

»Ich fasse es nicht«, knurrte sie leise, während sie ihre Waffen ablegte. Dann ließ sie sich bäuchlings in den Matsch nieder, um ihr Gewicht darauf möglichst gleichmäßig zu verteilen. »Alles nur wegen einem dämlichen, ungehorsamen Haustier.«

Den Ast in ihrer Linken haltend und begleitet von einem schmatzenden, schlürfenden Geräusch schob sie sich langsam vorwärts, dem Wasser entgegen. Ein Versinken in der breiigen Masse verhinderte sie so, doch als sehr angenehm empfand sie diese Art der Fortbewegung nicht. Der nasse, kühle Schlamm heftete sich an ihre Haut und drang in den Ausschnitt ihres Mieders. Dann schob er sich zwischen ihre Brüste, wo er als dicker, feuchter Klumpen hängen blieb. Diese Methode der Brustvergrößerung sagte Tissha überhaupt nicht zu, zumal sie so etwas ganz und gar nicht nötig hatte.

Kurz bevor sie das Wasser erreichte, hielt sie erschrocken inne. Ein paar Luftblasen waren einige Meter hinter dem blonden Burschen aufgestiegen. Die Amazone glaubte, dort auch eine Bewegung unter der Wasseroberfläche gesehen zu haben. Soweit es ihr möglich war, richtete sie ihren Oberkörper auf, um besser und weiter sehen zu können. Ein großer Schatten, der nahe der Oberfläche durch das Wasser glitt, bestätigte ihren Verdacht: Eine unangenehme und höchstwahrscheinlich hungrige Überraschung näherte sich von dort. Das kurz darauf auftauchende, gelbgrüne Paar Reptilienaugen überzeugte sie vollends von der Notwendigkeit, sich von dem Männchen verabschieden zu müssen. Da sie unbewaffnet und nicht sicher war, ob ein so mageres Kerlchen einem Krokodil als Hauptspeise genügen würde, trat sie den Rückzug an.

»Ist wohl nicht dein Tag heute!«, rief sie derweil dem ahnungslosen Blondschopf zu.

Dieser sah sie nur verständnislos und aufgrund ihres Rückzugs äußerst beunruhigt an. Von der eigentlichen Gefahr hatte er noch gar nichts mitbekommen. Tissha ersparte es sich, ihn über diese zu informieren. In wenigen Augenblicken würde er ohnehin darüber Bescheid wissen. Sie konzentrierte ihre Bemühungen lieber darauf, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen, was ihr auch recht schnell gelang.

Während sie sich abseits des Schlammes wieder erhob und ihre Waffen anlegte, fiel jeglicher Schmutz von ihr ab wie welkes Laub von einem Baum. Die ganz speziellen Naturgesetze ihrer Rasse sorgten dafür, dass sie innerhalb von Sekunden wieder so aussah, als wäre sie soeben einem duftenden Schaumbad entstiegen. Wieder einmal verspürte Tissha in sich diese tiefe Dankbarkeit dafür, dass sie als Amazone auf die Welt gekommen war.

Ein lauter, doch sehr kurzer Schrei lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Geschehnisse im Sumpfloch. Dort, wo vor wenigen Augenblicken nur der Kopf des entflohenen Haustieres aus dem Wasser gelugt hatte, rangen nun zwei seltsam ineinander verschlungene Gestalten miteinander. Sie tauchten ab und wieder auf, drehten sich umeinander wie bei einem wilden Tanz und zerwühlten dabei die schmutzige Brühe um sich herum. Diese schoss in kleinen Fontänen empor und spritzte wirr umher, sodass Tissha die zwei Wesen in ihrem tödlichen Reigen nur undeutlich erkennen konnte. Hin und wieder erspähte sie eine menschliche Hand aus dem Wasser ragen. Dann wieder ein Bein und manchmal auch ein riesiges, weit geöffnetes Maul voller scharfer Zähne oder einen um sich peitschenden, geschuppten Schwanz.

All das dauerte freilich nicht lange. Dann beruhigte sich die Wasseroberfläche wieder, bis auf ein paar Luftblasen, die leise auf ihr zerplatzten. Während das Braun des trüben Wassers sich zusehends in ein dunkles Rot verwandelte, beobachtete die Amazone das Sumpfloch wachsam und mit schussbereitem Bogen. Sie konnte jedoch keinerlei Anzeichen dafür ausmachen, dass dem gefräßigen Reptil der Sinn nun nach einem Nachschlag stand. Stattdessen entschwand es als schemenhaftes Gebilde in den Tiefen des Sumpflochs.

»Na, Weltklasse«, bemerkte Tissha, als sie den Fetzen Stoff erblickte, der von kleinen, roten Wellen getragen langsam auf sie zutrieb. Mehr als dieser Lendenschurz war von dem Haustier ihrer Mutter nicht übrig geblieben. »Dich sammle ich jetzt ganz sicher nicht ein. Ohne Inhalt nutzt du meiner Mutter nämlich herzlich wenig.«

Sie sah noch einmal dorthin, wo sie den blonden Jüngling das letzte Mal erblickt hatte. »Das hast du nun von deinem albernen Freiheitsdrang«, murmelte sie nachdenklich. »Ich würde zu gerne wissen, welcher Irrsinn es war, der diese widernatürliche Sehnsucht in dir geweckt hat.«

Sie wandte sich zum Gehen, doch eine Bewegung, die sie aus den Augenwinkeln heraus wahrnahm, ließ sie innehalten. Auf einem der Bäume in ihrer Nähe entdeckte sie eine ungewöhnlich große Krähe, die sie aufmerksam zu beobachten schien. Nur ganz selten verirrte sich ein Vogel dieser Art so weit in den Süden. Tissha nahm von seiner Anwesenheit darum auch voller Erstaunen Notiz. Darüber hinaus wurde ihr erst jetzt klar, dass sie sich schon seit einer geraumen Weile beobachtet gefühlt hatte. Aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse hatte sie dieses Gefühl jedoch verdrängt.

»Was machst du denn hier?«, fragte sie sanft. »Folgst du mir schon länger?«

Sie legte ihren Kopf dabei etwas schräg und die Krähe tat es ihr umgehend gleich. Es sah so aus, als würde der Vogel ihre Bewegung imitieren. Die Amazone lächelte. Offenbar war diese Kreatur von einer gewissen Intelligenz beseelt.

»Hast wohl gedacht, hier würden ein paar leckere Stücke Aas für dich abfallen«, vermutete Tissha, die über das Fressverhalten von Krähen selbstverständlich Bescheid wusste. »Da muss ich dich leider enttäuschen – die schwimmende Handtasche hat alles komplett aufgefressen.«

Ihr Gesprächspartner antwortete natürlich nicht. Er senkte seinen Kopf und hob gleichzeitig seine Flügel etwas an, was beinahe einem Schulterzucken glich. Dann breitete er plötzlich seine Schwingen aus und erhob sich in die Lüfte. Ein lautes Krächzen ausstoßend, das wie ein Abschiedsgruß klang, flog er nach Norden davon.

Tissha sah ihm gedankenverloren nach. Warum nur hatte sie das Gefühl, dass sie diesen schwarz gefiederten Gesellen wiedersehen würde?

4

Storne Stahlhand schlief nicht gut in dieser Nacht.

In normalen Nächten suchten ihn im Schlaf oft die Geister der vielen Verstorbenen heim, die er im Kampf erschlagen hatte. In Scharen erschienen sie in seinen Träumen: Bleiche, verstümmelte Schreckgestalten mit verwesenden Leibern, die ihre verrottenden Finger als stumme Anklage auf ihn richteten. Sie forderten Vergeltung für seine Taten, schweigend, doch die eingefallenen, lippenlosen Münder zu lautlosen Schreien verzerrt. Ihre toten Augen sahen ihn anklagend an und ihr Hass erfüllte die Luft wie ein Geruch, der sogar den Gestank von Fäulnis und Verwesung überdeckte.

Doch in dieser Nacht war es anders – in dieser Nacht träumte er schlecht.

Wie es bei Albträumen oft der Fall ist, fing auch dieser recht harmlos an. Es war helllichter Tag und Storne stand wieder vor der Rauschhöhle, in der Zorm der Zerfetzer versehentlich sein unrühmliches Ende gefunden hatte. Das schwere Tor war geschlossen und weder der Druide noch sonst irgendjemand war außer dem König zugegen.

Seltsamerweise war es diesem bewusst, dass er sich in einem Traum befand. Aus diesem Grund überraschte es ihn auch nicht, dass sich das Tor plötzlich und ohne sein Zutun öffnete, obwohl es ja eigentlich nur mithilfe des großen Handrads nach oben gezogen werden konnte. Als es vollständig geöffnet war, trat ein ziemlich angefressen aussehender Zorm aus der Höhle heraus – wobei angefressen nicht seinen Gemütszustand beschreiben soll. Ihm fehlten tatsächlich ein paar große Stücke seiner Oberschenkel, seiner Arme und seines Oberkörpers. Letzterer war stellenweise sogar bis zu den Knochen abgenagt, was dem Aussehen des blonden Barbaren natürlich ziemlich abträglich war. Dass seine Verletzungen noch frisch waren und sein Blut daraus in dicken, zähen Tropfen zu Boden fiel, steigerte das Grauen seines Anblicks zudem erheblich.

Bis hierher verlief dieser Traum also nach dem üblichen Muster, wie Storne unbeeindruckt und etwas gelangweilt feststellte.

Dann jedoch begann die Angelegenheit unangenehm zu werden. Statt der gewohnt anklagenden und hasserfüllten Blicke erschien in den Augen Zorms ein Ausdruck abartiger Güte und Barmherzigkeit. Die klaffenden Wunden schlossen sich und neues Fleisch wuchs in den herausgerissenen Stellen. Bald schon sah der Zerfetzer wieder aus, als hätte sich nie ein Raubtier mit ihm den Bauch vollgeschlagen. Widerlich nett und aufrichtig lächelnd streckte er dem König seine Hände entgegen.

»Hab keine Furcht«, säuselte er so milde, dass es Storne beinahe den Magen umdrehte. »Ich verzeihe dir! Dein Handeln war geprägt von der Unwissenheit und den falschen Doktrinen, denen unser Volk schon seit Urzeiten ausgesetzt ist. Wie soll man dir da einen Vorwurf machen können?«

»Na toll!« Der König verschränkte die Arme vor der Brust und beäugte den Auferstandenen voller Hohn. »Selbst im Tod laberst du noch daher, als wenn du nicht alle Latten am Zaun hättest. Kannst du dich nicht wenigstens im Jenseits wie ein anständiger Barbar verhalten? Ob du mir verzeihst oder bei den Zwergen ein Fass Met umkippt, ist mir gleichermaßen schnurz. Ich habe das Richtige getan – nämlich einen Spinner wie dich unschädlich zu machen. Das mit dem Säbelzahntiger war ein Versehen, so was kann halt mal passieren. Hast du die Bestie wenigstens dafür gekillt, dass sie dich gefressen hat?«

»Aber natürlich nicht!« Zorm hielt seinen pervers freundlichen Gesichtsausdruck weiterhin aufrecht. »Wie hätte ich dieses Wesen denn töten sollen? Bevor ich überhaupt begreifen konnte, was los war, hatte es seine Zähne schon vollständig in mir vergraben. Und in diesem Traum kommt das Tier auch überhaupt nicht vor, da es keinerlei Relevanz hat. Aber selbst wenn es hier existieren würde, täte ich ihm kein Leid an. Es ist doch auch nur seinen Instinkten gefolgt. Wahrscheinlich würde ich meinen Frieden mit ihm schließen, so wie ich diesen auch mit dir schließen möchte. Aus Vergebung sind die Steine geformt, mit denen wir die Straße zum Frieden pflastern.«

»Ich glaub, ich kotze gleich!« Überrascht stellte Storne fest, dass er selbst im Schlaf einen Brechreiz empfinden konnte. »Was ist eigentlich der Sinn dieses bekloppten Traums? Soll er mir einfach nur auf die Nüsse gehen oder hält er auch noch irgendwelche nützlichen Informationen für mich bereit?«

»Er soll dir vor Augen führen, wie es sein könnte, wenn wir alle unserer barbarischen Natur abschwören und neuen, revolutionären Ideen eine Chance geben würden.« Die Traumgestalt schritt an Storne vorbei. »Komm mit mir, ich zeige es dir.«

Der König zögerte. Schon jetzt jagte ihm dieser Traum eine Heidenangst ein und er wollte eigentlich gar nicht wissen, wie sich dieser noch entwickeln würde. Da es ihm aber partout nicht gelingen wollte aufzuwachen und sich ein wahrer Barbar unter keinen Umständen von Furcht beeinflussen ließ, folgte er dem Zerfetzer.

Dieser führte ihn ins Dorf, das in den Augen Stornes eine grauenhafte Veränderung durchgemacht hatte. Nicht eine Behausung sah noch so aus, wie es der König gewohnt war und wie es schon seit Jahrhunderten der Barbaren-Tradition entsprach. Die vertrauten Hüttenwände aus groben Holzstämmen waren seltsam glatten Wänden gewichen, die man mit viel Sorgfalt verputzt und angestrichen hatte. Nahezu jede Hütte erstrahlte in einer anderen freundlichen, hellen Farbe und all diese Farben verursachten tief empfundene Abscheu in Storne. Als ebenso grauenerregend empfand er die vielen bunten Blumen, die vor fast jedem Hütteneingang wuchsen. Anscheinend gab es wirklich Dorfbewohner, die ihre Zeit mit dem Heranziehen dieses überflüssigen Unkrauts verschwendeten. Warum vernunftbegabte Wesen etwas derart Blödsinniges taten, das konnte sich der König beim besten Willen nicht erklären. Die allgegenwärtige Harmonie, die dieser Ort ausstrahlte, verursachte zudem ein starkes Gefühl der Entfremdung in ihm. Dies war nicht mehr das Dorf, in dem er geboren und aufgewachsen war. Hier fühlte er sich ganz und gar nicht mehr heimisch und wohl.

Aber auch die Einwohner des Barbarendorfs hatten sich verändert. Ohne dass es jemand zu stören schien, tollten die Kinder lachend und spielend umher, obwohl sie sich doch eigentlich im bewaffneten Zweikampf hätten messen oder sich der Körperertüchtigung hätten widmen sollen. Die Frauen standen tratschend und kichernd in kleinen Gruppen zusammen, statt sich um die Wunden ihrer Männer zu kümmern oder in anderer Form für deren leibliches Wohl zu sorgen. Selbst dieses unverschämte Verhalten fand keinerlei Widerspruch und wurde anstandslos geduldet.

Für blankes Entsetzen in Storne sorgte letztendlich der Umstand, dass alle männlichen Barbaren ohne Waffen herumliefen und sie außerordentlich seltsam gekleidet waren. Sie trugen bunte Kleidung aus dickem Leinen, die fast ihre ganzen Körper verdeckte. Ihre massigen, beeindruckenden Muskeln konnte man so überhaupt nicht sehen.

All das verstörte den König sehr. Er fühlte sich überfordert, kaum noch in der Lage, diesen fürchterlichen Traum noch länger ertragen zu können. Doch sein Begleiter, der Zerfetzer, zeigte kein Erbarmen. Fröhlich winkend rief er eine der Dorfbewohnerinnen herbei, die ihren Weg durch das Dorf zufällig kreuzte. Leise stöhnend stellte Storne fest, dass es sich bei dieser um Froengi handelte.

Die Mittdreißigerin trug ein farbenfrohes Kleid und hatte es tatsächlich gewagt, sich Schminke in ihr altes, verbrauchtes Gesicht zu schmieren. Darüber hinaus zeigte ihr Gebaren keinerlei Respekt oder Unterwürfigkeit, sondern nur ein geradezu empörendes Selbstbewusstsein.

»Froengi, meine Teuerste!«, begrüßte Zorm die Greisin. »Erzähle uns doch ein wenig über das Leben hier im Dorf!«

»Oh, es ist einfach wunderbar«, frohlockte Froengi. Ihr Lächeln war dabei so strahlend und jugendlich, als hätte sie ihre besten Jahre nicht schon längst hinter sich gelassen. »Wir alle leben hier in vollkommener Eintracht und Zufriedenheit – frei und ohne Sorgen. Wir machen nur, was uns gefällt, wobei wir einander stets achten und respektieren. Es gibt keine Waffen, keine Gewalt und keine Kämpfe mehr. Da alle anderen Rassen und Völker Archainos ebenfalls den Pfad der Gewaltlosigkeit gewählt haben, gibt es auch keine Kriege mehr. Wir leben in einer Welt des Friedens und der Liebe, in der jedes Wesen auf seine Art glücklich werden kann.«

Storne Stahlhand verspürte ein leichtes Schwindelgefühl. Alles um ihn herum schien sich zu verändern. Die Umgebung verschwamm, sie wurde unscharf wie eine Spiegelung in unklarem Wasser und die Menschen wurden mehr und mehr zu geisterhaften Schatten. Möglicherweise war dies ein Anzeichen dafür, dass sich sein Traum dem Ende neigte – so hoffte er zumindest. Vielleicht war es aber auch nur die Reaktion seines Verstandes auf diesen kolossalen Schwachsinn, den das alte Weib da von sich gegeben hatte.

»Wer ist euer König?«, wollte er wissen. »Wer lässt es zu, dass dieser ganze Unfug hier geschieht? Bin ich etwa noch euer Herrscher?«

Froengi sah ihn mitleidig und ein wenig amüsiert an. Storne nahm dies wie durch einen Schleier wahr.

»Aber nein«, sagte sie. »Wir haben gar keinen König mehr. Wir entscheiden alle gemeinsam über die Belange des Stammes. Wenn eine wichtige Entscheidung ansteht, versammeln wir uns alle im Langhaus und stimmen darüber ab. Jede Stimme zählt dabei gleich viel. Wir nennen das Demokratie.«

Storne hatte genug. Er wollte nicht länger in dieser abstrusen Traumwelt verweilen. Seine rechte Hand fand ihren Weg in sein Haar, während er ächzend sein Haupt senkte. Erst als er so an sich herabsah, bemerkte er, dass auch er diese seltsame Kleidung aus Leinen trug, welche die Pracht seines famosen Leibes vollständig verbarg. Dann fiel sein Blick dorthin, wo sich eigentlich seine stahlharten, völlig fettfreien Bauchmuskeln befinden sollten. Eine beachtliche Wampe wölbte nun dort den groben Stoff.

Schweißnass und schreiend erwachte Storne Stahlhand aus seinem Traum. Sein Herz schlug wie eine Kriegstrommel und er keuchte, als hätte er gerade einen Oger huckepack durch den Wald getragen. Die seltsamen Äußerungen Froengis und Zorms schwirrten noch durch seinen benommenen Verstand. Es beunruhigte ihn sehr, dass nun auch schon sein Unterbewusstsein damit anfing, sich alberne, neue Wörter auszudenken. Das noch immer vor seinem inneren Auge präsente Bild seines verunstalteten Körpers beunruhigte ihn jedoch wesentlich mehr.

»Nun krieg dich mal wieder ein, du elende Memme«, maßregelte er sich selbst. »Was bist du, ein Barbar oder ein verängstigter Säugling? Das war nur ein Traum, ein öder, blöder Traum.«

Um sich gänzlich von der Richtigkeit dieser Aussage zu überzeugen, strich er sich mit der Hand behutsam über seine Körpermitte. Die steinharten, deutlich herausragenden Erhebungen, über die seine Fingerspitzen dabei glitten, ließen ihn erleichtert aufatmen.

Danach erhob er sich von seinem Bett, einem mit Tierfellen bedeckten Gestell, das aus dicken, mit Lederriemen zusammengebundenen Ästen bestand. Obwohl es sich um die Hütte des Königs handelte, war auch die übrige Einrichtung dieser Unterkunft eher schlichter und rein zweckmäßiger Natur. Unnötiger Zierrat und Gerümpel waren jedem Barbaren ein Graus. Neben dem Bett gab es lediglich einen Tisch mit vier Stühlen, ein paar Truhen, einen aus groben Steinen gemauerten Kamin und eine Vielzahl von Waffen, die mit Haken an der Wand befestigt waren. Da in dem Kamin kein Feuer brannte, war das kleine Fenster der Hütte zurzeit die einzige Lichtquelle. Doch auch diese war momentan wenig ergiebig, da es – anders als in Stornes Traum – noch tiefste Nacht war. Die herrschende Finsternis hielt den König jedoch nicht davon ab, die Tür seiner Behausung zu öffnen und einen kurzen Blick hinaus zu werfen.

Das Dorf lag ruhig und so wie er es kannte vor ihm. Keine farbenfrohen Hütten oder bunten Blumen beleidigten sein Auge. Wieder entrang sich seinem Brustkorb ein erleichtertes Seufzen. Er schloss die Tür, ging zu seinem Bett und legte sich beruhigt darauf nieder. Nach nur wenigen Augenblicken fiel er wieder in einen tiefen, diesmal traumlosen Schlaf.

Nach seinem Empfinden waren erst wenige Minuten vergangen, als ihn ein lautes, unbekanntes Geräusch erneut aus dem Schlaf riss. Es war ein durchdringendes, schräges Tröten, wie er es noch nie zuvor vernommen hatte und das ihn erschrocken hochfahren ließ. Die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster drangen, widerlegten seine Vermutung bezüglich der Dauer seines Schlafes, was ihm jedoch einerlei war.

Ihn erfasste eine unbändige Wut auf den Verursacher dieses infernalischen Lärms, der nun ohne Unterlass seine Trommelfelle drangsalierte. Keinem Dorfbewohner war das Verursachen lauter Geräusche gestattet, bevor der König aus seinem hoheitlichen Schlummer erwacht war. Dieser Krach stellte somit auch einen ungeheuerlichen Affront und eine Missachtung seiner Autorität dar.

Wie ein wilder Stier, die Zornesröte im Gesicht und der Raserei nahe, stürmte Storne deshalb aus seiner Hütte. Dass er barfuß war und noch seinen Schlaf-Lendenschurz trug, bemerkte er dabei gar nicht. Ihn trieb nur noch das Bestreben, den Ruhestörer rasch ausfindig zu machen und dem Krawall ein Ende zu bereiten.

Recht schnell entdeckte er den Störenfried neben dem Dorfbrunnen. Es war kein Angehöriger des Stammes, es war noch nicht mal ein Barbar. Ein ziemlich mickrig aussehendes Kerlchen stand da, fremdartig bekleidet mit hohen Stiefeln, einer knielangen, weißen Tunika und einem blauen Wappenrock darüber. Das Wappen auf seinem Rock zeigte einen aufrecht stehenden, weißen Löwen. Eine ebenso weiße, lange Feder zierte die alberne Mütze auf dem Kopf des Fremden.

An seine Lippen presste er ein seltsames, goldfarbenes Musikinstrument. Es bestand aus einer langen, mehrfach gewundenen Röhre, die in einer trichterförmigen Öffnung endete. An die Kriegshörner der Barbaren erinnerte dieses Ding den König, nur dass es nicht aus dem Horn eines Tieres gemacht war, sondern aus Metall.

Voller Inbrunst, die Backen aufgebläht wie die Schallblasen eines Frosches, blies der Unbekannte in sein Musikinstrument. Die drohende Gefahr, die sich ihm in Form eines wutschnaubenden Barbaren näherte, bemerkte er deshalb zunächst nicht.

»He, du Torfnase!«, brüllte Storne dem Radaubruder entgegen. Er hatte mittlerweile einen Grad der Entrüstung erreicht, der ihn jegliche Zurückhaltung vergessen ließ. »Bist du des Lebens überdrüssig oder einfach nur total behämmert?«

Blitzschnell hatte er den Fremden erreicht und ebenso blitzschnell riss er ihm seine seltsame Tröte aus den Händen. Ohne irgendwelche Erklärungen des Unbekannten abzuwarten, begann er, mit diesem Instrument auf selbigen einzuprügeln.

»Ich werde dir zeigen, welche Folgen es hat, den Schlaf eines Barbarenkönigs zu stören!«, schnaubte er dabei voller Wut.

Dass der Fremde nicht dem Volk der Barbaren angehörte, das zeigte sich alleine schon daran, dass er bereits nach fünf Schlägen zu Boden ging. Dort blieb er um Gnade winselnd liegen, zusammengerollt wie ein Ungeborenes im Leib der Mutter. Seine Arme legte er zudem schützend um seinen Kopf und jeder Schlag entlockte ihm ein mitleiderregendes Jaulen.

Dies hielt Storne natürlich nicht davon ab, weiterhin mit dem Blasinstrument auf ihn einzudreschen. Selbiges verlor zusehends seine ursprüngliche Form und verwandelte sich in ein zerbeultes, verbogenes Stück Blech.

»Kommst einfach in mein Dorf und röhrst hier herum wie ein besoffener Elch«, schimpfte der König unterdessen weiter. »Dafür versohle ich dir dermaßen den Arsch, dass dir allein der Gedanke an diese unsagbar dämliche Tat schon unendliche Schmerzen bereiten wird.«

Ein lautes Räuspern ließ ihn innehalten, während er zu einem weiteren Schlag ausholte.

»Verzeiht bitte«, erklang eine ihm unbekannte Stimme. »Könntet Ihr eventuell davon Abstand nehmen, unserem Herold sämtliche Knochen im Leib zu brechen? Wir wären Euch dafür überaus dankbar.«

Storne ließ von seinem kläglich jammernden Opfer ab und sah nach oben. Erst jetzt bemerkte er die zwei Reiter, die etwas verstört von ihren prächtigen Rössern auf ihn herabsahen. In seiner blinden Rage hatte er die beiden Fremdlinge glatt übersehen. Dass sich inzwischen auch eine Schar neugieriger Dorfbewohner angelockt von all dem Lärm um den Brunnen herum versammelt hatte, war ihm ebenfalls entgangen. Er ließ deshalb das zweckentfremdete Musikinstrument neben dem schluchzenden Häufchen Elend zu Boden fallen. Nur ungern wollte er den Eindruck erwecken, cholerisch oder jähzornig zu sein.

»Ich danke Euch!«, sprach der Besitzer der unbekannten Stimme weiter. Er war ein wohl recht alter Mann, der ein burgunderrotes, sehr kostbar aussehendes Gewand trug. Sein langes Haar und sein ebenfalls langer Bart waren so weiß wie das Fell der hochgewachsenen, edlen Stute, auf deren Rücken er saß.

Der Bursche zu seiner Linken hingegen saß auf einem pechschwarzen Hengst und trug eine beeindruckende, mit Gold reich verzierte, stählerne Plattenrüstung, die seinen Leib vollständig verbarg. Auch das Visier seines mit Federn geschmückten Helms war geschlossen, sodass Storne nur ein Paar grüngraue Augen erkennen konnte. Bewaffnet war dieser Krieger mit einem imposanten Zweihandschwert, das neben ihm an seinem Sattel hing. Sein weißhaariger Begleiter trug indes nur einen langen Stab bei sich, dessen Spitze ein rot schimmernder Kristall zierte.

Neben den beiden Reitern stand ein drittes Pferd, das offensichtlich dem glücklosen Musiker gehörte, der noch immer klagend auf dem Boden herumlag.

»Ihr müsst unserem Herold verzeihen«, bat der Alte. »Er hat lediglich unser Eintreffen in diesem Dorf verkündet, so wie es seinen Pflichten entspricht.«

»Aha, seinen Pflichten ist er also nachgekommen«, sinnierte Storne, während er die langen, aufwendig gemusterten Schabracken betrachtete, mit denen die drei Pferde bedeckt waren. »Von denen hättet Ihr ihn lieber zeitweise befreien sollen. Es gehört sich nämlich nicht, vor Tagesanbruch ein solches Trara zu veranstalten.«

»Aber die Sonne steht bereits hoch am Himmel, guter Mann«, lautete der berechtigte Einwand des weißhaarigen Reiters.

Storne richtete sich zu seiner vollen Größe auf. »Hierzulande beginnt ein Tag, wenn ich es sage!« Er ließ seine Brustmuskeln ein paar Mal eindrucksvoll zucken. »Denn ich bin Storne Stahlhand, Herrscher der Nordland-Barbaren. Mein Wort gilt hier mehr als der Lauf irgendwelcher Sonnen!« Etwas argwöhnisch musterte er seine zwei Besucher. »Und mit wem spreche ich?«

»Ich bin Teophus Teodaphalus, Erzmagier am Hofe König Ludebrechts«, stellte sich der Alte vor. »Mein Begleiter ist der ehrenwerte Hohlefried von Ömmerbaum, Paladin im Dienste seiner Majestät und Offizier der Palastwache. Wir kommen aus Loewenehr, der Hauptstadt Adlreichs – falls Euch das etwas sagt.«

»Natürlich sagt mir das etwas!«, erwiderte Storne etwas brüskiert. »Haltet Ihr mich etwa für ungebildet? Jeder kennt Adlreich, das Land der Zauberer und der edlen Ritter, bedeutendste Nation der menschlichen Rasse und Heimat der sogenannten zivilisierten Menschen. Aber Adlreich liegt auch sehr, sehr weit im Osten, deshalb frage ich mich, was Euch so weit in den Westen führt.«

»Eine außerordentlich ernsthafte und dringliche Angelegenheit«, mischte sich nun der Paladin in die Unterhaltung ein. Der Helm auf seinem Kopf verlieh seiner Stimme einen Klang, als würde er durch ein Ofenrohr sprechen. »Wir sind in der Tat sehr weit geritten in der Hoffnung, diese mit Euch besprechen zu können. Hier scheint mir jedoch nicht der geeignete Ort für eine solche Unterredung zu sein.«

Storne sah sich um und umgehend schloss er sich der Meinung des Blechkameraden an. Der Dorfbrunnen, umringt von einfachen Stammesmitgliedern, war wirklich nicht der passende Ort für eine königliche Audienz.

»Nun gut«, sagte er deshalb. »Ich lasse Euch in den Thronsaal bringen.« Er warf einen Blick auf den Leidtragenden seines überstandenen Wutanfalls. Dieser schien sich aus eigener Kraft nicht mehr erheben zu können. »Und verzeiht mir bitte, wenn ich vielleicht ein wenig überreagiert habe.«

»Ein wenig überreagiert?«, fragte der Herold mit weinerlicher Stimme. »Ihr habt mir, glaube ich, einige Rippen gebrochen. Mein linkes Ohr ist taub und meine Beine spüre ich auch nicht mehr. All die Prellungen und blauen Flecken will ich gar nicht erst erwähnen.«

Storne sah verächtlich auf ihn herab. »Kann es sein, dass Ihr recht wehleidig seid? Aber seis drum, man wird sich um Euch kümmern.«

Er winkte einen jungen Burschen zu sich, der untätig in seiner Nähe stand. »Du da, geh und such den Druiden. Der alte Zausel treibt sich wahrscheinlich irgendwo im Wald herum und sucht Kräuter für seine Tränke. Sag ihm, dass wir Gäste haben, es aber einen kleinen Zwischenfall gegeben hat und er sich deshalb ein paar unbedeutende Kratzer anschauen muss. Danach soll er unsere Besucher ins Langhaus führen und ihnen etwas Met bringen.«

Er sah an sich herab und wurde sich peinlich berührt seiner Nachtkleidung bewusst. »Äh … und ich sollte mich wohl in der Zwischenzeit umziehen.«

Alles geschah, wie es der König befohlen hatte und nur wenig später fand die Zusammenkunft im königlichen Langhaus statt. Storne – nun vollständig und korrekt gekleidet – saß natürlich auf dem Schädelthron. Seine Stiefel hatte er angezogen und seinen Lendenschurz für die Nacht hatte er gegen jenen getauscht, den er am Tag zu tragen pflegte.

Grahlum der Greise hatte sich derweil um die Wehwehchen des Herolds gekümmert. Dass sich dieser aufgrund seiner geringfügigen Blessuren außerstande sah, an der Unterredung teilzunehmen und lieber in einem Krankenbett herumlag, entzog sich gänzlich Stornes Verständnis. Doch die Gegenwart dieses Jammerlappens war ohnehin nicht vonnöten, so lautete zumindest die Meinung der anderen Besucher.

»Zunächst einmal möchte ich unsere Gäste formell und unserer Tradition entsprechend begrüßen«, verkündete der König. Dann erhob er sein Trinkhorn, das bis zum Rand mit goldgelbem Met gefüllt war. »Also, auf Euer Wohl – mögen Eure Klingen immer scharf und Eure Kämpfe immer blutig sein!«

Die drei anderen Anwesenden, die sich nahe beim Thron an der Tafel niedergelassen hatten, taten es ihm gleich. Während sich König, Druide und Magier nun einen kräftigen Schluck des Honigweines gönnten, schlug sich der Paladin das Trinkhorn vor sein noch immer geschlossenes Visier. Das leise Scheppern und sein lautes Fluchen wurden amüsiert zur Kenntnis genommen.

»Verzeihung!«, murmelte er verlegen, dann öffnete er das nun feuchte und klebrige Visier hastig.

Er gab somit den Blick auf ein Gesicht frei, das in den Augen der anwesenden Barbaren noch ziemlich jung und unerfahren wirkte. Als Milchgesicht hätten sie es wohl treffenderweise bezeichnet.

»Welchem Umstand verdanken wir also die Ehre Eures Besuches?«, wollte Storne nun endlich wissen.

Er lehnte sich in seinen Thron zurück und tat so, als würde er sich wohlfühlen. Tatsächlich fühlte er sich mal wieder so, als würde er auf einem Haufen spitzer Felsbrocken sitzen.

»Wir sind auf der Suche nach einem äußerst gefährlichen Wesen, das sich hier in Euren Gefilden herumtreibt«, erklärte der weißhaarige Magier. »Es handelt sich dabei um einen Vampir – genauer gesagt um einen Vampirlord. Dieser Blutsauger hat sein Unwesen über mehrere Wochen hinweg in Loewenehr getrieben. Einige junge Frauen hat er dort entführt, zumeist Angehörige niederer Stände. Anfangs sind wir uns der Ernsthaftigkeit dieser Umtriebe gar nicht bewusst gewesen. Die Stadtwache hat nach den vermissten Mädchen gesucht, so wie sie es immer tut, wenn irgendwelche Personen verschwinden. Dann hat es dieser Lump jedoch zu weit getrieben und dabei hat er einen großen Fehler gemacht – er hat Sielrud entführt, die Braut König Ludebrechts. Da sie zudem meine Nichte ist, habe ich natürlich sofort selbst die Nachforschungen übernommen. Sehr schnell habe ich herausfinden können, mit was für einer Kreatur wir es zu tun haben.«

»Eure Nichte?«, fragte Grahlum der Greise. »Das ist wahrhaft tragisch.« Trotz der Kapuze auf seinem Kopf konnte man es ihm ansehen, wie sehr ihn die Ausführungen des Magiers faszinierten. »Verzeiht mir meine Unwissenheit, doch ich hatte es bislang noch nie mit einem Vampir zu tun. Bei uns in den Wäldern rennen nur ein paar Werwölfe und einige Ghule herum. Hat dieser Unhold den Mädchen das Blut ausgesaugt oder sie gar zu seinesgleichen gemacht?«

Der Erzmagier hob die Schultern und seufzte traurig, was angesichts seiner familiären Beziehung zu einem der Opfer auch verständlich war. »Das kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Vielleicht hat er auch nur mental Besitz von ihnen ergriffen. Ihr müsst wissen, dass Vampire über eine mächtige, unheilvolle Kraft verfügen. Diese gestattet es ihnen, Macht über den Willen anderer zu erlangen. Wir nennen das Hypnose und es ist eine Art dunkler Magie, mit der sie sich jedes sterbliche Wesen gefügig machen können. So bin ich letztendlich ja auch darauf gekommen, dass es sich bei dem Übeltäter nur um einen Lord der Vampire handeln kann. Vampirlords können nämlich so mächtig sein, dass allein schon ihre Anwesenheit den Verstand der Wesen um sie herum korrumpiert. Mir ist damals das seltsame Verhalten einiger Stadtbewohner aufgefallen – sie sind irgendwie nicht mehr sie selbst gewesen, haben merkwürdige Dinge gemacht und wirres Zeug geredet.«

»Wartet!«, rief der Druide aufgeregt. »Sagtet Ihr gerade, die Leute hätten sich verändert? In ihrer Persönlichkeit und so?« Er wandte sich dem König zu. »Storne, hörst du das?«

Erwartungsvoll sah er den Herrscher der Nordland-Barbaren an. Doch dieser hatte nur mit halbem Ohr zugehört. Er war damit beschäftigt, sein Körpergewicht von der einen Gesäßhälfte auf die andere zu verlagern. Die Notwendigkeit, seinem Thron mehr Komfort zu verleihen, wurde ihm wieder mal auf schmerzhafte Art bewusst. Vielleicht mit einem dickeren Sitzpolster oder durch das Abschleifen der Schädelkuppen, so überlegte er es sich.

»Storne!«, rief Grahlum ungeduldig. »Hörst du denn nicht?«

»Doch, doch«, erwiderte der schwarzhaarige Barbar geistesabwesend. »Vampir, entführte Mädchen, irgendwelche Leute, die sich verändern.«

Der Greise stöhnte entnervt auf. »Ach, und das erinnert dich nicht an diverse Vorfälle hier bei uns? An einen gewissen Zorm vielleicht, der keine Lust mehr hatte zu kämpfen? Oder an die Burschen, die deine Königswürde infrage gestellt haben und wegen denen der Feldzug gegen die Amazonen abgesagt wurde?«

Nun wurde auch Storne hellhörig. Obwohl es eine Wohltat für seine gepeinigte Kehrseite darstellte, sprang er aus einem ganz anderen Grund von seinem Thron auf. Er griff sich einen Hocker und setzte sich zu den anderen an die Tafel.

»Natürlich! Der Druide hat recht«, erklärte er hektisch. »Auch bei uns ereignen sich höchst mysteriöse Dinge. Ein paar meiner Männer benehmen sich in letzter Zeit nicht mehr wie anständige Barbaren. Sie nehmen widerliche Worte wie Vergebung, Gewaltlosigkeit oder gar Frieden in den Mund. Manchmal lassen sie sich auch völlig neue Wörter einfallen. Glaubt Ihr, die Gegenwart des Vampirlords könnte so etwas verursachen?«

Der Erzmagier nickte. »Das ist durchaus vorstellbar. Einige unserer Ritter haben ähnliche Symptome gezeigt.« Er sah den blutjungen Paladin an und etwas zögerlich sprach er weiter. »Das ist auch der Grund, warum mich lediglich der gute Hohlefried begleitet.« Ein verschämtes Hüsteln unterbrach seinen Redefluss. »Ähm … die anderen Paladine haben es vorgezogen, eine sogenannte Selbsthilfegruppe zu gründen, anstatt mit uns in den Kampf zu ziehen. Dort sitzen sie jetzt beieinander und sprechen über ihre Ängste, Sorgen und die seelischen Probleme, die sie neuerdings plagen.«

Storne Stahlhand schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte, sodass die ganze Tafel erbebte und etwas Met aus den darauf stehenden Trinkhörnern schwappte.

»Das ist ja mal ein dickes Ding, da brat mir doch einer ein Einhorn! Aber sagt mir, Teophus, was hat Euch zu der Vermutung gebracht, dass der Vampir nun in unseren Landen wandelt?«

Ein selbstgefälliges Lächeln erschien im Gesicht des weißhaarigen Alten. Es war das erste Lächeln, das er seit seiner Ankunft im Dorf zeigte.

»Als Magier habe ich da so meine Methoden. Nach einigen Ermittlungen habe ich damals den Unterschlupf des untoten Schuftes ausfindig gemacht – eine alte Gruft auf dem städtischen Friedhof. Leider war der Schurke bereits entflohen und die jungen Frauen hatte er natürlich mit sich genommen. Ich habe jedoch das hier gefunden.«

Aus den Falten seines Gewandes, in denen sich offenbar eine Tasche verbarg, zog er eine goldene Kette heraus, an der ein großer, blutroter Rubin hing.

»Dies ist ein Geschenk, welches ich meiner Nichte zu ihrem achtzehnten Geburtstag gemacht habe. Sie hat es eigentlich ständig getragen und muss es wohl in der Gruft verloren haben. Vielleicht hat sie es aber auch absichtlich dort zurückgelassen, um mich auf ihre Spur zu führen.«

Er legte die Kette vor sich auf die Tafel und strich behutsam mit seinen Fingerspitzen darüber. Ein leises Summen erfüllte plötzlich den Raum, welches aus dem Rubin zu dringen schien.

»Ein Gegenstand wie dieser, mit einer so starken persönlichen Bindung an seinen Besitzer, kann einem Magier äußerst nützlich sein. Mit seiner Hilfe kann ich mühelos den ungefähren Aufenthaltsort seines Eigentümers bestimmen. Dies nötigt mir nur ein wenig Konzentration und etwas mentale Energie ab. Ich bin mir deshalb sicher, dass Sielrud hier in dieser Gegend ist. Und wo sie ist, da wird auch der Vampirlord sein. Das, was Ihr mir über das seltsame Gebaren Eurer Männer erzählt habt, bestätigt diese Annahme zudem. Habt Ihr vielleicht eine Ahnung, wo sich die Bestie mit den Mädchen verborgen halten könnte?«

König und Druide dachten einige Augenblicke lang nach, dann tat Grahlum es mit einem Fingerschnippen kund, dass ihn ein Geistesblitz ereilt hatte.

»Nicht weit von hier, etwa einen halben Tagesritt entfernt, liegt eine Burgruine. Schon seit Jahrhunderten ist sie unbewohnt und dort gibt es sogar einen kleinen Friedhof. Wenn Ihr mich fragt, wäre dies ein ideales Versteck für Untote jedweder Art.«

»Das ist fürwahr interessant!«, meldete sich nun der milchgesichtige Paladin zu Wort. Storne stellte fest, dass dieser durch das geöffnete Visier viel von seiner Imposanz einbüßte. Auch seine Stimme klang nun ziemlich unreif und nicht sehr beeindruckend für einen Krieger. »Diese Ruine könnte auch der richtige Ort sein, um nach dem Vampirlord zu suchen!«

Storne und Grahlum sahen sich fragend an, während der Magier seine Augen schloss und leise ächzte. Anscheinend war er derart bahnbrechende Erkenntnisse seines Begleiters bereits gewohnt.

»Genau das wollte uns der ehrenwerte Druide damit sagen.«, klärte er den Paladin auf.

»Ach so!« Hohlefried schaute etwas einfältig drein. »Na, dann sollten wir uns diese Ruine möglichst bald mal anschauen. Vielleicht ist es ja auch noch nicht zu spät. Noch hege ich die Hoffnung, wenigstens ein paar der Mädchen vor einer Zukunft als blutsaugendes Monster bewahren zu können. Vor allem der edlen Sielrud gilt meine Sorge. Meine Pflicht als königlicher Paladin gebietet es mir, alles in meiner Macht stehende zu tun, um die Braut des Königs zu retten.«

Der weißhaarige Magier betrachtete die vor ihm liegende Kette gramerfüllt. »Ja, auch ich habe noch nicht die Hoffnung verloren. Doch selbst wenn sich diese als unbegründet erweist, müssen wir dem untoten Haderlumpen endgültig den Garaus machen.«

»So ist es!«, stimmte der Barbarenkönig ihm zu. »Der Halslutscher muss weg! Seinen verderblichen Einfluss auf meinen Stamm kann auch ich nicht hinnehmen. Deshalb werde ich Euch begleiten – als Führer und als zusätzlicher Streiter. In einem Kampf gegen eine so mächtige Kreatur dürfte Euch etwas schlagkräftige Hilfe wohl sehr gelegen kommen. Wir sollten sofort aufbrechen!«

Grahlum der Greise schien von dieser Idee nicht sehr begeistert zu sein. »Hältst du es für klug, dich als Herrscher in ein solches Abenteuer zu stürzen? Du trägst immerhin die Verantwortung für den ganzen Stamm auf deinen Schultern. Wäre es nicht ratsamer, einen deiner Männer zu schicken?«

»Unter normalen Umständen würde ich dir sicherlich Recht geben.« Storne atmete schwer aus. »Aber zurzeit kann ich keinem meiner Männer uneingeschränkt vertrauen. Was ist, wenn ich einen von denen auf diese Mission entsende und er auf einmal die Lust daran verliert, weil er urplötzlich die Mimose in sich entdeckt oder lieber bunte Topflappen häkeln möchte? Dieses Risiko ist mir zu hoch. Ich will diesem Spuk ein rasches Ende bereiten.«

»Und wenn sich die finstere Aura des Vampirs auch deiner Seele bemächtigt?«, gab der Greise zu bedenken. »Wir können nicht wissen, ob überhaupt jemand dagegen immun ist.«

Der König erhob sich von seinem Hocker und legte dem Druiden seine Hand auf die Schulter. »Dann, mein Freund, ist ohnehin alles verloren.«

5

Femaltosa, die Hauptstadt des Amazonenreichs, lag vor ihr.

Sie hatte soeben den Rand des Dschungels erreicht, sodass sie in der Ferne bereits die ersten Gebäude durch das dichte Blattwerk der Bäume erspähen konnte. Nur ein paar sanfte, mit saftigem Gras bewachsene Hügel trennten sie noch von ihrem Ziel. Hinter diesen streckten sich Türme, Häuser, Säulen und Tempel aus Marmor oder hellem Kalkstein empor. Der Schein der Mittagssonne verlieh diesen Bauwerken das Aussehen schneeweißer, in ein Tuch aus grünem Samt gebetteter Juwelen – ein Anblick, der normalerweise für ein wohliges Gefühl der Heimkehr in Tissha sorgte.

Dieses Mal trübte jedoch ihre glücklose Jagd dieses Empfinden. Ihre Mutter würde es bestimmt nicht sehr erfreut zur Kenntnis nehmen, dass sie ohne das entflohene Männchen heimkam. Dass sich ihr liebster Gespiele zurzeit seinen Weg durch die Verdauungsorgane eines Krokodils bahnte, würde der Königin wohl noch viel weniger gefallen. Schon jetzt bedauerte Tissha den armen Kerl, der den Zorn ihrer Mutter zu spüren bekommen würde. Aber für solche Anlässe gab es ja schließlich die Prügelknaben, von denen sich nahezu jede Amazone einen hielt.

Eine Strafpredigt würde aber auch Tissha nicht erspart bleiben, weshalb sie ihren Weg nur mit wenig Begeisterung fortsetzte. Schnell erreichte sie dennoch die breite, mit hellen Steinen gepflasterte Straße, die sich durch die Hügel wand und in die Stadt hineinführte. Dass sie niemandem begegnete, während sie gemächlich auf dieser einherging, wunderte sie nicht. Nur selten verließ jemand Femaltosa südwärts in Richtung Dschungel. Die Wege nach Westen oder Norden aus der Stadt heraus wurden weit häufiger genutzt.

Als sie jedoch die ersten Gebäude erreichte und noch immer keine lebende Seele entdecken konnte, wurde sie stutzig. Die sonst so betriebsame Ortschaft war wie ausgestorben. Noch nicht einmal irgendwelche Geräusche drangen aus den zwei- oder mehrstöckigen Wohnhäusern.

Während sie zwischen diesen weißen, mit prächtigen Balkonen versehenen Bauwerken hindurchging, suchte sie vergeblich nach einer Erklärung für diese ungewohnte Stille. Es war ein ganz normaler Tag und keiner dieser Feiertage, die von den Amazonen mit dem Huldigen ihrer Göttinnen verbracht wurden. Die prunkvollen, aus hohen Säulen und marmornen Dächern bestehenden Tempel, an denen sie vorbeiging, waren deshalb auch allesamt menschenleer.

Wo waren dann also all ihre Schwestern? Gab es irgendeine Schlacht, von der sie nichts wusste? Der Feldzug gegen die Barbaren war doch abgesagt worden, noch bevor sie sich aufgemacht hatte, um das entlaufene Haustier wieder einzufangen.

Auf einer Kreuzung, in deren Mitte sich klares Wasser aus einem großen, runden Brunnen ergoss und kaskadenförmig an selbigem herunter plätscherte, blieb sie stehen. Sie hatte eine Bewegung zu ihrer Linken wahrgenommen. Doch es waren nur ein paar Männchen, die man mit der alltäglichen Säuberung und Pflege Femaltosas beauftragt hatte. Schweigend und mit gesenkten Häuptern, so wie es sich für das Mannsvolk gehörte, verrichteten sie ihre Arbeit. Einige fegten die Straßen, andere putzten die Fassaden der Gebäude und wieder andere kümmerten sich um die sorgsam arrangierten Blumenbeete, von denen eine Vielzahl das Stadtbild verschönerte. Die Amazonen legten halt großen Wert darauf, dass ihr urbanes Umfeld ebenso perfekt war wie sie selbst.

Tissha setzte ihren Weg in Richtung Stadtmitte und somit zum Palast der Königin fort.

Von dort drang bald ein lautes Raunen und Gemurmel zu ihr, das offenbar von einer großen Menschenmenge verursacht wurde. Irgendetwas Ungewöhnliches schien dort vor sich zu gehen und das erregte großes Interesse in ihr. Von der Neugier getrieben beschleunigte sie also ihren Schritt.

Sie durchquerte mehrere Parkanlagen, lief an dem beeindruckenden, von Arkaden umkränzten Amphitheater vorbei und erreichte zügig die Allee, die geradewegs zum Herrschaftssitz ihrer Mutter führte. Sorgsam zurechtgestutzte Zypressen und imposante Statuen, die zumeist berühmte Kriegerinnen darstellten, säumten abwechselnd diesen breiten Pfad. Erst nachdem sie diesem eine Weile lang gefolgt war, konnte sie die unzähligen Amazonen erkennen, die den weitläufigen Platz vor dem Palast bevölkerten. Scheinbar sämtliche Einwohnerinnen dieser Stadt hatten sich dort ohne ersichtlichen Grund versammelt.

Sie blieb einen Augenblick lang stehen und betrachtete verblüfft die vielen Hundert Frauen, die sie zum Großteil persönlich kannte. Deren Aussehen entsprach natürlich ausnahmslos dem gestrengen Schönheitsideal der Amazonen. So wie auch Tissha waren sie alle hochgewachsen, schlank und durchtrainiert, ohne dabei übermäßig muskulös zu wirken. An Oberweite besaßen sie angesichts ihrer grazilen Körper erstaunlich viel, doch nicht so viel, dass es zu üppig erschien oder die Ästhetik ihrer tadellosen Erscheinungen störte. Ihre allesamt anmutigen Gesichter, die samtene Haut und ihr volles, glänzendes Haar komplettierten dieses Bild typischer Amazonen. Makel oder Schönheitsfehler kannten die Angehörigen dieses Volkes nicht. Ihre Herkunft machte sie immun gegen Mängel dieser Art.

»Gibt es hier etwas umsonst?«, fragte Tissha eine ihrer Artgenossinnen, nachdem sie sich in das Getümmel begeben hatte. Es war Kihna, eine blond gelockte Kriegerin, an deren Seite sie schon oftmals gekämpft hatte. »Oder was treibt ihr alle hier?«

»Prinzessin!«, rief die blonde Amazone überrascht und aufgeregt. »Gut, dass Ihr hier seid. Etwas Außergewöhnliches geschieht gerade im Palast, etwas, das es vorher noch nie gegeben hat. Sossha ist mit ein paar anderen Kriegerinnen vor die Königin getreten, um einige Maßnahmen bezüglich der Verbesserung unserer Lebensbedingungen einzufordern.«

»Verbesserung unserer Lebensbedingungen?« Tissha sah verwirrt drein. Sie kannte Sossha sehr gut, schon als Kinder hatten sie zusammen gespielt. »Was gibt es denn an unserem Leben zu verbessern? Wir haben doch alles, was wir für ein sorgenfreies Dasein benötigen: Nahrung im Überfluss, eine wunderschöne, saubere Stadt, Kleidung und jede Menge Schminkutensilien. Die Männer erledigen jede anstrengende oder schmutzige Arbeit für uns, wenn sie sich nicht gerade um ein anderes Bedürfnis kümmern müssen, das unsereins so haben könnte. Was bitte soll man da noch verbessern?«

Kihna zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung! Ein paar Mädels haben aber erzählt, Sossha gäbe schon seit einigen Tagen seltsame Dinge von sich. Sie wolle sich für Gleichberechtigung einsetzen, hätte sie gemeint, was immer das auch bedeuten soll. Einige der Schwestern waren aber wohl ihrer Meinung und haben sich ihr angeschlossen. Vor einer Stunde sind sie dann gemeinsam in den Palast marschiert, um ihre Forderungen zu stellen.«

Die Blondine lachte laut auf. »Stellt Euch das doch nur einmal vor – gewöhnliche Amazonen nehmen sich das Recht heraus, irgendwelchen Blödsinn von der Herrscherin zu fordern. So eine Unverschämtheit hat es in unserer Geschichte bislang noch nie gegeben. Es würde mich nicht wundern, wenn Eure Mutter sie umgehend hinrichten ließe. Wenn wir Glück haben, werden sie ja vielleicht sofort hier auf diesem Platz gevierteilt.«

»Ach, deshalb seid ihr alle hier zusammengekommen«, vermutete Tissha. »Die Sensationsgier hat euch herbeigelockt.«

Ihre Gesprächspartnerin nickte eifrig. »Na klar! Ein solches Schauspiel will sich natürlich keine von uns entgehen lassen. Wir Amazonen sind Kriegerinnen – aber wir sind auch Frauen!«

Die Prinzessin lächelte, obwohl die Sorge um ihre Freundin aus Kindheitstagen sie bereits ergriffen hatte. Sollte es Sossha tatsächlich gewagt haben, die Königin mit irgendwelchen unsinnigen Anliegen zu behelligen, war es um ihr Weiterleben wahrhaftig nicht gut bestellt. Ihre Mutter war beileibe nicht für ihre Nachsicht oder Mildtätigkeit bekannt.

Ohne weitere Verzögerung bahnte sie sich deshalb ihren Weg durch die Menge zum Palast, dem beeindruckendsten und gewaltigsten Bauwerk der Stadt. Mächtige Säulen umgaben diesen rechteckigen Bau aus weißem, grau geädertem Marmor, der auf einem hohen, reich ornamentierten Sockel ruhte. Sie trugen das flache Satteldach, dessen Stirnseite mit kunstvollen, lebensgroßen Reliefs verschiedener Göttinnen und legendärer Kriegerinnen verziert war. All das hatte solch enorme Ausmaße, dass es bei niedrigem Stand der Sonne einen großen Teil der Stadt in Schatten tauchte.

Dieser Pracht jedoch keinerlei Aufmerksamkeit schenkend hastete Tissha die breite Treppe empor, die zum Eingang des Palastes führte. Die zwei Amazonen, die das riesige Tor flankierten, standen bei ihrem Anblick stramm und salutierten, indem sie das untere Ende ihrer langen Speere einmal auf den Boden schlugen. Ihre Augen blickten dabei stur geradeaus an der Prinzessin vorbei. Auch ihre Köpfe, auf denen sie bronzene, mit einem Kamm aus Pferdehaar verzierte Helme trugen, verharrten starr und regungslos.

Dieses Gebaren gehörte ebenso zu ihrer Tätigkeit als Palastwache wie ihre Gewandung, die sich deutlich von der herkömmlichen Kleidung der Amazonen unterschied. Üblicherweise trugen die Angehörigen dieses Volkes leichte, recht knappe Lederrüstungen oder weiße, nicht immer blickdichte Tuniken, die ihnen maximal bis zu den Knien reichten. Lederstiefel oder hoch geschnürte Sandalen waren indes das verbreitetste Schuhwerk. Die beiden Wächterinnen mussten jedoch Schilde und Harnische aus Metall tragen. Allerdings bedeckten diese Rüstungen auch nur einen äußerst geringen Teil der gesamten Körperfläche. Ihren Nutzen im Kampf hätte deshalb wohl auch jeder halbwegs erfahrene Krieger infrage gestellt.

Nachdem Tissha das Tor durchschritten und den Thronsaal betreten hatte, vernahm sie auch schon das unverkennbar durchdringende, enervierende Geräusch streitender Amazonen. Auf der gegenüberliegenden Seite des pompösen, über fünfzig Meter langen Saals sah sie ihre Mutter auf ihrem goldenen Thron sitzen. Ein Dutzend hektisch plappernder, wild gestikulierender Frauen stand vor der Königin. Diese hatte ihren rechten Ellenbogen auf die Armlehne gestützt und ihre Stirn in ihre Handfläche gebettet. Tissha kannte sie gut genug, um zu wissen, dass diese Körperhaltung unter Umständen das erste Anzeichen eines bevorstehenden Blutvergießens sein konnte.

Mit großen Schritten eilte sie darum dem Thron entgegen. Der widerhallende Klang, den ihre Stiefel auf dem spiegelglatten Marmorboden verursachten, ließ ihre Mutter aufblicken und alle anderen Anwesenden verstummen.

»Meine Tochter!« Königin Khelea atmete erleichtert auf. »Wie froh ich bin, dich zu sehen. Bitte befreie mich von diesen hohlen Tussen, bevor ich ihnen eigenhändig die Hälse umdrehe!«

Die anwesenden Amazonen sahen sie entrüstet an.

»Verzeiht, Eure Majestät, aber so despektierlich dürft selbst Ihr uns nicht behandeln!«, echauffierte sich Sossha.

Wie Tissha es von ihr gewohnt war, trug sie eine schwarze, mit Nieten besetzte Lederrüstung und dazu passende, hohe Stiefel. Zusammen mit ihren feuerroten Haaren, die sie straff nach hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, verlieh ihr dieser Aufzug ein recht strenges Aussehen.

Die Königin in ihrer blütenweißen, mit silbernen Stickereien versehenen Robe schaffte es dennoch, wesentlich mehr Dominanz auszustrahlen. Jede einzelne Faser ihres Körpers schien die Verkörperung herrschaftlicher Macht und Autorität zu sein.

»Schweig, Sossha!«, befahl sie. »Du stehst ohnehin schon kurz davor, ein paar deiner Gliedmaßen einzubüßen. Die Meute vor dem Palast wartet schon sehnsüchtig darauf, dich in möglichst viele Teile zerlegt bewundern zu dürfen.«

»Jetzt beruhigt euch alle mal ein bisschen«, schlug Tissha vor, während sie sich neben den Thron und somit an die Seite der Königin stellte. »Um was geht es denn hier überhaupt?«

Ihre Mutter stieß ein verächtliches und von Herzen kommendes Schnaufen aus. Obwohl sie schon fast ein halbes Jahrhundert alt war, gab es in der tiefschwarzen Mähne auf ihrem Kopf kein einziges graues Haar. Nach Falten suchte man in ihrem ebenmäßigen Gesicht ebenfalls vergebens. Nur etwas härtere, reifere Züge hatten die Jahre in ihrem Gesicht hinterlassen, was sie zwar von den jüngeren Frauen unterschied, ihre Attraktivität aber in keiner Weise schmälerte. Körperlicher Verfall und das Vergehen von Schönheit setzte bei Amazonen halt erst nach dem Tod ein.

»Ja, Sossha«, sagte sie grimmig. »Um was geht es denn hier eigentlich? Sei doch so gut und erkläre es meiner Tochter. Warum seid ihr noch mal hergekommen?«

Die rothaarige Amazone räusperte sich und dachte kurz nach, als würde sie einen auswendig gelernten Text aus ihrem Gedächtnis abrufen. »Wir sind hierhergekommen, um uns für die Einsetzung einer demokratisch gewählten Gleichstellungsbeauftragten auszusprechen. Für die Förderung und Durchsetzung unserer Interessen halten wir ein solches Amt für unabdingbar. Die Gleichberechtigung der Frau in unserer Gesellschaft muss vorangetrieben werden.«

»Genau!«, rief eine brünette Kriegerin zu ihrer Linken. Sie reckte ihre rechte Faust in die Luft. »Für den Feminismus und gegen das Patriarchat!«

Ihre Begleiterinnen begannen zu applaudieren, einige gaben auch Rufe der Zustimmung von sich. Die hohen Wände des Saals reflektierten und verstärkten diese Geräusche, sodass sie zu einem ohrenbetäubenden Lärm wurden.

Tissha warf der Königin einen fragenden Blick zu. Doch Khelea blickte nur ebenso fragend und hochgradig genervt zurück. Sogar einen Ausdruck der Ratlosigkeit glaubte die Prinzessin in den Augen ihrer Mutter erkennen zu können. Warum sich diese noch so ruhig verhielt und nicht schon längst ein paar Hinrichtungen befohlen hatte, war Tissha ein Rätsel.

»Gleichberechtigung der Frau in unserer Gesellschaft«, wiederholte sie langsam die Worte Sosshas, so als würde sie sich jeden Buchstaben davon auf der Zunge zergehen lassen. »Falls es euch entgangen sein sollte – unsere Gesellschaft besteht eigentlich nur aus Frauen! Wer soll denn da ungleich behandelt werden? Wir halten uns Männer als Haustiere und Sklaven, wenn die jetzt hier stehen würden, könnte ich das ja noch verstehen.« Sie wandte sich an die Amazone mit dem braunen Haar. »Und was bitte ist ein Feminiesmuß oder ein Patz… Patzi… Patziachat?«

»Keine Ahnung«, lautete die Antwort. »Ist mir gerade so eingefallen. Aber ist auch egal. Wir brauchen auf jeden Fall jemanden, der sich für unsere Rechte einsetzt. In Zukunft könnte es ja irgendwie zu Diskriminierungen oder Herabwürdigungen von Frauen kommen. Dann muss sich diese Person dem entschlossen entgegenstellen.«

»In Zukunft?« Sossha zeigte ein hohes Maß an Empörung. »Was heißt denn hier in Zukunft? Verzeih, Schwester, aber es liegt ja wohl schon heute einiges im Argen. Warum, zum Beispiel, müssen wir alle so leicht bekleidet rumlaufen? Wir sind doch nicht dafür da, um irgendwelche voyeuristischen Neigungen zu befriedigen!«

Wieder erfüllte zustimmendes Murmeln den Saal.

»Ihr könnt euch doch kleiden wie ihr wollt«, wandte die Königin ein. »Was kann denn ich dafür, dass ihr alle den gleichen Modegeschmack habt? Von mir aus könnt ihr auch bodenlange Gewänder oder Hosen tragen. Die Säcke, in denen unsere Männchen Kartoffeln transportieren, würden euch bestimmt auch gut stehen.«

Sossha schüttelte den Kopf. »Hosen oder lange Gewänder? Bei den Temperaturen draußen? Nee, das ist viel zu warm und kämpfen kann man in solchen Klamotten auch nicht anständig.« Sie sah an sich herab und strich sanft über ihre lederne Kleidung. Ganz offensichtlich fand sie selbst viel Gefallen an selbiger. »Aber unsere freizügige Bekleidung gibt den Männern noch lange nicht das Recht, uns mit lüsternen Blicken zu belästigen. Ihr solltet mal sehen, wie mich die Haustiere manchmal aus ihren Käfigen heraus anstarren – einfach entwürdigend.«

»Na ja«, meldete sich nun eine weitere Amazone zu Wort. Die Tunika, die sie trug, war bis zu ihrem Bauchnabel hin ausgeschnitten. »Das stört mich eigentlich weniger. Wenn es mir dann doch mal zu viel wird, bekommt der Bursche einfach ein paar Hiebe mit der Peitsche übergebraten. Wenn er jedoch ansehnlich ist, nehme ich ihn meist mit in meine Gemächer.«

Die anderen Amazonen kicherten leise, doch Sossha schien nicht amüsiert zu sein.

»Ja aber das kann es doch nicht sein!«, ereiferte sie sich. »Außer roher Gewalt haben wir doch keinerlei Handhabe, um sie in ihre Schranken zu weisen. Na gut, vielleicht noch Essensentzug, Strafarbeiten oder andere seelische Folter – aber das war es dann auch schon. Diese Burschen haben einfach zu wenig Rechte. Man beraubt uns somit der Möglichkeit, sie mit rechtlichen Einschränkungen zu maßregeln oder uns wenigstens für ein solches Vorgehen zu engagieren. Vielleicht sollten wir mal darüber reden, wie wir dies ändern können.«

Erneut fanden Sosshas Worte Anklang bei ihren Mitstreiterinnen. Neben sich vernahm Tissha das leise Aufseufzen ihrer Mutter.

»Wartet!« Die Prinzessin ließ ihren Blick über die vor ihr stehenden Amazonen gleiten. »Ihr wollt den Männern mehr Rechte geben, um euch dann dafür einsetzen zu können, dass man ihnen diese wieder beschneidet? Missstände erschaffen, um sich gegen sie auflehnen zu können – wie bekloppt ist das denn bitte?«

Da ihr bereits der Nacken vom vielen Kopfschütteln schmerzte, wartete sie nicht auf eine Antwort. Sie hatte ohnehin mehr als genug von dieser sinnfreien Diskussion.

»Überhaupt ist eure ganze Vorstellung hier eine einzige Lachnummer! Eure Argumente sind nur ein großer Haufen Koboldkacke! Wir Frauen herrschen uneingeschränkt über das Land der Amazonen – jetzt und auch in Zukunft. Wir herrschen über das Land und über jeden einzelnen seiner männlichen Einwohner. Wir können tun und lassen, was wir wollen; wir können anziehen, was wir wollen und wir können unsere Haustiere behandeln, wie wir wollen. Wie kommt ihr durchgeknallten Weiber also auf diese völlig hirnrissige Idee, irgendeine von uns könnte dem anderen Geschlecht gegenüber benachteiligt werden? Gleichstellungsbeauftragte – was genau stimmt denn mit euch nicht?«

Die selbst ernannten Frauenrechtlerinnen sahen betreten und schweigend zu Boden. Offenbar vermochten sie es nicht, den Ausführungen Tisshas irgendwas entgegenzusetzen. Nur Sosshas Streitlust schien noch ungebrochen zu sein.

»Was du sagst, stimmt leider nicht so ganz«, verkündete sie trotzig und mit siegessicherer Miene. »Es gibt da etwas, das ausschließlich den Männern vorbehalten ist. Warum genießen nur sie das Privileg, unterdrückt zu werden? Was ist, wenn sich auch eine Frau in die Sklaverei begeben möchte? Wird uns dieses Recht auf freiwillige Knechtschaft etwa nicht verweigert?«

Tissha legte ihren Kopf leicht schräg und formte ein mitleidiges Lächeln mit ihren vollen Lippen. »Ernsthaft, Sossha? Jetzt wird es aber wirklich lächerlich, oder?«

Sie sprach nicht weiter, weil etwas an der rothaarigen Amazone ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Sie trat ganz nahe an selbige heran und untersuchte ihr Gesicht mit zusammengekniffenen Augen.

»Was hast du denn da?«

»Wo?« Sossha betastete vorsichtig ihre Wangen. Als eine ihrer Fingerspitzen auf eine kleine, rötliche Erhebung stieß, riss sie ihre Augen weit auf. »Was … was ist das?«

Ihre Begleiterinnen taten es Tissha gleich und mit neugierigen Blicken taxierten sie das Antlitz ihrer Rädelsführerin.

»Das ist ein Pickel!«, stellte die Amazone in der weit ausgeschnittenen Tunika plötzlich voller Bestürzung fest.

Alle anwesenden Frauen wichen vor Sossha zurück, als wäre sie soeben in Flammen aufgegangen. Einige schlugen sich entsetzt ihre Hände vor den Mund, andere begannen sogar hysterisch zu kreischen. Selbst Khelea zuckte erschrocken auf ihrem Thron zusammen.

»Das ist unmöglich!«, rief sie erschüttert. »Wir sind Amazonen – wir bekommen keine Pickel!«

Auch Tissha hatte sich rückwärts ein paar Schritte von ihrer Freundin entfernt. »Aber da ist einer, ganz eindeutig! Ich habe solche Wucherungen schon mal bei Männern gesehen.«

»Das ist ja schrecklich!«, schluchzte nun die brünette Amazone mit bebender Stimme. Die Furcht trieb ihr die Tränen in die Augen »Ist das etwa ansteckend? Könnten wir etwa auch solche widerwärtigen Verunstaltungen bekommen?«

Das erste Mal seit Anbeginn der Zeit sahen sich die Amazonen mit einer Hautunreinheit konfrontiert. Die anwesenden Frauen gerieten aufgrund dessen in Aufruhr. Sie plapperten wild durcheinander, verliehen lautstark ihrer Besorgnis Ausdruck oder stellten Vermutungen darüber an, wie es zu der Deformation Sosshas kommen konnte. Stimmen wurden laut, dass es jetzt vielleicht sogar zu weiteren, anderen Missbildungen kommen könnte. Grauenerregende Wörter wie Krähenfüße, Tränensäcke oder gar Krampfadern wurden hinter vorgehaltener Hand geflüstert.

Die Geschädigte selbst sah indes hilfesuchend um sich. Ganz eindeutig hatte sich eine leichte Panik ihrer bemächtigt, wofür unter den gegebenen Umständen auch wirklich jede Amazone Verständnis gehabt hätte. Nach einer Weile gelang es ihr jedoch, ihre Fassung wieder zu erlangen. Beeindruckt stellte Tissha fest, dass Sossha nun sogar versuchte, einen Nutzen aus ihrem furchtbaren Schicksalsschlag zu ziehen.

»Da könnt ihr mal sehen, liebe Schwestern, wie sehr wir in dieser Gesellschaft auf unser Äußeres reduziert werden!«, rief sie in der Absicht, das eigentliche Thema dieser Zusammenkunft wieder in den Vordergrund zu rücken. »Seht doch nur, wie immens euch mein kleiner Makel verunsichert. Das ist das Ergebnis eines völlig übertriebenen Schönheitswahns, der uns Frauen seit unserer Geburt aufgezwungen wird. Wollt ihr euch etwa weiter diesem Diktat beugen?«

Die von ihr erwünschte Resonanz blieb aus. Zu geschockt waren ihre Mitstreiterinnen von dem Anblick ihres entstellten Gesichts. In ihren Köpfen gab es neben ihrer Betroffenheit und Furcht derzeit keinerlei Platz für andere Gedanken.

»Gib es auf, Sossha«, forderte die Königin deshalb mit triumphierendem Lächeln. »Für deinen Gleichberechtigungs-Mumpitz interessiert sich hier nun wahrlich niemand mehr.«

Mit kraftvoller Stimme wandte sie sich an die anderen Anwesenden. »Aber, liebe Schwestern, was sollen wir jetzt tun? Wir wissen nicht, was Sossha befallen hat. Ist es eine Krankheit? Vielleicht sogar eine Seuche? Wäre es ratsam, Sossha frei herumlaufen zu lassen, obwohl wir nicht wissen, woran sie leidet und ob es ansteckend ist?«

Sie warf ihrer Tochter einen vielsagenden Blick zu und diese verstand sofort, was ihre Mutter nun von ihr erwartete.

Während im Saal über die Fragen der Königin nachgedacht oder beratschlagt wurde, trat Tissha vor ihre ahnungslos dreinblickende Freundin. Mit einem kurzen Blick in die Runde vergewisserte sie sich davon, dass Sossha auf keinerlei Beistand der anderen Kriegerinnen mehr zählen konnte.

»Tut mir echt leid, Herzchen«, drückte sie dann ihr aufrichtiges Bedauern aus.

Mit einem kraftvollen, technisch einwandfrei ausgeführten Kinnhaken schickte sie die rothaarige Amazone anschließend zu Boden. Die anderen Frauen verstummten und sahen auf die Bewusstlose herab.

»Bringt sie in ihre Gemächer!«, befahl die Königin. »Sperrt sie dort ein, bis wir mehr über ihr seltsames Leiden herausgefunden haben. Nehmt aber den Hinterausgang, die Menge vor dem Palast soll von alledem nichts mitbekommen.«

Mit ernster Miene und finsterem Blick musterte sie jede einzelne ihrer Untertaninnen im Saal. »Und was euch betrifft: Ich weiß nicht, welcher Irrsinn sich in eure Hirne geschlichen hat und warum ihr Sossha gefolgt seid. Auch mit euch stimmt irgendwas nicht, das ist mal sicher. Also werdet ihr in den nächsten Tagen eure Häuser auch nicht verlassen. Darüber hinaus will ich nie wieder etwas von Gleichberechtigung, Femminisstuss oder so einem Quatsch hören. Sollte eine von Euch meinem Befehl nicht Folge leisten, werde ich mir aus ihrer Haut ein paar neue Handschuhe oder einige andere modische Accessoires machen. Gleiches gilt natürlich für den Fall, dass ihr irgendjemandem davon erzählt, was hier heute vorgefallen ist. Habt ihr die Worte eurer Königin vernommen?«

Genau in dem Maße eingeschüchtert, wie Khelea es beabsichtigt hatte, bekundeten sämtliche Anwesenden die Kenntnisnahme ihrer Ansage. Niemand wagte es noch, irgendwelche Einwände zu äußern. Danach hoben drei der Amazonen ihre bewusstlose Rädelsführerin vom Boden auf. Wie befohlen trugen sie diese aus dem Palast, unbemerkt von der Masse Amazonen, die sich vor dem Haupteingang versammelt hatte. Nachdem auch die restliche Anhängerschaft Sosshas den Saal verlassen hatte, waren Mutter und Tochter endlich allein.

Khelea erhob sich von ihrem Thron und begann, unruhig hin und her zu gehen. Der Saum ihrer langen königlichen Robe schliff dabei leise über den grauen Marmorboden, ohne dabei schmutzig zu werden.

»Da ist was faul im Staate der Amazonen«, sinnierte sie. »Im Staate der Amazonen und ich befürchte auch in anderen Teilen der Welt. Ich spüre das schon seit Längerem. Nur deshalb habe ich diese aufrührerischen Weiber nicht sofort hinrichten lassen. Irgendeine bisher unbekannte Macht oder so etwas scheint von ihnen Besitz ergriffen zu haben. Vielleicht können sie gar nichts dafür, dass sie plötzlich so seltsame Gedanken hegen. Vielleicht ist mein Volk wirklich von einer unheilvollen Seuche befallen. Die Nachricht der Barbaren, dass sie ihren Feldzug gegen uns nicht führen wollen, war auch so ein ungewöhnliches Vorkommnis.«

Sie stieß ein kurzes, humorloses Lachen aus. »Barbaren die nicht kämpfen wollen – das ist wie Regen, der nicht fallen will, Wind, der nicht wehen oder eine Sonne, die morgens nicht aufgehen möchte. Jetzt dieses seltsame Verhalten Sosshas samt ihrer Gefolgschaft und das fürchterliche Ding, das ihrem Gesicht entsprossen ist. Was hat das nur zu bedeuten?«

Sie wandte sich ihrer Tochter zu und verschränkte die Arme vor der Brust. »Lass mich raten: Mein entlaufenes Haustier konntest du auch nicht wieder einfangen.«

»Es ist lieber in den Tod gegangen, als in seine gemütliche Sklaverei zurückzukehren«, gab Tissha die Geschehnisse in äußerst verkürzter Form wieder. »Für mich völlig unbegreiflich.«

Weitere Details über die Ereignisse im Dschungel behielt sie lieber für sich. Selbige waren nicht unbedingt wichtig und ließen sie auch nicht gerade in einem guten Licht dastehen. Ihre Mutter gab sich erstaunlicherweise mit dieser knappen Erklärung zufrieden, was eigentlich so gar nicht ihrem herrischen Naturell entsprach. Anscheinend beschäftigten sie andere Sorgen weit mehr, als es das Ableben ihres Haustiers tat.

»Also befällt der Wahnsinn auch die niederen Lebensformen«, stellte sie lediglich fest. »Aber da ist noch etwas.«

Sie machte eine lange Pause, so als wäre ihr das, was sie nun zu sagen gedachte, peinlich. Es trotzdem auszusprechen, schien sie einiges an Überwindung zu kosten.

»Ich hatte letzte Nacht einen seltsamen Traum. Ich träumte davon, dass alle Lebewesen Archainos in Frieden zusammen leben würden. Es gab keine Gewalt, keinen Krieg und keinen Streit mehr zwischen den Völkern. Männer und Frauen waren gleichgestellt, sie hatten alle die gleichen Rechte und lebten in Harmonie und Eintracht zusammen. Nie zuvor hatte ich einen gruseligeren Albtraum wie diesen.«

»Das klingt wirklich schauderhaft«, stimmte Tissha ihr zu. Es befremdete sie sehr, dass ihre Mutter sich die Blöße gab, über so persönlich Dinge wie ihre Träume zu reden. »Aber du hast jetzt nicht vor, mir dein Herz auszuschütten, oder?«

Khelea bedachte sie mit strafenden Blicken. »Rede keinen Unsinn, Kind! Ich habe diesen Traum nur erwähnt, weil ich glaube, dass er eine tiefere Bedeutung hat. Vielleicht ist er ein Omen – eine Warnung vor weiteren seltsamen Ereignissen, die uns in Zukunft heimsuchen könnten. Ich möchte deshalb, dass du zu den Elfen reist, um mehr über diesen Traum und die heutigen Geschehnisse herauszufinden. Wie du sicherlich weißt, gibt es unter den Spitzohren einige äußerst fähige Wahrsager und Orakel. Ihre mystische Verbundenheit mit der Natur lässt sie Dinge sehen, welche den Angehörigen anderer Völker verborgen bleiben. Darüber hinaus sind sie die einzigen Wesen Archainos, die so etwas wie eine sensible Seite haben. Wenn jemand etwas über Emotionen oder Gemütszustände weiß, dann sind sie es.«

»Muss das denn wirklich sein?« Tissha verzog mürrisch ihre Mundwinkel. »Elfen sind die größten Weicheier dieser Welt. Mit ihnen zu reden ist unglaublich nervig. Ewig jammern sie rum, wie grausam die Welt doch sei und dass jedes Leben wertvoll wäre, unabhängig von Rasse oder Herkunft. Einen anständigen Kampf wissen diese Luschen gar nicht zu schätzen. Die kämpfen nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Ich bekomme echt Migräne, wenn ich mich länger als ein paar Minuten mit denen unterhalten muss.«

Khelea stemmte ihre Hände in die Hüfte und baute sich vor ihrer Tochter auf. »Wenn du nicht möchtest, musst du meinem Befehl natürlich nicht folgen. Warum solltest du auch? Ich bin ja nur die Königin und darüber hinaus auch noch deine Mutter! Letzteres muss mich dann allerdings auch nicht in meiner Entscheidung beeinflussen, wen ich für den Verlust meines liebsten Haustieres in handliche Würfel schneiden lasse.«

Früh am nächsten Morgen verließ Tissha die Stadt auf dem Rücken ihrer fuchsroten Stute, um dem Volk der Elfen einen Besuch abzustatten.

6

»Sind wir bald da?«, fragte Hohlefried von Ömmerbaum mit quengelndem Tonfall.

Seine zwei Begleiter stöhnten entnervt auf. Er stellte diese Frage bereits zum dritten Mal, seit sie nach ihrer Unterredung im Langhaus aufgebrochen waren.

Nach selbiger hatte auch der Druide zunächst noch darüber nachgedacht, seinen König und die zwei Fremden auf ihrer gefahrvollen Reise zu begleiten. Doch dann war ein Stammesangehöriger in einem Frauengewand aufgetaucht – fest davon überzeugt, als Frau im Körper eines Barbaren geboren worden zu sein. Lautstark hatte dieser Irre seine Rechte als Transgender eingefordert und beharrlich hatte er darauf bestanden, in Zukunft Loretta genannt zu werden. Diesen Wahnsinnigen in seinen schrägen Klamotten durch die Gegend laufen zu lassen, wäre natürlich unverantwortlich gewesen. Damit er sich um diesen und weitere verwirrte Bewohner kümmern konnte, war Grahlum deshalb im Dorf zurückgeblieben. Der ramponierte Herold hatte es indes vorgezogen, nach Loewenehr zurückzukehren, derweil die drei anderen zur Vampirjagd aufgebrochen waren.

Das war jetzt gerade mal eine Stunde her.

Storne drehte sich auf seinem schwarz-weiß gescheckten Hengst zu dem hinter ihm reitenden Paladin um. »Ich sage es Euch jetzt ein letztes Mal: Wir werden noch bis zum späten Nachmittag unterwegs sein und jetzt ist es gerade mal kurz vor Mittag! Und nun ist es an mir, Euch eine Frage zu stellen: Seid Ihr eigentlich noch ganz dicht?«

Der gepanzerte Krieger dachte kurz nach. »Ob ich noch dicht bin? Nun, ich müsste mich in der Tat mal kurz erleichtern. Wie konntet Ihr das wissen, König Storne?«

Der Barbar wandte sich an den Erzmagier, der zu seiner Linken ritt. »Warum trägt Euer Begleiter eigentlich einen Helm? Viel Schützenswertes scheint sich darunter ja nicht zu verbergen.«

Teophus schmunzelte. »Ihr werdet es vielleicht nicht glauben, doch von all den Paladinen im Dienste König Ludebrechts ist er noch einer der Pfiffigsten.«

Wahrhaftig von Zweifel erfüllt betrachtete Storne erneut den Paladin. Hinter dessen geschlossenem Visier erklang plötzlich ein lautes Niesen, dann ein »Bäh!« gefolgt von einem leisen »Nicht schon wieder«. Hastig kramte der junge Krieger daraufhin ein Tuch aus seiner Satteltasche hervor. Mit diesem wischte er ungelenk den Rotz von der Innenseite des Visiers, nachdem er selbiges geöffnet hatte.

»Der hellste Stern am Firmament ist er aber wahrlich nicht«, gab Teophus zu. »Aber wenigstens kann er mit dem Schwert umgehen.«

Der Barbar zog die Augenbrauen zusammen und knurrte missmutig. Auch dieser Aussage des Magiers schenkte er nur wenig Glauben.

»War nicht soeben die Rede von einer kurzen Rast, damit ich mein Wasser abschlagen kann?« Der Paladin rutschte unruhig auf seinem Sattel hin und her. »Oder habe ich da wieder etwas falsch verstanden?«

»Das ist doch wohl nicht Euer Ernst, Hohlefried!«, fuhr ihn nun der weißhaarige Magier an. »Habe ich Euch nicht vor unserem Aufbruch darauf hingewiesen, dass Ihr noch einmal den Abort aufsuchen sollt? Mit Euch reisen zu müssen, ist wahrhaftig eine Marter!«

Der König sackte seufzend in sich zusammen. Sie hatten erst ein kurzes Stück ihres Weges durch die dicht bewaldeten Regionen der Nordlande hinter sich gebracht und sein Nervenkostüm zeigte jetzt schon erste Verschleißerscheinungen. Wenn sie weiter in dieser Geschwindigkeit vorankämen, würden sie ihr Ziel erst am nächsten Morgen erreichen.

»Dann lasst uns halt eine kurze Pause einlegen«, entschied er dennoch. »Ich möchte nicht dafür verantwortlich sein, wenn die metallenen Beinkleider des Paladins Rost ansetzen.«

Sie zügelten ihre Pferde und während Storne und Teophus gemächlich von deren Rücken stiegen, sprang Hohlefried erstaunlich behände von seinem Gaul herunter. Danach entschwand er mit einer beachtlichen Geschwindigkeit zwischen den dicht stehenden Bäumen, die den Pfad durch den Wald säumten.

»Wie schafft er es, sich so flink zu bewegen?«, wunderte sich Storne, während er die Pferde an einer kleinen Birke in der Nähe festband. »Behindert ihn seine Rüstung denn gar nicht?«

Der Erzmagier ließ sich auf einen umgestürzten Baumstamm am Wegesrand nieder. »Natürlich nicht, er spürt sie noch nicht mal – er ist ein Paladin. Ritter und Paladine können sich mühelos in Rüstungen bewegen, deren Gewicht jedes andere humanoide Wesen in die Knie zwingen würde. Diese Fähigkeiten hat ihnen die Natur verliehen. Wie Ihr sicherlich wisst, sind die Naturgesetze Archainos vielgestaltig und sehr individuell. Deshalb sehen Amazonen ja auch immer gut aus, wächst uns Magiern schon in frühester Jugend ein langer Bart und verliert eine holde Jungfrau nie ihre Unschuld, egal wie oft und mit wem sie es schon getrieben hat.«

»Und wir Barbaren frieren darum nie in unserem Lendenschurz und unsere Körper sind immer muskulös und braun gebrannt«, fügte der König hinzu. Er setzte sich neben den Magier. »Wir nennen das alles aber nicht Naturgesetze sondern Isso.«

»Hallo?«, ertönte die Stimme des Paladins durch die Bäume. »Ich wollte nur Bescheid sagen, dass es noch etwas dauern könnte. Ich habe gerade festgestellt, dass ich auch meine Heckklappe mal kurz öffnen muss!«

»Bitte keine weiteren Details!«, rief Teophus zurück. Seine Verstimmung über diese weitere Verzögerung konnte er nicht verbergen. »Wegen dem werden wir uns dem Gegner womöglich noch im Dunkeln stellen müssen«, sagte er dann leise. »Bei einem Kampf gegen einen Vampir ist das ganz bestimmt nicht von Vorteil.«

Storne winkte ab. »Das wird sich so oder so nicht vermeiden lassen. Dort, wo wir hingehen, scheint ohnehin niemals die Sonne. Die Ruinen und der Friedhof liegen in ewiger Finsternis, dort ist es immer Nacht – seltsam, aber Isso.«

Der Weißhaarige strich sich mit der Rechten über seinen langen Bart. »Interessant, wenngleich für unser Vorhaben nicht sehr hilfreich. Dennoch sollten wir es vermeiden, unnötig Zeit zu verschwenden. Immerhin geht es um das Wohlergehen meiner Nichte.«

»Glaubt Ihr wirklich, dass sie noch unter den Lebenden weilt?« Die Skepsis in Stornes Frage war nicht zu überhören.

Der Erzmagier antwortete nicht sofort. Stattdessen holte er noch einmal Sielruds Kette mit dem Rubin daran aus seinem Gewand hervor. Mit beiden Händen umschloss er das Schmuckstück, dann schloss er seine Augen.

»Ich kann ihre Lebensenergie noch spüren«, murmelte er, während sich seine Augäpfel unter den geschlossenen Lidern deutlich sichtbar hin und herbewegten. »Der Vampirlord hat sie noch nicht zu einer Untoten gemacht. Wahrscheinlich hat er sie irgendwo eingesperrt, zusammen mit den anderen Mädchen, die er vielleicht auch noch nicht verwandelt hat.«

»Warum sollte er so etwas tun?«, fragte ihn Storne. »Wozu braucht er Gefangene?«

»Als Nahrungsquelle.« Teophus sah den Barbaren mit traurigen Augen an und ein leichter Schauder durchfuhr seinen Körper. »Manchmal halten sich Vampire ein paar willenlose Opfer wie Vieh, an dem sie ihren Durst jederzeit stillen können. Wenn sie nur geringe Mengen ihres Blutes trinken, sterben diese armen Kreaturen nicht und eine Verwandlung findet nicht statt. Nach einer Weile regeneriert sich ihr Lebenssaft und der Vampir kann sie erneut zur Ader lassen. Ich habe von Fällen gehört, in denen Menschen über Jahrzehnte hinweg unter dem Bann eines Blutsaugers gestanden und ihm als Futterspender gedient haben.«

»Abscheulich!«, befand Storne. »Blut ist zum Vergießen da, nicht zum Verzehren.«

Ein lautes Keuchen und Ächzen, das plötzlich aus dem Wald zu ihnen drang, erregte seine Aufmerksamkeit. Er sah den Magier fragend an und gemeinsam dachten sie einen Augenblick lang schweigend über die Ursache dieser Geräusche nach. Dass es für den Paladin ganz normal war, solche Laute bei der Verrichtung seines Geschäftes von sich zu geben, hielten beide für durchaus denkbar.

Erst ein gellender Hilfeschrei überzeugte sie davon, dass der junge Krieger bei seinem Stuhlgang in irgendeine Bedrängnis geraten war. Während Storne nun geschwind seine gewaltige, zweischneidige Streitaxt vom Sattel nahm, holte Teophus seinen Stab und den Zweihänder des Paladins. Dann eilten sie dem jungen Krieger zu Hilfe.

Erst nach einigen Metern entdeckten sie diesen hinter einem großen Wacholderbusch inmitten hoher Eichen. In ein grobes Netz aus Schlingpflanzen verheddert, erwehrte er sich verzweifelt zweier Gegner, die ihn scheinbar als Jagdbeute betrachteten. Wild und ungestüm drangen die dürren, grünhäutigen Zweibeiner, die gerade mal einen Meter groß waren, dabei auf den gepanzerten Jungspund ein. Einem von ihnen hielt Hohlefried die Handgelenke fest, damit dieser nicht mit seinem Beil auf ihn einprügeln konnte. Der andere grüne Bursche hockte derweil auf dem Rücken des Paladins und drosch mit einem Holzknüppel auf dessen Helm ein.

Offensichtlich hatten die Angreifer ihrem Opfer noch nicht einmal die Zeit gelassen, die metallene Klappe vor seinem Gesäß zu schließen. Auch sein Unterzeug hatte Hohlefried nicht mehr hochziehen können. Mit entblößtem Gesäß musste er sich deshalb gegen die beiden Gestalten verteidigen.

Noch bevor Storne und Teophus ihn aus dieser Bredouille befreien konnten, brachen drei weitere Kreaturen aus dem Unterholz hervor.

»Goblins!«, stellte der Magier überflüssigerweise fest.

Auch der Barbar hatte die Wesen schon längst anhand ihrer langen, spitzen Ohren und ihrer ebenso langen und spitzen Nasen identifiziert. Dass Goblins allgemein für ihre Feigheit und Scheu bekannt waren, merkte man diesen wüsten, mit Tierfellen bekleideten Radaubrüdern allerdings nicht an. Mit Krummsäbeln bewaffnet und laut schreiend stürmten sie heran.

»Die übernehme ich!«, entschied Storne. »Helft Ihr dem Paladin.«

Erfreut darüber, sich endlich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung widmen zu können, schwang er fröhlich seine Axt hin und her. Nur einen Atemzug später lag der erste Goblin enthauptet darnieder und ein zweiter schaute erstaunt seinen Armen hinterher, die in einem hohen Bogen durch den Wald flogen. Bevor er sich wieder aus diesem übermächtigen Staunen lösen konnte, amputierte ihm Storne noch geschwind beide Beine mit einem einzigen Axthieb.

Dem Boden nun ein gutes Stück näher sah der Goblin hilflos zu, wie der Barbar den dritten Angreifer mit einem senkrechten Hieb in zwei Hälften zerteilte. Danach verließ das Leben den grünen Kerl ebenso schnell, wie es der größte Teil seines Blutes tat.

Der Magier kümmerte sich zwischenzeitlich um die zwei Quälgeister, die es auf Hohlefried abgesehen hatten. Mit der kristallbesetzten Spitze seines Stabes zeigte er auf die beiden Grünhäute, die daraufhin in die Lüfte entschwebten, als würden sie von unsichtbaren Händen emporgehoben. Jammernd und zappelnd stiegen sie höher und höher, bis sie nur noch als kleine Punkte am Himmel zu erkennen waren. Ihr Jammern verwandelte sich in panisches Kreischen, als Teophus den Stab zur Seite schwenkte und sie im freien Fall ihrem unvermeidlichen Ende entgegenrasten. Erst ihr heftiger Aufprall, der ihnen sämtliche Knochen in ihren dürren Leibern zertrümmerte, ließ diesen Lärm verstummen.

Nun war es an Hohlefried, seinen Wert im Kampf zu beweisen. Gerade als Teophus ihn aus dem Netz befreit und ihm sein Schwert überreicht hatte, tauchten zwei weitere Goblins aus dem Gebüsch zu seiner Linken auf. Überaus geschickt parierte er den von oben geführten Schlag, den einer der Kerle mit seinem Knüppel ausführte. Zeitgleich trat er dem anderen Angreifer mit seinem metallbeschlagenen Stiefel ins Gesicht, sodass dieser mit blutender, augenscheinlich gebrochener Nase nach hinten taumelte und zu Boden ging. Dies verschaffte dem Paladin ausreichend Zeit, sich weiter mit dem ersten Gegner zu beschäftigen.

Zwei weitere Attacken des grünen Keulenschwingers wehrte er noch ab, dann rammte er ihm seinen Zweihänder fast bis zum Heft in den Leib. Die Lebenslichter des Goblins erloschen binnen weniger Augenblicke. Als lebloser Klumpen Fleisch steckte der er nun auf der langen Klinge. Doch das störte Hohlefried nicht weiter. Da sich der andere Bursche wieder aufgerappelt hatte und nun angriff, musste er umgehend handeln. Ungeachtet des zusätzlichen Gewichts auf seinem Schwert schwang er selbiges kraftvoll zur Seite. Es traf den Heranstürmenden und zerschnitt ihn knapp oberhalb seines Bauchnabels in zwei Teile. Während die obere Körperhälfte samt einer unsagbar dämlich dreinblickenden Goblinfratze nun zu Boden plumpste, blieben die Beine noch ein paar Sekunden lang stehen. Unmengen an Blut in die Gegend verspritzend fielen auch sie letztendlich um.

Der Paladin stemmte seinen Fuß gegen den Leichnam auf seinem Schwert und mit einem starken Ruck befreite er es aus selbigem. Beide Hände auf dem Knauf seiner Waffe stieß er sie danach vor sich in den Boden, dabei einen Laut der Zufriedenheit ausstoßend. Hätte er all dies nicht mit blankem Hinterteil vollbracht, wäre Storne Stahlhand vielleicht sogar beeindruckt gewesen.

»So habe ich also einen Hinterhalt der Goblins vereitelt!«, lobpreiste sich der gepanzerte Krieger selbst. Er tat dies voller Inbrunst, als spräche er vor einem großen Publikum. »Wenn ich erst mal wieder in Loewenehr bin, werde ich ein Heldenlied darüber verfassen, welche Abenteuer wir auf unserer Reise erlebt haben. Dieser Kampf wird sicherlich einer der Höhepunkte darin sein.«

Storne reagierte darauf mit einem spöttischen Grinsen. »Ihr solltet in Eurem Lied aber besser verschweigen, dass Ihr beinahe von zwei Goblins beim Kacken überwältigt wurdet. Und nun bedeckt endlich Euren Poppes, Kerl!«

Der Gescholtene richtete sich etwas verschämt sein Unterzeug, bevor er das Blech vor seinem Gesäß wieder hochklappte. Mit schmalen Lederriemen befestigte er es dann wieder an seiner Rüstung.

Der Barbarenkönig vernahm währenddessen leises Rascheln und das Knacken zerbrechender Äste in den Büschen und Bäumen ringsumher. Er kannte den Wald gut genug, um zu wissen, dass diese Geräusche nicht von herkömmlichen Waldbewohnern verursacht wurden.

»Gebt Acht, die Gefahr ist noch nicht vorbei!«, warnte er seine Mitstreiter. »Die kleinen Bastarde stecken hier überall.«

Mit zusammengekniffenen Augen versuchten die drei Gefährten, ihren Feind im Unterholz ausfindig zu machen. Doch kleine grüne Wesen in dichtem Gesträuch zu finden, erwies sich selbstredend als recht schwierig. Aufgrund der Vielzahl an Geräuschen um sie herum mutmaßte Storne jedoch, dass sie es noch mit mehr als einem Dutzend weiterer Angreifer zu tun bekommen würden.

»Ich frage mich, was diese Biester antreibt«, überlegte Teophus laut. »Die trauen sich normalerweise nicht an ausgewachsene Menschen heran. Dieses miteinander abgestimmte Vorgehen gegen einen gemeinsamen Feind ist auch äußerst ungewöhnlich. Ich hatte zudem den Eindruck, dass sie Hohlefried nicht töten, sondern nur gefangen nehmen wollten.«

Ein Rascheln zu seiner Linken ließ Storne herumfahren und erwartungsvoll seine Axt heben. Er entspannte sich jedoch umgehend wieder und senkte seine Waffe.

»Nun ja, vielleicht erfahren wir ja jetzt mehr«, mutmaßte er, denn eine kleine, grüne Gestalt trat mit erhobenen Händen aus dem Buschwerk heraus.

Dass es sich bei dieser um einen weiblichen Vertreter der Goblins handelte, war unschwer zu erkennen. Untrügliche Anzeichen dafür waren die zwei schlaff herabhängenden Brüste, die auf einer weit hervorstehenden, recht wabbeligen Wampe ruhten. Selbige wurde wiederum von zwei krummen, spindeldürren Beinen getragen. Dem ästhetischen Empfinden Stornes hätte es wohl weitaus mehr entsprochen, wenn diese Gestalt mehr als nur einen Fellrock an ihrem unförmigen Leib getragen hätte. Im Optimalfall wäre dies ein Kleidungsstück gewesen, welches auch das Gesicht der Kreatur bedeckt hätte. Dieses war nämlich selbst für einen Goblin von erlesener Hässlichkeit.

»Nix mehr Haue!«, drang es über die wulstigen Lippen des grünhäutigen Pummels.

Dies versetzte die drei Menschen in enormes Staunen. Keiner von ihnen hatte jemals etwas von sprechenden Goblins gehört.

»Ich Gryxela, große Schamanin von mächtige Goblin-Stamm!« Sie deutete auf den Paladin und ein seltsam verzückter Ausdruck erschien in ihrer unansehnlichen Visage. »Das hübsch Mann-Ding. Gryxela hübsch Mann-Ding habe wolle! Goblins wolle fange hübsch Mann-Ding für Schamanin, aber böse Mensche mache Goblins tot. Nix nett!«

Der Erzmagier gab ein amüsiertes Prusten von sich. »Potzblitz!«, entfleuchte es ihm. »Jetzt wissen wir, warum die grünen Burschen Euch fangen wollten. Anscheinend habt Ihr eine Bewunderin, Hohlefried. Aber womöglich sieht sie in Euch auch nur ein üppiges Abendmahl.«

Mit einer Mischung aus Abscheu und Verunsicherung musterte der junge Krieger die Schamanin. Diese warf ihm schmachtende Blicke zu, derweil sie mit den Wimpern klimperte.

»Verzeiht mir, gnädige … äh … Frau?« Er sah hilfesuchend um sich, doch seine Begleiter grinsten ihn nur breit an. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie die ganze Angelegenheit nicht wirklich ernst nahmen. »Mein Name ist Hohlefried von Ömmerbaum und ich frage mich, weshalb Ihr meiner habhaft werden wollt. Wollt Ihr mich etwa verspeisen?«

Die Kreatur namens Gryxela schüttelte den Kopf und verzog den Mund zu einer Grimasse, welche wohl ein Lächeln darstellen sollte. »Nix aufesse! Gryxela mag hübsch Hohlefr… Hohlefra… Hohl-Mann-Ding. Gryxela werde Weib von hübsch Hohlmann-Ding.«

Nun konnte auch der Barbarenkönig sein Lachen nicht mehr unterdrücken. Dröhnend und schallend brach es aus ihm heraus. »Meinen Glückwunsch, edler Recke! Die liebliche Maid hat sich wohl in Euch verguckt, als sie Euch mit entblößter Kehrseite hinterm Busch hat hocken sehen. Ich bin gespannt darauf, wie diese Anekdote in Eurem Heldenlied Erwähnung finden wird.«

»Euer Humor ist mitunter recht derb«, stellte der Paladin etwas pikiert fest. Dann klappte er sein Visier herunter, da ihm die lustvollen Blicke der Schamanin allmählich unangenehm wurden.

Selbige verlor augenscheinlich die Geduld. »Ihr gebe Gryxela hübsch Hohlmann-Ding!«, verlangte sie barsch. »Ihr gebe, dann Goblins nix mehr kämpfe. Wenn Ihr nix gebe, dann wir uns einfach nehme und andere beide Mensche töte!«

Ihre Drohung vermochte es nicht wirklich, den König in Furcht zu versetzen.

»Na, dann ist ja alles klar!«, stellte er fröhlich fest. »Wir geben ihnen unseren jungen Freund, dann können wir endlich weiterziehen. Klingt nach einem prima Handel. Ein dreifach Hoch dem glücklichen Paar!«

Hohlefried sah erst ihn an, dann den Magier und dann wieder ihn. Seine Beunruhigung konnte er trotz des geschlossenen Visiers nicht verbergen.

»Aber das könnt Ihr doch nicht machen! Ich will nicht der Gemahl dieser garstigen Vettel werden. Wir sind doch Kampfgefährten, wir …«

»Beruhigt Euch«, bat ihn der Erzmagier. »König Storne hat sich nur einen kleinen Scherz mit Euch erlaubt.« Nach einem kurzen Zögern wandte er sich an den Barbaren. »Ist doch so, oder?«

Storne antwortete nicht direkt, sondern richtete sein Wort an die adipöse Schamanin. »Auch wenn ich damit vielleicht einer hoffnungsvollen Romanze den Todesstoß versetze, werde ich mich wohl kaum von so einer missgestalteten, grünen Kartoffel wie dir erpressen lassen. Also verschwinde, bevor ich deinen widerlichen, schwammigen Leib in tausend kleine Stücke zerhacke, die ich dann irgendeinem Aasfresser als Festmahl kredenze. Und besorg dir mal 'nen Büstenhalter!«

Zorn in seiner reinsten Form verunstaltete nun die Miene der Goblin-Frau. Dass sie diese Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen würde, war wohl jedem Anwesenden klar.

»Ihr tot!«, zischte sie nur noch, dann verschwand sie wieder im Gebüsch.

In Erwartung weiterer Angriffe stellten sich die drei Weggefährten nun mit erhobenen Waffen Rücken an Rücken, um sich nach allen Seiten abzusichern. Die lauter werdende Geräuschkulisse um sie herum überzeugte sie von der Notwendigkeit, dies zu tun.

»Ein sprechendes Goblin-Weib auf Partnersuche und eine ganze Armee dieser kleinen Biester als ihre Kuppler«, fasste Teophus die augenblickliche Situation in wenigen Worten zusammen. »Diese Sache wird immer abstruser.«

Der König stimmte ihm zu. »Normalerweise verwenden diese Nacktaffen noch nicht mal Waffen. Die haben eigentlich nur geringfügig mehr Verstand als eine Wildsau – gerade mal so viel, um aufrecht laufen zu können. Mit Werkzeugen können die nicht umgehen und mit Säbeln, Dolchen oder Knüppeln schon mal gar nicht.«

So als würde er die Aussage des Barbaren widerlegen wollen, stürzte sich ein besonders forscher Goblin aus einem der umstehenden Bäume auf die drei Menschen herab. Die zwei Dolche in seinen Händen wusste er dabei sehr wohl zu führen.

Der Magier stoppte seinen Fall etwa einen halben Meter über ihren Häuptern. Dort ließ er ihn einen kurzen Moment lang hilflos mit den Armen rudernd in der Luft verweilen. Dann überantwortete Teophus den Goblin wieder der Schwerkraft und er fiel auf die Spitze des Schwerts, das Hohlefried ihm in weiser Voraussicht entgegengestreckt hatte.

»Könnte dieses seltsame Verhalten nicht auch auf den Einfluss des Vampirlords zurückzuführen sein?«, fragte der Paladin, während er den kleinen, grünen und natürlich toten Körper von seiner Klinge schüttelte. Da selbige mittlerweile gut geschmiert von all dem Blut war, gelang ihm dies auch mühelos.

»Das ist gut möglich. Wer vermag schon zu sagen, wie sich die Präsenz des Blutsaugers auf niedere Wesen auswirkt. Im Gegensatz zu intelligenten Lebensformen, die durch die Aura des Vampirlords ja anscheinend eher friedlicher werden …«

Teophus Redefluss wurde von zwei heranpreschenden Störenfrieden gestoppt. Diesen hatte man wohl nicht beigebracht, dass man Gespräche unter Ehrenmännern nicht einfach so unterbrechen darf. Dieser Mangel an Erziehung sollte ihr Verhängnis werden. Die horizontal geschwungene Axt des Barbaren schlitzte ihnen ihre Bäuche auf, sodass ein Großteil ihrer Gedärme unverzüglich ihren Körper verließ. Dies mit anzusehen war freilich nicht sehr angenehm – so zu sterben wahrscheinlich noch viel weniger.

»Diese Art des Kampfes sagt mir überhaupt nicht zu!«, beschwerte sich Storne. »Wenn sich diese Feiglinge weiterhin so zieren und sie nur peu à peu hier auftauchen, wird sich dieser Unsinn hier noch über Stunden ziehen. Teophus, könnt Ihr den Wald hier nicht einfach mit ein paar Feuerbällen abfackeln oder zumindest die Goblins damit aufscheuchen?«

Der Erzmagier erhob seine freie Hand als Geste der Entschuldigung. »Tut mir sehr leid, aber Feuerbälle sind nicht so mein Ding. Ich bin auf Levitation spezialisiert und um Objekte schweben lassen zu können, muss ich diese auch sehen.«

Der König knurrte verstimmt. »Na super! Diese Verzögerung ist echt unerfreulich. Wir haben schließlich wichtigere Dinge zu erledigen und die Zeit drängt. Ich habe allerdings auch keine Lust, mich auf unserer Weiterreise ständig umdrehen zu müssen, weil uns diese Stinker im Nacken sitzen.«

Der Barbar dachte kurz nach, dann richtete er lautstark seine Worte an die Wesen, die ihn und seine Begleiter belauerten. »Hört mal, ihr Doofmannsgehilfen! Wir machen uns jetzt vom Acker! War ja ganz nett mit euch, aber wir müssen dringend weiter. Hübsch Hohlmann-Ding nehmen wir natürlich mit. Falls ihr noch irgendwas von uns wollt, solltet ihr jetzt mal in die Puschen kommen.«

Seine Axt lässig über die Schulter gelegt und unbekümmert wandte sich Storne ab, so als würde er nach einem angenehmen Einkaufsbummel heimwärts spazieren. Wie er es sich bei Grahlum abgeschaut hatte, pfiff er dabei eine fröhliche Melodie. Obwohl Hohlefried und Teophus seinen Plan nicht zur Gänze durchschauten, taten sie es ihm schulterzuckend gleich.

Lediglich einige Meter waren sie gegangen, als hinter ihnen eine ganze Horde Goblins aus den Büschen sprang. Sie schienen nicht gewillt zu sein, den vermeintlichen Bräutigam ihrer Schamanin einfach so davonkommen zu lassen. Grölend, krakeelend und ihre Waffen bedrohlich über ihren Köpfen schwenkend nahmen sie die Verfolgung der drei Menschen auf.

Storne grinste breit und zuckte mit den Augenbrauen. »Na, geht doch! Übermäßig viel Intelligenz hat ihnen die Gegenwart des Vampirs scheinbar nicht verliehen.«

Er wendete sich den nahenden Feinden zu und frohen Mutes stieg er in eine nonverbale Diskussion ein. In dieser ließ er ausnahmslos seine Axt für sich sprechen. Dieses messerscharfe, von einem kraftstrotzenden Barbaren ins Feld geführte Argument wirkte sich natürlich verheerend auf das Allgemeinbefinden der Goblins aus. Nahezu im Sekundentakt mussten sie sich von den unterschiedlichsten Körperteilen verabschieden. Da der König aber kein Freund unvollendeter Sachen war, blieb ihnen zumeist kaum die Zeit für ein Lebewohl.

Beim Anblick der vielen grünen Gliedmaßen, die nun durch die Luft wirbelten, erwachte auch in den Begleitern Stornes das Bedürfnis, sich wieder diesem kurzweiligen Spaß hinzugeben.

Wie ein Bauer mit seiner Sense, so marschierte nun auch der Paladin durch die ungeordneten Reihen der Goblins. Unzählige Leiber mähte er so nieder, unzählige Köpfe trennte er von ihren Hälsen und unzählige Innereien verteilte er auf dem Waldboden. Mit der Menge an Blut, die er dabei vergoss, hätte man leicht einen kleinen See füllen können. Bald schon musste er Acht geben, um nicht auf diesem ganzen Glibber auszurutschen.

Der Magier hingegen hielt sich von Körperflüssigkeiten jedweder Art fern. Einem Dirigenten gleich stand er da, mit seinem Stab als Taktstock mal hierhin, mal dorthin deutend. So leitete er ein groteskes Ballett mit umherschwebenden, ängstlich schreienden Goblins an. Meist endete dieser Tanz unschön für die unfreiwillig Beteiligten. Sie wurden aufgespießt von irgendwelchen spitzen Ästen oder zerschmettert von Baumstämmen, gegen die sie geschleudert wurden. Vorwiegend verloren sie ihr Leben jedoch relativ unspektakulär nach einem Sturz aus großer Höhe. Obwohl die Opfer des Magiers danach nicht annähernd so demoliert aussahen wie die seiner Kampfgefährten, waren sie dennoch ebenso tot.

Nach nur wenigen Minuten obsiegte dann das bisschen Vernunft, welches wohl seit Neuestem in den hässlichen Köpfen der Goblins hauste. Da die Zahl der toten Grünhäute die der lebenden mittlerweile bei Weitem überstieg, zog es der spärliche Rest vor, sein Heil in der Flucht zu suchen. Nur kurz konnte man die Davonlaufenden noch durch das Unterholz entschwinden hören. Dann kehrte endlich wieder Ruhe ein und überzeugte die drei Menschen davon, dass das Blutvergießen ein Ende gefunden hatte.

Storne bückte sich und nahm einem seiner toten Feinde den Säbel aus der Hand. Nachdenklich und mit einem hohen Maß an Sachverstand betrachtete er die Waffe.

»Orkische Waffenschmiedekunst«, stellte er überrascht fest. »Aber wie kann das sein? Goblins sind sehr entfernt mit den Orks verwandt, doch kein Ork würde dies freiwillig zugeben. Sie hassen ihre kleineren Vettern, sie verachten ihre schwächlichen Körper und vor allem ihre langen Nasen. Wo auch immer sie einer solchen Langnase begegnen, wird diese auf der Stelle abgeschlachtet. Kein Ork würde einem Goblin eine Waffe ohne Zwang überlassen.«

»Vielleicht haben sie die Waffen gestohlen«, gab Teophus zu bedenken, »oder bei einem Raubzug erbeutet.«

Der Barbar lachte laut auf. »Macht Ihr Witze? Goblins, die Orks berauben? Eher würde ich glauben, dass ein Wiesel einen Löwen zerfleischt. Nein, nein, diese Sache ist so mysteriös, dass ich ihr unbedingt nachgehen muss.«

Er wandte seinen Blick gen Osten. »Das Dorf der Bergorks liegt nicht weit von hier entfernt. Nachdem wir mit dem Vampirlord abgerechnet haben, werde ich auf meinem Heimweg dort vorbeischauen. Ein Gespräch mit Morack Meuchelhammer wird vielleicht ganz informativ sein. Vielleicht weiß er etwas über diese Waffen und wie sie in die Hände der Goblins geraten konnten.«

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