Kitabı oku: «Schwarzer Peter»

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Tim Herden, geboren 1965 in Halle (Saale), ist seit 1991 Fernsehredakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk und Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin, er leitet seit 2016 (wie schon von 2003 bis 2008) das MDR-Fernsehstudio dort. 2010 veröffentlichte er seinen ersten Hiddensee-Krimi „Gellengold“, es folgten „Toter Kerl“ (2012), „Norderende“ (2014) und „Harter Ort“ (2016) – alle Bände erschienen im Mitteldeutschen Verlag.

Tim Herden

Schwarzer Peter

Der letzte Fall für Rieder und Damp

mitteldeutscher verlag

Für den ehemaligen Hiddenseer Inselpolizisten

Horst Henk

Dieses Buch ist ein Roman. Die gesamte Handlung ist von A bis Z von mir frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und rein zufällig. Die im Text erwähnten Bilder des Hiddenseer Künstlerinnenbundes hängen natürlich da, wo sie hingehören. Die verschwundenen und zerstörten Bilder bleiben verschwunden und zerstört.

Kapitän Gustav Drews schaltete die Positionslichter aus. Dann drehte er den kleinen Hebel neben dem hölzernen Steuerrad. Der Motor erstarb. Vorn am Mast löste Bootsmann Henning Just die Vorliekleine. Mit kräftigen Armzügen zog er das Segel nach oben. Der sanfte Südwest bauschte das weiße Tuch und glättete es. Noch ließ die Großschot dem Segel Spiel. Der Wind schob es weit über die hölzerne Bordwand hinaus. Schiffsjunge Björn griff nach der Leine, legte sie um eine Winsche und zog sie fest. Das Segel straffte sich. Sanft neigte sich die pommersche Yacht. Aus dem Rumpf des Schiffes drang ein sanftes Brummen. Die „Hertha“ nahm Fahrt auf.

So mochte es Drews. Locker hielt er das Steuerrad zwischen seinen Händen. Mit sanften Bewegungen pendelte er das Boot aus und hielt es im Wind. Er blickte geradeaus. Viel war nicht zu sehen in der Dunkelheit. Ab und zu zerriss das schnell ziehende dunkle Wolkenband. Dann spiegelte sich das Mondlicht im schwarzen Wasser des Boddens. Backbord war der Gellen zu erahnen. Steuerbord lag die Halbinsel Ummanz. Voraus blinkte ein Licht. Der Leuchtturm Dornbusch sendete sein Signal in die Nacht. Zwei Sekunden hell. Acht Sekunden dunkel. Drews steuerte leicht backbord vom Licht des Leuchtturms. Dieser Kurs war ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Schon vor dem Krieg war er als junger Kapitän für die Reederei seines Vaters mit dem Postschiff von Stralsund über Kloster auf Hiddensee und die Poststation auf dem Bug nach Bornholm und weiter nach Schweden gefahren. Schon damals hatte ihm das Leuchtfeuer Dornbusch immer die Gewissheit gegeben, auf dem richtigen Kurs nach Hiddensee zu sein.

Kein anderes Boot war auf See. Die Fischer durften erst ab drei Uhr rausfahren, um ihre Reusen zu kontrollieren. In der Nacht herrschte auch auf dem Wasser Ausgangssperre. Eigentlich auch für Gustav Drews und seine „Hertha“. Aber er musste die sowjetischen Patrouillenboote nicht fürchten. Die Reederei Drews hatte eine Sondergenehmigung der Besatzungsmacht. Er durfte Hiddensee anlaufen und die Insel mit Waren des täglichen Bedarfs beliefern – wenn auch zu vorgeschriebenen Zeiten. Aber der Inselkommandant war großzügig. Denn Drews versorgte mit seinem Schiff auch die Soldaten auf Hiddensee. Und so war es dem Kommandanten ziemlich egal, wann Drews mit seiner Ware kam. Hauptsache, er kam.

Doch Drews fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Heute hatte er nicht Lebensmittel und Fässer mit Schiffsdiesel für die Fischer geladen. Unter Deck standen zwanzig Holzkisten. Drews wusste nicht, was darin war. Sein Vater hatte ihm die Ladung und die Tour aufgenötigt. Als Freundschaftsdienst für den Unternehmer Gilde, einen guten Kunden der Reederei. Zweimal die Woche lieferte Drews mit der „Hertha“ Mehl zu dessen Fabrik im Hafen Sassnitz. Auf der Rücktour brachte er Produkte der Firma Gildemeister, Backmischungen und Tütensuppen, zu den Häfen Greifswald und Stralsund. Ein gutes Geschäft, besonders in schlechten Zeiten wie diesen. Sonst gab es seit dem Kriegsende nicht viel zu transportieren.

Drews hatte Henning und Björn leere Fässer und Kartons um die Kisten stapeln lassen, damit sie bei einer Kontrolle nicht auffielen. Sicher war sicher. Drews rechnete nicht damit. Nachts lagen die sowjetischen Patrouillenboote vom Stützpunkt auf dem Bug immer am nördlichen Ende des Libben auf der Lauer. Sie warteten in der Meerenge zwischen Hiddensee und Rügen auf Schmuggler, die heimlich aus Dänemark oder Schweden Schnaps, Butter und Zigaretten für die Schwarzmärkte an der Ostseeküste brachten. Wer erwischt wurde, musste mit drakonischen Strafen rechnen. Es war schon vorgekommen, dass die Russen ein aufgebrachtes Schmugglerschiff einfach ins Schlepptau genommen und dann auf offener See mit einem Torpedo versenkt hatten.

Die „Hertha“ erreichte das Fahrwasser von Kloster. Henning kam zu Drews in das kleine Führerhaus. Er stellte sich neben ihn und nahm seine Pfeife aus dem Mund. „Ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache.“

„Wird schon schiefgehen“, antwortete der Kapitän, ohne den Blick zu wenden.

„Zurück müssen wir kreuzen. Nicht gerade ideal, wenn es eng wird.“ Dabei nickte Henning leicht mit seinem Kopf nach Steuerbord, in Richtung des Marinestützpunktes.

„Wir haben immer noch den Diesel“, wandte Drews ein.

Henning schüttelte den Kopf. „Damit kommst du nicht gegen die Torpedoboote der Russen an.“

„Ich kann das Schwert hochziehen. Aufs Flachwasser kommen die nicht hinterher.“

„Als ob das die Russen aufhalten würde.“

Drews wusste, dass Henning Recht hatte, wollte es aber nicht zugeben. Seit über zwanzig Jahren hatten Drews und Just jede Fahrt zusammen gemacht, aber die Rollen zwischen Kapitän und Bootsmann waren klar verteilt.

„Hol die Segel ein, sonst brettern wir bei dem Wind auf Grund“, beendete Drews das Gespräch.

Henning nickte kurz, steckte seine Pfeife wieder in den Mund und lief dann zum Mast. Er löste die Vorliekleine. Das Segel rauschte runter und bauschte sich auf Deck. Björn begann es zu raffen. Die „Hertha“ wurde langsamer, machte aber immer noch gut Fahrt.

Am Schwedenhagen tauchte ein Licht auf. Es wurde am Fuße der Anhöhe neben dem Hafen von Kloster immer wieder hin und her geschwenkt. Das vereinbarte Zeichen. Daneben, in Richtung Grieben, gab es zwar eine Anlegestelle. Das Bollwerk. Doch dort die Kisten auszuladen hätte zu viel Aufsehen erregt. So hatte Drews mit Gildes Sohn Werner vereinbart, die Ladung am Fuße des Schwedenhagen zu löschen, mit dem hochgewachsenen Schilf als Deckung. Drews lehnte sich aus dem Führerhaus. „Lasst den Anker fallen!“

Die Kette rasselte in die Tiefe. Kurz darauf ging ein Ruck durch das Boot. Der Anker hatte im schlammigen Boden des Boddens Halt gefunden. Björn ließ darauf auch am Bug den Anker zu Wasser. Die „Hertha“ lag fest.

In der Stille waren kräftige Ruderschläge und das Klappern der Paddel in den eisernen Dollen zu hören. Aus der Dunkelheit tauchte ein hölzernes Boot auf. Vorn im Bug war eine brennende Laterne befestigt. Dahinter stand ein großer, hagerer junger Mann. Er trug dunkle Kleidung und hatte eine Strickmütze auf dem Kopf. Drews erkannte Werner Gilde.

„Alles ruhig“, rief er Drews zu. Der Kapitän nickte stumm. Er gab Henning und Björn ein Zeichen die Luken zu öffnen. Dann stieg Björn in den Laderaum, während Henning den kleinen Ladekran der „Hertha“ flott machte. Die erste Kiste wurde hochgezogen, dann über Bord geschwenkt und in das kleine Boot abgesenkt. Nach jeweils drei Kisten fuhr das Ruderboot zum Ufer. Aus der Ferne glaubte Drews Stimmen zu hören. Immer wieder sah er ein Licht die Anhöhe hinaufwandern, dann aber plötzlich verschwinden. Dort gab es eigentlich gar keinen Weg. Dafür war das Hochufer zu steil.

Sie waren gerade dabei, die Kisten für die letzte Fuhre abzuseilen. Da tauchte oben neben der Anhöhe das Licht wieder auf und kam langsam näher. Wahrscheinlich ein Fahrradfahrer. Werner Gilde, der auf der „Hertha“ das Umladen der Kisten überwacht hatte, bat Drews um sein Fernglas. Er hielt es kurz an die Augen. „Scheiße, der lange Herrmann!“, fluchte der Sohn des Unternehmers. Mehr musste er nicht sagen. Alle kannten den Spitznamen des Hiddenseer Inselpolizisten. Da war auch schon seine donnernde Stimme zu hören: „Halt da draußen! Was tun Sie da?“

Alle schwiegen. Das Licht im Ruderboot war gelöscht worden. Trotzdem waren in der Dunkelheit die Umrisse der Boote zu erkennen. Viel konnte Herrmann nicht ausrichten. Jedenfalls nicht auf See. Wie sollte der Polizist ohne Boot bis zur „Hertha“ kommen? Anders stand es um die Leute am Ufer. Auch von dort war kein Ton mehr zu hören. Nur der Wind ließ das Schilf rascheln.

„Halt, oder ich schieße!“, brüllte der Polizist.

Drews witterte Gefahr. „Ich will hier weg“, flüsterte er.

„Die Kisten müssen aber noch von Bord“, antwortete Gilde.

„Und was, wenn er schießt?“, entgegnete Drews ‚Und trifft?‘, fügte er in Gedanken hinzu. Da hörten sie auch schon, wie eine Waffe durchgeladen wurde. Ein Schuss fiel. Offenbar hatte der Polizist in die Luft geschossen, aber er konnte damit die Soldaten auf der Insel und auf der Ostsee alarmiert haben.

„Schluss jetzt“, raunzte Drews, „mach dich von Bord!“

Henning ließ das Seil des Ladekrans los und die Kiste am Haken krachte auf das Boot neben der „Hertha“.

„Bist du verrückt geworden?“, schnauzte Gilde den Bootsmann leise an.

„Du kannst mich mal“, zischte Henning.

Gilde starrte ihn wütend an und war nahe dran, auf den Matrosen loszugehen, doch dann schien er sich zu besinnen. Er neigte sich zu Drews. „Die letzte Kiste muss noch runter. So ist es verabredet.“

Da packte Henning Gilde von hinten, drehte ihn um und fasste ihn unter den Achseln. Obwohl der junge Mann einen Kopf größer war, hob ihn der Bootsmann mühelos hoch und trug ihn die zwei Schritte zur Reling.

„Verschwinde jetzt!“ Um seine Drohung zu verstärken, hielt er Gilde außerhalb des Decks. Gilde zappelte vor Angst. Henning zog ihn noch einmal so nah heran, dass Gilde die Bootswand zu fassen bekam und von dort in das Ruderboot klettern konnte.

„Das wird euch noch leidtun.“

Doch Drews und Henning hörten ihn nicht mehr. Sie liefen beide über Deck und waren damit beschäftigt, das Schiff seeklar zu machen. Der Kapitän versuchte den Schiffsdiesel anzuwerfen. Doch der Motor zündete nicht. Er tuckerte ein wenig und verstummte. Drews versuchte es wieder und rief zugleich Björn zu, den Heckanker zu lichten. Der Schiffsjunge begann die Ankerwinde zu drehen. Henning zog das Segel auf, um seeklar zu sein, falls der Motor weiter streikte. Björn stürmte zum Bug, um auch dort den Anker zu heben. Dort lag die „Hertha“ noch fest. Sie begann sich schon in der Strömung um die eigene Achse zu drehen. Björn rüttelte an der Ankerwinde. Doch nichts rührte sich. Henning bemerkte es. Er rannte zur Bordwand, um nachzusehen, warum sich der Anker nicht bewegte. Als er sich wieder aufrichtete, frischte der Wind auf. Eine Böe fegte über den Bodden. Sie erfasste das freischwingende Segel. Der Großbaum traf den Bootsmann am Kopf. Henning wurde über Bord geschleudert. Der Kapitän und Björn hörten das Aufschlagen seines Körpers im Wasser. Sie stürmten zum Bug. Drews schrie Björn an, endlich das Segel zu sichern. Der Junge fing die Schot, wickelte sie um die Winsche, zog das Segel heran und befestigte es. Dann eilte Björn zu Drews zurück, der immer noch kurz neben dem Bug kniete und in die Tiefe starrte. Immer wieder rief er leise nach Henning. Herrmann sollte den Namen nicht hören. Doch es gab keine Antwort. Sie hörten auch kein Paddeln oder Kraulen eines Schwimmers. Auch von Gildes Ruderboot war nichts zu vernehmen. Dabei mussten Gilde und seine Leute mitbekommen haben, was passiert war. Drews und Björn rannten zum Heck, schauten in die Tiefe und riefen wieder den Namen des Bootsmanns. Aber Henning blieb verschwunden. Ein zweiter Schuss fiel. Am Führerhaus splitterte Holz. Drews und Björn warfen sich auf die Planken.

„Wir müssen hier weg“, raunte Drews Björn zu.

„Aber Onkel Henning …“, flehte der Schiffsjunge.

Drews schüttelte hilflos den Kopf. Erstarrt sahen sie sich eine kurze Ewigkeit in die Augen. „Wir müssen den Anker lichten“, flüsterte Drews. „Komm!“

Sie krochen zum Bug. Nun zog die Winde ohne Probleme den Anker nach oben. Dann holte Drews das Segel ein.

Zurück im Führerhaus, legte er den Zündhebel um. Wieder stotterte der Schiffsdiesel zweimal, dann fand der Motor seinen Rhythmus. Drews steuerte die „Hertha“ ins offene Fahrwasser. Der Leuchtturm Dornbusch sendete sein Licht in die Ferne.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

Kapitel XX

Kapitel XXI

Kapitel XXII

Kapitel XXIII

Kapitel XXIV

Kapitel XXV

Kapitel XXVI

Kapitel XXVII

Kapitel XXVIII

Kapitel XXIX

Kapitel XXX

Kapitel XXXI

Kapitel XXXII

Kapitel XXXIII

Kapitel XXXIV

Kapitel XXXV

Kapitel XXXVI

Kapitel XXXVII

Kapitel XXXVIII

Kapitel XXXIX

Kapitel XL

Danksagung

I

„Tja“, meinte Malte Fittkau. Er hob mit der rechten Hand kurz seine Schiffermütze, kratzte sich die Stirn und setzte „seine Kopfbedeckung wieder auf. Gemeinsam mit Stefan Rieder stand er vor der Wiese um das kleine Kapitänshaus im Wiesenweg in Vitte. Das Häuschen war Rieders Bleibe auf Hiddensee. Seit Oktober hatte er dort nicht mehr gewohnt und auch nicht mehr den Rasen gemäht. Nach seiner Rückkehr auf die Insel im Januar war er in Maltes Pension gezogen. Bei dem harten Winter wäre es in dem Häuschen mit seinen dünnen Wänden zu kalt gewesen. Jetzt war bald Ostern. Malte brauchte seine Zimmer für die ersten Gäste. Rieder musste also umziehen. Außerdem hatte sich sein Vermieter angemeldet, um nach dem Rechten zu sehen und einiges zu besprechen. So stand es in einem Brief, den Rieder vor einer Woche erhalten hatte.

Die Wiese bot ein gemischtes Bild. Da waren die abgestorbenen, dunklen Halme der Rasenpflanzen vom letzten Jahr. Dazwischen sprießten Löwenzahn, Gänseblümchen und Wiesennelken. Vor den Kirschbäumen an der Grenze zu Maltes Grundstück standen die Brennnesseln hüfthoch. Die Heckenrose am Zaun zum Wiesenweg hatte sich mit zahlreichen Schösslingen auf der Fläche vermehrt.

Drei Monate hatte der Winter die Insel fest im Griff gehabt. Dickes Packeis türmte sich rund um die Küsten an Ostsee und Bodden. Nur mit dem Hubschrauber war Hiddensee zu erreichen. Dann kamen Ende März die ersten Sonnenstrahlen. Innerhalb einer Woche verschwanden Eis und Schnee. Die plötzliche Wärme jetzt Anfang April hatte die Natur förmlich explodieren und erblühen lassen.

Bis zu seinem Haus war Rieder noch gar nicht vorgedrungen. Er hatte nur aus dem Schuppen den kleinen Rasenmäher geholt und war sofort gescheitert. Das Gerät hatte nach einem Meter den Betrieb eingestellt, unfähig, den Wiesenurwald zu stutzen. In seiner Not hatte Rieder Malte um Rat gefragt. Doch auch sein Nachbar war ratlos.

„Vielleicht geht’s mit einer Sense“, schlug Rieder vor.

„Haste schon mal gesenst?“, fragte Malte zurück, ohne Rieder dabei anzusehen.

Rieder schüttelte den Kopf.

„Dann lass mal.“

„Aber wieso? So schwer kann doch Sensen nicht sein.“ Rieder deutete mit einem Hüftschwung und angewinkelten Armen die entsprechende Bewegung an. Nun drehte sich Malte um und sah Rieder an, als sei er nicht ganz bei Trost.

„Hast du ’ne Sense?“, hielt Rieder an seiner Idee fest.

„Hab’ ich, aber kriegste nicht. Das wäre Mord.“

„Versteh’ ich nicht.“

„Du hackst dir damit die Beine ab, und hier ist keiner auf der Insel, der sie dir wieder annäht. Sensen fällt jedenfalls aus“, erklärte Malte in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Die beiden Männer starrten wieder stumm auf die Wiese. Dann strich sich Malte über das Kinn. „Am besten, du holst drei grüne Lappen von der Bank, gehst zu den Jungs vom Deichbau, hängst dein Gartentor aus, und dann fahren die mit ihrem Mäher hier zweimal drüber. Fertig.“

Rieder war geschockt. „Dreihundert Euro?“

„So sind die Preise.“

„Die sollen hier nicht einen neuen Garten Eden anlegen. Die sollen den Rasen mähen. Dafür kann ich in Berlin …“, begann Rieder zu lamentieren.

„Du bist aber nicht in Berlin“, unterbrach ihn Malte. „Ich sage nur ‚Insellage‘.“

Das war das Zauberwort auf Hiddensee. Brauchte die Post vom Festland mehr als eine Woche, gab es keine Internetverbindung oder waren Handwerkerleistungen doppelt so teuer wie auf Rügen – immer gab es nur eine Antwort: Insellage. Hiddensee schien einsam mitten in einem großen, breiten Ozean zu treiben, fern von anderen Gestaden. Dabei war die Insel an der engsten Stelle des Boddens gerade mal ein paar hundert Meter von Rügen entfernt. Die Fähre von Schaprode brauchte bis Vitte eine Dreiviertelstunde. Mit dem Wassertaxi dauerte es je nach Laune des Kapitäns fünfzehn, höchstens zwanzig Minuten.

Rieder wollte nicht sofort nachgeben. „Dreihundert ist mir zu teuer.“

„Du kann auch bei einer dieser Hausverwaltungen fragen“, meinte Malte.

„Stimmt. Gute Idee.“

„Kommst du aber auch nicht billiger davon und wartest ewig auf einen Termin“, zerstörte Malte sofort die aufkeimende Hoffnung. „Die müssen jetzt alle ihre Buden auf Vordermann bringen. Da stehst du ganz hinten in der Reihe. Vergiss es.“

Beide versanken wieder in Schweigen. Rieder überlegte, dem Rasenmäher eine zweite Chance zu geben. Da klingelte sein Telefon. Er zog es aus der Hosentasche. Revierleiter Damp. Rieder stutzte kurz. Eigentlich sollte sein Kollege auf einer Beerdigung auf dem Friedhof in Kloster sein. Irgendein Inselpromi wurde dort beigesetzt. Es hatten sich eine Menge wichtiger Menschen von Rügen und aus Stralsund angesagt. Gemunkelt wurde, dass sogar der Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern kommen wolle. Der Tote war wohl der größte Unternehmer in der Region gewesen. Rieder hatte es nicht weiter interessiert, denn Damp hatte die Sache gleich an sich gezogen. Rieder drückte auf die Hörertaste. Noch bevor er sich melden konnte, hörte er Damps atemlose Stimme. „Können Sie bitte schnell hierherkommen? Ich weiß nicht, was ich machen soll. Das ist hier völlig vertrackt.“

Rieder staunte. Seit er wieder auf der Insel war, hatte Damp noch nie so viele Worte an ihn gerichtet. Eigentlich herrschte zwischen Rieder und Damp Funkstille. Rieder musste sich allerdings eingestehen, nicht ganz unschuldig an der Stimmung im Revier zu sein. Es war nicht fair gewesen, Damp nicht über seinen Undercover-Einsatz im Winter auf der Insel zu informieren. Rieder hatte einen Mörder verfolgt, der nicht nur sein, sondern auch Damps Leben zuvor in Gefahr gebracht hatte. Nicht ganz ohne Rieders Schuld.

„Was ist denn passiert?“, fragte Rieder seinen Kollegen.

„Ich kann das jetzt nicht erklären“, wisperte Damp ins Telefon. „Ich kann hier nicht laut reden.“

„Sind Sie noch bei der Beerdigung?“

„Nein. Ich bin in Gildes Villa. Oben auf dem Schwedenhagen. Kommen Sie dahin.“ Noch bevor Rieder antworten konnte, hatte Damp das Gespräch beendet. Er starrte auf das Display. Dann schaute er Malte an, der ihn neugierig ansah. Malte war als Inselfunk an Informationen jeglicher Art interessiert.

„Irgendwas muss bei der Beerdigung von diesem …“, Rieder war schon wieder der Name entfallen.

„Gilde“, half ihm Malte aus und schlug sich zugleich mit der flachen Hand auf die Stirn „Mensch, zu der Beerdigung wollte ich eigentlich hin! Hoffentlich schaffe ich es noch zum Leichenschmaus im ‚Hitthim‘.“

„Wer war dieser Gilde?“

„Mensch, Rieder, wie lange bist du jetzt auf der Insel?“, stöhnte Malte auf. „Schon mal was von ‚Gildemeisters Backmischungen‘ gehört oder ‚Gildemeisters Suppen‘?“

„Ja, schon.“ Klar kannte er die bunten Packungen. Manchmal hatte er sich eine von den Tütensuppen der Firma Gildemeister gekocht. Typisches Single-Essen. „Und der Gilde wohnte hier auf der Insel?“

„Ja, klar. Er hatte ein Haus in Kloster“, antwortete Malte, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass sich die Reichen und Schönen auf Hiddensee niederließen.

„Ich soll zu Gildes Villa kommen. Zum Schwedenhagen. Wo ist denn das in Kloster?“

„Neben dem alten Institut der Universität Greifswald. Ein bisschen versteckt im Wald. Aber mit einem Superblick“, beschrieb Malte Rieder den Weg. Dann tippte er mit zwei Fingern an seine Schiffermütze und machte sich eilig auf den Weg zu seinem Haus in der Sprenge. Doch er blieb noch einmal stehen: „Und die Wiese?“

Rieder zuckte mit den Schultern. „Ich denke nochmal drüber nach.“

II

Rieder radelte über den Deich nach Kloster. Der frische Wind rauschte in seinen Ohren. Er kam von Südwest und brachte warme Frühlingsluft auf die Insel. Erst seit wenigen Tagen konnte man die Insel wieder ohne Probleme mit dem Rad befahren. Zuvor hatte es auf den Wegen immer noch hier und da Eisflächen oder scharfkantig gefrorene Schneereste gegeben. Auf den Sumpfwiesen weidete eine Schafherde. Sie war erst vor kurzem vom Winterquartier auf Rügen zurück nach Hiddensee gebracht worden. Um die Tümpel versammelten sich die ersten Zugvögel. Sie machten hier Station auf ihrer Rückreise nach Norden. Im Seglerhafen von Kloster waren erst wenige Liegeplätze belegt. Nur ein paar Motorboote der Einheimischen dümpelten vor sich hin. Wenn das Wetter so bliebe, würden wahrscheinlich zu Ostern die ersten Segler einen Törn nach Hiddensee wagen.

Rieder schloss sein Rad an der Außenstelle der Reederei Hiddensee im Hafen an. Malte hatte ihm empfohlen, von dort den schmalen Pfad hinauf zum Schwedenhagen zu nehmen. Rieder musste ein wenig suchen, ehe er im Gestrüpp den Trampelpfad entdeckte. Relativ steil verlief der schmale Weg. Oben angekommen, stand Rieder vor einem Feld mit frischer grüner Saat. Das war ungewöhnlich für Hiddensee. Außer dem Weiden von Kühen und Schafen wurde auf der Insel keine Landwirtschaft mehr betrieben. Am Feldrain standen ein paar alte LKW-Hänger, schon völlig von Buschwerk überwachsen. Rieder wandte sich nach rechts und lief zu dem kleinen Wäldchen neben dem Häuschen der Wasserversorgung. Dort stand der blaue Polizeiwagen von Damp. Im Dickicht der Bäume entdeckte er ein Haus. Das musste Gildes Villa sein. Ein Seil war zwischen zwei kniehohen Holzpfählen gespannt, kaum ein Hindernis für ungebetene Gäste. Rieder stieg darüber. Obwohl schon ein Jahr auf der Insel, war ihm dieses Haus noch nie aufgefallen. Auch das verlassene Institutsgebäude der Universität Greifswald nebenan hatte er noch nicht besucht.

Damp wartete schon auf ihn. „Gut, dass Sie da sind. Ich weiß mir echt nicht zu helfen.“

Rieder war verblüfft von Damps Aufzug. Seine Uniform war nagelneu. Bisher hatte sich sein Kollege nicht vom althergebrachten Polizeigrün trennen wollen. Nun aber trug er das neue Dunkelblau. Die Hose hatte ein scharfe Bügelfalte. Die Uniformjacke saß wie angegossen. Damp hatte in der letzten Zeit ziemlich an Gewicht verloren, brachte aber sicher immer noch einiges an Übergewicht auf die Waage. Seinen alten Sachen hatte man den Verlust angesehen. In diesem neuen Aufzug wirkte der Revierleiter mit seinen einsneunzig Körpergröße wie ein stattlicher Mann. Wie eine Autorität. Rieder kam sich dagegen ein wenig schäbig vor. Abgewetzte Jeans, Wanderschuhe, Fieldjacket und dazu ein ausgeblichenes rotes Basecap mit dem Logo der Insel. „Sie haben sich ganz schön in Schale geschmissen“, bemerkte Rieder.

Damp stutzte kurz, schaute unsicher an sich runter. „Ich brauchte eben neue Klamotten, aber das tut jetzt nichts zur Sache.“ Er war total nervös, drehte seine Mütze mit seinen Händen hin und her. „Da oben sitzen die Witwe und der Sohn des Toten. Die sind auf der Beerdigung völlig ausgetickt.“ Damp deutete mit dem Kopf an, dass sie etwas vom Haus weggehen sollten, um nicht gehört zu werden. „Erst ging alles gut. In der Kirche, der Pfarrer, noch ein paar Worte von irgend so einem Heini aus Stralsund über Gilde und seine Firma. Dann liefen alle zum Grab. Jedenfalls, als der Sohn dann Erde ins Grab werfen wollte, rastete die Frau völlig aus.“

Damp blickte sich kurz ängstlich um, bevor er weitersprach. „Was er sich trauen würde. Er hätte seinen Vater ins Grab gebracht und sei für seinen Tod verantwortlich. Der Sohn giftete zurück, sie hätte ihren Mann verrecken lassen, um endlich an sein Geld zu kommen.“ Damp zog Rieder noch ein wenig weiter vom Haus weg. „Wenn ich nicht dazwischengegangen wäre, hätten die sich in die Haare bekommen. Ich habe sie dann hierhergebracht.“ Damp atmete schwer. So sehr hatte ihn allein sein Bericht wieder erregt.

„Und die anderen Trauergäste?“, fragte Rieder nach.

„Um die kümmert sich Förster. Die sind wahrscheinlich noch beim Leichenschmaus im Hotel ‚Hitthim‘ in Kloster.“ Thomas Förster war der Bürgermeister von Hiddensee. Damp machte eine kurze Pause. „Die waren alle total geschockt.“

„Und nun?“

„Was, und nun?“, erwiderte Damp verblüfft.

„Was soll ich jetzt hier tun?“, fragte Rieder.

Nachdem sich Damp noch einmal umgeschaut hatte, meinte er: „Vielleicht reden Sie mal mit den beiden. Sie kennen sich doch bestimmt besser mit solchen Dingen aus.“

Rieders Begeisterung hielt sich in Grenzen. Wahrscheinlich war es nicht mehr als der übliche Knatsch zwischen den Erben. „Na gut. Gehen wir mal rein.“

Sie betraten die Eingangshalle. Rieder blieb mit offenem Mund stehen. Er konnte nicht fassen, was er erblickte. Alle vier Wände waren eng behängt mit Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen. Alle Bilder hatten aber nur ein Thema: Hiddensee. Ein Gemälde zog ihn sofort in den Bann. Zwei junge Mädchen mit leicht geröteten Gesichtern und farbigen Kopftüchern standen am Strand. Sie schauten in die Ferne. Rieder kannte das Bild, aber nur als Postkarte. Er wusste auch, dass es von Elisabeth Büchsel stammte, der berühmtesten Inselmalerin. Um das Bild herum waren noch weitere Kinderporträts gruppiert. Ein kleines Mädchen lehnte an einer Hauswand und schien ganz verschüchtert zur Malerin zu schauen. Auf einem anderen Bild sah man einen kleinen Jungen mit Schiebermütze. Er hatte sich auf einer Wiese im Hochland ausgestreckt. Im Hintergrund weideten Schafe. Andere Bilder zeigten Hiddenseer Fischer bei der Arbeit und ihre Frauen wartend am Ufer. An der Wand daneben erkannte Rieder den Inselblick wieder, den kleinen Platz, oberhalb von Kloster auf halbem Wege zum Leuchtturm mit der wunderbaren Aussicht über ganz Hiddensee. Rieder liebte diese Stelle und setzte sich immer ein paar Minuten auf eine der Bänke, wenn er dort vorbeikam. Hier gab es nun Dutzende Gemälde genau mit diesem Motiv, und die Signaturen zeigten, dass sie alle von Elisabeth Büchsel gemalt worden waren. Dagegen mussten die Bilder an der Wand gegenüber von anderen Künstlern sein. Sie waren in ganz unterschiedlichen Malstilen angefertigt. Manches wirkte moderner. Anderes verträumter. Aber auch hier gab es nur ein einziges Thema: Die Insel Hiddensee und ihre Menschen.

Rieder drehte sich im Kreis. „Was ist das hier? Das Inselmuseum?“, fragte er Damp.

Sein Kollege schien nicht so beeindruckt. „Sind halt Bilder.“

„Aber das ist ja einmalig“, staunte Rieder weiter. Er trat an das eine oder andere Bild näher heran.

„Können wir jetzt endlich?“, meldete sich ungeduldig Damp. Rieder folgte ihm auf der Treppe nach oben. Dort führte eine Doppeltür in einen Salon. Auch hier waren die Wände mit Bildern dekoriert. Es handelte sich um Porträts wahrscheinlich wichtiger Persönlichkeiten der Vergangenheit. Sie schauten bedeutungsschwanger in den Raum. Dem Eingang gegenüber war eine große Glastür, und Rieder war fasziniert von dem weiten Blick über Insel, Bodden und Ostsee.

Als er sich davon losriss, nahm er die beiden Personen wahr. Eine junge Frau und ein grauhaariger Mann saßen sich auf zwei großen Sofas gegenüber. Er, schätzungsweise Mitte fünfzig, trug einen dunkelgrauen Doppelreiher. Der Anzug war sicher nicht von der Stange, aber auch nicht mehr der neueste Schick. Dazu Budapester Schuhe. Der strenge Ausdruck seines kantigen Gesichts wurde durch eine schwarz gerahmte Brille verstärkt. Die Frau war höchstens Mitte Dreißig. Das kurze schwarze Kleid passte eher in eine Bar als auf eine Beerdigung. Ihre schlanken Beine waren bestimmt nicht von der Frühlingssonne gebräunt. Die Füße steckten in hochhackigen schwarzen Pumps. Beide schauten gelangweilt aneinander vorbei. Der Mann musste wahrscheinlich Gildes Sohn sein und die Frau dessen Gattin, wie man es noch in solchen Kreisen nannte, dachte sich Rieder. Er verbeugte sich ein wenig vor der Frau, streckte ihr dann die Hand entgegen und sagte leise, „Herzliches Beileid zum Tod Ihres Schwiegervaters.“

Die Augen der Frau blitzten. Damp stieß ihn in die Seite und zischte ihm ins Ohr: „Das ist die Witwe!“ Rieder stutzte. Seine Hand schwebte immer noch in der Luft. Er zog sie zurück.

„Oh, Entschuldigung“, stammelte er, „ich wusste nicht …“ Hatte ihm Damp nicht erzählt, Gilde sei schon weit über neunzig gewesen?

„Schon gut“, antwortete die Frau angespannt. „Ich bin Martina Gilde, die Ehefrau von Werner Gilde. Und wer sind Sie?“

„Hauptkommissar Rieder.“ Er verzichtete darauf, seinen Dienstausweis zu zeigen. „Mein Kollege Damp hat mich hergebeten.“

Dann wandte er sich an den Mann gegenüber. „Dann sind Sie …“

„Ganz recht, Richard Schlick, der Sohn des Toten“, antwortete der Mann streng. Rieder stutzte wieder. Warum trug er nicht den Nachnamen des Vaters? Der alte Stiefsohn und die junge Stiefmutter. Damp hätte ihn ruhig auf diese Familienverhältnisse vorbereiten können. Offenbar hatte Schlick seine Verwunderung bemerkt. Er zog eine Visitenkarte aus seiner Brusttasche und reichte sie Rieder. „Ich bin der Adoptivsohn von Werner Gilde.“ Nach einer Kunstpause setzte er hinzu, „Und der Geschäftsführer der Gildemeister Nahrungsmittel GmbH.“

„Aber nicht mehr lange“, blaffte die junge Witwe.

Schlick gab keine Antwort, sondern schüttelte entnervt den Kopf.

„Mein Kollege hat mich hergebeten, um einen Sachverhalt zu klären …“

Weiter kam Rieder nicht. „Einen Sachverhalt!“, rief die Frau aus. „Einen Sachverhalt! Hör sich das einer an. Dieser Mann“, schrie sie hysterisch und richtete den ausgestreckten Zeigefinger auf ihr Gegenüber, „dieser Mann hat Werner getötet! Ermordet!“

„Schwachsinn“, erwiderte Schlick wütend. „Du hast ihn ins Grab gebracht. Mit deiner Gier!“

„Ich habe ihn gepflegt …“

„Gepflegt? Dass ich nicht lache.“ Er beugte sich vor und saß wie zum Sprung auf der Sofakante. „Gepflegt hast du vielleicht deine Fingernägel. Nichts hast du für ihn getan. Du hast ihm die notwendige medizinische Pflege verweigert, hast ihn verhungern und verdursten lassen. Dafür habe ich Beweise!“

Sie beugte sich ebenfalls vor und giftete zurück: „Die möchte ich sehen.“

„Das wirst du auch.“

„Moment!“, fuhr Rieder mit lauter Stimme dazwischen. Die beiden verstummten und starrten ihn an. „Könnten wir uns vielleicht alle ein wenig zurücknehmen.“ Sohn und Witwe lehnten sich zurück, verschränkten die Arme vor der Brust und starrten sich hasserfüllt an. Rieder sah sich um, holte sich einen Stuhl und setzte sich wie ein Schiedsrichter zwischen die beiden. Damp stellte sich hinter ihn. Schweißtropfen hatten sich auf seiner Stirn gebildet. Rieder holte aus der Brusttasche seiner Jacke einen Block und einen Stift. Er klickte die Miene des Kugelschreibers raus.

„Wenn ich meinen Kollegen Damp richtig verstanden habe, haben Sie beide“, Rieder schaute erst die Frau, dann den Mann an, „also, Sie haben beide Zweifel am natürlichen Tod von Werner Gilde. Ist das richtig?“

Martina Gilde und Richard Schlick nickten jeweils kurz.

„Gut.“ Rieder notierte sich etwas. Dann wandte er sich an die Witwe. „Wann ist denn Ihr Mann, Herr Gilde, gestorben?“

„Vor fünf Tagen. Und er ist schuld.“ Sie deutete mit einer heftigen Kopfbewegung auf Richard Schlick. „Er war am Samstagnachmittag bei ihm, und als ich wenig später bei Werner vorbeischaute, atmete er nicht mehr. Er war tot. Er hat ihn umgebracht!“ Sie zog ein Taschentuch aus der Ritze der Polster des Sofas und schnäuzte sich damit laut. Dann schien sie ein paar Tränen in ihren Augen zu trocknen und verwischte ihre Lidschatten.

„Wann genau haben Sie den Toten aufgefunden?“

„Wie gesagt, Samstag. So gegen sieben Uhr. Abends.“

„Wo waren Sie davor?“

„Was hat das mit dem Tod meines Mannes zu tun?“

„Wir müssen die Umstände des Todes Ihres Mannes genau rekonstruieren. Dazu gehört auch, wer sich wann wo aufgehalten hat“, erklärte Rieder betont gelassen. „Also?“

„Ich war auf der Insel unterwegs.“

Schlick lachte auf. „Du hast dich wahrscheinlich mit deinem Lover getroffen, während Werner hier verreckte.“

Rieder hob ein wenig seine rechte Hand. „Herr Schlick. Sie sind noch nicht dran. Vielleicht wäre es besser, wenn wir Sie getrennt voneinander vernehmen.“

„Ich will hören, was die Schl…“, Schlick verstummte, als er den strafenden Blick des Polizisten sah.

„Herr Damp, würden Sie bitte Herrn Schlick …“

Damp setzte seine Mütze auf und wollte schon Schlick bitten, aufzustehen. Da winkte Schlick ab. „Schon gut. Ich sage nichts mehr.“

Rieder wandte sich wieder an die Frau. „Können Sie mir vielleicht genauer sagen, wann Sie das Haus verlassen haben und wo Sie waren?“

Martina Gilde strich ihre Haare hinter das rechte Ohr. Ein Ohrsticker blitzte auf. Rieder hatte zwar keine Ahnung von Schmuck, aber der eingefasste Stein musste teuer gewesen sein. „Ich bin kurz vor zwei hier weg. Der Herr Sohn“, erklärte sie hämisch, „wollte mit der Fähre halb eins von Schaprode nach Kloster kommen. Ob dem so war, kann ich nicht sagen.“

„Und dann?“, hakte Rieder nach.

„Ich war in ein paar Geschäften in Vitte und Kloster. Viel hat ja noch nicht auf. Später war ich dann noch im Hochland spazieren. Ich musste mal raus. Außerdem wollte ich ihm nicht begegnen.“

„Ich war jeden Samstagnachmittag bei meinem Vater“, erklärte Richard Schlick. „Am Samstag fand ich Werner in einem bedauernswerten Zustand. Er hatte nichts zu trinken. Wahrscheinlich wollte sie ihn verdursten lassen …“

Martina Gilde stöhnte auf. „So ein Quatsch. Er konnte sich kaum noch bewegen, und mit seinem Tattrich hätte er jedes Glas umgekippt, oder es wäre ihm aus der Hand gefallen. Glauben Sie ihm nur nicht, was er behauptet, Herr Kommissar. Die Pflegeschwester oder ich haben ihn immer mit allem versorgt, was er brauchte.“

Richard Schlick schüttelte heftig den Kopf, sagte aber nichts.

„Also zurück zum Samstag“, versuchte Rieder die Befragung voranzubringen. „Sie kamen gegen sieben nach Hause und fanden Ihren Mann tot auf.“

„Ja, genau. Er hat ihn erstickt oder vergiftet“, brauste sie erneut auf. „Er will doch nur die Firma an sich raffen.“

„Zu möglichen Motiven kommen wir später. Und was haben Sie dann gemacht? Sie haben doch sicher einen Arzt verständigt, der den Tod bestätigt hat?“

„Ich habe die Pflegerin geholt. Sie hat sich um alles gekümmert.“

„Die Pflegerin? Und warum keinen Arzt?“

„Dass Werner tot war, habe ich selbst gesehen. Ich war so geschockt.“ Sie tupfte mit dem Taschentuch erneut ihre Wangen trocken. „Er war am Vormittag noch so lebendig gewesen.“

„So lebendig!“, mischte sich Schlick jetzt doch ein. „Er war schon halbtot, als ich kam. Ich habe ihm ein Glas Wasser geholt und ihm zu trinken gegeben. Da erwachten seine Lebensgeister wieder etwas. Die Pflegerin hatte mich schon ein paar Tage vorher ins Vertrauen gezogen und gebeten, etwas zu tun, ihn in ein Pflegeheim zu verlegen, weil sie dir nicht getraut hat und sich Sorgen gemacht hat.“

„Du spinnst doch.“

„Wer ist diese Pflegerin?“, ging Rieder dazwischen.

„Anna Rese“, antworteten beide zugleich.

Rieder drehte sich zu Damp um. „Hausärztlicher Pflegedienst“, klärte ihn sein Kollege auf.

„Hat die Pflegerin einen Arzt geholt? Es musste doch ein Totenschein ausgestellt werden.“

„Ja, hat sie.“

„Kann ich den Totenschein mal sehen?“

Martina Gilde stand auf und verschwand aus dem Zimmer. Als sie draußen war, beugte sich Schlick etwas vor. „Ich habe Beweise, dass sie dafür gesorgt hat, dass Werner sterben musste. Das ist Totschlag. Mindestens.“

Rieder beugte sich auch vor. „Vielleicht aber auch nur unterlassene Hilfeleistung. Kommt auf die Beweise an. Also, was haben Sie gegen Frau Gilde in der Hand?“

Statt zu antworten, legte Schlick den Finger auf den Mund. Martina Gilde kehrte ins Zimmer zurück. Sie reichte Rieder den Totenschein. Der Polizist überflog das Formular und gab es Damp. Am 30. März, 20.45 Uhr, hatte Dr. Möselbeck den Tod von Werner Gilde festgestellt. Todesursache: Herzversagen. Möselbeck war ein verantwortungsvoller Arzt. Mehrfach hatte Rieder erlebt, wie er bei ungeklärten Todesfällen auf der Insel das Ausstellen eines Totenscheins verweigert und stattdessen eine Autopsie durch die Rechtsmedizin in Greifswald angeordnet hatte. Meistens zu Recht.

„Um die Todesursache zu überprüfen, müsste eine Exhumierung mit anschließender Obduktion durch die Staatsanwaltschaft angeordnet werden“, klärte Rieder die Hinterbliebenen auf. „Dafür müssen aber triftige Gründe vorliegen. Ich kann sie aufgrund des Totenscheins nicht erkennen. Sie können natürlich Anzeige erstatten, und wir müssten dann Ermittlungen aufnehmen, die Ergebnisse der Staatsanwaltschaft übergeben, und die entscheiden dann …“

„Ich dachte, dazu sind Sie hier“, erwiderte die Witwe.

Rieder schaute zu Schlick. Der nickte. „Gut, dann werden wir jetzt Ihre Anzeigen aufnehmen.“ Er bat Damp, den Polizeilaptop aus dem Auto zu holen. Damp eilte hinaus.

Während Rieder mit Martina Gilde und Richard Schlick schweigend auf die Rückkehr Damps wartete, stand er auf und betrachtete näher die Bilder im Raum. Eines der Porträts zeigte einen jungen Mann. Er hatte einen runden, fast kahlen Kopf. Seine Augen blickten ernst. Zu seinem dunklen Anzug trug er eine Fliege. Rieder fielen besonders die Hände auf mit ungewöhnlich langen, feingliedrigen Fingern. Trotz des strengen Blicks wirkte der Mann gelangweilt. Auch dieses Bild war von Elisabeth Büchsel signiert. „Das ist mein Vater“, klärte Richard Schlick die Polizisten auf. „Das Bild ist in den frühen fünfziger Jahren entstanden, nachdem er die Firma übernommen hatte.“

Aus den Augenwinkeln versuchte Rieder Ähnlichkeiten des Vaters mit dem Sohn zu entdecken. Er fand allerdings keine. Im Hintergrund des Bildes war ein kleiner Schriftzug. „Erfolg haben ist Pflicht“, entzifferte er und sprach die Worte dabei leise vor sich hin.

„Der Leitspruch unseres Unternehmens“, meldete sich Richard Schlick, der offenbar Rieder gehört hatte.

„Und? Haben Sie Erfolg?“

„Wir können nicht klagen.“ Schlick setzte sich auf und warf sich wie ein Sänger in Pose. Er begann er einen Vortrag über den wirtschaftlichen Erfolg der Firma Gildemeister mit Backmischungen und Tütensuppen. Martina Gilde verdrehte immer wieder die Augen, wenn sie nicht ausgiebig die Qualität des Nagellacks auf ihren Fingernägeln betrachtete.

„Gildemeister ist im Osten der Marktführer in diesem Segment. Im Westen läuft es auch nicht schlecht. Immerhin muss man bedenken, dass wir 1990 noch einmal bei null angefangen haben …“

Damps Rückkehr beendete Schlicks Solo. Die Polizisten nahmen die gegenseitigen Anzeigen auf.

Am Ende bat Rieder darum, dass die Witwe und der Sohn am nächsten Tag ins Revier kämen, um die Formulare zu unterschreiben, damit sie an die Staatsanwaltschaft Stralsund weitergereicht werden konnten. Damp und er würden aber schon einige Vorermittlungen aufnehmen. „Deshalb möchte ich mir jetzt das Sterbezimmer ansehen. Aber vorher würde ich Herrn Schlick bitten, das Haus zu verlassen.“

Richard Schlick sah ihn entsetzt an. „Wie bitte?“

Um Rieders Anweisung zu unterstützen, hatte sich Damp erhoben. Trotz Gewichtsverlust machte seine Körpergröße immer noch ziemlichen Eindruck.

„Und diese Frau?“ Schlick deutete mit dem Kopf zu Martina Gilde.

Rieder zuckte mit den Schultern. „Was soll mit ihr sein? Sie kann hier bleiben. Es ist ihre Wohnung. Sie ist hier gemeldet.“

„Aber wenn sie anfängt, Dinge verschwinden zu lassen? Ich glaube nicht, dass Sie einschätzen können, was das für Werte sind, die sich in diesem Haus befinden?“

„Auch wenn wir beide in Ihren Augen nur Dorfpolizisten sind, Herr Schlick“, sagte Rieder völlig ruhig, „können Sie sich darauf verlassen, dass auch wir erkennen, dass es sich hier um eine sehr wertvolle Kunstsammlung handelt. Sicher gibt eine Inventarliste oder bei der Versicherung eine Aufstellung der Werke, so dass wir jederzeit überprüfen können, ob etwas fehlt. Wo finden wir Sie? Bleiben Sie auf der Insel?“

„Ihr Ton gefällt mir nicht …“

„Mir gefällt Ihr Ton auch nicht“, fiel ihm Rieder ins Wort. „Aber das tut auch nichts zur Sache. Also, wo finden wir Sie?“

„Im ‚Hitthim‘.“

„Danke.“ Rieder zeigte in Richtung Tür. Schlick stand wütend auf. Damp begleitete ihn hinaus.

Das Sterbezimmer lag im Erdgeschoss. Es war, bevor es zur Pflegestation wurde, Gildes Arbeitszimmer gewesen. Rieder trat in einen hellen Raum. Auch hier waren die Wände mit Bildern vollgehängt, allerdings war es ein ganz anderer Stil. Keine Landschaftsmalerei, sondern expressionistische Zeichnungen, zumeist von Kirchen. Sehr kantig, fast schroff im Ausdruck. Rieder wusste sofort, dass es Bilder von Lyonel Feininger sein mussten, einem bekannten Vertreter des Bauhauses.

„Das sind keine Originale? Oder?“, fragte er ungläubig die Hausherrin, die noch in der Tür stand.

„Doch, doch“, antwortete sie. „Alle Bilder hier im Haus sind Originale.“ Sie wollte Rieder in den Raum folgen, doch er bat sie, draußen zu bleiben, damit nicht Spuren verwischt werden.

„Allerdings, wenn ich mich hier so umsehe“, Rieder drehte sich einmal um die eigene Achse, „scheint hier jemand gründlich saubergemacht zu haben. Da ist es mit Spuren wohl eher Essig.“ Er deutete auf das Pflegebett in der Mitte des Zimmers. „Oder ist das Bett noch mit der Wäsche bezogen, in der ihr Mann zu Tode gekommen ist?“

Martina Gilde schüttelte den Kopf. „Anna Rese hat alles frisch bezogen.“

„Und wo sind die Laken und Bezüge, die davor drauf waren?“, fragte Rieder resigniert.

„Im Müll.“

„Im Müll“, wiederholte Rieder fatalistisch. „Die Sachen müssen wir für die Spurensicherung mitnehmen. Ebenso die Kleidung, die Ihr Mann bei seinem Tod trug.“

„Die ist auch im Müll. Und der Müll wurde schon abgeholt.“

Rieder konnte nur noch resigniert mit den Schultern zucken. „Tja, dann könnte es mit den Ermittlungen schwierig werden.“

Damp kam zurück. „Er ist weg“, meldete er.

Rieder schaute sich noch einmal um und wandte sich dann an die Witwe. „Sie haben doch sicher eine Inventarliste von diesen ganzen Kunstwerken?“

„Also ich weiß gar nicht, ob Werner so etwas …“

„Wir brauchen gar nicht lange zu reden“, erwiderte Rieder völlig gelassen. „Entweder Sie geben mir die Liste, oder Sie müssen auch das Haus verlassen.“

„Oberste rechte Schublade im Schreibtisch. Der Schlüssel liegt in dem Behälter für die Stifte.“

Rieder fand Schlüssel und Liste. Sie erschien ihm umfangreicher als erwartet. Er blätterte sie durch. Es mussten mehrere hundert Bilder aufgeführt sein. Die meisten Bilder waren von Elisabeth Büchsel, einige von Feininger. Von den anderen Künstlern kannte er nur noch Henni Lehmann dem Namen nach. Aber Katharina Bamberg, Elisabeth Andrae, Dorothea Strohschein, Clara Arnheim, Käthe Loewenthal und Julie Wolfthorn waren ihm völlig unbekannt.

Martina Gilde hatte Rieders Staunen bemerkt. „Mein Mann war Kunstsammler. Seit seiner frühen Jugend. Besonders hatten es ihm die Malerinnen des Hiddenseer Künstlerinnenbundes angetan. Wie Elisabeth Büchsel. Aber das haben Sie ja schon in der Halle und oben gesehen. Das hier“, dabei zeigte sie auf die Bilder in Gildes Arbeitszimmer, „war Werners Refugium und diese Bilder von Feininger sein ganz besonderer Schatz. Aus Feiningers Weimarer Zeit am Bauhaus. Unter diesen Bildern arbeitete Werner, wenn wir hier auf Hiddensee waren. Sie inspirierten ihn. Mit Blick auf die Bilder ist er auch gestorben.“ Sie wandte sich ab. Ihre Schultern zuckten. Mit der rechten Hand drückte sie über der Nasenwurzel auf ihre geschlossenen Augen. „Oder ermordet worden“, stieß sie noch hervor. Rieder gab Damp ein Zeichen. Er wollte endlich gehen.

Als sie beim Polizeiauto ankamen, lehnte sich Damp erschöpft an den Wagen. Er atmete tief aus. „Danke, dass Sie gekommen sind. Die beiden haben mich echt geschafft.“

Rieder ahnte, wie schwer Damp diese Worte gefallen waren. „Da nicht für. Ich denke, hier geht es nur ums Erben. Der Sohn hat Angst, dass die junge Stiefmutter alles erben könnte. Umgekehrt genauso. Die brauchen nicht uns, sondern Gildes Notar plus Testament.“ Er lehnte sich neben Damp ans Auto und schaute in den Himmel. „So ein Unternehmen wird schon seinen Wert haben, auch wenn es nur Backpulver und Tütensuppen herstellt. Und dann diese ganzen Bilder. Da kommt was bei rum.“ Dann schüttelte er kurz den Kopf. „Aber diese Anzeigen werden im Sande verlaufen.“

„Und was heißt das nun?“, fragte Damp.

Rieder rieb sich das Kinn. „Wir machen Dienst nach Vorschrift, besuchen zur Sicherheit Möselbeck und hören uns seine Version von Gildes Tod an, nehmen ein Protokoll auf und schicken danach den Kram nach Stralsund. Sollen die entscheiden, was passieren soll.“

Rieder öffnete die Beifahrertür des Streifenwagens, doch als er sich reinsetzen wollte, hielt er noch einmal inne. „Rufen Sie sicherheitshalber mal Bökemüller an. Wäre gut, wenn er nicht aus der Zeitung erfährt, was sich hier abgespielt hat.“

Damp hatte bei Rieders letzten Worten aufgehorcht. Er sollte den Polizeidirektor anrufen? Er wurde misstrauisch. Verbarg sich dahinter irgendein Trick von Rieder? Er lief um den Wagen und beugte sich zu Rieder herunter, der inzwischen eingestiegen war. „Sie haben doch eigentlich die besseren Beziehungen zu Bökemüller.“

„Wenn ich mich recht erinnere, sind Sie hier der Polizeichef auf der Insel.“ Er streckte sich auf seinem Sitz aus. „Abgesehen davon, dass ich heute meinen freien Tag habe, waren Sie auch Augenzeuge bei der Beerdigung und haben alles hier in der Villa mitbekommen. Sie können Bökemüller einen viel besseren Eindruck vermitteln.“

Sie schauten sich beide für ein paar Sekunden stumm an. Dann nickte Damp.

„War das eigentlich eine Feuer- oder Erdbestattung?“, fragte Rieder.

„Mit Sarg. Warum wollen Sie das wissen?“

„Falls wir den alten Herrn wieder ausbuddeln müssen.“

III

Damp hatte den Polizeiwagen hinter dem Hotel „Hitthim“ geparkt. Er wählte die Nummer von Bökemüllers Sekretariat. „Der Chef hatte Ihren Anruf schon früher erwartet“, verkündete unheilvoll die Vorzimmerdame des Polizeidirektors. Es dauerte mindestens eine Minute, bis er endlich durchgestellt wurde. Die eintönige, sich wiederholende Tonfolge der Warteschleife war für Damp wahre Folter.

„Mensch, Damp, was ist das wieder für ein Mist“, meldete sich sein Vorgesetzter. „Hier klingeln schon seit Stunden die Telefone. Warum muss ich aus dem Hiddensee-Forum im Internet erfahren, was bei Ihnen los ist? Hätten Sie das nicht verhindern können?“

„Wie denn?“, platzte Damp heraus. „Wir hatten alle Hände mit der Witwe und dem Sohn zu tun.“

Bökemüller ging nicht darauf ein. „Aber was ist denn nun Stand der Dinge?“

Damp berichtete über die Vorgänge auf dem Friedhof, dem Gespräch mit Gildes Hinterbliebenen und von den Anzeigen.

„Und was meint Rieder dazu?“ Die Frage versetzte Damp einen Stich. Zählte denn sein Urteil gar nicht?

„Der glaubt nicht, dass es zu Ermittlungen kommt.“

„Hm“, machte Bökemüller. „So wie das jetzt hochkocht, müssen wir der Sache nachgehen. Der Gilde war ein wichtiger Mann. Eine Fabrik mit über zweihundert Angestellten. Die einzige Fabrik auf Rügen.“

„Also wieder ausgraben?“

„Wieso ausgraben? Sie haben doch wohl verhindert, dass Gilde eingegraben wurde?“

Zur gleichen Zeit stand Stefan Rieder auf dem Hiddenseer Inselfriedhof in Kloster. Er sah dem Friedhofsgärtner Tobias Zion zu, wie er säuberlich den frischen Grabhügel über Gildes letzter Ruhestätte glatt strich. Zion war wie immer ganz in schwarz gekleidet und schien die personifizierte Trauer zu sein. Schwarzes Kopftuch, schwarze Jeans und schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift „live fast, die young“. Angesichts des Alters des Toten war es aus Rieders Sicht nicht ganz passend. Aber es entsprach Zions Lebensphilosophie. Zion fühlte sich mehr dem Tod als dem Leben zugeneigt, obwohl er erst Ende zwanzig war. Er hasste die Sonne und das Tageslicht, liebte die Dunkelheit und den Mond. Zion lebte seit einigen Jahren auf der Insel. Der frühere Inselpfarrer Schneider hatte ihn als Friedhofsgärtner eingestellt und dafür gesorgt, dass er die alte Gärtnerei in Kloster pachten konnte. Allein von der Grabpflege und den Beerdigungen hätte Zion nicht leben können. Er zog in den Gewächshäusern und auf den Beeten der Gärtnerei Schnittblumen und frisches Gemüse. Beides verkaufte er über die Supermärkte in Kloster und konnte davon gut leben. Auch nach Schneiders tragischem Tod vor einem halben Jahr hatte der neue Inselpfarrer Laube ihn weiter beschäftigt, gegen den Widerstand einiger Mitglieder aus dem Kirchenvorstand. Sie störte Zions Angewohnheit, nachts auf Gräbern Lichter anzuzünden und dann stundenlang auf dem Friedhof sehr schaurige dunkle Musik zu hören. Es gab Gerüchte, der sonst sehr zurückhaltende junge Mann würde dabei den Teufel anbeten. Das sei doch mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar, hatten einige im Kirchenvorstand geklagt. Aber Pfarrer Laube hatte ihnen entgegengehalten, er fühle sich auch für eine verlorene Seele verantwortlich.

Gildes Grab befand sich im vorderen Teil des Inselfriedhofs. Dort waren die Ruhestätten der Hiddenseer Prominenz aus vergangenen Tagen. Gegenüber war das schlichte Holzkreuz für den früheren Inselpfarrer Arnold Gustavs, der über ein halbes Jahrhundert Seelsorger der Insulaner gewesen war. Ein paar Gräber neben Gilde hatte die Tänzerin Gret Palucca ihre letzte Ruhe gefunden. Auf dem schlichten Stein lagen Kiesel der Erinnerung. Neben Gildes Grabhügel türmten sich auf einem kleinen Wagen die Kränze und Gestecke. Rieder entzifferte die Texte auf den Schleifen. Nicht nur für Witwe und Sohn sollte Werner Gilde unvergessen bleiben, sondern auch für die Geschäftsführung der Gildemeister Holding, den Personalrat, die Abteilung Gildemeister Back und die Abteilung Gildemeister Suppen. Auch der Unternehmerverband und die Insel Hiddensee gaben mit großen Gebinden das letzte Geleit. Dazu kamen viele Sträuße. Kunstvoll versuchte Zion alles so auf und um das Grab zu platzieren, dass auch keine Schrift verdeckt war.

„Vielleicht ist das vertane Liebesmüh“, unterbrach Rieder die Arbeit des Friedhofsgärtners. Zion hielt inne. „Ist nicht wahr, oder?“ Er richtete sich auf und sah Rieder an.

„Die Angehörigen gönnen dem Toten noch nicht seine letzte Ruhe“, erklärte der Polizist.“

„Habe ich schon mitbekommen“, erwiderte Zion und klopfte sich den Dreck von seiner Jeans. „So ein Theater am offenen Grab habe ich noch nicht erlebt. Sonst krachen sich alle erst beim Leichenschmaus.“ Er schüttelte den Kopf.

„Wenn es dicke kommt, kannst du ihn wieder ausgraben.“

Zion starrte kurz auf das Grab und zuckte dann mit den Schultern. „Mir egal. Wird ja wohl bezahlt?“

Ein alter Mann in blauer Schifferjacke und mit einer weißen Kapitänsmütze kam aus dem hinteren Teil des Inselfriedhofs. Er stützte sich auf einen Krückstock und schritt vorsichtig voran, um auf dem schmalen Weg nicht zu stürzen. Rieder trat zur Seite, um Platz zu machen.

„Tach, Björn, wie geht’s? Warst du wieder bei deinem Grab?“, sprach ihn Zion an. Der Mann blieb stehen.

„Jo, hast schöne Blumen hingestellt. Danke.“

Zion nickte. „Keine Ursache.“

Mit der Krücke zeigte der Alte auf das frische Grab. „Und da liegt nun der Gilde?“

„Jo. Heute begraben.“

„Wurde auch Zeit.“

Rieder blickte den alten Mann verwundert an. „Entschuldigung, wie meinen Sie das? Wurde auch Zeit?“

Der Mann musterte den Polizisten. Sein Blick war dabei ein wenig verwirrt. Zion trat zu ihm. „Björn, das ist Kommissar Rieder von der Polizei.“

„Polizei? Hm …“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Ihr kommt zu spät. Viel zu spät.“ Dann setzte er seinen Weg fort. Ohne ein weiteres Wort.

„Wer ist das eigentlich? Gesehen habe ich ihn hier in Kloster schon öfter.“

„Björn Just. Kommt jeden Mittwoch und Samstag von Stralsund hierher. Er besucht das alte Grab für den ,Unbekannten Seemann‘. Es liegt im oberen Teil des Friedhofs, auf dem Blauen Berg. Da sitzt er dann auf der kleinen Bank daneben ein paar Stunden und starrt auf den Stein. Früher hat er immer Blumen mitgebracht. Aber er hat es nicht so dicke. Nun stelle ich ihm immer einen frischen Strauß hin.“

„Von Stralsund? Jeden Mittwoch und Samstag?“

Zion nickte. „Selbst im Winter. Solange die Schiffe fahren.“

„Und was will er an dem Grab?“

„Keine Ahnung. Angeblich weiß ja keiner, wer da liegt. Nach ein paar Jahren auf der Insel würde ich eher sagen, alle Hiddenseer wissen es, aber keiner will es sagen.“

„Und Björn Just?“

„Der weiß es ganz sicher auch. Aber sobald man ihn fragt, schweigt er. Selbst das Meer hat mehr zu erzählen als Björn.“

IV

Rieder lief vom Friedhof am Pfaffenteich vorbei zum Hafen in Kloster. Dort wollte Damp auf ihn warten. Das Polizeiauto stand vor dem Supermarkt im Hafenweg. Damp kam aus dem Laden mit einer Flasche Wasser. Er setzte sie an und trank sie in einem Zug aus. Rieder ging auf ihn zu. „Gilde ist schon unter der Erde.“

Damp starrte ihn kurz an. „So eine Scheiße!“, brüllte er und warf mit aller Kraft die leere Flasche in den gegenüberliegenden Garten. Dort stoben die Hühner mit lauten Gegacker auseinander, und ihr Hahn begann lauthals zu krähen.

„Was können die Hühner dafür?“, fragte Rieder ungerührt über den Wutausbruch seines Kollegen.

„Alles läuft schief“, klagte Damp. „Warum konnte Zion nicht warten?“

„Zion hat nur seine Pflicht getan.“

Rieder stieg über den Zaun und sammelte Damps Flasche ein. Damp trabte zum Polizeiauto und setzte sich hinein. Als Rieder zu ihm kam, saß er völlig apathisch da. Er hatte die Hände auf das Lenkrad gelegt, seinen Kopf zwischen den breiten Schultern eingezogen und starrte vor sich hin. „Bökemüller wird mich total rund machen, wenn er es erfährt.“

Rieder zuckte mit den Schultern. „Ist jetzt auch nicht mehr zu ändern. Das löst sich bestimmt alles in Wohlgefallen auf“, versuchte er seinen Kollegen zu trösten. „Ich denke, Möselbeck wird schon genau hingeschaut haben, und alles ist korrekt mit Gildes Tod.“

„Ihr Wort in Gottes Ohr. Der Chef sieht das ganz anders.“

„Abwarten, der muss den Schein wahren und Aktivität heucheln“, meinte Rieder betont gelassen. „Ich hole mein Rad, und dann treffen wir uns in einer halben Stunde bei Möselbeck in seiner Praxis in Vitte.“

Damp nickte, wirkte aber weiter unglücklich. Er wollte gerade den Motor anlassen, da entdeckte er Thomas Förster. Der Bürgermeister kam aus dem Hotel „Hitthim“. Als er die beiden Polizisten sah, winkte er kurz und lief auf sie zu. Damp stieg aus. „Ist die Party zu Ende?“

„Eigentlich schon lange“, antwortete Förster, „nur die drei fanden kein Ende.“ Er deutete hinter sich. Aus dem Gebäude stolperten drei Männer. Zwei hatten ziemlich Schlagseite. Rieder kannte die beiden vom Sehen, wusste aber nicht ihre Namen. Den dritten erkannte Rieder sofort. Malte hatte es also noch zum Leichenschmaus geschafft und sich dafür, zu Rieders Überraschung, in einen schwarzen Anzug geworfen. Sonst trug er seine Fischeruniform. Sie sei für ihn so eine Art Dienstkleidung, hatte er Rieder erzählt. „Damit biete ich den Pensionsgästen ein wenig Inselfolklore.“ Allerdings war Malte nie Fischer gewesen. „Das ist gut fürs Geschäft. Die Leute erzählen dann zuhause, sie hätten die Insel ganz echt erlebt. Sie fühlen sich dann besser und kommen wieder. Das ist eine Art Paartherapie zwischen Gast und Gastgeber zum gegenseitigen Vorteil.“

Als die drei nach ihren Rädern griffen, straffte sich Damp. Rieder wusste, sein Kollege nahm Witterung auf. Die hatten bestimmt mehr Alkohol als erlaubt intus. Rieder sah schon ins Damps Augen den Bußgeldrechner rotieren. Doch Malte sah Damp und verdarb ihm das Vergnügen. „Männer“, rief er, „wir sollten doch besser schieben. Lasst uns mal Richtung Deich gehen.“

Die drei liefen los, aber Rieder ahnte, dass sie auf ihre Räder steigen würden, sobald sie auf dem Deichweg aus Damps Sichtweite waren. Da konnte ihnen Damp mit dem Polizeiwagen nicht folgen. Es gab zwar den Fahrweg unterhalb des Deichs, doch der war vom Schmelzwasser des Packeises auf dem Bodden noch völlig aufgeweicht. Der Streifenwagen würde unweigerlich steckenbleiben.

„Wer war das?“, fragte Rieder den Bürgermeister.

Als Thomas Förster Rieder etwas erstaunt ansah, fügte er noch hinzu. „Malte habe ich schon erkannt. Aber die anderen beiden?“

„Der mit dem alten Strohhut ist Hans Kempe, der Inselmaler“, setzte Förster süffisant hinzu. „Der andere ist Karl Born. Der war mal Gildes rechte Hand, hat hier auf der Insel die Brotfabrik geleitet.“

„Eine Brotfabrik?“, fragte Rieder irritiert. „Hier auf Hiddensee?“

„Früher, zu DDR-Zeiten, gab es hier auf der Insel eine Brotfabrik“, klärte ihn der Bürgermeister auf. „Ich kenne es auch nur aus den Unterlagen. Komme ja auch nicht von der Insel. Die war übrigens genau gegenüber von deinem Haus im Wiesenweg. Dort, wo jetzt die Post-Appartements drin sind.“

„Und wo sind die anderen Gäste abgeblieben?“, mischte sich Damp ein.

„Wie auf der Flucht“, berichtete Förster. „Die meisten haben gleich das nächste Schiff genommen. Wundert mich nicht nach dem Eklat am Grab. Haben sich die beiden beruhigt?“

Rieder und Damp schüttelten beinahe synchron ihre Köpfe. „Sie haben sich gegenseitig angezeigt“, klärte Rieder den Bürgermeister auf. „Wegen Mordes an Werner Gilde.“

„Der soll ermordet worden sein?“, fragte Förster verwundert. „Der war doch steinalt.“

„Trotzdem müssen wir sehen, was dran ist“, ergänzte Damp. „Ich werde heute noch die Unterlagen an die Staatsanwaltschaft in Stralsund weiterleiten. Dort wird dann entschieden.“

An Damps Geschäftston erkannte Rieder, dass sein Kollege gegenüber dem Bürgermeister klarmachen wollte, wer hier auf der Insel der Polizeichef sei. Wenn er es brauchte …

Förster runzelte die Stirn. „Ich wäre dankbar, wenn es keine neuen Aufregungen auf der Insel gibt nach dem harten Winter und so kurz vor dem Saisonstart.“

Das Klingeln von Damps Telefon unterbrach das Gespräch. Er schaute nur kurz auf das Display und ließ es dann weiter klingeln, bis sich offenbar die Mailbox meldete oder der Anrufer aufgelegt hatte. Rieder wunderte sich. Sonst ging Damp immer ran. Er bemerkte auch, wie Damp die Stirn runzelte und es plötzlich sehr eilig hatte. „Ich fahre schon mal vor. Wir sehen uns dann beim Doc. In zwanzig Minuten?“

Rieder nickte. Damp stieg in den Wagen, ließ den Motor an und gab kräftig Gas. Förster und Rieder blickten ihm erstaunt hinterher.

„Was war das denn?“, fragte Förster.

„Keine Ahnung. Muss mit dem Anruf zusammenhängen.“

Sie gingen zusammen zum Hafen. „Wie willst du nun das Problem mit deiner Wiese lösen?“, fragte Förster.

„Woher weißt du davon?“, stutzte Rieder kurz. „Ach klar, Malte. Hast du so einen Aufsitzmäher oder irgendeine andere Mähmaschine?“

„Meinst du das ernst? Wir sind hier im Biosphärenreservat“, antwortete Förster, der im Hauptberuf Chef des Nationalparks war. „Ich darf nicht in die Natur eingreifen, auch wenn ich mir es manchmal wünsche.“ Er schlug Rieder mitfühlend auf die Schulter. „Da kann ich dir nicht helfen.“

Rieder schwang sich auf sein Rad und schlug auch den Weg über den Deich nach Vitte ein. Wenn er pünktlich bei Inselarzt Möselbeck Damp treffen wollte, musste er heftig in die Pedale treten. Dazu ging es jetzt gegen den Wind. Beim Fahren schaute er über die Sumpfwiesen Richtung Ostsee. Am Strandaufgang kurz vor Vitte stand das Polizeiauto. Irgendetwas stimmte nicht mit Damp.

V

Damp kam zehn Minuten zu spät, tat aber so, als wäre er noch pünktlich. Rieder hatte in der Zwischenzeit die Veranstaltungsplakate am Hotel „Godewind“ studiert. Mit Schwung schlug Damp die Tür des Autos zu. Er wirkte wie ausgewechselt und schien voller Tatendrang. „Mal sehen, was der Doc zu sagen hat“, rief er Rieder zu und marschierte, ohne auf seinen Kollegen zu warten, auf Möselbecks Praxis zu. Rieder hätte zu gern gewusst, was diesen Stimmungswechsel bewirkt hatte.

„Was treibt euch denn hierher? Ist eine Epidemie im Anmarsch?“, fragte der Arzt, als die beiden Polizisten von seiner Sprechstundenhilfe hereingeführt wurden. Er war aufgestanden und reichte beiden zur Begrüßung die Hand.

„Es geht um Gilde“, erklärte Damp. Möselbeck zog die Stirn in Falten, doch bevor er etwas fragen konnte, zog Damp den Totenschein aus einer Mappe und reichte ihn Möselbeck. „Sie haben dieses Dokument ausgestellt. Nun gibt es aber Zweifel, dass es sich um einen natürlichen Todesfall handelt.“

Möselbeck nahm das Formular. „Wie kommt ihr denn darauf?“ Er wartete aber die Antwort der Polizisten nicht ab, sondern rollte mit seinem Stuhl zu einem Aktenschrank, zog eines der Fächer auf und suchte nach einer Akte. „Nix für ungut. Aber Gilde war ein alter Mann. Über neunzig. Ein tolles Alter. So alt muss man erst mal werden. Da ist es ganz natürlich, dass man stirbt. Punkt.“ Er zog einen Hefter heraus, klappte ihn kurz auf, sah hinein und rollte dann wieder zurück an den Schreibtisch.

„Können Sie uns erzählen, wie Sie von Gildes Tod erfahren haben und was Sie daraufhin getan haben?“, meldete sich Rieder.

„Anna Rese rief mich an. Sie war von Frau Gilde gerufen worden, die ihren Mann tot aufgefunden hatte. Ich bin hingefahren, und es war alles korrekt.“ Möselbeck hatte dabei in der dünnen Akte geblättert und beim Sprechen auf der einen oder anderen Seite etwas nach gelesen. „Hier steht’s auch. Ich notiere mir immer alles genau bei Todesfällen. Heute steht man als Arzt ja immer mit einem Bein im Knast. „Eintreffen gegen 20.00 Uhr. Atemstillstand. Kein Puls an der Halsschlagader. Abhören Brustkorb und Herz. Keine Herztöne. Geweitete Pupillen. Gräuliche Färbung an den Fingerspitzen. Bei Beschau des Körpers keine Anzeichen für äußerliche Einwirkung. Auf Grund der Vorerkrankung Diagnose: Herzversagen. Keine Anzeichen für einen unnatürlichen Tod. 20.45 Uhr: Ausstellen des Totenscheins und Information der Witwe. Absprache mit Frau Rese über weiteres Vorgehen. Information an Notfallteam und Herrn Zion. Abtransport der Leiche in die Kapelle am Friedhof Kloster.“

Möselbeck reichte die Akte über den Schreibtisch. Rieder nahm sie und blätterte sie durch. „Mehr kann ich euch auch nicht sagen“, erklärte Möselbeck, „Gilde war nicht mein Patient, sondern ging hier auf Hiddensee immer zum alten Lang.“

„Der praktiziert noch?“, fragte Damp ungläubig.

„Ja, leider.“

Rieder sah den Arzt fragend an. „Lang war mein Vorgänger. Selbst Damp war noch nicht auf der Insel, als ich seine Praxis übernommen habe. Mancher Hiddenseer geht immer noch lieber zu ihm als zu mir. Dabei sind seine Methoden, na, sagen wir mal, etwas fragwürdig.“

„Was meinen Sie damit?“

Möselbeck stand auf, stellte sich hinter seinen Schreibtischstuhl und stützte sich mit den Händen darauf ab. „Lang ist eher ein Purist. Kommt einer zu ihm mit einer Wunde am Fuß, könnte seine Behandlung schon allein aus dem Rat bestehen, ein Bad in der Ostsee zu nehmen. Manchmal hilft es, manchmal auch nicht. Und was Gilde angeht … Ich habe mal einen Blick in den Nachttisch geworfen. Immer eine gute Informationsquelle für den Arzt.“ Möselbeck rieb sich das Kinn. Offenbar war er sich unsicher, ob er wirklich nicht seine Schweigepflicht verletzten würde. „Also da lagen diese blauen Pillen … ihr wisst, was ich meine.“

„Na, bei so einer jungen Frau“, meinte Rieder trocken. Damp schien noch nicht zu verstehen und sah seinen Kollegen verständnislos an.

„Mensch, Viagra, Damp!“

Bei Damp rutschte der Groschen. „Ach so.“

„Aber ich glaube nicht, dass er daran gestorben ist. Sein Gesamtzustand muss schon so kläglich gewesen sein, so erzählte es jedenfalls Anna Rese, dass ihm sicher nicht mehr der Sinn nach Sex stand. Er kämpfte mit seinem absterbenden Körper, war aber noch klar bei Verstand. Das zu erleben, wünsche ich keinem.“ Möselbeck richtete sich auf. „Reicht euch das?“

Damp schien unzufrieden zu sein. „Mir wäre es egal, aber ob es Bökemüller reicht? Und ob es die Hinterbliebenen glauben?“, gab er zu bedenken.

Möselbeck steckte die Hände in die Taschen seiner weißen Arzthose. „Mensch, Damp, wie gesagt, Gilde war über neunzig. Er hatte sein Leben gelebt. Wollt ihr ihn jetzt wieder ausgraben? Oder was? Ich habe das am Samstag auch schon der jungen Witwe erklärt. Sie machte da schon ziemlichen Wind.“

„Das hat aber nichts gebracht“, konstatierte Rieder trocken. „Und Gildes Sohn ist auch nicht viel besser.“

„Du meinst Richard? Der ist doch eigentlich ganz verträglich.“

Daraufhin berichtete Damp, was am offenen Grab von Werner Gilde passiert war. Möselbeck grinste. „Da haben die Hiddenseer wieder einen echten Skandal. Und ihr beide macht euch auch noch die Mühe, diesem Schwachsinn nachzugehen. Grad nicht viel los auf der Insel?“

„Wir glauben diesen Schwachsinn nicht, aber wir müssen ihm nachgehen“, antwortete Rieder resigniert. „Vorschrift ist Vorschrift. Gemeinsam mit Ihrer Aussage packen wir den ganzen Kram zusammen, schicken ihn nach Stralsund und warten ab.“

Die Polizisten standen auf. „Wo finden wir diesen Doktor Lang?“, fragte Rieder noch.

„Auf Teneriffa. Von Oktober bis Ostern überwintert er dort. Deshalb haben sie auch mich und nicht ihn geholt.“

Eine Stunde später war Rieder zu Hause. Gemeinsam mit Damp hatte er im Revier noch die Anzeigen von Gildes Hinterbliebenen und das Protokoll des Gesprächs mit Möselbeck fertiggemacht. Damp wollte die Sache schnell vom Tisch haben. Er hatte die Unterlagen an die Staatsanwaltschaft in Stralsund gemailt, auch wenn die Unterschriften fehlten, und dann dort angerufen, um die Entscheidung über eine Exhumierung Gildes zu beschleunigen. Rieder staunte über das energische Auftreten Damps. Das war gar nicht seine Art. Irgendetwas musste mit ihm passiert sein. Aber was nur, fragte sich Rieder.

Als er das Tor zum Grundstück im Vitter Wiesenweg öffnete, wurden alle Gedanken an Gildes Tod und Damps Verhalten verdrängt. Er stöhnte, als er wieder auf den hüfthohen Grasdschungel schaute. Es half nichts. Der Rasenmäher stand noch neben dem Schuppen. Rieder nahm den Fangkorb vom Mäher ab, fixierte die geöffnete Klappe mit einem Spanngurt und schloss das Netzkabel an. Der kleine Motor jaulte auf. Langsam begann Rieder eine erste Bahn entlang der Hausmauer zu ziehen. Die gehäckselten Gräser und Grashalme flogen durch die Luft. Bald war seine Kleidung mit einem grünen Pelz aus Heu überzogen. Obwohl es zum Abend hin immer kühler wurde, schwitzte Rieder. Aber es ging langsam voran. Nach einer Stunde hatte er fast die Hälfte seines Grundstücks abgemäht. Weil es so gut lief, kehrten die Gedanken an den Fall zurück – wenn es überhaupt ein Fall war. Rieder war überzeugt, dass es keine Ermittlungen geben würde und Gilde in seinem kalten Grab bleiben würde. Der medizinische Befund Möselbecks war eindeutig.

Rieder wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er sehnte sich nach einer Abkühlung. Nachdem er seine Kleidung abgeklopft hatte, schloss er das Häuschen auf. Sofort umfing ihn dieser besondere, leicht bittere Duft nach alten Möbeln, Kohlengrus und Staub. Im großen Zimmer waren die blaugemusterten Vorhänge noch geschlossen. Aber durch den kleinen Spalt tanzten die Schatten der Wolken im vergehenden Sonnenlicht. Rieder durchfloss ein warmes Gefühl von Geborgenheit. Das war sein Refugium. Aus dem alten Schrank im Zimmer mit den Glastüren nahm er sich einen Becher und ging in die Küche. Dort hatten über den Winter Spinnen Quartier gemacht und in allen Ecken Netze gespannt. Morgen würde er alles in Ordnung bringen. Er drehte den Wasserhahn auf. Doch es kam nichts heraus. Ihm fiel ein, dass hier das fließende Wasser nicht einfach aus der Wand kam. Er musste erst den Haupthahn im Garten aufdrehen. Rieder ging wieder hinaus, räumte die Feuersteine von der Abdeckung der Wassergrube. Das Grundwasser war durch das Tauwetter angestiegen und hatte die Hähne überspült. Rieder legte sich flach auf den Bauch und griff in das eiskalte Wasser. Glücklicherweise waren letztes Jahr die Hähne ausgetauscht worden. Er öffnete sie und spürte, wie das Wasser durch die Leitung floss. Auch aus dem Haus hörte er lautes Rauschen. Allein der geöffnete Wasserhahn in der Küche konnte das nicht sein. Rieder stand auf und lauschte. Es musste aus der Toilette kommen. Sie befand sich zwar im Haus, war aber nur von außen zugänglich. Dort konnte eigentlich nichts eingefroren sein. Über den Winter war dort ein kleiner Heizer auf niedrigster Stufe gelaufen, und Malte hatte kiloweise Salz ins Klo geschüttet. Rieder ging um das Haus und öffnete die Toilettentür. Ein kalter Wasserschwall überschüttete ihn. Er war sofort klatschnass. Aus einem Rohr schoss das Wasser. Rieder stürzte zurück zur Grube und schloss den Hahn wieder. Wenig später stand er vor Maltes Tür. Sein Nachbar konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Komm rein.“

VI

Gudrun Witt saß in der Morgensonne vor ihrem Haus am Schabernack und schälte Kartoffeln. Hier am Ortsausgang von Neuendorf, dem südlichen Inselort auf Hiddensee, konnte sie gut beobachten, wer wegfuhr und ankam. Ihr Telefon klingelte. Sie hatte es mit nach draußen genommen. Heiner sollte nicht geweckt werden. Er war von Mitternacht bis kurz nach sechs draußen gewesen. Auf Heringszug. Die Schwärme zogen gerade durch den Bodden. Ihr Mann hatte reiche Beute gemacht. Aber dann musste er noch nach Schaprode fahren, um dort den Fang abzuliefern. Dieser Umweg machte ihn immer ärgerlich. Auf Hiddensee war noch keine Saison, und damit bestand auch keine Nachfrage für den Fisch. Anders auf Rügen. Da lief der Verkauf an die Fischfabrik in Sassnitz und ein paar lokale Abnehmer, die daraus Pfefferhering, Bismarckhering, Brathering oder Matjes machten.

Gudrun nahm ab und meldete sich. „Beruhige dich erst einmal“, sprach sie in den Hörer. Dann lauschte sie wieder. „Das kann doch nicht wahr sein!“, rief sie wenig später aus. „Wo genau?“, und hörte wieder zu. „Ja, klar! Ich weiß, wo das ist.“ Sie warf das Kartoffelmesser in die Schüssel und stemmte entrüstet den Arm in ihre Hüfte. „Was soll ich machen? Bist du meschugge? Was hab’ ich damit zu schaffen? Ich habe auch gar keine Zeit. Bin gerade beim Kartoffelschälen. Heiner muss doch sein Mittagessen bekommen.“ Wütend schüttelte sie den Kopf, auch wenn es der Anrufer nicht sehen konnte. „Ja, ist ja gut. Ich mach’ schon. Hoffentlich gibt das keinen Ärger.“ Gudrun verdrehte die Augen. „Klar versteh’ ich dich. Aber irgendwann … Ja, ich ruf’ an. Nein. Ich sage nichts.“

Sie drückte den roten Knopf an ihrem Telefon und trug den Kartoffeltopf in die Küche. Dort legte sie Heiner einen Zettel auf den Tisch, dass sie gegen elf wieder da sein würde und hoffte, dass ihr Mann bis dahin schlafen würde. Kurz danach trat sie wieder vor die Tür, hatte ein Kopftuch umgebunden und eine blaue Wetterjacke über die Nylonschürze gezogen. Sie ging zum Schuppen und holte eine alte weiße Plane heraus. Sie hatte früher zu einem Pavillon gehört, den jedoch ein Sturm zerstört hatte. Gudrun begutachtete das Stück Kunststoff und klemmte es auf den Gepäckträger ihres Fahrrads. Dann setzte sie sich mit einem Ruck auf den Sattel, fand die Pedale und fuhr los, Richtung Süden.

Damp schaute immer wieder ungläubig auf das Telefon. Das tat er schon seit einer Stunde. Rieder hatte kurz angerufen, dass er heute freinehmen würde, wenn nichts weiter anliegen würde. Die Unterschriften von Martina Gilde und Richard Schlick könne er doch sicher selbst eintreiben. Wenn sich die Staatsanwaltschaft melden würde, solle Damp ihn anrufen. ‚Der feine Herr macht es sich schön bequem‘, hatte sich Damp gedacht. ‚Kippt den Müll einfach auf meine Seite des Schreibtischs.‘ Andererseits war er eigentlich der Chef des Hiddenseer Polizeireviers. Aber eben nur eigentlich.

Kurz danach hatte Damp eine SMS erhalten. Immer wenn die Anzeige aus dem Display verschwand, drückte er schnell eine Taste, und die Schrift war wieder da. Er las wieder und wieder den kurzen Text. Damp drehte sich zum Kalender an der Wand. Nur noch neun Tage bis Karfreitag. Er stand auf, steckte die Hände in die Hosentaschen und schaute aus dem Fenster. Draußen lief die morgendliche Geschäftigkeit. Die Elektrokarren der Reederei zogen Container mit Waren für die Supermärkte nach Kloster. Inselfrauen mit vollgepackten Taschen an den Rädern fuhren vorbei. Ebenso Handwerker, nur eine Hand am Rad, die Werkzeugtasche über der Schulter und unter einem Arm Rohre oder Holzbretter. Der Saisonbeginn stand vor der Tür. Ostern. Bis dahin musste sich Damp entscheiden.

„Lochfraß. Eindeutig Lochfraß.“ Hans Claasen klopfte mehrfach mit einem Schraubenzieher an das aufgeplatzte Bleirohr in der Toilette von Rieders Haus. Dabei schüttelte er immer wieder den Kopf. „Ich sag’s ja, Lochfraß.“ Er warf das Werkzeug in seine Ledertasche. „Das war nicht nur der Frost. Das war einfach alt. Und dann war das Rohr gleich hier hinter der Tür. Bei dem Winter. Keine Chance.“

Claasen schloss zum Beweis die Toilettentür und zeigte dann auf die breiten Ritzen zwischen Tür und Rahmen. „Das hält nix ab, Chef.“

„Kann man das denn reparieren?“, fragte Rieder vorsichtig. Er war schon froh, dass Claasen gleich gekommen war. Es hatte keine halbe Stunde gedauert, dann war der Vorarbeiter der Firma Inselbau mit dem alten weißen Lieferwagen vorgefahren.

Claasen kratzte sich am Kinn. „Kann man. Man gut, dass du gleich angerufen hast. Die Frage ist, ob du wieder Kupfer haben willst oder wir gleich mal die ganze Schose hier umbauen auf Plastik. Das ist besser. Verstehste?“

Geduzt wurde der Polizist von den Bauarbeitern der Inselbau, seit er den Mord an ihrem Chef aufgeklärt hatte. Es war eine Art Hiddenseer Ritterschlag. Obwohl auch Damp daran seinen Anteil hatte und sogar in Lebensgefahr geraten war, verwehrten ihm die Bauleute diese Ehre. Er war Rüganer. Eine unüberwindbare Hürde für Vertraulichkeiten.

Rieder hatte von unterschiedlichen Rohrqualitäten keine Ahnung, sondern wollte nur wieder fließendes Wasser. „Das kann ich nicht entscheiden. Ist ja nicht mein Haus. Ich bin nur der Mieter.“

„Musste aber“, beschied ihm Claasen eindringlich. „Viel Zeit ist nicht. Wenn ab übermorgen die Sommerhäusler antraben, dann keine Chance. Dann kommste nicht mehr dran.“

Als Sommerhäusler bezeichneten die Hiddenseer die Besitzer der zahlreichen Datschen auf der Insel. Viele befanden sich in der Dünenheide zwischen Vitte und Neuendorf, aber auch im Hochland von Kloster. Die meisten waren vor Jahrzehnten gebaut worden. Obwohl viele Häuser nach der Wende saniert worden waren, blieben es Sommerhäuser mit dünnen Wänden und Wasserleitungen, die nicht tief in der Erde lagen.

„Eins ist ja klar, nach dem Winter fliegen denen in der Heide die Hähne und Rohre um die Ohren wie die Löcher aus dem Käse. Da ist für uns Saison. Und da sie es ja alle so hübsch wie zu Hause haben wollten, ist das richtiger Dreck. Alle Rohre unter Putz. Noch schön Kacheln draufgeklebt. Das muss dann alles runter. Und dann sind wir ausgebucht. Da kiekste in den Mond. Also?“

„Ja, dann …“

Claasen nahm das als Zustimmung, hockte sich hin und begann in seiner Werkzeugtasche zu wühlen. Er holte verschiedene Rohrstücke hervor, hielt sie kurz hoch und verglich sie mit dem geplatzten Rohr und warf sie dann wieder zurück, bis er endlich ein passendes Plastikteil gefunden hatte. Er hielt es neben die geborstene Leitung und nickte.

„Das ist dann wie in einer Fabrik“, erzählte der Handwerker weiter. „Einer geht rein, kloppt die Wand auf, holt den Mist raus, dann komme ich, schraube die neuen Rohre rein, und zum Schluss müssen die Maurer und der Fliesenleger ran.“

Claasen hatte sich mit einer Rohrzange bewaffnet und versuchte das kaputte Rohr abzuschrauben. Er umfasste die metallene Muffe mit der Rohrzange und versuchte sie zu drehen. Doch es war widerspenstig. Es tat sich nichts. Claasen begann heftig zu rütteln. Das Haus bebte. Rieder lief ins Bad und sah, dass sich an dem Loch, durch dass das Rohr von der Toilette in das kleine Bad führte, immer mehr Putz ablöste und ins Waschbecken fiel. Er eilte zurück und bot Claasen an, auf der anderen Seite der Wand gegenzuhalten. Claasen lehnte ab und würgte weiter. „So ein Schiet!“, brüllte er dabei. „Wie alt ist denn dieser Kladderadatsch? Das hat wohl noch der Kaiser eingebaut?“

Rieder rannte wieder ins Haus. Die Putzbrocken wurden größer. „Hier fällt alles von der Wand!“, rief er.

Claasen hielt ein. „Dann halt doch endlich mal gegen“, befahl er. Und wirklich. Mit gemeinsamer Kraft gab das Rohr seinen Widerstand auf und konnte abgeschraubt werden. Claasen trabte zu seinem Lieferwagen. Er holte einen mobilen Schraubstock heraus, um das neue Teil auf Maß zu schneiden. Rieder wollte nicht nur blöd danebenstehen. „Haben Sie … äh … habt ihr von der Inselbau auch das Haus von Gilde saniert.“

„Haha“, lachte Claasen, ohne die Arbeit zu unterbrechen, hässlich auf. „Dem waren wir nicht gut genug.“ Er richtete sich auf, beugte den Rücken gerade und verzog dabei vor Schmerz das Gesicht. „Der hat sich alles von Berlin kommen lassen. Maurer, Klempner und was weiß ich. Völlig gegen die Regel. Wer hier baut, baut mit uns. Aber bei Gilde Pustekuchen.“ Er spuckte aus. Für einen Hiddenseer das höchste Maß der Verachtung. Schlimmer als nur den Gruß zu verweigern.

Mit dem zugeschnittenen Rohr ging Claasen in die Toilette und begann es einzubauen. „Ein Theater hat der Gilde gemacht. Alles wurde abgesperrt mit großen Wänden, damit keiner reingucken kann. War aber trotzdem drin.“ Claasen grinste.

Rieder wurde hellhörig. „Und?“

„Schon alles gut gemacht“, räumte Claasen ein. „Die Wände gespachtelt, aber so glatt. Wahrscheinlich mit so einer Maschine. Da siehste keine Spur. Auch sonst alles vom Feinsten. Marmorfliesen in Bad und Küche, Eichenparkett in allen Zimmern.“ Claasen zwinkerte verschwörerisch mit einem Auge. „Viel Freude wird man daran nicht haben bei dem Sand hier. Da kannste die Füße abtreten, wie du willst. Der Sand ist wie ein Reibeisen, zieht schöne kleine Furchen. Kommt dann die Feuchtigkeit von Herbst bis Frühjahr, dann gute Nacht.“

Er klopfte an das eingebaute Rohr. „So fertig. Jetzt kannste mal das Wasser anstellen.“

Rieder langte in den Schacht vor dem Haus und drehte den Hahn auf. Er hörte es rauschen und schreckte hoch. Doch Claasen hatte nur den kleinen Wasserhahn über dem Waschbecken in der Toilette aufgedreht. Dann probierte er die Spülung der Toilette aus. „Alles klar. Rechnung folgt.“ Claasen hängte sich die Werkzeugtasche um und ging zum Lieferwagen. Rieder lief ihm hinterher, zog seine Geldbörse heraus und wollte ihm einem Zwanzig-Euro-Schein geben. „Nee, lass mal Meister. Die Zeiten sind vorbei.“

Rieder hielt ihm aber weiter den Schein hin. „Dann für die Kaffeekasse.“

„Dann will ich mal nicht so sein.“ Er nahm den Schein, schob seine Tasche in den Wagen und deutete auf eine ganze Ladung von Kartons. „Schon voll munitioniert für die große Schlacht. Rohre, Hähne, Kacheln und was weiß ich. Ist das beste Wochenende im ganzen Jahr. Da rollt der Rubel. Unsere Frauen schicken wir zur Verwandtschaft nach Rügen, denn dann geht’s rund von früh bis spät.“

Claasen reichte Rieder die Hand und stieg ein. „Tja, dem Gilde hat das ganze Geld auch nicht geholfen“, philosophierte er, während er in der Brusttasche seiner Latzhose nach dem Autoschlüssel suchte. „Sterben muss jeder. Und nun hat es ihn auch erwischt. War ja auch alt genug“. Damp kam auf der Gegenseite mit dem Streifenwagen angefahren. Kein Blaulicht. Es konnte also nicht dringend sein. Damp hatte wieder die alte grüne Uniform an. Er ließ die Seitenscheibe herunter, winkte kurz Claasen zu, doch der erwiderte nicht seinen Gruß, sondern fuhr einfach los. Dann wandte sich Damp an Rieder: „Ein Toter liegt am Schwarzen Peter.“

VII

Besonders eilig schien es Damp nicht zu haben. Sonst würde er auf das Gaspedal treten, die Sirene einschalten und somit den Insulanern verkünden: Es ist was passiert. Aber heute fuhr er trotz Notruf ziemlich gemächlich Richtung Neuendorf. „Haben wir schon was über die Identität der Leiche?“, fragte Rieder.

Damp schüttelte den Kopf. „Gudrun Witt hat angerufen. Danach bin ich gleich los.“

„Und Möselbeck und die Rettungssanitäter?“

Damp schlug sich an die Stirn. „Mensch, habe ich völlig vergessen!“

Was war mit seinem Kollegen los, fragte sich Rieder erneut im Stillen und wählte die Nummer des Inselarztes.

Möselbeck meldete sich. „Ich bin schon unterwegs“, rief er. „Gudrun Witt hat mich angerufen.“ Es waren laute Fahrgeräusche zu hören. Wahrscheinlich nutzte der Arzt seine neue Freisprecheinrichtung. Ein Erfolg von Damps neuer Bußgeldstrategie. Er hatte festgestellt, dass Telefonieren am Steuer – oder auf Hiddensee am Fahrradlenker – viel mehr an Bußgeld einbrachte als Fahren ohne Licht oder die mangelnde Fahrtüchtigkeit der Inselräder, nämlich das Doppelte. Dazu sogar noch einen Punkt in Flensburg. Für Damp war das eine ganz neue Liga. Punkte für Autofahrer, obwohl sie bis auf Möselbeck gar nicht beim Autofahren gegen die Verkehrsregeln verstoßen hatten. Jedenfalls machte Damp nun geradezu Jagd auf die telefonierenden Verkehrssünder. Den Inselarzt hatte er schon dreimal erwischt.

„Wir treffen uns vor Ort.“ Damit beendete Möselbeck das Gespräch.

„Ach übrigens, ich bräuchte Ostern die vier Tage frei“, erklärte Damp.

„Könnte schwierig werden, wenn Gilde ausgebuddelt werden muss oder der Tote heute Probleme macht“, fügte Rieder nach einer kurzen Pause hinzu.

„Ich denke, Gilde wird nicht ausgebuddelt“, erwiderte Damp. Die beiden Polizisten wechselten einen kurzen Blick. „Ihre Worte“, beschied Damp seinem Kollegen. „Ich brauche aber von Karfreitag bis Montag frei. Keiner kann von mir verlangen, dass ich an den Feiertagen arbeite.“

So hatte Rieder seinen Kollegen noch nicht erlebt. Damp war ihm bisher immer als Polizist mit Leib und Seele erschienen. Er meckerte mal über seinen Chef in Stralsund. Aber wer tat das nicht. Damp war sicher auch keine Fleißmeise, wenn es nicht gerade um Verkehrskontrollen ging. Aber er hatte sich noch nie vor dem Dienst gedrückt, schon gar nicht, seit er Revierleiter auf Hiddensee war.

„Also wie gesagt, von mir aus kein Problem, wenn nichts dazwischen kommt“, meinte Rieder, um die Diskussion zu beenden. Trotzdem hätte er gern gewusst, was hinter Damps Frage steckte. Was hatte er Ostern vor?

Sie fuhren bereits durch Neuendorf. Möselbeck hatte mit seinem Jeep zu ihnen aufgeschlossen. Im Seitenspiegel sah Rieder, dass wenigstens er das Blaulicht eingeschaltet hatte. Rieder drückte den Knopf für das Sondersignal. Damp knurrte. „Muss ja nicht jeder gleich wissen, was los ist. Dann haben wir gleich die ganzen Gaffer am Hacken.“

Rieder ging nicht darauf ein. „Wir sollten auch die Spurensicherung in Stralsund anrufen.“ Er begann in seinem Telefonspeicher nach der Nummer von Holm Behm zu suchen, dem Chef der Stralsunder Spurensicherung.

„Warum? Muss ja nicht jeder Tote gleich ermordet worden sein“, wandte Damp barsch ein. Rieder blickte erneut zu ihm hinüber. Sein ganzes Gesicht war jetzt angespannt, er knirschte mit den Zähnen. Rieder antwortete nicht. Er steckte das Telefon ein, und beide schwiegen. Am Strandcafé am Ortsende von Neuendorf bogen sie nach links auf den Deichweg ein. Rieder schaute zu dem verlassenen Haus. Er spürte einen Stich in der Brust. Bis zum Herbst hatte hier Charlotte Stein die Geschäfte geführt. Sie waren ein Paar gewesen, doch Charlotte wollte mehr als nur eine Liebe ohne Verpflichtungen. Sie hatte ihn und Hiddensee verlassen, war nach Mallorca gegangen und dort Geschäftsführerin in einem Restaurant. So meldete es jedenfalls Malte Fittkau. Woher er seine Information hatte, wollte er Rieder nicht verraten. Charlotte hatte sich nicht einmal von Rieder verabschiedet. Sie hatte ihm nur einen Brief hinterlassen. Darin hatte sie sich über Rieders Unentschiedenheit beklagt. Er hatte den Brief von Malte Fittkau erst im Januar nach seiner Rückkehr auf die Insel erhalten. Geantwortet hatte er ihr nicht. Dazu fühlte er sich zu schuldig, denn er hatte Charlotte auch noch mit seiner Kollegin Nelly Blohm betrogen. Sollte er ihr das schreiben? Vor sich selbst rechtfertigte er seinen Fehltritt als harmlosen One-Night-Stand. Aber warum feuerten jetzt so seine Wangen und wurden seine Hände feucht? Symptome des schlechten Gewissens? Rieder drehte sich noch einmal nach dem „Strandcafé“ um. Er hielt kurz inne. Hatte sich dort nicht gerade die Gardine bewegt? Bevor er genauer hinsehen konnte, wurde er heftig durchgeschüttelt. Damp war nach rechts auf den alten Deich eingebogen. Der Steindamm war von riesigen Betonfugen durchzogen. Ein Härtetest für jeden Stoßdämpfer. Rieder musste leicht den Mund öffnen. Sonst hätten seine Zähne angefangen zu klappern.

Gudrun Witt stand mit verschränkten Armen mitten auf dem Deich. Um sich vor dem Wind zu schützen, hatte sie die Kapuze ihrer Wetterjacke über den Kopf gestülpt. Rieder erkannte in der kleinen stämmigen Frau die Köchin aus dem „Strandcafé“. Sie war berühmt für ihren gebratenen Dorsch und ihre Matjesfilets. Selbst Insulaner, die selten in ein Restaurant gingen, waren extra wegen Gudruns Kochkünsten ins „Strandcafé“ gekommen. In seiner Zeit auf der Insel hatte Rieder fast alle Gaststätten auf der Insel mit Charlotte getestet. Sie nannte das ,Feindbeobachtung‘. Danach hatte sie mit Gudrun beraten, mit welchen Gerichten man der Konkurrenz Paroli bieten konnte.

„Guten Tag, Gudrun“, begrüßte Rieder die Frau. „Lange nicht gesehen.“

Gudrun erwiderte den Gruß nicht. „Wird Zeit, dass ihr endlich kommt. Ich erfriere vor Kälte.“ Dann deutete sie mit dem Kopf zur Boddenseite. „Da liegt er.“

Die beiden Polizisten blickten nach unten. Möselbeck kam dazu. Es waren nur die Füße des Toten zu sehen. Sonst war der Körper mit einer schmutzig weißen Plastikplane zugedeckt. Neben der Leiche lehnte ein Fahrrad am Fuße des Deichs. Etwas weiter weg war eine Staffelei aufgestellt, daneben ein Holzkasten. Dahinter befand sich ein Fahrradanhänger mit einer Abdeckung.

„Ich hol’ mal den Einsatzkoffer“, erklärte Rieder und ging zum Heck des Wagens. Er war schon dabei, als Damp hinter ihm her stürzte und rief: „Der Koffer liegt auf dem Rücksitz.“

Aber Rieder hatte schon die Klappe des Kombis geöffnet. „Was ist das?“, fragte er erstaunt. Im Kofferraum standen mehrere Eimer Wandfarbe, einige Pinsel sowie allerlei weiteres Malerzubehör. Außerdem ein Eimer mit zahlreichen Putzmitteln.

„Das geht Sie nichts an!“, blaffte Damp und versuchte die Klappe wieder zu schließen.

„Wollen Sie renovieren?“, hakte Rieder neugierig nach.

„Und wenn?“

„Schon gut“, versuchte Rieder die Situation zu entspannen. Er ging zur hinteren Tür des Wagens und zog den Koffer heraus. „Wollen wir dann mal nach unten gehen?“

Damp schüttelte den Kopf, offenbar immer noch wütend. „Ich bleibe hier oben und schau mich mal um. Außerdem muss auch einer mit Frau Witt reden.“

„Was war denn mit Damp los?“, fragte der Inselarzt, als er mit Rieder über die glatten Steine des Deichs hinunter zum Ufer kletterte.

„Keine Ahnung“, erwiderte der Polizist. „Er ist momentan etwas merkwürdig. Mal total aufgekratzt, dann wieder wütend. Ich frage mich, warum er renovieren will.“

„Hat das noch mit Ihrem Undercover-Einsatz im Winter zu tun? Ist er immer noch beleidigt, dass Sie ihn damals nicht informiert haben?“

Rieder zuckte mit den Schultern. „Sicher war das von mir nicht ganz sauber, aber … ach, was soll ich sagen … vielleicht, vielleicht auch nicht. Lassen wir das und kümmern uns um unseren Kunden hier.“

Er machte ein paar Fotos von der abgedeckten Leiche und der Umgebung. Die Steine des Bollwerks waren mit einer leichten Teerschicht überzogen. Was Rieder wunderte: dass auf der Staffelei kein Bild stand. In der Holzkiste befanden sich Pinsel, Farben, ein gefülltes Wasserglas, Farbpaletten. Rieder stellte sich vor die Staffelei und hielt nach einem Motiv Ausschau. „Was kann man hier malen wollen? Was ist das Motiv für einen Maler?“

Auch Möselbeck schaute sich um. „Schaprode ist definitiv zu weit weg.“ Der Arzt deutete über den Bodden nach Rügen, zu dem kleinen Dorf, von dem die Fähren nach Hiddensee ablegten. „Da sieht man kaum noch den Kirchturm.“

„Das Schilf ist nun auch nicht besonders attraktiv. Von dem alten Deich ganz zu schweigen“, bemerkte Rieder.

Dann hoben sie vorsichtig die Plane nach oben, um keine Spuren auf dem Körper des Toten zu verwischen. „Das ist ja der olle Kempe!“, rief Möselbeck aus.

Jetzt erkannte auch Rieder den Toten. „Ich habe ihn gestern noch gesehen. Nach dem Leichenschmaus für Gilde. In Kloster am ‚Hitthim‘. Da war er noch ganz munter.“ Als er sich den Toten näher anschaute, erinnerte sich Rieder, dass er Kempe früher öfter auch im Strandcafé gesehen hatte. „Ich glaube, der hat er immer mal bei Charlotte an der Theke gesessen mit Bier und Korn.“

Möselbeck nickte. „Das kann ich mir vorstellen. Er war kein Kostverächter, wenn’s ums Trinken ging. Seine Leber fand das nicht so gut. Sein Herz auch nicht. Die typische Künstlerkrankheit. Er war ja auch schon über achtzig. Vielleicht war es einfach zu viel für ihn. Erst trinken, dann mit dem Rad hier runter. Da kann das Herz schnell mal schlapp machen. Hier hängen nicht wie in Berlin an jeder Ecke Defibrillatoren.“

Rieder machte noch ein paar Aufnahmen. Die Gesichtszüge des Toten wirkten entspannt, als sei er friedlich eingeschlafen. „Also ein ganz natürlicher Tod“, stellte Rieder fest.

„Mal sehen“, verkündete Möselbeck, zog ein paar Latexhandschuhe über und hockte sich hin. Er begann mit der äußeren Leichenschau, bewegte Arme und Beine. „Die Leichenstarre ist schon voll ausgeprägt“, verkündete der Arzt. „Wenn man die kalte Nacht berücksichtigt, ist er so zwischen zwölf und vierzehn Stunden tot.“ Möselbeck schaute kurz auf die Uhr. Es war jetzt kurz nach zehn. „Ich würde den Todeszeitpunkt auf gestern Abend zwischen 20 und 22 Uhr eingrenzen.“

„Da war es doch schon dunkel. Wie soll er ohne Tageslicht noch gemalt haben?“, wunderte sich Rieder.

Möselbeck öffnete die Kleidung des Toten, um nach Wunden zu suchen. Als er Kempes Kopf anhob, stutzte er. Darunter hatte sich eine kleine Blutlache gebildet. „Sehen Sie mal.“ Rieder kniete sich neben den Arzt. Möselbeck war schon dabei den Kopf des Toten zu drehen. Am Hinterkopf klaffte eine tiefe Wunde. Es war ein richtiges Loch. Der Arzt sah sich um, schaute sich den Boden genauer an. „Diese Wunde passt nicht zu der Fläche hier. Hier ragt nichts Spitzes aus dem Boden. Der Teerüberzug über den Steinen ist völlig glatt. Er muss von hinten erschlagen worden. Vielleicht mit einem Stein.“

Damp hatte seinen Notizblock aus der Brusttasche gezogen. „Also, Gudrun, nur mal fürs Protokoll. Wann hast du den Toten gefunden?“

Gudrun Witt stand immer noch mit verschränkten Armen. „Na, kurz bevor ich dich angerufen habe.“

„Geht es etwas genauer?“

„So gegen halb zehn. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen.“

„Hm“, brummte Damp. „Und kennst du den Toten?“

Gudrun schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, wer das ist.“

Rieder war wieder auf die Deichkrone geklettert und zog Damp ein Stück zur Seite. Er flüsterte seinem Kollegen zu, was Möselbeck entdeckt hatte. „Also Mord!“, rief Damp aus. „So ein Mist! Und es ist der alte Kempe?“

Genau das hatte Rieder vermeiden wollen. „Wenn Sie weiter so brüllen, können wir gleich einen Aushang am Rathaus machen.“

Aber Gudrun hatte genug gehört. Sie schlug die Hand vor den Mund. Damp straffte seine Uniform und ging wieder zu ihr.

„Willst du mich eigentlich für dumm verkaufen? Du willst den alten Kempe nicht erkannt haben?“

„Ich habe nicht so genau hingesehen. So eine Leiche ist ja kein schöner Anblick.“

Damp fixierte sie mit einem stechenden Blick, bohrte aber nicht weiter nach. Er machte erst mal mit Routinefragen weiter.

„Also Gudrun, was hast du hier gemacht?“

Gudruns Augen verengten sich kurz, bevor sie antwortete: „Ich bin spazieren gefahren. Mit meinem Rad.“

Da brach auch schon das Donnerwetter über sie herein. Damp stemmte sein Hände in die Hüften. „Du willst hier um halb zehn spazieren gefahren sein? Wer soll dir das glauben? Deine Großmutter?“

Gudrun war etwas zurückgewichen. Ihre Arme hingen schlaff herab. „Aber so war es“, brachte sie stockend hervor.

„So soll es gewesen sein?“, wiederholte Damp im scharfen Ton. „Du fährst um halb zehn früh spazieren? Dass ich nicht lache!“ Dann kam er mit seinem Gesicht Gudrun ganz nah. „Ich sag’ dir mal, was du um halb zehn machst. Du sitzt in deiner Küche und schälst Kartoffeln, damit um zwölf für Heiner das Essen auf dem Tisch steht!“

„Woher willst du denn das wissen?“

„Weil ich es weiß. Oder hast du nicht immer bei Charlotte gejammert, wie dich dein Alter nervt, weil immer um zwölf das Essen auf dem Tisch stehen muss?“

„Lass Charlotte aus dem Spiel!“, blaffte Gudrun zurück.

Doch Damp hörte gar nicht zu, so war er in Fahrt. „Und die Plane? Die haste immer bei deinen Spazierfahrten dabei?“

Gudrun stutzte kurz. Dann verschränkte sie wieder die Arme vor der Brust. „So ist es aber gewesen“, beharrte sie trotzig auf ihrer Aussage.

„Aber so kann es nicht gewesen sein“, widersprach ihr Damp erneut. Rieder hatte bisher schweigend daneben gestanden. „Gudrun, mit hoher Wahrscheinlichkeit ist Kempe ermordet worden. Ich würde mir an deiner Stelle genau überlegen, was du uns sagst.“

„Ich kann nur sagen wie es gewesen ist“, erwiderte sie mit brüchiger Stimme. Dann brach sie in Tränen aus. Sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.

VIII

Obwohl die Steine noch recht kalt waren, saßen Damp und Rieder auf der Deichkrone. Der Wind hatte nachgelassen. Die Sonne brach zwischen den Wolken hervor und wärmte die Luft. Sie warteten auf die Spurensicherung aus Stralsund. Der Greifswalder Rechtsmediziner, Dr. Krüger, hatte mitgeteilt, dass er seine Vorlesungen an der Universität nicht verschieben könne. Wenn die Spurensicherung ihre Arbeit gemacht habe, solle ein Beerdigungsunternehmen von Rügen die Leiche ins Rechtsmedizinische Institut nach Greifswald bringen.

„Warum kommt Behm eigentlich nicht mit der Wasserschutzpolizei?“, fragte Rieder.

„Gebauers Boot ist in der Werft. Motorschaden“, antwortete Damp.

„Schon wieder?“ Rieder überlegte kurz. „Das ist doch das dritte Mal, seit ich hier bin.“ Und er war erst seit einem Jahr auf der Insel.

„Das ist eine alte Schabracke. Der Kahn war schon so gut wie ausgemustert, als er aus Kiel hierher verfrachtet wurde. Die Wessis haben uns doch nach der Wende den ganzen Schrott angedreht. Diese Fähre, die im Winter nicht fährt, und diese Polizeiboote, die im Frühjahr kaputt sind. In Dienst gestellt 1974. Da bin ich noch zur Schule gegangen.“

„Also, wir konnten uns nicht beschweren. Wir bekamen in Halle 1990 zwar alte Passat Kombi. Erdbraun. Aber hinten war so viel Platz, da konnte man bei Observationen mal ’ne Schicht Schlaf einlegen. Und da die Jungs immer noch dachten, wir seien mit Lada und Wartburg unterwegs wie Hauptmann Fuchs aus dem ‚Polizeiruf 110‘ und nicht mit einem alten Westschlitten, waren wir auch ganz schön erfolgreich …“

Damp wandte sich Rieder zu. „Sie kommen aus dem Osten?“

„Ja.“

„Das haben Sie nie erzählt.“

„Warum auch? Spielt das eine Rolle?“

„Aber Sie waren doch Leitender Ermittler einer Mordkommission in Westberlin.“

„Na und? Mein Partner kam aus dem Ruhrgebiet. Wir saßen in Charlottenburg. Westberlin gibt’s schon länger nicht mehr.“

„Für mich schon.“ Damp versank in Gedanken. „Ich dachte immer, Sie sind aus Berlin“, begann er wieder.

„Selbst wenn, hätte ich ja auch aus dem Osten Berlins kommen können.“

„Komisch, hätte ich nicht gedacht, dass Sie ein Ossi sind.“

„Dann haben wir das jetzt mal geklärt.“

„Ich fand es nicht gut, die Witt einfach gehen zu lassen“, wechselte Damp das Thema.

„Die wird schon nicht abhauen. Wo soll sie denn hin?“

„Trotzdem.“

Rieder hatte gewartet, bis sich Gudrun Witt beruhigt hatte und sie dann nach Hause geschickt. „Wir werden aber noch mal mit Ihnen reden müssen.“

Damp war zwar mit dieser Entscheidung nicht einverstanden, hatte aber nicht widersprochen. Gudrun Witt hatte ihr Rad genommen, war aufgestiegen und langsam auf dem Deich zurück nach Neuendorf gefahren.

„Und wenn sie doch abhaut?“, beharrte Damp.

„Sie haben ja Recht, dass mit Gudruns Geschichte was nicht stimmt. Aber können wir ihr das Gegenteil beweisen? Was nicht stimmt, kriegen wir hier auf der Insel nicht raus, wenn wir Gudrun Witt aufs Revier mitnehmen. Da haben wir gleich die Neuendorfer gegen uns. Die reden schon so nicht gern mit uns.“ Die Bewohner des südlichen Inseldorfes waren eine verschworene Gemeinschaft. Schon seit Jahrhunderten. Früher hatten sie in einer Fischerkommune, einer Art Genossenschaft miteinander gearbeitet und alles miteinander geteilt. Der Zusammenhalt war bis heute geblieben. Die Insulaner in Vitte und Kloster waren von einem anderen Schlag. Sie hatten sich immer als stolze freie Fischer gefühlt. Zwischen Neuendorf und Vitte schien eine unsichtbare Grenze quer über die Insel zu verlaufen. Oder wie sagte Malte Fittkau? „Neuendorf ist Ausland.“

Aber Malte spielte in Rieders Überlegungen eine wichtige Rolle. „Ich habe eine andere Idee. Wir müssen Gudrun Witt beobachten und sehen, was sie tut.“

„Na prima, wir sind ja auch auf der Insel so unsichtbar wie ein rosa Elefant“, entgegnete Damp und winkte ab.

„Ich dachte an eine Art Spion“, erklärte Rieder.

„Und wer soll das sein? Wollen Sie die Blohm von Rügen holen“, fragte Damp listig.

„Keinen Fremden. Der fällt doch hier nur auf. Ist doch noch keine Saison. Ich dachte an Malte.“

„Den Fittkau?!“, rief Damp aus. „Der quatscht doch alles aus.“

„Hat er im Winter auch nicht getan“, erwiderte Rieder und bereute sofort seine Antwort. Malte Fittkau war Rieder im Winter bei seinem Undercover-Einsatz auf der Insel, wenn auch durch Zufall, auf die Schliche gekommen, hatte ihn aber gegenüber Damp nicht verraten. Deshalb war er auch nicht gut auf Fittkau zu sprechen.

„Die suchen doch Leute, die den alten Fischerschuppen in Neuendorf entrümpeln. Da soll doch dieses neue Museum rein. Gleich da am Ortseingang und ganz in der Nähe vom Haus der Witts. Dafür könnte sich Malte doch melden und dabei ein Auge auf Gudrun werfen.“

Damp schwieg, aber Rieder konnte fühlen, wie es in seinem Kollegen arbeitete. „Sie glauben, die Neuendorfer lassen einen aus Vitte ihre alten Sachen rausräumen? Träumen Sie weiter.“

„Es kommt auf einen Versuch an.“

Da hörten sie das Brummen eines Hubschraubers in der Luft. „Na endlich!“

Holm Behm und sein Assistent Sascha buckelten die Koffer der Spurensicherung über den Deich. Der Polizeihubschrauber war weit hinter dem Deichende am kleinen Leuchtturm Gellen niedergegangen. Der Pilot hatte sich nicht getraut, in der Nähe des Boddenufers zu landen. Er fürchtete, beim Aufsetzen im moorigen Boden zu versinken. Doch auch am Leuchtfeuer war der Boden durch die Schneeschmelze weich und schlammig. Von dort bis zum Schwarzen Peter waren es einige hundert Meter. Die Hosen der beiden Beamten aus Stralsund waren übersät mit braunen sandigen Spritzern.

„Diese Plackerei“, stöhnte Behm, als er endlich am Tatort ankam. „Hätte ich das gewusst, wäre ich mit dem Auto gekommen. Die Fähre von Schaprode fährt doch wieder?“

Damp und Rieder nickten. „Wahrscheinlich wäre ich auch schneller gewesen. Erst mit dem ganzen Zeug raus zur Marineschule, dann mit dem Ding da hierher“, er deutete zum Hubschrauber, der gerade wieder abhob, „und nun noch die Schlepperei.“

Die beiden Inselpolizisten nickten wieder. Jetzt mit einem mitleidigen Blick.

„Und? Was haben wir hier?“

Rieder wies auf den Toten am Fuß des Deichs. „Alter Mann, wahrscheinlich erschlagen.“ Er schaute kurz auf die Uhr. „Jetzt so sechzehn Stunden tot. Der Inselarzt meinte, es könnte ein spitzer, kantiger Gegenstand gewesen sein.“

„Habt ihr die Tatwaffe schon gesucht oder gefunden?“

Damp und Rieder schüttelten die Köpfe.

„Warum nicht?“

„Du beschwerst dich doch immer, wenn alles zertrampelt ist.“

„Sollen wir beide jetzt hier rumsuchen …“

Wenig später waren Damp und Holms Assistent Sascha ausgeschwärmt und suchten das Gelände um den Deich und das Bollwerk nach der Tatwaffe ab. Man hatte sich auf einen spitzen massiven Stein geeinigt. Rieder war bei Behm geblieben. Zuerst hatte der Spurensicherer die Jackentaschen des Toten geleert. Ein paar Schlüssel und eine abgenutzte Brieftasche waren zum Vorschein gekommen. Er reichte die Sachen Rieder. Die Schlüssel verstaute Rieder gleich in einer durchsichtigen Asservatentüte, das Lederetui durchsuchte er nach Papieren. Einen Ausweis gab es nicht, aber dafür einen rosa DDR-Führerschein, Klasse B. Rieder klappte die Pappkarte auseinander. Ihm schaute ein jüngerer Kempe entgegen, doch Frisur und selbst die Falten im Gesicht ähnelten dem Toten. Das Ausstellungsdatum war 1985. Damals war Kempe um die fünfzig gewesen. Eine Adresse gab das Dokument nicht her. Sicher wusste Damp, wo der Tote gewohnt hatte. Behm untersuchte die Hände des Toten, gab es aber bald auf. „Der hat so viel Malerdreck unter den Fingernägeln. Da wird es schwierig werden, irgendwelche Fremd-DNA zu sichern, wenn es überhaupt welche gibt. Anzeichen für einen Kampf sind ja auch nicht zu sehen.“

Rieder schaute kurz hoch und beobachtete seinen Kollegen, wie er die Hände der Leiche vorsichtig in Plastiktüten verpackte und dann an den Unterarmen zuschnürte. Dann tastete er weiter die Kleidung des Toten ab. In einer Hosentasche fand Behm ein paar Münzen und ein Stofftaschentuch. Rieder hatte gehofft, er würde ein Funktelefon finden.

„Haste übrigens gehört, dass Bökemüller eine neue Truppe aufstellt?“

„Nö, woher?“

„Na, ich dachte, dass du mit dem Alten doch auf gutem Fuß stehst.“ Behm wandte sich den Schuhen zu, suchte zuvor mit einer Lupe noch die Kleidung nach Faserspuren ab.

„Ich habe Bökemüller zuletzt im Januar gesehen, kurz nach der Aktion hier auf der Insel. Was soll das denn für eine Truppe sein?“

„Soll sich SOKO Bäderpolizei nennen. Bökemüller hat mich gefragt, ob ich mitmachen würde.“

„Und?“

„Würde mich schon reizen. Einsatzgebiet soll vom Darß über Rügen bis nach Usedom reichen. Hauptstandort Stralsund. Das käme mir natürlich zupass. Da kannste meistens, wenn was passiert, abends auch noch nach Hause fahren.“

„Nach Hiddensee kann man weder von Stralsund noch von sonstwo hier oben abends nach Hause. Und dann immer in Hotels und Pensionen abhängen, na, ich weiß nicht.“

„Willst du denn auf der Insel bleiben?“

Rieder zuckte mit den Schultern. „Im Moment schon. Mir gefällt’s hier.“

„Und mit Damp?“

„Was soll mit Damp sein?“

„Kommt ihr miteinander klar nach der Nummer im Winter?“

„Schon“, um nach einer Pause noch anzufügen, „irgendwie eben.“

„Naja“, plauderte Behm weiter, „ich habe Bökemüller gesagt, du müsstest den Chef machen.“

„Was hast du ihm gesagt?“ Rieder war aufgebracht. Er mochte es nicht, wenn sich andere in seine Angelegenheiten einmischten oder glaubten, sein Anwalt sein zu müssen.

Behm schaute sich kurz um. „Nicht so laut. Die beiden müssen nicht hören, was läuft.“

Er trat näher an Rieder heran. „Mal im Ernst, wer sollte es sonst machen? Nichts gegen die Kollegen aus Stralsund, Bergen oder Greifswald. Aber die bösen Buben, die da anrücken, aus Berlin zum Beispiel, sind eher deine Kragenweite. Auch die Bandenkriminalität an der Grenze und so, das aufkommende Drogengeschäft, die Rotlichtcliquen, also beim besten Willen, das ist eine Nummer zu groß für einen von uns. Da muss ein Fachmann mit deiner Kompetenz ran. Immerhin warst du stellvertretender Leiter einer Mordkommission.“

Rieder schnaufte kurz. „Das nannte sich Abwesenheitsvertreter und war die bessere Umschreibung für Dienstplanverantwortlicher, weil es keiner machen wollte. Außerdem weißt du genau, warum ich hier hoch gekommen bin.“

Behm zog die Augenbrauen nach oben. „Irgendwann musst du deinen Kururlaub mal beenden. Ich kenne einen, der letzten Herbst losgetigert ist, kaum dass er wieder unter den Lebenden war, mit einem Verband um Arm und Schulter, und dann um die halbe Welt einen Mörder verfolgt hat …“

„Das war etwas anderes.“ unterbrach ihn Rieder und trat einen Schritt zurück. Über den Deich kam der schwarze Kombi des Beerdigungsinstituts.

„Was soll ich Bökemüller sagen?“, drang Behm noch einmal auf seinen Kollegen ein.

„Was du ihm sagen sollst?“, fragte Rieder unwirsch. „Bist du sein Bote?“ Er steckte die Hände in die Hosentaschen. „Wäre schon keine schlechte Kombination für ein Team, Ermittler und Spurensicherer“, bemerkte er nachdenklich. „Aber da steht sicher irgendeine Vorschrift oder der Tarifvertrag dagegen.“

Behm grinste. „Also hast du doch Lust …“

„Ich weiß nicht …“, blockte Rieder ab. Er wollte das Thema beenden. Aber in seinem Hirn hatten sich Behms Worte festgesetzt und begannen nun ein Eigenleben zu führen. Rieder versuchte sie zu verdrängen. „Jetzt kümmern wir erst mal um den Toten hier.“

Damp und Sascha kamen zurück. „Nichts gefunden“, erklärte Damp. „Kein Stein, keine Flasche, kein Brett, kein Werkzeug.“

„Dann liegt es vielleicht auf dem Grund des Boddens.“ Behm machte eine ausschweifende Handbewegung über das Wasser und drehte sich dabei zur Staffelei. „Wo ist eigentlich das Bild?“

„Das habe ich mich auch schon gefragt“, antwortete Rieder.

IX

Rieder setzte sich auf die Ladekante des Polizeiautos und zog die Wathose über. Hier auf Hiddensee gehörte das zum Standard der Polizeiausrüstung. „Wie kalt wird das Wasser jetzt sein?“, fragte er zögerlich.

„Vielleicht zehn Grad“, antwortete Holm Behm.

Rieder überlief ein Schauer. Er atmete tief durch, stand auf und kletterte den Steindeich hinunter. Damp stand mit verschränkten Armen auf dem Kai. „Ich finde es total sinnlos, jetzt in die kalte Boddenbrühe zu springen“, grummelte er. „Das Bild ist doch sowieso futsch.“

Rieder konnte ihm nicht ganz widersprechen und wusste eigentlich auch nicht, was er mit seiner Badeeinlage beweisen wollte. Vorsichtig tauchte er seinen rechten Fuß in das Wasser und zog ihn gleich blitzartig wieder zurück. „Scheiße! Ist das kalt!“

Rieder zog die Luft zwischen den Zähnen ein. Damp und Behm grinsten. Auch Sascha konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, beugte sich aber gleich wieder über die Staffelei und pinselte weiter das Gestänge ab auf der Suche nach Fingerabdrücken.

Rieder unternahm einen zweiten Versuch. Langsam tauchte er den Fuß ins Wasser. Er hoffte, dass sich so sein Körper besser an die Temperatur gewöhnen würde. Es schien auch zu klappen. Er senkte auch den zweiten Fuß in den Bodden. Das Wasser war so flach, dass es ihm nicht mal bis zu den Knien reichte. Langsam stapfte er los. Seine Füße durchschnitten das Wasser. Trotz der Wathose kroch die Kälte des Wassers langsam an den Beinen empor. Rieder schaute sich um und achtete dabei nicht, wohin er gerade trat. Sein Fuß erwischte einen Stein, rutschte ab. Er wedelte mit den Armen und konnte nur durch hektisches Springen von einem Bein auf das andere das Gleichgewicht halten. Wasserspritzer durchnässten sein Hemd. Rieder fluchte. Vom Ufer hallte lautes Lachen. Rieder schaute ins Wasser. Der Stein war der einzige weit und breit. Sonst war hier nur Schlick und Sand. Er griff in das kalte Wasser und holte einen quadratischen roten Backstein heraus. Rieder erinnerte sich, neben der Staffelei eine Lücke in der Kaikante unbewusst wahrgenommen zu haben, als er den Fundort der Leiche inspiziert hatte. Er betrachtete den nassen Stein, drehte ihn zwischen seinen Händen hin und her. Langsam ging er zurück zum Ufer. Seine Kollegen spendeten übertrieben Beifall.

„Echt super Fund!“, rief ihm Holm Behm zu. Doch Rieder ließ sich nicht beirren. Er ging zum Kai und drückte den Stein in den Spalt in der Kaimauer neben der Staffelei. Er passte wie angegossen. „Das könnte die Mordwaffe sein“, erklärte er. Holm Behm kam näher und kniete sich hin. „Kann schon sein. Aber Spuren kannste vergessen. Das Salzwasser hat den Stein saubergewaschen. Höchstens das Spurenbild am Kopf des Opfers kann beweisen, dass er mit dem Stein erschlagen wurde.“ Der Spurensicherer sah das enttäuschte Gesicht Rieders. „Naja, besser als nichts“, tröstete ihn Behm, löste dann den Stein wieder aus der Lücke und legte ihn zu den anderen Fundstücken. Rieder war wieder losgelaufen, aber auf dem Grund des ehemaligen Hafenbeckens fand sich nichts mehr. Er lief nun auf den rechten Schilfstreifen zu. Ein paar Blässhühner flogen schreiend auf. Zwischen den Schilfpflanzen entdeckte Rieder eine Plastikfolie. Sie hatte sich um ein einige Stängel gewickelt. Offenbar war sie vom Wind hierhingeweht worden. Sie wies ein paar bunte Flecken auf. Rieder hob sie vorsichtig an und trug sie wie eine Trophäe zum Ufer. Er zeigte Behm und Damp die Farbspuren. „Das ist schon besser“, meinte Behm anerkennend. Er winkte seinen Assistenten Sascha heran. Gemeinsam rollten sie die Plane in eine spezielle Folie. Aber das Bild dazu blieb verschwunden.

Wenig später saß Rieder beim Neuendorfer Hafenmeister Franz Plewe. Da die Gaststätten in Neuendorf noch nicht geöffnet hatten, war es der einzige Ort, wo sich der Polizist aufwärmen konnte. Plewe hatte Tee gekocht und einen Eimer mit heißem Wasser gefüllt. Rieder ließ seine Füße hineingleiten. Langsam kamen die Lebensgeister zurück. Sein Hemd hing über einem Stuhl, der vor einem bullernden Kanonenofen stand. Plewe warf alle paar Minuten ein Holzscheit hinein. Das Feuer loderte dann richtig auf. „Das ist der Teer“, bemerkte Plewe. „Die alten Reusenstangen sind ja alle noch geteert. Das brennt wie Zunder.“

Rieder wollte besser nicht über den Brandschutz nachdenken. Er war von Malte gewohnt, dass die Hiddenseer mit allem heizten, was irgendwie brannte. Rieder war froh, nicht mehr zu frieren. Plewe hatte dafür gesorgt, dass Behm und sein Assistent Sascha mit einem der flachen Fischerkähne auf den Bodden rausgefahren waren, um weiter nach dem Bild zu suchen. „So viel Wind war ja nun auch nicht. Also wenn da noch was ist, dann ist es auch noch da“, hatte Plewe verkündet. „Das dauert, bis so was bis nach Rügen getrieben ist.“ Damp hatte sich abgeseilt, um seine Farbe nach Hause zu bringen. Danach wollte er seine Kollegen wieder einsammeln, um zu Kempes Haus in der Dünenheide zu fahren. Wie erwartet, wusste er, wo es war.

„Kannten Sie den Kempe?“, fragte Rieder, während er seine Füße trockenrubbelte.

Plewe ließ sich mit der Antwort Zeit, stopfte seine Pfeife und starrte aus dem Fenster auf den Neuendorfer Hafen. „Was heißt schon kennen“, sagte er wie nebenbei. Er steckte seine Pfeife in den Mund und kramte in seiner alten schwarzen Cordjacke nach Streichhölzern. Genüsslich setzte er den Tabak in Brand. Er machte zwei, drei Züge, und sofort erfüllte das einzige Zimmer aromatischer Geruch. „Prestige Vanille, noch gute alte DDR-Ware“, meinte der Hafenmeister als er sah, wie Rieder schnupperte. „Rauche ich seit meinen Lehrlingsjahren auf ‚Vit 46‘, Ende der sechziger Jahre.“

„Gibt’s denn den Tabak noch?“

Plewe nickte. „Hier, im Konsum. Die haben für mich immer einen Vorrat.“

Rieder wollte weniger über Pfeifentabak plaudern, sondern mehr über Hans Kempe erfahren. Aber bei den Hiddenseern war es nicht klug, zu drängen. Man musste Geduld haben. Geduld brachte Vertrauen. Ohne Vertrauen biss man bei den Insulanern auf Granit. Plewe schaute noch immer auf den Hafen und rauchte seine Pfeife. Es schien, als habe er Rieders Frage vergessen. Doch plötzlich nahm er die Pfeife aus dem Mund, formte die Lippen zu einem Kreis und blies den Rauch in kleinen Ringen in die Luft. Sie schwebten durch den Raum wie Seifenblasen, bevor sie sich langsam auflösten. Rieder schenkte Plewe den erwarteten bewundernden Blick. „Also Kempe war schon ein komischer Kauz“, bedankte sich der Hafenmeister für Rieders stillen Beifall und seine Geduld. „Wissen Sie, früher, in den alten Zeiten, da kam der immer mal, wollte mit uns rausfahren, sehen, wie wir arbeiten. Da hat er immer Fotos gemacht.“ Plewe nahm wieder einen Zug, stopfte die Pfeife nach. „Die waren Vorlagen für seine hübschen Bilder. Wie sie so gewünscht waren. Kennen Sie die?“

Rieder schüttelte den Kopf. „Ach bestimmt, aus dem Malunterricht in der Schule. Sie sind doch von hier.“ Rieder nickte. Plewe begann leicht zu lächeln. Die Erinnerung schien ihn zu erheitern. „Die Fischer kämpfen um den Fisch und natürlich für den Sozialismus. Da drüben“, Plewe deutete mit seiner Pfeife auf den Schuppen der Fischereigenossenschaft auf der anderen Seite des Neuendorfer Hafenbeckens, „da mussten wir uns mal alle hinsetzen. Wir mussten so tun, als wenn wir Netze flicken würden, und einer saß davor und las in der Zeitung. ‚Fischer studieren die Beschlüsse der Partei‘, hat er das genannt.“ Plewe lachte auf. „Das hat in Stralsund gehangen, im Kultursaal der Gewerkschaft. Wir waren doch alle im FDGB. Alle anderen Fischer von Rügen und selbst die aus Vitte haben sich schiefgelacht über uns. Die wussten doch alle, dass wir die Zeitung nur zum Einwickeln der Fische nehmen. Nun ist das Bild weg, und Hiddenseer Fischer gibt’s bald auch nicht mehr.“ Plewe widmete sich wieder seiner Pfeife.

„Aber das ist ja schon einige Zeit her“, flocht Rieder vorsichtig ein, um das Gespräch in Gang zu halten.

Plewe nickte stumm. „Nach der Wende hat er umgesattelt. Statt sozialistischem Realismus gab’s nun Hiddenseer Idylle. Du musst mal zum Eckardt rübergehen, vom ‚Haus am Strand‘. Der hat Kempe immer seinen Zaun als Schaufenster geborgt. Gezahlt hat er dafür wahrscheinlich nichts. Der war ja ein knuckriger Zeitgenosse. Und da hing dann der Leuchtturm Gellen mit Strand. Leuchtturm Gellen zwischen den Strandkiefern. Hafen Neuendorf mit Schiffen. Hafen Neuendorf ohne Schiffe. Seglerhafen. Schabernack.“ Plewe schob seine Mütze in den Nacken. „Das war eine richtige Serienproduktion. Aber die Geschäfte liefen nicht so gut. Hier kommen zu wenige Touristen vorbei. Wer hier in Neuendorf wohnt, ist sowieso eine besondere Urlaubersorte. Der hat die Insel im Herzen. Der braucht keine Bilder.“

Rieder hatte den alten Hotelier Eckardt bei seinem ersten Fall auf der Insel kennengelernt. Bei ihm hatte ein Kunsthistoriker Quartier genommen, der am Gellenstrand ermordet worden war. Das war bald ein Jahr her. Seitdem hatte er Eckardt nicht wieder getroffen. „Wie geht es Herrn Eckardt?“, fragte Rieder.

Plewe wiegte den Kopf hin und her. „Man sieht ihn kaum noch. Man wird ja nicht jünger. Seinen kleinen Nebenerwerb habt ihr ihm ja genommen.“ Eckardt hatte seine Zimmer immer noch vermietet. Natürlich schwarz. Durch den toten Kunsthistoriker war die Sache aufgeflogen. Auch wenn Rieder es nicht beweisen konnte, hatte wahrscheinlich Damp dem Finanzamt einen Tipp gegeben.

Die Pfeife war aufgeraucht. Plewe klopfte sie an seinem Stiefel aus und kratzte die Asche aus dem Pfeifenkopf. „In den letzten Jahren hat er das auch nicht mehr gemacht mit der Sommergalerie. Ich frage mich, wovon der Kempe gelebt hat.“

„Haben Sie ihn mal mit dem Herrn Gilde gesehen?“

„Mit Suppen-Gilde? Unserem großen Inselgönner? Der uns jetzt ein Museum schenkt?“

Rieder war kurz irritiert. Von einem Museum hatten weder die Witwe noch der Sohn Gildes erzählt. „Welches Museum?“

Plewe drehte sich zu seinem Tisch. Dort lagen ein paar alte Ausgaben der „Ostsee-Zeitung“. Er sah eine nach der anderen durch. „Muss so vor zwei Wochen gewesen sein. Da stand es drin. Kleine Notiz, aber wenn du hier den ganzen Tag sitzt, liest du den Kram von vorn bis hinten. Ich krieg’ sie umsonst. Die von der Stralsunder Fähre bringen mir immer die Zeitung mit. Jetzt fährt sie endlich wieder. Im Winter ist Ebbe.“

Plewe hielt Rieder eine Zeitung hin und zeigte mit dem Zeigefinger auf eine kleine Nachricht auf der ersten Seite. Nicht mehr als fünf Zeilen. Die Überschrift lautete: „Neues Museum auf Hiddensee?“ Darunter war zu lesen: „Wie die Lokalredaktion aus gut unterrichteten Kreisen erfuhr, will der Unternehmer Werner Gilde seine Gemäldesammlung mit Werken des Hiddenseer Künstlerinnenbundes nach seinem Tod der Öffentlichkeit zugänglich machen. Als Ausstellungsort sei das ehemalige Strahleninstitut der Universität Greifswald in Kloster geplant. Gespräche über den Ankauf des Gebäudes würden auf informeller Ebene bereits laufen. Eine Bestätigung steht noch aus.“ Dahinter stand in Klammern nur das Kürzel „GK“.

„Kann ich das mitnehmen?“

Plewe nickte. „Warum nicht? Ich brauch’ es nicht mehr. Fisch wird nicht mehr in Zeitungen eingewickelt. Jetzt gibt es Plastiktüten.“

„Nochmal zurück zu Kempe und Gilde.“ Rieder faltete die Zeitung sorgsam zusammen. „Haben Sie die beiden mal miteinander gesehen?“

Plewe schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich mich erinnern kann. Aber Gilde machte mit seinem Kahn auch nicht hier in Neuendorf Station. Zu wenig Publikum. Der brauchte die große Bühne beim Einlaufen. Und die hat man nur in Kloster.“

„Haben Sie Kempe vielleicht gestern gesehen?“

„Auf die Frage habe ich schon die ganze Zeit gewartet. Aber ich steh’ nun auch nicht den ganzen Tag vor der Tür und starre, wer kommt und wer geht. Von hier fährt eh keiner mit dem Rad zum Schwarzen Peter. Da ist der Deich zu schlecht. Die kommen alle durchs Dorf und dann bei …“, Plewe zögerte kurz. „Die fahren dann alle da beim ‚Strandcafé‘ rum, dort, wo Charlotte gewohnt hat.“ Offenbar wusste Plewe wie jeder auf der Insel von Rieders gescheiterter Beziehung zur Wirtin des „Strandcafés“.

Ole Damp trat durch die Tür. „Na, wieder warm?“

Rieder stutzte über das plötzliche Mitgefühl. „So langsam. Schon was von Behm gehört?“

„Sind auf dem Rückweg. Haben nichts gefunden. Sie sind mehrfach über den Bodden gekreuzt vom Schwarzen Peter bis zum Hafen Neuendorf. Waren fast bis zur Öhe drüben bei Schaprode.“

„Dann gibt es auch nichts zu finden“, warf Plewe ein.

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25 mayıs 2021
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