Kitabı oku: «Heilung aus dem Jenseits»
Tim Braun
Heilung aus dem Jenseits
Tim Braun
Heilung aus dem
Jenseits
Botschaften eines Mediums
zur Trauerbewältigung
Mit einem Vorwort von
James Van Praagh
Deutsch von
G. Maximilian Knauer
Giger Verlag
1. Auflage 2015
© der amerikanischen Originalausgabe: Tim Braun
© der deutschen Übersetzung: Giger Verlag GmbH,
CH-8852 Altendorf, Tel. 0041 554426848
www.gigerverlag.ch Lektorat: Monika Rohde, Leipzig Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie, Zürich, Layout und Satz: Roland Poferl Print-Design, Köln e-Book: mbassador GmbH, Basel Printed in Germany ISBN 978-3-905958-65-2 eISBN 978-3-907210-87-1
Ich widme dieses Buch
Christopher Moller (1975–1994)
Danke dafür, dass du mich und so viele andere
von der geistigen Welt aus führst.
Inhalt
Vorwort
KAPITEL I
Anfänge und Offenbarungen
April 2003
Was ist ein Medium?
Dieses Buch
Anfänge
So viele Fragen
Weitere Studien
Der Traum
Lehrstunde bei einer Meisterin
Los Angeles, Kalifornien
KAPITEL 2
Die geistige Welt – eine neue Perspektive
Wissen
Veränderungen
Samen
Von der Trauer zur Befreiung
Moment der Erkenntnis: Konzentration auf das Wesentliche
James Van Praagh und das Handwerkszeug eines Mediums
Bill Moller, Superheld
Der Moment der Erkenntnis
Fliegen lernen
Perspektive
KAPITEL 3
Die Trauer verstehen
Samen säen: Was, wenn …?
Charakteristika der Trauer
Worauf Sie sich einstellen können
KAPITEL 4
Mit Trauer umgehen
Geben Sie Ihren Gefühlen Ausdruck
Nehmen Sie sich die Zeit
Die Monster betrauern
»Danke nein«
Handeln Sie
Essen
Sport
Schlaf
Ein Schritt-für-Schritt-Plan
Auf sich selbst achten
Zwölf Schritte, um über die Trauer hinauszuwachsen
KAPITEL 5
Die eigene Schwingung erhöhen
Was ist Schwingung?
Wege zu einer höheren energetischen Schwingung
Samen: Die Trauer umarmen
KAPITEL 6
Durch die Dunkelheit ins Licht
Meditieren, um zu kommunizieren
Benutzen Sie Ihre Schöpfungskraft, um Verbindung aufzunehmen
Träumen Sie von ihnen
Musik für beide
Gärtnern Sie
Folgen Sie den Zeichen und Botschaften
KAPITEL 7
Die Sitzungen: Meine Arbeitsweise und erste Berichte
Meine Arbeitsweise
Eine durchschnittliche Sitzung
Franks Geschichte (der Skeptiker)
Der Verlust eines Elternteils: Die Geschichte von Ed Cook
KAPITEL 8
Die Sitzungen: Kinder und Familie
Der Verlust eines Bruders: Die Geschichte von Tracy Pattin
Der Verlust der Kinder: Die Geschichte von Maria Pe
Verlust der Familie: Die Geschichte von Don Ruetz
KAPITEL 9
Die Sitzungen: Ewige Verbindungen
Der Verlust eines langjährigen Partners: Die Geschichte von Pater Mark Stuart
Verlust im Krieg: Die Geschichte von Tony und Carol
KAPITEL 10
Die neue Normalität
Verstehen
Skeptiker
Weitere Perspektiven
Balance
Mein Sprung nach vorn
KAPITEL 11
Abschluss
Verständnis fürs mein Leben als Medium
Weitere Hinweise
Vertrauen Sie darauf, dass Sie Ihren Weg finden
KAPITEL 12
Leitfaden für die Sitzungen
Vorbereitung auf die Sitzung
Während der Sitzung
KAPITEL 13
Häufig gestellte Fragen
KAPITEL 14
Sieben Affirmationen, um Abschied zu nehmen
Danksagung
Quellen und Empfehlungen
Bücher
Spirituelle Zentren
Nationale spiritistische Vereinigungen der Kirchen
Über den Autor
Stimmen zu diesem Buch
Vorwort
Wenn Sie dieses Buches lesen, werden Sie erfahren, wann ich Tim Braun das erste Mal begegnet bin, der damals noch ein neugieriger Student des Lebens war und die seltsamen Geschehnisse infrage stellte, die seine Zukunft formen sollten. Er wollte Antworten und es war mir eine Freude, ihm mein Wissen zur Verfügung zu stellen. Heute, viele Jahre später, kann ich glücklich berichten, dass Tim nicht nur auf Kurs geblieben ist und ständig auf die geistige Welt gehört hat, sondern nun endlich auch seine vielen Stunden harter Arbeit und Einsicht in die geistige Welt an die Öffentlichkeit trägt. Ich könnte nicht stolzer auf einen meiner ersten Schüler sein.
Vom ersten Moment unserer Begegnung vor zwanzig Jahren wusste ich, dass er eine außergewöhnliche, natürliche Gabe besitzt, mit Verstorbenen Verbindung aufzunehmen. Es war aufregend zu sehen, wie Tims Fähigkeiten wuchsen, sich entwickelten und zu einer Brücke von dieser Seite des Lebens zur geistigen Welt wurden. Er hat bereits so viele Leute mit diesem Bewusstsein beeinflusst und teilt seine Einsichten weiterhin, sodass viele sich über das Leben nach dem Tod klar werden und Heilung finden.
In diesem, seinem ersten Buch, nimmt Tim uns auf eine eng mit ihm verbundene, persönliche Reise mit – ein echtes Abenteuer – mit allen Drehungen und Wendungen; und er wird so mehr und mehr zum Botschafter der geistigen Welt. Ich liebe seine Bereitschaft, so offen mit seinem Leben umzuGeben, seine persönlichen Kämpfe zu enthüllen, um das anzunehmen, was er im Innersten ist. Ich muss zugeben: Ich erkenne einen Teil meiner eigenen Reise in dieser eindrucksvollen Beschreibung wieder.
Statt einer Chronologie der Ereignisse, lässt Tims Erzählung den Leser auf Kohlen sitzen, indem er Szene für Szene mit ihm teilt – angefangen vom ersten Mal, als er als sechsjähriges Kind einem Verstorbenen begegnete, bis zu dem Ringen mit seiner Gabe, als er miterlebt, wie sein schizophrener Bruder wöchentlich Halluzinationen und Zusammenbrüche erlebt. All das auch noch in Verbindung mit einer extrem konservativen katholischen Erziehung.
Als Tim sich endlich entscheidet, seiner Gabe aktiv zu folgen, führt ihn das Leben zu einer meiner Darbietungen. Während er einem öffentlichen Forum, indem ich mit einem Verstorbenen Verbindung aufnehme, im Publikum sitzt, lässt er uns Anteil haben an seinem inneren Monolog über seine Angst und Beklemmung, ein Medium zu werden. Selbst ich war überrascht, als er diese Demonstration und den Besuch bei einem meiner Workshops beschreibt!
Tim erzählt nicht nur von seiner Lebensreise, auf der er zum Medium wurde, sondern auch eindrückliche Geschichten von den Leuten, die seine Sitzungen besuchten und wie sie Verbindung zu ihren Lieben aufnahmen. Diese »Geschichten der Klienten« werden Sie zu Tränen rühren und zum Lachen bringen. Die Klienten enthüllen ihr eigenes Ringen beim Heilen überwältigenden Kummers und erzählen davon, wie sie in ihrem neuen Leben aufblühen. Tim zeigt den Lesern im Kapitel »Die eigene Schwingung erhöhen«, wie sie ihre Fähigkeiten, Kontakt aufzunehmen, anzapfen können. Er erklärt uns, wie wir Botschaften und Zeichen aus der geistigen Welt empfangen können.
Tims aufregende Erzählung macht eine Wendung, wenn er seine Einsichten, wie man sich mit einem Verstorbenen verbindet, mitteilt. Nachdem er über 13 000 Sitzungen gemacht hat, bei denen er mit Verstorbenen sprach und Botschaften übermittelte, hat er nicht nur einiges über das Leben nach dem Tod gelernt, sondern auch, wie man auf dieser Seite sein Leben lebt.
Ich gratuliere Tim, so ein ehrliches, fesselndes und zutiefst bewegendes Buch über sein Leben und seine Arbeit als Medium geschrieben zu haben. Ich bin stolz und freue mich darüber, dass so ein begnadeter Mann den Mut hat, seinen Traum zu erfüllen und ihn mit den Menschen zu teilen.
James van Praagh
KAPITEL I
Anfänge und Offenbarungen
April 2003
Oh mein Gott! Was ist das? Ein massiver Ruck schüttelt meinen Körper wie eine Art Explosion. Ich kann kaum atmen. Dicker Rauch füllt meine Lungen. Ich sehe, wie sich ein riesiger Wolkenkratzer in eine gigantische Feuersäule verwandelt, während die Flammen durch Arbeitsnischen rasen und alles auf ihrem Weg verschlingen. Jetzt implodiert das Gebäude. Mein ganzer Körper heizt sich auf. Meine Haut schmerzt. Ich kann nicht atmen. »Raus! Raus!« Die Leute schreien. Ich kann nicht sprechen, so stark muss ich husten. Es ist, als ob mein ganzes Sein über mir zusammenstürzt.
Dann, plötzlich, wird alles schwarz. Das Chaos verwandelt sich in Stille. Ich kann wieder atmen. Mein Körper entspannt sich. Dann flüstert mir jemand ins Ohr. »Sag ihnen, es ist Brian.« Ich fragte die zwei Frauen, die mir gegenübersaßen: »Wer ist Brian?« Die ältere Frau fängt an zu weinen. »Soll ich weitermachen?« Sie nickt, es ist klar, dass sie leidet. Ich beschreibe ihr, was ich gesehen, gehört und gefühlt habe … das Flugzeug. Das Feuer. Die Explosion. Das einstürzende Gebäude. »Ergibt das einen Sinn?«, frage ich sie. Die Frau ringt darum, unter Tränen zu sprechen. »Oh mein Gott. Brian ist mein Sohn. Er war in einem der Flugzeuge … am elften September.« Die jüngere Frau weint ebenfalls. »Brian war mein Mann.« Dann wird Brians Flüstern zu einer vollen Stimme. »Sag ihnen, dass ich sie liebe.« Ich wiederhole: »Er will, dass ihr wisst, dass er euch beide liebt. Er sagt: ›Mach dir keine Sorgen, Mama, mir geht es gut.‹« Und dann ist er fort. Brians Mutter und seine Frau atmen tief durch. Ihr Schmerz wird zu Frieden. Sie lächeln und flüstern: »Danke.« In diesem Moment fühle ich mich so dankbar für meine Gabe. Willkommen in meinem Leben als Medium!
Was ist ein Medium?
Das Wort Medium bedeutet »dazwischen«, und genau da findet meine Arbeit statt – zwischen dieser Welt und der nächsten. Seit über zwanzig Jahren bin ich jemand, der Verbindungen stiftet, ein Mittelsmann, der Botschaften aus der geistigen Welt an die Menschen, die zurückgeblieben sind, überbringt. Ein Feuerwehrmann mag verbrennen, ein Polizist erschossen werden, aber an einem durchschnittlichen Tag werde ich erschossen, verbrannt, erwürgt und nehme eine Überdosis Schlaftabletten. Dann fahre ich heim und mache einen Spaziergang mit meinen Hunden.
Glauben Sie mir, es ist keine Gabe wie jede andere, und sie als Teil meines Lebens anzunehmen war eine Reise für sich! Ich habe nicht um diese Fähigkeit gebeten oder danach gestrebt, ich bin damit geboren. Manche Leute können kochen, andere zeichnen …, ich rede mit den Toten.
Inzwischen kann ich anderen auf ihrem eigenen Pfad helfen – besonders auf dem Weg von tiefer Trauer zu tiefer Erleichterung.
Dieses Buch
Ich werde mit meinem persönlichen Weg mit dieser Gabe beginnen. Der beinhaltet die wertvollen Lektionen, die ein normaler Typ lernen musste, um sich mit seiner Fähigkeit, mit den Toten zu kommunizieren, zu arrangieren. Diese Aufgaben sind zu wichtig, um sie nicht zu teilen; und sie können durchaus mit parallelen Erfahrungen aus Ihrem Leben in Verbindung stehen.
Wir werden, wenn wir erwachen und dieser inneren Stimme vertrauen, lebendig – das war meine wichtigste Lektion, die mir von einem Tag auf den nächsten klar wurde. Auch habe ich gelernt, dass es tatsächlich ein Leben nach dem Tod gibt, und dass es den Menschen, die wir lieben, in der geistigen Welt gut geht. Und, ja, dass wir Verbindung zu ihnen aufnehmen können!
Ich werde auf alle diese großen Fragen nach dem Leben etwas Licht werfen und Ihnen dann ein paar klare, bodenständige Antworten geben. Ich sammelte über die Jahre des Hörens, Übersetzens und Überbringens von über 13 000 Botschaften aus der geistigen Welt viel Wissen und ich habe viel von den Leuten gelernt, die auch diese Botschaften empfingen. Wenn Sie mein Buch lesen, besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die Trauer wie ein Mahlstrom durch Ihr Leben gefegt ist. Der Kummer hat seinen eigenen, bestimmten Zeitplan und der Umgang damit ist eine Fähigkeit für sich. Niemand trauert auf dieselbe Art und Weise, also habe ich in diesem Buch eine Reihe von Techniken vorgestellt, die Sie sich ansehen können.
Als Teil Ihrer Reise durch die Trauer werde ich Sie dazu anleiten, sich mit Ihrer inneren Stimme zu verbinden. Ob Sie jetzt darüber nachdenken, eine Sitzung zu machen, um sich mit dem Verstorbenen, den Sie lieben, zu verbinden, oder nicht, die Mittel der Intuition, Meditation, Musik und Kreativität verschaffen Ihnen nicht nur Erleichterung, sie werden Ihnen auch helfen, über den Schmerz hinauszuwachsen. Sie können sogar lernen, auf die Zeichen Ihrer Verstorbenen zu achten, die Sie stets umgeben.
Die Geschichten aus den Sitzungen sind faszinierend und erzählen von jeder Art Verlust, von engen Familienangehörigen über Freunde, Eltern und Kinder. Die Leute, die geliebte Menschen verloren haben, erhielten während unserer Sitzungen wertvolle Botschaften. Alle diese Geschichten sind unterschiedlich, so machtvoll, ergreifend und überzeugend und manche sind unaussprechlich tragisch.
Aber mehr als alles andere werden diese Geschichten zeigen, wie die Leute, die mit Trauer kämpfen, geistigen Frieden gefunden haben und sogar in der Lage sind, trotz ihres ungeheuren Verlustes aufzublühen. Das, mehr alles andere, ist wunderbar und gibt mir den höchsten Daseinszweck.
Ziel
Das Gefühl, das zu tun, wofür wir hier sind, gibt uns ein ungeheures Erleben von Frieden und ich danke jeden Tag dafür, dass ich meinen Daseinszweck gefunden habe.
Der Botschaft der geistigen Welt zufolge haben wir alle etwas zu lernen. Darum sind wir hier. Jeder von uns hat einen individuellen Pfad, dem er folgen muss. Die geistige Welt spricht beständig von der Wichtigkeit der Erhöhung der Schwingung auf diesem Planeten, sie will, dass wir unsere Augen für das öffnen, was echt und wirklich wichtig ist.
Mein Ziel beim Schreiben dieses Buches ist dasselbe, weshalb ich ein Medium geworden bin – um anderen zu helfen, Heilung zu finden, indem sie Verbindung zu ihren lieben Verstorbenen in der geistigen Welt aufnehmen, und indem ich meine Geschichten und Erfahrungen mit ihnen teile.
Anfänge
Meine Reise begann in Whittier, Kalifornien – eine sonnige Jugend in der Vorstadt, aber durchbrochen von mehr als genug Dramen für einen heranwachsenden Sechsjährigen. In diesem frühen Alter sah ich Verstorbene in Form von Lichtern, die um die Leute zu tanzen schienen. – Ich finde, sie sahen fast ein wenig aus wie die fliegenden Untertassen in einem Horrorfilm, wie sie da über meinem sechsjährigen Körper schwebten. Damals kam mir meine Gabe fast mehr wie ein Fluch vor, aber so verwirrend das auch für meinen jungen Verstand war, es wurde von einer sogar noch größeren und dramatischeren Angelegenheit überschattet: Bei meinem großen Bruder Tom wurde paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Tom hörte Stimmen, halluzinierte und hatte durchschnittlich drei psychotische Anfälle pro Woche.
Ein normales Abendritual, wie das Fernsehen mit meiner Schwester Cindy, konnte plötzlich unterbrochen werden, wenn Tom aufsprang, uns zur Tür hinauszog und schrie: »Wir müssen hier raus! Sie sind hinter uns her!« Oft mussten wir uns eine Stunde lang in Kälte und Dunkelheit draußen hinter den Mülltonnen mit ihm verstecken, um darauf zu warten, dass »die Luft rein war«. Ich saß dann da wie versteinert vor Angst und betete darum, dass meine Eltern heimkamen. Schließlich bogen sie in die Einfahrt und taten ihr Bestes, um Tom zu beruhigen, aber ich konnte ihre Besorgnis und Verzweiflung deutlich sehen. Das nahm mit jeder weiteren Episode zu, immer und immer wieder. In der Zwischenzeit saßen wir alle auf Kohlen bis zu Toms nächster »Episode«.
Das allein war für einen sechsjährigen Jungen schon so verwirrend und Furcht einflößend, und gleichzeitig begann ich selbst, Dinge zu hören und zu fühlen. Ich erzählte meiner Familie nichts davon, weil ich fürchtete, auch als »verrückt« abgestempelt zu werden. Meine Besorgnis, ich würde dasselbe Leiden entwickeln wie mein Bruder, wuchs! Diese Erfahrungen waren sehr verwirrend und erschreckend für einen sechsjährigen Jungen, besonders weil sich die Krankheit meines Bruders und meine Medialität etwa zu dem gleichen Zeitpunkt entwickelten.
Zusätzlich waren meine Eltern Altardiener in der katholischen Kirche. Es hieß also Gottesdienst – jeden Sonntag für uns alle –, plus eine ganze Liste von »tu dies«- und »lass das«- Sprüchen. Fluchen war komplett verboten, und als wir heranwuchsen, kam noch mehr hinzu: schwul, lesbisch, Kondom (und natürlich die Heerscharen von unreinen Gedanken, die mit ihnen einhergingen) etc.
Jegliche Diskussion übersinnlicher oder okkulter Natur (Tarot, Astrologie, Hellseherei, Ouija-Bretter) waren ebenfalls mit einem großen, fetten Verbot belegt. Tatsächlich war schon die Erwähnung von etwas, was auch nur annähernd damit zu tun hatte, verboten.
Es ist kaum überraschend, dass bereits mein kleiner, sechsjähriger Verstand auf einer bestimmten Ebene begriff, dass ich nie in diese Familie passen würde. Ein Kind braucht Stabilität und diese »Kombination« aus orthodoxer Religion und totalem Chaos war einfach zu unvorhersehbar. Ich fühlte mich, als stünde ich auf einem rollenden Fass, niemals sicher, ob ich den Halt verlieren, meine Welt um mich zusammenbrechen und mich überrollen würde.
Also flüchtete ich mich in meine eigene kleine Welt. Auf einem Hügel hinter unserem Haus war ein Baumhaus, das mein anderer Bruder für mich gebaut hatte; ich ging jeden Tag nach der Schule dorthin, um daran zu arbeiten, tat so, als wäre es mein eigenes Haus, das ich renovierte.
Als ich eines Tages draußen im Baumhaus war, hörte ich Schritte. Ich sah hinaus und entdeckte ein Kind, das mich anblickte: Weiß mit hellbraunem Haar. Ich wusste automatisch, wie es hieß. Der Gedanke kam mir einfach so in den Sinn – Joey.
Joey war nicht in verkörperter Form da. Er war wir ein »imaginärer Freund«, aber doch mehr, denn ich sah ihn deutlich vor mir. Wir kommunizierten, ohne zu reden. Es war, als würden wir uns in Gedanken unterhalten. Joey wurde mein bester Kumpel.
Wir gingen hinaus und spielten mit Spielzeugautos, redeten dabei nicht viel. Das mussten wir auch nicht – wir verstanden einander wunderbar. Einmal, an Weihnachten, machte ich ihm einen Strumpf und bestand darauf, dass meine Mutter ihn mit den anderen zusammen an den Kaminsims hängte. Das war das einzige Mal, dass sie nachgab, und ich liebte sie dafür. Sie dachte, ich wäre einfach nur ein Kind mit einer gewaltigen Fantasie.
Als ich heranwuchs, wurde es schwieriger, einen besten Freund zu haben, den niemand sehen konnte, und ich sehnte mich danach, ins Bild zu passen. Ich tat mein Bestes, um ein Teil der Welt zu werden, die uns zu Hause umgab. Doch meistens war ich zufrieden, mit Joey zu spielen, oft ohne zu reden, weil ich einfach wusste, dass er als mein Freund für mich da war. Aber das Leben ist eine Reihe von Wendepunkten, und eines Tages sollte sich alles ändern.
Ich hatte es endlich geschafft, ein paar Freunde zu überreden, mich zu Hause zu besuchen. Das war eine große Sache – wir hatten G. I.-Joe-Figuren in meinem Zimmer aufgestellt. Ich war Teil einer Gruppe und näherte mich auf Zehenspitzen einem normalen Leben an.
Aber nichts ruiniert so einen Spielnachmittag schneller, als wenn dein schizophrener Bruder durch die Schlafzimmertür hereinstürmt, schreit, dass du ein ausländischer Spion bist und dich am Kragen aus dem Haus zerrt. Game over.
Der nächste Tag in der Schule war die Hölle auf Erden. Kinder können grausam sein, und ich fand mich umgeben von einer Gruppe, die mich gnadenlos wegen meines »komischen Bruders« hänselte. Ich war am Boden zerstört. An dem Abend war es ein langer Marsch nach Hause. Dann passierte jedoch etwas, was meinen Tag in der Schule wie einen Erholungsspaziergang erscheinen ließ. Ganz plötzlich hatte ich eine Furcht einflößende Vision: Mein Vater lag auf dem Bett in einem Krankenhaus, atmete kaum, überall waren Schläuche. Ich hatte noch nie zuvor etwas dieser Größenordnung erlebt. Es war so lebendig – ich wusste sogar, dass die Ursache seiner Krankheit Diabetes war.
Aber meine Mutter ignorierte die Vision. »Ach, Süßer, deinem Vater geht es gut, du hast zu viel ferngesehen.« Natürlich hatten meine Eltern bereits alle Hände voll zu tun mit der Schizophrenie meines Bruders, also achteten sie wenig auf meine wachsenden Fähigkeiten. Aber ich wusste, was ich gesehen hatte – ich hatte Visionen und für mich waren sie sehr real. Tatsächlich starb mein Vater zehn Jahre später an Diabetes.
Als kleiner Junge hatte ich das Gefühl festzustecken. Niemand verstand mich und ich war völlig aus dem Häuschen. Ich hatte nicht die Mittel, um damit klarzukommen oder es zu verstehen, also traf ich eine Entscheidung: Ich würde die ganzen verrückten Stimmen und seltsamen Visionen aussperren, komisches Zeug, weg mit dir! Von da an war es Zeit für die Operation normales Kind.
Zuerst war es natürlich unmöglich, die Bilder wegzuschieben; es fühlte sich an, als müsste ich einen Hurrikan mit meinen bloßen Händen aufhalten. Aber ich entwickelte bald eine anstrengende neue Routine: Wenn Verstorbene auftauchten, schaute ich weg, ich ging ihnen aus dem Weg, scheuchte sie weg, mied sie, sosehr ich nur konnte. Ich sagte sogar meinem imaginären Freund Joey, dass ich nicht mehr sein Freund sein konnte.
Und auf einmal war Joey weg – zusammen mit allen anderen Stimmen und Visionen.
So viele Fragen
Ich verlor meine Gabe niemals wirklich, sie blieb. Als ich älter wurde saß ich, während meine Freunde in der Highschool draußen Baseball spielten, in der Bibliothek und vergrub mich unter Bergen von Büchern über Spiritualität und Parapsychologie.
Ich assoziierte nach wie vor meine verborgenen Fähigkeiten mit dem Leiden meines Bruders. Wurde ich verrückt? Stimmte etwas mit mir nicht? War ich schizophren wie mein Bruder Tom? So viele Fragen und ängstliche Sorgen und niemand, mit dem ich sie hätte bereden können! Whittier in Kalifornien war in den 197oer Jahren nicht unbedingt ein spiritueller Brennpunkt, an dem es vor Medien nur so wimmelte, sodass viele Fragen unbeantwortet blieben.
Eine Sache begriff ich allerdings bald, dass das Leben immer einen Weg findet. Ich erfuhr, dass mein Onkel Leo – der Bruder meines Vaters – ein großes Interesse an der geistigen Welt hatte. Er schickte mir spirituelle Bücher aus Italien, wo er lebte, darunter einige über das Leben nach dem Tod und über Wiedergeburt, die er selbst geschrieben hatte.
Natürlich entdeckte mein Vater eines Tages diese Bücher und ließ sie auf den Müll bringen, aber für mich gab es kein Zurück mehr. Während meiner endlosen Studien der Parapsychologie stellte ich fest, dass der Katholizismus das Gegenteil dessen war, was ich brauchte. Ich ließ die Bombe platzen und verkündete meinen Eltern, dass ich nicht mehr in die Kirche Geben würde.
Weitere Studien
Danach war ich im Haus meiner Eltern nicht länger willkommen, aber ich umarmte das nächste Kapitel meines Lebens. Ich suchte mir eine eigene Wohnung, einen Job als Kassierer bei Vons, einem Supermarkt am Ort, und wechselte an die University of Southern California in Los Angeles.
Jetzt – endlich – begann ich zu verstehen, wer ich wirklich war. Ich schrieb mich für einen Psychologiekurs ein, und während einer besonders interessanten Vorlesung über psychische Krankheiten erhielt ich die Bestätigung, dass ich tatsächlich nicht schizophren war: Die Symptome waren anders, die Krankheit wäre in diesem Alter bereits ausgebrochen etc. Ich erfuhr genug, um zu verstehen, dass meine Visionen und Stimmen nicht das Resultat der Krankheit waren, die ich befürchtete.
Die Angst verflog wie aufsteigender Nebel – plötzlich fühlte ich mich offen und frei genug, meine Gabe als Segen anzusehen, statt als Fluch!
Eines der Lieblingszitate von Einstein war: »Die wichtigste Entscheidung, die wir treffen, ist die, ob wir glauben, in einem freundlichen oder einem feindseligen Universum zu leben.« Mein eigenes Universum war beträchtlich freundlicher geworden. Ich hatte meine Perspektive verändert und begann, die Bereiche meines Lebens, die mich behinderten, hinter mir zu lassen. Wir alle haben unseren Weg und ich fing an, meine eigene, individuelle Reise zu genießen, bildlich gesprochen: das Verdeck unten und die Sonne im Gesicht.
Jetzt konnte ich meine Gabe als Freund ansehen statt als Feind und mein Herz und mein Bewusstsein öffneten sich einem neuen Fluss. Man könnte vielleicht sagen, dass meine Energie sich damals veränderte. Ich fühlte mich leichter und hatte das Gefühl, mehr Kontrolle zu haben.
Der Traum
Meine Träume veränderten sich ebenfalls und besonders einer von ihnen veränderte mein Leben. In unseren Träumen hat das Unterbewusstsein freie Bahn. Wenn unser bewusster Verstand »ruht«, werden unsere inneren Glaubenssätze, Gedanken und Erfahrungen verarbeitet. Das kann in Form von Bildern und Geschichten geschehen, die wir nicht verstehen-sie bedürfen der Interpretation. Zu anderen Gelegenheiten präsentieren sie sich etwas nüchterner und ergeben vielleicht mehr Sinn. Es kann auch vorkommen, dass wir Verbindungen und »Besuche« von anderen Seelen erhalten, Zeichen bekommen, Ahnungen, Warnungen und alle möglichen Arten von Datenverkehr von anderen »Ebenen«.
Manche Träume fühlen sich einfach anders an. Sie haben eine andersweltliche Qualität, die tagelang bleibt und tatsächlich sehr direkt sein kann. Eines Abends nach einem langen Tag an der USC hatte ich einen dieser Träume. Ich legte mich in mein Bett und fiel in einen tiefen Schlaf.
Ich sah mich in einer Boeing 747, die in Kalkutta landete. Die Landschaft war bedeckt von kleinen Feuern. Ich trat auf das Rollfeld und mich traf ein Schwall heißer, dicker Luft. Ich sah ein kleines beiges Gebäude: das Flughafen-Terminal.
Eine alte Frau erschien, sie trug einen frischen, weißen Sari mit blauen Streifen. Ich wusste, dass wir dazu bestimmt waren, uns zu begegnen und ich sah, dass sie von einem hellen Licht umgeben war. Während ich näher kam, wurde das Licht heller. Ich spürte seine Wärme.
Ich erkannte Mutter Teresa. Sie griff nach mir und umarmte mich, als wäre ich ihr lange verlorenes Kind. Ich fühlte, wie unglaubliche Liebe und Frieden über mich brandeten. Dann kamen vier Missionare auf uns zu und umarmten mich, als würde ich zur Familie gehören. Wir hörten gar nicht auf, uns der Reihe nach immer wieder zu umarmen. Ich war daheim, an einem fremden Ort, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Aber ich wusste, dass dies die Heimat war, nach der ich mich mein ganzes Leben gesehnt hatte. Es wurde nicht gesprochen. Das war auch nicht nötig. Wir kommunizierten in Gedanken – machtvollen, liebevollen Gedanken.
Ich erwachte aufgrund einer heilenden Präsenz in meinem Zimmer. Eine friedliche, heilende Energie, ich kann es nicht anders erklären. Sie bewegte sich auf die Tür zu und verschwand, als hätte sie ihre Botschaft überbracht.
Mutter Teresa? Die berühmteste katholische Nonne des Planeten? Ich hatte gerade so viel Distanz wie möglich zwischen der katholischen Kirche und mir hergestellt, warum war ich also erwählt worden, diese Botschaft zu empfangen?
Ich dachte über alle Botschaften nach, die ich in meiner Kindheit von Verstorbenen empfangen hatte und nahm prompt die gelben Seiten zur Hand. In null Komma nichts war ich mit den »Brüdern Mutter Teresas« am Telefon. Ernsthaft – Brüder? Ich wusste nicht einmal, dass es Brüder gab; ich dachte, das wären nur Nonnen!
Gleich noch eine Entdeckung: Ihr Gebäude lag genau drei Blocks entfernt von meinem Studentenwohnheim an der USC und sie luden mich ein, gleich vorbeizukommen. Das haute mich wirklich aus den Socken, aber wenn man es sich erlaubt, sich nach dem Herzen auszurichten, dann fangen die Dinge auf eine Art an, sich zu ordnen, die wir uns gar nicht vorstellen können.
Ich traf mich mit Bruder Yesadas. Er strahlte eine Heiligkeit, Klarheit und Friedfertigkeit aus, als wisse er etwas, was dem Rest der Welt unbekannt sei. Ich wartete darauf, dass er sprach. Er fragte mich, wie er mir helfen könne. Ich war nicht sicher, wie ich antworten sollte. »Sie hatten einen Traum, dass Sie nach Indien kommen sollen, um Mutter Teresa zu besuchen, nicht wahr?« Ich konnte es nicht glauben! Woher wusste er das? Ich versuchte, ruhig zu bleiben und antwortete nur: »Ja, den hatte ich.«
Das ist einmal mehr die Art und Weise, wie die geistige Welt arbeitet. Es ist über und jenseits unseres kognitiven Verständnisses. Bruder Yesadas beantwortete ein paar meiner Fragen und innerhalb weniger Augenblicke war ich dazu eingeladen, mich ihm in drei Monaten in Kalkutta anzuschließen. Ich kündigte sofort meinen Job, brachte meine USC Kurse zu Ende, ließ mich impfen und packte meine Taschen.
Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, dass meine Eltern überglücklich waren, dass ich »zur katholischen Kirche zurückkehrte«. Ich war auf meinem Weg schon zu weit fortgeschritten, als dass ich versucht hätte, ihre Interpretation ins Wanken zu bringen und nahm ihre große Abschiedsparty einfach in dem Bewusstsein auf, wie sie gemeint war.
Lehrstunde bei einer Meisterin
Meine Ankunft in Kalkutta verlief genauso wie in meinem Traum – die kleinen Feuer, das Heraustreten auf die Rollbahn, die heiße, dicke Luft und das kleine beige Terminalgebäude, wo mich Bruder Yesadas und seine Gruppe abholten. »Ihr alle, das ist Tim Braun!« Innerhalb von ein paar Minuten ging es im Zickzack durch die Straßen dieser chaotischen, faszinierenden Stadt. Piep, piep! Autos, Motorräder, Busse, Räder, Ochsenkarren, Straßenbahnwagen, Taxis – alles fuhr durcheinander und umeinander herum, hopsend, winkend und hupend. Ich fühlte keine Sorgen oder Ängste in dieser seltsamen, fremden und exotischen Umgebung, da ich wusste, dass das der Ort war, an dem ich sein sollte. Ich erlaubte allem, um mich her zu fließen. Blumen- und Obststände an jeder Ecke, Gebäude in hellen Farben gegenüber von Basaren und berüchtigten Slums – eine Reihe nach der anderen kleine Katen, die mit Plastik, Lumpen, Matten und Bambusstöcken zusammengehalten wurden, wo riesige Ratten herumliefen –, so viel menschliches Leid überall, Leute, die in den Straßen verhungerten und starben.
Das Haus, in das wir gingen, war ein fünfstöckiges Gebäude mit einer tollen Aussicht über die Stadt und mein kleines Zimmer war leer, abgesehen von einer Schilfmatte auf dem Boden und einem Moskitonetz. Aber ich hatte alles, was ich brauchte. In dieser minimalistischen Umgebung fiel mir bereits jetzt auf, wie reich ich mich fühlte.
Am nächsten Morgen fuhr mich Bruder Yesadas durch die verrückten überfüllten Straßen zum Mutterhaus. Dort liefen wir die lange Schlange von Touristen mit Kameras in der Hand entlang, die ungeduldig darauf warteten, einen Blick auf Mutter Teresa zu erhaschen. Wir gingen in den zweiten Stock, wo eine Gruppe Nonnen auf den Stufen saß; Bruder Yesadas sagte mir, ich solle mich auf einen der Hocker neben sie setzen. Er sagte etwas zu einer der Nonnen – sie schaute mich an, lächelte und ging hinein.
Drei Minuten später erschien dann diese winzige, wunderschöne alte Frau mit ihrem typischen blau-weiß gestreiften Sari und Schleier. Sie hatte das hellste, stärkste Lächeln, das sie wirken ließ, als wäre sie drei Meter groß. Ihre Präsenz war so vertraut – dieselben funkelnden, entschlossenen Augen, die ich in meinem Traum gesehen hatte. Wie soll man die Begegnung mit jemandem beschreiben, der eines Tages ein Heiliger werden wird?
Mutter Teresa kam herüber und setzte sich neben mich. Ihre Energie war intensiv, aber friedvoll. Ich konnte kaum glauben, dass dieser Moment real war. Wir saßen einfach still da. Ich fragte mich, ob ich darauf warten sollte, dass sie zuerst etwas sagte. Dann lächelte ich einfach und folgte ihren Andeutungen, zu überwältigt von Ehrfurcht, um zu sprechen. Auf einmal ging mir auf, dass Worte in einem so machtvollen Moment nicht nötig waren. Ich hätte den ganzen Tag dasitzen, nichts sagen und einfach nur die Liebe fühlen können, die von dieser Ehrfurcht gebietenden Frau ausging.
Sie fing an, über Alltägliches zu plaudern. Sie fragte mich, wie mein Flug war und dankte mir dafür, dass ich gekommen wäre, um im Haus für die Sterbenden zu arbeiten. Dann legte sie den Arm um mich und wir beteten.
Handeln, im Namen der Liebe
Man sagt, dass man das Leben vorwärts erfahren muss, es aber nur in der Rückschau verstehen kann. Ich schaue gern auf meine Lektionen zurück und erkenne, wie sie mich weitergeführt haben, eine nach der anderen. Jede Lektion brachte mir eine neue Ebene des Verstehens. Meine Lektion in diesem Moment mit Mutter Theresa war, dass ich die Liebe verstand.
Die nächsten anderthalb Wochen saß ich jeden Abend neben ihr, während sie eine Stunde lang betete. Mein Herz war voll. Ich wusste, mein Leben würde nie wieder dasselbe sein.
Ich traf die Entscheidung, auf das zu hören, was das Kind mir über viele Jahre hinweg nicht hatte sagen können. Ich begriff meine eigene, spezielle religiöse Erziehung plötzlich ganz klar, als ich lernte, ganz zu lieben, mit grenzenlosem, offenen Herzen und die anderen nicht länger auf Grundlage ihrer Glaubenssätze und Lebensformen in Schubladen zu stecken.
Auf den Straßen
Ich begann am nächsten Tag damit, im Hospiz zu arbeiten. Jeden Tag ging eine Gruppe von uns zum Bahnhof und suchte die Straßen nach Leuten ab, denen nur noch Tage oder sogar Stunden vor ihrem Tod blieben. Wir brachten sie in das Hospiz und kümmerten uns um sie. Dort konzentrierten wir uns größtenteils darauf, ihnen ihre letzten Tage zu erleichtern. Ich erinnere mich, dass ich ihnen in die Augen schaute und oft Freude und Angst gleichzeitig darin sah.
Ich schaute den Kindern zu, wie sie auf den Müllhaufen spielten. Sie lachten und lächelten mich an, und ich fragte mich, wie sie in solcher Armut so glücklich sein konnten. Ich dachte an meine Freundschaft mit Joey zurück und wie ich mich einst nach der Akzeptanz von Kindern in meinem Alter gesehnt hatte.
Eines Tages fanden wir am Bahnhof einen alten Mann, der sich in einer Ecke zusammengekauert hatte und kaum noch atmete. Seine Haut war wie in der Sonne getrocknetes Pergament, das sich über seine Knochen spannte. Wir hoben ihn sanft hoch, wie ein zerbrechliches Stück Glas, und brachten ihn ins Hospiz, damit er dort in Würde sterben konnte.
Jeder Tag verlief so, eine lebensverändernde Erfahrung nach der anderen, und Schritt für Schritt begann ich mich zu verändern. Als ich dort war, um den Einwohnern von Kalkutta zu helfen, halfen auch sie mir; ich lernte wahres Mitgefühl und wahre Liebe. Eines Abends rannte ein Missionar herein und brüllte – ein Baby in den Slums war von Öl verbrannt worden. Wir rasten durch die dunklen Straßen und erreichten es gerade noch rechtzeitig. Mit dem Licht meiner Videokamera als einziger Lichtquelle behandelten wir den kleinen, verbrannten Körper. Wir rieben ihn überall mit Salbe ein, sodass der kleine Mann zu weinen aufhörte und schließlich einschlief. Plötzlich erkannte ich, wie all die Armut, der Schmerz und das Leid um uns herum verpufften, als wir begannen, diesem kleinen, bedürftigen Menschlein zu helfen. Das Einzige, was zurückblieb, war die reine Liebe.
Annahme
Ich erkannte schnell, dass es Mutter Teresa und ihren Missionaren darum ging, alle anzunehmen. Es spielte keine Rolle, ob du Hindu, Muslim, Christ oder sogar Atheist warst – alles, was zählt, ist, dass wir durch unsere Menschlichkeit verbunden sind, Punkt.
Jede Religion auf der Welt interpretiert Spiritualität anders, je nach der Grundlage ihres kulturellen Inputs und menschlicher Beobachtungen. »Im Hier und Jetzt sein« ist als buddhistische Eigenschaft bekannt. »Liebe deinen Nächsten« ist ein christlicher Charakterzug. »Dem Pfad der Rechtschaffenheit folgen« ist ein muslimisches Prinzip, »Hingabe an Gott« ein Grundzug des Judentums. Aber Mutter Teresa handelte einfach im Namen der Liebe und gleichzeitig hakte sie alle religiösen Kästchen ab, ohne überhaupt zu versuchen, religiös zu sein! Das war der Schlüssel – sie machte einfach weiter!
Ich fühlte, wie sich die Jahre meiner strikten religiösen Erziehung auflösten, weil mich diese weltberühmte katholische Nonne in echter Spiritualität und wahrer, bedingungsloser Liebe unterrichtete. Alle meine »Regeln« wurden weggewaschen und ich konzentrierte mich nur noch auf das, was wirklich wichtig war.
Mein bestimmender Moment kam, als ein acht Jahre alter Junge namens Jai hereingebracht wurde, der hysterisch schrie. Sein Bein war zerfetzt und in ein blutbedecktes altes Hemd gewickelt. Es war von einem Wagen am Knie abgetrennt worden, als er auf der Straße spielte. Mein Herz schrie: »Warum muss hier so enormes Leiden herrschen?«
Aber Mutter Teresa stellte diese Frage nicht. Sie fragte tatsächlich nie nach dem Warum – sie konzentrierte sich einfach auf das Was und das Wie.
Nach nur zwei Tagen konnte sich Jai im Bett aufsetzen. Er quietschte vor Aufregung, als ich ihm ein Spielzeugauto gab. Er ließ das Leiden bereits hinter sich – wie Mutter Teresa konzentrierte er sich auf das Was und das Wie. Und wenn es darum geht, wirklich zu helfen, dann, so sah ich jetzt, war das der Fokus und nicht das schreckliche: Warum?
Ein paar Tage später war ich im Kinderheim und ging durch den Korridor, als mich jemand rief: »Mister Tim!« Es war Jai. Sie hatten ihn verlegt. Er öffnete seine Arme und ich rannte zu ihm und umarmte ihn. Ich wusste. Ich verstand.
Klarheit
Ganz plötzlich hatte ich es. Durch den Reichtum der Erfahrung in Indien ergab sich ein sinnvolleres Leben. Bald würde ich in mein eigenes Land zurückkehren, ein enormer Kontrast bezüglich dessen, was »reich und erfolgreich« bedeutete – protzige Autos, teure Kleidung, perfekte, ausgestanzte Villen auf baumgesäumten Straßen, all das verblasste im Vergleich mit dieser unglaublichen, wahrhaft reichen Erfahrung.
Los Angeles, Kalifornien
»Ich suche nach der Mandelmilch. Sie haben nur Sojamilch, wo ist die Mandelmilch?«
Die Reihe sieben im Vons-Supermarkt bei meiner Arbeit könnte nicht weiter von den Straßen von Kalkutta entfernt sein. Meine Perspektive hatte sich so radikal verändert und ich kämpfte mit den Forderungen der Welt in Los Angeles. Nur ein paar Stunden zuvor war ich von verarmten und bedürftigen Menschen umgeben gewesen. Obwohl sie jetzt Tausende von Meilen entfernt waren, trug ich sie wie eine Familie in meinem Herzen.
Indien hatte mir einen Grund geliefert, morgens aufzustehen. Ich wusste exakt, wo ich hingehörte, von der Minute an, da ich aus dem Flieger stieg. Jetzt war ich umgeben von fünfzig Sorten Brot, zehn Sorten von Milch, reihenweise Klatschmagazinen aus Hollywood, und ich fühlte mich, als hätten mich Außerirdische auf einem klimatisierten Planeten nichtssagender Gesichtsausdrücke und doppelter Lattes abgeworfen. »Haben Sie ungesüßte Mandelmilch? Ich will nicht die normale, ich suche ungesüßte.«
Mein Kompass rotierte noch ein paar Tage, während derer ich mich bemühte, mich wieder einzugewöhnen. Aber dann erinnerte ich mich, dass mein Traum mich aus einem bestimmten Grund nach Indien geführt hatte. Jetzt war ich zurück und mein Leben konnte endlich beginnen. Es war an der Zeit, den Gang zu wechseln. Ich hörte auf meine Berufung und benutzte die bedingungslose Liebe, die ich gefunden hatte, als meinen Fixpunkt. Ich war sicher, dass die Sterne richtig standen und sich jeden Moment eine Gelegenheit auftun würde. Und natürlich ereignete sich ein weiterer Meilenstein auf meinem Weg, ein paar Tage später, als meine Gabe mich zurück auf meinen Pfad brachte.
KAPITEL 2
Die geistige Welt – eine neue Perspektive
»Ich tat damals, was ich konnte.Jetzt, da ich es besser weiß, mache ich es besser.«
MAYA ANGELOU
Wissen
Unsere Erfahrung verändert unsere Perspektive; es verändert, was wir »wissen«. Sie haben gesehen, wie sehr meine Kindheitserfahrung mit der geistigen Welt meine Perspektive auf das Leben verändert hat und wie sehr wiederum meine Erfahrungen in Indien meine Perspektive auf die Liebe verändert haben. Wie steht es mit unserer Perspektive zu Leben und Tod? Was wissen wir auf dieser Grundlage? Gibt es eine »andere Seite«, eine geistige Welt?
Unsere Wahrnehmung von Leben und Tod variiert auf der ganzen Welt immens, je nach Kultur, Religion und individueller Erfahrung. Aber ich habe alle vorgefertigten Vorstellungen über den Tod und den Himmel verschwinden sehen, wenn eine trauernde Seele Verbindung mit einem geliebten Menschen aufnimmt – in diesem Moment fühlen sie einfach nur Liebe.
Der Tod konfrontiert uns mit vielen Fragen und bringt viele Gefühle zum Vorschein, denen wir uns im nächsten Kapitel, »Trauer überwinden«, zuwenden werden. Durch meine Arbeit kann ich denen, die einen geliebten Menschen verloren haben, versichern, dass die betreffende Person nicht »verloren« ist, dass das nicht »das Ende« bedeutet. Und ich kann hoffentlich dabei helfen, ein neues Licht auf das Wort »Tod« zu werfen.
Veränderungen
Im kalten Licht des Tages scheint unsere geschäftige Welt der Kommunikationstechnologie über wenig spirituelle Verbindungen zu verfügen. Aber es entwickelt sich zunehmend eine Veränderung hin zu einer signifikanten Zunahme an spiritueller Verbundenheit und Achtsamkeit. Immer mehr Menschen begreifen, dass wir tatsächlich durch mehr als nur durch Smartphones und das Internet verbunden sind. Die geistige Welt fängt nicht erst am »Ende« des Lebens an – sie durchwebt uns von einer Minute zur nächsten. Verstehen kommt durch Erfahrung. Unser Verständnis jeden Fachgebiets verändert sich langsam, während sich unsere Lebenserfahrung entfaltet und unsere Meinungen nach und nach verändert.
Manchmal macht Verstehen einen Quantensprung erforderlich und jemand, der vielleicht noch nicht einmal an eine Dimension jenseits unseres materiellen Körpers geglaubt hat, erreicht ein Niveau des Verstehens, das alles verändert.
In meinem Job mache ich diese Erfahrung jeden Tag in den Sitzungen – ich sehe zu, wie sich der Vorhang hebt und wie die Leute begreifen, dass ihre Verstorbenen »weitermachen« und glücklich sind. Es klingt wirklich unglaublich.
Diese rapide Veränderung der Perspektive kann einen für den Augenblick ziemlich durchrütteln, wenn unsere Gehirne versuchen, etwas zu verarbeiten, was außerhalb ihres Erfahrungsbereiches liegt. Sobald die Person aufhört, nach dem Wie und dem Warum zu fragen und pure, bedingungslose Liebe und Wahrheit erlebt, wandelt sich die Verwirrung rapide in massive Erleichterung.
Samen
Kürzlich hat mich jemand gefragt, ob ich an die geistige Welt glauben würde, wenn ich sie nicht schon als Kind erlebt hätte. Ich habe wirklich keine Ahnung. Was ich jetzt weiß, ist, dass es die geistige Welt gibt und unsere Seelen jenseits dieser physischen Existenz in allen Richtungen weiterexistieren.
»Aber Tim, du sagst es so leicht – du redest mit den Toten. Ich kann das nicht und ich kapiere es einfach nicht.«
Ich würde niemals erwarten, dass jemand sofort ein Verständnis für die geistige Welt entwickelt oder auch nur glaubt, dass es eine gibt, nur weil derjenige ein paar Seiten in einem Buch gelesen hat. Es hat bei mir immerhin mein ganzes bisheriges Leben gedauert, bis ich sie kennenlernte – und ich entdecke immer noch Neues!
Warum lesen Sie also nicht die Berichte jener Leute, denen ich begegnet bin, statt zu »versuchen«, es zu verstehen, und erlauben diesen Geschichten, ihren Samen in Sie zu säen.
Wissen beginnt oft auf diese Weise – klein, wie ein Samen. Oder wie ein Spalt in der Tür, wir spähen hindurch und schieben die Tür dann ein klein wenig weiter auf, um sogar noch etwas mehr von der Wahrheit zu enthüllen. Aber manchmal öffnet sich die Tür schnell und das Wissen schießt nur so herein. Das geschah mit Jack.
»Wohin schauen Sie?«, fragte Jack.
»Nirgendwohin.« Ich versuchte, mich normal zu verhalten. Ich wollte meinen Partner Robbie nicht vor seinem besten Freund aus der Kindheit und dessen Frau und Kindern blamieren. Wir waren für ein paar Tage auf Hawaii, aßen mit Jack und seiner Familie in einem besseren Restaurant vor Ort und plötzlich kehrten meine Bilder verstärkt zurück.
Es war wie eine Wiederholung des Bildes meines Vaters im Krankenhaus, nur dass ich diesmal eine alte Frau über Jacks Kopf sah, die darauf bestand, dass ich ihm etwas mitteilte. Da er Feuerwehrmann war, ging ich davon aus, dass er nicht unbedingt offen für Ereignisse in der geistigen Welt war. Er rettete Leben, hatte es mit Situationen auf Leben und Tod zu tun; er redete nicht mit Leuten, nachdem sie gestorben waren. Ich versuchte, so gut es ging, sie zu ignorieren. Aber sie redete einfach immer weiter. Jetzt begann Jack, sich zu ärgern. »Was zur Hölle starrst du da an, Tim?« Ich begriff, dass ich mich der Situation stellen musste. Was, wenn ich ihm niemals ihre Botschaft überbrachte? Wie sollte ich mit mir weiterleben? »Er wird denken, ich bin verrückt – zumindest ich weiß, dass ich es nicht bin – aber das war’s jetzt, ich sag’s ihm. Atme tief durch.«
»Ich muss dir etwas sagen, Jack. Ich sehe Dinge, die man nicht erklären kann. Und manchmal bekomme ich Botschaften.« Jack starrte mich nur an.
»Der einzige Grund, warum ich dir das sage, ist, dass die Stimme dieser Frau in meinem Ohr lauter und lauter wird. Sie will Verbindung mit dir aufnehmen. Je mehr ich sie ignoriere, desto stärker insistiert sie.« Ich dachte schnell nach. »Oh Gott, der wählt gleich den Notruf oder lässt mich in die Irrenanstalt einweisen«, und wartete auf seine Reaktion.
Aber Jack sah mich nur an und sagte: »Okay.«
Ich war schockiert. Der große Feuerwehrmann war offen für das Leben nach dem Tod. »Es ist deine Mutter. Sie will, dass du mit deinem Trauerprozess anfängst.« Ich konnte spüren, wie mein Herz raste, während ich überprüfte, ob er dafür offen war. Er schaute mich einfach nur weiter an und hörte zu. »Sie will, dass du wieder anfängst, mit ihr Witze zu reißen.« Da sah ich, wie diesem Macho von Feuerwehrmann Tränen die Wangen hinunterliefen. Er wandte sich mir zu und flüsterte beinah: »Woher hast du das gewusst?«
»Weil ich sie höre. Wann ist sie gestorben?«
»Erst vor ein paar Wochen. Ich bin das jüngste von vier Kindern einer portugiesischen Familie.« Jetzt schluchzte er. »Ich war der Einzige, der mit ihr Witze gerissen hat. Bei der Beerdigung haben alle geweint, nur ich konnte nicht, ich hielt die ganzen Tränen drinnen. Heute ist das erste Mal, dass ich weine, seit Mutter gestorben ist.«
Dann hörte er auf zu weinen und lächelte. Ich konnte sehen, dass er Frieden gefunden hatte. Er dankte mir für die Botschaft seiner Mutter.
Von der Trauer zur Befreiung
Jack brauchte keine Erklärung. Er musste nichts über Verstorbene oder Energieebenen hören oder eine ausgedehnte Diskussion über spirituelle Theorien führen.
Er hörte einfach nur, dass seine Mutter wollte, dass er wieder zusammen mit ihr Witze riss und – bumm, das war es. Jack war aus der Trauer in die Befreiung gekommen.
So funktionieren die Fenster zur geistigen Welt. Und einfach nur, indem man es wahrnimmt und fühlt, befreit einen das aufs Erstaunlichste, wenn man wegen eines Verlustes trauert. Normalerweise braucht ein Trauerprozess Zeit – darum heißt es ja auch »Prozess«. Und jeder geht damit anders um. Jack hätte schon seine ersten Schritte damit gemacht. Aber als ich sah, wie er buchstäblich direkt in die Befreiung sprang, war das ein Meilenstein für mich. Es gab mir das Gefühl, dass es genau das war, was ich mit meinem Leben machen sollte.
Moment der Erkenntnis:Konzentration auf das Wesentliche
Natürlich hatte ich damals keine Ideen, wie ich diese Fähigkeit in mein Leben integrieren könnte. Wie könnte ich in Vollzeit trauernden Menschen helfen?
Aber manchmal müssen wir über das Wie gar nicht Bescheid wissen. Oft reicht es, sich nur auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dann müssen wir sensibel genug sein, um die Führung zu hören und die Zeichen zu sehen. Wenn die Bilder stark genug sind, werden sich die Leute und Gelegenheiten ergeben. Aber Sie müssen sich wirklich im Klaren darüber sein, was Sie wollen oder Sie werden die Zeichen übersehen – selbst wenn es ein Wink mit dem Zaunpfahl ist. Ich war mir todsicher – bitte um Entschuldigung für den Kalauer –, was ich wollte: »Ich möchte meine Gabe nutzen, um anderen zu helfen.«
Bald hatte ich einen Job in der Produktion bei der Leeza Gibbons Talk Show bei den Paramount Studios in Hollywood, Kalifornien. Damit bekam ich mehr Gelegenheiten, anderen zu helfen, als ich mir je hätte vorstellen können.
Eine Person nach der anderen kreuzte meinen Pfad und brachte das Bedürfnis nach Befreiung von ihrem Schmerz mit. Einer nach dem anderen führten sie mich wie ein Weg aus Brotkrumen zu einem unglaublichen Lehrer. Die Talkshow-Moderatorin Leeza Gibbons war großartig, sehr empathisch, mit einer Gabe dafür, Diskussionen über jedes nur mögliche Thema herbeizuführen und zu managen. Natürlich war sie von einem tollen Team professioneller Leute umgeben und eine davon war meine Kollegin Linda.
Linda
Eines Tages in einer kurzen Pause sah ich einen schwachen Umriss hinter Linda, das Bild eines älteren Mannes. Er sah mich an, dann sie, dann wieder mich. Ich wusste, dass er verzweifelt versuchte, ihr etwas zu sagen und ich dazu auserkoren war, die Botschaft zu überbringen. Gleichzeitig bekam ich entsetzliche Kopfschmerzen, als hätte ich einen Baseballschläger auf den Kopf bekommen. Ich spürte, dass es diesem Mann verzweifelt darum ging, seine Botschaft zu übermitteln. Obwohl wir nur noch drei Minuten Pause hatten, zog ich Linda zur Seite und sagte: »Erstens: Du musst wissen, dass ich diese ungewöhnliche Fähigkeit habe, mit Leuten zu reden, die verstorben sind.« Ich sah sie an, wartete auf ein Zeichen dafür, dass sie offen war.
Linda sah mich an: »Okay.«
Dann sagte ich: »Ich habe hier jemanden, der eine Botschaft für dich hat. Wäre es okay für dich, wenn ich sie dir erzähle?« Lindas Augen weiteten sich. »Ja, bitte erzähle sie mir!«
»Ist dein Vater gestorben?«
Linda nickte und sagte mit wackliger Stimme Ja. Der Schmerz in meinem Kopf wurde stärker. »Bist du okay?« Linda sah besorgt aus.
»Ich habe das Gefühl, dass etwas mit seinem Kopf war. Ergibt das einen Sinn?«
Sie sagte: »Oh mein Gott! Woher hast du das gewusst? Was sagt er?«
Ich wusste, dass sie die Botschaft brauchte, also machte ich weiter. »Er steht hier hinter dir und sagt, dass er sich Sorgen um dich macht. Er sagt, dass alles gut werden wird. Er sagt mir, dass er sich schlecht fühlt wegen dem, was passiert ist.« Linda flüsterte: »Niemand wusste, dass mein Vater Selbstmord begangen hat. Er hat sich in den Kopf geschossen.« Sie umarmte mich und sagte: »Danke.« Dann brach sie in Tränen aus und rannte vom Set.
Der Regieassistent brüllte, alle sollten zurück an die Arbeit Geben – »wir müssen hier eine Show drehen!« – aber ich sah im ganzen Studio Lichter und Visionen, über den Arbeitern und den Gästen, hörte Botschaften, ich hörte sogar, wie eine weibliche Stimme sagte: »Ich muss mit ihm reden.« Ich versuchte, sie mit meinen Gedanken zu verscheuchen, aber sie war eine penetrante Verstorbene. Ich sagte ruhig: »Nicht jetzt, er ist bei der Arbeit.« Gott sei Dank verschwand sie, aber ich wusste, sie würde zurückkommen.
Es klingt verrückt, aber für mich war es die neue Normalität. Tatsächlich wird es wirklich recht normal, wenn man ein Verständnis für die innere Stimme und die geistige Welt entwickelt. Es ist so, als hätten manche Leute eine andere Perspektive, als wären sie auf einer anderen Radiofrequenz; wenn alle anderen 105,1 FM eingestellt haben, hören sie 97,1 FM. Obwohl ich anfangs nur zusah und zuhörte, kamen die Verstorbenen immer wieder mit ihren Botschaften.
Alicia
Die nächste Botschaft war wieder für eine Kollegin von mir, Alicia. Eines Tages redeten wir über eine bevorstehende Episode der Show, als ich plötzlich drei Babys bei ihr sah, die alle »Mama!« riefen. Es war wie ein Echo von Babystimmen. Ich versuchte, sie zu ignorieren, aber sie waren ziemlich penetrant und wurden lauter. Es war so seltsam, dass mir Babys eine Botschaft überbrachten. Wie konnten all diese Babys ihre sein? Sie sahen sich gar nicht ähnlich, eines war ein Latino, eines weiß und eines afroamerikanisch.
Ich kannte Alicia kaum und hatte das Gefühl, dass ich in ihre Privatsphäre eindrang. Ich wollte sie nicht beunruhigen und dafür sorgen, dass sie wie Linda am Set in Tränen ausbrach. Ich wusste daher nicht, was ich tun sollte. Die geistige Präsenz war so vehement. Schließlich sagte ich: »Alicia, ich muss dir etwas sagen. Können wir irgendwohin geben und reden?«
»Klar.«
Also gingen wir nach der Arbeit über die Straße in den Park. Ich erklärte ihr meine Fähigkeit, mit Verstorbenen zu reden. Ich atmete tief durch und sprach weiter: »Ist das für dich in Ordnung?« Sie sagte Ja. Ich war erleichtert, dass sie offen dafür war, eine Botschaft zu bekommen. Dann fragte ich: »Hattest du jemals Kinder?«
»Nein.«
»Ich sehe drei Babys in deiner Nähe. Tatsächlich sitzen sie gerade auf deinem Schoß. Eines ist afroamerikanisch, eines Latino, eines weiß. Sie nennen dich Mama. Ergibt das irgendeinen Sinn?«
Alicia sah aus wie betäubt. Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Ich konnte spüren, wie sie damit rang, ob sie mir etwas erzählen sollte. Dann sagte sie mit bebender Stimme. »Ich weiß, wer sie sind. Ich hatte drei Abtreibungen.«
Ich sagte: »Sie sagen, sie verstehen dich und sie vergeben dir.« Alicia sah mich mit Tränen in den Augen an und sagte: »Das hängt schon seit Jahren über mir.« Ich konnte ihre Erleichterung spüren.
Von da an sah Alicia aus wie ein neuer Mensch. Sie war sprühender, lebendiger. Diese Botschaft erlaubte es ihr, mit ihrem Leben weiterzumachen und befreite sie, weil sie sich nicht länger mit ihren Schuldgefühlen quälte.
Ertrinken in dunkler Energie
Ich bekam nach und nach immer mehr Botschaften für die Mitarbeiter. Bald wurde ich zur »Show in der Show« – sie fingen an zu weinen, überwältigt von Emotionen, und unterbrachen die Aufnahme.
Es passierte mir nicht nur bei meinen Kollegen, auch die Gäste von Leezas Show hatten ihre Auswirkungen auf mich. Bei einer dieser Shows mit Müttern ermordeter Jugendlicher fühlte ich eine überwältigende Beklemmung im Brustkorb und wollte einer der Frauen etwas zurufen. Als ich mit ihr redete, hatte ich das Gefühl, ich würde das Verbrechen noch einmal erleben. Ich hatte mich bisher noch nie so einer Erfahrung stellen müssen und mir wurde klar, dass man einen körperlichen Preis zahlen musste, wenn man Opfern half. Wenn der Tod besonders gewaltsam war, würde ich das gesamte körperliche und emotionale Trauma erleben, das sich während ihres Übergangs in die geistige Welt ereignet hatte.
Während der Show begann die Mutter eines ermordeten Jugendlichen zu sprechen und mein Körper fühlte sich krank und beengt an. Es war, als hätte ich eine Panikattacke. Trauer, Wut und alle anderen Emotionen brachen über mich herein, als wäre ich der ermordete Sohn. Ich konnte sein Gesicht sehen. Dann kam die Mutter des Teenagers, der verurteilt worden war, an die Reihe und das Gefühl wurde schlimmer. Ich wollte hinausrennen, aber wir waren mitten in der Aufnahme. Und als die Show weiterging, ertrank ich förmlich in dunkler Energie, hatte das Gefühl, als würde ich durch einen Tunnel ohne Ausweg Geben.
»Pause« drücken
Manchmal im Leben muss man auf den »Pause«-Knopf drücken. Ich konnte nicht weiter für die Show arbeiten, wenn diese Erfahrungen durch mich hindurchströmten.
Also kündigte ich und dachte dann lange und gründlich darüber nach, was mit mir geschah, wenn ich diese Botschaften bekam. Das war mein eigener persönlicher Lernprozess über die geistige Welt und meinem Platz mit ihr. Wieder einmal war mein Kopf voller Fragen. Ich brauchte die Meinung eines Experten und Antworten, denen ich vertrauen konnte.
Diese »Pause« bei meiner Berufung gab mir die Chance, auf meine Führung zu hören und die Zeichen zu sehen. Ich konnte mich anschließend wieder auf das konzentrieren, was ich wollte: »Ich will meine Gabe benutzen, um anderen zu helfen.«
James Van Praagh und das Handwerkszeugeines Mediums
Ein guter Freund erzählte mir von James Van Praagh. James ist ein bekanntes Medium – okay, er ist eine Legende – und als mein Freund anbot, mich ihm vorzustellen, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf.
Wir trafen uns zum Mittagessen. Ich fühlte mich geehrt, mit einer derart herausragenden Persönlichkeit eine Mahlzeit zu teilen. James war liebenswert, normal und extrem hilfreich. Er konnte meine Situation vollkommen verstehen und lud mich ein, zwei Tage später zu einer seiner Darbietungen zu kommen.
James Van Praaghs Live-Demonstration
Seine Demonstration war eine unglaubliche Erfahrung. Es gab zwei Schlüsselelemente, die ich mit nach Hause nahm. Zum einen war es für mich die erste klare Demonstration, wie sich ein Medium mit der geistigen Welt verband. Ein Verstorbener nach dem anderen erschien und schickte Botschaften durch James. Er sagte: »Medien haben die Fähigkeit, die energetische Schwingung zu erhöhen, während die, die hinübergegangen sind, ihre senken müssen, um uns auf halbem Weg zu treffen.« Das ist etwas, was ich täglich in meiner Arbeit erlebe: Ich muss die Energie der Verstorbenen verlangsamen, wenn sie »herumrennen«. Gleichzeitig muss ich denen, die versuchen, Verbindung aufzunehmen, helfen, ihre Schwingung zu erhöhen. Kapitel 5 und 6 sind der Erhöhung der eigenen Schwingung gewidmet; Sie können das ebenfalls und es wird jeden Aspekt Ihres Lebens verändern!
Zum anderen nahm ich aus James’ Demonstration mit, wie ich meine eigene Gabe einsetzen konnte. James hatte einen ganz klaren Prozess. Erst führte er das Publikum durch eine meditative »Reinigung«, um die Energie im Raum zu erhöhen. Dann konnte er sich »auf der Stelle« mit den Verstorbenen verbinden, so wie ich es bei meinen Kollegen bei der Leeza Gibbons Show gemacht hatte.
Als James gerade seine Anfangsmeditation abgeschlossen hatte, sah ich ein blondes Mädchen, etwa zehn Jahre alt, durch den Raum laufen. Gleichzeitig verkündete James: »Es läuft ein junges Mädchen durch den Raum, sie ist ungefähr zehn Jahre alt. Langes blondes Haar, sie lächelt und singt.«
James rief jemandem im Publikum zu: »Der Herr da drüben, in der Ecke. Mit dem hübschen rosa Schal. Ja, Sie. Hat der Name Jessica eine Bedeutung für sie?«
»Ja.«
»Sie steht direkt hinter Ihnen. Sie hat langes blondes Haar. Sie ist etwa zehn Jahre alt.« Der Mann weinte jetzt und nickte. Er hatte das kleine Mädchen aus Versehen überfahren, als sie die Straße überquerte.
»Jessica sagt mir, es geht ihr gut, sie weiß, dass ihr Hinscheiden ein Unfall war, und es ist in Ordnung. Sie ist immer um Sie. Sie weiß, dass Sie heute Morgen mit ihr geredet und sie gebeten haben, heute zu kommen.«
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.