Kitabı oku: «Dracheneid»


Tilo K. Sandner wurde im Oktober 1964 in Karlsruhe geboren. In seiner Kindheit lebte er mit seinen Eltern in Zürich, wo sein Vater als Opernsänger einerseits die Zuhörer in seinen Bann zog und andererseits seinen Sohn schon früh an die Schönheit der Muse heranführte.
1976 zog die Familie wieder nach Deutschland zurück. Dort besuchte Tilo K. Sandner das Gymnasium in Neuss am Rhein und machte 1985 sein Abitur.
Schon in seiner frühen Jugend begann er, Kurzgeschichten zu schreiben. Daraus wurde dann 2011 sein erster Fantasy-Roman „Dracheneid – Der Weg der Drachenseele“.
Außerdem hängt das Herz des Autors seit vielen Jahren an zwei naturverbundenen Hobbys: dem scheinbar schwerelosen Gleiten durch die Weiten der Lüfte als Segelflieger und dem lautlosen Segeln zu Wasser – beides Elemente, die auch den Drachen im Dracheneid nicht fremd sind.
Bei der Bundeswehr machte Tilo K. Sandner eine Ausbildung zum Jetpiloten und wurde später Lehrgangsleiter in der Unteroffiziersschule der Luftwaffe in Husum.
Heute lebt der Autor in Berlin und arbeitet bei einem führenden deutschen Automobilhersteller. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Mehr Informationen über Tilo K. Sandner finden Sie unter:
www.dracheneid.de
1. Auflage
© 2014
Herausgeber
Spiegelberg Verlag
Satz & Layout
Poli Quintana
www.interlinea.de
Titelbild
Kai-Bastian Braun
Umschlaggestaltung
Marcel Christen
www.flyerdesign.ch
Lektorat
Christiane Kathmann
www.lektorat-kathmann.de
1. digitale Auflage:
Zeilenwert GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung vom Spiegelberg Verlag reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 978-3-939043-47-8
www.jeder-hat-seine-geschichte.com

Inhalt
Cover
Titel
Über den Autor
Drachenland
Impressum
Vorgeschichte
1. Ein großer Schreck
2. Der Ratsbeschluss
3. Der Weg des Ritters
4. Im hohen Eisgebirge
5. Verpatzte Landung
6. Der weiße Wolf
7. Im Nasli Karillh
8. Geänderte Pläne
9. Der große Weiße
10. König und Ritter
11. Eine traurige Pflicht
12. Gift für den König
13. Ein törichter Streich
14. Ritter der Lüfte
15. Im Fluge vereint
16. Eissturm
17. Höhenflüge
18. Der Schneekrieger
19. Die Drachenhöhle
20. Nächtlicher Aufbruch
21. Alleine am Abgrund
22. Hoffnungsschimmer
23. Verlockende Versuchung
24. Ramarsarrh
25. Rorgaths Truhe
26. Die Falle schnappt zu
27. Das Verhör
28. Die Wächter des Sekuriaths
29. Abschied
30. Der Rückmarsch
31. Neue Aufgaben
32. Aufbruch zum Zwergenhain
33. Eine unbekannte Welt
34. Der Zwergenrat
35. Hauptmann der Königsgarde
36. Der neue Zwergenkönig
37. Die Krönungsfeier
38. Wolkenrausch
39. Gefahr über den Wogen
40. Azurrillh
41. Ein gewagter Plan
42. In höchster Not
43. Die Santarush
Namen und Begriffe
Vorgeschichte
Die Gefährdung des friedvoll lebenden Drachenlandes durch die grausamen Horden des Ostlandes, die von ihrem bösartigen schwarzen Druiden Snordas angeführt werden, wird fast täglich beunruhigender.
Aber nicht jeder Bewohner des Drachenlandes hat bisher etwas von dieser Bedrohung mitbekommen. Besonders die Menschen und das Volk der Zwerge lebten völlig abgeschirmt für sich, ohne nachbarschaftliche Beziehungen zueinander zu pflegen. Aber sowohl die wachsamen Elfen als auch die friedlichen Drachen des Eisgebirges hatten diese Gefahr längst erkannt, die allen Völkern des Drachenlandes drohte. Unter Leitung des weisen Drachenrates sollten geeignete Maßnahmen getroffen werden, den Plänen des schwarzen Druiden entgegenzuwirken.
Doch Snordas’ krankhafte Gier, das ganze Land mit Hilfe seiner bestialischen Feuerkopfdrachen zu unterwerfen, die sich zur Abschreckung und als äußeres Erkennungszeichen ihre Gesichter verbrennen ließen, konnte zumindest kurzfristig durch das unerwartete Erscheinen des Erwarteten gestoppt werden.
Der fünfzehnjährige Adalbert von Tronte wurde erst vor wenigen Monaten durch ein tragisches Erlebnis aus seinem bisherigen Leben gerissen, als er im letzten Herbst mit ansehen musste, wie sein Vater, der berühmteste Drachenjäger des ganzen Landes, einen wunderschönen silbernen Drachen kaltblütig ermordete. Dabei hörte er nicht im Geringsten auf das Bitten und Flehen seines Sohnes, diesen doch zu verschonen.
Der Drache, der keinesfalls als wilde Bestie bezeichnet werden konnte, hatte mehrfach vergeblich versucht, diese tödliche Auseinandersetzung mit dem erfahrenen Jäger zu vermeiden. Doch Adalberts Vater hatte seinen Ruf nicht mit Mitleid für diese einzigartigen Geschöpfe verdient und so kam es schließlich, dass dieser majestätische Drache sterbend vor Adalberts Füßen auf den harten Boden aufschlug.
Doch bevor der silberne Drache starb, erkannte er in Adalbert den Erwarteten des Drachenlandes und übertrug ihm mit seinem letzten Atemzug seine Drachenseele.
Abgestoßen von der unglaublichen Brutalität seines Vaters, kehrte ihm sein Sohn den Rücken und rannte davon. Dabei lief Adalbert ausgerechnet einem riesigen Drachen über den Weg. Schnell entwickelte sich aus dieser Begegnung mit dem goldenen Drachen Merthurillh, der bereits vor über hundert Jahren vom weisen Drachenrat damit beauftragt worden war, nach dem Erwarteten zu suchen eine tiefe Freundschaft. Dabei gingen der Drache und der Junge eine seltene Verbindung miteinander ein, die sogenannte Bandarurh. Mit dieser schenkte jeder dem anderen einen Teil von sich selbst. Adalbert erhielt eine schützende Drachenhaut, die ihn vor ernsthaften Verletzungen bewahren konnte, und einen ganz besonderen Drachensinn, der ihn dazu befähigte, sich selbst in der schwärzesten Dunkelheit einer Höhle zu orientieren. Der Drache Merthurillh bekam von Adalbert das Geschenk der Gesundheit und erlangte dadurch wieder zwei gesunde Augen und somit das räumliche Sehvermögen, was für die Fliegerei eines Drachen unverzichtbar war.
Doch die Hauptaufgabe, die den goldenen Drachen Merthurillh und den Knaben Adalbert noch wesentlich tiefer verband, als selbst die Bandarurh es vermochte, war die Suche nach der Rettung für die Drachenseele in Adalberts Brust, die sie nur gemeinsam meistern konnten. Denn der von Adalberts Vater ermordete silberne Drache war Allturith, der Sohn Merthurillhs. Diese traurige Information hätte beinahe das Ende ihrer Freundschaft bedeutet, wenn der erfahrene Elfenkönig Erithjull nicht erkannt hätte, dass keiner der beiden ohne den anderen diese Suche würde alleine bewältigen können.
So hatten sie sich damals im westlichen Elfenwald gemeinsam aufgemacht, den Weg der Drachenseele zu beschreiten.
Kapitel 1
Ein großer Schreck
Das weite Drachenland war noch in eine besonders ruhige und dunkle Nacht gehüllt, als Adalbert von Tronte schweißgebadet aus einem Alptraum erwachte. In seinen schlimmen Träumen durchlebte er wieder und wieder die grässlichen Erlebnisse und Qualen seiner Gefangenschaft im düsteren Ostland. Nur mit viel Glück und durch die Heldentat des Zwergenkönigs Zarvodd, der sein eigenes Leben gegeben hatte, um Adalbert und seine Gefährten zu retten, war ihnen die Flucht vor den Peinigern des bösartigen Druiden Snordas gelungen.
Noch immer mit den schrecklichen Erinnerungen seines Albtraums beschäftigt stand Adalbert verschlafen auf und suchte die Nähe zu seinem Drachenfreund Merthurillh. Plötzlich hatte er den Eindruck, dass irgendetwas nicht stimmte. Zuerst konnte er sich nicht erklären, woher dieses beklemmende Gefühl kam, doch es sollte nicht lange dauern, bis er erschreckt feststellte, dass er weder das tiefe Schnarchen des Drachen noch sonst irgendein Atemgeräusch hören konnte. Merthurillh lag völlig regungslos da.
„Merthurillh!“, schrie Adalbert verzweifelt. Besorgt legte er sein Ohr an die mächtige Brust des goldenen Drachen, doch er konnte keinen Herzschlag wahrnehmen.
„Merthurillh, wach doch bitte auf!“, flehte er seinen leblosen Freund erneut an. Vor lauter Sorge schrie er dieselben Worte noch lauter, doch der goldene Drache regte sich nicht. Weder die Schreie noch das kräftige Schütteln des Jungen konnten daran etwas ändern.
„Beim großen Axtschwinger, was ist denn hier los?“, knurrte Kronglogg verschlafen. Seit er wieder an der Drachenschule war, teilten sie sich die Höhle zu dritt, wobei sich der Zwerg vorbildlich um die zahlreichen Verwundungen und um die teils recht übelriechenden Zahnzwischenräume seines alten Drachenfreundes kümmerte.
„Merthurillh ist tot!“, schluchzte Adalbert mit Tränen in den Augen.
„Nun mal ganz langsam, mein junger Freund. So schnell stirbt ein halbwegs gesunder Drache nicht. Ich werde ihn mir mal etwas genauer ansehen.“
Kronglogg trat an den leblosen Körper Merthurillhs heran und untersuchte ihn ausgiebig. Doch auch er wurde zunehmend nervöser und Adalbert erkannte voller Entsetzen, dass der Zwerg zu dem gleichen Ergebnis kam wie er. Kronglogg schüttelte betrübt den Kopf und wischte sich verlegen ein paar Tränen aus den Augen. Nun konnte sich der Junge nicht mehr zurückhalten, er warf sich dem toten Drachen, der inzwischen wie ein Vater für ihn geworden war, an die Brust und weinte.
„Du kannst mich doch nicht alleine lassen! Wir müssen doch nach Rorgath suchen, um deinen Sohn zu retten!“, flehte er seinen Freund verzweifelt an.
Von Adalberts Schreien angelockt, eilten die drei Elfenbrüder Trulljah, Maradill und Jordill herbei. Maradill erkannte die Situation am schnellsten und untersuchte den leblosen Drachenkörper.
„Nicht auch noch du, mein lieber Freund!“, murmelte Jordill erschüttert, als er neben Adalbert auf die Knie sank. „Es können doch nicht all meine Helden sterben! Zuerst Antharill, dann der Zwergenkönig Zarvodd und jetzt auch noch du! Das geht doch nicht!“
„Ich fühle keinen Puls mehr! Ich befürchte, unser Freund ist für immer von uns gegangen und zu seinen Ahnen am nächtlichen Himmelszelt aufgestiegen!“, teilte Maradill den anderen traurig mit, nachdem er Merthurillh gründlich untersucht hatte.
Trulljah reagierte am schnellsten und wandte sich an seinen Bruder: „Jordill, hol Lady Sintarillh! Ich wüsste nicht, wer Merthurillh sonst noch helfen könnte.“
Nur wenige Augenblicke später stürmte die schöne Drachenlady in die Höhle und stupste Merthurillh mehrfach prüfend mit der Schnauze an. Dann ging sie zu seinem Kopf. Wie schon damals am Krähenpass presste sie nun ihre Stirn gegen die von Merthurillh. Zwischen ihnen kniete Adalbert, der seinen Freund nicht so einfach gehen lassen wollte. Plötzlich vernahmen alle ein tiefes und befreiendes Durchatmen der lindgrünen Drachin.
„Ich habe eine gute Nachricht. Unser lieber Freund ist nicht tot! Die Aufregungen der letzten Tage und Wochen waren einfach zu viel für ihn. Wenn wir Drachen durch intensive körperliche oder seelische Schmerzen zu sehr gequält werden, fallen wir manchmal in einen besonders tiefen Schlaf. Diesen Heilschlaf kann man sehr leicht mit dem Tod verwechseln, denn dabei verfällt der ganze Körper in eine heilende Starre.“
„Aber sein Herz schlägt doch nicht mehr!“, unterbrach sie Adalbert mit einem vagen Hoffnungsschimmer in der Stimme.
„Auch das kommt dir nur so vor, mein Junge. Sein Herz schlägt noch, aber in sehr großen Abständen. Sein Unterbewusstsein steuert die Herzfrequenz so, dass ein Mindestmaß an Blut durch seinen Körper gepumpt wird und er nicht stirbt.“
„Dann ist Merthurillh also nicht tot?“, fragten Adalbert und Jordill gleichzeitig.
„Ich kann euch alle beruhigen. Merthurillh ist auf dem besten Wege, möglichst schnell wieder richtig gesund und stark zu werden. In zwei bis drei Tagen wird er völlig erholt erwachen. Aber ihr könnt euch gerne selbst davon überzeugen, dass er noch lebt.“
Sie forderte Maradill auf, mit seinem Messer vorsichtig eine der stark durchbluteten Flügeladern Merthurillhs zu öffnen. Der Elf sah sie nur fragend an.
„Mach ruhig. Ihr werdet sehen, dass das Blut noch langsam fließt und die Wunde sich sofort schließt.“
„Aber das tut Merthurillh doch weh!“, protestierte Adalbert.
„Nein. Er wird davon bestimmt nichts spüren und ihr werdet die Gewissheit haben, dass es eurem Freund gut geht.“
„Wenn mein dicker Drache schon aufgeschlitzt werden muss, dann aber bitte nur durch mich! Schließlich habe ich mit dem Draggen ja noch eine alte Rechnung offen!“, sagte Kronglogg bestimmt. Er nahm es Merthurillh und Adalbert immer noch übel, dass die beiden ihn vor einiger Zeit mit seinem eigenen Kochtopf betäubt und dann, auf dem Rücken des Drachen festgebunden, zum Elfenwald gebracht hatten, um sein Leben zu retten. Allein bei der Erinnerung an dieses unrühmliche Erlebnis musste sich Kronglogg angewidert schütteln. Er blickte kurz zu Adalbert, der ja schließlich der Topfschwinger gewesen war, und versuchte dabei möglichst streng zu schauen, was ihm aber nicht wirklich gelang. Anschließend bemühte er sich, auf den Zehenspitzen stehend, an den Flügel des Drachen heranzukommen. Doch ganz gleich, wie sehr er sich auch reckte und streckte, er war einfach zu klein. Trulljah schob ihm lächelnd eine Kiste zu.
„Was gibt es denn da zu grinsen?“, knurrte der Zwerg in der ihm typischen mürrischen Art. Unter stillem Protest stieg er dann auf die Kiste und öffnete sehr behutsam eine deutlich hervortretende Ader, die Maradill ihm vorgeschlagen hatte.
„Die hätte ich auch genommen!“, murmelte Kronglogg dabei.
Tatsächlich, ein kaum erwähnenswertes, schwaches Rinnsal des warmen Drachenblutes floss aus dem winzigen Schnitt, der sich gleich darauf wieder schloss. Adalbert streichelte liebevoll die Wunde, wischte das wenige Blut seines Freundes behutsam ab und ging danach zu Merthurillhs Kopf. Er packte den Drachen bei den Hörnern und hätte ihm am liebsten einen dicken Kuss auf die Nüstern gedrückt, wenn er sich dabei nicht selbst zu kindisch vorgekommen wäre.
Nachdem sich nun die Aufregung etwas gelegt hatte, forderte Sintarillh alle auf, gemeinsam frühstücken zu gehen und dem goldenen Drachen seine wohlverdiente Ruhe zu gönnen.
In der großen Speisehalle herrschte bereits reges Treiben. Es hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass Merthurillh in den Heilschlaf gefallen war. Der weiße Lorhdrache Okoriath forderte Adalbert mit einer einladenden Geste auf, direkt neben ihm an seinem Tisch Platz zu nehmen.
„Guten Morgen, mein Jungritter Adalbert von Tronte. Ich vermute, die heutigen Ereignisse haben dich ganz schön aus der Bahn geworfen.“
Adalbert nickte zustimmend und stellte fest, dass ihm die Anrede als Jungritter sehr gut gefiel.
„Wie fühlst du dich denn?“
„Der Schreck war groß, aber jetzt geht es mir schon deutlich besser und ich bin einfach nur noch froh. Eure Tochter Sintarillh hat uns erklärt, dass Merthurillh nicht tot ist, sondern nur in den Heilschlaf gefallen ist.“
„Ich wusste gleich, dass meinem dicken Herumtreiber nichts passiert sein konnte!“, mischte sich Kronglogg in das Gespräch ein und setzte sich mit den Elfenbrüdern zu ihnen.
Der Junge versuchte krampfhaft, sich nicht anmerken zu lassen, dass er bei diesen Worten am liebsten laut losgelacht hätte. Er hatte den Zwerg längst durchschaut, aber das wollte er ihm nicht zeigen. Kronglogg war mindestens genauso um Merthurillh besorgt gewesen wie Adalbert. Warum sonst hatte er den heilkundigen Elfen Maradill daran gehindert, die Ader zu öffnen, und dann selbst äußerst behutsam den Beweis dafür erbracht, dass der Erste Drachenritter des Rates noch am Leben war?
„Gleich nach dem Frühstück werden wir uns alle zu einer Ratsbesprechung zurückziehen, denn der ehrenwerte König Erithjull muss uns leider noch heute Abend verlassen“, sagte der Lorhdrache in die Frühstücksrunde.
„Aber Euer Erster Ritter Merthurillh schläft doch noch“, wandte Adalbert ein.
„Glaube mir, ich würde gerne auf Merthurillh warten, aber Erithjulls bevorstehende Abreise und interessante neue Erkenntnisse unseres Historikers Olstaff lassen mir keine andere Wahl. Wir müssen noch heute darüber sprechen. Das wäre auch in Merthurillhs Interesse.“
„Kann ich irgendetwas dazu beitragen, dass Merthurillh etwas schneller gesund wird und wieder aufwacht?“
Adalbert hatte die Frage zwar an den Lorhdrachen Okoriath gerichtet, bekam die Antwort aber von der ersten Drachenlady Coralljah, die den Jungen schon die ganze Zeit mit seltsamen Blicken gemustert hatte.
„Weißt du, mein lieber Adalbert, du bist für unsere Schule zu einer echten Bereicherung geworden. Du zeichnest dich nicht nur durch deine ehrlichen Worte, sondern noch mehr durch deine guten Taten aus. So hast du es geschafft, die äußerst gefährliche Aufgabe erfolgreich zu meistern, das verlorengegangene Horn von Fantigorth zurückzubringen. Und du hast dabei unbewusst dafür gesorgt, dass dich jeder hier an der Drachenschule in sein Herz geschlossen hat. Deine Liebe zu Merthurillh ist etwas ganz Besonderes. Vertrau mir, wir werden uns bestens um seine Pflege kümmern. Gerade in diesem Moment ist die heilkundige Sintarillh bei ihm und kümmert sich um sein Wohl. Du hast doch schon zuvor am Krähenpass gesehen, dass sie eine wirkliche Könnerin ist, die eine Menge von ihrem schweren und geheimnisvollen Fach versteht.
Nach unserer Ratsbesprechung möchte ich mit dir endlich zu der Stelle gehen, an der sich dir die alten Runen offenbart haben. Es muss doch einen Grund dafür geben, warum du sie sehen konntest. Ich glaube nicht an einen puren Zufall, sondern bin davon überzeugt, dass es einen ganz besonderen Grund dafür gab. Nennen wir es eine Vorbestimmung, die mich ahnen lässt, warum das Horn genau an dieser Stelle so seltsam reagiert hat, den Stollen in dieses unheimliche grüne Licht gehüllt hat und gleichzeitig dein Geistdrache genau dort den Kontakt zu dir gesucht hat. Diesem Mysterium sollten wir unbedingt auf den Grund gehen! Ich kann es dir zwar nicht erklären, aber ich bin fest davon überzeugt, dass es irgendwie mit deiner Suche nach deinem Geistdrachen zusammenhängt. Aber selbst wenn das nicht so sein sollte, muss ich unbedingt erfahren, welches Geheimnis diese alten Drachenrunen seit so langer Zeit unbemerkt verborgen halten.“
„Lady Coralljah, ich weiß doch gar nicht, ob ich die genaue Stelle wiederfinden werde und ob das Horn dort auch wieder sein grünes Licht freigeben wird. Vielleicht reagiert es gar nicht und wir werden nichts erkennen können.“
„Wir werden sehen, was geschehen wird. Sei doch etwas zuversichtlicher, mein junger Adalbert. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass du die Stelle wiederfinden wirst. Wenn wir im Stollen sind, werden wir die genaue Situation nachstellen, die zu diesem besonderen Ereignis geführt hat. Also sollten wir die drei Elfenbrüder und das Horn mitnehmen.“
Adalbert hoffte, dass die Drachenlady Recht behalten würde. Bei dem Gedanken, an der bevorstehenden Ratsrunde ohne seinen Drachenfreund teilzunehmen, fühlte er sich unwohl, denn er konnte sich nicht vorstellen, ganz alleine in Merthurillhs Loge zu sitzen.
Mach dir keine Gedanken, Adalbert. Es ist bestimmt in Merthurillhs Sinne, dass wir unter diesen Gegebenheiten den Rat einberufen, ohne dass er anwesend ist. Außerdem wird es sicherlich noch genügend Möglichkeiten geben, ihn über das Besprochene zu informieren.
Die Stimme des Lorhdrachen erklang direkt in Adalberts Kopf. Schon wieder hatte er seine Gedanken gelesen. Doch der Junge war ihm nicht wirklich böse, da seine Worte ihn tatsächlich etwas beruhigt hatten. Er schmunzelte nur leise lächelnd und schüttelte ungläubig den Kopf. Okoriath konnte es einfach nicht lassen, in die Gedanken anderer einzudringen.
Entschuldige bitte, ich weiß, du magst es nicht, wenn ich auf diese Weise Kontakt mit dir aufnehme. Aber glaube mir, ich arbeite schon an mir, kam die Antwort auf Adalberts Kopfschütteln in seinen Gedanken. Dem Jungen war völlig klar, dass der Lorhdrache niemals der lockenden Versuchung würde widerstehen können, in die Köpfe anderer einzutauchen.
Völlig unerwartet hielt jemand Adalbert von hinten die Augen zu. Sofort wurde er an seinen Elfenfreund Antharill erinnert, wie dieser ihn damals davor bewahrt hatte, blind vor Wut in die Arme der Trolle zu laufen. Als er so die Hände auf seinen Augen fühlte, stiegen schöne und gleichzeitig auch sehr traurige Erinnerungen in ihm hoch. Trotzdem wusste er, dass jemand jetzt und hier darauf wartete, von ihm erraten zu werden.
„Das kann nur die kleine, freche und süße Biggi sein!“
„Ich bin nicht klein!“, antwortete das Mädchen kess, als es seine Hände von Adalberts Augen nahm.
„Das stimmt, du bist schon richtig groß“, stimmte er ihr zu.
„Birgit ist schon beinahe so groß wie Kronglogg. Im nächsten Jahr wird sie ihn bestimmt schon überholt haben!“, fügte Jordill lächelnd hinzu.
„Auf die körperliche Größe kommt es doch überhaupt nicht an!“, brummte Kronglogg. „Dass ihr Elfen und Menschen euch immer so viel auf eure Länge einbildet. Ein prächtiger Zwerg kann viel größer sein, als beispielsweise der längste Mensch!“
Als Kronglogg keine Widerworte hörte, nickte er zufrieden.
„Komm, setz dich zu mir und frühstücke mit uns“, forderte Adalbert Biggi liebevoll auf und zog ihr einen Stuhl heran. Das ließ sich das Mädchen natürlich nicht zweimal sagen.
Kapitel 2
Der Ratsbeschluss
Nachdem das ausgiebige Frühstück beendet war, folgten alle Ratsmitglieder dem Lorhdrachen Okoriath zur Ratshalle. Natürlich war Adalbert wieder einmal völlig begeistert, als er bestaunen konnte, wie sich, nachdem der Lorhdrache die geheime Öffnungsformel gesprochen hatte, der massive Felsen vor ihm mit seltsamen, kreisförmigen Bewegungen zu einem Eingang in die Ratshalle verwandelte.
Sie waren jedoch nicht die Ersten, die diese heiligen Hallen betraten, denn der oberste Elfenkönig Trillahturth und der Waldelfenkönig Erithjull saßen bereits auf ihren Plätzen und unterhielten sich leise. Jedes Ratsmitglied nahm seinen angestammten Platz ein und Adalbert fühlte sich in Merthurillhs Loge einsam und verlassen. Ohne seinen goldenen Freund war es einfach nicht dasselbe.
„Komm doch bitte zu mir herüber, dann brauchst du nicht so alleine in eurer Loge zu sitzen“, forderte ihn die Erste Drachenlady Coralljah auf und bot ihm den Sitz zu ihrer Linken an. Sie hatte natürlich erkannt, in welcher unbehaglichen Situation sich der junge Adalbert befand.
„Das ist sehr lieb von Euch, schöne Lady Coralljah. Aber Euer linker Platz gehörte meinem Freund Antharill, der sein Leben für mich gab. Auf seinem Platz zu sitzen, erscheint mir irgendwie nicht richtig. Ich werde die Erinnerung an seine Freundschaft für den Rest meines Lebens in meinem Herzen tragen.“
Bei diesen Worten berührte Adalbert mit seiner rechten Hand die Stelle, an der sein Herz schlug. In seinen Gedanken konnte er den stolzen Hengst, in den sich der Elf nach seinem tragischen Tod verwandelt hatte, im gestreckten Galopp über eine saftige Hügellandschaft galoppieren sehen.
„Außerdem ist dies hier mein Platz und ich möchte meinen Freund Merthurillh würdig vertreten, wenn er schon nicht selbst an dieser Versammlung teilnehmen kann. Ich hoffe sehr, dass ihr meine Ablehnung nicht als unhöflich betrachtet.“
„Hört, hört! Die Worte eines echten Jungritters!“, sagte der alte Drache Rostorrh anerkennend, bevor sich der Lorhdrache an alle Ratsmitglieder wandte.
„Teuerste Lady Coralljah, wunderbare Lady Zaralljah, mein alter Freund Trillahturth, du Oberster aller Elfen des Drachenlandes, mein Freund vieler Abenteuer König Erithjull, Ritter Rostorrh, alter Kampfgefährte so mancher schlimmen Schlacht, meine stolzen Jungritter Tomporillh und Adalbert, mein überaus geschätzter Ratgeber Kronglogg und, nicht zu vergessen, unser treuer Chronist und Freund Olstaff, wir sitzen heute in dieser Ratsrunde zusammen, weil es dringende Angelegenheiten gibt, denen wir schnellstmöglich nachgehen müssen. Wie ihr sicher bereits alle wisst, ist mein Erster Ritter Merthurillh in einen wohltuenden Heilschlaf gefallen und kann deshalb nicht hier sein.
Gestern Abend informierte mich König Trillahturth darüber, dass sich nach seiner Kenntnis hier in der Drachenschule ein Hinweis auf die geheime Formel befinden muss, die Adalbert benötigt, um die finale Seelenübertragung einzuleiten. Gemeinsam haben er, König Erithjull, unser Archivar Olstaff und ich selbst in der vergangenen Nacht jede verfügbare Schrift und alle Unterlagen durchforstet und sind jedem Hinweis nachgegangen, der auch nur im Entferntesten auf diese Formel hinweisen könnte. Doch wir konnten nichts Konkretes finden. Da sich jedoch, wie jeder hier weiß, der weise König Trillahturth noch nie geirrt hat, sollten wir jetzt gemeinsam darüber beratschlagen, wo wir noch nach der verloren gegangenen Formel suchen könnten.“
Der uralte Olstaff mit seinen liebenswürdigen Augen räusperte sich vorsichtig und wies darauf hin, dass sie die Zeit, in der sich Merthurillh im Heilschlaf befand, nicht ungenutzt verstreichen lassen sollten, schließlich hätten sie nur ein Jahr Zeit, die Drachenseele aus Adalberts Brust zu befreien, sonst würde diese zu Wargos auffahren.
„Ich glaube, ich weiß, wo die Formel ist“, erwiderte Adalbert leise und unsicher, denn er konnte sich kaum vorstellen, dass noch kein anderer auf die Idee gekommen war, die ihm gerade durch den Kopf ging.
„Na, da sind wir ja mal sehr gespannt, Jungchen!“, warf der alte Drache Rostorrh ungläubig ein. Es war dem besonderen Klang seiner Stimme anzuhören, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass ausgerechnet dieser Junge den Ort kennen sollte, nach dem die klügsten Köpfe des Drachenlandes die ganze Nacht hindurch vergeblich geforscht hatten.
„Kümmere dich nicht um die ruppige Art des Alten, er meint es nicht wirklich so. Du weißt doch, dass Ritter Rostorrh nicht so schnell zu überzeugen ist“, entschuldigte sich der Lorhdrache bei Adalbert für den alten Kämpfer.
„Eine Entschuldigung ist nicht nötig, denn ich kann Ritter Rostorrh nur zu gut verstehen. Ich wäre auch überrascht, wenn ausgerechnet jemand wie ich behaupten würde, solch verborgene Dinge zu wissen. Dennoch ist es so. Vielleicht irre ich mich ja, aber ich fühle, dass ich weiß, wo die Formel zu suchen ist.
Wir haben bereits darüber gesprochen und die wunderschöne Lady Coralljah wollte mit mir schon längst dort hingehen und die Stelle aufsuchen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir zu den Runen gehen müssen, die sich mir in der Höhle tief unterhalb der Drachenschule gezeigt haben, als ich mit dem Horn von Fantigorth und meinen Freunden Trulljah, Maradill und Jordill dort war.“
„Das könnte tatsächlich sein“, stimmte die Drachenlady Coralljah zu. „Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, warum das Horn gerade diese Stelle mit seinem magisch-grünen Licht erhellt hat. Nun ergibt es endlich einen Sinn. Das Horn von Fantigorth oder dein Geistdrache Rorgath wollten dir zeigen, wo du die geheime Formel finden kannst.“
„Ich selbst konnte mit den geheimnisvollen Runen zu diesem Zeitpunkt nichts anfangen und war auch mit der Botschaft meines Geistdrachen zu sehr beschäftigt, als dass ich sie mir gemerkt hätte, aber die drei Elfenbrüder taten es“, fügte Adalbert noch hinzu.
„Wortrillh, bitte hole die Elfen zu unserer Besprechung hinzu und sorge dafür, dass eine Schiefertafel bereitsteht, auf der sie ihre Erinnerungen an die Runen aufmalen können“, bat Okoriath den Anführer der Saalwache, die sowohl aus eleganten Elfen als auch aus stämmigen Zwergen des Hochgebirges bestand.
„Euer Wunsch sei mir Befehl, edler Lorhdrache!“, sagte der pflichtbewusste Wortrillh, gab einigen seiner Elfen und Zwerge ein schnelles Zeichen und machte sich dann unverzüglich auf den Weg.
Nachdem der Anführer der Saalwache die Elfenbrüder kurz darauf in die Ratshöhle geführt hatte, wurden auch sie von Okoriath begrüßt, der anschließend das Wort an Lady Coralljah übergab.
„Trulljah, als Ältesten von euch drei Brüdern möchte ich dich fragen, ob ihr euch noch an die Runen erinnern könnt, die ihr in der Höhle gesehen habt, nachdem sie durch das Horn grün erhellt wurde?“, fragte die Lady Coralljah freundlich, die sich mit den alten Schriften und Überlieferungen auskannte wie kein anderer Drache.
„Ich denke schon, dass wir uns noch an die eine oder andere Rune erinnern können“, antwortete der Elf selbstsicher.
„Dann möchte ich euch bitten, alle Runen, die euch noch in den Sinn kommen, jetzt auf die Tafel zu malen“, forderte sie die drei Brüder auf.
Trulljah blickte kurz zum Lorhdrachen hinüber, um sicherzugehen, dass dieser der Bitte der Drachenlady zustimmte, worauf Okoriath freundlich nickte. Also begannen die Elfen, eine Menge Runen auf die Tafeln zu bringen. Besonders fleißig war dabei Maradill, der sich augenscheinlich die meisten Zeichen gemerkt hatte. Nachdem er dann als Letzter der Brüder die Kreide aus der Hand gelegt hatte und ein paar Schritte zurückgetreten war, betrachtete jeder Einzelne in der Ratshöhle schweigend die Schiefertafel. Damit auch Zaralljah und der Jungritter Tomporillh einen Blick auf die Tafel erhaschen konnten, mussten sie ihre Logen verlassen.
„Nun schönste Lady Coralljah, lasst uns nicht in Unwissenheit schweben, wenn Ihr bereits etwas von diesen wirren Runen lesen könnt“, bat sie der Lorhdrache, der als einziger Drache im ganzen Land ein weißes Schuppenkleid hatte. Dieses war ein Zeichen für seinen Rang und seine Weisheit.
„Ich bin mir nicht wirklich sicher. Viele dieser Zeichen kann ich so nicht eindeutig erkennen. Aber bei einigen Runen könnte ich mir vorstellen, was sie bedeuten oder worauf sie hinweisen.“
Nach diesen Worten erhob sich Lady Coralljah, ging näher an die Tafel heran und zeigte dann auf ein nahezu dreieckiges Symbol am oberen rechten Rand der Schiefertafel.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Zeichen Einleitung bedeutet. Bei diesen beiden Symbolen“, hierbei deutete sie auf zwei übereinandergeschriebene Runen am linken Rand der Tafel, „könnte es sich wohl um die Bedeutung Hinüberführung, Übertragung oder Geburt handeln.
Die drei Zeichen in dieser speziellen Anordnung hier unten können nur eines bedeuten: der Neugeborene!“
Ein Raunen ging durch die Runde der erstaunten Zuhörer in der Halle.
„Seid Ihr Euch da ganz sicher, werte Lady Coralljah?“, fragte der alte Elfenkönig Trillahturth eindringlich.
„Ja, daran gibt es nicht den geringsten Zweifel. Ich bin mir ganz sicher, dass uns die Zeichen zumindest einen Hinweis auf die verborgene Beschwörungsformel geben könnten, die Adalbert hoffentlich bald benötigen wird.“
„Olstaff, was denkst du? Könnte das die Formel sein?“, fragte der Lorhdrache nun seinen Archivar.
Der alte Mann strich sich mehrfach zutiefst nachdenklich durch seinen langen, grauen Bart, betrachtete eine gefühlte Ewigkeit lang die verschiedenen Runen und blickte dem Lorhdrachen Okoriath dann tief und fest in die Augen.
„Als ich seinerzeit hier an der Drachenschule ankam, gab es so gut wie keinerlei Dokumente oder Schriftrollen über die Geschichte des Drachenlandes. Erst im Laufe vieler Jahrzehnte konnte ich mit Hilfe einiger Elfen, Zwerge und Drachen das zusammentragen, was unsere heutige Bibliothek und das Archiv mit teilweise unvorstellbar wertvollen Schriften und Rollen ausmacht. Dabei haben mir besonders die sorgsam überlieferten Schriftrollen der Elfen und die Steinreliefe der Zwerge aus den tiefsten und finstersten Stollen des dunklen Nordlandes unermessliche Hilfe geleistet. Glücklicherweise durfte ich sie alle übertragen und konnte das Wissen der Elfen und Zwerge mit dem der Drachen hier an der Drachenschule vereinen.
Schon sehr oft habe ich mich gefragt, ob es aus früheren Jahrhunderten noch weitere Überlieferungen gibt. Tatsächlich bin ich fest davon überzeugt, doch ich hatte keine Ahnung, wo ich danach suchen sollte. Bis heute. Denn warum sollten diese Überlieferungen nicht hier in den unzähligen Höhlen, Gängen und Stollen der Drachenschule zu finden sein, die in früheren Jahrhunderten zwar keine Schule, aber schon immer ein Drachenhort war? Soviel ich weiß, lebten hier in grauer Urzeit sogar einmal die grässlichen Trolle mit den Drachen gemeinsam, was auch die unsauber gehauenen Stollen erklärt, die …“
„Eure Forschungen in Ehren, aber jetzt und hier ist nicht der richtige Zeitpunkt, um einen ausschweifenden Exkurs in die Geschichte des Drachenlandes zu machen“, unterbrach Lady Coralljah den gelehrten Olstaff, der sich gerade warmzureden schien.
„Also gut, dann fasse ich mich kurz. Wenn ich richtig darüber nachdenke, gibt es eigentlich keinen besseren und logischeren Ort, wo die verschollene Formel versteckt sein könnte, als genau hier, tief unter unseren Füßen“, sagte der Chronist, der gerne noch mehr ins Detail gegangen wäre.
„Adalbert, es ist nun an dir, uns zu der Stelle zu führen, wo wir uns die Runen selbst ansehen können. Kaum zu glauben, dass wir seit Jahrhunderten nie etwas von diesen Geheimnissen erfahren haben. Wer weiß, was da noch so alles im Verborgenen schlummert und nur darauf wartet, entdeckt zu werden.“
Mit diesen Worten löste der Lorhdrache die Versammlung auf und forderte alle auf, dem nervösen Jungen zu folgen. Adalbert hoffte inständig, dass er die genaue Stelle wiederfinden würde und dass sich die geheimnisvollen Runen unter Zuhilfenahme des Horns von Fantigorth dann auch erneut zeigen würden. Deutlich war die knisternde Spannung zu spüren, die über jedem Einzelnen der Gruppe hing.
Draußen wartete die kleine Birgit. Frech ergriff sie die Hand ihres Freundes Adalbert und ließ es sich nicht nehmen, an der Spitze des Drachenrates neben ihm, Lady Coralljah und dem Lorhdrachen Okoriath zu laufen. Keiner wies das kleine Mädchen zurecht, denn sie war allen ans Herz gewachsen.
„Adalbert ich habe dich so lieb! Du bist mein großer Held!“, schmachtete Birgit unterdessen. Der Junge, dem das zu viel des Lobes war, versuchte vergeblich, seine Hand zu befreien, doch Birgit ließ das nicht zu.
„Ich bin doch kein Held“, antwortete er verlegen.
„Oh doch Adalbert, ich muss Birgit Recht geben. Du bist ein Held und es werden noch unzählige Abenteuer vor dir liegen, die deine Heldenhaftigkeit noch mehrfach auf die Probe stellen werden“, pflichtete die Drachenlady dem kleinen Mädchen bei.
„Ich gebe ja zu, Adalbert hat für sein knabenhaftes Alter schon Großes vollbracht. Ihn aber deshalb gleich als Helden zu bezeichnen, halte ich für etwas übereilt“, murmelte der mürrische Altkrieger Rostorrh. „Ein Held zu sein, ist etwas ganz Besonderes und bedarf viel mehr als nur eines bestandenen Abenteuers. Fantigorth und Rorgath, das waren Helden!“
„Ich denke ebenso wie Ihr, Ritter Rostorrh. Ich bin kein Held und möchte auch gar keiner sein. Wenn ich etwas Gutes für unser schönes Drachenland tun kann, wenn ich täglich an meinen Tugenden arbeiten darf und wenn ich denjenigen helfen kann, die dringend Hilfe benötigen, dann bin ich zufrieden“, ergänzte Adalbert.
Sowohl Rostorrh als auch der Lorhdrache Okoriath nickten zustimmend.
„Siehst du, mein Junge, das soll dein Weg sein. Folge ihm weiterhin, ohne vom rechten Pfad abzukommen. Das ist der ehrenvolle Weg des Ritters und deine wirkliche Bestimmung. Glaube nicht, dass das eine leichte Aufgabe sein wird, aber sei dir gewiss, wir stehen immer geschlossen hinter dir. Von uns allen erhältst du die nötige Rückendeckung.“
Um seine Worte noch etwas zu untermauern, stupste der alte Ritter den nachdenklichen Adalbert mit seiner grauen, vernarbten Schnauze freundschaftlich an.
Durch viele Stollen und Gänge führte der Junge die Gruppe, doch je länger sie unterwegs waren, umso unsicherer wurde er, ob er überhaupt den richtigen Stollen würde finden können. Natürlich hatten die Elfen lodernde Fackeln und die Zwerge ihre warm scheinenden Grubenlampen mitgenommen und sorgten somit für ausreichend Licht, das selbst in die dunkelsten Ecken fiel, aber auch diese Beleuchtung half Adalbert nicht weiter. Er überlegte schon, die Suche abzubrechen und auf später zu verschieben.
Doch plötzlich hielt er mitten im Marsch inne: „Genau an dieser Wand sind uns die Runen erschienen, nachdem das Horn von Fantigorth kurz zuvor alles in dieses seltsame grüne Licht getaucht hatte.“
Er war sich sicher, dass dies die richtige Stelle war, denn etwas Seltsames lag über diesem Ort. Nun legte er seine Hand an die nasskalte Höhlenwand. Die drei Elfenbrüder wollten ihn gerade unterstützen, indem auch sie wie beim letzten Mal die Wand berührten, doch Adalbert winkte ab.
„Ich glaube, ich werde eure Hilfe diesmal nicht benötigen. Ich bin fest davon überzeugt, dass mir die Runen ihr Geheimnis verraten werden.“
Kronglogg stellte sich neben ihn, hob seine Grubenlampe hoch und untersuchte aufgeregt die kalte Wand, die für Adalbert aussah wie tausend andere Wände auch.
„Siebte Zwergen-Dynastie, vielleicht sogar sechste, aber auf jeden Fall dieses Zeitalter. Eine wundervolle Arbeit“, staunte der Zwerg ehrfürchtig. „Nichts, was darauf hinweist, dass schwere Werkzeuge wie Hammer und Meißel diese Wand je berührt haben. Schaut euch das doch nur einmal an! Die Oberfläche wurde mit dem feinsten Meeressand, den man nur an der Küste des westlichen Drunskwest findet, in mühsamen Schleifbewegungen über den Zeitraum von mindestens zwei Vollmonden hinweg bearbeitet. Ihr werdet weder die geringste Unebenheit noch den kleinsten Kratzer finden!“
Sicherlich hätte sich Kronglogg noch stundenlang über diese vortreffliche Zwergenarbeit auslassen können, doch das knurrige Räuspern des Lorhdrachen erinnerte ihn daran, dass es nicht die künstlerischen Fähigkeiten seines Volkes waren, deretwegen sie hier waren.
„Lieber Freund, ich weiß, dass dich diese einzigartige Arbeit des Zwergenvolkes begeistern muss, daher verspreche ich dir, dass ich selbst derjenige sein werde, der zu einem günstigeren Zeitpunkt eine genaue und detaillierte Erkundung aller Stollen hier unter deiner Führung beauftragen wird. Das ganze Felsmassiv unter der heutigen Drachenschule ist mit unzähligen Gängen und Stollen durchzogen. Die meisten davon sind für uns Drachen zu eng und daher von uns auch noch nie erforscht worden. Ich bin davon überzeugt, dass du und Olstaff hier viel zu tun haben werdet. Ein detaillierter Stollenplan und eine genaue Datierung aller Gänge wären sicherlich sehr sinnvoll. Wer weiß, was es dort unten noch zu erforschen und zu entdecken gibt.“
„Das ist eine Aufgabe ganz nach meinem Geschmack!“, freute sich der Zwerg und klopfte dem Chronisten für Zwergenbegriffe sanft auf die Schulter.
„Nicht doch immer so brutal, du gefühlloser Zwerg“, protestierte der schmächtige Olstaff hustend.
Alle drängelten sich jetzt höchst gespannt um Adalbert, wobei die mächtigen Drachen den Elfen den Vortritt ließen, damit diese auch etwas sehen konnten. Birgit stand an Adalberts Seite und ließ sich diesen Platz nicht nehmen. Der Chronist Olstaff hatte sich dicht an Adalberts linke Seite gestellt und zog aus seiner Umhängetasche aus schlichtem Leder eine schieferne Schreibtafel und einen Grafitstift hervor. Er wollte unbedingt jedes einzelne Symbol so schnell wie möglich dokumentieren, bevor es wieder unsichtbar wurde, falls sich die Runen überhaupt erneut zeigten.
Nachdem endlich jeder seinen Platz gefunden hatte, wurde es so still, dass man problemlos gehört hätte, wenn in der nächsten Höhle eine Nadel zu Boden gefallen wäre. Nun legte Adalbert auch seine zweite Hand gegen die nackte Felswand, schloss die Augen und konzentrierte sich.
„Bitte Wand, gib mir dein Geheimnis frei und zeig mir erneut deine Inschriften, damit ich erfahre, wie ich die Seele von Allturith in mir retten kann“, flüsterte Adalbert leise, der sich irgendwie selbst dumm dabei vorkam. Wie konnte er eine Wand aus kaltem Fels um einen Gefallen bitten?
Doch als wenn diese nur auf seine Bitte gewartet hätte, begann sie plötzlich ganz leicht zu vibrieren und wurde zunehmend wärmer. Das Horn von Fantigorth, welches sich Adalbert über seine Schulter gehängt hatte, reagierte ebenfalls und leuchtete kaum wahrnehmbar. Und mit jedem einzelnen seiner Atemzüge wurde das grünliche Schummerlicht heller.
„Da ist es wieder, das seltsame Licht“, murmelte Jordill aufgeregt. „Ihr seht, wir haben euch kein Märchen erzählt!“
Doch daran hatte sowieso keiner auch nur den geringsten Zweifel gehabt. Instinktiv nahm Adalbert das Horn von der Schulter und drückte es behutsam gegen die Wand. Wie kleine Blitzstrahlen schossen plötzlich unzählige grüne Leuchtkugeln, groß wie Hagelkörner, aus der Stelle, wo die Wand vom Horn berührt wurde. Entgegen aller Erwartungen verletzten diese Leuchtkörper keinen der erschrockenen Anwesenden. Jedes Mal, wenn sie jemanden berührten, änderten sie ziellos ihre Richtung und schwebten scheinbar schwerelos im Raum umher. Mit ihrem geheimnisvollen Licht verwandelten sie den ganzen Stollen in eine mystische Stätte.
Wenige Augenblicke später vereinten sich alle Lichtpunkte zu einem einzigen grünen Lichtkörper, der direkt über Adalberts Kopf schwebte und an eine grünfarbene Sonne erinnerte. Doch diese Sonne schickte ihr Licht nicht in Strahlen aus, sondern in harmonischen Wellenbewegungen, die fast einem rhythmischen Muster zu folgen schienen. Mit der dritten oder vierten Lichtwelle gegen die Felswand wurden dann die geheimen Runen sichtbar.
Olstaff war so von diesem einzigartigen Schauspiel verzaubert, dass er nur staunend da stand. Erst als Lady Coralljah ihn bat, doch endlich die Runen auf seine Tafel zu schreiben, wurde er schlagartig so eifrig, als ob sein Leben davon abhinge.
Lady Coralljah schob sich an Okoriath und Rostorrh vorbei und kam ganz dicht an Adalbert und die schimmernde Wand heran. Sie wollte sich nicht allein auf Olstaffs Schreibgeschwindigkeit verlassen, sondern sich die Runen unbedingt selbst einprägen, ehe sie womöglich wieder in der Dunkelheit verschwanden.
„Es wird die Zeit kommen“, begann sie langsam und mühsam mit der schwierigen Übersetzung der geschwungenen Runen, „da die geheimen Worte zur Einleitung der heiligen Tragorarrh gesprochen werden müssen, um die Übertragung – oder Hinüberbringung, da bin ich mir nicht so sicher – der edlen Seele zur Wiedergeburt eines mächtigen Drachen einzuleiten. Nur der erwählte Seelenträger selbst darf der Tragorarrh beiwohnen und die behütete Formel leise sprechen, die als allerhöchstes Geheimnis von einem Lorhdrachen auf den nächsten Lorhdrachen weitergegeben wird.“
„Was ist denn eine Tragordingsda?“, fragte Birgit Jordill flüsternd.
„Das ist die endgültige Übertragung der Seele, die Adalbert in seiner Brust trägt, auf den neuen Drachenkörper“, erklärte der Elf leise. Birgit nickte zwar verstehend, aber Jordill ahnte, dass sie nicht wirklich verstanden hatte. Er nahm sich vor, es ihr später genau zu erklären.
Nun trat eine nervenzerreibende Stille ein. Lady Coralljah schien mit ihrer Übersetzung nicht weiterzukommen.
„Wenn ich die nächsten Runen richtig interpretiere, denn ich kenne sie nicht und kann ihre Bedeutung nur aus dem Zusammenhang heraus deuten“, begann sie endlich erneut, „dann wird aus der möglichen Einheit des Parkardorrhs und des wiedergeborenen Drachen, Wargos’ erster Krieger, der edle Sekuriath!“
„Wer oder was soll Wargos’ erster Krieger sein und was ist ein Parkardorrh?“, fragte Ritter Rostorrh nachdenklich.
„Die Antwort darauf muss ich dir leider schuldig bleiben, denn darüber steht hier nichts weiter“, antwortete die Lady.
„Ich bin der Parkardorrh, ich bin der Seelenträger!“, antwortete Adalbert selbstsicher. Diese Antwort hätte jeder von der wissenden Lady Coralljah erwartet, aber bestimmt nicht von ihm.
„Was steht da noch? Wie geht denn nun die Formel, die ich können muss?“, wollte er wissen.
Er hatte seine Worte kaum zu Ende gesprochen, als sich das Licht wieder aus der Wand zurückzog und in der schwebenden Lichtkugel aufging. Das grüne Leuchten wurde zunehmend schwächer, bis die Kugel mit einem leisen Zischen erlosch. Die Runen waren verschwunden und die Wand wieder kalt.
„Oje, jetzt konnten wir die Formel nicht lesen! Das kann doch nicht alles gewesen sein“, stöhnte Adalbert enttäuscht, der instinktiv wusste, dass sich die Runen nicht ein drittes Mal zeigen würden.
„Es gab nichts mehr zu lesen, als das, was ich euch übersetzt habe, aber das war doch schon sehr viel, lieber Adalbert“, beruhigte ihn Coralljah.
„Wir haben etwas sehr Wichtiges erfahren“, fügte Olstaff hinzu. „Der genaue Wortlaut für die Seelenübertragung müsste eigentlich unserem Lorhdrachen Okoriath bekannt sein!“
Jeder blickte nun zum Lorhdrachen, der ziemlich ratlos erschien, und seine Tochter Sintarillh bat ihren Vater, doch endlich zu erzählen, was er wusste.
„Es tut mir wirklich leid, aber ich kann euch nicht helfen“, war die ernüchternde Antwort.
„Als ich seinerzeit zum Lorhdrachen gewählt wurde, war die Ratsrunde völlig verwaist und verlassen. Ich konnte kein Wissen und schon gar keine geheimen Formeln von meinen Vorgängern erfahren und übernehmen. Das Einzige, was ich mit Sicherheit weiß, ist die Tatsache, dass meine Vorgängerin die Lorhdrachin Murwirtha war.“
„Die ehrenwerte Lady Murwirtha!“, wiederholte der Elfenkönig Trillahturth andächtig ihren Namen. „Es muss schon eine Ewigkeit her sein, dass ich das letzte Mal ihren Namen gehört habe. Angeblich soll sie sich damals in das hohe Eisgebirge zurückgezogen haben, um dort in der Nähe der Kalten Hand einsam das Leben einer Eremitin zu führen und den damaligen Schrecken des Drachenlandes zu entfliehen. Doch das sind nur vage Überlieferungen und keiner weiß, ob sie nicht schon längst gestorben ist.“
„Dann lasst sie uns suchen, denn sie muss ja schließlich die geheime Formel kennen!“, forderte Adalbert die anderen hastig auf.
„In Wargos’ edlem Namen, so soll es sein!“, bekräftigte der Lorhdrache Adalberts Tatendrang.
Kapitel 3
Der Weg des Ritters
Nachdem die Mitglieder des Drachenrates etwas Zeit gefunden hatten, die einzigartigen Ereignisse in der grünleuchtenden Höhle zu realisieren, denen sie vor wenigen Augenblicken hatten beiwohnen dürfen, bat der Lorhdrache Okoriath sie zur Abschlussbesprechung in die heilige Ratshöhle. Nicht nur zu Adalberts Überraschung wurden auch der Jungritter Torgorix, der immer noch sehr verstörte Erik und der Ritter Knut von Tronte dazu eingeladen.
Nachdem der weiße Drache die drei Letzteren über die wesentlichen Ereignisse des heutigen Vormittages informiert hatte, bat er sie, sich zur weiteren Besprechung in die freie Loge der ehemaligen Gemarkung des Ostlandes zu setzen, sozusagen zur Linken Adalberts. Es benötigte keiner besonderen Drachenkenntnis, um zu sehen, mit welcher Ehrfurcht sich Torgorix auf den verwaisten Drachenplatz legte. Dabei blickte er immer wieder verstohlen zu seiner Mutter, als wenn er sie fragen wollte, ob er das denn auch wirklich dürfe. Als ihm Lady Coralljah wohlwollend zunickte, genoss er das dicke Kissen, welches ihm von einem Logenwächter unter das Kinn geschoben wurde.
„Es erschwert unser Vorhaben ungemein, dass ich von meiner Vorgängerin, der ehrenwerten Lorhdrachin Murwirtha, keinerlei Informationen erhalten habe und somit auch die geheime Formel nicht kenne, die Adalbert zur Übertragung der Seele Allturiths benötigt. Doch wir wären keine Mitglieder des Drachenrates, wenn wir uns dadurch entmutigen ließen. Probleme und Schwierigkeiten werden tatkräftig angegangen und schließlich gelöst. Wir wachsen an unseren Aufgaben.“
Jeder der Anwesenden erkannte deutlich, dass Okoriath sehr darüber verärgert war, dass er nicht über das wichtige Wissen verfügte, welches ihm als Lorhdrachen zugestanden hätte. Voller Tatendrang fuhr er dann jedoch fort: „Somit werden sich jetzt vier wesentliche Aufgaben für uns ergeben, denen wir unverzüglich nachgehen müssen und von deren Ausgang das Wohl des gesamten Drachenlandes abhängen könnte. Jede einzelne dieser Aufgaben ist ein Teil des gesamten Schutzplanes gegen die Bedrohung durch den Druiden Snordas mit seinen fürchterlichen Kriegshorden und darf nicht scheitern.
Trotzdem besteht keinerlei Zweifel daran, dass die höchste Priorität der Aufgabe zukommt, Allturiths Seele zu retten. In einer längeren Besprechung sind sich in der letzten Nacht die weise Lady Coralljah, die ehrenwerten Elfenkönige Trillahturth und Erithjull, unsere schlauer Freund Kronglogg, der erfahrene Ritter Rostorrh, der geschätzte Freund Olstaff und ich darüber einig geworden, dass uns die Rettung von Allturiths Seele nicht nur den Sohn von Zaralljah und Merthurillh wiederbringen wird, sondern von viel größerer Wichtigkeit für das Wohl des ganzen Landes sein könnte, als wir heute zu ahnen oder gar zu erkennen in der Lage sind.
Nicht nur aus den Berichten von Adalbert und den Geschehnissen von vorhin, sondern auch aus all den spärlichen Überlieferungen, die wir in der vergangenen Nacht zusammengetragen haben, können wir folgern, dass ein wiedergeborener Drache wahrscheinlich über unermessliche Macht verfügen würde. Daher unterliegt diese Aufgabe auch weiterhin der strengsten Geheimhaltung und nichts davon darf diese Mauern verlassen. Es sollte also nicht notwendig sein, zu erwähnen, dass jeder Einzelne von uns alles daran setzen muss, dieses Geheimnis zu wahren.“
Bei diesen Worten schaute der Lorhdrache Erik besonders eindringlich an, der sich in seiner Haut überhaupt nicht wohlfühlte.
„Mein lieber Freund Okoriath“, mischte sich der Waldelfenkönig ein, „einerseits bin ich davon überzeugt, dass Erik etwas aus seinen schlimmen Fehlern gelernt hat, und andererseits wird er in den nächsten Monden sicherlich keinerlei Möglichkeiten haben, irgendwo davon zu erzählen, denn er wird ja bei uns im Nasli Karillh seine Strafe dafür annehmen, dass er dem armen Zwerg Rognagg die Bartspitzen abgeschnitten hat. Die vor ihm liegende Zeit der Dienerschaft wird ihm viel abverlangen und außerdem wird er bei uns zur Schule gehen. Ihr selbst wisst, was da auf ihn zukommen wird. Es wird ihm als sowohl an Zeit als auch an Möglichkeiten fehlen, den sicheren Elfenwald in absehbarer Zeit zu verlassen.“
Okoriath nickte leicht schmunzelnd in Eriks Richtung, was darauf schließen ließ, dass wirklich eine harte Zeit vor dem Jungen lag, und wandte sich dann wieder Adalbert zu.
„Mein lieber Sohn Adalbert, um einmal mit Merthurillhs Worten zu sprechen, deine Aufgabe wird es sein, nach der Lorhdrachin Murwirtha im Eisgebirge zu suchen, um von ihr die geheime Formel zu erhalten.“
„Aber warum sollte sie mir denn die Formel verraten?“, fragte der Junge zweifelnd.
„Glaube mir, sobald du vor ihr stehst, wird Murwirtha wissen, dass du ein Parkardorrh, also ein Seelenträger bist. Außerdem gebe ich dir einen besonderen Botenstein mit, der schon von alters her nur vom Lorhdrachen persönlich an ausgewählte Boten übergeben wurde und dem Empfänger die Echtheit und Wichtigkeit des Trägers bestätigt. Murwirtha wird diesen Edelstein erkennen und dir Gehör schenken, vorausgesetzt, du findest sie, denn das wird die schwierigste deiner Aufgaben sein. Niemand weiß mit Bestimmtheit, ob die alte Drachenlady überhaupt noch lebt. Und wenn dem so sein sollte, kennt keiner ihren genauen Aufenthaltsort. Möge der große Wargos seine riesigen Schwingen schützend über dich halten und dir den rechten Weg weisen.“
Nun griff der Lorhdrache mit der rechten Vorderpranke an sein Horn und zog unter einer großen Panzerschuppe einen kleinen Gegenstand hervor, den er Adalbert reichte. Es war ein handtellergroßer, purpurner Rubin, der linsenförmig geschliffen war und auf dessen einer Seite drei alte Drachenrunen zu erkennen waren. Diese erinnerten Adalbert sofort an die Runen, die sie an der Höhlenwand gesehen hatten. Er nahm den Lederbeutel aus seiner Tasche, in dem er bereits den Wegstein transportierte, den er vom Troll Orax erhalten hatte. Adalbert legte den Botenstein dazu, verschloss den Beutel wieder und steckte ihn wieder in seine Hosentasche.
Unwillkürlich musste er an den Troll denken. Wie es seinem neuen Freund und Lebensretter wohl gerade ging? Hoffentlich war er mit seiner geheimen Widerstandsgruppe noch nicht aufgeflogen und konnte sich den neugierigen Blicken des schwarzen Magiers noch immer erfolgreich entziehen.
„Als Weggefährten werden dich der abenteuerlustige Elf Jordill, der genesene Keiler Tork und der junge Secundus Torgorix begleiten.“
Nun wandte sich der Lorhdrache an den völlig überraschten und strahlenden Torgorix und erklärte, dass er und seine Mutter, Lady Coralljah, sich darin einig seien, ihm diese erste Aufgabe zu übertragen.
„Wir sind beide davon überzeugt, dass du diesem Auftrag gewachsen bist. Spätestens nach deiner bedeutsamen Taufe weiß jeder, dass in dir etwas ganz Besonderes steckt. Deine Aufgabe besteht aber nicht nur darin, die drei zu begleiten und zu beschützen, sondern auch darin, unser Bote zu sein, der den Rat ständig über die Aktivitäten der Eisgruppe informieren wird. Geht davon aus, dass ihr zu dieser Zeit im hohen Eisgebirge mit klirrender Kälte konfrontiert sein werdet. Auch darin wird eine besondere Herausforderung für euch liegen, denn der Kampf gegen große Kälte und rutschiges Eis ist nicht leicht zu bestehen. Nur ein einziger falscher Tritt kann über euer Schicksal entscheiden, da die steilen Felsen des Eisgebirges oft weit über hundert Mannslängen tief sind.“
Das konnte den Jungritter Torgorix nicht entmutigen, denn er konnte ja fliegen und brauchte sich daher vor einem Absturz nicht zu fürchten. Er strahlte stolz über diese wichtige Aufgabe, die er vom Lorhdrachen persönlich erhielt, und freute sich auf das vor ihm liegende Abenteuer mit Adalbert, Jordill und Tork.
Mittlerweile hatte sich Okoriath an Adalberts Vater gewandt und schaute diesem fest in die Augen.
„Auch dir kommt eine besondere Aufgabe zu, erleuchteter Ritter. Dein Auftrag wird dich nach Kronenberg führen, der Königsstadt der Menschen. Du musst König Ekleweif von der ständig wachsenden Gefahr eines Angriffs durch Snordas’ Armee überzeugen. Diese Aufgabe wird sicherlich nicht einfach werden, denn der König ist träge und nicht besonders weitsichtig. Leider hat die Erbfolge ihn zum König bestimmt und nicht seinen jüngeren Bruder Norman, der im Gegensatz zu Ekleweif auch Elfen und Zwergen gegenüber sehr aufgeschlossen ist.
Natürlich darfst du dabei niemals etwas von der Drachenseelein der Brust deines Sohnes erzählen, aber das versteht sich ja von selbst. Doch dein Weg führt dich zuvor durch den Elfenwald Nasli Karillh, wo du eine gewisse Zeit verweilen wirst, weil du von König Erithjull persönlich viele Informationen über das Drachenland erhalten musst, die für deinen Auftrag sehr wichtig sind. Bisher bestand dein Leben nur aus den Farben Schwarz und Weiß. Es gab in deinem Leben nur die bösen Drachen und den guten Drachentöter, der das Land vor dieser angeblichen Gefahr befreien musste. Im Nasli Karillh wirst du erfahren, dass es noch unzählige Grautöne gibt, die zwischen Schwarz und Weiß liegen, dass sich Wahrheiten oft als gemeine Lügen herausstellen und offensichtliche Feinde manchmal die besten Freunde sein können. Außerdem wirst du mehr über die Geschichte unseres Landes erfahren. Fühle dich besonders geehrt, dass König Erithjull sich sofort dazu bereit erklärt hat, diese Aufgabe persönlich zu übernehmen!
Du wirst dem König also zuerst in den Elfenwald folgen. Auch du wirst auf deiner Mission zu deinem König nicht alleine reisen müssen, denn mein alter Freund Kronglogg, der Elf Trulljah und unser aller Freund, der prächtige Hengst Antha, werden dich bis zur Königsstadt Kronenberg begleiten. Ich hoffe, dass sie dich mit ihren wertvollen Erfahrungen bei der Vorsprache vor König Ekleweif unterstützen können.
Erik wird euch bis zum Elfenwald begleiten. Er wird dann aber dort bleiben, um sein neues Leben zu beginnen. Hoffen wir, dass er den rechten Weg der Tugend finden wird.
Du siehst, Ritter von Tronte, auch deine Aufgabe ist nicht ganz einfach und es hängt viel von ihrem Gelingen ab. Sollte es wirklich zum Krieg gegen Snordas’ Horden kommen, sind wir auf jeden Verbündeten dringend angewiesen.“
Okoriath sah Adalberts Vater lange in die Augen, als wollte er dort die Antwort auf die Frage finden, ob der Ritter dieser Aufgabe gewachsen war.
„Ich werde alles in meiner Macht Stehende dafür tun, Euch nicht zu enttäuschen, werter Lorhdrache! Den Eltern von Allturith habe ich bereits geschworen, alles zu tun, um ihnen ihren Sohn, den ich in meiner unverzeihlichen Unwissenheit getötet habe, zurückzubringen. Glaubt mir, ich werde meinen Schwur nicht brechen!“, erwiderte Knut von Tronte mit fester Stimme und verbeugte sich tief vor dem Lorhdrachen.
Es kam Adalbert noch immer seltsam vor, dass ausgerechnet sein Vater, der berühmteste Drachenjäger des ganzen Landes, plötzlich völlig anders über diese wunderbaren Geschöpfe dachte und sich hier sogar vor einem Drachen so tief verbeugte. Er freute sich sehr über diese Wandlung. Vielleicht hatte ja auch sein Brief etwas dazu beigetragen, den er ihm vor einer gefühlten Ewigkeit auf dem väterlichen Hof hinterlassen hatte.
***
Tief in den stinkenden Höhlen des Ostlandes unterhielt sich eine Frau, die seit Jahren eine Gefangene des Drachen Furtrillorrh war, mit dem Troll Orax.
„Du musst besser auf deine Freunde aufpassen, mein lieber Orax. Sonst wird es mit euch allen bald ein schlimmes Ende nehmen. Snordas hat überall seine Spione, die fieberhaft nach euch suchen. Besonders scheußlich sind die krabbelnden Kwarzorrhs. Letzte Nacht haben sie den armen Norgork getötet. Zum Glück hatte er seinen kupfernen Halsreif um, der ihn davor beschützte, dass seine Gedanken von Snordas oder von diesen grässlichen Krabblern gelesen werden konnten. Trotzdem wird eine dieser Bestien mit seinem grässlichen Horn, welches es dem armen Norgork in den Kopf gerammt hat, irgendwelche wichtigen Informationen aus seinem Gehirn herausgesogen haben, sonst wären heute Morgen nicht so viele Zargolls hier.“
„Mir sind sie auch schon aufgefallen. Um Norgork tut es mir sehr leid. Wir werden ihn vermissen. Er war jemand, auf den ich mich stets verlassen konnte. Als wir beispielsweise den Menschenjungen befreit haben, der mir seinerzeit das Leben gerettet hat, hatte Norgork die Befreiungsaktion perfekt vorbereitet“, erinnerte sich der große Troll wehmütig an seinen Kameraden.
„Siehst du, mein lieber Orax, genau das mag ich an dir. Du bist in der Lage, zu trauern. Außerdem machst du dir Gedanken nicht nur um deine Zukunft, sondern auch um die deiner Familie und Freunde. Das zeichnet dich besonders aus, denn ihr Trolle seid normalerweise nicht zu solchen Emotionen fähig.“
„Daran bist du ja nicht ganz unschuldig, ehrenwerte Mutter. Hättest du mich nicht vor vielen Wintersonnen nach meinem Kampf mit diesem riesigen Bären wieder gesund gepflegt, dann hätte ich dich wohl niemals wahrgenommen. Ganz im Gegenteil, würdest du nicht unter dem besonderen Schutz des Drachen Furtrillorrh stehen, hätte ich dich mit ziemlich großer Sicherheit schon längst erschlagen, denn mein Hass auf euch Menschen war unbeschreiblich groß. Doch du hast dich nicht davon blenden lassen und hast mich gepflegt, bis ich wieder gesund war. Durch diese Tat und unsere vielen Gespräche hast du mir gezeigt, dass es auch noch etwas anderes gibt als nur den blanken Hass, den uns Snordas und Furtrillorrh immerzu lehren. Ich kann zwar noch immer nicht verstehen, dass du uns, die wir dir so schlimme Dinge angetan haben, trotzdem lieben kannst, aber auch ich habe jetzt bei den Menschen einen Freund gefunden. Wer weiß, vielleicht wird es eines Tages für Adalbert und mich sogar möglich sein, uns in Zeiten des Friedens zu treffen.“
„Adalbert sagst du? So hieß auch mein kleiner Junge“, sagte die Frau leise zu sich selbst und wurde sehr traurig. „Wenn du wüsstest, wie sehr ich mir einen ehrlichen Frieden für unser schönes Drachenland wünsche, mein lieber Orax.“
***
„Etwas enttäuscht bin ich ja schon, dass uns Merthurillh nicht begleiten kann und Antha und Kronglogg mit meinem Vater mitgehen werden“, brachte Adalbert seine Unzufriedenheit darüber zum Ausdruck, dass seine Gruppe so klein war.
„Beide hätten uns sicher nur zu gerne begleitet, aber unser Lorhdrache hat anders entschieden – und das zu Recht. Merthurillh liegt immer noch im Heilschlaf. Wenn er daraus erwacht, wird er mit Zaralljah, dem Chronisten Olstaff und den Elfenkönigen Trillahturth und Erithjull weiter nach Hinweisen auf den seelenlosen Drachen suchen. Antha kann uns nicht in das unwegsame Hochgebirge begleiten, denn die steilen und rutschigen Hänge sind für Pferdehufe extrem gefährlich. Da war die Aufgabe, deinen Vater nach Kronenberg zu begleiten, wesentlich sinnvoller. Unsere Aufgabe verlangt, dass wir uns möglichst zielorientiert aufteilen, um größtmöglichen Erfolg zu haben. Auch Kronglogg hat getobt wie ein Taifun, als er erfuhr, dass er nicht ins Eisgebirge gehen darf. Du weißt ja, wie er sich aufregen kann, aber Lady Coralljah konnte ihn schließlich davon überzeugen, dass dein Vater dringender seine großen Erfahrungen benötigt als du“, beruhigte Jordill den leicht schmollenden Adalbert.
„Willst du damit etwa sagen, dass wir dir als Gesellschaft nicht ausreichen?“, fragte der blaufarbene Torgorix, der sich nun seinerseits in das Gespräch einbrachte.
„O nein, natürlich nicht! Da habe ich mich ja in etwas hineingeritten. Ich freue mich sehr, dass ihr drei bei mir seid“, erklärte Adalbert schnell, um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen, während er liebevoll den großen Keiler Tork zwischen den Ohren kraulte.
Dann wandte er sich an Torgorix: „Jordill und Tork konnte ich ja bereits auf früheren Reisen und Abenteuern gut kennenlernen und das hat uns zusammengeschweißt und unsere Freundschaft vertieft. Aber wir beide hatten seit deiner Drachentaufe kaum die Zeit, uns etwas länger zu unterhalten. Deine Verwandlung von einem kleinen, niedlichen Drachenwelpen zu dem großen und stattlichen Secundus, der uns nun begleitet, kam wirklich überraschend und ich kann es immer noch kaum glauben. Was ich dich aber schon immer fragen wollte, was hast du eigentlich empfunden und gefühlt, als du dich in dieser seltsamen Feuersäule verwandelt hast?“
„Diese Frage haben mir auch schon meine Mutter und die liebe Birgit gestellt, aber es fällt mir schwer, sie zu beantworten. Ich kann dir das nicht genauer erklären, aber ich hatte das Gefühl, dass du die ganze Zeit bei mir warst, als ich von dem glänzenden Licht umgeben war.“
„Das war ich doch auch, wir alle waren bei dir“, antwortete Adalbert verwundert.
„So meine ich das nicht. Irgendwie warst du auch in dem Licht und hast mir Mut zugesprochen. Ich konnte zwar erkennen, dass dein Körper vor der Feuersäule stand, aber deine Seele war bei mir. Natürlich klingt das seltsam, aber ich weiß, dass es genau so war“, versuchte Torgorix zu erklären, was er bei seiner Taufe empfunden hatte. Adalbert wunderte sich, dass er diesen Augenblick nicht auch so empfunden hatte, freute sich aber darüber, dass der Drache es so erlebt hatte.
„Du wirst nie auf alle Fragen die passenden Antworten finden, mein Freund Adalbert. Das Schicksal geht seine eigenen Wege und führt uns bewusst, oft aber auch unbewusst an Orte, die wir weder verstehen noch realisieren können. Ich glaube daran, dass du unserem lieben Torgorix tatsächlich zur Seite gestanden hast, als er deine Hilfe dringend nötig hatte. Du selbst hast bereits mehrfach festgestellt, dass mit dir Dinge geschehen sind, die du dir nicht erklären konntest. Nimm diese besondere Gabe, die du Torgorix unbewusst geschenkt hast, als ein wertvolles Geschenk an“, mischte sich Jordill ein und wollte dann neckend wissen: „Womit beschäftigst du dich denn sonst noch, seit wir vor zwei Tagen die Drachenschule verlassen haben?“
„Mit diesem und jenem. Manchmal frage ich mich, warum Torgorix nichts isst, wenn wir unsere Pausen machen, manchmal muss ich auch an meinen Vater denken, der sich so sehr gewandelt hat und mir am Kaltfließer in allerletzter Sekunde das Leben gerettet hat, sehr oft bin ich mit meinen Gedanken auch bei Merthurillh und hoffe, dass er bald wieder völlig gesund ist. Doch am meisten denke ich über Rorgath nach, der schon lange keinen Kontakt mehr zu mir aufgenommen hat. Ich habe Angst, dass ich ihn nicht mehr rechtzeitig finde.“
„Sorge dich nicht zu viel, sonst vernebelt sich dein Geist und wir können unseren Auftrag die geheime Formel zu finden nicht erfüllen. Wie ich eben schon sagte, vertraue mehr auf dein Schicksal“, versuchte ihn der kluge Elf abzulenken.
„Jordill spricht weise und erfahren, wie es sich für einen klugen Elfen geziemt. Wir Drachen können wesentlich stärker sein, als wir es selbst für möglich halten. Das hast du doch gesehen, als du mich in den dunklen Stollen weit unterhalb der Drachenschule gefunden hast. Ich hatte mich dort verängstigt zurückgezogen und wollte eigentlich nur noch sterben. Doch du hast es mit deiner liebevollen Art geschafft, dass ich wieder an mich glaubte und keine Angst mehr vor der heiligen Prüfung hatte, obwohl ich als halber Wasserdrache wusste, dass ich kein Feuer würde spucken können. Trotzdem kam aus meiner kleinen Kehle ein Feuer, wie ich es noch nie zuvor bei einem Jungdrachen – oder wie du gerade so nett sagtest – bei einem Drachenwelpen, gesehen habe.
Ich glaube fest daran, dass Rorgath nicht stirbt, bevor du ihn gefunden hast. Ich kann mich Jordill nur anschließen, vertraue deinem Schicksal. Und um deine Neugier zu befriedigen: Ich nehme momentan keine Nahrung zu mir, weil ich bald zur Drachenschule fliegen muss.“
„Was hat das denn damit zu tun?“, fragten Jordill und Adalbert zugleich.
„Naja, das ist mir etwas peinlich“, begann der Drache.
„Nun erzähl schon, wir werden dich auch ganz bestimmt nicht auslachen“, versprach Adalbert.
„Ich habe Angst, dass mir schlecht wird, wenn ich dort oben am Himmel fliege. Dann möchte ich nicht auch noch einen vollgefressenen Bauch haben. Außerdem befürchte ich, dass ich gar nicht fliegen kann, denn meine Flügel sind doch viel zu klein, schaut doch selbst“, forderte er die beiden Weggefährten auf und bereitete dabei demonstrativ seine großen und schillernden Schwingen aus, sodass er die wärmende Sonne verdeckte.
„Das sind mit Abstand die tollsten Flügel, die ich je bei einem Drachen gesehen habe“, rief Jordill begeistert und berührte sie vorsichtig.
„Sie sehen nicht nur besonders schön aus, sie sind bestimmt auch mindestens so groß wie die Schwingen von Merthurillh“, fügte Adalbert hinzu.
„Wenn du damit nicht fliegen kannst, dann werde ich von heute an meinen Onkel Tork nur noch tragen“, fügte der Elf hinzu und schlug übermütig ein Rad über den Keiler hinweg.
„In Wirklichkeit hast du gar keine Angst, dass du nicht fliegen kannst, mein lieber Torgorix. Du bist nur unglaublich aufgeregt vor deinem ersten Flug! Glaube mir, wenn ich fliegen könnte, dann würde es mir genauso gehen. Kannst du dir vorstellen, wie aufregend der erste Flug an Merthurillhs Brust war? Ich hätte mir vor Angst beinahe in die Hosen gemacht. Aber auf dieses Erlebnis hätte ich trotzdem nicht verzichtet. Ich glaube, dass dieser Flug das Schönste war, was ich in meinem Leben erlebt habe. Nun mach dir keine Gedanken, sondern flieg los und erobere die Lüfte, mein stolzer Drache!“, forderte Adalbert Torgorix auf.
„Das ist hier nicht die richtige Stelle“, versuchte Torgorix sich zu drücken.
„Es gibt keine bessere Stelle als genau diese hier. Das Gefälle des Hanges ist nur ganz schwach, der Wind steht günstig, du kannst mit Gegenwind starten und die Sicht ist umwerfend. Los, steig auf, du Wolkenstürmer!“, erwiderte Adalbert, der nun nicht mehr locker ließ.
„Los, steig auf, du Wolkenstürmer!“, rief jetzt auch der Elf. Als dann beide zusammen immer wieder diese Aufforderung im nicht wirklich melodischen Sprechgesang trällerten, konnte der arme Drache gar nicht anders, als mit seinen allerersten Flügelschlägen zu beginnen. Dabei stellte sich Torgorix so tollpatschig an, dass Adalbert überzeugt war, hier noch ein gutes Stück Arbeit vor sich zu haben.
„Du musst dich schon in den Wind drehen und viel kräftiger mit deinen Flügeln schlagen, sonst wird das nichts mit dir als Wolkenstürmer“, rief er in den auffrischenden Wind, der eine eisige Kälte zu ihnen herauf blies.
Plötzlich pfiff Jordill schrill und erschreckte den Drachen damit so sehr, dass dieser noch kräftiger mit seinen Flügeln schlug. Dadurch erhob sich der blauschimmernde Drache zwei oder drei Ellen in die Luft. Vor Überraschung vergaß er aber, weiter mit den Flügeln für Auftrieb zu sorgen und landete recht unsanft auf dem Bauch. Ein verärgertes Stöhnen kam aus den Tiefen seiner Drachenbrust.
„Du musst schon weiter mit deinen Flügeln schlagen, sonst fällst du vom Himmel wie ein Stein. Und wenn du landen willst, solltest du deine Beine dazu nutzen, nicht den Bauch!“, hänselte ihn der Elf. Adalbert konnte sich nicht mehr zurückhalten und lachte laut los. Jordill stimmte sofort mit ein und der Drache blickte sie etwas verärgert an.
„Na wartet, wer zuletzt lacht, lacht am besten. Ich werde euch schon noch beweisen, dass ich für die Lüfte geboren bin!“
Nur drei kräftige Schläge mit den riesigen Schwingen und Torgorix erhob sich erneut in die Luft.
„Los weiter! Steig auf, du Wolkenstürmer!“, schrie Adalbert voller Stolz auf seinen Freund gegen den eisigen Wind. Mit jedem Flügelschlag erhob sich Torgorix höher und höher und wurde zusehend sicherer in seinen Bewegungen.
„Ich kann es! Ich habe es euch doch gesagt, ich fliege!“, rief der überglückliche Drache den beiden am Boden zu. Dann plötzlich legte er die Flügel etwas an und schoss wie ein Blitz dem Eiswind entgegen.
Er kam näher und näher und langsam wurde Jordill besorgt. „Er muss wieder mit den Flügeln schlagen!“, flüsterte er. Der Drache war jetzt nur noch etwa fünfzig Mannslängen entfernt. Doch als ob er die fürsorglichen Worte des Elfen gehört hätte, erhob er sich mit fünf kräftigen Schlägen so weit in die Luft, dass er wieder auf einer Höhe mit ihnen war. Er änderte seine Flugrichtung und kam dann geradewegs auf die drei am Boden stehenden Freunde zugeschossen. Nur wenige Meter vor ihnen stieg er ruckartig senkrecht in die Luft empor und es schien fast so, als wollte Torgorix tatsächlich die Wolken erstürmen. Sein glückliches Freudengeschrei über seine neu gewonnene Freiheit war bis weit ins Tal hinunter zu vernehmen.
„Spätestens jetzt weiß jeder, dass wir hier sind“, sagte Adalbert etwas beunruhigt.
Was gäbe ich darum, auch wieder so fliegen zu können, erklang eine vertraute Stimme in Adalberts Kopf.
„Rorgath! Endlich höre ich dich wieder! Ich habe mir schon Sorgen um dich gemacht. Wo bist du?“, rief Adalbert laut.
Ich kann dir deine Fragen jetzt nicht alle beantworten, denn … zu schwach …
„Rorgath, ich kann dich nicht mehr verstehen!“, murmelte Adalbert, obwohl er wusste, dass die mentale Verbindung zu seinem Geistdrachen bereits abgerissen war.
Jordill schaute ihn fragend an und Adalbert erzählte ihm, dass der Geistdrache endlich wieder Kontakt zu ihm aufgenommen hatte.
„Du hast nun erfahren, warum unsere Gruppe so klein ist und uns weder Kronglogg noch Merthurillh noch der Hengst Antha begleiten und warum Torgorix nichts essen wollte. Nun hast du auch noch ein Lebenszeichen deines Geistdrachen erhalten. Damit war der Tag doch schon recht erfolgreich, oder was meinst du?“, fragte Jordill.
„Das stimmt. Trotzdem hätte ich gerne noch mehr von Rorgath erfahren. Aber wo ist eigentlich unser Fluganfänger?“
Beide schauten angestrengt in den Himmel empor, doch von Torgorix war weit und breit nichts zu sehen.
Gerade als sie entschieden hatten, nicht mehr länger zu warten, stieß Torgorix mit einem überschwänglichen Kampfschrei durch die Wolken hindurch und raste erneut auf sie zu. Schnell erkannten Adalbert und Jordill, dass er wohl direkt vor ihnen landen wollte, aber genauso schnell hatten sie auch begriffen, dass die Landeeinteilung nicht ganz stimmig zu sein schien. Adalbert brüllte ihm zu, dass er lieber durchstarten sollte. Doch der im Fliegen noch unerfahrene Drache war davon überzeugt, dass er alles unter Kontrolle hatte. Das Ergebnis war eine erneute Bruchlandung auf dem Bauch, die eine regelrechte Furche in den Rasen zog.
„Ich möchte ja nicht als Besserwisser erscheinen, aber wolltest du nicht auf deinen Beinen landen?“, fragte Jordill besorgt und Adalbert fügte hinzu: „Oje, das hat bestimmt wehgetan. Hast du dich verletzt?“
„Nein, nein! Es ist alles in bester Ordnung. Es ist halt noch kein Meister vom Himmel gefallen“, lenkte der Drache von seinen Schmerzen ab.
„Ein Meister nicht, aber ein ungelernter Drache“, erwiderte Adalbert frech, als er merkte, dass Torgorix unverletzt war.
Torgorix revanchierte sich mit einem leichten Flügelschlag gegen Adalberts Schulter, der diesen fast umhaute.
„Ihr glaubt gar nicht, wie wunderschön das ist, wenn man durch die Lüfte fliegen und dort oben die feuchten Wolken küssen kann. Dort oben habe ich einen Adler gesehen, der sogar noch viel höher flog als ich. Ich glaube, er hat mich beobachtet. Vielleicht hat er sich aber auch nur über mich amüsiert. In der Ferne konnte ich sogar die Drachenschule erkennen. Trotzdem ist das Fliegen ganz schön anstrengend und ich habe jetzt einen echten Drachenhunger. Ich könnt glatt ein Wildschwein fressen!“, sagte Torgorix mit einem verschmitzten Augenzwinkern zu Adalbert. Der Keiler Tork grunzte nur gelangweilt. Er wusste, dass er von dem Drachen nichts zu befürchten hatte.
„Wenn du wüsstest, wie sehr ich mir wünschte, fliegen zu können“, antwortete Adalbert sehnsüchtig und erinnerte sich daran, als er, festgebunden an Merthurillhs Brust, zum ersten Mal vom Boden abgehoben hatte und in den Himmel getragen worden war.
„Ich möchte mich bei euch bedanken, dass ihr aus mir einen echten Wolkenstürmer gemacht habt. Ohne euch hätte ich mich wohl nie getraut!“
Der Elf und Adalbert winkten ab. Sie wussten es besser. Kein Drache konnte auf Dauer den Lüften widerstehen.
Die kleine Gruppe machte sich nun wieder auf den Weg, um die alte Lorhdrachin Murwirtha zu finden. Dabei versuchte Torgorix krampfhaft, ein Humpeln zu verbergen.
***
„Mir tut der Hintern weh, ich kann nicht mehr reiten. Können wir nicht eine Pause machen?“, nörgelte Erik.
„Stell dich nicht so an, sonst wird nie ein ganzer Mann aus dir! Außerdem haben wir dir zuliebe doch erst vor zwei Stunden eine längere Pause gemacht“, maßregelte ihn Adalberts Vater.
„Wir sollten in Kürze an eine Stelle des Drachenblutflusses kommen, wo wir unseren Pferden eine längere Ruhepause gönnen können. Wir haben dann ungefähr die Hälfte des Weges zum Nasli Karillh geschafft und liegen damit gut in unserem Zeitplan“, lenkte der Elfenkönig Erithjull ein. Es war dem sensiblen Waldelfen anzumerken, dass er von den Erziehungsmethoden des ehemaligen Drachenjägers nicht allzu viel hielt.
„Was ist denn der Nasli Scharill?“, fragte Erik neugierig.
„Der Wald, der die Heimat der Waldelfen ist, zu denen auch ich gehöre, wird von uns Nasli Karillh genannt, was in deiner Sprache so viel bedeutet wie Lachender Wald. Östlich hinter dem Oberfluss und dem Mittensee heißt der Wald dann Trasli Karillh, was Weinender Wald bedeutet. Sein Name kommt daher, weil vor vielen Menschenleben eine wilde Horde Trolle und Orks über die dort lebenden Elfen hergefallen ist und nahezu alle Kinder entführt oder getötet hat. Zum zukünftigen Schutz vor solchen heimtückischen Überfällen hat sich ein Teil der stärksten und erfahrensten Elfen von den anderen getrennt und wurde zu den Grenzläufern, die ständig die Ostseite mit kleineren Streifen patrouillieren. Einen dieser besonderen Grenzläufer habt ihr bereits kennengelernt, nämlich Wortrillh. Da die Grenzläufer ein riesiges Gebiet vom Zwergenhain ganz im Norden, über die Grenze zum Kalten Land bis hinab in das Zentralland der Menschen überwachen müssen, haben sie sich in kleinen Gruppen organisiert, die eigenständig operieren. Durch diese besonders abgekapselte, für Elfen völlig untypische Lebensweise, wurden die Grenzgänger zu einer eigenen Elfengattung, die sich durch ihre isolierte Zurückgezogenheit, ihre wortkarge Art und ihr stark ausgeprägtes Misstrauen allen Fremden gegenüber auszeichnet“, erklärte der Elfenkönig.
„Trotzdem gelingt es immer wieder vereinzelten Ork- und Trolltrupps, durch ihr Netz zu schlüpfen und das westliche Drachenland auszukundschaften, wie zum Beispiel dem Trupp von Orax, mit dem Adalbert zu tun hatte“, ergänzte Trillahturth, der König aller Elfen. Als nun auch der Ritter Knut von Tronte sein Pferd näher an die Elfenkönige heransteuerte, um mehr über die Abenteuer seines Sohnes zu erfahren, ließ sich der Zwerg Kronglogg, der schließlich selbst dabei gewesen war, nicht lange bitten, in allen Einzelheiten zu berichten, was geschehen war.
Oft nickte der Ritter voller Anerkennung für seinen Sohn, manchmal fragte er aber auch besorgt nach, wie Adalbert diese Gefahren alle unverletzt hatte überstehen können. Als der Zwerg erwähnte, wie Antharill Adalbert davor bewahrt hatte, mitten in einen Trolltrupp hineinzustolpern, lenkte der Ritter sein Pferd zu dem stolzen Hengst Antha hinüber, in den der Elf sich verwandelt hatte.
„Auch dein Leben werde ich mit dem meinen beschützen, wertester Hengst, das schwöre ich dir“, sagte er ganz leise, damit niemand ihn auslachte, weil er einem Pferd etwas versprach. Doch den extrem guten Ohren der Elfen blieb sein Schwur dennoch nicht verborgen.
„Dort vorne ist die Stelle, an der wir bis morgen früh rasten werden“, erklärte Erithjull und deutete direkt nach vorne auf eine kleine Flussbiegung.
Kapitel 4
Im hohen Eisgebirge
Der Elf Jordill weckte Adalbert und deutete auf das kleine Feuer, welches er bereits entfacht hatte.
„Ein heißer, duftender Kräutertee wartet auf dich, mein lieber Adalbert. Wir sollten zusehen, dass wir heute ein gutes Stück schaffen, dann könnten wir bereits am Abend am Fuß des Eisgebirges sein.“
„Ich dachte, wir wären schon längst im Eisgebirge? Wir sind doch schon vier Tage durchmarschiert?“, antwortete der Junge noch etwas verschlafen.
„Nein, wir befinden uns noch immer in den nördlichen Ausläufern der Drachenfelsen. Siehst du dort vorne den hohen Pass, der aus den Wolken herausragt?“
„Ja, das ist doch der Kalte Finger, oder? Merthurillh hat ihn mir schon einmal gezeigt, als wir uns bei seiner Lieblingsstelle, dem Sattel, hoch über der Drachenschule, unterhalten haben.“
„Du bist gut informiert. Das ist tatsächlich der Kalte Finger, der mitten im Eisgebirge liegt. Ich hoffe, dass wir dort oben auf die ersten Hinweise auf die alte Drachenlady Murwirtha stoßen werden. Wenn wir morgen früh vom Fuß des Gebirges starten, sollten wir nach drei weiteren Tagen den Kalten Finger erreichen. Ich kenne dort eine Höhle, in der wir es uns gemütlich machen und ein prächtiges Grubenfeuer entzünden können.“
„Na prima, noch vier Tage in dieser eisigen Kälte, bevor wir endlich ein richtig wärmendes Feuer machen können! Hoffentlich sind wir bis dahin nicht schon längst eingefroren“, erwiderte Adalbert mit einem mürrischen Blick zum Gipfel des Berges, der wie ein mahnender Finger aus den Wolken herausschaute.
„Warum können wir denn nicht jetzt schon etwas mehr Holz ins Feuer werfen? Meine Drachenhaut warnt mich nicht, also sind auch bestimmt keine Trolle oder Orks in der Nähe.“
„Wir sind trotzdem nicht alleine. Schon seit gestern Nachmittag spüre ich, dass wir beobachtet werden. Noch konnte ich nicht herausfinden, wer uns da ausspäht und welche Absichten er verfolgt. Daher sollten wir nicht unnötig lange rasten und versuchen, möglichst wenig auf uns aufmerksam zu machen, was bei einem riesigen blauen Drachen, der auch noch täglich seine Flugübungen absolviert und dabei vor Wonne das gesamte Nordland zusammenbrüllt, schon nahezu unmöglich ist“, mahnte der Elf in Richtung des Drachen, der noch friedlich zu schlummern schien.
„Ich habe jedes einzelne Wort verstanden! Ihr gönnt mir aber auch gar keinen Spaß“, entgegnete Torgorix gespielt beleidigt.
„Wir gönnen dir deine Freuden hoch oben in der Luft von ganzem Herzen, Blauflügler …“, begann Adalbert, als er von dem Drachen unterbrochen wurde.
„Lass gut sein, das war nicht ernst gemeint. Ihr habt ja Recht, ich sollte meine übergroße Freude unbedingt etwas zügeln. Was hältst du denn davon, wenn ich heute mal aus der Luft nach denjenigen suche, die uns beobachten?“, wandte er sich dann an Jordill.
„Ich denke, dass du jetzt gar nicht fliegen solltest. Vielleicht kannst du heute Abend in der späten Dämmerung noch einmal in die Lüfte steigen“, war die für den Drachen enttäuschende Antwort.
„Wo bleibt denn der lustige Elf, den ich auf meinen früheren Abenteuern kennengelernt habe? Du sprichst ja immer mehr, wie dein großer erfahrener Bruder Trulljah“, meinte Adalbert, der sich sehr gut vorstellen konnte, wie enttäuscht Torgorix sein musste, wenn er seine neu gewonnene Freiheit nicht genießen durfte.
„Wir wachsen alle an unseren Aufgaben, mein lieber Freund. Das müsstest du doch am besten wissen. Außerdem habe ich mich nicht verändert, aber wenn Trulljah oder Maradill dabei sind, können sie sich ja um solche Dinge kümmern“, antwortete Jordill mit einem verschmitzten Lächeln.
„Torgorix, wie Jordill schon vorgeschlagen hat, solltest du nicht vor Einbruch der Dämmerung fliegen. Ich möchte außerdem, dass du das nächtliche Fliegen lernst, damit du dich bei besonderen Gefahren oder in anderen Situationen, die einen nächtlichen Flug erfordern, auch in der Dunkelheit am Himmel zurechtfindest. Traust du es dir schon zu, bei sternklarer Nacht vom Boden abzuheben?“, fragte Adalbert den Drachen.
„Wenn die Nacht so klar ist, dass ich sehen kann, wohin ich fliege, dann möchte ich das sehr gerne einmal ausprobieren. Bei absoluter Dunkelheit und schlechtem Wetter können wir Drachen allerdings nicht fliegen, obwohl unsere Augen außerordentlich gut sind. Durch Wolken, Nebel oder Schneetreiben können wir nur schemenhaft sehen. Da nützt auch unser Drachensinn wenig. Daher freue ich mich schon auf meinen ersten Nachtflug. Es muss doch traumhaft schön sein, den Sternen unserer Vorfahren immer näher zu kommen!“
„Dann achte aber bitte darauf, dass du ihnen nur nahe kommst und nicht für immer zu ihnen aufsteigst, denn wir würden dich sehr vermissen“, bat ihn der Elf.
„Natürlich kannst du bei absoluter Dunkelheit oder widrigen Sichtverhältnissen nichts sehen, aber ich habe da eine Idee, wie wir dich trotzdem leiten können, obwohl du sozusagen blind fliegst“, dachte Adalbert laut nach und erhielt von seinen Kameraden sofort die höchste Aufmerksamkeit. Selbst Tork schien an den Gedanken des Jungen interessiert zu sein und kam etwas näher, um sich mit einem wohligen Grunzen Jordill zu Füßen zu legen.
„Komm, mach es nicht so spannend. Erzähl uns, wie du dir das vorstellst, einen Drachen blind durch die Nacht zu leiten“, bat der Elf um Auflösung dieses Geheimnisses.
„Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich klappen wird. Torgorix, du hast doch auch ein exzellentes Gehör. Wenn du also am Nachthimmel fliegst, ohne etwas zu sehen, könnte Jordill dir dann nicht durch hohe Pfiffe, die für das Gehör von Menschen, Trollen und Orks nicht wahrnehmbar sind, signalisieren, wo wir sind? Damit müsstest du uns doch finden können, oder?“
„Ja, das würde bestimmt funktionieren, aber ich weiß dann immer noch nicht, in welcher Höhe ich mich über dem Boden befinde. Ich möchte schließlich nicht noch einmal auf dem Bauch landen, schon gar nicht aus dem vollen Flug heraus. Das könnte meinen Tod bedeuten und dann würde ich ja doch wieder zu meinen Ahnen aufsteigen“, fügte der Drache mit einem Zwinkern hinzu.
„Stell dir vor, du hörst Jordills Pfiff“, fuhr Adalbert unbeirrt fort, „ortest diesen und fliegst dann möglichst langsam über die Quelle, von der du das Signal bekommen hast, dann müssten wir deinen Flügelschlag hören und könnten so ungefähr abschätzen, wie hoch du bist. Wenn wir dir dann diese Höhe wiederum durch Pfiffe mitteilen würden, beispielsweise einen langen Pfiff für einen Abstand, der zehnmal so groß ist wie Jordill, zehn Jordill-Längen sozusagen, und ein kurzer Pfiff für eine Jordill-Länge, könntest du dir das räumlich vorstellen?“
„Wir Drachen verfügen doch über das am besten ausgebildete dreidimensionale Vorstellungsvermögen, das es in der Natur gibt. Ich könnte mir schon denken, dass ich das hinbekomme. Allerdings braucht es sehr viel Übung, dieses räumliche Denken zu erlernen und ich bin noch ein absoluter Anfänger.“
„Das kriegen wir schon irgendwie hin!“, munterte ihn der Elf, der von Adalberts Idee sichtlich begeistert war, auf.
„Dann werdet ihr noch heute Abend mit dem notwendigen Training beginnen“, schlug Adalbert vor.
„Jordill du musst lernen, exakte Weiten und Höhen so präzise wie irgend möglich zu schätzen, und Torgorix muss es schaffen, sobald er über uns hinweggeflogen ist und die Höhe mitgeteilt bekommen hat, seine momentane Flughöhe ganz exakt einzuhalten, bis er wieder bei uns ist, sonst endet seine Runde in einem Fiasko. Natürlich musst du bei der Landung bedenken, dass du nicht genau da landen darfst, wo du den Pfiff gehört hast, sonst sind Jordill und ich platt wie Flundern. Sobald ihr das wirklich könnt und Torgorix es sozusagen im Blindflug schafft, unfallfrei zu landen, könnten wir noch eine Steigerung in euer Training einbauen. Stellt euch vor, Torgorix kennt unsere genaue Position und Höhe und wir könnten ihm, wiederum durch Jordills Pfiffe, anzeigen, in welcher Entfernung von uns sich wie viele Feinde befinden, dann wäre das ein unermesslicher Vorteil für uns, weil ein Überraschungsangriff bei Dunkelheit und aus der Luft möglich wäre.“
Adalbert war mit seinen Gedanken noch nicht richtig zu Ende gekommen, als Jordill mit dem Drachen bereits die ersten Pfiffe einstudierte. Sie waren so hoch, dass er diese nur mit seinen Drachensinnen vernehmen konnte.
Dann sagte Jordill: „Ich glaube, dass wir so schnell wie möglich den Drachenrat von deinem hervorragenden Plan unterrichten sollten. Wir könnten durch diese Taktik einen unvorstellbaren Vorteil in der Schlacht gegen Snordas’ Truppen erzielen.“
„Torgorix, morgen Abend wirst du dem Lorhdrachen Okoriath von unserem neuen Plan berichten“, beschloss Adalbert.
„Gerne. Ich freue mich schon darauf, die Drachenschule aus der Luft zu sehen und sie wie ein richtiger Drache anzufliegen“, freute sich Torgorix.
„Du bist ein richtiger Drache, mein Freund Torgo!“, erwiderte Jordill, ehe sie sich zum Aufbruch bereitmachten.
Während des gesamten Marsches durch das tiefe Tal, welches die südlich liegenden Drachenfelsen von dem nördlichen Eisgebirge trennte, war es Adalbert nahezu unmöglich mit Jordill und Torgorix ein vernünftiges Gespräch zu führen. Beide waren so sehr mit ihren Plänen und Entwürfen beschäftigt, wie sie seine Idee des nächtlichen Fluges in die Tat umsetzen konnten, dass sie Unterbrechungen von ihm nur als störend empfanden. Selbst der Keiler Tork hatte sich von seinem geliebten Jordill getrennt, von dessen Seite er normalerweise nie wich, und gesellte sich zu dem Jungen. Adalbert war über das Verhalten seiner Freunde jedoch keineswegs beleidigt, ganz im Gegenteil, er freute sich darüber, dass er diesen guten Einfall gehabt hatte. Als sie dann aber nach einem stundenlangen Marsch gegen den eisigen Nordwestwind und bei Einbruch der Dämmerung endlich am Fuß des Eisgebirges ankamen, musste er als Leiter der Gruppe ein Machtwort sprechen, denn die beiden wollten sofort mit der Umsetzung ihrer Pläne beginnen.
„Wir werden zuerst ein vernünftiges Nachtlager zwischen den Bäumen dort drüben im Wald aufbauen, bevor ihr mit euren Nachtflugübungen beginnt. Außerdem werden wir uns ein kleines Grubenfeuer machen, damit ich wieder etwas Leben in meine Gliedmaßen bekomme. Mit ein paar Ästen und etwas Reisig können wir einen halbwegs passablen Blickfang errichten, damit der Schein der Flammen nicht den Wald verlässt. Außerdem habe ich Hunger“, fügte er hinzu.
„Du solltest dich mehr auf deine Drachenhaut konzentrieren, dann frierst du nicht so“, antwortete ihm Torgorix, der es kaum noch aushalten konnte, endlich wieder zu fliegen und all das zu probieren, was er den ganzen Tag über mit dem Elfen besprochen hatte.
Adalbert dachte über die Worte des Drachen nach und kam sich etwas lächerlich vor, als er in Gedanken seine Haut bat, ihn zu wärmen. Zum Glück konnte hier keiner seine Gedanken lesen wie der Lorhdrache Okoriath.
Vertraue deinen Sinnen, vertraue deiner Haut, denn sie wird dich schützen und vor Kälte bewahren, kam prompt eine Reaktion auf seine Gedanken.
Rorgath, wie geht es dir? Wo kann ich dich denn nur finden?, fragte Adalbert in seinen Gedanken zurück.
Suche nach einem Felsen, der einem Adlerschnabel gleicht, dort wirst du mich finden. Doch zuvor musst du Murwirtha finden, sonst wird die Reise nicht erfolgreich sein!
Dann brach der Kontakt wieder ab. Doch Adalbert hatte nun endlich einen Hinweis, wo sich sein Geistdrache befand. Irgendjemand an der Drachenschule oder einer der weisen Elfen würde sicher wissen, wo der seltsame Felsen stand, den Rorgath beschrieben hatte. Adalbert war voller Hoffnung. Und das lag nicht nur daran, dass ihm mit Hilfe der Drachenhaut wohlig warm wurde.
„Wir brauchen kein Feuer mehr, dank Rorgaths Hilfe ist mir nicht mehr kalt. Stellt euch vor, ich habe gerade von ihm einen Hinweis bekommen, wo er sich befindet. Kennst du einen Felsen, der so ähnlich aussieht wie ein Adlerschnabel?“, fragte er Jordill, der durch die Wettkämpfe der Elfen schon weit im Drachenland herumgekommen war.
Dieser dachte einige Zeit angestrengt nach, bevor er zu Adalberts großer Enttäuschung erklärte, dass er sich an solch einen Felsen leider nicht erinnern konnte. Doch auch er bestärkte den Jungen in seiner Hoffnung, dass sicherlich eines der weisen Mitglieder des Drachenrates diesen Ort kennen würde.
„Na los, meine Freunde, Tork und ich möchten gerne sehen, ob eure stundenlangen Gespräche und Planungen auch einen Sinn hatten!“, forderte Adalbert nun den flinken Elfen und den jungen Drachen auf, endlich mit ihren Übungen zu beginnen.
Tork, der die seltsame Wärme spürte, die von der Haut des Jungen ausging, legte sich mit einem wohligen Grunzen dicht an Adalberts Seite und ließ sich von dem Jungen genüsslich kraulen.
Mit drei oder vier kräftigen Flügelschlägen stieg Torgorix nahezu senkrecht in den dunklen Himmel empor. Adalbert war überrascht, wie sicher die Bewegungen des Drachen wirkten. Kaum zu glauben, dass Torgorix erst gestern das Fliegen erlernt hatte!
Mit einer blitzartigen Wendung änderte der blaue Drache geschickt seine Flugrichtung und schoss ganz dicht über ihre Köpfe hinweg, bevor er wieder an Höhe gewann und hinter den Baumwipfeln des Waldes verschwand. Da hörte Adalbert den kurzen Pfiff des Elfen, den er früher mit seinem menschlichen Gehör niemals wahrgenommen hätte.
Einen winzigen Augenblick später flog der Drache erneut über sie hinweg und wieder hörte Adalbert die Pfiffe des Elfen. Es waren ein langes und drei deutlich kürzere Signale, die dem Drachen mitteilen sollten, dass er dreizehn Jordill-Längen über ihnen gewesen war, als er sie überflogen hatte. Torgorix nickte mit dem Kopf, was wohl darauf hinweisen sollte, dass er die Bedeutung der Pfiffe verstanden hatte, und verschwand erneut hinter dem Wald. Ohne ein neues Signal zu erhalten, war der Drache plötzlich wieder über ihnen, in exakt der gleichen Höhe, wie der lange und die drei kurzen Pfiffe ihm anschließend bestätigten.
Immer wieder übten die beiden dieses Manöver in unterschiedlichen Höhen, bis der Drache schließlich bei ihnen landete. Zu Adalberts Überraschung war aber nicht eine wohlverdiente Verschnaufpause der Grund für die Landung, sondern die Vorbereitung für eine weitere Übung. Jordill zog aus seiner Tasche ein schalähnliches Tuch hervor und band es dem Drachen vor die Augen.
„Was soll denn das werden?“, fragte Adalbert etwas beunruhigt.
„Wenn uns dieses Flugmanöver auch bei größerer Dunkelheit gelingen soll, dann muss ich es ohne Sicht üben“, erklärte Torgorix. „Außerdem kann ich die Augenbinde jederzeit wieder abnehmen, wenn ich mir unsicher bin. Das kann ich dann im Ernstfall nicht. Daher wollen wir es lieber jetzt so lange üben, bis ich es im wahrsten Sinne des Wortes blind beherrsche.“
„Das leuchtet mir ein, aber bitte sei vorsichtig!“, bat Adalbert schnell, bevor der Drache wieder in die Dunkelheit aufstieg.
Immer und immer wieder übten der Drache und der Elf diese präzisen Überflüge auf Anweisung, bis sie endlich alle davon überzeugt waren, dass Torgorix die schwierigen Flugmanöver tatsächlich beherrschte. Nun endlich gönnten sie sich auch die nötige Nachtruhe, jedoch nicht, ohne noch weitere Pläne für die nächsten Flugübungen zu schmieden.
***
„Wach auf, mein lieber Freund. Wir haben heute noch einen sehr anstrengenden Tag vor uns“, wurde Adalbert von Jordill geweckt.
„Wo ist denn Torgorix?“, fragte der Junge müde, nachdem er sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte.
„Er ist schon bei der ersten Morgendämmerung in den Himmel aufgestiegen, um seine neue Freiheit zu genießen. Wenn du dort in Richtung der aufgehenden Sonne schaust, kannst du ihn ganz knapp über den Gipfeln des Eisgebirges erkennen. Ich beobachte ihn bereits eine Weile und bin überrascht, wie wunderbar und harmonisch er sich bewegt.“
Adalbert musste schon sehr genau hinschauen, um den blauen Drachen zu erkennen. Plötzlich schoss Torgorix aus der Sonne herab, um schon im nächsten Moment wieder zwischen zwei Felsen zu verschwinden. Nur wenige Wimpernschläge später tauchte er erneut auf und kam geradewegs auf sie zugeflogen. Schnell wurde der kleine Punkt immer größer und entwickelte sich zu dem prächtigen Drachen.
Mit seinem gestochen scharfen Blick konnte Torgorix bereits aus der Ferne erkennen, dass er von seinen Freunden beobachtet wurde. Gerne wollte er Jordill, Tork und Adalbert an seinem Glück teilhaben lassen, welches er durch seine Flugabenteuer geschenkt bekam. Doch wie sollte er nur jemandem dieses Gefühl beschreiben, der selbst nicht fliegen konnte und daher niemals in den Genuss dieses, im wahrsten Sinne des Wortes, erhebenden Glückes gelangen würde?
Doch was wäre, wenn er so tief über seine drei Freunde hinweg flöge, dass sie seine Begeisterung körperlich fühlen mussten? Schon im nächsten Augenblick schoss Torgorix im Tiefflug so über sie hinweg, dass sich selbst der erfahrene Jordill flach auf den Boden warf.
„Ein bisschen Frühsport kann nicht schaden“, schmunzelte der Elf, während er sich wieder erhob und sich den losen Schnee, der in der Nacht gefallen war, von der Kleidung klopfte.
„Darauf könnte ich gerne verzichten“, antwortete ihm Adalbert, der noch immer staunend die Manöver von Torgorix beobachtete. Genau in diesem Moment kippte der Drache über seine rechte Flügelspitze ab und landete nach einem langen Bogen wieder bei seinen Freunden.
„Mir fehlen die Worte, um euch zu beschreiben, wie glücklich ich bin. Seit meiner Taufe in der Drachenschule habe ich mich unglaublich verändert. Schaut mich doch nur einmal an, ich bin nicht mehr der kleine hässliche Drache, über den sich alle lustig machten. Aus mir ist ein großer, Feuer speiender Drache geworden, der durch den Himmel fliegt. Schon am frühen Morgen durch die kalte Luft des Eisgebirges zu brausen, ist ein Erlebnis, das alles andere übersteigt“, schwärmte er.
Nachdem sie ein schnelles und karges Frühstück eingenommen hatten, setzte sich die kleine Gruppe wieder in Bewegung, um nach der Lorhdrachin Murwirtha zu suchen.
Bereits nach wenigen Schritten blieb Jordill jedoch stehen. Nachdenklich sah er auf den Boden, rieb sich das Kinn und deutete dann auf eine Spur vor ihnen.
„Ich habe ja wirklich schon viele Wolfsfährten gesehen, aber Abdrücke, die so groß sind wie diese hier, sind mir bisher noch nie untergekommen“, meinte er nachdenklich.
Nachdem sich der Elf auf den Boden gekauert hatte, wobei er mit seinen Fingern tastend noch weitere Spuren des Wolfes untersuchte, erhob er sich wieder und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen, zu der Stelle zurück, wo sie die Nacht verbracht hatten. Die Gefährten guckten ihm neugierig zu.
„Warum schaut er sich denn so genau um? Ich denke, wir haben noch einen anstrengenden Marsch vor uns. Vor einem Wolf brauchen wir uns doch nun wirklich nicht zu fürchten“, wunderte sich Torgorix.
„Ich glaube nicht, dass sich Jordill fürchtet. Viel eher vermute ich, dass ihm etwas an den Spuren seltsam erscheint.“
Nachdem der Elf seine Erkundung abgeschlossen hatte und zur Gruppe zurückgekehrt war, erklärte er den dreien, dass sie in der Nacht unbemerkt Besuch von einem riesigen Wolf gehabt hätten. Über das Verhalten des Wolfes war er sich jedoch nicht ganz schlüssig, denn der Riese hatte sich ihnen im Schlaf in kreisenden Bewegungen immer mehr genähert, bis er sich dann, nur wenige Mannslängen von ihnen entfernt niedergelegt hatte. Dort musste er eine ganze Weile verharrt haben, bevor er sie wieder verlassen hatte. Solch ein seltsames Verhalten eines wilden Wolfes hatte Jordill noch nie erlebt.
„Vielleicht wollte uns der Wolf ja nur bewachen“, überlegte Adalbert, obwohl er selbst kaum daran glauben konnte.
„Warum sollte uns ein fremder Wolf bewachen wollen?“, widersprach Torgorix.
„Ob er uns bewachen wollte oder ob er uns aus einem anderen Grund beobachtet hat, das werden wir jetzt im Moment sicherlich nicht herausfinden. Auf jeden Fall schien er keine Angst vor dir, mein lieber Torgorix, zu haben. Es wundert mich nur, dass ich ihn nicht gespürt habe. Normalerweise habe ich einen sehr leichten Schlaf und wache sofort auf, wenn sich mir ein Lebewesen nähert. Aber eines steht fest, wir sollten in der nächsten Nacht unbedingt eine Wache einteilen.“
Der nächtliche Besuch des Wolfes war in den nächsten Stunden für Torgorix noch Anlass genug, wilde Spekulationen darüber aufzustellen. Ansonsten gab es wenig Ablenkung und der Marsch wurde ab dem späten Nachmittag zusehends beschwerlicher, was nicht nur an dem erneut einsetzenden Schneefall lag, sondern auch daran, dass ihr Weg sie schon seit einiger Zeit nur noch bergauf führte.
Der frische Schnee erschwerte ihnen das Vorankommen zusätzlich, denn er gab den Blick auf den felsigen Untergrund nicht mehr frei, was dazu führte, dass es für sie immer schwieriger wurde, sicheren Tritt zu finden. Besonders Torgorix rutschte häufig aus und Adalbert, dem es selbst nicht viel besser erging, musste immer wieder lachen, wenn der Drache vor sich hin fluchte. Tork hingegen nahm die Situation gelassen hin, obwohl auch seine Keilerbeine nicht für das Gebirge gemacht waren. Nur Jordill war leichtfüßig wie eh und je. Seiner fröhlichen Einstellung konnte so ein bisschen Schnee nichts ausmachen, ganz im Gegenteil, er vergnügte sich glücklich wie ein kleines Kind im Winter. Immer wieder bewarf er die Gruppe mit Schneebällen, bis sich zwischen ihm und Adalbert eine heftige Schneeballschlacht entwickelte. Torgorix und Tork hingegen hatten ihren ganz besonderen Spaß dabei, diese Wurfgeschosse mit ihren Mäulern zu fangen. Erst als der übermütige Drache versuchte, die Schneebälle mit kurzen Feuerstößen in der Luft zu schmelzen, brach Adalbert das lustige Treiben ab. Das Spiel wurde ihm auf diesem rutschigen Gelände zu gefährlich.
Als sie bei der bereits sehr früh einsetzenden Dämmerung eine geeignete Stelle für ihr Nachtlager fanden, meinte Adalbert: „Für heute reicht es. Wir haben ein gutes Stück zurückgelegt und können uns jetzt eine erholsame Nachtruhe gönnen.“
„Der Platz ist zwar sehr gut, aber wir könnten doch bestimmt noch eine kleine Weile weiter marschieren“, erwiderte Jordill.
„Ich weiß, dass wir alle noch eine Menge Energie haben, aber ich möchte unbedingt, dass Torgorix heute noch zur Drachenschule fliegt und dem ehrwürdigen Rat berichtet, wo wir jetzt sind. Außerdem möchte ich gerne wissen, wie es Merthurillh geht und ob er schon aus seinem Heilschlaf erwacht ist.“
Der scharfsinnige Elf vermutete, dass das nicht die ganze Wahrheit war. Tatsächlich hatte der Junge bereits vor einiger Zeit bemerkt, dass der schwere Keiler Tork größere Schwierigkeiten damit hatte, sicheren Tritt zu finden. Mit der zunehmenden Dunkelheit nahm auch die Gefahr zu, dass ein solcher Fehltritt dazu führte, dass er in die Tiefe stürzte. Da einige Hänge, die sie in den letzten Stunden passiert hatten, sehr steil abfielen, wäre ein solcher Sturz vermutlich tödlich gewesen. Dabei bestand nicht nur Gefahr für das Leben des Keilers, was schon schlimm genug gewesen wäre, sehr leicht konnte er dabei auch ein weiteres Mitglied der Gruppe mit in die Tiefe reißen.
Um seinen Freund Tork nicht zu beschämen, behielt Adalbert diesen Anlass für das zeitige Nachtlager lieber für sich. Es gab aber noch einen weiteren Grund, über den er mit den anderen nicht sprechen wollte. Er vermisste seinen Freund Merthurillh so sehr, dass er unentwegt an ihn denken musste. Er befürchtete, dass sich seine Freunde zurückgesetzt fühlen würden, wenn er ihnen das erzählte, und vielleicht auch enttäuscht wären. Da ihm jeder einzelne seiner Gefährten ans Herz gewachsen war, wollte er sie nicht verletzen.
„Ich freue mich darauf, zur Drachenschule zu fliegen. Schon den ganzen Tag über habe ich mich danach gesehnt. Es kribbelt mir so zu sagen in den Schwingen. Wenn es euch nichts ausmacht, würde ich gerne sofort losfliegen“, erwiderte der Drache und erhob sich in die Luft, ohne eine Antwort abzuwarten.
„Wenn ich gleich etwas trockenes Holz gesammelt und ein wärmendes Feuer entzündet habe, freue ich mich auf ein schönes Gespräch mit dir“, sagte Jordill zu Adalbert, während er dem davonfliegenden Drachen hinterhersah.
Kapitel 5
Verpatzte Landung
Bereits seit gestern Nachmittag spürte Erik seinen Hintern nicht mehr. Entweder hatte sich sein Allerwertester endlich an die monotonen Auf- und Abbewegungen im Sattel gewöhnt oder er war einfach nur betäubt und das böse Erwachen stand ihm noch bevor. Wie auch immer, im Moment war es ihm so ganz recht.
Am Vorabend waren sie endlich am westlichen Rand des Nasli Karillhs angekommen. Mächtige Buchen und Eichen, die dicht bei dicht standen, verwehrten den Ankömmlingen jede Sicht in den Wald hinein.
„Wie sollen wir denn in diesen Wald kommen? Wohin ich auch schaue, es gibt nirgends einen Weg. Da werden wir wohl morgen weiterreiten müssen“, sagte Erik leicht resigniert zu dem mächtigen Ritter neben ihm.
„Nun stell dich doch nicht immer so an! Du benimmst dich wie ein kleines Kind! Nimm dir doch mal ein Beispiel an meinem Sohn Adalbert. Den hörst du nicht wegen jeder Kleinigkeit rumjammern. Bei all deiner Heulerei kann ich mir gar nicht vorstellen, wie du es geschafft haben sollst, das wertvolle Horn von Fantigorth zu stehlen und damit auch noch die strapaziöse Reise bis ins dunkle Ostland zu unternehmen“, spottete Knut von Tronte.
„Lass mich doch in Ruhe! Wenn du nicht gewesen wärst, dann wäre der schwarze Drache Fantigorth gar nicht tot und ich hätte sein Horn nie in die Hand bekommen. Außerdem hast du auch noch den Sohn von Merthurillh ermordet!“, konterte der Junge.
„Jetzt reicht’s! Runter mit dir vom Pferd, damit ich dir eine Lektion erteilen kann, die du so schnell nicht vergessen wirst. So lasse ich nicht mit mir reden. Schon gar nicht solch einen Dreikäsehoch wie dich!“, brauste der Ritter auf, der an einer sehr empfindlichen Stelle getroffen worden war.
„Keiner erhält hier eine Lektion, die mit Gewalt erlernt werden soll!“, mischte sich der Elf Trulljah ein, während der prächtige Hengst Antha sich schnell zwischen die Pferde der beiden Streithähne schob. Diese Worte des Elfen brachten den Ritter zur Vernunft und er entschuldigte sich bei Erik für seine raue Art.
„Du musst wissen, meine Nerven liegen blank. In wenigen Tagen hat sich mein ganzes Leben nicht nur völlig verändert. Wenn ich richtig darüber nachdenke, habe ich eigentlich noch nie etwas wirklich Sinnvolles für unser Drachenland getan. Ich habe zwar vordergründig den Bauern geholfen, wenn sie ein Drachenproblem hatten, aber dabei habe ich nie meinen Kopf angestrengt und mir Gedanken über diese Wesen gemacht. Welch schlimmes Schicksal habe ich über die armen Eltern des silbernen Drachen Allturith gebracht. Welche Schmerzen habe ich über all die Eltern, Brüder, Schwestern und Kinder gebracht, denen ich in meinem Wahn ein Familienmitglied genommen habe! Mein eigener Sohn hatte mehr Weitsicht als ich und flehte mich an, Merthurillhs Sohn nichts zu tun, aber ich sah nur einen verhassten Drachen, den ich unbedingt töten wollte. Nun stehe ich vor einem Scherbenhaufen, der einmal mein Leben war, und versuche krampfhaft, einen Weg der Tugend zu finden, damit mein Leben nicht völlig umsonst war. Vielleicht kannst du das heute noch nicht verstehen, denn du bist noch sehr jung, Erik, aber dieser Scherbenhaufen lässt sich nicht so leicht zur Seite fegen. Daher möchte ich mich bei dir aufrichtig für meine rauen Worte entschuldigen.“
„Es tut mir auch leid, was ich gesagt habe. Ich mache oft Blödsinn und sage Dinge, die ich gar nicht so meine oder die mir schon im nächsten Moment leidtun“, nahm Erik die Entschuldigung des mächtigen Mannes an.
„Irgendwie sind wir zwei uns sogar in gewisser Weise ähnlich. Jeder von uns muss einen neuen Weg finden, um seinem Leben einen vernünftigen Sinn zu geben. Komm, lass uns einander die Hände reichen und den Weg in die Zukunft gemeinsam gehen.“ Bei diesen Worten streckte Knut von Tronte seine Hand aus, die Erik gerne ergriff.
Sichtlich erfreut über die Beilegung des Streits, kam Trulljah auf das erste Gesprächsthema der beiden Menschen zurück: „Wir müssen keinen Eingang in den Elfenwald suchen, denn der Weg liegt direkt vor uns.“
„Ich möchte nicht an deinen scharfen Augen und deinem hellen Verstand zweifeln, aber durch diese dichten Bäume komme ich sicherlich nicht hindurch“, erwiderte der Ritter zweifelnd.
„Doch, das wirst du. Aber auch dein Sohn Adalbert war sehr überrascht, als er damals sah, wozu der Nasli Karillh mit seinen Baumwandlern in der Lage ist.“
„Es kommt mir irgendwie nicht richtig vor, wenn ich unseren Wald um Einlass bitte, wo du doch neben mir stehst“, wandte sich der Elf nun an den Hengst, der vor seiner dramatischen Wandlung der jüngere Bruder des Waldelfenkönigs Erithjull gewesen war.
Antha wieherte bestätigend, warf seinen Kopf nach oben und ließ seine pechschwarze Mähne flattern, bevor er im gestreckten Galopp auf die Bäume zuschoss. Dort stellte er sich auf die Hinterhand und wieherte erneut, wobei seine Vorderhufe wild in die Luft schlugen. Es dauerte nur einen winzigen Augenblick, bis sich die Baumwandler respektvoll vor ihm verneigten und den geheimen Pfad in den seltsamen Elfenwald freigaben.
Nun war es an dem Ritter Knut von Tronte und an Erik, verdutzt zu staunen, als sie sahen, wie sich diese Bäume bewegten, ohne dass der Wind etwas damit zu tun hatte. Auch Rognagg war erstaunt, während Kronglogg schon oft hier gewesen war.
„Was für ein Zauber ist das denn?“, staunte Adalberts Vater.
„In der Zwischenzeit dürftest du erfahren haben, dass es viel mehr in unserem schönen Drachenland gibt, als du es dir je vorzustellen wagtest“, beruhigte ihn der Elf. „Lasst uns nun den Wald betreten und dort übernachten. Ihr werdet sehen, wie sich der Elfenwald hinter uns schließt und dafür sorgt, dass wir ganz unbesorgt die Nacht verbringen können. Sicherlich werden wir bereits erwartet.“
Trulljah machte sich auf, den beiden Zwergen und dem Hengst zu folgen, die bereits im Wald verschwunden waren. Dann wandte er sich noch einmal um.
„Nun kommt schon, die Baumwandler werden nicht ewig auf uns warten. Ihr könnt euch auch später im Wald noch genug über sie wundern“, forderte der Elf seine noch immer staunenden Gefährten auf.
***
Es war schon kurz vor Mitternacht, als Torgorix endlich an der Drachenschule ankam. Sicherlich hätte er die Strecke von dort, wo er sich von seinen Weggefährten Adalbert, Jordill und Tork verabschiedet hatte, bis zur Drachenschule wesentlich schneller bewältigen können, aber er genoss jeden einzelnen Augenblick seines herrlichen Fluges. Oft machte er kleine Pausen, um entweder vor Wonne jauchzend in steile Schluchten abzutauchen oder ganz dicht über die rauen Felskämme hinwegzuschießen. Natürlich versuchte er auch ein paar Flugmanöver nachzufliegen, die er oft bei der begnadeten Luftkünstlerin Zaralljah gesehen hatte. Doch dazu bedurfte es unendlich viel Übung und eines angeborenen Flugtalents. Richtig gut zu fliegen war schon eine seltene Gabe, aber in der Luft mit den Wolken so zu spielen, wie es die Kriegerin Zaralljah konnte, war eine Gnade des Schicksals. Bei ihr sah alles so einfach und verspielt aus, aber bereits das einfachste ihrer Flugmanöver nachzufliegen, erschien Torgo fast unmöglich.
Ganz nebenbei hatte er natürlich auch immer wieder seine Landungen geübt. Er hatte das Gefühl, dass er sich unsterblich blamiert hatte, als er bei seinen Freunden die zwei traurigen Bauchlandungen hingelegt hatte – von den höllischen Schmerzen einmal abgesehen, die er krampfhaft zu verbergen versucht hatte. Das sollte ihm nicht noch einmal passieren. Besonders sein Freund Adalbert sollte morgen von einer perfekten Landung überrascht werden, wenn er wieder zu ihnen zurückkam.
Je später die klirrend kalte Nacht wurde, desto schöner funkelten die unzähligen Sterne am Himmelszelt. Da keine einzige Wolke den Blick auf die Sterne verdeckte, konnte er den Himmel über sich in vollen Zügen genießen. Besonders das Sternbild des Urdrachen Wargos, welches ihn schon seit seiner frühesten Erinnerung fesselte, beglückte seine junge Drachenseele. Wenn er nachts zum Himmel hinaufsah, kam es ihm beinahe so vor, als hörte er den Ruf des mächtigen Wargos, der alle Drachen einmal zu sich in die Sternennacht hinaufrief.
Als Torgorix sich der Drachenschule näherte, rief ihm schon aus weiter Ferne die wunderschöne Drachenlady Coralljah zu: „Willkommen, mein geliebter Sohn!“
„Woher wusstest du, dass ich heute komme?“, fragte Torgorix überrascht und setzte zur Landung an. Nun durfte nichts schiefgehen, denn vor seiner Mutter wollte er sich nicht blamieren. Vor lauter Aufregung, endlich das Tor zur Drachenschule so anzufliegen, wie es sich für einen richtigen Drachen gehörte, bemerkte er nicht, dass direkt vor dem Plateau, auf welchem er gleich landen wollte, starke Leewinde herrschten. Diese richtig zu berechnen, damit man tatsächlich dort landete, wo man es geplant hatte, setzte viel Erfahrung voraus.
„Pass auf …“, rief seine Mutter noch ängstlich warnend, aber da war es bereits zu spät. In dem einen Moment noch unmittelbar vor der Landezone zu sein und sich bereits im nächsten Augenblick vier oder fünf Mannslängen darunter zu befinden, verwirrte Torgorix so sehr, dass er unsanft gegen die kalte Felswand prallte, an der es keinen Halt mehr gab. So stürzte er senkrecht in die Tiefe und versuchte verzweifelt, von der tödlichen Wand wegzukommen, um nicht auf dem Felsboden aufzuschlagen. Doch seine besorgte Mutter kam ihm im richtigen Moment zu Hilfe. Sie hatte sofort gemerkt, dass diese Landung nichts werden konnte und sie wusste, wie gefährlich es war, beim Sturz nicht rechtzeitig so weit von dem Gestein wegzukommen, dass man die Flügel ausbreiten konnte, um wieder den nötigen Auftrieb für einen kontrollierten Flug zu erhalten. Also stürzte sie sich ihrem Sohn hinterher und zog ihn mit ihren mächtigen Pranken weit genug weg in Sicherheit.
„Nun flieg mir nach und tu genau, was ich dir vormache!“, rief sie ihm zu.
Seine missglückte Landung hatte dem jungen Drachen sehr deutlich gezeigt, wie unerfahren er tatsächlich noch war und was er noch alles erlernen musste. Seine Flugmanöver, die er mit Jordill einstudiert hatte, kamen ihm jetzt richtig lächerlich vor. Wie sollte er den erfahrenen Drachen etwas von neuen Flugideen erzählen, wenn er noch nicht einmal in der Lage war, vernünftig in dem riesigen Höhleneingang der Drachenschule zu landen?
Seine Mutter war nur eine knappe Flügelspanne vor ihm und flog die Höhle viel höher an, als er es zuvor getan hatte. Als der Fallwind sie dann erwischte, landete sie perfekt im Eingang der Schule.
„Jetzt bist du dran!“, riss die Stimme seiner Mutter Torgorix aus seinen verzweifelten Gedanken. Er sah nach vorne, dachte noch, dass er doch eigentlich viel zu hoch sei, und stand einen Wimpernschlag später direkt hinter seiner Mutter auf der Landezunge.
„Mach dir nichts draus. Auch ich habe mich schon verschätzt und bin abgestürzt“, hörte er die Stimme von Lady Zaralljah.
Für Torgorix war es schon schlimm genug, dass seine Mutter Zeugin seiner demonstrierten Unfähigkeit geworden war. Warum musste ausgerechnet die von ihm so verehrte Lady Zaralljah ebenfalls sehen, was er am liebsten für immer verschwiegen hätte.
„Du hast dich bestimmt noch nie so blamiert wie ich gerade“, antwortete er niedergeschlagen.
„Da irrst du dich aber gewaltig. Ich gehöre zwar heute zu den besten Fliegern an der Drachenschule, aber das war nicht immer so. Auch ich habe einmal ganz klein und unerfahren angefangen. Mein heutiges Können habe ich im Wesentlichen drei Tatsachen zu verdanken. Zum einen hatte ich schon als Jungdrachin den unbeirrbaren Wunsch, eines Tages zu den besten Fliegern des Drachenlandes zu gehören. Zum anderen war mein geliebter Vater ein unglaublich erfahrener Kampfdrache, der mich schon früh in die Künste des kriegerischen Fliegens einwies. Und schließlich kam noch mein eiserner Wille hinzu. Für mich gab es kein Versagen, ich hätte nie aufgegeben. Wenn ich etwas nicht schaffte, dann übte ich es so lange, bis ich es konnte. Das hat manchmal Ewigkeiten gedauert, aber ich habe nie aufgehört. Ich bin immer einmal mehr in die Luft gestiegen, als ich gelandet bin. Das wurde dann auch zu meinem Lebensmotto. Wenn du hinfällst, musst du nur aufstehen, etwas daraus lernen und es erneut versuchen“, erklärte Zaralljah, die sonst nie so gesprächig war. Ihre Worte schenkten dem jungen Torgorix neuen Mut und er vergaß beinahe seinen verpatzten Anflug.
„Morgen früh werden wir zwei etwas üben gehen. Was hältst du davon?“, fragte sie ihn aufmunternd.
„Das wäre toll!“, strahlte er sie an.
„Danke“, sagte Torgorix’ Mutter leise zu ihr.
„Sehr gerne. Dein Sohn hat viele Talente, die wir unbedingt fördern müssen. In seinem Alter konnte ich noch nicht einmal bis zum nächsten Hügel gleiten und unser Torgo fliegt schon vom Kalten Finger bis hierher“, raunte diese zurück.
***
„Nun bist du an der Reihe, mein junger Flugkünstler Torgorix, uns zu berichten, was bisher geschehen ist“, forderte der weiße Lorhdrache Okoriath den Jungdrachen auf, von der ersten Etappe der Eisgruppe zu erzählen.
Torgorix, der sich bei dieser Anspielung auf sein fliegerisches Können sehr unwohl fühlte, hatte in der vergangenen Nacht nur Zeit für einen kurzen Schlaf gehabt, denn der Drachenrat war gleich am nächsten Morgen einberufen worden. Okoriath, der weise und stets besorgte Anführer des Drachenrates, wollte schnellstmöglich über alle Ereignisse des Drachenlandes, seien sie auch noch so unbedeutend, informiert werden. Die Geschehnisse der vergangenen Tage hatten ihn noch stärker davon überzeugt, dass der bösartige Druide Snordas, der in den dunklen Höhlen des Ostlandes krankhaft nach Rache für seinen Lehrmeister Rettfill strebte, der seinerzeit den Krieg gegen das restliche Drachenland verloren hatte, alle Vorbereitungen für einen bevorstehenden Überfall traf. Die Frage war nur, wann und wo Snordas’ Angriff stattfinden würde und ob er genügend Horden hinter sich hatte, um einen Krieg zu entfesseln.
„Ich weiß gar nicht, wie ich hier vor dem ehrwürdigen Rat sprechen soll“, begann Torgorix zögernd.
„Sprich bitte einfach so, wie es dir in den Sinn kommt, mein junger Secundus. Du brauchst ja schließlich keinen Vortrag über die Geschichte unserer Ahnen zu halten, sondern sollst uns nur von den letzten Tagen berichten, die du mit Adalbert, Jordill und Tork verbracht hast“, versuchte der Lorhdrache dem jungen Drachen die Nervosität zu nehmen.
So berichtete Torgorix von den Wanderungen, von den riesigen Wolfsspuren an ihrem Nachtlager und schließlich von seinen neuen An- und Überflugmanövern bei absoluter Dunkelheit, wobei ihm ein gewisser Stolz anzumerken war. Als er davon erzählte, wurden nicht nur der Lorhdrache und seine Mutter zunehmend aufmerksamer, sondern auch der alte Drachenritter Rostorrh und die anthrazitfarbene Drachenlady Zaralljah. Als erfahrene Kämpfer erkannten beide sofort die strategischen Möglichkeiten, die sich aus diesen Flugbewegungen ergeben könnten.
„Wie bist du denn auf diese grandiose Idee gekommen?“, fragte der mürrische Kämpfer Rostorrh, dessen ganzer Körper von unzähligen Narben übersät war.
„Das war nicht meine Idee. Jungritter Adalbert hat sich das ausgedacht. Er hat mich aufgefordert, mit nächtlichen Flugübungen zu beginnen, damit ich nicht nur bei schönem Wetter fliegen kann. Außerdem hatte er die Idee, wie ich trotz völliger Dunkelheit immer genau meinen Standort und meine Flughöhe erfahren konnte. Ohne Adalbert wäre ich heute bestimmt noch immer der kleine Drache, über den sich alle anderen ständig lustig gemacht haben“, erklärte er.
„Immer wieder schafft es dieser Knabe, mich zu verblüffen“, murmelte Rostorrh vor sich hin und begann, viele Fragen zu den Einzelheiten des Flugmanövers zu stellen. Doch letztendlich kam er zu dem Schluss dass die Idee zwar gut, aber in der Realität nicht umsetzbar sei.
„Warum gibt mein alter Freund Rostorrh der Idee von Adalbert nicht eine Chance? Für mich hört sich der Plan tatsächlich durchführbar an“, fragte Lady Coralljah. Schon früher war ihr aufgefallen, dass der sture Drachenkämpfer dem Jungen nicht so recht zu trauen schien.
„Ich würde mich vielleicht davon überzeugen lassen, wenn es tatsächlich einer von uns schaffen sollte, ohne jegliche Sicht das zu vollbringen, was sich unser schlauer Adalbert mal wieder ausgedacht hat“, antwortete dieser knapp.
„Kann es sein, dass unser geschätzter Rostorrh ein kleines bisschen eifersüchtig auf Adalbert ist?“, frotzelte der Lorhdrache und sprach damit aus, was auch die anderen dachten. Eine Antwort blieb jedoch aus.
„Den Beweis dafür, dass Adalberts Plan tatsächlich funktioniert, kann ich euch gerne vorführen, denn ich bin bereits völlig blind geflogen!“, erklärte Torgorix, um den Ruf seines Freundes zu retten, wozu jedoch nicht der geringste Anlass bestand, da nur Rostorrh an ihm zweifelte. Schnell erklärte er, wie ihm Jordill ein Tuch über die Augen gebunden hatte und ihn dann sicher mit seinen Pfiffen bis zur Landung dirigiert hatte. Die Bauchlandung erwähnte er natürlich nicht.
Zaralljah ließ sich schnell die Bedeutung der verschiedenen Pfiffe erklären und schlug dem Rat dann vor, dieses Manöver vor aller Augen selbst auszuprobieren. Wortrillh, den Anführer der Ratswache, bat sie freundlich, ihr mit seinen Pfiffen die Höhe durchzugeben. Wie es für einen wortkargen Grenzgänger typisch war, war es dem Elfen nicht anzumerken, ob er diesen Auftrag gerne ausführte oder nicht.
Der Lorhdrache jedoch nahm diese Einladung zu einer Flugvorführung der besonderen Art sehr gerne an und verlegte kurzerhand die Sitzung des Rates auf den Pass hoch oben über der Drachenschule.
Etwas enttäuscht ging wenig später Torgorix schweigend neben Zaralljah die vielen Gänge zum Pass hinauf, denn insgeheim hätte er dieses Manöver nur zu gerne selbst vorgeführt.
„Mach dir nichts draus, mein junger Freund. Ich möchte lediglich vermeiden, dass irgendjemand hier darüber lacht, wenn deine Landung nicht hundertprozentig klappen sollte“, tröstete sie ihn ungewohnt liebevoll.
***
Bereits am Vortag, nach einem ausgiebigen Tagesmarsch mitten durch die Baumwandler hindurch, waren Knut von Tronte, Erik, die beiden Zwerge Kronglogg und Rognagg, der Elf Trulljah und der Hengst Antha, der diese Gruppe insgeheim anführte, im Dorf inmitten des Elfenwaldes angekommen. Die Gruppe, die unterschiedlicher kaum hätte sein können, erreichte ihr Ziel, kurz nachdem die orange schimmernde Sonnenscheibe über den verschneiten Wipfeln des östlichen Nasli Karillh untergegangen war.
„Ich heiße euch herzlich in Karsarillhmeg willkommen. Fühlt euch wohl und seid zum Abendbrot meine Gäste“, wurden sie vom Waldelfenkönig Erithjull begrüßt, der bereits einen Tag vor ihnen die Drachenschule verlassen hatte und daher schon früher angekommen war.
„Was ist denn das für ein Name?“, fragte Erik neugierig.
„Karsarillh bedeutet in deiner Sprache so viel wie Wurzel und Meg heißt Ort. Zusammengesetzt ist das hier also der Wurzelort, was im übertragenen Sinne bedeutet, dass an diesem Ort jeder zu sich selbst finden soll“, antwortete Trulljah.
„Tatsächlich gibt es noch eine andere Erklärung für diesen Namen. Der Überlieferung nach schlug zu einer Zeit, als es weder Menschen noch Zwerge, Trolle oder Elfen gab, während eines mächtigen Ungewitters ein gleißender Blitz dort in den Boden ein, wo heute der tiefe Brunnen mitten auf dem Marktplatz steht. Dabei teilte das Himmelsfeuer einen großen Felsen in zwei gleiche Hälften. Aus diesen formte das Schicksal uns Elfen. Somit erhält der Begriff Wurzelort eine noch tiefere Bedeutung“, fügte der König hinzu.
„Jeder halbwegs gebildete Zwerg weiß, dass wir lange vor den Elfen im Drachenland gelebt haben“, widersprach Rognagg dem König, bevor er von Kronglogg ruppig mit den Worten unterbrochen wurde, dass es nicht angebracht sei, die Worte eines Elfenkönigs anzuzweifeln.
„Lass ihn bitte seine Meinung frei äußern, mein lieber Freund. Im Nasli Karillh und ganz besonders hier in Karsarillhmeg hat jeder das ungeschriebene Recht, seine Meinung jederzeit frei und ungezwungen zu äußern. Wir wollen auch keinen Anspruch darauf erheben, das erste Volk im Drachenland gewesen zu sein. Ich habe lediglich erzählt, dass die Bedeutung des Namens unseres Ortes seine Wurzeln schon in grauer Vergangenheit hat. Wir können gerne unendlich lange über unsere verschiedenen Völker, unser weites Land, unsere Flüsse, Seen und das Meer, die verschiedenen Pflanzen und Tiere, die Leben spendende Sonne und den nächtlichen Sternenhimmel über uns diskutieren und philosophieren, aber streiten werden wir uns im Elfenwald nicht“, erklärte der König unmissverständlich.
„So viel Weitsicht und Meinungsfreiheit würden uns Menschen auch gut zu Gesichte stehen und so manchen unnötigen Streit bereits im Keim ersticken“, nickte Adalberts Vater. „Ich selbst nehme mich da auch nicht aus. Auch ich werde hier noch sehr viel lernen müssen“, fügte er nachdenklich hinzu.
„Dein ehrlicher Wunsch, hier in Karsarillhmeg zu lernen, ist ein schönes Willkommensgeschenk für uns. Darüber wollen wir uns gleich bei unserem Abendmahl ausführlicher unterhalten. Folgt mir bitte.“
Mit diesen Worten schritt der König allen voran, mit seinem Bruder, dem Hengst Antha, an seiner Seite. Er führte sie zu einem großen Lehmhaus, welches im Inneren mit vielen reichlich gedeckten Tischen, auf denen verlockend duftende Speisen angerichtet waren, zum Verweilen einlud.
Viel zu rasch verging der gesellige Abend mit dem guten Essen und interessanten Gesprächen, in denen sich alle Anwesenden näherkamen, während sie den melodischen Balladen lauschten, die von drei jungen Elfenmädchen vorgetragen wurden. Eine der Sängerinnen war die hübsche Marilljah. Knut von Tronte ahnte nicht, dass sein Sohn ständig an dieses Mädchen denken musste, besonders, wenn er seinen bestickten Proviantbeutel öffnete, den er von ihr geschenkt bekommen hatte.
Kapitel 6
Der weiße Wolf
Es war nicht Adalberts Drachenhaut, die ihn im Schlaf warnte, sondern sein Instinkt.
Kurz vor dem Erwachen hatte er einen schrecklichen Albtraum gehabt, in dem er regungslos zusehen musste, wie sein Freund Tork, der große Keiler, von wilden Bestien zerrissen wurde. In diesem Traum röchelte Tork ihm noch im Sterbenskampf zu, dass er ihn jetzt verlassen müsse und er treu seinen Weg Schritt für Schritt weitergehen solle. Da waren noch andere Worte des treuen Keilers, aber sie wurden immer leiser, bis Adalbert das Traumland verließ.
Bereits im Erwachen spürte Adalbert intuitiv, dass Gefahr drohte. Noch bevor er seine Augen blinzelnd öffnete, hatte er den Griff seines Schwertes Wandrokk fest umschlungen. Als er dann sah, in welchem realen Albtraum er erwachte, gefror ihm das Blut in den Adern.
Direkt an seinem Fußende stand ein riesiger Wolf zum Sprung bereit, dessen triefende Lefzen schrecklich hochgerissen waren und seine Furcht einflößenden Reißzähne zeigten. Aber es waren nicht diese Zähne, die dem Jungen solche Furcht einflößten, sondern die wässrig blauen, toten Augen der Bestie. Adalbert wusste, dass der pechschwarze Wolf nur auf ein winziges Zucken seines Opfers wartete, um loszuspringen. Aus den Augenwinkeln erkannte er, dass es seinem Freund Jordill noch viel schlimmer erging als ihm selbst. Der Hals des auf dem Boden liegenden Elfen war bereits in dem grässlichen Maul eines weiteren Wolfes gefangen, der böse knurrend nur darauf wartete, dass der Leitwolf das Zeichen zum Todesbiss gab. Adalbert sah, wie dem Elfen, dessen Gesicht sich bereits aus Sauerstoffmangel blau gefärbt hatte, Blut den Hals hinunterlief und grünliche Tränen aus den Augenwinkeln flossen. Adalbert machte sich mehr Sorgen um seinen Freund, als um sich selbst, denn trotz der fast aussichtslosen Situation konnte er noch immer auf ein Wunder hoffen, dem Elfen jedoch war nicht mehr zu helfen. Doch wo war Tork? Sollte sein Albtraum gar keiner gewesen sein und der Keiler war tatsächlich tot?
Wieder spürte er den stinkenden Atem des Leitwolfes, der durch die Kühle des Morgens kroch. Er schien dort an seinen Füßen noch auf irgendetwas zu warten. Es sollte kein weiterer Atemzug vergehen, bis Adalbert den Grund für sein Zögern erkannte. Drei weitere Wölfe, die er bisher nicht bemerkt hatte, näherten sich vorsichtig und machten sich ebenfalls bereit, gleich über ihn und Jordill herzufallen. Es war zwar ein schwacher Trost, aber Adalbert wusste, dass der Tod sehr schnell kommen würde und sie nicht endlose Qualen würden erleiden müssen.
In diesem Moment der Verzweiflung schoss plötzlich ein schneeweißer Wolf über ihn hinweg und biss dem grauen Wolf über Jordill in die Schnauze, sodass dieser, vor Schreck und Schmerzen winselnd, seinen tödlichen Biss lockerte. Sofort drehte sich der weiße Wolf dem Leitwolf zu, der sich nun sowohl auf diesen neuen Angreifer als auch auf Adalbert konzentrieren musste. Diese vielleicht einzige Gelegenheit ergriff der Junge, setzte sich ruckartig auf und stieß dem verdutzten Leitwolf seine Klinge Wandrokk tief in die Brust. Obwohl sein Schwert dem Wolf mitten durchs Herz gefahren war, fiel dieser nicht tot zu Boden, sondern bewegte sich zwei, drei Schritte seitwärts von Adalbert weg. Auf diese Weise zog er seinen schwarzen Körper selbst aus der Klinge heraus. Neben ihm formierten sich die vier anderen Wölfe und bildeten eine vernichtende Front gegen den riesigen weißen Wolf. Aber der Retter stellte sich ihnen furchtlos entgegen und wartete todesmutig auf ihren Angriff.
Doch dieser kam nicht, denn plötzlich schwirrten unzählige Pfeile durch die Luft und bohrten sich in die Körper der dunkelgrauen und pechschwarzen Wölfe. Mit schrecklichem Geheul drehten diese sich plötzlich um, als wenn sie von irgendjemandem ein heimliches Zeichen bekommen hätten, und rannten so schnell, wie es sonst nur unverletzte Tiere können, in den nahen Wald.
Rasch drehte sich Adalbert zu Jordill um und erkannte, dass der Elf noch lebte und sich gerade wackelig vom Boden erhob. Dann sah er zu ihrem Lebensretter, dem weißen Wolf, der von zwei Pfeilen getroffen, am Boden lag und sich nicht mehr bewegte. Rasch hielt er nach Tork Ausschau, aber er konnte den Keiler nirgends entdecken.
„Tork ist tot“, hörte er Jordills traurige Stimme, die krampfhaft nach Luft und Fassung zu ringen schien.
Tot? Das konnte doch nicht wahr sein!
„Sarkaroll sut ragosdnith“, erklang hinter einem Busch eine tiefe Stimme.
„Auch ich grüße euch und danke für die Rettung in höchster Not“, antwortete Jordill in der Menschensprache, damit sein Freund verstehen konnte, was gesprochen wurde.
Jetzt traten fünf riesige Männer aus einem der Büsche hervor und kamen direkt auf sie zu. Adalbert vermutete sofort, dass es sich bei diesen fünf vermummten Gestalten um die geheimnisvollen Kapuzenmänner handeln musste, von denen ihm schon die kleine Birgit an der Drachenschule erzählt hatte.
In einem Abstand von knapp drei Mannslängen blieben sie unerwartet stehen und der Anführer sagte leise wieder etwas in der Elfensprache.
„Er bittet uns, uns zuerst um unseren Freund Tork zu kümmern. Ihre Gegenwart sei nicht so wichtig wie die Trauer um die Toten“, übersetzte Jordill, wobei er sich erneut mit dem Handrücken über die Wange strich, um sich eine weitere grünliche Träne wegzuwischen.
Adalbert wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Einerseits wollte er natürlich zuerst nach Tork schauen, obwohl er sich vor dem fürchtete, was er wohl zu sehen bekommen würde. Andererseits waren da diese seltsamen Männer, die ihre Gesichter so tief in den großen Kapuzen verbargen, dass er außer einem dunklen, undefinierbaren Schatten nichts erkennen konnte. Selbst die Hände steckten in Handschuhen. Nicht zuletzt gab es auch noch den riesigen weißen Wolf, der bestimmt doppelt so groß war wie sein treuer Hofhund Moritz. Warum hatte er ihnen wohl geholfen? War das vielleicht sogar der Wolf, der in der vorletzten Nacht an ihrem Lager gewesen war?
Ohne diese Fragen beantworten zu können, ging er zu seinem Elfenfreund, der einige Schritte entfernt reglos vor einem völlig zerfetzten Körper stand. Überall um sie herum waren grässliche Fleisch- und Fellstücke verteilt und unglaublich viel Blut verspritzt. Das Blut ihres treuen Freundes Tork.
„Dieses Ende hatte mein Onkel nicht verdient“, klagte Jordill leise, als er sich zu dem toten Körper hinabbeugte und eine Stelle zärtlich streichelte, die vielleicht einmal der Kopf des Ebers gewesen sein mochte. Nun rannen auch Adalbert die Tränen unkontrolliert aus den Augen. Schon wieder wurde er mit dem Tod eines lieben Freundes konfrontiert.
„Wir werden diese bestialischen Ungeheuer jagen, bis wir jedes einzelne von ihnen zur Strecke gebracht haben!“, zischte er wütend zwischen seinen Zähnen hindurch.
„Das werden wir nicht tun, mein Freund. Erstens haben wir für diese Rache im Moment keine Zeit und zweitens können wir die Narsokk-Wölfe nicht töten. Hast du nicht gesehen, dass sie trotz der vielen Pfeilwunden nicht bluteten?“
Adalbert nickte. Erst jetzt wurde ihm bewusst, was er bereits vorher im Unterbewusstsein wahrgenommen hatte, ohne es tatsächlich zu realisieren. Diese Bestien hatten weder geblutet noch waren sie ihren tödlichen Verletzungen erlegen. Lediglich Schmerzen schienen sie zu empfinden.
„Wie kann das sein?“, fragte er verwundert.
„Die Narsokk-Wölfe sind keine lebenden Wesen. Das siehst du auch an ihren seltsamen Augen. Sie wurden schon vor Hunderten von Jahren von dem schwarzen Druiden Rettfill gezüchtet, um Angst und Schrecken über dem Land zu verbreiten. In der Elfensprache bedeutet das Wort narsokk ungefähr so viel wie blutleer. Den Grund für diesen Namen hast du heute selbst erkannt.“
Als Adalbert sah, wie liebevoll Jordill den Kadaver streichelte, musste er daran denken, wie oft der Elf frech über den Keiler hinweggesprungen war oder Rad schlagend über seinem Kopf geturnt hatte. Bei diesen Gedanken liefen die nächsten Tränen aus seinen Augen, doch er schämte sich nicht dafür.
„Wenn wir Tork schnell in den Elfenwald bringen, kann er dann die nächste Wandlung vollziehen?“, fragte Adalbert mit einem schwachen Hoffnungsschimmer in seiner Stimme.
„Nein, das geht nicht. Die Narsokks haben von ihm nichts übrig gelassen, das noch zu retten wäre. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn hier so liegen zu lassen.“
„Das können wir nicht tun! Wir müssen unseren Freund doch wenigstens begraben“, entgegnete Adalbert entsetzt.
„Wie sollen wir das machen? Der Boden ist so hart gefroren, dass wir kein Grab für ihn ausheben können. Wir werden Tork unter ein paar Steinen begraben und ihn erst einmal hier liegen lassen müssen. Erst wenn wir die Drachenlady Murwirtha gefunden haben, können wir ihn zum Nasli Karillh mitnehmen“, war Jordills traurige Erklärung, die Adalbert zu gut verstand, auch wenn er überhaupt nicht damit einverstanden war.
In diesem Augenblick trat der Anführer der Kapuzenmänner ein paar Schritte auf sie zu und flüsterte erneut ein paar leise Worte zu Jordill. Auch jetzt konnte Adalbert keinen klaren Blick auf das Gesicht des riesigen Mannes erhaschen.
„Sie mögen es nicht, wenn man sie so direkt ansieht“, warnte Jordill seinen Freund, der diesen Hinweis sofort verstand und seine Neugier zügelte. Irgendwann würde er das Gesicht des Fremden schon noch zu sehen bekommen, davon war er überzeugt.
„Der Anführer der fünf Estrilljahner, wie wir Elfen die Kapuzenmänner nennen, hat mich gebeten, dass sie sich um Tork kümmern dürfen. Sie wollen dafür sorgen, dass seine Überreste zum Elfenwald gebracht werden. Außerdem folgen sie bereits seit mehreren Tagen den Spuren der Narsokk-Wölfe, um sie zu erlegen.“
„Aber wie wollen sie das machen, wenn die Wölfe trotz tödlicher Verletzungen nicht sterben?“
„Glaube mir, die Estrilljahner sind dafür bestens ausgerüstet!“, war die seltsame Antwort Jordills.
„Was sind denn Estrilljahner? Und was können sie schon gegen untote Wölfe ausrichten? Du hast doch selbst gesehen, dass sie mit ihren Pfeilen den Bestien nichts anhaben konnten“, murrte Adalbert.
„Nicht jetzt! Das erkläre ich dir später, wenn wir alleine sind. Der Anführer hat übrigens gesagt, dass der weiße Wolf noch lebt. Wir sollten uns bei ihm für seine Hilfe bedanken, bevor auch er stirbt.“
Adalbert war überrascht. Wie konnte der Wolf denn noch leben? War er etwa auch ein blutleeres Monster? Warum hatte er ihnen dann geholfen?
Schnell lief der Junge zu dem sterbenden Wolf. Seine Eile lag nicht nur daran, dass er sich um diesen unerwarteten Retter kümmern wollte, er musste auch unbedingt fort von diesem schrecklichen Schlachtfeld. Der Estrilljahner machte einen kleinen Schritt zur Seite und ließ Adalbert hindurch. Als er mit seiner Schulter gerade an dem verhüllten Anführer vorbei ging, bemerkte der Junge, wie dieser kurz seinen Kopf eine Winzigkeit anhob und seinen Körpergeruch hörbar einsog. Dabei konnte er einen flüchtigen Blick auf das Gesicht des Estrilljahners werfen, was er sofort bereute. Dieser winzige Moment hatte genügt, dass Adalbert die blass-graue, schuppige Haut des Mannes erkennen konnte. Die tiefliegenden Augen waren einfach nur pechschwarz, ohne Iris oder Pupillen, und machten auf ihn einen leblosen Eindruck, ähnlich wie bei den Narsokk-Wölfen. Und dann war da noch dieser seltsame Mund, der viel eher aussah, wie ein riesiger Raubvogelschnabel.
Adalbert fürchtete sich vor dem, was er gerade gesehen hatte und verstand nun Jordills Warnung, dass es die Estrilljahner nicht mochten, wenn man sie ansah. Schnell tat er so, als hätte er nichts gesehen, auch wenn er befürchtete, dass der Estrilljahner ihm das nicht abnehmen würde, und ging mit einem Gefühl der Angst weiter auf den weißen Wolf zu. Diesmal achtete er ganz bewusst darauf, die anderen Estrilljahner nicht anzusehen.
„Hallo, weißer Freund, warum hast du dein Leben riskiert, um uns zu retten?“, fragte er, als er sich vorsichtig zu dem Wolf hinunterkniete. Aus seinen Augenwinkeln konnte der Junge erkennen, wie die Estrilljahner einen Schritt auf ihn zugingen. Er vermutete, dass sie dies taten, um ihm notfalls beizustehen, falls der Wolf doch noch einmal die Kraft für einen letzten Angriff finden und diesen gegen ihn richten würde.
Daher hob er kurz die Hand und sagte, ohne zu ihnen hinüberzublicken, laut und deutlich, dass sie zurückbleiben sollten, da er keine Angst vor dem Wolf habe.
Als hätte er seine Worte verstanden, drehte der Wolf seinen Kopf zu ihm und schaute ihn an, als wenn er direkt in seine Seele blicken würde. Sofort erinnerte sich Adalbert an den schrecklichen und alles verändernden Tag, an dem der sterbende Drache Allturith seinen letzten Atemzug getan und seine Seele auf ihn übertragen hatte. Wieder kämpfte er mit den Tränen. Warum mussten bloß so viele der Lebewesen sterben, die er seit diesem Tag kennengelernt hatte?
Die Pfeile der Estrilljahner steckten tief in der Brust und in der Flanke des Wolfes. Das herausquellende warme Blut verfärbte das seidig weiße Fell und tropfte auf den kalten Boden, wo es sofort gefror.
Adalbert griff in seine Tasche und zog das kleine Fläschchen mit Merthurillhs Tränen hervor, aus denen die Waldelfen das geheimnisvolle Heilöl bereitet hatten, mit welchem er bereits seinen Elfenfreund Antharill zu retten versucht hatte, bevor dieser sich in den Hengst verwandelt hatte.
Er öffnete das Gefäß und stellte es vorsichtig so neben sich in den Schnee, dass es nicht umfallen konnte. Dann beugte er sich über den Wolf und flüsterte ihm ins Ohr: „Bleib ruhig, mein Schöner. Ich werde dir gleich die Pfeile aus deinem Körper ziehen und dich dann heilen. Den Tod von Tork konnte ich leider nicht verhindern, aber du wirst heute ganz sicher nicht sterben!“
Schnell, aber trotzdem möglichst behutsam, zog der Junge den Pfeil aus der blutverschmierten Brust heraus, warf ihn zur Seite und beobachtete den Wolf besorgt. Dieser hatte sich kaum bewegt. Nur das schmerzverzerrte Jaulen bewies, dass er noch immer lebte. Aus der offenen Wunde strömte das Blut, als ob es ein reißender Gebirgsbach wäre. Rasch griff Adalbert zu der kunstvoll verzierten Flasche und tröpfelte vorsichtig etwas von der heilenden Flüssigkeit in die Wunde. Es zischte so ähnlich, wie wenn Fett in die Glut eines Lagerfeuers tropfte. Sofort stiegen hellgraue Dämpfe aus der Verletzung empor. Nun wiederholte Adalbert die Prozedur auch beim zweiten Pfeil. Noch bevor er das Fläschchen wieder zugeschraubt hatte, begannen die ersten Wunden bereits, sich zu schließen. Jordill war inzwischen dazugekommen und hatte dem Wolf tröstend den Kopf gestreichelt. Als Adalbert den zweiten Pfeil herausgezogen hatte, presste der Elf seine Stirn an die des Wolfes, um ihm Kraft zu geben, damit er diese schmerzhafte Behandlung überstehen konnte.
„Morgen wirst du wieder laufen können, mein Freund“, tröstete er den Wolf, wobei er manchmal traurig zu den Überresten seines Onkels hinüber sah, als wenn dieser plötzlich, wie durch ein Wunder, wieder auferstehen könnte.
Adalbert konnte im Moment nichts mehr für die Wunden des Wolfes tun, rutschte zu Jordill heran und forderte den Elfen auf, doch wieder zu Tork zurückzugehen, um den Estrilljahnern dabei behilflich zu sein, die sterblichen Überreste für den Transport vorzubereiten.
„Ich werde dir gleich folgen, möchte mich aber zuvor noch bei unserem neuen Freund für seinen mutigen Rettungsversuch bedanken“, erklärte Adalbert und legte behutsam den großen Kopf des Wolfes in seinen Schoß.
Jordill führte ein leises Gespräch mit dem Anführer der Kapuzenmänner und kam dann noch einmal zu Adalbert zurück, um ihm zu berichten, was der Estrilljahner ihm gesagt hatte.
„Es tut dem Anführer wirklich leid, dass sie den weißen Wolf getroffen haben. Sie wussten nicht, in welcher Verbindung er zu uns stand. Außerdem stand er mitten in der Schusslinie zu den Narsokk-Wölfen. Der Estrilljahner nannte mir seinen Namen und bat mich, dass ich ihn dir sagen sollte“, begann Jordill, bevor er von Adalbert ungeduldig unterbrochen wurde.
„Sag schon, wie heißt er und warum nennt er mir seinen Namen denn nicht selbst?“, fragte Adalbert, der nun wieder vorsichtig zu dem Fremden sah.
„Sie sprechen nicht gerne mit Menschen oder Zwergen, denn in der Vergangenheit haben sie sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Besonders die Menschen haben sie wegen ihres Aussehens stets wie Aussätzige behandelt und verspottet. Das führte dazu, dass sie ihr Antlitz vor euch stets verbergen und nur sprechen, wenn es unbedingt notwendig ist“, erklärte der Elf.
„Na da bin ich ja wirklich froh, dass es diesmal nicht nur wir Menschen sind, die alleine für alles Schlechte verantwortlich sind, sondern dass es auch mal die Zwerge trifft“, erwiderte Adalbert leicht gereizt.
Schon seit vielen Tagen beschäftigte ihn der Gedanke, dass die Menschen wohl noch nicht viel Gutes für das Drachenland geleistet hatten. Ganz im Gegenteil, er hatte das Gefühl, dass sein eigenes Volk eigentlich mehr dazu beigetragen hatte, das harmonische Leben in seiner Heimat zu erschweren oder gar völlig zu zerstören. Wie schön musste die Zeit gewesen sein, von der Merthurillh ihm erzählt hatte, als es Frieden zwischen den verschiedenen Völkern des Drachenlandes gegeben hatte und die Drachen sogar die Höfe der Bauern bewacht hatten.
„Sein Name ist Sardornosh. Es ist ein elfischer Name, denn die Estrilljahner sind ferne Verwandte von uns“, riss ihn Jordill aus seinen Gedanken heraus. „Sardornosh bedeutet Adlerblick. Die Estrilljahner sind Meister der Magie, daher haben sie sich auch vor vielen Generationen von uns losgesagt, denn ihre Magie ging viel weiter, als wir es der unsrigen erlaubt hätten. Wir haben schon immer darauf geachtet, dass die Magie nur zum Wohl und nie zum Schaden der Natur und aller Lebewesen eingesetzt wurde. Doch dieses Elfenvolk war damit nicht einverstanden. Sie waren damals der Meinung, dass böse, dunkle Magie zu guter werden würde, wenn sie gegen die Feinde der Elfen eingesetzt würde. Da wir das jedoch niemals zugelassen hätten, kam es zur Trennung unserer Völker. Aus ihnen gründete sich im Laufe der folgenden Generationen das Volk der Estrilljahner. Mehr möchte ich dir jetzt nicht erzählen. Wir werden einen geeigneteren Zeitpunkt finden, um unser Gespräch zu vertiefen.“
„Du klingst schon fast wie der weise und erfahrene Antharill“, stellte Adalbert fest.
„Danke für das Kompliment, aber jetzt werde ich endlich zu Tork gehen, zumindest zu dem, was die Narsokk-Wölfe von ihm übrig gelassen haben.“
Noch immer streichelte Adalbert liebevoll den großen Kopf des weißen Wolfes und sah seinem trauernden Freund hinterher. Plötzlich registrierte er, dass die Estrilljahner nicht mehr da waren. Gerade eben noch hatten sie dort drüben gestanden und jetzt waren sie wie vom Erdboden verschwunden. Das konnte nur Magie sein, wobei sich Adalbert darüber Gedanken machte, ob es gute oder schlechte Magie war, die dieses Volk plötzlich unsichtbar machen konnte. Irgendwie zog ihn diese geheime Kraft geradezu magisch an.
Tief in seiner Brust spürte er, dass er sich mit etwas beschäftigte, mit dem er sich eigentlich nicht befassen durfte, aber dieser ungeheuren Anziehungskraft konnte er sich kaum widersetzen. Es kam ihm vor, als ob er sich gerade auf einen See begeben hätte, dessen Oberfläche sich erst vor kurzem in eine Eisfläche verwandelt hatte. Jeden Moment konnte das junge Eis unter seiner Last brechen und ihn in die eisige Kälte der Tiefe reißen, aus der es keine Rettung mehr gab.
„Steh auf, mein weißer Wolf. Mehr kann ich im Moment nicht mehr für dich tun. Aber wenn du irgendwann einmal in Gefahr gerätst, dann wünsche ich mir, dass ich es sein darf, der dir zur Hilfe kommt.“
Adalbert kraulte dem Wolf das Kinn und fasste ihm in sein dichtes Kragenfell, als dieser mit zittrigen Beinen versuchte, aufzustehen. Als Adalbert nun zu Jordill ging, folgte ihm der Wolf wackelig auf dem Fuß.
„Die Estrilljahner haben Tork mitgenommen“, sagte Jordill und klang irgendwie erleichtert. Adalbert sah sich um und stellte fest, dass er nur noch das gefrorene Blut entdecken konnte. Die anderen sterblichen Überreste waren alle verschwunden.
„Wie haben sie das denn bloß gemacht?“, wunderte sich der Junge.
„Mit Magie, der Form, die wir nicht anwenden, denn sie kann den Sprecher der geheimen Formel schnell zu einem Sklaven des Bösen machen. Trotzdem bin ich froh, dass mir die Aufgabe erspart geblieben ist, Tork … für den Transport … vorzubereiten. Ich möchte ihn lieber so in Erinnerung behalten, wie er war, bevor … vor heute.“
„Lass mich bitte die Wunde an deinem Hals ansehen, denn sie blutet noch immer“, bat Adalbert seinen Freund, um ihn etwas abzulenken. Wieder waren nur wenige Tropfen aus dem geheimnisvollen Fläschchen nötig, um die blutenden Wunden des Elfen zu schließen. Doch bei Jordill zischte es nicht und es stiegen auch keine grauen Wölkchen empor.
„Wenn du weiterhin so verschwenderisch mit dem Heilöl umgehst, wirst du keinen einzigen Tropfen mehr haben, wenn es mal wirklich wichtig sein könnte“, dankte der Elf auf seine Art für die Heilung.
„Was kann es Wichtigeres geben, als einen guten Freund zu heilen? Außerdem hat mir euer König Erithjull noch etwas von Merthurillhs Tränenöl zur Drachenschule mitgebracht, somit war mein kleines Fläschchen wieder randvoll, bevor wir aufgebrochen sind.“
„Es ist schon sehr sonderbar, dass uns der große Weiße in der höchsten Not zu Hilfe kam“, meinte Jordill und deutete mit einem Nicken auf den Wolf. „Auch die Tatsache, dass er jetzt, wo du ihn von seinen Wunden geheilt hast, nicht wieder verschwindet, finde ich äußerst interessant. Wenn ich ihn mir so ansehe, wie er nur wenige Schritte hinter dir sitzt, als ob er dich schon seit Ewigkeiten kennen würde, habe ich das Gefühl, dass du schon wieder einen Freund fürs Leben gefunden hast. Weißt du eigentlich, welche Bedeutung weiße Wölfe bei uns Elfen haben?“
Adalbert zuckte kurz mit den Schultern und bat Jordill, ihm alles über diese schönen Tiere zu berichten, was er wusste.
„Sie gelten in unseren Erzählungen als Seelenwächter. Schon als kleine Kinder lauschen wir aufmerksam den spannenden Erzählungen unserer Eltern und Großeltern, wenn sie von den Ijsvargs, also den schneeweißen Wölfen erzählen. Der Name Ijsvarg ist kein elfischer Name, er stammt von den rauen Schneekriegern, die mit den Schneewölfen eine enge Partnerschaft eingegangen sind, ähnlich wie ihr Menschen mit den heutigen Hunden, die ja ihrerseits auch vom wilden Wolf abstammen. Sowohl die Schneekrieger als auch die Ijsvargs sind hier im Drachenland normalerweise nicht anzutreffen, sondern leben den Überlieferungen nach weit hinter dem Eisgebirge. Auch wir Elfen haben keinen Kontakt zu den Schneekriegern. Aber es kommt immer wieder vor, dass wir oder die Zwerge des Hochgebirges, einen von diesen Wölfen dabei entdecken, wie er im nördlichen Grenzland umherstreift.
Den Erzählungen nach sollen diese wunderbaren Tiere in der Zeit des großen Krieges gegen den schwarzen Druiden Rettfill aber vermehrt über die Grenzen gekommen sein. Immer dann, wenn ein bedeutendes Wesen gestorben war. Dann blieb der Wolf stets längere Zeit in der Nähe dieses Verstorbenen, fast so, als hielte er eine heilige Totenwache. Daher gehen wir Elfen davon aus, dass der Ijsvarg die Seelen der Verstorbenen bewacht.“
Jordill machte eine kurze, nachdenkliche Pause, bevor er in seiner Erzählung fortfuhr. „Sein unerwartetes Auftauchen ergibt somit einen tieferen Sinn, denn er ist bestimmt hier, um die Seele von Allturith zu bewachen, die du in dir trägst.“
„Dann verstehe ich aber nicht, warum er nicht zuerst den Anführer der Narsokk-Wölfe angegriffen hat, der mich bedrohte“, gab Adalbert zu bedenken.
„Ich weiß es auch nicht, aber ich vermute, dass er es war, der vor zwei Nächten lautlos um unser Lager herumgeschlichen ist und sich dann in deiner Nähe niedergelegt hat. Ich bin auch davon überzeugt, dass er uns schon die ganze Zeit über beobachtet hat und über jeden unserer Schritte Bescheid wusste. Deshalb denke ich, dass er ebenfalls von der Nähe der Estrilljahner wusste und sich somit auf die größte Gefahr konzentrierte. Wenn du dich erinnerst, stellte er sich ja direkt nach seinem ersten Angriff dem Leitwolf, der dich bedrohte. Der Ijsvarg hat die Gefahr richtig eingeschätzt und gehandelt, wie auch ich es getan hätte“, folgerte der Elf.
„Aber das würde doch bedeuten, dass er wusste, dass uns die Estrilljahner helfen würden. Meinst du nicht, dass wir hier einem normalen Wolf etwas zu viel Intelligenz unterstellen?“
„Nicht unbedingt. Da die Ijsvargs den Erzählungen nach von den Schneekriegern auch zu richtigen Kampfwölfen ausgebildet werden, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass sie darauf abgerichtet sind, Feinde von Freunden zu unterscheiden. Wir wissen so wenig über die Estrilljahner und die Schneekrieger. Vielleicht haben sie ja Verbindungen zueinander, treiben miteinander Handel oder sind gar befreundet“, versuchte der Elf eine plausible Erklärung zu finden.
„Aber warum haben dann die Estrilljahner auf ihn geschossen? Selbst wenn sie mit den Schneekriegern überhaupt keine Verbindungen hätten, müssten sie als entfernte Verwandte von euch doch auch die Erzählungen über die Ijsvargs kennen?“
„Darauf weiß ich leider keine Antwort. Aber ich denke, dass ihr Hass auf die Narsokk-Wölfe so groß ist, dass sie jeden Wolf töten würden, egal ob dieser grau, schwarz oder weiß ist. Trotzdem glaube ich, dass sie dem Ijsvarg nichts tun wollten, bei dem Durcheinander und den vielen Pfeilen war es wohl eher ein Versehen als Absicht. Obwohl sie zwar mit uns entfernt verwandt sind, sind sie von ihrem Wesen doch völlig anders. Denk an die brutalen Trolle, die ja auch einmal Elfen waren. Das sanfte Wesen der Waldelfen wird seit Ewigkeiten von Generation zu Generation weitergegeben und gepflegt. Daher töten wir nur dann, wenn es unbedingt erforderlich ist und essen niemals Fleisch. Diese Sanftheit wirst du weder bei den Trollen noch bei den Estrilljahnern finden, denn ihr Leben ist von Gewalt geprägt.“
„Es gibt aber eine Ausnahme bei den Trollen, nämlich Orax. Wir haben ihm viel zu verdanken. Hätte er uns damals in der Höhle des grässlichen Feuerkopfes Furtrillorrh nicht befreit, hätte uns dieser Drache ganz sicher bestialisch ermordet. Kaum zu glauben, dass er Merthurillhs Bruder ist.“
„Du hast Recht, Adalbert. Wir stehen tief in Orax’ Schuld. Aber vergiss nicht, dass er ein Anführer der Trolle ist. Diesen Rang hat er sich ganz bestimmt nicht durch Nettigkeiten verdient. Trotzdem würde ich mein Leben für ihn geben.“
Als sich Jordill nun dem weißen Wolf zuwandte und zwei Schritte auf ihn zu ging, wich dieser unerwartet zurück.
„Es ist so, wie ich es bereits vermutet habe, der Ijsvarg ist wegen dir beziehungsweise wegen der Seele von Allturith hier.“
Jeder Elf hatte eine natürliche Verbundenheit zu Tieren, aber bei Jordill war es deutlich mehr, er empfand eine tiefe Zuneigung für sie. Von seinen Brüdern war er es, der die Tiere am meisten liebte und der sich auch am intensivsten mit Tork beschäftigt hatte.
Adalbert bedauerte, dass der Elf von dem Wolf zurückgewiesen worden war, und wollte versuchen, den weißen Riesen dazu zu bringen, sich von Jordill berühren zu lassen. Deshalb kniete er sich in den Schnee und streckte dem Schneewolf die offene Hand entgegen, um ihn vorsichtig anzulocken. Doch auch bei ihm reagierte der Wolf nicht so, wie er es erwartet hatte, sondern er drehte sich um und trottete in der gleichen Richtung davon, wie zuvor die fürchterlichen Narsokk-Wölfe, als ob ihm die beiden Zweibeiner völlig gleichgültig wären. Nun war auch Adalbert enttäuscht.
„Wenigstens hat er uns nicht böse angeknurrt oder uns gar angegriffen“, tröstete ihn der Elf. „Weißt du, der Wolf geht seinen eigenen Weg. Die Schneekrieger haben ihn so wild erzogen, damit er nicht zu zutraulich wird. Die Aufgabe der Ijsvargs ist schließlich die Jagd auf große Tiere und der Kampf gegen jegliche Feinde der Schneekrieger. In unseren Erzählungen sollen sie genauso mutig gegen Bären kämpfen wie gegen Trolle oder gar Drachen. Seinen unerschütterlichen Mut hast du ja vorhin selbst gesehen, als er sich fünf riesigen Narsokks entgegengestellt hat. Wir werden uns wohl damit begnügen müssen, dass wir ihn wenigstens vorhin, als du seine Wunden versorgt hast, kurz streicheln durften.“
„Ich glaube, dass wir ihn schon bald wiedersehen werden. Sollte er wirklich wegen Allturiths Seele hier gewesen sein, dann ist seine Aufgabe im Drachenland ja noch nicht erledigt.“
„Das glaube ich auch“, stimmte ihm Jordill zu.
Ohne weitere Worte packten sie ihre Habseligkeiten zusammen, traten noch einmal an die Stelle heran, an der Tork gestorben war, verabschiedeten sich mit dem Elfengruß von ihm und machten sich auf den weiteren Weg durchs unwegsame Eisgebirge, dem Kalten Finger entgegen.
Kapitel 7
Im Nasli Karillh
Die erste Nacht im Elfenwald brachte Erik einen tiefen und erholsamen Schlaf. Als er sich von seiner weichen Schlafstätte erhob und genüsslich seine müden Glieder reckte, kam es ihm beinahe so vor, als wären die Strapazen der letzten Tage in dieser herrlich ruhigen Nacht völlig von ihm abgefallen.
Als er am Vorabend nach dem köstlichen Abendessen, begleitet von den wohlklingenden Liedern der hübschen Elfenmädchen und vielen interessanten Gesprächen über ihre bisherige Reise und erste Einblicke in die Geschichte des Drachenlandes, endlich von der zierlichen Marilljah zu seiner Schlafstätte geführt worden war, war er todmüde auf die Schlafstätte gefallen. Dankbar für diese weiche Unterlage und die Tatsache, dass er sich das Bett nicht noch selbst vorbereiten musste, schlief er mit süßen Träumen von dem schönen Elfenmädchen ein.
Jetzt hatte er endlich die Gelegenheit, sich erst einmal in Ruhe in seiner gemütlichen Behausung umzusehen. In der Nacht war er dazu viel zu erschöpft gewesen. Das kreisrunde Gebäude bestand aus Lehm, den die Elfen am Mittensee abbauten und der mit besonderem Kieselsand aus dem Nordland vermischt wurde, damit er eine einzigartige Härte erreichte.
Die Wände waren von innen mit einem weißen Putz verziert, der am Übergang zu dem kegelförmigen Spitzdach mit kunstvollen Skulpturen geschmückt war. Als Erik genauer hinsah, erkannte er dort eine Gruppe von Elfen, die ihrerseits eingerahmt von den riesigen Bäumen des Nasli Karillhs und den verschiedensten Tieren des Drachenlandes waren. Er ging ein paar Schritte auf die Wand zu, um sich diese Figuren näher anzusehen. Da sie so wunderschön aussahen und irgendwie lebendig erschienen, verspürte Erik das Verlangen, sie einmal zu berühren. Doch zuvor fiel sein Blick noch auf einen ordentlich zusammengelegten Stapel von edler Kleidung, die auf einem kleinen Hocker lag. Er berührte den Stoff, prüfte diesen zwischen Zeigefinger und Daumen und war überrascht, wie angenehm sich diese Kleidung anfühlte.
„Wenn du möchtest, dann darfst du dir diese Gewänder gerne anziehen“, klang plötzlich eine männliche Stimme hinter ihm. Erschrocken drehte sich Erik herum und erkannte in der Türöffnung einen älteren Elfen, mit dem er sich bereits gestern Abend recht lange unterhalten hatte.
„Hier in Karsarillhmeg endet deine Reise erst einmal. Damit du dich bei uns so wohl wie irgend möglich fühlen kannst, hat unser weiser und weitsichtiger König Erithjull angeordnet, dir diese Kleidung bereitzulegen.“
„Guten Morgen, lieber Estrilljah“, begrüßte Erik den Elfen.
„Oh, du hast dir meinen Namen gemerkt. Das freut mich sehr. Ich habe die Ehre, in den nächsten Tagen dein Lehrer zu sein. Wir werden sehr viel Zeit miteinander verbringen, sodass ich dir viel beibringen kann. Nun zieh dich um und komm mit mir zum Frühstück, wo bereits dein Freund Rognagg auf dich wartet.“
„Freund ist vielleicht nicht ganz das richtige Wort“, bemerkte der Junge mit einem gehörigen Magengrummeln, als er sich an den wütenden und tobenden Zwerg erinnerte, dem er an der Drachenschule einen dummen Streich gespielt hatte, als er dessen ganzen Stolz, seinen Schnurrbart, abgeschnitten hatte.
„Er jedenfalls hat zu mir gesagt, dass er sich schon sehr auf dich freut. Nun zieh dich bitte um, ich werde vor der Tür auf dich warten.“
Genauso leise, wie er die Rundhütte betreten hatte, war der Elf auch schon wieder verschwunden.
„Oje, das kann ja was werden“, stöhnte Erik, während er nach den Kleidern griff.
Auf dem Weg zu dem großen Lehmhaus, wo sie bereits das Abendbrot eingenommen hatten, fragte Erik den Elfen nach den verschiedenen kunstvollen Figuren, die er in seiner Hütte am Übergang zum Dach gesehen hatte.
„Du hast dort nicht nur Elfen gesehen, sondern auch Pflanzen und Tiere. Wenn du dich in die Mitte der Hütte stellst und dich dann langsam im Kreis drehst, erkennst du den Lebenszyklus unseres Volkes. Dieser beginnt mit der Geburt als Elf, führt anschließend über die Wiedergeburt in ein Leben als Pflanze, gefolgt von einem Leben als Tier bis zur erneuten Geburt als Elf. Manchmal wechseln unsere Lebenswege auch und so können wir die Erfahrung als Tier noch vor der als Pflanze machen.“
„Wir Menschen leben nur einmal. Das ist irgendwie ungerecht, denn ihr lebt als Elfen ja nicht nur viel länger als wir, sondern auch noch viermal. Meine Mutter ist zwar davon überzeugt, dass sie früher schon einmal gelebt hat, aber ich glaube, dass das Quatsch ist.“
„Warum glaubst du denn deiner Mutter nicht? Wir Elfen würden niemals unsere Eltern in Frage stellen, denn sie haben viel mehr Erfahrung als wir, ihre Söhne und Töchter. Wenn deine Mutter das Gefühl hat, dass sie schon einmal gelebt hat, dann solltest du ihr glauben. Ich will damit nicht sagen, dass es damit unbedingt zu einer Tatsache wird, aber vielleicht hat sie in ihrem Leben etwas erlebt, dass sie daran glauben lässt, zuvor schon einmal gelebt zu haben. Es könnte natürlich auch sein, dass sie sich eine schützende Scheinwelt aufgebaut hat, um vielleicht mit irgendwelchen belastenden Erlebnissen oder schlimmen Träumen, die sie oft beschäftigen, besser in Einklang zu kommen. Wir denkenden Lebewesen sind in der Lage, Dinge aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Daher wird es nie nur eine einzige Wahrheit geben“, begann der Elf Estrilljah mit seiner ersten Lehrstunde.
***
Knut von Tronte war bereits lange vor Erik erwacht, als der neue Tag noch ganz jung war. Seine Nacht war jedoch nicht annähernd so erholsam gewesen wie die des frechen Jungen. Immer wieder hatte er wach auf dem für seinen Geschmack viel zu weichen Bett gelegen und sich mit Selbstvorwürfen und Ängsten um seinen Sohn Adalbert gequält. Als er dann erkannt hatte, dass er wohl doch nicht mehr einschlafen würde, stand er auf, zog sich seine Kleidung an und wanderte leise in dem Elfendorf umher, um den klaren Morgenduft zu atmen. Vielleicht wäre die frische Luft ja auch dazu in der Lage, seine dunklen Gedanken zu vertreiben.
„So früh schon auf den Beinen?“, klang unerwartet die melodische Stimme des Elfenkönigs Erithjull neben ihm aus dem Dämmerlicht.
„Ja, irgendwie konnte ich nicht mehr schlafen“, antwortete der Ritter. Er war erstaunt, dass er die Annäherung des Elfen nicht bemerkt hatte, und darüber, dass selbst der König des Elfenwaldes um diese frühe Stunde schlaflos herumlief.
„Ich vermute, uns plagen ähnliche Gedanken, wenngleich wir sie bisher aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet haben“, begann der König das Gespräch erneut. „Die Sorgen um unser geliebtes Drachenland, unsere verlorenen Freunde, Brüder und Söhne und das ungewisse Schicksal deines Jungen und unseres Freundes Adalbert rauben uns die nötige Ruhe, die wir zu finden hofften.“
„Du hast Recht. Natürlich mache ich mir Sorgen um meinen Sohn, aber ich habe in den letzten Tagen erfahren, dass er in der Gegenwart seiner neuen Freunde bisher treuen und guten Schutz erfahren hat. Trotzdem ist man als Vater natürlich ständig in Sorge um seine Kinder“, stimmte ihm der Ritter zu.
Der Elf schwieg einen Moment, bevor er damit begann, etwas mehr in die Tiefe zu bohren. „Ich spüre, dass das noch nicht alles ist, was dir den Schlaf raubt.“
Ritter Knut von Tronte war dieses Thema unangenehm, denn er hatte den Eindruck, von dem König ausgefragt zu werden. Daher hielt er sich mit seinen Antworten zurück. Der weise Elf bemerkte das unbehagliche Gefühl bei seinem Gegenüber und kam auf Adalbert zurück.
„Von deinem Sohn habe ich schon viel über dich und deine Beziehung zu ihm erfahren. Wenngleich ich die Drachenjagd aus meinem tiefsten Inneren verabscheue – entschuldige an dieser Stelle bitte meine schroffen und direkten Worte – hat es mich doch sehr gefreut, dass ihr so viel gemeinsam unternommen habt. Ich kann mir vorstellen, dass dir dein Sohn in den vergangenen Tagen sehr gefehlt hat.“
„Was heißt hier gefehlt? Ich habe mir nur Gedanken darüber gemacht, wo sich der Bengel die ganze Zeit über herumtreibt“, antwortete Knut von Tronte mit einem Unterton in der Stimme, der dem Elfen zeigte, dass er richtig vermutet hatte. Der stolze Ritter wollte nur nicht den Eindruck erwecken, dass er einen weichen, vielleicht sogar sentimentalen Kern unter seiner sonst so harten Schale hätte.
„Ich habe Adalbert bereits nach so kurzer Zeit tief in mein Herz geschlossen. Außerdem bin auch ich glücklicher Vater einer bezaubernden Tochter, die mich mühelos um ihren kleinen Finger zu wickeln versteht.“
Von Tronte sah dem erfahrenen König tief in die Augen und musste dann bei dem Gedanken schmunzeln, dass die liebliche Marilljah ihren stolzen Vater, der stets so unglaublich überlegen wirkte, mit ihren wunderschönen Mandelaugen umgarnte, bis dieser endlich schwach wurde.
„Wir Väter sind eben auch nur Elfen, beziehungsweise Menschen. Daher kann ich mich recht gut in deine Lage versetzen. Ich weiß, was in deinem Inneren vorgegangen sein muss, als du deinen Sohn nicht mehr auf eurem Hof angetroffen hast und auch noch erfahren musstest, dass Adalbert ausgerechnet mit fremden Elfen, Zwergen und gar Drachen unterwegs sei, zu denen du bis dahin noch nie Kontakt hattest und die du damals als deine Feinde betrachtet hast.“
Das zustimmende Nicken des mächtigen Ritters signalisierte Erithjull, dass er mit seiner Äußerung direkt ins Schwarze getroffen hatte.
„Warum habe ich mein bisheriges Leben nur damit verschwendet, Drachen zu jagen und zu erlegen? Warum habe ich mich nicht schon viel früher mit den anderen Völkern des Drachenlandes beschäftigt? Dann hätte ich bestimmt nicht so viel Schuld auf mich geladen. Den ehrenvollen Stand eines Ritters, der sich stets für das Wohl der Schwächeren einsetzen sollte, habe ich gar nicht verdient“, klangen die nachdenklichen Worte des einst so stolzen Mannes.
„Lieber Knut von Tronte, es liegt in der Natur eines jeden Individuums, ganz gleich, ob es sich dabei um einen Menschen, einen Zwerg, einen Troll oder einen Elfen handelt, immer zuerst an sich und sein eigenes Volk zu denken. Dafür ist unser Selbsterhaltungstrieb verantwortlich, ohne den wir nicht in der Lage wären, Familien zu gründen, für diese zu sorgen und sie selbst mit unserem Leben zu verteidigen.
Auch in meinem Volk gibt es viele Elfen, die sich sicherlich noch nie mit den anderen Völkern beschäftigt hätten, wenn sie dieses Wissen nicht durch unsere Schulen vermittelt bekommen hätten. Unter diesem Aspekt betrachten wir auch deine bisherigen Taten. Da du jetzt aber auf dem besten Weg bist, etwas weiter über deinen Horizont hinauszublicken, wird sich dein bisheriges Leben grundsätzlich verändern. Deine Entscheidungen von morgen werden nicht mehr die deiner Vergangenheit sein.
Natürlich dienten deine bisherigen Taten eher der Befriedigung deiner eigenen Rachsucht gegen die Drachen, die ja durch den Verlust deiner geliebten Frau bis zu einem gewissen Maße nachvollziehbar ist, als dem Wohl unserer geliebten Heimat. Aber trotzdem solltest du dir vor Augen halten, dass du damit auch eine entschlossene Tatkraft und einen bewundernswerten Mut bewiesen hast. Es gibt nicht viele, die so beherzt sind, sich einem ausgewachsenen, feuerspeienden Drachen entgegenzustellen. Außerdem warst du es, der nicht nur deinen Sohn, sondern auch Merthurillh vor seinem Bruder gerettet hat. Hättest du nicht so viel Erfahrung im Kampf gegen die Drachen sammeln können, wärst du nicht in der Lage gewesen, einem Drachen das Leben zu retten. Welch seltsame Ironie.“
„Eigentlich wollte ich nur meinen Sohn retten“, gestand der Ritter.
„Ich weiß, aber das Ergebnis ist es, das zählt. Hättest du Furtrillorrh mit deinem Katapultspeer nicht so schwer verletzt, dann hätte es schlimm für alle Beteiligten ausgehen können. Deine Erfahrung hat alle gerettet. Das ist übrigens nicht nur meine Meinung, so denken viele, auch der ehrwürdige Drachenrat. Behalte deinen ehrenvollen Rang als Ritter, denn mit deinen heutigen Taten und denen, die morgen folgen werden, machst du dem erhabenen Ritterstand wirklich große Ehre.“
Der Elfenkönig konnte in den strahlenden Augen des Ritters erkennen, welch positive Wirkung seine Worte auf Knut von Tronte hatten. Er klopfte Adalberts Vater freundschaftlich auf die Schulter und lud ihn ein, mit ihm das Morgenmahl einzunehmen.
Kapitel 8
Geänderte Pläne
Die ersten Worte, die Merthurillh sprach, als er endlich aus seinem erholsamen Heilschlaf erwachte, zeigten seine Besorgnis um seine beiden Söhne, den Drachen Allturith und seinen Adoptivsohn Adalbert.
„Adalbert geht es bestens“, beruhigte ihn die Heilerin Sintarillh. „Und solange es ihm gut geht, ruht auch die Seele unseres geliebten Freundes Allturith in Geborgenheit“, ergänzte sie mit einem traurigen Unterton.
„Wir vermissen ihn beide sehr“, erwiderte Merthurillh und rieb tröstend seinen mächtigen Kopf an ihrer Wange. Er wusste nur zu gut, wie eng die Bande der Freundschaft zwischen seinem Sohn Allturith und dieser Drachin waren. Seine Frau, die Kämpferin Zaralljah, vermutete sogar, dass die beiden heimlich ein Liebespaar gewesen waren, bevor Allturith starb.
„Gemeinsam mit Jordill und Tork ist Adalbert jetzt im Eisgebirge auf der Suche nach der Lorhdrachin Murwirtha“, wich Sintarillh vom Thema ab, bevor ihre Erinnerungen an den silbernen Drachen zu schmerzhaft wurden.
„Warum sind sie denn ohne mich aufgebrochen?“, fragte Merthurillh leicht enttäuscht.
„Weil du seit einigen Tagen im Heilschlaf lagst und erst in diesem Moment erwacht bist, lieber Freund. Nun freut sich mein Vater darauf, dich wieder im Rat zu begrüßen.“
Anschließend erzählte Sintarillh in kurzen Worten, was in den letzten Tagen geschehen war und welche Entscheidungen der Rat bereits getroffen hatte, ohne jedoch zu ausführlich zu werden, um ihrem Vater, dem Lorhdrachen Okoriath, nicht zu sehr vorwegzugreifen.
„Meine liebliche Sintarillh, ich bemerke, dass ich dir vor lauter Hunger kaum noch zuhören kann. Wenn ich vor deinen Vater trete, soll das nicht mit leerem Magen geschehen. Daher werde ich schnell zur Weide von Biggis Eltern hinüberfliegen und mich erst einmal richtig satt essen.“
„Aber denke daran, dass du deinen Appetit etwas kontrollierst, sonst verfällst du gleich wieder in einen mehrtägigen Verdauungsschlaf. Geschlafen hast du nun wirklich genug“, mahnte Sintarillh ihn mit einem frechen Grinsen.
„Keine Sorge, meine Heilerin, ich werde mir nur einen kleinen Appetithappen von der Weide holen. Außerdem kann ich dabei prüfen, wie gut meine Flügel genesen sind.“
Der goldene Drache drehte sich in Richtung der Höhlenöffnung und stürzte sich im nächsten Augenblick mit einem lauten Freudenschrei in die Tiefe.
***
Der Rat war an diesem Tag nur lückenhaft besetzt, denn die beiden Elfenkönige Trillahturth und Erithjull, der knurrige Zwerg Kronglogg und Adalbert, der sich seinen Platz zur Linken Merthurillhs redlich verdient hatte, waren mit wichtigen Aufgaben im Drachenland unterwegs. Außerdem klaffte noch die deutliche Lücke zwischen dem ersten Ratsritter Merthurillh und der Vertreterin des Hochgebirges, Lady Zaralljah. Diese Ratsloge, die in früheren Zeiten dem Vertreter der Drachen aus der ehemaligen Gemarkung des fernen Ostlandes zugestanden hatte, verdeutlichte besonders nachhaltig die Trennung und die daraus resultierende Spannung, die drohend über dem Drachenland lag.
Seit den dunklen Zeiten des schwarzen Druiden Rettfill, der einst das ganze Drachenland in Angst und Schrecken versetzt hatte, um es dann anschließend in einen fürchterlichen Krieg zu stürzen, wurden keine Abgesandten aus dem Ostland mehr in den Rat geschickt. In diesem Krieg war es in vielen Schlachten zu unzähligen Opfern auf allen Seiten gekommen.
Natürlich sah auch Rettfills Nachfolger, der hinterlistige und bösartige Druide Snordas, keinerlei Veranlassung dazu, mit dieser traurigen Tradition der Spaltung des Drachenlandes zu brechen und einen Gesandten zum Drachenrat zu beordern. Wen hätte er auch dorthin schicken sollen? Etwa einen dieser fürchterlich verstümmelten Feuerköpfe, die allein durch den Anblick ihrer scheußlich versengten Drachenschädel bereits Schrecken selbst über hartgesottene Krieger verbreiteten?
Nein, dieser Druide sah keinerlei Veranlassung, sich mit einem Abgesandten dem Drachenrat anzuschließen, der sich, ganz im Gegenteil zu seinen eigenen Plänen, dem Wohl des ganzen Landes verpflichtet hatte. Snordas hatte seine eigenen Pläne für die Zukunft und diese waren düster und böse.
So traf Merthurillh an diesem Tag nur auf wenige Mitglieder des Rates.
„Ich hoffe doch sehr, dass mein Erster Ritter besonders gut geruht und nicht zu üppig gespeist hat“, begrüßte der Lorhdrache Merthurillh freundlich.
„Oh ja, ich habe hervorragend geruht und einen leckeren Happen zu mir genommen. Meine Kräfte sind zurück und ich kann wieder fliegen, wie der junge Drachengott Wargos selbst. Ich spüre seine Kraft in meinen Gliedern und freue mich auf neue, spannende Abenteuer“, antwortete der Erste Ritter.
„Wir sollten mit diesem fürchterlichen Schmus aufhören und uns den wirklich wichtigen Aufgaben zuwenden, die noch vor uns liegen“, warf der alte Haudegen Rostorrh in die Runde.
„Diese schroffen Worte sind mal wieder typisch für unseren treuen Gefährten, der kein Freund von langen Reden ist. Aber auch ich schließe mich im Kern seiner Aussage an, denn ich befürchte, dass uns langsam die Zeit zwischen den Krallen verrinnt“, wurde der narbenübersäte Ritter von Lady Coralljah unterstützt.
So kam es, dass Merthurillh schnell über die Geschehnisse informiert wurde, von denen er bereits in Kurzform unmittelbar nach seinem Erwachen von Sintarillh erfahren hatte, bis schließlich die offene Frage in der Ratshöhle stand, was nun als Nächstes unternommen werden sollte.
Der Lorhdrache Okoriath hatte seine Rede damit beendet, dass er allen Anwesenden die Zwickmühle aufzeigte, in der sie sich zurzeit befanden.
Einerseits stand natürlich die Suche nach dem seelenlosen Drachen im Vordergrund, um Merthurillhs Sohn Allturith zu retten. Selbstverständlich gab es niemanden an der ganzen Drachenschule, der es sich nicht inständig wünschte, dass der lebensfrohe Allturith wieder zurückkommen möge, doch bei vielen drang dabei noch eine weitere unterschwellige Hoffnung immer mehr in den Vordergrund. Jeder wusste, dass durch die Übertagung der Seele ein unbeschreiblich mächtiger Drache geboren werden würde, der gerade in der jetzigen Zeit so dringend von Nöten war. So wurde die Suche nach diesem seelenlosen Drachen zunehmend bedeutender und der Lorhdrache erhob sie zur wichtigsten aller Aufgaben. Um dabei möglichst effizient vorzugehen, bildete der Rat in dieser Besprechung drei wesentliche Teilaufgaben.
Bei der ersten Aufgabe, der Suche nach der verschollenen Lorhdrachin Murwirtha im Eisgebirge, um die geheime Formel für die Seelenübertragung zu erfahren, musste Adalbert so gut wie möglich unterstützt werden.
Selbstverständlich wollten Merthurillh und Zaralljah dieser Aufgabe zugeordnet werden, doch der Rat konnte die Eltern von Allturith davon überzeugen, dass der Jungritter Torgorix und der Junker Tomporillh für diese Aufgabe völlig ausreichen würden. Außerdem wurde Adalbert ja auch durch den Elfen Jordill und den Keiler Tork unterstützt, von dessen traurigem Ende an der Schule zu diesem Zeitpunkt noch nichts bekannt war.
Die zweite Teilaufgabe bestand in der eigentlichen Suche nach dem seelenlosen Drachen selbst. Hier sollten die Erfahrungen der beiden Dracheneltern eingesetzt werden. Lady Coralljah, selbst Mutter, hatte es treffend formuliert, als sie meinte, dass niemand einen größeren Willen haben könnte, den rettenden Drachen zu finden, als die Eltern der Drachenseele, die möglicherweise bald sterben würde, wenn ihre Suche nicht von Erfolg gekrönt werden würde.
Die dritte Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, alle Schriften, Urkunden und Aufzeichnungen genau nach jeglichen Informationen zu durchsuchen, die entweder auf den unbekannten Aufenthalt der Lorhdrachin Murwirtha, den des seelenlosen Drachen oder die verschwundene Formel hinweisen könnten. Da sich der Chronist Olstaff bereits seit einigen Tagen mit nichts anderem beschäftigte, als mit eben dieser Suche, sollte er es auch sein, der alle Informationen sammelte. Dabei sollte er von allen Mitgliedern des Rates tatkräftig unterstützt werden. So hoffte Okoriath, dass in Kürze jeder Bewohner des Drachenlandes, abgesehen von den Verbündeten Snordas’, zu der Suche beitragen würde.
Die so gewonnenen Informationen sollten dann beim Chronisten zusammenlaufen und dort von diesem, der kundigen Lady Coralljah und dem weitsichtigen Lorhdrachen selbst gesichtet werden.
Sobald sie davon überzeugt wären, eine halbwegs brauchbare Spur gefunden zu haben, sollte Okoriaths Tochter Sintarillh dann als Botin zu Merthurillh und Zaralljah fliegen, damit die beiden der Spur nachgehen konnten.
Doch es gab noch weitere, nicht minder wichtige Aufgaben, die nicht vernachlässigt werden durften. Neue „alte“ Verbündete wie die Zwerge des Hochlandes und die Menschen mussten gesucht, gefunden und davon überzeugt werden, dass auch sie sich auf den bevorstehenden Krieg vorbereiten mussten.
Auch bei dieser heiklen Aufgabe würden Knut von Tronte, Kronglogg und Trulljah über jegliche Hilfe dankbar sein, die ihnen zukommen würde. Das Zwergenvolk alleine war schon eine harte Nuss, die es zu knacken galt, aber die Menschen würden noch wesentlich schwieriger zu einer Vereinigung zu überreden, geschweige denn davon zu überzeugen sein. Sie lebten in ihrer eigenen Welt und wollten von Zwergen, Elfen und Drachen nichts wissen. Das beste Beispiel dafür war Adalberts Vater, der ehemalige Drachenjäger, gewesen.
Doch dieser war durch die Verkettung seines eigenen Sohnes mit diesen für ihn bis dato feindlich gesinnten Wesen leichter zu überzeugen gewesen, als es der König Ekleweif von Kronenberg sein würde, der in scheinbarer Ruhe und Sicherheit auf seiner Burg in der gleichnamigen Hauptstadt Kronenberg lebte. Noch wesentlich schwieriger würde es bei der einfachen Landbevölkerung werden.
Und nicht zuletzt war es auch sehr wichtig und notwendig, die Grenzen zum Ostland zu überwachen und zu sichern. Auch dabei waren wieder die Menschen das Hauptproblem, denn solange sie sich nicht mit dem Drachenrat und den Völkern der Elfen verbündeten, wäre die östliche Flanke, südlich des Kaltfließers, völlig ungeschützt.
Das wachsame Elfenvolk der Grenzgänger beobachtete bereits seit Generationen das Treiben des räuberischen Ostvolkes und wäre vom Elfenkönig Trillahturth sicherlich leicht zu einer Allianz zu überreden, zumal der Anführer der Ratswache Wortrillh selbst ein Elf der Grenzgänger und durch seine stetige Anwesenheit bei den Ratsversammlungen in alle Geschehnisse mit einbezogen worden war.
„Noch nie zuvor mussten wir unsere Kräfte so sehr zerreißen. Natürlich sehe auch ich die dringende Notwendigkeit, an mehreren Schauplätzen parallel zu wirken, aber wenn sich nur mehr von uns diesen Aufgaben widmen könnten, würde mich das deutlich beruhigen. Wie sehr sehne ich mir in diesem Moment meine Kameraden Rorgath und Fantigorth mit seinem Elfenreiter Timbarill an unsere Seite. Mit ihrer mächtigen Unterstützung und Wargos’ Wohlgefallen sähe die Sache schon ganz anders aus“, sprach Rostorrh allen aus der Seele.
Der Lorhdrache nutzte den Gedanken seines erfahrenen Kämpfers und bat alle Anwesenden, kurz der zu Wargos aufgestiegenen Drachen und aller verstorbenen Freunde zu gedenken, bevor er diese Ratsversammlung mit der Mahnung auflöste, dass jeder Einzelne sehr gewissenhaft seiner Aufgabe nachkommen möge.
Wortrillh und Rostorrh machten sich auf den Weg an die östlichen Ausläufer des Trasli Karillhs, um den Kontakt zu den Grenzgängern aufzubauen. Rostorrh wollte jedoch nicht darauf warten, bis der Elf endlich quer durch das Drachenland von West nach Ost gelaufen war und flog auf direktem Wege zum Zwergenhain, um dort mit seinen geplanten Patrouillenflügen zu beginnen.
„Es kann nicht schaden, wenn Snordas sieht, dass wir nicht tatenlos herumstehen und abwarten, was er mal wieder im Schilde führt. Auf diese Weise werden sich seine Kundschafter und diese ehrlosen Feuerköpfe nicht zu sehr unseren Grenzen nähern“, meinte er voller Tatendrang und Vorfreude auf das eine oder andere Gefecht. Seine Aufgabe als Taktiklehrer war zwar sehr ehrenvoll und er konnte durch seine reichen Erfahrungen viel vermitteln, doch in seinem tiefsten Inneren war er eben ein echter Haudegen, der keinem Streit aus dem Wege ging.
„Sieh dich bitte vor meinem Bruder Furtrillorrh vor. Er wurde zwar durch den Katapultspeer von Adalberts Vater schwer verletzt, aber ich habe kurz zuvor seine riesigen Kräfte zu spüren bekommen. Er ist viel mächtiger als je zuvor“, warnte Merthurillh seinen alten Freund.
„Willst du damit etwa sagen, dass ich es nicht mit diesem Missgriff der Natur, der selbst eure Mutter angegriffen hat, aufnehmen könnte?“, fragte Rostorrh verärgert.
„Das wollte ich so nicht sagen, aber dein Wohl liegt mir sehr am Herzen, mein alter Kamerad“, beruhigte ihn Merthurillh.
„Schon wieder dieser sentimentale Schmus. Lasst endlich unseren vielen Worten Taten folgen“, forderte der alte Kämpfer und drehte sich dem Ausgang zu, nachdem der Lorhdrache mit einem zustimmenden Nicken die Ratsrunde aufgelöst hatte.
Merthurillh und Zaralljah flogen nur wenige Augenblicke später in südöstlicher Richtung davon. Sie wollten vorerst nur bis zum Elfenwald fliegen und erst bei der hereinbrechenden Nacht in Richtung Riffkoop weiterreisen, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen. In Riffkoop selbst waren sie dann mit dem Elfenkönig Erithjull und Maradill verabredet, die bereits auf dem Weg in die Piratenstadt sein mussten.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Zaralljah endlich die traurige Stille, die sie beide zu trennen schien, durchbrach.
„Ob wir unseren geliebten Sohn je wiedersehen werden? Ich kann mir ein Leben ohne ihn gar nicht vorstellen. Sollten wir es nicht schaffen, zumindest seine Seele zu retten, dann hat mein Leben keinen Sinn mehr“, stellte sie traurig fest.
„Wir werden ihn wieder zurückbekommen, wenngleich er sich durch die Übertragung seiner Seele auf einen anderen Drachen nicht nur äußerlich stark verändern wird. Trotzdem wird es unser Allturith sein. Ich verspreche dir, dass ich mein Leben dafür einsetzen werde, dass wir wieder mit unserem Sohn zusammen sein können. Nichts wird mich von dieser Mission abhalten können. Ich bringe uns unseren Jungen zurück, das schwöre ich dir.“
Mit diesen markigen Worten wollte Merthurillh nicht nur die Verlustängste von Zaralljah unterdrücken, sondern auch seine eigenen.
„Ich habe dich seit deinem Erwachen aus dem Heilschlaf noch gar nicht über Adalbert reden hören“, stellte Zaralljah etwas später fest, „haben sich deine Gefühle für ihn verändert?“
„Nein, das ist es nicht“, antwortete Merthurillh, „es fällt mir im Moment nur schwer, meine Gefühle ihm gegenüber zu ordnen. Du weißt, dass ich diesen Menschenknaben tief in mein Herz geschlossen habe. Ich bezeichne ihn nicht nur als Sohn, irgendwie ist er das auch geworden. Dabei wird er natürlich nie den Platz von Allturith einnehmen können, aber spätestens seit dem Moment, als ich erfuhr, dass er zum Seelenträger unseres Sohnes geworden ist, habe ich ihn als mein zweites Kind angenommen.“
„Das verstehe ich gut, mein lieber Merthurillh, aber was ist es dann, was dich beschäftigt?“, fragte Zaralljah nach.
„Ich bin mir über die Gefühle nicht sicher, die ich haben werde, wenn die Seelenrettung erfolgreich war. Werde ich mich dann ausschließlich um unseren wiedergeborenen Sohn kümmern und Adalbert vernachlässigen? Das würde ihn bestimmt sehr enttäuschen. Was werde ich aber empfinden, wenn der schlimmste Moment kommen sollte und wir Allturiths Seele verlieren. Kann ich dann überhaupt noch irgendetwas für Adalbert empfinden? Sind meine Gedanken nicht fürchterlich?“, wollte er wissen.
„Ich bin sehr überrascht, ausgerechnet von dir solche Zweifel zu vernehmen. Bist es sonst nicht immer du, der stets davon redet, dass man die Dinge auf sich zukommen lassen und sich vor der Zukunft nicht sorgen soll? Ich bin davon überzeugt, dass du ganz beruhigt sein kannst. Ich kenne dich nun schon so viele Jahre und habe dich stets für deine Weisheit und Gerechtigkeit bewundert. Zu dir habe ich schon immer aufgeschaut. Du bist für mich der prächtigste Drache, den das Drachenland je gesehen hat. Adalbert wird von dir stets die Liebe erfahren, die er sich so redlich verdient hat. Und solltest du das doch einmal vergessen, kannst du dich darauf verlassen, dass ich dich schon daran erinnern werde, unsere beiden Söhne gleichzubehandeln.“
Merthurillh sah seine Frau lange und sehr nachdenklich an, fast so, als wenn er sie zum ersten Mal sehen würde.
„Deine Worte klingen wundervoll, meine geliebte Frau. Fast hätte ich vergessen, wie bezaubernd du bist. Der Funke zwischen uns scheint ja noch nicht völlig erloschen zu sein!“
„Ganz und gar nicht, mein Held!“
***
Adalbert und Jordill kletterten schon seit einiger Zeit auf den ständig steiler werdenden Eisklippen, ohne viel zu sprechen. Die vergangenen Erlebnisse, ganz besonders der tragische Tod von Tork, beschäftigten sie zu sehr.
Noch lag der Gipfel des Eisgebirges in dichtem Nebel. Jedes Mal, wenn Adalbert nach oben sah, um sich zu orientieren, erschien ihm diese nebulöse Welt hoch über ihnen wie eine verschwommene Geisterwelt. Was mochte sie wohl dort erwarten? Welche Gefahren würden sich dort versteckt halten, die nur auf den richtigen Moment warteten, um plötzlich zuzuschlagen?
Da erklang hoch über ihrem Rücken der Schrei eines Adlers. Als Adalbert sich umsah, erkannte er den königlichen Vogel sofort wieder.
„Das ist der Adler, der laut aufschrie, als ich am Krähenpass abstürzte. Ich glaube fast, er folgt mir“, staunte er.
„Dich umgibt eine ganz besondere Aura, mein lieber Freund. Bist du dir eigentlich im Klaren darüber, wie einzigartig du bist? Ich habe von Anfang an daran geglaubt, dass du der Erwartete bist, daher habe ich mich auch darum gerissen, dich bei deinen Abenteuern begleiten zu dürfen. Aber selbst wenn ich bis jetzt noch nicht daran geglaubt hätte, spätestens seit dem seltsamen Erscheinen des Ijsvargs und dieses Adlers hier könnte ich nicht mehr an deiner Bestimmung zweifeln.“
Da waren sie wieder, die Zweifel, die tief in Adalberts Brust nagten, ob er wirklich dieser Erwartete sein konnte und, wenn er es tatsächlich wäre, ob er den Aufgaben gewachsen wäre, die vor ihm liegen würden. Doch seit seinem letzten Gespräch mit Merthurillh wollte er diese Zweifel sofort im Keim ersticken, sobald sie aufzusteigen drohten. So auch jetzt. Adalbert konzentrierte sich schnell auf den weißen Wolf, der ihm das Leben gerettet hatte, und schon waren seine Zweifel wie von Zauberhand verschwunden.
Erfreut darüber, dass diese Ablenkungstaktik so gut und vor allem so schnell funktionierte, wollte er Jordill gerne von dem erzählen, war er unmittelbar vor dem Angriff der untoten Narsokk-Wölfe geträumt hatte.
„Jordill, ich hatte gestern einen komischen Traum, in dem Tork eine wichtige Rolle spielte. Ich weiß nicht, wie ich es richtig beschreiben soll, aber irgendwie denke ich, dass er absichtlich in meinem Traum erschienen ist. Ich möchte aber auch nicht taktlos erscheinen, wenn ich jetzt von unserem Freund erzähle, obwohl er erst vor kurzem gestorben ist“, zögerte Adalbert, der Jordills Trauer in jeder Faser seines eigenen Körpers spürte.
„Wir trauern lange und vergessen nie, nehmen aber trotzdem schnell Abschied. Torkdill wird uns für immer begleiten, denn selbst in vielen Generationen werden unsere Kindeskinder und deren Kinder noch von seinen Taten hören.“
„Das erinnert mich an das, was mir Orax erzählte, nachdem dein Bruder Trulljah seinen hinterlistigen Bruder töten musste. Auch die Trolle besingen ihre Toten für viele Generationen. Wie könnt ihr euch bloß all diese Namen von euren Vorfahren merken, die ihr nie gesehen habt?“, fragte Adalbert staunend.
„Das ist gar nicht so schwer, wie es auf den ersten Moment erscheint. Wir hören ja nicht nur die Namen, sondern auch die Geschichten, die dazugehören. Diese werden uns schon im Kindesalter von unseren Eltern und Großeltern möglichst spannend erzählt. Dadurch werden sie für uns Kinder so interessant, dass sie leicht zu behalten sind. Du kennst doch auch deine Eltern, deine Großeltern und deren Eltern, oder?“, fragte Jordill.
„Ich weiß nicht viel von meiner Mutter. Wer ihre Eltern waren, habe ich nie erfahren. Von den Eltern meines Vaters weiß ich nur, dass mein Großvater auch ein Drachenjäger war. Er wurde bei seiner Arbeit von einem Drachen zerrissen.“
„Das tut mir wirklich leid, denn das ist wahrlich nicht viel. Wir alle brauchen unsere Vorfahren, um zu wissen, woher wir kommen und wo unsere Wurzeln sind. Wir Elfen schöpfen aus dem Bewusstsein unserer Vorfahren seelische Kraft und manchmal auch Trost, wenn wir von den Unsrigen lange getrennt sind. Wenn du möchtest, können wir uns später einmal darum kümmern, mehr über deine Ahnen herauszufinden. Ich würde dir dabei sehr gerne behilflich sein. Der Erwartete des ganzen Drachenlandes braucht doch schließlich eine eigene Ahnenhistorie! Doch ganz so schlimm steht es um dich nicht, denn du hast ja nicht nur die Familie deines Vaters und deiner Mutter.“
„Das verstehe ich nicht. Man hat doch immer nur die Familien seiner Eltern“, fragte Adalbert verwirrt.
„Normalerweise schon. Aber in deinem besonderen Fall sieht die Realität anders aus. Durch deine heilige Aufgabe als Seelenträger wirst du, sobald die Seelenübertragung abgeschlossen ist, bis zu deinem Tod mit Allturith und dem seelenlosen Drachen, von dem wir annehmen, dass es sich um den sagenumwobenen Rorgath handelt, verbunden sein. Du bist dann zu gleichen Teilen ein Familienmitglied dieser beiden Drachen. Dann wirst du eine Menge zu lernen haben, denn sowohl Merthurillhs als auch Zaralljahs Stammbäume sind sehr interessant. Doch diese Familienchroniken sind noch nichts gegen das, was dich bei den Brüdern Rorgath und Fantigorth erwartet. Ihre Vorfahren reichen direkt bis zum Drachengott Wargos zurück!“
Adalbert wurde ganz schwindelig bei der Vorstellung, dass er das alles lernen sollte.
„Mach dir darüber keine Sorgen. Nahezu die ganze Geschichte des Drachenlandes ist mit den Vorfahren Rorgaths verbunden. Du brauchst also nur etwas mehr über die Geschichte zu lernen und schon reihen sich die Namen aller Vorfahren wie wunderbare Perlen an einer unsichtbaren Kette auf“, ermutigte der Elf Adalbert.
„Jetzt ist mir ganz schlecht!“, stöhnte der junge Anführer und ließ sich auf einen Felsen sacken, der unter dem dicken Eis hervorschaute.
„Ich brauche nur die gesamte Geschichte des Drachenlandes zu lernen“, wiederholte er seufzend „und schon sehe ich Tausende von Drachennamen, die ich kaum auszusprechen in der Lage bin, wie eine blöde Perlenkette vor mir?“
Jordill sah in an und lachte plötzlich laut auf.
„Was ist denn jetzt so lustig?“, brummelte Adalbert.
„Du müsstest dich sehen. Der unerschrockene Kämpfer und Anführer, den ich in dir kennengelernt habe, der schon mutig gegen hässliche Trolle und grässliche Feuerköpfe gekämpft hat, sitzt hier wie ein trauriges Häufchen Elend und ängstigt sich davor, ein paar Namen zu lernen. Das ist wirklich komisch!“
Es dauerte nur einen kurzen Augenblick, bis sich auch Adalberts Miene verzog und er herzhaft mitlachte.
„Es tut der trauernden Seele richtig gut, wieder lachen zu können“, meinte Jordill, als sie sich etwas beruhigt hatten.
„Doch du wolltest mir ja eigentlich etwas über den Traum von Tork erzählen, bevor ich dir deine schillernde Zukunft vorhergesagt habe“, fragte der Elf dann neugierig nach.
Adalbert reagierte nicht sofort, sondern beobachtete zuerst, wie der riesige Eisadler hinter einem Bergrücken verschwand, stand dann auf und setzte zusammen mit Jordill nachdenklich seinen beschwerlichen Aufstieg zu den eigenartigen Geisterwolken fort, bevor er endlich antwortete.
„Kurz vor unserem schrecklichen Erwachen träumte ich genau das, was nur wenige Augenblicke zuvor tatsächlich passiert war. Ich musste regungslos zusehen, wie Tork von wilden Bestien, die ich aber nicht richtig erkannte, zerrissen wurde. In diesem grässlichen Traum röchelte mir der arme Tork noch im Sterbenskampf zu, dass er mich jetzt verlassen müsse und ich treu meinen Weg weitergehen sollte. Das alleine ist schon seltsam, aber da war noch etwas anderes, das er mir mitteilte. Im Traum konnte ich es aber nicht richtig verstehen, weil seine Worte immer leiser wurden. Erst später, als dieser fletschende Narsokk drohend über mir stand, kamen die Worte Torks endlich deutlich zu mir durch, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits tot war. Ist das nicht seltsam?“
Diesmal war es der Elf, der eine ganze Weile schweigend neben seinem Weggefährten herlief.
„Tork hat nie zu mir oder einem meiner Brüder gesprochen. Wir konnten uns immer nur mit Gefühlen oder Emotionen verständigen, obwohl ich oft davon überzeugt war, dass er jedes Wort von uns genau verstehen konnte“, begann Jordill.
„Das verstehe ich jetzt nicht. Ich dachte, dass diejenigen von euch, die die Schlussmetamorphose, also den Kreislauf von Elf über Pflanze, über Tier bis zurück in den Elfenkörper abgeschlossen haben, genau wissen müssten, ob sie die anderen in den einzelnen Phasen des Wechselkreislaufs verstanden haben“, fragte Adalbert etwas verdutzt.
„Nein, so ist das leider nicht. Nach der letzten Metamorphose können wir uns nur an vage Empfindungen und Emotionen unserer früheren Leben als Tier oder Pflanze erinnern, aber bedauerlicherweise an keine Einzelheiten. Lediglich das erste Leben als Elf ist uns noch so in Erinnerung, als wenn wir erst gestern unseren Wechsel erlebt hätten. Daher können wir nicht mit Bestimmtheit wissen, was wir in den Zwischenleben tatsächlich von unserer Umwelt und den anderen Lebewesen mitbekommen.
Soweit ich weiß, hat es noch nie zuvor einen direkten Gedankenaustausch zwischen einem Wandler und einem Elfen oder gar einem Menschen gegeben. Das ist etwas Einzigartiges und daher von ganz besonderem Wert.
Aber wie schon gesagt, ich war immer davon überzeugt, dass mich Tork verstehen konnte. Nun lieferst du mir dafür den Beweis. Ich bedaure es nur, dass er nicht mit mir auf diese Weise in Verbindung treten konnte wie mit dir. Ich beneide dich um diese seltene Gabe, die du besitzt.“
Jordills Worte klangen traurig, aber keinesfalls neidisch.
Kurz darauf drängelte er: „Nun spann mich nicht länger auf die Folter, sondern sage mir endlich, was er dir mitgeteilt hat. Was waren seine letzten Worte? Sie könnten vielleicht wichtig für uns und unser weiteres Vorhaben sein!“
„In dem Moment, als ich dachte, dass mich der untote Wolf gleich zerfetzen würde, drangen Torks letzte Worte so klar zu mir hindurch, wie unser Gespräch in diesem Moment“, begann sich Adalbert an die letzten Worte des Keilers zu erinnern. „Er sagte Folgendes: Ich werde leider nicht mehr an deiner Seite sein können, um dich zu beschützen. Meine Reise endet hier, noch bevor ich die Ehre der Schlussmetamorphose erlangen werde. Ich möchte dich bitten, meinem geliebten Volk den Abschiedsgruß zu überbringen und sage meinen drei Neffen, dass ich sehr stolz auf sie bin und sie sehr liebe.“
Adalbert musste kurz innehalten, so sehr bewegte ihn die Erinnerung an Torks letzte Worte. Jordill schossen Tränen aus den Augen und liefen leise über seine markanten Wangenknochen und an seinem Kinn hinunter. Mit einer Handbewegung forderte er Adalbert auf, fortzufahren.
„Die Lorhdrachin Murwirtha kann manchmal sehr launisch und unfreundlich erscheinen. Habe einfach etwas Geduld und bestell ihr einen lieben Gruß von mir, dann wirst du ihre volle Aufmerksamkeit bekommen, denn wir kannten uns einst gut.
Ich möchte dir noch einen weiteren Tipp geben. Deinen Geistdrachen wirst du nicht hier im Eisgebirge, sondern nur in der geheimen Adlerhöhle finden, wenn du dich … hier endeten die Worte aus meinem Traum, die ich erst später verstand, und ich erwachte mit dem Blick in diese schrecklichen, wässrig blauen toten Augen des Narsokk-Wolfs“, beendete Adalbert seine Erzählung.
„Mein Onkel kannte die edle Lorhdrachin!“, wunderte sich Jordill. Er hatte sich wieder etwas gefangen und weinte nicht mehr. Plötzlich schien ihm etwas einzufallen, was bisher tief verborgen gewesen war. „Wie konnte ich das bloß vergessen, mein Onkel Torkdill war früher ja auch ein Mitglied des Drachenrates! Wie ich aus dem entnehme, was er dir im Traum erzählt hat, stand er der ehrenwerten Lorhdrachin Murwirtha irgendwie nahe, warum sonst hätte er dir gesagt, dass du sie von ihm grüßen sollst? Wie tragisch, dass Tork nicht mehr dazu kam, dir den genauen Ort zu nennen, wo sich diese geheime Adlerhöhle befindet.“
Erneut schweigend stiegen sie der einbrechenden Nacht entgegen.
Kapitel 9
Der große Weiße
Kronglogg machte sich große Sorgen um Adalbert, der die tückischen Gefahren des Eisgebirges nicht kannte. Der Zwerg wollte nur so schnell wie möglich zu seinem Freund aufbrechen, um ihm mit seinen einzigartigen Ortskenntnissen zur Seite zu stehen.
Die seelische Verletzung, die er durch den ungewollten Ritt auf dem Drachenrücken davongetragen hatte, ließ ihm ebenfalls keine Ruhe. Selbst die versöhnlichen Worte des Elfenkönigs Erithjull konnten daran kaum etwas ändern. Sicherlich hatte der Zwerg verstanden, dass er es wohl nicht mehr rechtzeitig zu den Elfenheilern geschafft hätte, hätten ihn seine Freunde Merthurillh und Adalbert nicht mit einer frechen List überrumpelt, aber sein Zwergenstolz konnte nicht mit dem Wissen umgehen, von einem Drachen getragen worden zu sein. Es ärgerte ihn selbst am meisten, dass er hier nicht über seinen Schatten springen konnte, aber von Kindesbeinen an hatte man ihm eingetrichtert, dass sich ein gesunder Zwerg niemals tragen ließ. Doch an diesem Punkt konnte der Elfenkönig etwas Einsicht erzielen, denn Kronglogg war ja kein gesunder Zwerg gewesen.
„Du musst deinen treuen Freunden ihre List verzeihen, denn ohne sie wärst du bereits an der Tafel des großen Axtschwingers“, sprach der König gerade.
„Was wäre daran so schlimm? Es gibt nichts Ehrenvolleres für einen ordentlichen Zwerg, als nach einem heldenhaften Kampf in die heiligen Zwergenstollen einzufahren und an der weiten Tafel des großen Axtschwingers seinen Platz einnehmen zu dürfen“, antwortete ihm der Zwerg knurrig.
„Wäre dir dein Tod also lieber gewesen, als mit deinen treuen Weggefährten und Freunden weitere Abenteuer erleben zu dürfen, von denen noch künftige Zwergengenerationen ihren Kindern erzählen werden?“
„Alles papperlapapp! Ich bin kein kleiner Zwerg mehr, dem man mit solchen Reden kommen muss“, unterbrach ihn Kronglogg mürrisch.
Erithjull schmunzelte heimlich, denn er kannte seinen Freund nur zu gut. Einerseits wusste Kronglogg, das ihn seine Freunde vor dem sicheren und äußerst schmerzhaften Tod bewahrt hatten, doch andererseits konnte oder wollte er noch etwas mit seinem Schicksal hadern. So war er eben.
„Deine Erfahrung und deine Weitsicht werden dringend am Hof in Kronenberg benötigt“, erwiderte der Elfenkönig.
„Was bitte soll ich denn bei diesem ignoranten Menschenkönig Ekleweif? Der denkt doch nur an sich und macht keinen Hehl daraus, dass er jeden Zwerg, jeden Elfen und alle Drachen hasst. Ihn interessiert doch nur, wie er noch mehr Steuern aus seinen Untertanen herauspressen kann, um sich seinen kostspieligen Lebensstil leisten zu können. Ekleweif schert sich nicht im Geringsten um das Wohl des Drachenlandes. Jede Bemühung, mit ihm zu reden, ist bereits im Vorfeld zum völligen Scheitern verurteilt!“, protestierte Kronglogg, der die Einsamkeit des Eisgebirges dem überlaufenen und hektischen Hofleben in Kronenberg vorgezogen hätte.
„Ich stimme dir zu, König Ekleweif ist nicht die beste Wahl für unser Land. Aber trotzdem ist dieser Besuch enorm wichtig, denn ohne die Unterstützung der Menschen werden wir im Ernstfall nicht viel gegen Snordas’ Horden ausrichten können. Außerdem ist kein Gespräch jemals überflüssig, denn man weiß nie, welche Ohren für das eigene Anliegen offen stehen“, schloss Erithjull seine Rede.
„Denkst du dabei etwa an Ekleweifs jüngeren Bruder Norman? Das ist doch noch ein völliger Grünschnabel, auf den wir nicht zählen brauchen. Auch die Königsmutter, die ehrenwerte Lady Kassandra, hat schon lange nicht mehr die Macht, die sie früher einmal hatte“, gab Kronglogg zu bedenken.
„Wir wissen natürlich nicht, wer uns tatsächlich zuhören wird, aber am Hof in Kronenberg gibt es auch noch eine Menge ehrenhafter Ritter und viele tüchtige Kaufleute, die nicht immer mit den Entscheidungen ihres Königs einverstanden sind. Ich möchte natürlich nicht, dass wir dort am Hof Zwietracht säen, aber wir sollten den Menschen von unseren Erlebnissen der letzten Zeit berichten und ihnen unsere Einschätzung der momentanen Lage nicht vorenthalten.“
Kronglogg dachte über die Worte des Königs nach, zwirbelte nachdenklich an seinen buschigen Augenbrauen und stimmte Erithjull schließlich mit einem Kopfnicken zu.
***
„Hörst du ihn schon?“, fragte Jordill Adalbert, als sie gerade ihr karges Abendmahl einnahmen.
„Wen soll ich hören?“, wollte Adalbert überrascht wissen.
„Da kommt unser lieber Torgorix. Wenn du dich ganz stark auf den Flügelschlag konzentrierst, kannst du irgendwann alle Drachen voneinander unterscheiden. Jeder von ihnen hat seinen eigenen Flugstil und damit auch seinen eigenen, unverkennbaren Klang. So erkennst du beispielsweise den alten Drachen Rostorrh an einem harten Flügelschlag, wohingegen der Klang der flinken Lady Zaralljah eher an einen Peitschenklang erinnert. Torgos Flügelschlag klingt noch sehr unbeholfen, irgendwie ledern. Kannst du ihn jetzt hören?“
„Torgo klingt immer wieder gut. Das gefällt mir“, entgegnete Adalbert und konzentrierte sich nun seinerseits auf das angekündigte lederne Schlagen des jungen Drachen. Da der Fuß ihres Berges längst in stumme Dunkelheit getaucht war und ihm der Blick ins unter ihnen liegende Tal nichts nutzte, strengte der Junge seine Ohren noch etwas mehr an. Tatsächlich konnte er jetzt ganz leise etwas hören, das so ähnlich klang, wie wenn eine Magd Lederlappen auf den nassen Boden schlug. Adalberts Miene hellte sich auf, als er immer deutlicher hören konnte, wie sich ihnen ihr junger Drachenfreund näherte.
„Da seid ihr ja!“, rief Torgorix, als Adalbert endlich dessen undeutliche Konturen aus der Dunkelheit emporsteigen sah.
„Wenn ihr nur ein paar Schritte weiter nach oben steigt, kommt ihr zu einer kleinen Plattform, auf der ich landen kann“, rief er ihnen noch zu, dann schoss er senkrecht an ihnen vorbei, dem Gipfel entgegen.
Die beiden packten rasch ihre Sachen zusammen und folgten Torgorix, der längst nicht mehr zu sehen war. Adalbert wünschte sich sehnlichst, auch fliegen zu können, dann würde er nicht mehr so viel laufen müssen und käme wesentlich schneller voran. Welche Möglichkeiten sich wohl auftun würden, wenn er ähnlich den Drachen in den Himmel steigen könnte?
„Wach endlich aus deinen Träumen auf, Adalbert. Du musst dich unbedingt auf den schwierigen Weg konzentrieren, sonst stürzt du uns noch ab und diesmal ist kein Adler in der Nähe, der durch seinen schrillen Warnschrei Merthurillh herbeirufen kann wie damals am Krähenpass“, ermahnte ihn der Elf lächelnd.
Keuchend kamen sie schließlich oben an.
„Wisst ihr eigentlich, dass ein großer weißer Wolf hinter euch herläuft? Eine ganze Weile habe ich ihn aus der Luft beobachtet. Als ich mir sicher war, dass er tatsächlich eurer Spur folgte, habe ich versucht, ihn zu verjagen. Er ließ aber nicht locker, selbst als ich ihn mit einem Feuerstoß zu vertreiben versuchte, jaulte er nur kurz auf, ließ sich aber nicht beirren. Irgendwie habe ich seine Hartnäckigkeit bewundert. Dann habe ich ihn alleine gelassen, denn er kann euch ja nichts tun, wenn ich in eurer Nähe bin“, erklärte Torgorix leicht angeberisch.
„Oh Torgorix, du dummer Tölpel! Du hast unseren Retter, den mutigsten aller Ijsvargs angegriffen! Ich hoffe nur, dass du ihn nicht schwer verletzt hast. Er folgt uns, um Adalbert zu beschützen“, rief Jordill verärgert.
„Oje, das habe ich nicht gewusst. Ich bin doch wirklich zu nichts zu gebrauchen. Ich wollte euch nur helfen. Überall mache ich mich entweder lächerlich oder ich tue etwas, das völlig falsch ist.“
In der Stimme des Drachen schwangen nun ehrliche Traurigkeit und Resignation mit.
„Das konntest du doch nicht wissen, lieber Torgorix“, versuchte Adalbert seinen einstigen Schützling etwas zu trösten. „Wie weit ist der Ijsvarg denn von uns entfernt?“
„Nur ein kleines Stück bergabwärts. Wenn du möchtest, werde ich zu ihm fliegen und nachsehen, wie es ihm geht.“
„Nein, das werde ich lieber selbst tun. Wenn er dich sieht, könnte es sein, dass er vielleicht doch noch wegläuft. Ich werde mal schauen, ob ich ihn finde. Vielleicht lässt er sich von mir helfen“, hoffte Adalbert.
Jordill wollte sich seinem Freund anschließen, doch der junge Anführer ließ das nicht zu. Er wollte den verletzten Wolf alleine aufsuchen, sich ihm so weit wie möglich nähern und ihn in dieser Nacht nicht alleine lassen. Adalbert hoffte, dass er das Glück haben würde, heute über den Wolf zu wachen. Er wusste zwar, dass er sich beim Wolf für seine Rettung nicht durch Taten oder Worte bedanken konnte, aber vielleicht würde dieser erkennen, dass ihm Adalbert mit dieser Geste etwas zurückgeben wollte. Schnell nahm er seine Tasche und lief vorsichtig in die stockfinstere Nacht.
„Sei mir bitte nicht böse, dass ich eben so unfreundlich zu dir war. Ich wollte dich wirklich nicht beleidigen. Du konntest ja nicht wissen, dass uns der weiße Wolf vor den grässlichen Narsokk-Wölfen retten wollte, bevor er unglücklicherweise von Pfeilen der Kapuzenmänner getroffen wurde, die ihn auch für einen angreifenden Wolf hielten“, entschuldigte sich Jordill bei dem Drachen und berichtete anschließend, was sich alles ereignet hatte, seit dieser zur Drachenschule geflogen war. Torgorix war entsetzt, als er von dem grausamen Tod Torks hörte.
Adalbert konnte seine eigenen Hände vor Augen nicht sehen, so dunkel war diese eisige Nacht. Der weite Himmel über ihm war komplett mit pechschwarzen Gewitterwolken verhangen, aus denen hier und da ein vereinzelter Blitz zur Erde hernieder schoss. Nur in diesen kurzen Augenblicken konnte er zumindest für einen winzigen Moment einen flüchtigen Eindruck von der steilen Felswand erhaschen, die er vorsichtig hinabstieg, in der stillen Hoffnung, bald auf den mutigen Ijsvarg zu treffen. Adalberts Gedanken kreisten nur noch um den Wolf. Hoffentlich würde er ihn finden und insgeheim hoffte er, dass dieser sich von ihm berühren ließe.
Je weniger er sehen konnte, umso mehr konzentrierte sich Adalbert auf seine neu gewonnenen Fähigkeiten. Dabei schloss er oft seine Augen und vertraute vollkommen seinem Tast- und Orientierungssinn. So war er bereits eine Weile unterwegs, als unmittelbar neben ihm laut krachend ein Blitz in einen Felsen einschlug und diesen in der Mitte teilte. Dieser ohrenbetäubende Knall erschreckte Adalbert so sehr, dass er seine Augen weit aufriss. Und da stand der riesige weiße Wolf, nur wenige Schritte vor ihm. Sein Körper war leicht geduckt, als wenn er entweder gleich angreifen oder fliehen wollte. Es schien fast so, als hätte er ihn hier erwartet.
Schnell setzte sich Adalbert auf eine kleine Schneeverwehung, um seine eigene Größe etwas zu verringern. Er wollte dem Ijsvarg damit das beruhigende Gefühl vermitteln, dass er keine Bedrohung für ihn war.
Lange Zeit geschah nichts. Adalbert bewegte sich keinen Fingerbreit, fast so, als wenn er selbst zu einer frostigen Eissäule erstarrt wäre. Doch auch der Wolf stand wie angewurzelt da, kein Muskel rührte sich. Weder der Junge noch der Wolf schienen den nächsten Schritt machen zu wollen. Natürlich wusste Adalbert, dass er aus dieser Entfernung keine Chance hatte, einem plötzlichen Angriff des Wolfs zu entkommen, aber davor fürchtete er sich auch nicht. Vielmehr hatte er Angst, dass es sich der Ijsvarg doch noch anders überlegen könnte und in die Nacht verschwinden würde. Also begann Adalbert, ganz leise eines jener Kinderlieder zu singen, die er noch aus vagen Erinnerungen an seine Mutter kannte.
Natürlich hätte er auch viele andere Lieder singen können, die er von seinem Vater und dem alten Schmied Siegfried gelernt hatte, aber dieses Kinderlied hatte stets einen besonders beruhigenden Einfluss auf ihn gehabt. Adalbert hoffte, dass es auf den Wolf ähnlich wirken würde. Und tatsächlich, der große Weiße machte einen minimalen Schritt auf ihn zu und gab einen kaum wahrnehmbaren Laut von sich, der fast wie ein leises Winseln klang. Der Junge bewegte sich noch immer nicht, aber sein Lied wurde etwas lauter. Der Ijsvarg legte seinen mächtigen Kopf leicht zur Seite und richtete seine beiden Ohren direkt auf den singenden Knaben aus. Als er den nächsten vorsichtigen Schritt tat, fasste Adalbert, immer noch singend, ganz langsam in seinen Beutel hinein und holte etwas Brot hervor, welches er fast beiläufig in die Richtung des Wolfes hielt.
„Komm her, mein Schöner. Ich tue dir nichts. Es ist zwar nur trockenes Brot, aber es kommt von Herzen“, lockte er, als das Lied zu Ende war. Wieder kam der Weiße einen Schritt näher. Trotzdem konnte Adalbert deutlich erkennen, dass die kräftigen Muskeln des Wolfes zum sofortigen Sprung gespannt waren. Auch seine ganze Körperhaltung war etwas tiefer, was der Junge als Unsicherheit deutete, aber die Nase, die nur noch eine knappe Armlänge entfernt war, witterte vorsichtig den Duft des Brotes.
Völlig unerwartet machte der Wolf einen Satz nach vorne, packte mit seinen riesigen Zähnen schnell das Brot und sprang drei, vier Schritte weg, gerade so weit, dass die beiden sich noch eben in der Dunkelheit erkennen konnten. Dort ließ er sich nieder und knabberte prüfend mit seinen Schneidezähnen an dem trockenen Gebäck.
Natürlich hätte sich Adalbert diese erste Kontaktaufnahme nach dem Angriff der Narsokks etwas anders gewünscht, aber es war ein vielversprechender Anfang. Instinktiv spürte er, dass er den Wolf noch in dieser Nacht berühren würde.
Als er sich das Brot geholt hatte, hatte Adalbert deutlich die Wunden erkennen können, die durch die Pfeile der Kapuzenmänner verursacht worden waren. Auch die neue Verletzung durch Torgos Feuer war in diesem Augenblick sichtbar geworden. Hinter dem rechten Ohr und bis zur Schulter war das Fell versengt und die Haut stark verbrannt. Was hatte dieser arme Wolf bloß alles erdulden müssen, seit er Adalbert folgte!
„Trau dich bitte zu mir, ich möchte mir deine Verletzungen gerne einmal ansehen. Ich habe eine Salbe dabei, die ich meinem Freund Merthurillh auf seine Wunden geschmiert habe. Sie hat ihm gut geholfen, also warum sollten wir es bei dir nicht auch versuchen?“ lockte der Junge den Ijsvarg.
Er wusste natürlich, dass ihn dieser nicht wirklich verstehen konnte, hoffte aber, dass die leise gesprochenen Worte eine nächste Annäherung herbeiführen würden. Doch der Wolf blieb auf Abstand, bis Adalbert schließlich einschlief.
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