Kitabı oku: «Der Mörder und sein Bischof»
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Epilog
Impressum neobooks
Der Mörder und sein Bischof
Thomas Pfanner
Zum ersten Mal seit Tagen blickte er aus dem Fenster, eigentlich teilnahmslos, nur um sich zu beschäftigen. Wetter interessierte ihn nicht, Wetter war eine Angelegenheit für Menschen mit Zukunft. Draußen schien die Sonne und auch hier drinnen bemerkte er nun, da er darauf achtete, eine drückende Schwüle. Er sah dem Treiben auf der Straße zu, sah sich die spärlich bekleideten Menschen an, die schwitzend, aber eilig, irgendwelchen Geschäften nachgingen. Er hasste sie alle, er hasste sie für ihre Fröhlichkeit, er hasste sie für die Unbekümmertheit, mit der sie ihre Mitmenschen abdrängten, behinderten, ignorierten, gefährdeten. Er hasste den Autofahrer, der beinahe eine Frau auf dem Zebrastreifen überfuhr, er hasste ihn dafür, sich auch noch über die Frau aufzuregen; er hasste die Frau, weil sie sich nicht wehrte, sondern wegging. Solche Szenen spielten sich pausenlos dutzendfach ab, es widerte ihn an. Und doch konnte er es nicht lassen, ab und an hinzusehen.
Er rekelte sich, bewegte etwas die müden Knochen, nahm aus seinem Rucksack einen der drei restlichen Marmorkuchen und setzte sich wieder vor den Bildschirm, eine Scheibe nach der anderen achtlos in sich hineinschiebend, halb kauend, halb lutschend. Er brauchte das jetzt, sich mit etwas zu beschäftigen, während der Computer ihn warten ließ. Die entscheidende Phase lief, auf drei der vier Fenster, in die er die Bildschirmanzeige aufgeteilt hatte, leuchteten Hinweis-Meldungen, dass der Vorgang gerade bearbeitet würde, im vierten Fenster tat sich nichts, und solange das so blieb, musste er sich keine Sorgen machen. Obwohl diese Bearbeitung der Vorgänge nur wenige Minuten andauerte, empfand er die Warterei als quälende Ewigkeit. Natürlich hatte er alles gut vorbereitet, natürlich konnte nach menschlichem Ermessen nichts schief gehen, doch gerade die mutmaßliche Leichtigkeit beunruhigte ihn, denn nach menschlichem Ermessen ging immer irgendetwas schief. Seine Unwissenheit darüber, was genau schief gehen mochte, trug wesentlich zu seinem unwirklichen Zeitgefühl bei.
Dann geschah es. Alle drei Bearbeitungsvorgänge endeten fast gleichzeitig und dokumentierten dies mit einer entsprechenden Meldung. Er verlor keine Zeit, unverzüglich beauftragte er ein paar Transportfirmen und machte sich anschließend daran, alle Brücken abzubrechen. Als alles erledigt war, schaltete er den Computer aus, demontierte ihn und trug die Einzelteile ins Untergeschoss, wo er alles in seinem Transporter verstaute. Die nächsten zwei Stunden verbrachte er mit Essen und Entspannen, bis der Magen schmerzte. Andere Signale aus der Wirklichkeit nahm er nicht wahr, er achtete nie auf das, was er aß; wurde ihm schlecht, hörte er auf, so einfach ging das.
Pünktlich begab er sich ins Erdgeschoss, um rechtzeitig die verschiedenen Lieferungen entgegenzunehmen. Nacheinander trafen drei Fahrzeuge ein, Männer stiegen aus und luden ihre Fracht in der Schleuse ab. Die sechs großen Aluminium-Koffer brachte er ebenfalls in seinem Wagen unter, entnahm dem Innenraum einen grünen Overall, zog ihn an, setzte sich hinter das Steuer und verließ die Garage des Gebäudes. Draußen hielt er an, verschloss sehr sorgfältig das Tor, kletterte wieder in den Wagen und fuhr ohne einen Blick zurück weg.
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Die große, nicht übermäßig schlanke Frau betrat das General-Vikariat mit langen, festen Schritten in der Gewissheit, dass die Blicke der versammelten Männer ihr nicht nur wegen des lauten Halls ihrer knöchelhohen Stiefel folgten. Seit ihrer letzten Strafversetzung hatte sie sich angewöhnt, ihre Formen mit entsprechender Kleidung einigermaßen provokant in Szene zu setzen. Sie genoss es, eine Frau zu sein, die den Blick eines Mannes, auch eines vorgesetzten Mannes, kühl und geradeheraus erwidern konnte, die den Rücken nicht krumm machte, weder tatsächlich noch im übertragenen Sinn. Sie machte den Männern gern Probleme. Wenn sie aber zudem noch ihre Fraulichkeit hervorkehrte, dann konnte es passieren, dass die Männer dem Blick der Frau nicht mehr standhalten konnten und auf andere Teile ihres Körpers abglitten. Auf diese Weise gewann sie das Augenduell, deshalb fürchtete man sie, und auch deshalb würde sie nie wieder in ihrem Leben befördert werden.
Aufrecht und kühlen Blickes marschierte sie durch die große Vorhalle direkt zu dem imposanten Empfang, hinter dem sich zwei Priester in schwarzem Outfit leise unterhielten. Nicht unfreundlich fragte sie die beiden:
»Wo finde ich das Büro des General-Vikars?«, wobei sie den Grund für das Flüstern erkannte, denn ihre feste Stimme hallte von der Decke wider. Beide Angesprochenen deuteten zum Fahrstuhl, einer gab mit belegter Stimme »Zweiter Stock« zurück; dann schauten auch diese beiden nur noch hinter ihr her.
Als sie im zweiten Stock aus dem Aufzug trat, ließ sie einen langen Augenblick das Chaos auf sich wirken. Ein großer Raum tat sich vor ihr auf, den zahlreichen Arbeitsplätzen nach zu urteilen, das Sekretariat eines wichtigen Menschen. Vielleicht zwanzig Personen führten etwa fünfzehn Gespräche, Polizisten, Kripo-Leute, Angestellte des Vikariats, Priester und noch ein paar Leute, die sie nicht sofort einordnen konnte. Als sie in dem Gewühl ihren Partner entdeckte, setzte sie sich in seine Richtung in Bewegung.
»Na, Schönste, auch die Arschkarte gezogen?«, begrüßte er sie freundschaftlich.
»Natürlich, wir sitzen doch immer gemeinsam in der Tinte. Was haben wir denn hier, Daniel?«
Sie verschränkte die Arme unter ihrer Brust und blickte ihren Partner halb wachsam und halb freundschaftlich an.
»Du hast es noch nicht gehört, hm? Diesmal keine Psychopathen-Kiste, eher hohe Schule des organisierten Verbrechens. So eine Art perfektes Verbrechen. Genau die Sorte publicityträchtiger Pleite, um die unsere Karriere-Bullen einen großen Bogen machen.«
In Erwartung der unvermeidlich auf sie zukommenden schlechten Nachricht seufzte sie und stemmte die Hände in die Hüften. »Aha. Schon bin ich misstrauisch. Könnte ich es einen Tick konkreter haben?«
Daniel Joya, ein kräftiger, gedrungener Mann spanischer Abstammung, der gelegentlich darunter litt, einen halben Kopf kleiner als seine Kollegin zu sein, blinzelte zu ihr hinauf.
»Klar doch, das hier ist Herr Bauchmüller.« Er zeigte auf einen blassen schmalen Menschen mit ungesunder Gesichtsfarbe, mit dem ihr Kollege bei ihrem Eintreffen gesprochen hatte.
»Herr Bauchmüller ist der Rendant hier, so eine Art oberster Kassenwart. Erzählen Sie doch meiner Kollegin, was Sie mir eben erzählt haben.«
Bauchmüller sah ihr mit flackerndem Blick in die Augen, senkte die Lider aber unverzüglich und sprach zu ihrem Bauch. »Wir, nun, wir haben vor zwei Jahren das Online-Banking eingeführt, alle Gelder zwischen den verschiedenen uns angeschlossenen Einrichtungen und Trägern und uns werden über Internet bewegt. Und, nun, und nun sind uns etwa siebeneinhalb Millionen Euro abhandengekommen.«
Sie starrte auf den Scheitel des Stotterers mit milder Verachtung herab und fragte sich, was sie wohl damit zu tun haben sollte. Solche Geschichten gehörten tatsächlich nicht zu ihrem Bereich.
»Aha, und?«
»Nun, es ist nicht wieder aufgetaucht. Jemand hat es. Jemand, den wir nicht kennen.«
Sie verlor die Geduld.
»Also. Ihr Geld ist verschwunden, es ist nicht wieder aufgetaucht und nun ist Ihnen auch klar, dass es weg ist. Außerdem ahnen Sie, dass es sich nicht in Luft aufgelöst haben kann, weshalb Sie denken, jemand anderer muss sich in den Besitz des Geldes gebracht haben. Ich erschauere vor so viel Spürsinn. Joya, kannst du mir die Dinge vielleicht einleuchtend erklären?«
Ihr Kollege räusperte sich. »Denke schon. Fakt ist, dass insgesamt drei Überweisungen gelaufen sind, aus denen sich dieser Raub zusammensetzt, jeweils 2,49 Millionen Euro, alle drei von der Hausbank dieser Spezialisten«, er blickte abfällig zu dem Mann neben ihm, der immer noch ihren Bauch anstarrte, »jeweils an die gleiche Bank, wenn auch auf drei verschiedene Konten. Die Konten lauteten auf drei Bistümer in Afrika, mit denen die Hiesigen öfter Geschäfte abwickeln. Der Haken ist, dass keines dieser drei Bistümer ein Konto bei dieser Bank unterhält. Die Bistümer haben das Geld mithin auch nicht erhalten.«
Katja Preuß schüttelte den Kopf und rieb sich die etwas zu große Nase. Bauchmüller wagte einen undefinierbaren Blick auf ihre langen Finger. Sie antwortete mit einem aggressiven Stirnrunzeln und beschloss, kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
»Na bravo. Bei der Gelegenheit, wie sind diese Geistesriesen eigentlich dahintergekommen?«
»Die sind wirklich lustig, Katja, die haben erst gedacht, einer dieser Bischöfe hätte das ganze Geld geklemmt, gibt es nur nicht zu. Haben echt lange und kompliziert ihre eigenen Leute verdächtigt und ausgeforscht, bis sie endlich geglaubt haben, dass jemand anderer es getan hat. Ich denke, die hegen ein gesundes Misstrauen gegen ihre schwarzen Glaubensbrüder. Jedenfalls mehr als gegen ihre weiße Technik. Nun ist es ihnen aber doch klar, dass die Kohle nicht in Afrika steckt, sondern richtig weg ist, ohne Wenn und Aber.«
Katja fixierte Bauchmüller, während sie noch nicht ganz begriff, wo das Problem war.
»Aha, dann gibt es also keinen Adressaten, das Geld ist aber noch da, oder?«
Joya lächelte, es erfreute ihn immer wieder, Frauen über die Tücken der Technik aufzuklären. »Nicht direkt. Das Geld wurde abgeholt, die Konten gelöscht.«
Sie machte ein Gesicht wie zehn Tage Regenwetter. Um was ging es denn eigentlich hier? »Ich bin begeistert. Dann wissen wir doch, wer das Geld abgeholt hat. Überhaupt, wo ist das Problem? Irgendwer muss doch so ein Konto eröffnen, mit Ausweis und Gesichtskontrolle. Es muss doch jemanden geben, der gefunden werden kann.«
»Ach, Katja, wir haben doch schon Erfahrung mit diesen Dingen. Das ist wieder so eine typische Internet-Sache. Irgendwer gibt vor, irgendjemand anderer zu sein, den man schon kennt, eröffnet ein Konto, schickt online eine Unterschrift, bucht eine Weile wild herum und verschwindet dann wieder, ohne jemals die Bank wirklich betreten zu haben.«
Sie schaute ihn an, wie eine Mutter ihren Sohn anschaut, wenn er mit zerrissenen Hosen erscheint. »Joya. Dieser Internet-Wahn ist ja gut und schön, aber irgendeine Socke in so einer Bank muss sich doch Gedanken machen, wenn einer ein Konto aufmacht, ein paar Millionen verschiebt und dann auf einmal weg ist.«
Er grinste sie an. Nun erhielt er die Gelegenheit, das System als Ganzes zu kritisieren. »Ja sicher, aber nur wohlig warme Gedanken. Die verdienen doch daran, im Kern ist es denen egal, wer da was macht, Hauptsache, er bezahlt Gebühren und hält die Bilanz-Summe hoch. Die machen sich wesentlich mehr Gedanken über arme Schlucker, die ihr Konto um hundert Euro überziehen.«
»Ist ja lustig, nur: Du hast doch gesagt, dass der angebliche Inhaber ein afrikanisches, oder nein, mehrere afrikanische Bistümer wären. Fragt da nicht mal jemand nach? Ich meine, als die Transaktion anstand.«
»Doch, die haben sich rückversichert, hier im Vikariat allerdings, sozusagen bei sich selbst. Deshalb haben diese Trolle hier auch die ganze Zeit an einen korrupten Afrikaner gedacht. Ist schon ein Ding, diese Priester-Großköpfe haben alle Internet-Anschluss, aber telefonisch sind die partout nicht zu erreichen. Wahrscheinlich nur eine Steckdose, entweder-oder, nun ja.«
Katja funkelte den Buchhalter an, der ihr immer noch nicht in die Augen sehen konnte. »Und was ist mit Ihnen, Bauchmüller, Sie sind doch bestimmt der Ansprechpartner für solche Dinge? Sonst würden Sie nicht so aussehen, als hätte man Sie geprügelt. Die Bank hat also bei Ihnen nachgefragt. Was haben die gefragt und was haben Sie darauf geantwortet?«
Bauchmüller wand sich sichtlich. »Na ja, die haben gefragt, ob es diese Bistümer wirklich gibt, ob wir finanzielle Beziehungen zu denen haben und ob die solvent sind.«
»Siehste?«
Joya klatschte in die Hände. Er liebte es, seine schlimmsten Ahnungen bestätigt zu sehen. Sie ließ sich nicht ablenken.
»Und? Was haben Sie geantwortet?«
»Dass alles seine Richtigkeit hat.«
Nun schaute er ihre Füße an. Sie fragte sich nebenher, nach welchen Kriterien die Kirche eigentlich ihre Leute aussuchte. Katholische Persönlichkeiten mit leichten Denkschwächen wurden offenbar bevorzugt.
»Ah, und wie kamen Sie auf dieses schmale Brett? Gab es irgendeine Begründung für diese Aussage?«
»Nun ja, drei Tage zuvor traf ein gemeinsamer Bittbrief der drei Bischöfe ein, in dem sie darum baten, Fürsprache zu erhalten bei der Eröffnung der Konten. Über die wollten sie zukünftig ihre Zuwendungen abwickeln.«
»Wer hat das entschieden?«
»Der General-Vikar. Er kennt zumindest einen der Bischöfe persönlich.«
Katja schüttelte ihre lange blond gefärbte Mähne.
»Mein lieber … Geht das bei Ihnen immer so mit leichter Hand?«
»Ja, wieso nicht? Ich meine, das ist der Alltag, solche Sachen gibt es täglich, hunderte Bittsteller rufen hier an, wollen etwas, immer geht es um Geld.«
»Und immer kriegen sie es, was? Wieso seid ihr Brüder eigentlich noch nicht pleite? Ach ja, deutsche Kirchensteuer, war mir entfallen, bin ja deswegen ausgetreten. Davon mal abgesehen: Haben Sie sich die Mühe gemacht, die Unterschriften auf Echtheit zu prüfen?
Bauchmüller tappte in die Falle. »Ja, doch, es sind die echten Unterschriften. Wir hatten keinerlei Anlass zu zweifeln.«
»Na klar. Dass es Scanner mittlerweile für neunundneunzig Euro an jeder Ecke gibt, ist wahrscheinlich noch nicht bis zu euch vorgedrungen.«
Sie war nicht amüsiert. Wegen der Leichtsinnigkeit dieser Truppe hatte sie nun einen Fall am Hals, der ihr nur Schwierigkeiten einbringen konnte. Auf so was warteten ihr Vorgesetzten nur.
»Nur noch eine kleine Frage. Siebeneinhalb Millionen sind doch kein Pappenstiel. Hat die Höhe der Summe nicht irgendwelche Alarmglocken bei Ihnen in Gang gesetzt?«
»Da kann ich helfen«, fädelte sich Joya in das Gespräch ein, mit einem falschen Lächeln den Buchhalter streifend. »Habe mich schlau gemacht. Diese Online-Geschichte wird von einem Programm kontrolliert, das den Zahlungsverkehr überwacht. Bis zu einer bestimmten Summe schaut es nur zu, versucht jemand, mehr Geld zu bewegen, schlägt es Alarm und stoppt alles. Dieses Programm ist standardmäßig auf fünfzigtausend Euro eingestellt.«
Katja lehnte sich an einen Schreibtisch und faltete die Hände. »Und? Warum hat es nicht alles gestoppt?« Offenbar waren noch nicht alle Dummheiten erzählt.
»Tja, an dieser Stelle kommt zu der Internet-Sache noch die Hacker-Sache. Diese Einstellung wird von einem anderen Programm geregelt, das hat variable Einstellungsmöglichkeiten, kann jeder Kunde individuell für sich entscheiden. Ab wann Alarm gegeben wird, kann man also einstellen, stufenlos zwischen zehntausend und 2,49 Millionen. Dummerweise hat jemand die Einstellung auf eben dieses Maximum verändert. Daher die Splittung auf drei Überweisungen von je 2,49 Millionen. Die ganze Aktion lief in zwei Abschnitten, zuerst die Kontoeröffnung, da hat keiner Verdacht geschöpft, anschließend die Transaktion, deren Überwachung man den Maschinen überließ.«
»Ist ja großartig. Darf ich das so verstehen, dass niemand auf den Aufpasser aufgepasst hat, ja? Wissen wir wenigstens, wie diese ominöse Einstellung verändert wurde, ob jemand von außen oder jemand hier drinnen daran gedreht hat?«
»Nö, noch nicht. Kollegen gehen dem gerade in der Zentrale des Providers nach, zusammen mit den anderen Fragen.«
Sie hob eine Augenbraue. »Gibt es da noch etwas, was ich wissen sollte?«
»Kann man so sagen. Bisher stehen wir noch an dem Punkt, an dem das Geld zwar überwiesen, aber noch nicht verschwunden ist.« Sie schüttelte den Kopf und blickte Bauchmüller finster an. »Ach ja, ich vergaß. Egal wie lange man Geld im Internet hin und her schiebt, irgendwann muss ein Lebender in eine existierende Bank marschieren und die paar Koffer Geld abholen. Nun sag es also, wieso ist das gelungen?«
»Das wird dir gefallen, dieser Teil ist die Krönung. Das Geld wurde gar nicht abgeholt, es wurde dem oder den Dieben gebracht.«
Vor Erstaunen fiel ihr beinahe der Kaugummi aus dem Mund. »Ist jetzt nicht wahr, ne?«
Sie schaute Bauchmüller böse an. Wie dumm konnten diese katholischen Persönlichkeiten noch sein? »Nein, nein, nicht die hier, das Geld wurde von der Bank abgeholt, von einer anderen Bank ordnungsgemäß angefordert, von einer Transportfirma ordnungsgemäß mit dem Panzerwagen abgeholt und ausgeliefert, für jeden Transfer eine andere Firma, aber alle drei mit demselben Ziel. Alle drei Lieferungen wurden zuvor per Internet bestellt.«
»Da gehst du Parterre. Also ist das Geld bei der anderen Bank? Ist es nicht? Und wer hat dann zum Donner die Lieferung bestellt und angenommen? Kommen wir jetzt endlich an das Ende dieses kleinen Puzzles?«
»Tja, das hat schon was. Besteller und Lieferadresse sind den Unternehmen bekannt, ein langjähriger Kunde sozusagen: die Filiale der Dresdner Bank neben dem Rathaus. Die Sache hat zwei Haken. Der erste Haken besteht darin, dass die Lieferung ohne Sichtkontakt abläuft, man übergibt die Geldkoffer über eine Panzerschleuse mit Stahlwand zwischen den Beteiligten. Soll wohl verhindern, dass sich falsche Geldboten Zutritt zum Tresor verschaffen können. Besonders dumm ist aber der zweite Haken: Die Filiale ist seit drei Wochen geschlossen, war mithin zum Zeitpunkt der Aktion definitiv zu, leer und außer Betrieb. Tja, und sie wird seit gestern abgerissen.«
Nun nahm sie den Kaugummi freiwillig aus dem Mund und rollte ihn geistesabwesend mit den Fingern rund: »Sag das noch mal.«
»Oh, du wusstest es nicht? Nun, dieser Diebstahl, oder wie auch immer der Staatsanwalt es nennen wird, fand bereits letzte Woche statt, genauer gesagt vor neun Tagen. Es gibt keine Spuren mehr, der Ort des Verbrechens, der einzige real existente Ort ist real existent gesprengt und in Trümmer gelegt worden. Gerade eine Stunde, bevor diese Clowns uns angerufen haben. Keine Spuren, außer du drehst eineinhalbtausend Tonnen Kleinteile gewissenhaft um.«
»Danke, jetzt bin ich bedient.«
Sie suchte sich einen Stuhl und setzte sich darauf, um ihre Gedanken zu ordnen. Ihr Kollege setzte sich zu ihr. »Wo ist dein Problem, Katja?«
»Wo mein Problem ist? Schau dich doch um. Was fehlt hier?«
»Die Sonderkommission?«
»In der Tat, die Dimension einer solchen Straftat verlangt doch nach einer umfangreichen Fahndung mit Spezialisten und aller Unterstützung, die man sich vorstellen kann. Ganz sicher werden hier auf gar keinen Fall zwei Nasen gebraucht, die bisher nur psychopathische Mörder gejagt haben.«
»Na ja, könnte man auch anders sehen. Der oder die Täter haben immerhin die katholische Kirche beklaut, für sich allein schon ein todeswürdiges Verbrechen, aber da die Katholen wegen Blödheit kräftig mitgeholfen haben, wird es noch einen Zacken schlimmer, oder anders ausgedrückt: Die katholische Kirche hat sich auf eine Art und Weise übers Ohr hauen lassen, die in den Medien außerordentlich genüsslich breitgetreten werden könnte. Daher hat unser Oberboss vorhin ein kurzes Schwätzchen mit mir gehalten und mir erklärt, wie es läuft. Keine Presse, kein großes Tamtam, still und leise den Täter schnappen und Schluss.«
Sie schnaubte erbost. »Still und leise, ja? Junge, wir sind doch für diese Geschichte nicht ausgebildet. Wir sind qualifiziert für die Jagd nach Mördern und Entführungsopfern, nicht für Bandenkriminalität, und ganz sicher nicht für Internet-Banking. Wenn der Oberboss es auf diese Art durchziehen will, dann ist da was faul. Das stinkt doch.«
»Ich denke, da liegt der Hase im Pfeffer. Ich bin mir nicht so übermäßig sicher, dass es hier wirklich darum geht, diesen Diebstahl aufzuklären. Nach Lage der Dinge kriegen wir den oder die Täter ohnehin nicht, egal wie groß die Welle ist, die wir machen. Diese Art von Verbrechen wird doch regelmäßig unter den Teppich gekehrt, manchmal bekommt der Dieb auch noch Schweigegeld obendrauf und das aus gutem Grund. Nein, ich glaube nicht, dass die Guten diesen Fall wirklich aufklären wollen. Die geben uns den Fall, um unsere Erfolgsbilanz zu zerbröseln.«
Sie betrachtete ihn skeptisch, obwohl sie wusste, dass er recht hatte. Unwirsch schüttelte sie ihre Haare aus dem Gesicht.
»Na bravo. Und warum kündigen wir nicht auf der Stelle?«
»Weil wir diesen Job lieben. Blöde Frage. Außerdem handeln wir hier mit Gerüchten. Kann ja auch ganz anders sein, vielleicht halten sie uns für die besten Kripofanten der Stadt.«
Sie schlug ihm sachte auf den Hinterkopf. »Klar, und Ostern melden sie in der Sahara Glatteis.«
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»Hey, Mann, das ist aber ein netter Zug von dir.«
Der Penner sah seit heute gar nicht mehr aus wie ein Penner. Er stand da, neu eingekleidet und mit nicht weniger als fünf Kronen im nunmehr strahlenden Gebiss und sah sich hoch erfreut sein neues Reich an.
»Das sieht ja toll aus. Zwei große Zimmer, Kabelfernsehen, großer Kühlschrank, eigener Keller, alles da, was das Herz begehrt. Und ich darf wirklich weitertrinken? Ich meine, dass hier ist kein Samariter-Projekt, bei dem ich mich bessern muss oder so?«
Der Mann, der ihm antwortete, sah auf den ersten Blick mehr nach Penner aus als sein Gegenüber. Die hängenden Schultern, der trübe Blick und der depressive Gesichtsausdruck harmonierten gut mit der nachlässigen und leicht schmuddeligen Kleidung. Und doch, die ruhige und leise Stimme ließ eine Härte erahnen, die fatal an abgrundtiefen Hass erinnerte.
»Nein, alles rein eigennützig, ein Geschäft. Wie ich schon sagte, ich bin fast nie da, da ich eine Menge Geschäfte laufen habe, und ich brauche jemanden, auf den ich mich verlassen kann. Wir haben ja darüber gesprochen, dass ich mich am besten auf jemanden verlassen kann, der keine andere Perspektive hat.«
»Ja ja, Ehrlichkeit ist mir am liebsten, ich wollte es nur noch mal genau wissen.«
»Kein Problem. Du passt auf das Haus auf, während ich weg bin, dafür verlässt du das Haus nicht in dieser Zeit. Vorräte werden telefonisch nachbestellt bei den Nummern, die ich in das Telefon eingespeist habe, alle anderen Telefonate sind gesperrt. Dafür wiederum kannst du tun und lassen, was du willst hier drin, also auch trinken, was der Keller hergibt.«
»Oh, das ist wirklich ein feiner Zug von dir. Sogar besser, als mir auf deine Krankenkassen-Karte die Zähne machen zu lassen.«
»Ist nur logisch, bei dem Zustand deiner Zähne dauert es keine zwei Wochen, bis du den Notdienst anrufst. Ich gehe lieber auf Nummer sicher.«
Die beiden Männer gaben sich die Hand und der ehemalige Penner nahm sein neues Heim in Besitz, während der andere das Haus verließ. Von weitem betrachtet hätte man die beiden kaum auseinanderhalten können, beide waren gleich groß, von ähnlicher Statur, etwa gleich alt und sogar von gleicher Haarfarbe. Aber der Mann, der im Haus blieb, hatte sein Leben hinter sich, seine Züge beschrieben trotz der wenig mehr als dreißig Jahre einen verbrauchten Mann, die glanzlosen Augen erwarteten nichts mehr. Der Mann, der das Haus verließ, trug die Zeichen des Schicksals ebenfalls im Gesicht, doch er hatte ein Ziel. Und um dieses Ziel zu erreichen, musste noch sehr viel getan werden.
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»Wir haben vielleicht eine Spur. Jedenfalls gibt es ein paar Hinweise, die uns dem Geld näher bringen könnten.« Katja warf die Zigarette aus dem Fenster, lehnte sich an den Sims und fixierte ihre Aufzeichnungen.
»Ah, lass hören.«
»Zuerst einmal lässt sich feststellen, dass wir es wahrscheinlich mit nur einem einzigen Täter zu tun haben.«
»Wie kommen wir darauf?«
»Unsere Spezialisten sagen, dass, rein von der zeitlichen Abfolge her, ein einzelner Mann das alles hätte schaffen können. Außerdem handelt es sich, grundsätzlich gesehen, in erster Linie um einen Hacker-Angriff, einen von der Sorte, der meistens von einem vereinsamten Computer-Menschen allein durchgezogen wird. Die Randerscheinungen, die Vorbereitung und das Einsammeln des Geldes sprechen ebenfalls für diese These, eine Bande hätte das Ding anders organisiert.«
Joya schüttelte den Kopf, seit einiger Zeit hegte er eine Abneigung gegen Einzeltäter, vor allem, weil sie sich so schwer schnappen ließen.
»Na, ich weiß nicht, du hast immer so eine Neigung zu Einzeltätern. Das passt doch nicht. Kein Hacker hat jemals auf diese Weise so viel Geld geraubt. Nach meiner Ansicht handelt es sich um eine Bande. Außer, der Hacker hat quasi im Auftrag einer Bande gearbeitet und das Geld weitergegeben. Dann ist er aber schon tot. Findest du es nicht besser, das Geld zu suchen? Ist doch leichter zu finden als ein Täter, oder?«
Katja vollführte mit ihren Zähnen imaginäre Kaubewegungen. »Mhm, ja, da ist noch ein Klärungsbedarf, aber da kommen wir später noch hin. Ich will erst den Täter, ich glaube, an den ist nicht so sehr schwer ran zu kommen. Erst mal haben wir diesen einen Kerl, der nachweislich die Internetverbindung bedient hat. Wir wissen inzwischen, welchen Provider er benutzt und unter welchem Namen er sich angemeldet hat. Das hilft aber nicht weiter. Wir kennen ihn noch nicht.«
»Wieso nicht? Die speichern doch alles und jedes von ihren Kunden?«
»Schon, nur hilft uns das hier nicht weiter. Unser Mann hat eines dieser kostenlosen Probe-Abos abgeschlossen, online natürlich, hundert Stunden in einem Monat frei, daher hat auch keiner gemerkt, dass die angegebene Bankverbindung jemand anderem gehört. Er hat einfach einen x-beliebigen Menschen aus dem Telefonbuch angegeben und für den eine Bankverbindung erfunden, merkwürdigerweise bei genau der Bank, bei der dieser Mensch aus dem Telefonbuch tatsächlich ein Konto hat. Tja, und innerhalb dieser vier Wochen hat unser Hacker den Deal durchgezogen. Keine Chance.«
»Telekom?«
»Klappt auch nicht. Stell dir das vor: Irgendwer ruft bei der Telekom an und bittet darum, den stillgelegten Anschluss der Deutschen Bank, die dort ja zuvor jahrelang saß, für vier Wochen noch einmal zu aktivieren. Die haben das gemacht und haben die schriftliche Bestätigung an die bekannte Adresse geschickt. Unser Mann bekam es also auch noch schriftlich und die Dresdner hat bis heute nicht die Rechnung für diese vier Wochen. Soweit kann unser Überwachungsstaat wohl doch noch nicht sein.«
Katja wedelte unwirsch mit der Hand. Sie wollte endlich etwas Greifbares hören. »Na prima. Und wo sind die Hinweise?«
»An dem Tag, als das Geld dorthin gebracht wurde, hat ein Passant einen Handwerker-Wagen beobachtet, wie er die Garage der Bank verließ. Ein Mann ist ausgestiegen und hat das Tor verschlossen. Muss ein Angehöriger der Mittelschicht sein. Heutzutage schließen nicht viele Gangster hinter sich ein Tor. Hat unser Passant alles beobachtet und aufgeschrieben.«
»Lass mich raten: ein Rentner mit Hund?«
Ihr Kollege grinste breit und prostete ihr mit der Kaffee-Tasse zu.
»Klar, die gefährlichste Bevölkerungsschicht, gleich nach den bekifften Golf-Fahrern. Dieser Rentner hat sogar eine Personenbeschreibung zu bieten, leicht gefärbt von seinen politischen Ansichten, so in der Art slawischer, dunkler Typ, stechende Augen, staatsfeindlicher Gesichtsausdruck. Im Kern unbrauchbar. Aber er hat auch echte Fakten zu bieten: das Kennzeichen des Wagens.«
»Dann wird es ja jetzt interessant.«
»Wie man's nimmt. Bei dem Wagen handelt es sich um einen Vito, vor sechs Wochen in Köln einem Dachdecker-Betrieb gestohlen. Wir haben ihn zur Fahndung ausgeschrieben, ist aber bis jetzt noch nicht wieder aufgetaucht. Wird früher oder später aber gefunden. Lieferwagen sind nicht allzu begehrt in Polen. Mit den Fingerabdrücken und einer DNS-Analyse werden wir ihn bald haben.«
Preuß verzog die Mundwinkel.
»Na, dein Wort in Gottes Gehörgang.«
*
Der junge Mann gefiel ihr sehr. Sie schätzte die ruhigen, zurückhaltenden Typen, bei denen sie sicher sein konnte, dass sie nichts kaputt machten und pünktlich bezahlten. Und bei dem hier sah sie noch mehr Vorteile.
»Sie sind also Handelsvertreter, sagen Sie? Wo sind Sie denn so unterwegs?«
»Wie ich schon sagte, hauptsächlich Schweiz, Italien, ein bisschen Österreich. Ich bin eigentlich immer unterwegs, aber ich brauche eine Wohnung hier, eine Art Rückzugsmöglichkeit, um auszuspannen und meine Korrespondenz zu erledigen.«
»So, aber eine Familie haben Sie nicht?«
»Nein, steht auch nicht zu befürchten. In meinem Beruf hat man Bekanntschaften, aber keine Beziehung, das geht nicht. Zu viel Arbeit.«
»Nun, meinen Sie nicht, dass ich hin und wieder ein wenig aufräumen sollte, immerhin sind das drei Zimmer. Da kommt schon einiger Staub zusammen.«
»Nein, danke. Einer der Gründe, warum ich keine Frau habe, ist der, dass ich es absolut nicht leiden kann, wenn jemand in meinen Sachen rumstöbert. Ich habe eine sehr genaue Ordnung von allen Dingen, wenn etwas anders steht, als ich es verlassen habe, dann finde ich das nicht gut, gar nicht gut. Daher würde ich gerne die Wohnung bei Ihnen nehmen. Hier wird die Privatsphäre respektiert, hier gibt es keine Einbrecher, kein Gesocks und die Leute gehen ihrer Wege. Sehen Sie, wenn ich von meinen Reisen zurückkehre, dann bin ich extrem erholungsbedürftig, da muss ich mich auf diese Dinge verlassen können. Kann ich mich bei Ihnen sicher fühlen?«
»Aber natürlich. Sie bekommen das Zimmer, war ja nur ein Angebot.«
Sie fand den jungen Mann schon etwas merkwürdig, aber auf der anderen Seite überwogen die Vorteile. Sie bekam einen Mieter, der garantiert keinen Ärger machte, der fast nie anwesend sein würde und der noch dazu die Jahresmiete im Voraus zahlte. Mehr konnte sie nicht verlangen. Jeder pflegte schließlich die eine oder andere Macke, jedenfalls war ihr noch nie ein Mensch ohne Macke begegnet, und solange es sich um harmlose Macken handelte, drückte sie gerne ein Auge zu. So überließ sie also dem jungen Mann beide Schlüssel der Wohnung, nahm das Geld in Empfang und sah interessiert zu, wie er seine Habseligkeiten hinaufschaffte. Viel gab es allerdings nicht zu sehen, ein paar Koffer, immerhin zeugte das Vorhandensein eines Computers von einer gewissen Solidität. Dann schloss sich die Tür hinter ihrem neuen Mieter. Sie wunderte sich, wie jemand so viele merkwürdige Koffer sein eigen nennen konnte, einige aus Aluminium, andere wieder aus Nylon, aber doch stabil. Andererseits konnte ihr das auch egal sein, dachte sie sich, während sie die Stufen zu ihren eigenen Räumen hinunterging, schließlich hatte sie gerade einen für eine möblierte Wohnung in dieser gottverlassenen Gegend sehr erfreulichen Betrag eingenommen.
Derweil machte sich der Mann die Mühe, sich häuslich einzurichten. In seinem Gepäck befanden sich die notwendigen Utensilien, um den Eindruck eines intensiven Wohnens zu erwecken. Genau genommen machte er sich viel Mühe, es so aussehen zu lassen, als sei die Wohnung erst vor Kurzem verlassen worden, auch wenn er Wochen und Monate abwesend wäre. Er rauchte ein paar Zigaretten an, ließ sie im Aschenbecher ausbrennen, legte eine angebrochene Zahnpasta-Tube aufs Waschbecken, drapierte ein paar Kleidungsstücke im Schlafzimmer. Danach machte er sich an den zweiten Teil der Arbeit. Er öffnete die restlichen Koffer und verteilte den Inhalt neu. Einen kleinen Teil packte er nicht wieder ein, sondern füllte damit zwei kleine Verstecke. Auch auf dem Speicher deponierte er einige Dinge. Anschließend unternahm er einen ausgedehnten Spaziergang, um noch einmal die nähere Umgebung zu inspizieren. Als gegen Mitternacht das ganze Dorf schlief, schleppte er einen Großteil seiner Koffer wieder zum Wagen und fuhr davon.
*
»Und, was erreicht?«
»Nö«, gab Katja maulig zurück. Immer wenn sie sich ärgerte, funkelten ihre großen dunklen Augen böse. »Aus unserer Stargalerie war niemand dabei.«
»Hat unser Rentner auch gute Augen oder rät der nur?«
»Doch, gute Augen hat er schon, nur sein Hirn ist ein wenig demoliert. Schreit dauernd, dass wir ihm keine Deutschen zeigen sollen, sondern Untermenschen von der Sorte, wie sie sich hier mehr und mehr rumtrieben. Ich glaube, er hat wieder gesagt. Na ja, das Phantombild sieht eher aus wie die Hexe aus Hänsel und Gretel. Zum Glück hat sich noch jemand gemeldet, der den Kerl gesehen haben will. Nach seinen Angaben haben wir dann doch ein ziemlich gutes Phantombild anfertigen können, nur leider kam dabei ein Typ raus, der in jeder Hinsicht Durchschnitt ist. Nun, immerhin deutet alles darauf hin, dass er ein Deutscher ist.«
»Ah, das ist ja nun was ganz Seltenes. Hat sich also Rentner Adolf geirrt.«
»Ja, Joya. Wer hätte das gedacht? Jedenfalls ist er groß, schlank, soweit man das in einem schlabberigen Overall beurteilen kann, hat braune, kurze Haare und kein einziges besonderes Merkmal.«
»Dann schauen wir wohl doch in die Röhre.«
Preuß schlug die Beine übereinander, lehnte sich ohne Rücksicht auf die Kürze ihres Rockes in ihrem Stuhl weit zurück und resümierte mit aggressivem Unterton. »Könnte man sagen. Das mit dem Abrisshaus war 'ne clevere Sache, wir haben in den Trümmern nichts gefunden, gar nichts. Ich denke, der hat ganz frech damit kalkuliert, dass diese Tröten so lange mit ihren Nachforschungen brauchen, bis das Gebäude weggerissen ist. Anders hätten wir ihn bestimmt schon. Aber so, keine Spur, alles niedergemacht von einer ordinären Abrissbirne.«
»Nun ja. Jeder Täter braucht ein Opfer, sonst kann er nicht tätern. Wie mir scheint, hat er ein besonders gutes Opfer gefunden.«
Sie ignorierte sein Abgleiten in weltanschaulichen Nonsens und blieb bei der Sache. »Könnte auch Glück sein, oder er traut den Pfaffen nichts zu und begeht dadurch einen Fehler. Es gibt kein perfektes Verbrechen.«
»Unglücklicherweise sieht es im Augenblick aber nach einem perfekten Verbrechen aus. Und das nur, weil diese Typen im Vikariat so unglaublich blöde sind.«
Preuß spielte mit der Zigarette. »Bei der Gelegenheit fällt mir was ein. Vielleicht mag ja unser Täter auch keine Katholen. Vielleicht hat er die Kirche nicht beklaut, weil sie sich so leicht beklauen lässt, sondern weil er sie aus grundsätzlichen Erwägungen heraus schädigen will.«
Joya nickte anerkennend zu ihrem Rock hinüber.
»Mhm, keine schlechte Idee.«
»Die Einzige, die wir haben, oder hast du zu diesem Thema auch noch etwas zu sagen?«
»Schon gut, du bist die Klügste. Ist dir klar, was das für einen Berg Arbeit nach sich zieht?«
»Jederzeit, mein Schönster. Nur ist das die einzige Möglichkeit, oder willst du hier sitzen und nach zwei Wochen Nichtstun vor deinen Chef treten und ihm genau das sagen? Chef, wir haben nichts unternommen, weil es keine Spur gibt, wir waren zu blöd, tut uns leid. Bitte nicht schlagen. Willst du es ihnen so leicht machen?«
»Also machen wir eine Alibi-Recherche?«
»Die Hälfte der Erfolge dieser Behörde geht auf irgendwelche Typen zurück, die irgendeinen Mist überprüft haben, nur um zu zeigen, dass sie nicht faul sind. Bin ich Jesus? Wer weiß schon im Voraus, welche Recherche welches Ergebnis bringt? Wir tauchen tief und fördern alle Feinde der Kirche zutage, die selbst erklärten, die vermeintlichen, die unbeachteten. Am Ende finden wir was. Soll ich deswegen ein schlechtes Gewissen haben? Wir sind Beamte, was soll uns passieren? Also hoch mit dir, wir lassen uns ein paar Hiwis zuteilen und fangen an.«
»Na ja, immerhin werden wir die nächsten Tage pünktlich Feierabend machen können.«
»Wovon träumst du nachts?«
*
»Na, haben wir etwas gefunden?«
Preuß blickte ihren Kollegen säuerlich an.
»Etwas ist nicht das richtige Wort. Unendlich viel wäre passender. Bis jetzt habe ich etwa fünfhundert Verdächtige, natürlich nur eine grobe Schätzung. Alle haben irgendeinen Grund, die Kirche als Ganze oder einzelne Würdenträger im Besonderen zu hassen, und das sind nur diejenigen, bei denen es offensichtlich ist. Gott weiß, wer aus einem nichtigen Grund, von dem keiner was ahnt, sonst noch im stillen Kämmerlein den einen oder anderen dunklen Plan ausheckt.«
»Also ist jeder verdächtig, der nicht geradeaus sehen kann.«
»Und die, die es tun, weil, die könnten sich ja verstellen.«
»Also die alte Binsenweisheit: Jeder ist verdächtig. Würde ich dir abkaufen, wenn du nicht dieses Grinsen im Gesicht hättest. Nun mal Butter bei die Fische, was hast du? Joya wurde ungeduldig.
»Och, lass uns noch ein wenig weitermachen. Nein? Na gut, ich habe diese fünfhundert grob eingeteilt in Fundamentalisten, die grundsätzlich etwas gegen die Kirche haben, also bereits aufgefallen sind. Vandalismus, tätlicher Angriff, so was, nichts Persönliches. Die zweite Gruppe bilden die persönlich Motivierten, solche, die aus dem Kirchendienst entlassen wurden und einen starken Abgang hatten.«
»Was für einen starken Abgang?«
»Na, Drohungen der wüsteren Art, Ohrfeigen, Tisch Zerschlagen und so was.«
Joya machte ein gelangweiltes Gesicht. »Mal unter uns, das sind doch Delikte, bei denen höchstens jedes zehnte überhaupt erst zur Anzeige gebracht wird. Müssen wir jetzt also noch viereinhalbtausend andere suchen?«, schnaubte Katja verächtlich.
»Mal unter uns, wie kommst du denn auf die unterernährte Idee, ich hätte das alles aus unserer Datei?«
»Woher denn sonst? Aus der Zeitung?«
»Fast, Schönster, fast. Die Kirche selbst führt auch Akten und aus Gründen, die irgendwann im Mittelalter vergessen worden sind, melden die Pfarrer Aktionen dieser Art ans Vikariat und die heben es auf.«
»Nein!«
»Doch. Das nennt man schwarze Liste, wir stehen doch auch auf einer, schon vergessen? Denkst du, bei der Kirche sind alle lächelnd in den Glauben vertieft und keiner denkt was Böses? Das ist ein Konzern wie jeder andere auch, mit den gleichen Geheimnissen und der gleichen dicken Beule in dem Teppich, unter den sie alles kehren. Jedenfalls habe ich da eine ganze Reihe Informationen her, die ich hinsichtlich der Adressen abgleichen lasse, und dann picken wir uns ein paar Kandidaten heraus und fangen mit den Fragen an.«
Sie wurden unterbrochen. Aus dem Nachbarraum kam ein großer schlanker Mann, durch seinen Overall als Telekommitarbeiter gekennzeichnet, durchquerte ihr Büro auf dem Weg nach draußen. Aus einer reinen Laune heraus, weil der Mann so düster geradeaus und damit an ihr vorbei schaute, sprach Preuß ihn keck an: »Hey Sie, haben Sie einen Hass auf die Kirche?«
Der Mann, er mochte Mitte dreißig sein, genau ließ sich das nicht sagen, da sich durch seinen noch im Wachstum befindlichen Vollbart die Falten nicht genau taxieren ließen, blieb stehen, sah sie leicht irritiert an und runzelte die Stirn. Sie konnte förmlich sehen, wie die grauen Zellen rotierten.
»Welche Kirche meinen Sie?«
»Oh, hören Sie auf, die katholische Kirche natürlich. Wer hat schon einen Hals auf die Protestanten? Die tun doch keinem was.«
Der Mann dachte wieder nach, immer noch stirnrunzelnd. »Nein. Ich bin ausgetreten, vor Jahren schon. War zu teuer, deshalb.« Nach dieser Auskunft verließ der Mann verließ den Raum.
Joya schaute seine Kollegin kopfschüttelnd an: »Was sollte das denn?«
»Oh, reine Gewohnheit. Das Böse lauert überall.«
»Oh, Katja, du glaubst doch nicht, dass einer siebeneinhalb Millionen Euro klaut und dann seelenruhig als Strippenzieher bei der Telekom arbeitet? Die verdienen doch nichts da.«
Katja knurrte unwillig. Manchmal dachte ihr Kollege wirklich zu konservativ. »Wieso nicht? Nein, ohne Flachs, wie viele Leute gewinnen im Lotto, sagen keiner Seele was und arbeiten weiter in ihrem Job, egal wie viel Geld das bringt? Die haben zwar genug, der Job wird aber zum Hobby. Macht den Leuten richtig Spaß, so was.«
»Hahaha, Lotto ist legal erworbenes Geld, irgendwie, aber unser Mann wird gesucht, er ist ein Dieb. Da geht man nicht weiter seiner Wege, man setzt sich ab, Geld her und tschüss.«
»Mensch, Joya, du bist doch nicht erst seit gestern bei der Kripo. Wenn unser Mann so schlau ist, wie er bei dem Coup gezeigt hat, dann wird er nicht verschwinden. Danach suchten wir doch zuerst: Bürger, die von heute auf morgen alle Brücken hinter sich abbrechen und in Länder verschwinden, die nicht ausliefern. Ohne Erfolg, unser Mann ist noch da. Und den hier werde ich jetzt überprüfen.«
Joya seufzte, wie immer hielt er es für das Beste, Preuß sich austoben zu lassen. Widerstand provozierte sie nur noch mehr, diese Episode würde rasch vorbei sein und dann konnte man auch wieder ganz vernünftig mir ihr reden. Er sah mit an, wie seine Kollegin zum Hörer griff und sich zum Personalchef der hiesigen Telekomverwaltung durchfragte. Nach kurzem Gespräch legte sie wieder auf.
»Und?«
»Nichts und. Dieser Mensch hat erst gestern da angefangen. Also ist er nicht unser Mann.«
»Aha?«
»Ja, Stellenwechsel passt nicht ins Raster, das ist nicht unauffällig. Also vergessen wir ihn. Wo waren wir stehen geblieben?«
*
»Der Typ ist gut, richtig gut«, murmelte Preuß, während sie nachdenklich aus dem Fenster starrte. Ihr Kollege ging gewohnt lässig über ihre Bedenken hinweg.
»So viel Lob für den Feind? Hast du heute den Depressiven oder was?«
Sie schnaubte. »Joya, halt die Luft an. Wenn man keinen Erfolg hat, macht man sich den Feind eben übermächtig und allwissend. Dadurch wird es leichter. Nur Psychologie, nichts Ernstes.«
Er fand ihre Äußerung typisch weiblich.
»Blabla. Also, was bringt dich dazu, den Feind als übermächtig hinzustellen?«
»Nun, unsere Kollegen von der Schutzpolizei haben den Lieferwagen gefunden.«
»Ah, toll, und wo ist nun das Übermächtige? Fingerabdrücke, DNS-Spuren und schon sind wir auf der Schiene zum Erfolg.«
Katja wandte sich zu ihm um und zerstörte seine Hoffnung.
»Bedingt. Der Vito wäre nie gefunden worden, hätte nicht Rheinbraun ein paar Grünen nachgegeben und den See leer gepumpt, um ihn zu rekultivieren.«
»Hä? Zu was sollte er denn genutzt werden?«
»Na, als See.«
Joya rollte mit den Augen. Er mochte sie wirklich gern, im Gegensatz zu vielen anderen hier vermochte sie geradeaus zu denken. Aber ihre Art, Neuigkeiten nur häppchenweise weiterzureichen, nervte ihn. »Preuß, was redest du denn da? Ein See ist ein See, rekultiviert oder nicht.«
Sie wusste, dass ihre Art ihn reizte, genau darum machte sie es so. Wieder einmal regte er sich auf, wieder einmal konnte sie ihn auflaufen lassen.
»Falsch, mein Schönster. Vorher war das ein Schlammsee, verstehst du? Schlamm. Dieser Schlamm soll entsorgt werden, daher hat man den See leer gemacht, um anschließend einen See mit klarem Wasser zu bekommen. Wegen der vielen Vögel und so.«
Joya knirschte mit den Zähnen und knurrte: »Jetzt ist mir die Sache klar. Schlamm bedeutet ...«
»Keine Fingerabdrücke, keine DNA-Spuren, genau. Dazu kommt noch, dass die Karre zusammen mit sage und schreibe acht anderen Autowracks da unten ruhte. Dass wir nach genau diesem Vito suchen, hat sich erst beim Schrotthändler rausgestellt, die Autos waren alle braun und sahen aus wie Schrott. Dieser Händler hat die Türen aufgemacht und festgestellt, dass da noch allerhand wertvolles Zeug unter der Schlammkruste lag, Werkzeug, Klamotten und ein Computer. Da hat er dann unsere Freunde von der Wache angerufen.«
Joya’s Miene hellte sich auf. »Mensch, Preuß, dann haben wir ja doch was. Dieser Computer gibt doch was her.«
Sie winkte ab.
»Gibt er nicht. Das Gehäuse ist bis oben hin mit Schlamm geflutet und die Festplatte fehlt ganz. Da ist nichts zu machen.«
So leicht wollte er nicht aufgeben. »Gut, gut, aber die anderen Bauteile haben doch Seriennummern, manchmal kann man das zurückverfolgen.«
»Diese Sache erledigst du aber, ich habe noch alle Hände voll zu tun mit diesem Jecken-Panoptikum. Du glaubst ja gar nicht, weshalb manche Leute einen Hass auf die Kirche pflegen.«
»Ich glaube alles. Vor allem glaube ich daran, dass wir bald die Identität des Täters ausgeknobelt haben, ich habe das im Gefühl.«
Joya strahlte. Preuß schüttelte gespielt fassungslos den Kopf.
»Oh, je, wenn Männer Gefühle haben, dann wird es für die Frauen Zeit, auf die Bäume zu entweichen.«
Sprach es und verließ das Büro.
»Hexe«, murmelte Joya gar nicht unfreundlich hinter ihr her.
*
Auf Schloss Alte Schlehe wurde heftig gearbeitet, der Übergabe-Termin rückte unerbittlich näher. Daher erfreute es den Meister der Heizungsfirma außerordentlich, dass sein neuer Mitarbeiter von sich aus den Vorschlag machte, die fehlenden Heizkörper am Wochenende einzubauen.
»Jung', du weißt, was das heißt? Du musst das ganze Wochenende durcharbeiten, ganz allein, keiner ist da, der dir hilft. Glaubst du wirklich, dass du das schaffst?«, fragte er in rheinischer Breite.
Sein Mitarbeiter nickte nur gleichmütig, sodass der Meister erleichtert aufbrechen konnte. Er begrüßte den seltenen Glücksfall, einen solch fleißigen Mann eingestellt zu haben. So brauchte er keinen Streit mit seiner Frau zu befürchten, da er nun doch mit ihr zusammen ihre Verwandten in Roisdorf besuchen konnte. Der Streit würde später kommen, aber das rührte ihn in diesem Augenblick nicht.
Auch andere Firmen erledigten am Wochenende ihre Abschlussarbeiten, doch nur der Mann von der Heizungsfirma blieb bis in die Nacht. Keiner beachtete ihn weiter, keiner nahm Anstoß an dem Umstand, dass er mit dem Transporter hin und wieder die Baustelle für eine Stunde verließ, wieso auch. Jedes Mal brachte er neue Heizkörper mit, und das war schließlich seine Aufgabe. Die wirklich ungewöhnlichen Dinge passierten ohnehin erst, als alle anderen die Baustelle längst verlassen hatten. Einige dieser Heizkörper hatten ein ungewöhnlich hohes Gewicht und genau diese Heizkörper machten am meisten Mühe beim Einbau. Auch mussten noch weitere umfangreiche Arbeiten durchgeführt werden. Der Mann überprüfte gerade die schweren Heizkörper sehr gewissenhaft, versicherte sich bei jedem einzelnen, dass die feinen Drähte, die auf den rückwärtigen Seiten aus den Stahlwänden hervortraten, ebenso unauffällig wie sorgfältig ihren korrekten Sitz fanden. Er ging methodisch vor, übersah nichts und prüfte alles mehrfach. Als der Meister Montagmorgen die Baustelle betrat, fand er ein funktionierendes Heizungssystem vor. Voll der Freude gewährte er seinem Mann die zwei Wochen Urlaub, die der sich erbat, obwohl er noch keine zwei Monate bei ihm arbeitete.
*
Zwei Monate später saßen zwei Polizisten vor ihrem Vorgesetzten und gaben einen vollständigen Bericht ihrer Aktivitäten. Als es nichts mehr zu sagen gab, überbrückte der eine längere Phase des Schweigens mit Aktenblättern und quietschendem Wippen in seinem Chef-Sessel. Schließlich bequemte er sich zu einer Stellungnahme. »So, da haben Sie ja allerhand unternommen. Wirklich allerhand. Schade, dass der Täter Ihnen intellektuell voraus ist.«
Preuß war nicht die Frau, Provokationen schweigend zu ertragen.
»Das ist er offenbar auch der ganzen Kirche gegenüber.«
»Frau Preuß, wir immer ist Ihr Mund schneller als Ihr Verstand. Das ist der Grund dafür, dass Sie nie Karriere machen werden.« Den Tadel formulierte der Vorgesetzte gespielt freundlich und mit sanfter Stimme, wobei er mit den Blicken versuchte, unter ihren Rock zu gelangen. Sie sah es und fügte in Gedanken hinzu: Und der Umstand, dass ich zu gut aussehe. Katja entschloss sich jedoch, für dieses Mal den Mund zu halten. Der Mann im Chef-Sessel hatte nichts anderes erwartet und fuhr in sich ruhend mit leiser Stimme fort.
»Nun, immerhin ist es Ihnen diesmal gelungen, den Deckel auf dem Topf zu lassen. Die Tatsache, dass die Presse nichts erfahren hat, erleichtert es mir ungemein, von Maßnahmen gegen Sie abzusehen.« Er sah die beiden mit ehrlichem Bedauern an. Sie hatten ihn schon vorher nicht gemocht, nun konnten sie ihn hassen.
»Wie dem auch sei, wir gehen davon aus, dass es sich um einen Einzeltäter handelt, der die Öffentlichkeit scheut. Offenbar möchte er das Geld als Altersversorgung nutzen. Da die Kirche nicht daran interessiert ist, ihr Missgeschick einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen, werden wir an dieser Stelle die Akten schließen. Alle Verdächtigen sind ausgeschlossen, uns bleibt nichts anderes übrig, als zu warten, bis unser Täter einen Fehler macht. Wer weiß, vielleicht versucht er es noch einmal.«
Joya fand den Augenblick geeignet, etwas zum Gespräch beizutragen. »Das wäre eine Möglichkeit. Wir stellen ihm eine Falle, klar, da habe ich noch gar nicht daran gedacht. Wenn er nun noch einmal diese Nummer durchzieht.«
»Herr Joya, Sie haben mich nicht verstanden. Es gibt keine neuen Ideen. Abgesehen davon liegt die Straftat bereits ein ganzes Weilchen zurück, alle Spuren sind kalt. Es gibt nichts mehr zu tun.«
»Aber wir könnten noch ...«
»Kein aber. Der Fall ist hiermit abgeschlossen. Guten Tag.«
Er würde sich täuschen, sowohl mit dem guten Tag als auch mit dem ominösen Täter. Katja Preuß hatte es im Gefühl, als sie mit Joya den Raum verließ. Sie täuschte sich nicht bei so etwas, nicht, wenn das Gefühl einer nahenden Bedrohung so stark aus ihrem Bauch kroch. Der Fall begann erst. Sie mochte einfach nicht glauben, dass jemand der Kirche so viel Geld abnahm, nur um für den Rest des Lebens in Rente zu gehen. Irgendetwas würde passieren, sie wusste es. Und sie hasste es, Recht zu behalten.
*
Als er den Saal betrat, hielt er einen Moment inne, so sehr betäubte ihn der Lärm und das gewaltige Durcheinander. Dutzende von Leuten beschäftigten sich mit den letzten Vorbereitungen für das Festbankett, Kellner dekorierten die Tische, Floristen schmückten alles, was ihnen in die Quere kam, Handwerker kümmerten sich um Licht und Ton, ein paar Geistliche besprachen mit sich und den anderen Berufsgruppen Details, und alle, wirklich alle redeten, riefen oder gaben Kommandos. Er fasste sich gerade, als auch er Ziel eines Kommandos wurde.
»Hey Sie, wo sind Sie denn gewesen? Trödeln Sie nicht rum, hierher mit dem Zeug.«
Er verlor keine Zeit, er wollte den Leuten hier keinen besonderen Anlass geben, ihn im Gedächtnis zu bewahren, daher schob er seine Sackkarre an und bewegte sie in Richtung des Kommandos. In der hinteren Ecke, an allen Tischen vorbei, breitete sich die Theke von Wand zu Wand aus, bis zur riesigen Fensterfront, die den Blick auf den Dom freigab. Dort stand ein Geistlicher, sicher an die zwei Meter groß, nicht übermäßig dick, nicht allzu kahl, der ihn mit in die Hüften gestemmten Fäusten erwartete.
»Na, guter Mann, da müssen Sie sich aber beeilen, in fünfzehn Minuten beginnt der Spaß hier und bis dahin sollte das ganze Bier sicher untergebracht sein.«
Er nickte stumm, umrundete mit der Karre den Angelpunkt der Theke und lud die beiden Fünfzigliterfässer ab. Der Fußraum unter dieser Theke bot genügend Platz für die insgesamt sechzehn Fässer, die er hier abliefern sollte, und er würde pünktlich damit fertig werden, genau auf die letzte Minute pünktlich. Dem riesigen Geistlichen schien dies auch klar zu werden; mit ungnädigem Gemurmel drehte er sich um und nahm sich ein paar Floristinnen vor, die er nun statt seiner zur Eile ermahnte. Jedes Mal, wenn er mit seiner Sackkarre in den Saal zurückkehrte, befanden sich weniger Leute dort, der Lärm legte sich, das Durcheinander lichtete sich stetig. Die verbleibenden Anwesenden gehörten hierhin, bereiteten sich auf den Empfang vor, mehr und mehr breitete sich sakrale Erwartung aus. Er musste sich wirklich beeilen. Dann betrat er den Saal zum letzten Mal, die letzten beiden Fässer verstaute er so, dass sie von den zuvor gelieferten teilweise verdeckt wurden.
Nicht, dass ihn die Aussicht besorgt hätte, dass diese Fässer möglicherweise zuerst angezapft werden würden. Er wusste, dass erst das Festmahl und dazu ausschließlich Wein anstand, an Bier dachte hier die nächsten sechzig Minuten niemand. Vielmehr wollte er diese Fässer den neugierigen Blicken entziehen, die, in Erwartung des bald fließenden Gerstensaftes, auf diese Fässer geworfen werden mochten und dabei an den merkwürdigen Einbuchtungen hängen bleiben mussten. Er selbst kannte den Grund für diese Einbuchtungen, und bevor er andere Fässer vor diese schob, griff er in jede Einbuchtung und tat dort etwas, was mit einem feinen Ton quittiert wurde. Er stand auf, nahm seine Sackkarre und verließ, gescheucht von dem großen Geistlichen, in einer Traube anderer Lieferanten und Lakaien den Saal, gerade rechtzeitig, denn hinten von der Treppe näherte sich bereits der Tross der Gäste, abgeschirmt von einer Traube Diener und Assistenten. Er widerstand dem Drang, länger als einen Augenblick lang dort hinzusehen, nach dem Mann aus seinen Träumen Ausschau zu halten. Draußen verteilte sich der Schwarm der Floristen, Party-Service-Lieferanten und Handwerker auf die im Hof parkenden Fahrzeuge und genau wie diese stieg er in eines der zahlreichen Fahrzeuge und fuhr im Konvoi vom Hof.
Allerdings folgte er der Masse nicht, zweigte als Erster bereits an der ersten Ampel ab, drehte zwei enge Kurven um das Dom-Viertel und stellte den Lieferwagen der Brauerei in einer der Tiefgaragen ab. Noch im Wagen streifte er den Dienst-Overall mit dem Abbild eines riesigen Bierglases ab, griff unter den Sitz, befreite Jackett, Hemd und Krawatte aus ihren Zellophan-Hüllen, nahm seinen Piloten-Koffer und machte sich auf den Weg zur Domplatte. Dort suchte er sich zielstrebig eine Ecke aus, die zwar reichlich von Touristen bevölkert war, jedoch den Vorteil der direkten Sichtlinie zu dem eben verlassenen Festsaal bot. Da fast jeder der Touristen hier mit irgendeiner Art von Fernglas oder Kamera mit Teleobjektiv hantierte, fand es niemand außergewöhnlich, dass er ebenfalls ein Fernglas aus seinem Koffer holte und damit ein wenig durch die Gegend schaute. Niemand bemerkte zudem, dass er dem Koffer nicht nur dieses Fernglas, sondern auch einen kleinen Apparat entnahm, der wie eine Fernbedienung für Fernseher aussah. Nach einer Weile beugte er sich ein wenig vor, sodass er den Ellbogen auf der Brüstung abstützen konnte, und bewegte den kleinen Hebel am Fernglas, wodurch der Zoom auf Maximum gestellt wurde. Durch die Auflage erhielt er ein einigermaßen ruckelfreies Bild und konnte so durch die Fensterfront des Festsaals mit ansehen, wie sich die Geschehnisse dort entwickelten. Es war sehr voll, er schätzte die Teilnehmerzahl auf mindestens zweihundert, wobei fast alle standen, Gläser in der Hand. Er fluchte leise, das Bild schien im Rhythmus seines Herzschlages zu zucken, nicht viel, aber genug, um die Personen unscharf werden zu lassen. Dann erschien jemand, auf den die Versammelten offenbar noch gewartet hatten und ohne den sie nicht mit ihrer Mahlzeit beginnen wollten oder konnten, denn urplötzlich ging ein Ruck durch die Versammlung, alles eilte zu Tisch und binnen einer Minute saßen alle. Bis auf einen, der in Höhe der Theke eine Ansprache zu halten schien.
Auf diesen Augenblick hatte er gewartet. Zwar ließ sich durch die Verschwommenheit des Bildes diese Person nicht genau identifizieren, doch er zweifelte nicht, sondern konzentrierte sich auf die Fernbedienung. Um sich nicht verdächtig zu machen, drehte er sich weg und starrte scheinbar interessiert mit den meisten Touristen an der Fassade des Domes hinauf. Im Geiste zählte er bis fünf und drückte dann dreimal hintereinander einen der Knöpfe seiner Fernbedienung. Einen schrecklichen Augenblick lang tat sich nichts und er dachte schon, Opfer eines Fehlers zu sein. Dann erreichte ihn der Schall. Ein ungeheurer Knall betäubte alle im weiten Rund, instinktiv ließ er sich nach hinten umfallen, sodass er mit dem Rücken zur Brüstung saß, und erlebte als wissender Zuschauer mit, wie sich einige Menschen, halb panisch, halb aus einem inneren Überlebensinstinkt, zu Boden warfen und wie andere fassungslos stehen blieben, in genau der Position, der Armstellung, der Mundstellung, die sie unmittelbar vor dem Knall eingenommen hatten. Die Zeit schien langsamer abzulaufen; wie in Zeitlupe beobachtete er zwei metergroße Gesteinsbrocken, die in einer ballistischen Flugbahn gegen den Dom prallten, von dort zurückgeworfen zwei Gassen durch die Menge schlugen. Ein Brocken rollte ihm vor die Füße, blieb genau vor ihm stehen, erlaubte ihm einen einwandfreien Blick auf frisches Blut und kleine Fleischfetzen. Als er endlich den Blick abwenden konnte, gewahrte er den feinen Nebel aus Steinstaub, der sich über das ganze Gelände legte. Er blinzelte zweimal und rappelte sich endlich hoch. Mit nicht einmal gespielter Gehetztheit im Blick raffte er seinen Koffer an sich, fand noch die Kaltblütigkeit, Feldstecher und Fernbedienung hineinzuwerfen, und hastete in Schlangenlinien davon. Zu seiner Verwunderung und auch Erleichterung gesellten sich zahlreiche Menschen zu ihm, manche unversehrt, andere ziemlich mitgenommen. Alle, die konnten, ergriffen nach und nach die Flucht. Durch diese Massenbewegung fand er genügend Deckung, um durch die ihnen entgegen gerichtete Flut von Helfern hindurch zu finden und aus dem näheren Umkreis der Detonation zu verschwinden. Zwei Straßen weiter öffnete er mit fliegenden Fingern einen Kleinwagen, und während er losfuhr, während aus der Ferne eine beeindruckende Zahl Sirenen herankamen, murmelte er: »Zu viel genommen. Scheiß-Mathematik.«
*
Joya kam ins Büro und überraschte seine Kollegin hinter ihrem von Papierstapeln umrahmten PC. »Gib's zu, du hast doch weitergemacht.« Sie blickte nicht auf, während er sich hinter sie stellte, um zu sehen, wonach sie suchte.
»Natürlich, Joya, ein guter Bulle gibt nie auf. Du weißt doch, dass mich fragwürdige Anweisungen zum Einstellen von Recherchen und Fahndungen besonders anschärfen. Das motiviert mich, den Sessel-Pupsern zu zeigen, was eine Harke ist.«
Obwohl er ihren Starrsinn bei manchen Gelegenheiten schätzen gelernt hatte, musste er seiner Neigung nachgehen und ein wenig sticheln:
»Jaja, praktischerweise entscheidest du selbst, was fragwürdig ist und was nicht. Bisher war noch jede Einstellungs-Anweisung fragwürdig. Du weißt, wie man das nennt.«
»Gewissenhafte Berufsauffassung?«, säuselte sie und sah zu ihm hoch.
»Zwanghaftes Verhalten, mit einem Schuss Paranoia.«
Katja Preuß schnaubte verächtlich und legte ihre langen, nicht zu dicken Beine demonstrativ auf den Schreibtisch.
»He, Joya, quatsch keinen Blödsinn. Im letzten Jahr konnten wir allein wegen meiner Beharrlichkeit zwei Fälle aufklären, die unsere Chefs schon aufgegeben hatten. Beweis Nummer eins.«
»Ha. Und in den anderen sechs Fällen sind wir anhaltend gegen die Wand gerannt, haben nichts herausbekommen und uns eine Menge Ärger eingefangen.«
Sie grinste ihren Kollegen frech an. »Nun sei mal nicht so kleinkariert. An den anderen Sachen ist auch was dran gewesen, wir haben nur keine Unterstützung bekommen. In diesem Fall hat es geholfen. Ich habe nämlich einen Fahndungserfolg, sozusagen. Du weißt, ich habe dieses ungute Gefühl und deshalb habe ich weitergebohrt und nun eine kleine Neuigkeit ausgegraben, im wahrsten Sinne des Wortes.«
Er setzte sich auf ihren Schreibtisch und blickte ihr wohlwollend in den Ausschnitt. »Du hast immer ein ungutes Gefühl, aber gut, lass hören.«
»Du erinnerst dich noch an den Computer aus dem schlammigen Transporter. Also, ich habe die Einzelteile auseinandergenommen und zu einem guten Freund geschafft, ein Hacker. Der hat dann über Internet nachgesehen, ob sich was mit den Seriennummern machen lässt. Leider nein.«
»Aha. Und wo ist der Fahndungserfolg?«
»Im Vito lag auch ein Modem, eines von der Sorte, die man neben den PC stellt und mit ihm verkabelt. Die Seriennummer ließ sich einem Käufer zuordnen.«
Die Art, wie sie das sagte, machte ihn stutzig. Dennoch fragte er pro forma nach: »Oh, gut. Dann können wir den guten Mann also besuchen?«
Wie erwartet schüttelte sie den Kopf.
»Bedingt. Aber hör dir die ganze Geschichte an. Also, dieses Modem wurde bei einem kleinen Händler in Bonn gekauft, und zwar per EC-Karte. Das konnte ich zu dem entsprechenden Konto zurückverfolgen. Das Konto ist bereits ein paar Tage vor dem Coup wieder gekündigt worden. Ich habe die Bank aufgesucht, aber die konnten nicht mehr sagen, wie der Mensch ausgesehen hat. Immerhin verfügen die Burschen da über ein sehr großes Datensystem. Name und Adresse konnten die mir also trotz der Löschung des Kontos sagen.«
»Na, dann aber los.«
Er sprang von seinem Stuhl, steckte seine Waffe ein und traf alle Anstalten für einen hastigen Aufbruch. Sie betrachtete ihren Kollegen milde lächelnd und zupfte ihn sanft am Arm.
»Setz dich wieder hin, Joya, unser Mann wird nicht weglaufen.«
Alarmiert fixierte er sie und versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu interpretieren. Sollte sie etwa schon wieder …? »Hä? Wie kannst du da so sicher sein? Nun gehst du aber ein bisschen weit mit deiner Intuition.«
»Quatsch, hat nichts mit Intuition zu tun, mehr mit Einwohnermeldeamt.«
Bis auf Katja mochte er keine klugscheißernden Frauen. Auch bei ihr war es im Augenblick nicht mehr weit bis dahin. Ungehalten blaffte er:
»Aha. Erzählst du jetzt endlich die ganze Geschichte oder muss ich vorher auf die Knie fallen?«
Sie hatte ihren Spaß. Täglich feilte sie an diesem Ritual, anders konnte sie mit Machos nicht umgehen.
»Heute nicht, Schönster. Nun, der gesuchte Mann heißt Uwe Linke, siebenunddreißig Jahre alt, Handelsvertreter. Der Haken ist nur, dass er schon ein Jahr tot ist. Er liegt auf dem Bonner Nordfriedhof. Und da läuft so schnell keiner weg.«
Joya setzte sich wieder, verschränkte die Arme vor der Brust und kaute nachdenklich auf der Unterlippe herum. »Ist ja der Hammer. Also hat jemand anderer seine Identität angenommen. Ist ja clever. Andererseits eröffnet sich dadurch eine Spur. Dann müsste man doch ...«
Er hielt inne, denn ein mächtiger Knall erschütterte die Fenster im Büro derart stark, dass man die durch den Druck entstehende Wölbung rein und raus zucken sah. Sie stürzten beide zur Brüstung und schauten nach draußen. Zuerst sahen sie nichts, doch dann quoll hinter dem Dom ein riesiger schwarzer Rauchpilz empor. Sie sahen sich an, die Gedanken flossen langsam auf die Erkenntnis zu.
»Du, Katja, was ist da hinter dem Dom noch mal untergebracht?«
»Du weißt es doch auch, nicht wahr?«
Er nickte, drehte sich, einer plötzlichen Eingebung folgend, auf dem Absatz herum, stürmte zu seinem Schreibtisch zurück, nahm aus der Schublade ein altes Transistorradio und schaltete es ein. Gleich die erste Durchsage des Polizeifunks betraf den Rauchpilz. Joya setzte sich schwer auf seinen Stuhl und sah seine Kollegin erschüttert an.
»Schwere Explosion im Generalvikariat. Wenn du den Rauchpilz, den Knall und die Meldung in Einklang bringst, dann haben wir hier eine gewaltige Bombe gesehen.«
Katja kaute auf der Unterlippe herum, die sanfte Bräune wich einer tödlichen Blässe. »Und weißt du, was mir mein Gefühl sagt?«
In dieser Situation mochte sich ihr Kollege nicht mit ihren Ahnungen auseinandersetzen. »Oh Preuß, nicht schon wieder. Wieso soll unser Mann etwas damit zu tun haben? Geld klauen und Bomben legen sind zwei völlig unterschiedliche Täterprofile. Das gibt es nicht in einer Person.«
»Oh Joya, es gibt so viel zwischen Himmel und Erde. So eine Bombe hat es auch noch nicht gegeben, vielleicht wurde sie von einem Täter erdacht, den es so ebenfalls noch nicht gegeben hat. Wichtig ist erst mal, dass wir einen Platz in der Soko ergattern. Ich denke, du kennst den Kollegen Dimroth ganz gut, ruf ihn an, bevor es andere tun.«
»Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass irgendjemand, der noch bei Verstand ist, sich freiwillig für so eine Soko meldet, Tonnen von Überstunden, Nadel im Heuhaufen finden, bei Fehlschlag Karriereknick, also ehrlich.«
»Tu es einfach, Joya, ich will dabei sein, ganz dicht.«
Joya wollte etwas sagen, unterließ es jedoch. Der Schock hinderte ihn daran, sich weiter mit seiner zänkischen Kollegin auseinanderzusetzen. Ergeben nahm er den Hörer und wählte.
*
Im Raum stand die Luft unheilschwanger zwischen den Menschen. Drei Dutzend Beamte drängten sich in dem relativ kleinen Besprechungszimmer und verkürzten sich die Wartezeit mit Gesprächen und Rauchen. Sie alle spürten die Spannung, den Druck, die Erwartung. Diesmal war es ernst, richtig ernst, und das drückte sich auch in den gedämpften Stimmen aus. Joya und Preuß standen bei zwei anderen Kollegen, tauschten Vermutungen aus und konnten sich nicht einig werden. Dann gingen die Gespräche wie ein Schlag zu Ende, die Zigaretten wurden hastig gelöscht, alles wandte sich der Tür zu, in der der Chef stand. Theo Gierlich verkörperte das, was man einen Karriere-Beamten nannte, gut gekleidet, aalglatt, kalte Fischaugen und das Gesetzbuch jederzeit im Kopf. Heute jedoch schien auch er etwas angefressen zu sein. Er stellte sich neben die Tür, stützte die Hände in die Hüften und sprach leise, doch mit einer kaum merklichen Erbitterung in der Stimme.
»Meine Damen und Herren, wir sehen uns in einer Lage, die für uns völlig neu ist. Um es kurz zu machen: Der Terror ist in unser Land zurückgekehrt, schlimmer als alles, was vorher gewesen ist. Ich darf kurz die neuesten Fakten zusammenfassen: Gestern Nachmittag um kurz nach fünfzehn Uhr explodierte etwas im Festsaal des bischöflichen General-Vikariats mit solcher Wucht, dass das Dach und die halbe Außenmauer weggerissen wurden. Trümmerteile flogen hunderte Meter weit bis auf die Domplatte. Bis jetzt zählen wir vierzehn Tote und zweihundertachtzig Verletzte, davon viele schwer. Dass es nicht mehr Opfer gegeben hat, ist allein der soliden Konstruktion des Gebäudes zu verdanken. Wie durch ein Wunder blieb der Bischof unverletzt, weil er sich zum Zeitpunkt der Detonation noch im anderen Flügel aufhielt.
Bislang wissen wir Folgendes: Offenbar ist die Theke explodiert, vielleicht eines oder mehrere der Bier-Fässer, oder etwas, das dort stand, von dem wir aber noch nicht wissen, um was es sich handelt. Ein sehr starker Sprengstoff, vermutlich vermischt mit einer Art von Plastik-Schrapnell. Die meisten Verletzten haben diese Teile im Körper, sehr tückische Geschosse, die nicht mit normalen Röntgengeräten zu lokalisieren sind, sehr schwer zu operieren. Allein aus diesem Umstand lässt sich ableiten, dass der oder die Täter töten wollten, möglichst viele Menschen und möglichst grausam. Damit ist der Tatbestand des Terrorismus gegeben. Aus diesem Grund sind auch Mitarbeiter von Verfassungsschutz und BKA heute bei uns, der BND stößt noch dazu. Diese Angelegenheit hat absoluten Vorrang vor allem anderen. Die Presse rast vor Wut, gerade weil es die Kirche getroffen hat, weil es mit einer solchen Wucht und Tücke geschah, und vor allem, weil völlig im Unklaren ist, mit wem wir es zu tun haben. Die Welt schaut auf uns und wir sind in der Pflicht, dieser Bedrohung zu begegnen. Ich erwarte von jedem, dass er seine Pflicht tut, dass er mehr als seine Pflicht tut und vor allem, dass er keinen Fehler begeht, der uns teuer zu stehen kommen könnte. Ich möchte nicht aus der Zeitung erfahren, dass der entscheidende Hinweis auf einem Ihrer Schreibtische übersehen wurde. Ich erinnere in diesem Zusammenhang nur an die Schleyer-Entführung. So etwas darf nicht passieren. Ich danke Ihnen.«
Er nickte Dimroth zu, der die Sonderkommission leiten würde, und verschwand wieder, um in einem anderen Raum seine Presseerklärung vorzubereiten. Dimroth trat vor.
»Also, Leute, ich denke, wir wissen, was zu tun ist. Wir teilen uns auf, eine Gruppe befragt die Verletzten und Heilgebliebenen, eine Gruppe überprüft alle, die in den Stunden zuvor Zutritt zu dem Gebäude hatten, eine Gruppe checkt den Background, ihr wisst schon, Andeutungen im Vorfeld, Bekennerschreiben. Vor allem will ich wissen, wer oder was das Ziel dieses feigen Attentates war. Also los.«
Preuß und Joya wunderte es nicht, sich in der Gruppe wiederzufinden, die zu den Verletzten gehen sollte. Das war ihr Schicksal, da sie bei der Führung nicht übermäßig beliebt waren, und es nützte nichts, sich darüber aufzuregen. Preuß nahm ihren Kollegen an die Seite. »Sag mal, Joya, was glaubst du? Was ist das Ziel eines solchen Anschlags?«
»Woher soll ich das wissen? Kann alles sein, von einer angestrebten Destabilisierung der Gesellschaft bis zur persönlichen Rache.«
»Ich weiß nicht. Keine Terrorgruppe hat in den letzten sechzig Jahren der Kirche auch nur ein Haar gekrümmt, es ging immer gegen Politik oder Wirtschaft, die Kirche war tabu. Als Institution werden die von niemandem mehr als Bedrohung empfunden. Von daher kann ich mir nicht vorstellen, dass sich eine Gruppe von Leuten zusammenfindet, um das Vikariat zu sprengen.«
Für dieses Mal konnte er ihr Recht geben. »Mhm, ich stimme dir zu. Das wird eine harte Nuss. Immerhin sind wir so fürs Erste diesen Bankraub per Internet los.«
Schmerzlich lächelnd schüttelte sie den Kopf. »Ja schon, aber die Kirche sind wir nicht los.«
»Dann sollten wir diesen Fall lösen. Dann wird uns diese Internet-Sache vielleicht als Belohnung abgenommen.«
»Wäre ja lukrativ.«
Sie tauchten in der hektischen Menge unter.
*
Niemand wollte sich an diesem Tag eine Anspannung anmerken lassen; die Presse-Leute nicht, sie erwarteten eine Routine-Veranstaltung ohne großen Stress; die Ordensleute nicht, denn sie erwarteten hohen Besuch, was zwar Stress bedeutete, aber auch Ansehen und Freude bringen würde; und der Besucher schon gar nicht, denn er erwartete ein Forum für sein Anliegen vorzufinden. Dazu lachte die Sonne und die geschmückte Abtei erstrahlte in frisch renoviertem Glanz. Die strengen Sicherheitsmaßnahmen störten hier niemanden, die Mönche waren gewöhnt, ständig kontrolliert zu werden, die Presseleute waren gewöhnt, große, hässliche Ausweise um den Hals zu tragen, und der hohe Besuch war gewöhnt, nie kontrolliert zu werden.
Dann rollte die große Limousine durch das Tor, unter dem Bogen der Jugendherberge hindurch, das kurze Stück bis zur Abtei und hielt vor der Freitreppe der Klosterkirche. Alles Weitere wurde routiniert abgewickelt. Der Bischof stieg aus, schüttelte Hände, lächelte in Kameras, sprach ein paar kurze Sätze in die Mikrofone, wurde sodann in das weitläufige Gebäude geführt und fand sich schließlich am Ziel, einem großen Saal, bereits angefüllt mit Geistlichen des Klosters sowie etlichen geladenen Gästen, meist Aktivisten aus der Gegend. Würdevoll wie immer strebte der Bischof quer durch den Saal zur Rednerbühne und nahm dort Platz. Der Abt trat ans Mikrofon, schaltete es ein und begann sogleich mit einer freudig-erregten Begrüßungsansprache, die leicht übersteuert über die zahlreichen Lautsprecher im Saal von den Säulen dröhnte. Heute würde man sich gegenseitig bestärken, auf die gemeinsame Linie einschwören, sich anfeuern, die Zusammengehörigkeit stärken. Gerade nach dem feigen Attentat wollte man Stärke zeigen und Gelassenheit.
An einer Säule, die schräg versetzt vom Podium etwa fünf Meter entfernt auch einen Lautsprecher trug, hing ein Feuerlöscher. An sich wäre daran nichts Ungewöhnliches gewesen, abgesehen von dem Umstand, dass dieser Löscher anders aussah als die anderen drei Geräte im Raum, vor allem größer und besser an der Wand fixiert. Er funktionierte auch ganz anders, denn ziemlich exakt zwei Minuten, nachdem das Begrüßungs-Gewitter seinen Anfang genommen hatte, hörte der Mönch, der auf seiner Bank direkt neben der Säule saß, ein knackendes Geräusch, gefolgt von einem weiteren Laut, der dem Aufziehen eines altertümlichen Weckers verblüffend glich. Noch verblüffender fand der Mönch, dass diese Geräusche aus dem Inneren des Feuerlöschers zu stammen schienen. Er legte den Kopf schief, äugte auf das rote Ding an der Säule, fand nichts Auffälliges und beschloss, dass er sich geirrt haben musste. Weitere zwei Minuten später sprach der Abt seine heiß ersehnten Schlussworte, der Bischof traf Anstalten, sich zu erheben, und durch das auflodernde Geklatsche hörte der Mönch wieder Geräusche aus dem Feuerlöscher. Es machte leise »Bing«, gefolgt von einem scharfen Ton, wie zerbrechendes Glas ihn verursacht, und dann hörte er nichts mehr. Nie wieder.
Draußen vor der Abtei schrien die wenigen Zaungäste und Sicherheitsleute erschrocken auf und warfen sich zu Boden, als mit einem gar nicht so lauten Knall die fünf Meter hohen Buntglasscheiben, die den Saal von der Umwelt trennten, komplett von oben nach unten zerbarsten und ein Splitterregen aus Glas auf sie hernieder hagelte. Da die einzelnen Glasstücke noch mit Teilen der Einrahmung aus Zinn verbunden waren, wurden die Menschen von regelrechten Geschossen getroffen, die meist auch stecken blieben. Kaum jemand kam unverletzt davon.
Nach dem Knall legte sich eine ganze Zeit lang eine unwirkliche Ruhe über das Kloster. Erst nach dieser Verzögerung begann der Lärm wieder, als die Überlebenden des Saales mit Geschrei nach draußen drängten, dort einigen Sicherheitsbeamten begegneten, die mit eben so viel Geschrei hinein wollten. Kurz darauf erschienen die ersten Rettungswagen; die Kriminalpolizei gesellte sich erst zwei Stunden später hinzu, dafür aber in beeindruckender Anzahl.
*
»Warum tut er das? Er kennt doch die Gefahr.« Preuß war sichtlich ratlos.
»Wen meinst du? Täter oder Opfer?«
»Den Bischof natürlich, du Hirn. Eben erst ist ein Anschlag in seiner Anwesenheit auf seine Leute verübt worden und schon kurz darauf veranstalten die wieder so eine Riesenversammlung, als wäre nichts, und prompt kracht es schon wieder.«
Joya versuchte, sie zu beruhigen. »Priester sind nicht wie alle Männer, sie haben keine Geliebten, sondern Haushälterinnen. Davon mal ab, hier geht es nicht um persönlichen Mut, sondern um Politik. Die Kirche als Ganze darf keine Angst zeigen, weil dann die Gläubigen ebenfalls Angst haben. Die Kirche ist stark und kümmert sich nicht um weltliche Kleinigkeiten wie Bomben. Daher tut man so, als wäre alles wie sonst, nichts kann sie erschüttern, ein Beispiel von Courage, an dem sich die Siechen und Kranken aufrichten können. Politik eben.«
»Das hat heute einige Leute den Hals gekostet. Ich bin wahrlich nicht gläubig und gönne der Kirche nicht das Schwarze unterm Fingernagel, aber das ist zu krass. Dumm und sinnlos.«
»Das ist der Job. Totale Macht und totale Unterordnung selbst um den Preis des Lebens. Die Kirche verdankt Märtyrern sehr viel, daher hält sie auch an diesen Verhaltensweisen fest.«
Joya rieb sich die Schläfen. »So kann man das auch nennen. Dann haben wir also ein Bewachungs-Problem.«
»So in der Art. Alle haben gedacht, ein Anschlag pro Monat sei das Maximum des Leistbaren, und nun ist es keine fünf Tage später wieder passiert. Ab sofort gehen alle nur noch auf Nummer sicher. Wir sind also - zusammen mit unzähligen anderen unschuldigen Polizisten - ab sofort eingeteilt, kirchliche Großereignisse zu schützen.«
»So sieht es aus, mein Lieber. Die Frage ist für mich, womit wir rechnen müssen. Es kann ja in ein paar Tagen wieder so ein Ding geben. Ich denke, wir sollten nicht allzu nahe herangehen.«
»Ich verstehe, was du meinst. Leider können wir uns das nicht unbedingt aussuchen. Aber wir haben ja noch deinen Bauch, um im richtigen Moment in die richtige Richtung zu rennen.«
Sie sah ihn skeptisch an. »Sind wir mal einer Meinung? Lasset uns niederknien, dies seltene Glück zu preisen.«
Er lächelte aufmunternd. »Wie sind immer einer Meinung, Herzchen, sonst säße ich nicht jetzt und hier mit dir zusammen in der Patsche. Wir haben nur unterschiedliche Temperamente. Und bei einer solchen Sache müssen wir zusammenhalten, sonst stehen wir das nicht durch.«
»Amen. Dann lass uns zusammen diese Sache schultern, bevor ich wegen der Opfer Depressionen bekomme.«
*
Auf dem Trödelmarkt ging es hoch her. Jetzt am Nachmittag stauten sich die Interessenten in den engen Schneisen zwischen den Ständen, viele Leute blieben vor den Auslagen stehen und machten den Weg dadurch noch enger. So standen die Menschen in einer endlosen Schlange und kamen nicht wirklich voran. In dieser Masse Leiber stand auch ein großer, schlanker Mann, der sich von den anderen dadurch unterschied, dass er nicht ein einziges Mal einen Blick auf die Dinge warf, die es hier zu kaufen gab. Der Mann stand in der Reihe, drängelte nicht, ging ein paar Schritte weiter, wenn sich die Gelegenheit ergab, und ließ sich so mittragen. Er wusste, dass er auf diese Weise zwangsläufig zu seinem Ziel gelangen würde.
Unbemerkt wartete ein gelber Briefkasten auf einem Pflock zwischen einem indischen Lederwaren-Anbieter und einem Taschenbuch-Händler auf Kundschaft. Nun bewegte sich der Mann erstmals zielgerichtet, scherte aus dem Lindwurm der Getriebenen aus und stellte sich zu den Auslagen des Taschenbuch-Händlers, sodass er hinter sich die Lederwaren wusste und sich der Briefkasten direkt an seiner linken Schulter befand. Er nahm ein beliebiges Taschenbuch in die Hand, spähte über dieses in die Runde und schaute sich um, ob wohl jemand Notiz von ihm nahm. Zu seinem Leidwesen traf dies auf den Händler zu, der von seinem Blick ermuntert wurde, ihn anzusprechen.
»Prima Sache, nicht wahr. Das war noch echte Science-Fiction. Wenn Sie interessiert sind, ich habe die komplette Serie der Ren-Dhark-Taschenbücher, die Hefte sowieso.«
»Danke, ich wollte erst mal nur schauen.«
Der Händler verzog das Gesicht und wandte sich dem nächsten vermeintlichen Kunden zu. Der Mann erkannte, dass er zu viel Zeit an einer Stelle verbrachte, legte das Taschenbuch wieder weg und drehte sich dergestalt zum Gehen, dass er mit dem Körper die Bewegung verdecken konnte, mit der er aus seiner Jacke einen Brief hervorzog und in den Kasten warf. So konnte niemand sehen, dass er dies mit der linken Hand tat und dass die linke Hand im Gegensatz zur rechten einen Handschuh trug. Anschließend ließ sich der Mann wieder von der Masse der Besucher treiben, gelangte nach einer weiteren halben Stunde zu einem der Ausgänge und erreichte nach einem längeren Fußmarsch den Wagen. Dann fuhr er lange Zeit ziellos herum, nur um seine Angst und Nervosität zu bekämpfen. Er spürte, es dauerte nicht mehr lange, bis er vom Jäger zum Gejagten werden würde, deshalb musste ihm bald etwas gelingen. Ansonsten würde er vor lauter Wut auf sich selbst zerreißen, bevor dies jemand anderem gelang.
*
»Ich habe ein schlechtes Gefühl, Joya, ein ganz schlechtes Gefühl.«
»Wieso das denn? Wir sind hier, weil der Polizeipräsident alle Kräfte zusammenfasst, und wir gehören halt dazu. Es ist doch so, dass im Augenblick wirklich jeder, der nicht gerade im Krankenhaus liegt, für die Terroristen-Jagd benötigt wird, schon aus Marketing-Gründen, unsere Großköpfe denken doch alle in politischen Dimensionen. Also sind wir mit dabei, weil ein paar Leute ein gutes Schauspiel liefern wollen und nicht weil man uns wieder ins Nirvana schicken will. Heute haben wir ausnahmsweise nichts zu befürchten.«
»Kann sein, kann nicht sein. Jedenfalls habe ich dieses schlechte Gefühl nicht wegen uns, sondern wegen denen«, sie zeigte vage auf die Auffahrt, über die schwere Limousinen zum Schloss hinauf fuhren, um ihre wertvolle Fracht vor der stark bewachten Freitreppe abzuladen.
»Wegen der vielen Priester? Ach Gott«, er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Für die ist nun wirklich gesorgt. Alles ist abgeriegelt, jeder, der sich dem Gelände auf dreitausend Meter nähert, wird gründlich gefilzt, es kann nichts passieren. Das hier ist doch eine Placebo-Aktion, auf beiden Seiten.«
Sie sah ihren Kollegen mit zurückhaltender Ungläubigkeit an. »Na los, lass mich nicht dumm sterben.«
»Naja, angeblich treffen sich die Geistlichen doch nur wegen der Anschläge, um über den unbekannten Feind zu beraten. In Wahrheit saufen die sich ganz entspannt die Hucke voll, um hinterher eine tolle Pressekonferenz abzuhalten, auf der sie mehr staatliches Entgegenkommen fordern, und damit meinen sie nicht Schutz, sondern Kohle. Die Kirche feiert hier ein paar Märtyrer und noch immer haben neue Märtyrer neues Geld gebracht. Die leben doch von den Schuldkomplexen anderer Leute.«
»Hey hey, bist du sicher, dass wir nicht abgehört werden? Du redest dich gerade um Kopf und Kragen. So kann man nicht über so viele tote Priester reden.«
Joya nickte grimmig. »Stimmt, tief in mir drin bin ich betroffen. Aber die Art und Weise, wie die eigentlich Betroffenen damit umgehen, macht mich wütend. Allein dieser Bischof: Gibt eine Pressekonferenz nach der anderen, in der er dem Staat Versagen in der Erziehungspolitik vorwirft, und bietet gleichzeitig an, in die Bresche zu springen. Der hat doch wirklich die Frechheit, Erziehungspolitik, milde Richter und fehlenden Religionsunterricht zusammenzurühren und die gottlose Gesellschaft als eigentlichen Attentäter zu beschuldigen.«
Preuß nickte. »Wenn das stimmt, dann brauchen wir gar nicht suchen. Jeder ist der Täter, jeder hat auf seine Weise mitgeholfen, also gehen wir in den nächsten Supermarkt und verhaften alle Anwesenden. Spaß beiseite, ich weiß, was du meinst. Der Kerl ist kalt wie eine Hundeschnauze, den juckt das Schicksal seiner Leute kein Stück. Dabei fühlt er sich bestimmt ganz sicher, wer bombt schon dreimal gegen dasselbe Ziel?«
Joya blickte den Autos nach. »Alles auf dieser Welt hat es noch nie gegeben“, brummte er nachdenklich, „bevor es dann doch passiert ist. Es ist zweimal gelungen, und wir wissen immer noch nicht genau, wie eigentlich. Mithin kann es durchaus auch ein drittes Mal klappen. Hast du schon eine Ahnung, wie die Bomben an die Tatorte gelangen konnten, wer sie auf welche Weise gezündet hat? Klar, ist ja mal wieder keine Woche her. Wir wissen nichts und unsere klugen Chefs verfallen auf die Superidee, hier eine gigantische Zielscheibe aufzubauen. Wir sitzen auf der größten Einladungskarte Deutschlands. Fühlt sich an wie ein Bad im Aschenbecher.«
Joya sah die Sorgenfalten in ihrem Gesicht, die Gefühlswelt seiner Kollegin kannte er immerhin so gut, dass er ihre Intuitionen ernst nehmen wollte. Die Trefferquote lag beunruhigend hoch. Andererseits, so dachte er sich, vergab er sich nichts, wenn er ein wenig auf Abstand zu den Dingen ging. Wenn die Sicher-ist-sicher-Methode im großen Stil Anwendung fand, dann konnte er sie auch bedenkenlos im Kleinen umsetzen.
»Also gut. Ich schlage vor, wir verschwinden aus der unmittelbaren Umgebung dieses Gemäuers und nehmen einen persönlichen Sicherheitsabstand ein. Sagen wir, den äußersten Absperrgürtel? Der sollte mal wieder inspiziert werden.«
»Das wäre gut. In letzter Zeit gibt es eine besorgniserregende Tendenz zu sehr großen Bomben.«
Während sie sich von dem Gebäude entfernten, wurde Katjas schlechtes Gefühl etwas schwächer, nicht viel, aber genug, um sicher zu sein, dass Richtige zu tun. Sie nickten den Beamten der äußeren Sicherungskette zu und setzten sich neben der Zufahrtstraße auf die Steine eines alten Zierbrunnens. Von dort aus ließ sich das Treiben rund ums Schloss wunderbar beobachten. Dies taten sie ausgiebig, eine Zigaretten-Pause simulierend. Nach einer Weile fragte er sie: »So, und wie lange willst du das hier aushalten?«
»Solange es geht. Hier wird niemand mit 'ner MPi aufkreuzen, Joya. Wenn unser Täter nach dem bekannten Muster vorgeht, dann kreuzt er gar nicht auf, dann ist die Bombe schon da.«
Er schnippte seine Zigarette weg und sah sie an.
»Das halte ich für extrem unwahrscheinlich. Unsere Jungs haben alles umgedreht, auch die Fässer und Feuerlöscher, jede Maus, die da in den letzten zwei Jahren durchgelaufen ist, wurde durchleuchtet, einfach alles. Fehlt nur noch, dass sie den Parkettboden rausgenommen hätten, um zu sehen, was sich darunter befindet.«
Sie nahm die Zigarette aus dem Mund und schaute halb erschrocken und halb nachdenklich auf den Boden. »Haben sie nicht? Warum denn nicht?«
Joya stöhnte genervt auf. »Nun komm schon, wozu denn? Niemand wird sich die Mühe machen und noch dazu die Gelegenheit haben, etwas ...«
Sie fiel ihm aufgebracht ins Wort. »Joya, um Himmels willen. Um was geht es denn hier? Die bisherigen Bomben waren extrem gut versteckt und immer hat sie jemand auch ganz konkret an den Ort der Explosion getragen, trotz aller Maßnahmen zur Sicherheit. Also erzähl mir nicht, es wäre nicht möglich. Vor allem aber wird er nicht so dumm sein, die gleiche Methode noch einmal zu versuchen. Noch mal: Es war lange bekannt, was hier heute stattfindet, die Bomben explodierten bisher genau bei Veranstaltungen dieser langfristigen Art. Er hatte alle Zeit der Welt, sich etwas wirklich Böses auszudenken. Und da beschränken sich unsere alles-nach-Handbuch-Polizisten auf Sichtkontrollen. Ich fasse es nicht. Wir sollten uns krankmelden.«
»Zu spät.«
Sie folgte seinem Blick und sah, wie ein Hundertschaftsführer sichtlich verärgert Kurs auf sie nahm. Er hatte sie fast erreicht, als Joyas Handy klingelte. Mit einer Hand bremste er den Herannahenden ab und griff er mit der anderen Hand zu seinem Telefon und meldete sich.
*
Etwa dreieinhalbtausend Meter vom Schloss entfernt hob ein Mann langsam den Kopf. Da das Schloss in einem Kerbtal lag, konnte es von den umliegenden Hügelketten gut eingesehen werden. Dies wusste auch die Polizei und ließ Hundestreifen durch die bewaldeten Hügel patrouillieren. Auch an allen Einfahrten, die von den Straßen zu den unbefestigten Waldwegen führten, hatte man Posten stationiert, die jeden Wandersmann oder Jäger abwiesen. Seit dem gestrigen Abend galten die Sicherheits-Maßnahmen, in der Presse wurde das Aufgebot als gigantisch bezeichnet, als die größte Polizeiaktion, die je im Rahmen einer kirchlichen Veranstaltung durchgeführt worden sei. Er hatte all dies erwartet und seinen Standort aufgesucht, bevor die Polizei gekommen war.
Als besagten Standort hatte er eine riesige Rotbuche gewählt, in deren Krone lag er in einer Art Baumhaus: Eine Plattform mit drei Seitenwänden und einem Dach aus dicken Zweigen, nur die Seite zum Schloss hin blieb frei, allerdings von den natürlich wachsenden Ästen gedeckt. Vom Boden aus konnte man seinen Aufenthaltsort nicht ausmachen, von guter Tarnung verstand er etwas; in solchen Höhen verlor sich zudem der Blick des Betrachters. Hier wartete er seit fünf Tagen, dies nicht nur, um den Kontrollen zu entgehen, auch um den Geruch des Waldes anzunehmen, jede Spur von Zivilisation zu tilgen, seien es Reste des Rasierwassers oder der Geruch des Waschmittels in den Kleidern. Kein Hund würde ihn entdecken, keine weiße Stelle seines Gesichtes vom Schloss aus gesehen in der Sonne spiegeln. Die Nähe zur Natur, die Entfernung zu den angeblichen Vorzügen der Zivilisation, motivierte ihn zusätzlich in seinem Tun, so fühlte er sich seinen Feinden weitest möglich entfremdet, nur so konnte er sich seinen Feind vorstellen, auf der entgegengesetzten Seite der Welt.
Wieder ein Blick auf die funkgesteuerte Armbanduhr, endlich. Er hörte es, sein Gehör funktionierte sehr gut, die Tage in der Stille hatten seine Sinne noch mehr geshärft: Er hörte die Autos auf der Auffahrt, wie die Türen sich öffneten und schlossen, die Polizisten über die gekiesten Wege hasteten, sogar das Klirren der Gläser im Gebäude drang an seine Ohren. Als es draußen stiller wurde, keine Autos mehr kamen, nur noch einige wenige Fahrzeuge eingeparkt wurden, es gleichzeitig drinnen lauter wurde, so etwas wie eine Ansprache gehalten wurde, hielt er den Zeitpunkt für gekommen. Er setzte das Fernrohr ans Auge und zielte aufs Schloss. Sein Standort war so günstig gewählt, dass er bis in den Konferenzsaal sehen konnte. Trotz Dreibein wackelte das Bild etwas, doch es genügte, den Purpur zu erkennen. Rasch legte er das Fernrohr weg und griff zu dem einzigen Gegenstand, den er noch bei sich führte. Das Gerät sah aus wie ein Geigerzähler, ein Kasten mit einem dicken Rohr an einer Seite, oben drauf eine Skala. Er richtete das Rohr gegen den Konferenzsaal, betätigte einen Knopf, woraufhin die Skala zum Leben erwachte. Er wartete, im Stillen bis dreißig zählend. Dann drückte er einen zweiten Knopf, der Zeiger der Skala sprang in die andere Ecke, es vergingen etwa drei weitere Sekunden, und dann durfte er das Schauspiel erleben, welches er sich erhofft hatte.
*
Joya horchte auf den Anrufer, der Hundertschaftsführer kochte sichtlich, dann veränderte sich alles. Joya wurde sehr blass, legte ohne ein Wort auf, wählte mit fliegenden Fingern eine neue Nummer, und als man sich dort meldete, schrie er in sein Handy: »Sofort alle raus da. Es ist eine Bombe im Schloss, eine große Bombe, sie wird gleich hochgehen. Alles evakuieren, auf der Stelle. Sind Sie blöd? Hier ist Joya, ich habe gerade von unseren Leuten die Info bekommen. Warum? Sie Depp, räumen Sie das Gebäude und quatschen Sie nicht rum! Ende.«
Er warf sein Handy von einer Hand in die andere und blickte dabei den Hundertschaftsführer böse an. »Haben Sie es auch nicht begriffen? Bewegen Sie sich, Mann.«
Es dauerte noch drei Sekunden, bis der Angesprochene seinen Entscheidungsprozess abgeschlossen hatte, dann drehte er sich um und rannte los, dabei in sein Funkgerät bellend.
Preuß sah ihren Kollegen irritiert an. »Wie hast du, ich meine wer hat da was von einer Bombe gesagt?
»Niemand. Ich habe nur zwei und zwei zusammengezählt.«
»Wenn du dich verrechnet hast, dann sind wir geliefert. Hast du irgendeinen Zweifel an dem, was du gerade verkündet hast?« Joya musste die Antwort nicht geben, im gleichen Augenblick gab es eine gewaltige Explosion, ein Donnerschlag lähmte ihre Ohren und ließ sie Deckung nehmen. Im Liegen wunderte sich Preuß, keinen Blitz gesehen zu haben, dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit den Steinbröckchen zu, die auf sie niedergingen. Als das Pfeifen in den Ohren nachließ und sie auch wieder andere Geräusche wahrnehmen konnte, hörte sie Joya dumpf, wie aus dem Hintergrund, sagen: »Nein. Keine Zweifel.«
Es blieb keine Zeit für Diskussionen, das unvermittelt einsetzende Chaos musste bewältigt werden. Irgendwann gab es nichts mehr zu tun, keine Wunden zu verbinden, keine schreienden Menschen zu beruhigen, keine Anweisungen mehr zu befolgen, keine zu geben. Etwas abseits vom großen Durcheinander aus Rettungswagen, Polizisten, Überlebenden und Presse saßen sie lange danach wieder bei dem Brunnen und versuchten zu verstehen. Endlich hob sie den Kopf. »Wieso? Wieso hast du es gewusst?«
Er grinste böse, ohne sich zu freuen. »Zwei und zwei. Das Konto, weißt du noch? Dieses gelöschte Konto, von dem dieses Modem bezahlt wurde. Ich habe mir gedacht, ich überprüfe mal alle Firmen, die bei den verschiedenen Objekten, die nun etwas anders aussehen als vor ein paar Wochen, mit Aufträgen vor Ort waren. Ist dir aufgefallen, dass die Abtei und dieses Schloss erst kürzlich renoviert wurden?«
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