Kitabı oku: «Norderende»

Yazı tipi:

Tim Herden

Norderende

Ein neuer Fall für Rieder und Damp

mitteldeutscher verlag

Inhalt

Cover

Titel

Tim Herden

Widmung

Prolog

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

XXX

XXXI

XXXII

XXXIII

XXXIV

XXXV

XXXVI

XXXVII

XXXVIII

XXXIX

XL

XLI

XLII

XLIII

XLIV

XLV

XLVI

XLVII

XLVIII

XLIX

L

Impressum

Tim Herden, geboren 1965 in Halle (Saale), arbeitete nach dem Studium der Journalistik in Leipzig zunächst als wissenschaftlicher Assistent und Journalist, ehe er 1991 Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk in Dresden wurde. Heute ist er Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio Berlin. „Gellengold“ war sein erster Krimi, 2012 erschien mit „Toter Kerl“ sein zweiter Hiddensee-Roman.

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Für Tino

Wie der Sternenhimmel über der Ostsee – so funkelte das Licht der alten Laterne durch die kleinen Löcher im Stoff des Zeltkinos in Vitte. Auf der nicht mehr ganz taufrischen Leinwand umwarb ein brummiger Gerard Depardieu eine kesse Blondine. „Chanson d’amour“ stand auf dem Programm. Der Film war ganz nach dem Geschmack des Publikums. Jedenfalls war der erste Auftritt Depardieus von einem Chor wollüstiger Seufzer des nahezu ausschließlich weiblichen Publikums aufgenommen worden. In dicke Fleecejacken und knallgelbe Ostfriesennerze gehüllt, drängten sie sich auf dem harten Kinogestühl. Dazu lag ein Hauch von Mückenschutzmittel in der Luft. Die warmen Körper in der feuchten Nachtluft des späten Septembers lockten die Quälgeister in Scharen herbei und ließen sie satte Beute machen.

Die Zeit des Altweibersommers war die Saison der alleinstehenden Frauen auf Hiddensee. In Scharen strömten sie auf die Ostseeinsel. Im Sommer hatten sie auf Urlaub verzichtet, damit Familien mit Kindern in die Ferien fahren konnten. Single-Männer zog es offenbar nicht gleichermaßen zum Inselurlaub. Sie waren jetzt zum Leidwesen der zahlreichen Touristinnen auf der Insel Mangelware.

Fast uniform waren die Frisuren der Frauen im Publikum. Halblang, gern etwas asymmetrisch geschnitten, pflegeleicht und praktisch für jedes Wetter, das die Insel jetzt bot: Sonnenschein, Sturm und Regen. Dazu baumelte einseitig an den Ohren bunter Modeschmuck in Form geometrischer Figuren: Kreise, Dreiecke oder Filzgebilde.

Birte war die Ausnahme. Sie war die einzige Frau, die an diesem Abend ein kurzes Sommerkleid trug. Und sie war mit einem Mann erschienen. Ihr war es egal, ob sich der französische Barde auf der Leinwandbühne noch zu einem Happy End sang. Ihr Interesse galt ausschließlich Markus. Seit die Lichter ausgegangen waren, knutschten sie wie Teenager, stießen sich dabei ihre Rippen an den harten Lehnen des Kinogestühls und ließen sich auch nicht vom kritischen Räuspern und Hüsteln ihrer Hinterfrauen stören.

Birte spürte, wie ihr die Erregung ins Gesicht stieg. Markus hatte seinen Arm um ihre Schulter gelegt und strich mit seinen Fingerspitzen, scheinbar zufällig, über die Seite ihrer linken Brust. Schwärme von Schmetterlingen durchzogen Birtes Bauch. Ein Gefühl, das sie seit Jahren vermisst hatte.

Der Abspann ertönte. Während die Namen der Darsteller über die Leinwand flimmerten, ging langsam das Licht an. Die Kinobeleuchtung bestand aus alten DDR-Wandlampen und warf nur Dämmerlicht in das Kinozelt. Das Publikum schälte sich aus den engen Sitzen. Beine und Arme wurden mit leisem Stöhnen gestreckt. Den Blick nach unten gerichtet, um nicht auf dem Kopfsteinpflaster zu stolpern, strömte man dem Ausgang entgegen.

Birte und Markus saßen noch. Sie schauten sich in die Augen. Ihre Gesichter waren verschwitzt.

„Und was jetzt? Zu Sebastian und Katharina zurück?“, fragte Markus.

Sebastian und Katharina waren ein Freundespaar, das Birte und Markus getrennt voneinander vor Jahren kennengelernt hatten. Sie besaßen ein kleines Ferienhaus in der Dünenheide zwischen Vitte und Neuendorf. Sie hatten die beiden eingeladen, einen Teil des Urlaubs mit ihnen auf Hiddensee zu verbringen. Dort hatten sich Birte und Markus das erste Mal gesehen und waren sofort füreinander entflammt. Markus war ein Mittvierziger, nahezu einsneunzig groß, muskulös mit dichtem schwarzen Haar, das hier und da von grauen Strähnen durchzogen wurde. Ein Mann im besten Alter. Er arbeitete als Politikberater in Berlin. Markus war geschieden. Er litt unter der Trennung von seinen beiden Kindern. Aber hier auf der Insel hatten sich seine Sorgen in Luft aufgelöst. Der Grund war Birte. Sie hatte Kulturwissenschaft studiert, arbeitete als freischaffende Fotografin. Mehr schlecht als recht schlug sie sich durchs Leben. Mit Aufträgen für Design- und Hotelfotografie kam sie gerade so über die Runden. Sie musste deshalb ab und zu eine Hochzeitsfeier ablichten, um weiter die Miete zahlen zu können. Knapp bei Kasse, konnte sie sich eigentlich keinen Urlaub leisten. So kam ihr die Einladung auf die Insel gerade recht.

Seit Markus vor drei Tagen auf der Insel erschienen war, schwebte die kleine blonde Frau mit dem lockigen Kurzhaarschnitt geradezu über die holprigen Straßen von Hiddensee.

Allerdings spürten Birte und Markus, dass die Situation für ihre Gastgeber nicht ganz einfach war. Nachdem sich die beiden nun seit zweieinhalb Tagen anschmachteten, kam eigentlich kein vernünftiges Gespräch mehr zustande. Sebastian und Katharina wirkten angespannt und überfordert. Vielleicht waren sie auch bloß eifersüchtig auf das junge Glück.

Deshalb wäre es nicht gut, dachte sich Birte, jetzt zu Sebastian und Katharina zu fahren und sie als Ohrenzeugen an ihrer zweiten Liebesnacht teilhaben zu lassen. Die beiden Schlafzimmer im Obergeschoss des Ferienhauses waren lediglich durch eine dünne Wand getrennt. Privatsphäre gab es praktisch nicht.

„Wir könnten noch was unternehmen“, schlug Birte vor. „Sebastian und Katharina werden uns wahrscheinlich nicht vermissen.“

Markus zog die Augenbrauen nach oben.

„Ganz sicher nicht! Denen geht unser Flirtalarm nämlich total auf die Nerven. Vielleicht brauchen sie mal ’ne Pause.“

„Habe ich gar nicht mitbekommen ... Also zurück an den Strand?“

Dort hatten sie vor dem Kino lange Zeit eng umschlungen gesessen und dem Anschlagen der Wellen zugeschaut.

Birte schlug die Augen nieder. Sie bohrte ihre Schuhspitze in eine der Sandfugen zwischen den Pflastersteinen des Kinobodens. „Ich habe da vorhin einen kleinen Abzweig kurz hinter der Düne gesehen. Da liegt ein altes Ruderboot. Ist vielleicht ein ganz nettes Plätzchen für ...“

Markus grinste: „Gute Idee.“

Draußen nahm sie Markus an die Hand. Sie gingen am Kino vorbei in Richtung Strand. Der Weg war in der Dunkelheit kaum zu erkennen. Orientierung bot nur das Glitzern der Ostsee im Mondschein. Kurz vor dem asphaltierten Dünenweg zog Birte Markus nach rechts. Sie zwängten sich an Sanddornsträuchern vorbei in das kleine Strandwäldchen. Dort lag das alte Ruderboot, den Kiel nach oben. Markus setzte sich und nahm Birte auf den Schoß. Sie schlang ihre Beine um seine Hüften. Die beiden begannen sich heftig zu küssen. Markus schob seine Hände unter Birtes Kleid und fühlte ihre nackten Beine.

Sie versuchte, seine Hose zu öffnen. Er hielt sie kurz zurück.

„Warte mal. Ich steh’ mal kurz auf.“

Während Markus seine Hose auszog, ging Birte etwas zur Seite. So ein großer Mann brauchte einen großen Bewegungsspielraum. Plötzlich spürte sie an ihren Waden einen Widerstand. Sie verlor das Gleichgewicht und stürzte mit wedelnden Armen nach hinten, fiel aber weich auf eine Art Stoffballen. Zuerst dachte sie, es wäre vielleicht ein Fischernetz. Doch als sie sich mit ihren Händen abstützen wollte, um wieder aufzustehen, spürte sie menschliche Haut. Birtes Schrei durchschnitt die laue Herbstnacht.

I

Stefan Rieder betrachtete seine Unterarme. Sie waren übersät mit Kratzern. Ein paar Blutstropfen waren durch die geschundene Haut gedrungen und bildeten nun rötlichbraunen Grind. Außerdem war sein Gesicht gezeichnet von Dutzenden Mückenstichen. Rieder fragte sich, was ihn dazu getrieben hatte, diese Tortur über sich ergehen zu lassen. Aber wenn er ein richtiger Hiddenseer werden wollte, musste er auch lernen, Sanddorn zu melken. Das jedenfalls hatte sein Nachbar Malte Fittkau behauptet.

Den ganzen Vormittag waren Malte und er durch die Sanddornbüsche am Ende des Wiesenweges in Vitte gekrochen. Sie hatten die leuchtend orangefarbenen Beeren von den Ästen gestrichen und in Plastikeimer gefüllt. Einziger Schutz gegen die Stacheln an den Ästen waren ein paar alte Lederhandschuhe und gegen mögliche Schlangenbisse hohe Gummistiefel.

Rieder hatte es auch nicht besonders lustig gefunden, als ihm Malte erst mitten im Dickicht der Sanddornbüsche erzählt hatte, dass ihm genau hier vor einem Jahr ein Wildschwein begegnet war.

„Wildschwein?“, hatte Rieder ungläubig gefragt.

„Ja, war nicht groß. Vielleicht so.“ Malte hatte die flache Hand auf die Höhe seiner Hüfte gehalten.

„Das nennst du nicht besonders groß?“ Rieder hatte sich umgedreht und nach einem Fluchtweg Ausschau gehalten. Aber Fehlanzeige. Sie waren schon so tief im Buschwerk verschwunden, dass es bereits unter normalen Bedingungen einige Mühe gekostet hätte, wieder herauszufinden.

„Wie kommen die Schweine auf die Insel?“

„Schwimmen rüber von Rügen. Und hier vor Vitte können sie gut ans Ufer klettern.“

Rieder hatte einen Riesenrespekt vor Wildschweinen. Während seiner Dienstzeit in Berlin war er im Grunewald mehrmals ganzen Rotten begegnet. Einmal hatte er sich mit seinem Partner Tom Schade nur knapp ins Auto retten können, als eine Horde angriffslustig aus dem Unterholz auf sie zugestürmt war.

„Letztes Jahr“, hatte Malte Fittkau weiter geplaudert, „da haben wir am Seglerhafen ein totes Schwein aus dem Bodden gefischt. Ein Brocken.“ Er hatte dabei die Arme weit ausgestreckt. „Das wäre ein Braten gewesen. Ist im Eis eingebrochen und nicht wieder rausgekommen.“

„Werden die Schweine denn auf der Insel gejagt?“

„Meist nicht. Der Bürgermeister hat sich extra eine Flinte gekauft. Aber dann kamen die Naturschützer. Biosphärenreservat! Wir lassen der Natur ihren Lauf!“, hatte Fittkau geantwortet und dabei kurz mit der Hand eine Scheibenwischerbewegung vor seinem Gesicht gemacht. „Schau mal bei deiner nächsten Patrouille etwas tiefer in den Wald am Dornbusch. Schön durchgepflügt. Ob das der Natur so gut tut?“

„Aber ich habe noch nie ein Schwein gesehen.“

„Warst du schon mal nachts am Leuchtturm?“

Rieder hatte zwar in den sechs Monaten, in denen er jetzt auf Hiddensee Dienst tat, aus der Ferne nachts oft das blinkende Licht der Leuchtturms auf der Nordspitze der Insel gesehen und als beruhigend empfunden. Aber zu später Stunde war er noch nie dort oben gewesen.

„Wir können ja mal eine Tour machen und nach den Schweinen schauen“, hatte Fittkau angeboten. Rieder hatte offen gelassen, ob er diese Offerte wirklich annehmen wollte.

Stefan Rieder war im April auf die Insel gekommen. Zuvor war er Hauptkommissar bei einer Mordkommission in Berlin gewesen. Heute fiel es ihm zuweilen schon schwer, sich an dieses frühere Leben zu erinnern. Es war für ihn weit weg. Die Gewalt in Berlin. Die ewigen Schichten im Kommissariat. Die endlosen Nächte, wenn Verdächtige beschattet werden mussten. Die Aktenstapel ungelöster oder laufender Fälle. Das Einzige, was ihm fehlte, war sein Partner Tom Schade. „Jung, mach dir mal kein’ Kopp“, war immer einer seiner Lieblingssprüche gewesen, wenn ihnen ein Fall die letzte Kraft zu rauben schien. Schades rheinischer Lebensmut hatte einfach gutgetan und war ansteckend gewesen. Doch irgendwann hatte auch das Rieder nicht mehr aufgebaut.

Eines Morgens hatte Rieder am schwarzen Brett eine Stellenausschreibung der Polizeidirektion Stralsund entdeckt. Sie suchten einen Polizisten für ein Projekt zur Verbrechensprävention in den Tourismusgebieten an der Ostseeküste. Testort sollte die Insel Hiddensee sein. Er hatte die Stellenanzeige einfach abgerissen und noch am Abend die Bewerbung zur Post gebracht. Seine Zeugnisse waren gut. Mehrfach war er für die Aufklärung von komplizierten Fällen belobigt worden. Seine Besoldungsgruppe passte. Stralsunds Polizeidirektor Bökemüller hatte zwar zunächst einige Bedenken gegen den Mann aus der Hauptstadt, dann hatte er aber doch Rieders Bewerbung, inklusive Rückkehrrecht nach Berlin innerhalb von zwei Jahren, zugestimmt.

Anfang April war Rieder im Polizistenhimmel angekommen. Auf der Insel Hiddensee. Statt Autolärm Meeresrauschen. Statt aggressivem Gebrüll Testosteron-gesteuerter Jugendlicher entspannte Touristen, die über die Insel wanderten.

Ein Quartier hatte Rieder im Wiesenweg in Vitte gefunden. Dort hatte er ein kleines Kapitänshaus gemietet. Es lag mitten auf einer grünen Wiese. Der Zaun zur Straße war überwuchert von einer Rosenhecke, die seit Rieders Ankunft rosa blühte. Jetzt im frühen Herbst begannen sich die Blüten in rote Hagebutten zu verwandeln.

Hier auf der Insel war Rieder seit langem der Wechsel der Jahreszeiten wieder richtig bewusst geworden. Als er ankam, standen in den Vorgärten noch Narzissen und Tulpen. Dann, im späten Frühjahr versanken die Hänge des Dornbuschs im Insel-Norden im gelben Meer des Ginsters. Der Sommer kam, die Zeit der Kirschen und der Königskerzen. Nun kündigten die prallen violetten Brombeeren auf dem Friedhof in Kloster und die orangefarbenen Beeren des Sanddorns den Herbst an. Ein wenig hatte Rieder Angst vor dem Winter, wenn das Leben auf der Insel erstarb. Auf seine Frage, was denn der Hiddenseer außerhalb der Saison tun würde, hatte Malte nur ein Wort gesagt: „Warten.“

Malte Fittkau kam über die Wiese geschlendert. Er wohnte auf dem Nachbargrundstück und betrieb eine kleine Ferienpension. Mit Kapitänsmütze, Latzhose und Gummistiefeln wirkte er wie ein traditioneller Hiddenseer Fischer. Allerdings hatte er das Handwerk nie ausgeübt. Er verfügte zwar noch über ein paar Fischrechte im Bodden, die er von seinem Vater geerbt hatte, nutzte sie aber nicht einmal für den Eigenbedarf. Die Tracht war eher als Inselfolklore für seine Gäste gedacht.

Ohne seinen Nachbarn Malte hätte Rieder vielleicht schon an seinem Wechsel von Berlin nach Hiddensee gezweifelt. Doch Malte hatte Rieder auf der Insel Tür und Tor geöffnet und ihn auch mit der Lebensart der Insulaner vertraut gemacht. Malte kannte einfach jeden und wusste alles. Sein heimlicher Spitzname war „Inselfunk“. Er stand Rieder bei den kleinen Widrigkeiten des Lebens zur Seite – anders als in der Großstadt gab es hier keine Baumärkte und kaum Handwerker, wenn man ein Ersatzteil brauchte oder etwas zu reparieren war. Dafür gab es Maltes goldene Hände.

„Wieder fit?“, fragte Malte und deutete auf Rieders zerschundene Arme.

„Geht schon.“ Der Polizist wollte nicht als städtischer Softie erscheinen.

„Dann können wir weitermachen.“

„Was?“

„Den Sanddorn quetschen.“

Rieder sah seinen Nachbarn verständnislos an.

„Die Beeren müssen durchs Sieb für den Saft. Ich habe sie schon mal ein bisschen abgekocht, damit die Schale etwas weicher ist und die Saftpresserei leichter geht.“

„Aha. Gibt’s da nicht ’ne Saftpresse oder so was?“

„’ne Saftpresse?“ Malte schüttelte befremdet den Kopf.

Rieder folgte Fittkau zu seinem Häuschen, einem langgestreckten alten Fischerhaus mit Reetdach. In dem kleinen Hof, der durch die vielen Anbauten um das Haus und die Schuppen entstanden war, standen die Plastikeimer mit den gelben Beeren und ein leerer Bottich. Daneben lagen ein Küchensieb und ein Quirl.

Rieder nahm das Sieb und hielt es ins Licht. „Da soll was durchkommen?“

„Das passt schon“, antwortete Fittkau. Er nahm ihm das Sieb aus der Hand und füllte es mit Beeren. Dann begann er mit dem Quirl die Beeren im Sieb zu zerreiben. Der Saft tropfte dickflüssig in den Bottich. Doch die Schalen der Beeren waren immer noch so hart und das Mark der Beeren so breiig, dass das Sieb schnell verstopft war.

„Mach mal weiter!“ Fittkau übergab Rieder Sieb und Quirl. Malte verschwand in einem seiner Schuppen. Rieder kam ins Schwitzen. So sehr er auch rührte und quetschte, der Bottich füllte sich nur langsam.

Fittkau kam mit einem Korb voller Flaschen wieder heraus.

„Das Sieb ist zu klein“, maulte Rieder. Malte reagierte nicht, sondern ging mit den Flaschen ins Haus.

‚Wenn die alle mit Saft gefüllt werden sollen‘, dachte sich Rieder, ‚dann muss ich die ganze Nacht rühren.‘

Fittkau machte ihm ein Zeichen, mal anzuhalten. Er schaute in den Bottich, der jetzt gerade halbvoll war. Dann setzte er einen Trichter auf eine Flasche und füllte nun ganz vorsichtig etwas Saft aus dem Bottich hinein. Dann hielt er die Flasche hoch und nickte. Offenbar war er mit der Qualität des Sanddornsaftes zufrieden. „Sieht gut aus. Bin gleich wieder da.“

Fittkau verschwand mit dem Bottich im Haus, kam aber gleich wieder mit dem leeren Gefäß zurück. „Während ich drinnen den Saft aufkoche und in die Flaschen fülle, kannst du hier weitermachen.“

Dann stellte er den Bottich wieder hin und machte eine kreisende Bewegung, damit Rieder mit dem Quetschen der Beeren fortfahre.

Langsam ging die Sonne unter. Rieder sah vor lauter Rühren nicht, wie sich der Himmel im Westen der Insel blutrot verfärbte. Erst als Fittkau das Außenlicht an seinem Häuschen anmachte, wurde ihm klar, wie lange er jetzt schon Sanddorn durch das Küchensieb matschte.

Rieder stand auf. Das Brennen auf den Armen war verschwunden. Dafür schmerzte sein Rücken. Er streckte sich und lief ein paar Schritte. Dabei sah er, wie eine Frau hektisch an die Tür seines Häuschens klopfte. Es war seine Nachbarin zur anderen Seite. Dora Ekkehard, die Kinofrau. Als sie Rieder entdeckte, stürmte sie auf ihn zu.

II

Sie müssen sofort kommen. Am Kino liegt ein Toter!“, rief Dora völlig außer Atem.

Rieder kratzte sich am Kopf und wiegte den Kopf hin und her. „Ich bin eigentlich nicht zuständig. Ich habe frei. Sie müssten sich bitte an Herrn Damp wenden.“

„Zuständig, zuständig ... Wo sind wir denn hier? Da liegt ein Toter, und Sie erklären sich als Polizist für nicht zuständig. Wir sind hier doch nicht auf dem Finanzamt!“ Die Augen von Dora Ekkehard blitzten vor Zorn. Sie stemmte ihre Arme in die Hüften des kompakten Körpers.

„Haben Sie schon versucht, Damp zu erreichen?“

„Habe ich! Mailbox!“

Ole Damp war wie Rieder Inselpolizist auf Hiddensee und seit kurzem Revierleiter. Beide verband eine innige Hassliebe. Rieder hatte keine Lust, die schwelenden Machtkämpfe im kleinen Inselrevier neu anzufachen. Damp hatte Bereitschaft, und er würde es Rieder sehr übel nehmen, wenn er sich in seine Kompetenzen einmischte. Andererseits war Rieder klar, bei einem ungeklärten Todesfall konnte man nicht einfach Dienst nach Vorschrift machen.

„Haben Sie schon Dr. Möselbeck angerufen?“

„Der schickt mich doch! Möselbeck hat gesagt, Peter Stein ist nicht eines natürlichen Todes gestorben. Da muss die Polizei her.“

Rieder nickte und war aber zugleich verwirrt. Er ging davon aus, dass es sich um einen Zuschauer aus dem Kinopublikum handelte. Woher kannte Dora Ekkehard den Namen des Toten? „Ein Herr Stein?“, fragte Rieder.

Dora Ekkehard starrte Rieder an, als wäre er ein Außerirdischer. „Mensch, da liegt Peter Stein! Der Bauunternehmer!“

Rieder zuckte mit den Schultern. In sechs Monaten konnte man selbst auf einer kleinen Insel wie Hiddensee nicht jeden Insulaner kennen. Mit einem Peter Stein hatte er jedenfalls noch nichts zu tun gehabt. Aber wenn Möselbeck ein Verbrechen vermutete, musste er jetzt wohl handeln.

„Warten Sie einen Moment ...“ Er ging in sein Haus, um seine Sachen zu holen. Drinnen versuchte er, Damp zu erreichen. Er tippte die Nummer seines Kollegen in sein Telefon. Es klingelte. Dann meldete sich aber nur die Mailbox. Jetzt gab es nur noch eine Chance.

Rieder wählte die Nummer von seiner Freundin Charlotte Dobbert. Sie betrieb im südlichen Inselort Neuendorf das Strandcafé. Dort war Damp Stammgast. Nachdem es dreimal geklingelt hatte, ging Charlotte ans Telefon. „Hallo, kommst du bald?“, säuselte Charlotte ins Telefon. „Ich habe schon fast alle Gäste abgefüttert.“

„Sieht schlecht aus“, bemerkte Rieder.

„Warum?“ fragte Charlotte, und Rieder spürte körperlich ihre Enttäuschung.

„Kann ich dir jetzt leider nicht erklären. Sag mal, sitzt Damp bei dir?“

„Ph, komm doch her und schau selbst nach ...“, antwortete sie zickig.

„Charlotte! Es ist wichtig!“

„Okay. Er sitzt genau vor mir und ertränkt gerade seinen Frust im zweiten Bier.“

„Na prima. Kannst du ihn mir mal geben?“

„Was ist denn eigentlich los?“

„Charlotte, ich brauch’ mal Damp. Dringend!“

Er hörte, wie das Telefon über die Theke gereicht wurde. Charlotte Dobbert bemerkte spitz: „Hey, Damp, Mister Wichtig aus Vitte!“

„Sie haben frei“, begrüßte Damp seinen Kollegen.

„Und Sie haben Bereitschaft!“, gab Rieder zurück.

„Wollen Sie mich kontrollieren?“, brauste sein Kollege auf.

„Wieso sollte ich? Wenn Sie mal einen Blick auf Ihr Telefon werfen, werden Sie sehen, dass schon andere nach Ihnen verlangt haben. In Vitte liegt ein Toter am Zeltkino. Ein gewisser Peter Stein. Möselbeck meint, Sie sollten sich das mal ansehen.“

„Was? Wer?“, brüllte Damp ins Telefon. Dann hörte Rieder das Rascheln von Damps Uniform. Irgendetwas fiel zu Boden. Vermutlich das Diensthandy. Der Hörer von Charlottes Telefon flog auf die Theke und aus der Ferne drang ein „Ach, Scheiße!“ an Rieders Ohr.

„Damp! Damp!“, rief Rieder ins Telefon, aber es antwortete ihm Charlotte. „Der ist mit seinem Handy beschäftigt.“

„Sag ihm, er soll nach Vitte fahren. Wir treffen uns am Zeltkino.“ Da war aber schon wieder Damp am Telefon. „Ich hab’ das völlig überhört“, stotterte Damp, „und es gibt keinen Zweifel? Es handelt sich um Peter Stein?“

Rieder bestätigte es. „So sagt es die Kinobesitzerin, Frau Ekkehard. Sie steht hier bei mir im Garten.“

„Das gibt Ärger!“

„Warum? Wer ist denn dieser Peter Stein?“

„Na, der Bauunternehmer!“

„Und?“

„Er ist der beste Freund des Bürgermeisters.“

Da klingelten auch bei Rieder die Alarmglocken.

III

Die Neugierde hatte Malte Fittkau zu Rieders Haus getrieben. „Mensch, Dora, was machste hier schon wieder für einen Krach?“

„Kümmer dich um deinen eigenen Kram!“, raunzte sie Fittkau an.

Fittkau und Ekkehard waren ebenfalls Nachbarn. Ihre Grundstücke stießen hinter Rieders Haus aneinander. Sie verstanden sich aber nicht besonders gut. Immer wieder gab es Streit. Jetzt ging es um einen umgestürzten Baum. Ein Frühjahrssturm hatte eine Erle auf Doras Grundstück umgeknickt. Der Baum war aber auf Maltes Wiese gekracht und hatte seine Äste in die Wiese gebohrt. Wochenlang war nichts passiert. Dora hatte behauptet, keine Säge zu besitzen, um den Baum zu zerkleinern. Malte hätte eine gehabt, aber sie war zu stolz, ihn zu fragen.

Irgendwann hatte es Malte Fittkau gereicht. Er hatte den Baum zersägt und das Holz in einen seiner zahlreichen Holzschober gestapelt. Das hatte wiederum Dora auf die Palme gebracht. Sie hatte Fittkau wegen Diebstahls angezeigt. Es war Rieder äußerst peinlich gewesen, Malte Fittkau vorzuladen und zu vernehmen. Sein Nachbar hatte geltend gemacht, dass er nach altem Hiddenseer Strandrecht gehandelt hätte. Immerhin wäre der Baum auf seinem Grundstück gestrandet, wie ein Schiff am Strand, und damit sei das Holz nun sein Eigentum. Er würde es auf keinen Fall zurückgeben. Rieder unternahm nun eine Art Pendeldiplomatie zwischen den Grundstücken seiner beiden Nachbarn. Er versuchte einen Kompromiss zu finden. Aber Dora wollte das Holz zurück, und Malte wollte es behalten. Die Fronten waren verhärtet. Beide gingen sich auf der Insel aus dem Weg. Malte benutzte nicht mehr seine Gartenpforte am Wiesenweg, wenn er zum Supermarkt oder zum Strand wollte. Er nahm nun immer den zweiten Ausgang seines Grundstücks an der Sprenge, auch wenn das ein Umweg war. Dora Ekkehard tat es ihm gleich. Auch ihr Grundstück hatte einen Ausgang zum Wiesenweg und zur Sprenge. Eigentlich war es über die Sprenge kürzer, die neu ankommenden Filme bei der Insellogistik im Vitter Hafen abzuholen. Doch nun fuhr sie mit ihrem Fahrrad immer durch den Wiesenweg. Passierte es, dass sie sich an der Kreuzung Wallweg und Wiesenweg begegneten, dann schaute jeder in die entgegengesetzte Richtung. So war ihr Gespräch das erste, das beide seit Monaten miteinander führten.

Rieder kam gerade aus dem Haus, als sich die beiden angifteten. „Ich hoffe, du erstickst an deinen stinkenden Aalen!“, stichelte Dora. Fittkau nahm das Erlenholz zum Räuchern, und Rieder hatte den Verdacht, so ganz ungelegen war ihm der umgestürzte Baum nicht gekommen.

„Da kannst du lange warten. Ich warte immer noch, dass du mir den Schaden auf meiner Wiese bezahlst. Kannst ja die Kinopreise erhöhen, wenn du nicht flüssig bist.“

Rieder ging dazwischen. „Immer mit der Ruhe!“, rief er. Malte und Dora starrten ihn an.

„Können wir los?“, fragte er die Kinofrau.

Sie schwangen sich auf die Räder und fuhren den Wiesenweg hinunter Richtung Rathaus. Für ihr Alter, Anfang siebzig, legte die Kinofrau ein beachtliches Tempo vor. Rieder konnte kaum mithalten. Dora Ekkehard war eine Institution auf der Insel. Seit über vierzig Jahren betrieb sie zwischen Mai und Oktober das Zeltkino auf Hiddensee. Rieder selbst konnte sich noch erinnern, wie er Ende der sechziger Jahre als Kind mit seinen Eltern und seinen Brüdern auf der Insel Urlaub gemacht hatte. Schon damals verkaufte Dora die Karten für das Kino an dem kleinen Holzschalter vor dem großen halbrunden Zelt. Rieder wusste sogar noch den Titel des Films, den er mit seinem Bruder gesehen hatte: „Husaren in Berlin“. Mit Manfred Krug. Doras Gesicht hatte sich ihm eingeprägt. Er hatte sie deshalb sofort wiedererkannt, als er sie das erste Mal als Polizist auf der Insel wiedertraf. Einige der Urlauber in den Ferienwohnungen in der Nähe des Zeltkinos hatten sich bei der Polizei über den Lärm der Filmvorführungen bei den Spätvorstellungen beschwert. Dora war wütend geworden. „Dann sollen sie doch im Atombunker Urlaub machen. Da ist es hübsch still. Oder soll ich vielleicht Stummfilme zeigen, damit diese Typen ihre Ruhe haben?“ So war sie. Direkt und geradeheraus.

Sie bogen am Rathaus auf die Hauptstraße ein. Hier am nördlichen Ende des Ortes hieß sie Norderende. Das südliche nannten die Hiddenseer dementsprechend Süderende. An der Bernsteinwerkstatt fuhren sie nach links. Ein schmaler Pfad führte zwischen dünnen Bäumchen und Gestrüpp zum Kino. Im Dunkeln wirkte der Weg auf Rieder unheimlich. Auf dem kleinen Vorplatz standen einige Grüppchen herum. Sie diskutierten heftig miteinander. Gleichzeitig mit Rieder und Dora kam auch Damp mit dem Streifenwagen der Inselpolizei an. Das rotierende Blaulicht sorgte für neue Aufregung. Damp sprang aus dem Auto und stürmte auf Rieder zu: „Gibt’s schon was Neues?“

„Wir sind auch gerade erst angekommen.“

„Haben Sie schon Durk angerufen?“, fragte der Inselpolizist beinahe ängstlich. Michael Durk war der Inselbürgermeister.

„Noch nicht. Wir sollten erstmal die Lage klären.“ Rieder wandte sich an Dora Ekkehard. „Gehen Sie doch mal voraus zum Kino. Sie kennen sich ja aus.“

„Er liegt nicht im Kino.“ Dora zeigte in Richtung Strand. „Er liegt hinten im Dünenwäldchen.“

Gemeinsam bahnten sie sich den Weg durch die Menschen. Die ersten Gerüchte machten bereits die Runde.

„Die sollen einen erschossen haben.“

„Ich hab’ gehört, die haben ein altes Gerippe gefunden. Soll wohl noch ’ne Uniform anhaben.“

„Nee, das ist ein angetriebener Schwarzer, wahrscheinlich ein Asylant.“

„Na das hat uns gerade noch gefehlt, dass das jetzt hier so anfängt wie im Mittelmeer ...“

Vor dem Pfad zum Dünenwäldchen blockierte der Krankenwagen den Weg. Der Fahrer saß rauchend im Auto. Als er Rieder, Damp und Ekkehard kommen sah, winkte er kurz, startete das Auto, damit die drei vorbeikonnten auf den Pfad.

Damp hatte eine Taschenlampe aus dem Polizeiwagen mitgebracht, doch als er sie nun anschalten wollte, um in der Dunkelheit den Weg zu beleuchten, blieb sie dunkel. Immer wieder schob er fluchend den Schalter vor und zurück. Nichts tat sich.

„Kein Wunder, wenn Sie nachts immer so viele Bußgeldbescheide ausstellen“, meinte Rieder lakonisch Er spielte auf die Lieblingsbeschäftigung seines Kollegen an. Mit Übereifer sorgte er sich um die Verkehrssicherheit der Fahrräder. Das Hauptverkehrsmittel auf der Insel. Dazu legte er sich besonders gern nachts am Rande der Straßen zwischen Neuendorf, Vitte und Kloster auf die Lauer, um uneinsichtige Insulaner und überraschte Urlauber zur Rechenschaft zu ziehen, wenn sie auf ihren Rädern ohne Licht über die Insel fuhren. Rieder war zu Ohren gekommen, dass er es in einer der letzten Nächte besonders arg getrieben haben musste. Vierzig Bußgeldbescheide sollte Damp bei seiner nächtlichen Kontrolle ausgestellt haben. Wahrscheinlich war deshalb die Batterie der Taschenlampe leer. Damp widersprach: „Ach Quatsch, das mache ich doch im Auto. Die Batterie muss feucht geworden sein.“

„Dann wird auch bald die Batterie vom Steifenwagen leer sein“, prophezeite Rieder. Auch wenn Damp täglich den etwas altersschwachen Passat benutzte, um die wenigen Kilometer zwischen seiner Wohnung in Neuendorf und dem Revier in Vitte zu fahren, reichte das bestimmt nicht aus, um die Autobatterie wieder aufzuladen.

Damp begann die Taschenlampe im Dunkeln auseinanderzuschrauben. „Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, dass Sie hier anfangen, die Lampe zu reparieren“, empörte sich Rieder.

„Ich will mir doch nicht den Hals brechen.“

„Das ist jetzt Schicksal. Wir müssen weiter. Möselbeck wartet auf uns. Frau Ekkehard kennt hier doch jeden Stein. Oder?“

„Ich denke schon“, antwortete Dora.

Vorsichtig gingen sie Schritt für Schritt auf dem Weg weiter. Nach fünfzig Metern tauchte die leuchtend rote Jacke des zweiten Sanitäters auf. Hinter ihm standen auch schon mehrere Leute, die von der Strandseite neugierig schauten, was passiert sei. Der Sanitäter strahlte mit einer Taschenlampe die Polizisten an und wies dann mit seinem Arm ins Wäldchen. „Hier entlang. Passen Sie auf die Wurzeln auf.“ Sie folgten dem Pfad und sahen bald ein Glühen. Es war Möselbeck, der Inselarzt. Er saß auf dem umgekippten Kahn und rauchte seine Pfeife.

„Tach zusammen, oder besser: Gute Nacht!“ Er stand auf. „Dann wollen wir mal.“

In Berlin hätte die Spurensicherung mit großen Scheinwerfern den Tatort taghell erleuchtet. Hier auf Hiddensee musste das flaue Licht der alten DDR-Stabtaschenlampe, Typ „Artas“, reichen, um den Toten in Augenschein zu nehmen.

Der Mann lag neben einem Angelkahn. Rieder erschien der kahle Schädel des Toten riesig. Die Augen waren weit aufgerissen, der Mund leicht geöffnet, als sei er über etwas sehr erstaunt. Die Kleidung wirkte eher schäbig, zur Insel passend. Rieder erinnerte sich, den Mann ab und zu auf der Insel und auch im Rathaus gesehen zu haben.

„Peter Stein. Siebenundfünfzig Jahre alt, achtzig Kilo schwer, einsachtzig groß“, stellte Möselbeck den Toten vor. „Vielleicht wäre es mir gar nicht so unnormal erschienen, dass er hier liegt. In seinem Alter ist ein Herzinfarkt nicht unüblich. Und Stein war ein Arbeitstier. Bluthochdruck ist eine Erbkrankheit in der Familie.“

Möselbeck machte eine kurze Pause. „Aber?“, fragte Rieder.

„Stein hat sich gerade durchchecken lassen in der Uniklinik Greifswald. Gestern habe ich ihm den Befund mitgeteilt“, erklärte der Inselarzt. „Alles okay. Herz, Lunge, Magen. Keine stillen Infarkte. Kein Magengeschwür. Nicht mal das Cholesterin war zu hoch. Wenn, dann hatte er nur ein, aus Männersicht würde ich sagen, das kleine Problem.“ Er sah Rieder und Damp vielsagend an und krümmte seinen ausgestreckten Zeigefinger.

„Impotent!“, rief Damp laut und hielt sich gleich die Hand vor den Mund.

„Zeugungsunfähig.“

„Na und? Seine Frau ist doch auch nicht mehr die Jüngste. Wollte die etwa noch Kinder?“

Möselbecks Blick zu Damp machte, selbst im schwachen Licht der Taschenlampe deutlich, was er von Damps Bemerkung hielt. Er hockte sich hin und winkte den Polizisten, es ihm gleich zu tun.

„Dann habe ich das hier entdeckt.“ Möselbeck beleuchtete die linke Gesichtshälfte des Opfers. „Sehen Sie die kleine Blutung?“

Der Arzt hielt den Strahl der Lampe auf die Schläfe. „Dort muss er einen Schlag abbekommen haben. Ziemlich heftig. Wahrscheinlich war er nicht gleich tot, aber bald.“

Sie standen wieder auf. „Ich will jetzt hier in der Dunkelheit auch nicht groß rummachen an dem Toten, Temperatur messen und so. Aber gefühlt ist er höchstens eine Stunde tot. Wie gesagt, der Schlag muss ihn nicht gleich erledigt haben.“

„Das bedeutet, Tatzeit und Todeszeit sind nicht identisch“, wandte Rieder ein. „Können Sie vielleicht in etwa sagen, wie viel Zeit zwischen dem Schlag und seinem Tod vergangen ist?“

Möselbeck schüttelte den Kopf. „Das kann nur eine Obduktion klären.“ Er stand auf. „Also Ihr Fall, meine Herren.“

„Aber was machen wir jetzt?“, fragte Damp in die Runde. Rieder nahm sein Telefon. „Ich rufe Behm an.“

Behm war Chef der Spurensicherung bei der Polizeidirektion Stralsund. Verschlafen meldete er sich.

„Mensch, Stefan, hast du mal auf die Uhr geschaut?“

„Hallo, Holm, habe ich. Aber leider haben wir hier einen Toten, wahrscheinlich erschlagen.“

„Oh nein, sag, dass das nicht wahr ist!“, fluchte Behm. „Wie sollen wir denn jetzt auf die Insel kommen? Wo liegt er überhaupt?“

„Am Zeltkino.“

„Kann ihn nicht bei irgendeinem Thriller der Schlag getroffen haben. Die Herbsturlauber sind doch meist etwas älter. Eine Autojagd, eine Schießerei ... da kann doch so was schon mal passieren, wenn die Pumpe nicht mehr so richtig will.“

„Ich muss dich enttäuschen. Kein natürlicher Tod. Möselbeck ist sich sicher.“

„Tja, dann ... ich versuche, die Truppe zusammenzukriegen und zu euch rüberzukommen. Ich melde mich wieder.“ Damit legte Behm auf.

„Kommen sie aus Stralsund?“, fragte Damp. Rieder zuckte mit den Schultern.

Kaum zehn Minuten später rief Behm an.

„Nichts zu machen. Wir kommen nicht rüber. Ich habe mit der Wasserschutzpolizei telefoniert. Es ist dicker Nebel angesagt. Da wollen die nicht los. Ist ihnen zu gefährlich.“

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Rieder.

„Den Tatort sichern.“

„Toller Vorschlag. Wir haben hier nicht mal Scheinwerfer. Es gibt eine Taschenlampe. Und die gehört dem Arzt.“

„Na, wenn ihr da im Dunkeln schon hübsch rumgetrampelt seid, ist doch sowieso jede Spur zerlatscht. Da kann ich mir die Bescherung auch noch morgen früh ansehen.“

„Sollen wir den Toten hier so lange liegenlassen? Vielleicht noch Totenwache halten?“

Rieder hörte Behm durchs Telefon auflachen.

„Haste Angst, er könnte zur Geisterstunde wieder lebendig werden. Sag dir immer: ‚Wer tot ist, beißt nicht.’ Nee, im Ernst. Den könnt ihr wegtragen und morgen nach Greifswald schicken, nachdem ich ihn mir angesehen habe. Es gibt doch auf Hiddensee sicher irgendeinen Ort, wo die Toten bis zur Beerdigung aufgebahrt werden.“

„In der kleinen Kapelle auf dem Inselfriedhof in Kloster. Ich rufe den Pfarrer an.“

„Wir sehen uns dann morgen früh, wenn der Nebel weg ist. Ich melde mich, wenn wir von Stralsund losmachen.“

Behm beendete das Gespräch.

„Nebel? Ist doch gar kein Nebel“, meinte Damp.

Auch Rieder wunderte sich. Als er in Richtung Ostsee schaute, waren im hellen Mondschein nirgendwo Nebelschwaden zu entdecken. Aber was sollte er machen?

„Wenigstens müssen wir hier nicht die ganze Nacht hocken und den Toten bewachen“, meinte Damp erleichtert.

„Die Sanitäter haben einen Bodybag an Bord“, meldete sich der Inselarzt. „Ich kümmere mich darum, dass sie die Leiche verpacken.“ Damit verschwand er in der Dunkelheit und mit ihm das letzte Fünkchen Licht.

„Brauchen Sie mich noch?“, fragte Dora Ekkehard. Sie hatte die ganze Zeit schweigend abseits gestanden. Rieder hatte sie beinahe vergessen.

„Ja, schon. Wir müssen noch Ihre Aussage aufnehmen.“

„Muss das noch heute sein?“

„Ich denke schon.“

„Und die beiden jungen Leute?“

„Welche jungen Leute?“

„Die Stein gefunden haben. Die sitzen noch bei mir im Vorführraum.“

„Ach so.“ Rieder und Damp waren von dieser neuen Information überrascht. „Warum haben Sie bisher nicht gesagt, dass nicht Sie, sondern jemand anderes die Leiche gefunden hat?“

„Ich hab’s vergessen. Die Hektik ...“

„Die müssen wir auch noch vernehmen.“ Rieder überlegte kurz. „Gehen Sie doch schon vor. Wir regeln hier die Sache mit dem Toten und sind dann gleich bei Ihnen.“ Dora Ekkehard verschwand.

Die Polizisten waren allein. In der Dunkelheit konnten sie einander kaum erkennen.

„Blöde Sache“, meinte Rieder.

„Das kann man wohl sagen.“ Damp war ungewöhnlich versöhnlich gestimmt. Rieder fühlte sich unwohl in seiner Haut. Er spürte so etwas wie Platzangst. Er wollte sich nicht bewegen, um nicht auf den Toten zu treten, und gleichzeitig stand ihm Damps massiger Körper als unheimliche, dunkle Wand gegenüber.

„Was wissen Sie denn über diesen Peter Stein?“

„Nicht viel. Er baut alles auf der Insel, sitzt im Gemeinderat und ist ein dicker Kumpel von Durk. Und da sollten wir jetzt mal ran.“

„Ja, ja, aber Stein hat doch sicher auch eine Frau. Sollte die nicht vor dem Bürgermeister erfahren, dass ihr Mann tot ist?“

„Aber ich will keinen Ärger ...“

„Mit Durk sind Sie doch mittlerweile fast auf Du und Du?“ Bis vor kurzem war das Verhältnis zwischen dem Bürgermeister und Damp sehr gespannt gewesen. Damps Ordnungsliebe ging Bürgermeister Durk gewaltig auf die Nerven. Er hatte mehr als einmal dem Stralsunder Polizeichef in den Ohren gelegen, man möge Damp bitte wieder dahin versetzen, woher er, wenn auch schon vor über zehn Jahren, gekommen war – nach Rügen. Hiddenseer und Rüganer können sich von Natur aus nicht leiden.

Doch dann hatte Damp bei der Aufklärung des Mordes am Inselpfarrer sein Leben aufs Spiel gesetzt. Damit war er in der Achtung von Durk überraschend weit gestiegen. Er hatte Damps Beförderung zum Revierleiter sofort akzeptiert.

Damp traute dem Frieden nicht. Deshalb war es ihm jetzt auch wichtiger, Durk zu informieren, als sich mit dem Leid der Ehefrau zu beschäftigen. Dass sie nun Witwe war, daran ließ sich in seinen Augen sowieso nichts mehr ändern.

„Dann rufen Sie doch Durk an ...“, gab Rieder nach.

Kaum hatte er das ausgesprochen, hörte er in der Dunkelheit das Klicken der Tasten eines Mobiltelefons und dazu das hektische, aufgeregte Atmen seines Kollegen. Er selbst griff auch nach seinem Handy und suchte in dem beleuchteten Display nach der Nummer von Inselpfarrer Laube.

Wenig später hatten die beiden Sanitäter die Leiche in einem Plastiksack verstaut. Möselbeck ging mit seiner Taschenlampe vorweg, um den beiden Männern den Weg zu leuchten. Allerdings war es trotzdem schwierig, den Toten durch das unwegsame Gelände zu tragen. Ab und zu mussten die beiden Männer den Sack absetzen. Rieder beobachtete das Geschehen mit Missvergnügen. Er konnte jetzt schon Behm poltern hören, wie man hier noch eine vernünftige Spur sichern solle. Aber anders war es wohl nicht zu machen.

Als sie auf den Weg zum Zeltkino einbogen, warteten immer noch viele, um einen Blick auf den Toten zu erhaschen. Die schöne digitale Welt konnte auch zum Fluch werden.

Damp spannte gelbes Band mit der Aufschrift „Polizeieinsatz! Betreten verboten!“ zwischen den Bäumen, um den Pfad zum Tatort und den Weg zum Strand abzusperren. Allerdings würde das wohl kaum die neugierigen Touristen aufhalten, war sich Rieder sicher.

Nachdem die Leiche im Krankenwagen verladen war, fuhren die Sanitäter in Richtung Kloster ab. Die Menschen auf dem Platz machten für das Auto eine Gasse frei und bildeten eine Art Spalier. Unter den Wartenden entdeckte Rieder auch Malte Fittkau. Er nahm sogar seine Schiffermütze ab, als der Krankenwagen vorbeifuhr. Pfarrer Laube hatte versprochen, die Leiche in der kleinen Kapelle neben der Inselkirche aufzubahren und dort auch eine Leichenschau durch die Spurensicherung zuzulassen.

Kaum war das Auto verschwunden, kam Bürgermeister Durk durch die Gasse. Der sonst so dynamische Mann wirkte bedrückt. Wie von einer schweren Last niedergehalten, schleppte er sich zum Zeltkino. Er streckte den beiden Polizisten die Hand entgegen und drückte sie mit leichtem Nachdruck, als hätten sie einen gemeinsamen Angehörigen oder Freund verloren.

Rieders Verhältnis zum Bürgermeister war alles andere als spannungsfrei. Durk war der Mann aus Berlin nicht geheuer. Er fürchtete, er könnte sich in seine Angelegenheiten einmischen. Zugereisten, wie Fremde auf der Insel genannt wurden, begegnete er immer mit einer gewissen Skepsis.

Durk wandte sich an den Revierleiter. „Danke, Damp, dass Sie mich gleich angerufen haben. Haben Sie schon eine Spur?“

Statt des Revierleiters antwortete Rieder. „Wir stehen erst ganz am Anfang. Wir müssen abwarten, ob die Spurensicherung vielleicht noch etwas entdeckt. Die Kollegen können aber erst morgen kommen. Das wird also sicher schwierig ...“

„Wo ist es denn passiert?“

Rieder zeigte in Richtung Strandwald: „Da hinten, an einem alten Kahn.“

Durk schüttelte ungläubig den Kopf. „Das ist sein Kahn. Peters Kahn. Früher sind wir damit oft rausgefahren, haben Heringe geangelt. Eimerweise haben wir sie aus der See geholt ... Das ist alles schon so lange her ... Kann ich mir den Tatort ansehen?“

„Das ist keine gute Idee“, erwiderte Rieder vorsichtig. „Wir würden unseren Kollegen die Arbeit noch weiter erschweren.“

„Ich verstehe ... Peter und ich ... wir waren Schulkameraden, haben in der gleichen Bank gesessen, von der ersten bis zur zehnten Klasse. Hier in der Inselschule.“ Durk schüttelte den Kopf, als könne er es immer noch nicht fassen.

„Hätten Sie denn einen Verdacht? Wenn Sie ihn so gut kannten ...“, fragte Rieder.

Schulterzucken. „Keine Ahnung. Ich kann mir so etwas auf unserer Insel immer gar nicht vorstellen. So ein schönes Fleckchen Erde. Er hat die Insel sehr geliebt.“ Durk sprach mehr zu sich selbst und schaute dabei in Richtung Tatort. „Tja ... ich versteh’ es nicht ... Er hat so viel Gutes für Hiddensee getan.“

‚Da übt wohl schon einer für die Trauerrede‘, dachte Rieder im Stillen. Dafür hatte er jetzt aber keine Zeit. Es ging bereits auf Mitternacht zu. Sie mussten noch das Pärchen befragen, das die Leiche entdeckt hatte, Dora Ekkehards Aussage aufnehmen und die Ehefrau über den Tod ihres Mannes informieren.

„Verzeihen Sie, aber wir müssten noch ein paar Dinge erledigen“, unterbrach er Durk.

„Ja, ja, machen Sie Ihre Arbeit. Wenn Sie Hilfe und Unterstützung brauchen, meine Tür steht Ihnen offen.“ Dabei schlug er Rieder kumpelhaft auf die Schulter. Dann drehte er sich um und ging schweren Schrittes davon.

„Der ist ganz schön getroffen.“

„Klar. Stein war die Stütze seines Systems“, meinte Damp leise.

IV

Dora Ekkehards kleines Reich hinter der Rückwand des Kinos bestand aus zwei Räumen. In der kleinen Kammer, die auch gleichzeitig als Verkaufsschalter diente, konnte man kaum treten. An der Wand gegenüber der Tür stand ein riesiger Kühlschrank, daneben die Kästen mit Bier und Erfrischungsgetränken. Unter dem großen Fenster rechts, an dem sie die Kinokarten verkaufte, waren Kartons mit Chipstüten und Süßigkeiten gestapelt. In der Mitte stand ein alter Drehstuhl. Damit konnte sie alle Zutaten für einen zünftigen Kinobesuch erreichen. Im Vorführraum standen drei große Projektoren. Die Schriftzüge und Namen der Firmen deuteten auf ein längst vergangenes Zeitalter. Obwohl die Vorführung nun schon seit fast zwei Stunden vorbei war, war es hier drinnen immer noch heiß und stickig. Auf einer kleinen Bank an der Wand saßen dicht gedrängt Birte und Markus. Er hatte seinen Arm um ihre Schulter gelegt. Sie hielt krampfhaft eine Tasse in der Hand.

Rieder stellte Damp und sich vor. Damp war hinter Rieder in den engen Vorführraum getreten. Eigentlich war für ihn gar kein Platz mehr. Die Abluft der immer noch heißen Projektoren nahm ihm den Atem und trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Außerdem bekam er Platzangst. Er quälte sich wieder zurück zur Tür. „Ich warte einfach draußen. Außerdem muss die Aussage von Frau Ekkehard noch aufgenommen werden.“ Damp drehte sich um und marschierte hinaus.

Rieder wandte sich den beiden Zeugen zu. „Sie haben also den Toten entdeckt?“

Birte und Markus berichteten, wie sie auf den Pfad abgebogen waren, sich auf den Kahn gesetzt hatten und Birte mit dem Fuß an den Toten gestoßen war. Danach waren sie zum Zeltkino gerannt. Dort hatten sie Dora Ekkehard von ihrem Fund erzählt. Die Kinofrau hatte dann gleich versucht, den Inselarzt zu erreichen.

„Als der Arzt da war, sollten wir hier warten. Und sie ist mit ihm zu dem ... Toten“, erzählte Birte. „Sie kam noch einmal zurück, um uns Bescheid zu sagen, dass sie die Polizei holen müsste. Seitdem sitzen wir hier.“

„Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen? Vor oder nach der Vorstellung?“

Beide sahen sich an und schüttelten dann den Kopf. „Wir wollen einfach nur nach Hause“, bat Birte ängstlich. „Das war so schrecklich. Wie er da lag.“ Die Frau war den Tränen nah.

„Ich kann Sie verstehen. Aber ich habe leider noch ein paar Fragen. Gab es einen Grund für Ihren Ausflug ins Strandwäldchen? Der Weg endet doch da einfach.“

Birte und Markus erröteten leicht und schauten betroffen auf den Fußboden. Markus fand zuerst die Sprache wieder. „Wir wollten noch ein bisschen allein sein.“ Er machte eine kurze Pause. „Nach dem Film!“

„Aber da hätten Sie doch auch an den Strand gehen können?“

„Ich meinte, völlig allein.“

„Mensch! Sind Sie so schwer von Verstand!“, platzte es aus Birte wütend heraus. „Warum will man allein sein? Im Dünenwald? Mondlicht. Sternenhimmel. Mein Gott!“

Rieder musste grinsen, ein wenig auch über seine eigene Begriffsstutzigkeit. „Schon klar. Und auf dem Weg dorthin? Ist Ihnen da jemand begegnet?“

Beide schüttelten den Kopf.

„Waren Sie davor schon mal dort?“

„Ja, ich“, antwortete Birte. „Im vergangenen Jahr habe ich dort ein paar Fotos von dem Boot gemacht. Es sah so schön aus, wie es von dem Efeu so langsam überwuchert wurde. Zwei Zweige rankten sich über den Kiel ...“

„Haben Sie die Fotos noch?“

„Klar.“

„Hier?“

„Ich müsste nur auf meinem Computer nachschauen. Den habe ich im Häuschen.“

„Ach, Sie wohnen hier auf der Insel?“

„Nein, wir sind im Urlaub bei Freunden, deren Familie hier auf der Insel ein kleines Ferienhäuschen besitzt. In der Dünenheide.“

„Das wäre nett. Bliebe noch die Frage: Kannten Sie den Toten?“

Markus schüttelte den Kopf. „Nein! Wir kennen hier auf der Insel niemanden außer unseren Freunden.“

„Und in der Dunkelheit haben wir doch auch gar nichts richtig gesehen“, ergänzte Birte.

„Woher wussten Sie denn, dass er tot ist?“

„Das wussten wir doch nicht! Wir sind einfach losgerannt. Hierher, um Hilfe zu holen. Das haben wir Ihnen doch schon gesagt“, erklärte Markus, der langsam ungeduldig wurde. „Könnten wir endlich nach Hause? Unsere Freunde werden sich schon Sorgen machen.“

„Klar. Wir bringen Sie hin. Dann weiß ich auch gleich, wo ich Sie finde, damit Sie die Aussage unterschreiben können und falls es noch ein paar Fragen gibt.“ Rieder notierte die Telefonnummern. Die beiden würden noch bis Ende der Woche auf der Insel bleiben.

Damp hatte inzwischen die Aussage von Dora Ekkehard aufgenommen. Die Polizisten verglichen kurz ihre Notizen. Sie stimmten überein.

Auch die Kinofrau drängte zum Aufbruch. „Ich würde dann auch gern die Bude zumachen. Wenn es nichts weiter gibt ...“

„Momentan nicht.“ Rieder und Damp verabschiedeten sich von ihr. Sie ließen Birte und Markus in den Polizeiwagen einsteigen und fuhren davon.

„Was nun?“, fragte Damp. Sie hatten das Pärchen bis zum Häuschen ihrer Freunde gebracht. Es lag versteckt hinter ein paar Bäumen am Beginn der Dünenheide, ziemlich nah am Strand. In dem Holzhäuschen hinter den schmalen Birkenbäumen hatte noch Licht gebrannt. Rieder wäre am liebsten mit reingegangen, um sich die Fotos von dem Boot anzusehen und sie irgendwie zu kopieren. Sie wären ein guter Abgleich für Behm, wenn er morgen den Tatort besichtigen würde. Doch dann hatte er die geplagten Gesichter von Birte und Markus im Rückspiegel gesehen.

Damp trommelte aufs Lenkrad und sah auf die Uhr: „Gleich eins.“

„Was ist mit der Frau von Herrn Stein?“

Damp seufzte. „Muss das noch sein? Hat das nicht Zeit bis morgen?“

„Nein! Das muss sein. Wo wohnen die Steins?“

Statt einer Antwort wendete Damp den Wagen. Seine Wut ließ er beim Rangieren am Gaspedal und an der Bremse aus. Rieder wurde kräftig durchgeschüttelt. Die Hinfahrt über den Sandweg zum Haus der Freunde von Birte Seige und Markus Kasan war im Vergleich zur Rückfahrt eine Spazierfahrt gewesen. Jetzt gab Damp alles. Er bretterte durch die Kuhlen. Rieder hielt sich krampfhaft am Griff am Wagendach fest und streckte die Füße gegen den Boden. „Geht es auch etwas langsamer?“

Damp reagierte nicht. Über den Deichweg ging es in hohem Tempo bis zum Wiesenweg. Dort bogen sie links ab und fuhren durch das nächtliche Vitte, am Hafen und am Rathaus vorbei nach Kloster. Kein Mensch war mehr unterwegs. Alle Fenster waren dunkel. Die Insel wirkte wie ausgestorben.

Am Platz vor dem Inselmuseum in Kloster bremste Damp scharf. „Da wären wir.“

Rieder konnte nichts erkennen. Da war nur das Inselmuseum. Da würde Stein wohl nicht wohnen. Der alte Anker. Rechts der kleine Kiosk. „Was soll das?“, fragte Rieder irritiert.

Damp zeigte nach vorn: „Da ist es.“

Rieder schaute genauer hin. Und wirklich, da war ein Gartentor. Es war kaum zu erkennen unter dem Geäst der Sträucher und Bäume.

Die Polizisten stiegen aus. Keine Klingel. Rieder rüttelte am Tor. Verschlossen.

„Tja, das war’s dann wohl“, stellte Damp fest und war schon drauf und dran, zum Polizeiwagen zurückzugehen. Doch so leicht gab Rieder nicht auf: „Und wenn der Frau auch etwas passiert ist?“

Damp blieb stehen. Er schob mit einem Ruck seine Hände in die Hosentaschen. „Und danach hat, wer auch immer, das Gartentor wieder mit dem Schlüssel verschlossen.“ Kurzes Kopfschütteln. „Vergessen Sie es! Die Stein ist einfach nicht da. Basta. Wollen Sie die Frau jetzt noch auf der Insel suchen?“

Rieder und Damp starrten sich wie bei einem Duell an. Dann drehte sich Rieder um und begann über das Tor zu klettern. Das war gar nicht so leicht, denn es war mannshoch, und zwischen den Latten waren die Abstände zu klein, um sich mit den Füßen auf den Querriegeln abzustützen. Irgendwie schaffte er es aber, rüberzukommen. Schließlich musste er es seinem Kollegen zu beweisen.

Rieder tastete sich vorsichtig voran. Irgendwo musste es hier eine Treppe geben. Da wurde es plötzlich hell. Damp hatte den Scheinwerfer auf dem Dach des Polizeiautos eingeschaltet. Im Lichtkegel wurden Stufen sichtbar. Sie waren verrottet und wenig vertrauenerweckend. ‚Nicht gerade ein Aushängeschild für einen Bauunternehmer‘, dachte sich Rieder. Vorsichtig stieg er nach oben. Plötzlich blendete ihn auch von vorn ein Licht. „Frau Stein?“, rief Rieder. „Ich bin von der Polizei!“ Es kam keine Antwort. Wahrscheinlich hatte er nur einen Bewegungsmelder passiert und damit eine Lampe eingeschaltet. Trotzdem blieb er vorsichtig. Vor ihm lag eine grüne Wiese. Darauf stand ein mächtiges Reetdach-Haus mit einem runden verglasten Vorbau. Alle Fenster waren dunkel. Rieder schlich bis zum Haus. Als er sich umdrehte, war er überwältigt von dem Ausblick. Unter ihm glitzerte im Mondschein die Ostsee. Keine Spur von Nebel. Das Anschlagen der Wellen war zu hören. In der Ferne funkten die Leuchttürme der Insel Møn und vom Darß. Auf dem Meer blinkten die Leuchtbojen der Fahrrinne.

Rieder schaute durch die Erkerfenster in das Haus hinein. Er erkannte einen Couchtisch und zwei Sessel. Der Polizist erinnerte sich, dieses Haus immer auf der Fahrt nach Kloster hoch oben über dem Inselmuseum thronen zu sehen. Von unten hatte es wie ein Rundbau ausgesehen, doch nun entpuppte es sich als langgestrecktes Gebäude mit einer runden, verglasten Veranda. Der Lack blätterte ab. Auf der Rückseite befand sich die Haustür. Ohne Klingel. Rieder klopfte. Erst vorsichtig. Dann lauter. Aber niemand meldete sich. Er drückte die Klinke nach unten, aber die Tür gab nicht nach. Meistens versteckten die Hiddenseer ihre Hausschlüssel unter dem Abtreter oder in einem Blumenkasten in der Nähe. Rieder hob die Bastmatte vor der Tür hoch. Fehlanzeige. Und Blumenkübel waren nicht zu entdecken. Auf der Wiese hinter dem Haus stand eine Wäschespinne. Doch weder Badesachen noch Handtücher waren dort aufgehängt. Alles wirkte wie verlassen. Rieder ging zurück.

Damp lehnte mit verschränkten Armen an der Motorhaube, als sich Rieder wieder über das Tor quälte. Neben ihm stand Malte Fittkau mit seinem Fahrrad.

„Was machst du hier?“, fragte Rieder seinen Nachbarn.

„Kleiner Nachtspaziergang.“

‚Wer’s glaubt‘, sagte sich Rieder. ‚Die pure Neugier hat dich hergetrieben.‘ Zu Damp gewandt, bemerkte er: „Niemand da.“

Damp nickte. „Kein Wunder. Man erzählt sich, dass es bei den Steins schon länger kriselt.“

„Wer sagt das?“

„Der Inselfunk.“ Dabei wanderten Damps Pupillen in Richtung Fittkau. Früher waren Fittkau und Damp wie Feuer und Wasser gewesen. Waren sie aufeinandergetroffen, hatte es immer gleich Streit gegeben. Doch seit die beiden gemeinsam Jagd auf den Mörder des Inselpfarrers gemacht und dabei ihr Leben riskiert hatten, herrschte Waffenstillstand. Kein Frieden. Rieder war das nicht so recht. Bisher war Fittkau für ihn im Kleinkrieg mit seinem Kollegen Damp immer ein Verbündeter gewesen. Nun verhielt er sich neutral. Und dass die beiden nun geradezu harmonisch hier herumstanden, machte Rieder ärgerlich.

„Wir sehen uns morgen früh im Revier. Nacht.“

Damit marschierte er an Damp und Fittkau vorbei in Richtung Vitte.

„Wollen Sie nicht mitfahren?“, rief ihm sein Kollege noch hinterher.

Rieder antwortete nicht. Er war kurz davor, zu explodieren.

Wenig später fuhr Damp an ihm vorbei. Malte sah er später mit seinem Fahrrad über den Deich nach Vitte zurückfahren.

Obwohl er straff gelaufen war, hatte sich der Ärger über Damp und Malte Fittkau nicht verflüchtigt. Er schloss die Tür seines Häuschens im Wiesenweg auf, trat ein und knallte sie dann zu. In der kleinen Küche riss er den Kühlschrank auf, holte ein Bier raus. Die Schublade des Besteckkastens bekam auch noch seinen Frust zu spüren, als er den Flaschenöffner herausholte. Es öffnete die Flasche, da hörte er eine verschlafene Stimme von oben, aus dem kleinen Schlafzimmer unter dem Dach.

„Stefan?“ Er sah Charlottes nackte Beine die Holztreppe herunterlaufen. Sie trug ein äußerst kurzes Nachthemd. Der Anblick versöhnte Rieder und ließ seine Laune deutlich steigen. Sie küsste ihn. Strähnen ihrer blonden Haare fielen ihm ins Gesicht. Er umfasste sie an der Hüfte und zog sie zu sich heran.

„Wie spät ist es?“, hauchte sie verschlafen in sein Ohr.

„Zu früh. Gerade zwei.“ Er stellte das Bier auf den Küchentisch und begann sie sanft zu streicheln.

„Was ist eigentlich los?“

„Ein Herr Stein lag tot in der Nähe vom Zeltkino.“

Charlotte schaute erschrocken zu ihm hoch: „Was? Peter Stein?“

Rieder nickte. Er hatte aber keine Lust, mehr zu erzählen. „Lass uns hoch gehen. Eine nette Überraschung, dass du hier bist.“

Eigentlich kam Charlotte nur am Montag zu ihm nach Vitte, wenn in ihrem Strandcafé in Neuendorf Ruhetag war. Bei ihm gab es keine Dusche, nur ein großes Waschbecken. Und die Toilette war von außen zu begehen. So fuhr Rieder meist zu Charlotte nach Neuendorf. Sie hätte es gern gesehen, wenn er ganz zu ihr gezogen wäre. Bisher hatte er aber dieses Thema konsequent gemieden. Seine Ausrede: Es könnten nicht beide Polizisten in Neuendorf wohnen. Allerdings wollte er das Häuschen auch nicht aufgeben. Er mochte die niedrigen Räume, den Duft der alten Möbel, den Blick aus dem Fenster auf die Heckenrosen und nicht zuletzt seine Selbständigkeit. Trat er durch die Tür, fühlte er sich einfach zu Hause. Natürlich zeigten sich jetzt mit Beginn des Herbstes auch die Nachteile. Die Kälte drang durch die dünnen Wände. Es gab zwar im unteren Zimmer einen Ofen, aber oben, auf dem Schlafboden, musste er mit Radiatoren heizen. Mit Unbehagen hatte er beobachtet, wie der Stromzähler rotierte, wenn er sie in Betrieb nahm. Die Stromrechnung würde sich sehen lassen können. Trotzdem wollte er hier bleiben.

„Aber was ist denn genau passiert?“, drang Charlotte auf ihn ein.

„Ich erzähle es dir morgen früh. Jetzt bin ich einfach platt. Lass uns ins Bett gehen“, sagte Rieder.

Sie kletterten die schmale Holztreppe hoch. Im Bett schmiegte sich Charlotte eng an ihn. Zu mehr aber war er nicht mehr imstande. Trotzdem genoss er es, dass sie jetzt so nah beieinander unter dem Reetdach wie in einer Höhle lagen. Durch die halbrunden Fenster konnte man in die Weite schauen und sich langsam vom Schlaf einfangen lassen.

V

Das nervtötende Jaulen eines Kantenschneiders weckte Rieder. Es musste genau acht Uhr sein. Otto Fock, der Gastwirt von gegenüber, war ein Muster an Pünktlichkeit. Anfang August hatte ihm die Post das Gerät gebracht. Seitdem litt Rieder jeden Mittwoch und Freitag ab acht Uhr für mindestens eine halbe Stunde Höllenqualen. Das Geräusch kroch in die Gehörgänge und marterte das Gehirn. Es gab kein Entkommen, außer der Flucht zum Revier.

Rieder hatte Fock gefragt, ob das Gras an der Rasenkante nach drei Tagen wirklich so gewachsen wäre, dass es dringend gestutzt werden müsste. Der hatte Rieder einfach stehen lassen. Umgekehrt allerdings marschierte Otto Fock inklusive Inselordnung bei jedem auf, der in seiner näheren Umgebung nach zwölf Uhr mittags in seinem Garten noch einen Rasenmäher oder Häcksler betrieb. Seine Gäste in den Appartements und im Restaurant würden sich durch den Lärm in der Mittagsruhe oder beim Mittagessen gestört fühlen. Wer trotzdem weitermachte, wurde angezeigt. Damp freute sich immer, wenn der Gastwirt mal wieder anrief oder bei ihm im Revier aufkreuzte. Da hatten sich zwei im Geiste gefunden.

Das Bett neben Rieder war schon leer. Er sprang auf, lief die Treppe herunter. Charlotte stand fertig angezogen in der Küche. Es duftete nach Tee und frischen Brötchen.

„Bist du schon lange auf?“

„So, wie du gesägt hast, hätte ich auch schon vor zwei Stunden aufstehen können. Aber es lag nicht nur daran. Ich habe heute so viel vor. Da schlafe ich immer so unruhig. Ich habe dann immer das Gefühl, zu verschlafen oder was zu verpassen.“

Rieder zeigte auf die frischen Brötchen. „Und beim Bäcker warst du auch schon?“ Charlotte nahm das Tablett, trug es ins Wohnzimmer. Dabei berichtete sie: „Da war was los. Der Tod von Stein ist das große Thema. Alle sind total aufgeregt. Erzähl doch mal, was da passiert ist. Bin ja nicht umsonst die Geliebte eines Bullen.“

„Ich dachte, du magst mich.“

„Nun übertreib mal nicht gleich“, spöttelte sie. „Stimmt es, dass er erstochen wurde? Überall Blutlachen?“

„Quatsch.“

Rieder setzte sich und berichtete ihr, was passiert war. Das war zwar nicht ganz nach Dienstvorschrift, aber alles andere wäre ohnehin sinnlos gewesen. Neuigkeiten machten auch ohne ihn auf der Insel die Runde.

Er goss sich und Charlotte Tee ein. „Ich kannte ihn gar nicht. War er denn so eine große Nummer?“, fragte Rieder.

„Er war der Bauunternehmer auf der Insel“, rief Charlotte, als könnte sie es nicht fassen, dass Rieder ihn nicht kannte. „Mir hat er damals beim Ausbau vom, Strandcafé‘ geholfen.“ Dann wurde sie nachdenklich. „Wenn ich mir vorstelle, dass ich noch vor zwei Tagen mit ihm gesprochen habe.“

„Worum ging’s denn?“

„Er hat mir die Pension ‚Luv & Lee‘ gezeigt, die geschlossene Kneipe vorn am Seglerhafen, vor dem Deich.“

„Wieso das?“, fragte Rieder verwundert.

„Ich habe überlegt, dort ein zweites Café aufzumachen. Laufkundschaft gibt’s da genug, weil viele auch über den Deich nach Kloster laufen oder fahren. Für eine Pension ist die Lage auch nicht so schlecht. Gleich am Hafen.“ Sie stützte das Kinn auf ihre Hand. „Weiß gar nicht, warum die Godglücks damit pleitegegangen sind?“

Rieder starrte seine Freundin an. „Noch eine Kneipe? Du hast doch schon mit dem ‚Strandcafé‘ alle Hände voll zu tun!“

„Darüber können wir später reden. Ich muss los. Das Schiff nach Schaprode wartet nicht.“

Charlotte hatte sich nebenbei zwei Brötchenhälften geschmiert, klappte sie zusammen und stürzte den Tee herunter.

Keine zwanzig Minuten später betrat Rieder das kleine Revier im Rathaus in Vitte. Auf dem Weg dahin waren ihm überall kleine Grüppchen von Hiddenseern begegnet. An der Bushaltestelle Wallweg, am Zeitungsladen, am Supermarkt. Sie hatten zusammengestanden und heftig miteinander diskutiert. Immer wieder hatte er den Namen Peter Stein aufgeschnappt.

Damp saß schon am Schreibtisch und hämmerte auf die Tasten des Laptops. „Moin, Moin“, grüßte Rieder und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. „Die Insel gleicht ja einem Bienenschwarm.“

Damp schaute gar nicht auf. Er nickte nur geistesabwesend.

„Was machen Sie da?“

Jetzt blickte er hoch. „Ich habe mir überlegt, einen Aufruf zu starten. Es waren doch gestern so viele Leute am Kino. Vielleicht hat einer was gesehen oder gehört. Ich hänge ihn an den Hinweistafeln auf. Vielleicht meldet sich jemand.“ Schon tippte Damp weiter.

Rieder war überrascht. Sonst stand Damp kriminalistischer Arbeit eher ablehnend gegenüber. Die Idee war gar nicht schlecht. Zu viel Begeisterung wollte Rieder aber seinem Kollegen auch nicht gönnen. „Das könnte was bringen. Hat sich Behm schon gemeldet?“

„Geht neun Uhr bei Gebauer in Stralsund aufs Schiff.“ Uwe Gebauer war der Kommandant der Wasserschutzpolizei, zuständig für die Boddengewässer zwischen Hiddensee und Rügen. „Er wird wohl gegen zehn in Kloster sein. Ich hole ihn dort ab. Er will sich dort erst den Toten ansehen. Der Pfarrer weiß auch schon Bescheid“, erklärte sein Kollege, ohne die Arbeit zu unterbrechen.

Rieder kam aus dem Staunen nicht heraus. Was war mit seinem Kollegen passiert? Warum legte er sich so ins Zeug?

„Dann würd’ ich mal versuchen, Frau Stein zu erreichen.“

„Äh ...“, Damp kratzte sich am Kopf, „das habe ich ganz vergessen. Die hat sich schon gemeldet. Sie weiß schon Bescheid.“

„Der Inselfunk?“ Damp schüttelte den Kopf, ließ aber offen, wie Frau Stein vom Tod ihres Mannes erfahren hatte. „Sie ist jetzt wieder zuhause“, teilte er nur mit.

Rieder hätte der Ehefrau lieber selbst die Todesnachricht überbracht. Aus der ersten Reaktion konnten sich schon eine Menge Schlüsse für die Ermittlungen ergeben.

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Bürgermeister Durk kam herein. Er grüßte Rieder kurz. Dann wandte er sich an seinen Kollegen. „Ist der Aufruf schon fertig?“

„Bin in den letzten Zügen.“

Rieder schwante etwas. Also daher wehte der Wind. Durk machte Druck.

„Mit Ihnen müssten wir natürlich auch noch reden, um uns ein besseres Bild von Peter Stein zu machen“, wandte sich Rieder an den Bürgermeister.

„Kein Problem. Ich helfe Ihnen, wo ich kann. Sagen Sie nur Bescheid, wenn Sie Unterstützung brauchen. Ich will auch nicht weiter stören.“ Er war schon fast zur Tür raus, da drehte er sich noch einmal um. „Herr Damp, Sie bringen mir das bitte dann vorbei. Die Damen von der Insel-Information sind schon instruiert. Sie vervielfachen den Aufruf und verteilen ihn.“ Dann schloss er die Tür.

Rieder schaute seinen Kollegen an. „Herr Damp ... und bitte bringen Sie mir das dann vorbei“, äffte Rieder den Bürgermeister nach. „Was ist denn hier los?“

Damp kratzte sich am Kopf. Er beugte sich vor, senkte seine Stimme. „Durk war heute Morgen schon bei mir im Büro. Er hat ein paar Vorschläge gemacht, was wir vielleicht tun sollten. Zum Beispiel den Aufruf“, gestand Damp ein. „Von ihm weiß ich auch, dass Stein nicht mehr in Kloster bei seiner Frau wohnte.“

„Sondern?“

„Hier in Vitte. Am Ende des Strandes.“

„Was hat er noch gesagt?“

Damp lehnte sich zurück: „Nichts weiter.“

„Hat er Frau Stein informiert?“

„Kann sein, kann auch nicht sein.“

Damp stürzte sich wieder an die Tastatur des Laptops. „Ich muss das hier fertigkriegen. Sie können ja schon zu Frau Stein fahren. Wir treffen uns dann an der Kirche.“

Rieder war das neue Bündnis zwischen Bürgermeister Durk und Revierleiter Damp ein Dorn im Auge. Da hieß es, höllisch aufzupassen. Bisher hatte er sich eingeredet, dass es ihm völlig egal wäre, dass Damp und nicht er selber Revierleiter auf Hiddensee geworden war. Die Entscheidung ihres Vorgesetzten, Polizeidirektor Bökemüller aus Stralsund, war Rieder logisch erschienen. Immerhin war sein Einsatz auf der Insel auf zwei Jahre begrenzt. Damp würde bestimmt länger auf der Insel bleiben. Sechs Monate waren davon schon um. Bökemüller hatte Rieder Damps Beförderung außerdem damit begründet, dass man seine Bewerbung für die Revierleiterstelle nach seinem Einsatz bei der Aufklärung des Mordes am ehemaligen Inselpfarrer Schneider nicht übergehen konnte. Außerdem sei Rieder für den Job des Revierleiters auf einer Ostseeinsel völlig überqualifiziert.

Rieder wurde allerdings nicht Damp unterstellt, sondern blieb direkter Mitarbeiter des Polizeidirektors. Hiddensees Revierleiter Damp hatte also nur einen Mitarbeiter – sich selbst. Die andere Seite des Schreibtischs, also Rieders Platz, war praktisch eine andere Dienststelle, eine Außenstelle der Polizeidirektion Stralsund. Wollte Damp was von Rieder, so musste er ihn eigentlich, wenn es nach dem Dienstweg ging, in Stralsund anfordern. So etwas hatte sich nur ein entscheidungsschwacher Chef ausdenken können.

Mit diesen Gedanken im Kopf war Rieder zum Zeltkino gelaufen. Dort stand noch sein Dienstfahrrad.

Dora Ekkehard war schon zugange. Sie sammelte leere Flaschen und zerknüllte Chipstüten zwischen den Sitzen des Kinos ein.

„Den Schreck schon verdaut?“

Dora winkte ab. „Hören Sie bloß auf. Der Weg hierher war das reinste Spießrutenlaufen. Jeder quatscht einen an. Und dann immer dieser verschwörerische Tonfall der lieben Nachbarn? Mich haben Hiddenseer angesprochen, mit denen ich im Leben noch kein Wort gewechselt habe, geschweige, dass sie mal hier im Kino waren.“

„Ist Ihnen noch etwas eingefallen? Haben Sie vielleicht doch Peter Stein gestern Abend hier gesehen?“

Dora Ekkehard beugte sich nach einer weiteren leeren Flasche. „Dass die Leute die Dinger nicht einfach in die Kästen stellen können“, fluchte sie.

VI

Das Gartentor zum Grundstück der Steins am Inselmuseum war immer noch verschlossen. Rieder wollte sich gerade wieder auf sein Rad schwingen, um es am anderen Eingang des Grundstücks zu versuchen. Da kam aus dem kleinen Kiosk die Besitzerin gerannt. „Herr Polizist!“, rief sie. „Herr Polizist. Sie wollen bestimmt zu Frau Stein. Die Arme. Sie ist gerade zum Strand runter. Hoffentlich tut sie sich nichts an!“

Rieder blieb stehen. „Wie kommen Sie denn da drauf?“

„Würden Sie baden gehen, wenn Sie gerade erfahren haben, dass ihr Mann ermordet worden ist?“, entgegnete ihm die Kioskbesitzerin entrüstet. „Vielleicht machen Sie nun bald mal was!“

Rieder stellte sein Rad wieder ab und wollte in Richtung Strand. Da blieb er nochmal stehen.

„Was ist denn nun noch?“, rief die Frau.

„Wie sieht Frau Stein eigentlich aus?“, fragte der Polizist.

Rieder kletterte auf die kleine Mauer neben dem Inselmuseum und zwängte sich dann durch einen mit Heckenrosen überwachsenen Durchgang durch die Dünen zum Strand. Der Strand von Kloster war menschenleer. Für morgendliche Jogger war der Sand hier zu weich und zu tief. Auch von professionellen Bernsteinsuchern keine Spur. Durch den Steindamm, die Hucke, der hier das Steilufer schützte, gab es keinen Seetang, mit dem das Gold der Ostsee angespült wurde. Allerdings gab es eine kleine Lücke im Wall.

Gleich hinter der Düne lag ein rotes Badehandtuch im Sand, darauf ein weißer Bademantel. Eine einzelne Person schwamm im Wasser. Eigentlich sah man nur ihren Kopf. Auf dem Rücken liegend, strebte sie mit langsamen Kraulschlägen wieder dem Ufer entgegen. Rieder hatte schon die roten Haare erkannt. Also kein Grund zur Panik.

Erst kurz vor der schmalen Öffnung im Steindamm drehte sich Ulrike Stein auf den Bauch und tauchte aus den Wellen auf. Natürlich nackt. Im Gegenlicht der Morgensonne glänzte ihr nasser schlanker Körper. Rieder war das peinlich, aber er konnte sich gleichzeitig kaum losreißen von dem Anblick.

Sie nahm den Bademantel und schlüpfte hinein. Dann streckte sie Rieder die Hand entgegen. „Guten Morgen, ich bin Ulrike Stein. Sie sind der Zivilbeamte, der jetzt hier auf der Insel neben Damp Dienst tut. Nicht wahr?“ Bevor er etwas sagen konnte, bemerkte sie: „Und nun ist es wie im Krimi. Sie werden mir mitteilen, dass mein Mann zu Tode gekommen ist, und ich müsste eigentlich in Tränen ausbrechen.“

„So stellt man es sich vor.“

„Dann hat Ihr Film schon einen Riss. Ich weiß schon, dass Peter tot ist. Michael hat mich heute Morgen besucht. Also Herr Durk. Er war Peters bester Freund.“ Etwas im Tonfall dieses Nachsatzes ließ Rieder aufhorchen. Ulrike Stein nahm ihr rotes Handtuch und begann die glitzernden nassen Haare abzutrocknen.

„Es gibt allerdings noch ein paar Fragen mehr“, erklärte Rieder.

„Hätten Sie mich nicht eigentlich bestrafen müssen? Ich habe doch unbekleidet im Textilbereich gebadet. Ihr Kollege versteht da keinen Spaß.“

Ulrike Stein reichte Rieder eine dampfende Tasse Tee. Von der Veranda sah man auf Hiddensee herab. Wie eine Schlange lag die Insel zu ihren Füßen.

„Sind das momentan wirklich Ihre größten Sorgen?“, erwiderte Rieder. „Mich würde eher interessieren, warum jemand schwimmen geht, wenn er gerade erfahren hat, dass sein Ehepartner getötet wurde?“

Ulrike Stein schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll.“ Sie ließ ihren Blick in die Ferne gleiten. „Da ist eine tiefe Traurigkeit, dass Peter tot ist. Er war über dreißig Jahre Teil meines Lebens und wird es auch bleiben. Aber sie haben sicher auch gehört, dass wir seit einiger Zeit getrennt gelebt haben. Oder?“

Rieder nickte. Sie drehte ihren Kopf und schaute ihm in die Augen. „Und was sagt sonst so der Inseltratsch?“

„Ich bin noch nicht so lange auf der Insel, um hier alle Geschichten zu kennen. Auch Ihr Mann war für mich bis gestern Abend ein Unbekannter.“

„Komisch ...“

„Wollen Sie gar nicht wissen, was passiert ist?“ Ulrike Stein stellte ihre Tasse ab, stand auf und trat an eines der Fenster. Sie drehte Rieder den Rücken zu und schaute hinaus. „Durk hat es mir schon erzählt. Er sei niedergeschlagen worden. Was soll ich da noch fragen?“

„Ich hatte versucht, Sie gestern Nacht noch zu erreichen. Aber ich habe Sie nicht angetroffen. Wo waren Sie gestern Abend?“

„Die berühmte Frage nach dem Alibi?“ Sie lächelte ein wenig. Rieder irritierte das. „Ich war bei Freunden. Sie machen hier gerade Urlaub und wohnen in Grieben im Hotel, Enddorn‘, in einem Appartement. Marie und Kurt Zabel. Ich habe dort auch übernachtet und bin erst heute Morgen hierher zurückgekommen. Durk stand schon vor der Tür und wartete auf mich.“

„Wie war denn das Verhältnis zu Ihrem Mann? Gab es Streit?“

Ulrike Stein dachte einen Moment nach. Rieder versuchte ihren Gesichtsausdruck zu ergründen.

„Nein, eigentlich nicht. Es wäre sicher übertrieben, dass wir nur im Guten auseinandergegangen wären, aber wir haben jeder für sich unser Leben hier auf der Insel weitergelebt. Er in seinem Haus in Vitte, ich hier auf dem Hügel in Kloster. Jeder hatte seine Arbeit ...“

„Was machen Sie?“

„Ich habe eine Praxis für Naturkosmetik und Physiotherapie in Vitte. Das war vielleicht auch zuletzt der einzige Berührungspunkt. Sein Lager und mein Laden liegen beide im Hafen von Vitte. Wir sind uns nicht oft begegnet. Er organisierte alles von seinem Haus aus oder war auf den Baustellen zu finden.“

„Warum haben Sie sich getrennt?“

„Auseinandergelebt.“ Ulrike Stein drehte sich wieder um und setzte sich auf das breite Fensterbrett. Sie verschränkte die Arme und zog die Schultern hoch. Es schien, als würde sie frieren. „Man glaubt, ein Kapitel eigentlich schon abgeschlossen zu haben. Und dann ist alles plötzlich wieder da. Und dann sitzt man hier, weiß, dass Peter tot ist und denkt die ganze Zeit, dass diese Veranda sein Lieblingsplatz war.“

„Kein Streit ums Geld? Ums Haus? Sind Sie eigentlich geschieden?“

„Scheidung war nie ein Thema. Das hätte alles nur komplizierter gemacht. Wir besitzen gemeinsam mehrere Häuser hier auf Hiddensee und wollten nicht um Grund und Boden streiten und damit Anwälte und Notare reich machen. Peter hat sich um alles gekümmert, die Vermietung der Ferienwohnungen mit allem Drum und Dran: Saubermachen, Rasen mähen und mir meinen Anteil an den Einkünften überwiesen. Das lief alles ohne Probleme. Peter war großzügig. Für alle Fälle habe ich noch mein eigenes Einkommen durch die Praxis. Die läuft in der Saison sehr gut, und so langsam macht sich auch unter den Hiddenseer Frauen die Erkenntnis breit, dass man ab und zu mal was für Körper, Haut und Seele tun sollte.“

„Haben Sie wieder eine neue Beziehung?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Möglich. Bei Mord spielt immer alles eine Rolle.“

„Hier und da ein Abenteuer. Immer hübsch diskret. Nicht auf der Insel.“

„Und Ihr Mann?“

„Wie gesagt, wir sind seit zwei Jahren nicht nur getrennte Wege, sondern, soweit es die Insel erlaubt, auch unsere eigenen Wege gegangen. Man hörte dies und das ...“

„Was hörte man denn?“

„Kleine Affären. Ich glaube aber nichts Ernstes.“

„Mit wem?“

Schulterzucken.

„Ich denke, Hiddensee ist ein Dorf?“, hakte Rieder nach.

„Sie kannten auch nicht meinen Mann“, entgegnete Ulrike Stein schmunzelnd. „Ein bisschen müssen Sie auch selbst Ihre Arbeit machen, Herr Rieder.“

„Hätte es Sie gestört, wenn es was Ernstes gegeben hätte?“ „Vielleicht. Aber wir sind auch alle erwachsen. Oder?“ Ulrike Stein stand auf. „Noch einen Tee?“

Rieder spürte, dass sie das Thema nicht vertiefen wollte. „Nein, danke.“

„Aber ich will noch einen. Die Ostsee ist im Oktober doch schon ganz schön kalt.“ Sie ging mit ihrer Tasse in die Küche. Rieder folgte ihr. Sie spülte ihre Tasse aus und schaltete den Wasserkocher ein.

„Wer könnte ein Motiv haben, Ihren Mann zu töten?“, fragte der Polizist.

Schulterzucken. „Keine Ahnung. Hier auf der Insel war mein Mann beliebt. Alle ließen von ihm bauen, was zu bauen war. Dass es da mal Streit gibt, ist im Baugeschäft normal. Die Besitzer wollen Paläste für wenig Geld, und die Bauleute müssen oft lange auf ihr Geld warten.“ Sie tat einen Teebeutel in die Tasse und goss heißes Wasser drüber.

„Er saß seit fast zwanzig Jahren im Gemeinderat und wurde auch immer wiedergewählt. Das spricht doch eher dafür, dass er recht beliebt war. Aber darüber sollten Sie besser mit Durk reden.“

Sie gingen wieder zurück in die Veranda und setzten sich in die beiden Sessel. „Und außerhalb von Hiddensee?“

„Mit dem Verkauf eines Teils der Firma und dem Umzug nach Hiddensee hat er keine Aufträge außerhalb der Insel mehr angenommen. Für die letzten zwei Jahre kann ich Ihnen darüber allerdings nichts sagen. Hier gibt’s immer weniger neu zu bauen, um damit richtig viel Geld zu verdienen. Meist sind es Sanierungen oder Umbauten. Das bringt nicht so viel.“

„Was heißt: Umzug der Firma nach Hiddensee?“

Ulrike Stein stand und nahm ein Bild von der Wand. Sie gab es Rieder. „Peter und sein Vater.“

Das war nicht zu übersehen. Die Gesichtszüge und die Haltung glichen sich fast wie bei Zwillingen, wenn nicht der Altersunterschied gewesen wäre.

„Früher, als Peters Vater noch lebte, hatte die Firma ‚Inselbau‘ ihren Sitz auf Rügen. In Bergen“, erzählte Ulrike Stein weiter. „Willy Stein, mein Schwiegervater, starb kurz vor der Wende. Als Peter dann allein für die Firma verantwortlich war, wurde ihm irgendwann die Fahrerei zu viel. Jeden Morgen von der Insel rüber nach Rügen und abends wieder zurück, und das bei jedem Wetter. Hier gab es damals auch genug für ihn zu tun. Schon vor der Wende hatte er hier einen Bauhof betrieben. Das reichte ihm. Den Rest der Firma, die ‚Inselbau Rügen‘ hat er verkauft und hier aus dem Bauhof die ‚Inselbau Hiddensee‘ gemacht. Außerdem hat er dann auch noch so eine Art Deal gemacht mit den Baufirmen auf Rügen. Die bauen hier nicht und er dort nicht.“

„Und das funktioniert?“

„Ich denke schon.“

„Haben Sie eigentlich Kinder? Gibt es noch weitere Angehörige?“

Der Blick der Frau erstarrte. Sie nahm das Bild zurück und hängte es wieder an. „Kinder haben wir nicht. Peter hatte noch einen Bruder. Der lebt aber in Bremen.“

Als sie sich wieder umdrehte, wirkte sie angespannt. „Haben Sie noch mehr Fragen oder reicht das erstmal?“

Rieder stand auf. „Nein. Ich habe einen ersten Eindruck bekommen. Sie müssen Ihren Mann noch identifizieren. Wir haben ihn in die Leichenhalle an der Inselkirche gebracht. Ich werde natürlich auch Ihre Bekannten befragen müssen. Sie werden das verstehen?“

„Muss das sein?“

„Es geht um Ihr Alibi.“

„Das meine ich nicht“, erklärte sie. „Die Identifizierung. Möselbeck kennt ihn doch länger als ich. Seit Kindertagen. Und Durk auch. Die drei waren wie Pech und Schwefel seit der Schulzeit.“

VII

Uwe Gebauer stand am Anleger der alten Reparaturwerft. Er blickte ungeduldig auf die Uhr. Es ging schon auf neun. Der Motor des Wasserschutzpolizeibootes tuckerte leise vor sich hin. Wenn Gebauer etwas hasste, dann Unpünktlichkeit. Acht Uhr dreißig wollten sie ablegen, um nach Hiddensee zu fahren. Doch bisher hatte sich keiner von der Spurensicherung sehen lassen, weder Behm noch seine Kollegen.

Da bog der graue VW-Bus in die Dänholmstraße ein. Mit Lichthupe antwortete der Fahrer auf Gebauers Winken.

Behm stieg aus. Statt einer Begrüßung raunzte er Gebauer an: „Einen besseren Liegeplatz gab’s nicht? Wir sind fast eine halbe Stunde rumgekurvt, um dich zu finden.“

Gebauer gab sich schuldbewusst. „Stimmt schon, liegt etwas ab. Aber hier macht es nicht so viel Aufsehen, wenn ihr euer Zeug an Bord bringt. In der Seestraße, am Hiddensee-Kai, gibt’s doch gleich einen Auflauf. Alle fragen, warum, wieso? Ihr habt doch sicher ein Navi im Auto?“

„In der alten Krücke?“ Behm zeigte auf den VW, der schon einige Jahre auf dem Buckel hatte: „Vergiss es.“ Dann wandte er sich an seine beiden Kollegen. „Bringt die Kisten aufs Boot.“

„Aber bitte vorsichtig!“, rief Gebauer dazwischen.

„Nun mach dir mal nicht ins Hemd. Uns reicht schon so die Plackerei mit den Kisten. Immer für die Insulaner alles verpacken ...“

Einsätze auf Hiddensee waren bei den Stralsunder Beamten nicht beliebt. Alles musste für Tatortuntersuchungen auf der Insel aus den Einsatzfahrzeugen der Spurensicherung in Kisten umgepackt und dann auf Gebauers Boot geschleppt werden. Dort mussten sie es dann unter seiner Anleitung rutschfest in dem engen Innenraum verstauen. Reibereien waren vorprogrammiert. Die Kollegen an Land rümpften sowieso die Nase über die Wasserschutzpolizisten. Sie nannten sie heimlich „Bodden-Enten“. Das wusste natürlich auch Gebauer. Er rächte sich gern an den „Landeiern“, wie er im Gegenzug die Beamten der Polizeidirektion bezeichnete. Musste er für sie Wassertaxi spielen, jagte er sein Schiff durch die Boddengewässer, ließ es gern auch mal heftig schaukeln beim Durchfahren von Wellenbergen und -tälern, fuhr tollkühne scharfe Kurven und beobachtete mit gnädigem Lächeln, wie sich die Kollegen krampfhaft an den wenigen Halterungen festhielten, im Gesicht immer fahler wurden und bald darum bettelten, er möge doch etwas langsamer fahren oder nach den Kotztüten riefen. Hatten sie dann wieder festen Boden unter den Füßen, drohten sie ihm mit Beschwerden. Das nahmen Gebauer und seine Crew gelassen. „Einsatz ist Einsatz!“, rief er ihnen dann nach. Außerdem unterstanden sie nicht dem Kommando des Polizeichefs Bökemüller, sondern gehörten einer eigenen Direktion mit Sitz in Rostock an. Bis dahin war der Dienstweg für Klagen weit.

Endlich hatten sie alles an Bord. Gebauer gab seinen beiden Besatzungsmitgliedern das Kommando zum Ablegen und stellte sich selbst ans Steuer. „Jetzt wollte ich eigentlich schon da sein“, maulte er Behm an, der neben ihm stand. Der gab sich gelassen. „Den toten Bauunternehmer stört’s nicht mehr, ob wir nun ’ne Stunde früher oder später auf Hiddensee sind. Die Spuren sind sowieso hin, weil die letzte Nacht alle durch den Tatort getrampelt sind.“ Gebauer manövrierte vorsichtig das Boot an zwei alten Schleppern vorbei und fuhr dann langsam in Ric htung Fahrrinne Strelasund. Backbord lagen das Ozeaneum und die alten Lagerhäuser, steuerbord die Fachwerkhäuser des Fischerdorfes Altefähr.

„Vitte, Neuendorf oder Kloster?“, fragte Gebauer.

„Erstmal Kloster. Da haben sie den Toten hingebracht. Der Tatort ist wohl am Zeltkino in Vitte. Den kann ich mir dann immer noch ansehen und mich weiter ärgern. Aber du kannst uns dann wieder in Vitte abholen.“

„Der Tote ist Bauunternehmer? Von Hiddensee?“

„Ja, ein gewisser Stein.“

„Peter Stein?“, fragte Gebauer.

„Genau. Kanntest Du ihn?“

„Ich hatte mal mit ihm zu tun, als sie den Anleger in Neuendorf neu gebaut haben und es für unsere Boote einen Liegeplatz geben sollte. War eigentlich ein netter Typ.“

„Augenscheinlich sahen das nicht alle so. Sonst hätte er ja nicht gestern Abend tot am Zeltkino gelegen.“

Behm steckte die Hände in die Taschen. Er hatte keine Lust mehr auf eine weitere Unterhaltung.

Gebauer schob den Gashebel langsam nach vorn. Die Turbinen wurden lauter. Der Bug des Bootes hob sich aus dem Wasser. Wasserfontänen spritzen steuerbord und backbord nach oben.

Nicht mal eine halbe Stunde dauerte es, bis die ersten Bojen für den Tonnenweg zum Hafen Kloster in Sicht kamen. Am Kai wartete Damp mit dem Polizeiwagen.

Auf dem Weg zur Leichenhalle berichtete er Behm, was in der vergangenen Nacht passiert war, wer Stein gefunden hatte, was Doktor Möselbeck vermutete und wie sie versucht hatten, den vermeintlichen Tatort zu sichern.

„Wer passt dort jetzt auf, nachdem es hell geworden ist, dass da keiner rumtrampelt?“

„Keiner“, antwortete Damp. „Wie sollen wir denn zu zweit alles organisieren? Rieder ist bei Steins Frau. Ich musste mich um den Zeugenaufruf kümmern ...“

„Als ob das jetzt so wichtig wäre ...“

Obwohl die Inselkirche nur gut dreihundert Meter vom Hafen entfernt war, kam Damp nur langsam mit dem Auto voran. Auf dem Hafenweg musste er zahlreiche Touristen und Reisegruppen umkurven. Obwohl sie gerade erst mit dem Schiff von Rügen angekommen waren, drängten sie sich gleich vor den beiden Souvenirläden kurz vor der Kreuzung am Pasterteich.

„Die haben noch nichts von der Insel gesehen, kaufen aber schon irgendwelchen Kitsch“, meinte Behm.

„Es ernährt aber seinen Mann hier auf der Insel“, erwiderte Damp.

„Für mich sind diese Läden nichts anderes als moderne Wegelagerei.“

Damp parkte auf dem Platz für die Fuhrwerke neben der Inselkirche. Von dort führte ein kleiner Pfad zur Leichenhalle.

Vor dem Gotteshaus hatten sich zahlreiche Schaulustige angefunden, darunter auch viele Insulaner. „Wo kommen die plötzlich her? Haben Sie den Termin auf Ihrem Aushang bekanntgegeben?“, fragte Rieder, der Ulrike Stein hierher begleitet hatte.

Damp wurde wütend. „Sicher! Bin ich ein Trottel oder was? Die können auch alle eins und eins zusammenzählen. Nicht nur die Herren aus der Hauptstadt. Dass Stein hier liegt, ist kein Geheimnis. Oder? Und dass die Witwe hier irgendwann auftauchen wird, können sich selbst die Hiddenseer an ihren Fingern abzählen.“

„Ist ja gut. Ich habe es ja nicht so gemeint“, entschuldigte sich Rieder.

Pfarrer Laube und Doktor Möselbeck warteten schon.

Behm begrüßte Rieder. „Ich halte mich erst mal im Hintergrund, bis die Ehefrau die Leiche identifiziert hat.“

Pfarrer Laube drückte Ulrike Stein fest die Hand und sprach ihr sein Beileid aus. Als Möselbeck Frau Stein sogar umarmen wollte, wehrte sie ihn ab und stieß ihn sogar leicht zurück. Rieder war darüber verwundert. „Ich dachte, Möselbeck und Stein waren Freunde“, flüsterte er Damp zu.

„Das muss ja nicht unbedingt auch für die Frau gelten“, antwortete sein Kollege. Da war was dran, dachte sich Rieder.

Ulrike Stein drehte sich zu Rieder um. „Können wir?“, fragte sie.

Seitdem sie mit Rieder ihr Haus verlassen hatte und sie gemeinsam die gut hundert Meter bis zur Inselkirche gegangen waren, hatte Rieder beobachtet, dass die Frau immer mehr die Fassung verloren hatte. Immer wieder hatte sie sich die Nase geputzt und über die Augen gewischt.

Rieder gab Pfarrer Laube ein Zeichen. Der schloss die Kapelle auf, machte das Licht an. Die Glühbirne erleuchtete den kleinen fensterlosen Raum kaum. In der Mitte stand ein langer Holztisch. Darauf lag der Leichensack. Damp nahm seine Schirmmütze ab. Möselbeck ging an Laube vorbei, zog den Reißverschluss auf und schlug die Plastikhülle zur Seite, damit das Gesicht des Toten besser zu erkennen war. Ulrike Stein trat heran. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und begann hemmungslos zu weinen. Ihre Knie knickten ein. Pfarrer Laube sprang zu ihr und fing sie auf. Langsam führte er die Frau aus der Halle ins Freie.

„Obwohl sie getrennt gelebt haben, scheint er ihr trotzdem nicht egal gewesen zu sein“, meinte Rieder zu Damp.

„Man steckt nicht drin“, antwortete Damp lapidar. „Ich werde ihr anbieten, sie nach Hause zu fahren. Vielleicht besser, wenn man das hier so sieht.“ Dabei deutete er auf den Platz vor der Inselkirche. Dort hatte man alles genau beobachtet und ließ auch jetzt keinen Blick von der trauernden Witwe.

Damp setzte wieder seine Mütze auf, straffte sich und ging zu Pfarrer Laube und Ulrike Stein.

Jetzt trat Behm an die aufgebahrte Leiche. Möselbeck hatte sich über Stein gebeugt. „Das Hämatom an der Schläfe ist deutlich ausgeprägt. Es gibt für mich keinen Zweifel. Er wurde durch einen Schlag auf den Kopf getötet.“ Behm sah sich die Verletzung genauer an. „Kann man nicht von der Hand weisen. Ich würde aber trotzdem die Autopsie abwarten. Sie schließen einen natürlichen Tod definitiv aus?“, wandte er sich an den Inselarzt.

„Definitiv!“

„Okay, dann wollen wir mal.“ Behm zog den Reißverschluß des Leichensacks völlig auf. Er gab seinen Mitarbeitern ein paar Anweisungen. Die Hände des Toten wurden in Plastiktüten verpackt, damit keine DNA-Spuren vernichtet wurden. Außerdem wurden zahlreiche Fotos von dem Toten und der Wunde an der linken Schläfe gemacht.

„Habt ihr die Kleidung schon untersucht?“, fragte er Rieder.

„Nein. In der Dunkelheit gestern Abend hatte ich Angst, irgendetwas zu verlieren.“

Behm begann die Hosentaschen zu durchstöbern. Eine Brieftasche kam zum Vorschein. Ein Schlüsselbund. Ein Fahrschein für die Fähre nach Schaprode. Eine Packung Papiertaschentücher. „Nicht gerade eine große Ausbeute. Kein Handy. Für einen Bauunternehmer ungewöhnlich.“

Das sah Rieder auch so.

„Hast du seine Handynummer?“ Rieder verneinte.

„Ich kann sie Ihnen geben“, mischte sich der Arzt ein.

„Dann mal los.“ Behm zog sein Diensthandy aus der Tasche, schaltete seine Rufnummernanzeige aus. Dann wählte er die Nummer, die ihm Möselbeck ansagte. Er nahm das Telefon ans Ohr. „Klingelt.“ Etwas später: „Mailbox.“

Mit einer speziellen Software auf seinem Laptop versuchte er Steins Handy zu orten. „Es ist noch auf der Insel. Innerhalb der Funkzelle von Vitte.“

„Vielleicht liegt es am Tatort.“

Doch auch dort fand es sich nicht, als sie wenig später am Zeltkino eingetroffen waren. Behm wählte immer wieder die Nummer von Steins Mobiltelefon, ließ es klingeln, bis sich die Mailbox meldete, aber nirgendwo war ein Klingelton zu hören.

„Wenn wir mit dem Kahn und dem Gelände drumherum fertig sind, durchforsten wir noch mal das Wäldchen hier“, kündigte Behm an.

Damps Absperrung des Tatortes und des Weges vom Zeltkino war unversehrt.

„Mensch, Rieder, was habt ihr hier für disziplinierte Urlauber und Einwohner. Hier herrscht wirklich Ordnung und Sicherheit“, meinte Behm ironisch. „Okay, das mit dem Mord ist vielleicht ein kleiner Wermutstropfen, aber wirklich nur ein kleiner. Damp und du, ihr scheint wirklich ein polizeiliches Dreamteam zu sein, wenn ich das hier so sehe.“ Er schlug Rieder auf die Schulter. „Ihr müsst das nur mehr zeigen. Nach außen, mein’ ich. Traut euch.“

„Haha!“, blaffte Rieder. „Sehr witzig.“

„Da fällt mir ein, ich muss Damp noch zu seiner Beförderung beglückwünschen“, stichelte er weiter. „Was hast du ihm denn geschenkt? Einen Kaktus? Nein. Ich weiß. Einen goldenen Bußgeld-Block.“

Rieder winkte genervt ab.

Dora Ekkehard kam aus der kleinen Baracke hinter dem Kino. Sie hatte die Polizisten belauscht.

„Falsche Lorbeeren, mein Herr. Ich habe den ganzen Morgen wie ein Schießhund aufgepasst.“

Rieder stellte Behm die Kinofrau vor. Der Beamte verneigte sich fast, als er Dora Ekkehard begrüßte. „Ich bin ein großer Fan Ihres Kinos. Schön, dass es noch so etwas gibt. Darf ich mal in Ihr Heiligstes schauen?“

Die alte Dame öffnete die Tür zum Vorführraum. Staunend schlich Behm zwischen den Projektoren umher und blickte durch die kleinen Gucklöcher. Er drehte auch mal an der Kurbel, an der die Filmrollen zurück auf Anfang gerollt wurden. Fast zärtlich strich er über einen der Projektoren.

„Wie alt sind die?“

„Fast vierzig Jahre. In den siebziger Jahren gebaut.“ fügte sie hinzu. „Echte Ernemanns.“ Behm setzte seine Brille auf. Er studierte das kleine Metallschild. „Kinoton FP20“, las er vor. „Aus Kiel?“

„Die habe ich nach der Wende gekauft. Vorher hatte ich Kofferprojektoren von Carl Zeiss. Die waren dann aber etwas schwach auf der Brust geworden. Gebaut in den fünfziger Jahren. Als ich hier 1964 angefangen habe, haben wir die aus einem Kino in Stralsund bekommen. Die wurden damals alle auf sowjetische und tschechische Geräte umgerüstet.“

„Und wer repariert die? Das muss doch superteuer sein. Gibt’s da eigentlich noch Ersatzteile?“

„Mach’ ich alles selbst“, erklärte Dora nicht ohne Stolz in der Stimme. „Ich hab’ das von der Pieke auf gelernt, richtig in Dresden in dem alten Ernemann-Werk. Heute ist es Museum. Fast wie ich.“

Alle lachten.

„Mensch, super. Früher gab es auf jedem Zeltplatz an der Ostsee ein Zeltkino. Nun sind Sie fast der letzte Mohikaner. Oh, Entschuldigung, natürlich die letzte Mohikanerin.“

Dora Ekkehard nickte gerührt. Ihre Augen wurden feucht.

So kannte Rieder seine Nachbarin gar nicht. Ob sie nun Kinokarten verkaufte, im Garten arbeitete oder mit dem Rad durch Vitte fuhr, sie wirkte immer etwas streng, lächelte selten.

Holm Behm studierte inzwischen die vergilbten Kinoplakate an den Bretterwänden. „Paul und Paula“, „Lütt Matten und die weiße Muschel“. Und, wie passend: „Spiel mir das Lied vom Tod“. „Lohnt sich das noch mit dem Kino?“ Er rieb Daumen und Zeigefinger.

„Es ernährt seinen Mann ...“, antwortete Dora Ekkehard.

„Das habe ich heute schon mal gehört“, meinte Behm. „Die Hiddenseer scheinen genügsame Leute zu sein. Was läuft heute?“

„Am Nachmittag in der Kindervorstellung, Alfons Zitterbacke‘, abends ‚Die Frau des Leuchtturmwärters‘ und in der Spätvorstellung, wenn genug kommen, ‚Sommer vorm Balkon‘.“

„Interessantes Programm“, meinte Behm.

„Die Leute mögen’s. Die Hiddensee-Urlauber wollen keine Blockbuster. Die meisten sind nicht die typischen Kinogänger. Sie wollen Filme sehen, die zur Insel passen, zu einem Urlaub auf Hiddensee. Keine Thriller. Eher was fürs Gehirn. Und dazu immer ein bisschen Ostalgie., Paul und Paula‘, ,Solo Sunny‘ und , Spur der Steine‘. Verstehen Sie?“

Behm nickte. „Hiddensee – die Insel der anderen.“

Dora Ekkehard wischte mit der Hand ein paar Krümel von ihrem kleinen Arbeitstisch. „Tja, aber die Zeiten ändern sich. Auch hier auf Hiddensee. Will zwar nicht jeder wahrhaben, aber ist so.“

„Was meinen Sie damit?“, fragte Rieder nach.

Dora schaute Rieder an: „War mehr so eine Redensart.“ Dabei knetete sie ihre Hände. Sie wurde ungeduldig. „Ich muss dann jetzt mal. Der Zuschauerraum säubert sich nicht von selbst.“

Die Untersuchung des Tatortes brachte kaum neue Erkenntnisse. Behms Team konnte Fingerabdrücke auf dem Kiel des Bootes sichern, neben dem Peter Stein gefunden worden war. Die konnten aber auch den beiden jungen Leuten gehören, die sich auf das Boot gesetzt hatten, bevor sie Steins Leiche gefunden hatten.

„Wir lassen die Abdrücke mal durch den Rechner laufen. Vielleicht gibt es einen Zufallstreffer. Aber die Fußspuren können wir vergessen“, stellte Behm fest. Dann suchten die Polizisten die Umgebung des Bootes nach Steins Handy ab. Im Dickicht des Strandwäldchens fanden sich aber nur leere Flaschen und Reste von Eisverpackungen. Außerdem hatte mancher Urlauber hier seine Notdurft verrichtet, statt die nahe öffentliche Toilette am Strandzugang beim Häuschen der Rettungsschwimmer zu benutzen. „Schöne Sauerei“, stöhnte Behm. „Hier könnte Damp sich mal auf die Lauer legen und Bußgelder verteilen.“ Von Steins Handy gab es keine Spur.

Behm und Rieder gingen zurück zum Zeltkino. Plötzlich blieb der Spurensicherer stehen. „Was mich wundert“, wandte er sich an Rieder, „wir haben keine Ruder gefunden. Da lag zwar der Bootswagen unter dem Boot. Aber keine Ruder. Komisch.“

„Die Fischer nehmen ihre Ruder immer mit nach Hause“, meinte Rieder. „Von denen liegen auch noch ein paar Boote am Strand. Und die schleppen die Dinger immer hin und her. Sonst könnte man doch die Boote leicht klauen.“

„Aber wenn ich mich erinnere, dann haben die einen Handwagen dabei. Das ist der ganze Kram drauf. Netze, Fässer und eben die Ruder. Aber Stein wird doch nicht mit den Rudern hierhergewackelt sein. Über die halbe Insel. Egal, ob er nun von seinem Haus in Kloster oder von seinem Haus am Süderende gekommen wäre.“

„Wir können die Kinofrau fragen.“

Dora Ekkehard war gerade dabei, eine Filmrolle in den Projektor einzulegen.

„Frau Ekkehard. Wir hätten noch eine Frage“, meldete sich Rieder. Dora Ekkehard schreckte auf und griff sich mit einer Hand ans Herz. „Um Gottes Willen. Können Sie nicht anklopfen?“

„Entschuldigung. Wir fragen uns, ob Peter Stein die Ruder von seinem Boot immer mitgenommen hat oder ob sie am Boot waren?“

Dora Ekkehard überlegte. „Sie müssten am Boot sein. Stein ist ja nicht oft rausgefahren. Meist nur zum Heringsangeln im Frühjahr. Und da hatte er ...“, sie schien intensiv zu versuchen, sich zu erinnern, „ ... da hatte er nur die Angeln dabei.“

„Sicher?“, fragte Rieder nach.

„Sicher.“

VIII

Über Hiddensee hingen noch ein paar dunkle Wolken. Als Rieder wieder im Revier angekommen war, zeigte sich am Horizont über der Ostsee schon wieder blauer Himmel. Behm war mit seiner Mannschaft wieder zurück auf dem Weg nach Stralsund. Er hatte versprochen, sich um einen Verbindungsnachweis von Steins Handy zu kümmern. Vielleicht ergaben sich daraus neue Ansatzpunkte für die Ermittlungen.

Rieder und Damp saßen sich schweigend gegenüber. Rieder war ungeduldig. Bei der neuen Arbeitsteilung im Revier musste er sich mit Damp abstimmen und konnte nicht einfach machen, was er wollte. So fragte er in das gemeinsame Schweigen: „Wie wollen wir weiter vorgehen?“

Damp saß hoch aufgerichtet auf seinem Stuhl und starrte vor sich hin. Doch Damps äußerliche Lethargie täuschte. In seinem Kopf arbeitete es. Er wollte Initiative zeigen. Er musste doch jetzt allen beweisen, dass er der richtige Mann für den Posten war. Einen Rückschlag hatte er allerdings schon hinnehmen müssen. Damp hatte gehofft, der Zeugenaufruf würde schnellere Ergebnisse bringen. Deshalb war er schnell ins Revier zurückgegangen. Er hatte sogar Rieder den Wagen überlassen, damit er die Spurensicherer zum Hafen in Vitte bringen konnte. Er wollte unbedingt im Büro sein, falls sich Zeugen meldeten. Es musste doch Strandgänger und Kinobesucher gegeben haben, die etwas gesehen hatten. Doch kein Mensch hatte sich bisher gemeldet, und Damp hatte nicht den gewünschten Informationsvorsprung, mit dem er auch vor Bürgermeister Durk hätte glänzen können.

Jetzt blieb Damp nur eine Chance. Er musste sich an Rieder dranhängen. Vielleicht kam er da auf eine erfolgversprechende Spur. Man muss den Feind mit seinen eigenen Waffen schlagen, dachte er sich.

„Was schlagen Sie vor?“, fragte er zurück.

„Ich denke, wir fahren in Steins Haus und schauen uns mal genauer um. Akten, Kalender, Adressbücher, der ganze Kram“, schlug Rieder vor. „Vielleicht bringt uns das weiter.“

„Gute Idee“, antwortete Damp. Er rückte seinen Stuhl zurück, stand auf und zurrte schon mal seine Uniform zurecht. Doch Rieder machte nun plötzlich gar keine Anstalten mehr, aufzustehen. Stattdessen nahm er ein Lineal, klopfte damit in seine Hand und schaute nachdenklich: „Wer könnte ein Motiv haben, Stein zu ermorden?“

„Woher soll ich das wissen?“, antwortete Damp trotzig.

„Sie sind doch schon so viele Jahre auf der Insel, müssen Stein doch gekannt und vielleicht auch gehört haben, was über ihn geredet wurde?“

„Wer redet denn schon mit mir? Hier auf der Insel!“ Da hatte Damp zwar Recht, wie Rieder aus eigener Beobachtung wusste, aber so völlig unwissend konnte selbst er nicht sein.

„Hatten Sie denn nie mit ihm zu tun?“

„Selten. Er kam vorbei, wenn es um Absperrungen für Baustellen ging oder er eine Straßensperrung haben wollte, wenn er mit seiner Truppe die Schlaglöcher und Kuhlen in den Wegen zuschüttete. Aber was sollte er sonst mit mir reden und ich mit ihm? Fragen Sie besser Ihren allwissenden Nachbarn. Malte Fittkau.“

Rieder stutzte. „Ich dachte, seit der Geschichte mit dem Pfarrer kommen Sie besser miteinander aus?“ Jedenfalls hatte er letzte Nacht diesen Eindruck gehabt.

„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer und ein paar Bier keine Freundschaft“, antwortete Damp nicht ohne Bitterkeit.

Er ging in Richtung Tür und fragte ungeduldig: „Wollen wir nun los?“ Rieder stand auf und wollte seinem Kollegen gerade folgen. Da klopfte es.

Damp riss die Tür auf. Ein riesiger gelber Regenhut war das Erste, was die beiden Polizisten sahen. Damp machte vor Schreck einen Schritt zurück.

„Sind wir hier richtig? Bei der Polizei?“, fragte eine leise Stimme. Rieder stand auf. Unter dem Hut sah er das Gesicht einer älteren Dame. Bevor er etwas sagen konnte, drehte sich die Frau auf dem Absatz um und verschwand wieder im Treppenhaus. Von dort hörten die Polizisten die Frau rufen: „Helene, komm doch mal.“

Dann kam sie zurück. Nun in Begleitung. Beide Frauen glichen sich völlig in der Kleidung. Die gleichen Regenhüte, die gleichen Regenjacken, die gleichen Wetterhosen und natürlich auch die gleichen Gummistiefel. Wie Zwillinge. Doch im Körperbau waren sie völlig verschieden. Die angeklopft hatte, war klein und korpulent, ihre Begleiterin recht groß und hager.

„Guten Tag, meine Name ist Jahnke. Hildegard Jahnke“, begann die Frau noch einmal, etwas ängstlich im Ton. Sie fasste ihre Gefährtin an der Hand. „Und das ist meine Freundin Helene Witt.“ Die Hagere grüßte nur mit kurzem Kopfnicken. „Wir kommen schon seit dreißig Jahren nach Hiddensee. Und nun sind wir, wie soll ich es sagen ...?“

Die Hagere räusperte sich kurz. „Ja, wir sind gekommen wegen des Aushangs.“ Dann wandte sie sich an ihre Freundin Hildegard: „Mach doch nicht so ein Gewese.“

Die gab beleidigt zurück. „Du wolltest doch gar nicht hierher.“

Rieder unterbrach die beiden. „Frau Jahnke, Frau Witt. Nehmen Sie doch Platz.“

Die Frauen setzten sich auf die beiden Besucherstühle, ganz vorn auf die Kante.

„Warum sind Sie gekommen? Haben Sie gestern Abend am Zeltkino etwas beobachtet?“, fragte Damp hoffnungsvoll.

Die Frauen schauten sich kurz an. „Also, wir wollen Frau Ekkehard keine Schwierigkeiten machen. So lange wir auf die Insel kommen, so lange kennen wir sie schon“, begann Helene Witt.

„Sie ist so eine herzensgute Frau. Jedes Jahr schickt sie uns, kurz bevor wir kommen, schon das Kinoprogramm“, ergänzte Frau Jahnke, „und streicht an, welche Filme uns vielleicht besonders gefallen könnten.“

„Was ist denn nun mit Frau Ekkehard?“, unterbrach Rieder, etwas ungeduldig.

„Es war so“, berichtete Frau Witt, „wir waren gestern schon recht früh am Kino, weil wir fürchteten, sonst schlechte Plätze zu bekommen. Hilde hat immer Angst, dass ein Großer vor ihr sitzt und sie dann nichts sieht ...“ Sie hielt kurz inne. „Wo war ich stehengeblieben? Ach ja. Also wir waren recht früh da, kauften Karten und waren wirklich die Ersten im Kino. Jedenfalls, als wir saßen, hörten wir von hinten ziemlichen Krach. Zwei Leute brüllten sich an.“

„Wer brüllte sich an?“, fragte Rieder nach.

„Frau Ekkehard und ein Mann“, meldete sich Frau Jahnke, schaute dabei aber wieder etwas ängstlich auf ihre Begleiterin.

Aber auch die bestätigte: „Also, Frau Ekkehard habe ich auch gehört. Die Stimme von dem Mann kannte ich nicht.“

„Und worüber stritten die beiden?“

Beide Frauen zuckten mit den Schultern.

„Haben Sie irgendetwas verstanden?“

„‚Du kriegst mich hier nicht weg!‘, rief Frau Ekkehard mehrmals. Und der Mann schrie: ‚Das wirst Du schon sehen! Du hast kein Erbrecht. Irgendwann ist auch für dich Schluss‘. Und sie antwortete: ‚Nur über meine Leiche!‘ So ungefähr“, berichtete Hildegard Jahnke. Und Frau Witt ergänzte: „Dann knallte eine Tür.“

„Haben Sie den Mann gesehen?“

Die beiden schüttelten die Köpfe. Damp holte ein Foto von Peter Stein hervor und zeigte es den Frauen. „Haben Sie diesen Mann in der Nähe des Kinos gesehen? Vielleicht, als sie die Karten gekauft haben?“

Sie schauten sich das Foto an. „Also, auf der Insel habe ich den schon oft gesehen“, meinte Helene Witt. „Aber gestern?“

„Wir haben uns schon so auf den Film gefreut“, ergänzte ihre Freundin. „Und dann geht das uns auch eigentlich nichts an. Wie gesagt, wir wollen der Frau Ekkehard keine Schwierigkeiten machen.“

„Aber wir sind auch geschockt, dass so etwas auf Hiddensee passieren kann“, empörte sich Frau Witt. „Ein Mord!“

IX

Nachdem die beiden Frauen ein Protokoll unterschrieben und das Revier wieder verlassen hatten, blätterte Rieder noch einmal die Aussage von Dora Ekkehard von der vergangenen Nacht durch, obwohl er es auch so gewusst hätte. „Da steht nichts von einem Streit mit einem Mann.“

„Muss ja nicht Stein gewesen sein“, meinte Damp. „Mit der Ekkehard ist nicht gerade gut Kirschen essen. Wenn ich mal bei der war wegen der Lautstärke der Kinolautsprecher, dann ging das nie ohne Streit ab.“

Das konnte Rieder nur bestätigen. Auch bei den Auseinandersetzungen mit Malte um das Holz des umgestürzten Baumes hatte Dora kein Blatt vor den Mund genommen.

„Bei den Frauen hörte es sich so an, dass Dora mit dem Besitzer des Grundstücks gestritten haben könnte, auf dem das Kino steht. Oder gehört das Land der Gemeinde?“

„Keine Ahnung.“

„Das könnte doch der Bürgermeister wissen?“

Damp nickte. „Sicher. Die ganzen Grundstückssachen gehen über seinen Tisch.“

„Bei Ihren neuen guten Beziehungen zu Durk könnten Sie doch mal nachfragen.“

Damp kratzte sich am Hinterkopf: „Wann?“

„Jetzt!“

„Muss das sein?“

„Dann haben wir vielleicht wenigstens eine erste Spur.“

Damp stöhnte. Schwerfällig erhob er sich und ging mit steifen Beinen zur Tür. Dort blieb er nochmal stehen. „Ich weiß nicht ...“

„Sie kriegen das schon hin. Durk will doch auch immer eingebunden sein.“

Aber Damp wollte nicht anecken, schon gar nicht beim Bürgermeister. Andererseits würde ein schneller Erfolg durch den Zeugenaufruf sie beide, Bürgermeister Durk und Revierleiter Damp, gut dastehen lassen.

Damp atmete kräftig aus, öffnete die Tür und marschierte zu Durks Büro.

Das Vorzimmer war leer. Wahrscheinlich war die Sekretärin, Lotti Stoll, beim Mittagessen. Damp klopfte kurz am Amtszimmer des Bürgermeisters.

Ein ärgerliches „Herein!“ kam von drinnen. Damp verließ beinahe der Mut. Doch eine innere Stimme trieb ihn vorwärts. Dynamisch drückte er die Klinke nach unten und trat ein. Durk hatte die Beine auf den Tisch gelegt. Damp war sich sicher, Durk gerade bei einem kleinen Nickerchen gestört zu haben.

„Wir haben mal eine Frage, Rieder und ich.“ Damp wollte nicht allein die Verantwortung für diesen Vorstoß tragen. „Wissen Sie, wem das Grundstück am Zeltkino gehört?“

Durks Augen nahmen Damp schärfer ins Visier. Er nahm die Beine vom Tisch und setzte sich gerade hinter seinen Schreibtisch. „Warum wollen Sie das wissen?“, fragte er mit einem leicht drohenden Unterton. Einschüchterung war das Arbeitsprinzip des Bürgermeisters.

„Wir haben vielleicht eine erste Spur.“

Der Bürgermeister drehte leicht den Kopf, ohne den Polizisten aus den Augen zu lassen. „Hat die Ekkehard etwas damit zu tun?“, fragte er listig.

„Na ja“, druckste Damp. „Es gibt Zeugen, die eine Auseinandersetzung von Frau Ekkehard mit einem Mann gehört haben wollen. Da ging es irgendwie um das Zeltkino und vielleicht auch um das Grundstück ...“

Durk rieb sich das Kinn. „Das sind ja eigentlich schon Interna aus der Inselverwaltung. Ich weiß nicht, ob ich die preisgeben kann. Es muss nicht jeder alles wissen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Damp verstand nicht wirklich. „Ich dachte, die Grundstückssachen gehen alle über Ihren Tisch.“

„Schon. Aber das sind heikle Angelegenheiten. Und nicht jeder Fremde“, Durk betonte das letzte Wort ganz besonders, „muss erfahren, was wer hier auf der Insel kauft. Oder?“

Jetzt verstand Damp. „Ja, aber ...“

„Also von Rechts wegen müssten Sie sich an das Grundbuchamt in Stralsund wenden.“ Durk lehnte sich zurück. „Aber wenn es um die Ekkehard geht, könnte ich eine Ausnahme machen.“ Er beugte sich vor und winkte Damp, näher heranzukommen. „Die nervt mich nämlich gewaltig“, erklärte er dem Polizisten mit verschwörerischer Stimme. „Um es kurz zu machen: Das Grundstück gehört eigentlich Peter Stein.“

Rieder fühlte sich wie gelähmt, nachdem ihm Damp Durks Information weitergegeben hatte. Sollte Dora Ekkehard mit dem Mord an Stein zu tun haben? Sollte sie seine Mörderin sein? Seine Nachbarin! Er ahnte, was auf ihn zukommen würde und wie ihn das belasten könnte. Das war der Nachteil an seinem Job auf der Insel. Hier kannte sich jeder, und man konnte sich auch nicht aus dem Weg gehen.

Damp spielte, scheinbar ungerührt, mit einem Bleistift. Rieder hatte sein Gesicht in die Handflächen gestützt. Er überlegte. Sollten sie Dora Ekkehard gleich mit den Aussagen der beiden Frauen konfrontieren? Damp schien dafür zu sein. Rieder war sich sicher, dass sein Kollege so schnell wie möglich den Fall vom Tisch haben wollte. Rieder dagegen wollte eher vorsichtig vorgehen und noch weitere Fakten sammeln.

„Dora Ekkehard läuft uns nicht weg. Vielleicht schauen wir erstmal in Steins Haus nach, ob es noch andere Spuren und Fakten gibt, die wir verfolgen können.“

Damp legte den Bleistift weg. „Sind Sie sich da sicher?“ Selbst wenn es nicht so aussah, auch Damp war hin- und hergerissen. Ein schneller Erfolg wäre nicht schlecht, aber sollten sie Dora Ekkehard zu Unrecht verdächtigen und das bekannt werden, würde er weiter im Ansehen der Hiddenseer sinken. Dora Ekkehard war eine Autorität für die Insulaner, auch wenn sie nicht ins Kino gingen. „Vielleicht haben Sie recht“, stimmte er seinem Kollegen zu. „Fahren wir erst mal zu Steins Haus.“

Damp parkte den Streifenwagen im Süderende am alten Stromhäuschen. Als er ausstieg, fiel sein Blick auf die merkwürdigen Wesen, die Jugendliche auf die Wände des Häuschens in grellen Farben gesprüht hatten. Bisher hatte er die Übeltäter noch nicht ermitteln können. Das ärgerte ihn gewaltig.

„Sehen Sie sich diese Schmiereien an. Wenn ich die erwische ...“

Rieder sah es gelassener. Er kannte Graffitis zur Genüge aus Berlin. Er fand diese Subkultur zwar nicht besonders gut, gerade wenn sie auch vor frisch sanierten Gebäuden nicht haltmachte. Bei leerstehenden Häusern und Ruinen in der Hauptstadt war es ihm aber immer egal gewesen. Hier auf Hiddensee erinnerten ihn die aufgesprühten Wandgemälde an sein früheres Leben und lösten manchmal sogar so etwas wie Heimweh in ihm aus.

„Damp, Sie können den Fortschritt nicht aufhalten. Nicht mal auf Hiddensee.“

„Ph, wo ist das Fortschritt? Das ist nichts anderes als pure Zerstörungswut. Wissen Sie, was das kostet, die Schweinerei wieder wegzumachen?“

Rieder winkte ab und ging zum Deichweg. Das Gras am Schutzdamm war am Vormittag gemäht worden. Aus der Wiese stieg ein intensiver Geruch nach frischem Heu auf. In den Heubergen leuchteten noch die Blüten der abgeschnittenen Wiesenblumen, bevor sie der sanfte Ostseewind vertrocknen ließ. Sie wirkten auf Rieder wie ein Abschiedsgruß des Sommers.

Steins Grundstück, genau an der Ecke, wo die Strandpromenade und der Deichweg am südlichen Ende Vittes aufeinandertrafen, wirkte eigentlich unbewohnt. Der alte Staketenzaun war ausgeblichen, einige Latten zerbrochen. Das Tor ließ sich nur schwer öffnen, weil dahinter das Gras hoch stand und sich kaum wegschieben ließ. Zur Eingangstür führte durch die Wiese ein schmaler Trampelpfad. Das Mauerwerk des Backsteingebäudes brauchte dringend eine Sanierung. An vielen Stellen zerbröselte der Mörtel in den Fugen oder war schon herabgefallen. Die weiße Farbe an den Fensterrahmen war nur noch zu erahnen. Schon bei seinem Besuch mit Behm auf dem Grundstück hatte sich Rieder über den Zustand des Gebäudes gewundert. „Nicht gerade Werbung für einen Bauunternehmer“, bemerkte er jetzt zu seinem Kollegen.

Er holte den Schlüssel hervor und steckte ihn ins Schloss der alten Holztür. Es klemmte. Nur mit Mühe bekamen Rieder und Damp die Tür auf. Welchen Gegensatz offenbarte dagegen das Innenleben des alten Strandhäuschens. Die Wände waren frisch weiß gespachtelt. Auf den dunkelrot gestrichenen Dielen lagen helle Läufer. Licht spendeten antike Lampen. Wie Rieder schnell feststellte, handelte es sich dabei um Originale aus den zwanziger oder dreißiger Jahren und nicht um billige Imitate aus dem Baumarkt. Rechterhand ging es in ein Wohnzimmer. An den Wänden hingen Bilder der Insel Hiddensee. Er kannte die Motive von Postkarten, die überall auf der Insel verkauft wurden. Auch das offenbar alles Originale der bekannten Inselmalerin Elisabeth Büchsel. „Mensch, Damp, wissen Sie, was hier für Werte an den Wänden hängen?“

„Keine Ahnung. Ich kenne mich mit Bildern nicht aus“, antwortete Damp.

In der Mitte der Zimmers stand eine alte Ledercouch, davor ein kleines Rauchtischchen. Das einzig Moderne war ein Plasmafernseher.

Küche und Bad mussten erst vor kurzem stilecht saniert worden sein. Eine knarrende Holztreppe führte in den ersten Stock. Die kleine Gaube zur Deichseite ließ nur wenig Licht in den Flur. Die Wände waren bis auf das alte Balkenwerk entfernt worden. Links stand unter dem Fenster mit Blick in Richtung Bodden ein Doppelbett. Daneben ein alter Kleiderschrank. Auf den Stühlen lagen ein paar Sachen. Rieder blickte nach links. „Sehen Sie sich das an. Diese Aussicht!“ Von einem großen Fenster blickte man auf die offene See. „Genial!“, rief Rieder aus.

Damp war nicht so begeistert. „Na und. Auf die Ostsee kann man hier an jeder Ecke schauen. Sogar aus meinem Dachfenster in Neuendorf. Was ist da Besonderes dran?“ Es war das erste Mal, seit die beiden Polizisten das Revier auf Hiddensee teilten, dass Damp etwas über sein Zuhause erzählte. Sonst machte er ein großes Geheimnis daraus, wo und wie er in Neuendorf wohnte. Unter der Dachschräge waren die Regale mit Ordnern gefüllt. Rieder versuchte die Beschriftungen zu entziffern. Er las laut vor: „Laufende Projekte. Häuser Hiddensee. Ablage Inselbau. Bauausschuss. Sparkasse. Prora.“ Auf dem Schreibtisch stapelten sich Mappen. Meist standen Hiddenseer Adressen drauf. Wiesenweg 10. Norderende 23. Schabernack 4 und so weiter. Wahrscheinlich die laufenden Bauprojekte. Rieder klappte die Hefter auf. Drin fanden sich Bauzeichnungen, Bestellungen für Baumaterial, Notizen zum Bauverlauf und viele Rechnungen. Aber nirgendwo konnte er einen Hefter mit der Aufschrift „Zeltkino“ finden. Damp ließ sich in einen Sessel fallen. „Wo wollen wir anfangen?“

„Vielleicht finden wir hier Steins Handy.“ Rieder wählte noch einmal die Handynummer des Bauunternehmers. Es klingelte zwar im Hörer, aber nicht im Haus. „Fehlanzeige.“

Damp hatte mit trägem Blick Rieder zugeschaut. „Und nun? Wonach suchen wir jetzt?“

„Erstmal nach einer Verbindung zwischen Peter Stein und Dora Ekkehard. Mehr haben wir momentan nicht in der Hand.“

„Wir haben noch die Aussagen der beiden alten Schachteln“, entgegnete Damp.

„Glauben Sie wirklich, Dora Ekkehard hat den Stein erschlagen?“, fragte Rieder ungläubig seinen Kollegen.

„Warum nicht?“

„Ich für meinen Teil hoffe es nicht. Aber irgendetwas muss da sein. Vielleicht schauen Sie sich unten um. Wie gesagt, nicht schlecht wäre ein Adressbuch, ein Kalender oder so etwas. Ich schau mich mal weiter hier oben um und gehe die Unterlagen durch.“

Damp stieg die Treppen hinunter. Die Stufen ächzten unter seinem Gewicht. Dann hörte Rieder seinen Kollegen Schubladen aufziehen und wieder zuschieben.

Er selbst widmete sich Steins Schreibtisch und seinen Akten. Den Laptop würde er mit ins Revier nehmen und dort untersuchen. Linkerhand stand auf dem Schreibtisch eine Briefablage. Das Fach „Postausgang“ war leer. Aber im Posteingang hatten sich einige Briefe angesammelt. Rieder zog sie heraus. Lieferscheine für Baumaterial. Ein Vertrag über die Sanierung eines Reetdaches. Angebote von Baumärkten der Umgebung. Alles unverdächtig. Dann nahm er Hefter für Hefter aus dem Regal und blätterte sie durch. Meist ging es um abgeschlossene oder laufende Bauprojekte. Stein musste sehr ordentlich gewesen sein, denn er hatte von der Planung bis zur Übergabe immer alles genau dokumentiert. Rieder entdeckte auch, dass Stein offensichtlich mindestens ein Dutzend Häuser auf der Insel besessen hatte. Außerdem gehörten ihm zwei Läden und vier Restaurants, zum Teil mit Pensionsbetrieb. Bis auf die Pension „Luv & Lee“, die er Charlotte angeboten hatte, waren alle verpachtet. Bei einem Namen blieb Rieder hängen. Otto Bock. Überrascht entdeckte er, dass auch die Pension „Störtebeker“ seines Nachbarn Stein gehörte. Bock hatte sie ihm vor drei Jahren verkauft und dann wieder von Stein gepachtet. Dafür hatte Stein Bocks Schulden bei den Banken übernommen und eine Zwangsversteigerung abgewendet. Das musste doch bitter sein, dachte sich Rieder, sein Hab und Gut aus Not verkaufen zu müssen und dann für den neuen Besitzer dort weiter zu arbeiten. Das erklärte vielleicht auch, warum Otto Bock so wenig Rücksicht auf seine Mitmenschen nahm.

In einer Schublade des Schreibtischs fand er noch ein paar Ordner. Rieder zog sie heraus. Da sie nicht verstaubt waren und die Blätter nicht vergilbt, mussten sie auch von Stein in ständigem Gebrauch gewesen sein. Rieder las auf dem einen Aktenrücken: „Inselbau Rügen“. Rieder klappte den Aktendeckel auf. Obenauf war ein Kaufvertrag abgelegt. Ein gewisser Juri Nemzov hatte von Peter Stein am 1. September 1994 das Unternehmen gekauft, allerdings nicht sofort alles. Nach und nach hatte Stein seinen Anteil verringert. Zuletzt hielt er immerhin noch 25 Prozent an der „Inselbau Rügen“. Rieder hielt inne. Aber hatte Ulrike Stein nicht erzählt, ihr Mann habe alle Aktivitäten auf Rügen eingestellt? Die Unterlagen zeigten das Gegenteil. Es handelte sich um einen regen Schriftwechsel zwischen Nemzov und Stein über verschiedene Bauprojekte auf Rügen. Offenbar war die Firma „Inselbau Rügen“ unter anderem am Bau der neuen Strelasund-Querung beteiligt gewesen, der riesigen Brücke, die den alten Rügendamm ersetzt hatte und nun Stralsund mit Rügen verband. Damit musste Stein viel Geld verdient haben, dachte sich Rieder. Wie hätte er sonst die vielen Hauskäufe auf Hiddensee finanzieren können. Auf alle Fälle musste er mit diesem Nemzov reden und auch noch einmal mit Ulrike Stein. Hatte sie von den Aktivitäten ihres Ex-Mannes auf Rügen wirklich nichts gewusst?

Er nahm den zweiten Hefter. „Ostseetherme Norderende“ stand auf dem Aktenrücken. Was sollte das sein? Er klappte den Ordner auf. Das erste Blatt war ein Brief. Mit Schreibmaschine geschrieben. Datum vorgestern. Rieder las den Absender auf dem Briefkopf und riss die Augen auf. „Widerspruch“ stand in der Mitte des Blattes. Zweimal unterstrichen. „Hiermit lege ich Widerspruch gegen die Kündigung des Pachtvertrages für das Zeltkino auf dem Grundstück Norderende 150 ein. Ich werde rechtliche Schritte einleiten, um Ihre Kündigung unwirksam werden zu lassen. Außerdem werde ich den Gemeinderat und den Bürgermeister über Ihre Entscheidung informieren. Ich bin mir sicher, dass Sie dem öffentlichen Druck nicht standhalten werden.“ Unterschrift: „Dora Ekkehard“.

Rieder fiel vor Schreck fast der Hefter aus der Hand. In diesem Moment kam Damp die Treppe heraufgestürmt. In der Hand hielt er Fotos. Triumphierend reichte er sie Rieder.

„Was sagen wir dazu. Kennen wir nicht diese Dame?“

X

Damp und Rieder gingen auf dem Deich nur ein paar Meter zurück und bogen dann rechts in den Fahrweg ein, der zu den Ferienhäusern in die Dünenheide führte. Sie gehörten zumeist Berlinern. Viele hatten schon die Saison beendet und ihre Datschen winterfest gemacht. Die Fensterläden waren zugezogen, die Gartenmöbel verschwunden und die Briefkästen abgehängt.

Nur das erste Haus war noch bewohnt. Die Fenster im Erdgeschoss standen auf. Musik war zu hören. Ein Mann Mitte dreißig saß drinnen an einem Tisch und las Zeitung. Als Rieder und Damp das Grundstück betraten, sprang er sofort auf, kam nach draußen und ging den Polizisten entgegen.

„Die Polizei?“, fragte er überrascht. „Kommen Sie wegen des Toten am Strand?“

„Sie sind Herr Ehlers?“, fragte Rieder. Der Mann nickte. „Sebastian Ehlers.“

„Wir müssten noch mal mit Frau Seige und Herrn Kasan reden. Sind die beiden da?“, fragte Rieder.

„Sie schlafen noch. War spät gestern Nacht. Und dann die Aufregung. Wir hatten uns schon Sorgen gemacht. Als sie uns dann erzählt haben, was passiert ist ... da konnten wir natürlich nicht gleich schlafen gehen. Auf den Schreck.“

„Würden Sie Frau Seige und Herrn Kasan bitte wecken?“, forderte Rieder den Mann auf. Die Polizisten folgten Sebastian Ehlers ins Haus. Er drehte sich noch einmal um und wirkte nun leicht verunsichert. „Birte und Markus schlafen oben.“

Dann stieg er die schmale Treppe hinauf. Rieder und Damp hörten das Knarren einer Tür, dann Stimmen.

„Also, wie abgesprochen“, wandte sich Rieder an Damp. „Sie übernehmen den Mann, ich die Frau.“

„Klar.“ Damp hatte ein überlegenes Lächeln aufgelegt. Er triumphierte im Stillen, dass er diese neue Spur im Haus von Stein entdeckt hatte und nicht sein Kollege. Klar, auch der Brief von Dora Ekkehard an Stein, den Rieder gefunden hatte, war nicht ohne. Aber das hier gab dem Fall eine neue Wendung.

Ehlers kam wieder herunter, hinter ihm Markus Kasan. Er wirkte noch verschlafen, rieb sich die Augen, ging aber völlig unvoreingenommen auf die Polizisten zu. „Was gibt’s? Sind Sie wegen des Protokolls gekommen?“

Damp schob sich etwas vor. „Herr Kasan, wenn Sie mir bitte nach draußen folgen würden. Wir hätten noch ein paar Fragen.“

Kasan war überrascht vom strengen Ton des Beamten, ging aber ohne Widerspruch mit Damp vor die Tür. Der Polizist winkte Ehlers, mitzukommen.

Wenig später erschien Birte Seige am oberen Ende der Holztreppe. Ihre kurzen Haare waren noch vom Schlaf zerwühlt und standen in alle Richtungen ab. Beim Anblick Rieders stockte sie. Sie sah den Umschlag in seiner Hand. Ganz langsam, Stufe für Stufe, kam sie hinunter.

Rieder öffnete den Umschlag, zog Fotos heraus und hielt sie Birte vor die Nase. „Frau Seige, können Sie mir das erklären?“

Sie schlug die Augen nieder, ging ein paar Schritte in die kleine Stube und ließ sich dort auf einen Stuhl fallen.

„Es war nur eine kleine Affäre.“

„Es ist allerdings keine kleine Affäre, dass Sie uns gestern angelogen haben. Sie kannten Stein. Und wenn ich mir die Bilder ansehe, ziemlich gut.“

Birte spielte mit ein paar Krümeln auf der Tischdecke.

„Als ich vor einem Jahr hier auf der Insel war, habe ich Peter kennengelernt. Sebastian und Andrea hatten mir ihr Haus für eine Woche vermietet, na ja, eher überlassen. Ich habe viel fotografiert. Ich wollte einen Naturkalender über Hiddensee machen und damit etwas Geld verdienen. Dabei habe ich Peter getroffen. Er fragte mich, ob ich für ihn auch ein paar Aufnahmen von Häusern machen könne. Er sei Bauunternehmer und Immobilienmakler, vermiete Ferienhäuser und brauche neue Bilder für seine Anzeigen im Internet und für die Exposés gute Aufnahmen. Dann kam eines zum anderen. Es ging zwei Monate. Er war auch mal bei mir in Berlin.“ Dabei zeigte sie auf die Bilder, die Peter Stein und Birte vor dem Brandenburger Tor zeigten. Es waren Schnappschüsse. Sie lachten auf den Bildern. Birte Seige und Peter Stein machten einen glücklichen Eindruck.

„Aber ich wollte nicht auf die Insel und er nicht nach Berlin. Punkt. Das war’s.“

„Und jetzt haben Sie ihn nicht getroffen? Wollen Sie mir das erzählen? Er ist praktisch Ihr Nachbar. Sie müssen immer an seinem Haus vorbei, wenn Sie zum Strand oder nach Vitte reinwollen.“

Birte beugte sich plötzlich nach unten und malte nun mit den Zehen Kreise auf die Dielen. „Bevor Markus kam, war ich schon zwei Tage hier. Da habe ich ihn auch getroffen.“ Sie machte eine kurze Pause. „Wie Sie schon sagten, unvermeidlich, wenn man Nachbar ist.“

„Nur getroffen?“

Birte sah Rieder an. Sie lächelte sogar ein wenig. „In Krimis leuchten irgendwelche Laboranten dann immer die Laken ab. Nicht wahr? Wie heißt es dann? Wir haben noch ein paar Hautpartikel gefunden.“ Sie begann wieder mit den Krümeln zu spielen. „Sie könnten Glück haben, wenn Peter nicht die Betten frisch bezogen hat und Sie einen DNA-Abgleich machen. Aber nur beim Essen schmeckt Aufgewärmtes beim zweiten Mal besser.“

In dem Moment kam Markus Kasan ins Haus gerannt. Ihm folgten Damp und Sebastian Ehlers. „Du kennst den Toten? Diesen Stein?“

Birte nickte stumm.

„Was soll das alles? Ich verstehe es nicht?“, rief er aufgebracht.

Doch bevor Birte eine Antwort geben konnte, fragte sie Damp in scharfen Ton. „Warum haben Sie gestern Abend noch einmal das Kino vor Beginn der Vorstellung verlassen? Haben Sie sich mit Peter Stein getroffen in den zehn Minuten, die Sie weg waren? Herr Kasan berichtet, sie wären vor Beginn der Vorstellung noch einmal rausgegangen.“

Alle Blicke richteten sich auf die junge Frau. Sie schaute ängstlich die vier Männer an. „Ja.“

Damp und Rieder gingen vor die Tür. Nach ihrer Antwort hatte Birte Seige kein Wort mehr gesagt. Für Damp ein Eingeständnis ihrer Schuld. „Wahrscheinlich hat er sie bedrängt. Sie hat sich gewehrt. Peng und aus.“

Rieder konnte Damp nicht widersprechen. Für seine Theorie sprach einiges. Vielleicht wollte sie nicht, dass Markus Kasan von ihrer Affäre mit Stein erfuhr.

„Wir verhaften sie erstmal. Fluchtgefahr!“ Damp sah seine Chance für einen schnellen Fahndungserfolg.

Rieder zögerte. „Die Frau ist einssechzig. Stein war einsneunzig. Sie ist ein Leichtgewicht. Ich kann mich täuschen, aber sie wirkt auch nicht besonders stark. Stein dagegen war gutes Schwergewicht. Also ich weiß nicht.“

Damp wollte nicht so schnell aufgeben. „Sie kann es mit einem der verschwundenen Paddel getan haben. Ein Schlag. Peng und aus.“

Rieder brauste auf: „Sie mit Ihrem ‚Peng und aus‘! Fällt Ihnen nichts anderes ein? Und wo ist dann dieses Paddel jetzt?“

Damp hielt inne. Ließ Rieder den Fisch von der Angel? Typisch für diese Stadttypen. Quatschen viel. Handeln wenig. Allerdings musste er zugeben, ein Paddel hatten sie nicht gefunden. Es hätte für Birte Seige keine andere Chance gegeben, das Tatwerkzeug wegzuwerfen, als im Strandwäldchen.

Genau da setzte Rieders Widerspruch an. „Wo hat sie die Paddel gelassen? Rund um das Boot haben wir sie nicht gefunden. Treffen. Zuschlagen. Paddel verstecken. Zurück ins Kino. Da muss man schon ziemlich ausgebufft sein.“ So richtig sicher war er sich allerdings nicht. Woher wollte er wissen, wie ausgebufft Birte Seige war? Und vielleicht war es gerade ihr Kalkül gewesen, mit Markus den Toten zu finden? Immerhin hatte sie im Kino über anderthalb Stunden Zeit gehabt, sich etwas zu überlegen?

Aber auch Damp gab nicht auf. „Sie muss ihn ja nicht mit einem Paddel erschlagen haben. Sie hätte auch einen Knüppel oder einen alten Ast nehmen können. Davon liegen im Strandwäldchen genug.“

Im Haus hörte man jemanden schnelle Schritte treppauf gehen. Dann Stimmen aus der oberen Etage. Die beiden Polizisten konnten zwar kein Wort verstehen, aber es war eine flehende Frauenstimme. Dann stürmte jemand die Treppe hinab. Die Tür wurde aufgerissen. Markus Kasan rannte an den Polizisten vorbei. Rieder konnte gerade noch fragen: „Wo wollen Sie hin?“

„Nach Haus. Ich habe von den Frauen die Schnauze voll.“

In der Tür erschien eine verweinte Birte. Hinter ihr ein hilfloser Sebastian Ehlers.

„Beschissen worden bin ich genug in meinem Leben“, rief Kasan noch und rannte dann in Richtung Deich. Dort kam ihm eine junge Frau auf einem Rad entgegen, an jeder Seite des Lenkers gefüllte Einkaufsbeutel. Sie bremste scharf, fragte Kasan offenbar, was los sei. Doch er schüttelte ihren Arm ab und lief in schnellen Schritten davon.

Die Frau stieg wieder auf ihr Rad, trat heftig in die Pedale und fuhr auf das Haus zu. Sie sprang ab.

„Birte! Sebastian! Was ist mit Markus?“

„Und wer sind Sie?“, unterbrach sie Rieder.

Sie starrte ihn an. „Ich?“

„Ja, Sie?“

„Andrea Ehlers. Aber was interessiert Sie das überhaupt?“ Wahrscheinlich nahm sie jetzt erst Damps Uniform wahr. „Ach, Sie sind von der Polizei?“

Rieder stellte sich kurz vor und erklärte Ihr mit wenigen Worten die Situation. Andrea Ehlers konnte nicht glauben, was sie hörte. Heftig widersprach sie Rieder. „Sie spinnen doch. Was soll Birte getan haben?“ Sie wandte sich an ihren Mann: „Sebastian, sag doch auch mal was!“ Doch dessen Antwort war ein Schulterzucken. Dann verschwand er im Innern des Hauses. Andrea Ehlers warf ihr Rad ins Gras ohne Rücksicht auf die Einkäufe und folgte ihrem Mann. Von drinnen war ein heftiger Wortwechsel zu hören. Rieder wandte sich an Birte Seige. „Haben Sie uns noch etwas zu sagen?“

Die junge Frau hatte die Arme vor der Brust verschränkt, zitterte am ganzen Leib, blieb aber stumm.

„Frau Seige. Ich muss Sie bitten, die Insel bis auf weiteres nicht zu verlassen. Sie melden sich bitte jeden Morgen um neun Uhr bei uns auf dem Revier. Sollten Sie das nicht tun, schreiben wir Sie zur Fahndung aus. Auf Wiedersehen, bis morgen.“ Rieder steckte den Umschlag mit den Fotos von Birte Seige und Peter Stein in seine Jackentasche. Damp setzte seine Mütze auf. Schon im Gehen drehte sich Rieder noch einmal um. „Es wäre gut, wenn es einen Zeugen gäbe, der bestätigen kann, dass Peter Stein noch gelebt hat, nachdem Sie ihn vor dem Kino getroffen haben.“

XI

Auf dem Weg zum Polizeiwagen machte Damp seinem Unmut Luft. „Ich muss Sie bitten, die Insel nicht zu verlassen“, äffte er seinen Kollegen nach. „Melden Sie sich bitte, bitte, bitte, morgen um neun Uhr im Revier ... Und wie sollen wir verhindern, dass die Seige nicht doch abhaut? Wollen Sie sich an jede Fähre stellen, Herr Rieder? Schwachsinn! Wir hätten sie einbuchten sollen! Und nach Bergen bringen, ins Untersuchungsgefängnis.“

„Auf welcher Grundlage bitte?“, raunzte Rieder zurück. „Haben wir einen Beweis, dass sie Stein erschlagen hat?“

Damp blieb stehen. Sein mächtiger Körper pumpte. Offenbar wollte er einen Wutausbruch verhindern und sich zur Ruhe zwingen. Es gelang ihm halbwegs. „Und welchen Beweis haben wir, dass Frau Seige es nicht getan hat?“

Ohne ein weiteres Wort marschierten die beiden zum Polizeiauto. Beim Einsteigen ließen sie die Türen knallen.

„Wohin jetzt?“, fragte Damp.

Keine Antwort. Rieder starrte durchs Seitenfenster. Damp durch die Windschutzscheibe. Mehr als der heftige Atem der beiden Männer war nicht zu hören.

Gut zwei Minuten vergingen, dann ließ Damp den Wagen an und fuhr los. Sie rollten im Schritttempo durch Süderende. Rieder fiel jetzt zum ersten Mal auf, wie viel auf der Insel gebaut wurde. Gleich links stand der Rohbau eines Hauses. Die Baustelle wirkte allerdings verlassen. Die einst weißen Bausteine waren schon angegraut. Vielleicht war dem Bauherren das Geld ausgegangen. Etwas weiter, an der Wegkreuzung zur Gaststätte „Feuerstübchen“, wurden mehrere neue Häuser gebaut. Ein Schild warb um Käufer für Ferienwohnungen. Bauleute waren nicht zu sehen, aber zwischen den Häusern entdeckte Rieder einen blauen Bauwagen. Schräg zog sich der Schriftzug „Inselbau Stein“ über die Seitenfläche. Statt eines i-Punktes war über dem Namen eine Möwe gemalt. Kurz vor der Kreuzung am alten Ostseehotel gab es linkerhand ein eingestürztes Haus. Oben am Giebel war noch das Wort „Papierwaren“ zu erkennen. Die alten Schaufenster waren gesprungen. Auch da stand ein Bauwagen von Steins Firma, daneben ein riesiger Container, in dem sich Mauerstücke und zerborstene Balken türmten. Auch dort war niemand.

„Lassen Sie uns mal am Schuppen der Firma ‚Inselbau‘ im Hafen vorbeifahren.“

Damp bog nach rechts in den Wallweg ab und fuhr zum Hafen. Oben auf der Deichkrone blieb er stehen und deutete nach links: „Da ist es.“

Ein verwitterter alter Holzschuppen stand dort zwischen einem Wust aus Plastiktonnen, Stapeln von Holzbrettern, Abfallbergen aus Schutt.

„Früher gehörte das Gebäude der Fischereigenossenschaft. Aber nachdem es mit der Fischerei bergab ging, hat es Stein übernommen.“

Rieder stieg aus dem Wagen. Er wollte sich die Sache näher ansehen.

Damp leierte sein Seitenfenster runter. „Da ist jetzt keiner. Mittagspause. Von zwölf bis drei darf kein Krach gemacht werden. Steht übrigens auch in der Inselordnung.“

Rieder ließ sich nicht aufhalten. Er lief zum Eingang des Schuppens im Hafen, rüttelte an der Tür. Er schaute durch die verstaubten Fenster, konnte aber keine Menschenseele entdecken. Damp war ihm gefolgt.

„Was ich gesagt habe. Mittagspause.“

Rieder merkte, wie schon wieder der Ärger in ihm aufstieg, weil Damp nun noch Recht behalten sollte.

„Was gibt’s?“, rief jemand.

Rieder und Damp drehten sich um, sahen aber niemanden.

Sie gingen um den Schuppen herum. Dort war der Imbiss und Verkauf der Fischereigenossenschaft. Mehrere Männer saßen dort auf Kisten. Alle trugen beigefarbene Latzhosen mit dem Logo der „Inselbau“, dazu blaue Fischerhemden. Individuell waren nur die Kopfbedeckungen: ausgeblichene Basecaps, zerknautschte Fischermützen und gestrickte Kappen. Alle hatten eine Flasche Bier in der Hand. Der beißende, würzige Rauch aus dem Räucherofen schien sie nicht zu stören.

Die Polizisten gingen auf die Männer zu. Einer mit einer blauen Kapitänsmütze erhob sich.

„Oh, der frisch gebackene Revierleiter und der Columbo aus Berlin“, witzelte einer. Wie im Chor lachten die Männer kurz auf. „Was führt euch denn hierher?“

„Wer sind Sie?“, fragte Rieder den Wortführer.

„Hans Claasen. Ich bin der Vorarbeiter. Also – was wollen Sie? Dass unser Chef tot ist, wissen wir schon.“

„Von wem?“

Statt einer Antwort erwiderte der Vorarbeiter: „Wie heißen Sie? Rieder, nicht wahr?“

„Hauptkommissar Rieder.“

„Hauptkommissar!“, wiederholte Claasen ironisch. „Habt ihr gehört, Leute? Ein Hauptkommissar.“

Diese typische Bauarbeiter-Arroganz war Rieder schon immer auf die Nerven gegangen. Da half erstmal nur schweigen und abwarten, wer als Erster die Nerven verlor. Es war Claasen. „Sie sind doch schon eine Weile auf der Insel. Da müssten Sie doch wissen, dass hier nichts geheim bleibt. Aber wie auch immer. Erstens pfeifen es die Spatzen von den Dächern. Zweitens war die Chefin da.“

„Die Chefin?“

„Mensch, Frau Stein“, rief Claasen und schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn, um zu betonen, wie begriffsstutzig er Rieder fand.

„Ich dachte, sie hätte mit dem Geschäft nichts mehr zu tun.“

Schulterzucken von Claasen. „Für uns ist sie immer noch die Chefin. Oder?“, rief er in die Runde. Synchrones Nicken der Männer.

„Dann wissen Sie ja sicher auch, dass Herr Stein ermordet wurde.“ Leichtes Grummeln im Kistenrund.

„Was du nicht sagst, Herr Polizist“, grummelte Claasen weiter.

„Hatte Herr Stein vielleicht Probleme mit jemandem? Gab es Anfeindungen? Zum Beispiel durch verärgerte oder unzufriedene Auftraggeber oder ehemalige Mitarbeiter.“ Claasen verschränkte die Arme vor der Brust und schaute mit einem Blick in die Runde der Bauarbeiter, der bei jedem schon nur den Gedanken an eine Antwort abtöten sollte. Es gehörte zu den ungeschriebenen Gesetzen der Insel, dass man mit der Polizei nicht redete. Jedenfalls nicht in aller Öffentlichkeit. Konflikte wurden untereinander gelöst. Die Polizei sah man eher als lästiges Beiwerk der Inselobrigkeit.

Alle schwiegen. Vorarbeiter Claasen quittierte es mit einem wohlgefälligen Lächeln und schaute dann auf die Uhr. Er klatschte in die Hand. „Fünfzehn Uhr, Männer. An die Arbeit! Marsch! Marsch!“ Die Bauarbeiter erhoben sich. Sie schenkten Rieder und Damp keine weitere Beachtung. Grußlos gingen sie an ihnen vorbei, schwangen sich auf ihre Räder, die an der Schuppenwand gelehnt standen, und radelten betont gemütlich davon. Damp machte kehrt und lief zurück zum Polizeiwagen. Rieder versuchte es noch mal bei Claasen, als die Männer außer Hörweite waren. „Was war nun mit diesem Dachdecker?“

Claasen baute sich vor Rieder auf. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Griese zwei faselt viel, wenn er genug Fusel intus hat. Verstanden?“

Es hatte keinen Zweck. Rieder folgte seinem Kollegen. Wahrscheinlich wäre es das Beste, diesen Ahrens direkt zu fragen, obwohl er sich nicht viele Hoffnungen machte, dass der Dachdecker gesprächiger wäre.

„Hallo, Herr Rieder!“ Der Polizist drehte sich um. Ulrike Stein, ganz in Schwarz, kam auf ihn zu. Der Rollkragenpullover und die Jeans betonten ihre sportliche Figur. „Gut, dass ich Sie treffe. Ich müsste in Peters Haus. Ich brauche dringend einige Geschäftsunterlagen. Als ich vorhin dort war, klebte ein Siegel der Polizei an der Tür.“

„Haben Sie denn einen Schlüssel?“

„Ja. Peter hatte mir einen gegeben, falls ihm etwas passieren sollte. Ich war seine nächste Angehörige hier auf der Insel.“

„Nein, nein“, beschwichtigte Rieder die Frau. „Ich wollte nur auf Nummer sicher gehen. Polizistenangewohnheit. Verstehen Sie denn was vom Baugeschäft?“

Ulrike Stein nestelte an ihrer Tasche. „Nicht so viel wie Peter. Aber wenn man mit einem Bauunternehmer so lange zusammengelebt hat wie ich, dann schaut man sich einiges ab. Früher habe ich für ihn auch mal Schriftkram erledigt.“

„Sagt Ihnen der Name Nemzov etwas?“

„Nemzov, Nemzov ...“ Sie schüttelte den Kopf, hielt dann aber ein. „Doch! Der verrückte Russe, der Peters Firma auf Rügen gekauft hat. Der hieß, glaub’ ich, Nemzov.“

„Genau. Wieso verrückt?“, fragte Rieder zurück.

„Ich kriege es nicht mehr zusammen. Aber aus irgendeinem Grund kam er nicht zurück nach Moskau. Ich weiß noch, dass er Offizier gewesen war. Er überwachte irgendwie die Truppentransporte, als die abgezogen sind ... ich krieg’ es nicht mehr zusammen.“

„Wussten Sie, dass Ihr Mann noch 25 Prozent an seiner alten Firma auf Rügen hielt?“

„Nein“, erklärte Ulrike Stein. Rieder hielt das für unglaubwürdig.

„Das soll Ihnen nie aufgefallen sein, wenn Sie, wie Sie sagen, seinen Schriftkram erledigt haben?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Aber das Geld, was Herr Nemzov Ihrem Mann für seinen Anteil überwiesen hat, das muss doch auf dem Geschäftskonto aufgetaucht sein.“

„Mit Geldsachen hatte ich nichts zu tun! Da hatte mein Mann immer die Hand drauf. Ich vertraute ihm. Außerdem sind wir bei den meisten Häusern, die er hier auf Hiddensee gekauft hat, zusammen als Eigentümer im Grundbuch eingetragen.“

„Auch bei dem Grundstück, auf dem das Zeltkino steht?“

„Davon weiß ich nichts. Wieso? Gehört das auch Peter?“ Rieder ließ die Antwort offen.

„Was wird nun aus den Unterlagen? Ich brauche einige Sachen für die laufenden Geschäfte ...“

„Wir brauchen noch etwas Zeit, um alles durchzusehen. Das wird noch etwas dauern. Außerdem muss sich danach vielleicht die Spurensicherung noch das Haus ansehen, wenn uns etwas ungewöhnlich erscheinen sollte. Es haben sich auch einige neue Dinge ergeben, die wir im Haus noch überprüfen müssen.“

„Darf ich erfahren, was Sie damit meinen?“, fragte Ulrike Stein vorsichtig.

Rieder überlegte, wie er sich verhalten sollte. Konnte er Ulrike Stein von Birte Seige erzählen? Der Verdacht könnte sich schnell auf der Insel verbreiten und die junge Frau womöglich gefährden. Mit den Bauleuten von Steins Firma war sicher nicht zu spaßen. „Ich möchte darüber noch nicht sprechen.“

Sie zuckte mit den Schultern und ging ein paar Schritte. Dann drehte sie sich noch einmal um. „Herr Rieder, es wäre schön, wenn es mit den Unterlagen nicht so lange dauern würde. Da hängt einfach Peters Firma dran, und ich fühle mich auch den Leuten verpflichtet. Verstehen Sie?“

Rieder überlegte. „Wie wäre es, wenn uns Ihr Vorarbeiter, Herr Claasen, einfach eine Aufstellung der wichtigsten Projekte macht, an denen die Firma, Inselbau‘ gerade arbeitet. Wir werden dann diese Unterlagen schnell durchsehen, und wenn es keine Probleme gibt, sie ihm oder Ihnen übergeben. So kommen die laufenden Geschäfte nicht ins Stocken.“

„Eigentlich würde ich das lieber selbst tun“, meinte Ulrike Stein, „aber wenn es nicht anders geht. Sie haben auch Ihre Vorschriften. Nicht wahr? Ich werde mit Claasen reden.“

Rieder sah Ulrike Stein nachdenklich hinterher, wie sie im Schuppen der „Inselbau“ im Vitter Hafen verschwand, wahrscheinlich, um Claasen um die Liste der aktuellen Bauprojekte zu bitten.

„Was halten Sie von der Frau?“, fragte er Damp, der die Szene aus einiger Entfernung beobachtet hatte.

„Was soll ich von ihr halten?“

Rieder öffnete die Beifahrertür des Polizeiautos, stieg aber nicht ein.

„Wohin jetzt?“, fragte Damp ungeduldig, der schon eingestiegen war.

„Überprüfen Sie doch bitte erstmal das Alibi von Ulrike Stein. Ich habe noch was zu erledigen.“ Dann schlug er die Autotür zu und ging über den Deich davon.

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25 mayıs 2021
Hacim:
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ISBN:
9783954623686
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