Kitabı oku: «Bin ich mein Gehirn?»
Über das Buch
Hat ein Computer Bewusstsein oder ist das ein einzigartiges Charakteristikum des Menschen? Tim Parks’ Reise in das menschliche Gehirn konfrontiert die philosophischen und neurowissenschaftlichen Theorien mit der eigenen Erfahrung – geistreich, witzig und klug.
Es vergeht kaum ein Tag ohne irgendeine Diskussion, ob Computer ein Bewusstsein haben können, ob unser Universum eine Art Simulation, ob der Geist ein einzigartiges Charakteristikum des Menschen ist. Die meisten Philosophen gehen davon aus, dass unsere Erfahrung in unserem Gehirn eingeschlossen ist und die äußere Realität unzuverlässig repräsentiert. Farbe, Geruch und Klang, heißt es, ereignen sich nur in unseren Köpfen. Wenn aber Neurowissenschaftler unsere Gehirne untersuchen, finden sie nur Milliarden von Neuronen, die elektrische Impulse austauschen und chemische Substanzen freisetzen. Als Tim Parks in einem zufälligen Gespräch mit Riccardo Manzottis radikal neuer Theorie des Bewusstseins konfrontiert wurde, fing er an, die eigene Erfahrung zu prüfen und mit den philosophischen und neurowissenschaftlichen Theorien zu konfrontieren. Bin ich mein Gehirn? erzählt die fesselnde, oft erstaunlich lustige Geschichte eines Paradigmenwechsels und stellt metaphysische Betrachtungen und komplizierte technische Laborexperimente so dar, dass wir verstehen, was in dieser Debatte auf dem Spiel steht, für uns als Individuen und für die Menschheit insgesamt.
Der Autor
Tim Parks, geb. in Manchester, wuchs in London auf und studierte in Cambridge und Harvard. Seit 1981 lebt er in Italien. Seine Romane, Sachbücher und Essays sind hochgelobt und mit vielen Preise ausgezeichnet. Er schreibt u.a. für den Guardian, The New Yorker, The New York Review of Books und übersetzte u.a. die Werke von Moravia, Calvino, Calasso, Tabucchi und Machiavelli. Zu seinen erfolgreichsten Büchern zählt u.a. Die Kunst stillzusitzen.
Tim Parks
BIN ICH MEIN GEHIRN?
DEM BEWUSSTSEIN AUF DER SPUR
Aus dem Englischen
von Ulrike Becker
Verlag Antje Kunstmann
Für Riccardo und Eleonora
Verstand an Sinne: Scheinbar ist Farbe, scheinbar Süße, scheinbar
Bitterkeit, in Wahrheit nur Atome und leerer Raum.
Sinne an Verstand: Armer Verstand, von uns nimmst du deine
Beweisstücke und willst uns damit besiegen? Dein Sieg ist dein Fall.
DEMOKRIT, 4. Jahrhundert v. Chr.
Denn die gewohnten Meinungen kehren immer wieder und nehmen meinen Glauben selbst gegen meinen Willen in Beschlag, gleich als wäre er durch lange Hebung und vertrauliche Bande an sie gefesselt.
RENÉ DESCARTES, 1641
Ich bin was um mich ist.
WALLACE STEVENS, 1917
INHALT
Aufwachen
Farben
Alles steht Kopf
Keine Bilder
Lebensmitte
Korrekturen
Loops
Kaiserschmarrn mit Apfelmus
Das Tor zum Geist
Ich habe noch nie eigenhändig eine Maus getötet
Schläft ein Lied in allen Dingen
Nachwort
Dank
AUFWACHEN
Ich öffne die Augen und da ist die Wand.
Nein, das stimmt nicht ganz.
Ich öffne die Augen, und da sind die Wand, der Schrank, der Nachttisch, die Lampe, die Taschentücher, das Bettzeug, der Geruch, die Person neben mir, das Geräusch des Weckers. Vielfalt. Ich kann nicht eine Sache ohne die anderen haben.
Aber das stimmt auch nicht ganz.
Ich öffne die Augen, und da sind ein Teil des Schranks – die mir zugewandte Seite, die eine glänzend graue Holzoberfläche hat – und drum herum ein paar Wandflächen mit einer silbergrauen Tapete, die in der Nähe des Nachttisches einige Flecken aufweist, Teespritzer vielleicht. Das Bettzeug ist im Augenwinkel sichtbar, vielmehr Teile des Bettzeugs, aber auch fühlbar; die Decke besitzt ein gewisses Gewicht, oder vielmehr eine Masse, die ich dank der Schwerkraft als Gewicht wahrnehme. Ich erkenne die Person neben mir an ihrer Wärme und dem Atmen, aber ich habe sie noch nicht gesehen. Außerdem ist da ein Fenster, obwohl sich das ganz sicher hinter mir befindet. Dennoch bin ich mir dieses Fensters bewusst, oder glaube es zumindest, ohne es zu sehen oder zu berühren. Ich meine, ich weiß, dass es da ist. Ich glaube es zu wissen. Es muss das Licht vom Fenster sein, das ich auf dem Schrank und an der Wand sehe. Was sonst?
Ich schließe die Augen. Jetzt tritt der Geruch in den Vordergrund. Wonach riecht es? Nach mir, meiner Partnerin, dem Zimmer, dem Bettzeug, dem Teppich. Der Geruch ist warm. Oder der Atem, der den Geruch erzeugt, ist warm. Oder mein Körper. Ich habe ein starkes Empfinden meines Körpers, das ich überhaupt nicht beschreiben kann. Mit geschlossenen Augen warte ich auf das erneute Klingeln des Weckers, und es ist nicht richtig dunkel, aber auch nicht richtig hell. Eher eine Art Erwartung von Dunkelheit oder Helligkeit, wenn ich die Augen öffne. Im Moment gibt es nichts, was ich sehe. Dennoch sehe ich nicht nichts. Vielleicht sehe ich die Innenseiten meiner Augenlider.
Sind die in meinem Kopf oder außerhalb?
Meine Partnerin sagt mit schläfriger Stimme: »Amore.« Und sie fragt: »Ist dir kalt?« Ich sage, nein, mir ist nicht kalt. Eher warm. Ihr sei kalt, sagt sie.
Ich spüre den Zug der Bettdecke auf meinem Körper. Das ergibt Sinn: Partnerin zieht an der Bettdecke. Sie hat ein Problem mit Bettdecken. Bewusstheit der Geschichte von mir und meiner Partnerin. Witze über die Bettdecke. Ich könnte etwas sagen, unterlasse es aber.
Plötzlich laufe ich auf einer Straße am Waldrand entlang. Ich wende mich zur Seite, um zwischen den Bäumen weiterzugehen, und sehe weiter unten in einem seichten Tal einen kleinen Fluss; scheint ein guter Platz zum Baden zu sein …
Der Wecker klingelt noch einmal. Er ist auf Zehn-Minuten-Intervalle eingestellt. Ich muss eingeschlafen sein. Das war also ein Traum, und dies ist die Wirklichkeit. Der Wald, der Fluss. Im Traum wusste ich nicht, dass es ein Traum ist, und ich hätte auch nicht sagen können, was vor dem Wald und dem Fluss kam; ich hatte keine Erinnerung an das Schlafzimmer und den Wecker; im Traum war ich tatsächlich in jenem Moment, aber jetzt, wieder hier im Schlafzimmer mit dem klingelnden Wecker, habe ich eine Erinnerung an den Wald und den Fluss, oder einfach eine Wahrnehmung davon, und es gibt eine Art Kontinuität, eine Art Ich-Instanz, die beides verbindet. In der einen Situation kann ich die beiden Erfahrungen vergleichen, in der anderen aber nicht. Weiß ich deshalb, dass dies die Wirklichkeit und das andere ein Traum ist?
Jedenfalls habe ich das Gefühl, es zu wissen.
Wieder öffne ich die Augen und sehe ein Ganzes, das aus Teilen all der verschiedenen Dinge besteht, die ich sehe, von denen ich aber keins ganz sehe. Ich meine, ich sehe Teile des Schranks, und ich könnte versuchen, mir den ganzen Schrank als etwas vorzustellen, um das man zum Beispiel in einer Ausstellungshalle von IKEA herumgeht, oder ich kann mir ein zweidimensionales Foto oder eine Zeichnung des Schranks vorstellen, so aufgenommen beziehungsweise dargestellt, dass es dreidimensional wirkt – ich könnte so etwas sogar selbst zeichnen, wenn ich es mir recht überlege –, aber gleichzeitig gibt es große Teile des Schranks, die ich nie sehen werde, etwa die Rückseite, die der Wand zugewandt ist, oder die Unterseite, die auf dem Boden steht. Wenn ich also sage, ich sehe den Schrank, dann meine ich damit, ich sehe den Teil von ihm, der sich in meinem Blickfeld befindet und nicht vom Bettzeug verdeckt wird. Und wenn ich all diese Wörter benutze, Bettzeug, Schrank, Wand, Lampe, dann meine ich, ich sehe nur den Teil von ihnen, den ich sehe, obwohl das jeweilige Wort sich auf das ganze Ding zu beziehen scheint, auf die Idee des ganzen Dings. Vielleicht sind Wörter platonisch. Sie erlauben Platonismus. Wort »Schrank« = Idee des Schranks, nicht der Teil des Schranks, den ich tatsächlich sehe.
Sprache ist knifflig.
Ich schließe die Augen, aber es gelingt mir nicht, das Bild eines kompletten platonischen Schranks, oder absoluten Schranks, ohne jeglichen Kontakt zu Wänden oder Fußböden heraufzubeschwören. Das alles kommt mir ziemlich anstrengend vor.
Der Wecker klingelt noch einmal. Diese zehn Minuten sind schneller vergangen als die ersten.
Hat das Sinn?
Beim Klingeln des Weckers gehen meine Augen automatisch auf. Ich scheine gar keine andere Wahl zu haben, als sie zu öffnen. Es muss der berühmte bedingte Reflex sein. Beim Aufwachen öffnet man die Augen und damit hat sich’s. Wieder sehe ich Teile von allen möglichen Dingen – vielmehr die Teile dieser Dinge, die mir zugewandt sind –, und jetzt wird mir klar, dass es zwischen diesen Teilen keine Lücken gibt. Ich meine, es kämen vermutlich jede Menge Dinge zusammen, die ich (teilweise) sehe, wenn ich mir die Mühe machte, sie aufzulisten – Lichtschalter Lampenschirm Bild Socke (eine) Taschentücher (viele) Teppich Fußboden Buch Armbanduhr Schranktürscharnier –, aber obwohl ich diese Dinge als voneinander getrennt wahrnehme, existieren zwischen ihnen keine Lücken, so wie sie zwischen den Wörtern, die diese Dinge bezeichnen, existieren, selbst wenn ich beim Auflisten die Kommas weglasse. Die Teile im Zimmer, die ich sehe, gehen direkt über in die anderen Teile, die ich sehe. Die Welt hat keine (für mich sichtbaren) leeren Stellen. Nicht mal Trennlinien, wie ein Puzzle. Auch nicht an den Rändern. Sie ist nahtlos.
In allen Richtungen, wenn ich den Kopf wende oder die Augen bewege, setzt sich die Welt also fort und wird sich fortsetzen, wo ich auch hingehe, ohne jede Lücke. Und die Grenze an der Peripherie meines Blickfelds ist nicht scharf, wie bei einer Kameraaufnahme, aber als Fade-out kann man sie auch nicht bezeichnen. Ich weiß nicht, wie ich sie beschreiben soll. Es gibt dafür keine Analogie. Sie ist so, wie wir sie kennen. Im Zentrum ist die Schärfe ausgeprägt, dort sind die Dinge, die ich aktiv anschaue, und dann nehme ich noch eine Peripherie wahr, die scharf gestellt werden könnte, wenn ich es wollte. Aber im Augenblick ist sie nicht scharf gestellt. Es gibt keinen Rand, weder einen harten noch einen verschwommenen, aber doch eine Art Nichts um das Etwas herum, auf dem meine Aufmerksamkeit liegt, aus dem seinerseits ein Etwas werden könnte, während das jetzige Etwas zum Nichts würde, sobald ich mich woanders hinwende. Ich spüre ein andauerndes Potenzial, wie eine Einladung, mich zu bewegen und die Dinge, die ich sehe, zu verändern, eins gegen das andere auszutauschen. Wir richten unsere Aufmerksamkeit nur selten längere Zeit auf ein und dieselbe Stelle.
»Wann müssen wir aufstehen?«, fragt meine Partnerin.
»Wir können noch auf das nächste Klingeln warten.«
Unsere Hände berühren sich jetzt. Ich spüre ihre Finger. Sie hat gesagt, ihr sei kalt, und mir ist warm, aber in der Berührung fühlt sich ihre Hand wärmer an als meine. Es ist ein Vergnügen, sie zu berühren.
Vergnügen.
Ich schließe die Augen und versuche, mich an weitere Momente des Traums zu erinnern, im Wald, am Fluss. Da ist etwas, an das ich mich erinnern sollte, denke ich; etwas sagt mir, dass dieser Traum länger war und mehr enthielt als nur die Straße, den Wald, den Fluss.
Aber wie kann mir etwas etwas sagen, wenn das alles nur ich bin? Sagen wir mal, ich habe das Gefühl, an diesem Traum ist mehr dran als das, was mir unmittelbar eingefallen ist. Die Straße stieg beim Gehen leicht an – eine dunkle asphaltierte Straße –, und der Wald lag zu meiner Linken, als ich mich ihm zuwandte, hineinlief und zwischen den Baumstämmen den grauen Erdboden sah, der sanft nach unten zum Fluss hin abfiel. Da war noch mehr. Der Fluss war flach. Das Wasser war klar. Deshalb dachte ich, es wäre schön, darin zu baden. Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren oder Nachdruck darauf zu legen, was immer man eben macht, um sich zu erinnern, aber das erzeugt ein unangenehmes Gefühl in meinem Kopf. Es erfordert eine Anstrengung, gegen die sich irgendetwas in mir wehrt. Ich spüre eine Spannung. Zwischen Teilen von mir.
Lass gut sein.
Das Zimmer ist jetzt, da meine Augen geschlossen sind, nicht da, aber der Wald und der Fluss auch nicht. Die Gerüche und die Wärme sind natürlich noch da, und auch die Gegenwart meines eigenen Körpers – all das kann ich nicht so leicht ausblenden –, es sind die gleichen Gerüche, die auch bei geöffneten Augen da waren, auch das Spüren des Bettzeugs und das Vergnügen der Berührung ihrer Hand sind gleich – ich habe die Hand nicht gesehen, aber ich könnte sie nicht fälschlicherweise für etwas anderes halten als eine Hand – und das Gewahrsein meiner Partnerin, die da sein muss, denn sonst wäre die Hand nicht da, und ihre Stimme. Außerdem entfernte Verkehrsgeräusche.
Ist die Straße draußen nass? Ich bin mir nicht sicher.
Mit geschlossenen Augen ist das Zimmer nicht da, aber ich weiß, dass ich es gerade gesehen habe, und vor Kurzem auch den Wald und den kleinen Fluss. Zu sagen, ich weiß, dass ich das Zimmer gerade gesehen habe, ist nicht das Gleiche wie zu sagen, ich erinnere mich an das Zimmer. Wo genau ist zum Beispiel diese Socke? Eine blaue oder eine braune Socke? Weiß nicht. Ich erinnere mich an die Socke, aber nicht an ihre Farbe. Genau genommen erinnere ich mich nicht mal an die Farbe des Teppichs, obwohl ich weiß, dass dieses Zimmer Teppichboden hat.
Hat also meine Erfahrung des Zimmers denselben Stellenwert wie meine Erfahrung des Waldes und des Flusses? Ich bin mir nicht sicher. Ich bin mir nicht sicher, was Stellenwert genau bedeutet. War sie genauso real? Meine ich das? Alles ist real, während es geschieht, oder? Sonst würde es nicht geschehen. Das heißt: Etwas muss geschehen, selbst wenn es nicht das ist, für das man es hält. Sonst gäbe es keine Erfahrung.
Als ich die Finger meiner Partnerin spüre, die über mein Handgelenk streichen, wird mir bewusst, wie sehr es mir widerstrebt, aufzustehen; es ist so schön, im Bett zu liegen, und es ist einer dieser Herbstnieseltage. Woher weiß ich, dass es draußen feucht ist, wenn ich noch gar nicht aus dem Fenster geschaut habe und mir nicht sicher war, ob die Verkehrsgeräusche auf eine nasse Straße hinwiesen oder nicht? Ich weiß es nicht, aber ich habe das Gefühl, es zu wissen.
Tatsächlich habe ich heute viel zu tun. Nicht dass ich meinen Terminkalender im Detail präsent hätte, aber mir ist klar, dass ich ihn schon sehr bald auf dem Computer anschauen und dann all die Sachen tun werde, die ich mir vorgenommen habe, dass ich vereinbarte Treffen einhalten und die Leute, die ich anrufen muss, anrufen werde, um weitere Treffen zu vereinbaren. Kurzum, ich werde mir große Mühe geben, die Person zu sein, als die ich mich beim Aufwachen wahrnehme.
Doch wer ist diese Person?
Die Person, die diese Treffen vereinbart hat, natürlich. Wer wäre ich, wenn ich meine Termine einfach absagen und im Bett bleiben würde? Wer würde dann das Hotelzimmer bezahlen?
Mein Körper fühlt sich unter der Bettdecke ausgesprochen wohlig an, in der gedämpften Helligkeit meiner geschlossenen Lider, und dann fällt mir ein, dass Tiere im Wasser waren. Ich ging nach links von der Straße weg in den Wald hinein und erblickte einen breiten Bach mit Tieren, die alle von links nach rechts flussaufwärts liefen. Ein Leopard. Ein Hund. Ein sehr großes weißes Kaninchen. Das größte Tier war eine Art Dinosaurier, quasi eine menschengroße Echse, die auf den Hinterbeinen ging. Aber ohne Kopf, oder jedenfalls war da nichts, das man ohne Weiteres als Kopf hätte bezeichnen können. Ich weiß noch, wie seltsam mir das vorkam. Wie ein Spielzeug, nur in Lebensgröße.
Sehe ich diese Tiere jetzt wieder?
Nicht wirklich. Mir ist klar, dass ich sie gesehen habe. Ich weiß, dass ich diese Erfahrung gemacht habe. Ich denke großes weißes Kaninchen. In Worten. Ich habe ein großes weißes Kaninchen gesehen. Es hoppelte in aufrechter Haltung, es rannte nicht auf allen vieren, so wie Kaninchen es in Wirklichkeit machen. Es war sehr weiß. Wie die weißen Kaninchen, die ich als Kind hatte. Aber ich würde nicht sagen, dass ich ein deutliches Bild von dem Kaninchen im Kopf habe, so wie ein Foto oder ein Video. Andererseits weiß ich, dass ich nicht nur das Wort benutze. Ich habe das Gefühl, da ist etwas Visuelles, eine Art Erwartung des erneuten Erscheinens eines Kaninchens, oder das Nachbild von einem plötzlich aufgetauchten Kaninchen, nachdem es wieder weg ist, aber nicht etwas, das ich tatsächlich sehen kann, so wie ich sofort das Hotelzimmer sehen würde, wenn ich die Augen aufschlüge, was ich nicht tun möchte, so gemütlich in die Kissen gekuschelt, während meine Partnerin meine Hand streichelt und ich mich ausgesprochen wohlfühle und gar nicht an den heutigen Tag und alles, was ich zu tun habe, denken will. Es wird ein voller Tag sein.
Gleich wird bestimmt wieder der Wecker klingeln. Es ist jetzt schon eine ganze Weile her.
Warum habe ich von Tieren geträumt? Ich hatte in dem Traum ein Gefühl der Überraschung, als die Tiere auftauchten, vielleicht weil sie von seltsamer Größe waren und flussaufwärts wanderten. Das Kaninchen war größer, als es hätte sein sollen. Der Leopard und der Hund waren kleiner, und unscheinbar. Der Hund ist jetzt nur noch ein Wort, visuell ist von ihm nichts mehr übrig, obwohl ursprünglich etwas da gewesen sein muss, denn warum hätte ich sonst »Hund« denken sollen? Aber ich habe auch »Leopard« gedacht, und ich bin mir gar nicht so sicher, dass ich einen Leoparden überhaupt erkennen würde, wenn ich einen sähe, ich meine, ob ich ihn von, sagen wir mal, einem Geparden oder einem Jaguar unterscheiden könnte. Jedenfalls war da etwas Katzenähnliches, das ich für einen Leoparden hielt. Oder vielleicht habe ich das Wort geträumt, Leopard, und es mit dem katzenähn lichen Wesen, das ich sah, in Verbindung gebracht. Wenn ich jetzt an die Überraschung zurückdenke, die ich beim Anblick der Tiere empfand, die gemeinsam den flachen kleinen Fluss hinaufmarschierten, dann ist das keineswegs unangenehm; es war ein Gefühl leichter Benommenheit, halluzinatorisch, so als würde mir etwas Bedeutendes offenbart; und die Bedeutung, worin sie auch immer bestand, passte zu diesem Gefühl, diesem Traumzustand, der natürlich abrupt endete, als der Wecker klingelte und ich die Augen aufschlug und das Zimmer sah.
Gibt es eine Lücke zwischen dem Wald mit dem Fluss und dem Zimmer?
Ja und nein. Der Wald ist jetzt nirgends, er ist nicht im Zimmer nebenan, aber ich bin derselbe, die Person, die zuerst den Wald und gleich darauf das Zimmer gesehen hat.
Oder?
Kann es sein, dass ich mich beim Aufwachen verändert habe? Ist so etwas möglich?
Ich habe das Gefühl, derselbe zu sein. Ich habe das Gefühl, den beiden Erlebnissen, Traum und Wirklichkeit, eine Kontinuität zu geben, wenn auch nur nachträglich, genau wie ich das Gefühl habe, noch dieselbe Person zu sein, die ich vor vierzig Jahren war, obwohl es vor vierzig Jahren ganz anders gewesen sein dürfte, mir zu begegnen, als es heute ist.
Ich bewege mich hier auf unsicherem Boden.
Was wir sagen können, ist, dass diese Kontinuität, wie immer sie auch beschaffen sein mag, ganz anders ist als die Kontinuität, die Wörter erzeugen. Die Kontinuität der Wörter kann ich steuern (glaube ich), ich kann bestimmen, wie sie sich zu Sätzen, Abschnitten, Essays und Geschichten zusammenfügen, aber die Kontinuität des Sehens und Fühlens nicht. Beim Sehen und Fühlen passt alles zusammen, es entstehen keine Lücken, wenn mein Erleben von der Hand, die meinen Arm streichelt, zu dem Fluss mit dem kopflosen Dinosaurier und dem weißen Kaninchen übergeht, und dann zu den Verkehrsgeräuschen draußen vor dem Fenster und wieder zurück zu dem Fleck an der Wand neben der Lampe mit dem grünen Schirm.
Erfahrung, Erleben ist kontinuierlicher und gewissermaßen gleichzeitiger als Wörter, mit denen man immer nur eine Sache auf einmal sagen kann. Wörter sind linear. Sie ordnen die Dinge, ziehen sie aus dem Gemisch hervor, beschwören jeden Gegenstand als Ganzes, während ich nichts je vollständig sehe, nie.
Keiner von uns hat jemals im Leben auch nur ein einziges Ding im Ganzen gesehen, von allen Seiten, von oben und unten, so wie ein Wort es benennt.
Andererseits sind Wörter an sich auch wieder nur Teil des Erfahrungsgemischs; zwischen Wörtern und Empfindungen ist keine Lücke; meine Partnerin zum Beispiel, die mir jetzt Zärtlichkeiten in den Nacken flüstert, während ich mich langsam auf das Klingeln des Weckers gefasst mache, das jetzt jeden Moment kommen müsste.
Es ist ein leiser Singsang. Das Klingeln. Drr, d d d drr drr! Tatsächlich ist es das Handy meiner Partnerin. Wörter auf dem Papier können keinen Singsang erzeugen. Nichts, was ich sagen oder schreiben kann, so technisch oder poetisch es auch sein mag, kann Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, den verhassten Klang dieses Weckers übermitteln, der jeden Morgen um 7.30 Uhr etwa zehn Sekunden lang ertönt, Drr, d d d drr drr, und dann immer wieder, in zehnminütigen Intervallen, bis wir schließlich aufstehen und ihn abstellen. Im besten Fall vor acht Uhr. Natürlich ist dieser Klang uns nur verhasst, weil er uns weckt. Abgesehen davon ist er gar nicht so unangenehm. Es ist der gleiche Ton, den das Telefon macht, wenn man es einschaltet. Vielleicht könnte ich, wenn ich inspiriert wäre, etwas Geistreiches, Plastisches über den Klang des Weckers schreiben. Vielleicht würde Ihnen das gefallen. Vielleicht würden Sie dann sagen: Dem Autor ist es wirklich gelungen, den blechernen Klang des Weckers für mich hörbar zu machen und mir zu vermitteln, wie verhasst er ihm ist. Aber da würden Sie sich etwas vormachen. Die geistreiche, plastische Beschreibung würde Ihnen bloß etwas Geistreiches und Plastisches geben. Etwas Geschriebenes. Wörter. Nicht den tatsächlichen Klang des Weckers, der jetzt jeden Augenblick losgehen wird. Eigentlich erstaunlich, dass er noch nicht losgegangen ist. Ob die Batterie leer ist?
Ich lasse die Augen geschlossen in dem Wissen, dass die Welt um mich herum da sein wird, wenn ich sie schließlich als Reaktion auf den Wecker aufschlage, und dass es dann wirklich höchste Zeit sein wird, in die Gänge zu kommen. Abgesehen von allem anderen wird mir bewusst, dass ich pinkeln muss. Eigentlich wird mir jetzt, da ich mir sage, dass ich pinkeln muss, bewusst, dass mir das schon seit einer Weile bewusst gewesen ist, ich es mir aber sozusagen verschwiegen habe. Wie viele Ichs habe ich? Vielleicht meine ich, dass ich mich nicht darauf konzentriert habe. Der Vorgang des Scharfstellens, der zu meinem kontinuierlichen Ich gehört, hat das Pinkelbedürfnis nicht ins Zentrum gerückt. Bis jetzt. Der Drang zum Pinkeln war da und hat darauf gewartet, in den Blickpunkt gerückt zu werden. Mit erstaunlich viel Geduld.
Was, wenn ich jetzt die Augen öffnete und die Welt nicht da wäre?
Ist so etwas möglich?
Es würde vermutlich bedeuten, dass ich erblindet war. Es könnte wohl kaum bedeuten, dass die Welt tatsächlich nicht da war, denn ich wäre ja noch in der Lage, Dinge zu berühren und zu spüren. Zumindest würde ich das Bett unter mir spüren, und natürlich die Gerüche wahrnehmen. Ich wäre nur blind.
Aber was, wenn ich aufwachte und auch keine Gerüche da wären? Und kein Gefühl des Bettes, das mich trägt. Dann würde ich nur noch dahinvegetieren, wie ein Gemüse. Ich wäre hirntot.
Aber wacht Gemüse je auf?
Was, wenn ich überzeugt wäre, noch über all meine Sinne zu verfügen, vollkommen wach und in der Lage zu sein, zu sehen, zu hören, zu riechen, zu berühren usw., nur dass es nichts zu sehen, hören, riechen und berühren gäbe?
Wie seltsam wäre das wohl? Eine Art freies Schweben. Die ultimative Loslösung. Ich bin mir nicht sicher, dass ich mir das überhaupt vorstellen kann.
Die Realität ist, dass die Welt, wenn der Wecker klingelt – es ist jetzt wirklich erstaunlich lange her – und ich die Augen aufschlage, da sein wird, so sicher, wie ich da bin und mein Körper da ist. In gewisser Weise könnte man sagen, dass die Welt ebenso verlässlich mit mir verbunden ist wie mein Körper. Oder ich mit ihr und ihm. Ich meine, ich kann meine Augen auf unterschiedliche Teile des Zimmers, der Welt, richten, aber ich kann mein Sehen nicht von der Welt trennen. Wir sind ein Ganzes.
Vielleicht ist es so, wie man als Kind einen Saugnapf an eine feuchte Fensterscheibe gedrückt und ihn dann nicht wieder abgekriegt hat. Man konnte den Gumminapf über die Scheibe wandern lassen, vielleicht war es ein Plastikpfeil, den man in Richtung Fenster abgeschossen hatte, aber man konnte ihn nicht abnehmen.
Was für ein verrückter Vergleich. Wo kam der her? War er irgendwo im Gehirn abgespeichert, oder hatte ich ihn spontan ersonnen?
Tatsache ist, ich kann fühlen, oder mich zumindest daran erinnern, erinnernd fühlen, wie meine Hand sanft an dem Spielzeugpfeil zog und der Saugnapf Widerstand leistete, über das Glas rutschte, aber nicht abgehen wollte; eine merkwürdige Kooperation zwischen Kindheitserfahrung, Gehirnchemie und Sprache. Schon sind wir wieder bei den Wörtern. Ich wäre auf diesen Vergleich nicht gekommen ohne die Sprache, die Vergleiche liebt. Tatsächlich besteht die einzige Möglichkeit, mich von der Welt zu lösen, oder zumindest diese Illusion zu hegen, ich meine, mich von der unmittelbaren Welt dieses Zimmers, an diesem Morgen hier in Heidelberg im September 2015, zu lösen, vielleicht darin, mich auf die Wörter zu konzentrieren und auf eine gewisse Dynamik, die sie entwickeln, wenn sie in Bewegung kommen und alle Dinge in der festen Welt um uns herum in den Hintergrund rücken. Weil meine Aufmerksamkeit nicht auf die Dinge scharf gestellt ist, sondern auf die Wörter.
Wenn das so ist, muss ich also, um mich von der Welt zu trennen, ununterbrochen mit mir selbst reden, wie ein Wasserfall. Diesmal haben mich die Selbstgespräche allerdings zu dem Schluss geführt, dass ich mich, mein waches Bewusstsein, nie wirklich von der Welt um mich herum lösen kann. Wenn ich die Augen aufschlage, werde ich schlicht nicht in der Lage sein, die silbergraue Tapete nicht zu sehen. Wir haben uns aneinander festgesaugt.
Kann man also sagen, dass die unmittelbare Welt um mich herum genauso zu mir gehört wie mein Körper? In dem Sinn, dass sie ebenso unumgänglich ist?
Und sind Wörter womöglich auch nur eine weitere Manifestation der Welt? Eine weitere Kategorie von Dingen, die ich nicht abschütteln könnte, selbst wenn ich wollte?
Wenn das so ist, dann klebe ich tatsächlich tagein, tagaus an meiner Erfahrung fest.
»Ele?«
»Ja?«
»Meinst du nicht, dass die zehn Minuten längst um sind?«
»Was?«
»Der Wecker. Meinst du, die Batterie ist leer? Er müsste doch längst geklingelt haben.«
»Entspann dich einfach.«
DRR, D D D DRR DRR. Der Wecker klingelt, während sie noch spricht.
Ich öffne die Augen, und da ist die Wand. Die Tapete. Unumgänglich.
»Du zuerst«, sagt meine Partnerin. Die Socke ist blau.
FARBEN
Lassen Sie uns ein paar Erlebnisse auf dem Weg zum Frühstück überspringen. Ich bin in Heidelberg, um verschiedene Professoren zu treffen und mich mit ihnen darüber zu unterhalten, was Bewusstsein ist. Ich bin in Heidelberg, um ein paar schöne Tage mit meiner Partnerin zu verbringen. Beim Betreten des Frühstücksraums unseres Hotels fällt es schwer, eventuelle taxierende Blicke nicht wahrzunehmen. Meine Partnerin ist halb so alt wie ich. Knapp halb so alt, um ehrlich zu sein; der Kipppunkt wird in etwa einem Jahr kommen, wenn sie einunddreißig wird. Rechnen Sie selbst. Mit derart asymmetrischen Beziehungen stimmt angeblich etwas nicht. Diverse Instanzen, sowohl religiöse als auch weltliche, behaupten, es sei weitaus gesünder, wenn Paare mehr oder weniger gleichaltrig sind. Diese Sichtweise entspricht nicht unserer Erfahrung, ich meine meiner und der meiner Partnerin; für uns ist unsere Beziehung absolut in Ordnung. Wir finden es geradezu erschreckend, wie massiv sich diese mutmaßlich kompetenten Instanzen in dieser Hinsicht irren können. Da fragt man sich, in wie vielen anderen Dingen sie sich noch irren? Mein Freund Riccardo Manzotti zum Beispiel hat vor Kurzem gezeigt, dass das aktuelle Modell, das verwendet wird, um zu erklären, was passiert, wenn wir Farbnachbilder sehen, gänzlich falsch ist. Aber das ist ein anderes Thema. Jetzt, während wir uns hier im Frühstücksraum an einen Tisch setzen, sind wir uns der Blicke von zwei, drei Personen bewusst, die abschätzen, ob wir wohl Vater und Tochter sind, oder eher ein älterer Mann und seine Geliebte, die einen kleinen Seitensprung genießen. Aber wie könnten wir Vater und Tochter sein, so unterschiedlich, wie wir aussehen? Die Leute spüren so etwas sofort; riesige Mengen von Lebenserfahrung kommen hier zum Tragen, ganz ohne Nachdenken, ich meine, ohne bewusste Reflexion. Der scharfe Beobachter weiß ganz einfach Bescheid. Das Zimmermädchen beispielsweise, ein stattliches junges Mädchen unter zwanzig mit einer gestärkten weißen Schürze und einer kleinen schwarzen Haube auf dem Kopf, setzt sofort einen verschwörerischen Gesichtsausdruck auf; sie wird unserem vermeintlichen Fehltritt wohlwollend gegenüberstehen.
Das ist natürlich ein Thema, über das sich leicht schreiben ließe: wie sich die Lebenswege zweier Menschen plötzlich auf ganz unerwartete, geradezu abwegige Weise ineinander verwickeln, und wie die Leute darauf reagieren. Das ist der Stoff, aus dem Bücher gemacht werden. Meistens. Ich meine Romane. Weil wir dazu neigen, auf diese Weise über unser Leben nachzudenken, die Dinge rückwärts und vorwärts projizieren, um daraus Geschichten zu machen. Und auch weil Wörter und Sätze, die zeitlich linear verlaufen und unterwegs Energie einsammeln, genau darin gut sind, gut im Erzählen von Geschichten, die sich ebenfalls durch die Zeit bewegen: Menschen begegnen sich, verlieben und entlieben sich, finden und verlieren Jobs, streben nach etwas und haben Erfolg, streben nach etwas und scheitern. Letztendlich scheinen weite Teile unseres Lebens aus Wörtern zu bestehen, die dem heiklen, kaum beschreibbaren Zustand unseres tatsächlichen, alltäglichen Daseins, den einzelnen Momenten unseres Aufder-Welt-Seins, eine Gestalt und Dynamik aufzwingen: dem Aufwachen und Erblicken des Schranks und der Tapete, dem wiederholten Eintauchen in die Welt der Träume, während die zehnminütige Schlummerphase des Weckers zuerst brutal kurz und dann beunruhigend lang erscheint. Geschichten sind uns vertrauter als das Leben selbst. Es fällt uns leichter, darin zu sein. Vermutlich mögen wir deshalb so gern Romane. Auch Biografien, historische Erzählungen und Memoiren. Ich jedenfalls mag sie sehr. In ihnen entfaltet sich mensch liches Erleben auf eine sinnvolle Art und Weise, indem die vielen redundanten Erfahrungen zwischen Aufwachen und Frühstück einfach ausgeblendet werden: der obligatorische Gang zur Toilette, das nervige Her umprobieren, um zu ermitteln, wie die Hoteldusche funktioniert, das Gefühl, von den glänzenden, spiegelnden Oberflächen überall geblendet zu werden, die Notwendigkeit, die Brille wieder aufzusetzen, um die klein gedruckten Aufschriften der kleinen bunten Fläschchen zu lesen: Shampoo oder Duschgel? Wie könnte man je eine Geschichte am Laufen halten, oder auch eine Betrachtung des menschlichen Bewusstseins, wenn man sich genau anschauen wollte, wie das Leben, oder das Bewusstsein, tatsächlich ist?
Nein, wenn wir anfingen, über den gegenwärtigen Moment und den mit ihm einhergehenden Taumel der Wahrnehmungen und Gedankengänge zu schreiben, dann wären wir überwältigt. Wir könnten niemals alles erfassen. Und wir würden die Leser zu Tode langweilen. Der Genius der Sprache liegt im Auslassen. Sie lässt das meiste aus, genau genommen fast alles; sie lädt die Leser ein, sich im Schnellzug durch die unnötig überladene Landschaft der Alltagserfahrungen tragen zu lassen.
Oder wenn wir uns doch vornehmen, alles zu erzählen, ich meine zu beschreiben, wie das Leben wirklich ist, in jedem einzelnen Moment, dann wird unsere Angst, die Leser zu langweilen, so groß, dass wir versuchen, etwas Besonderes daraus zu machen, die Lawine aus Einzelwahrnehmungen durch Rhythmus, Reime und poetische Mittel abzuschwächen. Wir werden versuchen, unseren Bericht attraktiv zu machen. Ulysses-ähnlich. Aber das Attraktive daran wird der Text sein, nicht der Augenblick selbst. Wir werden uns für die Art der Übermittlung interessieren statt für das Übermittelte, so wie jeder weit mehr an Ulysses dem Buch interessiert ist, seiner Form des Stream of Conscious ness und seinem kontroversen Autor James Joyce, als an den Themen, von denen dieses Buch tatsächlich handelt: Dublin, Masturbation, Zeitungswerbung, Beerdigungen, Prostituierte.
Das möchte ich vermeiden. Das Problem, mit dem ich auf dieser Reise nach Heidelberg konfrontiert bin, besteht in der Frage, wie ich mich auf das Thema des Bewusstseins konzentriere, wie ich Sie dazu bringen kann, sich darauf zu konzentrieren, ohne eine literarische Absicht zu verfolgen. Es geht hier nicht um Schönheit. Auch nicht ums Melodram. Nicht mal um Polemik. Sondern schlicht und einfach um die Frage: Können wir als gewöhnliche Menschen etwas Nützliches über das Bewusstsein aussagen, indem wir in den kommenden zwei Tagen in jedem Moment unsere persönlichen Erfahrungen betrachten? Und dann um die Frage: Sind die Modelle, Erklärungen oder was auch immer, die über das Bewusstsein existieren, die Versionen der Vorgänge, die zahlreiche Experten vertreten, stimmig? Passen sie zu dem, was wir Sekunde für Sekunde erleben? Und wenn nicht, warum nicht? Zum Glück haben wir uns mit ein paar klugen Leuten verabredet, mit denen wir über diese Fragen sprechen können.
Trotz allem kann ich nicht umhin, hier innezuhalten und die Pracht des Frühstücksbuffets in diesem Heidelberger Hotel zu beschreiben. Es befindet sich in einer Ecke des Raums, auf einer Theke aus schwarzem Stein, die entlang zweier Wände aufgebaut ist. Zumindest sieht die Oberfläche aus wie Stein. Darauf stehen silberne Platten mit Obst – hellgrüne Melonenschnitze, in gleichmäßige Dreiecke zerteilte Ananasfrüchte, große pralle Erdbeeren, einzeln nebeneinander direkt auf der Platte platziert, Feigen, die ihr fleischiges Inneres offenbaren (das nur wenig bräunlicher ist als die glänzend roten Erdbeeren), und in der Mitte der Platte, ich meine jeder Platte, der stachelige runde Blattschopf einer Ananas mit den dunkelgrünen, ineinandergeschachtelten Blättern, die sich zu einer glorreichen Krone öffnen.
Zwischen den Platten – pardon, noch sind wir nicht fertig – stehen dreifüßige Schalen, in denen Äpfel, Trauben, Orangen und Kiwis hoch über den anderen Speisen thronen, Kerzen in silbernen Haltern mit elektrischen Flammen und, denn wir sind hier in Deutschland, Teller mit Gewürzgurken und dekorativ aufgeschnittenen Radieschen, um den Kontrast zwischen weiß und rot zur Geltung zu bringen, dünnen Scheiben von Tomaten sowie roten, grünen und gelben Paprikaschoten, das alles neben Käsescheiben und Schinkenröllchen gleichmäßig auf Salatblättern arrangiert, daneben Schüsseln mit gekochten Eiern, Körbe voller knuspriger Brötchen mit Sesamkörnern und Bretter mit dunkelbraunen Brotlaiben, die fest in weiße Stoffservietten gewickelt sind, damit man sie aufschneiden kann, ohne seine Bakterien auf das Brot zu übertragen.
Hinter all diesem Überfluss verläuft entlang der beiden Wände, die diese Buffetecke bilden, ein Spiegel, gerade hoch genug, um die Farbexplosion, die durch helle, in die Decke eingelassene Punktstrahler noch intensiviert wird, zu verdoppeln. Mehr als zu verdoppeln eigentlich, denn von dem Winkel aus, in dem ich jetzt vor dem Buffet stehe und mir mit der Gabel Obst in meine Schale fülle, reflektiert der Spiegel vor mir nicht nur die Früchte, sondern auch den Spiegel an der anderen Wand und erzeugt so eine berauschende Vervielfältigung dieser wunderbaren, wunderbar angerichteten Speisen, die das aufmerksame Hotelpersonal unablässig nachfüllt.
Und dabei habe ich die glänzenden weißen Teller und das polierte Besteck noch gar nicht erwähnt, auch nicht den großen silbernen Samowar mit dem Regal voller Teekannen, und natürlich die unvermeidliche Teebox von Twinings mit den bunt verpackten Einzelbeuteln. Das Buch, das ich gerade gelesen habe, Bewusstsein – ein neurobiologisches Rätsel von Christof Koch, beschreibt Farben und genau genommen unsere Wahrnehmung im Allgemeinen als »con job«, also als Schwindel: Es gibt auf der Welt weder Blau noch Grün noch Rot, schreibt Koch, alle Farbtöne werden in unserem Gehirn erzeugt, sie entstehen aus der Kooperation zwischen dem visuellen Kortex und drei Gruppen von cleveren, kegelförmigen Zellen in der Netzhaut, welche die Lichtstrahlen, die von unterschiedlichen Oberflächen reflektiert werden, in die Illusion einer Farbe umwandeln. In Wirklichkeit also, und an dem Punkt stimmt Koch weitgehend mit der gängigen Meinung überein – wobei »gängige Meinung« und »zahlreiche Experten« mehr oder weniger äquivalente Begriffe sind –, findet dieses ganze Frühstücksbuffet in meinem Kopf statt, und die Erdbeere, die ich soeben in meine Schüssel gelöffelt habe und schon bald in den Mund stecken werde, ist nirgendwo rot außer in meinem Kopf. Und das, obwohl mein Gehirn bekanntlich aus einer grauen, gallertartigen Masse besteht.
Ich schüttele den Kopf (ein Kaleidoskop aus Farben), während ich versuche, den Samowar zu durchschauen. Er ist sehr schön, ziemlich groß, hat unten einen Ablasshahn und obendrauf eine Art Wasserkessel. Neben dem Hahn ist ein roter Schalter, aber man sieht nicht, ob er an oder aus ist. Ist das Wasser heiß oder nicht? Kann ich das herausfinden, indem ich den Samowar anfasse, oder ist er so gut isoliert, dass er außen immer kühl bleibt? Soll ich ihn selbst einschalten? Angenommen, er ist zurzeit ausgeschaltet. Ist das erlaubt? Oder soll ich die Kellnerin fragen? Sie ist nicht zu sehen. Ich hasse es, wenn der Tee nicht heiß ist. Und nimmt man den Kessel von oben herunter, um sich einzuschenken, oder stellt man seine Tasse, oder eine der kleineren Teekannen, unter den Zapfhahn? Ich weiß es nicht. Das Hotelpersonal hat offenbar strikte Anweisung, alles auf Hochglanz zu halten, denn als ich mich hinunterbeuge, um das Gerät genauer in Augenschein zu nehmen, spiegelt sich mein Gesicht in der silbernen Oberfläche, allerdings verzerrt, durch die Rundung des Behälters stark in die Breite gezogen. Zum Schwindel der Wahrnehmung kommt hier die Verzerrung des gekrümmten Spiegels. Doch mein ratloser Gesichtsausdruck ist deutlich erkennbar, als ich mich jetzt für die Betätigung des Zapfhahns entscheide und sich das als Fehler erweist – mein Tee ist gerade mal lauwarm, verdammt!
Am Tisch diskutieren wir darüber, ob ich einen zweiten Versuch mit dem Samowar wagen sollte. Meine Partnerin meint, ich solle die Kellnerin fragen, aber keiner von uns beiden spricht Deutsch, jedenfalls nicht fließend, und ich möchte nicht dumm wirken. Warum nicht? Wen kümmert es schon, ob die Kellnerin mich dumm findet? Schließlich ist sie für mich keine Autorität. Oder auch nur eine Kollegin. Und sie scheint sowieso schon zu glauben, dass ich hier mit meinem Seitensprung eingecheckt habe. Aber offenbar kümmert es mich doch. Die Kellnerin ist ein Mensch, und ich möchte nicht, dass andere Menschen zu dem Schluss kommen, dass ich von Samowaren keine Ahnung habe.
Oder ist es eher so, dass ich das Vergnügen haben möchte, selbst herauszufinden, wie das Gerät funktioniert? Ich will mir den kleinen Triumph gönnen, mir mein heißes Wasser aus eigener Kraft zu verschaffen. Die Frau, mit der ich mich heute Vormittag treffen werde, Professor Sabina Pauen, führt Experimente durch, bei denen die Lernfähigkeit von Kindern leicht unterschiedlicher Altersstufen geprüft wird. Kann ein Kind mit zweiundzwanzig Monaten zwischen funktionalen und nichtfunktionalen Eigenschaften eines einfachen Werkzeugs unterscheiden? Mit vierundzwanzig Monaten? »Ein typisches Experiment« – erkläre ich meiner Partnerin, während sie die Nährwertangaben auf dem Joghurtbecher durchliest – »ist zum Beispiel eine lange durchsichtige Plastikröhre mit einer Belohnung darin. Um die Belohnung herauszukriegen, braucht man ein stabähnliches Instrument, das lang genug ist, um bis ans Ende der Röhre zu reichen. Es sind verschiedene solche Instrumente mit verschiedenfarbigen Griffen im Angebot. Nur eins von ihnen ist lang genug, um die Aufgabe zu erfüllen. Das Kind sieht, wie ein Erwachsener einen der Stäbe, sagen wir den mit dem blauen Griff, nimmt, damit die Belohnung aus der Röhre schiebt, ein erfreutes Gesicht macht und dann dem Kind die Belohnung gibt. Anschließend bekommt das Kind eine zweite Röhre, mit Belohnung darin, und die drei Instrumente. Weiß das Kind jetzt, was zu tun ist? Wählt es das richtige Instrument aus, das mit dem blauen Griff?«
»Was ist die Belohnung?«, fragt meine Partnerin.
»Keine Ahnung. Bestimmt nicht eine Tasse heißer Tee.«
»Das könnte wichtig sein.«
»Wie auch immer, wenn das Kind es kapiert hat, machen sie eine Pause, dann wiederholen sie das Experiment, ändern aber die Grifffarben der Instrumente, sodass der Stab, mit dem es klappt, jetzt zum Beispiel einen roten Griff hat. Der blaue funktioniert diesmal nicht.«
»Gemein.«
»Die Frage ist also: Kann ein Kleinkind zwischen der funktionell relevanten Länge und der funktionell irrelevanten Farbe unterscheiden?«
»Und wenn die Kinder die Belohnung gar nicht haben wollen?«
»Dann wollen sie vielleicht trotzdem ihre Eltern beeindrucken, oder sich selbst. Sie wollen sich gut fühlen, weil sie die Aufgabe kapiert haben. Unabhängig von der Belohnung.«
»Sind die Eltern dabei?«
»Ein Elternteil.«
»Bezahlt?«
»Anscheinend nicht.«
»Also haben wir es mit Eltern zu tun, die sich für die frühkindliche Entwicklung interessieren.«
»Für Leistung, ja. Sie wollen zweifellos, dass ihre Kinder weiterkommen.«
»Aber was ist, wenn das Kind gegen die Leistungsorientiertheit der Eltern rebelliert und sich weigert, bei dem Röhrenspiel mitzumachen?«
Ich schüttele den Kopf. »Es ist so, dass bei vielen dieser Experimente den Kindern Elektroden angelegt werden, die die Hirnaktivität im frontalen Kortex aufzeichnen.«
»Geh dir mal deinen Tee holen«, sagt meine Partnerin.
»Aber was soll ich mit der Tasse machen, die ich schon habe? Sie ist noch voll.«
»Lass sie stehen und nimm dir eine neue.«
Ich zögere und stelle mir vor, wie die Kellnerin angesichts dieser Verschwendung beim Tischabräumen über mich den Kopf schüttelt.
»Ich möchte aber nicht verschwenderisch wirken«, sage ich.
»Das ist albern«, erklärt mir meine Partnerin. »Geh schon.«
Ich mogele. Ich warte, bis jemand anders zum Samowar geht, um zu beobachten, was die Person macht. Es ist ein Deutscher im mittleren Alter. Er drückt auf den roten Knopf an der Seite des Geräts, der daraufhin aufleuchtet. Er hatte gar nicht so ausgesehen wie ein Knopf mit einem Lämpchen darin. Ich bin ein Stümper. Es war ganz einfach. Der Mann wartet. Ich trete näher und stelle mich hinter ihm an. Ungefähr ein Dutzend Leute befinden sich in dem Frühstücksraum mit den (in meinem Kopf) silbergrauen Stühlen, die hohe, gerade Rückenlehnen haben, und einem (in meinem Kopf) schwarzen Teppichboden mit einem Muster aus kleinen weißen Kronen, das diagonal durch das Rechteck des Raums verläuft. Was ich Christof Koch gerne fragen würde, ist, ob die Farben ein größerer Schwindel sind als die Formen und Größen der Dinge, vor allem, da Koch davon überzeugt ist, dass unsere gesamte Erfahrung der Welt in unserem Kopf angesiedelt ist, als Bild sozusagen, oder als Darbietung im Theater des Geistes. Galileo allerdings glaubte, das Einzige, was tatsächlich draußen auf der Welt existierte, seien Formen, Zahlen und Bewegungen; alles andere – Farben, Töne, Geschmack, Geruch usw. – würde allein durch unsere Augen, Ohren, Zunge und Nase ergänzt. Sei rein subjektiv, würde außerhalb der Menschheit überhaupt nicht existieren. Um also einen Gegenstand tatsächlich zu erfassen, musste man ihn in jeder erdenklichen Weise vermessen, mit wissenschaftlichen Instrumenten, musste seine Form, seine Masse und seine Bewegungen untersuchen, aber nichts von dem, was uns normalerweise daran interessieren würde, etwa welche Farbe er hat, wie er riecht oder wie er sich anfühlt. Vielleicht habe ich mich deshalb nie der Wissenschaft zugewandt.
Mein Tee kommt knallheiß heraus. Jetzt habe ich etwas über Samoware gelernt. Einer bestimmten Art. Nie wieder werde ich mich im Frühstücksraum eines deutschen Hotels durch lauwarmen Tee blamieren. Folglich hat sich in meinem Gehirn vermutlich etwas verschoben. Es ist jetzt anders als noch vor zehn Minuten. Zur Vorgabe von Professor Pauens Forschung gehört, dass das kindliche Gehirn in dieser Phase maximaler Formbarkeit durch die kleinen Lernspiele, die ihr Team mit den Jungen und Mädchen durchführt, tatsächlich verändert wird. In einem Experiment etwa werden kleinen Kindern in schneller Abfolge Fotos gezeigt, zum Beispiel von Gesichtern, bekannt und unbekannt, männlich und weiblich, vielleicht auch von Tieren oder Möbelstücken. Die Reaktion des Kindes wird mithilfe eines Elektroenzephalografen gemessen, der Gehirnströme aufzeichnet – elektrische Aktivitäten im Gehirn –, ihre Intensität misst und in Millisekunden zählt, wie schnell nach dem Sehen des Fotos sie auftreten. Ergebnis: Seit man Scharen von neun Monate alten Babys mit Elektroden am Kopf vor einen Bildschirm gesetzt hat, gilt es als erwiesen, dass sie zwischen verschiedenen Tierarten und zwischen Männern und Frauen beziehungsweise männlichen und weiblichen Gesichtern unterscheiden können. Was noch interessanter ist: Es ist auch klar geworden, dass die Kinder weniger stark reagieren, wenn ein Foto die Wiederholung des vorherigen ist, selbst wenn sie das vorherige Foto nur eine halbe Sekunde lang gesehen haben. Innerhalb dieser sehr kurzen Zeitspanne hat sich also das Gehirn bereits verändert, es hat etwas gelernt, so wie ich jetzt gelernt habe, den Samowar einzuschalten und kurz zu warten, ehe ich heißes Wasser aus dem Zapfhahn entnehme, auch wenn ich immer noch nicht weiß, wozu der hübsche silberne Teekessel oben auf der Maschine da ist. Ist er ein funktionales oder ein nicht-funktionales Element?
Als ich wieder an meinen Platz gehe, mit der zweiten Tasse Twinings English-Breakfast-Tee in der Hand, wird der Raum unvermittelt durch eine Erscheinung verändert. Eine Frau mit einem knallgelben Hut schwebt herein.
Ich sollte erwähnen, dass alle anderen Leute im Frühstücksraum auf den ersten Blick unscheinbar wirken. Sie wissen schon, wie ich das meine, es soll keineswegs geringschätzig klingen. Ich bin selbst genauso unscheinbar. Keine dieser Personen sendet auffällige Signale aus oder fordert auf irgendeine Art und Weise besondere Aufmerksamkeit ein. Da wären der Deutsche im mittleren Alter und seine Frau, die links von uns sitzen, ein junges japanisches Paar an einem der Tische am Fenster, und eine arabische Familie mit Mann, Frau und einem bemerkenswert braven Kleinkind. Alle ganz gewöhnlich angezogen. Das schwarze Kopftuch der arabischen Mutter wirkt vollkommen gewöhnlich. Dazu trägt sie ein Jackett und Jeans.
Alle widmen sich in einer unaufdringlichen Art und Weise ihrem Frühstück. Was vermutlich bedeutet, dass sich alle mehr oder weniger einig darüber sind, wie man sich beim Frühstück in einem Hotel benehmen sollte. Die gedämpften Gespräche kommen dank der leise eingespielten 70er-Jahre-Popmusik an den anderen Tischen nur als unverständliches Gemurmel an; im Augenblick läuft zum Beispiel gerade »Super Trouper«. Was wiederum zu der zwanglosen Kleidung, dem schallschluckenden Teppich und den (in unseren Köpfen) grauen Stuhlpolstern zu passen scheint. Tatsächlich ist mir das alles bisher gar nicht aufgefallen. Wir haben uns alle an die Hotelumgebung angepasst, uns quasi unsichtbar gemacht. Uns konform verhalten, würde man wohl sagen. Liegt es daran, dass wir durch die Millionen und Abermillionen ähnlicher Eindrücke, die unsere Gehirne im Laufe der Jahre empfangen haben, einander irgendwie ähneln, oder zumindest ähnlich disponiert (programmiert, gepolt?) sind, wenn es um das Frühstücken in Hotels geht? Alle Wissenschaftler, deren Studien über das Gehirn ich gelesen habe, verwenden Analogien aus dem Computerbereich. Pauens Babys »verarbeiten« Bilder und »codieren« und »speichern« sie. Das scheint die natürliche Art und Weise zu sein, über das Gehirn zu sprechen, auch wenn an einem Computer natürlich rein gar nichts natürlich ist. Auch nicht am Frühstücken in Hotels.
Jedenfalls lässt jemand nun über die spiegelglatte Oberfläche dieser frühmorgendlichen Konformität einen Kieselstein in Gestalt eines knallgelben Huts springen. Genau genommen ist unser Neuankömmling komplett gelb: gelbe Schuhe, gelbe Bluse, gelbe Strickjacke, gelbe Fingernägel. Aber den Ausschlag gibt der Hut. Wenn ich knallgelb sage, dann meine ich wirklich knallig. Ein ausladender, runder Hut, der zugleich steif wirkt. Oben flach, wie ein umgekehrter Topf, den man auf dauergewelltes Haar gedrückt hat, aber mit äußerst breitem Rand, vielleicht 60 Zentimeter im Durchmesser. Dieser Hut scheint alles Licht im Raum in sich hineinzuziehen, um es dann als einen grellen, zitronigen Nebel wieder zurückzuwerfen. Seine Trägerin bewegt sich mit einem äußerst weiblichen Hüftschwung und hat neben einer Wolke aus ziemlich schwerem Parfum einen weitaus weniger aufregenden Ehemann im Schlepptau. Das Parfum ist blumig-fruchtig. Der Ehemann ist in Weiß gekleidet.
Auch wenn Farben und Gerüche nur ein subjektiver Schwindel sind, ist diese Frau, deren Alter ich auf Anfang sechzig schätze, doch ganz offensichtlich in der Lage, unsere Reaktion auf farbliche Reize vorherzusagen und zu manipulieren. Alle drehen sich nach ihrem Hut um. Sie setzt sich an einen Tisch am Fenster, schickt ein betörend selbstzufriedenes Lächeln in den Raum, so als wolle sie uns alle in ihrem Dunstkreis aus sonniger Wohlgefälligkeit willkommen heißen – sogar ihr Lippenstift ist gelb –, und ruft dann mit fröhlicher Stimme die junge Kellnerin, deren Namen sie kennt. Ihr Mann nimmt ihren Exhibitionismus mit bewundernswerter Gelassenheit hin. Womöglich ist er sogar stolz auf sie. Auch er begrüßt die Kellnerin und schlägt dann die Frankfurter Allgemeine auf.
»Das Gelb existiert natürlich nur in unseren Köpfen«, erinnere ich meine Partnerin. »Auch der Duft.«
»Trotzdem können wir ihm nicht entkommen«, gibt sie zu bedenken. »Selbst wenn wir wollten, könnten wir nicht aufhören, es uns einzubilden. Und wir nennen es beide Gelb.«
Eigentlich wollte ich unser Frühstücksgespräch nutzen, um über Professor Pauens Experimente zu reden und mich so auf das Interview vorzubereiten. Aber es ist unmöglich, nicht über dieses Gelb zu sprechen. Es nimmt uns in Beschlag. Die Frau ist aufwendig geschminkt, strahlt aber dennoch eine Art gespielte Natürlichkeit aus. Und ihr Auftritt ist berückend. Wieso ist sie so anders als der Rest von uns? Wie kommt es, dass sie und ihr Mann sich Essen an den Tisch bestellen können, während wir aufstehen und das Buffet plündern mussten und uns eine ordentliche Tasse Tee erst nach einigem Herumprobieren vergönnt war? Ist es so, dass unsere Gehirne auf Konformität gepolt sind oder sich damit abgefunden haben, während diese Frau, nachdem sie im Laufe der Jahre anderen Eindrücken ausgesetzt war als wir oder, wahrscheinlicher, die gleichen Eindrücke völlig anders verarbeitet (was immer das bedeutet) hat, ein freier Geist ist? Oder gehorcht sie nur anderen Normen? Ihr Benehmen ist, wie meine Partnerin mithilfe einer italienischen Redewendung feststellt, »tutt’un programma«. Sie hat ihren Look nicht selbst erfunden. Er scheint den Kodachrome-Fotografien in einer Modezeitschrift aus den 1960er-Jahren zu entstammen. Ich äußere die Vermutung, dass sie so etwas irgendwann einmal gesehen hat und es seitdem so tief in ihrer Psyche verankert ist, dass sie es immer wieder reproduziert.
Nein. Meine Partnerin sieht diese Frau nicht als eine Person, die sich einer Prägung unterworfen hat, sondern eher als eine Strategin, die sich ausrechnet, wie sie am effektivsten alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Frauen sind immer die schärfsten Kritikerinnen anderer Frauen. Jedenfalls wird mir, während ich meine Serviette zusammenlege, klar, dass der gelbe Hut bei mir einen so starken Eindruck hinterlassen hat, dass ich mich allein seinetwegen für immer und ewig an dieses Frühstück und an dieses Hotel erinnern werde. Ich werde mit dem Hut anfangen und dann den Rest der Szene daraus ableiten können: meine Position im Raum im Verhältnis zur Trägerin des Huts, und damit auch zu allen anderen Anwesenden, den Japanern, den Arabern, dem deutschen Paar im mittleren Alter, den Fenstern und dem herrlichen Frühstücksbuffet, das in all seiner glänzenden, fruchtig-bunten Pracht von den Wänden gespiegelt wird, ganz ähnlich wie man sich an einen Traum erinnert, indem man mit einem Fragment anfängt, das man beim Aufwachen noch im Sinn hat, etwa dem Blick durch die hohen Bäume des Waldes auf den schmalen Fluss.
Aber jetzt wird es Zeit, nach oben zu gehen und mich auf mein Interview vorzubereiten.
ALLES STEHT KOPF
Mir bleiben noch vierzig Minuten, um vor dem ersten Interview meine Notizen noch einmal durchzugehen. Aber fassen wir kurz zusammen. Vor etwa zwei Jahren erhielt ich eine E-Mail von einem Mann namens Jakob Köllhofer, der mich einlud, an einem Projekt teilzunehmen, bei dem »Schriftsteller zu Wissenschaftlern unterschiedlicher Institute der Universität Heidelberg geschickt werden« sollten, um herauszufinden, »ob die ›Naturwissenschaften‹ in der Lage wären, ein Konzept für eine ›neue Metaphysik‹ zu entwickeln«. Ich war fasziniert von Köllhofers Gebrauch der Anführungszeichen, zugleich aber verblüfft von der Idee. Wie kann die Beobachtung der Welt und selbst die daraus folgende Reflexion und Spekulation uns je zu dem Warum der Existenz der Welt führen? Man kann die Urknall-Theorie beweisen und trotzdem nichts darüber erfahren, warum der Urknall sich ereignet hat oder warum er sich in dem betreffenden Moment ereignet hat. Oder ob er sich ereignen musste. Und selbst wenn man all das herausfände, bliebe es immer noch ein Geheimnis, was davor war, und dann wiederum davor.
Im weiteren E-Mail-Austausch stellte sich jedoch heraus, dass sich Köllhofer in erster Linie für die Frage interessierte, ob die Wissenschaft in den Köpfen der Menschen allmählich die Religion ersetzte. Das schien eher ein anthropologisches Thema zu sein als harte Wissenschaft, etwas, zu dem ich unter Umständen tatsächlich etwas beisteuern könnte. Hinzu kam, dass in der ursprünglichen Einladung gestanden hatte, Köllhofers Arbeitgeber, das Deutsch-Amerikanische Institut, könne mir dafür »ein ansehnliches Honorar« anbieten. Wer wäre nicht neugierig, was in einem solchen Satz wohl mit »ansehnlich« gemeint war? Zudem hätte ich Gelegenheit, ein paar Spitzenwissenschaftler zu treffen und mit ihnen über das menschliche Bewusstsein zu sprechen.
Denn das Bewusstsein fasziniert mich schon seit einigen Jahren, ich brenne förmlich darauf, über das Thema zu reden und nachzudenken. Womit ich sagen will, dass ich seit ein paar Jahren im Gespräch mit Riccardo Manzotti bin und mit ihm eine der intensivsten und längsten Debatten meines Lebens führe. Und bei der Rückkehr in unser Hotelzimmer machte ich jetzt tatsächlich, als ich mich an den kleinen Schreibtisch dort setzte, den Fehler, vor der Durchsicht meiner Notizen über Sabina Pauen noch meine E-Mails zu checken. Und natürlich war eine Mail von Riccardo eingetroffen, mit einem Link zu einer Rezension des Philosophen Alva Noë über den Film Alles steht Kopf. Eine Filmkritik von einem Philosophen bekommt man nicht alle Tage zu lesen, daher machte ich gleich anschließend den nächsten Fehler, indem ich, statt Pauens Aufsatz über »Object Categorization and Socially Guided Object Learning in Infancy« noch einmal zu lesen, diese Kritik überflog.
An den Pixar-Zeichentrickfilm Alles steht Kopf werden Sie sich sicherlich erinnern. Ein Mädchen namens Riley macht darin eine emotional turbulente Phase durch, als ihr Vater eine Stelle in einer anderen Stadt annimmt und sie mit dem Umzug und ihrer neuen Umgebung klarkommen muss. Aber das Konzept des Films besteht darin, Rileys Psyche mithilfe von fünf winzigen Gestalten darzustellen, die in ihrem Kopf herumflitzen und um die Kontrolle über die Schaltknöpfe wetteifern, die Rileys emotionale Reaktionen steuern. Diese kleinen Homunkuli, die den Figuren anderer Pixar-Filme unheimlich ähnlich sehen, stehen explizit für die Gefühle Freude, Kummer, Wut, Angst und Ekel, aber da sie gleichzeitig auch voll ausgeprägte Individuen sind, wirft der Film die Frage auf, von der Alva Noë behauptet, sein Sohn hätte sie ihm schon beim Anschauen des Films gestellt, nämlich ob diese kleinen Gestalten in Rileys Kopf ihrerseits weitere, noch kleinere Gestalten in ihren eigenen Köpfen haben. Und die Frage, warum Riley das Gefühl hat, nur eine einzige Person zu sein und nicht fünf, oder fünf mal fünf oder fünf mal fünf mal fünf? Und so weiter.
Auch wenn es wenig überrascht, dass ein Pixar-Film nicht unbedingt das Nonplusultra in Sachen Psychologie, Ontologie oder Metaphysik ist, finde ich es doch interessant, dass Alles steht Kopf so breite Anerkennung fand und als innovativ, einsichtsvoll und lehrreich gepriesen wurde, und das, obwohl die arme Riley kaum mehr als eine Marionette zu sein scheint, die den Launen ihrer fünf inkompetenten Puppenspieler hilflos ausgeliefert ist. Entspricht das wirklich der Vorstellung, die die meisten Menschen von der Beziehung zwischen Körper und Geist haben? Noë bemerkt dazu:
Descartes (1596–1650) formuliert den Gedanken, den er allerdings nicht unterstützt, der Körper sei ein Schiff und das Ich hause im Körper wie der Lotse in diesem Schiff. Hume (1711–1776) brachte die Vorstellung voran, dass es kein Ich gibt, dass das, was wir das Ich nennen, tatsächlich nur ein Bündel von Wahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken ist. Die zeitgenössische Kognitionswissenschaft verknüpft diese beiden Konzepte zu einer äußerst unbeholfenen Synthese: Wir sind das Gehirn, das wiederum nicht in Gestalt eines Ichs daherkommt, sondern als riesiges Heer von kleinen Ichs oder Instanzen, deren kollektive Handlungen das erzeugen, was von außen betrachtet so wirkt, als sei es ein und dieselbe Person.
Beim Lesen dieses Textes kann ich nicht umhin, Noë um seine synthetischen Fähigkeiten zu beneiden, die alles andere als unbeholfen sind, und ich frage mich, ob Sabina Pauen wohl Alles steht Kopf gesehen hat und bereit wäre, über die darin angesprochenen Themen zu reden, vor allem über die Frage, ob das bewusste Erleben tatsächlich im Kopf eingeschlossen ist und dadurch zustande kommt, dass kleine Menschen im Innern der Menschen einander wie durch Periskope betrachten (ein Effekt, der in Alles steht Kopf erzeugt wird, indem die Homunkuli ihre Augen benutzen, um Bildschirme anzuschauen, die das Material, das Rileys Augen wie Kameras einfangen, aufzeichnen). Oder ob es, das bewusste Erleben, irgendwie auch außen ist, oder zumindest aktiv aus Innen und Außen zusammengesetzt wird, aus der Person, die etwas erlebt, eine Erfahrung macht, und der Sache, die erfahren wird? Denn obwohl ich offiziell hier bin, um für Herrn Köllhofer einen Beitrag zu verfassen, der auf dessen Fragestellung eingeht, ob die Wissenschaft in den Köpfen der Menschen die Religion ersetzt – dafür erhalte ich die ansehnliche Summe von 10.000 Euro –, besteht mein tieferes Interesse doch darin, zu hören, was die Wissenschaftler, die ich treffen werde, von dieser Innen-Außen-Thematik halten, die im Grunde nichts anderes beschreibt als das Wesen unserer Verbindung zur Welt und das große Rätsel unserer Wahrnehmung in jedem einzelnen Augenblick: dass alles, was außen ist, wenn ich morgens die Augen aufschlage – die Wand, der Schrank, das Bettzeug, meine Partnerin –, sozusagen auch in mir ist, oder zumindest mir gegenwärtig, mir irgendwie eigen, und folglich an zwei Orten zugleich existiert, der Schrank im Zimmer und der Schrank in meinem Kopf. Wie kann das sein und was geschieht hier eigentlich konkret? Diese Frage beschäftigt mich, ist Thema meines langen Austauschs mit Riccardo Manzotti, Gegenstand unend licher Lektüre und in gewisser Hinsicht auch die Frage, die jeder Roman aufwirft: Wie passen das Erleben und die Erfahrungen der einzelnen Figuren mit der Welt als Ganzem zusammen, inklusive der Erfahrungen aller anderen Figuren? Wie stark sind wir voneinander getrennt, wie sehr miteinander verbunden? Inseln ganz für uns allein, oder Teile des Kontinents, Brocken des Festlands?
Bin ich also unter falschem Vorwand nach Heidelberg gekommen, oder greife ich zumindest die »ansehnliche Summe« quasi mit meiner ungelenken linken Hand ab, während meine (hoffentlich) kompetentere rechte mit etwas ganz anderem befasst ist? Nicht ganz. Denn nichts könnte wichtiger sein, wenn man sich die konkurrierenden Behauptungen von Wissenschaft und Religion anschaut, als die Frage, ob das Ich, der Geist, die Seele oder einfach das Bewusstsein, etwas Separates ist, das sich isoliert im Kopf befindet, oder ob es sich dabei um eine andauernde Zusammenarbeit zwischen dem Körper, dem Gehirn und der Welt handelt. Trifft Ersteres zu – ist der Geist abgetrennt und isoliert –, dann haben wir es mit dem Traum der Abstraktion zu tun, der Möglichkeit, dass das, was ich mir als »Ich« vorstelle, irgendwie vor dem letztendlichen, unvermeidlichen Verfall des Körpers gerettet werden kann, vielleicht gar in den Himmel aufzusteigen vermag, wie die Christen glauben, oder irgendwann in der Zukunft ganz einfach auf einen besonderen Computer hochgeladen werden kann, wie eine Reihe von Neurowissenschaftlern es für möglich halten. Wenn der Geist hingegen ein Phänomen ist, das von der Interaktion des Körpers mit der Welt abhängt, oder der Interaktion der Welt mit dem Körper, wenn er tatsächlich von dieser Interaktion abhängt und aufrechterhalten wird, dann endet zwangsläufig mit dem Tod des Körpers auch er.
Oder, wenn Ersteres zutrifft – der Geist von allem abgeschnitten im Kopf existiert, wo er Strippen zieht und Knöpfe drückt (allein oder im Team), um dem Körper Anweisungen zu erteilen –, dann wird unser Wissen über die Außenwelt immer Anlass für Misstrauen bieten. Wie kann ich eine Welt kennen, wenn ich nicht Teil von ihr bin, wenn ich in Platons Höhle gefangen und nicht in der Lage bin, die Realität draußen zu erleben, wenn ich Farben sehe, wo keine Farben sind, Gerüche wahrnehme, wo laut Galileo keine Gerüche sind? Ich mag auf das Paradies zusteuern oder potenziell auf Microchips unsterblich werden, aber meine Erfahrung wird, wie Christof Koch mir sagt, nichts als »Schwindel« sein. Ich bin eine Anomalie auf einem Plane-ten, der ganz anders ist, als ich ihn wahrnehme, ich bilde mir Sachen ein, die gar nicht da sind. Misstraue immer deinen Sinnen, rät uns Bacon. Es ist beunruhigend.
Aber wenn Letzteres zutrifft – wenn der Geist eine Folge der Begegnung zwischen Körper und Welt ist –, dann ist der Geist tatsächlich eins mit der Realität, denn dann ist der Geist das gemeinsame Geschehen von Körper und Umgebung, wobei die Umgebung natürlich auch andere Menschen mit einschließt; in diesem Szenario wird der Geist, der beileibe nicht isoliert und verblendet ist, zum Beweis einer realen Begegnung. In welchem Fall ich vielleicht nicht unsterblich bin, aber ebenso wenig einen Priester oder einen Neurowissenschaftler bräuchte, der mir sagt, was Sache ist. Meine Erfahrung ist das, was Sache ist. Sie geschieht tatsächlich.
Es hängt also einiges ab von Alva Noës vernichtender Kritik zu Alles steht Kopf, die, wie ich beim Downscrollen mithilfe des exzellenten WLANs im Hotel Panorama feststelle, von den meisten, die dazu einen Kommentar geschrieben hatten, gehasst wurde – zumeist Leute, die den Film charmant und unterhaltsam fanden und nicht verstehen, was der Philosoph für ein Problem damit hat; er ist ein Intellektueller, ein Langweiler, murren sie, obwohl die meisten aus dem Namen Alva schließen, dass es sich bei Noë um eine Sie und nicht um einen Er handelt. Sie stehen unter dem Einfluss kultureller Normen: Ausländische Vornamen, die auf »a« enden, sind normalerweise weiblich. »Die Frau braucht Hilfe!«, protestiert jemand. Und das, so wird mir klar, ist etwas, womit auch ich mich werde herumschlagen müssen, wenn ich behaupte, die derzeit gültige Standardsicht, nach der unsere bewusste Erfahrung im Kopf eingeschlossen ist, sei Unsinn. Die große Mehrheit der Leute scheint diese Vorstellung recht annehmbar zu finden. Sie besitzt den Status einer kulturellen Norm, wie die Sprache, die wir sprechen, oder unser Glaube an die Demokratie, oder schlicht und einfach gute Manieren. Dagegen anzukommen wird nicht leicht sein.
Aber die Zeit rast, und die guten Manieren verlangen jetzt von mir, zu meiner Verabredung um 10.30 Uhr nicht zu spät zu kommen. Laut Google Maps ist Sabina Pauens Büro nur fünf Minuten zu Fuß von hier entfernt, also gebe ich mir zehn. Folglich bleiben mir noch zwanzig, um meine Notizen durchzugehen.
Im Wesentlichen hat mir Pauen drei wissenschaftliche Forschungsberichte geschickt, einen über Gesichtserkennung bei Babys im Alter von neun Monaten, einen darüber, wie Kleinkinder sich Wissen über Werkzeuge und Utensilien aneignen, und einen, der untersucht, ob Einjährige anders reagieren, wenn ihre Reaktion auf einen Menschen oder ein Objekt durch einen Erwachsenen angeleitet wird. Die Terminologie ist teilweise beängstigend. Das Gesichtserkennungsexperiment wirkt anfangs ganz einfach, scheint kaum mehr zu umfassen als Babys, denen man Fotos zeigt, aber wenn man genauer hinschaut, wird es unheimlich komplex. Die Babys müssen im gleichen Alter sein, in etwa die gleiche ethnische Zugehörigkeit haben und der gleichen sozialen Schicht entstammen, und beide Geschlechter sollen gleich stark vertreten sein. Die Fotos müssen standardisiert und gründlich geprüft sein, sie zeigen ausschließlich weiße Gesichter von ähnlicher Form und Größe, mit neutralem Gesichtsausdruck, in ähnlicher Helligkeit und Farbgebung.
Die Abfolge ist entscheidend. Sollen die Babys »vorbereitet« werden, das heißt, soll ihnen ein Bild gezeigt werden, bevor der eigentliche Wiedererkennungstest beginnt, um die Testerfahrung von der vorhergehenden Erfahrung abzugrenzen? Wenn ja, soll dieses Vorbereitungsbild ebenfalls ein Gesicht zeigen, oder ein anderes Objekt, oder ein geometrisches Muster? Sollen den Babys gleich viele Männer und Frauen gezeigt werden? In welchem Alter? Abwechselnd oder zufällig gemischt? Sollen extrem hässliche oder extrem schöne Gesichter darunter sein, solche, die von der Konzentration auf männlich/weiblich ablenken? Wie lange soll jedes Foto gezeigt werden? Ein paar Millisekunden, eine Sekunde, zwei Sekunden? Wie oft sollen sich die Gesichter wiederholen, und sollen Wiederholungen in regelmäßigen Abständen oder zufällig erfolgen? Usw. usf.
Alle Babys müssen vor gleich großen Bildschirmen sitzen, im selben Abstand, auf dem Schoß der Mutter, aber die Mutter muss darauf achten, nicht mit dem Baby zu interagieren. Lässt sich das leicht gewährleisten? Während des Tests muss jemand überprüfen, ob das Baby tatsächlich auf den Bildschirm schaut, und wenn nicht, dann muss das notiert werden. Das Baby trägt dabei ein mit Elektroden gespicktes Haarnetz auf dem Kopf, damit in einem EEG die elektrischen Ströme unter der Schädeloberfläche aufgezeichnet werden können. Die Aufmerksamkeit liegt auf den mit der Gesichtserkennung verbundenen Wellenlängen, die übrigens nicht die gleichen sind wie bei Erwachsenen. Das Enzephalogramm wird mit der Diashow synchronisiert, sodass es hinterher leichtfällt, die Reaktionen den einzelnen Bildern zuzuordnen. Wenn das Kind nicht aufmerksam war, wird das Einzelergebnis ignoriert. Manchmal passiert auch noch etwas anderes, ein Schluckauf oder ein Juckreiz, und auch dann muss das Ergebnis verworfen werden. Manche Babys sind so wenig aufmerksam, dass die seltenen Momente, in denen sie es doch waren, nicht gewertet werden können, denn wie soll man die Gesamtwirkung der Bilderfolge, inklusive der Wiederholungen und so weiter, beurteilen, wenn das Baby nur einen Bruchteil davon angeschaut hat? Die Ergebnisse von 60 Prozent der getesteten Babys werden verworfen.
Sobald die Tests vorbei sind, beginnt die eigentliche Arbeit. Welche Wellenlängen wurden gemessen? Wie lange genau nach dem Zeigen jedes Fotos traten sie auf? Mit welcher Amplitude? Ist die Reaktion eine andere, wenn das Kind vorbereitet wurde? Ist die Reaktion auf männliche und weibliche Gesichter dieselbe? Bleibt die Reaktion gleich, wenn ein Bild wiederholt wird? Ist die Veränderung in der Reaktion bei männ lichen und weiblichen Gesichtern gleich? Hängt sie davon ab, ob das Kind männlich oder weiblich ist?
Um das alles erfassen zu können, musste ich mich einlesen in die Anatomie des Gehirns und die Enzephalografie – was genau kann ein Enzephalogramm uns sagen, wo sind die Grenzen seiner Aussagekraft – und mich dann an einige statistische Berechnungsmodelle erinnern, was die Aufzeichnung von Ergebnissen betrifft. Das war anspruchsvoll, aber auch faszinierend. Die wahnsinnige Detailgenauigkeit und die heiklen Voraussetzungen des Experiments an sich – ein Baby überhaupt dazu zu bringen, aufmerksam zu sein, die Mutter hinsichtlich der Elektroden am Kopf des Kindes zu beruhigen – sind schon außergewöhnlich. Und was, wenn die Person, die überprüft, ob die Augen des Babys auf die Fotos gerichtet sind, selbst einmal kurz wegschaut?
Das ist Wissenschaft. Die beharrliche Suche nach geregelten, vergleichbaren, wiederholbaren Bedingungen, damit man etwas immer wieder testen und schließlich mit hinreichender Sicherheit bestätigen kann. Man stellt eine Hypothese auf, die so formuliert wird, dass sie bewiesen oder widerlegt werden kann; in diesem Fall die Hypothese, dass Babys zwischen Männern und Frauen unterscheiden können, oder es jedenfalls tun, und daher schon vor dem Spracherwerb ein Bewusstsein für Kategorien besitzen; und weiterhin die Hypothese, dass Babys sich an ein Foto, das sie einmal gesehen haben, erinnern, und dass sich das an der Reaktion ihres Gehirn ablesen lässt, wenn sie das Foto zum zweiten Mal sehen.
Und so weiter. Hunderte, wenn nicht Tausende von Stunden sind in diese Studien geflossen, von denen jede einzelne auf einer Fülle vorhergehender Studien basiert, die in diesen neuen Studien alle gewissenhaft und wiederholt erwähnt werden, und von denen jede einzelne ein Team engagierter, hochgebildeter Mitarbeiter und teure, hoch entwickelte technische Geräte erfordert. Als ich mich auf den Weg zu meinem Interview mache, bin ich plötzlich verunsichert. Professor Pauen ist eine Autorität. Ich bin bloß ein Typ, der zwar selbst drei Kinder hat, sich an deren kognitive Fähigkeiten im Alter von neun Monaten, oder achtzehn Monaten oder zwei Jahren aber so gut wie gar nicht erinnern kann. Wie können wir normalen Menschen je dahinterkommen, worauf die Wissenschaftler in Sachen Gedächtnis, Wahrnehmung und Bewusstsein tatsächlich hinauswollen? Wäre es nicht besser, sich einfach ihrer Kompetenz zu beugen und sich von ihnen erklären zu lassen, wie das alles zusammenhängt?
Es regnet in Strömen. Meine frühmorgendliche Intuition war also richtig. An der Hotelrezeption stellt man mir freundlicherweise einen Regenschirm zur Verfügung. Ich hatte mir den Weg zum Interview auf Google Maps angesehen, aber jetzt scheinen die Straßen von Heidelberg nicht mit meiner Erinnerung übereinzustimmen. Ich habe kein Smartphone, aber ich habe die Karte auf meinem Computer gespeichert, der sich in meinem Rucksack befindet, eine Strategie, die der Philosoph Daniel Dennett gern als »outsourcing intelligence« (die Auslagerung von Informationen) bezeichnet und für eine der größten Errungenschaften der menschlichen Evolution hält; man übergibt Informationen an eine Reihe von Hilfsmitteln – Bücher, Einkaufslisten, Straßenschilder –, um nicht selbst an alles denken zu müssen und sein Gedächtnis dadurch zu überladen. »Supersizing the mind« (das Gehirn überdimensionieren) nennt es ein anderer Philosoph, Andy Clark.
Also bleibe ich unter einer Ladenmarkise stehen, klappe meinen Schirm zu, hole den Computer hervor und schalte ihn ein. Ich muss ihn mit einer Hand halten, um mit der anderen das Passwort einzugeben. Es dauert ewig, bis er hochfährt. Mir wird bewusst, dass mein rechter Schuh undicht ist. Ich habe diese Schuhe schon ziemlich lange. Ich gehöre zu den Menschen, die nur ungern Sachen austauschen. Mein Fuß wird nass. Dann klingelt mein Telefon. Einiges Jonglieren ist nötig, um es aus meiner Jeanstasche zu ziehen. Jetzt käme mir ein nicht-virtuelles Hilfsmittel gelegen, eine Krücke zum Beispiel. Es ist die Universität von Mailand. Mein Arbeitgeber. Soll ich rangehen? Nein. Komme ich zu spät zu meinem Interviewtermin? Höchstwahrscheinlich. Es gibt Philosophen und Neurowissenschaftler – viele –, die bestreiten, dass subjektive Gehirnzustände existieren. Angst, Schuld, Freude sind nur Wörter, die wir mit verschiedenen Verhaltensweisen verknüpfen. Wenn dieser sogenannte subjektive Zustand nicht mit einem beobachtbaren Verhalten oder zumindest mit einer mittels eines Enzephalogramms oder eines hoch entwickelten Prozesses der Gehirnabbildung objektiv verfolgbaren neuronalen Aktivität in Zusammenhang gebracht werden kann, dann können wir sicher sein, dass er nicht wirklich existiert. Dennoch, während ich mich weiterhin so verhalte, wie die meisten von uns es unter diesen Umständen tun würden, die Karte studiere, meinen Fehler finde – ich bin eine Ecke zu früh links abgebogen –, unter meinem Schirm weiterhaste und meinen undichten Schuh verfluche, ist mir sehr bewusst, dass ich gerade einen unangenehmen Gefühlscocktail erlebe, einen zermürbenden Mix aus Verwundbarkeit, Dummheit und schlechtem Gewissen. Warum ein schlechtes Gewissen? Weil es anmaßend von mir war, zu glauben, ich könnte diese ganzen Sachen je wirklich durchschauen. Und Zorn. Ich verschwende meine Zeit. Ich hätte mich nie darauf einlassen sollen.
Ist nun diese defätistische Stimmung, die mich beim Überqueren des Innenhofes eines ziemlich prächtigen alten Universitätsgebäudes plötzlich überfällt, ein reales Objekt in der materiellen Welt? Besitzt sie also eine physikalische Existenz, oder besitzt sie die nicht? Wenn ja, ist sie dann das Resultat des Zugriffs eines unseligen Homunkulus auf die Kontrollhebel in meiner Kommandozentrale da oben? Könnte man sie je mit einer schlauen Maschine an einer präzisen Stelle oder an mehreren präzisen Stellen in meinem Schädel verorten und messen? Oder besteht sie eher, wie der Philosoph David Chalmers meint, aus einem mysteriösen X-Faktor, der sich bisher noch jenseits unseres Wissenshorizonts befindet? Wie auch immer sich das verhält, dieses unselige, mit negativen Vorahnungen beladene Gefühl ist für mich jedenfalls äußerst präsent und real – ich fühle mich schlecht, also bin ich –, während ich die Treppe zum dritten Stock des Psychologischen Instituts der Universität Heidelberg hinaufsteige; und das, obwohl ich der Einzige bin, der je genau wissen wird, wie sich das Gefühl angefühlt hat, und obwohl es bis zum Mittagessen höchstwahrscheinlich wieder verschwunden sein wird. All das, und dazu noch mein feuchter Fuß. Ich hasse es, nasse Füße zu haben. Wie auch immer, ich werde mich durch diese miese Stimmung hindurchkämpfen müssen, wenn mein Interview erfolgreich verlaufen soll. Es gibt, so scheint es, ein Ich, oder ein Etwas, das jenseits defätistischer Stimmungen existiert und einfach weitermacht.
Zuerst eine breite alte Holztreppe, dann ein breiter Flur mit Holzboden. Geschliffene Dielen. Alles sehr deutsch. Pauens Tür liegt auf der linken Seite; ich bin sogar fünf Minuten zu früh da. Wie kann das sein? Folgt meine innere Uhr einer anderen Ordnung als die offizielle Uhr, ähnlich wie meine innere Temperatur nie mit der meiner Partnerin übereinstimmt? Der kleine Panikanfall mit dem Computer unter der tropfenden Markise kam mir ewig lang vor, hat aber in Wirklichkeit nur etwa ein oder zwei Minuten gedauert. Wenn das der Fall ist, war dann gar nichts real an meinem Eindruck, dass er lange dauerte?
Da ich das Gefühl habe, hinter der Tür Stimmen zu hören, setze ich mich auf eine Bank im Flur und ziehe noch einmal den Computer hervor, um einen letzten Blick auf meine vorbereiteten Fragen zu werfen. Eine junge Frau kommt und setzt sich neben mich. Ein Paar mit einem weinenden Baby tritt aus einer Tür gegenüber. »Dem Kleinen hat die Fotoerkennungs-Session wohl keinen Spaß gemacht«, sage ich zu der Frau neben mir. »Kann sein«, antwortet sie lächelnd. Es ist großartig, wie umstandslos die Deutschen bereit sind, Englisch zu sprechen. Stellen Sie sich mal vor, Sie sprechen in einer ähnlichen Situation eine englische Person auf Deutsch an und kriegen so eine prompte Antwort.
In den nächsten paar Minuten erzählt mir diese junge Frau davon, wie schwer es ist, die Babys dazu zu bringen, sich auf die Fotos zu konzentrieren. Aber es lohnt die Mühe, weil die Ergebnisse so faszinierend sind, die kleinen Gehirne so empfänglich. Als ein Paar mit einem Kleinkind auf dem Treppenabsatz erscheint, steht sie auf, um die Leute zu begrüßen, und führt sie zu einem Zimmer weiter hinten auf dem Flur. Um Punkt zehn Uhr, genau wie per E-Mail vereinbart, klopfe ich an die Tür, und eine Stimme bittet mich herein. Sabina Pauen ist allein im Zimmer. Hat sie vorhin mit sich selbst gesprochen? Oder war sie am Telefon? Oder habe ich mich getäuscht?
Sie ist eine attraktive Blondine im mittleren Alter mit einem freundlichen Lächeln. Ich setze mich, sodass wir uns über den Schreibtisch hinweg anschauen. Da wir beide nicht an solche Interviews gewöhnt sind, ist die Atmosphäre ein wenig gezwungen. Schon wieder flüchtige subjektive Gefühle; aber wie entspannt kann man sein, wenn man um zehn Uhr morgens mit einer völlig fremden Person eine Diskussion über das Bewusstsein führen möchte? Vielleicht wird jede ernsthafte Reflexion einem Erdrutsch gewöhnlicher Umstände abgetrotzt, kann das sein? Und jedes Buch gegen eine Flut von Ablenkungen geschrieben? Selbst die Wissenschaftler, die die objektive Existenz subjektiver Stimmungen bestreiten, wären gegen schlechte Laune aufgrund einer nassen Socke nicht immun. Obwohl mein eigenes Unbehagen jetzt vom Radar verschwunden ist, da ich mich dar auf konzentriere, eine freundliche Atmosphäre zwischen mir und dieser Frau herzustellen, teils in der Hoffnung, dass sie mir etwas Inter essantes erzählen wird, teils weil ich das immer tue, wenn ich mich mit jemandem treffe. Ich bemühe mich, freundlich zu sein. Das Deutsch-Amerikanische Institut hat sich da ein sehr ehrgeiziges Projekt einfallen lassen, sage ich zu ihr. Hat sie manchmal das Gefühl, dass die Menschen die Wissenschaft wie eine Religion behandeln?
»Auf jeden Fall hoffen sie immer, dass ich ihnen etwas Wichtiges sagen werde«, antwortet Doktor Pauen lachend.
»Vielleicht suchen sie nach Bestärkung durch eine Autorität?«
Fast ohne jede Vorrede sind wir schon mitten in unserem Thema. Pauen erzählt mir, dass verschiedene Verleger zum Beispiel scharf dar auf sind, dass sie ein Buch über ihre Arbeit schreibt, in dem sie erklärt, wie Kinder schon sehr früh im Leben Kategorien für Dinge, Tiere und Menschen einrichten.
»Sie möchten, dass ich ausformuliere, wie das Gehirn diese ersten Schritte hin zu Konzepten und Kategorien vollzieht.«
»Klingt gut.«
»Aber ich bin mir gar nicht so sicher, wie das genau geschieht. Wenn ich also ein Buch schreibe, dann nagele ich mich selbst auf eine Position fest, die sich sehr leicht widerlegen ließe. Ich würde dumm dastehen.«
War das nicht genau meine Sorge hinsichtlich des Samowars beim Frühstück gewesen?
»Die Leute wünschen sich von der Wissenschaft wasserdichtere Aussagen, als sie tatsächlich treffen kann«, vermute ich. »Ist es das?«
»Genau.«
Ich bin enttäuscht und ermutigt zugleich. Ermutigt, weil Sabina Pauen eine angenehme und gewinnende Art besitzt, mit der sie meine negative Stimmung schnell vertrieben hat, enttäuscht, weil sie mir offensichtlich nichts Bahnbrechendes darüber erzählen wird, wie Babys Konzepte entwickeln.
Sie fragt mich, ob ich die Texte gelesen habe, die sie mir geschickt hat, und ich sage, ja. Alle drei.
»Ich wollte Sie noch zum Gebrauch des Wortes ›Repräsentationen‹ fragen. Sie sagen in Ihrer Studie, dass Sie herausfinden wollen, wie lange ein Kind braucht, um ein Gesicht zu encodieren und eine Repräsentation dieses Gesichts zu etablieren.«
»Genau, das dauert länger als bei Erwachsenen. Erwachsene erkennen ein Gesicht innerhalb von Millisekunden; ein kleines Kind braucht dafür länger. Eine Sekunde vielleicht, oder anderthalb, im Alter von neun Monaten.«
»Aber in beiden Fällen gehen Sie also davon aus, dass es einen Code und eine Repräsentation gibt?«
Diese Frage erzeugt ein kurzes Schweigen. Dann sagt sie: »Das sind die Begriffe, mit denen wir die Tatsache beschreiben, dass das Kind von diesem Moment an anders auf das Gesicht reagiert, weil es das Gesicht schon einmal gesehen hat.«
»Aber es gibt keine Repräsentation im Kopf des Kindes. Ein Bild des Gesichts im Kopf, das vom Gesicht auf dem Bildschirm getrennt ist.«
»Nein, so meinen wir es nicht.«
Ich bin verwirrt. Was ist eine Repräsentation, wenn nicht ein Bild von etwas, das von diesem Etwas getrennt ist? Was ist ein Code, wenn nicht etwas, das dazu dient, eine verschlüsselte Version von etwas anderem zu erzeugen? Warum verwenden sie diese Worte, wenn das gar nicht gemeint ist?
»Es gibt also keinen Code und auch kein Bild, die im Gehirn abgespeichert sind?«
Dies wäre vielleicht der passende Moment, Alles steht Kopf zur Sprache zu bringen, wo Rileys Erinnerungen in verschlossenen, semi-transparenten Kugeln, jede so groß wie ein Krocketball, aber in verschiedenen Farben, die für verschiedene Gefühle stehen, aufbewahrt und in Regalen gelagert werden, die sich in einer Art riesigem, blitzsauberem Körperarchiv befinden. Aber ich fürchte, Professor Pauen könnte die Erwähnung des Pixar-Films als respektlos empfinden.
Sie überlegt inzwischen und seufzt. Hinter ihrer Arbeit stecke kein philosophisches oder metaphysisches Anliegen, erklärt sie. Sie und ihr Team versuchten nicht, die ultimativen Fragen zu Gedächtnis oder Bewusstsein zu beantworten. Was tatsächlich im Kopf geschieht oder nicht geschieht, wenn diese Hirnströme auftreten, vermag sie nicht zu sagen. Wofür steht eine N170-Komponente oder eine N160? Oder eine P1? Das sind nur Wellen negativer oder positiver elektrischer Potenziale – EKPs genannt, ereigniskorrelierte Potenziale –, die eine bestimmte Anzahl von Millisekunden – 170, 160 – nach einem Vorfall, oder »Ereignis«, wie dem Erblicken eines Gesichts auftreten. »Wir können nicht sagen, was das bedeutet oder wie es funktioniert, auch wenn die Neurowissenschaftler natürlich ihre Theorien haben.« Sie sei Kinderpsychologin, betont sie. »Was wir sagen können, ist, dass ein Muster besteht, nach dem die Reaktion eines neun Monate alten Babys auf ein Gesicht, das es zum zweiten Mal sieht, weniger ausgeprägt ist als beim ersten Mal. Oder zumindest ist das so, wenn es sich um das Gesicht einer Frau handelt; bei Männergesichtern hin gegen ist es nicht so.«
»Und Sie schließen daraus, dass die Kinder Kategorien unterscheiden können. Aber vermutlich wissen sie nicht, dass sie Kategorien unterscheiden.«
»In mehreren Experimenten haben wir verschiedene typische Reaktionen auf Gegenstände, Tiere und Menschen aufgezeichnet, und auf Männer und Frauen, die ein Bewusstsein für unterschiedliche Kategorien nahelegen. Und zwar schon in einem früheren Alter, als man zuvor angenommen hatte. Daher handelt es sich hier um bahnbrechende Erkenntnisse.«
»Könnte es nicht einfach so sein, dass Männer und Frauen und Tiere verschieden sind und deshalb unterschiedliche Reaktionen auslösen, ohne dass das Kind dafür Kategorien erschaffen muss?«
»Es ist aber so, dass diese unterschiedlichen Reaktionen im Alter von zum Beispiel sechs Monaten nicht auftreten. Da unterscheidet das Baby nicht. In diesen drei Monaten hat sich also etwas verändert, und jetzt reagiert das Kind auf männliche und weibliche Gesichter mit unterschiedlicher Intensität.«
»Wenn Sie es dazu bringen können, sich auf die Fotos zu konzentrieren.«
»Genau.«
Um die Stimmung locker zu halten, bemerke ich, dass ich oft selbst Schwierigkeiten hätte, Männer und Frauen voneinander zu unterscheiden.
Professor Pauen lacht und stimmt mir zu. Sie erklärt, dass die Fotos, ehe sie den Kindern gezeigt werden, von einer Reihe von Psychologiestudenten betrachtet werden, die sie in feminin und maskulin einstufen; alle uneindeutigen oder androgyn wirkenden Gesichter werden aussortiert.
»Sind sich die Studenten in ihrer Einstufung einig?«
»Meistens ja.«
»Dann unterscheiden die Babys im Grunde gar nicht zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen einer kulturellen Norm von Weiblichkeit und Männlichkeit, die eine Gruppe von Psychologiestudenten festgelegt hat.«
»Stimmt, es kommt uns nicht darauf an, ob ein Baby einen Transvestiten von einer Frau unterscheiden könnte, sondern ob die Kinder mithilfe der Erfahrungen in ihrem Umfeld ein allgemeines Konzept von Frauen und Männern entwickelt haben. Deshalb arbeiten wir bei diesem speziellen Experiment auch mit kaukasischen Gesichtern, das heißt mit Gesichtern, die den gleichen ethnischen Hintergrund haben wie die Familien der Babys. Wir wollen nur herausfinden, wann Babys sich dieser Kategorien bewusst werden, und da sie nicht sprechen können, bestimmen wir es anhand ihrer neurologischen Reaktion auf die Gesichter. Wir möchten außerdem wissen, ob sie ein Gesicht wiedererkennen, das heißt, ob sie wissen, dass sie es schon einmal gesehen haben. Und alle Versuche lassen anhand der verminderten Stärke der Gehirnwellenreaktionen beim zweiten Anschauen vermuten, dass sie das Gesicht tatsächlich wiedererkennen, dass sie sozusagen schon an es gewöhnt sind.«
»Aber bedeutet Wiedererkennen, dass sich das Gehirn verändert hat? Dass die kurze Betrachtung eines Gesichts etwas im Gehirn verschoben hat und es deshalb beim zweiten Mal anders reagiert?«
»Wenn Sie es so ausdrücken wollen, ja. Darin zeigt sich die unglaubliche Plastizität des Gehirns. Es hat sich angepasst, damit es weiß, dass es das Gesicht schon einmal gesehen hat.«
»Aber weiß das Kind es? Ich meine, das Gehirn des Babys reagiert anders, aber ist dem Baby bewusst, dass es dieses Gesicht schon einmal gesehen hat und dass es jetzt anders reagiert?«
»Die Frage hat mir noch nie jemand gestellt«, sagt sie. Sie überlegt. »Wir nehmen es an, ja. In gewisser Hinsicht.«
»Okay, und würden Sie sagen, dass Wiedererkennen das Gleiche ist wie Erinnern? Ist es irgendwo ›gespeichert‹?«
»Wir können wirklich nicht sagen, ob das Baby eine spontane Erinnerung an das Gesicht erlebt.«
»Und Sie wissen auch nicht, warum Sie den Wiedererkennungseffekt bei weiblichen, aber nicht bei männlichen Gesichtern feststellen.«
»In diesem Alter. Das sollte ich betonen. Ein paar Monate später reagieren die Kinder auch auf männliche Gesichter mit Wiedererkennung. Aber nein. Wir können nur spekulieren, dass ihnen weibliche Gesichter in dem Alter einfach vertrauter sind, da die Welt der Babys hauptsächlich aus Frauen besteht und sie daher ein weibliches Gesicht schneller …«
»… verschlüsseln und eine Repräsentation erstellen.«
Sie lacht.
Ich stelle die allgemeinere Frage, wie die Eltern der Babys das Experiment und sie sehen. Ist es nicht ein bestimmter Elterntypus, der ein Kind hierherbringt, obwohl es dafür kein Geld gibt? Hoffen die Eltern nicht vielleicht, dass ihr Kind der Konkurrenz voraus ist? Oder ihr voraus sein wird? Beeinflusst das nicht das Testergebnis? Was, wenn die Kinder sich gar nicht für die Fotos interessieren?
»Oh, sie sind sehr oft kein bisschen interessiert!«
Es scheint öfter vorzukommen, dass Pauens Team ein Kind nach Hause schicken muss, ehe das Experiment abgeschlossen ist.
»Es geht aber darum, dass wir, wenn wir zwanzig oder dreißig Testergebnisse bekommen, die alle in die gleiche Richtung weisen, nachdem wir die Ergebnisse durchgerechnet haben, eine Studie veröffentlichen können, in der wir sagen, in diesem Alter unterscheiden Babys A von B.«
»Diejenigen, die den Test nicht abgeschlossen haben, tun das womöglich aber nicht.«
»Womöglich nicht, nein. Aber das Wichtige ist die Feststellung, dass einige es tun, selbst in diesem frühen Alter.«
»Wozu ist all das letztendlich gut?«
Die Aufgabe, »ein Interview zu führen«, zwingt einen, solche Fragen zu stellen. Mir ist schon während ich frage klar, dass mich die Antwort eigentlich nicht interessiert, sondern nur, wie Pauen die Frage einordnen wird, obwohl keines meiner Anliegen – weder die offizielle Frage »Ersetzt die Wissenschaft die Religion?« noch die inoffiziell verfolgte Frage »Was ist das Wesen des Bewusstseins?« – es erforderlich macht, Pauen auf diese Weise zu testen oder darüber nachzudenken, wie gut ihre Forschungsgelder angelegt sind. Ich lasse mich hier also von einer gewissen kulturellen Trägheit ablenken: Dies ist die Art von Frage, die ein potenziell empörter Vertreter der Öffentlichkeit einem Wissenschaftler stellen könnte.
»Das ist ein heikles Thema«, gibt Pauen zu und schaltet ebenfalls sofort auf Autopilot, erkennt und kategorisiert meine Frage, genau wie ihre Babys männliche und weibliche Gesichter erkennen und zuordnen. Etwas in ihrem Gehirn war darauf vorbereitet; sie hat das schon erlebt. Sie persönlich, sagt sie, empfinde ihre Arbeit als reine Forschung, sie verfolge keine Ziele jenseits der Bestätigung gewisser Hypothesen und der Veröffentlichung entsprechender Studien. Andererseits fragten die Leute sie immer wieder nach praktischen Anwendungsmöglichkeiten, und wenn ihr Team sich um Forschungsgelder bewerbe, sei es natürlich verlockend, einen direkten praktischen Nutzen der Forschungsergebnisse in Aussicht zu stellen, denn damit lie-ßen sich die hohen Kosten wesentlich leichter rechtfertigen.
»Ich schätze«, fasst sie zaghaft zusammen, »wenn wir feststellen können, wie die normale kindliche Entwicklung abläuft, in welchem Alter Kinder zwischen A und B unterscheiden, in welchem Alter sie lernen, dieses oder jenes Werkzeug zu benutzen, oder zum Beispiel zwischen einer funktionalen Eigenschaft eines Werkzeugs, wie seiner Länge oder seiner Form, und einer anderen zwar reizvollen, aber nichtfunktionalen Eigenschaft wie seiner Farbe zu unterscheiden, dann können wir sagen, ob ein bestimmtes Kind sich mehr oder weniger innerhalb der Norm bewegt, und wo jedes Kind in einem bestimmten Alter in der kognitiven Entwicklung stehen sollte, und wenn wir wollten, könnten wir aus diesen Erkenntnissen pädagogische Aktivitäten entwickeln, um die Kinder im richtigen Moment in die richtige Richtung zu lenken. Wir könnten ihre Entwicklung ein bisschen unterstützen.«
»Besteht da nicht die Gefahr, dass Sie besorgte Eltern noch darin bestärken, übertrieben viel Aufhebens zu machen? Wie macht sich mein Baby, wie kann ich es in seiner Entwicklung maximal fördern?«
»Das wäre natürlich zu bedenken«, sagt sie lachend, und in diesem Moment wird mir klar, dass ich sie mag.
»Übrigens«, sage ich zu ihr, »die Texte sind in ausgezeichnetem Englisch geschrieben. Ist es schwierig, auf Deutsch zu forschen und dann alles in Englische übertragen zu müssen?«
Seltsamerweise entpuppt sich dieses Kompliment, geboren aus dem Gefühl, dass ich Sabina Pauen mag und ihr gerne etwas Nettes sagen möchte, als meine lohnendste Frage bisher. Das Sprachproblem spiele eine große Rolle, sagt sie, vor allem wenn man etwas veröffentlichen möchte, das den sogenannten herrschenden Erkenntnissen vollkommen zuwiderläuft. Zum Beispiel behaupten sie und ihr Team Dinge über neun Monate alte Babys, die zuvor nur für ältere Kinder galten, nämlich dass sie schon vor dem Spracherwerb Kategorien unterscheiden können, was bedeutet, dass das Konzept der Kategorie auch ohne Sprache schon möglich ist. Eine Aussage, die viele anfechten.
»Wenn man Ergebnisse wie diese erzielt, stößt man auf Widerstand seitens der Gutachter, die die Studien lesen, das sind Leute, die sich womöglich einen Namen damit gemacht haben, etwas anderes zu behaupten, oder die einfach ihr Leben lang etwas anderes gelehrt haben. Sie wollen nichts wissen von Forschungsergebnissen, die ihnen zeigen, dass sie sich geirrt haben. Also behaupten sie, Ihr English sei schlecht und Ihr Artikel könne so nicht veröffentlicht werden. Oft denke ich, da wird eine leicht inkorrekte Sprache mit Dummheit gleichgesetzt.«
Das ist definitiv eine Reaktion, die ich in meinen ersten Jahren in Italien selbst kennengelernt habe.
»Die Wissenschaft hat also auch eine orthodoxe, konservative, dogmatische Seite?«
»O ja, auf jeden Fall.«
»Und in dieser Hinsicht gleicht sie tatsächlich einer Religion. Sie will nicht, dass ihr Glaube infrage gestellt wird.«
»Vermutlich, ja. Obwohl die wissenschaftliche Methodik vorschreibt, dass alle Fakten durch Experimente überprüfbar sein müssen, die beweisen könnten, dass sie falsch sind. Sie müssen widerlegbar sein, so sagt man, anfechtbar. Manchmal haben wir Studien mit aufregenden Ergebnissen rausgeschickt, die wir für absolut wasserdicht hielten, und sie wurden uns mit Kommentaren zur englischen Sprache zurückgeschickt. Daher ist es wohl ermutigend, aber zugleich auch deprimierend, dass Sie, ein Schriftsteller und Übersetzer, mir sagen, das Englisch sei ausgezeichnet.«
»Ja, es ist gut. Ich hatte absolut kein Problem damit.«
Es gibt keinen besseren Weg, Freundschaft zu schließen, als dem anderen die Möglichkeit zu geben, seinem Unmut Luft zu machen, und dann zuzustimmen, dass er oder sie schlecht behandelt worden ist. »Ich habe einen Freund«, fange ich an, »der jedes Mal wie ein Wahnsinniger darum kämpfen muss, dass seine Sachen veröffent licht werden.«
Aber ehe ich mir anschaue, wie sie auf Riccardos ernstlich radikale Ideen reagiert, denke ich, es könnte klug sein, sie zum Mittagessen einzuladen. Sie nimmt sofort an.
KEINE BILDER
»Es gibt keine Bilder!«
Damals fiel mir Riccardo Manzotti zum ersten Mal auf. Er war im Publikum, stand auf und sagte diesen Satz, auf Englisch, mit viel Nachdruck und einem starken italienischen Akzent.
Das war im September 2009, auf einer Konferenz über Kunst und Neurowissenschaft an meiner Uni in Mailand, einem von diesen Foren, zu denen Leute aus unterschiedlichen Forschungsbereichen eingeladen werden, um die Detailstudien ihrer jeweiligen Disziplin vorübergehend außer Acht zu lassen und ihre Arbeit in den allgemeineren Kontext menschlicher Erfahrung zu stellen. Der offizielle Titel, »Neuro-Ästhetik: Wenn Kunst und Gehirn kollidieren«, klang nicht direkt vielversprechend. Vielleicht lag es daran, dass die Stimmung ungewöhnlich an gespannt war; die Kunsthistoriker und Kritiker waren besorgt, dass sie den Wissenschaftsjargon nicht verstehen würden, die Wissenschaftler fürchteten, ihre Arbeit könne allzu nüchtern und starrsinnig wirken.
Von meinem Institutsleiter zwangsverpflichtet, brachte ich einen Beitrag zum Thema »Die Substanz der Wörter« ein, in dem ich mich damit beschäftigte, wie schwierig es ist, sich überhaupt vorzustellen, auf welche Weise die Sprache dem Gehirn und dem Körper sozusagen anhaften und dadurch zu einem realen Teil unserer physischen Erfahrung werden könnte. Im Allgemeinen, argumentierte ich, schien die Sprache dazu berufen, eine separate Welt aufzubauen, indem sie uns aufforderte, uns von der Welt zugleich zu abstrahieren und mit ihr zu verknüpfen, uns in einem Umfeld aus Wörtern, Rhythmen und Syntax zu bewegen, und unsere Erfahrung in zwei Kategorien aufzuteilen, einerseits die geistige, andererseits die körperliche.
Insbesondere hatten wir, nachdem wir alles, was wir sehen und anfassen konnten – Vögel und Säugetiere, Steine und Bäume, Alltagsgegenstände –, und dann auch alles, was wir als Emotionen erlebten – Angst, Hoffnung, Glück, Trauer –, mit Wörtern belegt hatten, uns auch noch angewöhnt, Wörter für Dinge zu erfinden, die wir weder je gesehen noch je gefühlt hatten, von denen wir aber gerne glauben wollten, dass sie trotzdem existierten: Engel, Teufel, Feen, Gott. Das Ich war auch eines dieser erfundenen Wörter, erklärte ich, eine Entität, die niemand je wirklich bezeugt oder erfasst hatte, und »Identität«, »Persönlichkeit«, »Charakter«, »Seele« gehörten ebenfalls in diese Reihe – je mehr Wörter man dafür hat, desto glaubwürdiger wird die Schimäre –, und so war die Illusion entstanden, dass wir als moderne Individuen irgendwie von der physischen Welt getrennt existierten, dass wir nicht dem beständigen Wandel unterworfen waren, dem alle Phänomene um uns herum unterliegen, sondern uns auf einem Strahl von Wörtern durch die Zeit projizieren konnten. Identität war also, kurz gesagt, eine Geschichte, die wir uns selbst erzählten; Sprache und Wörter bildeten dabei eine enge Allianz mit der internalistischen, kartesianischen Sicht auf die Wirklichkeit: Erfahrung gab es nur in unserem Kopf, wo wir mit uns selbst sprachen, uns im Grunde erst ins Dasein hineinredeten.
Der Vortrag brachte mir zaghaften Applaus ein, aber dann stellte sich heraus, dass sich keiner der anwesenden Neurowissenschaftler mit Sprache, mit Gedichten oder Romanen, beschäftigt hatte und daher niemand etwas zu dem Thema sagen konnte. Die Anwesenden waren mit dem Visuellen befasst, vor allem mit den Reaktionen des Gehirns auf Gemälde und Skulpturen. Star der Show war Semir Zeki, Professor für Neuroästhetik (ein von ihm selbst geprägter Begriff) am University College London. In seinem Vortrag, voller PowerPoint-Bilder, welche komplexe grafische Darstellungen neurologischer Vorgänge und undeutliche Abbildungen unseres Gehirns zeigten, konzentrierte er sich auf die Frage, wie wir auf Ambiguität reagieren, eine Qualität, die für ihn den Kern der ästhetischen Erfahrung darstellt. Einer Gruppe von Freiwilligen war die rubinsche Vase gezeigt worden – das Schwarz-Weiß-Bild, das sowohl aussieht wie eine Vase als auch wie zwei Gesichter im Profil, deren Nasen sich beinahe berühren.

Während die Freiwilligen es sich ansahen, zeichneten die üblichen ausgefeilten technischen Geräte die Aktivität in den verschiedenen Zonen ihrer Gehirne auf. Und tatsächlich sprang die Hirnaktivität der Betrachter, während sie versuchten festzustellen, was sie da sahen, eine Vase oder zwei Gesichter, hin und her zwischen zwei verschiedenen Bereichen im Gyrus fusiformis (der sich im unteren Teil des Gehirns befindet), nämlich den Bereichen, die man seit Langem mit Objektwahrnehmung und Gesichtserkennung in Zusammenhang bringt. Das zeige, sagte Zeki, dass ästhetischen Reaktionen neurologische Vorgänge zugrunde lagen und Künstler in gewisser Hinsicht auch Neurologen waren, die die Möglichkeiten des Gehirns zur Produktion visueller Erfahrungen ausloteten und uns herausforderten, immer subtiler auf unsere komplexe Umgebung zu reagieren. Kunst trug also zu unserem Evolutionsprozess bei, ja sie war sogar Teil davon.
»Professor Zeki«, warf ein gewisser Ron Chrisley, Experte für künstliche Intelligenz, ein, als der Redner zurück an seinen Platz ging, »wenn Sie mir erklären, welche Schaltkreise eines Computers aktiv sind, wenn dessen Schachprogramm den Springer auf c3 zieht, dann haben Sie mir nicht sehr viel über Schach erzählt, oder?«
Noch Jahre später erinnere ich mich daran, wie sehr mich dieser Einwand begeisterte. Allein schon die Furchtlosigkeit des Mannes, die Tatsache, dass er absolut unbeeindruckt war von den Befunden all dieser klugen Geräte. Aber mehr noch die offensichtliche Feststellung, dass zwischen dem subjektiven Erleben des visuellen Rätsels, das man den freiwilligen Testpersonen gezeigt hatte – die beiden Gesichter, die Vase –, und der Aufzeichnung elektrischer Impulse in diesem oder jenem Bereich ihrer Gehirne ein Abgrund klaffte. Wie konnte man sagen, das Erleben sei von dieser Aktivität verursacht worden, oder irgendwie aus ihr entstanden, oder sei gar selbst diese Aktivität, nur weil diese Aktivität stattfand? Schließlich war noch alles mögliche andere im Spiel, nicht zuletzt die zweideutigen Bilder selbst und die unruhigen Blicke ihrer Betrachter.
Aber diese Begeisterung war nichts verglichen mit Riccardo Manzottis plötzlichem Ausbruch während der offenen Diskussion, die am folgenden Nachmittag die Konferenz abschloss. In dem für hundert Menschen ausgelegten Raum saßen etwa dreißig Leute locker über die Sitzreihen verteilt, alle erschöpft nach acht Stunden heterogenem Informationsinput aus Studiengebieten, mit denen sie nicht vertraut waren. Zeki stand erneut im Mittelpunkt, sprach über den Beitrag, den die Neurowissenschaft zur Ästhetik liefern könne, ihre Fähigkeit, den Prozess zu analysieren, und zwar objektiv, beharrte er, mit wissenschaftlichen Geräten, durch die wir die Bilder erzeugten, die wir sahen. In diesem Moment sprang Manzotti von seinem Stuhl auf und erklärte: »Aber Professor Zeki, es gibt keine Bilder!«
Er redete etwa fünf Minuten lang. Alle, sagte er, konzentrierten sich auf das, was im Gehirn passierte. Alle redeten von Input und Output und Informationsverarbeitung. Alle stellten sich ein von einem Objekt völlig getrenntes Subjekt vor und mussten deshalb annehmen, dass es im Gehirn des Subjekts kleine Bilder gab, welche die Welt au-ßerhalb des Gehirns repräsentierten, kleine Geräusche und Gerüche im Gehirn, Farben im Gehirn, Formen im Gehirn und so weiter. Aber nichts davon ließ sich zeigen. Wissenschaftler hatten nach Bildern im Gehirn gesucht und keine gefunden. Sie hatten nach Erinnerungen gesucht und keine gefunden. Das Gehirn war eine graue Masse, die aus Milliarden von Nervenzellen und allen möglichen chemischen Substanzen bestand. Die Welt war darin nicht enthalten. Wenn man die Augen schloss, verschwand die Welt. Man konnte den Raum, in dem man sich befand, mit geschlossenen Augen nicht durchqueren. Um eine visuelle Erfahrung zu machen, brauchte man die Welt. Ästhetische Erfahrung war, ebenso wie jede andere Erfahrung, nicht im Kopf eingeschlossen; die Erfahrung der Mona Lisa war die Mona Lisa, wie unser Wahrnehmungssystem sie existieren ließ, wenn wir davorstanden. Deshalb fuhren die Leute hin, um sich die Mona Lisa anzuschauen, anstatt sich an den Bildern von ihr zu weiden, die in ihrem Gedächtnis gespeichert waren, oder auch auf ihrem Computer.
Das war ganz schön aggressiv. Manzotti hatte einen ziemlich wilden Gesichtsausdruck, eine wirre Mähne und tiefblaue Augen. Er war leidenschaftlich, ironisch, verächtlich. Er konnte wirklich kaum glauben, wie dumm wir alle waren, sagte er, dass wir diese absurde Geschichte über Bilder in unseren Köpfen glaubten. Als er sich wieder setzte, fragte ich die junge Frau neben mir, wer er war. »Er baut Roboter«, flüsterte sie. »Er ist ein Genie.«
Einige Tage nach der Konferenz versuchte ich, den Wahrheitsge-halt von Manzottis Rede zu überprüfen. Ich setzte mich ein paar Minuten hin, schloss die Augen und versuchte festzustellen, ob in meinem Kopf Bilder waren oder nicht. Ich hatte immer angenommen, dass es so sein müsste. Schließlich ist es doch total gängig, jemandem zu sagen, ich sehe immer noch das Bild vor mir, wie du ausgesehen hast, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Oder, ich habe noch genau vor Augen, wie Soundso damals in den letzten Spielminuten dieses Tor gemacht hat. Oder, ihr Gesicht geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Aber ist es wirklich so? Oder kann es sein, dass Manzotti recht hat?
Hinter geschlossenen Augenlidern versuchte ich, die Gesichter meiner Mutter, meines Bruders, meiner Kinder heraufzubeschwören, Menschen, von denen ich mit Sicherheit ein Bild habe. Und wohlbekannte Orte: Ich versuchte, mir mein Büro vor Augen zu führen, die Bank in unserem Garten, das Café, in dem ich gern einen Cappuccino trinke. In jedem Fall hatte ich ganz stark das Gefühl, dass ich wusste, wie der Ort aussieht, aber tatsächlich gesehen habe ich ihn nicht. Was die Objekte und Orte betrifft, so konnte ich sie mir selbst beschreiben, in Worten. Der Schreibtisch rechts von der Tür. Das Bücherregal gegenüber. Wenn es hätte sein müssen, hätte ich eventuell eine grobe Zeichnung davon zu Papier bringen können. Ich wusste, welche Farbe die Wände und die Stühle hatten.
Aber ich sah sie nicht.
Bei Gesichtern hingegen war es eher wie der Moment im Ankunftsbereich des Flughafens, wenn man auf jemanden wartet, der einem nahesteht. Ich erinnere mich besonders gut an ein Mal in Heathrow, als meine jüngere Tochter Lucia aus Japan zurückkam. Sie war damals erst fünfzehn, und ich konnte es kaum erwarten, sie nach einem Monat Abwesenheit wiederzusehen. Man steht an der Absperrung, während die Leute durch die Drehtüren strömen, und sucht in der Menge von Gesichtern, die einem nichts bedeuten, nach dem einen geliebten Gesicht, will unbedingt, dass es erscheint. Man denkt intensiv an die Person. Man weiß ganz genau, auf welches Gesicht man wartet. Das Gesicht. Es ist ausgeschlossen, dass man sie nicht erkennt. Das wäre undenkbar. Etwas im eigenen Kopf wartet angespannt darauf, aktiviert zu werden. Man spürt es körperlich. Wenn das Gesicht erscheint, wird es so sein, als würde ein Schlüssel im Schloss umgedreht und eine Tür aufgestoßen, die den vollen Blick freigibt. Und dennoch, bis zu dem Sekundenbruchteil, in dem das Gesicht endlich auftaucht, sieht man es nicht wirklich. Das Gesicht ist eine Anspannung, ein Potenzial. Aber man besitzt es nicht. Man kann es nicht willentlich hervorbringen. Das ist vermutlich der Unterschied zwischen Anwesenheit und Abwesenheit. Ganz einfach: Wenn jemand abwesend ist, dann sieht man die Person nicht. Darin besteht der Schrecken der Abwesenheit. Oder in manchen Fällen das Glück. Es gibt kein Foto in den Aktenschränken des Kopfes. Wäre dort eines, dann bräuchte man die gewöhnliche Fotografie nicht. Höchstwahrscheinlich gibt es dort auch keine Aktenschränke. Manzotti hatte recht. Zumindest im Wesentlichen.
Aber was ist mit Träumen?
Ich träume oft das Gesicht meiner Tochter. Dann sind meine Augen natürlich geschlossen, und sie ist nicht körperlich anwesend. Dennoch kann ihr Gesicht ganz intensiv da sein. Je weiter jemand in Zeit und Ort entfernt ist, so ist jedenfalls meine Erfahrung, desto wahrscheinlicher ist es, dass man von der Person träumt. Ich träume oft von meinem Bruder in Amerika. Und wenn jemand, der einem nahesteht, stirbt, dann träumt man fast zwangsläufig von dieser Person. Ich habe jahrelang von meinem Vater geträumt. Mein Vater war im Leben ein ernster Mann, oder vielleicht auch nur distanziert, aber im Traum zwinkert er mir zu; er ist mein Komplize, obwohl er komischerweise fast immer seine Robe trägt, die Soutane mit Chorhemd und das Kollar des Geistlichen. Wenn du deine Frau verlassen musst, sagt das Gesicht meines Vaters in meinen Träumen, dann bin ich bei dir und vergebe dir.
Das hätte er im Leben niemals gesagt.
Ich ermittelte Manzottis E-Mail-Adresse und lud ihn auf ein Bier ein, das erste von vielen. In den folgenden Monaten und Jahren machten wir gemeinsam unsere Ehekrisen durch, und er präsentierte mir eine vollkommen veränderte Vision von dem, was Bewusstsein und Erfahrung sind oder sein könnten. Plus eine ellenlange Leseliste, von den Vorsokratikern über Hume, Kant und William James, Ryle und Searle und Dewey und Nagel und Dennett und Ned Bloch und Varela bis hin zu anderen, weniger bekannten Leuten wie Teed Rockwell, Alva Noë, Andy Clark und Mark Rowlands.
Doch wo soll ich anfangen?
Vielleicht bei den Robotern. Manzotti hatte mit dem Bauen von Robotern angefangen. Oder genauer gesagt, er hatte eine Roboter-Version des menschlichen Sehsystems zur Anwendung bei anthropomorphen Robotern mit Stereovision gebaut. Er war an mehreren italienischen Universitäten, unter anderem in Genua, Mailand, Palermo und später am Korean Institute of Science tätig. Sein Hauptziel zur damaligen Zeit war es, zu verstehen, ob und wenn ja wie intelligente Automaten so etwas Ähnliches wie ein menschliches Bewusstsein entwickeln könnten. Dabei wurde ihm zum ersten Mal klar, sagt er, dass das Standardmodell der bewussten Wahrnehmungserfahrung – der Gedanke eines Inputs von außen in einen Kopf, in dem dann Verarbeitungsprozesse und Berechnungen ablaufen – einfach nicht funktionierte. Man konnte auf dieser Basis keinen intelligenten Roboter bauen. »Man sagt, der Roboter speichert mithilfe seiner Videokamera Bilder von der Welt und vergleicht sie mit seiner unmittelbaren Umgebung«, bemerkte er. »Aber das stimmt nicht, er speichert vielmehr digitale Daten. Er hat keine Bilder in seinen Schaltkreisen. Keine Fotos. Wenn dort Fotos wären, bräuchte man jemanden, der sie anschaut.«
Welche logischen Konsequenzen hatte das?
Endlos viele.
Das ist jedes Mal das Problem, wenn ich versuche, Manzottis Ansichten wiederzugeben. Genauso würde es auch sein, wenn ich sie Sabina Pauen beim Mittagessen in Heidelberg darlegte, und dann den beiden anderen Professoren, mit denen ich in der deutschen Stadt verabredet war, dem Philosophen und Psychologen Thomas Fuchs und der Neurowissenschaftlerin Hannah Monyer. Die Leute haben es eilig, Manzottis Behauptungen sind gigantisch und erfordern ein völliges Umdenken hinsichtlich der Frage, wer und was wir sind und was die Welt sein könnte. Sogar die scheinbar simple Frage, was ein Objekt ist, muss ernsthaft revidiert werden. Ganz zu schweigen vom heiklen Problem der Zeit …
Und wer von ihnen würde schon annehmen, dass eine Theorie, von der sie bisher noch nie gehört haben, noch dazu eine, die ihnen von einem Romanautor nahegebracht wird, einem Mann, der weitaus berühmter für Fiktionen als für Fakten ist, tatsächlich Bestand haben oder zumindest interessant sein könnte? Ist es nicht viel naheliegender, anzunehmen, dass Parks’ Freund Manzotti ein Scharlatan ist, eine Niete, trotz seiner zahlreichen Publikationen in ernsthaften wissenschaftlichen Zeitschriften, seiner Kollaborationen mit angesehenen Universitäten, seinem PhD in Robotik und seiner Professuren in Psychologie und Philosophie?
Oder, alternativ, dass Manzotti durchaus ernst zu nehmen ist, Parks aber nicht richtig verstanden hat, wovon er spricht. Nicht mal annähernd. Oft fürchte ich selbst, dass Letzteres tatsächlich zutrifft. Manzottis Ideen faszinieren mich, in vielen Bereichen überzeugen sie mich – im Gegensatz zu vielen anderen Wissenschaftlern appelliert er immer direkt an die Erfahrung, lebt seine Ideen –, aber in Diskussionen darüber fühle ich mich dennoch angreifbar. Sie wirken wie vom Himmel gefallen, obwohl sie zugleich völlig dem gesunden Menschenverstand zu entsprechen scheinen. Vielleicht wünsche ich mir ja insgeheim, wenn ich mit jemandem über Manzottis Ansichten rede, mein Gesprächspartner möge dessen Vorstellungen in Grund und Boden stampfen, mich ein für alle Mal von dieser charismatischen Figur befreien. Ich bin hin- und hergerissen. Zweifellos würde ein Neurowissenschaftler, der die Vorgänge in meinem Kopf aufzeichnet, sofort erkennen, dass Manzottis Ideen ähnlich wie die rubinsche Vase mal den einen, mal den anderen Bereich meines Gehirns aktivieren, den Teil, der sagt, dass etwas wahr ist und man sich sofort darum kümmern muss, und den, der sagt, dass etwas nur ein Hirngespinst ist, absurd, und mir nichts als Ärger und Blamage einbringen wird. Immer, wenn ich mich auf Manzottis Denkweise einlasse, gerät meine Welt aus den Fugen.
Was uns zurück zur Frage der Autorität bringt. Die meisten Menschen glauben mehr oder weniger das Gleiche über den Geist, den Körper und unsere Wahrnehmung, und in den meisten Fällen entspricht das dem, was unterschiedliche Autoritäten uns nahelegen. Es gibt kaum einen Ismus oder eine Religion oder eine intellektuelle Elite, vom Platonismus über das Christentum bis hin zum Empirismus und Szientismus, die uns nicht davor warnen, dass besondere geistige Kräfte, besondere Beziehungen mit übernatürlichen Wesen oder ganz einfach besondere und ausgefeilte Maschinen nötig sind, um zu erkennen, was sich tatsächlich zwischen uns und der Welt abspielt. Immer wieder wird uns eingehämmert, dass nur die Hellsichtigen, die Genies, die Priester, die Wissenschaftler, die Supercomputer wirklich Bescheid wissen. Wir hingegen können es nicht verstehen. Wir sind unendlich fehlbar. Das führt dazu, dass wir uns regelmäßig dabei wiederfinden, wie wir Erklärungen der Wirklichkeit akzeptieren, die mit unserer Erfahrung nicht im Geringsten übereinstimmen.
Wenn ich zum Beispiel ein Pfefferminzbonbon lutsche, dann kommt es mir definitiv so vor, als sei diese Erfahrung in meinem Mund zu verorten, am Treffpunkt von Zunge, Gaumen und Bonbon. Aber die zeitgenössische Wissenschaft sagt mir, dass das nicht so ist, dass meine Erfahrung vielmehr in meinem Gehirn stattfindet. »Die einzige Realität, die wir erfahren, ist die Realität des Gehirns«, schreibt Semir Zeki, »die einzigen Wahrheiten, die wir kennen, sind Wahrheiten des Gehirns.« Es gibt keine Geschmäcker, außer in meinem Gehirn, sagt der große Neurowissenschaftler und wiederholt damit ziemlich genau das, was Galileo vor 400 Jahren gesagt hat, obwohl die Neurowissenschaftler bis heute in meinem Gehirn nichts weiter gefunden haben als eine verstörend große Anzahl komplexer chemischer Reaktionen und elektrischer Impulse. Inzwischen bleibt das Pfefferminzbonbon, das nach Pfefferminz riecht und nach Pfefferminz schmeckt, in meinem Mund beziehungsweise löst sich dort langsam auf, und das scheint, solange es da ist, ein durchaus plausibler Ort für mein Minz-Erlebnis zu sein. Aber wie komme ich, oder ein schlichtes Pfefferminzbonbon, dazu, so vielen Experten zu widersprechen? Noch dazu wissenschaftlichen Autoritäten. Hatten sie nicht auch recht mit ihrer Aussage, dass sich die Erde um sich selbst und um die Sonne dreht, obwohl es allen normalen Menschen so vorkam, als stehe sie definitiv still? Ehrlich gesagt kommt sie mir auch heute noch still vor. Im Verhältnis zu meinem Körper steht die Erde bekanntermaßen tatsächlich still, und unsere Sinne liegen völlig richtig, wenn sie sie als still empfinden. Nur im Verhältnis zur Sonne und anderen Himmelskörpern bewegt sich die Erde. Wer hätte das im Trubel des Alltags schon gedacht?
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