Kitabı oku: «Tokyo - eine Biografie»
Till Weber
TOKYO
Eine Biografie
Von Edo und dem Stadtgründer Ōta Dokan bis Kaiser Hirohito und dem Ende der alten Stadt Tōkyō

Für meine Lehrer
Dr. Michael Toepfer (†) und Prof. Knut Schulz
208 Seiten mit 11 Abbildungen und 2 Karten
Titelbild: Abb. 1 bis 3. von links: Samurai in Rüstung, Bürgerliche Dame mit Schirm, Dienerin beim Tee servieren © Sammlung R. Johnson; Abb. 4 rechts: Fahrender Händler oder Träger, © Aufnahme von Felice Beato (1870er-Jahre), Public Domain.
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© 2016 by Nünnerich-Asmus Verlag & Media GmbH, Mainz am Rhein
ISBN: 978-3-945751-70-1
Autor: Till Weber
Lektorat: Natalia Thoben, Nina Jourdan
Satz: TypoGraphik Anette Klinge, Gelnhausen
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
Alle Rechte vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Autors, der Herausgeber und des Verlages ist es nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.
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INHALT
COVER
TITEL
IMPRESSUM
VORWORT
EDO
Edo, vom Fischerdorf bis zur Burgstadt
Am Anfang flog ein Kopf – Die Geschichte von Taira Masakado (? – 940)
Der erste Stadtgründer Ōta Dōkan (1432–1486)
Die 15 Shōgune von Edo
Auf dem Weg nach Edo – Tokugawa Ieyasu (1543–1616)
Der zweite Stadtgründer von Edo – Tokugawa Ieyasu (1543–1616)
Denn sie bauten eine Burg – Tōdō Takatora (1556–1630) und Katō Kiyomasa (1561–1611)
Der Ausbau von Edo und die Festigung der Macht – von Ieyasu bis zum vierten Shōgun Ietsuna (1641–1680)
Engelbert Kaempfer aus Lemgo und der Hunde-Shōgun Tokugawa Tsunayoshi (1646–1709)
Der gerechte Shōgun Yoshimune (1684–1751)
Die unfähigen Shōgune Ieshige, Ieharu und Ienari und der »charismatische Bürokrat« Matsudaira Sadanobu (1759–1829)
Das Bröckeln der Macht – Von den Tokugawa-Shōgunen Ieyoshi bis Iemochi
Der letzte der starken Männer des Shōgun – Ii Naosuke (1815–1860)
Zeitenwende und der letzte Shōgun Tokugawa Yoshinobu (1837–1913)
Die Stadt der Fürsten und Samurai
Die ersten Fürsten in Edo
Alltag, Zeremonien, Belastungen: Endō Genkan (? bis ca. 1700/1705) und das Menü für den Shōgun
Fürst Asano Naganori (1667–1701) und die Tücken des Hoflebens
Die 47 Rōnin
Mori Masana (1803–1873), Samurai des Fürsten von Tosa
Der englische Samurai Will Adams (1564–1620)
Ein Samurai als Lebenskünstler und seine Abwege – Katsu Kokichi (1802–1850)
Geistesgrößen von Edo
Von Schwertkämpfern und Rettichen – Takuan (1573–1645)
Die großen Tempel von Edo – Tenkai (1536–1643)
Der Historiker Arai Hakuseki (1657–1725)
Der Arzt Itō Gemboku (1800–1871)
Der rastlose Erfinder Hiraga Gennai (1728–1780)
Das bürgerliche Edo
Vom Tellerwäscher zum Millionär in Edo – Kawamura, Kinokuniya und Mitsui
Der Erfolgsautor, der seinen Beruf nicht schätzte – Takizawa Bakin (1767–1848)
Der Superstar des Kabuki-Theaters Ichikawa Danjūro
Die Holzschnittkünstler
Moronobu (ca. 1618–1694)
Harunobu (1725–1770)
Utamaro (1753–1806)
Wer war Sharaku?
Hokusai (1760–1849)
Hiroshige (1797–1858) und die letzten Meister
Der Impressario Tsutaya Jūzaburō (1750–1797)
Der Erfinder des Sushi »nach Edo-Art« Hanaya Yohei (1799–1858)
Kleine Leute, Gesetzlose und Außenseiter in Edo
Hausbesitzer und Mieter, Handwerker und ihre Frauen
Iemon und O-Iwa – Von einem gemeinen Ehemann und seinem Rachegeist
Die bürgerlichen Superhelden von Edo – Feuerwehrleute im 18. und 19. Jahrhundert
Die Brandstifterin O-Shichi (1666 o. 1667–1683)
Edos legendärer Richter Ōoka Echizen (1677–1752)
Danzaemon, der Fürst der Ausgeschlossenen
TOKYO
Eine neue Elite für eine neue Zeit
Die Wende von Edo zu Tōkyō – Kaiser Meiji (1852–1912)
Vom Terroristen zum Vater der Verfassung – Itō Hirobumi (1841–1909)
Der aufgeschobene Freitod – General Nogi Maresuke (1849–1912)
Tōkyō wird modern
»Aufzeichnungen über das Prosperieren von Tōkyō« – Die Stadtschreiber und -beobachter Terakado, Hattori und Itō
Ein neues Theater – Kawakami Otojirō (1864–1911) und Sadayakko (1871–1946)
Ein Mann, der das Risiko nicht scheute – Fukuzawa Yukichi (1835–1901)
Das Mitsui-Imperium und seine Manager – Dan Takuma (1858–1932) und Ikeda Shigeaki (1867–1950)
Das doppelte Ende der alten Stadt
Der Bürgermeister und das Erdbeben – Gotō Shimpei (1857–1927)
Die »Neue Frau« Yosano Akiko (1878–1942)
Der Skandal um O-Sada (1905–nach 1970)
Der Flaneur Nagai Kafū (1879–1959)
Der Kriegskaiser Hirohito (1901–1989)
LITERATUR
ABBILDUNGSNACHWEIS
VORWORT
Die Geschichte einer Metropole anhand des Wirkens und der Schicksale herausragender Bewohner über die Jahrhunderte hinweg zu erzählen ist eine Idee, die mich sofort faszinierte. Sicherlich ist es kein Zufall, dass der erste Band in dieser Reihe, der 2013 im Nünnerich-Asmus-Verlag erschien, sich mit Rom befasste – eine Stadt, deren prominente Bewohner von Romulus und Remus über Kaiser, Päpste und Künstlerfürsten bis hin zu Mussolini fest zum mitteleuropäischen Bildungskanon gehören. Aber Tōkyō, das bis 1868 Edo hieß? Wie viel verbindet der Leser in deutschsprachigen Ländern mit Ōta Dōkan und Tokugawa Ieyasu, um die beiden Stadtgründer zu nennen?
Ich erinnerte mich an eine Zeitungsnotiz vor Jahren, in der das Ergebnis einer unter Amerikanern durchgeführten Umfrage über die berühmtesten Japaner veröffentlicht wurde. Auf Platz 1 kam Kurosawa Akira, der Filmregisseur, auf Platz 2 Godzilla, das Filmmonster. Im Pariser Louvre hängt das Bild Die Hochzeit von Kanaa von Paolo Veronese (1562/63), das zahlreiche Große seiner Zeit darstellt, darunter niemanden aus Japan. Natürlich kann man argumentieren, dass Europäer erst wenige Jahre zuvor nach Japan gekommen waren und der Informationsfluss noch spärlich war. Die Zeitschrift Stern berichtet in Ausgabe 15/2012 über ein fast vier Quadratmeter großes neues Bild des italienischen Malers Renato Casaro, dass deutlich inspiriert von Veronese 107 historische Persönlichkeiten aus einer Spanne von 33 Jahrhunderten versammelt. Und auch hier sucht man Japaner oder Japanerinnen vergeblich.
Japan hat es tatsächlich verstanden, sich seinen Inselstatus wirksam zu erhalten, und das viele hier immer noch zu entdeckende Unbekannte macht einen Teil seines Reizes aus. Für dieses Buchprojekt ergab sich aber eine klare Wahlmöglichkeit: Die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und aufzugeben oder aber die Chance zu ergreifen und den Bogen weiter zu spannen, um so nicht nur die Geschichte der Größten und Mächtigsten von Edo/Tōkyō zu erzählen, sondern eine große Breite an Bevölkerungsgruppen und Gesellschaftsschichten auftreten zu lassen, bis hin zu weitgehend namenlos Gebliebenen, die kollektiv Wichtiges beigetragen haben. Da es also außer einem Grundgerüst an Shōgunen und Kaisern kaum ein »Pflichtprogramm« an Persönlichkeiten abzuarbeiten gab, konnte die ganze Vielfalt und Verschiedenheit des städtischen Lebens an Einzelschicksalen dargestellt werden. Diese Stadt, die als erste der Neuzeit die Ein-Millionen-Einwohner-Marke überschritt und seit dem frühen 17. Jh. das Zentrum Japans auf nahezu allen Gebieten ist, bietet eine ganze Fülle an spannenden, tragischen, skurrilen und inspirierenden Lebensgeschichten von Japanern und Nicht-Japanern, Männern und Frauen, Schurken und Helden, Herrschern und Ausgeschlossenen.
Bei der Vorstellung der einzelnen Personen wurde darauf geachtet, sie möglichst oft selbst zu Wort kommen zu lassen. Die Genres Autobiografie und Tagebuch sind vertreten, typischer aber noch bis ins 20. Jh. hinein war es, seine Ansichten und Empfindungen in Poesie zu verpacken, die uns Einblicke gewährt. So hat Kaiser Meiji (1852 – 1912) kaum ein eindeutiges Selbstzeugnis in Prosa, etwa selbst verfasste Reden oder politische Korrespondenz, hinterlassen, dagegen aber rund 100.000 Kurzgedichte.
Ebenfalls wurde Wert darauf gelegt, die einzelnen Geschichten möglichst genau in der sich entwickelnden Stadttopografie zu verorten und Hinweise auf erhaltene Spuren zu geben. Die beiden von Sascha Lunyakov gestalteten Karten »Edo um 1700« und »Tōkyō in den 1920er-Jahren« sollen dem Leser zur Orientierung dienen.
Beim Schreiben über Japan auf Deutsch ist es immer ein Problem, wie japanische Namen wiedergegeben werden. Ich habe mich entschieden, die japanische Eigenart konsequent beizubehalten, also den Familiennamen vor dem persönlichen Namen zu nennen. Tokugawa Ieyasu war also ein Mann mit dem persönlichen Namen Ieyasu aus der Familie der Tokugawa. Vielen Frauennamen war früher ein sog. Verschönerungs-O vorangestellt, so wurde aus Shichi O-Shichi und aus Yuki O-Yuki, bevor gegen Ende des betrachteten Zeitraums das »O« außer und das an den weiblichen Namen angehängte »-ko« in Mode kam. Was die Aussprache japanischer Namen und Begriffe angeht, so sind alle Vokale kurz bis auf diejenigen, die mit einem Längungsstrich versehen sind (ā, ō, ū). »S« wird scharf ausgesprochen wie in »essen«, »z« bezeichnet einen weichen Zischlaut wie bei »Sonne«. Bei Silben wie »-ku« und »-su« bleibt das »u« oft stumm. Die Aussprache des japanischen »r« liegt in der Mitte zwischen dem deutschen Reibelaut »r« und unserem »l«.
Das Buch endet mit der Zerstörung Tōkyōs 1945, doch die Prägung der Stadtkultur durch die vorgestellten Personen ist bis heute wirksam geblieben. So spazieren die historischen Bewohner aus alten Fotografien auf dem Bucheinband nicht von ungefähr auf der modernen Skyline eines Tōkyōter Innenstadtviertels umher: Unter der ultramodernen Glitzerfassade liegt die Geschichte der Stadt Schicht um Schicht. Für sie Edo/Tōkyō ein wenig besser greifbar zu machen, ist das Anliegen dieses Buchs.
Sehr zu Dank verpflichtet für Unterstützung und guten Rat in verschiedenen Phasen der Arbeit bin ich vielen; besonders aber Petra Balmus, Werner David, Masuo Kataoka, Rodney Johnson, Wolfgang Ettig, dem Team vom Nünnerich-Asmus-Verlag sowie meiner lieben Frau Sumie Ishii-Weber für ihre Mühe bei der Beantwortung meiner zahlreichen, sicher manchmal merkwürdig anmutenden Fragen über ihre Heimatstadt.
Okinawa, im Dezember 2015 Till Weber

Edo um 1700
1 Burg Edo (mit dem Wappen der Tokugawa)
2 Ōtemon-Tor
3 Hanzōmon-Tor
4 Viertel Shimbashi
5 Tsukiji
6 Insel Tsukishima
7 Zōjōji-Tempel
8 Viertel Shiba
9 Tameike-Reservoir
10 Viertel Nihonbashi
11 Nakasendō-Überlandstraße
12 Tōkaidō-Überlandstraße
13 Shinagawa (Poststation)
14 Yotsuya
15 Senkakuji-Tempel
16 Ryōgoku-Brücke
17 Viertel Asakusa
18 Viertel Kanda
19 Viertel Hatchōbori
20 Ginza
21 Yūrakuchō
22 Poststation Naitō-Shinjuku
23 Hongo
24 Viertel Ueno
25 Kan’eiji-Tempel
26 Marunouchi
27 Kasumigaseki
28 Viertel Honjō
29 Viertel Ōtemachi
30 Yaesu
31 Tōkaiji-Tempel (südlich des Ausschnitts)
32 Viertel Shitaya
33 Vergnügungsviertel Yoshiwara
34 Viertel Fukagawa
35 Hinrichtungsstätte Suzugamori (südlich des Ausschnitts)
36 Koishikawa
Graphik: Sascha Lunyakov, Konzeption: Till Weber
EDO


Die Burg von Edo auf einem bemalten Raumteiler aus dem 17. Jh. (Edo-zu byōbu). Zu sehen ist der Haupthof mit dem tenshu (Donjon), der 1657 abbrannte und bis heute nicht mehr errichtet wurde.
Edo, vom Fischerdorf bis zur Burgstadt
Am Anfang flog ein Kopf –
Die Geschichte von Taira Masakado (? – 940)
Eingekeilt zwischen Geschäftshochhäusern befindet sich im Tōkyōter Innenstadtviertel Ōtemachi ein kleines Monument, vor das seit vielen hundert Jahren regelmäßig frische Blumen und kleine Gaben gestellt werden, heutzutage meistens von jungen Angestellten der Firmen, deren Büros angrenzen. Das Monument ist das Schädelgrab des Taira Masakado (gest. 940), den sein Biograph Karl Friday als den »ersten Samurai« bezeichnet hat.
Im 10. Jh. gab es an dieser Stelle weder Tōkyō, noch Edo, sondern ein kleines Fischerdorf namens Shibazaki, welches an die heutige Bucht von Tōkyō grenzte, die damals noch nicht durch Landauffüllungen verkleinert worden war. Japan wurde zentralistisch vom kaiserlichen Hof in Kyōto aus regiert und je weiter eine Provinz von der Hauptstadt entfernt lag, als desto primitiver galt sie; Shibazaki und die ganze Kantō-Region lagen sehr weit entfernt von Kyōto.
Wie uns die möglicherweise noch im 10. Jh. verfasste Chronik Shōmonki berichtet, stammte Taira Masakado aus guter Familie, hatte am Kaiserhof gedient und lebte schließlich auf dem Lande in der Gegend des heutigen Tōkyō. Sein Aufstand 939/940 war eine historisch sehr frühe Dokumentation des Machtanspruchs der neuen Samurai-Klasse. Diese waren waffentüchtige, damals noch sozial weniger geachtete Clans, die von mächtigen Hofadligen rekrutiert worden waren, um in weit entfernten Provinzen für sie die Schmutzarbeit zu machen. Sie hatten vor allem dafür zu sorgen, dass die Einnahmen aus Gütern und Abgaben regelmäßig in die Hauptstadt flossen. Samurai leitet sich von dem alten Wort saburai ab, was ursprünglich einen »Gefolgsmann« bezeichnete. Zu Masakados Zeiten war das Selbstbewusstsein dieser waffenerprobten Lokalherren bereits im Anstieg. Es dauerte aber bis 1185 bis tatsächlich ein Samurai, Minamoto Yoritomo, als Shōgun dem Kaiserhof die Macht dauerhaft entriss. Interessanterweise wählten die Minamoto mit Kamakura einen Ort als ihre Hauptstadt, der ebenfalls in den östlichen Kantō-Provinzen liegt, keine 60 km von Masakados Schädelgrab in Tōkyō entfernt.
935 war es ebenfalls ein Minamoto, ein Landadliger im Osten wie Masakado, der diesen attackierte, was an sich so wenig bemerkenswert war wie eine lokale Ritterfehde im deutschen Mittelalter. Es wurde jedoch eine Kette von Ereignissen ausgelöst, die den zunächst gegen seine Lokalrivalen siegreichen Masakado in Konflikt mit dem Kaiserhof brachte, als er 939 aus nicht ganz geklärten Gründen den Sitz des kaiserlichen Gouverneurs der Provinz Hitachi, nördlich des heutigen Tōkyō, stürmte. Nun war der Rubikon überschritten, Taira Masakado war zum Rebellen gegen seinen Kaiser geworden.
In typischer Samuraimanier entschied sich Masakado für die offensive Variante: Anstatt in seiner Provinz sitzen zu bleiben und auf das Erscheinen einer kaiserlichen Strafexpedition zu warten, eroberte er die Hauptquartiere von acht weiteren kaiserlichen Provinzen, die schon im Wesentlichen das Gebiet des heutigen Kantō ausmachten. Wer A sagt, sollte auch B sagen, also ließ Masakado sich zum »Neuen Kaiser« ausrufen und begann, einen Hof mit Palast in Shimōsa aufzubauen, so berichtet jedenfalls die Quelle Shōmonki. Ob sich eine Usurpation wirklich in dieser dramatischen Zuspitzung vollzog oder Masakado einfach eine starke Position aufbaute, um einen günstigen Pardon aushandeln zu können, muss dahingestellt bleiben. In jedem Fall wurde der Kaiserhof auf dem falschen Fuß erwischt, denn er hatte bereits gleichzeitig mit den Folgen von Naturkatastrophen, Piratenangriffen und anderen Aufständen zu kämpfen.
Masakados »Kaisertum« währte trotzdem nur wenige Monate, denn schon im Frühjahr 940 erschien eine starke kaiserliche Armee, die seine Truppen schlug. Taira Masakado fiel in der Schlacht, auch dies gehört zum Konzept des wahren Samurai. Am 10. Tag des 5. Monats wurde sein abgeschlagener Kopf am Ostmarkt der Hauptstadt öffentlich zur Schau gestellt. Dort verblieb er allerdings nicht auf Dauer, denn, so berichten die Legenden, der Kopf flog nach drei Monaten weg und landete in Shibazaki, dem späteren Edo/Tōkyō, immerhin fast 500 km weiter im Osten Japans. Die erschrockenen Fischer und Bauern dort schufen ihm ein Schädelgrab und begannen sich Sorgen zu machen, welches Unheil der Geist dieses Rebellen wohl anrichten könnte. Außerdem gab es anscheinend auch ein Gefühl der Anerkennung für den tapferen Aufstand gegen die ferne, ungeliebte Machtzentrale durch einen Mann aus der eigenen Region (Auch viel später, als Edo/Tōkyō längst selbst zum Machtzentrum des Landes geworden war, empfand man Freude in mancher Provinz, »denen da« in der Hauptstadt einmal eins auswischen zu können).
In Japan geht man davon aus, dass unbillig aus dem Leben Geschiedene böse Geister werden können, die sich an später Lebenden rächen. Nun ist das Schädelgrab von Tōkyō - Ōtemachi zwar leer, wie man seit 1923 weiß; aber man kann ja nie wissen. Tatsächlich wurden im Laufe der auf den Schädelflug folgenden Jahrhunderte immer wieder Zusammenhänge zwischen Phasen der Vernachlässigung des Grabes und ungünstigen Ereignissen wie Naturkatastrophen beobachtet. Besonders heftig spielte Masakado dem Finanzministerium mit, dessen Gebäudeneubau nach dem großen Erdbeben von 1923 auf Kosten des Schädelgrabs ging. Plötzlich gab es eine große Zahl unerklärlich versterbender oder bei Unfällen umkommender Mitarbeiter, darunter der Finanzminister Sasoku Seiji selbst – insgesamt 14 Tote in zwei Jahren. 1928 ließ man sicherheitshalber das Finanzministerium an dieser Stelle abreißen und das Schädelgrab restaurieren, woraufhin die Unfälle zunächst endeten, bis 1940, fast auf den Tag genau 1.000 Jahre nach Taira Masakados Tod, ein Blitz in einem Regierungsgebäude in Ōtemachi einschlug. Der folgende Großbrand zerstörte neun Regierungsbehörden, darunter das Finanzministerium.
Der entsetzte Finanzminister rief Shintō-Priester zu Pazifizierungsritualen herbei und ließ das Schädelgrab aufwändig in seinen Originalzustand von vor 1923 versetzen. Darüber hinaus verlegte er das Finanzministerium in das heutige Regierungsviertel Kasumigaseki in sicherer Entfernung. Das Land mit dem Schädelgrab fiel an die Stadt Tōkyō und bis heute hat sich hier ein vornehmes Geschäftsviertel entwickelt. Es sind die Firmen in den besonders gefährdeten Nachbargebäuden, die kein Risiko eingehen wollen und immer wieder Angestellte abstellen, um das Schädelgrab zu pflegen und zu schmücken, damit der rebellische Geist des Taira Masakado besänftigt wird.
Der erste Stadtgründer Ōta Dōkan (1432 – 1486)
In den Jahrhunderten vor und nach Taira Masakado galten die Provinzen »östlich der Bergkette« (Kantō) als zurückgeblieben und für einen kultivierten Menschen aus dem Kansai-Gebiet (den Provinzen »westlich der Bergkette« einschließlich der Hauptstadt Kyōto) als unerträglich. Die Bewohner des Kantō-Gebiets wurden als azuma ebisu (»östliche Barbaren«) bezeichnet, und das waka-Gedicht des aus Kyōto stammenden Adligen Ariwara Narihira (825 – 880) wurde zu einem Klassiker, der die Einsamkeit eines gebildeten Reisenden in dieser Region ausdrückte. Er hatte einen ihm unbekannten Vogel gesehen und von den Einheimischen erfahren, dass man diesen »Hauptstadtvogel« nannte.
»Wenn, wie dein Name sagt,
Du ein Vogel der Hauptstadt bist,
Dann sag mir bitte dieses:
Ist die Person, die ich zuhause liebe,
Noch am Leben oder nicht?«
Diese trostlose Momentaufnahme kontrastiert mit einem anderen waka-Gedicht, das in derselben Region 1486 als Sterbegedicht von Ōta Dōkan verfasst wurde:
»Hätte ich nicht gewusst,
Dass ich schon
Tot bin,
Beklagte ich den Verlust
Meines Lebens.«
Was war es, dass das Leben im Osten so viel lebenswerter gemacht hatte für Ōta Dōkan? In der Tat hatte sich seit dem 9. und 10. Jh., den Zeiten von Ariwara Narihira und Taira Masakado, viel verändert in der Region. Dazu gehörten das Auftreten des Ortsnamens »Edo« und ein bedeutender zivilisatorischer Aufschwung.
Ariwaras Kantō war noch im Wesentlichen eine einzige Graswüste mit vielen Sümpfen, die den größten Teil der Musashi-Ebene einschließlich des heutigen Stadtgebiets von Tōkyō bedeckte. Nur zwei Überlandstraßen führten vom Landeszentrum im Westen hierher, die Tōkaidō am Pazifik entlang sowie die Tōsandō über die Bergketten, die man heute auch als die Japanischen Alpen bezeichnet. Es gab reichlich Wasser von Flüssen, allen voran vom Arakawa und dem mächtigen Tonegawa, der den Kantō in einen Nord- und Südteil teilt. Häufige Überschwemmungen weiter Teile der Ebene erschwerten das Leben der wenigen Bauern, und auch von Mückenplagen wird berichtet. Am Meer gab es Fischer, außerdem wohnten Gruppen rauer Krieger vom Schlage des Taira Masakado und seiner Rivalen auf ihren Anwesen. Einer von diesen war der lokale Machthaber Edo Shigenaga, der ein Parteigänger der Minamoto war, die 1185 ihre neue Hauptstadt und den Sitz des Shōgun, also des faktischen Machthabers des Landes, nach Kamakura im Süd-Kantō verlegten. »Edo« bedeutet »Tor zur Bucht«, und bezog sich auf den von der gleichnamigen Familie kontrollierten Landstrich an der heutigen Bucht von Tōkyō. Die Stelle lag strategisch günstig am weiten Delta des Tonegawa. In der Nebenbucht von Hibiya gab es reichlich Fisch zu fangen, der Hirakawa-Fluss gab Frischwasser und die Kōjimachi-Hügel boten Schutz vor Überschwemmungen und Feinden. Zudem gab es einen Weg entlang der Küste nach Kamakura. Edo Shigenaga errichtete auf den nördlichen Hügeln eine Befestigungsanlage, das erste Fort Edo.
Im späten 15. Jh. wurde der größte Teil des südlichen Kantō-Gebiets vom Fürsten Uesugi Sadamasa (1443 – 1494) kontrolliert, der als sechste Person vom Shōgun zum Kantō kanrei ernannt worden war, also zu seinem offiziellen Stellvertreter in dieser Region. Das Shōgunat war zur Familie Ashikaga gewechselt, die in Kyōto residierte, und der Kantō kanrei hatte Kamakura zu seiner Regionalhauptstadt gemacht. Einer der Hauptvasallen der Uesugi war der 1432 geborene Ōta Sukenaga, ein robuster Kriegsmann. Ōta war vor allem als Stratege bekannt und erkannte die günstige Lage des alten Forts Edo. 1457 begann er umfangreiche Bauarbeiten und es entstand eine neue Burg, welche die Keimzelle der späteren Burg der Tokugawa-Shōgune und auch die Stätte des heutigen Kaiserpalastes werden sollte.
Ōtas Burg Edo dürfen wir uns nicht vorstellen wie die großen japanischen Schlossanlagen wie Himeji oder Ōsaka mit meterhohen Steinsockeln, riesigen Grabenanlagen und weißverputzten Aufbauten mit schweren Dachziegeln aus Ton. Diese Anlagen entstanden in ihrer Mehrzahl erst an der Wende vom 16. zum 17. Jh. Im 15. und größtenteils noch im 16. Jh. wurden Erdwälle aufgeschüttet und Palisaden und Gebäude aus Holz ausgeführt. Statt einer Lage in der Ebene mit weiten Gräben wählte man Lagen auf Hügel- oder Bergkuppen, deren topografische Merkmale geschickt in den Verteidigungsplan einbezogen wurden. Von Ōtas Edo ist bekannt, dass die Burg fünf »steinerne« Tore aufwies, was höchstwahrscheinlich nur bedeutete, dass die Tore steinerne Sockel besaßen. Dennoch demonstrierte das im damaligen Kantō-Gebiet erhebliche Stärke. Das Areal war in einen Haupthof, einen zweiten Hof und einen äußeren Hof dreigeteilt; hier liegt der Ursprung der späteren Höfe Honmaru, Ninomaru und Sannomaru der Burg der Tokugawa, wie sie heute noch in Tōkyō existieren. An Bauwerken gab es Wirtschafts- und Lagergebäude, Unterkünfte, zwei Türme sowie eine Residenz für Ōta selbst, der außerdem auch in Kamakura eine Residenz besaß.
Als der Ōnin-Krieg von 1467 – 1477 die ferne Hauptstadt Kyōto verwüstete, erwies sich das als Glücksfall für den Herrn von Edo. Viele Flüchtlinge mit spezialisierten Berufen oder sogar von Adel erreichten die Region und sorgten für einen wirtschaftlichen wie kulturellen Aufschwung. Das Dorf Hirakawa am gleichnamigen Fluss unterhalb der Burg entwickelte sich zu einer aufblühenden kleinen Burgstadt (jōkamachi), in die jetzt auch Händler kamen, die Fisch, Reis, Tee und sogar Importwaren aus anderen Ländern Asiens mitbrachten. Die weite Brücke Takahashi über die Mündung des Hirakawa wurde zu einem frühen Wahrzeichen von Edo, so wie der von Ōta Dōkan gegründete Sannō-Hie-Schrein zu einem der drei bedeutendsten Shintō-Heiligtümer Tōkyōs wurde. Die Stadtgestalt wurde auch durch die Umleitung eines Teils des Hirakawa-Flusses verändert, wodurch östlich der Kanda-Brücke ein neuer Fluss entstand, der heute von der zentralen Brücke Nihonbashi überquert wird, dem Ausgangspunkt der bedeutendsten Straßen des Landes. In den Jahrhunderten nach Ōta wurden weitere Flüsse umgeleitet und kanalisiert, Hügel abgetragen und Teile der Bucht aufgefüllt, bis sich die Stadttopographie zur heutigen entwickelte.
Ōta Sukenaga schor sich schon 1458 den Kopf und wurde Laienpriester. Dabei nahm er den buddhistischen Namen Dōkan an. Solche Konversionen waren unter Samurai nicht selten und sie bedeuteten in der Regel kein völliges Entsagen von der Welt. Sie konnten aber Entlastung von den Tagesgeschäften und von familiären Pflichten bringen.
Tokugawa Yoshinobu (1837 – 1913), der letzte der 15 Shōgune aus seinem Hause, aufgenommen 1867 in Ōsaka in höfischer Tracht von Frederick Wiliam Sutton aus der königlich-britischen Marine. In diesem Jahr gab der letzte Shōgun sein Amt an den Kaiser zurück und wurde zum Privatmann.
Ōta Dōkans Persönlichkeit ging weit hinaus über die eines erfolgreichen Militärs und Burgstadtgründers. Von ihm erzählt man sich eine Geschichte, wie er sich seiner mangelnden Bildung bewusst wurde. Eines Tages weilte er auf der Jagd, als ein plötzlicher Regen über ihn hereinbrach. Er hielt an einer einfachen Hütte an und fragte das dort lebende Mädchen, ob sie ihm einen Regenumhang aus Reisstroh leihen könnte. Wortlos brachte sie ihm ein Japanisches Goldröschen (yamabuki). Ōta Dōkan zog verwirrt und durchnässt von dannen. Erst später in seiner Residenz machte ihn ein Gefolgsmann auf die Bedeutung der Blumengabe aufmerksam. In einem alten Gedicht des Prinzen Kaneakira heißt es, das Goldröschen blühe sehr schön, aber brächte nichts hervor. Letzteres kann im Japanischen ein Wortspiel mit »hat keinen Regenmantel« bedeuten. Das beschämte Mädchen hatte ihm also »durch die Blume« zu verstehen gegeben, dass es zu arm war, um einen Regenmantel zu besitzen.
Von nun an arbeitete Ōta Dōkan an seiner Bildung und schrieb bald selbst Gedichte. Eines seiner berühmtesten, neben seinem Sterbegedicht, beschreibt die Lage seiner Burg Edo:
»Meine Behausung
Grenzt an einen Kiefernhain
An der blauen See.
Von ihrer bescheidenen Traufe aus
Kann man den sich erhebenden Fuji sehen.«
Auch für dieses Gedicht wird Ōta Dōkan bis heute geschätzt und geliebt, fasst es doch die über die Jahrhunderte andauernde Freude der Japaner und ihrer Besucher zusammen, wenn sie den majestätischen Berg Fuji von Edo/Tōkyō aus zu Gesicht bekommen.
Ōta Dōkan war jedoch kein langer Lebensabend vergönnt. Er musste weiterhin die Pflichten eines Vasallen gegenüber Uesugi Sadamasa erfüllen, der in erbitterten Auseinandersetzungen mit regionalen Rivalen stand. Eine dieser Familien, die Hōjō, sollten die Region einschließlich Edo für den größten Teil des 16. Jhs. beherrschen. 1486 wurde Ōta von seinem Herrn fälschlich der Illoyalität beschuldigt und kam in Sagami ums Leben. Vermutlich geschah dies, wie unter Samurai üblich, durch die förmliche Übermittlung einer »Einladung« zum Seppuku, dem rituellen Selbstmord durch das eigene Schwert. Ōta Dōkans eingangs zitiertes Sterbegedicht drückt gleichzeitig das Bedauern über das Ende eines so reichhaltig gewordenen Lebens aus, ohne die Haltung der Todesverachtung aufzugeben, die von einem wirklichen Samurai zu erwarten war. Ōta Dōkan ging, aber Burg und Stadt Edo blieben auf der Landkarte. Sie waren zu Orten geworden, in denen es sich zu leben lohnte.
Ōta Dōkan wird, neben Tokugawa Ieyasu, heute als zweiter Stadtgründer von Tōkyō gefeiert, besonders am 1. Oktober, dem offiziellen Stadtgründungstag. 1956 war er sogar die Hauptperson des Gedenkens im Rahmen der offiziellen 500-Jahresfeier des Großraums Tōkyō. Sich auf den Burgbaubeginn unter Ōta Dōkan zu beziehen, mochte günstig sein, um nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs den historischen Bogen weiter zurück zu spannen und der Hauptstadt ein ehrwürdiges Alter zu geben. Seit 1956 also nimmt Ōta Dōkan einen vorderen Platz ein unter den regionalen Heldenfiguren Japans. Zahlreiche Denkmäler, Bücher, Filme und andere Medien legen davon beredtes Zeugnis ab.
Die 15 Shōgune von Edo
Auf dem Weg nach Edo – Tokugawa Ieyasu (1543 – 1616)
Im 16. Jh. wurde das südliche Kantō-Gebiet von mehreren aufeinanderfolgenden Generationen der Familie Hōjō beherrscht. Während das japanische »Zeitalter der kämpfenden Reiche« (Senjoku-jidai) im ganzen Land seinem Höhepunkt zustrebte, gab es im Osten lange ein Patt zwischen den rivalisierenden Fürstenhäusern Hōjō, Uesugi, Takeda und Imagawa. Solche regionalen Fürsten, daimyō, regierten ihre Territorien faktisch unabhängig von Kaiser und Shōgun, deren tatsächlicher Machtbereich kaum noch über die Hauptstadt Kyōto hinausreichte. Schon um das eigene Gebiet zu schützen waren viele jederzeit zum Angriff auf Nachbarn bereit und die Großen fraßen die Kleinen. Als sich ab 1543 die von einigen gestrandeten Portugiesen vorgestellten Feuerwaffen in Japan verbreiteten, beschleunigte sich der Prozess des Fressens und Gefressen-Werdens: Diejenigen Fürsten, die genug Mittel hatten, sich die neue Waffengattung und vor allem das knappe Schießpulver leisten zu können, schalteten immer mehr Rivalen aus und vergrößerten den eigenen Machtbereich, was wiederum ihre Ressourcen vermehrte.
Die Hōjō gehörten dabei zu den größten Fischen im Haifischbecken und wahrten ihre Unabhängigkeit bis 1590. Sie hatten nicht das altehrwürdige Kamakura, sondern das ca. 80 km westlich von Edo/Tōkyō liegende Odawara zu ihrer Residenz und wichtigsten Burgstadt erwählt. Ihr mehrere Provinzen des Kantō umfassendes Territorium sicherten sie durch ein Netzwerk von Nebenburgen, die wiederum eigene Netzwerke mit Satellitenforts und Grenzposten hatten. Edo war eine solche Nebenburg mit eigenem Netzwerk, gehalten von lokalen Vasallen der Hōjō. Augenscheinlich entwickelte sich die Stadt Edo nicht weiter in dieser Zeit, aber der Burg verblieb eine gewisse Bedeutung bei der Sicherung und Verwaltung eines Teils des Hōjō-Landes.
Die Hōjō waren eher nur entfernte Zuschauer, als ein relativ unbedeutender Daimyō namens Oda Nobunaga (1534 – 1582) sich von seiner Heimatprovinz Owari (das Gebiet um die heutige Großstadt Nagoya) aus aufmachte, eine Provinz nach der anderen in Zentral- und Westjapan zu erobern. 1573 setzte Oda Nobunaga in Kyōto den 15. und letzten Shōgun aus dem Hause Ashikaga ab, wonach dieses Amt 30 Jahre lang unbesetzt blieb. Nach Nobunagas dramatischer Ermordung durch einen unzufriedenen Untergebenen 1582 führte ein anderer vormaliger General des Nobunaga die gewaltsame Landeseinigung fort, Toyotomi Hideyoshi (1536 o. 1537 – 1598). Nach der Eroberung und Umgestaltung von Zentral- und Westjapan fielen 1585 Shikoku und 1587 Kyūshū im Süden. Die Hōjō verpassten den richtigen Zeitpunkt, sich Hideyoshi formell zu unterwerfen und so wenigstens einen Teil ihrer Herrschaft zu retten. Hideyoshis gewaltige Militärmaschinerie setzte sich 1590 mit über 200.000 Mann nach Osten in Bewegung. Burg um Burg fiel. Odawara selbst war zu schwach, die Angreifer zur Feldschlacht zu stellen, aber doch zu zahlreich bemannt, um alle Eingeschlossenen lange genug ernähren zu können. So endete die Zeit der Hōjō mit der Kapitulation und dem erzwungenem Selbstmord des regierenden Fürsten.
Das Jahr 1590 kann auch als das folgenreichste in der bisherigen Stadtgeschichte von Edo angesehen werden, denn am 1. Tag des 8. Monats nach dem alten Mondkalender, also zur Mitte des Herbstes, nahm Fürst Tokugawa Ieyasu (1543 – 1616) offiziell Besitz von seinem neuen Lehen, zu dem die Burg Edo gehörte. Ieyasu tauschte auf Wunsch des Hegemons Toyotomi Hideyoshi seine eigenen, weiter westlich entlang der Tōkaidō-Straße gelegenen fünf Provinzen, darunter sein Stammland Mikawa, gegen die acht Provinzen des Kantō ein. Diese waren: Musashi (heute Tōkyō und die Präfektur Saitama), Sagami (Präfektur Kanagawa), Awa (Chiba), Kazusa (Chiba), Shimōsa (Chiba und Ibaraki), Hitachi (Ibaraki), Kōzuke (Gunma) und Shimotsuke (Tochigi).
Die ganze Region war immer noch weniger entwickelt als der Westen, vor allem aber weit entfernt von Kyōto und Ōsaka, der Hauptburg der Toyotomi. Hideyoshi wollte damit den zweitmächtigsten Mann des Landes und potenziellen Rivalen Tokugawa Ieyasu geografisch von sich entfernen und ihn gleichzeitig auf Jahre hinaus mit Aufbau- und Entwicklungsarbeit beschäftigen. Hätte er gewusst, dass Ieyasu nach Hideyoshis Tod 1598 von seiner neuen Machtbasis Edo aus den Weg zum Alleinherrscher antreten und Hideyoshis Erben 1615 endgültig ausschalten würde, hätte er ihn wohl kaum 1590 als neuen Herrn dort einziehen lassen. Natürlich erkannte Ieyasu Edos strategischen Wert sofort. Er wählte den kleinen Ort mit seiner heruntergekommenen Burg statt des alten Kamakura oder Odawara als Hauptstadt, um völlig neu und in grandiosem Maßstab anfangen zu können. Sein bisheriges Leben hatte ihn vieles gelehrt, das er nun umsetzte.
Genauso wenig wie bei Oda Nobunaga und Toyotomi Hideyoshi war in Ieyasus frühen Lebensjahren abzusehen gewesen, dass er einer der »Drei Reichseiniger« Japans werden und seiner Familie die Herrschaft auf 250 Jahre hinaus sichern würde. Zwar war Ieyasu von adliger Abkunft, seine Anfänge waren aber bescheiden. Das kleine Territorium seines Vaters drohte zwischen den Oda und den Imagawa aufgerieben zu werden, und der Hinwendung zu den Imagawa begegneten die Oda 1548 mit der Entführung des sechsjährigen Ieyasu, den sie mit der Exekution bedrohten, falls sein Vater nicht von den Imagawa zu den Oda wechselte. Dieser erwiderte, der Tod seines Sohns würde nur die Ernsthaftigkeit seines Pakts mit den Imagawa unterstreichen. Ieyasu kam drei Jahre später von den Oda los und verbrachte sein 9. bis 15. Lebensjahr als Geisel der Imagawa in deren Hauptstadt Sumpu, die ihm eine standesgemäße Erziehung angedeihen ließen. Tatsächlich schlug der junge Ieyasu von 1555 bis 1560 mehrere Schlachten für die Imagawa, bevor er nach deren Debakel bei Okehazama 1560 Verbündeter, nicht Vasall, des Siegers Oda Nobunaga wurde.
Es verging kaum ein Jahr, das die beiden nicht auf dem Schlachtfeld sah, und im Schatten des Nobunaga wuchs auch die Macht des Juniorpartners Tokugawa Ieyasu. Für dessen eiserne Entschlossenheit, sich und sein Haus nach oben zu bringen und dort zu halten, spricht auch seine Entscheidung 1579, auf Oda Nobunagas Verlangen hin seine eigene, vielleicht zu Unrecht der Konspiration mit dem Feind bezichtigte Frau sowie seinen ersten Sohn Nobuyasu hinrichten zu lassen.
Toyotomi Hideyoshi als neue Nummer eins ab 1582 zu respektieren, fiel Ieyasu allerdings deutlich schwerer und nach einem unentschiedenen Waffengang 1584, bei dem die kleinere Armee des Ieyasu der größeren des Hideyoshi erfolgreich getrotzt hatte, konzentrierte sich Ieyasu auf den Ausbau seiner eigenen Gebiete. Vielleicht war es den Jahren als Geisel in seiner Jugend zu verdanken, dass Ieyasu warten konnte. Die japanische historische Erinnerung konfrontiert die drei Reichseiniger gern mit der Frage »Was tun, wenn ein Vogel nicht singen will?« Der erste, Nobunaga, würde befehlen, den Vogel zu töten. Hideyoshi, der zweite, würde versuchen, den Vogel zum Singen zu überreden, während Ieyasu, der Dritte, einfach abwarten würde. Noch plastischer ist das Bild der drei, wie Nobunaga mühevoll Reis zur Herstellung der Süßigkeit mochi zu Brei schlägt, Hideyoshi ihn gründlich durchknetet und Ieyasu die fertige Süßigkeit schließlich genüsslich verspeist.
1590 lieh Tokugawa Ieyasu dem inzwischen weiter erstarkten Hideyoshi seinen Arm während des Odawara-Feldzugs gegen die Hōjō und vollzog danach den Wechsel nach Edo. Zu Hideyoshis verschwenderischen und letztlich erfolglosen Feldzügen gegen Korea 1592 – 1598 steuerte Ieyasu kaum etwas bei, sondern trieb den Landesausbau im Osten zielstrebig voran. Als der alternde Potentat Hideyoshi 1598 verstarb, als sein Sohn gerade fünf Jahre alt war, wurde Tokugawa Ieyasu zum mächtigsten Mann im Fünferrat, der die Geschicke des Landes für das Kind lenken sollte. Keiner seiner Gegner glaubte, dass Ieyasu wirklich einen weiteren Toyotomi an der Macht sehen wollte, und sie hatten Recht. Die Spannungen entluden sich 1600 im Feldzug von Sekigahara, bei dem Ieyasus hauptsächlich aus dem Osten stammende Armee die im Namen der Toyotomi kämpfende West-Armee zerschlug.
Der zweite Stadtgründer von Edo –
Tokugawa Ieyasu (1543 – 1616)
Tokugawa Ieyasu ergriff im Herbst 1590 Besitz von Edo und begann den Ausbau zu seiner neuen Hauptstadt. Die Burg war in schlechtem Bauzustand und zu klein, es war eine komplette Neuplanung vonnöten. Genau wie bei der Hauptstadt Kyōto waren die geomantischen Voraussetzungen günstig. Wie erforderlich gab es im Osten einen Fluss, im Süden die See, im Westen eine große Straße (die Tōkaidō) sowie im Norden Berge. Das geomantisch bedeutende Problem der spirituellen Sicherung der gefährlichen Nordostecke lösten Ieyasus Nachfolger durch den Bau des Kan’ei-ji-Tempels auf dem Hügel von Ueno (s. Die großen Tempel von Edo – Tenkai, S. 78). Zwar gab es in der Bucht von Edo keine Möglichkeit einen großen Hafen zu erbauen, aber die zahlreichen in sie mündenden Flüsse und Kanäle erlaubten es, an ihnen entlang Anlege- und Umschlagplätze sowie reihenweise Lagerhäuser zu errichten. Die Flüsse von den nördlichen Bergen sicherten die Trinkwasserversorgung, auf der weiten Musashi-Ebene konnten die zur Versorgung von Edo nötigen Lebensmittel erzeugt werden. Verfeinerte Produkte, vor allem Sake, sowie Baumaterialien konnten per Schiff aus dem Westen, besonders aus Ōsaka, herangebracht werden. Ieyasu ernannte zügig Verantwortliche für den Bau und die Bauaufsicht, ließ alles vermessen und die Arbeiten am Kanalsystem von Edo beginnen. Zuerst wurde der Dōsanbori-Kanal zwischen dem Hirakawa-Fluss und dem Haupttor der Burg, dem Ōte-mon, angelegt. Für eine leistungsfähige Trinkwasserversorgung sorgten der Tameike-Teich und die Wasserwerke von Kanda Jōsui. Gleichzeitig entstanden Straßen, Brücken und weitere Kanäle, wobei die Infrastruktur von Anfang an auf Wachstum ausgelegt war. So wurden für herbeiströmende bürgerliche Zuwanderer große Blocks von gut 120 × 120 Metern mit zweistöckigen Häusern nach dem Vorbild von Kyōto angelegt. Die Straßen waren bis zu 18,2 Meter breit, was schon damals zu Diskussionen im Handel führte, ob die große Breite nicht eher vom Shoppen abhalten, als es fördern würde.
Ieyasu war in seinen Entscheidungen von zwei gegensätzlichen Prinzipien geprägt: Einerseits hatte er stets pragmatisch und flexibel agiert und sich rechtzeitig Neuem geöffnet. Dies war in den Turbulenzen des 16. Jhs. notwendig gewesen, um seinem Haus das Überleben zu sichern. In den Jahren ab 1600 stand Tokugawa Ieyasu dann als der mächtigste der Fürsten Japans ganz oben, 1603 wurde er Shōgun und damit der offiziell vom (machtlosen) Kaiser mit der Führung des Landes Beauftragte. Es ging nun nicht mehr darum, die Macht zu erringen, sondern sie zu sichern. Dies tat er mit konservativen Mitteln, um gesellschaftliche Umstürze und den schnellen Aufstieg potenzieller Rivalen zu verhindern. Von nun an sollte jeder in der Gesellschaft seinen Platz kennen und dort verbleiben. Die Teilung der damaligen Gesellschaft in Adel (Samurai), Bauern, Bürgerliche (Kaufleute und Handwerker) sowie Geistliche (Buddhisten und Shintō-Priester) spiegelte sich deutlich in der Zuweisung von Siedlungsbereichen in der Stadt Edo wider. Ieyasus alte Gefolgsleute errichteten ihre Anwesen an strategisch wichtigen Stellen, wie vor dem Haupttor der Burg oder an Flussufern. Andere Samurai ließen sich im Norden und Westen nieder, wo es hügeliger war. Bis heute hat sich die grobe Unterteilung von Edo/Tōkyō in die Bereiche »Yamanote« und »Shitamachi«, erhalten.
Yamanote bezeichnet die etwas erhöht liegenden Viertel vorwiegend im Westen, während sich die »Untere Stadt«, das bürgerliche Shitamachi, im Osten zur Bucht hin erstreckt. Beide sind durch eine Nord-Süd-Linie etwa von Ueno bis Meguro abgegrenzt, aber wegen des hügeligen Terrains gab es von Anfang an auch kleinere Shitamachi-Viertel mitten im Yamanote-Gebiet. Die bürgerlichen Viertel von Shitamachi entstanden im zentralen und südöstlichen Stadtgebiet, bevorzugt an Brücken, Kanälen und an der Bucht. Das zentrale Viertel Honchō lag östlich der Tokiwa-Brücke und differenzierte sich schnell nach Funktionen, etwa in Blöcke für die Holzversorger, andere für die Menschen im Wassertransport-Gewerbe und auch in Märkte. Die Bürgerlichen errichteten an den vier Seiten ihrer Wohnblocks ihre Stadthäuser (machiya), die typischerweise sowohl dem Wohnen als auch dem Erzeugen und Verkaufen von Waren dienten. Auf der Innenseite der Blocks standen Nebengebäude und geschützte Lagerhäuser, ganz in der Mitte des Blocks dann ein kommunaler Bereich mit Latrinen und einem Müllsammelplatz. Tempel und Schreine bekamen oft Areale zugewiesen, die an Hauptstraßen lagen, also gut zu erreichen waren. Diese Areale waren teilweise so groß, dass auch nach der Bebauung Freiflächen übrig blieben, welche die Funktionen zentraler Plätze in europäischen Städten übernehmen konnten, also zum Handel, zu Versammlungen und nicht zuletzt als Rückzugsraum bei Naturkatastrophen dienten. Tagsüber gab es relativ freie Bewegungsmöglichkeiten, nachts aber wurden die Aus- und Zugänge zu den Bürgervierteln geschlossen.
Nach und nach begann ein dichtes Netz von Kanälen die Stadt zu durchziehen. Nach einigen Jahren ging man vom rasterförmigen Stadtplan ab und ordnete alle Viertel spiralförmig an, ausgehend vom Herzen Edos, der gewaltigen Burg. Die Spirale und das Kanalsystem konnten sich immer weiter nach außen entwickeln und die Stadt immer weiter wachsen lassen, selbst in die Bucht von Edo/Tōkyō hinein, wo Landauffüllungsprojekte bis heute immer wieder Neuland schaffen.
Die Burg war das zentrale Element der Stadt, von der aus Shōgun Tokugawa Ieyasu und seine Nachfolger Stadt und Land beherrschten. Ieyasu hätte sich wohl auch für Kyōto als Amtssitz entscheiden können, hielt aber an seiner im Entstehen begriffenen eigenen Hauptstadt fest. Hier lag seine Burg, nicht der Kaiserpalast, im Mittelpunkt, alles richtete sich nach ihr und ihrem ranghöchsten Bewohner aus. Die Viertel der anderen Gruppen der Stadtbewohner lagen um die Burg herum angeordnet, wobei die vielen Kanäle und Gräben primär Teile des Sicherheitssystems der Burg, und erst in zweiter Linie Transportadern für die Wirtschaft waren. Wo ein Brückenbau die Sicherheit der Burg geschwächt hätte, unterblieb er und die Bürger mussten mit Fähren übersetzen. Die Betonung des herrschaftlichen Aspekts in der Stadttopographie entspricht dem patriarchalischen Staatsverständnis der Tokugawa. Die Trennung der sozialen Gruppen verdeutlicht die Ideologie, dass ein jeder an seinen Platz gehöre und soziale Mobilität nicht mehr erwünscht sei. Rangunterschiede zwischen den sozialen Gruppen wurden schon durch die Größe des zugewiesenen Platzes sichtbar: Insgesamt 70 % der zunehmend knapper werdenden Stadtfläche war Fürsten und anderen Samurai vorbehalten, 14 % verschiedenen Tempeln und Schreinen und nur 16 % den Bürgern.
So wurden in den Jahren um 1600 bereits die Grundlagen der Stadttopographie gelegt, die Edo prägen sollte, bis es 1868 zu Tōkyō wurde und die Moderne Einzug zu halten begann.
Als Tokugawa Ieyasu am 01. 06. 1616 im Alter von 73 Jahren starb, vermutlich entweder an Magenkrebs oder an den Spätfolgen einer 1615 vor Ōsaka erlittenen Wunde, hatte er alle seine Rivalen besiegt und überlebt. Bis zur Mitte des 19. Jhs. wagte es niemand die Tokugawa-Shōgune ernsthaft herauszufordern und keine Stadt Japans konnte mit der Hauptstadt Edo gleichziehen, obwohl sich viele Fürsten beim Ausbau ihrer Burgstädte in der Provinz am großen Vorbild Edo orientierten.
Denn sie bauten eine Burg – Tōdō Takatora (1556 – 1630) und Katō Kiyomasa (1561 – 1611)
Der Fürst (daimyō) Tōdō Takatora war genau wie Toyotomi Hideyoshi und Tokugawa Ieyasu ein Produkt des wilden 16. Jhs. Obwohl nur der Sohn eines einfachen Fußsoldaten, arbeitete sich Takatora im Dienste von nicht weniger als zehn aufeinanderfolgenden Herren nach oben. Seine bewiesene Fähigkeit, zu erkennen, wer der Sieger sein würde, führte ihn vor Sekigahara 1600 in das Lager Tokugawa Ieyasus, der vor allem seine Talente als Festungsarchitekt schätzte. In der zweiten Hälfte des 16. Jhs. hatten Heeresvergrößerungen, Arkebusen und schließlich auch schwere Artillerie die herkömmlichen Anlagen aus Holz und Erde obsolet werden lassen. Man brauchte nun weit größere Festungen mit einem mehrere Kilometer langen äußeren Perimeter, um den inneren Kern der Burg außer Schussweite zu halten. Solche Bauten konnten nur in der Ebene entstehen, wo Wasserwege als Gräben umgeleitet werden konnten. Die Mauern wuchsen und wuchsen und wurden nun zunehmend mit großen Steinen eingekleidet. Viele dieser Mauern haben – auch in Tōkyō – Erdbeben und Luftangriffe bis heute überstanden. In Tōdō Takatoras eigener Burg Iga-Ueno waren die Mauern 28 Meter hoch; der Graben seiner Burg Tsu war 100 Meter breit. Takatora war ein Spezialist, der im Laufe seiner langen Karriere am Bau von rund 20 Festungen beteiligt war. Ieyasu und sein Sohn, der zweite Tokugawa-Shōgun Hidetada, vertrauten ihm nacheinander Edo, später die Tokugawa-Residenz Nijo in Kyōto und ab 1620 den Neubau von Ōsaka an.
Tōdō Takatora kannte die bedeutendsten Steinmetze des Landes und verpflichtete sie; gleichfalls schickten die Fürsten des Landes Fachleute, Helfer, Geld und Baumaterialien, wozu sie als Lehnsleute des Shōgun verpflichtet waren. Alle diese Leute mussten untergebracht und versorgt werden, und die Stadt Edo wuchs weiter. Die Arbeiten waren gigantisch, selbst für einen Meister wie Takatora, denn der Untergrund bestand nicht aus Fels, sondern aus Marschland. Immer wieder fielen fertige Mauersegmente ein und begruben die Arbeiter unter sich. Schließlich kam Fürst Katō Kiyomasa, wie Takatora eine Art lebende Legende der vorangegangen Sengoku-Zeit, auf die rettende Idee: Er ließ Arbeiter große Mengen von Schilf auf dem sumpfigen Untergrund anpflanzen und lud dann immer wieder Kinder ein, auf dem Schilf zu spielen. Nach und nach wurde das Schilf lagenweise niedergetrampelt und bot einen besseren Baugrund für die Mauern. Eine bemerkenswert feinfühlig anmutende Lösung für einen alten Haudegen wie Katō Kiyomasa, der Dichtkunst als verweichlicht abtat und Aussprüche tätigte wie den folgenden: »Die Pflicht des Samurai ist einfach, das Schwert in die Hand zu nehmen und zu sterben«.
Der Bauplan der Burg sah eine spiralförmige Anlage wie bei der Stadt selbst vor. Innen bzw. oben lag der Haupthof mit dem größtem Bergfried-Komplex (daitenshu mit mehreren Nebentürmen), der je in Japan geplant wurde. Der Plan war revolutionär. Der sechsstöckige Hauptturm sollte 44,3 Meter in der Höhe messen und auf einer 20 Meter hohen Basis aus Steinen ruhen. Diese Bergfriede waren die weithin sichtbaren Symbole der Macht ihrer Besitzer, vielleicht vergleichbar mit der Demonstration der göttlichen Macht durch hohe Kirchtürme im mittelalterlichen Europa. Gebaut wurde bis 1622 eine mehr den Friedenszeiten angepasste etwas kleinere Version des Hauptturms, die noch im 17. Jh. einem Feuer zum Opfer fiel, aber die Macht des Shōgun war auch so weithin sichtbar. Inzwischen überlegt man in Tōkyō, den hölzernen Hauptturm zur Olympiade 2020 originalgetreu wieder aufzubauen. Mehrere befestigte, größtenteils erhaltene Höfe, die jeweils die Größe einer eigenen Burganlage hatten, Palastbauten sowie Büros, Unterkünfte, Ställe und Magazine beherbergten, gruppierten sich um den eigentlichen Haupthof herum. Das Gelände war von 16 Kilometern Außenmauer umfasst und hatte 36 befestigte Tore an Kanälen und Gräben. Die Mehrzahl der bürgerlichen Bewohner von Edo konnte nicht hoffen, jemals in ihrem Leben in das Innere der Burg hineinzugelangen.
Erst 1640 wurde unter dem dritten Shōgun Iemitsu, 50 Jahre nach Beginn, der Bau der Burg Edo abgeschlossen. Die meisten Planer und Handwerker der ersten Generation waren gar nicht mehr am Leben. So war Tōdō Takatora 1630 nach weiteren Bauprojekten als wohl dotierter Fürst von Tsu gestorben. Katō Kiyomasa war als Fürst von Kumamoto sogar noch wohlhabender gewesen, aber wie ein Vorbote der kommenden friedlicheren Zeiten war ihm ein Tod auf dem Schlachtfeld nicht vergönnt. Er starb 1611 etwas überraschend nach einer kurzen Krankheit.
Der Ausbau von Edo und die Festigung der Macht – von Ieyasu bis zum vierten Shōgun Ietsuna (1641 – 1680)
Auf Tokugawa Ieyasu folgte schon 1605 sein Sohn Hidetada im Amt des Shōgun, der 1621 von seinem Sohn Iemitsu abgelöst wurde. Als Tokugawa Yoshinobu 1867 zum Rücktritt gezwungen wurde, war er als fünfzehnter Tokugawa-Shōgun zugleich der letzte Shōgun überhaupt.
Von Ieyasus Nachfolgern existieren zwar einige, aber oft nicht wirklich biographisch erhellende Zeugnisse. Sie lebten in der Burg Edo und standen an der Spitze aller Samurai und damit des ganzen Landes. Ihre Macht war im Prinzip so groß, dass europäische Besucher sie oft mit dem Kaiser in Kyōto verwechselten, dessen Bedeutung sich praktisch in seiner Funktion als Quelle der Legitimität erschöpfte. Buchstäblich zu Gesicht bekamen nur wenige einen Shōgun, weil fast alle Menschen sich tief vor ihm zu verneigen hatten und der Herrscher meistens hinter Vorhängen vor den Blicken der Besucher verborgen blieb. Die konfuzianisch geprägten Regeln des Tokugawa-Staats verboten es japanischen Autoren sich in irgendeiner Weise kritisch oder auch nur pointiert zu politischen Fragen oder gar der Person eines Shōgun zu äußern. Die offiziellen Chroniken, die Tokugawa jikki, enthalten natürlich entsprechend regierungsamtlich geprägtes Material. Glücklicherweise waren ausländische Besucher in ihren Briefen, Tagebüchern und gewichtigeren Werken freier in ihren Äußerungen. Nach Lage der Dinge kamen unter den Europäern seit der Mitte des 17. Jhs. nur Mitarbeiter der VOC, der Vereinigten Niederländischen Ostindien-Kompanie, im Rahmen regelmäßiger offizieller Besuchsreisen nach Edo, die der jeweilige Leiter der VOC-Faktorei von Nagasaki aus mit Begleitern durchführte.
Zu den gebildetsten dieser Männer gehörte Isaac Titsingh (1745 – 1812; 1779 – 1784 in Japan), der nicht nur zweimal zum Hof nach Edo reiste, sondern dank guter japanischer Kontakte viel einheimisches Material sammeln konnte, aus dem er ein kolossal anmutendes Standardwerk über das damals im Westen relativ unbekannte Japan machen wollte. Seine weitere Karriere und sein dandyhaftes Leben verhinderten dies, aber nach Titsinghs Tod erschien unter Mitwirkung des Berliner Professors Julius Heinrich Klaproth in Paris ein Destillat, das, zuletzt als Secret Memoirs of the Shōguns auf Englisch herausgegeben, interessante und einmalige biographische Angaben bis hin zum elften Shōgun Ienari enthält.
Auf die übermächtige, schließlich definierte Dynastiegründergestalt Tokugawa Ieyasu folgte, wie bereits erwähnt, sein dritter Sohn Hidetada (1605 – 1623). Hidetadas Regentschaft wurde vom dauernden Einfluss seines übermächtigen Vaters überschattet, dessen Vertrauen in den Sohn angeschlagen war, seit dieser zur Entscheidungsschlacht von Sekigahara 1600 zu spät erschienen war. Andererseits konnte Ieyasu als noch lebender Ex-Shōgun und sogar als Verstorbener zur Sicherung seiner Dynastie beitragen. In Hidetadas Regentschaft fällt der weitere konsequente Ausbau von Edo. Auch Hidetada (gestorben 1632) dankte vorzeitig ab, um seinem neunzehnjährigen Sohn Iemitsu (1623 – 1651) als Ōgosho (Ehemaliger Shōgun) den Rücken zu stärken. Dessen Regierungsjahre fallen zusammen mit der Beschränkung der europäischen Präsenz auf die Holländer in Nagasaki (Sakoku-Edikte) sowie einer drakonischen Christenverfolgung im ganzen Land. In Edo wurde ein kirishitan yashiki (etwa: Christen-Residenz) genanntes Gefängnis errichtet für insgesamt zehn Missionare, die trotz der Verbote noch in Japan waren oder neu kamen. Die Lebensverhältnisse in diesem Gefängnis müssen erträglich gewesen sein, Pater Giuseppe Chiara etwa lebte dort von 1646 bis 1685 und Giovanni Battista Sidotti (1668 – 1715) war dort Gesprächspartner des berühmten Gelehrten und Staatsmanns Arai Hakuseki (s. Der Historiker Arai Hakuseki, S. 82). 1792 wurde das Gefängnis aufgelöst, heute erinnern ein Straßenname und eine Gedenktafel in Kohinata im Bezirk Bunkyo-ku an die Einrichtung.
Weniger glimpflich kamen die japanischen Konvertiten von Edo davon. Schon zu Amtsantritt von Iemitsu wurden 50 Christen öffentlich verbrannt. Spitzel des Shōgunats forschten Samurai und Bürger aus, und alle Stadtbewohner mussten sich in die Gläubigenregister der buddhistischen Tempel eintragen. Blieb ein Verdacht, wurden sie gezwungen, auf Christus- oder Marienbilder, die meistens aus Metall waren und in ihrem abgetretenen Zustand heute noch zu den Sammlungen einiger japanischer Museen gehören, herumtrampeln. Diese Praxis nannte man fumie. Wer sich weigerte, wurde, oft unter der Aufsicht ehemaliger Christen, Verhören und äußerst grausamen Folterungen unterworfen. Zahlreiche Gläubige wurden hingerichtet.
Die Ausrottung des Christentums war so drastisch, dass der amerikanische Historiker George Elison 1973 das Wort »Endlösung« (final solution) als Überschrift für das sie betreffende Kapitel in seinem Buch Deus Destroyed wählte.
Der vierte Shōgun Ietsuna (1651 – 1680) folgte seinem Vater als Zehnjähriger auf den Thron. Obwohl insgesamt fünf Regenten die Staatsgeschicke lenkten, kam die Tokugawa-Dynastie in Bedrängnis. In Edo hatte sich ein Problem mit herrenlosen Samurai, den rōnin, entwickelt. Die häufigen Machtwechsel und Enteignungen in den Fürstenhäusern hatten jedes Mal Hunderte, wenn nicht Tausende von stellungslosen Samurai produziert, von denen viele in der Hauptstadt ihr Glück suchten, und dies keineswegs immer auf gewaltlose Art. Zu Beginn von Ietsunas Amtszeit verdichteten sich die Unruhen zum sog. Keian-Aufstand, auch als Tosa-Verschwörung bekannt. Eine Gruppe von Rōnin unter Führung von Marubashi Chūya und Yui Shosetsu plante, die Stadt Edo anzuzünden, um in der folgenden Konfusion in die Burg des Shōgun einzudringen und diesen zu ermorden. Neben der Not der Rōnin war auch eine alte Rachegeschichte, die einen ehemaligen Fürsten der Provinz Tosa betraf, mit im Spiel. Stümperhafte Ausführung und Verrat erlaubten den Machthabern, den Plan zu entdecken und die Beteiligten hinrichten zu lassen.
Wenige Jahre später brannte Edo aber wirklich. Im ersten Monat des Jahres 1657, als Trockenheit und Wind den Funkenflug begünstigten, verwüstete die als Meireki-Feuer bekannte Katastrophe die Stadt des Shōgun. Zerstört wurden weite Teile der Burg, 160 fürstliche Residenzen, 770 Residenzen von hochrangigen Samurai der Tokugawa (Hatamoto), 350 Tempel und Schreine sowie rund 50.000 Bürgerhäuser – mehr als die Hälfte der Stadt, deren Einwohnerzahl gleichzeitig um 108.000 Brandopfer sank. Erstaunlicherweise konnte Sh-Ōgun Ietsuna nur zwei Jahre später schon einer Zeremonie zur Einweihung des Stadtneubaus beiwohnen. Diese kurze Spanne erklärt sich auch aus dem Übergang von der reichhaltig im Momoyama-Stil verzierten, eleganten Stadt des Tokugawa Ieyasu zu preiswerterem und weniger prunkvollem Bauen.
Die Straßen Edos waren nun von den dunklen Farbtönen nicht-bemalten Holzes, dem Weiß und Beige von Verputz sowie dem Graublau der Dachziegel geprägt. Auf den kostspieligen Wiederaufbau des Bergfrieds der Burg verzichtete man ganz, dessen steinerner Sockel bis heute leer steht. Während Fürsten und Samurai ihre Vasallen und Diener zur Wiederaufbauhilfe heranziehen konnten, hatten wohlhabendere Bürger ihren wichtigsten Besitz und ihr Vermögen als Startkapital in der Regel in feuerresistenten Lagerhäusern hinter ihrem Wohnhaus gesichert, den sogenannten kura, von denen heute noch viele in ganz Japan zu sehen sind. Da in Edo ohnehin jede Generation damit rechnen musste, dass ihr Viertel einmal abbrannte, war man vorbereitet und investierte nicht in Architektur, die für eine Ewigkeit gedacht war. Edo war eben, so der Historiker Nishiyama Matsunosuke, der Doyen der Edo-Forschung, »eine Stadt von Kriegern, Bürgern, Feuern und erzwungenen Umzügen«.
Engelbert Kaempfer aus Lemgo und der Hunde-Shōgun Tokugawa Tsunayoshi (1646 – 1709)
Der Pastorensohn Engelbert Kaempfer (1651 – 1716) stammte aus dem westfälischen Lemgo und war auf verschlungenen Wegen in den Privataudienzsaal des Shōgun Tokugawa Tsunayoshi (Regierungszeit 1680 – 1709) gelangt. Zur Schule und Universität war er in Lüneburg, Lübeck, Danzig, Krakau, Königsberg und Uppsala gegangen und hatte Philosophie, Sprachen, Geschichte, Naturgeschichte und Arzneikunde (Medizin) belegt. Diese umfassende Bildung war die Grundlage für sein vielfältiges, ja universales Interesse, das es ihm ermöglichten sollte, Autor des bis ins 19. Jh. unbestritten bedeutendsten westlichen Standardwerks über das geheimnisvolle Japan zu werden. Nachdem Kaempfer in schwedischen, russischen und persischen Diensten gewesen war, trat er 1690 die Stelle als Faktoreiarzt bei den Niederländern in Nagasaki auf der künstlichen Insel Deshima an. 1691 und 1692 reiste er zweimal mit dem Leiter der Faktorei nach Edo, um dem Shōgun die Aufwartung zu machen. Kaempfer verdanken wir einen sehr raren Einblick in den Palast des Shōgun. Zunächst wurde der Faktoreileiter Hendrik van Buijtenhem hereingerufen.
Kaempfer berichtet: »Kaum wahr er verschienen, alß man überlaut rieffe: Hollanda Capitain! zu einem Zeichen, daß er herbeÿ treten und die Reverentz des Homagii ablegen sollte; worauf er zwischen den Ort der rangierten Geschencke und dem hohen Sitzplatz seiner Majestät, so weit man ihme anwiese, auf händen und Knieen herbeÿ kroche, und auf dem Knie liegende, das haupt auf den boden neigte, und in selbiger positur wie ein Krebß, ohne die geringste wortwechselung wieder zurück kroche … Nicht anders geht es zu mit der jährlichen Audientz grosser landesherren, welche ebenfalles nach abgeruffen ihren Nahmen, mit stillschweigen einen gleichen reverentz zu bezeugung Ihrer demut und gehorsams ablegen, und wieder rücklings davon kriechen müssen.«
Damit endete die formelle Audienz, ohne des Shōguns Gesicht gesehen oder seine Stimme gehört zu haben. Anschließend wurden die Holländer aber ungewöhnlicherweise zu einer zweiten, privaten Audienz geführt, wo sie auch dem »kaiserlichen frauen Zimmer« (Kaempfer schreibt aus Unkenntnis der Machtverteilung im Lande wie andere Europäer auch »Kaiser«) und »curieusen Printzessinnen kaiserlichen Geblüets« »zur Speculation und ergötzlichkeit« vorgestellt wurden. Shōgun, Frauen und Staatsräte saßen leicht erhöht und waren durch eine Jalousie verdeckt, während die Holländer zwei Stunden lang Fragen beantworten, singen, Tänze vorführen und sogar »trunken Mann spielen« mussten (Kaempfers Kommentar: »Affenstreiche«). Hier nun erheischt Kaempfer zweimal einen Blick auf die Gemahlin des Shōgun, »dero Gesicht ich beÿ krümmung der Matten 2 mahl erblickte, als ich auf des Kaÿsers begehren dänzete, und beÿ Ihr eine braunliche runde schöne Gestalt mit Europæischen schwartzen Augen, voller feuer und vigeur wahrgenommen, und nach proportionen ihres haupts eine grosse Dame von etwa 36 Jahren zuseÿyn gemuhtmasset.« Von dieser Dame werden wir am Ende des Lebens von Shōgun Tsunayoshi noch einmal hören! Über den Shōgun selbst kann Kaempfer nur berichten, dass er »mit gelinder Stimme hervor brachte, alß wolle Er nicht über laut gehöret seÿn.«
Tokugawa Tsunayoshi, geboren 1646, Verantwortlicher für mehrere dieser ungewöhnlichen zweiten Audienzen mit den Holländern, war mit 34 Jahren seinem älteren Bruder Ietsuna als Shōgun gefolgt. Trotz der erhabenen Inszenierung seiner Majestät ist er in der japanischen kollektiven Erinnerung eher unvorteilhaft als der »Hunde-Shōgun« bekannt.
Dabei hatte seine Herrschaft vielversprechend begonnen. Belesen, in konfuzianisch-patriarchalischer Manier um das Wohlergehen seiner Untertanen besorgt, entzog er insgesamt 46 Fürsten ihre Lehen ganz oder teilweise wegen Missregierung, bannte die in Edo blühende Prostitution sowie Kleiderluxus und erteilte seiner Regierung den Auftrag, den allgemeinen Lebensstandard anzuheben. 1691, im Jahr von Kaempfers erstem Besuch, gründete er in Edo die neokonfuzianische Akademie Yushima Seidō, die Isaac Titsingh als »Universität« bezeichnet. Die fünf Werte Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Ethisches Verhalten, Weisheit und Güte sowie die Betonung väterlicher Autorität sollten Regierungsmitarbeitern wie dem einfachen Volk nahegebracht werden. Doch übertrieb Tsunayoshi den religiös begründeten Eifer, als er ein »Gesetz zum Mitleid gegenüber Lebewesen« erließ, das zum Beispiel den Verkauf von Vögeln und Schildkröten als Nahrungsmittel untersagte und besonders Hunde geradezu zu »Heiligen Kühen« machte. Tsunayoshi selbst war im Jahr des Hundes geboren worden und ließ nun jede Grausamkeit gegenüber Hunden mit Strafen bis hin zum Tod belegen. Bald war die Stadt angefüllt von wilden Hunden, von denen 50.000 in ein Gehege in der Vorstadt transportiert wurden, wo sie auf Staatskosten mit Fisch und Reis gefüttert wurden (Bauern und Tagelöhner in Edo hatten oft nur Hirse als Hauptnahrungsmittel). Das Leben in Edo war hart genug für die meisten Bewohner und an Hunde gab es nichts zu verschenken. Die öffentliche Stimmung verschlechterte sich, weshalb es leicht war den erneuten, auch von Kaempfer bezeugten Brand von 1692, den Taifun von 1706 und den Ausbruch des Fuji 1707 als schlechte Zeichen zu deuten.
Tsunayoshis Ende kam aber infolge einer anderen Leidenschaft. Wie in vielen historischen Kriegergesellschaften war es zwar im feudalen Japan durchaus nicht unüblich, sexuelle Beziehungen zu Männern zu unterhalten, aber Tsunayoshi ging zu weit, als er sich 1709 entschloss, seinen aktuellen Liebhaber, den Sohn des Fürsten von Kai, zu seinem offiziellen Nachfolger zu ernennen. Die Legitimität der Tokugawa-Dynastie hing von der Erbfolge ab, und ein solcher Tabubruch hätte der Anlass zu einem neuen Bürgerkrieg werden können. Nachdem alle Überredungsversuche scheiterten, nahm es Tsunayoshis Frau, selbst die Tochter eines Kaisers, auf sich, ihn am Vortag der Proklamation im Ōoku, dem Frauenteil des Palastes in der Burg, zu erdolchen, bevor sie sich mit derselben Waffe das eigene Leben nahm. Ob es sich dabei um dieselbe Dame mit »schwarzen Augen voller Feuer und Vigeur« handelte, der Kaempfer begegnet war, wissen wir leider nicht genau. In Titsinghs dramatischer Schilderung weist Tsunayoshi die beschwörenden Bitten seiner Frau mit den Worten »Das Reich gehört mir! Ich werde tun, was mir gefällt!« zurück. Genau an dieser Stelle irrte der Hunde-Shōgun. Die meisten Shōgune nach Ieyasu hatten genauso wenig wie andere Fürsten persönlich absolute Macht. Sie standen der Regierung als Symbol und Quelle der Autorität vor und konnten gelegentlich eigene, sogar auch eher seltsame Ideen umsetzen. Letztlich lenkten die Geschicke des Reichs in der Regel hohe Regenten, Vorsteher des Haushalts und Verwandte des Shōgun, wie unter Tsunayoshi zuerst Hotta Masatoshi, später Yanagisawa Yoshiyasu und bis 1705 auch seine kluge Mutter Keishōin. Wenn der Shōgun den Kern seiner Pflichten – den Erhalt der Macht des Hauses Tokugawa – in Gefahr brachte, begab er sich auf dünnes Eis. In den drei Hauptlinien der weit verzweigten Familie Tokugawa war stets geeigneter Ersatz zu finden.
Einschränkend muss aber noch erwähnt werden, dass die Geschichte der Ermordung des Shōgun mit ihren spektakulären Details natürlich nicht in den offiziellen Geschichtsbüchern verzeichnet ist – sie gehörte wohl zu den Gerüchten, die Titsinghs japanische Gewährsleute berichteten; ein Gerücht allerdings, das sich den größeren Teil eines Jahrhunderts gehalten hatte.
Der gerechte Shōgun Yoshimune (1684 – 1751)
Der sechste Shōgun, Tokugawa Ienobu (geboren 1662, im Amt 1709 – 1712) war Tsunayoshis Neffe. Er beeilte sich, die Tierschutz-Gesetze seines Vorgängers zu widerrufen und eine große Amnestie zu verkünden. Ienobus Tutor, der berühmte Gelehrte Arai Hakuseki (s. Der Historiker Arai Hakuseki, S. 82), stand hinter mancher menschenfreundlichen, im besseren Sinne konfuzianischen Entscheidung des Shōgun.
Auf Ienobu folgte 1712 als siebter Tokugawa-Shōgun der vierjährige Ietsugu. Wie sein Vater Ienobu war er kränklich veranlagt und starb bereits 1716. Arai Hakuseki und Manabe Akifusa führten de facto die Regierung und gingen 1714 ein schon lange bestehendes Problem an: Die Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität um rund 60 % in den letzten 100 Jahren hatte, außer bei Missernten, zu einem Überangebot an Reis geführt, das auf den Preis drückte. Samurai aller Ränge wurden aber auf Reisbasis bezahlt, meistens in einer Mischung aus Bargeld und Reis, für den sie seit langem immer weniger Geld oder Waren bekamen. Ihre kostspieligen gesellschaftlichen Pflichten waren aber die gleichen geblieben, was zu Verschuldung führte. Arai Hakuseki beschwor den kindlichen Shōgun mehrfach, seinen Finanzminister Ogiwara Shigehide zu entlassen, dessen Politik der wiederholten Geldentwertung durch Münzverschlechterung ihm ein Dorn im Auge war.
Einen Monat vor dem Tod des Shōgun hatte Arai Erfolg. Der Abfluss von Edelmetall durch den Handel mit Chinesen und Holländern sollte reduziert, die heimische Produktion von sonst importierten Gütern wie Seide und Arznei angekurbelt werden. Zu diesen merkantilistischen Maßnahmen trat eine Rückkehr zur guten Münze von früher, was den langfristigen und wohl eigentlich nicht erwünschten Effekt hatte, die finanzielle Position der bürgerlichen Kaufleute gegenüber den sozial weit höher gestellten Samurai zu stärken. Das 18. Jh. in Edo gehörte auch kulturell zunehmend den Bürgerlichen, während der Schwertadel mit Einkommensverlusten und Schulden zu kämpfen hatte.
Neben Tokugawa Ieyasu selbst wird der achte Shōgun Yoshimune (1716 – 1745) zu den bedeutendsten im Amt gezählt. Geboren 1684, war er ganz anders als seine drei direkten Vorgänger, die die Bedeutung von neokonfuzianischer Gelehrsamkeit für einen Shōgun und seine Regierung betont hatten. Yoshimune war Samurai durch und durch; und da es im 18. Jh. keine Kriegszüge mehr anzuführen gab, widmete er sich den Kampfkünsten, der Jagd und der Falknerei. Als ehemaliger Fürst von Kii, also Oberhaupt einer der drei Hauptlinien der Tokugawa (die anderen waren Owari und Mito), eilte ihm ein Ruf als Macher voraus. Ienobus und Ietsugus gelehrte Berater Arai und Manabe entließ er sofort, wodurch er den lähmenden Antagonismus zwischen den persönlichen Beratern der alten Shōgune sowie den fünf Mitgliedern des Großen Rats, dem traditionellen Herzstück der Tokugawa-Regierung, aufhob. Die Mitglieder des Großen Rats waren Fürsten aus der Gruppe der fudai, den »inneren« Fürsten, die den Tokugawa schon lange treu gedient hatten. Trotzdem überließ Yoshimune diesen Herrschaften die Regierung nicht allein; er sprach auch mit niederrangigen Würdenträgern, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen, falls ihm dies nicht sein eigener Geheimdienst, die 20 Männer des oniwaban, vermittelte. Seit 1721 ließ er dreimal pro Woche einen Zettelkasten für Verbesserungsvorschläge vor dem Obersten Gericht aufstellen, was den Bürgern von Edo das erste Mal seit langem das Gefühl gab, der Shōgun nehme Anteil an ihrem Los. Durch diese Eingaben erfuhr Yoshimune von Verfehlungen seiner Regierung und konnte einige korrigieren.
Keine Geschichte aus seiner Amtszeit verdeutlicht mehr den Geist der Gerechtigkeit seiner Herrschaft als die von Ōoka Echizen, dem legendären Stadtmagistraten von Edo (s. Edos legendärer Richter Ōoka Echizen, S. 129). Yoshimune revitalisierte die Verwaltung, indem er viele Positionen und mit ihnen verbundene Einkünfte nicht mehr nach feudalen Prinzipien vergab, also lebenslang und oft genug vererbbar, sondern auf Zeit und nur für diese mit den höheren Einkünften versehen – der erste Schritt in Richtung einer regulären Besoldung in einem neuen System, in dem die Begabtesten und nicht die Erbberechtigten gefördert werden. Effektivität und Professionalität hielten in einem gewissen Rahmen Einzug in die Burg Edo. Trotzdem blieben alle Posten in der Verwaltung weiterhin den Samurai vorbehalten. Über Mizuno Shobei, den Yoshimune bis zum Hauptmann der Wache in den Privatquartieren des Shōgun beförderte, erzählt Isaac Titsingh die Anekdote, dass eines Tages beim Shōgun getanzt wurde und einer der Staatsräte den Hauptmann der Wache fragte, ob einer seiner Männer sich mit Musik auskenne. Darauf erwiderte Mizuno: »Meine Männer kennen sich mit militärischen Dingen aus, wie es ihr Beruf erfordert. Von Musik hat keiner eine Ahnung.« Diese professionelle, wenn auch undiplomatische Aussage wurde mit Anerkennung aufgenommen.
Den Großen Rat, der selbst einem Shōgun seinen Willen aufzwingen konnte, ließ Yoshimune in den 1720ern einfach aussterben. Privater und auch staatlicher Luxus wurden bekämpft, wobei Yoshimunes Auffassung von notwendigem frugalen Lebensstil selbst den diesem eigentlich zugeneigten konfuzianischen Gelehrten zu weit ging. Immerhin gelang dem Shōgun dadurch die Rückkehr zur guten Münze binnen vier – nicht 20 – Jahren wie Arai Hakuseki es geplant hatte. Zwar musste 1736 die Gold- und Silberwährung erneut verschlechtert werden, das Prägen großer Mengen von Kupfermünzen stabilisierte die Lage aber langfristig. Hinzu kamen unter Yoshimune bedeutende Reformen im Rechtswesen und bei der Lokalverwaltung, die viele alte Zöpfe abschnitten. Die Staatsfinanzen wurden in den 1740ern saniert, indem Bauern in Westjapan höhere Abgaben zu zahlen hatten – in den Worten des Superintendanten des Finanzwesens, Kan’o Hirahide: »Bauern und Ölsamen sind sich sehr ähnlich: je mehr man sie drückt, desto mehr geben sie her.« Günstigerweise lebten diese Bauern fern der Hauptstadt Edo, der es im Allgemeinen wirtschaftlich gut ging.
Yoshimune verkörperte den Typ des wohlwollenden Tyrannen – er baute seine Macht konsequent aus in der Überzeugung, dass sie, wenn weise eingesetzt, das Beste wäre, was Stadt und Land widerfahren könnte. Die harschen Realitäten des Shōgunats, das letztendlich ein Militärregime war, überdeckte er durch patriarchalische Güte, die ihm Loyalität sicherte. Wiederum Titsingh berichtet, dass einer von Yoshimunes Leibwächtern tief beschämt und beunruhigt war, weil es ihm nie gelang, auf den Jagdexpeditionen seines Herren einen Vogel zu treffen. Dies blieb auch Yoshimune nicht verborgen, und nach einem letzten traurigen Versuch bei der Vogeljagd ließ er bei der Heimkehr den ganzen Zug auf der Neuen Brücke zum Tigertor (Toranomon) zur Burg anhalten. Der Shōgun hieß den unglücklichen Schützen, ihm mit seinem Bogen einen Karpfen im Burggraben zu schießen. Dieser wimmelte nur so von Fischen – der stolze Mann konnte dem Shōgun einen selbst erlegten Karpfen überreichen. An den Ort des Geschehens erinnert heute noch der Name der U-Bahn-Station Toranomon. Dieses Tor war das südlichste, und ist zusammen mit dem äußeren Perimeter der Burg schon vor langer Zeit der städtischen Entwicklung von Tōkyō zum Opfer gefallen.
Der gerechte Shōgun Yoshimune selbst ging 1745 in den Ruhestand. Die letzten sechs Jahre seines Lebens waren aber zunehmend von Krankheit überschattet.
Die unfähigen Shōgune Ieshige, Ieharu und Ienari und der »charismatische Bürokrat« Matsudaira Sadanobu (1759 – 1829)
Yoshimunes Sohn Ieshige (1711 – 1761, Regierungszeit 1745 – 1760) wurde als Fünfunddreißigjähriger der neunte Shōgun. Die Historie bezeichnet ihn als einen der am wenigsten fähigen Tokugawa-Shōgune, Isaac Titsingh als nicht gesund schon bei Amtsantritt wegen einer »ungeordneten Leidenschaft für Frauen und stark alkoholhaltige Getränke«. Die Bevölkerung sprach (hinter vorgehaltener Hand) über Ieshige als anpontan, was mehr oder weniger »Dummkopf« bedeutet. Auch dem zehnten Shōgun Ieharu (geboren 1737, Regierungszeit 1760 – 1786) wurde von einem Holländer, Jan Crans, Faulheit, Dummheit und Lüsternheit unterstellt. Trotzdem lief die vom achten Shōgun Yoshimune überholte Regierungsmaschine jahrelang gut weiter, bis sich kritische Stimmen und lokale Bauernaufstände zu häufen begannen. Die wirtschaftliche und soziale Dynamik des Landes hatte sich seit 1603, dem Beginn des Shōgunats, stark verändert. Nirgendwo war das stärker zu spüren als in der Metropole Edo, aber die konservative Obrigkeit fürchtete Neuerungen und reagierte daher zunehmend unzureichend.
Der Anfang der Regierung des elften Shōgun Tokugawa Ienari (1773 – 1841, Regierungszeit 1787 – 1837) war geprägt von der Dominanz des Fürsten Matsudaira Sadanobu (1759 – 1829), eines Verwandten des jungen Herrschers. Diesem Shōgun wird nachgesagt, im Frauenquartier der Burg Edo, dem abgeriegelten Ōoku, rund 900 Frauen gehabt zu haben, mit denen er mehr als 75 Kinder zeugte, die kostspielig versorgt werden mussten. Matsudaira Sadanobu war aus ganz anderem Holz geschnitzt. Geboren in der Burg Edo in eine Nebenlinie der Tokugawa, kam er aus einem Haus, das Wert auf männliches Auftreten und moralische Lebensführung legte. Sein Vater Munetake war ein Sohn des achten Shōgun Yoshimune, war aber zugunsten des dekadenten Ieshige übergangen worden. So bereitete Munetake seinen Sohn Sadanobu mit einer überaus gründlichen Erziehung darauf vor, die nächste Chance auf das höchste Staatsamt zu ergreifen. Doch auch Sadanobus erhoffte Adoption durch Shōgun Ieharu scheiterte. Stattdessen wurde Sadanobu von den Matsudaira von Shirakawa adoptiert.
Adoptionen von Söhnen als Ersatz für fehlende Erben waren in den besitzenden Familien weit verbreitet; eine Fürstenfamilie ohne Erben lief Gefahr, ihres gesamten Lehens verlustig zu gehen. Für die abgebende, söhnereiche Familie war das nicht selten mit handfesten Vorteilen verbunden. So wurde der ehrgeizige Sadanobu 1783 Fürst von Shirakawa, und 1787 war er ganz oben angekommen, als er noch vor seinem 30. Geburtstag unter dem gerade fünfzehnjährigen Shōgun Ienari den neuen Posten des Obersten der Großen Räte (rōjū shūseki) übernahm, also eine Art von Premierminister wurde, dazu offizieller Berater des Shōgun (hōsa), ein Posten, der 150 Jahre vakant gewesen war. Alle Reformen mussten mit der verkrusteten Regierungsbürokratie beginnen, und hier war ein charismatischer Mann gefragt (Charismatic Bureaucrat ist der Titel von Sadanobus moderner Biographie von Herman Ooms). Sadanobu wurde zum Architekten der Kansei-Reformen. Kansei bedeutet in etwa »milde Regierung«, aber tatsächlich war seine Regentschaft das Gegenteil. Zuerst entledigte er sich seiner Gegner in der Regierung. Sein Geheimdienst nahm Edo und die Provinzen in den Griff und verbreitete Furcht. Informanten und Denunzianten konnten auf reichen Lohn hoffen. Matsudaira Sadanobu sah den Staat der Tokugawa fatal bedroht und kämpfte um dessen Überleben. Eine ungewöhnliche Häufung von Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Missernten und Bränden hatte Japan in Unruhe versetzt. 1786 gab es 57 Bauernaufstände, 1787 Aufstände sogar in Edo und 1788 insgesamt 117 Revolten. Allein im Bezirk Kuramae in Edo, wo gut gefüllte Lagerhäuser standen, fielen hungrige Massen über fast 1.000 kura her und plünderten sie. Sadanobu ordnete an, dass die allzu lasch gewordenen Samurai der Tokugawa verstärkt Kampfkünste zu trainieren hätten und der ganzen Gesellschaft verordnete er zur »Gesundung« strikt orthodox konfuzianische Werte. Er ließ andere philosophische Richtungen als Häresie brandmarken und bannte »Pornographie«, was zur Verfolgung einer Reihe prominenter Autoren und Künstler in Edo führte, die sich vor den Zensoren der Regierung in Acht nehmen mussten.
Andere Maßnahmen, die Edo betrafen, erscheinen aus heutiger Sicht sinnvoller: So gab die Regierung Bauern aus verwüsteten Dörfern, die in der Hoffnung auf ein Auskommen in die Hauptstadt geflutet waren, Reisegeld, Werkzeug und teils sogar Land, wenn sie in die Provinz zurückkehrten, wodurch die Agrarproduktion gestärkt und die Spannungen in Edo gemindert wurden. Trotzdem zogen viele ehemalige Bauern eine marginale Existenz in der Hauptstadt der Schufterei auf dem Lande vor. Für Wohnungslose richtete Sadanobu ein Wohn- und Arbeitshaus in Ishikawajima ein, das aber verhasst war selbst bei den Ärmsten wegen der Zwangsarbeit und ungenügenden Ernährung und Kleidung.
Auch am anderen Ende der Einkommensskala in Edo wurde Sadanobus Regierung aktiv, indem sie Gruppen von reichen Kaufleuten, die vorher wegen ihres geringen sozialen Status offiziell missachtet worden waren, mehr Anerkennung entgegenbrachte und gleichzeitig finanzielle Anforderungen an sie stellte. Dies waren zunächst die auch den Tuchhandel dominierenden Gold- und Silbergilden, dann der Verband aller Edo-Niederlassungen der wichtigsten Kaufleute des ganzen Landes und schließlich diejenigen Unternehmer aus Edo, die sich mit neuartigen Geschäften befassten. Schließlich arbeitete die Regierung mit zehn solchen Gruppen zusammen, der wirtschaftlichen Elite von Edo. Und tatsächlich ließ sich diese darauf ein, dass die Regierung einen generellen Schuldenerlass für alle Samurai verhängte, der natürlich die Kaufleute schädigte. Aber die fortgesetzte Unterstützung durch die Regierung machte diesen Verzicht erträglich, der wiederum dazu beitrug, die Lage in der Stadt zu entschärfen.
Bei fast allem, was er veranlasste, machte sich Matsudaira Sadanobu, der politisch Verantwortliche, unbeliebt. Zwischen 1791 und 1793 bat er den Shōgun drei Mal darum, von seinen Pflichten entbunden zu werden. Beim dritten Mal entsprach Ienari seinen Wünschen.
Matsudaira Sadanobu zog sich nach und nach aus der shōgunalen Politik zurück und widmete sich noch viele Jahre anderen Aufgaben. Anscheinend gehörte zu seinem wirklichen Wesen aber noch mehr als sein Ruf als drakonischer Reformer und konfuzianischer Modellgelehrter. Wie viele Japaner stand er im Spannungsfeld von giri (dem als Pflicht Empfundenen) und ninjō (dem menschlich Erwünschten). Unter dem Pseudonym Rakuō führte er geradezu ein zweites Leben als Autor zahlreicher gelehrter und anderer Texte, darunter auch eine Autobiographie und entschieden leichteres Material, dass er »zur eigenen Zerstreuung« geschrieben hatte. Viele dieser Texte verbrannte er selbst, weil sie seinem der Nachwelt zugedachten konservativen Image nicht entsprachen, aber seine Mitarbeiter kopierten einige Manuskripte rechtzeitig. 1784 hatte Matsudaira Sadanobu sogar eine satirische Schrift mit dem Titel Daimyō Katagi verfasst, in der die Fürsten des Landes – seine Standesgenossen! – geistreich auf die Schippe genommen wurden. In der schwungvoll und teils in der Mundart von Edo erzählten Geschichte verfällt ein Fürst zuerst den Kampfkünsten, dann der Literatur und schließlich dem Kabuki-Theater, was jedes Mal Mühe und Erschöpfung für seine gestressten Gefolgsleute bedeutet. Im zweiten Teil erscheint ihm dann ein konfuzianischer Weiser im Traum und weist dem Fürsten den rechten Weg (im Sinne des offiziellen Matsudaira Sadanobu).
Pikanterweise gehörte dieser Band in die wenig respektable literarische Kategorie der gesaku, die von Sadanobu als Premierminister offiziell bekämpft worden war. Er konnte unbotmäßige Schriftsteller deshalb so zielgerichtet verfolgen, weil er selbst einer war und sich auskannte. Als Chef der Regierung tat er das, was er für seine politische Pflicht hielt. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt ist von ihm überliefert, dass er sich privat um Wiedergutmachung bei den gemaßregelten Autoren bemühte.
Das Bröckeln der Macht –
Von den Tokugawa-Shōgunen Ieyoshi bis Iemochi
Vom 12. bis zum 14. (und vorletzten) Tokugawa-Shōgun setzte sich die Häufung von politischer und körperlicher Schwäche gepaart mit Dekadenzerscheinungen fort. Die Herrscher waren zunehmend abhängig von einer Reihe starker Männer, die für sie regierten und versuchten, Staat und Stadt in den unübersichtlicher werdenden ersten beiden Dritteln des 19. Jhs. im Sinne der Dynastie zu steuern.
Tokugawa Ieyoshi (geb. 1793, Regierungszeit 1837 – 1853), Iesada (geb. 1824, Regierungszeit 1853 – 1858) und Iemochi (geb. 1844, Regierungszeit 1858 – 1866) mussten zunehmend mit ansehen, wie die Politik der Isolierung Japans von der Welt unhaltbar wurde. Durch Chinesen wie Holländer, durch deren übersetzte Bücher sowie durch das Königreich Ryūkyū (die heutige Präfektur Okinawa) gelangten beängstigende Nachrichten über den technischen Fortschritt westlicher Länder und ihr koloniales Ausgreifen in Asien an den Hof in Edo. Neue europäische Mächte setzten sich in Asien fest; besonders russische, amerikanische und britische Schiffe kamen Japan immer näher. Jahrzehntelang rangen verschiedene Denkrichtungen in Japan um die beste Politik: sollte Japan am Alten festhalten und sich verteidigen – notfalls bis zu einer totalen Niederlage – oder sollte es sich vorsichtig zum Westen hin öffnen und technisch modernisieren, aber mit dem Risiko unkalkulierbarer politischer und gesellschaftlicher Umwälzungen? Das Letztgenannte war natürlich Anathema zum traditionellen Denken des Shōgunats.
In der Hauptstadt Edo befand sich das Epizentrum des Konflikts auf zwei Ebenen. In der Burg rangen konkurrierende Fürstenfraktionen um Einfluss und keiner der Shōgune hatte mehr die Kraft alle zu einigen. In der Stadt und auf ihren Straßen gärte es zunehmend. Samurai vor allem aus Westjapan, aber auch aus Mito, einer Hauptlinie der Tokugawa, forderten den Kampf gegen den westlichen Einfluss und ließen immer öfter ihre Klingen sprechen – auf den Straßen von Edo waren täglich Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Schwerter tragende Samurai unterwegs. Die Obrigkeit versuchte in mehreren Anläufen unter anderem die Hauptstadt wieder stärker unter ihre Kontrolle zu bringen, indem sie abweichende Meinungen und die Bildung von politischen Gruppen verfolgte und gleichzeitig die Zuwanderung zu unterbinden suchte. Doch es nutzte nichts, das Klima beruhigte sich nicht und im Juli 1853 erschien der US-Kommodore Matthew C. Perry mit einer Flottille moderner dampfgetriebener Kriegsschiffe vor Uraga am Eingang der Bucht von Edo. Diese »Schwarzen Schiffe« (kurofune) lösten genauso einen Schock aus wie die Landung von 300 Soldaten. Die Schwäche des Shōgunats, das nominell über eine zehntausende zählende, aber hoffnungslos veraltete Armee gebot, wurde offensichtlich. Man sah sich 1854 gezwungen mit den Amerikanern, und bald darauf auch mit Russen, Engländern und Niederländern Verträge abzuschließen. Die ab 1858 folgende Serie der »Ungleichen Verträge« begünstigte die fremden Mächte einseitig, indem ihnen Häfen geöffnet, die Ansiedlung von Konsuln und anderen Staatsbürgern, allesamt mit exterritorialem Status (also ausgenommen vom japanischen Gesetz), sowie wirtschaftliche und finanzielle Privilegien eingeräumt wurden, die Japaner nicht erhielten.
Damit war die Geschäftsgrundlage des Shōgunats entfallen, denn das Amt bedeutete eigentlich »Militärbefehlshaber zum Niederwerfen der Barbaren«, was zum Ärger vieler konservativ denkender Samurai und auch Bürgerlicher aber nicht einmal ernsthaft versucht wurde. So gingen diese in der Sonnō jōi-Bewegung zusammengeschlossenen »Patrioten« in Opposition zum Shōgunat und richteten ihre Hoffnungen auf den Kaiser. Der Name der Bewegung war zugleich ihr Programm – in Übersetzung: »Verehrt den Kaiser und vertreibt die Barbaren!«
Das Shōgunat geriet so in die missliche Lage, ohnmächtig zwischen den Ansprüchen der mächtigen »Barbaren« und dem Ärger eines bedeutenden Teils der Bevölkerung zu stehen. In Edo selbst wirkte sich die durch den rasant wachsenden Außenhandel steigende Nachfrage nach vielen Gütern preistreibend aus. Einfache Stadtbewohner wie Samurai litten, aber nur den Fürsten wurde geholfen, indem man 1862 ein seit dem 17. Jh. ehern geltendes Prinzip aufgab, dass die ständige (und kostenintensive) Anwesenheit von Frauen und Kindern der Fürsten in Edo verlangte, deren Präsenz so die Loyalität ihrer Männer/Väter in den Provinzen garantierte. Der Massenexodus der Fürstenfamilien mit Zehntausenden von Gefolgsleuten aus Edo gab nicht nur den Gegnern des Shōgunats im Westen und Süden Japans freie Hand, sondern schwächte die Wirtschaft der Stadt nachhaltig. Hungrige Menschenaufläufe plünderten die Häuser reicher Händler aus. Weite Stadtviertel einschließlich Akasaka, Kanda, Azabu, Yotsuya, Shiba und Honjo gerieten phasenweise außer Kontrolle, die Regierung war blamiert.
Der letzte der starken Männer des Shōgun –
Ii Naosuke (1815 – 1860)
Als die Sonnō jōi-Bewegung begann, Gewalt auszuüben, griff die Shōgunatsregierung ab 1858 hart durch. Verantwortlich für diese Repression war der letzte der starken Männer des Shōgunats, Fürst Ii Naosuke (1815 – 1860). Obwohl er nur der vierzehnte Sohn des Fürsten von Hikone war und schon länger in einem buddhistischen Kloster lebte, wurde er 1850 doch noch Nachfolger seines Vaters, nachdem alle älteren Brüder entweder gestorben oder zur Adoption in andere Familien gegeben worden waren. Das kulturell verfeinerte Leben der Klosterzeit prägte Naosuke nachhaltig; er war Meister der Teezeremonie und als Schriftsteller tätig. Ii Naosuke wurde aktiv in der nationalen Politik, die von starken Richtungskämpfen zwischen einzelnen Fürstenfraktionen und Cliquen selbst innerhalb der Familie Tokugawa geprägt wurde. 1858 wurde Ii Naosuke zum Tairō ernannt, eine nur selten besetzte Position, wodurch er der starke Mann in der Regierung war. Die Entscheidung, dass die Ungleichen Verträge mit den USA und anderen zu akzeptieren waren, nahm er auf sich, obwohl er sich zugleich auch von den pro-westlichen Reformern abgrenzte. Viele Gegner wurden aus ihren Ämtern gedrängt.
Ii Naosukes Akzeptanz des Unpopulären, aber Unvermeidlichen machte ihn zur Zielscheibe der Gegner der Landesöffnung und des Shōgunats. Die Vergangenheit und die privaten Leidenschaften Ii Naosukes schienen allerdings so gar nicht zusammenzupassen mit dem Bild des harschen, verhassten Diktators. Wie bei Matsudaira Sadanobu beobachtet man große Abweichungen zwischen den kultivierten persönlichen Interessen Naosukes und dem geharnischten Auftreten als loyale Amtsperson der Tokugawa, was allerdings für Zeitgenossen wohl weniger verwunderlich war als für uns Heutige. Als Samurai und Vasall der Tokugawa sah er sich in der Pflicht, die Politik umzusetzen, die dem Haus des Shōguns langfristig am meisten zu nutzen schien. Wenn dazu die Billigung verhasster ungleicher Verträge und die Exekution unruhiger Elemente gehörte, so musste dies sein; anschließend konnte er sich wieder der Teezeremonie und anderen kulturellen Aktivitäten widmen.
Wie sein illustrer Vorfahr Ii Naomasa, der im Jahre 1602 durch die Folgen einer im Kampf für seinen Herrn Tokugawa Ieyasu erlittenen Wunde sein Leben gelassen hatte, starb auch Ii Naosuke in Pflichterfüllung. Nach nur 20 Monaten seiner »Diktatur«, am 24. März 1860, näherte sich Ii Naosuke frühmorgens in seiner Sänfte mit kleinem Gefolge der Burg Edo, als eine Gruppe von 18 stellungslosen Samurai (rōnin) auf ihn zusprang. Arimura Jisaemon aus Satsuma schlug des Fürsten Kopf ab und entleibte sich selbst an Ort und Stelle. Dies geschah direkt vor dem Sakurada-mon, einem der großen äußeren Tore der Burg. In populären Medien, ob Farbholzschnitte oder Filme, sieht man immer wieder das Bild des roten Bluts, das auf den weißen Schnee vor dem Burgtor tropft und in ihn einsickert.
Zeitenwende und der letzte Shōgun
Tokugawa Yoshinobu (1837 – 1913)
Das Shōgunat hielt Ii Naosukes Tod mehrere Monate geheim, um nicht den Eindruck der Instabilität zu erwecken. Nur wenige Jahre später war die Herrschaft jedoch unhaltbar geworden und der letzte Tokugawa-Shōgun, Yoshinobu (1837 – 1913, Regierungszeit 1866 – 1867), musste nach nur einem Jahr im Amt zurücktreten.
Von Tokugawa Yoshinobu besitzen wir Photographien. Eine, die 1867 in Ōsaka aufgenommen wurde, zeigt den letzten Shōgun sitzend in fließender Hoftracht mit zusammengefaltetem Fächer und der eboshi genannten formellen Hofmütze. Obwohl der Herrscher gerade einmal 30 Jahre alt ist, wirkt sein feines Gesicht angespannt und müde. Die Augen blicken den Betrachter nicht an und die schmalen Lippen sind zusammengekniffen.
Obwohl er persönlich nicht unfähig war, war es zu spät für Yoshinobu. Auch französische Militärhilfe konnte das Tokugawa-Shōgunat nicht wieder erstarken lassen, und im November 1867 gab er sein Amt auf und die Regierungsmacht an den Kaiser in Kyōto zurück. 264 Jahre der Herrschaft der Familie Tokugawa waren an ihr Ende gekommen. Trotzdem griffen die rebellischen Lehen Satsuma und Chōshū in Kyōto an. Trotz zahlenmäßiger Überlegenheit ließ Yoshinobu seine Truppen im Stich als er sah, dass die Rebellen das kaiserliche Banner trugen. Durch die sichtbaren Zeichen der kaiserlichen Legitimation wurden die Tokugawa selbst zu Rebellen. Der ehemalige Shōgun Yoshinobu floh nach Edo, wohin die gegnerische Armee ihm folgte. Die Übergabe der Burg Edo im April 1868 an die ehemaligen Rebellen und jetzigen Kaiserlichen bedeutete, dass die Stadt vor größeren Kämpfen bewahrt blieb, obwohl nicht alle Tokugawa-Loyalisten aufgaben wie ihr Shōgun. Das Tor zum Tempel Kyō in Nippori, in der Nähe von Ueno, legt mit seinen vielen Einschusslöchern aus dem Gefecht um Ueno bis heute davon Zeugnis ab.
Tokugawa Yoshinobu erfuhr Milde, aber er musste seine ehemalige Hauptstadt verlassen. Er lebte nun als Gentleman im Frühruhestand mit vielen Hobbys in Shizuoka, dem Alterssitz seines Urahns Tokugawa Ieyasu. Die Tokugawa versuchten nie mehr, die Macht zurückzugewinnen; sie wären angesichts der gewaltigen Veränderungen, die nun einsetzten, auch anachronistisch gewesen. Schon bald verschwand sogar der Stadtname Edo von der Landkarte. Die Stadt beherbergte nun keinen Shōgun mehr, sondern den Kaiser und hieß seit dem 3. September 1868 Tōkyō. 1897 erlaubte man Tokugawa Yoshinobu die Rückkehr nach Tōkyō, wo er 1913 hoch betagt starb. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Yanaka.
Die Stadt der Fürsten und Samurai
Die ersten Fürsten in Edo
Mit Tokugawa Ieyasu kamen ab 1590 zahlreiche seiner loyalen Fürsten (daimyō) und Samurai nach Edo, die wie er ihre angestammten Lehen verließen. Andere, wie Tōdō Takatora, kamen vorübergehend im Rahmen der von ihnen verlangten Aufbauhilfe (s. Denn sie bauten eine Burg – Tōdō Takatora und Katō Kiyomasa, S. 30). Zu denen, die eine eigene Residenz errichteten, gehörte Oda Yurakusai (eigentlich Oda Nagamasu, 1548 – 1622). Yurakusai war ein jüngerer Bruder des ersten Landeseinigers Oda Nobunaga (ermordet 1582). Anders als dieser war Yurakusai viel mehr an kulturellen als an militärischen Großtaten interessiert. Als ein Schüler des berühmten Teemeisters Sen-no-Rikyu, dessen Lehren heute noch in Japan einflussreich sind, wurde er selbst zum Meister dieser Königsdisziplin der damaligen Hochkultur. Allerdings musste er sich Sorgen machen um sein Ansehen als Samurai, bis es ihm in der Schlacht von Sekigahara 1600, an der er mit bescheidenen 450 Kriegern auf Seiten der Tokugawa teilnahm, gelang, den Kopf eines gegnerischen Generals zu nehmen. Diese war die einzige Kopftrophäe, die er je in einer Schlacht erbeutete, aber sie war genug, um Yurakusais Ansehen über Kritik zu erheben.
In Edo erbaute Oda Yurakusai sich eine Residenz südöstlich der Burg. Obwohl sie schon lange aus dem Stadtbild verschwunden ist, verleiht sie dem Viertel bis heute seinen Namen: Yuraku-chō, »Städtchen des Yurakusai«. Nicht in Edo, sondern in Kyōto schuf Yurakusai seine bedeutendste Hinterlassenschaft, das als japanischer Nationalschatz verehrte Teehaus Jo-an, das zwischenzeitlich nach Tōkyō reloziert wurde und heute zusammen mit Yurakusais Studierzimmer auf dem Gelände des Meitetsu-Hotels in Inuyama bei Nagoya zu sehen ist. Der Weg des Tee nach Sen-no-Rikyu und Oda Yurakusai verlangte erlesene Schlichtheit und die Konzentration auf das Wesentliche. Auch Fürsten, sogar Shōgun und Kaiser, mussten sich bücken, um durch die niedrige Tür in das Innere des einfach wie eine Bauernkate errichteten Teehauses zu gelangen. In Oda Yurakusais Teehaus gibt es nur zwei Räume, einer drei Tatami-Matten, der andere zweieinhalb Matten groß (eine Matte misst knapp zwei Quadratmeter). Die wenigen Gäste entspannten sich in nobler Einfachheit, während der Gastgeber ihnen formvollendet grünen Tee zubereitete und servierte. Standesunterschiede konnten für kurze Zeit ausgeblendet werden und man kam sich beim tiefen Genuss der Tee-Ästhetik menschlich näher. Unter den Fürsten der Edo-Zeit waren Kenntnisse in der Tee-Zeremonie Teil der Grundbildung und keine der zahlreichen Fürstenresidenzen kam ohne ein Teehaus im Garten aus.
Obwohl nicht von fürstlichem Rang, stand der Samurai Hattori Hanzō (1541 – 1596) Tokugawa Ieyasu näher als die meisten seiner hochadligen Gefolgsleute. Er war nämlich Ieyasus Mann fürs Grobe, den die Zeitgenossen Oni no Hanzō, »Hanzō, den Teufel«, nannten. Hanzō gehörte zu jener Gruppe sagenumwobener irregulärer Kämpfer, die wir oft Ninja nennen. Er und seine Leute waren in der quasi-autonomen Region Iga aufgewachsen und von Jugend an in den regulären Kampfkünsten, aber auch in den sogenannten verborgenen Künsten trainiert worden. Dazu gehörte die Fähigkeit, unbemerkt in streng bewachte Objekte eindringen zu können, Nachrichten zu sammeln, Attentate auszuführen und sich schnell wieder zu entfernen.
Ninja erledigten gegen Geld oder andere Leistungen Schmutzarbeit für Fürsten. Dass Hattori Hanzō auch der Erfinder eines Bootes zur Abwehr von Ninja-Unterwasserbooten war, darf man allerdings ins Reich der Spekulationen verweisen. Natürlich gehörte Heimlichkeit zu den Haupttechniken solcher Männer (und Frauen), sodass wir über das Leben von Hanzō, dem Teufel, eigentlich wenig gesichertes Wissen besitzen. Zu diesem Wenigen gehört, dass er seit 1557 auf Seiten der Tokugawa kämpfte. 1581 stand Hanzō vor den rauchenden Trümmern seiner Existenz – Fürst Oda Nobunaga hatte seine Heimat in Iga verwüsten lassen – und ihm waren nur noch wenige Mitkämpfer geblieben. Das Glück wendete sich 1582 für ihn, als Tokugawa Ieyasu selbst im Chaos nach Oda Nobunagas Ermordung vor der schwierigen Aufgabe stand, von Ōsaka aus mit nur wenigen Begleitern nach Osten ins sichere Mikawa zu gelangen. Hanzō schlug die Route durch Iga zum Meer vor und sorgte mit List und Geschick dafür, dass die Gegner Ieyasu nicht zu fassen bekamen. Tokugawa Ieyasu vergaß nie, wer ihm genutzt hatte und wer nicht, außerdem hatte er Hanzōs Fähigkeiten aus nächster Nähe studieren können. Er stattete ihn reichlich aus und machte ihn zu seinem obersten Leibwächter; weitere Geheimaufträge, die ihm ziemlich sicher noch übertragen wurden, waren leider genau das – geheim, und sind es bis heute geblieben. Hanzō und seine Männer kamen jedenfalls 1590 mit Ieyasu nach Edo. Ganz offensichtlich war der Ninjameister erfolgreich in seiner Hauptaufgabe, denn an Ieyasu kam kein Gegner heran. Weniger Erfolg hatte Hanzō beim Schutz seiner eigenen Person: Sein Tod 1596 mit 55 Jahren soll durch einen Hinterhalt eines verfeindeten Ninja-Clan erfolgt sein. Hanzō liegt auf dem Gelände des Sainen-Tempels in Shinjuku begraben, wo auch einige seiner Lanzen und sein Helm aufgehoben werden.
Die ultimative Wertschätzung des späteren Shōgun für Hattori Hanzō drückt sich darin aus, dass er dessen 18-jährigen Sohn Masanari zu Hanzōs Nachfolger ernannte. Masanari und seine Männer schützten die Burg in Edo, was sich sowohl in dem historischen Namen eines ihrer Tore (Hanzōmon), an dem einst Hanzōs Haus stand, als auch in der gleichnamigen Tōkyōter U-Bahn-Linie Hanzōmon-sen erhalten hat. Allerdings hatte Hanzō, der Teufel, wohl erkannt, dass die kommende, geordnete Edo-Periode den Ninja weit weniger Betätigungsmöglichkeiten bieten würde. Man musste sich anpassen und den sozialen Aufstieg festigen. Deshalb hatte er Masanari nicht die Ninja-Künste erlernen lassen, sondern ihn zu einem regulären Samurai erzogen, was 1605 zur Spaltung der Iga-Ninja in vier Fraktionen führte und sie dauerhaft schwächte, ganz im Sinne der Sicherheit des Tokugawa-Regimes und auch der frisch aufgestiegenen Familie Hattori.
Obwohl Yuraku-chō und die Gegend um Hanzōmon heute lebendige Innenstadtviertel sind, übertrifft ein Ort, der ebenfalls an Fürsten aus der Gründergeneration von Tokugawa Ieyasus Edo erinnert, beide bei weitem: Shinjuku, eine gewaltige Konglomeration im Westen mit eigenem Wolkenkratzerviertel und einem Bahnhof, der täglich mehr als drei Millionen Ein- und Ausstiege verzeichnet. Shinjuku bzw. Naitō-Shinjuku, wie es lange nach der hier angesiedelten Fürstenfamilie hieß, profitierte von geografisch-ökonomischen Gegebenheiten. Die wichtigste Landstraße von Edo in die bergige Provinz Shinano (heutige Präfektur Nagano) war die Kōshū Kaidō. Auf rund 200 km dieser Straße gab es zwar 44 Rast- und Postsiedlungen (shuku bzw. -juku), die letzte war aber von Nihonbashi, dem Mittelpunkt von Edo, 16 km entfernt; zu weit, um herannahenden Fürsten mit großem Gefolge einen würdevollen Einzug zu erlauben, wie es fünf Geschäftsleute aus Asakusa erkannten. So wurde 1698 ein Ort gesucht und gefunden, an dem sie eine »Neue Station« (shin-juku) einrichten durften. Dass die fünf vorher im Bordellgewerbe in Yoshiwara engagiert gewesen waren, ist sicher kein Zufall gewesen: Der bis dahin beschauliche Ort im Westen am Stadtrand von Edo entwickelte sich rasch zu einem der größten lizensierten Freudenviertel von Edo und beherbergt heute das riesige Vergnügungsviertel Kabuki-chō. Die Verbindung von Poststation und Prostitution spiegelte sich auch in dem wenig freundlichen Bonmot von den »Blumen im Pferdemist« wider, womit die Freudenmädchen von Shinjuku gemeint waren.
Von den mehreren hundert Residenzen der Fürsten Japans, die bis 1868 rund ein Drittel der Stadt Edo einnahmen, sind außer einigen wenigen, weiter verwendeten Torbauten nur noch Gartenanlagen wie der Hama Rikyu-teien an der Bucht von Edo/Tōkyō erhalten. Die Anlage wurde von Mitgliedern der Familie Tokugawa eingerichtet und unter dem 11. Shōgun Ienari fertig gestellt. In der Meiji-Zeit gingen Garten und Residenz in den Besitz der kaiserlichen Familie über, kamen aber 1945 an die Stadt Tōkyō.
Der Ort Naitō-Shinjuku trug den Namen der Fürstenfamilie von Takato, den Naitō, die an diesem Ort Land für ihre Edo-Residenz erhalten hatten. Die entscheidende Figur aus dieser Familie unter den frühen Tokugawa-Loyalisten war Fürst Naitō Nobunari (1545 – 1612) gewesen. Aus der Anwesenheit der Naitō-Residenz und der Ansiedlung einiger Tempel und Schreine im benachbarten Yotsuya in den 1630ern hatte sich eine bescheidene Urbanisierung der Gegend ergeben, aber erst der neue Status als Poststadt war der Auftakt zu einem Aufblühen, das zusätzlich noch im späten 19. Jh. durch die Gründung von Eisenbahnlinien befördert wurde. Der alte Fürstenname Naitō war bis ins 20. Jh. hinein mit dem Ortsnamen Naitō-Shinjuku verbunden, denn schließlich hatten die Naitō einiges von ihrem Land für die »neue Station« abgeben müssen. Zwar gibt es ihr Anwesen nicht mehr, aber das Land, auf dem es über Jahrhunderte stand, ist heute der öffentliche Park Shinjuku Gyoen und auch die alte Überlandstraße Kōshū Kaidō verläuft als vielspurige Autostraße angrenzend.
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