Kitabı oku: «Der Unterhändler der Hanse»

Yazı tipi:

THOMAS PRINZ

Der Unterhändler der Hanse

Ein Hansekrimi

Die Hanse

© e-book Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2014

Umschlag: Motiv: Detail aus Hans Holbein d.J., »Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London 1532«, © Gemäldegalerie Dahlem der staatlichen Museen zu Berlin / Bridgeman Giraudon

ISBN 978-3-86393-514-6

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INHALT

Personen

Prolog • Stralsund, 25. Mai 1370

Kapitel 1 • Lübeck, im November 1369

Kapitel 2 • Lübeck, Februar 1370

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40 • Stralsund, 24. Mai 1370

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Epilog

Reinekin Kelmer, Lübecker Kaufmann und Schwiegersohn des Bürgermeisters, hat sich nach dem Tod seiner Frau von allen öffentlichen Ämtern zurückgezogen. Nach zehnjährigem Krieg einigen sich Dänemark und die Hanse, in Stralsund Friedensverhandlungen zu beginnen. Kelmer soll als Unterhändler Lübecks die Verhandlungen führen, doch er lehnt ab. Selbst eine Serie von Anschlägen auf Ratsendboten aus Bremen, Danzig und Wismar, die ebenso wie Lübeck für einen schnellen Frieden mit Dänemark eintreten, kann ihn nicht umstimmen. Erst als der Lübecker Bürgermeister selbst Opfer eines Anschlags wird, entschließt sich Kelmer, die gefährliche Aufgabe zu übernehmen.

In Stralsund gilt es nicht nur einen gerechten Frieden auszuhandeln, sondern auch die Anschläge aufzuklären, denn der Mörder ist in der Stadt, und er tötet weiter. Ganz oben auf seiner Liste steht Reinekin Kelmer, doch der ist ein kluger Kopf, ein geschickter Diplomat und ein hervorragender Schachspieler. Ihm zur Seite steht sein langjähriger venezianischer Freund Pietro Bottone und die junge, geheimnisvolle Frauke Tyrbach. Reinekin fühlt sich zu der außergewöhnlichen Frau hingezogen, doch sie ist schon einem anderen versprochen …

Thomas Prinz, 1959 in Wetzlar geboren, arbeitete als freier Journalist und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag. Seit 1990 ist er beim Auswärtigen Amt mit Stationen in Bonn, Bukarest, Jakarta und Berlin tätig. Er veröffentlichte die Krimis »Mode, Morde und Models«, »Ankunft in Bukarest« und »Abschied von Jakarta sowie »Das Silber der Ostsee«.

Am Anfang des Jahres 1370 hatten die Städte mit der Beherrschung des Sundes und Schonens ihre Kriegsziele gegen Dänemark erreicht. Die Fürsten dagegen hatten keinen endgültigen Erfolg gegen Waldemar errungen, so dass sie weiterkämpfen mussten. Nun hatten die Städte die Wahl zwischen Krieg und Frieden. Die Städte wandten sich von der Sache der Fürsten ab. Diese Politik war nicht ohne Gefahr.

Philippe Dollinger, »Die Hanse«

Leicht ist das Fähnlein an die Stange gebunden, aber es ist schwer, es mit Ehren wieder abzunehmen.

Hinrich Castorp, Lübecker Ratsherr,

Bürgermeister und Diplomat

PERSONEN

Reinekin Kelmer, Lübecker Kaufmann und Ratsherr

Johanna Kelmer, geb. Grevenrode, seine verstorbene Frau

Jan, Geseke und Johanna, Reinekins Kinder

Balthasar Grevenrode, Bürgermeister von Lübeck und Schwiegervater von Reinekin

Pietro Bottone, Freund und Partner von Reinekin

Hermen Burskup, Lübecker Kaufmann und angehender Bürgermeister

Bertram Wulflam, Bürgermeister von Stralsund

Frauke Tyrbach, Stieftochter des Wirts im Artushof in Stralsund

Heinrich Molteke, Ratsherr aus Danzig, ertrinkt im Hafenbecken

Sievert Classoen, nimmt an Moltekes Stelle an den Verhandlungen teil

Hildebrand Karbow, Ratsherr aus Wismar, wird von einem Armbrustschützen ermordet

Thymme Ghulsowe, nimmt für Karbow an den Verhandlungen teil

Hermen Wackerowe, Bremer Ratsherr, wird in einem Wirtshaus vergiftet

Rudolf Sudermann, nimmt an Wackerowes Stelle an den Verhandlungen teil

Gerkin Wollepont, Hamburger Ratsherr

Henning von Putbus, dänischer Verhandlungsführer

Admiral Johann Nicleson, Mitglied des dänischen Reichsrates

Vicko Diederckes, Kapitän mit zwielichtiger Vergangenheit

Der einäugige Claas, Knecht von Reinekin

Der kleine Claas, Hannes, Söhne des einäugigen Claas

Albert Puster, Armbrustschütze

Die rote Lisbeth, Hure in Stralsund

PROLOG • STRALSUND, 25. MAI 1370

Der zierliche Mann mit dem vernarbten Gesicht, der sich Albert Puster nannte, trat in den eisernen Steigbügel, der mit Hanfseilen am Bogen der Armbrust befestigt war. Dann bückte er sich, hakte die Sehnenklauen des Spanngurts, den er mit einem ledernen Gurt um die Hüfte geschnallt hatte, in die Sehne ein und richtete sich auf. Es bedurfte einer Zugkraft von über einhundert Kilogramm, um die Sehne zu spannen und in der Nuss zu arretieren. Dann nahm er einen der vierzig Zentimeter langen Bolzen mit Metallspitze aus dem Köcher, der an seinem Gürtel hing, und legte den Bolzen in eine Kerbe der Nuss. Die Waffe war nun schussbereit. Er verschloss den Bolzenköcher und kniete hinter einem Stapel mit Fellen nieder. Einen zweiten Bolzen würde er nicht brauchen. Albert Puster war ein Meisterschütze.

Es war die vierte Stunde nach Sonnenaufgang. Durch das halb geöffnete Tor im zweiten Stock des Lagerhauses konnte er den größten Teil des Stralsunder Hafenkais überblicken, ohne im Schatten des Speichers selbst gesehen zu werden. Wie immer hatte er sein Versteck sorgfältig ausgewählt. Ein optimaler Hinterhalt durfte nicht weiter als einhundert Meter vom Ziel entfernt sein und musste die Möglichkeit bieten, schnell und unerkannt zu verschwinden. Das Lagerhaus grenzte an die Stadtmauer, deren Brüstung zwei Meter unter dem Tor verlief, durch das mit Hilfe eines Seilzuges Waren vom Hafen direkt in den Speicher geladen werden konnten. Vor unangenehmen Überraschungen glaubte er sich sicher, denn die beiden Lagerarbeiter, die er seit Tagen beobachtet hatte, lagen mit durchschnittener Kehle im hinteren Teil des Lagerhauses. Vom Strelasund näherten sich Fischerboote und liefen im Fischerhafen ein. Gut siebzig Meter vor ihm plagten sich vier Männer mit dem Beladen einer Schute ab, die zwischen Kai und einer der Koggen pendelte, die draußen im Tiefwasser vor dem Hafenbecken lagen. Noch zwei Ladungen, schätzte der Mann hinter der Armbrust, würde es brauchen, um die am Kai aufgestapelten Säcke zur Kogge zu bringen. Erst danach würde der Lübecker Kaufmann erscheinen, der noch nichts von seinem bevorstehenden Ende ahnte. Er griff in die Tasche seiner Jacke, holte ein Stück harten Stockfisch heraus und biss davon ab. Danach kontrollierte er noch einmal seine Waffe. Sie wies keinerlei Verzierungen auf und hatte ihn dennoch ein kleines Vermögen gekostet. Das Wertvollste an ihr war der Bogen; gefertigt aus einer Kombination von Horn, Holz, Sehnen und Leim. Den Kern bildete ein Block aus zwanzig verleimten Hornplatten zwischen zwei Eibenholzstreifen, umgeben von einem dicken Mantel aus Tiersehnen. Dieser Bogen war wesentlich leichter und biegsamer als der Eschenholzbogen seines Vaters, mit dem er als Kind sein tödliches Handwerk gelernt hatte. Ein Bolzen, der von diesem Bogen abgeschossen wurde, konnte noch auf hundert Meter den Brustpanzer eines Ritters durchschlagen.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als eine Gruppe von sieben Personen, gefolgt von vier Mann der Stadtwache, sich dem Hafenkai näherte. Albert Puster erkannte den Mann sofort, für dessen Tod er bezahlt wurde. Sein Name war Reinekin Kelmer, und er war ein reicher Lübecker Kaufmann, der auf den ersten Blick eher wie ein Handwerker aussah. Seine Kleidung ließ nahezu jeden Prunk vermissen. Er trug ein kurzes gegürtetes Wams, eine ärmellose Weste und eine enge Hose. Dennoch musste es sich um einen bedeutenden Mann handeln, da er vom Stralsunder Bürgermeister begleitet wurde. Kelmer war einen halben Kopf größer als die Personen, mit denen er zusammen war. Er mochte gut über dreißig Jahre sein, bewegte sich aber noch leichtfüßig wie ein Zwanzigjähriger. In seiner Begleitung befand sich ein mittelgroßer südländischer Mann mit schwarzem, langem Haar, das nach der neusten Mode mit einem Brenneisen gekräuselt zu sein schien. Sein Schwert baumelte vom Gürtel einer zweifarbigen Jacke, deren enge Ärmel in glockenförmigen Manschetten endeten, die bis über die Fingerspitzen herabfielen. Der Bürgermeister war an einer schweren silbernen Halskette zu erkennen, die er über einem schwarzen und mit Gold bestickten Mantel trug. An seiner Seite ging ein junger Mann, der leicht als Sohn des Bürgermeisters zu identifizieren war. Er hatte die gleiche Plattnase wie sein Vater und den gleichen kurzen Hals. Neben ihnen gingen zwei Frauen, die gekleidet waren wie adlige Damen. Die jüngere von ihnen trug den dicken Bauch einer Hochschwangeren vor sich her. Die ältere schmückte eine Schmetterlingshaube, deren Spitzen die Köpfe der Männer überragten und von denen ein Schleier über den gesamten Rücken bis fast auf den Boden fiel. Beide Frauen trugen teure Brokatmäntel, deren eingewebte Goldfäden in der Sonne schimmerten. Eine dritte Frau ging an der Seite von Reinekin Kelmer. Sie war einfacher gekleidet. Ihr Haar war unter einer weißen Haube versteckt, wie sie von einfachen Bürgersfrauen getragen wurde, und ihr Kleid war aus blauem Barchent oder einem anderen Baumwollstoff, wie man ihn in den Vierteln der Handwerker sah. Sie hatte sich bei Reinekin Kelmer untergehakt, und der Mann hinter der Armbrust fragte sich, in welcher Beziehung sie zu dem Lübecker stehen mochte. Und wo konnte der Einäugige sein, der sonst immer bei Kelmer war?

Der Schütze hatte sein Ziel deutlich im Visier, aber noch war die Gruppe zu weit entfernt für einen sicheren Schuss. Kelmer war im Gespräch mit dem Bürgermeister. Beide schienen guter Dinge zu sein. Die Stimme des Bürgermeisters war bis in das Lagerhaus zu hören. Er lachte laut, und Kelmer grinste mit einem zustimmenden Kopfnicken. Er hatte ein sympathisches Gesicht, und der Schütze bedauerte, dass es nicht den Bürgermeister oder einen der beiden eitlen Gecken in seinem Gefolge treffen sollte. Aber dafür wurde er nicht bezahlt. Sein Auftrag war eindeutig: Reinekin Kelmer sollte er töten, und das war seinem Auftraggeber eine schöne Summe wert gewesen. Die Hälfte des Geldes hatte er bereits eingesteckt, und die andere sollte er nach Ausführung seines Auftrags erhalten. Das Geld würde ausreichen, um ein paar Jahre ein sorgenfreies Leben zu führen, selbst wenn er einen Teil davon an einen Priester würde bezahlen müssen, um für seine Tat die Absolution zu erhalten. Für zwanzig lübische Mark musste ein Söldner normalerweise ein ganzes Leben lang arbeiten, und selbst sein verhasster Vater, der Burgmann in Bremen gewesen war, hatte nur fünf Mark im Jahr erhalten. Er hatte immer vorgehabt, nach Bremen zurückzukehren und den Alten – bevor er ihn umbringen würde – wissen zu lassen, zu welchem Reichtum er es gebracht hatte. Das ging nicht mehr, denn der Alte war tot. Über ihn brauchte er sich den Kopf nicht mehr zu zerbrechen. Das Einzige, was ihm in den letzten Tagen Sorge bereitet hatte, war die Frage, ob er seinem Auftraggeber vertrauen konnte und tatsächlich die zweite Rate ausgezahlt bekommen würde. Bei dem zuletzt vereinbarten Treffen vor fünf Tagen war der Mann nicht erschienen, und zudem hatte er bei dem letzten Treffen darauf gedrängt, dass der Auftrag vor Christi Himmelfahrt ausgeführt werden müsse. Christi Himmelfahrt lag drei Tage zurück, aber was machte das für einen Unterschied? Er würde sein Geld erhalten, denn er hatte Erkundigungen über seinen Auftraggeber eingezogen und wusste, wo er den Mann zu finden hatte, falls die Zahlung ausblieb. Und bislang hatten noch alle gezahlt – schon aus Angst vor seiner tödlichen Kunst. Dies war sein letzter Auftrag, so hatte er sich vorgenommen. Danach wollte er ein neues Leben beginnen mit der Frau, die ihm in den letzten Wochen Liebe und Geborgenheit geschenkt hatte.

Die Gruppe um Reinekin Kelmer und den Stralsunder Bürgermeister erreichte den Kai an der Stelle, an der die Schute festgemacht hatte. Albert Puster hatte den Finger am Abzug der Armbrust. Mit leichtem Druck würde er den Bügel gegen den Schaft heben. Die Nuss würde sich senken, die Sehne frei geben und den Bolzen mit ungeheurer Wucht ins Ziel schleudern. Er zielte auf die Brust des Lübeckers. Der Zeigefinger seiner rechten Hand fühlte die Spannung des Abzugs. Der Lübecker verneigte sich vor der Frau mit dem Schmetterlingshut, ging auf die jüngere mit dem dicken Bauch zu, schüttelte ihr die Hand, und dann war der Sohn des Bürgermeisters an der Reihe. Albert Puster zögerte. Der Mann mit dem Schwert war in die Flugbahn des Bolzens getreten. Auch er verabschiedete sich. Kelmer umarmte den Bürgermeister, sein Rücken hätte ein perfektes Ziel geboten, aber die Schwangere kam in die Quere, ging auf die Frau an Kelmers Seite zu und drückte ihr die Hand. Kelmer stand in der Mitte der Gruppe. In der Abschiedszeremonie war zu viel Bewegung, aber irgendwann würde er sich lösen müssen. Einen guten Schützen zeichnete genau diese Geduld aus, die es brauchte, um den sicheren Schuss zu setzen. Nur dafür wurde er bezahlt, und er hatte nur einen Schuss. Zum Nachladen würde keine Zeit bleiben. Jetzt traten die beiden reichen Frauen zurück. Der Bürgermeister und sein Sohn standen an der Kaimauer, der Bootsmann streckte eine Hand aus und half der Frau an Kelmers Seite in die Schute. Sie kehrte dem Schützen den Rücken zu. Kelmer sprang auf das andere Ende des Lastkahns, der leicht schaukelte. Albert Puster zielte über den Kopf der Frau und hatte Kelmers Brust im Visier. Der Schuss würde tödlich sein. Der Schütze hielt den Atem an. Die Armbrust lag warm in seinen Händen. Er genoss diesen Sekundenbruchteil zwischen dem Entschluss, jetzt zu schießen, dem Drücken des Metallbügels gegen den Schaft und dem satten Geräusch, wenn sich die Sehne entspannte, den Bolzen über dem Lauf aus feinstem Eibenholz beschleunigte und ihn auf seinen unaufhaltsam tödlichen Weg sandte. Er genoss diesen Augenblick der Entscheidung genauso wie beim ersten Mal, als er den Bolzen auf den Weg geschickt hatte, der den Hals seines Bruders durchschlug.

KAPITEL 1 • LÜBECK, IM NOVEMBER 1369

»Um mancherlei Unrecht und Schaden, den die Könige dem gemeinen Kaufmann tun und angetan haben, wollen die Städte ihre Feinde werden und eine der anderen treulich helfen. – So haben wir es zu Köln im Jahre des Herrn 1367 beschlossen, und heute, gut zwei Jahre später, sind wir am Ziel, liebe Freunde. Der große dänische König, Waldemar Atterdag, liegt am Boden. Kopenhagen ist zerstört, und die ganze dänische Küste hinauf bis nach Norwegen haben sich die Städte und Festungen ergeben. Waldemar Atterdag bittet uns, die hansischen Städte, um Frieden.« Balthasar Grevenrode, der grauhaarige Lübecker Bürgermeister, hielt inne und blickte in die Runde der an die hundert Ratsherren. In die Stille brach ein zunächst verhaltener, dann anschwellender und schließlich donnernder Applaus.

»Hoch lebe die Hanse«, rief ein Wismarer Ratsherr. »Hoch lebe die Hanse«, schallte es aus hundert Mündern zurück.

Balthasar Grevenrode genoss den Triumph. Für Lübeck hatte in diesem Krieg viel auf dem Spiel gestanden, und zwei seiner Vorgänger hatte die Auseinandersetzung mit den Dänen den Kopf gekostet. Für Johan Wittenborg galt dies im wahrsten Sinne des Wortes. Er war nach verlorenem Kampf gegen die Dänen vor sechs Jahren in Lübeck geköpft worden, und Brun Warendorp war in der Schlacht gefallen. Balthasar Grevenrode streckte besänftigend beide Hände aus und versuchte, sich Gehör zu verschaffen.

»Liebe Freunde«, rief er in den großen Saal des Lübecker Rathauses. »Liebe Freunde, nach dem großen Sieg gilt es nun, einen gerechten Frieden zu schließen. Deshalb haben wir, der Rat der Stadt Lübeck, Euch hergebeten. Sobald die Winterstürme vorbei sind und die Ostsee wieder sicher befahrbar ist, wird Waldemar Atterdag eine Delegation entsenden, um die Bedingungen eines gerechten Friedens auszuhandeln.«

»Die Dänen sollen bluten«, rief der Bremer Ratsherr Rudolf Sudermann.

»Richtig, sie sollen bezahlen, doppelt und dreifach«, stimmte ein Hamburger Kaufmann ein, der trotz seines fortgeschrittenen Alters ein modisches rot-blaues Wams trug und dessen Schnabelschuhe mit Abstand die längsten waren, die man je im Lübecker Rathaus gesehen hatte. Der Saal applaudierte erneut. »Wir haben an die achtzig Koggen bemannt und bewaffnet. Wir können jede dänische Stadt ausquetschen bis auf den letzten Pfennig. Sie sollen zahlen, sie, ihre Kinder und Kindeskinder, und wenn sie nicht zahlen, werden wir sie plündern.« Der Hamburger schlug mit der Faust auf den Tisch.

Dann erhob sich Bertram Wulflam, der Bürgermeister von Stralsund, und wartete, bis der Saal sich beruhigt hatte. Wulflam war einer der reichsten Kaufleute an der Ostseeküste, ein untersetzter Mann mit grauem Vollbart, kurzem Hals und einer platten, breiten Nase.

»In dieser Stunde des Triumphs dürfen wir nicht übermütig werden«, nuschelte er. »Zehn Jahre Krieg sind nicht nur uns teuer zu stehen gekommen. Auch die dänischen Städte haben darunter gelitten. Wenn wir die Dänen schröpfen bis zum letzten Pfennig, wird der Handel nicht wieder auf die Beine kommen. Vor dem Krieg habe ich jedes Jahr an die vierzig Schiffsladungen nach Schonen und Kopenhagen geliefert, Salz, Bier, Wein, Malz, und habe Heringe und Kabeljau eingehandelt. Das Geschäft liegt seit zehn Jahren danieder. In Süddeutschland können kaum mehr die Fastengebote eingehalten werden, weil es keinen Fisch mehr gibt. Es muss unser Ziel sein, sobald als möglich wieder dahin zu kommen, wo wir vor dem Krieg waren.«

»Auch wir haben Verluste erlitten«, widersprach der Hamburger. »Wir haben alle den Pfundzoll entrichtet auf jedes Schiff, das unsere Häfen verließ, damit wir den Krieg gegen die Dänen finanzieren konnten. Habt Ihr vergessen, wie niederträchtig Waldemar vor zehn Jahren unsere Freunde in Visby überfallen und geplündert hat, habt Ihr vergessen, dass wir 1362 unsere Flotte vor Helsingborg verloren haben? Jetzt sollen sie uns entschädigen, und wenn sie nicht freiwillig zahlen, dann werden wir uns das Unsrige holen.«

»Soweit ich mich erinnere, hat Hamburg nicht ein einziges Schiff für den Krieg gestellt. Wir Stralsunder haben drei Koggen verloren.« Bertram Wulflam war aufgestanden, hatte die Fäuste auf den Tisch gestellt und den Oberkörper vorgebeugt, dass seine Bürgermeisterkette heftig gegen sein rotes Wams schlug.

Der Bremer antwortete mit erregter Stimme: »Ihr wisst sehr wohl, dass wir im Krieg mit den Seeräubern waren. Das hat unsere Kräfte gebunden. Und dieser Bedrohung mussten wir mit den Freunden aus Hamburg alleine Herr werden«, empörte sich Rudolf Sudermann.

»Gemach, gemach«, rief ein Wismarer Kaufmann. »Kopenhagen ist geplündert, der Hafen zerstört. Da gibt es nichts mehr zu holen. Handeln kann man nur mit Leuten, die Geld in der Tasche haben.«

»Aber wir sind im Bündnis mit den Grafen von Holstein und den Mecklenburgern und haben ihnen zugesichert, keinen separaten Frieden mit den Dänen zu schließen«, fügte Sudermann hinzu.

»Dieses Bündnis endet im April des kommenden Jahres«, warf Balthasar Grevenrode ein. »Die Interessen der Landesherren sind andere als die unsrigen. Sie wollen Dänemark aufteilen. Wir wollen Handel treiben und Geld verdienen.«

»Es geht nicht nur ums Geld.« Heinrich Molteke war ein bedächtiger Mann, der dem Rat von Danzig schon seit zwanzig Jahren angehörte und dessen Schiffe Pelze nach Flandern und Tuche nach Nowgorod brachten. »Es geht auch darum, die Dänen ein für alle Mal in die Schranken zu weisen. Mit ihren Festungen am Sund können sie uns jederzeit wieder erpressen. Wer den Sund sperrt, durchtrennt unsere wichtigste Lebens ader. Deshalb sage ich Euch, wie immer ein Frieden aussieht, er muss uns für alle Zeit die freie Durchfahrt durch den Sund garantieren.«

Die Niederländer klopften zustimmend auf den Tisch.

»Und das erreichen wir am besten, indem wir die Dänen klein halten«, schloss sich Sudermann an.

»Unmöglich können wir Städte uns den Sund nehmen. Wer das versucht, beschwört den nächsten Krieg herauf.« Hermen Burskup gehörte zu einer alteingesessenen Lübecker Patrizierfamilie, die ihr Vermögen zum guten Teil auf der Landverbindung zwischen Lübeck und Hamburg gemacht hatte. Diese siebzig Kilometer zwischen Ostsee und Nordsee ersparten die gefährliche Fahrt durch den Sund. Aber trotz der dänischen Zölle und der Unbilden des Wetters zogen immer mehr Händler die Sundfahrt dem aufwendigen Verladen ihrer Waren auf dem Landweg vor, hauptsächlich die Livländer und die Holländer. Burskup mochte 45 Jahre zählen. Er war von großer Gestalt mit roter Gesichtsfarbe und nahezu kahlem Haupt. Sein Gesicht prägten eine riesige Knollennase, hängende Backen und hängende Augenlider, was ihm den Ausdruck eines schläfrigen Bernhardiners verlieh. Balthasar Grevenrode kannte den Mann zu seiner Rechten so gut, dass er in jeder seiner Regungen lesen konnte wie in einem offenen Buch. Burskup war Ratsherr und würde demnächst Bürgermeister werden. Er hatte vor über zehn Jahren um die Hand von Balthasars Tochter angehalten und war abgewiesen worden – eine Schmach, die er niemals vergessen würde. Seit damals schien all sein Tun und Trachten darauf ausgerichtet, diese Zurückweisung zu rächen.

»Stattdessen sollen wir lieber an das Frachtkontor des Herrn Burskup bezahlen«, rief ein Danziger Kaufmann, und der Saal schallte vor Lachen. Burskup setzte sich ärgerlich.

»Hermen Burskup hat Recht«, mischte sich Balthasar Grevenrode ein. »Wenn wir den Sund bekommen, werden sich alle anderen gegen uns verbünden. Dann haben wir in zwei Jahren den nächsten Krieg. Niemand sollte glauben, dass die Landesherren tatenlos zuschauen, wenn sich die Städte wie Fürsten aufführen. Wir müssen holen, was wir kriegen können, aber es muss zu dauerhaftem Wohlstand für uns alle führen. Ich schlage vor, dass jede Stadt eine Abordnung zu den Friedensverhandlungen entsendet. Dann kann am Ende keiner behaupten, seine Interessen seien nicht berücksichtigt worden.«

Einige Ratsherren klopften zustimmend auf die Tische des großen Versammlungssaales im Lübecker Rathaus.

»Und wo wollt Ihr die Verhandlungen führen?«, fragte Sudermann.

Balthasar Grevenrode hatte mit der Frage gerechnet und war dankbar, dass sie nun gestellt wurde. Zum einen implizierte sie, dass die Verhandlungen natürlich unter Vorsitz Lübecks, des Hauptes der Hanse, geführt würden, und zum anderen gab sie Balthasar Grevenrode die Gelegenheit, all denen, die Lübeck mit Misstrauen gegenüberstanden, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Balthasar nickte seinem Stralsunder Kollegen zu, der sich erhob und mit stolzgeschwellter Brust sagte: »Ich würde mich freuen, liebe Freunde, wenn Stralsund Euch empfangen dürfte. Seid versichert, dass wir alles dafür tun werden, um die Verhandlungen zu einem für uns alle erfolgreichen Abschluss zu führen, und dass es Euch in Stralsund an nichts fehlen soll.«

Rudolf Sudermann war vor Ärger und Überraschung sprachlos. Hätte Grevenrode Lübeck vorgeschlagen, so hätte man dagegen angehen können. Es gab genug Städte, die eine allzu große Konzentration der Macht in den Händen der Lübecker vermeiden wollten. Gegen Stralsund gab es dagegen wenig einzuwenden, mit Ausnahme der Tatsache, dass Wulflam und Grevenrode unter einer Decke steckten. Stralsund war die größte und bedeutendste Stadt zwischen Danzig und Lübeck. Sie war für alle gut zu erreichen, und es war bekannt, dass der dänische König Waldemar Stralsund bevorzugte. Es regte sich keine Gegenstimme.

Balthasar Grevenrode stand auf und schaute in die Runde. »Liebe Freunde, wenn es dagegen keinen Widerspruch gibt, so können wir unsere Verhandlung beschließen. Wir treffen uns Anfang Mai in Stralsund, und jetzt möchte ich Euch einladen in die ›Ratsschenke‹. Es gilt, einen großen Sieg ordentlich zu feiern.«

Zu feiern, dachte Rudolf Sudermann, gibt es nur etwas für die Ostseestädte, allen voran für die arroganten Lübecker. Es gab genug andere, da war sich Sudermann sicher, die nichts zu feiern hatten, weil sie den bankrotten Holstengrafen Unsummen zur Kriegsführung geliehen hatten und diese nur zurückerhielten, wenn sich Heinrich und Klaus von Holsten genügend dänische Pfründe aneignen konnten. Und danach sah es derzeit nicht aus. Ohne das Geld und die Koggen der Städte waren die Grafen machtlos. Das Handelshaus des Rudolf Sudermann sah schweren Zeiten entgegen, aber er war nicht der Einzige, und es gab Mittel und Wege, die Lübecker zu stoppen.

KAPITEL 2 • LÜBECK, FEBRUAR 1370

»Schachmatt!« Pietro nahm einen tiefen Schluck Wein aus seinem Becher, während Reinekin Kelmer die Bernsteinfigur mit dem Kreuz umkippte.

»Weißt du, früher habe ich mich gefühlt wie ein König, wenn ich gegen dich gewonnen hatte – es kam selten genug vor. Heute denke ich, was spielt er da für einen Mist. Non è vero, come un stupido.«

»Morgen ist es ein Jahr.«

»Lo so. Ich weiß. Deshalb bin ich hier, weil ich dich nicht alleine lassen möchte.« Pietro schenkte sich italienischen Rotwein in seinen Messingbecher.

»Vielleicht ist es besser, wenn ich alleine bin.«

»Reinekin, du bist schwermütig wie dieses Land. Trink noch einen Becher mit mir, dann wirst du dich leichter fühlen. Dieser Wein schmeckt nach der Erde des Veneto. Er bringt Sonne in dein Herz.« Pietro nahm die noch gut gefüllte Kanne und goss seinem Freund den Becher voll. Sie saßen in der Diele von Reinekin Kelmers Haus am Kohlmarkt. Der einäugige Claas legte zwei dicke Holzscheite in den Kamin und schürte das Feuer.

»Kannst du dich noch an den Abend erinnern, an dem du diesen Wein zum ersten Mal probiert hast? Wahrscheinlich nicht, denn du warst so betrunken, dass Niccolò und ich dich nach Hause tragen mussten. Und Messer Ammaniti hätte mir fast den Kopf abgerissen.«

»Du solltest auf mich aufpassen. Stattdessen hat es dir gefallen, einen sechzehnjährigen Jüngling, der zuvor noch nie einen Fuß aus seiner Heimatstadt gesetzt hatte, schamlos abzufüllen.« »Stimmt. Wir haben uns köstlich amüsiert, weil du den Wein gesoffen hast, als sei es euer deutsches Dünnbier.«

»Ich war zwei Tage krank.«

»Beschwer dich nicht, schließlich hat der Wein dich reich gemacht.«

»Ja, der Wein hat mir Glück gebracht.« Reinekin nahm einen tiefen Zug aus seinem Becher und dachte an das Frühjahr des Jahres 1358 zurück, als er sich nach dem Ende seiner Lehrzeit bei Messer Ammaniti mit sechs Fuhrwerken voller Weinfässer über die Alpen und quer durch Deutschland gequält hatte. In Frankfurt und Köln hatten die reichen Kaufleute und Ratsherren noch gezögert, des hohen Preises wegen und weil man nur den billigen deutschen Wein kannte und den französischen. Als er nach Lüneburg und Hamburg kam, war ihm der Ruf seines Weines schon vorausgeeilt, und die Fässer wurden ihm vom Wagen gerissen, ohne dass die reichen Käufer die Köstlichkeit vorher auch nur probierten. Jeder wollte etwas von dem besonderen Wein abhaben, und der Preis spielte keine Rolle. Mit dem letzten Wagen war er in Lübeck angekommen. Auch hier hatte sich die bevorstehende Ankunft dieser Rarität schon herumgesprochen. Reinekin wurde in das Haus des Bürgermeisters gebeten. Und während Balthasar Grevenrode den Wein probierte und sich nach dem Preis erkundigte, war sie hereingekommen.

»Soll ich später wiederkommen?«, hatte sie höflich gefragt.

»Nein, setz dich zu uns. Ich stelle dir Reinekin Kelmer vor, einen Kaufmann aus Frankfurt, oder sollte ich besser sagen: aus Venedig.«

Während Reinekin auf die junge Frau starrte, sagte Balthasar Grevenrode: »Meine Tochter hilft mir bei den Geschäften. Sie ist talentiert. Ich habe keine Söhne. Nur dieses eine Kind, und da blieb mir nichts anderes übrig, als einen Kaufmann aus ihr zu machen.« Grevenrode lachte laut, und seine Tochter blickte verlegen zu Boden. Sie war eine Schönheit, groß und schlank, mit braunen Locken, die sich nicht mit Haarnadeln bändigen ließen. Sie berichtete von einem Schiff, das aus Brügge eingelaufen sei, und dass die Preise für Pelze in ganz Flandern gefallen seien und man deshalb die Kogge aus Nowgorod besser nach England schicke.

»Aber wir brauchen die Tuche aus Brügge«, hatte Grevenrode eingewandt und sie hatte ihm vorgerechnet, dass er an die dreißig lübische Mark mehr gewinnen würde, wenn die Kogge London anlaufen würde, um dort die Pelze zu verkaufen, und dann mit englischer Wolle nach Brügge fahre und von dort die Tuche mitbringe. Balthasar Grevenrode hatte lächelnd genickt. Dann hatte er Reinekin die Fuhre Wein abgekauft.

»Kommt morgen zum Abendessen, Reinekin, und erzählt uns von Italien.«

Reinekin hatte die Einladung gerne angenommen, diese und noch viele andere bis zu seiner Abreise nach Frankfurt. Schon damals wusste er, dass seine Zukunft nicht in Frankfurt oder Italien lag, wie es sein Vater geplant hatte, sondern in Lübeck.

»Kommst du wieder, Reinekin?«, hatte Johanna gefragt.

»Ja«, hatte er geantwortet und sie zum ersten Mal geküsst.

Im nächsten Jahr hatte er noch einmal die beschwerliche Reise vom Mittelmeer an die Ostsee auf sich genommen, doch diesmal war er in Lübeck geblieben, hatte sich die Bürgerschaft der Stadt gekauft und das Haus eines Kaufmanns, der auf der Ostsee mit Schiff und Waren untergegangen und dessen Besitz mangels Erben an die Stadt gefallen war. Im Jahr darauf hatte er Johanna Grevenrode, die Tochter des Bürgermeisters, geheiratet.

»Der Wein hat mir wahrlich Glück gebracht.«

Die Haustür flog auf und riss Reinekin aus seinen Erinnerungen. Jan und Geseke schossen herein. Sie schleuderten die hölzernen Trippen in eine Ecke und stürzten auf Reinekin und Pietro zu.

»Papa, Pietro, schaut euch das an: ein Pferd.« Der achtjährige Jan hielt Reinekin eine Holzfigur vor die Nase.

»Und eine Puppe«, ergänzte seine Tochter, die ein Jahr jünger als ihr Bruder war. »Sogar mit Haaren. Mit richtigen Haaren.«

»Nein, das stimmt gar nicht. Das sind Pferdehaare, frag Opa.«

Balthasar Grevenrode tauchte in der Tür auf.

»Richtige Pferdehaare«, sagte er, trat in die Diele, schloss die Tür hinter sich und schüttelte sich vor Kälte.

»Papa, das schenken wir morgen der kleinen Johanna zum Geburtstag, und Opa hat mir versprochen, dass ich auch so eine Puppe kriege.«

»Los, komm in die Kemenate, wir zeigen es Sarah.«

»Seid bitte leise, Johanna schläft«, rief Reinekin ihnen nach, aber da waren sie schon im Hinterhaus verschwunden.

»Setz dich, Balthasar. Wie kommt es, dass der Bürgermeister persönlich die Kinder bringt?«

»Sie müssen ins Bett. Es hat schon zur Nacht geläutet. Und …«, Grevenrode zögerte und schaute die beiden Männer an, »… ich muss mit dir reden.«

»Va bene, signori, ich wollte ohnehin gerade aufbrechen.«

»Nein, bleib da. Es ist möglich, dass es auch dich betrifft«, sagte Grevenrode, nahm einen Becher von dem verzierten Messingtablett, das auf dem massiven Eichentisch stand, goss sich ein, trank, schaute Reinekin an und zog die Stirn in Falten. »Immer wenn du so schaust, gibt es Probleme. Was ist – ein Schiff verloren, eine Ladung gestohlen oder Ärger mit den Dänen?«

»Ich glaube, es ist schlimmer. Vor sechs Wochen ist Heinrich Molteke ertrunken. Ich habe es gestern erfahren. Sie haben ihn tot aus dem Hafenbecken in Danzig gefischt – mit eingeschlagenem Schädel. Vor zwei Wochen ist Hermen Wackerowe, ein Bremer Ratsherr, in einem Wirtshaus in Hamburg tot zusammengebrochen. Er hatte Schaum vorm Mund und ist unter qualvollen Krämpfen gestorben. Hermen war ein ehrenwerter Mann, ein verlässlicher Kaufmann und ein Freund. Man könnte meinen, dass es ein dummer Zufall war, dass Hermen und Molteke fast gleichzeitig und auf merkwürdige Weise starben. Aber es kommt noch dicker: Heute Mittag kam ein Schiff aus Wismar und brachte die Kunde, dass Hildebrand Karbow abends auf der Heimkehr von einer Ratsversammlung hinterrücks mit einer Armbrust ermordet wurde. Der Mörder ist entkommen.«

»Sie waren alle Geschäftsfreunde von dir. Richtig?«

»Geschäftsfreunde, ehrenwerte Kaufleute, Ratsherren und Sendboten ihrer Städte bei den Hansetagen. Und alle drei sollten zu den Friedensverhandlungen nach Stralsund entsandt werden.«

»Und du vermutest, dass der Tod dieser Männer damit im Zusammenhang steht.«

»So ist es. Molteke, Wackerowe und Karbow wollten zu einem fairen Ausgleich mit den Dänen kommen, und es gibt genügend andere, die genau das nicht wünschen.«

Reinekin wiegte skeptisch den Kopf.

»Es geht um Macht, Reinekin, darum, wer das Sagen hat rund um die Ostsee, und es geht um Geld, sehr viel Geld. Die Holsteiner wollen weiter Krieg und der Mecklenburger auch. Sie wollen sich auf Kosten der Dänen bereichern, und Hamburg, Bremen und die Westfalen haben sich ihnen angeschlossen. Sie treiben Handel mit England, Süddeutschland und bis hinunter nach Italien. Was auf dem baltischen Meer passiert, ist ihnen egal.« Allmählich spürte Balthasar Grevenrode die wärmende Kraft des Feuers und schlüpfte aus seinem Pelzmantel.

»Lübeck hat den größten Teil der Flotte bezahlt. Und dein Wort, Balthasar, das Wort des Lübecker Bürgermeisters, zählt mehr als das des schwedischen Königs.«

»Unsere Schiffe waren wichtig, um den Sieg zu erringen. Aber jetzt, wo die dänische Flotte zerstört ist und Dänemark schutzlos, genügen ein paar Koggen, um zu plündern und zu rauben. Vor der großen Pest im Jahre 1350 hatte ich zehn, manchmal fünfzehn Schiffe, die nur zwischen Lübeck und Dänemark unterwegs waren. Als König Waldemar vor zehn Jahren Gotland eroberte und Visby besetzte – eine Hansestadt«, Balthasar erhob seine Stimme, um seiner Entrüstung Ausdruck zu geben, »da waren wir gerade wieder dabei, uns dem alten Handelsaustausch anzunähern. Das baltische Meer ist für uns so wichtig wie das Mittelmeer für Venedig. Nur wenn wir hier Frieden haben, werden unsere Städte gedeihen.«

»Ich kenne keinen Besseren als dich, um einen guten Frieden auszuhandeln.«

»Ich bin ein alter Mann, und wenn ich stürbe, müsste ein anderer für mich verhandeln. Nach Lage der Dinge wird das Burskup sein, und was das bedeutet, kannst du dir ausmalen. Burskup würde für seinen eigenen Vorteil die Seele seiner Mutter verkaufen.«

»Henning Brödersen ist ein guter Mann oder der junge Rech.«

Eine Pause trat ein, bevor der Bürgermeister das Gespräch wieder aufnahm.

»Sicher hast du Recht«, meinte Balthasar, stand auf, trat näher an das Kaminfeuer und griff zu dem Argument, das er sich bis zuletzt aufgespart hatte und das er nur ungern anführte.

»Es geht auch um dich. Ich will, dass du mich begleitest, weil ich möchte, dass du dich wieder mit etwas anderem beschäftigst als mit unnützen Selbstvorwürfen. Niemandem ist damit gedient, wenn du dich ständig bei den Franziskanern herumtreibst und dich zurückziehst. Johanna ist jetzt seit fast einem Jahr tot. Sie ist gestorben aufgrund des Ratschlusses unseres Herrn. Dich trifft keine Schuld. Nimm deine Arbeit wieder auf. Hilf mir im Rat und versteck dich nicht hinter Klostermauern oder auf der Werft von Swartekop.«

»Und wozu das alles? Genügt es nicht, dass unsere Speicher gefüllt sind? Unser Wohlstand, Balthasar, wird reichen für unsere Kinder und Enkel und für deren Kinder und Enkel, und ich will nicht …«

Balthasar Grevenrode unterbrach seinen Schwiegersohn mit ärgerlichem Tonfall.

»Wir sind Kaufleute. Ohne uns gibt es im ganzen Land keine Fastenspeise, weil wir es sind, die Heringe von Gotland bis nach Köln, Nürnberg und bis nach Italien bringen. Ohne uns gibt es keinen Wein zur Feier des Abendmahls in Schweden und in Dänemark und keine Gewürze in den Speisen.«

»Wir befriedigen vor allem die Wünsche unserer besonders reichen Kunden nach immer neuen Luxuswaren. Je reicher der Kaufmann, umso schärfer sind die Speisen gewürzt. Kein vornehmer Mann läuft mehr ohne Biberkragen, Luchsfell, schönes Eichhörnchenfutter oder Marderbesatz auf Umhang und Mantel herum. In Venedig tragen die Männer bei festlichen Gelegenheiten sogar im Sommer Luchsfell und die Frauen Zobel und Hermelin.«

»Wir bringen Getreide nach Flandern und in die Niederlande, wo nicht genug produziert werden kann, und wir bringen Getreide an die kargen Küsten Norwegens.«

»Und wir häufen dabei ungeheure Reichtümer an.«

»Mit unserem Reichtum stiften wir Kirchen und Klöster und speisen die Armen. Es ist der Platz, an den uns der Herr gestellt hat.«

Balthasar trat hinter Reinekin, der noch immer am Lucht stand, dem großen Fenster zum Hinterhof des Dielenhauses, und den Blickkontakt mit seinem Schwiegervater mied.

»Vielleicht ist es dir egal, was ich denke, aber ich kann dir mit größter Gewissheit versichern, dass Johanna ebenso denken würde. Frag dich, was sie davon halten würde, dass du den größten Teil deiner Zeit mit einem Zimmermann und einem Franziskanermönch verbringst. Komm endlich zu dir, Reinekin!«

»Du übertreibst. Mit dem Prior von St. Katharinen habe ich ein neues Geschäft durchgerechnet, und mit Swartekop werde ich ein Schiff bauen, wie es die Ostsee noch nicht gesehen hat. Und deine Befürchtungen hinsichtlich der Verhandlungen in Stralsund mögen berechtigt sein, aber die Ratsherren von Bremen, Danzig und Wismar werden andere Unterhändler schicken. Das ändert doch nichts am Verlauf der Friedensverhandlungen.«

»An Stelle von Wackerowe wird Sudermann den Rat von Bremen vertreten. Seine Interessen liegen nicht in der Ostsee. Er handelt zwischen Köln und London. Für Molteke wird Sievert Classoen den Rat von Danzig vertreten. Er ist ein Dummkopf, der nur deshalb im Rat sitzt, weil sein Vater seit einem Jahr das Bett hütet. Der Kerl ist strohdumm und unberechenbar. Und für Karbow wird unser alter Freund Ghulsowe teilnehmen, und den kennst du so gut wie ich.«

»Thymme Ghulsowe?«

»Genau der.«

»Habgierig und korrupt.«

»Pietro, du hast noch eine Rechnung mit ihm offen«, sagte Reinekin grinsend.

»Das Schwein hat uns verdorbenen Fisch verkauft, hat oben in die Fässer eine Schicht guten Hering gelegt, und unten drunter war alles verrottet. Der Hund, wenn ich ihn treffe, wird er es bereuen.« Pietro schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Und du wirst am Pranger landen. In Wismar darfst du dich ohnehin nicht mehr blicken lassen, seit du dem ehrenwerten Ratsherrn zwei Zähne ausgeschlagen hast.«

»Wenn er mir noch mal begegnet, wird er den Rest seines Gebisses auch noch verlieren.«

»Sehr unklug, lieber Pietro. Du hast den Prozess verloren. Wenn du Ware kaufst, musst du dich über deren Zustand vergewissern. Es war dein Pech, dass ihr Italiener keine Ahnung habt, wie Hering riechen muss«, sagte Balthasar Grevenrode.

»Allerdings. Hering stinkt. Verrottet oder nicht. Er stinkt.« Reinekin schaltete sich grinsend ein: »Wir haben alle Lehrgeld bezahlt. Heute wissen wir, wer von wem kaufen kann. Aber eins ist sicher: Ein Mann, der kein ehrenwerter Kaufmann ist, wird auch kein ehrenwerter Unterhändler sein.«

»So ist es. Molteke, Wackerowe und Karbow sind tot, und an ihrer Stelle haben wir es in Stralsund mit Classoen, Sudermann und Ghulsowe zu tun.«

»Wer steckt dahinter? Die Mecklenburger?«

»Oder die Holsteiner, vielleicht die Schweden, selbst den Jütländern ist das zuzutrauen, und es gibt genügend Städte, die kein Interesse am Handel mit den Dänen haben, Städte, die es gerne sehen würden, wenn Lübeck unter den Einfluss der holsteinischen Grafen geraten würde. Es gibt Fürsten und Landesherren, die den Dänen am Boden halten wollen, um sich selbst ein Teil des dänischen Reiches einverleiben zu können. Es dürfte unmöglich sein herauszufinden, wer dahinter steckt.«

»Was willst du tun?«

»Ich werde morgen Boten nach Danzig, Bremen und Wismar senden und versuchen, den Gang der Dinge zu beeinflussen. Und ich möchte dich bitten, dass du mich nach Stralsund begleitest, zusammen mit Pietro. Ich weiß, dass du nicht willst, aber du solltest es dir durch den Kopf gehen lassen. Ich brauche jemand, dem ich vertrauen kann. Und ich brauche vielleicht auch einen, der das Schwert zu führen weiß.« Balthasar schaute die beiden Männer an.

Reinekin Kelmer senkte den Blick. Er schwieg und zögerte, bis er schließlich sagte: »Morgen ist es ein Jahr, dass ich meiner Frau bei Gott versprochen habe, dass ich mich um die Kinder kümmern werde und dass ihr Wohl alles ist, wonach ich trachte.«

Balthasar Grevenrode hatte sich erhoben. »Du hast deinen Schwur gehalten. Die Kinder sind tadellos versorgt. Sie lieben dich und haben alles gut verkraftet. Jetzt sind wir vielleicht an einem Punkt angelangt, wo du wieder über den Horizont der Familie hinausschauen musst. Ich brauche dich. Lübeck braucht dich.«

Balthasar Grevenrode hatte seinen Mantel ergriffen.

»Un momento. Ich verstehe von Eurer Politik nicht viel, aber eins solltet Ihr umgehend veranlassen. Die Wachen an den Stadttoren würde ich verdoppeln und jeden Fremden, der in die Stadt will, kontrollieren. Und an Eurer Stelle, Bürgermeister, würde ich keinen Schritt mehr ohne Leibwache tun.«

KAPITEL 3

Der Mann, der sich Albert Puster nannte, hatte die Nacht in einem Gasthaus an der Handelsstraße von Lüneburg nach Lübeck verbracht – etwa einen halben Tagesmarsch vor den Toren der Stadt an der Trave. Er ließ sich Zeit mit dem Frühstück, bestellte eine zweite Pfanne mit Eiern und Speck und genoss das Gefühl des schweren Geldbeutels, der in seiner Gürteltasche hing und der bald noch schwerer werden würde. Er war ein wohlhabender Mann, und er war ein freier Mann. Albert Puster sah einer strahlenden Zukunft entgegen. Sein Vater hatte ihn geschlagen, gequält, eingesperrt und schließlich aus dem Haus geprügelt. Er hatte in der Gosse gelebt, gehungert und sich vor hohen Herren verneigt. Erst mit dem Krieg gegen die Dänen hatte sich das geändert. In Rostock suchte man damals Armbrustschützen, um eine Kogge zu bemannen. Sie lachten ihn aus, als er sich bewarb, weil er zu klein und zu schwach sei. Darauf hatte er sich zum Beweis seiner Fähigkeiten eine Armbrust von dem Hauptmann erbeten und auf einen Weinkrug gedeutet, der gut 150 Meter weiter vor einem Gasthaus stand. Der Bolzen zerschmetterte den Weinkrug, und Albert Puster führte fortan das Leben eines gut bezahlten Söldners. 1362 hatten sie vor Kopenhagen die Dänen schon fast besiegt, als dieser Idiot von Bürgermeister, Johan Wittenborg, die Hälfte der Flotte nach Helsingborg abzog. Zwölf Koggen eroberten die Dänen damals, und Albert Puster fiel mit einer dieser Koggen in die Hände der Dänen. 1362 war kein gutes Jahr für ihn gewesen, und zu den zahlreichen Narben auf seinem Körper, die er dem Alten verdankte, waren neue hinzugekommen. Aber es war wieder die Armbrust gewesen, die ihn rettete.

»Auf 150 Meter den Weinkrug«, hatte er mit dem Kerkermeister gewettet – und gewonnen. Danach arbeitete er zwei Jahre für die Dänen. Eine schöne Zeit: Raubzüge auf Gotland, Überfälle auf Hansekoggen und Plünderungen, bis dieser Hauptmann gekommen war – Henning von Putbus –, weil er in Schonen eine Frau erschossen hatte. Eine Frau! Henning ließ ihn auspeitschen, bis das Fleisch in Fetzen von seinem Rücken hing. Das lag jetzt sechs Jahre zurück, und seitdem hatte er seine Armbrust eingesetzt, wo immer man ihn dafür bezahlte, und er erledigte seine Aufträge mit der Präzision eines unterschätzten, kleinen, gewissenhaften Mannes.

Er befestigte seinen Reisesack, in dem sich die Armbrust befand, am Pferdesattel und schwang sich geschmeidig auf die Stute. Der Wirt stand in der Tür, nickte ihm freundlich lächelnd zu, drehte sich um und ging in die Wirtsstube.

»Ist die Ratte endlich weg?«, flüsterte seine Frau.

»Ja, Richtung Lübeck.«

»Gott sei Dank!«

»Er hatte Geld.«

»Das hat er gestohlen. Hast du die kalten Augen gesehen, die Narben, dieses überhebliche Grinsen und wie er mich von oben herab behandelt hat, als sei er ein Herr?«

»Hier, nimm und scher dich nicht mehr drum.« Der Wirt warf ihr zwei Pfennige zu – das Doppelte dessen, was »die Ratte« eigentlich hätte bezahlen müssen.

Zwei Stunden vor Lübeck hatte Albert Puster eine Gruppe von Fuhrwerken eingeholt.

»Gott sei mit Euch, Kutscher. Salz nach Lübeck?«

»Gott mit Euch. So ist es, und Ihr?«

»Nach Lübeck. Geschäfte.«

Zehn Minuten später hatte Albert Puster sein Pferd an das Fuhrwerk gebunden und saß neben dem Kutscher, den sie Langheinrich nannten, auf dem Bock. Es war unauffälliger, die Lübecker Tore in Begleitung einer Lüneburger Salzlieferung zu passieren. Kein Mensch würde sich an ihn erinnern. Viel schwieriger dürfte es werden, die Stadt wieder zu verlassen, nachdem er den Bürgermeister getötet hatte.

Nachmittags um vier erreichten sie das äußere Mühlentor, das südliche der drei Lübecker Stadttore. Die Fuhrwerke holperten über die Travebrücke, passierten das innere Mühlentor und wurden von einem Wachmann gestoppt. Albert Puster war nervös. Wusste man von seinem Vorhaben?

»Kutscher, hier herüber zum Wiegen«, rief der Wachmann.

»Ja, ja, Soldat, ich kenne mich aus, komme jedes Jahr fünfmal nach Lübeck, und das schon seit einer Zeit, in der du noch in die Hosen geschissen hast.« Die Fuhrleute lachten über Langheinrichs Scherz, und der junge Wachmann verschwand mit rotem Kopf in der Wachstube.

Als der letzte Wagen das Tor passiert hatte, erschien eine Gruppe von vier Wachmännern unter dem Kommando eines blonden Hauptmanns, der sich bei seinen Kollegen in der Wachstube meldete, die ihn fragend anschauten.

»Die Ablösung kommt zwei Stunden früher als erwartet, Kameraden«, witzelte einer der Männer, die sich mit Würfeln die Zeit vertrieben.

»Die Wachen werden verdoppelt. Anordnung des Bürgermeisters. Jeder, der die Stadt betritt, soll durchsucht und befragt werden. Jeden Verdächtigen sollen wir festhalten und dem Hauptmann vorführen.«

»Scheiße.«

»Verdammte Scheiße.«

»Und warum?«

»Sie befürchten einen Mordanschlag auf den Bürgermeister.«

»Wonach suchen wir denn?«

»Nach einer Nadel im Heuhaufen.«

Einer der Spieler schob den Würfelbecher beiseite. »Na dann ans Werk. In einer guten Stunde schließen wir das Tor, und bis dahin bringt ihr mir diesen Satan bei.«

Die Männer lachten und zogen ihre Mäntel an.

»Alsdann, habt Dank für den gemütlichen Ritt und macht Euch einen schönen Abend.« Albert Puster legte eine Münze auf den Kutschbock. Der Kutscher setzte ein strahlendes Lächeln auf, als er das Geldstück sah. Die Lüneburger hatten vor dem Zollhaus gehalten. Albert Puster nahm sein Pferd an die Zügel und ging in Richtung Hafen davon.

»Wer war das?«, wollte einer der Zöllner von Langheinrich wissen.

»Er arbeitet für einen Nürnberger Kaufmann und will Hering kaufen, und er hat mir ein Loch in den Bauch gefragt, wollte alles über Lübeck wissen und über Euren Bürgermeister. Dabei hat er hier eine Schwester, die mit einem Paternostermacher verheiratet ist.«

»Die Paternostermacher wohnen aber da drüben.« Der Knecht deutete in die entgegengesetzte Richtung, in die Albert Puster verschwunden war.

»Genug geschwätzt. Bringen wir das Salz auf den Hof, und danach gehen wir einen saufen.«

Albert Puster führte unterdessen sein Pferd an der Stadtmauer entlang zum Hafenviertel. Hier hatte er vor acht Jahren schon einmal übernachtet, bevor es gegen die Dänen ging. Heute besaß er genügend Geld, um sich in jedem Wirtshaus einzuquartieren, selbst in der »Ratsschenke«, aber das wäre zu auffällig gewesen. Die Stute gab er in einem Mietstall ab und bat den Pferdeknecht, nach einem geeigneten Käufer für das Tier Ausschau zu halten. Dann machte er sich auf die Suche nach dem Haus der jungen Hure, bei der er vor sechs Jahren gewohnt hatte.

Nur wenige Gassen des Hafenviertels waren gepflastert. Die meisten waren schlammige Wege, auf denen die Menschen ständig auf der Suche nach einem Pfad zwischen den zahlreichen Pfützen und dem Kot von Pferden, Ochsen, Schweinen und anderem Viehzeug waren. Die Häuser, die sich hier aneinander reihten, waren kaum mehr als Bretterbuden. Es stank nach Urin und Fisch und nach nahezu allen anderen Gerüchen, die von Verrottung und Verwesung ausgehen. Zwei Schweine trotteten langsam über die Straße. Albert Puster klopfte an die Tür einer windschiefen Holzhütte. Eine Frau mittleren Alters mit einem Kleinkind auf dem Arm öffnete. Fast hätte er sie nicht wieder erkannt. Ihre Reaktion zeigte ihm aber, dass sie es sein musste. Die Frau erschrak, als sie den Mann mit den Narben sah, und wollte die Tür sofort wieder schließen. Albert Puster hatte inzwischen eine Silbermünze aus seiner Tasche gezogen, die er mit dem Geschick eines Spielers über die Fingerrücken laufen ließ. Die Frau hielt inne, ein Grinsen offenbarte die Tatsache, dass sie schon die Hälfte ihrer Zähne eingebüßt hatte. Sie öffnete die Tür, und Albert Puster betrat einen niedrigen dunklen Raum, in dem es nach dem Rauch eines Herdfeuers roch.

KAPITEL 4

»Papa, du musst nicht traurig sein. Mama ist doch im Himmel. Stimmt doch, oder?« Geseke schaute erst ihren Vater an, dann Onkel Pietro, Bruder Benedikt und schließlich ihren Großvater.

Reinekin musste seinen Schmerz hinunterschlucken, und Tränen traten ihm in die Augen.

»Aber freilich ist deine Mama im Himmel. Sie ist bei Gott, den Heiligen und den Engeln, und sie schaut auf dich herab und freut sich über dich«, sagte der Franziskaner.

»Und sie freut sich noch mehr, wenn du endlich ins Bett gehst. Jan und Johanna schlafen schon längst«, ergänzte Balthasar Grevenrode.

»Ich bleibe bei Papa.« Die Siebenjährige kuschelte auf dem Schoß von Reinekin und schlang die Arme um seinen Nacken.

»Komm, ich bringe dich ins Bett.«

»Aber nur wenn ich bei dir schlafen darf.«

»Du kannst ausnahmsweise in Mamas Bett schlafen, aber ich muss noch mit Opa und Pater Benedikt reden. Komm, geh ins Bett.«

»Nur wenn du mich hochbringst.«

»Na gut.«

Einem Kuss für Balthasar Grevenrode und einem weiteren für Pietro folgte eine Verbeugung vor dem Prior von St. Katharinen, und dann ließ sich Geseke von ihrem Vater aus dem Zimmer tragen.

»Sie sieht aus wie ihre Mutter«, sagte der Franziskaner.

»Und sie feilscht wie ihre Mutter«, fügte der Bürgermeister stolz hinzu.

»Gibt es etwas Neues von den Wachen?«, wollte Pietro wissen.

»Nein, aber ich habe Boten geschickt nach Stralsund, um Wulflam zu warnen, und nach Bremen, Danzig und Wismar, weil ich wissen will, ob sie etwas über die Todesumstände unserer Freunde herausbekommen haben.«

»Und Eure eigene Sicherheit?«

»Keine Sorge, ich tue keinen Schritt mehr, ohne dass mich die Wache begleitet.«

»Wie viele Wachen habt Ihr?«

»Vier.«

»Das ist zu wenig. Wenn ein guter Schütze mit der Armbrust auf Euch lauert, dann ist das zu wenig. Nehmt sechs große Kerle und lasst sie dicht bei Euch.«

»Ich mache mir mehr Sorgen um Reinekin als um mich.«

»Es war ein schwerer Tag für ihn«, sagte der Pater. »Aber es wird wieder werden. Das Trauerjahr ist jetzt vorbei. Verzeiht, Balthasar, aber Euer Schwiegersohn sollte wieder heiraten.« Balthasar Grevenrode schwieg.

»Auch wegen der Kinder«, ergänzte der Mönch.

»Es schmerzt, aber ich werde ihm keine Steine in den Weg legen«, sagte der Bürgermeister leise.

»Wie steht es um seine Geschäfte?«, fragte der Pater.

»Es läuft mehr schlecht als recht. Den Wein kriegen wir dieses Jahr nur, weil Niccolò die Lieferung losgeschickt hat, obwohl keine Bestellung vorlag. Reinekin hatte es einfach vergessen«, sagte Pietro.

»Und das Haus ist ständig von Bittstellern umlagert. Ich habe gehört, dass er sogar Swartekop Geld gegeben hat«, ergänzte Balthasar Grevenrode.

»Verehrter Bürgermeister, Mildtätigkeit ist keine Sünde.«

»Fünfzig Mark für einen bankrotten Zimmermann«, empörte sich Balthasar Grevenrode.

»Swartekop ist kein einfacher Zimmermann. Er baut die besten Schiffe an der Ostsee. Gut, ich habe von Schiffen keine Ahnung, aber Reinekin ist überzeugt davon«, versuchte Pietro seinem Freund zur Hilfe zu kommen.

»Swartekop war einmal ein guter Zimmermann, bevor er angefangen hat zu saufen. Und dann hat er Reinekin den Floh mit diesem riesigen Frachtschiff ins Ohr gesetzt. Dabei weiß jeder, dass es natürliche Grenzen für ein Schiff gibt. Das Schiff, das Reinekin mit Swartekop bauen will, ist jedenfalls viel zu groß und zu instabil für unser Meer, und deshalb wird es im ersten Sturm untergehen. Es geht nichts über unsere Koggen.«

»Ich verstehe davon nichts. Mir ist schon zum Kotzen, wenn ich ein Schiff nur sehe, aber im Mittelmeer haben wir diese großen Schiffe auch. Die Kraweelen haben drei Masten, sind schneller als Koggen, und ihr Laderaum ist mehr als doppelt so groß. Reinekin sagt, Swartekops Idee ähnele den Kraweelen und sei genial.«

»Herausgeworfenes Geld ist das. Und Schlechtriemen hat er die Parte eines Schiffes erstattet, das vor Gotland gekapert wurde.«

»Das stimmt so nicht.« Jetzt schaltete sich der Pater ein. »Wir haben lange darüber gesprochen. Schlechtriemen erhält Geld aus einer, äh, wie nennt Reinekin es?«

»Versicherung«, warf Pietro ein.

»Versicherung, genau. Man zahlt einen regelmäßigen kleinen Betrag ein, und wenn etwas passiert, erstattet Reinekin das Geld für den gesamten Schaden.«

»So einen Unsinn habe ich noch nie gehört.«

»Wir haben es im Kloster durchgerechnet. Wenn zwanzig Kaufleute mitmachen, kann jedes Jahr der Verlust einer Parte ersetzt werden.«

»Und wer macht bei solch einem Mist mit?«

»Bislang nur Schlechtriemen, aber vielleicht wird die Idee sich ausbreiten«, sagte Pietro, obwohl er selbst nicht daran glaubte.

»Hätte er Renten gekauft, Parten oder Grund, dann …«

»Na, zerreißt Ihr Euch das Maul über die Versicherung?« Reinekin setzte sich zu seinen Gästen. »Heute haben Möhlmann und Sackse gezeichnet.«

»Und wenn die eine Parte verlieren, musst du sie auch bezahlen?« Balthasar schaute seinen Schwiegersohn skeptisch an.

»Genau das werde ich tun. Und spätestens dann werden alle, die noch Zweifel haben, mitmachen und einzahlen.«

»Ein Kaufmann muss sein Risiko selbst tragen«, sagte der Bürgermeister mit Überzeugung.

»Du kannst das, Balthasar, und ich und vielleicht noch zehn andere in Lübeck. Aber was ist mit Leuten wie Schlechtriemen, die nur zwei Parten besitzen? In zwei, drei Jahren wird in Lübeck niemand mehr in ein Armenhaus gehen müssen, weil Piraten oder ein Sturm sein Schiff genommen haben.«

Der Nachtwächter rief bereits die elfte Stunde aus, als Reinekins Gäste sich verabschiedeten. Balthasar Grevenrode ging, umringt von seiner Wache, vom Kohlmarkt durch die Breite Straße zum Koberg, wo sich gegenüber dem Heilig-Geist-Hospital eine Reihe mit prächtigen Giebelhäusern befand. Wer hier wohnte, gehörte zu den alten Kaufmannsgeschlechtern Lübecks. Es war ein schwerer Tag für Balthasar Grevenrode gewesen: der Kirchgang zum Gedenken an seine Tochter Johanna, die heute vor einem Jahr bei der Geburt ihres dritten Kindes gestorben war, der zerstörte Reinekin, die weinenden Enkelkinder, die Verantwortung für die Familie und die Stadt, und bei all dem blieb kaum Zeit für die eigenen Gefühle. Es war gut, dass es begonnen hatte zu regnen, denn so konnte die Wache die Tränen des alten Mannes nicht sehen.

KAPITEL 5

Langheinrich und seine Kutscherkollegen waren dabei, das Trinkgeld des Fremden auf den Kopf zu hauen. Bei den ersten zeigte das Lübecker Starkbier bereits seine Wirkung, und Langheinrich bestellte die nächste Runde in der Schenke »Hinter dem Burgtor«, und für den großen blonden Wachmann, der die Schenke betrat, bestellte er gleich mit.

»Und einen Humpen für den fleißigen Torwächter. Während wir Fuhrleute uns über matschige Straßen quälen dürfen, müssen die Torwächter in der warmen Stube sitzen und würfeln.«

Die Fuhrleute lachten.

»Schön wär’s. Vor lauter Wachdienst weiß ich bald nicht mehr, wie meine Braut aussieht. Seit heute schieben wir wieder Doppelschichten.«

»Was ist passiert?«

»Wir suchen einen Mann, der den Bürgermeister umbringen will.«

»Wer soll das sein?«

»Wissen wir nicht.«

»Wie sieht er aus?«

»Wissen wir nicht.«

»Na, dann Prost.« Der Fuhrmann hob seinen Humpen. »Auf dass ihr seiner bald habhaft werdet.«

Langheinrich trank und dachte für einen kurzen Moment an den auffälligen Wegbegleiter mit dem Narbengesicht, der sich nach dem Bürgermeister erkundigt hatte und dann in die entgegengesetzte Richtung gegangen war, in der seine Schwester angeblich lebte. Der Mann war ihm nicht sympathisch gewesen, und seine Geschichte hatte wenig überzeugend geklungen: Heringe für einen Nürnberger Kaufmann abholen. Wie einer, der Lesen, Schreiben und Rechnen konnte, hatte der Mann jedenfalls nicht ausgesehen. Langheinrich verwarf den Gedanken, dem Wachmann von dem Wegbegleiter zu berichten, zunächst, aber als die nächsten Biere getrunken waren, lockerte sich seine Zunge, und er erzählte seine Geschichte dem Torwächter.

KAPITEL 6

Albert Puster hatte einen dreckigen, zerrissenen alten Mantel angezogen und sich auf die Stufen der Marienkirche gesetzt. Es war die mächtigste Kathedrale, die er je gesehen hatte. Die gewaltigen Doppeltürme ragten über hundert Meter hoch in den Himmel. Albert Puster hasste Kirchen – nicht nur weil er sich in den riesigen Hallen noch kleiner fühlte, als er ohnehin schon war. Es war vor allem der Gedanke an das Fegefeuer, der ihn erschaudern ließ, wann immer er ein Gotteshaus betrat. Aber auch das Fegefeuer konnte nicht schlimmer sein als seine Kindheit im Hause seines Vaters, und der Teufel trug vielleicht das Antlitz des Bremer Burgmanns.

Neben ihm saßen ein beinloser Krüppel auf einer Strohmatte, der unablässig Psalmen rezitierte, und ein Blinder, der schweigend die rechte Hand ausstreckte. Als der Krüppel zum Gott weiß wie vielten Mal mit ›Der Herr ist mein Hirte. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser …‹ begann, erwog Albert Puster, dem Mann auf der Stelle ein Messer zwischen die Rippen zu rammen. Alberts Vater hatte immer Psalmen gebetet, wenn er seinem Sohn das Fell gerbte. Alberts ältere Brüder Vicko und Dierk hatten vor dem Essen Psalmen gebetet – zum Wohlgefallen des Alten. Und jetzt dieser Krüppel. Albert Puster spürte das Messer in seiner Manteltasche. Er sah seinen Vater vor sich, wie er die Gerte nahm, und es gab kein Entkommen. Er hörte sich flehen und schreien, und er würde nie vergessen, welche Explosion von Schmerzen der erste Schlag hinterließ. Und wenn der Alte nicht mehr konnte, gab er die Gerte an den ältesten Sohn weiter. Vicko hatte die Aufgabe mit Freude übernommen und ihn gequält, wann immer es möglich war. Auch mit ihm hatte er noch eine Rechnung offen.

»… er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde …«, rezitierte der Krüppel, und Albert Puster schwor sich, dass der Nächste auf seiner Liste, wenn die Arbeit hier erledigt wäre, der Bremer Burgmann sein würde.

Die Rathaustür öffnete sich, und die Garde des Bürgermeisters erschien: Sechs Männer traten aus dem Rathaus, schauten sich um und bildeten einen Halbkreis. Dann erschien der Bürgermeister und trat in den Halbkreis, der sich sodann zu einem engen Kreis um ihn herum schloss. Die Gruppe setzte sich in Bewegung und marschierte ohne Umweg zu Grevenrodes An wesen davon. Albert Puster stand auf, nahm die Krücken, die er einem Krüppel vor St. Aegidien gestohlen hatte, und folgte der Eskorte. Der Bürgermeister wurde zu seinem Haus begleitet. Zwei Männer der Eskorte gingen mit ihm hinein. Die anderen kehrten um. Das ging jetzt schon seit Tagen so. Als ob der alte Pfeffersack ahnen würde, dass es jemand auf ihn abgesehen hatte. So war ihm jedenfalls nicht beizukommen, es sei denn vom Speicher oder Dach eines der angrenzenden Häuser, aber es wäre verdammt schwer dorthin, und vor allem schnell genug wieder wegzukommen. Wie einfach war es dagegen vor zwei Monaten in Wismar gewesen. Morgen war Sonntag, und es blieb abzuwarten, ob Balthasar Grevenrode seine Recken auch beim Kirchgang um sich scharen würde. Albert Puster nahm die Krücken unter seinen Mantel und verschwand flinken Schrittes in Richtung seiner Unterkunft am Hafen. Die Holzhütte bestand aus einem einzigen Raum, in dem ein Herdfeuer für beißenden Gestank sorgte. Auf dem blanken Lehmboden lag eine Strohmatte, und ein Kleinkind krabbelte zwischen Geschirr und Unrat herum. Über dem Feuer hing ein Kessel mit einer dünnen Brühe. Es roch nach Fisch. Albert Puster warf die Krücken in eine Ecke des dunklen Raumes, zog den stinkenden Mantel aus und legte sich auf die Strohmatte.

»Komm!«, sagte er zu der Frau.

Am nächsten Morgen wählte Albert Puster unter den vielen Verkleidungen, in die er zu schlüpfen vermochte, den Sonntagsstaat eines Kaufmannsgesellen und machte sich auf den Weg zur Kirche. Obwohl er eine halbe Stunde vor Beginn der Messe in der Kirche war, fand er die Bänke der Kaufmannsgesellen schon besetzt und stellte sich in einen hinteren Teil des Gotteshauses. St. Marien füllte sich langsam. Wer hier zur Kirche ging, gehörte zu einer der vielen Lübecker Kaufmannsfamilien. Nach den Gesellen erschienen die kleinen Kaufleute und dann die Reichen der Stadt. Zum Schluss betrat der Bürgermeister mit seiner Sippschaft, zwei Kindern und einem großen Mann, dem eine Amme mit einem Kleinkind folgte, die Kirche. An der Seite des großen Mannes ging ein Schwarzhaariger mit langen Locken und südländischen Gesichtszügen. Als sie sich gesetzt hatten, öffnete sich die Sakristei, und der Priester betrat den Altarraum. Albert Puster kannte die Formeln und Gebete, die in den nächsten zwei Stunden gesprochen werden würden, auswendig, aber sie bedeuteten ihm nichts. Das Einzige, was sie wachriefen, war die Erinnerung an Schmerzen und Demütigung.

Mit dem Segen des Priesters verließen die Gläubigen das Gotteshaus in der umgekehrten Reihenfolge, in der sie erschienen waren. Die Gesellen verschwanden durch die Seiteneingänge und strebten den nächsten Gasthäusern zu. Albert Puster hatte mit ihnen die Kirche verlassen und stellte sich an die Ecke der Fischstraße. Der Bürgermeister betrat den kleinen Platz vor der Kirche. Einige Kaufleute standen bei ihm. An den Mann war nicht heranzuommen. Er hielt sich ausschließlich zwischen Rathaus, Koberg und St. Marien auf. Nur ein einziges Mal war er in die andere Richtung gegangen und in einem Haus am Kohlmarkt verschwunden. Albert Puster ging über den Marktplatz, der sonntags jede Geschäftigkeit vermissen ließ. Er schaute sich um, und plötzlich wusste er, wie er zum Schuss kommen würde.

Es war ein gewagtes Unterfangen. Am Marktplatz, gegenüber dem Rathaus, war das Haus eines Goldschmieds mit einem Gerüst versehen worden, das anscheinend zu Dacharbeiten dienen sollte. Er schätzte die Entfernung zwischen Dachgeschoss und dem Eingang des Rathauses auf ungefähr 160 Meter. Für einen guten Schützen war das machbar, und Albert Puster war ein Meisterschütze.

Noch am gleichen Abend kehrte er im Schutz der Dunkelheit auf den Marktplatz zurück. Eine Leiter führte an der Ostseite des Gerüstes hinauf zu einem ersten Podest. Albert Puster sah sich um. Aus einem der Wirtshäuser drang Lärm, doch der Marktplatz lag einsam und dunkel vor ihm im Nieselregen. Er erklomm die Leiter und lief das Gerüst ab, das zu seiner Freude bis an die rückwärtige Seite des Eckhauses reichte. Hier war ein Flaschenzug angebracht, mit dem die Ziegel auf das Dach befördert wurden. Er ging zurück zur Marktfront. Das Gerüst war feucht, und die Bohlen und Äste, auf denen er sich bewegte, waren glitschig. Vom äußersten Ende des Gerüsts konnte er den Marktplatz überblicken. Hier oben am Rande des Daches war die beste Position. Von diesem Schuss würden die Lübecker noch in hundert Jahren reden.

Der Bürgermeister hatte einen geregelten Tagesablauf. Um sieben Uhr morgens verließ er sein Haus am Koberg, ging, umringt von seinen Wachen, die Breite Straße hinunter bis zum Rathaus, das er pünktlich zum Mittag wieder verließ, um zum Koberg zurückzulaufen. Am Nachmittag trat er den gleichen Weg erneut an, blieb dann aber nur zwei Stunden in den Amtsräumen, bevor er den Heimweg antrat. Zu dieser Stunde wurden die letzten Marktbuden abgeräumt, die Goldschmiede in den Lauben des Rathauses hatten ihre Geschäfte dann bereits geschlossen und die Dachdecker ihre Arbeit am Haus eines Goldschmiedemeisters eingestellt. Albert Puster hatte das drei Tage lang beobachtet. Am Donnerstagabend wartete er im Dunkel des Gerüsts. Es war lausig kalt für einen Tag in der zweiten Märzhälfte, und der Regen wollte kein Ende nehmen. Albert Puster schaute die Straße hinauf und hinunter. Niemand trieb sich bei diesem Wetter und zu dieser Stunde noch ohne triftigen Grund auf den Gassen herum. Er erklomm das Gerüst, schlich über glitschige Bohlen bis zur Marktfront und holte die Armbrust aus seinem Hanfsack. Er trat in den Spannbügel und zog die Sehne des Bogens zurück, arretierte sie in der Nuss, schob einen Bolzen ein und legte sich bäuchlings auf die feuchten Gerüstbohlen. Er peilte über seine Waffe auf die Tür des Rathauses. Die Sicht wurde durch den Regen und die Dunkelheit beeinträchtigt. Es war kalt, doch die Kälte machte Albert Puster nichts aus. Sie brachte ihm eine Menge Geld ein. Früher hatte er für nichts gefroren. Das Einzige, was ihm Sorgen machte, war dieses merkwürdige Verschwimmen der Konturen, wenn er Ziele in größerer Entfernung anpeilte. Er hatte es schon einige Male beobachtet, aber den Gedanken daran immer wieder verdrängt. Jetzt fiel es ihm erneut auf. Seine Augen waren schwächer geworden. Albert Puster hatte keine Zeit mehr, um darüber nachzudenken. Die Rathaustür öffnete sich, und die Wachen traten heraus, formten einen Halbkreis, und dann trat der Bürgermeister durch die Tür. Albert Puster atmete aus, drückte den Abzug der Armbrust und gab dadurch den Bolzen frei. Der Bürgermeister fiel. Eine Wache schrie, aber da war Albert Puster schon auf den Beinen, streifte den ledernen Riemen der Armbrust über seinen Kopf und lief zu dem Flaschenzug. An dem dicken Hanfseil glitt er nach unten. Er spürte das Pflaster unter seinen Sohlen, rannte hinunter zur Schüsselbudengasse und verschwand in einem der Gänge, die hier die Hinterhöfe miteinander verbanden.

Albert Puster wusste, dass er entkommen war. Er hatte sich den Fluchtweg genau überlegt, war ihn mehrfach abgelaufen, und zudem war er schneller als die Wachen. Zehn Minuten später hatte er seine Waffe versteckt, den zerschlissenen und durchnässten Umhang abgeworfen und eine Spelunke am Hafen betreten. Er bestellte ein Starkbier und einen Schnaps.

»Scheißwetter«, sagte er zu einem Fischer, der ein Dünnbier vor sich stehen hatte.

»Das kann man wohl sagen.«

»Trinkt Ihr einen mit mir?«

Der Fischer hatte ein breites, fast zahnloses Lächeln.

Albert Puster bestellte Starkbier.

»Auf einen guten Fang«, prostete er dem Mann zu.

»Das wird nichts. Seit Tagen können wir nicht auf die Ostsee rausfahren, und auf der Trave fängt man nicht genug.«

»Ich hätte da einen Vorschlag. Komm, setzen wir uns.«

Albert Puster verließ noch in der gleichen Nacht Lübeck an Bord eines Fischerbootes. Er hatte sich Kleider von dem Fischer geborgt und war mit dem Mann hinunter zum Hafen gegangen, wo noch vor Sonnenaufgang die ersten Fischerboote ausliefen. Die Kontrollen der Wachen, die in diesem Abschnitt von der Fischergilde und der Gilde der Bootszimmerleute gestellt wurden, waren oberflächlich. Was sollte man bei diesen armen Kerlen auch suchen? Um fünf Uhr morgens segelte das Boot gemächlich die Trave hinunter und erreichte gegen Mittag den Dassower See, auf dessen Südende der Fischer zuhielt. Dort verlief die Handelsstraße von Lübeck nach Wismar, Rostock und Stralsund. Das Wetter war lausig, aber der Fischer war dennoch guter Dinge, denn die ausgemachte Bezahlung kompensierte die Einkommensausfälle der letzten Wochen um ein Vielfaches. Die Anzahlung hatte er schon seiner Frau gegeben, und er war sicher, dass seine Familie heute zum ersten Mal wieder ein Stück Fleisch essen würde. Mit dem restlichen Geld könnte er neue Netze kaufen und ein neues Segel. Den ganzen Tag über hatte er sich gefragt, warum es diesem Fremden so viel Geld wert war, mit einem Fischerboot hinauszufahren. Er ahnte, dass der kleinwüchsige Mann etwas auf dem Kerbholz haben musste, doch das ging ihn nichts an, und der Fremde war schweigsam. Der Fischer sprang in das flache Wasser und zog das Boot so weit an den Strand, dass sein Passagier trockenen Fußes aussteigen konnte. Albert Puster sprang an Land, kramte in seinem ledernen Geldbeutel und ließ eine Münze zu Boden fallen. Der Fischer bückte sich nach der Münze. Albert Puster zog seinen Dolch und stach mit Wucht zu. Es war ein leichtes Spiel. Der Fischer war sofort tot. Albert Puster wischte den Dolch an den armseligen Kleidern des Toten ab und steckte ihn wieder ein. Die Leiche zog er ins Schilf und bedeckte sie notdürftig mit Schilfgras. Das Boot schob er zurück ins Wasser und ließ es davontreiben. Keiner würde je erfahren, wie er die Stadt verlassen hatte.

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