Kitabı oku: «Gesammelte Werke: Romane, Erzählungen & Aufsätze», sayfa 22
»Sehen möchte ich, sehen!« brachte er atemlos hervor.
Sie machte die Tür nach dem Berghang zu und drehte den Schlüssel im Schloß. Der Widerschein des Herdfeuers glomm, ein Funkenregen fiel durch den Rost in den offnen Aschenkasten.
Ella Corpening öffnete die Tür in das Hinterzimmer. Dort standen zwei schmutzige, verschlafne Betten. Das einzige Fenster im Raum war verriegelt, die verschossenen, grünen Blenden heruntergelassen. Sie steckte eine kleine Lampe an und schraubte den Docht herunter. Auf dem Sims über dem Kamin standen eine nackte Zelluloidpuppe, eine rosa Schleife um die Hüften gebunden, eine gerillte Vase mit goldbronzierten Kunstblumen, vermutlich auf einer Tombola gewonnen, und eine Papierrolle mit Stecknadeln. Neben dem Fenster stand eine schadhafte Kommode, ein fleckiger Spiegel hing darüber. An der Wand hing ein Abreißkalender, gestiftet von der »Altamont Coal & Ice Company«, mit dem Bild eines Indianermädchens, das im Kanu eine mondbeglänzte Wasserstraße im Wald entlang paddelt. Und ein religiöses Spruchbild, walnußgerahmt, mit dem Schnörkelmotto: »Gott liebt sie Beide.«
»Was möchtest Du?« flüsterte sie ihm ins Gesicht.
Aus weiter Ferne hörte er das Gespenst seiner eignen Stimme: »Zieh Dich aus!«
Ihr Rock fiel. Sie zog die Bluse aus. In einem Augenblick stand sie bis auf die Strümpfe nackt vor ihm.
Ihr Atem ging schnell; sie leckte sich mit der dicken Zunge den Mund.
»Tanz!« schrie er. »Tanz!«
Sie begann leise zu stöhnen, ihr gelber Leib fing an zu beben und zu wogen, die Hüften und die schweren, runden Brüste schaukelten in rhythmischen Drehungen und Wendungen.
Ihr glattes, geöltes Haar löste sich und fiel in den Nacken zurück. Sie reckte die Arme aus. Die Lider schlössen sich über den großen, gelben Augäpfeln. Sie kam dicht an ihn heran. Er spürte ihren heißen Atem im Gesicht, das Wogen ihrer glatten Brüste. Wie ein Span wurde er um- und umgewirbelt von dem wilden Sturm ihrer Leidenschaft; wie Fesseln umschlossen ihre großen gelben Hände seine schlanken Arme. Sie schaukelte ihn langsam hin und her, preßte ihn fest an ihren Schoß.
Verzweifelt, in ihrer Umarmung ertrinkend, strebte er zur Tür.
»Laß mich los! Niggerweib! Laß mich los!« keuchte er.
Sie ließ ihn los, ohne die Augen zu öffnen, stöhnend. Sie glitt von ihm zurück, als wäre er ein junger Baum. Sie sang in einem wehklagenden Moll, unendliche Male sich wiederholend: »Jelly Roll! Je-l-ly Roll!« Jedesmal sank ihre Stimme zu einem leisen Stöhnen.
Der Schweiß lief ihr übers Gesicht, über die Kehle, den hochbrüstigen Rumpf. Er tappte blind nach der Tür, rannte durchs Vorderzimmer und fand atemlos seinen Weg an die Luft. Ihr Gesang, ununterbrochen, folgte ihm, als er die morsche Holztreppe hinaufstürzte. Er rannte, er schöpfte erst wieder tief Atem, als er den Marktplatz erreichte. Dann blickte er zurück. Drunten im Tal, drüben auf dem Hügel sah er im Zwielicht flackernd die blakenden Funzeln der Niggertown. Mattes Lachen, üppig-wollüstiger dschungel-wilder Kehllaut, sprudelte aus dem schwärmenden Dunkel. Er hörte verwehendes Saitengeklimper, stampfende Füße von fernher, ganz entfernt vom Wehklagen der Sünder in der Kirche übertönt.
XXIII
Ένεύδευ έξελαύνει όταδυόυς τρείς παρασάγγας
πεντεχαίδεχα έπί τόν Έυφράτην ποταμόν
Er sagte den Leonards nicht, daß er in der Tagesfrühe Zeitungen austrug. Sie würden heftigen Einspruch erheben, das wußte er, und dieser Einspruch würde sich in schlechteren Noten manifestieren, das wußte er auch. Und Margaret würde vielsagend von untergrabner Gesundheit und von zerstörten Zukunftsaussichten sprechen, würde ihm klarmachen, daß er den verlornen Segen des süßen Morgenschlafs nie wieder einbringen könne. Tatsächlich war er nun robuster als je; aber das Bedürfnis nach Schlaf nagte an ihm. Mittags wurde er schwer, im Lauf des Nachmittags lebte er dann wieder auf, und nach acht Uhr abends war er vor lauter Schlaftrunkenheit außerstand, seine Gedanken vor einem Buch zu sammeln.
Er war und blieb ziemlich undiszipliniert. Unter der Obhut der Leonards kam es so weit, daß er mit romantischer Geringschätzung auf alle Disziplin herabsah. Margaret hatte die wunderbare Einsicht großer Menschen in das Wesentliche. Sie sah stets die dominierenden Farben, aber sie erkannte nicht immer die Schattierungen. Sie war eine inspirierte Sentimentalistin. Sie war überzeugt, sie »verstünde sich auf Jungen«, stolz auf ihre Kenntnis des Knabenherzens. Tatsächlich jedoch wußte sie wenig. Die wilden Verwirrungen der Werdejahre, die geschlechtlichen Alpträume der Pubertät, der Kummer, die Angst und die Scham, mit der Knaben über der dunklen Welt ihrer Sehnsucht brüten, … das alles hätte sie tief entsetzt. Sie hatte keine Ahnung davon, daß jeder Junge sich selber wie ein eingesperrtes Ungeheuer vorkommt.
Wissend war sie nicht, aber sie war weise. Sie erkannte unmittelbar die entscheidenden Eigenschaften eines Menschen. Knaben waren ihre Helden, ihre kleinen Götter. Sie glaubte bestimmt, daß einer von ihnen die Welt erlösen würde. Sie sah die Flamme, die in jedem brannte, und sie hütete diese Flamme. Sie versuchte irgendwie, an das dunkle Tappen und Tasten nach Licht und Form, an das stumpfe, verstockte, schamgefesselte Wesen zu rühren. Sie sprach ein beruhigendes Wort zu dem aufgeregten Rennpferd, und es zitterte nicht mehr.
So kam es, daß Eugen nichts eingestand, sich nicht aussprach. Er blieb im Druck des Kerkers, hinter den Gitterstangen aus Furcht und Scham. Aber er wandte sich stets zu Margaret; sie war sein Licht. Sie sah das unheilige Feuer, dessen Flammen auf seinen Mienen zuckten, sie ernannte den Hunger und die Qual – und sie fütterte den Hungernden – majestätisches Verbrechen! – mit Dichtung.
Alles, was sie voreinander verschlossen, was ihnen die Zungen schnürte, war entbunden und schwang im. Symbol tönender Verse. Hier war Margaret ganz den guten Geistern überantwortet. Sie konnte eine große, verlorne, von den Flammen beleckte Seele ins Reich der Dichtung einlassen, sie hatte das Zeus; dazu. Der Wein der Traube hatte ihre Lippen nie berührt, der Wein der Dichtung aber war ihr ins Blut gemischt.
Eugen kannte die gesamte höhere Lyrik der englischen Sprache bereits, als er noch nicht fünfzehn war. Er besaß diese Gedichte in ihrem lebendigen Kern, kannte nicht eine Handvoll schöner Verse, sondern das Ganze, Zeile für Zeile. Er litt einen trunknen, unersättlichen Durst. Er vergrößerte seinen Schatz noch um ganze Szenen aus Schillers Teil, den er für sich auf Deutsch las, um einige Gedichte Heines und mehrere Volkslieder. Er lernte die ganze Stelle aus der Anabasis auswendig, das anschwellende, aufsteigende, triumphale Griechisch, das den Augenblick berichtet, in dem die darbenden Übriggebliebnen des Heers der Zehntausend schließlich ans Meer kommen und, es beim Namen nennend, den großen Schrei ausstoßen. Außerdem lernte er, um des Klanges willen, ein paar von Ciceros sonoren Dummheiten und ein paar Stellen, zäh und bündig, aus dem Cäsar.
Die süßen Lieder von Robert Burns kannte er aus Vertonungen oder von Gants Rezitationen. Aber den »Tarn O'Shanter« hörte er zum erstenmal von Margaret; ihre Augen lachten leuchtend, als sie las:
»In der Höll' wirst Du wie ein Hering gebraten.«
Die kleinen Wordsworth-Gedichte hatte er schon auf der Volksschule gelesen; »Mein Herz schwingt auf …«, »Ich wandert' einsam wie die Wolk' …« und »Sieh an, sie steht im Feld allein …« kannte er seit Jahren. Nun las ihm Margaret die Sonette. Sie ließ ihn »Die Welt gilt viel zu viel vor uns« auswendig lernen. Ihre Stimme bebte und wurde leis vor Leidenschaft, als sie es las.
Er kannte alle die Lieder aus Shakespeares Schauspielen. Die beiden, die ihn am meisten bewegten, waren: »O Herrin mein, wo fährst Du um …« aus »Was Ihr wollt« »und das große Lied aus »CymbeIin«: »Bang nicht mehr vor der Sonne Glühn …«. Er hatte sich an die Sonette gewagt, den Versuch aber aufgegeben, weil sie in ihrer sprachlichen Dichte zu schwer für ihn waren. Er hatte ungefähr die Hälfte gelesen und ein paar davon, die ihn beim Lesen unmittelbar entzündet hatten, behalten.
Er kannte: »Wenn in der Chronik der verwehten Jahre …«, »Mir, schöner Freund, kannst Du nie alt erscheinen …«, »Wenn zur Gesellschaft süßem, stillem Denken …«, »Soll ich Dich einem Sommertag vergleichen …« … und das größte von allen, auf das ihn Margaret aufmerksam machte: »Nimm jene Zeit des Jahres an mir wahr …«, das ihm bei der Stelle: »ein Kreuzgang, kahl, wo süße Vögel sangen …« so ergriff, daß er es kaum zu Ende lesen konnte. Außer »Timon«, »Titus Andronikus«, »Perikles«, »Coriolan« und »King John« las er alle die Schauspiele, aber das einzige, was ihn von Anfang bis zu Ende fesselte, war »König Lear«. Mit den berühmten großen Passagen war er schon seit Jahren durch Gants Deklamationen vertraut; sie langweilten ihn nun. Und all das wortreiche Gewäsch der Narren, über das Margaret pflichtschuldigst lachte, und das sie für Beispiele von Shakespeares schwingendem Witz hielt, erschien ihm ziemlich öd. Er hatte nie das geringste Zutrauen zu Shakespeares Humor. Die dumpfe, langatmige Art dieser Witzbolde erinnerte ihn zu sehr an die Späße der Pentlands. Nur der Narr in Lear – ihn bewunderte er, diesen tragischen, traurigen, mysteriösen Narren. Die andern Narren parodierte er und bildete sich dabei ein, daß die Nachwelt sich über diese Mätzchen krank lachen würde.
Die vielbewunderten Schönheiten müdeten ihn vielleicht, weil man ihn zu oft mit der Nase daraufgestoßen hatte. Außerdem war er der Meinung, daß Shakespeare, anstatt schlicht zu reden, sich oft absurd und pompös ausdrücke, wie zum Beispiel in der Laertesstelle, in der der Bruder von der Königin erfährt, daß Ophelia ertrunken ist: »Zuviel des Wassers hast Du, arme Ophelia / darum gebiet ich meinen Tränen Halt …« Kann man's ärger treiben? dachte er. Mein Gott, ich wünscht, er hätte hundert oder meinthalb tausend Tränen drangehängt!
Aber in andere Stellen, die die Rhetoriker gewöhnlich übersehen, vertiefte er sich sehr, so zum Beispiel in die furchtbare epische Anrufung Edmunds im »König Lear«, die mit dem Vers: »Du Erdkraft bist mir Göttin …« beginnt und mit der Zeile: »Nun, Götter, stehet ein für die Bastarde!« endet.
Ja; das war finster wie Nacht, verworfen wie die Niggertown, groß wie der elementare Wind, der von den Bergen heulte! Eugen sang es in den Nachtstunden auf seiner Route gegen den Wind und das Dunkel. Das verstand er, das Böse darin begeisterte ihn. Es war das Erdböse, die Bosheit der unbezähmten Natur. Es war ein Schrei, an die gerichtet, die nicht klassifizierbar sind, die jenseits des Zauns leben, ein Ruf an die Engel des Aufruhrs und an alle Menschen, die zu groß für das gemeine Maß sind.
Von den Dramen der Elisabethaner kannte er außer Shakespeares Schauspielen nichts. Aber sehr früh lernte er die Gedichte des Ben Jonson kennen, Margaret hielt diesen Dichter für einen literarischen Falstaff und verzieh ihm seine gargantuanische Ausschweifung mit der bekannten Toleranz der Schulmeisterin als eine verzeihliche Schwäche des Genies.
»O Du seltner Ben Jonson!« seufzte Margaret leise lachend am Tisch.
»Gott segne ihn!« platzte Sheba heraus, mit hochrotem Gesicht. »Er war so englisch wie Roastbeef und Ale. Und weißt Du auch, Eugen«, fuhr sie fort, »daß der größte Tribut, der dem Genius Shakespeares gezollt wurde, aus seiner Feder stammt? Und trotzdem behaupten die gemeinen Wichte, daß er auf Shakespeare eifersüchtig war!«
»I wo, da ist kein wahres Wort dran!« erklärte Margaret ungeduldig. »Das stimmt ganz sicher nicht, sage ich Dir.«
Sie sagte es ihm. Shakespeare war der Schwan. Und sie sagte ihm Dinge von der tiefen Menschenkenntnis des Schwans, von seiner allumfassenden and wohlgerundeten Charaktergestaltung, von seinem enormen Humor.
»Focht eine lange Stunde nach der Shrewsbury Uhr bemessen …« Sie lachte. »Der fette Racker! Stell Dir vor, daß ein Mann dann auf die Zeit achtgibt!«
Und vorsichtig und ermahnend fuhr sie fort:
»Du mußt das verstehen, Eugen, damals waren die Sitten anders. Wenn man Shakespeares Werke mit den Werken seiner Zeitgenossen vergleicht, dann sieht man, wie viel, viel reiner er dachte und empfand als die andern.«
Aber hie und da umging sie eine Vokabel, ließ sie eine Zeile untern Tisch fallen. Der etwas befleckte Schwan … nun ja, ein bißchen von den Sitten seiner Zeit angedreckt. Mit der Bibel ist es ja auch so … Die schwelenden Kerzenstümpfchen der Zeit. Parnassus vom Berg Sinai aus gesehen, ein Vortrag mit Lichtbildern von Professor McTavish D. D. vom Presbyterian College.
»Und noch etwas, Eugen«, sagte sie. »Shakespeare hat stets das Laster verdammt, er hat es nie anziehend dargestellt.«
»Wieso denn?« fragte er. »Da ist doch die Figur des Falstaff.«
»Ja«, antwortete sie. »Du weißt doch, wie es ihm ergeht, nicht wahr?«
»Wieso?« sagte er zaudernd. »Er stirbt!«
»Na also! Da hast Du es ja!« triumphierte sie. Warnend.
Ich seh das nicht ein, dachte er. Wieso denn? Der Tod der Sünde Sold? Was ist dann der Sold der Tugend? Die Guten sterben jung.
»Und noch was«, sagte sie. »Keine von Shakespeares Gestalten steht still. Du siehst sie wachsen. Du verfolgst ihren Werdegang. Keiner seiner Helden ist am Ende der gleiche, der er am Anfang war.«
Am Anfang war das Wort, dachte er. Ich bin das Alpha und Omega. Der Werdegang des Lear. Er wurde alt und wahnsinnig. Ein schöner Werdegang.
Diese Blechmünzen der Literaturschulmeisterei hatte sie in ein paar Kursen auf der Universität aufgepickt. Sie gehörten – und gehören vielleicht noch – zum glattzüngigen Jargon der Pedanterie. Aber ihrem Verständnis taten sie keinen Schaden. Das waren halt die Dinge, die die Leute so sagten. Sie hatte, ein wenig schuldbewußt, das Gefühl, daß sie ihren Unterricht mit diesem billigen Staat aufdonnern müsse; sie fürchtete, daß das, was sie zu bieten hatte, nicht genug sei. Was sie zu bieten hatte, war ein Gefühl für Dichtung, so unfehlbar, so grundrichtig, daß sie keinen schlechten Vers gut, keinen guten schlecht finden konnte. Sie war eine Stimme, nach der Gott sucht. Sie war die Schalmei der Ekstase und der Dämonie. Sie war vom Dichtergeist besessen, sie wußte selbst nicht wie; aber wenn der Geist über sie kam, erkannte sie ihn. Die singenden Zungen aller Welt erwachten wieder im Ton ihrer Stimme. Sie war bewohnt, restlos hingegeben. Durch das verriegelte und verrammte Leben der Schüler ging sie wie ein schöner Geist. Sie schloß die Herzen auf, wie man Schranktüren aufschließt. Und die Jungen verehrten sie sehr.
Er kannte ein paar von Ben Jonsons Gedichten, darunter die Hymne an Diana »Jägerkön'gin, keusch und schön …«; das große Preislied auf Shakespeare, in dem ihn besonders die Stelle »Er war nicht für ein Alter, nein für alle Zeiten …« bewegte und ihm die Kehle schnürte; und die Elegie auf den Kinderschauspieler Salathiel Pavy: Honig aus eines Löwen Maul, dachte er, aber zu lang.
Von Herrick kannte er mehr. Seine Gedichte sangen sich von selbst. Er war – so urteilte er später – die vollkommenste, die nie versagende Stimme unter den englischen Lyrikern; eine reine, süße, fließende, kleine Note.
Here a little child I stand
Heaving up my either hand
Cold as paddocks though they be
Here I lift them up to Thee
For a benison to fall
On our meat and on us all. Amen.
Dieses Kindertischgebet hielt er für unübertrefflich an Präzision, Delikatesse und Ganzheit.
Die Namen der englischen Dichter aus jener Zeit klangen wie kleine, volle Vogellaute in einem besonnten Frühlingshain. Prophetisch brütete Eugen über den süßen, verlornen Tönen; er ahnte, daß Namen wie diese nicht wiederkommen werden: Herrick, Crashaw, Carew, Suckling, Campion, Lovalec, Dekker. O süßes Genügen, o süßes, süßes Genügen!
Er las ganze Stöße von Erzählern: alles von Thackeray, Poe und Hawthorne. Von Herman Melville las er »Omoo« und »Typee«, die er unter Gants Büchern fand. Von »Moby Dick« hatte er nie reden hören. Er las ein halbes Dutzend Bände von Cooper, alles von Mark Twain; aber er brachte es nie fertig, Bücher von Howells oder James zu Ende zu lesen.
Er las ein Dutzend Bände Scott. »Quentin Durward« gefiel ihm am besten, weil die Schilderungen vom Essen darin so füllig und appetitanregend waren.
XXIV
Als Eugen dreizehn war, fuhr Eliza im Winter allein nach Florida. Sie gab ihn den Leonards in Pension.
Helene reiste in den Städten des Ostens und der Mittelweststaaten. Beängstigung und Verdruß nahmen zu. Sie sang ein paar Wochen lang in einem kleinen Kabarett in Baltimore. Dann ging sie nach Philadelphia. Am Musikverkaufsstand eines Einheitspreisladens saß sie vor einem abgespielten Klavier und trommelte volkstümliche Melodien, die Zunge zwischen den Zähnen, wenn sie einen neuen Schlager vom Blatt zu spielen versuchte.
Gant schrieb ihr zweimal die Woche, ein trübseliges, ausführliches Logbuch seiner Existenz. Manchmal schickte er ihr kleine Schecks, die sie nie einlöste, sondern aufsparte.
– »Deine Mütter«, schrieb er »hat mich wieder mal im Stich gelassen. Sie ist nach Florida gefahren, und da sitze ich allein und blas Trübsal nach Noten und friere und leide Hunger. Gott weiß, wie das alles noch werden soll in diesem furchtbaren, höllischen, fluchwürdigen Winter. Ich prophezeie Armenhäuser und Volksküchen, wie wir sie in Präsident Clevelands Zeit gehabt haben. Wenn die Demokraten an die Regierung kommen, dann kannst Du einstweilen anfangen, Deine Rippen zu zählen. Kein Geld auf den Banken, überall Arbeitslosigkeit. Du kannst Dich drauf verlassen, was der Steuereinnehmer nicht kriegt, wird unter den Hammer kommen, eh die Sache noch rum ist. Heut morgen war es 7 Grad kalt auf dem Thermometer, und dabei ist die Kohle 25 Cent die Tonne aufgeschlagen. Das nennt man den sonnigen Süden. Gestern ging ich an Wagners Kohlenhandlung vorbei, da stand der Alte am Fenster und grinste mit seiner unverschämten Teufelsfresse und weidete sich in Gedanken an der Qual der Witwen und Waisen. Ihm ists gleich, ob sie erfrieren oder nicht. Bob Grady wurde vorgestern vom Schlag gerührt, als er aus der Citizens Bank herauskam. War sofort tot. Ich habe ihn seit 25 Jahren gekannt; er war keinen Tag in seinem Leben krank. Alle, alle gehen sie dahin, die alten, vertrauten Gestalten, und der alte Gant wird als nächster dran glauben müssen. Seit Deine Mutter weg ist, esse ich mittags bei Mistress Sales. Du hast in Deinem Leben keinen so reichgedeckten Tisch gesehen, frisches Obst in ganzen Pyramiden, dazu Backpflaumen, Pfirsiche und Eingekochtes, dann Schweine-, Rinds- oder Kalbsbraten, kalte Platten mit Schinken und Räucherzunge und dazu ein halbes Dutzend Gemüse, und alles in einer Menge, daß es jeglicher Beschreibung spottet. Wie sie das für 35 Cent leisten kann, ist mir unverständlich. Eugen ist bei den Leonards in Pension, seit Deine Mutter weg ist. Ein- oder zweimal die Woche nehme ich ihn mit zu Mistress Sales, damit er sich mal satt ißt. Dort ziehen sie lange Gesichter, wenn er auf seinen langen Stelzen angerückt kommt. Gott weiß, wo er das Futter all verstaut. Er ißt mehr als drei Leute zusammen. Bei den Leonards hängt der Brotkorb ein bißchen hoch, will mir scheinen. Er hat den hagern Hungerblick der Gants. Armer Junge, er hat keine Mutter mehr. Ich tu mein Bestes für ihn, so lang ich kann. Leonard kommt jede Woche und tut dick mit dem Jungen. Er sagt, seinesgleichen gäbs nicht mehr. Alle Leute in der Stadt haben von ihm gehört. Neulich sprach ich mit Preston Carr, der sicher unser nächster Gouverneur werden wird, von ihm. Er riet mir, ich solle den Jungen auf die Staatsuniversität schicken und Jus studieren lassen, so daß er dort unter den Leuten aus seinem eignen Heimatstaat lebenslängliche Freundschaften schließt, und ihn dann in die Politik reinbringen. Genau das hatte ich auch schon gedacht und geplant. Ich lasse ihm eine anständige Schulbildung angedeihen, nun kommt es darauf an, daß er sein Teil tut. Vielleicht wird er dem Namen Gant Ehre machen. Du hast ihn nicht gesehn, seit er lange Hosen trägt. Seine Mutter hat ihm beim Weihnachtsausverkauf bei Moules in der Konfektionsabteilung einen schönen, neuen Anzug gekauft. Ich habe ihm dazu eine billige Hose bei Racketts im Laden erstanden, so kann er die guten Hosen für den Sonntag aufsparen. Deine Mutter hat die alte Scheuer bis zu ihrer Rückkehr an Mistress Revell vermietet. Ich ging ein paarmal hin und fand das Heim zum erstenmal geheizt und behaglich. Sie hat den ganzen Tag die Heizung an und knausert nicht mit Kohlen. Ben sehe ich kaum einmal die Woche. Er kommt nachts um eins oder zwei ins Haus, stöbert in der Küche rum und legt sich schlafen. Morgens, wenn ich weggehe, schläft er noch. Es ist nichts aus ihm rauszubringen, kaum, daß er einem ein paar Worte gönnt. Wenn ich mich in aller Ruh und Höflichkeit nach seinem Leben erkundige, dann ist er kurz angebunden und schneidet mir alle weiteren Fragen ab. Spät abends sehe ich ihn manchmal in der Stadt mit Mistress P. Die beiden hängen wie Pech und Schwefel zusammen. Sie scheint mir ein loses Vögelchen zu sein. Also Schluß für heut. – John Duke wurde Sonntagnacht im Whitestonehotel vom Hausdetektiv erschossen. Er war besoffen und wollte die Leute im Hotel übern Haufen schießen. Er hinterläßt drei Kinder. Sie kam heute zu mir ins Geschäft. Er war allgemein beliebt als Mensch; aber völlig unzurechnungsfähig im Suff. Mir blutete das Herz für die Arme. Sie ist so eine hübsche, kleine Frau. Der Alkohol hat mehr Elend angerichtet, als alle andern Übel auf der Welt zusammengenommen. Ich verfluche den Tag, an dem er erfunden wurde. Beiliegend ein kleiner Scheck, kauf Dir ein Geschenk dafür. Gott weiß, wohin es mit uns noch kommen wird. Dein geneigter Vater,
W. O. Gant.«
Sie hob jeden seiner Briefe gewissenhaft auf. Er schrieb auf dickes, glattes Geschäftspapier mit seiner verkrüppelten Hand, in großgespreizten, gotisch-zackigen Zügen.
In Florida unterdessen reiste Eliza an der Küste auf und ab. Sie starrte nachdenklich auf die noch kleine, sich entwickelnde Stadt Miami. Sie fand die Preise zu hoch in Palm Beach und die Mieten zu teuer in Daytona. So zog sie schließlich landeinwärts nach dem von Seen und Orangengärten umgebnen Orlando, wo die Pentlands ihre Ankunft erwarteten: Pett mit kalter Streitsucht im Gesicht und Will mit einer Grimasse jucklüsterner Nervosität, während er mit stumpfen Fingernägeln die schuppige Hautflechte an seiner Hand kratzte.
John Dorsey Leonard, völlig geistesabwesend, kreidespurig vom Kinn bis zum Knie, tastete seinen Anzug ab, denn er suchte seine Notizen für den Unterricht im Deutschen.
Tom Davies schaute belustigt, ein Kichern unterdrückend, zum Fenster hinaus. Guy Doak starrte Eugen mit verträumtem, starrem Ernst an und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.
» Entgegen«, sagte Eugen, »folgt auf das Objekt.«
John Dorsey Leonard lachte unsicher, schüttelte den Kopf, tastete immer noch seine Taschen ab, um die Notizen zu finden.
»So sicher scheint mir das nicht zu sein«, sagte er. Schon wieder waren seine Gedanken wo anders.
Die ganze Klasse wieherte. Tom Davies bog sich vor Lachen. John Dorsey Leonard blickte auf, lachte mit, ohne genau zu wissen, warum.
John Dorsey Leonard war der deutschen Sprache glückselig unkundig. Von Zeit zu Zeit jedoch gelang es den Schülern, dem Lehrer ein bißchen Deutsch beizubringen. Täglich warteten sie hungrig auf die Deutschstunde. Sie waren stets glänzend vorbereitet. Sie übersetzten die Lektion glänzend und so schnell, daß er nicht folgen konnte. Das bestürzte Gesicht, das er dann machte, belustigte sie sehr. Manchmal machten sie absichtlich Fehler oder unterschoben dem Text einen völlig absurden Sinn oder erfanden nicht existierende Vokabeln, lediglich um über die umsichtig-unsichern Richtigstellungen des Lehrers zu lachen.
»Langsam kroch das Licht des Mondes über den Stuhl, in dem der Alte saß; es reichte ihm bis zu den Knien, bis zur Brust und schließlich …« – Guy Doak sah den Lehrer verschmitzt an – »versetzte es ihm einen Stoß ins Auge.«
»Nei-ein«, sagte John Dorsey Leonard und rieb sich das Kinn, »nicht ganz so. ›Und traf ihn ins Auge‹ wäre meiner Meinung nach besser übersetzt.«
Tom Davies lachte gurgelnd, die ganze Klasse wartete darauf, daß der Lehrer, wie er es immer tat, nun das Buch zu Rat ziehen würde. Er tat es prompt.
»Wir wollen uns mal vergewissern«, sagte er und schlug nach. Guy Doak warf Eugen einen verkrumpelten Zettel zu. Eugen las:
»Gib mir ein Stück Papier.
Before I bust you on the ear.«
Eugen löste zwei Blätter von seinem Schreibblock und schickte sie ihm mit der Antwort:
»Du bist wie eine bum-me.«
Sie lasen klebrig-süße Erzählungen, feiste deutsche Tränenschluckser: »Immensee«, »Höher als die Kirche«, »Der zerbrochene Krug«. Und sie lasen »Wilhelm Tell«. Das Eingangslied, der unirdische Gesang der Sirene an den Fischerbuben, bezauberte sie mit der Märchenmusik des feinen, lyrischen Versmaßes. Das schwerfällige Melodrama einiger Szenen hatte nichts Abgedroschnes für sie. Eifrig lasen sie vom Apfelschuß und der Flucht aus dem Boot. Im übrigen war das Stück, wie sie ermüdet anerkannten, große Literatur. Der Mister Schiller war von schönen, freiheitlichen Ideen geradezu religiös beeindruckt, ganz wie Patrick Henry, George Washington und Paul Revere. Seine wackern Schweizer sprangen pompös von Felszack zu Felszack und riefen die Freiheit in langwindigen Reden an.
»Die Berge«, bemerkte John Dorsey Leonard in einem glücklichen, vom Genius des Orts eingegebnen Augenblick, »die Berge sind der angestammte Sitz des Freiheitsgedankens.«
Eugen sah durchs Fenster auf die Bergkette im Westen. Er hörte, ganz aus der Feme, einen Zugpfiff und leisen Schienendonner.
Während jener Abwesenheit Elizas hauste Eugen mit dem fünf Jahre älteren Guy Doak zusammen.
Guy Doak war Yankee; er stammte aus Newark im Staate New Jersey. Er hatte die Sprödigkeit des Neuengländers; er zwängte die Worte durch die Nase, wie es die Yankees tun. Seine Mutter war vor ein oder zwei Jahren aus Gesundheitsgründen nach Altamont gezogen; sie hatte ein Boardinghouse. Sie war tuberkulös und verbrachte einen Teil des Winters in Florida.
Guy Doak hatte eine hübsche, forsche Figur, war mittelgroß, hatte schwarzes Haar und blitzend dunkle Augen. Sein bleiches, sehr glattes, ovales Gesicht mit dem vollen Kinn, das die untre Gesichtshälfte schwerer machte als die obre, erinnerte Eugen irgendwie an einen Fischbauch. Guy Doak war stutzerhaft angezogen; die Leute nannten ihn einen gut aussehenden Jungen.
Er schloß sich nirgends an. Den Jungen in Leonards Schule erschien dieser Yankee viel ausländischer als ein andrer Mitschüler, der reiche Kubaner Manuel Quevado. Manuel gehörte einem üppigeren Süden an, aber er war Südländer wie sie; sie verstanden ihn. Der Nordländer Guy Doak dagegen hatte nichts von ihrer harmlosen Heiterkeit, nichts von ihrer herzhaften Heftigkeit. Er lachte nie laut. Er hatte einen scharfen, hellen, aber seichten Verstand und war unbeugsam dogmatisch. Er lebte im falschen Realismus der Yankees; die anderen waren im üblen Romantizismus der alten Südstaaten zuhaus. Guy Doak hatte bereits den infantilen Zynismus des amerikanischen Städtebewohners angenommen. Öfters machte er irgendeinen Spaß mit, nie jedoch benahm er sich anders dabei als ein Städter, der sich mal unter blöden Bauernlümmeln gehn läßt. Er war klug, in erster Linie war er klug. Seine Lebenseinstellung ging von der Annahme aus, daß die Wahrheit unvermeidlich das Schafott besteigen müsse, daß das Unrecht ewig auf dem Thron säße; so ließ er sich denn von der Hinmetzlung der Unschuld keineswegs imponieren, sondern sah dem Schauspiel bitter amüsiert zu.
Abgesehen davon war Guy Doak ein recht famoser Kerl: forsch, hartköpfig, ohne Subtilität und mit seinem Mutterwitz zufrieden. Er und Eugen hausten im ersten Stock von Leonards Haus. Nachts saßen sie auf ihrer Bude vor dem großen, knisternden Holzfeuer im Kamin, lauschten, auf den Wintersturm in den großen Bäumen und auf den verstohlenen Tritt des Lehrers, der die knarrende Treppe herunterkam und vor ihrer Tür stehen blieb. Sie aßen am Tisch mit der Familie. Da saßen: Margaret, John Dorsey, Miss Amy, der neunjährige John Dorsey junior, die fünfjährige Margaret und außerdem zwei Neffen Leonards: der achtzehnjährige Tyson Leonard, der ein Frettchengesicht hatte und üble Reden führte, und der siebzehnjährige Dirk Barnard, ein großer, schlanker Bursch mit knolligem Gesicht und braunen, lustigen Augen, der sehr jähzornig war. Die Jungen unterhielten ein geheimes Verständnis hei Tisch; einer pflegte dem andern die Gabel in die Weichen zu stoßen. Während John Dorsey Leonard lange Tischgebete sprach, unterhielten sie sich mit Blicken, Geflüster, verstohlenen Bewegungen und unterdrücktem Lachen. Nachts klopften sie Gespensterbotschaften an Decken und Fußböden, hielten kichernde Zusammenkünfte in der Diele ab und flohen eiligst in ihre unberührten Betten, wenn John Dorsey auf sie hereinstürmte.
Leonard hatte einen schweren Stand, um die kleine Privatschule am Leben zu erhalten. Er hatte nicht ganz zwanzig Schüler im ersten, knapp dreißig im zweiten Schuljahr. Von den dreitausend Dollar, die an Schulgeld eingingen, mußte er Miss Amy, die eine gute Lehrstelle an einer höheren Schule aufgegeben hatte, um ihm zu helfen, ein kleines Gehalt zahlen. Die Installation in dem alten, eichenumstandnen Haus auf dem schönen Hügel taugte nicht mehr viel, die Gänge waren zugig. Leonard hatte das Anwesen für billiges Geld in Pacht. Aber die dreißig Jungen sorgten für tüchtige Abnützung, und Leonard mußte beträchtliches Geld für Reparaturen und Unterhalt auswerfen. Die Leonards kämpften tapfer und hartnäckig.
Das Essen war karg und mager. Zum Frühstück gab's wässerigen Haferbrei, Eier und Toast; mittags eine dünne Suppe, heißes, saures Maisbrot und ein Gemüse mit fettem, gekochtem Schweinefleisch; abends heiße Biskuits, Hackbraten und Rahm- oder Pellkartoffeln. Kaffee und Tee waren verpönt. Aber frische, sahnige Milch war im Überfluß da. John Dorsey Leonard hielt immer seine Kuh und molk sie eigenhändig. Gelegentlich gab es eine hohe, knusprige Obsttorte oder gewürztes Ingwerbrot oder kleine heiße Formenkuchen aus duftigem, dottergelbem Teig. Dann hatte Margaret selbst gebacken. Sie war eine glänzende Köchin.