Kitabı oku: «Gellengold»

Yazı tipi:

Tim Herden

Gellengold

Ein Hiddensee-Krimi

mitteldeutscher verlag

Tim Herden, geboren 1965 in Halle (Saale), arbeitete nach dem Studium der Journalistik in Leipzig zunächst als wissenschaftlicher Assistent und Journalist, ehe er 1991 Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk in Dresden wurde. Heute ist er Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio Berlin. „Gellengold“ ist sein erster Krimi.

Handlungen und Figuren entspringen der Fantasie des Autors. Darum sind eventuelle Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig und nicht beabsichtigt.

2010

© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverkag.de

Alle Rechte vorbehalten

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

ISBN: 978-3-95462-694-6

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

Für

Kati und Marianne

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Selbst die Möwen fanden selten hierher, …

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

Selbst die Möwen fanden selten hierher, an den Südstrand. Nur ein paar Seeschwalben tobten sirrend wie Tiefflieger durch die Luft. Todesmutig stürzten sie sich senkrecht ins seichte Meer auf der Jagd nach verirrten Fischen im Flachwasser der Ostsee. Die Junisonne hatte das Meer aufgewärmt. Nun war sie mit rotem Schweif darin versunken. Ihre Spuren waren am Horizont noch zu sehen und nur langsam senkte sich die Dämmerung.

Er liebte diese Stimmung und auch die Einsamkeit um diese Zeit im Süden der Insel Hiddensee. Vielleicht noch bis zum kleinen Leuchtturm Gellen verirrten sich dann Touristen. Die Hiddenseer selbst hatten sich längst in ihre Häuser zurückgezogen. Der Sonnenuntergang im Meer war für sie so gewöhnlich wie das Anschlagen der Wellen am Strand.

Er hatte sein Fahrrad mit dem kleinen Anhänger mit an den Strand gezogen. Vorsichtig schaute er sich um, dass nicht doch noch der Naturparkwächter hier herumschlich auf der Suche nach irgendwelchen Vogelnestern. Nur der nahe Leuchtturm warf mit jeder Umdrehung immer weiter den Lichtkegel in seine Richtung.

Von der Sperre zum Nationalparkgebiet hatte er sechs Buhnen abgezählt. Hier zwischen der sechsten und siebten watete er in die Ostsee. Fünfzehn Meter musste er ins Wasser gehen. Da stieß er auf den ersten Stein, der ungefähr einen halben Meter unter der Wasseroberfläche sanft vom Meerwasser umspült wurde. Grüne Algen hatten sich angeheftet und ließen ihre Arme mit der Strömung treiben. Wenn er mit seiner Kopflampe in die Wellen leuchtete, glitzerte die Oberfläche des Steins. Er tauchte seine Hände ins Wasser und strich damit über den Stein. Das Wasser hatte die Kanten abgeschliffen in den letzten siebenhundert Jahren.

Er ging zurück zu seinem Fahrrad und löste die Plane vom Hänger. Ein kleiner Kompressor mit zwei Schläuchen kam zum Vorschein. Ein wenig sah das Gerät aus wie ein Staubsauger. Damit konnte man Fundstücke am Meeresboden von Sand und Schlick freispülen. Außerdem lag ein Unterwassermetallsuchgerät in dem Wagen. Er hob beide Gerätschaften heraus, hängte sie sich über die Schultern und ging wieder ins Wasser. Dort schaltete er das Metallsuchgerät ein und setzte sich einen Kopfhörer auf. Nur ein leises Brummen war zu hören, während er mit der Sonde den Meeresboden abschwenkte. Je weiter er vorwärtsging und mit der Stirnlampe den Meeresboden ableuchtete, desto deutlicher zeigte sich der Stein als Teil einer alten Mauer oder eines Fundaments, das in den Sandbänken versunken war. Plötzlich hörte er ein kurzes Klicken im Ohr. Er schaltete das Metallsuchgerät aus und begann mit dem Unterwasserstaubsauger den Sand abzusaugen. In einem grobmaschigen Netz fingen sich Kiesel und Muscheln, der Schlick und Sand wurden durchgepustet, zurück ins Meer.

Gebückt fächelte er mit der Hand den aufgewühlten Meeresboden vorsichtig in das Rohr. Mit den Händen tastete er immer wieder den schlammigen Boden neben den groben Felssteinen ab. Er kniete sich hin. Das Meer versank langsam in der Dunkelheit. Er war so in seine Arbeit vertieft, dass er die Positionslichter eines Schiffes kurz vor den Tonnen der Fahrrinne nicht bemerkte. Auch nicht den kurzen Blitz auf dem Boot, als sich der Lichtschein des Leuchtfeuers Gellen in den beiden Okularen eines Fernglases spiegelte. Er stand wieder auf, schaltete den Unterwasserstaubsauger ab. Hatte er wirklich ein Klicken im Kopfhörer gehört? Noch einmal fuhr er mit der Sonde den Boden ab. Im Kopfhörer tickte es wieder.

Er hörte nicht, wie sich eine Person durch das flache Wasser vorsichtig von hinten näherte, den Arm hob und ihn blitzschnell auf seinen Rücken niederfahren ließ.

Ein Schlag durchzuckte seinen Körper. Ruckartig richtete er sich auf, spürte zugleich, wie seine Kraft plötzlich schwand. Er verlor das Gleichgewicht, griff sich ans Herz, fühlte den warmen feuchten Fleck und wie jeder Pulsschlag Blut aus ihm herauspumpte. Dann brach er im Wasser zusammen. Er schaute in die dunklen Augen seines Mörders, der immer noch wie erstarrt neben ihm im Wasser stand. Sagen konnte er nichts mehr.

Seine Hände verkrampften sich im nassen Sand neben der Mauer im Wasser. Etwas Kühles, Glattes, ein Stück Metall griff seine rechte Hand im Todeskrampf. Als Letztes schmeckte er das Salz der Ostsee. Wind kam auf. Landeinwärts.

I

Stefan Rieder schaute auf die blühenden Heckenrosen. Sie hatten den schmalen Lattenzaun längst überwuchert. Eine Pferdekutsche mit gelber Plastikplane fuhr in leichtem Galopp vorbei über den brüchigen Beton des Wiesenweges. Ihr Ziel war der Hafen von Vitte. In einer Viertelstunde würde die erste Fähre mit Touristen von Rügen einlaufen. Dann wäre es 9.15 Uhr.

Nach der Kutsche konnte Stefan Rieder die Uhr stellen. Sie eilte seit Saisonbeginn zu Ostern jeden Morgen ihrem Ziel entgegen. Immer zur gleichen Zeit. Ob bei Sonne, Sturm oder Regen. Egal. Hier auf Hiddensee folgte das Leben der Einheimischen den An- und Ablegezeiten der Fähren von Schaprode und Stralsund. Fiel ein Schiff aus, kam auch gleich der heimliche Tagesablauf auf der Insel durcheinander. Und wie auch immer, die Nachricht von einem Motorschaden auf einer Fähre oder einem Ausflugsschiff verbreitete sich so schnell wie ein Lauffeuer.

Heute aber ging alles seinen Gang. Denn wie Rieder so versonnen eine halbe Stunde später immer noch aus dem Fenster auf den Wiesenweg blickte, kam vom Hafen her das kleine Elektromobil mit dem Hänger für die Post. Die Fähre war also pünktlich gewesen. Jetzt musste es 9.30 Uhr sein, denn das Ausladen der Transporthänger vom Schiff an Land dauerte immer so zehn Minuten. Die Fahrt hierher, zum alten Postgebäude nebenan, fünf. Und der Blick auf die alte Uhr bewies Rieder – es war Punkt 9.30 Uhr.

Rieder hatte dagegen noch nicht so richtig seinen Lebensrhythmus hier auf der Insel gefunden. Vor zwei Monaten war er mit drei Koffern in Vitte angekommen. Während die Urlauber von den Pensionsbesitzern und Ferienhausverwaltungen schon am Hafen mit Wagen abgeholt wurden, wartete auf Rieder niemand. Er hatte nur eine Adresse und einen Namen: Malte Fittkau. Bei ihm sollte er sich melden und dort den Schlüssel für seine neue Bleibe bekommen. Übers Internet hatte er ein Kapitänshaus gemietet. Als er dann seine Koffer bis in den Wiesenweg gebuckelt hatte, entpuppte es sich weniger als repräsentatives Objekt, sondern vielmehr als gemütliche Kate mit Schilfdach, versteckt hinter einer gewaltigen wilden Rosenhecke. So konnten Bilder im Internet lügen, aber für Rieder war es Liebe auf den ersten Blick. Das würde ein idealer Rückzugsort sein.

Malte Fittkau wohnte auf dem Nachbargrundstück und betrieb dort mit seinem Bruder Holm verschiedene Ferienobjekte. Einen Zaun oder eine Hecke gab es nicht und die erste Begegnung mit Malte hatte Stefan Rieder schon einiges über die Mentalität der Hiddenseer erfahren lassen. Reden war nicht Maltes Sache. Er hatte Rieder angeschaut, als würde er auf etwas warten. Seinem Aufzug aus Schifferhemd, Hose, Stiefel – und nicht zu vergessen den Hosenträgern – hatte eigentlich nur noch die Pfeife im Mundwinkel gefehlt, um das Klischee vom Fischer abzurunden. Ihr erstes Gespräch, wenn man es überhaupt so nennen konnte, hatte aus zwei Sätzen bestanden: »Hier sind die Schlüssel. Wo’s steht, haben Sie ja gesehen.«

Innen strahlte das Haus Gemütlichkeit aus. Unten gab es eine große Stube, eine kleine Küche und eine Kammer mit Waschbecken. Oben unterm Dach ein Schlafzimmer, vom dem ein kleiner Verschlag abgeteilt war, in dem ein Stoffkleiderschrank stand. Es war alles nett eingerichtet mit alten Möbeln. Rieder hatte in das Haus geschaut und sofort seinen Lieblingsplatz erkannt: in der Stube, auf der Eckbank am Esstisch mit dem Blick aus vier Fenstern auf den Wiesenweg von Vitte. Es war eine Art Hochsitz. So waren eben Polizisten. Beobachten war ihr Geschäft.

Auf einem Zettel hatte Rieder genaue Anweisungen gefunden. Erst einmal hatte er die Sicherungen einschalten, dann das Wasser anschließen müssen. Dazu gab es vor dem Haus eine abgedeckte Grube. Natürlich waren Wasseruhr und Ventile überspült vom Grundwasser. Nach einer halben Stunde des Schöpfens hatte endlich alles freigelegen, doch die Hähne waren nicht zu bewegen. Rieder hatte gerüttelt und sich die Finger wund gedreht, als er vor Schreck fast in die Grube gefallen wäre. Wie aus dem Nichts hatte plötzlich eine Stimme gesagt: »Ich könnte Ihnen auch eine Zange borgen.«

Als Rieder sich umdrehte, stand Malte Fittkau hinter ihm und hielt ihm schon eine Rohrzange entgegen. Während Rieder die Absperrhähne öffnete, ging Fittkau ins Haus und drehte die Wasserhähne auf, ließ das Wasser laufen, kam wieder heraus, bemerkte: »Wasser läuft. Duschen können Sie bei mir. Eine Duschmarke kostet zwei Euro.« Damit hatte er seine Zange genommen und war verschwunden. Rieder hatte ihm noch »danke« hinterhergerufen, ohne dass Fittkau sichtbar reagiert hatte.

Das war im April gewesen. Jetzt im Juni stand die Insel in voller Blüte. Hier in Vitte dominierte das Rosa der Röschen. Am Deich zum Bodden leuchteten die roten Blütenblätter des Mohns. Das Hochland hinter Kloster, der Ortschaft im Norden der Insel, erstrahlte im Gelb des blühenden Ginsters. Nachdem der Mai kalt und ungemütlich auf der Insel gewesen war, wärmte seit Tagen die Sonne die Luft und die Ostsee. Das Meer lud mit überraschend lauem Wasser zum ersten Badevergnügen ein. Eigentlich musste sich Rieder langsam auf den Weg machen zum Revier im Rathaus. Dort tat er seit zwei Monaten Dienst neben dem Hauptwachtmeister Ole Damp. Rieder in Zivil, Damp in Uniform. Rieder hatte zuvor als Ermittler in Berlin gearbeitet, doch nun wollte er nur noch Ruhe. Auch war er gesundheitlich nicht mehr so ganz auf dem Posten. Stress und Angst hatten ihren Tribut gefordert. Da war ihm die Stellenausschreibung der Polizeidirektion Stralsund wie ein Wink des Schicksals erschienen. Für Hiddensee suchte man einen Zivilbeamten, der sich der Urlauberbetreuung und Verbrechensvorbeugung widmen sollte.

Seine Hoffnung hatte sich erfüllt. Statt in verrauchten Berliner Kneipen Dealer oder Zuhälter zu observieren, spazierte er nun über die Inselstraßen und den Strand, machte Touristen darauf aufmerksam, auf ihre Wertsachen zu achten, wies auch schon mal den einen oder die anderen darauf hin, wo die unsichtbare Grenze zwischen Textil- und FKK-Strand verlief. Rieder glaubte, im Polizistenparadies angekommen zu sein, denn die Kriminalstatistik dieser Insel beschränkte sich auf Fahrraddiebstähle und Mundraub an Kirschen und Pflaumen. Höhepunkt war laut Aktenbestand des letzten Jahres eine versuchte Vergewaltigung. Allerdings hatte die betroffene Dame den Slip noch bereitwillig abgelegt, bevor sie sich überlegte, ihren Verehrer doch abzuweisen. Das Verfahren wurde eingestellt. Alles wäre perfekt gewesen, wenn nicht noch Hauptwachtmeister Ole Damp zum Polizeiposten Hiddensee gehört hätte. Damp war ein richtiger Hüne, über eins neunzig, hatte allerdings mit den Jahren auch ganz schön über den Hüften ausgelegt. Sein Gang war schlaksig und wenn er durch die Straßen von Hiddensee patrouillierte, kam seine Uniform schnell in Unordnung. Besonders das Hemd rutschte dann immer wieder aus der Hose.

Die Verkehrssicherheit der Fahrräder auf der Insel und deren ordnungsgemäße Beleuchtung waren mangels sonstiger Fälle Damps große Leidenschaft, zum Spott der Insulaner. Für die waren die Fahrräder auf der autofreien Insel ein Gebrauchsgegenstand, die nur eine Voraussetzung zu erfüllen hatten: nämlich fahren. Falls es funktionierte, auch mit Licht. Ansonsten ohne. Und das war der Normalfall.

Es kam nicht selten vor, dass an den Skattischen der Insel der Verlierer verpflichtet wurde, am nächsten Morgen sein Fahrrad Damp vorzuführen. Der nahm die Sache auch wirklich ernst, wenn wieder jemand an die Bürotür klopfte und meinte, er wolle gern mal seinen Drahtesel auf Verkehrssicherheit überprüfen lassen. Der untersetzte Wachtmeister stand dann auf, straffte die Uniform, setzte seine Sonnenbrille auf und marschierte, jawohl, marschierte nach draußen und dort um das Fahrrad herum. Unter dem fernen Gelächter der Skatbrüder ließ er sich die Funktionstüchtigkeit von Licht und Bremsen vorführen, nickte kurz, wenn alles okay war, oder griff in seine Brusttasche und schrieb einen Zahlungsbeleg aus, wenn nicht. Von denen war bisher allerdings keiner bezahlt worden, sondern sie hingen wie früher das beste Skatblatt an den Wänden über den Stammtischen der Hiddenseer Kneipen.

Damp war nicht gerade begeistert gewesen von seinem neuen Kollegen, dem Kriminalhauptkommissar Rieder, auch weil noch nicht entschieden war, wer zukünftig die Dienststelle Hiddensee leiten würde, Damp oder Rieder. In Stralsund wollte man erst einmal sehen, was bei diesem Versuch herauskäme. Damp jedenfalls setzte viel daran, Rieder das Leben auf der Insel nicht gerade angenehm zu machen. Mit kleinen Schikanen piesackte er den ungeliebten Neuen. Mit der Begründung, Rieder hätte noch keine Betriebsfahrerlaubnis für Mecklenburg-Vorpommern, nahm sich Damp das Recht, allein den Dienstwagen zu benutzen. Rieder musste, wohl oder übel, per Dienstfahrrad die Insel überqueren und war dabei gleich am zweiten Abend mit Damp aneinandergeraten. Als Rieder von einer Kontrollfahrt in der Dämmerung von Neuendorf nach Vitte zurückgeradelt war, war plötzlich Damp auf Höhe der Ferienanlage »Heiderose« aus dem Gebüsch gesprungen.

»Hauptwachtmeister Damp. Würden Sie bitte anhalten?«

Rieder hatte gebremst und gefragt, was los sei.

»Sie fahren ohne Licht! Das ist ein Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung.«

»Na okay, dann mache ich es eben jetzt an.«

»So einfach geht das aber nicht. Ich muss gegen Sie ein Bußgeld von zehn Euro verhängen.«

Rieder war etwas verstört von diesem Auftritt seines Kollegen. Damp solle doch nun mal nicht übertreiben. Aber dieser hatte sich weder aus der Ruhe, noch von seinem Vorhaben abbringen lassen.

»Auch Sie sind ein Bürger wie jeder andere und haben sich an die Verkehrsregeln zu halten. Wir sind hier nicht in Berlin, wo es vielleicht mit Ordnung und Sicherheit etwas laxer genommen wird. Also bitte, bezahlen Sie das Bußgeld sofort oder soll ich Ihnen einen Zahlungsbeleg ausstellen?«

Rieder hatte seine Geldbörse aus der Hose gekramt, zehn Euro rausgezogen und sie Damp in die Hand geklatscht. Dann war er wieder aufs Rad gestiegen und wutentbrannt davongefahren.

Über diesen Vorfall hatten sie zwar nie wieder ein Wort verloren, aber das zwischenmenschliche Klima im kleinen Büro der Polizeistation war seitdem auf den Gefrierpunkt gesunken. Dabei hätte Damp ganz gut etwas moralische Unterstützung gebrauchen können. Die Insulaner mochten ihn nicht, weil er keiner von ihnen war, sondern von Rügen kam. Und mit der Nachbarinsel und ihren Bewohnern verband die Hiddenseer eine regelrechte Hassliebe.

Rieder zog es also nicht besonders ins Büro. Aber bevor er heute den Norden der Insel umrunden wollte, um die Trittsicherheit der Treppenstufen am Steilufer zu prüfen, musste er sich bei Damp wenigstens kurz melden, falls noch etwas anderes zu tun anstand. Er räumte den Frühstückstisch ab, und wie er das Geschirr in das kleine Abwaschbecken stellte, sah er den Hiddenseer Polizeiwagen inklusive Damp und Blaulicht in hohem Tempo in Richtung Neuendorf vorbeifahren. Was war da los? Damp übertrieb zwar immer mal mit seiner Einsatzbereitschaft und ließ gern den Sheriff raushängen, aber das war nicht unbedingt seine Art und auf Blaulicht hatte er bisher auch immer verzichtet. Rieder ging hinaus und pumpte noch kurz sein Rad auf. Er winkte Malte Fittkau, der gerade seinen Rasen stutzte, und schob sein Rad zum Gartentor, da klingelte sein Telefon.

»Hallo.«

»Hier Damp. Kommen Sie schnell zum Strandabschnitt südlich des Leuchtturms Gellen, so kurz vor der Grenze zum Nationalpark. Es ist etwas passiert.«

»Ja was denn?«, fragte Rieder genervt zurück, aber Damp hatte schon aufgelegt.

Schöner Mist. Bei der Sonne jetzt nach Neuendorf. Rieder setzte sein Basecap auf, um seine schüttere Haarpracht, um nicht zu sagen Glatze, vor der Sonne zu schützen. Dann schwang er sich auf sein Rad und machte sich in Richtung Neuendorf auf den Weg. Am Deich hinter Vitte überholten ihn der Krankenwagen aus Kloster, ebenfalls mit Blaulicht, und der Arzt mit seinem Jeep. Es musste also wirklich etwas passiert sein. Vielleicht war jemand ertrunken oder hatte sich verletzt beim Baden? Hinter Neuendorf wurde der Weg sandig, und da es schon Tage nicht geregnet hatte, ließ sich das Rad schwer durch den staubigen Untergrund manövrieren. Hinter dem Leuchtturm Gellen sah Rieder schon den Streifenwagen mit rotierenden Blaulichtern und den Krankenwagen am Strandübergang stehen. Er sprang vom Rad.

Unten am Wasser standen Damp, der Arzt und die Sanitäter. Sie beugten sich über einen offenbar leblosen Körper im Sand. In einigem Abstand waren die ersten Strandgänger versammelt und beobachteten neugierig die Männer. Rieder tippte Damp auf die Schulter. »Was ist hier eigentlich los?«

»Ein Toter am Strand!«

»Und! Ist er ertrunken oder …«

»Ich schätze, er ist ermordet worden. Auf seinem Rücken klafft eine breite Wunde. Könnte von einem Messer stammen.«

Rieder blickte auf den Toten, hockte sich hin.

»Gibt es Papiere, einen Ausweis oder so etwas?«

»In seinen Taschen haben wir nichts gefunden.«

Die schwarzen Haare des Mannes waren noch nass und von Sandkörnern durchsetzt. Das karierte Hemd klebte an seinem Körper. Ohne Handschuhe wollte Rieder die Leiche nicht anrühren.

»Können Sie mal ein Paar Latexhandschuhe aus dem Polizeiwagen holen? Wir müssen aufpassen, dass wir nicht die wenigen Spuren verwischen, die uns das Wasser noch gelassen hat. Alarmieren Sie die Spurensicherung von Stralsund. Die sollen so schnell wie möglich herkommen.«

Damp schnaufte.

»Ich bin doch nicht ihr Laufbursche …«

Rieders Blick brachte Damp zum Schweigen. »Jetzt nicht. Wer hat die Leiche überhaupt gefunden?«

Damp zeigte auf einen Mann in grüner Uniform. Rieder erkannte in ihm einen der Nationalparkwächter. Sein Name war Gerber. Rieder hatte schon einmal mit ihm zu tun, als er in der Heide ein totes Reh entdeckt hatte. Gerber war gekommen, um es wegzuschaffen.

Rieder ging zu ihm hin, während Damp zum Streifenwagen eilte, so schnell es ihm sein massiger Körper erlaubte.

»Sie haben den Mann gefunden?«

Gerber hob etwas die Schultern, als würde er frösteln. »Ja! Er trieb da im seichten Wasser. Ich kam grade vorbei, wollte zum Sperrgebiet, die Nester am Strand kontrollieren. Da sah ich ihn liegen. Ich bin gleich hingerannt, aber der war tot. Das hab ich gleich gesehen. Ich hab ihn dann weiter hoch an Land gezogen und Damp angerufen.«

»Haben Sie sonst noch was bemerkt?«

»Erst dachte ich, er wäre vielleicht angetrieben worden. Vielleicht besoffen von einem Segler gefallen. Aber dann sah ich das Rad da stehen.« Rieder sah es jetzt auch. Inzwischen kam auch Damp wieder zurück. »Die Stralsunder machen sich auf den Weg. Sie werden mit dem Boot in einer Dreiviertelstunde hier vor Ort sein.« Er reichte Rieder die Handschuhe.

Beim Überziehen meinte er: »Wir sollten den Strandabschnitt sperren, mindestens zwei Strandabgänge von hier nach Norden und Süden. Oder was meinen Sie?«

»Ich kümmere mich mal drum«, klang Damp etwas versöhnlicher und begann die Schaulustigen vom Strand wegzutreiben. Rieder wandte sich an einen der Sanitäter. »Können Sie mir mal helfen, den Mann umzudrehen?«

Vorsichtig legten sie den Toten auf den Bauch. Da sah auch Rieder den Riss im Hemd.

»Doktor Müselbeck, was schätzen Sie, wie lange er schon tot ist?«

»Ich bin zwar kein Pathologe und dann ist es immer schwer, bei einer Wasserleiche den genauen Todeszeitpunkt festzulegen, aber nach der ersten Untersuchung würde ich sagen, noch vor Mitternacht, vielleicht so gegen 22 oder 23 Uhr.«

Rieder fiel auf, dass die rechte Hand zur Faust geballt war, aber nicht völlig geschlossen. Und es schimmerte etwas durch die Finger.

»Was hat er da in der Hand?«

Müselbeck versuchte die Faust zu öffnen. Etwas Goldenes wurde sichtbar. Er nahm es aus der Hand und gab es in eine kleine durchsichtige Plastiktüte, die ihm Rieder entgegenhielt.

»Es scheint so etwas wie eine Münze zu sein.«

»Das ist eine Münze«, meinte Müselbeck, »mein Vater hat mal solche Dinger gesammelt.«

»Und ist die wertvoll?«

»Schwer zu sagen, ich hab mich nicht dafür interessiert, aber alt ist die bestimmt, ziemlich alt.«

Rieder steckte das Beweisstück in die Jackentasche und wandte sich dem Rad zu. Ein grau-grünes Herrenrad, Marke Diamant, noch aus DDR-Zeiten. Er hatte als Kind selbst solch ein Rad besessen. Es musste mindestens dreißig Jahre alt sein, wenn nicht noch älter, denn Rieder erinnerte sich, dass er es von seinem Bruder geerbt hatte. Und der war zwölf Jahre älter als er. Anfassen wollte es Rieder nicht, bis die Spurensicherung aufgetaucht war. Vielleicht war ja da noch etwas rauszuholen.

Damp hatte die Strandzugänge mit Band abgesperrt und kam nun durch den Sand zurückgestapft.

»Alles okay. Ich habe die freiwillige Feuerwehr herangeholt. Die kontrollieren jetzt die Zugänge, damit hier keiner herkommt.«

»Gute Idee. Vielleicht nehmen wir, bis die Kollegen aus Stralsund eintreffen, die Aussage von Herrn Gerber auf.«

»Ich hole mal den Laptop aus dem Auto.«

Rieder riss die Augen auf. »Welchen Laptop?«

»Na für operative Einsätze haben wir natürlich einen Laptop an Bord, für Aussagen oder Kennzeichenabgleiche.«

»Aha.« Eigentlich wollte Rieder Damp fragen, warum er erst jetzt erfuhr, dass das Revier hier auf Hiddensee über einen Laptop verfügte, andererseits stellte er sich vor, wie viele Kennzeichen bereits auf der autofreien Insel per Laptop abgefragt worden waren.

Während er noch den Kopf schüttelte über seinen Kollegen Damp, fragten die Sanitäter, ob sie noch gebraucht würden. Und auch Müselbeck meinte, er müsse sich eigentlich mal wieder seinen Patienten zuwenden, die in der Praxis in Vitte auf ihn warten würden.

»Ich werde euch hier noch brauchen, auch um die Leiche abzutransportieren.«

»Wir sind aber kein Bestattungsunternehmen. Da sollen die mal einen von Rügen rüberschicken.«

»Wie läuft das denn, wenn hier auf der Insel sonst jemand stirbt?«

»Dann kommt der Sarg aus Rügen und mit der Kutsche geht es in die Kapelle auf dem Friedhof in Kloster. Aber wir haben damit nichts zu tun. Und so wie der aussieht, macht der uns nur den ganzen Wagen dreckig. Die Arbeit, die Kiste wieder sauber zu kriegen …«

Rieder merkte, wie er schlechte Laune bekam. Müselbeck zuckte bei den Worten des Sanitäters nur resigniert mit den Schultern.

»Ihr wartet auf alle Fälle, bis die Kollegen aus Stralsund hier sind und wir entschieden haben, wohin die Leiche gebracht wird«, erwiderte Rieder leicht gereizt auf den Klagegesang der Sanitäter.

In diesem Moment klingelte Rieders Handy.

»Hallo, Rieder hier.«

»Polizeiinspektion Stralsund, Moment bitte, ich verbinde Sie mit dem Leiter der Dienststelle, Herrn Bökemüller.«

Bökemüller hatte Rieder eingestellt. Er war zunächst nicht sehr überzeugt gewesen von Rieders Bewerbung, aber dann nach einem ersten Gespräch hatte er es eigentlich ganz gut gefunden, dass Rieder zwar aus der Großstadt kam und somit die Eigenheiten der Menschen kannte, die die Ostseeküste als Touristen besuchten, ihm aber andererseits auch Rügen und Hiddensee durch eigene Urlaubsreisen nicht ganz fremd waren.

»Hallo, Rieder!«, meldete sich Bökemüller mit seiner ruhigen und bedächtigen Stimme am Telefon, »Ihnen folgt wohl das Verbrechen von Berlin nach Hiddensee?«

Was sollte Rieder darauf antworten?

»Mir liegt die Meldung vom Kollegen Damp vor, dass am Strand südlich von Neuendorf eine tote Person aufgefunden wurde, wahrscheinlich das Opfer eines Gewaltverbrechens.«

»Ja, das ist richtig. Der Mann ist offenbar erstochen worden, meint der hiesige Arzt nach einer ersten Untersuchung, wahrscheinlich letzte Nacht.«

»Identität?«

»Konnten wir noch nicht klären. Der Mann hatte keine Papiere bei sich. Am Strand findet sich nur noch ein Fahrrad. Wir nehmen an, dass es ihm gehört.«

»Hm, ich habe die Kollegen der Spurensicherung zu Ihnen in Marsch gesetzt. Aber mehr Unterstützung kann ich Ihnen nicht bieten. Wie Sie wissen, laufen hier die Vorbereitungen für den Staatsbesuch des amerikanischen Präsidenten auf Hochtouren und Mann und Maus sind damit beschäftigt, Kanaldeckel zu kontrollieren und die Fenster an der Protokollstrecke zu versiegeln. Und auf Rügen habe ich alle Kollegen ohne Kinder in den Urlaub geschickt, damit wir dann zur Hochsaison genügend Leute zur Verfügung haben. Sie müssen also erst mal allein klarkommen. Sie haben ja auch noch Damp.«

Rieder kannte solche Sätze aus Berlin zur Genüge. Entweder Staatsbesuch oder Loveparade, immer fehlten Kollegen, wenn es um die Überwachung von Verdächtigen ging. Hängen blieb es an den Kriminalbeamten, die aber zugleich in Aktenbergen und Bürokratie ertranken. Doch was sollte er jetzt jammern. Es war immerhin mal wieder ein Fall.

»Okay, alles klar. Wir versuchen zunächst, die Identität des Mannes zu klären und eine Witterung aufzunehmen.«

»Halten Sie mich auf dem Laufenden. Wenn der Zirkus hier vorbei ist, schicke ich Verstärkung. Versprochen.«

Rieder erinnerte sich schwach, in der Zeitung gelesen zu haben, dass der Staatsbesuch erst Anfang Juli stattfinden sollte. Bis dahin waren es noch zwei volle Wochen. Er schüttelte den Kopf. Bökemüller konnte es ja nicht sehen.

»Dann kann man es nicht ändern. Was sollen wir mit der Leiche machen?«

»Klären Sie das mit der Spurensicherung. Aber ich würde vorschlagen, sie in die Rechtsmedizin Greifswald zu bringen. So viele Tötungsverbrechen haben wir hier oben nicht, die machen das dann immer für uns. Ich sag dort Bescheid, dass eine Lieferung in Anmarsch ist. Also bis dann und viel Glück. Sie kriegen das schon hin«, meinte Bökemüller und setzte nach einer kurzen Pause und nicht ohne einen süffisanten Unterton hinzu: »Sie sind doch ein Mann mit Erfahrung.«

Bökemüller legte auf und Rieder steckte mit einem kurzen Seufzer das Handy in seine Jackentasche. Damp hatte inzwischen begonnen, die Aussage von Peter Gerber aufzunehmen, nachdem er zuvor die Sanitäter mehr angewiesen als gebeten hatte, den Toten mit einer Plane abzudecken. Mit einem weiteren Murren hatten sie den Auftrag erledigt.

Rieder gesellte sich zu Damp und Gerber, die sich etwas abseits in den Sand gesetzt hatten. Der Nationalparkwächter ließ sich von dem Dorfpolizisten jedes Wort aus der Nase ziehen. Damp hämmerte mit Zweifingersuchsystem die Angaben in den Laptop. Als Rieder neben beiden stand, schaute Damp auf.

»Herr Gerber hat den Toten vorher auch noch nie hier gesehen, obwohl er jeden Tag zweimal hier vorbeikommt.«

Gerber hob wieder, wie zur Bestätigung, fast unscheinbar die Schultern. Erst schien es, als wollte er anfangen zu sprechen. Dann blieb er aber doch stumm.

»Tja, da kann man wohl nichts machen«, meinte Damp, »Sie können gehen. Die Vögel werden schon auf Sie warten. Aber am Nachmittag müssten Sie im Revier vorbeikommen und Ihre Aussage unterschreiben.«

Rieder nickte. Nachdem sich Gerber in Richtung Nationalparkbarriere aufgemacht hatte, erzählte er Damp von seinem Gespräch mit Stralsund.

»Unterstützung können wir von da erst mal nicht erwarten. Wir sind auf uns angewiesen.«

»Wir sind doch keine Kriminalbeamten«, wandte Damp ärgerlich ein, »ich jedenfalls nicht«, setzte er noch als kleinen Hieb gegen seinen Kollegen nach.

»Wir sind allerdings auch nicht nur dazu da, Leute ohne Licht am Fahrrad aufzuschreiben«, konterte Rieder.

Damp, sichtlich getroffen, brauste auf. »Was soll denn das heißen? Wollen Sie sich über mich lustig machen?«

Rieder winkte ab, obwohl er wusste, dass er jetzt auf Damp angewiesen war, denn allein konnte er hier auf der Insel nicht viel ausrichten.

»Ich meinte ja bloß, dass Sie als Polizist Ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen sollen. Wir können damit beginnen, rauszukriegen, wer der Mann ist, wo er gewohnt hat. Das würden wir bei einem angespülten Toten auch tun. Dort kommt übrigens die Spurensicherung.«

Auf der Ostsee näherte sich ein Schnellboot der Wasserschutzpolizei mit Blaulicht. Die Gischt schlug an den Bordwänden empor. Während Rieder durch Winken versuchte, die Männer an Bord an den Fundort der Leiche am Strand zu lotsen, zog Damp eine Signalpistole aus seinem Gürtel und schoss eine rote Kugel in den Himmel. Sofort nach dem Signal bremste das Schiff und lenkte in ihre Richtung. Rieder konnte sich wieder einmal nur wundern über seinen Kollegen.

»Wir sind doch nicht in Seenot.«

»Wollten Sie sich weiter den Arm auskugeln mit Ihrem Gewinke?«, gab Damp zurück und ging hinunter an die Wasserkante. Aus dem Polizeiboot war inzwischen ein Schlauchboot zu Wasser gelassen worden, in das nun vier Männer kletterten. Einer startete den Heckmotor und das Boot schoss vorwärts in Richtung Strand. Damp wies die Kollegen an, weiter nach links zu steuern, damit sie nicht genau dort landeten, wo man den Toten gefunden hatte und dadurch vielleicht die letzten Spuren verloren gingen.

Am Strand gingen die Männer von der Spurensicherung nach einer kurzen Begrüßung gleich an die Arbeit. Ihr Chef, Holm Behm, meinte mürrisch: »Viel werden wir hier nicht finden. Ist schon alles ganz schön zertrampelt. Und bei dem Toten kann uns nur die Pathologie weiterhelfen. Der Messerstich könnte natürlich tödlich gewesen sein, aber vielleicht hat er auch noch gelebt, als er ins Wasser fiel oder gestoßen wurde, und ist dann ertrunken?«

Einer der Kriminaltechniker winkte seinen Chef zu dem gefundenen Fahrrad. Er zeigte Rieder und Behm die beiden parallelen Reifenspuren hinter dem abgestellten Fahrrad. »Sieht aus wie die Spur von einem Handwagen«, vermutete Behm.

»So eine Art Fahrradanhänger vielleicht, wie man sie hier auf der Insel benutzt, um das Gepäck von den Feriengästen zu transportieren«, bemerkte Rieder.

»Aber der muss ganz schön beladen gewesen sein, denn die Spuren gehen ziemlich tief in den Sand und hier ist der Strandboden eigentlich recht fest.« Der Beamte deutete auf ein kleines, kaum erkennbares Loch im Sand. »Da wurde er abgestellt. Man sieht noch den Einstich des Wagenständers.«

Rieder und Behm verfolgten die Abdrücke der Wagenräder. Behm berührte leicht die Spuren im Sand. »Sehen Sie mal hier.« Rieder kniete sich neben den Kriminaltechniker. »Das Profil der Reifen ist nicht klar zu erkennen. Es wirkt wie verwackelt, wie bei einem Foto. Wer auch immer wollte den Wagen auf der gleichen Spur zurückbringen, auf der er hergekommen ist. Aber sehen Sie! Da ist der Wagen ausgebrochen, wahrscheinlich weil der Sand weicher wurde.« Zwischen dem Abstand der Räder entdeckten die Polizisten auch eine Fußspur. »Er muss ganz schön gebuckelt haben an dem Wagen, bedeutet, der Wagen war ziemlich schwer«, mutmaßte Behm. »Die Fußspuren gehen tiefer in den Sand. Er muss barfuß gewesen sein. Die Sohlenspur ist leicht nach unten gebogen in den Sand. Man sieht sogar fast noch die Zehenabdrücke.« Behm stand auf und demonstrierte Rieder, was er meinte. »Er hat Widerstand und Halt gesucht im Sand, um den Wagen voranzubekommen, aber was kann er transportiert haben? Den Toten?«

Rieder schüttelte den Kopf. »Kann ich mir nicht vorstellen. Warum hat er das Fahrrad dann nicht wieder mitgenommen, falls er den Toten mit Rad und Wagen hierhertransportiert hat? Ich schätze, unser Toter ist mit dem Fahrrad gekommen und der Wagen hing hinten dran. Und den Wagen hat der Täter mitgenommen. Vielleicht haben sie sich um den Inhalt gestritten?«

Behm zuckte ratlos mit den Schultern. »Alles Vermutungen.«

Sie waren der Spur noch weiter gefolgt und jetzt schon oben am Strandzugang angekommen. Dort verloren sich auf dem kleinen Fahrradparkplatz die Wagenspuren zwischen hundert anderen, weil es täglich eine Menge Touristen gab, die mit Fahrrad und Hänger zum Strand fuhren und hier viele Spuren neben- und ineinanderliefen.

»Sollten wir vielleicht einen Spürhund einsetzen, um die Spur weiterzuverfolgen?«, fragte Rieder.

Behm wog den Kopf hin und her. »Vom Strand bis hierher kann der Hund vielleicht eine Witterung aufnehmen, aber hier sehe ich schwarz. Es sind zu viele Sachen in der Luft und zu viele Reifenspuren durcheinander. Ich glaube, das bringt nichts.«

Beide Polizisten gingen zurück an den Strand.

»Wir nehmen das Fahrrad mit nach Stralsund«, meinte Behm. »Vielleicht erzählt uns der alte Drahtesel noch ein paar Geschichten, die er hier am Strand nicht ausspucken will. Seine gut zwanzig, vielleicht dreißig Jahre hat der auch schon auf dem Buckel. Wisst ihr denn eigentlich schon, wer der Tote ist?«

Statt Rieder antwortete Damp, der immer in der Nähe der beiden geblieben war, um nur kein Wort zu verpassen. »Die Identität ist noch nicht geklärt. Er hatte keine Papiere bei sich. Nur Kollege Rieder hat etwas in seiner Hand gefunden. Vielleicht hilft das ja weiter.«

Rieder zog den Plastikbeutel mit der Münze aus der Tasche und gab sie Behm. Der hielt sie gegen das Licht. »Eine Erkennungsmarke ist das auch nicht«, spöttelte Behm in Richtung Damp, »aber schon merkwürdig.«

»Wollen Sie die Münze mitnehmen?«

»Ich denke, ihr beide könnt die hier besser brauchen. Vielleicht hat sie jemand von der Insel schon mal gesehen.«

Es war deutlich wärmer geworden. Die Sonne stand jetzt, so knapp vor Mittag, fast senkrecht über dem Strand. Behms Leute hatten ihre Arbeit beendet und waren dabei, das Fahrrad im Schlauchboot zu verstauen.

»Und die Leiche?«, fragte Damp.

»Euer Problem, würde ich sagen«, gab Behm zurück, »aber ihr solltet euch beeilen, ihn ins Kühlfach zu bringen, sonst bekommen die Möwen noch Appetit.«

»Na toll«, brauste Damp auf, »ihr könnt uns doch mit dem Scheiß hier nicht sitzen lassen.«

Aber Behm war schon auf dem Weg zum Boot. Er winkte noch kurz. »Ich schicke euch den Bericht per Mail rüber. Da sind dann auch Bilder von dem Fahrrad und dem Toten dabei. Braucht ihr ja sicher für eure Fahndung.« Und damit sausten die Kriminaltechniker mit dem Schlauchboot zurück zum Schiff der Wasserschutzpolizei.

Die beiden Inselpolizisten blieben ziemlich verdutzt mit ihrer Leiche am Strand zurück. Damp tobte. Er war sowieso schon ziemlich rot angelaufen durch die Stunden in der Hitze, aber nun drohte er förmlich zu explodieren. »Wofür halten die uns eigentlich«, brüllte er den Kollegen noch hinterher.

»Für zwei blöde Inselpolizisten«, gab Rieder zurück.

Damp starrte ihn an, als wollte er sich gleich auf Rieder stürzen. Seine Augen funkelten vor Wut. »Tun Sie nur nicht so cool, Rieder, und spielen Sie hier nicht den Großstadtpolizisten. Das nervt. Vielleicht begreifen Sie jetzt endlich mal, dass Hiddensee nicht Berlin ist, also nicht der Mittelpunkt, sondern der Arsch der Welt.«

Rieder hatte mit diesem Ausbruch nicht gerechnet, den auch die Hiddenseer Feuerwehrleute, angelockt durch die Lautstärke von Damps Attacke, mitbekommen hatten. Amüsiert blickten sie von ihren Absperrungen zu den beiden Streitenden herüber.

Rieder konnte sich nur mit Mühe durchringen, Ruhe zu bewahren. »Das gehört jetzt nicht hierher. Wo sind eigentlich die Sanitäter?«

»Die haben sich aus dem Staub gemacht. Ebenso der Arzt. Als Sie mit Behm angefangen haben, nach den Wagenspuren zu suchen, sind sie los. So läuft das hier. Begreifen Sie das endlich!«

»Dann, denke ich, sollten wir ein Bestattungsunternehmen von Rügen organisieren, das den Leichnam nach Greifswald in die Rechtsmedizin bringt.«

Rieder holte sein Handy aus der Tasche und ließ sich über die Auskunft mit einem Bestattungsunternehmen in Bergen verbinden. Man versprach ihm, in circa zwei Stunden vor Ort zu sein und den Toten dann nach Greifswald zu überführen.

»Okay, ich bleibe hier und warte. Sie könnten ja vielleicht schon mal nach Vitte fahren und schauen, ob eine Vermisstenanzeige vorliegt?«

Damp nickte bloß stumm und zog ab.

Rieder setzte sich in den Sand. Allein mit dem Toten überkam ihn eine depressive Stimmung. Zum ersten Mal, seit er hier auf der Insel angekommen war, fühlte er sich einsam. Eigentlich kannte er auf Hiddensee keinen Menschen. Und er war auch nicht der Typ, der schnell Bekanntschaften schloss. Vielleicht war seine Flucht aus Berlin unüberlegt gewesen? Alles zurückzulassen. Mit Damp verstand er sich nicht, er sah auch keine Chance, dass dies anders werden könnte. Und für die Insulaner war er ein Fremder. Das hatte er auch schon von anderen gehört, die hierhergezogen waren, um sich eine neue Existenz aufzubauen. Man war und blieb der Fremde. Und dann noch dieser Fall. In Berlin wäre sofort der ganze Apparat ins Laufen gekommen, aber hier war nicht einmal geklärt, wie eine Leiche vom Fundort zur Pathologie kam. Er schaute zu der Plane mit dem Toten. »Wer bist du? Woher kommst du? Was wolltest du hier?«

Rieder griff nach der Münze in seiner Tasche und sah sie sich lange an. Das Metall glänzte golden in der Sonne. Auf der einen Seite war ein König zu sehen, mit einem Zepter in der Hand. Auf der Rückseite eine Art Wappen. Rieder blickte auf die Ostsee hinaus, als würde er dort Antworten auf seine Fragen finden. Doch dort rollten nur die Wellen in ihrem ewigen Rhythmus und Möwen hatten es sich auf den Buhnen bequem gemacht.

II

Als Rieder am Nachmittag aufs Revier in Vitte kam, hatte Damp schon die Aussage von Gerber ausgedruckt. Auch die Fotos von dem Toten und dem Fahrrad waren angekommen. Damp hatte davon eine CD gebrannt und wollte sich gerade aufmachen, um die Bilder im Fotoladen ausdrucken zu lassen. »Ich mach gleich ein paar Kopien mehr.«

»Das ist eine gute Idee. Gibt es denn irgendeine Vermisstenanzeige? Fehlt irgendwo ein Urlauber oder Feriengast?«

»Fehlanzeige. Aber das muss nichts heißen, nicht jeder Gast muss sich jeden Tag bei seinem Pensionswirt melden.«

»Vielleicht fangen wir in Neuendorf damit an, die Pensionen und Ferienanlagen abzuklappern, einschließlich der Kneipen. Wir könnten erst die Bilder abholen und dann dorthin fahren.«

»Könnten wir, aber schauen Sie mal auf die Uhr. Für mich ist in einer Stunde Feierabend. Im Gegensatz zu Ihnen bin ich bereits seit 8 Uhr im Dienst. Und Überstunden müssen genehmigt werden. Aber Sie haben erst um 10 Uhr angefangen zu arbeiten. Da hätten Sie ja noch Zeit für einen Abstecher nach Neuendorf.«

»Dann lassen Sie mir die Autoschlüssel hier.«

»Haben Sie eine Betriebsfahrerlaubnis?«

»Sie wissen doch, dass …«

»Sehen Sie. Ich kann Sie gern mit nach Neuendorf nehmen, wenn ich nach Hause fahre. Wie Sie zurückkommen, müssen Sie dann schon allein sehen, denn mit dem Hundekäfig im Kofferraum können wir Ihr Rad nicht mitnehmen.«

Rieder riss nun endgültig der Geduldsfaden. Seine Kopfhaut unter den kurzen Stoppelhaaren schwoll rot an.

»Passen Sie mal auf, Damp! Hören Sie auf, mich zu schikanieren und hier auf Dienst nach Vorschrift zu machen! Es kotzt mich an, wie Sie sich aufspielen.«

In diesem Moment klopfte es, und ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete sich die Tür. Bürgermeister Durk und Kurdirektor Sadewater stürmten aufgeregt ins Zimmer.

»Dürften wir auch mal erfahren, was hier auf der Insel passiert ist, und würden sich die Herren Polizisten herablassen, uns die näheren Umstände um den Mord in Neuendorf mitzuteilen?«, brach es wütend aus dem Bürgermeister heraus.

Rieder war am Rande der Verzweiflung. Das entwickelte sich hier zu einem Mehrfrontenkrieg.

»Wenn sich schon Herr Damp nicht bequemt, mich zu informieren, dann hätte ich wenigstens von Ihnen, Herr Rieder, mehr Übersicht erwartet. Sie sind hier nicht irgendwo, sondern auf einer Ferieninsel. Und ein Mord auf Hiddensee, das verbreitet Panik unter den Urlaubern. Und wie sollen wir beruhigend auf die Leute einwirken, wenn wir die Letzten sind, die etwas erfahren.«

Rieder blickte starr vor Schreck den Bürgermeister an, fand aber dann doch schnell seine Fassung wieder. »Wir waren bis jetzt am Fundort am Gellen und haben momentan keine Unterstützung durch die Zentrale in Stralsund. Da ist es uns sicher durchgerutscht, mit Ihnen zu telefonieren«, entgegnete er dem Ortsvorsteher so ruhig es ging.

»Aber Damp springt doch hier schon seit mindestens zwei Stunden rum. So lange steht das Polizeifahrzeug neben dem Gebäude«, polterte nun auch Sadewater los. Lars Sadewater, ein braun gebrannter blonder Endzwanziger, der eher in eine Surfschule als auf den Posten des Kurdirektors gepasst hätte, war bekannt für sein gespanntes Verhältnis zu Damp. Er nahm Damps Versuche, auf der Insel Verkehrssicherheit an Fahrrädern durchzusetzen, nicht wie die Insulaner von der humorvollen Seite, sondern sah in dem Polizisten nur einen Querulanten. Er bedrängte den Bürgermeister nicht selten mit der Forderung, doch dafür zu sorgen, dass man Damp aufs Festland versetzte. Und die Spannungen zwischen Rieder und Damp waren ihm sehr recht.

Damp war seit dem Eintreten von Durk und Sadewater in seinem Sessel deutlich zusammengeschrumpft. Er ahnte, woher der Wind wehte. Rieder stand auf und lehnte sich an seinen Schreibtisch.

»Herr Bürgermeister, Kollege Damp musste hier Unterlagen abrufen, die uns aus Stralsund zugesandt wurden, und gleichzeitig versuchen, die Bilder von dem Toten zu vervielfältigen, damit wir seine Identität klären können. Das braucht seine Zeit. Wir waren gerade dabei, unsere Arbeit weiter zu koordinieren und dabei wäre sicher auch einer unserer nächsten Wege zu Ihnen oder zu Herrn Sadewater gewesen. Aber wie gesagt, wir sind hier momentan allein zugange. Und …«, Rieder machte eine kurze Pause, »… Mordfälle gehören hier sonst nicht zu unserer Arbeit.«

Sadewater wollte zwar noch etwas einwenden, aber Durk hielt ihn zurück. »Sie müssen uns verstehen. Wir hatten in der Touristeninformation mehrere aufgeregte Gäste, die wissen wollten, wie gefährlich es jetzt auf der Insel sei. Und unsere Damen wussten gar nicht, von was die reden. Da sehen wir schlecht aus. Vielleicht könnten wir unsere Kommunikation in Zukunft verbessern. Dazu haben wir Sie ja auch auf die Insel geholt.«

»Wir werden uns bemühen, aber wir stehen auch noch am Anfang. Wir wissen nicht mal, wer der Tote ist. Aber Sie können gleich mal einen Blick auf die Bilder werfen. Vielleicht kommt er Ihnen bekannt vor?«

Rieder gab Damp einen Wink. Der lud auf seinem Computer die vorhandenen Bilder hoch. Durk und Sadewater schauten darauf, aber beide schüttelten den Kopf. Den Mann würden sie nicht kennen, meinte Durk.

Als sie wieder allein waren, meinte Damp: »Ich bringe Sie nach Neuendorf und Sie können dann mit dem Wagen zurückfahren. Wäre nett, wenn Sie mich morgen früh abholen könnten. Wir werden dort ja mit den Befragungen weitermachen, falls Sie heute nichts rausbekommen. Ich fahre jetzt aber erst mal zum Fotoladen, um die Abzüge machen zu lassen.«

Das war zwar noch kein Waffenstillstand, aber zumindest ein Anfang. »Okay. Ich warte dann hier auf Sie.«

Damp verließ das Büro der Polizeistation. Rieder setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Aus seiner Jackentasche holte er die Plastiktüte mit der Münze und legte sie auf seine Schreibtischunterlage. Er schaltete seinen Computer an und versuchte unter dem Stichwort »Münze« einen Hinweis oder eine Spur zu finden. Aber Tausende Einträge konnte er so schnell nicht durchforsten. Rieder erinnerte sich an das Inselmuseum in Kloster. Vielleicht konnte man ihm dort weiterhelfen. Er steckte die Münze wieder ein.

Damp kam zurück, blieb aber gleich in der Tür stehen. »Lassen Sie uns losfahren. Vielleicht nehmen wir uns ein Gastgeberverzeichnis mit.«

Rieder und Damp gingen über den Flur in die Touristeninformation und schreckten dort die drei angestellten Damen beim Plausch mit zwei Insulanerinnen auf. Die Unterhaltung erstarb sofort, als die beiden Polizisten durch die Tür traten. Rieder war sich über das Gesprächsthema im Klaren. In die eingetretene Stille hinein sagte er: »Wir brauchen ein vollständiges Gastgeberverzeichnis mit allen Vermietern auf der Insel. Aber vielleicht könnten Sie kurz einen Blick auf dieses Bild werfen. Es zeigt den Toten. Es ist sicher kein schöner Anblick, aber vielleicht hat eine von Ihnen den Mann schon einmal gesehen.«

Damp nahm das Foto aus seiner Jacke. Die Frauen stürmten geradezu auf den riesigen Mann zu, der leicht zurückwich, und rissen ihm das Foto aus der Hand. Nacheinander schüttelten sie dann jedoch den Kopf, wie bereits zuvor der Bürgermeister und der Kurdirektor. Keine der fünf hatte den Mann auf dem Foto gesehen, jedenfalls nicht bewusst. Es seien einfach schon zu viele Touristen auf der Insel. Da könne man sich nicht mehr jedes Gesicht merken.

Nachdem sie die Unterlagen über die Vermieter auf der Insel bekommen hatten und froh waren, mit heiler Haut aus der Touristeninformation herausgekommen zu sein, weil sie von den Frauen mit Fragen bestürmt worden waren, gingen die beiden Polizisten zu dem Einsatzwagen. Damp startete den Motor.

»Kleine Änderung«, bemerkte Rieder. »Ich will erst mal zum Inselmuseum nach Kloster.«

Damp sah ihn fragend an. »Wegen der Münze?«

Sie bogen also nach links in Richtung Kloster auf die Inselstraße ein, umkurvten einige Kutschen und Touristen und waren nach knapp fünf Minuten vor dem Inselmuseum am Ortseingang von Kloster. Am Eingang saß ein älterer Herr, der sein Kreuzworträtsel weglegte, als die beiden Beamten hereinkamen. »Mensch Damp, was treibt dich denn hierher? Du bist doch eher ein Kulturbanause.«

Damp straffte seinen Körper und gab sich ganz dienstlich.

»Das ist Kollege Rieder. Wir hätten da eine Frage zu einer Münze.«

Rieder zeigte das Geldstück.

»Können Sie uns sagen, ob Sie hier solche Münzen haben?«

»Da kann ich Ihnen nichts zu sagen. Bin hier nur auf Ein-Euro-Job beschäftigt.«

»Gibt es vielleicht einen Museumsdirektor, der uns weiterhelfen kann?«

»Nö, ich schließ früh auf und abends zu, kassiere den Eintritt und in drei Monaten macht das wieder ein anderer, wenn mein Job ausgelaufen ist. Da müssen Sie bei den Studierten in Stralsund nachfragen, beim Kulturhistorischen Museum. Da gehören wir ja auch zu.«

»Haben Sie da einen Namen, an den wir uns wenden können?«

»Ich kann Ihnen die Einwahl geben.« Damit begann der Mann in einer Schublade zu wühlen, in der sich vor allem ein Stapel weiterer Kreuzworträtselhefte befand.

Rieder winkte resigniert ab. »Lassen Sie mal. Die finde ich auch noch selbst raus.«

Aber dann startete er doch noch einen Versuch. Er bat Damp um das Foto von dem Toten. »Kennen Sie vielleicht diesen Mann?«

Der Mann an der Kasse des Inselmuseums setzte seine Lesebrille auf und drehte das Foto hin und her. »Ist das der Tote von Neuendorf?«

Rieder und Damp nickten. Noch einmal schaute der Mann intensiv auf das Bild, schob die Brille hoch, um es genauer betrachten zu können. Die beiden Polizisten sahen sich schon erwartungsvoll an, doch dann gab der Kassierer das Bild zurück. »Nö, kenn ich nicht.«

Auf der Fahrt nach Neuendorf über die holprige Straße sprachen die beiden Polizisten kein Wort. Jeder hing seinen Gedanken nach. Die Insel leerte sich gerade. Die Tagestouristen strömten den Häfen entgegen, um mit den letzten Fähren, die jetzt im Frühjahr schon gegen 17 Uhr ablegten, noch nach Rügen zu kommen. Und wer auf der Insel blieb, kam vom Strand zurück. Denn am Nachmittag frischte immer eine kühle Seebrise auf und ließ das Sonnenbad ungemütlich werden.

Rieder hatte sich über die Auskunft die Nummer vom Kulturhistorischen Museum in Stralsund besorgt, dort aber außer dem Pförtner niemanden erreicht, denn heute war Schließtag und alle wissenschaftlichen Mitarbeiter hatten das Museum schon verlassen. Er hoffte, morgen Vormittag mehr Glück zu haben.

In Neuendorf hielt Damp den Wagen am Schabernack an, der ersten Häuserzeile aus reetgedeckten alten Fischerhäusern, gleich hinterm Deich.

»Hier sind die Schlüssel. Viel Erfolg. Ich würde morgen um acht hier an der Bushaltestelle warten. Falls noch was ist, können Sie mich auf meinem Handy erreichen.«

Damit schlug er die Autotür zu und verschwand zwischen den Siedlungshäusern in Richtung Strand. Rieder blieb noch im Auto sitzen. Der Tag hatte ihn ziemlich geschafft. Eigentlich wollte er nur das Auto wenden, nach Vitte zurückfahren und dort seinen Frust in einer oder mehreren Flaschen Bier ertränken. Aber die Pflicht rief. Er wechselte auf den Fahrersitz und fuhr ans Ende von Neuendorf. Der Ortsteil nannte sich Plogshagen. Rieder wollte sich vom Ortsende vorarbeiten. Vielleicht war es auch ganz gut, erst einmal die Kneipen abzuklappern.

Rieder stoppte den Streifenwagen vor dem »Strandrestaurant«, kurz hinter dem Deich, der Neuendorf umschloss. Vor der Gaststätte verlief der einzige Weg zum Leuchtturm Gellen. Hier konnte der Tote mit seinem Fahrrad vorbeigekommen sein und vielleicht hatte ihn jemand dabei beobachtet. Es gab zwar auch die Möglichkeit, über den Deich zu fahren, aber die hohen Betonfugen zwischen den Steinen auf der Deichkrone machten das Fahren dort fast unmöglich, besonders wenn man mit einem beladenen Hänger unterwegs war.

Rieder stieg aus und ging in das Lokal. Die blonde Frau am Espressoautomaten lächelte, als er eintrat. »Na, hat Sie Damp auch mal fahren lassen?«

Rieder blickte etwas verwirrt, kramte nach seinem Dienstausweis.

»Lassen Sie mal. Ich weiß schon, wer Sie sind. Der Polizist aus Berlin. Die Insel ist ein Dorf, und Damp trinkt hier ab und zu mal ein Bier und plaudert dann, gefragt oder ungefragt, über seinen Job. Und in den letzten Wochen hatte er da eigentlich nur ein Thema – nämlich Sie, den Aussteiger.«

»Aha.« Rieder zuckte resigniert mit den Schultern. »Viel Gutes wird er an mir nicht gelassen haben.«

»Das können Sie laut sagen. Aber ich mach mir lieber selbst ein Bild. Und jetzt sind Sie hier und wollen wissen, ob ich den Toten vom Strand kenne.«

Rieder zeigte ihr das Bild von dem Toten.

»Der war mal hier, hat was gegessen und getrunken.«

»Kennen Sie vielleicht auch seinen Namen?«

»Wie er heißt, weiß ich nicht.«

Bei dem Wort »essen« fiel Rieder ein, dass er seit dem Frühstück nichts mehr zu sich genommen hatte, und er spürte, wie sein Magen aufjaulte bei dem Gedanken an Nahrung.

»Könnte ich einen Tee bekommen? Und haben Sie irgendwas zu essen, was schnell geht?«

»Eigentlich gibt’s erst ab 18 Uhr wieder warme Küche, aber von heute Mittag wäre noch frischer Matjes mit Remoulade zu haben. Nur statt Bratkartoffeln müsste es eine Scheibe Brot tun.«

»Klingt gut.«

»Setzen Sie sich mal hier an den Rand der Theke. Müssen die anderen Gäste ja nicht mitkriegen, sonst wollen wieder gleich alle eine Extraportion. Ich heiße übrigens Dobbert. Charlotte Dobbert.«

»Stefan Rieder.«

Charlotte Dobbert verschwand in der Küche und kam kaum zwei Minuten später mit einem Teller Matjes zurück, dick mit Remoulade bedeckt, dazu zwei Scheiben Brot. Rieder stürzte sich auf das Essen. Unaufgefordert stellte sie ihm statt Tee ein Bier hin. »Fisch muss schwimmen.«

Während Rieder den Fisch mehr verschlang als aß, bediente Charlotte Dobbert einige Gäste auf der Terrasse. Als sie sein Geschirr wegräumte, kam er noch einmal auf den Fall zurück.

»Wann war der Mann denn hier?«

»Ich würde sagen, so vor zwei oder drei Tagen.«

»Sie haben doch sicher mit ihm gesprochen. Haben Sie vielleicht rausgehört, wo er herkam? War er Sachse, Berliner, Rheinländer …?«

»Keine Ahnung. Er las aber in einem Buch über die Geschichte Hiddensees. Daran kann ich mich erinnern. Entschuldigen Sie, aber ich muss mich um die anderen Gäste kümmern. Ich habe den Laden noch nicht lange und kann mir keinen schlechten Ruf leisten. Dafür gibt’s zu viel Konkurrenz.«

Rieder beobachtete Charlotte Dobbert beim Hantieren an der Espressomaschine. Ihr blondes Haar fiel ihr über die Schultern. Sie war vielleicht Anfang, Mitte dreißig, schlank, aber nicht dürr. Eben gut gebaut. Ihr blassgrünes T-Shirt und die enge Jeans betonten ihre Figur. Und sie hatte freundliche Augen. Charlotte Dobbert schaute zu ihm rüber und lächelte.

»Hallo, Sheriff. Einen Penny für ihre Gedanken?«

Rieder wurde rot. Ihm fiel nicht mehr ein als: »Ich muss los. Noch die anderen Kneipen abklappern.«

»Lassen Sie das nur nicht die anderen Kneiper hören. Die halten sich nämlich alle für Edel-Gastronomen. Viel Erfolg. Kommen Sie mal wieder vorbei auf Ihrer Spurensuche oder auch so.«

»Mach ich gern.« Er zahlte.

In der Tür drehte er sich um und kehrte noch einmal zur Theke zurück. »Hat der Mann auf dem Foto vielleicht mit EC- oder Kreditkarte bezahlt, dann könnte ich über die Nummer auch den Namen rauskriegen?«

Charlotte Dobbert lachte auf. »Sie sind wirklich noch nicht lange auf der Insel. Hier ist nur das Bare das Wahre. Entweder cash oder gar nicht. Der Fischer will am Kutter für seinen Fisch ja auch gleich Geld sehen.« Dann aber fügte sie in sanftem Ton hinzu: »Tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen konnte«, und lächelte ihn freundlich an.

Rieder dankte und machte sich auf den Weg zu den anderen Lokalen in Neuendorf. Aber auch dort kam er nicht weiter. Man hatte den unbekannten Toten in den letzten Tagen dort zwar ab und zu gesehen, aber immer allein. Er war ein unauffälliger Gast gewesen. Allen Befragten war jedoch aufgefallen, dass er immer in einem dicken Hiddensee-Buch gelesen hatte. Rieder konnte sich nur schwer konzentrieren. Zwischen seine Gedanken schob sich immer wieder das Bild von Charlotte Dobbert.

III

Am nächsten Morgen schien über der kleinen Insel wieder die Sonne. Rieder wollte noch kurz ins Büro schauen, bevor er sich in Neuendorf mit Damp traf. Er hoffte, dass der Bericht von der Spurensicherung schon angekommen war. Als er seine Mails durchsah, klingelte das Telefon.

»Hier Krüger. Ich hatte gestern einen Ihrer Kunden auf dem Tisch.«

Rieder war kurz verwirrt, dann fiel der Groschen. »Ah, der Pathologe. Und was hat er Ihnen erzählt?«

»Sauberer Stich ins Herz, durch den Rücken. Sehr scharfes, langes, spitzes Messer. Sieht man an den Wundrändern und dem Austritt der Waffe im Brustbereich. Schneller, möglicherweise überraschender Tod.« Krüger lachte mit einem tiefen Grunzen über seinen eigenen Witz.

Rieder verleierte die Augen. »Und können Sie mir sagen, ob er dort am Strand getötet wurde oder an einem anderen Ort?«

»Der Fundort ist auch der Tatort, vorausgesetzt die Aussage Ihres Zeugen stimmt. Unser Mann hat ein wenig Wasser in der Lunge, bedeutet, er muss dort ins Wasser gestürzt und mit Mund und Nase unter Wasser geraten sein, als er noch lebte. Ihre Kollegen von der Spurensicherung bewiesen jedenfalls selten gewordene Übersicht. Die Wasserprobe vom Fundort stimmt mit dem aus der Lunge unseres Herrn ›XY unbekannt‹ überein. Also Bingo! Er wurde im Wasser am Strand umgebracht.«

»Haben Sie sonst noch was gefunden?«

»Nö, das war’s. Keine Spuren von einem Kampf. Auch keine DNA-Spuren unter den Fingernägeln. Wäre wahrscheinlich auch schwierig, denn er hat eine ziemlich lange Zeit gebadet.« Wieder kam Krügers grunzendes Lachen durch den Hörer. »Den Bericht schicke ich Ihnen und den Kollegen in Stralsund. Wenn Sie noch Fragen haben, rufen Sie einfach an. Aber ich denke, es ist alles gesagt.«

Rieder notierte sich kurz die wichtigsten Erkenntnisse. Vielleicht sollten sie doch noch mal zum Tatort fahren und nach Spuren suchen? Viel Hoffnung, dort noch etwas zu finden, hatte er zwar nicht, aber er durfte keinen Strohhalm auslassen, um in dem Fall voranzukommen. Dann musste er noch etwas telefonisch mit der Polizeidirektion Stralsund regeln und auch ein Fax dorthin schicken. Im Museum anzurufen hatte wahrscheinlich noch keinen Zweck. Es war noch nicht mal 8 Uhr. Beim Hinausgehen traf er Bürgermeister Durk. »Na, schon eine Spur. Hat der Unbekannte schon einen Namen?«

»Leider Fehlanzeige. Ich bin gerade auf dem Weg nach Neuendorf, um die Unterkünfte abzuklappern.«

Durk wollte schon weitergehen, blieb dann aber doch noch einmal stehen. »Entschuldigen Sie noch mal unseren Auftritt von gestern. Es war nicht so gemeint. Aber Damp ist irgendwie ein rotes Tuch und da sind mir die Sicherungen durchgebrannt.«

Rieder nickte nur und ging hinaus.

Damp stand schon an der Bushaltestelle in Neuendorf, als Rieder vorfuhr. »Alles heil. Keine Schramme. Und die Betriebsfahrerlaubnis ist schon auf dem Weg.« Es kam etwas frecher rüber, als sich Rieder vorgenommen hatte. Er warf Damp den Schlüssel zu. Der fing ihn auf. »Dann ist ja alles in bester Ordnung. Und was machen wir nun?«

»Die Kneipen haben nur so viel gebracht, dass er in dreien gesehen wurde. Aber immer allein. Und da hier keiner EC- oder Kreditkarten nimmt, kommen wir auch damit nicht weiter. Und keiner wusste, ob und wo er hier in Neuendorf gewohnt haben könnte.«

»Hier in Neuendorf gibt’s kaum Hotels oder Pensionen. Wenn er also eine Ferienwohnung hatte, müsste er sich was zu essen gekauft haben«, gab Damp zu bedenken. »Kann mir kaum vorstellen, dass er dafür nach Vitte gefahren ist, in den Supermarkt. Wir sollten mal in den beiden Geschäften hier nachfragen, ob er da gesehen wurde.«

»Gute Idee.«

Sie ließen den Wagen am Ortseingang von Neuendorf stehen und machten sich zu Fuß auf den Weg. Beide Lebensmittelgeschäfte lagen gleich um die Ecke in Richtung Bodden. Im ersten Kiosk konnte sich der Verkäufer nicht an den Mann auf dem Foto erinnern. Auch das Bild vom Fahrrad half nicht weiter. Der zweite Laden lag unter alten Bäumen versteckt, direkt neben dem »Hotel am Strand«. Im Laden überkamen Rieder bei dem Geruch nach alten Kartoffeln und Kohl ostalgische Gefühle. Auch der Blick in die Regale war wie ein Blick in die Vergangenheit. Goldene Dosen mit Schweine- oder Rindfleisch im eigenen Saft, Schlagersüßtafel und Cottbusser Keks. Vieles hatte ja die DDR nicht überlebt, doch Rieder war immer wieder erstaunt, was überlebt hatte. Er fragte Damp leise, ob er hier einkaufen ginge. Damp antwortete ebenfalls im Flüsterton: »Selten. Meistens bringe ich mir mein Zeug aus Vitte mit. Dort ist die Auswahl größer.« Trotzdem war der Laden belebt und an den Stimmen und dem vertrauten Umgang zwischen Kunden und Personal erkannte Rieder, dass die Neuendorfer hier Stammkunden waren und ihnen das vorhandene Warenangebot nichts ausmachte. Damp und Rieder mussten einige Zeit warten, bis die dicke, blondierte Frau in einer Nylonkittelschürze an der Kasse Zeit für sie hatte.

»Hallo, Damp, wo brennt’s denn. Habe ich gegen den Ladenschluss verstoßen?«

»Guten Tag, Frau Bantow. Wir brauchen eine Auskunft von Ihnen.« Damp zeigte ihr das Foto.

»Das ist wohl der Tote vom Strand. Was macht ihr denn für ein Gewese darum. Fällt doch immer wieder mal einer hintern Deich, ohne dass gleich die Polizei großes Geschrei drum macht. Vielleicht ist er ja besoffen in die See geplumpst?«

Ihre beiden Kolleginnen, die in blaue Kittel gekleidet waren, kicherten. Ilse Bantow reichte ihnen das Bild weiter, dann wandte sie sich wieder an die Polizisten. »Aber damit ihr euch beruhigt: Der war hier. Und zwar öfters. Hat immer Wasser ohne Sprudel gekauft und solche Sachen.«

»Was heißt ›solche Sachen‹?«, fragte Rieder nach.

»So ein Biotyp eben. Dreht jede Dose dreimal hin und her oder räumt das halbe Kühlfach aus, bis er eine Milchtüte gefunden hat, die einen Tag länger haltbar ist.«

»Wissen Sie möglicherweise auch, wo er wohnt oder vielmehr gewohnt hat, hier in Neuendorf?«

Ilse Bantow verschränkte die Arme oberhalb ihres üppigen Vorbaus und sah die beiden Beamten mit skeptischem Blick an. »Was hätte ich davon, wenn ich’s wüsste? Nix als Ärger. Und ich will hier keinen Ärger.«

»Frau Bantow, hier geht es nicht um irgendeinen lächerlichen Ladendiebstahl oder eine andere Lappalie. Hier geht es um Mord. Also sagen Sie, was Sie wissen!«, forderte Rieder.

Die Bantow sah Rieder mitleidig an. »Nun spielen Sie sich nicht auf. Nur weil sie aus Berlin kommen, tanze ich nicht gleich nach ihrer Pfeife. Merken Sie sich das. Und bei uns Neuendorfern ist Nachbarschaft noch etwas wert. Und wir mögen es nicht, wenn jemand aus Vitte daherkommt und seine Nase in unsere Angelegenheiten steckt.«

Rieder fixierte Ilse Bantow, als wären ihre Worte an ihm abgeprallt. »Ihre Befindlichkeiten sind mir ziemlich egal. Sie behindern offensichtlich die Ermittlungen, dafür können Sie belangt werden. Wenn Sie Druck brauchen, kriegen Sie Druck.«

»Vergessen Sie es«, entgegnete die Ladenbesitzerin schnippisch.

Damp war die Situation sichtlich unangenehm. Er schaute auf den nicht gerade sauberen Fußboden und drehte sein Notizbuch nervös zwischen seinen Händen. »Ilse, nun komm, stell dich nicht so an …«

»Ach Damp, jetzt bin ich wieder Ilse, so wie am Sonntag, wenn du hier an mein Fenster kloppst und noch zwei Bier willst. Aber wenn’s um größere Beträge geht, bin ich Frau Bantow.« Sie sprach ihren eigenen Namen betont und mit einer gewissen Verachtung aus. »Du musst dich nicht wundern, wenn keiner von dir ein Stück Brot nimmt.«

Damp war schon dabei, sich für eine entsprechende Antwort aufzupumpen, als ihm Rieder zuvorkam, dem die Frau, aber auch das Gezerre ziemlich auf die Nerven gingen. »Also, Frau Bantow, wenn wir so nicht weiterkommen, dann würde ich Sie bitten, nachdem Sie ja die Person auf dem Foto erkannt haben, heute Nachmittag, 14 Uhr aufs Revier in Vitte zu kommen, damit wir Ihre Aussage protokollieren können. Damp, kommen Sie. Wir verschwenden hier offensichtlich unsere Zeit. Oder haben vielleicht die anderen Damen etwas zum Sachverhalt beizutragen?« Doch die schüttelten nach einem kurzen Blickwechsel mit ihrer Chefin im Takt ihre Köpfe.

Damp und Rieder wandten sich zum Gehen. Ilse Bantow baute sich auf der obersten Stufe der Eingangstreppe auf, um ihren Rückzug zu beobachten.

»Blöde Ziege«, meinte Rieder, als er sich aus Hörweite wähnte.

»Nun sehen Sie mal selbst, wie es hier so läuft.«

»Was heißt, ›wie es hier so läuft‹?«

»Die Hiddenseer lassen sich ungern in die Karten schauen. Und dann sind sich noch dazu die Leute aus Vitte mit denen aus Neuendorf nicht grün. Die haben schon früher alles unter sich ausgemacht.«

»Das ist mir egal. Ich bin hier nicht dafür da, lokale Neurosen zu therapieren. Wir müssen endlich den Namen des Toten rauskriegen. Uns rennt die Zeit weg.«

»Hier rennt gar nichts, Rieder. Das müssen Sie endlich begreifen.«

Rieder merkte, dass Damp sich durchaus bewusst war, dass er als der neue Kollege aus Berlin auf ihn angewiesen sein würde, um an die Leute hier heranzukommen. Damp war immerhin schon ein paar Jahre länger auf der Insel und hatte oft genug am eigenen Leib erfahren, wie es um die Mentalität der Hiddenseer bestellt war. Jetzt gab er nicht ohne Stolz und Befriedigung seine Lektionen an Rieder weiter. Dem fiel es schon schwer, Damp auch nur innerlich recht zu geben. »Trotzdem müssen wir irgendwie weitermachen. Oder?«

»Wie wäre es, wenn wir das Wort Nachbarschaft wörtlich nehmen?«, entgegnete Damp und wies auf ein imposantes Gebäude unter Platanen.

Das »Hotel am Strand« hatte sicher auch schon bessere Zeiten gesehen. Und wo früher im Sommer wahrscheinlich die Urlauber den Rasen im Biergarten vor dem Haus plattgetreten hatten, wucherte jetzt eine saftige Wiese hinter rostigem Zaun.

Zwei leere Betonkübel flankierten den Weg zum vermeintlichen Eingang des Hotels. An der Eingangstür offenbarte ein selbst gemaltes Schild: »Restaurant geschlossen, Hotel geöffnet.« Ein Blick durch das Fenster ließ Rieder in eine vergangene Zeit eintauchen. Da stand auf der Fensterbank sogar noch ein altes Holzbrett, auf dem zu lesen war: »Mittwoch Ruhetag. Nur Reisebüro- und Hausgäste werden versorgt.« Drinnen waren niedrige Holztische mit Eierschalensesseln zu sehen. Eine Theke, die sicher ihre dreißig oder gar vierzig Jahre auf dem Buckel hatte, wollte sich nicht so recht an die neue Werbung darüber für »Warsteiner« gewöhnen. Das Parkett davor war abgetreten von Kellnern, die mit schweren Tabletts zwischen Theke, Küche und Gästen ununterbrochen während der lange zurückliegenden Öffnungszeiten hin und her gependelt waren. Zwar lagen auf den Tischen noch Decken, aber darüber hatte sich der Staub der Zeit gelegt. Hier wurden schon lange kein Steak Letscho oder Soljanka mehr serviert.

»Offiziell vermietet der alte Eckardt ja nicht mehr. Jedenfalls hat er das Gewerbe abgemeldet«, weckte Damp Rieder aus seinen Gedanken, »aber wo kein Kläger …«

Rieder wusste, dass es auf der Insel nicht wenige gab, die am Finanzamt vorbei ihre Zimmer und Ferienwohnungen vermieteten oder es mit den Eintragungen ins Gästebuch nicht so genau nahmen. Das »Hotel am Strand« war ihm auch im Vorbeifahren schon aufgefallen. Denn hier in Neuendorf war es in seiner Größe außergewöhnlich.

»Früher soll das mal das erste Haus am Platz, wenn nicht sogar auf der ganzen Insel gewesen sein«, meinte Damp. »Hier gab es immer Musik, eine Bar, erzählen die Neuendorfer, und die Promis gaben sich die Klinke in die Hand. War auch so fast das einzige richtige Hotel hier, nachdem alles andere unter die Fuchtel des FDGB geraten war oder irgendwelche Betriebe aus den alten Hotels Ferienheime gemacht hatten.« Rieder selbst fuhr fast täglich an einer dieser Hinterlassenschaften in Vitte vorbei. Da standen drei Blöcke eines ehemaligen sogenannten FDGB-Heims der Volkswerft Stralsund, die noch immer auf einen neuen Eigentümer warteten. Aber der Zahn der Zeit hatte schon das Reetdach zernagt und der Putz blätterte an vielen Stellen in Brocken ab.

Rieder konnte sich schon vorstellen, dass dieses »Hotel am Strand« bewegte Zeiten erlebt hatte. Damp schob seine Mütze in den Nacken und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Die Bantow und der Eckardt sind sich nicht grün. Das weiß ich von der Bantow. Die ärgert sich darüber, dass der Eckardt nichts mehr auf seinem Grundstück macht und seine Bäume bei ihr über den Zaun wachsen und sie damit immer weniger Sonne auf ihrem Grundstück hat. Sie hat mich mal gefragt, ob man da von Amtswegen nicht was machen kann.«

»Dann lassen wir doch mal einen Ballon steigen.«

Die Polizisten gingen nach rechts zu einem Nebeneingang. Dort waren zwei Klingeln: Auf einer stand »Hotel«, auf der anderen »Eckardt«. Rieder drückte bei »Hotel«.

Nach einiger Zeit hörten sie drinnen Schritte, die eine knarrende Holztreppe herunterkamen. Dann wurde die Tür von einem stattlichen alten Herrn geöffnet. Sein Gesicht zierte ein kleiner grauer Schnurrbart. Das silbergraue Haar war gepflegt und leicht gewellt. Der einstige Hotelier trug eine alte Cordhose und über einem grauen Hemd eine Lederweste. »Ja, bitte?«

»Guten Tag. Herr Eckardt, nehme ich an. Damp und Rieder von der hiesigen Polizei. Wir hätten ein paar Fragen an Sie.«

»Und die wären?« Eckardt hatte eine tiefe Stimme. Er sprach klares Hochdeutsch, ohne jeden norddeutschen Einschlag. Eher klang es etwas nach deutlich unterdrücktem Sächsisch. Jedenfalls machte Eckardt keine Anstalten, die Polizisten ins Haus zu bitten.

»Wir haben gestern am Südstrand einen Toten gefunden und wollten Sie fragen, ob Sie ihn auf dem Foto vielleicht erkennen?«, begann Rieder.

Eckardt schaute kurz auf das Foto. »Ich kenne diesen Mann nicht. Woher auch? Ich verlasse kaum noch das Haus und wir vermieten auch seit Jahren nicht mehr.«

»Da ist uns aber anderes zu Ohren gekommen«, mischte sich Damp ein.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Dass Sie schwarz vermieten. Das pfeifen die Spatzen von den Dächern in Neuendorf.«

»Und. Können Sie es beweisen?«

Damp zeigte vielsagend auf das Schild an der Eingangstür.

Rieder hatte beobachtet, dass Eckardt nur kurz auf das Bild geschaut hatte. Eigentlich zu kurz, um wirklich etwas erkennen zu können. Sein kriminalistischer Spürsinn sagte ihm, dass es an der Zeit war, den Versuchsballon steigen zu lassen.

»Wir haben aber Zeugen, die gesehen haben, wie dieser Mann in Ihr Hotel ging.«

Eckardt stutzte. Dann brach es aus ihm heraus: »Wer hat denn da wieder gequatscht? Die Alte von nebenan mit ihrem Kramladen? Die will mir doch nur was anhängen. Ich kenne den Mann nicht!«

Rieder fasste nach, auch wenn er eigentlich im Nebel tappte. »Kommen Sie, Sie kennen den Mann ganz genau. Sie mussten gar nicht erst auf das Bild schauen, um zu wissen, dass es Ihr Gast ist, den Sie seit gestern vermissen – oder?«

»Was heißt hier ›vermissen‹? Kommt vor, dass einer weg ist.«

»Also war er Ihr Gast?«

Eckardt schaute kurz nach unten, als müsste er sich sammeln. »Wir sollten das vielleicht drinnen besprechen und nicht hier zwischen Tür und Angel.« Er gab den Weg frei. Die beiden Beamten traten ein in die vereinsamte Gaststube. Sie setzten sich an einen der Tische. Rieder nahm wieder das Foto von dem Toten zur Hand.

»Herr Eckardt, wir haben diesen Mann gestern Morgen tot am Strand gefunden, hinter dem Leuchtfeuer Gellen.«

Eckardt seufzte kurz. »Als hätte ich es geahnt. Ich habe davon gehört. So was bleibt hier in Neuendorf nicht geheim.« Er machte eine kurze Pause, strich über den abgeschabten Stoff der Stuhllehne. »Ab und zu, wenn einer klingelt, drücke ich mal ein Auge zu und lasse ihn hier zwei oder drei Nächte übernachten. Alles nicht der Rede wert«, erklärte Eckardt.

»Sie wissen aber schon, dass das illegal ist«, versetzte Damp in strengem Ton. »Ich bin verpflichtet, darüber beim Finanzamt in Bergen Meldung zu machen.«

Eckardt brauste auf. »Was verdiene ich denn schon daran! Die paar Euro! Meine Rente ist niedrig. Machen Sie doch mal darüber Meldung. Was bliebe mir denn von einem Euro, den ich hier einnehme, wenn ich noch das Gewerbe angemeldet hätte. Nicht mal fünfzig Cent. Wie heißt es so schön neudeutsch: Das rechnet sich nicht. Über fünfzig Jahre habe ich dieses Hotel geführt. Schauen Sie mal ins Gästebuch. Da lesen Sie Namen aus Film und Fernsehen. Die sind hier ein und aus gegangen, aber Sie wollen mich melden, weil ich mal ein paar Euro mit zwei, drei Übernachtungen eingenommen habe.«

»Aber Gesetz ist Gesetz«, beharrte Damp, »und das gilt auch für Sie, Herr Eckardt.«

Rieder ärgerte sich über seinen Kollegen und versuchte zu beschwichtigen, auch weil es hier nicht um Pfennigfuchserei, sondern um Mord ging. »Herr Eckardt, wir sind nicht vom Finanzamt, sondern von der Polizei.« Für diesen Satz erntete er von Damp einen verächtlichen Blick. Trotzdem ließ er sich nicht beirren. »Was wissen Sie über den Toten?«

Eckardt schaute Rieder in die Augen.

»Er kam letzte Woche hier an. Irgendwer am Hafen hat ihm den Tipp gegeben, bei mir mal nach Unterkunft zu fragen.«

»Wie ist sein Name?«

Der Hotelier holte sein Portemonnaie aus der hinteren Hosentasche und zog eine Visitenkarte heraus. »Ich war nicht gleich überzeugt. Wie Sie merken, man muss vorsichtig sein, denn die Missgunst lauert überall.«

Rieder las »Dr. Rainer Thies, Kunsthistoriker«, dazu eine Adresse in Berlin. Er gab die Karte an Damp weiter.

Rieder wandte sich wieder an Eckardt: »Und was hatten Sie für einen Eindruck von Herrn Thies?«

»Er wirkte seriös, trug einen dunklen Leinenanzug. Er wolle hier seine kunsthistorischen Studien fortführen. Und er hat im Voraus bezahlt, für acht Tage, wollte sich aber offenhalten, noch länger zu bleiben.«

»Hatte er in der Zeit Besuch?«

»Besuch hatte er nicht, soweit ich das beurteilen kann. Ich halte mich meistens im hinteren Teil des Hauses auf. Aber er wollte hier mit Leuten sprechen, ob nicht doch noch irgendwo Bilder der Inselmalerin Elisabeth Büchsel rumhängen oder andere wertvolle Kunstschätze. Er hat auch mich gefragt, aber wir hatten so etwas nicht in unserem Besitz. Und wenn, weiß ich nicht, ob ich es früher nicht irgendwann gegen geräucherten Aal oder gegen russischen Kaviar eingetauscht hätte für meine Gäste. Und hier im Ort habe ich ihm wenig Hoffnung machen können. Die Leute sind verschlossen. Wenn da einer klingelt und meint, ich will mich mal in eurer Wohnstube umsehen, dann fällt die Tür gleich wieder ins Schloss. Er sagte etwas von einer Ausstellung in Stralsund über die Künstler der Insel Hiddensee. Und dafür wollte er gern noch ein paar unbekannte Werke ausgraben. Aber ob er fündig geworden ist? Keine Ahnung.«

Damp notierte alles, wollte aber auch nicht nur als uniformierte Sekretärin erscheinen. »Vielleicht könnten wir das Zimmer von Herrn Thies sehen?«, mischte er sich in das Gespräch.

»Haben Sie denn einen Durchsuchungsbefehl? Früher war das ja nicht üblich, wenn sich die Herrschaften über die Ostsee abgesetzt hatten und sich die sogenannten staatlichen Organe der verbliebenen Habseligkeiten annahmen. Aber die Zeiten haben sich ja wohl geändert?«

»Einen Durchsuchungsbefehl brauchen wir nicht, da es sich hier um den Sachverhalt ›Gefahr im Verzug‹ handelt«, belehrte Damp den Hotelbesitzer. »Aber wir können natürlich auch anders, wenn Sie sich weigern.« Der Ortspolizist glaubte wieder Oberwasser zu bekommen, aber Eckardt stand auf. »Kommen Sie mit. Wir müssen ins Obergeschoss.«

Sie stiegen über die knarrenden Holztreppen nach oben. Eckardt machte am Ende der Stufen Licht. Der Flur brauchte eigentlich auch dringend eine Renovierung, das einstige Kreideweiß der Wände hatte oben und unten graue Schmutzränder. Die Holztüren zu den Zimmern waren nur lackiert. Sicher waren sie einst ein schöner Kontrast gewesen zu den hellen Wänden. Das Seebäderflair aus den frühen Jahren des letzten Jahrhunderts schimmerte noch durch. Offenbar hatte Eckardt versucht, diesen Charme über die Jahre zu erhalten. Rieder empfand etwas wie Mitleid mit dem alten Hotelier. Die Zeit war über ihn und sein Hotel hinweggegangen. Jetzt, wo alles hier modernisiert wurde, hatte er wahrscheinlich nicht mithalten können. Und die Saison war eben zu kurz, um so ein großes Hotel mit Restaurant, gerade hier in Neuendorf, halten zu können.

Eckardt öffnete die Tür mit einer aufgemalten Zwei.

»Da wären wir.«

»Die Tür ist nicht verschlossen?«, fragte Rieder.

»Ich habe gestern schon mal nachgeschaut, ob Herr Thies in seinem Zimmer ist, nachdem ich den ganzen Tag keinen Ton von ihm gehört hatte. Aber er war nicht da.«

»Und das hat Sie nicht beunruhigt?«

»Wissen Sie, mit den Jahren als Hotelier ist man so etwas gewöhnt. Leute finden im Dorf oder auf der Insel eine Urlaubsbekanntschaft und teilen dann dort das Bett, kommen nur noch mal am Abreisetag zurück, um ihre Sachen zu holen.«

Eckardt wollte ins Zimmer vorausgehen, aber Damp hielt ihn zurück. Er konnte auch einen gewissen feindseligen Ton wieder nicht unterdrücken. »Das ist jetzt unsere Sache, damit keine weiteren Spuren verwischt werden.«

Rieder versuchte einzulenken. »Haben Sie irgendetwas verändert oder vielleicht mitgenommen, als Sie gestern im Zimmer waren?«

»Ich bitte Sie! Das ist nicht mein Stil. Das Zimmer gehört dem Gast und selbst unsere Reinigungskraft räumt nicht auf, wenn es nicht gewünscht wird, sondern legt höchstens die Sachen zusammen, macht die Betten und nimmt die schmutzigen Gläser mit.«

»Hat Ihre Reinigungskraft gestern hier sauber gemacht?«

»Nein. Sie kommt nur, wenn Gäste länger als eine Woche bleiben.«

»Wann haben Sie denn Herrn Thies definitiv das letzte Mal gesehen?«, hakte Damp ein und holte sein Notizbuch wieder aus der Tasche.

»Vorgestern Nachmittag. Er kam offenbar von einer kleinen Exkursion zurück. Er hatte ein Fernglas dabei und eine Landkarte. Und er fragte mich, ob man noch irgendwo in Neuendorf Lebensmittel einkaufen könne, weil Frau Bantow am Sonntag nicht aufmacht. Ich sagte ihm, er müsse dann schon nach Vitte in den Supermarkt fahren. Der hat jetzt in der Sommersaison auch sonntags auf.«

»Und danach?«

»Ich habe ihn gegen Abend gehört, wie er die Treppe runterging. Er muss durch den Seitenausgang raus sein, weil er auch sein Rad mitgenommen hat.«

Rieder holte die Fotografie aus dem Jackett und reichte sie Eckardt.

»Dieses Rad?«

»Ja genau, dieses Rad. Er hat außerdem noch den Wagen mitgenommen, den ich ihm geborgt habe, falls er irgendetwas Brauchbares für seine Ausstellung findet. Er fragte mich auch, ob ich die Sachen vorübergehend in Verwahrung nehmen könnte, für den Fall, dass er zwischendurch noch mal zurück nach Stralsund muss.«

»Können Sie den Wagen beschreiben?«

»Na, so ein typischer Fahrradanhänger, den hier alle haben. Er ist auch schon einige Jahre alt. Die Wanne ist aus Metall, silbergrau, wie es früher üblich war und nicht aus diesem Plastikzeug.«

Eckardt gab Rieder das Foto zurück.

»Das Rad haben wir am Strand gefunden, in unmittelbarer Nähe von Thies’ Leiche, aber von dem Anhänger gibt’s nur Spuren. Hat er denn besondere Kennzeichen oder haben Sie vielleicht sogar ein Foto von dem Wagen?«

Eckardt überlegte und schüttelte dabei den Kopf. Dann hob er die Hand, als wollte er irgendetwas aufhalten. »Warten Sie, hinten steht ›Überbreite‹ drauf. Ein Freund aus Kloster, ein Maler, der ihn sich immer mal ausgeborgt hat, um seine Staffelei durch die Gegend zu kutschieren, hat das hinten draufgemalt.«

»Könnten Sie doch mal nachschauen, ob Sie nicht doch noch ein Foto finden, wo der Wagen drauf ist? Wir würden in der Zeit mal das Zimmer inspizieren.«

Während Eckardt wegging, nahmen die beiden Polizisten das Zimmer in Augenschein. Das kleine Fenster ging nach hinten raus, Richtung Schabernack. Das Zimmer war keine fünfzehn Quadratmeter groß. In der Mitte dominierte ein dunkles Holzbett den Raum. Auch schon etwas älter. In die Fuß- und Kopfbretter waren geflochtene Korbteile eingelassen. Decke und Kissen waren gemacht, wenn auch nicht gerade ordentlich. An beiden Seiten des Bettes standen kleine Nachttischschränke. Über dem Bett hing ein altes Seemannsbild. Ein Schiff in heftigem Sturm. Oben an der Decke eine kleine Deckenleuchte, die am Abend sicher kein gleißendes Licht warf. Um zu lesen, war man wohl eher auf die Nachttischleuchten mit gebogenen Ständern und matten runden Schirmen angewiesen. Aber auch eine Sitzdecke mit rundem Tischchen und zwei Korbstühlen am Fenster lud zu gemütlichen Lesestunden an trüben Regentagen ein. Gleich links neben dem Eingang stand ein gewaltiger dunkler Schrank, rechts war die Waschecke, darunter ein kleiner Kühlschrank. Rieder öffnete ihn und fand darin Milch, Vollkornbrot und eine Bioleberwurst.

Über den Korbstühlen lagen Kleidungsstücke, auf dem kleinen Tischchen und den Nachtschränken waren Papiere, Landkarten und Bücher verstreut. Rieder und Damp streiften Latexhandschuhe über, doch Rieder hielt seinen Kollegen zurück, als dieser anfangen wollte, die Sachen zu durchsuchen. »Wir müssen die Spurensicherung rufen. Bis dahin sollten wir vorsichtig sein und so wenig wie möglich verändern.« Dann nahm er sein Telefon und wählte die Nummer von Holm Behm. Behm versprach ihm, sofort einen Trupp loszuschicken. Er würde versuchen, auch selbst mitzukommen. Während Damp begann, die herumliegenden Hosen, T-Shirts und Hemden nach Papieren zu durchsuchen, rief Rieder auch noch bei Bökemüller an. Er wurde auf das Handy des Chefs der Polizeiinspektion durchgestellt. Bökemüller machte einen gestressten Eindruck, als er sich meldete. Um ihn herum erklang ein wahres Sprachgewirr aus Deutsch, Englisch und Platt.

»Mensch Rieder, ich bin gerade wieder bei einer dieser nervigen Vorbesichtigungen. Die Amis wollen jeden Tag alles wieder auf den Kopf stellen. Ich kann Ihnen sagen, da macht man was mit.«

»Ich kann es Ihnen nachfühlen. Ich will auch nicht groß stören. Aber wir haben den Toten identifiziert. Es handelt sich mit größter Wahrscheinlichkeit um einen Rainer Thies, Kunsthistoriker aus Berlin.«

»Das ist ja sehr gut. Aber hätte das nicht Zeit gehabt, bis ich wieder im Büro bin?«

Rieder merkte, dass dies wohl kein so guter Zeitpunkt war, um sein Anliegen vorzubringen. »Ich bräuchte aber Ihre Hilfe, um die Berliner Kollegen um Amtshilfe zu bitten.«

»Also Rieder, nun hören Sie mal. Dafür gibt es den Dienstweg und die Berliner werden sich der Sache schon annehmen. Bereiten Sie den Schreibkram vor und senden Sie ihn mir per Mail ins Büro.«

Rieder hatte das erwartet und eigentlich versuchte er immer, an seine Vorgesetzten keine Bitten zu richten. Er gab sich innerlich einen Ruck.

»Ich würde aber gern einen ganz bestimmten Kollegen in Berlin anfordern und dachte, bei Ihren Verbindungen zur Berliner Polizei könnten Sie es vielleicht deichseln, dass sich mein früherer Partner Tom Schade der Sache annimmt.«

Bökemüller hatte beim Einstellungsgespräch durchblicken lassen, dass er natürlich in Berlin Referenzen über Rieder eingeholt habe, auf hoher Ebene wohlgemerkt. Wozu spiele er denn seit einigen Jahren mit dem stellvertretenden Berliner Polizeipräsidenten immer mal eine Runde Golf auf Rügen, auch wenn er diesen Sport ziemlich langweilig fände. Aber in seinen Kreisen der höheren Polizeioffiziere sei das eben so üblich.

Jetzt hörte Rieder zunächst nur ein Räuspern in der Leitung.

»Ich werde mal sehen, was ich tun kann. Versprechen kann ich Ihnen aber nichts. Das ist ja nun eher ein Routinefall und da würde ich die Trümpfe echt mal für eine größere Sache in der Hinterhand halten. Aber schreiben Sie den Namen des Kollegen sicherheitshalber mit in die Mail hinein. Jetzt muss ich weiter.«

Und schon legte er auf. Rieder steckte seufzend sein Handy ein. Damp hatte die ganze Zeit über so getan, als hätte er nicht zugehört, aber sein leicht spöttischer Blick verriet Schadenfreude darüber, dass Rieder bei Bökemüller auf Granit gebissen hatte.

»Keine Papiere sonst gefunden«, erklärte Damp, der mittlerweile alle Kleidungsstücke und jede Schublade durchsucht hatte.

»Gibt’s nicht so etwas wie einen Koffer?«, fragte Rieder.

»Ich habe nichts gefunden. Ich schau noch mal in den Schrank.«

Der Polizist öffnete den dunklen Schrank und buckelte einen riesigen Aluminiumkoffer heraus.

»Schauen Sie mal, Rieder! Der ist ja riesig.«

Damp stellte den Koffer in die Mitte des Raumes, öffnete die Schlösser und klappte ihn auf. Beide Polizisten staunten, denn im Inneren des Koffers befand sich ein Futteral aus Schaumstoff mit vielen verschiedenen Fächern, die sich um eine Art runden Hohlkörper gruppierten.

»Was war hier wohl verpackt?«, fragte Rieder mehr sich selbst als seinen Kollegen, der das Innere des Koffers befühlte.

»Sehen Sie den vielen Sand in den Ritzen überall. Was hier drin war, muss im Sand gestanden haben. Und ich würde sagen irgendwo am Strand, so fein, wie der Sand ist.«

»Hm, keine Ahnung. Ich kann keine Sandkörner vom Strand und vom Dorf unterscheiden. Lassen wir das die Jungs von der Spurensicherung prüfen.«

»Die werden sich freuen, denn wie kriegen sie das ganze Zeug erst mal nach Stralsund?«

»Nicht unsere Sache«, sagte Rieder und zuckte mit den Schultern, »Ist Ihnen sonst noch was aufgefallen?«

Damp wischte sich die Stirn, denn hier unter dem Dach war es jetzt so kurz vor Mittag bei dem Sonnenschein draußen richtig heiß. »Ich habe ja nicht viel Ahnung von so was, aber ich denke die Sachen sind alle nicht billig gewesen.«

Rieder inspizierte selbst noch einmal die Kragen der Hemden und T-Shirts und entdeckte dann auch auf der Kleidung die Zeichen bekannter Modelabels. Bei den Büchern fiel Rieder auf, dass es offenbar in allen um die Insel Hiddensee ging. Thies hatte sich scheinbar intensiv mit der Geschichte der Insel beschäftigt. Als Rieder die Bücher etwas anhob, um die Titel zu lesen, fiel aus einem Buch eine zusammengefaltete Landkarte heraus. Er faltete sie auseinander: eine Art topografische Karte oder Seekarte. Die Wege und Häuser auf der Insel waren viel genauer eingezeichnet als auf normalen Touristenkarten. Genau waren die unterschiedlichen Erhebungen und Ausbuchtungen benannt, die oft nur die Einheimischen kannten. Kein Verlag für Touristenkarten machte sich die Mühe, alle diese Angaben einzuzeichnen. Die Karte konnte von der Bundeswehr stammen oder von der Bundesmarine, denn es waren auch viele Markierungen auf See zu erkennen. Aber besonders fielen ihm Kreuze mit Buchstaben und Zahlen ins Auge, die offenbar nachträglich eingetragen worden waren. »SM4 am Strand von Vitte« oder »StM2 am Krakensee, auf der Boddenseite, kurz vor dem Gellen.« Im Vogelschutzgebiet Gellen fanden sich auf der Karte aber neben den Einträgen viele Kreuze. Auch direkt vor der Küste. Zum Beispiel in der Nähe vom kleinen Leuchtfeuer Gellen. Also ganz in der Nähe vom Fundort der Leiche. Rieder drehte die Karte um und entdeckte einen Stempel. »Eigentum der Nationalparkverwaltung Vorpommersche Boddenlandschaft. Außenstelle Hiddensee.«

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25 mayıs 2021
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