Kitabı oku: «Eden»
EDEN
TIM LEBBON
Ins Deutsche übersetzt von
Stephanie Pannen


Die deutsche Ausgabe von EDEN
wird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.
Herausgeber: Andreas Mergenthaler,
Übersetzung: Stephanie Pannen; Lektorat: Katrin Aust;
verantwortlicher Redakteur: Markus Rohde; Korrektorat: Peter Schild;
Satz: Rowan Rüster; Umschlag-Foto: Adobe Stock;
Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohořelice.
Printed in the EU.
Titel der Originalausgabe: EDEN
Copyright © 2020 by Tim Lebbon
published in agreement with the author, c/o BAROR INTERNATIONAL, INC.,
Armonk, New York, U.S.A. through.
German translation copyright © 2020, by Cross Cult.
Print ISBN 978-3-96658-313-8 (Oktober 2020)
E-Book ISBN 978-3-96658-314-58 (Oktober 2020)
WWW.CROSS-CULT.DE
»Selbsterhaltung ist das oberste Gesetz der Natur.«
– Sprichwort
Inhalt
KAT
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
KAT
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
KAT
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
KAT
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
KAT
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
KAT
Kapitel 29
Kapitel 30
KAT
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
KAT
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
KAT
KAT
Eden scheint ein guter Ort zu sein, um zu sterben. Bevor sie eintraf, hatte sie gehofft, dass es so sein würde, doch jetzt ist sie davon überzeugt. Selbst wenn sie noch nicht bereit wäre, den ewigen Schlaf zu akzeptieren, ist Dunkelheit alles, was sie erwartet. Nach dem, was sie gesehen und erlebt hat und was vor ihr liegt, besteht kein Zweifel daran.
Der tiefe Wald, der sie umgibt, singt unbekannte Lieder in Stimmen, die sie nicht versteht. Sie war nie jemand, der um Aufmerksamkeit gebuhlt hat. Ganz im Gegenteil, und das war auch ihr Hauptgrund dafür, herzukommen. Sie kam, um sich selbst zu verlieren und so etwas wie Frieden zu finden. Stattdessen hat etwas sie gefunden.
Sie wischt sich Blut aus dem rechten Auge und ist überrascht, wie schnell es trocknet. Es formt eine Kruste, die ihr fast das Augenlid zuklebt. Sie will dem Tod nicht mit nur einem offenen Auge entgegentreten. Sie reißt sich ein paar Wimpern aus, als sie die gerinnende Masse auseinanderzieht. Nun sind ihre Fingerspitzen und Handinnenfläche damit verschmiert und es bildet dunkle Halbmonde unter ihren Nägeln. Sie starrt sie an und verspürt Traurigkeit über all das, was geschehen ist. Es ist nicht ihr Blut.
Sie sieht in das Blätterdach und den blauen Himmel darüber auf. Die Zweige schwingen in der Brise, ein beruhigender Tanz zum natürlichen Jazz der Vögel und Tiere und dem Ruf von etwas anderem. Wolkenfetzen ziehen vorüber. Der Anblick lässt sie schwindeln, doch sie schließt nicht die Augen.
Stattdessen schaut sie auf den Boden und sieht Schatten von den Bäumen fließen. Untermalt wird ihr Näherkommen vom anschwellenden Missklang der Waldgeräusche. Sie atmet zitternd aus. Nach all den Jahren und Kilometern, die sie hierhergeführt haben, hatte sie immer geglaubt, dass es am Ende die Krankheit sein würde, die sie erledigt. Sie hatte nichts Schlechtes im Sinn, als sie nach Eden kam, sondern hatte gehofft, unter ihren eigenen Bedingungen sterben zu können. Etwas Schlimmeres hatte sie nicht erwartet.
Als die Schatten ihre Haut berühren, legt sich ihre Hand um den filigranen Hals des Geistes, den sie gefunden hat.
1
»Unser Ziel war ambitioniert, unsere Absichten rein, unsere Herzen und Gedanken auf eine einfache Aufgabe gerichtet: die Welt zu retten.«
Ekow Kufuor, Oberster Vorsitzender des Vereinten Zonenrats
»Nach allem, was du getan hast, erstaunt es mich immer noch, dass du Angst vorm Fliegen hast.«
Jenn nahm die Bemerkung mit einem leisen Brummen zur Kenntnis, das sie über den Motorengeräuschen des alten Flugzeugs kaum hören konnte. Sie starrte auf Coves Hinterkopf, umklammerte mit rechts den Sitz vor sich und mit links Aarons Hand. Sie konnte spüren, wie der Schweiß ihre Handflächen zusammenklebte und wusste, dass es nicht nur ihr eigener war. Wenn er tatsächlich wegen des Flugs nervös war, würde der Schmerz durch ihren Klammergriff zumindest eine willkommene Abwechslung sein.
Doch Aaron hatte keine Angst vorm Fliegen. Aus dem Augenwinkel konnte sie sein Grinsen sehen, ein Ausdruck kindlicher Freude, während er bei dieser Flughöhe die Baumwipfel über ihnen vorbeirasen sah.
»Jenn.«
»Was?«
»Ich habe gesagt …«
»Ich hab dich gehört, Dad. Vielen Dank.«
»Erinnerst du dich, wie du mal diesen Basejump vom Burj Khalifa gemacht …«
»Das ist nicht hilfreich.« Er musste ihre wachsende Verärgerung wahrgenommen haben, denn er verstummte. Ohne den Kopf zu drehen, schaute sie nach rechts über den Gang hinweg und sah, was sie erwartet hatte – ihren Vater, der mit einem entspannten Lächeln auf seinem Platz saß.
Während das Flugzeug um sie herum vibrierte und auseinanderzureißen drohte, um sie alle über das tiefe Tal unter ihnen zu verstreuen, war er mit seinen Gedanken schon viel weiter. Er war stets einen Schritt voraus, eine Minute in der Zukunft.
»Das hier soll fliegen sein?«, sagte Gee von dem beengten Platz hinter ihr. »Fliegen beinhaltet eine gewisse Anmut und Kontrolle. Das hier ist eher so was wie ein langer Sturz.«
Wie als Antwort begannen Turbulenzen, den gesamten Flugzeugrumpf zu erschüttern, bevor die Maschine in ihren vorherigen Zustand einer kurz bevorstehenden Katastrophe zurückkehrte. Jenns Herz klopfte wie verrückt. Sie umklammerte den Sitz und Aarons Hand noch fester. Vorne rief der Pilot etwas auf Spanisch und lachte. Das gleiche kehlige Husten, das er ausgestoßen hatte, als Gee der Meinung gewesen war, sein ganzer Stolz sei wohl eher ein Fall für den Schrottplatz.
Jenn meinte, während dieser letzten Turbulenzen etwas zerbrechen gehört zu haben. Der Anblick der Maschine, bevor sie an Bord gegangen waren, hatte fast ausgereicht, um sie die Expedition abbrechen zu lassen und mit der Planung noch einmal von vorn zu beginnen, doch Aaron hatte sie davon überzeugt, dass sie sicher sei. »Ich kenne einen, der kennt diesen Kerl«, hatte er gesagt. »Er lässt das Flugzeug extra so aussehen, um unerwünschte Aufmerksamkeit zu vermeiden. Diese Maschine ist wie dein Dad – äußerlich heruntergekommen, mürrisch und altersschwach, aber hinter der Fassade in perfektem Zustand.«
Die Erinnerung zauberte ein nervöses Lächeln in ihr Gesicht und sie warf einen erneuten Seitenblick zu ihrem Vater. Als Reaktion zog er eine Augenbraue und einen Mundwinkel hoch. Er war Anfang fünfzig und damit der erfahrenste Entdecker unter ihnen. Er hatte genügend Abenteuer hinter sich, um ein Dutzend Bücher zu füllen, sollte er jemals die Muße haben, sie aufzuschreiben. Gelegentlich sprach er vom Ruhestand und dem Schreiben seiner Memoiren, doch sie wusste, dass das noch Jahrzehnte entfernt war. Er war noch nie der Typ gewesen, der zu Hause vor dem Fernseher hockte, selbst wenn er mal einen Fernseher sein Eigen nannte oder überhaupt ein Zuhause. In einer Welt, die unter der übermäßigen Last und Verschwendung der Menschheit litt, gab es immer noch Orte für ihn, die er erforschen konnte. Täler und Inseln, Steppen und Wälder, die vom zerstörerischen Griff der Menschen noch nicht erfasst worden waren, zumindest wenn man nicht zu genau hinsah. Doch das war manchmal sein Problem – dass er zu genau hinsah.
Ihr Vater war immer noch der Mittelpunkt ihrer Existenz, die Sonne, um die sich ihre Welt drehte. Auch wenn Aaron vor ein paar Jahren in ihr Leben getreten war und sie ihn liebte und sich eine Zukunft mit ihm vorstellen konnte, war es ihr Vater, nach dem sie sich orientierte, wenn sie in die große Schwärze blickte.
Von vorn kam ein weiterer Ruf. Sie hielt den Atem an und starrte an Coves Kopf vorbei ins offene Cockpit. Der Pilot schien unfähig, still zu sitzen, fummelte unermüdlich am Armaturenbrett herum, deutete aus dem Fenster, sprach mit sich selbst und schnippte Messanzeigen an.
»Machen Sie es aus und wieder an!«, rief Aaron und Jenn drückte seine Hand fest genug, um sie ihm zu brechen. Vielleicht würde das zumindest das Auseinanderbrechen des Flugzeugs übertönen. Er verzog sein Gesicht, protestierte aber nicht.
Sie trieben im sich windenden Tal nach links und nach rechts und als Jenn aus dem Fenster zu schauen wagte, sah sie, wie die Flügel durch Bäume rasten, Äste abbrachen und Blätter aufwirbelten. Sie waren so nah, dass sie aus dem Fenster greifen und sich eine Frucht hätte pflücken können. Aber ein so waghalsiger Flug war der Preis, den sie zahlen mussten, um dem Radar der Zeds auszuweichen, und dies war eine der Voraussetzungen, um unbemerkt Eden zu erreichen. Wenn die Zeds wüssten, dass sie hier waren, würde man sie verfolgen, bis sie gelandet waren oder abgeschossen wurden. Im Lauf der Zeit hatte sich die Zonenschutztruppe von Ort zu Ort und von Land zu Land in vollkommen unterschiedliche Einheiten aufgeteilt. Der eine Aspekt, der sie jedoch weiter vereinte, war ihre Entschlossenheit und Hingabe.
Nach der Landung war das Team immer noch eine sechsstündige Wanderung von der südlichen Grenze der unberührten Zone entfernt, doch auf diese Weise waren sie noch einigermaßen frisch und voll ausgerüstet, wenn sie in das gefährliche Grenzgebiet eindrangen.
Sie waren dabei, genug Gesetze zu brechen, um alle für lange Zeit im Gefängnis zu landen.
»Seht euch das mal an«, sagte Gee.
Jenn schaute an Aaron vorbei erneut aus dem Fenster. Das steile Tal hatte sich geöffnet und sie konnten das herrliche Farbenspiel eines Sonnenuntergangs über einer Bergkette im Osten sehen. Das Geräusch des Flugzeugmotors änderte sich, als der Pilot noch tiefer ging. Trotz ihrer Flugangst lehnte sie sich an Aaron vorbei, um besser durch das schmutzige, verkratzte Fenster sehen zu können.
Ein nahe gelegener Felshang war von toten Bäumen bedeckt. Die majestätischen Giganten waren nackt und die ausgebleichten Skelette ihres früheren Selbst ragten traurig und steif in den Himmel.
An den Rändern dieser Todeszone klammerten sich einige wenige Bäume noch an ihre Existenz. Ihre Blätter, gesprenkelt von blassem Tod und schwachem, verzweifeltem Leben, hinterließen einen weniger üppigen Gesamteindruck als jene in den angrenzenden gesünderen Wäldern. Es war, als hätte jemand einen Eimer grauer Farbe über dem Hang ausgekippt.
»Seltsam, wie es nicht alle Bäume erwischt«, sagte Cove. Dan Covington, vielleicht der eifrigste Sportler unter ihnen, war sich gleichzeitig am wenigsten der Veränderungen bewusst, die ihren Planeten heimsuchten. Ein neu entdeckter Wunsch, mehr darüber zu erfahren, war der Grund, warum er bei ihnen blieb, anstatt sich einer anderen Gruppe anzuschließen. Sie brachten ihn an Orte, die den meisten anderen verschlossen blieben, und jede Expedition lehrte ihn etwas Neues.
»Die Verschmutzung ist nicht selektiv«, erläuterte Selina. Sie saß hinter Jenns Vater und hatte den Großteil des Flugs so gewirkt, als hätte sie geschlafen. Nun betrachtete sie an Gee vorbei den traurigen Anblick zu ihrer Linken. Obwohl sie die einzige qualifizierte Wissenschaftlerin unter ihnen war und darüber hinaus eine leidenschaftliche Umweltschützerin und Dozentin, ließ sie sich nur selten Emotionen über die Zerstörung der Welt anmerken, deren Zeugen sie so oft wurden. Ihr Vater hatte Jenn erklärt, dass Selinas Seele ebenfalls zerstört sei und sie keine Tränen mehr übrig habe.
»Aber warum einige Bäume und andere nicht?«, fragte Cove.
»Könnte etwas mit der Art zu tun haben. Einige sind anfälliger für Verschmutzung und Klimaveränderungen als andere. Möglicherweise hat es auch etwas mit der Wasserversorgung zu tun. Vielleicht folgt der tote Bereich dem Verlauf eines Bachs, einem Riss im Unterboden oder den Bestäubungsmustern der einheimischen Bienenpopulation. In Malaysia habe ich mal zweihundertfünfzig Quadratkilometer toter Bäume mit fünf Flecken gesehen, an denen etwa fünfzig Bäume noch gediehen. Eines Tages wird jemand eine Abhandlung über die Gründe veröffentlichen. Spielt keine Rolle.« Selina lehnte sich zurück und schloss wieder die Augen. »Nur ein weiterer toter Wald.«
»Sieht fast hübsch aus«, sagte Cove.
»Hübsch wie ein Krebsgeschwür«, erwiderte ihr Vater. Jenn hielt die Luft an und spürte Schuldgefühle hochsteigen, wie immer, wenn sie an das dachte, was sie vor ihm geheim hielt.
»Unsere Frohnatur schlägt wieder zu«, kommentierte Aaron. »Du solltest Stand-up-Comedy machen, Dylan. Du solltest deinen eigenen Motivationskanal haben. Du könntest ihn Depri-Dylan und die …«
»Sagt der Mann, der mit meiner Tochter schläft.«
»Hey!«, schaltete sich Jenn ein. »Das ist für dich tabu.«
»Sagt Jenn zu Aaron. Nie«, scherzte Gee und alle begannen zu lachen. Selbst Selina schmunzelte, als sich Jenn nach hinten umdrehte, um Gee eine zu verpassen. Er hielt beide Fäuste hoch und ihr Schlag landete an seiner linken Prothese. Während sie sich die schmerzende Hand hielt, zeigte er ihr grinsend den Mittelfinger.
»Zumindest hat dich das kurz von unserem unmittelbar bevorstehenden Flammentod abgelenkt«, sagte Aaron.
»Ich weiß wirklich nicht, warum ich bei euch bleibe«, erklärte Jenn, während sie sich wieder zurücklehnte. Sie sah ihren schmunzelnden Vater an. »Ihr seid Teufel. Jeder Einzelne von euch. Ich bin die einzige nicht teuflische Person hier.«
»Vollkommen ohne Sünde«, pflichtete ihr Aaron bei.
Jenn verschränkte die Arme und tat so, als würde sie schmollen. Vor ihr zuckten Coves Schultern vor Lachen und ihre Angst ließ nach. Sie konnte sogar dem Piloten bei seinem hektischen Treiben zusehen, ohne jeden Moment zu befürchten, dass die Maschine sich überschlagen und in den Wald rasen würde.
Jenn mochte es, ein Problem zu analysieren, es auseinanderzunehmen und seine Bestandteile zu untersuchen, bis sie, wenn schon keine Lösung, so doch zumindest die Ursache gefunden hatte. Doch ihre Angst vor dem Fliegen blieb ihr ein Rätsel. Es war keine Höhenangst, denn sie war eine fähige Basejumperin, Kletterin und war vor zwei Jahren mit einem Mountainbike entlang einer Bergkammlinie in Mexiko gefahren, von der sogar Aaron hatte zugegeben müssen, dass sie ihn ziemlich nervös gemacht hatte. Sie hatte seine Zeit auch mit ziemlichem Abstand geschlagen. Es ging auch nicht um Kontrollverlust, denn sie gab ihr Wohlergehen regelmäßig in die Hand anderer Leute, nicht nur Mitgliedern ihres eigenen Kernteams. Sie wusste, dass es auch nicht daran lag, dass dieses alte Flugzeug wohl schon seit einem Großteil des letzten Jahrhunderts nicht mehr als neu gegolten hatte, ganz zu schweigen von diesem, denn sie hatte bereits hundert angsterfüllte Reisen in einer Vielfalt von Jets, Propellerflugzeugen, Helikoptern und sogar ein paar Heißluftballons gemacht.
Sie wusste nicht, woran es lag. Sie konnte aus dem Fenster blicken und Autos sehen, die sich wie Ameisen über Straßen bewegten, und erfreute sich an den unterschiedlichen Ausblicken, die einem ein solcher Flug bot. Und doch schlug ihr Herz doppelt so schnell wie gewöhnlich, wenn ein Flugzeug startete, ihre Hände wurden schwitzig und eine konstante Übelkeit breitete sich in ihr aus. Wenn sie die Augen schloss, machte es das nur noch schlimmer.
»Vielleicht bist du ja in einem früheren Leben bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen«, hatte Aaron mal zu ihr gesagt, als sie einen Tag vor einem Flug über ihre Angst gesprochen hatten.
»Ja, klar. Als Kampfpilotin.«
»Wohl eher in einem Schädlingsbekämpfungsflugzeug.«

»Oh Mann, das ist ja toll«, staunte Gee.
»Was?«, fragte Jenn.
»Schau mal nach links«, antwortete er mit dem Gesicht ans Fenster gepresst. »Jemand Lust auf ein Bad?«
Neben ihnen hatte sich ein schmales Tal geöffnet und erstreckte sich jenseits ihrer Flugroute. Der Fluss, der sich am Grund des Tals entlangschlängelte, war stellenweise blassgelb und hier und dort war ein Durcheinander aus unnatürlichen Farben zu sehen. Der Film aus Chemikalien flirrte wie gebrochene Regenbögen. Am Ufer sammelten sich Schaumkronen, die auf der sanften Strömung tanzten.
»Muss von hundert Kilometer flussaufwärts stammen«, sagte Lucy neben Cove. Sie studierte ihr Tablet und Jenn überlegte, wie ihre Freundin jemals ohne ihre Technik überlebt hatte. Sie arbeitete gerade an ihrer Doktorarbeit zum Thema Kommunikation zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz. Die näheren Einzelheiten waren Jenn zu hoch und Cove scherzte manchmal, dass sie in der Gesellschaft eines Computers am glücklichsten war. Die meisten Expeditionen kamen ohne komplizierte Technik aus und diese würde noch stärker als die anderen auf das absolut notwendige Minimum reduziert sein, sobald sie erst mal richtig unterwegs waren. Schlicht, optimiert, schnell. »Eine Chemiefabrik, offiziell seit siebzehn Jahren geschlossen.«
»Offiziell«, betonte Aaron.
»Geld kann Türen öffnen und Augen verschließen«, bemerkte Lucy. »Verdammte Arschlöcher.«
»So nah an Eden?«, fragte Cove. »Ich bin erstaunt, dass das erlaubt ist.«
»Ist es nicht«, erwiderte Lucy. »Wie ich schon sagte, verdammtes Arschloch.« Der Singular war nicht zu überhören. Sie zog sich ihr langes dunkles Haar ins Gesicht und drehte sich halb weg, einen Mundwinkel nach oben gezogen. Jenn unterdrückte ein Kichern. Die beiden hatten am gleichen Tag Geburtstag, auch wenn Jenn zwei Jahre älter war, und manchmal scherzte Cove, dass sie wie Schwestern waren, die sich gegenseitig Geheimnisse zuflüsterten. Nicht immer, wenn er das sagte, lächelte er.
»Wir lassen all das bald hinter uns«, sagte Aaron und Jenn fand, dass er gerade laut genug sprach, dass nur sie es hören konnte. Auf ihrer Reise hierher waren sie an vielen Orten vorbeigekommen, wo die Verschmutzung deutlich sichtbar gewesen war. Unter anderem an einer Küste, wo die globale Erwärmung und das nachfolgende Ansteigen des Meeresspiegels durch verlassene, halb unter Wasser stehende Gemeinden nachdrücklich illustriert worden war. Es war nichts, was sie in ihrem Leben nicht schon viele Male zuvor gesehen hatten. Einst waren sie über Müllansammlungen im Pazifik geflogen, die so riesig waren, dass einige dieser Abfallinseln Namen bekommen hatten und Piraten, Schmuggler und Terroristenzellen beherbergten. In Alt-Shanghai hatten sie miterlebt, wie ganze Stadtteile unterspült und weggerissen worden waren. Daraufhin hatte man Millionen von Einwohnern in Lager umgesiedelt, wo Hunger, Kriminalität und Seuchen an der Tagesordnung waren. Sie hatten entsetzliche Massengräber und Monumente für die Millionen Opfer der Großen Alexandrischen Flut gesehen, eine Katastrophe, die leicht hätte verhindert werden können, wenn die Regierungen den zerstörerischen Effekt des Klimawandels nicht geleugnet und vertuscht hätten. Während der Planung einer Expedition in die Jaguar-Zone mit Aaron und ihrem Vater – eine Reise, die sie noch vor sich hatten – waren sie Zeuge der zerstörerischen Folgen jahrzehntelanger illegaler Rodung des Amazonas geworden. Der riesige Regenwald hatte sich in viele Tausend kleiner, verstreuter Waldgebiete verwandelt.
Erinnerungen und Erfahrungen dieser Art ließen die Vorfreude auf diese Reise noch größer werden.
»Das hoffe ich doch.« Wieder drückte sie seine Hand, sanfter diesmal. »Ich liebe dich«, flüsterte sie, doch er antwortete nicht und sie fragte sich, ob er es überhaupt gehört hatte. Sie drehte sich vom Fenster weg, starrte wieder auf Coves Hinterkopf und hoffte inständig, dass der Flug bald vorbei war. Sie sehnte sich nach dem Gefühl von Gras und Erde unter ihren Füßen, nach dem Gegendruck des Planeten.
Sie stellte sich die bevorstehende Expedition vor. Es erfüllte sie mit Begeisterung. Sie sah Wälder und Berge, verlassene Städte, Täler, Flüsse und Seen, ein wunderschöner Ort ohne jegliche Menschen.
Dann erinnerte sie sich an den wahren Grund ihres Kommens und wünschte, der Flug wäre alles, was sie zu fürchten hätte.
2
»Natürlich erkenne ich die guten Absichten hinter dem Internationalen Abkommen zu den unberührten Zonen an und ich habe das ganze Unternehmen auch öffentlich immer wieder unterstützt. Doch diese Unberührtheit kann nicht wiederhergestellt werden. Wie erfolgreich diese Orte auch sein mögen – und das wird nur die Zeit zeigen können –, sie sind immer noch ein Teil dieser Welt, die von der Menschheit gründlich zerstört wurde.«
Anthony Keyse, Green World Alliance
Jenn liebte die kameradschaftliche Spannung zwischen diesen sieben Personen, die sich schon viele Male zuvor zusammen vorbereitet hatten. Das Geräusch der Ausrüstung, die überprüft und gepackt wurde, der Geruch von Sonnenmilch und Mitteln gegen Wundreiben, das süße Aroma eines nahrhaften Frühstücks, das auf dem Campingkocher brodelte, das Glucksen von Wasser in Flaschen und Rucksacktrinkblasen und das nervöse und aufgeregte Geplapper, leiser als gewöhnlich, als würde ein zu lautes Sprechen das angenehme Gleichgewicht stören, das sie gemeinsam gefunden hatten.
Sie liebte auch das Gefühl von Gefahr. Das taten sie alle. Darum waren sie hier und hatten ihr Zuhause, ihre Familien und Arbeitsstellen zurückgelassen. Sie waren sich einig, dass dies die vielleicht gefährlichste Sache war, die sie jemals gewagt hatten.
Um sie herum murmelten Waldgeräusche – das Rascheln der Blätter in der Brise, Vogelzwitschern, das leise Knacken von Zweigen, während kleine Tiere ungesehen ihren morgendlichen Routinen nachgingen. Es war eine erfrischende Abwechslung zum Rattern und Dröhnen des Flugzeugs und Jenn fühlte sich gestärkt und lebendig.
»Dreißig Minuten«, sagte die Frau. Sie nannte sich Pocahontas, oder kurz Poke. Jenny hatte gelacht, als sie sich vorgestellt hatte, doch Pokes strenger Blick hatte das Lächeln ersterben lassen. In diesem Blick lagen Erfahrung und Wissen und das musste Jenn respektieren. Ganz egal wie sie sich nannte.
»Sie sehen nicht aus wie eine Pocahontas«, bemerkte Cove, während er seinen eingerollten Schlafsack an seinem Rucksack befestigte.
»Und wie zum Teufel sehe ich aus?«, fragte Poke. Sie saß auf einem umgestürzten Baum, rauchte eine stinkende Zigarette und sah ihnen bei der Vorbereitung zu. Ihr Vater hatte gesagt, Poke sei die beste Führerin, die er je getroffen hatte.
Jenn fand sie faszinierend. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal jemanden rauchen gesehen hatte. Es freute sie zu sehen, dass die alte Frau lächelte, und ihre dunkle, faltige Haut, schlanke Gestalt und funktionelle Kleidung deuteten darauf hin, dass sie sich hier draußen absolut zu Hause fühlte. Der Goldschmuck an ihren Fingern und Ohren verriet, dass sie sich immer noch für die schönen Dinge im Leben interessierte. Ihr Haar war schneeweiß und eng an die Kopfhaut geflochten. Sie hatte Narben. Jenn fragte sich, was für Geschichten hinter jeder einzelnen steckten.
»Vielleicht eine Mildred«, sagte Cove.
»Oder eine Whitney«, schlug Jenn vor.
Poke lachte laut auf, warf den Kopf in den Nacken und hustete Zigarettenrauch in den Himmel. »Ich schätze, nachdem Eden euch verschlungen hat, werde ich mir wohl einen anderen Namen zulegen.« Sie stand auf, ging in einem weiten Kreis um sie herum und sah ihnen bei der Arbeit zu.
Nur eine halbe Stunde nachdem der Pilot seine Maschine gelandet und sie auf der alten Straße abgesetzt hatte, war er überraschend wieder eingestiegen und hatte sich davongemacht. Jenn hätte gedacht, dass er vorher zumindest das Flugzeug überprüfen würde, doch er schien es ziemlich eilig zu haben. Poke, die aus den Bäumen aufgetaucht war, sobald sie ausgestiegen waren, hatte gesagt, dass seine Maschine beschlagnahmt werden würde, wenn man ihn erwischte, und sie sei seine einzige Einkommensquelle. Denn er schmuggelte nicht nur Menschen.
Sie hatte sie durch den Wald zu einer Lichtung geführt, wo sie alles für ihre Ankunft vorbereitet hatte. Der Eintopf über dem Lagerfeuer ließ Jenn das Wasser im Mund zusammenlaufen und sie freute sich schon darauf, dass er die morgendliche Kälte vertreiben würde. Sie hatte sich entschlossen, nicht nachzufragen, was für ein Fleisch darin war.
»Fünfundzwanzig Minuten«, sagte Poke.
»Es ist eine sechsstündige Wanderung zur Grenze«, entgegnete Cove.
»Und?« Poke blieb bei Cove stehen und versuchte, ihren Zigarettenstummel anzuzünden. Sie schielte auf die Flamme, die die Spitze küsste.
»Warum der Countdown?«
Poke musterte ihn von oben bis unten, grinste dann nur und umkreiste ohne Antwort weiter die Gruppe. Cove warf Jenn einen fragenden Blick zu. Er war derjenige unter ihnen, der am meisten auf Ausrüstung vertraute. Auf seiner Kleidung, dem Rucksack und seinen restlichen Sachen prangten teure Labels und er hatte für diese Expedition wahrscheinlich mehr ausgegeben als der Rest von ihnen zusammen. Sie wollte Poke sagen, wie erfahren Cove war, doch es war nicht ihre Aufgabe, ihn zu verteidigen. Normalerweise fiel es ihm nicht schwer, sein eigenes Lob zu singen.
»Poke hat einen straffen Zeitplan für uns«, sagte Jenns Vater. »Hört auf sie. Sie weiß, was sie tut.«
Jenn bemerkte, dass Poke stehen geblieben war und sie anstarrte.
»Was?«, fragte Jenn.
»Nichts.« Poke trat ihre Kippe aus und zog eine weitere Zigarette aus ihrer Hemdtasche. »Hab mich nur gefragt, wo der Rest eurer Ausrüstung ist.«
»Lucy heult bereits ihren kostbaren Gadgets hinterher«, grinste Gee. Lucy warf ihm von dort, wo sie neben dem kleinen Stapel Ausrüstung stand, den sie zurückließen, einen wütenden Blick zu. Eden war ein unbefleckter Ort, die älteste und wildeste der dreizehn unberührten Zonen der Welt, und Dylan hatte darauf bestanden, dass sie ihn mit angemessenem Respekt behandelten. Diese Expedition war so weit auf das Wesentliche reduziert, wie sie es noch nie gewagt hatten – keine Tablets oder Netzimplantate, kein GPS, keine Satellitentelefone, überhaupt keine elektronischen Geräte. Es hieß sie gegen Eden und darin lag eine Reinheit, die Jenn überaus verführerisch fand.
»Du weißt schon«, sagte Poke. »Wissenschaftszeug. Messinstrumente und so ’n Scheiß.«
»So was haben wir nicht«, erklärte Selina.
»Waagen und Reagenzgläser. Probenbeutel. Dieser ganze Mist.«
»Wir haben alles, was wir hier brauchen.« Gee war wie immer als Erster fertig. »Ausrüstung zum Wandern, Rennen und Klettern. Trockennahrung. Wasserreiniger. Sonnenschutzmittel und Erste-Hilfe-Kasten. Ein paar kleine Zelte, Messer, Regenschutz, falls der Wetterbericht falsch ist, und Wechselkleidung. Aber nicht viel, weil wir es so lieben, streng zu riechen.«
»Und ihr wollt euch Essen suchen?«
»Ja, Früchte und Nüsse, aber wir werden nichts töten, um es zu essen, außer wir müssen. Wir laufen auf einem Kaloriendefizit und wenn man zwölftausend pro Tag verbrennt, kann man einfach nicht genug Proviant mitschleppen.« Gee nickte zu Cove. »Und einige von uns können es sich auch leisten, etwas Speck zu verlieren.«
Cove zeigte ihm den Mittelfinger und Gee lachte. Der Kanadier, ein dünner, kleiner Mann, war wahrscheinlich die entschlossenste Person, die Jenn kannte. In den sechs Jahren, die er mit ihrem Vater und ihr reiste, hatte sie nie erlebt, dass er sich vor einer Herausforderung gedrückt oder aufgegeben hatte. Sie hatte gesehen, wie er als Einziger von ihnen frei eine Felswand hinaufgeklettert war und wie er sich auf einem Boot in Frankreich drei rassistischen Mistkerlen entgegengestellt hatte. Sie waren weggegangen und er weggehumpelt, doch in Jenns Augen hatte er dennoch gewonnen. Er war zwar nur zwei Jahre jünger als ihr Vater, dennoch kam ihr Gee wie eine Art Bruder vor. Seine Entschlossenheit oder positive Einstellung hatte jedoch nichts mit der Tatsache zu tun, dass er nur eine Hand hatte. Er hatte nie angedeutet, dass er es überhaupt als Behinderung empfand. Tatsächlich schien er es sogar zu mögen. In einem hohlen Finger hatte er zwei Joints versteckt.
»Wie zum Teufel siehst du denn aus?«, fragte Poke.
»Wie dein Stecher«, antwortete Gee. Er trat einen Schritt näher.
»Ich versohl dir den Arsch«, schoss Poke zurück.
Gee zuckte grinsend mit den Schultern. Keiner von ihnen zweifelte an ihren Worten. Sie zündete sich ihre Selbstgedrehte an und inhalierte den Rauch.
»Ich habe Ihnen doch erklärt, warum wir hier sind«, sagte Dylan.
»Ich hab nicht geglaubt, dass jemand so dämlich ist.« Wieder sah sie zu Jenn und runzelte die Stirn.
»Tja, wir schon«, erwiderte Dylan.
»Und gegen wen tretet ihr an?«, fragte Poke.
»Noch niemanden. Wir wollen die Ersten sein. Sie kennen diesen Ort, Sie wissen, warum.«
Poke blinzelte ihn nur durch eine Rauchwolke hinweg an.
»Statistisch und historisch gesehen ist Eden die gefährlichste Zone der Welt«, erklärte Dylan. »Sie hat im Laufe der Jahre schon viele Menschen verschluckt.«
»Ja.«
Als Dylan weitersprach, sah er sich um und schien erfreut, jedermanns Aufmerksamkeit zu haben. Sie hatten diese Geschichte alle schon mal gehört, aber noch nicht von jemandem wie Poke. Jemandem, der die Dinge, die er sagte, bestätigen konnte.
»Andere Abenteurer haben es versucht. Einige verschwanden. Andere sind aus Eden geflohen und haben versucht, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Es ist, als hätte ihnen dieser Ort ihre Abenteuerlust genommen. Mit der Zeit hat er den Ruf als einer der atemberaubendsten Orte der Erde bekommen, absolut menschenfeindlich.«
Die Brise ließ nach, selbst die Blätter und Vögel verstummten und lauschten.
»Solange mir nichts anderes geraubt wird«, scherzte Gee, um die Stille zu vertreiben.
»Ihr wollt also die erste Gruppe Arschlöcher sein, die Eden durchquert.« Poke schüttelte den Kopf.
»Rennend, kletternd, schwimmend, gehend, selbst kriechend, wenn wir müssen«, bestätigte Cove. »Man nennt es ein Adventure Race.«
»Abenteuer.« Sie sprach das Wort aus, als würde es einen seltsamen Geschmack in ihrem Mund hinterlassen.
»Wollen Sie uns begleiten?«, fragte Gee.
»Ich will leben«, erwiderte Poke. Zum ersten Mal klang sie ernst.
»Wir leben doch«, sagte Lucy. »Das ist das volle Leben.«
»Hast du einen Job, Kleine?«
»Ich arbeite an meiner Doktorarbeit.«
»Familie?«
»Meine Eltern leben in London.«
»Hm.« Schweigend drehte Poke eine weitere Runde um sie und rauchte dabei, während die Gruppe ihre Vorbereitungen beendete. Doch immer wieder sah die alte Frau zu Jenn.
»Was?«, fragte Jenn erneut. So langsam verlor sie die Geduld. Poke mochte die beste Führerin sein, die ihr Vater kannte, sie mochte die Expeditionsgruppe durch die Grenzkontrollen und nach Eden bringen, aber sie war auch eine ziemliche Nervensäge.
»Hab nur gedacht, wie schade es ist«, sagte Poke.
»Was ist schade?«, fragte Selina.
»Euch alle hier so zu sehen, fit und gesund, und dann soll ich euch an einen Ort bringen, der euch verschlingt und wieder ausspuckt. Oder vielleicht auch nicht ausspuckt. Ihr seid echt total irre.«
»Und warum bringen Sie uns dann hin?«, erkundigte sich Jenn.
Poke nickte in Richtung ihres Vaters. »Gute Bezahlung.« Damit trat sie ihre Zigarette aus, warf einen Blick auf ihre Uhr und nahm den Deckel vom Eintopf. »Und hier ist die gute Nachricht«, sagte sie über ihre Schulter. »Das Frühstück ist fünfzehn Minuten früher fertig. Das ist ein Puffer für alles Unvorhergesehene.«
3
Hab aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass die veröffentlichten Todeszahlen derer, die versucht haben, die Husky-Plain-Zone zu betreten, nicht stimmen. Angeblich sind es 7. Ich hab gehört, es sind über 150. Umgebracht von den Zeds. Das sind mordende Söldner. Glaubt kein Wort von diesem Mist über die Zonenschutztruppe.
@PottyBonkers
Es gab nichts Unvorhergesehenes. Jenns Vater hatte recht. Poke war die beste Führerin, mit der sie jemals zusammengearbeitet hatten. Sie hatte ihre Route genau festgelegt und überraschte Jenn mit ihrer erstaunlichen Fitness. Sie mochte Mitte sechzig, vielleicht sogar siebzig sein, doch die nächsten sechs Stunden führte Poke sie bei ansteigenden Temperaturen und durch dichten Wald zu dem Ort, an dem sie ihrer Meinung nach die besten Chancen hatten, nach Eden zu gelangen.
Zum Teil wussten sie, was sie erwartete. Die Sicherheitsmaßnahmen um jede unberührte Zone waren streng, doch die entsprechenden Gebiete waren so groß, dass es für jene, die sich auskannten, Schlupflöcher gab. Poke kannte sich sehr gut aus. Sie trug eine moderne GPS-Smartwatch mit allen möglichen Upgrades am Arm und ein Netzimplantat hinterm Ohr und sie hatte es detailliert für ihre Route und ihre Schrittgeschwindigkeit programmiert. Jedes Summen war das Signal für irgendeine Aktion – ein schneller Marsch, in Deckung gehen und abwarten, bis eine Drohne über ihre Köpfe hinweggeflogen war, scharf nach links und durch einen Kanal unter einer Straße hindurch, nach rechts und einen kleinen, aber steilen und dicht bewachsenen Hang hinauf. Poke hatte jede Bewegung vorausgeplant und sich eingeprägt. Sie führte ein strenges Regiment, verlangsamte sie ein paarmal und trieb sie einmal an, nachdem Aaron angehalten hatte, um Wasser zu lassen.
Die Landschaft war wunderschön, mit bewaldeten Hängen und Tälern, die sich hier und dort zu mit Blumen übersäten Lichtungen öffneten, und einem Geflecht aus Rinnsalen und Bächen, die in einem weit entfernten Fluss zusammenströmten. Doch sie waren nie weit von sichtbaren menschlichen Einflüssen entfernt. Eine Zeit lang folgten sie einer alten, verwahrlosten Straße, die nur noch von den Fahrzeugen der Zed-Sicherheitspatrouillen benutzt wurde. Einst hatte sie in den Bereich geführt, der zu Eden geworden war, und wenn sie ihr weiter gefolgt wären, hätten sie schließlich die Grenze erreicht. Unkraut spross durch Löcher im Asphalt, die Kante war durch Wurzeln aufgerissen und das Laub von vielen Jahren hatte sich in eine Erdschicht verwandelt, in der Gräser, kleine Büsche und sogar Bäume gediehen. Jenn freute sich schon darauf, zu sehen, wie viel stärker sich die Straße verändert hatte, sobald sie drin waren. Ihre Aufregung war körperlich spürbar, wie eine Biene, die in ihrem Kopf summte.
Sie kamen an einem kleinen Städtchen vorbei, in dem nun nur noch Sicherheitspersonal lebte. Beim Vorbeigehen auf einem bewaldeten Hang hielten sie sich unterhalb des oberen Kamms, um keine verräterischen Silhouetten zu bieten. Sobald sie weit genug entfernt waren, um nicht mehr entdeckt zu werden, brachte Poke die Gruppe zum Stehen und reichte Jenn ein Fernglas, um sich den Ort genauer anzusehen. Einige Teile der Stadt waren verlassen und verwahrlost. Die wenigen alten Autos, die die Straßen säumten, hatten platte Reifen, Gärten hatten ihre Eingrenzungen überwunden und waren wild gewuchert und die Gebäude sahen heruntergekommen aus, mit eingeworfenen Fenstern, abblätternder Farbe und schief herunterhängenden Regenrinnen. Anhand einer Gruppe von Fahrzeugen in Tarnfarben konnte Jenn sehen, wo ein kleiner Bereich noch von Edens Grenzpersonal bewohnt wurde. Einige Häuser waren mit größeren Stahlcontainern in den Vorgärten und zwischen den Gebäuden befestigt worden Jenn nahm an, dass es sich bei den Stahlgebäuden um Waffenlager handelte.
»Haben Sie da unten jemanden?«, fragte Jenn.
»Scheiße, nein!«, erwiderte Poke. »Einem Zed würde ich nie vertrauen. Das ist ein Haufen blutrünstiger Söldner.«
»Und wie kommen wir dann rein?« Jenn wusste, dass es umfangreiche elektronische Sicherheitsmaßnahmen geben würde, sobald sie die wahre Grenze erreichten, genau wie physische, natürliche wie künstlich geschaffene, die fast unmöglich zu überwinden waren. In die anderen Zonen kamen sie normalerweise, indem ihr Führer eine Abmachung mit jemandem getroffen hatte, entweder einem Zed oder einem der vielen Wartungsleute, die sich um die riesigen und komplexen Grenzanlagen der Zonen kümmerten.
»Mach dir darüber mal keine Sorgen«, sagte Poke.
»Ich mache mir aber Sorgen.«
»Überlass das mal mir. Dafür bezahlt ihr mich ja.«
Jenn warf einen letzten Blick durch das Fernglas, bevor sie es zurückgab. Die alte Frau sah sie wieder irritiert an, etwas schien sie zu beschäftigen.
»Was zum Teufel …?«, begann Jenn, da summte Pokes Uhr. Sie warf einen Blick darauf, stand auf und winkte sie weiter.
»Siebzig Minuten, dann machen wir zehn Minuten Pause«, sagte sie. »Danach werden die Dinge kompliziert.«
»Was ist mit ihr?«, fragte Aaron, als er Jenn erreichte.
»Keine Ahnung.«
»Es ist, als ob sie dich erkennen würde.« Er legte einen Arm um ihren Hals, zog sie an sich und gab ihr einen Kuss auf die Wange, bevor sie weitergingen. Er war stark, zuverlässig und ihr eine gute Stütze beim Marathon des Sables gewesen, einem mehrtägigen Ultramarathon durch die Sahara. Am Ende des Rennens war sie auch seine Stütze geworden. Sie hatten sich am ersten Abend getroffen, als sie sich ein Zelt mit anderen Läufern geteilt und von anderen Rennen und Abenteuern erzählt hatten. Einer der Männer hatte erwähnt, wie er mal die sibirische unberührte Zone durchquert hatte, bekannt als Zona Smerti, und seine Geschichte hatte die meisten von ihnen mit offenem Mund staunen lassen. Doch nicht Aaron. So plumpe Prahlereien beeindruckten ihn nicht. Was ihn beeindruckte, war stille Entschlossenheit, die Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen, und der Triumph des Geistes über den Körper.
Jenn würde den letzten Tag dieses harten Rennens niemals vergessen. Sie lief den finalen Abschnitt des Marathons mit vor Blasen vollkommen zerfetzten Füßen, drei fehlenden Fußnägeln, durch Sonnenbrand aufgeplatzter Haut um die Lippen, Augen und Ohren und den Folgen eines am frühen Morgen plötzlich aufgetretenen Sandsturms. Hinter der Ziellinie war sie zusammengebrochen und hatte sich geweigert, Hilfe anzunehmen, bis sie Aaron eine Stunde nach ihr ins Ziel rennen sah.
»Meine Füße«, keuchte er, als er gegen sie rannte, weil sich sein Gehirn weiter im Rennmodus befand – immer weiter vorwärts. Später hatten sie festgestellt, dass er sich in beiden Füßen Stressfrakturen zugezogen hatte.
»Ich will sie nicht sehen«, sagte sie.
»Ich will sie abschneiden. Irgendjemand soll mir die Füße abschneiden.« Er umarmte sie und die Nähe fühlte sich so natürlich an. Die gegenseitige Zuneigung zwischen ihnen war so offensichtlich wie die Hitze und der Schweiß und der Gestank ihrer ungewaschenen Körper. Beide weinten. Ihre Tränen vermischten sich wie Blut und verbanden beide auf ewig miteinander. In Jenns Erinnerung hatte dieser Moment etwas Magisches an sich. Sie hatte nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt, doch das hier kam dem schon sehr nah.
Genau das ist es, dachte Jenn, während Aaron und die anderen Poke den Hang entlang folgten. Es ist, als ob sie mich erkennen würde. Sie war ein Name, der Poke auf der Zunge lag, eine verschüttete Erinnerung, die langsam wieder zur Oberfläche aufstieg.
Nur ihr Vater hatte Poke schon einmal getroffen. Poke selbst hatte erwähnt, dass sie sich noch nie weit von diesem Ort entfernt hatte. Darum kannte sie ihn so gut. Der einzige Grund, warum Poke sie wiedererkennen könnte, war der, dass Jenn sie an jemand anders erinnerte.
»Eden«, sagte Poke.
Zuerst sah Jenn kaum einen Unterschied zu der Aussicht im Tal, durch das sie die letzten Stunden gewandert waren. Weitere Bäume, weitere Berge, weitere Täler. Poke hatte sie nach einem exakten Zeitplan hergebracht und selbst jetzt sah sie immer wieder auf ihre Uhr.
»Fünfundzwanzig Minuten«, erklärte ihre Führerin. »Ab hier wird es knifflig.«
»Aber Sie haben unsere Route doch durchgeplant«, sagte Dylan. Ihr Vater war heute sehr still gewesen, zweifellos weil er über die Schwierigkeit der bevorstehenden Aufgabe nachgedacht hatte. Sie waren alle ziemlich still gewesen, selbst Gee. Auch wenn sie sich gemeinsam auf einer Expedition befanden, bereitete sich doch jeder von ihnen mental auf seine eigene Art vor.
»Das habe ich«, antwortete Poke.
»Aber es ist dennoch knifflig?«, fragte Lucy.
Poke seufzte schwer, sah erneut auf ihre Uhr und lehnte sich gegen einen Baum. Sie massierte ihre Knie. Es war das erste Mal, dass sie sich eine Spur von Anstrengung anmerken ließ.
»Natürlich ist es das«, sagte sie. »Schaut doch nur. Ihr alle. Schaut genau hin.«
»Wonach suchen wir denn?«, erkundigte sich Cove, erhielt jedoch keine Antwort. Stattdessen taten sie, was ihre Führerin ihnen gesagt hatte.
Jenn und Aaron standen nebeneinander. Ihre Arme berührten sich und beide keuchten vor Anstrengung. Sie waren daran gewöhnt. Sie genossen es. Jenn konnte ihn riechen, eine vertraute Mischung aus Wärme und Schweiß.
»Es sieht so … tief aus«, sagte er grinsend und Jenn stieß ihn an. Doch er hatte recht. Auf der anderen Seite des Tals, hinter einem schmalen Fluss erstreckte sich Eden bis in die Ferne über geschwungene Hügel mit dunklen Schluchten, in denen sich alles verbergen konnte. Es war unbestreitbar tief.
Tief war das Wort, mit dem sie ihren Albtraum beschrieb. Es war ungenau, doch das passendste Wort, das ihr einfiel. Immer wenn sie krank oder erschöpft war, suchte diese Tiefe ihren Schlaf heim und ließ sie manchmal schweißgebadet aufwachen. Es war eine Ahnung unbekannter, unendlicher Weite. Sie hatte versucht, Aaron diese Albträume zu erklären, wenn sie schreiend neben ihm aufgewacht war und er sie gefragt hatte, was sie hatte. Mit einem nächtlichen Kaffee in der Hand hatte sie von den Ängsten erzählt, die ihren Schlaf heimsuchten. Wie alle schlimmen Albträume ließen auch diese sich nicht leicht erklären. Worte wurden ihnen nicht gerecht. »Es ist ein Gefühl endloser, gewaltiger Tiefe«, hatte sie gesagt. »Als ob mich das Universum verschluckt und vergessen hätte.«
Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter sie in den Arm genommen hatte, wenn sie wieder einmal aus einer Kindheitsversion dieses Albtraums aufgewacht war. Sie hatte Jenn nie fragen müssen, was los war, und Jenn hatte es nie zu erklären versucht. Die Arme ihrer Mutter hatten gereicht. Ihre Stärke, ihr Geruch, der Trost, den sie boten, während sie sagte: »Bei mir bist du sicher.«
Als Jenn und die anderen auf die Wildnis blickten, zog ein Hauch ihres wiederkehrenden Albtraums wie ein Flüstern über die Landschaft. Ihr lief ein Schauer über den Rücken und sie schüttelte ihn ab. Der Ausblick war wunderschön, Ehrfurcht gebietend, und sie war froh, dass die Nachmittagssonne in ihrem Gesicht und die Nähe ihrer Freunde die Angst vertrieben. Sie hatte schon einige unberührte Zonen betreten, doch sie würde sich nie an das Gefühl gewöhnen, davorzustehen und darauf zu warten, hineingehen zu können. Diese Orte wirkten wie dieser Welt entrückt, so wild wie das Land bevor die Affen lernten, auf ihren Hinterbeinen zu gehen.
Und Eden war etwas Besonderes.
Wieder spürte sie diesen Schauer. Jemand beobachtete sie dabei, wie sie Eden beobachtete, und als sie dieses Mal zu Poke sah, wandte diese sich nicht ab.
Jenn legte den Kopf leicht schräg. »Gibt es hier in der Nähe Wasser?«
Poke verstand ihre Absicht. »Hier drüben.«
Jenn streckte die Hand aus und nahm die Trinkflaschen von Cove und Selina entgehen, dann entfernten sich Poke und sie von den anderen.
»Was sehen Sie?«, fragte Jenn leise, sobald sie außer Hörweite waren.
»Eine Frau, die genauso aussah wie du«, antwortete Poke. »Die gleichen Augen. Der gleiche Mund.«
Jenns Herz machte einen Sprung. »Was für eine Frau?«
Sie knieten sich an einen Bach und füllten die Flaschen.
»Ist zwei Monate her«, sagte Poke. Ohne zu blinzeln, verscheuchte sie eine Fliege von ihrer Augenbraue. »Sie kam mit einem Team, ein bisschen wie eures, aber mit mehr Ausrüstung. Nicht so organisiert. Sie hatten ein paar Waffen dabei und anderen Scheiß. Haben mich für etwas Beratung und ein paar Karten bezahlt. Für ein paar Stunden meiner Zeit. Dann betraten sie Eden.«
»Und kamen sie auch wieder raus?«, fragte Jenn.
Poke starrte sie mit eiskaltem Blick an. Sie witterte Betrug und wollte damit nichts zu tun haben. »Du verschweigst deinem Team etwas«, sagte sie. »Das ist nicht cool. Es ist gefährlich. Da drin müsst ihr euch aufeinander verlassen können.«
»Ich habe meine Gründe«, beharrte Jenn. »Bitte, kamen sie wieder raus?«
»Nicht dass ich wüsste.« Poke legte den Kopf schräg und der Zigarettenrauch ließ sie blinzeln. »Ihr Name war Katherine, aber sie nannte sich …«
»Kat. Meine Mutter.« Jenn warf einen Blick zur Gruppe. Ihr Vater stand mit dem Rücken zu ihnen und starrte auf Eden. Sie spürte das Gewicht unausgesprochener Dinge und wie immer gab es eine Gravitation, die sie zusammenhielt, und eine Barriere, die sie auseinanderzwang.
4
»Hiermit erkläre ich Eden, die weltweit erste unberührte Zone, für versiegelt. Vor menschlicher Einmischung versiegelt. Versiegelt vor dem schädlichen Einfluss, den wir seit Jahrhunderten auf unseren Planeten hatten. Wir geben diesen Ort der Natur zurück, in der Hoffnung, dass sich die Natur wiederfindet und uns irgendwann unsere Sünden vergibt.«
Auszug aus der Rede von Ekow Kufuor, dem Obersten Vorsitzenden des Vereinten Zonenrats, am offiziellen Gründungstag von Eden
»Siebzehn Minuten«, sagte Poke. Eine Nachmittagsbrise wehte durch die Bäume und kühlte den Schweiß auf ihren Körpern. Kleine Zweige wiegten sich, Blätter raschelten. Dylan fragte sich, was das Land wohl über sie tuschelte.
Wie in solchen Momenten voller Erwartung auf das bevorstehende Abenteuer und der daraus folgenden Anspannung üblich, dachte er an Kat. Vor langer Zeit hatten sie solche Momente miteinander geteilt. Abgesehen von Jenn war es die wichtigste Sache gewesen, die sie miteinander verbunden hatte.
Er vermisste es. Er vermisste seine Frau.
Dylan hatte Kat seit fast neun Jahren nicht mehr gesehen und seit sechs nicht mehr mit ihr gesprochen. Ein Grund, warum er das alles hier tat, war die Suche nach ihr. Es war eine passive Suche, eine vergebliche Hoffnung darauf, dass er ihr irgendwo – in einem abgelegenen Bahnhof, einem Basislager, einer durchnässten Hütte mitten in einem der wenigen verbliebenen Dschungel dieser schrumpfenden, vergifteten Welt – zufällig in die Arme laufen würde. Ab und an erfuhr er davon, dass sie durch ein kleines Andendorf oder eine Siedlung in Alaska gereist war oder auf dem Weg zu diesem oder jenen Ort gesehen worden war, ein aus absolut nicht zusammenpassenden Leuten bestehendes Team von Athleten oder Entdeckern im Schlepptau. Ihre Gemeinschaft aus Extremsportlern und Adventure Racern war zwar über den ganzen Globus verteilt, aber überraschend klein. Eine Leidenschaft für das Abenteuer hatte Kat und ihn zusammengebracht und ganz egal was sie auseinandergetrieben hatte – ein weiteres Element von Dylans Suche war auch, sich damit abzufinden –, es freute ihn, dass sie sich diese Liebe bewahrt hatte.
Der Tag, an dem Kat ihn und Jenn verlassen hatte, blieb der schlimmste seines Lebens. Manchmal hasste er sie immer noch für den Schmerz, den sie ihm und seiner Tochter zugefügt hatte. Doch der Hass saß unbehaglich neben der Liebe, die immer bestehen bleiben würde.
»Es ist wunderschön«, sagte Jenn, als sie sich neben ihn stellte.
»Das ist es immer«, erwiderte er. »Was wollte Poke?«
»Poke?«
»Sie hat dich seltsam angesehen.«
»Sie ist eine seltsame alte Frau. Denkst du an Mum?«
Dylan seufzte. »Natürlich.« Es kam selten vor, dass sie über Kat sprachen, doch Momente wie dieser fühlten sich persönlich und voller Potenzial an. Wie eine Zeit, um sich zu öffnen.
Er war davon überzeugt, dass seine Tochter im Laufe der Jahre mit Kat kommuniziert hatte, doch er wusste nicht genau, ob sie wusste, dass er es wusste. Wenn Jenn es ihm sagen wollte – und wenn es etwas Erwähnenswertes gäbe –, hätte sie es getan. Das Schweigen bereitete ihr bestimmt ein schlechtes Gewissen und er wollte das nicht verschlimmern. Seine Beziehung zu Jenn war ihm kostbar. Er liebte sie zu sehr, um sie auch noch zu verlieren. Kats Weggang hatte ihn schon hart genug getroffen. Nur ungern dachte er darüber nach, wie es Jenn als Jugendliche beeinflusst haben musste, dass ihre Mutter sie verlassen hatte und untergetaucht war. Sie war zu einer klugen und fähigen Frau herangewachsen, einer der stärksten, die er kannte. Doch innerlich musste die Erinnerung an diese Zeit wie Glut lodern.
Jenn schien angespannt zu sein, mehr als gewöhnlich zu Beginn einer Expedition. Vielleicht war es dieser Ort. Eden schien etwas Unheimliches auszustrahlen, ein Gefühl von Fremdartigkeit, das ihrer Umgebung eine Schärfe und Reinheit verlieh, die er nur selten zuvor erlebt hatte. Die Luft war so klar, als wäre sie noch nie von Menschen geatmet worden.
»Also was ist es?«, fragte er.
Doch es war nicht Jenn, die antwortete.
»Es gibt etwas, das ihr wissen solltet«, sagte Poke. »Ihr alle.«
Als sich Dylan zu ihr umdrehte, bemerkte er, wie ihn Jenn mit weit aufgerissenen Augen ansah. Was beunruhigt mein Mädchen so?, dachte er. Dann sah er Poke an und ihm wurde klar, dass doch etwas zwischen ihnen stand.
»Sie haben es versprochen«, protestierte Jenn.
»Nein. Du hast gefragt. Ich habe nichts versprochen.«
»Es ist Kat, nicht wahr?«, fragte Dylan, weil ihm nichts anderes einfiel, das Jenn so beunruhigen könnte.
»Sie ist in Eden«, sagte Poke. »Deine Tochter weiß das.«
Niemand sprach. Bis auf Selina und Cove, die Kat kannten, hatten die anderen nur von ihr gehört. Dennoch wussten sie, worum es ging.
Jenn sah traurig zu ihrem Vater und flehte ihn stumm an, ihr zu vergeben oder es zu verstehen. Und irgendwie tat er das auch.
Dennoch hatte Jenn sie alle angelogen.
»Was zum Teufel?«, entfuhr es Selina schließlich.
»Tut mir leid, Mädchen«, sagte Poke. »Ich weiß nichts über dich oder deine Gründe, es geheim zu halten, aber ich weiß, dass man keine Lüge im Herzen seines Teams haben darf. Nicht, wenn man nach Eden will. So etwas pflanzt die Saat des Verfalls und man verbringt schließlich mehr Zeit und Mühe damit, die Lüge geheim zu halten, als damit, zu überleben. Und es wird euch all eure Zeit und Mühe kosten, zu überleben. Ich habe euch einen Gefallen getan.«
»Danke für nichts«, erwiderte Jenn, doch sie klang nicht wütend. Sondern traurig.
»Die Lüge ist immer noch da«, beharrte Lucy. »Mit dem einzigen Unterschied, dass wir jetzt davon wissen.«
»Lucy …«, begann Jenn, doch die verzog nur ihr Gesicht und drehte sich weg. Die beiden standen sich so nah und Dylan wünschte, Lucy hätte Jenn einen Funken Unterstützung entgegengebracht. Jemand musste es tun.
»Jenn«, sagte Dylan. »Du weißt, dass ich auch mitgekommen wäre, wenn ich es gewusst hätte.«
»Du schon, Dad. Aber du hättest es dem Team gesagt und wir schaffen es nicht allein. Wenn ihr anderen denkt, wir tun das aus den falschen Gründen … Ich hatte einfach Angst, ihr würdet kneifen.«
»Wann wolltest du es uns sagen?«, fragte Cove.
»Bald«, antwortete Jenn. »Wenn wir drin sind. Vielleicht sogar schon heute.«
»Und … was bedeutet das jetzt?«, fragte Gee.
»Wer weiß.« Selina sah Jenn an. »Würdest du uns bitte mal aufklären?«
Hilfesuchend sah Jenn zu ihrem Vater. Dylan runzelte nur die Stirn. Dann nickte er. Ja, klär uns auf.
Er sah an Jenn vorbei auf die Landschaft von Eden, die sich vor ihnen ausbreitete. Sie hatte sich verändert. Nun wusste er, dass Kat hier war. Vielleicht kletterten sie und ihr Team über einen der Berge, die er in der Ferne sehen konnte, deren Hänge in Hitzeflimmern und Nebelschwaden verborgen lagen, so flüchtig, dass es sich am äußeren Rand seiner Sicht auch um Wolken handeln könnte. Vielleicht war sie in einem der Täler vor ihnen, verloren in ihrer Tiefe, oder sie verlor sich mit Absicht an der Wildnis. Sie waren zu lange getrennt, als dass er ihre Motivation noch kennen würde.
Und offenbar kannte er seine Tochter ebenfalls nicht so gut, wie er geglaubt hatte.
Es war erst zehn Wochen her, dass Jenn das Team dazu zu drängen begonnen hatte, Eden als ihr nächstes Abenteuer anzugehen. Sie hatten in den letzten Jahren oft darüber gesprochen, grobe Pläne geschmiedet und es war definitiv auf ihrem Radar gewesen. Doch dann hatte Jenn sie gedrängt, zusammenzukommen und die Reise anzutreten. Er hatte sich gefragt, ob sie einen Punkt in ihrem Leben erreicht hatte, an dem echte Gefahr zu einem bloßen Abenteuer wurde. Als ihr Vater hatte er sich deswegen Sorgen gemacht und mit ihr darüber geredet. Doch sie hatte darauf beharrt, dass es sich um keine überstürzte Entscheidung handelte und dass Eden nur für jene gefährlich war, die es nicht mit Respekt behandelten. Das war der Unterschied zwischen ihrem Kernteam und einigen anderen, denen sie begegnet waren. So exotisch und wundervoll die Zonen auch waren, gab es immer noch viele Leute, die in ihnen nichts als ihre persönlichen neuen, wilderen Spielplätze sahen. Zu ihnen hatte Jenn nie gehört. Sie sah die Zonen bereits als andere Welten. »Diese Orte gehören uns nicht mehr«, sagte sie oft und die bloße Vorstellung ließ ihre Augen leuchten.
»Vor drei Monaten hat sie mir gesagt, sie würde nach Eden gehen«, erzählte Jenn. »Ich wusste nicht, wann, wie oder mit wem. Sie hat mir nur eine einzige Nachricht geschickt, in der stand: ›Eden ist mein letztes Ziel.‹«
»Wie lange ist es her, dass sie reingegangen ist?«, fragte Dylan Poke.
»Zwei Monate.«
Dylan runzelte die Stirn. Wenn sie vor zwei Monaten hineingegangen und es bis zur anderen Seite geschafft hätten, hätte sich das inzwischen in der kleinen Abenteurerwelt herumgesprochen.
Es war heiß und die Luft schwirrte vor Insekten und einer bedrückenden Anspannung. Cove und Selina hatten Kat gekannt und die anderen wussten über sie Bescheid, also waren sich alle darüber bewusst, wer sie war und was sie getan hatte. Jetzt ihren Namen zu hören, so nah an Eden und der größten Herausforderung ihres Lebens, fühlte sich an, als hätte jemand eine Handgranate in die Gruppe geworfen.
»Was wissen Sie sonst noch?«, erkundigte sich Dylan.
Poke zündete sich noch eine ihrer stinkenden Selbstgedrehten an, sah auf ihre Uhr und zog eine kleine Karte über ihr Display. Dann sah sie ihn durch den Tabakrauch hindurch an.
»Nichts.« Die Zigarette hing in einem Mundwinkel. Sie zuckte mit den Schultern. »Irgendwas kam mir an deiner Kleinen bekannt vor. Hat mich eine Weile verwirrt, bis mir einfiel, was es war. Dass sie wie Kat aussieht. Ich bin nicht mehr so jung, wie ich mal war, weißt du?« Sie tippte sich an den Kopf.
»Woher wollen Sie wissen, dass sie die Durchquerung nicht geschafft hat und an der anderen Seite wieder rausgekommen ist?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete Poke. »Ich weiß nur, dass sie hier nicht wieder rausgekommen ist.«
»Ich weiß es aber«, sagte Jenn.
»Und woher?« Dylan suchte nach Antworten und wurde immer wütender. Wut gehörte nicht in eine solche Gruppe, besonders nicht wenige Minuten bevor sie vorhatte, eine gefährliche Grenze zu überwinden. Sie hatten drei andere unberührte Zonen durchquert, dieses gut eingespielte Team von sieben Leuten, und er wusste, dass sie genau deshalb gut zusammenarbeiteten, weil jeder sein Ego in Schach hielt und die Kommunikation reibungslos und unbehindert von persönlichen Problemen verlief. Natürlich gab es auch mal Spannungen, das war bei jeder Gruppe dieser Größe vollkommen normal. Aber nichts wirklich Ernstes. Trotz der Lüge war Dylan ihr Anführer und vor den anderen jetzt die Beherrschung zu verlieren würde sie alle nur in Gefahr bringen.
»Ich weiß es einfach, Dad«, sagte Jenn. »Mum … du weißt, dass ich ab und an von ihr gehört habe, oder?«
»Natürlich weiß ich das.« Plötzlich stand zwischen ihnen eine Mauer der Verlegenheit und sie wurde immer dicker. Das ist jetzt einer dieser alles verändernden Momente, dachte Dylan. Er hatte genug von ihnen durchlebt, um ihn zu erkennen.
»Erst sechsmal, seit sie weg ist«, fuhr Jenn fort. »Jedes Mal, wenn sie eine der anderen unberührten Zonen durchquert hat. Als ich noch klein war, haben wir darüber gesprochen, es zusammen zu tun, erinnerst du dich? Wir wollten versuchen, alle zu durchqueren. Also schickt sie mir ein Bild von sich und ihrem Team, wie sie auf einer Straße oder in einem Wald stehen oder zusammen an einem Tisch sitzen und trinken. Sie hält dabei immer eine Karte in die Kamera, auf der eine rote Linie durch die Zone geht. So was wie ›Geschafft!‹ Manchmal lächelt sie.« Jenns Stimme verlor sich, als ihr das Schweigen der anderen bewusst wurde.
Aaron trat einen Schritt näher und legte ihr die Hand auf die Schulter und Dylan verspürte einen Anflug von Dankbarkeit. Er kannte Aaron seit fünf Jahren, seit Jenn ihn ins Team gebracht hatte. Er mochte ihn und wusste, dass er Jenn guttat. Wie die anderen wartete er darauf, dass sie weitersprach.
»Und daher weiß ich, dass sie diese Durchquerung nicht abgeschlossen hat. Kein Foto, nur die Zeile ›Eden ist mein letztes Ziel‹. Eine Absichtserklärung. Seither habe ich nichts mehr von ihr gehört.«
»Ist das alles?«, hakte Dylan nach.
»Das ist alles«, versicherte Jenn. Doch er wusste, dass sie immer noch log. Es gab noch etwas, das sie ihm nicht sagte, und jetzt, wo die Lüge über Kat ans Licht gekommen war, wusste er nicht, ob er ihr jemals wieder trauen konnte.
Sie wusste, dass wir herkommen würden, um ihrer Mutter zu folgen, und sie hat nichts gesagt!
Aber hier und jetzt vor den anderen konnte er sie nicht darauf festnageln. Dafür war später noch Zeit. Wenn das Team überhaupt weitermachen wollte.
»Und du wolltest, dass wir ihr Konkurrenz machen?«, fragte Selina. »Sie finden? Was?«
Jenn zuckte mit den Schultern. Vielleicht wusste sie das selbst nicht.
»Vielleicht ist es eine Einladung«, sagte Aaron. »Sie will, dass Jenn es auch versucht.«
»Du wusstest es?«, fragte Cove.
»Hat er nicht!«, erwiderte Jenn. »Diese Sache geht allein auf meine Kappe.«
»Aber warum nach all dieser Zeit?«, fragte Selina.
Jenn blinzelte und schaute auf ihre Füße. Da steckt definitiv noch mehr dahinter, dachte Dylan und schwor sich, sie danach zu fragen, sobald sie allein waren.
»Wie lange ist es genau her?«, fragte Dylan Poke.
Die alte Frau sah aus, als wäre ihr das Gespräch unangenehm. Zum ersten Mal spürte sie, wie nah sich die Gruppenmitglieder standen, und fühlte sich wie eine Fremde unter ihnen. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und tippte ein paarmal darauf herum. »Acht Wochen, zwei Tage.«
Eden war etwa fünfhundert Kilometer breit, eine Wildnis aus Wäldern und Tälern, Bergen und Schluchten, Flüssen, Seen und Sümpfen. Ihre östliche Grenze bestand aus einer wilden, unzugänglichen Küste, aus zerklüfteten, hundert Meter hohen Klippen, vor denen im Lauf der Jahrhunderte zahllose Schiffe gesunken waren. Im Norden erstreckte sich eine hohe Bergkette und Edens westliche Grenze folgte einem tiefen Tal, das an manchen Stellen mehr einer Schlucht glich, mit einem viele Kilometer langen, reißenden Fluss. Sie betraten die Zone über die relativ leicht zugängliche südliche Grenze und beabsichtigten, ihre Durchquerung in weniger als zwanzig Tagen abzuschließen.
Kat war vor fast sechzig Tagen hineingegangen.
»Sie könnte immer noch da drin sein«, sagte Dylan.
»Nach acht Wochen?«, wandte Cove ein.
Dylan zuckte mit den Schultern. Es war Coves gutes Recht, Zweifel anzumelden, doch das verfestigte nur die Vorstellung, dass Kat tot sein könnte. Sie und ihr gesamtes Team. Die Zonen waren gefährlich genug, vor allem Eden, und durch sie hindurchzueilen erhöhte diese Gefahr, manchmal auf ein unzumutbares Maß. Zwei Jahre zuvor waren sie am Boden eines Kliffs in Eritrea auf die Überreste eines Teams gestoßen, ihre Körper zerschmettert und in der Verwesung zu einer Einheit verschmolzen.
»Wir wissen, dass sie reingegangen ist«, sagte Jenn. »Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht wieder rausgekommen ist. Davon müssen wir ausgehen. Und das ändert nichts an dem, was wir tun.«
»Dann sind wir jetzt also eine Suchmannschaft?«, fragte Lucy. »Versteh mich nicht falsch, ich bin echt sauer, dass du uns angelogen hast, aber das ist deine Mutter da drin. Wir sollten zum Landepunkt zurückgehen und meine Kiste holen. Ich habe da Sachen drin, die uns nützen könnten.«
»Du hast da Sachen drin, die noch nicht mal erfunden wurden«, sagte Gee.
Dylan schmunzelte, jemand anders lachte und alle waren dankbar für die Aufmunterung. Von jemand anders als Gee hätte ein solcher Kommentar deplatziert gewirkt.
»Keine Suchmannschaft«, entschied Jenn. »Dad?«
»Keine Suchmannschaft«, wiederholte Dylan. »Kat kann auf sich selbst aufpassen.« Es war eine Feststellung.
»Wir können ja trotzdem die Augen offen halten, wenn wir da drin sind«, sagte Cove.
»Das werden wir«, sagte Dylan. »Natürlich. Aber wir sind mit einem anderen Ziel hergekommen und schulden es uns selbst, es zu erreichen. Das erste Team, das Eden durchquert. Den Richtwert setzt. Der Grund, warum wir es jetzt gerade tun … Ich bin mir nicht sicher, ob das eine Rolle spielt. Und es ist auch nicht so, als hätte einer von euch überredet werden müssen. Richtig?«
»Richtig«, stimmte Aaron zu. »Wenn es Kat nicht bereits gelungen ist.«
»Zweihundertfünfzigtausend Quadratkilometer«, sagte Dylan. »Ja, wir werden unsere Augen offen halten.«
»Nichts für ungut, aber … Acht Minuten«, unterbrach Poke.
»Sind alle einverstanden?«, fragte Dylan.
»Nein«, sagte Selina. »Ich bin überhaupt nicht einverstanden. Ich mag keine Lügner.«
Dylan sah, wie seine Tochter zusammenzuckte, und wusste, dass es an der Zeit war, diese Sache hinter sich zu lassen. »Also?« Er sah sich in der Runde um. Er hatte Selina übergangen. Ihm war klar, dass er später dafür bezahlen würde. Doch jetzt sagte sie erst mal nichts mehr und niemand stieg aus. Dieses Team war zusammengekommen, sie hatten all ihre Erfahrung und Kompetenz vereint, Geld und emotionale Anstrengungen investiert und für diesen Moment geplant. Sie wollten diese Sache durchziehen. »Gut. Dann los.«
Eine halbe Minute lang bereiteten sie sich schweigend vor. Nur Aaron und Jenn standen dicht beieinander, Stirn an Stirn, und flüsterten sich Worte zu, die niemand sonst hören konnte. Gee hüpfte auf der Stelle, um sich aufzuputschen. Cove und Lucy standen nebeneinander und blickten auf den seltsamen Ort jenseits des Tals.
Selina trat an Dylan heran und er lächelte sie an. Er wollte nicht, dass es sich unangenehm für sie anfühlte, denn zwischen ihnen war etwas, auch wenn keiner von ihnen beiden so richtig wusste, was daraus werden würde. Sie hatten mehrfach miteinander geschlafen, doch zwischen den einzelnen Malen hatte immer viel Zeit gelegen. Zwischen den Expeditionen kehrte Selina nach Madrid zu ihrer Dozentenstelle und ihrer alten Mutter zurück und oft vergingen Monate, in denen sie sich kaum sprachen. Manchmal fühlten sie sich wie ein Liebespaar, manchmal wie beste Freunde. Es half nicht, dass er so wenig über sie wusste, abgesehen von ihrer absoluten Leidenschaft für die Umwelt und wie deren anhaltender Verfall Selinas eigene regelmäßige Depressionen widerspiegelte. Sie machte kein Geheimnis aus ihrer Vorgeschichte, doch sie sprach nur selten davon und das machte ihr gegenwärtiges Ich irgendwie unvollständig.
Lautlos formten seine Lippen die Worte Tut mir leid.
»Du bist der Anführer«, sagte Selina leise. »Und ihr Vater. Ich kann mir vorstellen, dass du wütender bist als wir alle zusammen.«
»Auf geht’s«, verkündete Poke und klatschte in die Hände. »Wie ihr gesagt habt, das sind zweihundertfünfzigtausend Quadratkilometer und das meiste davon ist anders als alles, was ihr jemals gesehen habt. Ich war einmal drin und das hat mir gereicht.«
»Wie bitte?« Dylan sah sie an. »Sie sind unsere Führerin.«
»Ja, und ich werde euch hinführen, wenn ihr mir folgt und alles tut, was ich sage.« Wieder sah sie auf ihre Uhr.
»Wir kennen uns mit solchen Orten aus«, sagte Cove. »Wir waren in Green Valley.«
Poke schnaubte. »Eine Parklandschaft, mehr nicht.«
»Wir haben die Husky Plains in unter dreißig Tagen geschafft, unabhängig und ohne Unterstützung«, fuhr Cove fort. »Fünf Tage schneller als jeder andere, selbst in einem Rennszenario. Und wir halten auch den Rekord für die Zona Smerti. Gleiches Team, gleiche Aufstellung. Wir wissen, was wir tun.«
»Tut ihr nicht«, entgegnete Poke. »Ihr wisst, was ihr tun wollt, aber Eden könnte andere Ideen haben.«
»Warum waren Sie nur einmal drin?«, fragte Dylan. Sie hatte sich ihm als Führerin angeboten, indem sie gesagt hatte, sie wisse genau, wie er und sein Team hineinkamen, ohne erwischt oder bemerkt zu werden. Zugegebenermaßen hatte sie nie behauptet, viel über Eden selbst zu wissen. Nur über seine Grenzen und Sicherheitsmaßnahmen.
»Weil das eine Mal schon zu viel war«, antwortete Poke. »Ihr wisst, warum diese unberührten Zonen eingerichtet wurden. Natürlich wisst ihr das, denn es sind Leute wie ihr, die sie als ihre persönlichen Spielplätze ansehen. Ihre Herausforderungen. Was auch immer. Aber diese Orte wurden vor Jahrzehnten eingerichtet und seither sich selbst überlassen, abgeschnitten vom Rest der Welt, um der Natur die Gelegenheit zu geben, sich selbst zu heilen. Da drin gibt es keine Menschen. Keinen, nicht mal …« Sie nickte Selina zu. »Wissenschaftler. Reiner geht’s nicht und es überrascht mich immer noch, dass man sich dazu entschlossen hat. Regierungen, große Unternehmen haben diese riesigen Landstriche verlassen und der Natur überlassen. Es musste natürlich sein. Vielleicht werden sie irgendwann zu den Lungen der Welt. Ist wohl so was wie unsere Entschuldigung an den Planeten. Aber …« Sie nahm einen Zug von ihrer Selbstgedrehten. Die glühende Spitze knisterte in der Stille. »… es ist anders da drin.«
»Einige sehen die Zonen als unsere letzte Hoffnung«, sagte Selina.
»Ja, klar, die letzte Hoffnung der Menschheit«, erwiderte Poke. »Niemand kapiert, dass der Planet sich erholen wird, egal wie sehr wir uns selbst schaden.«
»Auf lange Sicht«, sagte Lucy.
»Was für uns wahrscheinlich zu lang sein wird, für die Natur aber nicht mehr ist als ein Wimpernschlag«, ergänzte Selina.
»Was meinen Sie mit anders?«, hakte Dylan nach. Er konnte Pokes Angst sehen und was er sah, gefiel ihm nicht. Ihre Härte war nicht nur Fassade.
»Das eine Mal, als ich drin war, habe ich etwas gespürt«, sagte die Führerin. »Ich kann es nicht unnatürlich nennen, denn ich denke, es war absolut natürlich. Vielleicht war es unmenschlich. Ich weiß es nicht, aber es hat mich ziemlich mitgenommen. Hat mir Albträume beschert, die ich jetzt noch habe.«
»Was für Albträume?«, fragte Jenn, doch Poke ignorierte sie. Sie schien fast mehr mit sich selbst zu reden.
»Es gibt da diese jüdische Legende. Es heißt, dass Gott eine Ecke seiner Schöpfung unfertig ließ und jeden, der sich für größer hielt als ihn, herausforderte, sie selbst fertigzustellen. Ich bin zwar nicht gläubig oder so was, aber an der Idee ist was dran. Und wenn es einen Ort auf der Erde gibt, der zu dieser uralten Geschichte passt, ist es Eden.«
Sie verstummte. Niemand sprach. Dann sah sie auf die Uhr. »Drei Minuten.«
»Gut«, sagte Gee. »Ist mir eh zu viel Gequatsche. Lasst uns das Tageslicht nutzen.«
5
»Von Anfang an ließ man uns keine Wahl. Wir waren im Weg und mussten weg. Die finanziellen Entschädigungen waren mehr als fair, aber es ging nicht ums Geld. Sondern darum, entwurzelt zu werden und in irgendeinem Umsiedlungslager sechshundertfünfzig Kilometer von unserem Zuhause entfernt zu landen. Man kann Familien versetzen, aber keine Gemeinschaften. Meine Ehe zerbrach. Ich begann zu trinken. Meine Frau beging sechs Jahre später Selbstmord. Aber das ist ja alles in Ordnung, denn die Natur hat ihr Zuhause gefunden. Was ist mit meinem Zuhause? Was ist mit mir?«
Vasilia (Nachname anonymisiert) über die Folgen der Zona Smerti, Augenzeuge: Der Umbruch der unberührten Zonen in Bild und Text, Alaska Pacific University Press
Während Poke mit ihrem programmierten GPS die Wanderung vom Landeplatz auf die Minute genau geplant hatte, war das Überwinden der Grenze zu Eden sekundengenau festgelegt. Sie alle trugen etwas mit sich, das nicht zur Ausrüstung gehörte, eine Spannung, die zwischen ihnen hing und sie voneinander trennte. Dylan gefiel es nicht und er würde Jenn darauf ansprechen, wenn er die Gelegenheit hatte.
Doch jetzt war nicht der richtige Moment. Sie waren entschlossen und es würde sich nun zeigen, ob Poke ihr Geld wert war.
Sie führte sie von ihrem Ruheplatz am Hang hinunter in eine Schlucht, wo sie dem Verlauf eines Stroms folgten. Dylan blieb dicht hinter Poke. Ihm folgten Cove und Selina, dann Aaron und Jenn und schließlich Gee und Lucy. Die Aufteilung und Reihenfolge ihrer Gruppe war kein Zufall. Gee und Lucy waren gut aufeinander abgestimmt, schnell und leise, das ideale Schlusslicht des Teams. Sollte ihnen jemand oder etwas folgen, würden sie es mitbekommen.
Dylan konnte sich niemand anders vorstellen, der ihm den Rücken freihielt. Gee hatte ihm bei ihrem ersten gemeinsamen Rennen vor sechs Jahren das Leben gerettet, indem er sich einem Banditen auf einem Dschungelpfad in Bolivien entgegengestellt und ihn entwaffnet hatte. Danach hatte er dessen Begleiter verscheucht. Das war ihm allein durch die Androhung von Gewalt gelungen, unterstützt durch enorme Zuversicht und Ruhe. Dylan vermutete, dass Gee in seinen zehn Jahren als Polizist in Vancouver Schlimmeres gesehen hatte, aber er wusste auch, dass solche Stärke angeboren und nicht erlernt war. Er war wohl die widerstandsfähigste Person, die Dylan kannte, und hatte doch eine anziehende Bescheidenheit an sich. Er sprach nicht viel über seine Vergangenheit und die Geschichte, wie er seine Hand verloren hatte, änderte sich ständig. Haiangriff, infizierter Spinnenbiss, Geburtsfehler, Dylan hatte schon alles gehört, aber nur ein einziges Mal hatte ihm Gee die tragische Wahrheit anvertraut – dass er seinen Ehemann und seine linke Hand bei einem Autounfall verloren hatte. Das war das Ende seiner Zeit bei der Polizei von Vancouver gewesen und hatte schließlich zu seiner neuen Inkarnation als Abenteurer geführt.
Der Strom grub eine mäandernde Furche in die Schlucht, führte um Felsformationen, staute sich gelegentlich auf und stürzte mehrere kleine Wasserfälle hinab, wo das Gestein Stufen im Hang formte. Sie sprangen hin und her über den Strom und tanzten über Trittsteine, um ihre Schuhe so lange wie möglich trocken zu halten.
Ein paar Minuten nach dem Start erreichten sie eine Stelle, wo ein anderer Strom dazukam und sich über eine Reihe von Miniwasserfällen ergoss, was einen Dunst aus gebrochenem Sonnenlicht über die Szenerie legte. Es erinnerte Dylan an den verschmutzten Fluss, den sie vom Flugzeug aus gesehen hatten, nur dass dies hier natürlich und wunderschön war.
Poke hob eine Hand, damit sie stehen blieben, dann drängte sie sie gegen eine nackte Felswand neben den Wasserfällen. Dylan presste sich gegen die Oberfläche und genoss den kühlen Sprühnebel auf seiner Haut. Es war heiß heute und jetzt am Spätnachmittag war die Hitze erdrückend. Er trank einen Schluck Wasser aus der Trinkblase seines Rucksacks und beobachtete eine kleine Eidechse, die den Felsen hinaufhuschte, über ein Rinnsal hüpfte und in einem Spalt verschwand. Sie schien sich der Anwesenheit des Teams gar nicht bewusst zu sein und Dylan fragte sich, ob sie sich frei über die Grenze zu Eden bewegte.
Poke warf einen Blick auf ihre Uhr, sah dann auf und beobachtete den Himmel. Sie hob ihre Hand, um die Gruppe auf sich aufmerksam zu machen. Momente später dröhnte eine Turbodrohne hoch über ihnen hinweg. Dylan erstarrte und senkte den Kopf, damit die Drohne sein blasses Gesicht nicht wahrnahm. Doch sie waren von der Felswand und dem Sprühnebel der Wasserfälle gut verborgen und kurz darauf verschwand die Drohne hinter den Bäumen. Poke winkte sie weiter.
Sie folgten dem Wasserverlauf noch ein paar weitere Minuten, dann kletterten sie das steile Ufer hinauf und fanden sich auf einem Waldpfad wieder. Es überraschte Dylan, wie stark genutzt die Route war, und er sah Poke ihre Nervosität an. Sie kniete sich neben den Pfad, die Gruppe tat es ihr nach, und ein paar Minuten lauschte sie mit geneigtem Kopf und offenem Mund.
Dylan schaute sich zu den anderen um. Die meisten beobachteten Poke, nicht ihn. Jenn sah ihn an und er lächelte. Sie nickte zurück. Wahrscheinlich dachte sie über Kat und ihre aufgedeckte Lüge nach, aber das alles musste jetzt erst mal warten. Es war wichtig, dass sie sich auf die unmittelbare Zukunft konzentrierten, nicht auf die Gegenwart. Oder die Vergangenheit.
Bitte sei am Leben, dachte er. Die Vorstellung, seine Exfrau tot in Eden vorzufinden, suchte ihn bereits heim. Doch der Gedanke, dass man sie vielleicht niemals finden würde, war noch schlimmer.
Poke gab ein Signal und sie überquerten den Pfad schnell und gebückt. Auf der anderen Seite drehte sie sich um und überprüfte, ob sie Spuren hinterlassen hatten. Der Boden war trocken, die Fahrrinnen flach und hart. Sie nickte und übernahm wieder die Führung.
Als sie sich dem Talgrund näherten, konzentrierte sich Poke mehr und mehr auf ihre Uhr. Dylan, der direkt hinter ihr ging, hörte, wie ihr Netzimplantat mit einer Reihe von vorprogrammierten Alarmen summte. Bei jedem Signal hielt sie inne, änderte die Richtung, wartete eine bestimmte Zeitspanne und signalisierte dann, dass es weiterging. Sie durchquerten einen stark bewaldeten Bereich. Gelegentlich flogen Vögel vor ihnen davon und das Unterholz raschelte, während kleine Tiere in Sicherheit liefen. Jedes Mal, wenn das geschah, sah Poke den fliehenden Kreaturen nach und schien besorgt zu sein, dass der Lärm Aufmerksamkeit erregen könnte, doch es gab nichts, was sie dagegen unternehmen konnten. Sie waren noch ein paar Kilometer von Edens Grenze entfernt und diese Tiere hatten immer noch allen Grund, die Menschen zu fürchten.
Dylan wusste, dass es anders sein würde, sobald sie drin waren, und er freute sich darauf, das wieder zu erleben. Er kannte es aus anderen unberührten Zonen, wo Tiere ihr ganzes Leben lang keinem menschlichen Wesen begegneten. Es war erstaunlich, wie wenig sie gefürchtet wurden. Es war erhebend.
»Wir bleiben sieben Minuten hier«, flüsterte Poke und duckte sich an eine große Böschung mit Dornenranken, Farnen und toten Ästen. »Esst. Trinkt.« Einige Bäume waren gemeinsam gefallen, vielleicht durch starke Winde oder einen Blitzeinschlag, und der Sturz hatte eine dichte Barriere geschaffen, hinter der sie sich nun verstecken sollten.
»Wie weit noch?«, fragte Dylan.
»Keine drei Kilometer. Dort sind Zed-Patrouillen. Bald kommt die erste. Hier sind wir sicher.«
»Sind wir das?«, fragte Dylan, doch Poke gab keine Antwort. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr, schaute dann zurück zu dem Weg, den sie gekommen waren, und schließlich durch das Dickicht und an den umgestürzten Bäumen vorbei, ohne dass ihr Blick mehr als ein paar Sekunden an einer Stelle verweilte. Sie signalisierte dem Team durch ein Winken, unten zu bleiben. Sie schien weiterhin alles im Griff zu haben.
Dylan fragte sich, ob Kat hier entlanggekommen und sich auch hinter diesen toten Bäumen versteckt hatte. Er hatte im Lauf der Jahre bei Expeditionen durch andere unberührte Zonen ähnliche Gedanken gehabt, aber es waren stets alberne, unwahrscheinliche Ideen gewesen statt Gewissheiten. Hier kam es ihm plötzlich viel greifbarer vor. Wenn er seine Augen schloss, konnte er fast spüren, wie Kat neben ihm hockte und darauf wartete, dass die Patrouille vorbeiging. Er konnte sie fast riechen, diese Mischung aus ihrer Lieblingssonnencreme und dem typischen Kat-Duft, den er so lange gekannt hatte und der nun verschwunden war. Manchmal nahm er einen ähnlichen Kokosnussduft wahr und Erinnerungen stürmten auf ihn ein. Er atmete tief ein. Hier waren keine Kokosnüsse und keine Erinnerungen an Kat.
Sie nutzten die Gelegenheit, um Wasser zu trinken und Rucksäcke zu richten, die eventuell nicht richtig saßen. Cove schnürte seine Wanderschuhe neu. Lucy machte sich einen Pferdeschwanz. Gee stocherte sich mit einer Kiefernadel in den Zähnen herum. Dylan wusste, dass sie sich darauf freuten, Eden zu betreten, nun aber auch über die Neuigkeit beunruhigt waren, dass Kat und ihre Gruppe noch irgendwo in der Zone sein könnten. Die Vorstellung, dass ihnen ein anderes Team zuvorgekommen sein könnte, war nur teilweise für ihre Nervosität verantwortlich. Aber er konnte auch ihre Zuversicht spüren. Einzeln waren sie alle geschickt in dem, was sie taten, und zusammen bildeten sie eines der besten Adventure-Race-Teams der Welt. In einer Szene, die im Untergrund existierte, wurden sie mehr als die meisten respektiert und gefeiert.
Selina machte sich bereits Notizen. Sie war die Einzige unter ihnen, die konstante Bedenken über das äußerte, was sie taten, weil die unberührten Zonen kostbare, reine Orte waren und in sie einzudringen nicht nur in den Augen des Gesetzes ein Verbrechen war, sondern von einem ökologischen Standpunkt aus als törichtes Unternehmen angesehen werden konnte. Die Zonen waren eingerichtet worden, um jeglichen menschlichen Einfluss zu unterbinden. Reinheit war wesentlich für ihren Erfolg.
Doch die wissenschaftliche Neugier überwog ihre Bedenken. Ihre Selbstverpflichtung, Eden und seine Existenzgründe zu ehren, waren stärker als jeder Zweifel. Sie würden keinen Müll zurücklassen. Sie würden ihre Körperausscheidungen vergraben. Sie hatten jede Menge Nahrung in Form von Energieriegeln, Gelen und getrockneten Mahlzeiten dabei, die für genau diese Art Einsatz gedacht war. Sie würden nicht jagen und nur nach essenziellen Mengen Beeren und Nüssen suchen. Sie hatten keine elektronischen Geräte bei sich, für den Fall, dass Signale oder elektrische Felder die Flora oder Fauna in irgendeiner Weise beeinträchtigten.
Es lag in der Natur der Sache, dass sich Teams, die illegal die unberührten Zonen durchquerten, auf das Nötigste beschränkten, und das machte es in Dylans Augen zur pursten, menschlichsten Form der Erforschung, die es noch in der Welt gab.
Und es war auch die gefährlichste. Sollte einer von ihnen stürzen und sich etwas brechen, konnte keine Notrettung gerufen werden. Die anderen würden den Verwundeten weitertragen müssen. Verletzungs- und Sterblichkeitsraten waren hoch, doch Dylan rühmte sich, noch nie jemanden verloren zu haben. Auch wenn sie den Großteil ihres Lebens getrennt verbrachten, agierte sein Team umso mehr als Einheit, je öfter es zusammenarbeitete. Dennoch verfolgte ihn die Möglichkeit eines Unfalls. Als Teamleiter hatte er viel Stress, der die pure Freude an dem, was sie taten, trübte. Körperlich war er der wahrscheinlich fitteste Mann seines Alters, den er kannte, doch in gewisser Hinsicht fühlte er sich älter, als er war.
Ein Klicken holte seine Aufmerksamkeit in die Gegenwart zurück. Poke hob eine Hand und als sie jeder ansah, deutete sie durch den Baumsturz und senkte sie dann flach in Richtung Boden. Sie duckten sich tiefer, wie durch ihre Hand nach unten gepresst.
Dylan hörte das Sicherheitsteam, lange bevor er es sah. Sie unterhielten sich, scherzten, lachten, und das war gut, denn es bedeutete, dass sie nicht davon ausgingen, gehört zu werden. Der Wald um sie herum verstummte, als die Vögel ihren Gesang einstellten. Er versuchte, an den umgestürzten Bäumen vorbei und durch das Unterholz zu sehen, und bewegte sich nach links und rechts, bis er den besten Blickwinkel hatte. Während ihre Stimmen lauter wurden, entdeckte er die ersten Bewegungen, ein Aufblitzen von Farben zwischen Blättern und Zweigen, Ästen und Stämmen. Sie trugen nicht mal Tarnkleidung.
Die Zonenschutztruppe war gegründet worden, kurz nachdem das Abkommen in Kraft getreten war. Zentral finanziert durch Gelder aus jedem Land, das unterschrieben hatte, nahmen die Einheiten der jeweiligen Zonen – deren Mitarbeiter fast überall auf der Welt als Zeds bekannt waren – schnell ihre eigenen, unverwechselbaren Identitäten an. In Wales, nahe der Green-Valley-Zone, patrouillierten Zeds die Landgrenzen zu Pferde und waren nur selten bewaffnet, sondern verließen sich stattdessen auf Kommunikation mit den Gemeinden, um Frieden und Sicherheit der Zone zu gewährleisten. In der Jaguar-Zone in Zentralbrasilien hatten Zeds anfangs ihr Einkommen durch das Anbieten illegaler Touren aufgebessert und darüber hinaus war es zu Einmischungen einiger der großen Kartelle gekommen, die damals noch aktiv gewesen waren. Weltweite Grenzscharmützel mit Toten hatten zu einer Neuorganisation geführt und die Leitung war regionalen Militärtruppen übertragen worden. Bei vielen Zeds handelte es sich jetzt um ehemalige Soldaten, die nun einen besseren Sold bekamen als während ihres aktiven Diensts. Gegner behaupteten, dass die Schutztruppen nichts anderes seien als paramilitärische Gruppierungen, die sich auf illegalem Weg Waffen beschafften, um sich und die Zonen zu schützen.
Und doch zweifelten nur wenige an ihrer Effizienz. Ungeachtet ihrer Vorgeschichte waren die Zeds der meisten Zonen engagiert und äußerst erfahren darin, ihre Bestimmung zu erfüllen. Die Todesrate unter Eindringlingen war auf einem Rekordtief, genau wie die Zahl der Personen, die es tatsächlich hineinschafften. Es hatte Jahrzehnte gebraucht, aber die Zeds waren zu einem erfahrenen, ernst zu nehmenden Sicherheitsfaktor geworden.
Momentan empfand Dylan diese sechs Leute als wenig bedrohlich. Selbst als er sah, dass eine der Frauen ein Gewehr über der Schulter trug und einer der Männer ein schweres Holster an der linken Hüfte, hatte er keine Angst. Sie wirkten so souverän und entspannt, dass ihre Patrouille eher nach einem Spaziergang aussah.
Die Zeds gingen vorbei, bewegten sich den sanften Hügel hinab und verschwanden im Wald, bis nur noch ihre Stimmen zu hören waren. Poke starrte auf ihre Uhr und in dem Moment, als das letzte Lachen verklungen war, hob sie ihre Hand und nickte.
Poke stand auf und wieder folgten sie ihr. Sie kreuzten den Weg, den die Patrouille genommen hatte, und bewegten sich über den Hügel. Dabei mussten sie eine Reihe natürlicher Stufen im Boden überwinden, die es erforderten, einige steile Hänge hinabzurutschen. Am unteren Ende befand sich ein Wasserlauf und Poke folgte ihm. Nahe dem Wasser wuchs hohes Schilfrohr und sie bahnte sich ihren Weg hindurch. Dabei wand sie sich nach links und rechts, um keine Pflanzen zu zertrampeln.
Nachdem sie dem Bach eine halbe Stunde lang gefolgt waren, ließ Poke die Gruppe anhalten. Sie hockten sich ins Schilf auf den feuchten Boden.
»Was jetzt?«, fragte Dylan.
»Wir sind ein paar Minuten vor dem Zeitplan«, erklärte Poke. »Der nächste Teil ist der riskanteste.«
»Haben Sie Kat und ihre Leute auch hier entlanggeführt?«
»Natürlich nicht!«, entgegnete Poke. »Ich benutze nie die gleiche Route zweimal. Meistens bringe ich die Leute für einen Tag rein und wieder raus. Ich wäre schön dämlich, immer den gleichen Eingangspunkt zu nehmen.«
»Dafür kennen Sie den Weg wirklich gut«, sagte Cove.
»Ich habe ihn viermal erkundet«, erwiderte Poke. »Oft genug, um ihn genau zu kennen, nicht oft genug, um entdeckt zu werden. Eine Minute.«
»Was ist so riskant am nächsten Abschnitt?«, wollte Jenn wissen.
»Er wird ihre Aufmerksamkeit erregen«, antwortete Poke. »Seid ihr bereit zu rennen?« Die alte Frau musterte sie alle lächelnd. Keiner musste antworten.
Sie ließen den Bach hinter sich und blieben stehen, als sie Momente später eine warnende Hand hob. Sie stand an einem abgesägten Baum. Der schmale Stumpf endete zwei Meter über dem Boden. Daran befestigt war eine dunkelbraune Box. Die Farbe bot eine gute Tarnung und war nur zu sehen, wenn man nah genug dran war oder darauf hingewiesen wurde. Dylan trat einen Schritt näher und sah den Draht, kurz bevor ihn Poke mit einer Zange durchschnitt. Dann holte sie etwas aus ihrem Rucksack, packte es aus und legte es in die Nähe des Drahts. Ein totes Streifenhörnchen.
»Hier lang«, sagte sie und deutete in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Über den Bach. Folgt mir.«
»Was haben Sie da gerade …?«
»Elektrozaun. Stark genug, um Menschen einen kleinen Schlag zu versetzen. Früher waren hier überall welche, aber viele von ihnen sind über die Jahre hinweg ausgefallen.«
»Und werden die das glauben?« Er deutete auf das tote Tier.
»Uns bleiben vielleicht sechs Minuten, bis die erste Robo-Drohne auftaucht«, sagte sie über ihre Schulter, während sie zu laufen begann. Dylan rannte hinter ihr her. »Und zehn Minuten danach kommt der erste Hubschrauber. Also spart euch euren Atem.«
Der Bach war seicht genug, um hindurchzuwaten, und Poke hatte eine Stelle gewählt, an der es ein paar Felsen gab, über die man hüpfen konnte, wenn man geschickt genug war. Dylan hörte, wie Gee leise fluchte, als dieser ausrutschte und bis zu den Oberschenkeln im Wasser landete, doch die anderen schafften es, ohne nass zu werden.
Zehn Minuten lang lief Poke durch das Tal und blieb dabei so gut wie möglich in Deckung. Sie hatte ein zügiges Tempo drauf und Dylan war von ihrer Fitness beeindruckt. Die Gruppe konnte mithalten, doch als sie endlich anhielten, schwitzten und keuchten alle heftig und begannen sofort damit, Schlucke aus ihren Trinkblasen und Wasserflaschen zu nehmen.
»Versuchen Sie, sie auszupowern?«, vermutete Dylan.
»So was in der Art.« Poke konzentrierte sich auf die Zeit und achtete darauf, dass sie alle zusammen waren, bevor sie das Signal zum Weitergehen gab. »Hier lang. Nicht mehr weit, dann kommt die Stelle, wo uns Entdeckung droht.«
»Ist Eden in dieser Richtung nicht ziemlich nah?«, fragte Lucy und deutete auf einen dicht bewaldeten Hang nördlich von ihnen.
»Du schaust direkt drauf. Aber dort werden sie uns jetzt erwarten … also los. Die Zeit läuft.«
Dylan nickte Lucy und den anderen zu und sie machten sich wieder auf. Sie befanden sich nun in der Talsohle unweit des Stroms und auch wenn er befürchtete, dass sie aus der Luft oder von den Hügeln aus sichtbar sein könnten, waren sie in Wirklichkeit gut verborgen. Der Fluss hatte seinen Pfad im Laufe der Zeit viele Male geändert und grub sich immer tiefer seinen Weg durch das Grundgestein. Dies hatte eine Landschaft zahlloser kleiner Schluchten und Felszungen geschaffen, doch Poke kannte sich in ihnen gut aus.
Als das Geräusch eines Hubschraubers im Tal lauter wurde, führte sie die alte Frau zu einem ausgetrockneten Altwassersee, wo viele Bäume und Büsche wuchsen. Sie hockten bewegungslos auf dem Boden und zwei Minuten später donnerte der Hubschrauber über sie hinweg. Dylan fürchtete, sie könnten Wärmesensoren oder andere Technologie an Bord haben, um Personen in der wilden Landschaft aufzuspüren, doch sie flogen ohne Zögern vorbei, zweifellos zu der Stelle, an der der durchgeschnittene Draht den Alarm ausgelöst hatte.
Eine Viertelstunde später signalisierte Poke einen Richtungswechsel und sie näherten sich dem Fluss. Er war zehn Meter breit, strömte ruhig an ihnen vorbei und es gab keinen Hinweis darauf, wie man auf die andere Seite gelangen könnte.
»Willkommen in Eden«, sagte sie und deutete aufs andere Ufer.
»Das ist es?«, fragte Dylan.
»Kein Zaun?«, fragte Jenn. Die anderen Zonen, in denen sie gewesen waren, hatten oft deutliche Grenzen gehabt – Zäune, Mauern, selbst deutlich ausgeschilderte Minenfelder.
»Das da ist Grenze genug, hier zumindest«, sagte Poke und nickte in Richtung Fluss. »Zäune verlocken Leute dazu, rüberzuklettern.«
Dylans Team atmete schwer, sah aber immer noch fit aus. Sie alle blickten mit großen Augen über den Fluss. Er folgte ihrem Blick.
Eden. Nicht die größte unberührte Zone der Welt, doch die berühmteste und älteste. Bisher hatte niemand für sich beansprucht, sie erfolgreich durchquert zu haben. Viele hatten es versucht und waren gescheitert. Einige waren für immer verschwunden. Er hatte seit über drei Jahren mit dem Gedanken an diese Expedition gespielt und dann hatte Jenn sie vorangetrieben.
Von hier sahen Bäume und Gräser, Büsche und Farne, Hügel und Wälder nicht anders aus als irgendwo sonst. Doch es fühlte sich anders an. Das lag teilweise an ihrer Wahrnehmung, denn sie alle wussten, was das hier für ein Ort war und was er bedeutete. Zudem spielte Vorfreude auf das, was sie hier vorhatten, mit hinein und jetzt war da auch noch Sorge um Kat und ihr Team, die erst vor Kurzem in dieser vergessenen Landschaft verschwunden waren. Ein Anflug von Angst überkam ihn, wie er sie noch nie zuvor verspürt hatte.
Von dieser Seite des Flusses sah Eden wild aus.
»Wie kommen wir rüber?«, fragte Dylan.
»Euer Problem«, sagte Poke mit erneutem Blick auf ihre Uhr. »Ich habe sie mit dem durchgeschnittenen Draht abgelenkt, aber ihr habt vielleicht noch zehn Minuten, bis sie das Tal noch mal mit dem Hubschrauber absuchen. Ich verschwinde jetzt. Wenn ihr nicht drüben seid, wenn sie vorbeifliegen, werden sie euch erwischen. Hier gibt es keine Deckung.«
»Sie sollten uns nach Eden reinbringen, nicht nur in die Nähe davon«, protestierte Selina.
»Soll ich euch Huckepack rübertragen, oder was?«, konterte Poke.
»Leute.« Dylan hob beschwichtigend die Hände. Sie hatten jetzt keine Zeit für eine Diskussion oder Wut, egal wie gerechtfertigt sie war. »Wir kommen schon klar.«
»Es ist nicht tief«, versicherte Poke und es schien eine Spur Bedauern in ihrer Stimme zu liegen. Darüber, sie gehen zu sehen? Ihnen nicht hinüberzuhelfen? Dylan wusste es nicht genau und in diesem Moment war es ihm auch vollkommen egal.
»Danke«, sagte er. »Sie bringen unsere Sachen dann zu unserem Austrittspunkt?«
»Klar. Sonderlieferung.« Sie steckte sich eine Selbstgedrehte in den Mund. Sie blieb an ihrer Lippe kleben und hüpfte, während Poke sprach. »Seid … einfach vorsichtig. Passt auf euch auf. Da drin wird euch nichts beschützen.« Sie nickte an Dylan vorbei über den Fluss und etwas in ihrem Blick sträubte ihm die Nackenhaare. Es war nur ein Augenblick, aber er hatte noch nie jemanden so verängstigt gesehen.
Er wirbelte herum, weil er wissen wollte, was sie gesehen hatte. Doch da war nur Eden.
Als er sich wieder umwandte, rannte Poke bereits zurück in Richtung Hang.
»Acht Minuten«, rief sie über ihre Schulter und zog eine Rauchwolke hinter sich her.
»Acht Minuten, Leute«, wiederholte er. Sein Team eilte bereits Richtung Strom. Sie diskutierten, wo sie am besten hinüberkommen würden, verschlossen ihre Trinkblasen, damit kein schmutziges Wasser hineinkam, und halfen einander das überwucherte Flussufer hinab.
Keiner von ihnen wirkte ängstlich.
Vielleicht hatte nur er den Blick in Pokes Augen gesehen.
6
»Natürlich wird es nicht funktionieren. Man kann ein Gebiet nicht einfach einzäunen und so tun, als wäre es damit zur Natur zurückgekehrt. Das ist so, als würde man an der Grenze zwischen zwei Ländern ein Schild aufstellen, auf dem steht: Kein ausländisches Wetter erlaubt. Aber man muss ihren Mut bewundern, es zu versuchen.«
Professor Marie Joyce, Aberystwyth University
Der Fluss fühlte sich auf der Eden-Seite kälter an. Poke hatte recht gehabt, er war nicht tief, und es gelang ihnen hindurchzuwaten, indem sie sich gegen die Strömung stemmten und ihre Füße vorsichtig auf das glitschige Flussbett stellten. Jenn spürte, wie etwas an ihren Beinen vorbeistrich und an ihrer Laufhose riss, aber als sie danach griff, war nichts da. Je weiter sie kamen, desto kälter wurde das Wasser. Als sie am gegenüberliegenden Ufer herauskletterte, indem sie sich an Pflanzen hochzog, klapperten ihr die Zähne und ihre Zehen waren taub. Den anderen ging es genauso. Sie klatschten in die Hände und liefen auf der Stelle, um Wärme zu erzeugen.
Als Jenn ihr Bein untersuchte, fand sie ein winziges Loch in ihrer Hose und einen Kratzer am Schienbein, an dem sich ein einzelner Blutstropfen bildete und herunterlief.
»Wir müssen vom Fluss weg«, sagte ihr Vater. »Da hinten, die Bäume an diesem Hügel dort geben uns Deckung. Ein kurzer Sprint wird uns aufwärmen. Dann sortieren wir uns und starten die Uhr.« Bei der Uhr handelte es sich genau genommen um eine wasserdichte Stoppuhr, die sich, eingewickelt in mehrere Schichten Plastik, sicher in seinem Rucksack befand. Er würde sie aktivieren, wenn sie mit ihrer Reise begannen, und anhalten, wenn sie Edens bergige Nordregion erreichten. Wenn alles nach Plan lief, würde dort ein zweiter Führer warten, um sie wieder hinauszubringen.
Jenn machte sich Sorgen deswegen. Vielleicht war Poke nicht die Einzige, die so offensichtlich Angst vor diesem Ort hatte. Sie hoffte inständig, dass der Führer, den ihr Vater angeheuert hatte, seinen Teil der Abmachung einhalten würde.
Unter seiner Führung begannen sie zu laufen, um sich aufzuwärmen und auch um schnell Deckung zu finden. Auf dieser Seite der Grenze waren keine Zeds oder Hubschrauber erlaubt, und auch ihre Robo-Drohnen waren in Edens Luftraum verboten. Aber wenn man sie entdeckte, bevor sie sich verstecken konnten, war Jenn nicht sicher, wie man mit ihrem Eindringen umgehen würde. Die Sicherheitskräfte der verschiedenen Zonen behandelten potenzielle Eindringlinge unterschiedlich. Aus der Dunkelroten Zone in Weißrussland hörte man immer noch von gelegentlichen Hinrichtungen.
Doch es gab drängendere Sorgen. Zum Beispiel, dass ihre Mutter irgendwo hier drin war und die Spannung, die diese Tatsache zwischen dem Team und ihr geschaffen hatte. Die Last zwischen ihrem Vater und ihr war immer irgendwie da gewesen, ein unausgesprochener Schatten, erschaffen durch Jenns begrenzten Kontakt zu ihrer Mutter und die Vermutungen ihres Vaters. Sie hätte es ihm sagen sollen, hatte aber nicht gewusst, wie er reagieren würde. Er hätte sie danach fragen sollen, doch sie war nicht sicher, ob sie ihm die Wahrheit gesagt hätte. Ihre Mutter hatte die Fotos per Handy nur an sie geschickt und sie fühlten sich sehr persönlich an, auch wenn sie stets ohne Kommentar gekommen waren – kein Betreff, keine Nachricht, nichts Persönliches oder auch nur Unpersönliches. Jenn hatte die Bedeutung des ersten Bilds herausgefunden, kurz nachdem sie es erhalten hatte, als sich herumgesprochen hatte, dass ihre Mutter und ihr Team einen Rekord für die Durchquerung der Jaguar-Zone aufgestellt hätten. Die Fotos feierten ihren Erfolg und sagten alles aus, was ihre Mutter zu sagen hatte. Die letzte Textnachricht war eine Absichtserklärung gewesen.
Vielleicht hätte sie ihnen alles sagen sollen, als sie die Chance dazu hatte.
»Wir sind drin«, verkündete Aaron. »Wir sind in Eden!«
»Es fühlt sich schon …«, begann Selina, doch ihre Stimme verlor sich.
»Wild an«, beendete Cove ihren Satz. »Mir gefällt es jetzt schon!« Er war der wildeste von ihnen, und vielleicht der unbesonnenste. Er hatte sich vor fast zehn Jahren dem kleineren Team ihrer Eltern angeschlossen, voller Abenteuerlust und romantisch-verklärter Ambitionen, die Welt zu sehen. Cove war immer wieder auf- und abgetaucht, aber in den letzten Jahren war er fokussierter geworden. Er trainierte inzwischen für The Endless, ein geheimes Rennen um die Welt, das durch einige der unwirtlichsten Landschaften des Planeten sowie mindestens vier Kriegsgebiete führte. Das Rennen hatte in den letzten zwanzig Jahren erst dreimal stattgefunden und siebzehn Teilnehmer waren dabei gestorben. Es hieß, nächstes Jahr würde das Rennen erneut stattfinden, in seiner bisher größten und schwersten Variante. Angeblich würde es die Teilnehmer durch jede der dreizehn unberührten Zonen des Planeten führen, sogar die kongolesische Tote Zone.
Sie erreichten die Deckung unter den Bäumen und begannen, einen flachen Hang hinaufzuklettern, immer tiefer in die Zone hinein. Irgendetwas störte Jenn, doch sie konnte nicht genau sagen, was. Sie horchte auf das Geräusch von Hubschraubern oder Drohnen und erwartete jeden Moment, dass ihnen eine Lautsprecherstimme zurief, sie sollten umkehren.
Sie genoss die Anstrengung des Aufstiegs. Das Team erinnerte sie an einen kleinen Vogelschwarm, einander bewusst und wachsam. An diesem Nachmittag wehte keine Brise und die Luftfeuchtigkeit war unangenehm. Sie trank einen Schluck Wasser und sah sich um. Aaron tat neben ihr das Gleiche. Er lächelte um die Trinkblase. Hinter ihm bewegten sich Lucy und Gee schnell und gleichmäßig.
»Das wird reichen«, verkündete ihr Vater und sie hielten an einer Felsformation. Zwischen den Steinen sprossen alle möglichen Pflanzen, die ihnen bis zur Taille reichten, eine Mischung aus Farnen und einem Dornengestrüpp, das sie nicht kannte.
Selina sah sich staunend um. In einer Hand hielt sie ein kleines Notizbuch, doch sie schien es vergessen zu haben.
Sie gingen tiefer in die Hocke, sodass über dem Meer aus Pflanzen nur ihre Köpfe und ihre Schultern sichtbar waren. Über ihnen zitterten die Baumkronen in der sanften Brise, die aufgekommen war, und die Blätter tanzten in zahllosen komplexen Mustern.
Jenn war mit jeder dieser Personen hier befreundet und sie hasste es, dass sie wütend auf sie waren. Sie hoffte, dass sie gut genug befreundet waren, dass diese Wut verrauchen würde.
Sie horchten auf die Geräusche von Verfolgern. Es gab keine.
Tatsächlich war überhaupt nichts zu hören.
»Was zum Teufel?«, flüsterte Gee und sprach damit aus, was Jenn dachte.
»Nichts«, sagte Aaron. Ohne zu blinzeln, drehte er sich nach links und rechts.
»Ich habe noch nie einen so stillen Wald erlebt«, stellte Selina fest.
»Es ist, als wüssten alle, dass wir hier sind«, sagte Jenn. Diese Gedanken auszusprechen ließ sie noch beunruhigender werden. Der Wald war still, aber nicht weil nichts da wäre, um ein Geräusch zu machen. Es war das Schweigen eines angehaltenen Atems, ein Wimpernschlag zwischen zwei Momenten.
»Wo sind die Vögel?«, fragte Lucy. »Die Tiere?«
»Sie sind hier«, sagte ihr Vater. »Überall um uns herum. Schaut.« Er deutete in die Äste eines in der Nähe stehenden Baums und zuerst konnte Jenn nichts sehen. Dann verwandelte sich eine Form, bei der es sich um einen Zweig hätte handeln zu können, in den Umriss eines großen Vogels, vielleicht eines Greifvogels. Plötzlich bemerkte sie weitere Formen im Blätterdach über ihnen, Vögel, die sie schweigend anstarrten.
»Sie beobachten uns«, erkannte Jenn. »Fliegen aber nicht weg.«
»Warum sollten sie auch?«, fragte Selina lächelnd. »Sie wissen nicht, dass sie Angst vor uns haben sollten. Möglicherweise sind wir die ersten Menschen, die einige von ihnen zu sehen bekommen, und je tiefer wir hineingehen, umso mehr wird das der Fall sein.«
Die Vorstellung gefiel Jenn. In anderen Zonen hatte sie Ähnliches beobachtet, aber nie so etwas wie das hier.
»Es ist, als ob sie über uns reden würden«, sagte Lucy. In Anbetracht der absoluten Stille eine seltsame Bemerkung.
»Sind wir bereit?«, fragte Jenns Vater, überzeugt davon, dass ihr Eindringen nicht entdeckt worden waren. Er stand auf, nahm seinen Rucksack ab, um die Stoppuhr herauszuholen, und drängte sie damit, sich auf den wahren Beginn ihrer Reise vorzubereiten. Er war ein großer Mann mit großer Lebenserfahrung, der viele Geschichten erzählen konnte, und Jenn liebte ihn von ganzem Herzen.
»Bereit«, sagte Jenn und erhob sich. Die anderen standen ebenfalls auf und bildeten einen Kreis um Dylan, während er die Stoppuhr auf null stellte. Es war eine alte Analoguhr, die er auf einem Basar in Ägypten gefunden hatte, über hundert Jahre alt und immer noch zuverlässig. Auf der Rückseite war etwas in fremder Sprache eingraviert, das er nie hatte übersetzen können, und Jenn wusste, dass ihn das glücklich machte. Es war ein Geheimnis, das er mochte. Anders als das Geheimnis seiner verschwundenen Frau, und Jenn spürte einen Stich im Herzen, als er sie ansah und sich zu einem Lächeln zwang.
»Fünf …«, sagte ihr Vater.
»Gott steh uns bei«, betete Aaron.
»Vier …«
»Wir schaffen es«, sagte Cove.
»Drei …«
»Ich will nach Hause.« Gee grinste.
»Zwei …«
Eine letzte Sekunde friedlicher Ruhe.
»Eins.« Er drückte den Startknopf und für ein paar Sekunden konnte Jenn das beständige Ticken der Uhr hören.
Geschlossen zogen sie los.
7
»Als unberührte Zone hält das Green Valley mehrere wichtige Rekorde. Es ist die kleinste der Zonen und umfasst zu einem Großteil das, was einst Pembrokeshire und seine Küstenlinie war. Es wurde im kleinsten Land der Welt eingerichtet. Es hat die wenigsten Verhaftungen und Anklagen wegen illegalen Eindringens pro Jahr. Die anfänglichen Unruhen und Zwangsumsiedlungen von dreitausend Menschen waren traumatisch, die Protestgruppen blieben etwa ein Jahrzehnt lang aktiv und ein sehr kleiner Teil von ihnen unternahm eine Reihe von Terrorangriffen gegen Sicherheitspersonal und die Regierung, die das ganze Konzept unterstützte. Doch die Menschen von Wales sind überaus belastbar und weiterhin stolz auf ihre führende Rolle im Internationalen Abkommen zu den unberührten Zonen.«
Auszug aus Unser grünes Gras, Welsh Government Press
Jenn rannte.
Darum waren sie hier und sie war gut darin. Sie war wahrscheinlich die beste Dauerläuferin unter ihnen. Sie war bereits fünfzehn Bergmarathons gelaufen, dabei war sie erst Mitte zwanzig. Zwei davon hatte sie in ihrer Altersgruppe gewonnen, doch als sich die Gelegenheit ergeben hatte, ins Profilager zu wechseln, hatte sie es abgelehnt. Ihr Vater fühlte sich teilweise dafür verantwortlich, doch sie wurde immer wütend, wenn er es erwähnte. Sie war durchaus in der Lage, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, und hatte von klein auf ein Leben voller Unabhängigkeit und Abenteuer geführt, ein Lebensstil, den ihre Eltern ihr auferlegt hatten. Doch Jenn hatte sie dafür nie verurteilt.
Nachdem ihre Mutter auf Nimmerwiedersehen gegangen war, hatten ihr Vater und sie ihr ungewöhnliches Leben voller Reisen und Erforschungen fortgesetzt und sich immer nur kurz in ihrer Mietwohnung in Edinburgh aufgehalten. Ein anderes Leben konnte sie sich nicht vorstellen.
Jenn übernahm nur selten die Führung, wenn sie liefen, weil sie ein zu hohes Tempo vorgeben würde und einige der anderen am Ende von Tag eins bereits völlig erschöpft sein würden. Selina lief voran, dann die anderen, während Lucy und Gee das Schlusslicht bildeten. Jenn folgte dicht hinter Aaron, manchmal so dicht, dass sie sein schweres Atmen hören konnte. Gelegentlich überholte sie ihn zum Spaß, sprang um ihn herum, hüpfte von einem Felsen auf einen umgestürzten Baum, um vor ihm zu landen, und nahm kichernd seinen Platz ein.
Lucy war versiert darin, die beste Route zu finden, um eine Landschaft zu durchqueren. Sie hatten nur einen Kompass dabei – ein weiterer Aspekt, um diese Expedition so reduziert wie möglich zu halten – und sie trug ihn an ihrem rechten Handgelenk, auch wenn sie nur selten darauf sah. Sie liebte ihre technischen Spielereien, rühmte sich als Teil des Teams jedoch, auch ohne überleben zu können. Orientieren konnte sie sich mithilfe ihrer Armbanduhr und der Position der Sonne, dem Polarstern in einer wolkenlosen Nacht oder dem Moos, das an Bäumen wuchs. Während Selina die Landschaften, durch die sie kamen, eher wissenschaftlich betrachtete, war Lucy auf unschuldige Weise beeindruckt und verbrachte jeden Abend im Lager eine Stunde damit, Notizen zu schreiben. Es wurde nur selten angesprochen, aber allen war klar, dass sie an einem Buch über ihre Abenteuer als Team schrieb.
Selina führte sie den ersten bewaldeten Hang entlang, anstatt direkt hinaufzusteigen. Es war eine längere Route, die aber energiesparender war. In den Bäumen um sie herum hielt das Schweigen an und auch wenn Jenn sich im Rausch des Laufens zu verlieren versuchte, kribbelte die Überzeugung, dass sie beobachtet wurden, in ihrem Nacken. Sie zweifelte dieses Gefühl nicht an. Im Laufe der Zeit hatte sie gelernt, dem zu vertrauen, was Comicfan Gee als seinen Spinnensinn bezeichnete. Einmal hatte ein solches diffuses Gefühl Jenn das Leben gerettet, als ein Schneefeld, das Aaron und sie in den Anden überqueren wollten, von einer Lawine weggerissen worden war. »Ich wollte hier einfach eine Weile warten«, hatte sie später gesagt, als das Dröhnen und Krachen der Lawine durch die Berge hallte.
Sie würde es niemals Vorahnung nennen. Jenn war überzeugte Rationalistin und sie wusste, dass sich der sogenannte sechste Sinn oft aus einer Fülle von Mikrodaten zusammensetzte. Möglicherweise hatte sie auf diesem Schneefeld in den Bergen unbewusst das weit entfernte Knacken von Eisplatten gehört, die Vibration der Risse gespürt oder die plötzliche Panik oder Abwesenheit von Tieren wahrgenommen, die besser an das Leben in den Anden angepasst waren. Ihr Unterbewusstsein hatte ihr eine Botschaft geschickt und der wahre sechste Sinn bestand darin, in der Lage zu sein, darauf zu hören.
Sie sah sich im Laufen um, lauschte auf die Stille und suchte nach Bewegungen. Sie begann zu fürchten, dass es hier Überwachungstechnik gab – in den Bäumen versteckte Kameras, durch unsichtbare Drähte oder Fallen ausgelöste Alarme, Bewegungsdetektoren, die Signale über den Fluss zurück in eine der Sicherheitsstationen der Zeds schickten.
»Da ist nichts«, sagte Aaron, der ihre Sorge spürte.
»Es ist einfach so seltsam«, erwiderte sie.
»Das stimmt.« Er lief neben ihr und als Selina sie in Richtung einer Kammlinie ein paar Hundert Meter über ihnen führte, verfielen sie alle in Gehgeschwindigkeit. »Meine Eier kribbeln.«
»Das kommt von zu viel Sportsalbe«, sagte Gee von vorn.
»Oder zu wenig von etwas anderem«, ergänzte Cove. »Du kümmerst dich doch um deinen Mann, Jenn?«
»Leute«, mahnte ihr Vater. »Ihr redet hier von meiner Tochter.«
»Ihr zwei seid verwandt?«, sagte Gee in gespielter Überraschung. »Aber sie ist so talentiert, attraktiv, intelligent, fit, charismatisch …«
»Ich schmeiß dich gleich vom Berg«, drohte ihr Vater.
»Kreativ. Energiegeladen.«
»Ich warne dich.«
»Dafür musst du mich erst mal fangen, Glatzkopf!« Gee flitzte an ihrem Vater vorbei, schnipste ihm dabei mit seiner guten Hand an den Hinterkopf, duckte sich, um einem Schlag auszuweichen und schoss an Selina vorbei den Hang hinauf.
Sie gingen schweigend weiter, doch nachdem die Stille einmal unterbrochen worden war, wirkte sie jetzt noch bedrückender.
»Ich war noch nie an einem solchen Ort«, sagte Jenn. »Dad? Sonst jemand?«
»Das ist nur, weil wir uns so darauf konzentrieren«, erklärte Lucy. »Oder, Selina?«
»Könnte sein«, antwortete Selina. »In der Zona Smerti war es auch so.«
»Ja, aber das hier fühlt sich anders an«, beharrte Jenn.
»Wie anders?«, fragte ihr Vater. Jenn konnte sehen, dass er ihrer Meinung war, und wenn sie unter sich gewesen wären, hätte er freier darüber gesprochen. Doch in der Gruppe wollte er die positive Stimmung nicht untergraben.
»Die Zona Smerti fühlte sich wie etwas an, das die Menschheit vergessen wollte«, versuchte Jenn, es zu erklären. »Und so sollte es auch sein, denn dafür wurden die Zonen ja eingerichtet. Es zeigt, dass sie funktionieren.«
»Es ist erstaunlich, dass die meisten von ihnen funktionieren«, bemerkte Cove. »Wenn man bedenkt, wie Menschen sind.«
»Klar«, sagte ihr Vater. Dann sah er wieder zu Jenn. »Aber?«
»Aber Eden kommt mir wie ein Ort vor, der niemals Menschen gekannt hat.«
Niemand antwortete darauf und ein paar Minuten später erreichten sie einen niedrigen Hügelgipfel, der nicht nur eine gute Sicht in die Richtung bot, aus der sie gekommen waren, sondern auch ein Panorama auf das, was vor ihnen lag. Sie bewegten sich über den Hügel, ohne anzuhalten, um nicht doch noch von jemandem an der Grenze, die nur ein paar Kilometer entfernt lag, entdeckt zu werden. Sie pausierten unter einem Felsvorsprung, standen schweigend nebeneinander und betrachteten Eden.
»Erinnert mich ein bisschen an die Rockies«, sagte Aaron.
»Ja«, erwiderte sie zurückhaltend. Es war eine Weile her, dass sie darüber gesprochen hatten.
»Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Nach Eden natürlich. Um diese Langstreckenschule aufzubauen. Und unsere Füße wieder in Ordnung zu bringen.«
Jenn lächelte und zuckte mit den Schultern. Sie hatten darüber gesprochen, sich in Boulder niederzulassen, um dort für das, was sie liebten, bezahlt zu werden. Um Wurzeln zu schlagen. »Du hast recht. Vielleicht ist es so weit«, sagte sie. »Wenn wir hier fertig sind.«
Vor ihnen lag das wilde Land, riesig und wunderschön. Jenn blinzelte und fragte sich, ob sie träumte. Die Aussicht hatte eine Tiefe an sich, die Geheimnisse und Schmerz versprach. Ihr lief ein Schauer über den Rücken, als Aaron seine Schulter an ihre drückte. Eden war, wie sie erwartet hatten, stark bewaldet. So weit sie sehen konnten, gab es keine Hinweise auf Menschen, auch wenn sie wussten, dass es sechs Städte und Dutzende kleinerer Gemeinden gab, die verlassen worden waren, als man vor über fünfzig Jahren die erste der unberührten Zonen eingerichtet hatte. Auf dieser Seite führte der Hügel in ein breites, flaches Tal, das rechts und links von hohen Kämmen eingegrenzt wurde, die zu einer entfernten Hügelkette führten, die wiederum in das erste von Edens zahlreichen Gebirgen überging. Ihr Plan lautete, dem Tal zu folgen und so flach aufzusteigen, wie sie konnten, um den Berg in zwei Tagen zu überwinden. An diesem Punkt wären sie bei Tag fünf ihrer Reise.
Ihre Routen basierten auf über fünfzig Jahre alten Karten. Ihr Vater hatte es genaustens geplant, Wochen über alten Papierkarten gegrübelt und das Internet nach weiteren Bildern durchsucht. Die grundlegende Geografie des Gebiets mochte sich nicht geändert haben, das Terrain aber mit Sicherheit. Sie würden hier weder Straßen noch alte Wanderwege oder Bergpfade finden. Jenn wusste aus Erfahrung, ganz gleich was das Team auf dieser Expedition zu erwarten glaubte, es würde überrascht werden.
»Wunderschön«, sagte Selina und wieder verspürte Jenn diesen Schwindel, ein Ausdehnen der Luft und der Welt, bis ihre Umgebung unerträglich weit und sie selbst so klein war, dass sie sich kaum noch bemerkte. Ihr wurde übel.
»Alles in Ordnung?«, fragte Aaron.
»Jaja.« Sie trank einen Schluck Wasser. »Ich kann es nur nicht erwarten, endlich loszulegen. Dad?«
Ihr Vater nickte ihr zu. »Ja. Wir haben noch nicht mal richtig angefangen. Warum zum Teufel steht ihr rum und spielt an euch rum?«
»Weil es sich anfühlt wie jemand anders«, erwiderte Gee und hob seine linke Prothesenhand. Sein alter Witz ließ die anderen aufstöhnen und es war Gee, der die Führung übernahm und lachend den Abstieg begann.
Hinter ihnen verlor sich die bekannte Welt, als sie sich ins Herz von Eden aufmachten.
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