Kitabı oku: «Der Junge am Strand»

Yazı tipi:


Tima Kurdi wurde in Damaskus geboren und wanderte 1992 nach Kanada aus, wo sie als Friseurin arbeitete. Ihr Neffe Alan Kurdi starb bei dem Versuch seiner Familie, auf der Flucht vor dem syrischen Bürgerkrieg mit einem Boot von der Türkei nach Griechenland überzusetzen. Das Bild des toten Jungen am Strand wurde zum Sinnbild der internationalen Flüchtlingstragödie. Tima Kurdi ist heute eine anerkannte Sprecherin, die sich für die Rechte von Geflüchteten einsetzt. Gemeinsam mit ihrem Bruder ist sie Gründerin der Kurdi Foundation, die sich für geflüchtete Kinder engagiert.

Tima Kurdi

DER JUNGE AM STRAND

Die Geschichte einer

Familie auf der Flucht

Aus dem Englischen von Lilian-Astrid Geese


Copyright © 2018 by Tima Kurdi, this translation published by arrangement with The Cooke Agency International, CookeMcDermid and Liepman AG. Originally published in English under the title The Boy on the Beach by Simon & Schuster Canada.

Fotos: Matic Kozinc/Unsplash (Einband), Maxine Bulloch (S. 2), Fabian Heinz (S. 13), Tima Kurdi (S. 7, S. 162–175), Kurdistan Reginal Government (S. 176 oben), Office of Congresswoman Tulsi Gabbard (S. 176 unten)

© der deutschsprachigen Ausgabe: Berlin/Hamburg 2020

Assoziation A, Gneisenaustraße 2a, 10961 Berlin

www.assoziation-a.de, hamburg@assoziation-a.de, berlin@assoziation-a.de

Gestaltung: Andreas Homann

eISBN 978-3-86241-633-2

Inhalt

Prolog

Erster Teil

1. Stadt des Jasmin

2. Heimweh

3. Du bist mein Leben

4. Ghalib

5. Friss oder werde gefressen

Zweiter Teil

6. Alan

7. Das hat der Krieg uns angetan

8. »Inschallah« wird alles gut

9. Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück

10. Ruhet in Frieden

Fototeil

Dritter Teil

11. Wer Dornen pflanzt, wird keine Blumen ernten

12. Ein Augenblick

13. Sie sind jetzt wie die Vögel

14. Unsichtbar

15. Ein oft verpflanzter Baum gedeiht nicht

Epilog: Jasminduft in der Luft

Danksagung

Gordon Isler: »Ein Weckruf an die Welt«


Alan Kurdi (links) und Ghalib Kurdi (rechts) Rest in peace, angels.

Die Familie von Ghalib und Radiya Kurdi


Für Abdullah,

der den Mut hatte, diese Geschichte zu erzählen

Für meinen Baba, der unserer Familie die Kraft gegeben hat, weiterzuleben und die Hoffnung nicht aufzugeben

Prolog

»Ich kann sie von hier aus sehen«, sagte mein Bruder Abdullah. Dann beschrieb er mir, seiner großen Schwester, die weit weg in Kanada in Sicherheit lebte, die Umrisse der Insel. »Sie ist gleich da drüben«, sagte er. »So nah – und doch so fern.«

Mein Bruder war aus Syrien geflohen. Jetzt stand er auf türkischem Boden und blickte auf Kos, die große, sanft abfallende griechische Insel am Horizont. Tagsüber war Kos eine Fata Morgana in mittlerer Entfernung. Nachts funkelten ihre Lichter wie Sterne. Sie schienen so lebendig, so nah, dass man glaubte, sie berühren zu können. Im Sommer 2015 war der Ort, der dort im Meer flimmerte, für Tausende syrischer Flüchtlinge ein Sprungbrett nach Europa und ihre letzte Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Abdullah schickte mir eine SMS: »Der Schleuser sagt, dass die Überfahrt morgen stattfinden wird. Hundertprozentig.«

»Sprich mit Baba, bevor ihr aufbrecht«, antwortete ich.

Doch dann zog ein heftiges Gewitter auf, mit Windgeschwindigkeiten von bis zu achtzig Stundenkilometern. Das Boot konnte nicht ablegen. Die Überfahrt verzögerte sich. Tagelang.

9. August: »Heute Nacht geht’s los.« Und wieder stürmte es.

10. August: »Wir waren am Treffpunkt; der Schleuser hat uns zurückgeschickt.« – »Was ist mit dem Geld? Ist es verloren?« – »Nein. Wir versuchen es heute Nacht noch mal. Sei unbesorgt, Schwester. Geh schlafen.«

Unbesorgt sein – das war unmöglich. Jedes Mal, wenn ich Abdullahs Nachricht las – »Heute Nacht geht’s los!« –, stockte mir der Atem. Acht Stunden Zeitverschiebung liegen zwischen der Türkei und meiner Heimat Vancouver. Ich hatte mir angewöhnt, früh ins Bett zu gehen. So wachte ich vor Tagesanbruch auf und konnte mein Handy checken. Um meinen Mann nicht zu stören, der sich nach den Arbeitszeiten richten musste, ließ ich mein Handy abends in der Küche liegen. Morgens eilte ich dann gleich dorthin, um nachzuschauen, ob mir jemand geschrieben hatte. Wann immer mein Handy eine neue Nachricht signalisierte, setzte mein Herz aus. Einen ganzen Monat lang ging das so. Jeden Tag.

Nur vier Kilometer trennten meinen Bruder und die Küste von Kos. So nah und doch so fern. Abdullah war in Bodrum, in der Türkei. Geflohen vor den Terrorgruppen, die unser Land Syrien fest im Griff hatten.

Verarmt und illegal hatten er und seine Familie es zunächst bis Istanbul geschafft, wo sie jedoch kaum genügend zu essen hatten und nur mit Mühe ein Dach über dem Kopf fanden. Immerhin: Sie waren am Leben, trotz der Gleichgültigkeit der vielen Regierungen, die ihre Grenzen dicht gemacht hatten. Die Türkei bildete nun den Korridor auf dem Weg nach Griechenland, dem einzigen Land in der Region, von dem aus die Weiterreise in die wenigen nordeuropäischen Staaten, die noch syrische Flüchtlinge aufnahmen, möglich war. Das Leben im Norden gestaltete sich generell etwas leichter. In Deutschland und Schweden konnten Geflüchtete ganz legal Asyl beantragen und sich niederlassen, eine Chance, die die Türkei und andere Nachbarländer Syriens im Nahen Osten nicht boten.

Doch wie sollte mein Bruder mit seiner Familie die griechische Insel erreichen? Dafür musste er seine Frau Rehanna und die beiden kleinen Söhne Ghalib und Alan unbemerkt über die von der griechischen Polizei und Küstenwache streng kontrollierte Ägäis bringen. Flüchtlinge, die auf dem Mittelmeer aufgegriffen wurden, schickten diese zurück in die Türkei. Die Region war überdies berüchtigt für heftige Winde, die binnen Sekunden über dem Meer auffrischten, manchmal tagelang wehten und das Wasser zu einer reißenden Bestie machten. Abdullah konnte nur hoffen, dass es ihnen gelingen würde, sicher ans andere Ufer zu gelangen. Sie hatten schon etliche Gefahrenzonen durchquert, bis sie schließlich in der Türkei angelangt waren. Nun glaubten sie fest daran, dass sie die vier Kilometer, die noch vor ihnen lagen, auch noch schaffen würden, um auf der anderen Seite ein neues Leben zu beginnen.

Eine Überfahrt war nur mit der Hilfe von Schleusern möglich. Abdullah hatte keine Wahl, als ihnen zu vertrauen. Ein legaler Transit auf einer der vielen großen Mittelmeerfähren stand außer Frage. Die türkischen Behörden verlangten gültige Papiere für die Ausreise aus der Türkei und die Einreise in die meisten Staaten Europas, einschließlich Griechenlands. Ihre Bedingungen konnten nur reiche Syrer erfüllen, die in der Lage waren, Kontoauszüge, Versicherungspolicen, Passfotos und weitere Dokumente vorzulegen. Zwar hatte Abdullah einen Pass, doch dieser war, wie der der meisten Flüchtlinge, abgelaufen. Der Krieg dauerte schon viele Jahre und es war ihm bislang nicht gelungen, ihn zu verlängern. Rehanna und die Kinder hatten nie einen Pass besessen.

Für teures Geld verkauften Schleuser Plätze in Booten. Dabei war es gleichgültig, wie viel man bezahlte: Es war ihnen nie genug. In der Regel ließen sie deutlich mehr Menschen an Bord, als die zulässige Höchstlast erlaubte. Ihnen ging es nicht um Menschenleben. Ihnen ging es um maximalen Profit.

In jenem Jahr kamen fast eine Million Flüchtlinge auf dem Seeweg via Griechenland nach Europa. Die meisten von ihnen waren Syrer. Im Juni hatte die griechische Küstenwache knapp fünfzigtausend Menschen gerettet, davon ein Viertel Kinder, mehrheitlich unter zwölf Jahren. Fünf Prozent der Flüchtenden waren Babys.

Mein Neffe Ghalib war gerade vier geworden, sein kleiner Bruder Alan war erst 27 Monate alt, als die verzweifelten Eltern sich mit einem Boot auf die gefährliche Reise machten. Was bringt Menschen dazu, diese verwegene Passage zu wagen, das eigene Leben und das ihrer Kinder zu risikieren? Vermutlich kann man das nur verstehen, wenn man selbst auf der Flucht war.

Vier meiner fünf Geschwister hatten sich mit ihren Familien in die Türkei gerettet. Sie besaßen kaum das Nötigste zum Leben. Im Sommer 2015, während der Krieg in Syrien in sein fünftes Jahr ging und kein Ende in Sicht war, wurde ihre Lage immer hoffnungsloser. Wie vielen Flüchtlinge schien ihnen der riskante Seeweg die einzige Lösung. Einige meiner Lieben hatten sich bereits nach Deutschland und Schweden durchgeschlagen, wo es ihnen deutlich besser ging.

Besonders hart war es für die Flüchtlingskinder in der Türkei. Die Jüngeren durften nicht in die Schule gehen und liefen Gefahr, den Anschluss zu verpassen. Die Älteren arbeiteten in Sweatshops, damit ihre Eltern finanziell über die Runden kamen. Dieses Schicksal wollte mein Bruder Abdullah seinen beiden Söhnen ersparen. Was er für sie wünschte, war bescheiden: genug zum Essen, ein Dach über dem Kopf, Bildung und medizinische Versorgung. Diese Grundbedürfnisse konnte er in Syrien nicht befriedigen, und in der Türkei war es kaum leichter.

Ich wusste, was für ein Leben meine Schwestern und Brüder führten, seit sie und ihre Familien 2012 aus Damaskus geflohen waren. Ich hatte ihre prekäre Situation in Istanbul mit eigenen Augen gesehen, als ich sie 2014 besuchte. Damals begann ich, Geld zu sparen, um ihnen zu helfen, die Türkei zu verlassen. Ich nahm Kontakt zu den Behörden auf, um für sie in Kanada Asyl zu beantragen. Mein Mann und ich erklärten uns bereit, die Familie meines ältesten Bruders Mohammad privat zu unterstützen, und auch für Abdullah wollten wir die notwendigen Schritte einleiten. Doch alle unseren Bemühungen waren zum Scheitern verurteilt, nicht zuletzt, weil es unmöglich war, die erforderlichen Papiere aus der kriegszerstörten Heimat zu bekommen. Die Unterstützung für zwei Familien konnten wir uns auch finanziell nicht leisten. Im Sommer 2015 hatte ich jede Hoffnung aufgegeben, dass mein jüngerer Bruder und seine Familie in Kanada Zuflucht finden könnten. Ich überlegte, ihm fünftausend Dollar für einen Fluchthelfer zu schicken, damit er, seine Frau und meine beiden kleinen Neffen die Türkei verlassen könnten. Natürlich war ich unsicher, ob es der richtige Weg war. Sollte ich das wirklich tun? Andererseits war seine Lage verzweifelt und für ihn und die Familie auch gefährlich. Schließlich rang ich mich durch, ihre Reise zu bezahlen. Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht gewünscht hätte, mich anders entschieden zu haben, kein Tag, an dem ich nicht gewünscht hätte, dass meine wunderbare Schwägerin und meine süßen Neffen noch lebten.

Ende Juli schickte Abdullah mir eine SMS aus Istanbul: »Das Geld ist da. Nette Leute, deine Freunde.« Sie hatten ihm die letzte Rate für die Schleuserkosten übergeben. Am nächsten Tag machte er sich mit Rehanna und den Kindern auf den Weg nach Izmir, eine Hafenstadt auf halber Strecke zwischen Istanbul und Bodrum, die ein beliebter Treffpunkt für Flüchtlinge und Schleuser war, die hier problemlos »Kundschaft« fanden: Tausende von Flüchtlingen übernachteten in den Parks und öffentlichen Anlagen der Stadt. Sie versorgten sich gegenseitig mit Kontakten zu den Männern, die ihnen für Geld bei der Flucht behilflich waren, und tauschten Erfahrungen aus. Auch Abdullah ließ sich berichten, und er hörte wenig Ermutigendes.

Viele erzählten von albtraumhaften Versuchen, auf winzigen Schlauchbooten das Meer zu überqueren. Mein Bruder und Rehanna waren entsetzt angesichts der Vorstellung, sie sollten in einem Schlauchboot reisen. Sie wollten ein Glasfaserschiff. Abdullah fand einen Fluchthelfer, der ihm allerdings sagte, für ein stabiles Boot würde ihr Geld nicht reichen. Sie sollten sich gute Schwimmwesten kaufen, riet er. Diese wiederum waren nicht einfach aufzutreiben. Ich hatte von Flüchtlingen gehört, die ertrunken waren, weil sich ihre Rettungswesten mit Wasser vollgesogen hatten und so schwer wurden, dass sie die im Meer Treibenden in die Tiefe zogen. Es gab jede Menge minderwertige Ware auf dem Markt. Abdullah wollte nichts falsch machen. Er rief mich von unterwegs an:

»Wie erkenne ich den Unterschied zwischen einer echten Schwimmweste und einer gefälschten?«, fragte er.

»Keine Ahnung. Besorg die teuersten. Wie geht’s den Kindern?« – »Sie sind erkältet. Und Alan bekommt Zähne. Ich habe ihm Beißkekse gekauft.«

Ich erinnere jeden Anruf, jede Nachricht, die Abdullah mir in jenen Tagen schickte. Jede SMS habe ich gespeichert. Zusammen ergeben unsere Korrespondenzen einen detaillierten Bericht über die Ereignisse im Vorfeld der Tragödie. Zugleich sind sie Zeugnis eines Menschenlebens unter extremen Druck. Sie spiegeln unsere Hoffnungen und Ängste in jenen Wochen wider, unsere nagenden Zweifel und Befürchtungen angesichts der riskanten Reise, und natürlich dokumentieren sie unsere ersten Erinnerungen und unser eigenes Leben unmittelbar nachdem das Unfassbare geschah.

11. August: »Sind geblieben.«

Die Tage vergingen, Abdullah weigerte sich beharrlich, ein Schlauchboot zu akzeptieren, und meine Besorgnis wandelte sich in Frustration. Ich drängte ihn, er solle sich entweder auf die Reise begeben oder die Sache abblasen und nach Istanbul zurückkehren. Später, als ich meine eigenen Textnachrichten noch einmal las, hörte ich die nörgelnde Stimme der großen Schwester, die ihren kleinen Bruder bedrängte: Warte, kehr um, pass auf, na los, trau dich, nun mach schon!

Ich übte so viel Druck auf Abdullah aus, dass er mir schließlich ein Video von den gewaltigen Wellen schickte, die ihn und seine Familie immer wieder von der Überfahrt abhielten. Sie machten mir Angst.

21. August: »Schwerer Seegang. Nicht mitgefahren.«

Meine Antwort am nächsten Morgen: »Wo seid ihr? Was ist los?«

»Unterwegs. Gestern Nacht waren die Wellen zu hoch. Wenn der Oberschleuser seinen Männern sagt, sie sollen nicht raus, dann war’s das. Dann fährt keiner.«

25. August: »Heute Nacht!« Das Wetter war perfekt. Sie waren am vereinbarten Ort. Der Schleuser kam, und mindestens vierzig weitere Flüchtlinge, die sich ins Boot zwängen sollten. Abdullah weigerte sich, an Bord zu gehen.

27. August: »Heute ruhige See. Aber der Schleuser hatte nur ein Schlauchboot. Ich nehme kein Schlauchboot.«

Textnachricht am Abend desselben Tages: »Das Meer ist friedlich. Rehannas und mein Herz sagt: Morgen.« Ich rief ihn sofort an. In der Türkei war es bereits der Vormittag des 28. August. Alan lachte im Hintergrund. Der Junge war immer fröhlich. Ghalib aber war nervös. »Tante«, sagte er, »ich habe gerade Opa Shikho angerufen.« Er hatte Rehannas Vater gebeten, ihn abzuholen: »Ich habe gesagt, ich will zurück in mein Zimmer mit den Spielsachen. Opa sagt, sie sind noch da. Ich habe ihn gefragt, ob er nicht kommen und mich nach Hause bringen kann.«

Ein solches Telefongespräch mit dem eigenen Enkel bricht einem das Herz! Wie erklärt man zwei Kindern, dass es ihr Zuhause nicht mehr gibt, dass es nie wieder so sein wird, wie es war? Alan war noch sehr klein. Er sprach noch keine ganzen Sätze. Wenn er etwas haben wollte – eine Banane, ein Stofftier, ein Segelboot am Horizont – zeigte er darauf. Seine Wünsche und Träume konnte er nicht einmal mit Worten ausdrücken. Um die Aufmerksamkeit seines Papas zu wecken, nahm er dessen Gesicht in seine Händchen und blickte ihm tief in die Augen. Dann lachte er oder steckte die Zunge raus. In diesen unsagbar anstrengenden Tagen war das so, als wollte er sagen: »Lächle, Papa. Alles wird gut.«

Oft klangen Abdullahs Textnachrichten geradezu tröstlich. Rückblickend frage ich mich, ob er sich vielleicht selbst Mut machen wollte, dass Freiheit, Rechte und ein würdiges Leben in Reichweite wären, dass auch er eine Heimat finden könnte, und sei es auch nur eine provisorische.

Am nächsten Morgen las ich eine weitere kurze SMS von ihm: »Nicht losgefahren.«

Als Abdullah das nächste Mal schrieb – »Inschallah geht es heute Nacht los« – erwartete ich am Folgetag wieder eine Absage: »Nicht gefahren.«

31. August: Kein Wort von Abdullah. Eine lange Serie von SMS endet mit mindestens einem halben Dutzend Fragen von mir: »Wo bist du?«, »Wo seid ihr?«, »Was ist los?«, und der Bitte: »Melde dich!«

Meine Fragen, mein Flehen, meine Textnachrichten blieben ohne Antwort. Sie landeten auf dem Meeresgrund.


Am 2. September 2015 fanden Rehanna, Ghalib und Alan Kurdi im Mittelmeer den Tod. Seit jenem Tag habe ich mich tausendfach gefragt: »Warum sie? Warum wir?« Ich marterte mich ab dem ersten Moment, in dem ich es wusste. Unablässig. Ich war verzweifelt und tieftraurig. Dann wieder teilte ich aus, in alle Richtungen. Ich wütete gegen die Regierungen, die unzähligen Menschen einen sicheren Hafen versagen oder sich weigern, die Papiere auszustellen, die ihnen ermöglichen, ihr Recht auf die Erfüllung ihrer überlebensnotwendigen Grundbedürfnisse geltend zu machen. Ich konfrontierte die Soldaten, die Rebellen und die IS-Terroristen, die unsere Heimat in Damaskus und Kobane in Blut baden, mit Fragen: »Warum? Wofür kämpft ihr? Öl? Politische Ideologien? Religion? Macht? Vergeltung?« Ich appellierte an die Behörden der Welt, im Nahen Osten, Westeuropa, Amerika und Kanada. »Wir sind keine Tiere. Wir sind Menschen wie ihr. Warum hört ihr nicht auf eure Herzen? Hört auf eure Vernunft und bereitet diesem Krieg ein Ende!« Ich nahm mir die Schlepper und Menschenhändler vor, die von all diesem Elend profitieren: »Warum ist euch Geld wichtiger als ein Menschenleben?«

Immer wieder stellte ich mir die Insel Kos vor, die schroffen Felsen Griechenlands, die Wiege der westlichen Zivilisation, die meine Brüder und Schwestern von der Küste bei Bodrum aus sehen konnten. Eine kurze Reise nur. Vier Kilometer. Hätte die Insel nicht ein wenig näher sein können? Ich fragte das Meer, ich fragte den Wind: »Warum habt ihr uns unsere Liebsten genommen?« Die Medien fragte ich: »Warum habt ihr das Leid der Flüchtlinge so lange ignoriert? Bis jede Rettung für meine Neffen und meine Schwägerin zu spät kam. Und warum redeten einige von euch auch noch schlecht über Abdullah, nachdem er alles verloren hatte?« Ich rief zu Gott: »Warum?« Manchmal antwortete er nicht. Manchmal stellte er eine Gegenfrage. Manchmal konnte ich antworten. Manchmal blieb ich stumm.

Die heftigste Kritik aber richtete ich gegen mich selbst, gegen eine einfache Frau mittleren Alters, die trotz allem weiterlebte: die Lebensmittel einkaufte, für die Familie kochte und am Ende des Tages ihren Kopf auf das Kissen bettete. Doch nur mein Körper agierte. Mein Kopf war anderswo. In einem grell erleuchteten Verhörzimmer saß ich mir selbst gegenüber. Ich starrte mich an und forderte Antworten: »Warum hast du Abdullah das Geld für den Schleuser geschickt? Warum gabst du ihm nicht mehr, damit er ein sicheres, seetüchtiges Boot hätte nehmen können? Warum bist du nicht nach Bodrum gefahren und hast als Touristin oder Urlauberin ein Motorboot gemietet, um deine Familie übers Meer zu bringen? Warum hast du dich nicht gleich, als der Krieg in Syrien begann, darum bemüht, sie nach Kanada zu holen? Warum warst du so dumm und naiv? So egoistisch?« Verloren trieb ich auf dem Meer. Oder ich sank wie ein Stein – und ertrank.

Irgendwann vor der Tragödie begann meine Familie, von geborgter Zeit zu leben. Wann fing das an? Wie lange ist das her? Als der IS kam und die Heimat meiner Vorfahren in den Würgegriff nahm? Viele Jahre früher, als Rehanna mit Ghalib schwanger war, und die ersten Proteste gegen die Regierung laut wurden? Jahrzehnte zuvor, nachdem ich als junge Frau das Land verlassen und nach Kanada ausgewandert war? Bevor ich geboren wurde?

Wenn du aus einem Alptraum erwachst, streckst du die Hand aus nach deinen Liebsten, suchst Trost, Wärme, Sicherheit. In der Familie diskutieren wir oft über unseren Wachtraum-Alptraum, und die Gespräche führen uns zurück in die Vergangenheit, zu den Erinnerungen, zu unserem früheren Leben als Familie, als Volk. Wir sprechen darüber, wie das Leben vorher war. Vielleicht suchen wir einen Ort, der uns ein Zuhause sein könnte, gleichgültig, ob wir dort oder anderswo schon einmal gelebt haben. Eine menschgemachte Katastrophe zwang uns, die Heimat zu verlassen. Einen kleinen Trost fanden wir im Wissen, dass wir unsere Geschichte tief in uns drinnen mitnahmen.

Ich begann dieses Buch im August 2016, einen Monat vor dem Jahrestag der Tragödie. Abdullah lag auf der Intensivstation eines türkischen Krankenhauses, sein Leben hing am seidenen Faden. Oft fiel er ins Delirium, rief seine Frau und seine Söhne. »Ich muss Kleidung für sie besorgen, Wasser, Lebensmittel«, als würde er immer noch die Überfahrt vorbereiten. Die Ärzte sagten mir, er benötige eine Herz-OP. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sterben würde, betrug achtzig Prozent. Als unser Vater das hörte, sagte er: »Wie gern würde ich meinem Sohn mein Herz geben.«

Dann wurde auch unser Vater ins Hospital von Damaskus eingeliefert. Er wollte nicht, dass ich mir Sorgen mache. Ich wusste nicht genau, was ihm fehlte, aber ich bin fest davon überzeugt, dass er krank wurde, weil sein Herz gebrochen war.

Selbst in den Augenblicken tiefster Verzweiflung spürte ich, dass wir, die Lebenden, Glück gehabt hatten, dass wir noch einmal davongekommen waren. Wir hatten viele geliebte Menschen verloren, viel zu viele, und nichts würde sie zurückbringen, doch wir waren am Leben. Uns blieb die Erinnerung, uns blieben zahlreiche zauberhafte Kinder und Enkel, denen wir unsere Geschichte erzählen würden. Es war und ist uns eine Ehre und Pflicht, diese Erinnerungen an die nächste Generation weiterzugeben, sie aufzuschreiben, sie zu teilen – mit unseren Verwandten und mit der ganzen Welt. Ich schreibe dieses Buch, um die Geschichte von Abdullahs Familie zu dokumentieren, ihren Fortbestand zu sichern, damit sie nicht vergessen wird.

»Millionen Flüchtlinge sind in der gleichen verzweifelten Lage wie wir«, sagte mir Abdullah jedes Mal, wenn ich ihn drängte, mehr zu erzählen. Seine Geschichte ist ein Zeugnis. Sie belegt die Erfahrungen von Millionen Flüchtlingen und von den zahlreichen Opfern der Kriege und Genozide überall in der Welt.

Als Sie das Foto des kleinen Jungen sahen, das Bild meines lieben Neffen Alan, gestorben an einem Strand in der Ferne, wurden Sie Teil unserer Familie. Jetzt teilen Sie unseren Schrecken, unseren Herzschmerz, unseren Schock, unsere Wut. Sie wollen das Kind retten – und wissen, dass es zu spät ist. In Ihrer Trauer strecken Sie die Hand aus. Sie nehmen meine Hand und ziehen mich an sich. Gemeinsam mit meiner Familie stimmen Sie ein in den Trauergesang. Sie retten mich vor dem Ertrinken.

Ich hoffe, dass meine Worte dazu beitragen, uns einander näher zu bringen. Ich hoffe, dass meine Geschichte, so tragisch sie auch ist, die Saat der Hoffnung in Ihr Herz und Ihren Kopf pflanzen kann. Ich wünsche mir, dass meine Geschichte Sie aufweckt, damit Sie gemeinsam mit mir für all jene Menschen die Stimme erheben, die nicht gehört werden. Und für alle Kinder, die uns genommen wurden, bevor sie sprechen konnten.

In Syrien und anderen arabischen Ländern sagen wir zu den Älteren »Tante« und »Onkel«. Das gilt für Fremde wie für Freunde und Familie. Wenn Sie älter sind als ich, dann sind Sie meine Tante, mein Onkel. Sind Sie jünger, bin ich Ihre Tante. Jetzt sind unsere Schicksale miteinander verwoben. Jetzt sind wir alle eine Familie.

Erster Teil

Kapitel 1
Stadt des Jasmin

Überall in Damaskus wächst wilder Jasmin, in jeder Nische, in jeder Ecke. Die Luft ist erfüllt vom süßen Duft der herrlichen Blume. Sie findet sich so häufig in Damaskus, dass wir die Stadt Yasmin al-Sham getauft haben: die Stadt des Jasmin.

Mehr als einmal versuchte ich, Jasmin auch in meinem Garten in Vancouver in Kanada zu pflanzen, allerdings mit mäßigem Erfolg. Die Pflanze wuchs, doch ihr Duft erreichte nicht annähernd die Intensität, die ich aus Damaskus kannte. Mein Vater schickte mir eine Blumenzwiebel aus Sham, wie die Damaszener ihre Stadt liebevoll nennen. Im Frühling setzte ich sie aus, im Sommer blühte sie, doch man musste die Nase schon sehr tief in die Blütenblätter stecken, um einen leichten Hauch ihres sonst so starken Aromas zu erhaschen. Einen Winter überlebte das Pflänzchen in weiter Ferne von der ihr vertrauten Erde. Einen kurzen Winter, mehr nicht.

Seit 1992 war ich in Kanada, in Sicherheit. Eine halbe Welt entfernt, in Syrien, begann 2011 der Krieg, der meine Familie aus ihrer Heimat vertrieb. Wie die Blumenzwiebel mussten sie in fremdem Land neue Wurzeln schlagen. Wenn du verstehen willst, wohin du gehst, musst du zuerst verstehen, wo du zuvor warst, heißt es. Bevor ich vom bewegten Leben meiner Geschwister seit ihrer Flucht aus Syrien berichte, möchte ich daher erzählen, woher wir kamen und wie wir früher lebten.

Mein Vater, Ghalib, wurde 1942 geboren, kurz vor Beginn einer neuen Ära in unserem Teil der Welt. Auch in Syrien begann, nach jahrtausendelanger Unterdrückung, eine neue Zeit. Mein Vater war Kurde. Er kam in Hama zur Welt. Wie die meisten Syrer sind viele Kurden Sunniten. Zugleich ist ihr Volk für die größte religiöse Vielfalt der Welt bekannt: Die Kurden praktizieren einen Mix aus religiösen Glaubenssystemen, und ihre Region umspannt die ganz unterschiedlichen Kulturen Syriens, der Türkei, des Irak und des Iran. Ghalibs Vater, mein Großvater, war – wie viele in Hama – Bauer. Meine Großeltern waren arm. Als mein Baba geboren wurde, hatte die Familie bereits zwei Töchter und zwei Söhne. Meine Großmutter starb, als mein Vater drei Jahre alt war. In Syrien sagen wir: »Geht die Mutter, fällt die Familie auseinander.« Mein Großvater arbeitete viele Stunden am Tag auf dem Feld. Er kümmerte sich so gut er konnte um seine Kinder. Dennoch waren die Jungen oft hungrig und schmutzig, ihre Kleidung war verschlissen. Immer wieder nahmen sich die Nachbarinnen ihrer an, versorgten sie mit Essen, Schuhen und Anziehsachen, und gelegentlich ließen sie sie duschen.

Als mein Vater sechs Jahre alt war, zog die Familie nach Kobane. In dieser fruchtbaren Zone in der Nähe der türkischen Grenze, östlich des Nahr al-Furat, des mächtigen Euphrat, besaßen sie ein Stück Land. Auf seiner Parzelle baute mein Großvater Bulgur an. Er wohnte mit seinen Kindern in einer Einzimmerhütte aus Stroh und Lehm. Sie führten ein typisch bäuerliches Leben, doch es fehlte die Mutter, die sich um sie hätte kümmern können.

Baba und seine Geschwister waren von der Großzügigkeit der Verwandten und Nachbarn abhängig, die genug anbauten, damit alle auch über die Wintermonate etwas zu essen hatten. Mein Vater begleitete seinen älteren Bruder Khalid mit den Schafen auf die Weide und sammelte Wildkräuter, Gräser und Pflanzen. Er lernte schnell und recht bald wusste er, welche Gewächse giftig sind und welche einen Kranken heilen können.

Seine langen Wanderungen auf der Suche nach etwas Essbarem hat Baba nie vergessen. Oft lief er den ganzen Tag bergauf und bergab und kehrte doch mit knurrendem Magen ins Dorf zurück. Einmal lagen Schalen von Wassermelonen am Straßenrand. Er hob sie auf und aß sie. »Kinder überlegen nicht, was sie essen. Sie stecken einfach etwas in den Mund, wenn sie hungrig sind«, waren seine Worte, als er davon erzählte. Eine Nachbarin, die gerade ihren Gemüsegarten wässerte, rief ihm zu: »Warte! Iss das nicht!« Sie pflückte eine reife Tomate vom Strauch und gab sie ihm. »Nimm lieber dies hier«, sagte sie. Die Tomate wog schwer in der Hand meines Vaters. Sie war noch warm von der Sommersonne. Er biss in die Frucht, die so reif war, dass sie in seinem Mund geradezu explodierte und ihr Saft ihm am Kinn hinunterlief. Noch heute schwärmt er von diesem wunderbaren Moment. Er schließt die Augen und erinnert sich an die kräftige Farbe, die Wärme, den Geschmack. Seitdem hat mein Vater Tausende von Tomaten gegessen, doch keine schmeckte so gut wie jene, die die Nachbarin ihm geschenkt hatte, denn sie war erfüllt vom Aroma der menschlichen Güte. Diesen freundlichen Akt behielt er im Sinn und im Herzen, und was er damals lernte, gab er an seine Kinder weiter: »Du musst nicht reich sein, du brauchst kein Geld, um anderen zu helfen«, lehrte er mich. »Du musst nur ein Herz haben.«

Als junger Mann verließ mein Vater Kobane und kehrte nach Hama zurück, wo er arbeiten wollte. Dann leistete er seinen zweijährigen Wehrdienst bei der syrischen Armee. Kurz bevor er entlassen werden sollte, erkrankte er an Malaria. Man brachte ihn in ein Krankenhaus in Damaskus, wo er meine Mutter, Radiya, kennenlernte. Sie betrat sein Krankenzimmer und er behauptet noch heute, dass es Liebe auf den ersten Blick war. Das glaube ich ihm gern. Nach seiner Genesung zog er bei Radiyas Verwandten ein, und dort begann die Romanze meiner Eltern. Baba erholte sich und bald waren die beiden verheiratet.

Nach der Hochzeit lebten sie zunächst bei den Schwiegereltern. Sie sparten, um sich ein eigenes Haus zu kaufen. Ihr erster Sohn, mein Bruder Mohammad, kam 1968 auf die Welt. Ein männlicher erster Nachkomme gilt in vielen Gesellschaften und insbesondere in arabischen Kulturen als großes Glück. Der Erstgeborene genießt als künftiger Erbe die größten Privilegien, und alle in der Familie, auch der Vater, werden mit dem Namen des ersten Sohnes angesprochen. Mein Vater war jetzt Abu Mohammad, »der Vater Mohammads«, und meine Mutter Oum Mohammad, »Mohammads Mutter«. Der Name des Erstgeborenen bezeichnet auch die Adresse, die man angibt, wenn jemand nach dem Weg fragt. Wenn ein Besucher zu uns wollte, beschrieb ich ihm also, wie er »das Haus des Vaters von Mohammad Kurdi« findet. Der älteste Sohn hat die wichtigsten Pflichten in der Familie: Er sorgt dafür, dass die Eltern geachtet werden, er kümmert sich um sie – vor allem, wenn sie alt sind – und um seine Geschwister, insbesondere um seine Schwestern, ob denen das gefällt oder nicht.

Bald nach Mohammads Geburt starben die Eltern meiner Mutter. Ihre beiden großen Schwestern waren bereits verheiratet, doch fünf ihrer sechs Brüder, im Alter von vier Jahren bis zum Teenager, waren nun minderjährige Waisen. Meine Eltern nahmen sie bei sich auf und behandelten sie, als wären es ihre Kinder. Mein Vater legte sein Geld mit dem Verdienst der Brüder meiner Mutter zusammen. 1969 kauften meine Eltern ein Haus in Rukn al-Din. Es war nicht irgendein Haus. Es war das höchste Gebäude auf dem Berg Qasiyun. Oft neckten sie sich deshalb. Mein Vater sagte dann: »Ich habe dir ein Spitzenhaus gekauft«, und meine Mutter antwortete: »Irgendwann bekomme ich vom steilen Weg nach Hause einen Herzinfarkt.« Abgesehen von der prominenten Lage war es ein typisch syrischer Flachbau mit Betondach, einstöckig, mit drei Schlafzimmern, einer kleinen Küche und einem Bad, davor ein offener Hof, ein kleiner Garten dahinter.

Ich wurde 1970 geboren. Meine Eltern tauften mich Fatima, was man auf Arabisch »Fatmeh« ausspricht. Als älteste Tochter genoss ich, ebenso wie der erstgeborene Sohn, Privilegien: Zwar war ich verantwortlich für den Haushalt, konnte die Hausarbeit aber an meine jüngeren Schwestern delegieren.

Auf Unterstützung bei meinen Pflichten musste ich auch nicht lange warten. 1973 kam meine Schwester Maha auf die Welt. Maha war still und schüchtern, eine fleißige Schülerin, ganz anders als ich. Sie lernte gern, während ich mich lieber draußen aufhielt, mit Murmeln spielte, Springseil mit den Kindern aus der Nachbarschaft sprang oder mit meinen Freundinnen Jasmin pflückte, den ich zu Halsketten flocht. Wurde ich ins Haus gerufen, um Schularbeiten zu machen, setzte ich mich an den Tisch – und dann starrte ich aus dem Fenster: Der fantastische Blick auf Sham war weitaus reizvoller als der Lernstoff. Was in meinen Schulbüchern stand, interessierte mich wenig, aber ich presste meine Jasminblüten zwischen ihren Seiten, damit sie herrlich dufteten.

Schon in frühem Alter wollte ich Friseurin werden. Meinen ersten Haarschnitt verpasste ich einer großen, lebensechten Puppe mit blauen Augen und langen blonden Haaren, die Maha und mir gemeinsam gehörte. Syrische Mädchen trugen die Haare sehr lang. Das war modern. Meine eigene Mähne war mir allerdings lästig, und vielleicht erfüllte ich mir selbst einen Wunsch, als ich der Puppe die Haare abschnitt. Ganz kurze Haare! Ich fand das ausgesprochen schick. Maha war anderer Ansicht. Sie heulte wie ein Schlosshund, als sie sah, was ich angerichtet hatte.

Meine Beziehung zu Mohammad war völlig anders geartet. Wir waren beide Erstgeborene. Vielleicht stritten wir deshalb so oft. Unsere Eltern nannten uns immer Tom und Jerry, nach den Cartoonfiguren aus dem Fernsehen.

»Hol mir ein Glas Wasser«, befahl Mohammad zum Beispiel genau in dem Moment, in dem ich mich zu ihm vor den Fernseher setzen und meine Lieblingssendung sehen wollte.

»Hast du keine Beine? Kannst du nicht selbst laufen?«, herrschte ich ihn an. »Ich bin doch nicht deine Dienerin. Geh und hol es dir selber.«

»Ich will nichts von der Sendung verpassen«, gab er zurück, und dann übte er seine Karateschläge an mir. Das tat weh und ich schrie. Darauf stürzte Baba ins Zimmer und brüllte: »Ihr zwei seid wie Katz und Hund.« Ohne weiteren Kommentar machte er den Fernseher aus und schickte uns ins Bett.

Damals schliefen wir drei Kinder zusammen auf einer Matratze auf dem Boden. Kaum hatte mein Vater das Zimmer verlassen, begann Mohammad, mich zu treten. Meine arme Schwester Maha fand keinen Schlaf.

1976 wurde Abdullah geboren. Ich war begeistert von meinem kleinen Bruder, obwohl ich fürchtete, dass er wie viele andere Babys sein würde, die dauernd schreien und Rabatz machen. Meine Angst war unbegründet. Abdullah war ein süßes, zufriedenes Kind, wach immer lächelnd oder wie ein Engel schlafend. Von Anfang an hatte er eine enge Bindung zu meiner Mutter. Er konnte kaum laufen, da zeigte er schon auf sie und sagte: »Setz dich, Mama.« Er versuchte, für sie den Boden zu wischen, oder holte sich einen Hocker, damit er ihr helfen konnte, den Abwasch zu machen. Abdullah war der zuverlässige Junge, den sie jederzeit zu Besorgungen losschicken konnte. »Schatz, ich brauche eine Zwiebel und etwas Zucker«, sagte sie zum Beispiel, und Abdullah rannte die Straße hinunter, um bei einer Nachbarin zu klopfen, oder eilte hinter den Gemüsehändlern her, die mit ihren Karren vorbeizogen. Wo immer er vorbeikam, wurde er angesprochen und man hatte eine Kleinigkeit für ihn: »Hier, mein Süßer, nimm einen Kaugummi«, oder »Schau mal, eine neue Murmel für deine Sammlung«. Alle liebten Abdullah, alle verwöhnten ihn. Er stand ständig im Mittelpunkt und blieb dennoch, trotz aller Zuwendung, fröhlich und freundlich. Auch bei den üblichen Zankereien auf dem Spielplatz oder geschwisterlichen Rivalitäten hielt er die andere Wange hin. Nie war er jemandem böse.

1979 kam meine Schwester Shireen auf die Welt, und 1981 unsere Jüngste, Hivron. Shireen war ruhig und zurückhaltend. Hivron allerdings war ein echtes Trotzköpfchen. Ihren Schnuller gab sie noch lange, nachdem sie aus dem Nuckelalter raus war, nicht her. Hivron war blond, eine absolut begehrte Haarfarbe in Syrien. Alle in der Nachbarschaft waren fasziniert von Hivrons langen blonden Zöpfen. Doch jedes lebhafte kleine Mädchen weiß, wie lästig lange Haare sind. Eines Morgens griff meine kleinste Schwester sich eine Schere, kletterte auf den Waschtisch und schnitt einen ihrer langen Zöpfe kurzerhand ab.

»Was hast du getan?«, schrie meine Mutter entsetzt, als sie die Bescherung sah. »Sieh dir das an!«, sagte sie zu meinem Vater.

Baba schüttelte nur den Kopf. »Wir müssen Onkel Mahmoud rufen«, sagte er. Mahmoud war der Bruder meiner Mutter. Er hatte einen Friseurladen in Rukn al-Din. Mahmoud bemühte sich redlich, Hivrons Haare wieder in Fasson zu bringen. Aber sie waren dann doch sehr kurz.

Vielleicht war ich an Hivrons Aufbegehren nicht ganz unschuldig. Mit zwölf oder dreizehn hatte auch ich mir die Haare kurz geschnitten. Eine Art Shag, so, wie Prinzessin Diana ihn bei ihrer Hochzeit getragen hatte.

»Du siehst aus wie ein Junge«, hatte mein Vater gesagt.

Ich fand es klasse. Seit jenem Tag habe ich meine Haare nie mehr länger als schulterlang getragen.


Die Familie, in die ich hineinwuchs, war eine ganz normale Mittelschichtsfamilie. Wir lebten wie viele andere. Wir waren nicht reich, doch wir litten keinen Hunger. Wenn sich die Familie vergrößerte, bauten meine Eltern um, bis für alle Platz war. Aus dem Fenster unseres gemeinsamen Zimmers sahen Maha und ich auf die Dächer der Häuser nebenan. Manche Nachbarn hielten Palmtauben, eine in Sham beliebte Vogelart mit einem zarten, fluffigen Gefieder, das an Rosé-Sekt erinnert. Wenn sie die Käfige öffneten, flogen die Tauben hoch in den Himmel. Man hätte meinen können, sie tanzen. Hörten sie den Pfiff, kehrten sie brav in ihre Käfige zurück. Ich denke gern an die Palmtauben. Ich wünschte, wir alle könnten in der Gewissheit leben, dass es, gleichgültig wohin wir fliegen, immer ein Zuhause geben wird.

Mein Vater, der Experte für Heilpflanzen und Kräuter, ließ sich als Apotheker im Al-Buzuriyah-Souk im Zentrum von Damaskus nieder. Mama war eine begabte Schneiderin mit einem untrüglichen Gespür für aktuelle Trends. Mit ihrer großen, schweren Singer nähte sie für uns hübsche Kleider, oft mehrere Sets miteinander harmonierender Teile. Meine Eltern reisten in andere Länder und brachten elegante Mode aus der Türkei, Italien und sogar Deutschland mit.

In unserem Haus auf dem Berg lebten wir fast wie im Hotel: Es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Zu unseren vielen Gästen zählten die Verwandten aus Kobane, Hama, Aleppo und Amude, Freunde der Familie aus dem Ausland, und gelegentlich auch Flüchtlinge, in den 1980er-Jahren zum Beispiel einige während des Libanonkriegs mit Israel vertriebene Libanesen. Mein Vater pflegte die Gastfreundschaft, die er selbst als Kind in Armut von den Nachbarinnen in Hama und Kobane erfahren hatte. Nun hatte er ein eigenes Zuhause, und er öffnete die Türen weit für alle, die eine anständige Mahlzeit und einen Platz zum Schlafen brauchten.

»Aber Baba«, jammerten Maha und ich gern, wenn Freunde und Familie eingeladen wurden, »wir haben keine Lust mehr, hinter den Leuten herzuräumen und zu putzen.« Unser Vater aber ließ unsere Klagen nicht gelten: »Schließt niemals eure Herzen oder eure Tür vor Menschen in Not. Ladet sie zu euch ein, lasst sie an eurem Tisch Platz nehmen.«

Die Menschen, die uns besuchten, kamen aus ganz Syrien, aus Homs, Daraa, Afrin und Bosra. Sie waren Alawiten, Schiiten, Christen, Palästinenser, Libanesen, Tscherkessen, und manchmal reisten sie auch aus dem Westen an. Wir lernten, jeden zu respektieren, unabhängig von seiner Kultur und Religion. Wir lernten, dass wir unabhängig von unserer Herkunft eins sind. Jeder in der Nachbarschaft war Teil der Familie. Alle sorgten füreinander. Eine unserer Nachbarinnen und beste Freundin meiner Mutter, Emira, war eine libanesische Hebamme. Sie begleitete Hivrons und viele andere Geburten in unserem Viertel. Selbst bei der Arbeit hing eine Zigarette in ihrem Mundwinkel. Emira liebte uns über alles, und vor allem unsere Jüngste hatte sie ins Herz geschlossen. Selbst konnte sie keine Kinder haben. Eines Tages, auf dem Weg zur Arbeit im Krankenhaus, hörte sie ein Baby weinen. Ein winziges Mädchen lag am Mülleimer neben dem Klinikeingang. Sie nahm die Kleine mit hinein, und als niemand kam, um sie abzuholen, adoptierte Emira sie. Sie gab ihr den Namen Samar. Wie Emira, ihre migrantische Mama, passte auch Samar perfekt in unser nachbarschaftliches Patchwork aus guten Menschen.

Tatsächlich waren in unserem Viertel alle großzügig und freundlich. Wenn Mama und ich ins Stadtzentrum zum Einkaufen gingen oder Bekannte in einem anderen Stadtteil besuchen wollten und unterwegs durstig wurden, klopften wir einfach bei irgendjemandem an die Tür. Die Leute öffneten und luden uns ein, ins Haus zu kommen und etwas zu trinken. Wenn Maha und ich an einem heißen Junitag von der Schule heimliefen und bei einem Nachbarn vorbeikamen, der gerade seine Türschwelle wässerte, sagten wir manchmal: »Onkel, wir haben Durst.« Dann reichte er uns den Wasserschlauch, damit wir uns erfrischen und so gestärkt den restlichen Fußmarsch den Berg hinauf fortsetzen konnten.

In dieser multikulturellen Gesellschaft begingen wir auch die Feiertage, kurdische Feste ebenso wie christliche. Eine ganz wichtige Rolle in Syrien spielen die gemeinsamen Mahlzeiten. Insbesondere im Fastenmonat Ramadan, wenn man tagsüber nicht essen darf. Während des Ramadan trafen wir unsere Verwandten noch häufiger als sonst. Jeden Abend lud ein anderer Gastgeber zum Iftar, dem täglichen Fastenbrechen. Wir deckten den großen Tisch, servierten das Essen, und Baba sagte: »Alhamdulillah, wir danken Gott für dieses Mahl. Möge der Herr nie jemanden in der Welt hungern lassen.«

»Amen«, antworteten wir im Chor.

Im Fastenmonat begann jeder Morgen im wahrsten Sinn des Wortes mit einem Paukenschlag. Noch vor Sonnenaufgang weckte uns die vom Mesaharati geschlagene Trommel. »Wacht auf zum Suhûr!«, rief er. Es war der Weckruf für die Morgenspeise, die man vor dem täglichen Fasten zu sich nahm. Wir Kinder liebten den Mesaharati. Wenn wir ihn hörten, sprangen wir aus den Betten, rannten aufs Dach und starrten in die Dunkelheit, um ihn als Erste zu entdecken, sobald er in unsere Straße kam.

In die Zeit des Ramadan fallen auch die Vorbereitungen für das dreitägige Eid al-Fitr, das Zuckerfest, das auf die Fastenzeit folgt. Eid al-Fitr wird ähnlich gefeiert wie Weihnachten. Man spendet für Menschen in Not, verschenkt Geld und teilt jede Menge köstliche Speisen mit Nachbarn, Freunden und Familie. Für den ersten Festtag kauft man in der Regel auch etwas Neues zum Anziehen. Mama ging mit uns aus diesem Anlass immer in den Al-Hamidiyah-Souk, wo es Kleidung gab, und anschließend in den Al-Buzuriyah-Souk, wo wir feine Gewürze, Nüsse und selbstgemachte Bonbons erstanden. Unterwegs verweilte Mama in der Großen Moschee, um zu beten, während Abdullah und ich im riesigen Innenhof blieben, die bunten Palmtauben fütterten und uns die wunderbaren Süßigkeiten ausmalten, die wir bald essen würden.

Vor Beginn des Eid spenden Muslime für Hilfsbedürftige, ein Ritual, das man als Zakat al-Fitr bezeichnet. Auch Baba gab Geld für die Armen und half notleidenden Nachbarn. Am ersten Morgen des Zuckerfestes selbst trafen dann unsere Verwandten ein. Sie brachten Geldgeschenke für alle. Der Großzügigste war immer Onkel Mahmoud. Er hatte 500 Lira für jeden von uns. Das sind etwa zehn Dollar, eine ganze Menge Geld für ein Kind. Später präsentierten wir uns dann in unseren neuen Sachen und besuchten Feierlichkeiten, die jedes Viertel speziell für die Kinder veranstaltete.

Weihnachten begeisterte uns nicht weniger. Am Weihnachtsabend zogen wir unsere Hausanzüge an, Onkel Mahmoud packte uns in sein Auto und fuhr mit uns ins trubelige Weihnachtsviertel Bab Tuma, wo wir den Lichterglanz bestaunten. Irgendwo entdeckten wir auch immer einen Weihnachtsmann oder Baba Noel, der in seinem roten Mantel an einer Ecke stand. »Stopp!«, riefen wir dann. »Wir wollen Baba Noel begrüßen.« Wir stiegen aus und stellten uns mitten auf der Straße im Kreis um Sankt Nikolaus. Nachdenklich starrte die kleine Hivron auf seinen langen, weißen Bart. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um ihn anzufassen. Auf dem Rückweg versuchte ich mit allen Mitteln, wach zu bleiben. Meine Augen dürsteten immer nach den funkelnden Lichtern. Meist aber gelang es mir nicht, und am Ende schlief ich fast immer ein.

Ich war zehn, als meine Eltern ihr erstes Auto kauften. Jetzt reisten wir häufiger als früher. Wir besuchten Hama, den Geburtsort meines Vaters, den wir nach dreistündiger Fahrt auf der Autobahn Damaskus–Aleppo erreichten. Die Sommerferien verbrachten wir regelmäßig bei Verwandten im idyllischen Kobane. Wir zogen durch die Felder mit den Schafen von Onkel Khalid, fütterten die Hühner, melkten die Ziegen, produzierten Feta – den wir noch warm aßen – und pflückten köstliche reife Oliven in den Olivenhainen der Region. Nie werde ich den Geschmack des Wassers aus dem altmodischen Brunnen in Kobane vergessen. Es schmeckte süßer und frischer als alles, was ich bis dahin und seitdem gekostet habe.

Der mächtige Euphrat war unser Lieblingsschwimmbad. In Kobane war der Fluss relativ ruhig. Mohammad und Abdullah lernten im Euphrat schwimmen. Ich war zu feige; ich hatte immer schon Angst vor Wasser. Mein Vater lachte, schüttelte den Kopf und sagte zu mir: »Dein Sternzeichen sind die Fische. Du bist ein Kind des Wassers, genau wie dein Bruder Abdullah. Und trotzdem bist du wasserscheu.«

Ich saß lieber am Flussufer und sah meinen Brüdern beim Schwimmen zu, während sich die Familie über ihr Picknick hermachte. In der Ferne sahen wir die Türkei.

»Irgendwann besuche ich Istanbul«, sagte ich zu meinen Geschwistern.

»Mir gefällt es hier«, antwortete Abdullah. Er liebte das Leben auf dem Land. Von Beginn an hatte Kobane einen festen Platz in seinem Herzen.

Die Ferien meiner Jugend verbrachten wir in den fantastischen Badeorten Latakia, Baniyas und Tartus an der syrischen Mittelmeerküste. Immer wieder nahm ich meinen Mut zusammen, um im Meer zu schwimmen. Doch kaum berührte das Wasser meine Knie, hatte ich das Gefühl zu ertrinken. Natürlich war es wenig hilfreich, dass Abdullah die ganze Zeit herumalberte, mich an den Beinen runterzog oder mich ins Wasser schubste.

Was all diese Jahre auszeichnet, waren die Menschen, die Musik und das Lachen, die ständig unser Haus erfüllten. Der Grund für ihre Anwesenheit war nicht nur die Politik der Offenen Tür meines Vaters, sondern auch die Küche meiner Mutter. Ihre Küche war quasi das Nachbarschaftszentrum. Nachbarinnen schauten auf einen Kaffee oder einfach so kurz vorbei, um dann zum Markt zu gehen und einzukaufen.

Der traditionelle arabische qahwah wird zubereitet, indem man den gemahlenen Kaffee auf dem Herd in Wasser aufkocht. Meine Eltern liebten Kardamom. Wenn wir beim Markthändler Kaffee kauften, baten wir immer: »Könnten Sie eine Extraportion Kardamom dazulegen, bitte?« Der Verkäufer antwortete: »Natürlich.« Und er fügte hinzu: »Es ist mir ein Vergnügen.«

Die Frauen versammelten sich in der Küche meiner Mutter und warteten darauf, dass der Kaffee gebrüht würde. Sie plauderten über aktuelle Ereignisse und über ihre Träume. Das ist typisch für Syrien und weite Teile des Nahen Ostens: Träume haben eine große Bedeutung und man glaubt, dass sie verraten, was geschehen wird – das Wetter, das politische Klima und Persönliches, von neuen Jobs bis zu anstehenden Hochzeiten, Geburten und Todesfällen. In Syrien liest man gern aus dem Kaffeesatz, ähnlich wie man im Westen Horoskope studiert.

Gleichgültig aus welchem Anlass, sei es die Zusammenkunft der Frauen in der Küche meiner Mutter, ein religiöser Feiertag oder ein Familienfest: Bei uns zu Hause wurde immer geredet, gesungen, getanzt. Wir hörten Musik und – ganz wichtig – wir lachten. Alle Mitglieder meiner Familie hatten Humor, und auch ich lernte lachen, vor allem über mich selbst. Wann und wo auch immer Syrerinnen und Syrer zusammenkommen, werden Witze erzählt. Vielleicht werden sie in anderen Kulturen nicht immer verstanden, doch Lachen ist eine universelle Sprache, eine Brücke zwischen den Kulturen, und wenn die Absicht eine gute ist, geht in der Übersetzung auch nichts verloren.

Der Freitag ist für Muslime, was der Sonntag für die westlichen Kulturen ist. Das muslimische Wochenende beginnt am Donnerstagabend. Wir feierten das bei uns zu Hause immer mit Partys, die begannen, kaum dass wir aus der Schule gekommen waren. Unsere weiblichen Verwandten und Freundinnen besuchten uns mit ihren Kindern, und wir spielten die traditionelle Musik des Orients, der Kurden und der Beduinen. Es dauerte nie lange, bis wir uns erhoben und tanzten. Syrische Frauen wissen, wie man feiert. Sie mischen traditionelle arabische Tanzstile, wie Bauchtanz, Dabke und Volkstänze, die man im Kreis oder in einer Reihe, sich mit dem kleinen Finger unterhakend, tanzt, mit modernen, westlichen Bewegungen.

Abdullah war der Star jeder Party. Er konnte jeden in unserer Familie imitieren und schlüpfte mit Begeisterung in ganz verschiedene Rollen. So wurde er zum Beispiel zum mürrischen, alten, buckligen Schäfer, der auf seinen Stock gestützt in unseren Tanzkreis stolperte. Dann wieder wurde er zu einem jungen Akrobaten, der sich zu einer Volksweise bewegte, oder er tanzte wie ein Russe. Abdullah brachte uns zum Lachen, bis wir nicht mehr konnten.

Abdullah widerfuhren überdies dauernd Missgeschicke. Als kleiner Junge stopfte er sich einmal Bohnen in die Nase und musste ins Krankenhaus gebracht werden, wo man sie wieder rausholte. Später, wenn er Erledigungen für andere machte, rannte er oft schneller, als ihn die Füße trugen. Einmal stürzte er die steile Treppe vor unserem Haus hinab und schlug mit dem Kopf auf dem Betonboden auf. Wieder musste er ins Hospital, wo er genäht wurde. Bei einem Besuch in Kobane stolperte er rückwärts gegen eine Kerosinlampe, die unter seinem Gewicht zerschellte. Dieses Mal brauchte er zwölf Stiche. Wann auch immer er sich verletzte, sagte meine Mutter: »Dauernd passiert ihm etwas, aber er überlebt immer. Dieser Junge genießt mala’ekah, den Schutz der Engel.« Meine Mutter mit ihrer Gabe schien da bereits etwas zu sehen, was wir nicht sehen konnten.

Kapitel 2
Heimweh

Unsere Familie wuchs, unser Haus wurde größer. Meine Eltern stockten das Gebäude um eine weitere Etage und eine Dachterrasse auf, von der wir einen noch besseren Blick auf die Stadt hatten. Wir waren gern dort oben, spielten oder saßen mit Freunden und Bekannten zusammen. Im Sommer, wenn es im Haus zu warm wurde oder viele Verwandte zu Besuch waren, schliefen wir bei frischer Luft unter dem Sternenhimmel. Tagsüber hingen wir unsere Kleidung und die Bettlaken auf der Terrasse zum Trocknen auf oder klopften Teppiche aus. Im Radio wurden Songs der libanesischen Sängerin Fairuz gesendet. Abends lauschten wir den Klängen von Umm Kulthum aus Ägypten.

Die beiden zusätzlichen Etagen sollten später Mohammad und Abdullah als Wohnraum dienen. Nach ihrer Hochzeit würden sie mit ihren Familien dort leben. Das ist in Syrien und im Nahen Osten so üblich: Die Töchter ziehen, wenn sie verheiratet sind, in der Regel zur Familie des Mannes. Die Söhne wiederum kümmern sich – meist mit Hilfe ihrer Eltern – um eine Wohnung für ihre Frau und Kinder.

Nach wie vor werden Ehen in vielen muslimischen Familien arrangiert. Dabei schließt der Mullah die Ehe nur, wenn die Frau einverstanden ist. Manche Mädchen werden bereits mit vierzehn Jahren verheiratet. In der Regel haben sie dann die neunte Klasse vollendet und ihren Schulabschluss gemacht. Für mich meldete sich kein heiratswilliger Verehrer. Ich galt als das hässliche Entlein der Familie. Im Gegensatz zu meinen Schwestern, die blond und hellhäutig waren und mit haselnussfarbenen beziehungsweise grünen Augen die attraktivsten Schönheitsattribute im Orient aufwiesen, war ich dunkel. Als Jugendliche hatte ich es nicht leicht. Die Jugend ist ja grundsätzlich und in allen Kulturen eine schwierige Lebensphase. In meinem Fall kam hinzu, dass ich nicht einmal hübsch war. Nicht wenige meiner eher traditionell denkenden Verwandten machten sich gnadenlos über mich lustig.

Meine Idole waren damals die Stars aus dem Westen: Ich schwärmte vor allem für Madonna und Prinzessin Diana. Und dann gab es diese elegante Flugbegleiterin in unserer Nachbarschaft, von der ich ebenfalls begeistert war. Mit Mitte zwanzig lebte sie allein und unabhängig und erzählte immer tolle Geschichten über ihre Reisen zu fernen Orten überall in der Welt, von denen sie mir Jeans und andere angesagte Geschenke mitbrachte.

Syrien war in jener Zeit ein säkulares Land. Nur wenige Frauen verschleierten ihr Gesicht, trugen den Niqab oder die Abaya, ein locker fallendes, den ganzen Körper bedeckendes Gewand. In den kleineren Städten sah man generell mehr konservativ gekleidete Frauen, während viele meiner Freundinnen in Sham sogar ohne Hidschab aus dem Haus gingen. Auch ich trug ihn nicht. Mein Vater forderte mich erst auf, den Hidschab zu tragen, als ich in die Pubertät kam und einige unserer Nachbarn ihn darauf ansprachen. Nun sei es an der Zeit, sagte er. Ich aber beklagte mich bei meiner Mutter. »Ich bin noch jung«, argumentierte ich. »Keine meiner Freundinnen trägt den Hidschab. Warum soll ich mir dieses Teil anziehen? Reicht es nicht, ein guter Mensch zu sein?« Mama war eine liberale Frau. »Du musst nicht, wenn du nicht willst«, sagte sie.

Der Besuch der Oberschule war in Syrien in den 1980er-Jahren nicht verpflichtend, und mit dem Abschluss der neunten Klasse konnte man in Damaskus durchaus einen guten Job finden. Viele Jugendliche begnügten sich daher mit dem nationalen Examen am Ende der Pflichtschulzeit. Angesichts der Bedeutung der Prüfung schränkten die Familien der Schulabgänger ihre gesellschaftlichen Aktivitäten während der einmonatigen Prüfungsphase drastisch ein. Gemeinsam sorgte man dafür, dass der künftige Absolvent oder die Absolventin wirklich lernte. So war das jedenfalls normalerweise. Bei uns allerdings nicht. In unserem Haus herrschte weiterhin ein ständiges Kommen und Gehen, sodass ich kaum zum Lernen kam. Gewiss, ich schaute in die Bücher, aber es blieb nicht viel hängen. Meinen Tagträumen widmete ich dagegen viel Zeit: Ich sah mich darin als freie Frau, die durch die Welt reist.

Kein Wunder, dass ich die Abschlussprüfung nicht bestand und das Schuljahr auf der Realschule wiederholen musste. Das machte die Sache nicht leichter, denn dort ging es strenger zu als in der Hauptschule. Mit ihrer hohen Betonmauer, die uns den Blick auf die Welt draußen gänzlich versperrte, erschien sie mir als wahrhaftiges Gefängnis. Auch im zweiten Anlauf scheiterte ich und fand mich zum dritten Mal als Schülerin der neunten Klasse wieder. Meine Eltern waren enttäuscht, doch mir war das damals nicht wichtig. Mama sorgte sich, dass ich nie einen Ehemann fände. Ich dagegen dachte an Mohammad, der die Schule schon nach der achten Klasse verlassen hatte. Er war Friseur geworden und hatte in Dubai und Saudi-Arabien gearbeitet, wo er gut verdiente. Während seiner Zeit am Golf lebte er überdies bescheiden und konnte so eine größere Summe Geld ansparen. Mir schwebte für mich ein ähnliches Leben vor. Könnte ich es nicht genauso machen wie mein großer Bruder? Ich drängelte und quengelte, und schließlich gelang es mir mit Hilfe von Onkel Mahmoud, meine Eltern zu überzeugen: Sie erlaubten mir, als zertifizierte Friseurin teilzeit im Geschäft einer Nachbarin tätig zu werden.

Es war eine fantastische Erfahrung. Ich lernte, meine Haare aufzudrehen und trug nun einen modischen Chelsea Cut. Mit Lockenwicklern zu schlafen war zwar unbequem, doch diese tollen Wellen waren es allemal wert. Im März wurde ich sechzehn und gab eine große Party bei uns im Haus. Ich trug eine Seidenbluse, die je nach Licht in unterschiedlichen Farben schimmerte, einen bunten Bauernrock und einen breiten, gelben Gürtel. Ich sah aus wie Wonder Woman. Nachmittags kamen meine sechs besten Freundinnen, wir legten unsere Lieblingskassetten in den Stereo-Recorder und tanzten im Wohnzimmer. Mein Lieblingssong war »Rasputin« von Boney M. Für meine Freundinnen und mich war es der neueste Hit, obwohl das Stück schon 1978 erschienen war. Es dauerte immer Jahre, bis populäre Popsongs bei uns ankamen. Wir standen auf den Mix aus Disco und folkinspirierten arabischen Beats. Und natürlich auf den coolen Chor. Immer wieder spielten wir das Stück und gröhlten »Rah rah rah …«, bis wir heiser waren. Nicht, dass wir gewusst hätten, was wir da sangen …

Ich fühlte mich super: gerade mal sechzehn Jahre alt und schon Friseurin. Bald darauf wechselte ich in den Haarsalon meiner guten Freundin Lina. Wir nannten ihn »Sandra«, Linas Lieblingsname aus dem Westen. Tatsächlich war unser Laden ein kleines Zimmer im Erdgeschoss des Hauses ihrer Familie, in das wir einen Stuhl stellten und einen Spiegel hingen. Was fehlte, war das professionelle Waschbecken. Wenn wir unseren Kundinnen die Haare wuschen, gab es daher immer ein ziemliches Fußbad.

Unsere ersten »Versuchskaninchen« werde ich nie vergessen. Da war zum Beispiel eine Frau, die blonde Highlights in ihre sehr langen, sehr dunklen Haare wollte. »Aber gerne doch, gnädige Frau«, sagten wir, obwohl wir kein richtiges Rezept für den Aufheller hatten. Wir rührten ein Bleichmittel an, setzten ihr eine Kappe auf und färbten die Strähnen. Während der Aufheller einwirkte, bereiteten wir uns einen Mate-Tee mit Zucker, setzten uns zu unserer Kundin und plauderten mit ihr. Offenbar war es ein anregendes Gespräch, denn ihren Haaren schenkten wir kaum noch Beachtung. Irgendwann führten wir sie zum Waschbecken und nahmen die Kappe ab. Zu unserem Entsetzen lösten sich die gebleichten Strähnen von der Kopfhaut. Die Dame sah in den Spiegel und sagte: »Ich sehe kein Blond?« – »Wahrscheinlich war der Aufheller nicht stark genug«, antworteten wir. »Wir versuchen es noch einmal.« Beim zweiten Mal mischten wir deutlich weniger Bleiche in die Farbe, achteten auf die Zeit, und die Highlights waren perfekt. Wie gut, dass sie sehr dichtes Haar hatte. Die Frau verließ unseren Laden als zufriedene Kundin. Kaum war sie außer Reichweite, prusteten Lina und ich los. Unsere angestaute Panik löste sich in Gelächter auf.

Dass ich arbeitete, bedeutete nicht, dass ich mich der Aufsicht meiner Familie hätte entziehen können. Meine Lieben achteten streng auf alles, was ich tat. Vor allem Hivron gerierte sich als Aufpasserin und Spionin. Eines Nachmittags war ich in Linas Salon und wir gaben uns unserer neusten Gewohnheit hin: Wir rauchten Zigaretten, die besonders gut schmeckten, weil wir sie heimlich konsumierten. An jenem Tag war es sehr heiß im Salon, und ich stand auf, um die Tür zu öffnen. Draußen im Schatten lungerte Hivron herum, ihre Augen tellergroß. Sie drohte mir mit dem Finger und sagte: »Erwischt! Du rauchst. Das sage ich Mama.« Dann rannte sie fort. Den Rest des Nachmittags verbrachte ich in nervöser Anspannung. Ich fürchtete, dass meine Mutter mir verbieten würde, bei Lina zu arbeiten, wenn Hivron mich verpetzte. Ich hätte sie umbringen können!

Als ich nach Hause kam, rief Mama mich in die Küche. »Rauchst du?«, fragte sie mich. – »Natürlich nicht«, antwortete ich mit zitternden Knien. – »Warum lügst du?«. Ich weiß nicht, warum ich nicht die Wahrheit sagte. Sie gab mir eine Zigarette aus Babas Schachtel und forderte mich auf, sie anzuzünden. »Ich rauche nicht«, wiederholte ich. – »Du rauchst«, entgegnete sie. »Ich will nicht, dass du es vor mir verbirgst, und dann erfahre ich es von Hivron oder von den Nachbarinnen. Ich will nicht, dass du etwas hinter meinem Rücken tust, was du sehr wohl vor meinen Augen tun kannst.« Ich gestand alles, und von dem Tag an verheimlichte ich ihr nicht mehr, wenn ich rauchte.

Kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag änderte sich mein Leben grundlegend. Meine kleine Schwester Maha bekam einen Heiratsantrag. Sie nahm ihn an und zog nach Kobane, eine Zweitagesreise von Sham entfernt. Bald darauf wurde sie schwanger. Gelegentlich besuchte sie uns zu Hause. Ich vermisste sie sehr. Ihr ganzes Leben lang hatten wir ein Zimmer und ein Bett geteilt. Jetzt erschien mir dieses viel zu groß. Meine Situation war ohnehin verwirrend. Einerseits träumte ich davon, als unabhängige Frau eine grandiose Karriere als Friseurin zu machen. Andererseits wollte ich mich verlieben, wollte heiraten und irgendwann Kinder haben. Mit knapp siebzehn saß ich quasi zwischen allen Stühlen. Ich nahm eine Teilzeitstelle in einem eleganten Damensalon an. Er lag strategisch günstig im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses, in dem mehrere syrische TV- und Soap-Stars wohnten. Wenn sie von ihren Touren erzählten, hing ich an ihren Lippen. Die Welt gehörte ihnen, schien mir, und genau das wollte ich auch für mich.

Ich war zwanzig, als meine Chance kam. Eines Tages stand eine junge Frau in Linas Friseursalon und musterte mich von oben bis unten. »Sind Sie die Tochter von Abu Mohammad Kurdi?«, fragte sie. Ich nickte. »Ich wohne hier in der Nähe«, fuhr sie fort. »Meine Schwester kennt einen Kurden aus dem Irak, der jetzt in Kanada lebt. Er heißt Sirwan. Er ist für einen Monat hier, und er sucht eine kurdische Braut. Er möchte Ihre Eltern besuchen.« Gemeint war, dass er um meine Hand anhalten wollte. Ich war nicht sicher, was ich davon halten sollte, aber dieser geheimnisvolle Mann, der auf der anderen Seite der Erde lebte, reizte mich durchaus. Ich dachte an meinen Traum: Ein Leben im Westen hatte ich mir immer gewünscht. Wir vereinbarten einen Termin für den Besuch Sirwans.

Ein paar Tage später stand er vor unserer Tür. Wir folgten dem traditionellen muslimischen Protokoll, das vorsieht, dass die zukünftige Braut erst auftaucht, nachdem sich der Heiratswillige und andere Gäste mit den Eltern im Wohnzimmer niedergelassen haben. Sie kommt auch nur dazu, um arabischen Kaffee zu servieren.

Ich betrat das Zimmer mit einem silbernen Tablett, auf dem ich Kaffee und Gläser mit Wasser servierte, hoffend, dass meine zitternden Hände nicht meine Nervosität verraten würden. Ich versuchte, so viel wie möglich mitzubekommen. Schnell und diskret gelang es mir, einen Blick auf Sirwan zu werfen, bevor ich den Raum wieder verließ. Er war wesentlich älter als ich. Tatsächlich trennen uns elf Jahre. Kaum draußen lauschte ich an der Tür, um zu hören, was drinnen gesagt wurde. Doch mein Herz klopfte so heftig, dass ich kaum etwas verstand. Zum Glück spionierte Hivron an diesem Nachmittag für mich. Immer wieder ging sie ins Wohnzimmer und wenn sie rauskam versorgte sie mich mit Lageberichten.

Baba befragte Sirwan. »Was für eine Ausbildung haben Sie?«, wollte er zum Beispiel wissen. – »Ich habe im Irak Jura studiert, konnte mein Studium aber nicht beenden, bevor wir nach Kanada gingen.«

»Wie wollen Sie für meine älteste Tochter sorgen?« – »Zurzeit bin ich Koch in einem Restaurant. Ich werde uns eine schöne Wohnung suchen. Ich kann ihr ein gutes Leben in Kanada bieten.«

Ehrlich gesagt waren mir die finanziellen Arrangements ziemlich gleichgültig. Es war mir auch egal, ob ich mich unsterblich in meinen künftigen Mann verlieben könnte. Mir ging es um den Traum vom Leben im Westen, der endlich wahr werden würde. Mein Vater bestand darauf, dass wir die Ehe in Damaskus schlössen, und das auch erst, wenn die Einwanderungspapiere vollständig vorlägen. Man hörte nämlich immer wieder Geschichten von Männern, die aus dem Ausland nach Syrien kamen, um eine Syrerin zu heiraten, von der sie sich gleich nach der Hochzeit wieder scheiden ließen, und zwar noch bevor die Frauen ein Recht auf Einbürgerung in ihrer neuen Heimat hatten. Diese Frauen wurden dann wie eine Kiste voller Scherben zurück zu ihren Eltern geschickt. Mein Vater wollte alles tun, um mir dieses Schicksal zu ersparen.

Nachdem Sirwan gegangen war, setzte sich meine Mutter zu mir, nahm meine Hand und sagte: »Er scheint ein guter Kerl zu sein. Was hältst du von einem Umzug nach Kanada?« – »Es ist aufregend. Ich möchte unbedingt dorthin«, antwortete ich.

»Es ist sehr weit weg«, sagte Mama. Doch sie lächelte und drückte meine Hand, damit ich ihre Besorgnis nicht sähe.

Mein Vater kehrte ins Zimmer zurück. »Du bist ein Teil meines Herzens. Du bist etwas Besonderes für mich«, sagte er. »Ich weiß nicht, was die Zukunft dir bringen wird. Dieser Mann kann sich als guter oder schlechter Mann entpuppen. Doch du entscheidest.«

Damit begann eine höchst spannende Zeit in meinem Leben. Wenige Tage später holte Sirwan mich ab, und wir gingen ins jüdische Viertel, um Goldringe zu kaufen. In der Woche darauf feierten wir unsere Verlobung. Ich trug ein pinkfarbenes Prinzessinnenkleid mit glitzernden Perlen, und ich sorgte dafür, dass meine Haare einen schicken Fransenschnitt hatten. Dann folgte das bürokratische Prozedere für mein kanadisches Visum. Das Büro in der kanadischen Botschaft wurde mir bestens vertraut. Die Beamten dort waren ausgesprochen freundlich und nett. »Vancouver ist sehr schön«, machten sie mir Mut.

Nachdem wir die Behördengänge erledigt hatten, kehrte Sirwan für die Hochzeit zurück nach Syrien. Die Trauung organisierten wir auf unserer Dachterrasse. Mein Hochzeitskleid hatte ich selbst entworfen: Eigentlich sollte es wie eine Blüte wirken, aber am Ende sah ich eher aus wie ein Marshmallow. Unsere Hochzeitsnacht verbrachten wir im Sheraton. Wir blieben dort zwei Tage. Am Vorabend unserer Abreise nach Kanada verabschiedeten sich meine Familie und meine Freundinnen von mir mit einer Party bei uns zu Hause.

Die Reise nach Kanada war mein erster Flug. Für diesen Anlass wollte ich bestens gekleidet sein: Ich trug ein elegantes weißes Kostüm, mit maßgeschneidertem Rock und einer Schößchen-Jacke mit Rüschen. Ich fühlte mich ungemein stylisch und erwachsen. Die ganze Familie kam zum Flughafen, um Abschied zu nehmen, und mir wurde langsam klar, dass ich tatsächlich dabei war, meine Familie zu verlassen, ohne zu wissen, wann ich sie wiedersehen würde.

»Ich werde euch unendlich vermissen«, rief ich meinen Geschwistern und vor allem Mama und Baba zu, die ich vermutlich hundert Mal küsste und umarmte, bis wir aufgerufen wurden, an Bord zu gehen.

»Melde dich, sobald du angekommen bist«, sagte Mama, ihr Gesicht tränenüberströmt.

»Komm wieder und besuch uns so bald und so oft du kannst«, sagte Baba und kämpfte mit den Tränen.

Im Flugzeug weinte ich. Stundenlang und wenig zur Eleganz meines weißen Kostüms passend. Vor der Landung ging ich mich frischmachen. Ich legte neues Makeup auf und dann – ich erröte noch heute bei der Erinnerung an das, was ich tat – setzte ich mir mein Hochzeitsdiadem auf. Als ich aus der Flugzeugtoilette trat, mit dem Diadem im Haar, applaudierten die anderen Passagiere. Anmutig schritt ich durch den Gang. Ich kam mir vor wie eine Prinzessin, auf deren Weg man Rosen gestreut hat.

Nach der Landung wurden wir von Sirwans zahlreichen Freunden begrüßt. Sie hatten uns am Flughafen erwartet, in traditioneller kurdischer Tracht, damit ich mich willkommen fühlen würde. Allerdings sprachen die meisten von ihnen kein Arabisch, sondern nur irakisches Kurdisch, was sich vom syrisch-kurdischen Dialekt unterscheidet. Eine wirkliche Unterhaltung war daher leider nicht möglich.

Mein Mann hatte ein schönes Apartment für uns gemietet. Es befand sich in North Vancouver, einem in den Bergen gelegenen Vorort, gegenüber vom Hafen und dem Stadtzentrum. Ich fand es wundervoll. Die Stadt glitzerte und glänzte, mit ihren Hochhäusern, umgeben von Wasser und grünen Hügeln. Anders als unser Domizil auf dem Berg in Syrien lag mein neues Zuhause am Fuß eines Berges. Es war eine Erdgeschosswohnung mit einem kleinen Hof, von dem aus man ein Stück der Lions Gate Bridge sehen konnte.

Am nächsten Morgen – mein erster in Kanada – sprang ich aus dem Bett, um meine neue Welt zu erkunden. Ich rief meine Eltern an, um ihnen zu sagen, dass ich gut angekommen war. Kaum hörte ich die Stimme meiner Mutter, kamen mir die Tränen. »Versprich mir, dass du jedes Jahr zu Besuch kommst«, bat sie. Ich versprach es. »Ich komme jedes Jahr. Nichts wird mich davon abhalten.« Ich sagte ihr auch, dass ich es nicht abwarten könnte, Mutter zu werden.

Ich verbrachte viel Zeit im Haus einer kurdischen Freundin von Sirwan, die am Rand des Stadtzentrums lebte. Sie war freundlich und gab mir das Gefühl, willkommen zu sein, doch sie sprach nur wenig Arabisch. Sie und ihr Mann hatten sechs Kinder zwischen zwei und dreizehn Jahren. Bald waren sie meine Ersatzfamilie. Jeden Tag war ich bei ihnen, und manchmal übernachtete ich sogar dort. Mein Mann arbeitete lange Schichten im Restaurant, und nach Feierabend ging er oft mit seinen kurdischen Freunden aus.

Tatsächlich waren die ersten Jahre in Vancouver nicht einfach. Es fiel mir schwer, Englisch zu lernen, und ich konnte anfangs mit kaum jemandem kommunizieren. Ich hatte Sehnsucht nach meiner Familie: nach dem Kaffee am frühen Morgen mit meiner Mutter, nach meinem Vater, seinen Kräutermischungen und seinen weisen Worten, nach den großen Familienmahlzeiten und dem köstlichen Essen, nach den wöchentlichen Tanzpartys mit meinen Tanten, Schwestern und Cousinen. Ich vermisste Abdullahs Scherze und Geschichten, die uns zum Lachen brachten. Mir blieben nur die kurzen wöchentlichen und immer gehetzten Telefonate. Ich hatte ungeheures Heimweh. Ghorbah ist das arabische Wort für dieses Gefühl der Entfremdung, das Gefühl, man hat dir die Wurzeln gekappt, das Gefühl, du hättest ein riesiges Loch im Herzen, das nie mehr gefüllt oder geflickt werden kann.

Bald nach meiner Ankunft in Kanada wurde ich schwanger, was meine ghorbah noch steigerte. In den ersten Schwangerschaftsmonaten war mir häufig übel. Obwohl ich hätte zunehmen sollen, verlor ich an Gewicht. Ich aß kaum noch, bis ich die Pommes Frites bei McDonald’s entdeckte, die erstaunlicherweise das Einzige waren, was ich bei mir behielt. Vermutlich übertrieb ich nun, denn in den letzten drei Schwangerschaftsmonaten wurde ich richtig dick. Ich hatte auch kaum noch Bewegung – kein tägliches Treppensteigen oder Erklimmen steiler Berge auf dem Heimweg mehr.

Der Herbst kam, und es regnete viel. Ich verbrachte die meiste Zeit im Haus. Das feuchte Wetter Vancouvers zog mir in die Knochen, und die Wolken wie der endlos graue Himmel schlugen mir aufs Gemüt. Der Frühling war eine höchst willkommene Abwechslung. Die mächtigen Ahornbäume und Eichen schmückten sich mit leuchtend grünen Blättern, der Rhododendron und die Tulpen erwachten aus langem Schlaf und explodierten in bunter Farbe. In meinem leuchtend gelben Regenmantel wirkte ich so schwanger, dass es aussah, als würde ich ebenfalls jeden Moment platzen.

Mein Sohn Alan wurde im April 1993 geboren. Wir nannten ihn Alan nach dem Alana-Tal, der alten Heimat meines Mannes im irakischen Kurdistan. Ich fand es wundervoll, Mutter zu sein. Gleichzeitig sehnte ich mich noch mehr nach meiner Familie. Ich wollte meine Mama sehen. Jetzt, wo ich ein eigenes Baby hatte, meinen Sohn, fühlte ich mich ihr noch näher. Meine schönste Erinnerung aus dieser Zeit ist meine erste Heimreise nach Damaskus. Im Sommer 1994 machte ich mich auf den Weg. Meine Lieben in Syrien sollten endlich meinen Sohn Alan kennenlernen.

Kapitel 3
Du bist mein Leben

Das Flugzeug überflog die Bergkette, die Lichter meiner Heimatstadt schienen unter uns auf. Mein Herz klopfte heftig.

»Ich kann gar nicht erwarten, dass wir landen und du deine Familie kennenlernst«, sagte ich zu Alan.

Die Flugzeugtüren wurden geöffnet, und ich roch es sofort: Jasminduft lag in der Luft. Kaum hatten meine Füße den Asphalt auf dem Rollfeld berührt, wollte ich mich niederwerfen und den Boden küssen. Bei der Zollkontrolle strahlte ich, als der Beamte zu mir sagte: »Herzlich willkommen in Ihrem Land.« Die Wartezeit am Gepäckband erschien mir unendlich lang, wusste ich doch, dass meine Familie mir so nah war. Als ich sie schließlich sah, konnte ich die Freudentränen nicht mehr zurückhalten. Ich stürzte auf sie zu und warf mich in ihre Arme.

Verdutzt nahm Alan hin, dass mehr als ein Dutzend Verwandte ihn herzten und küssten. Wir quetschten uns ins Auto und fuhren los. Der achtzehnjährige Abdullah hatte Alan auf dem Schoß und plapperte in seinem Pidgin-Englisch auf ihn ein. Völlig sinnloses Zeug, das niemand verstand, außer dem kleinen Alan, der mit seinem süßen Stimmchen in seiner eigenen Babysprache antwortete.

»Alan bringt mir Englisch bei«, sagte Abdullah auf Arabisch. Sie wurden schnell Freunde.

Als wir Damaskus erreichten, steckte ich den Kopf weit aus dem Wagenfenster. Endlich atmete ich wieder das magische Aroma meiner Stadt: Jasmin und Rosen, Gewürze auf dem Herd, Berge im warmen Licht der Sonne und das süßliche, kühle Nass des Barada-Flusses, der sich durch die ganze Stadt zieht. Zu Hause erfasste mich dann dieser andere betörende Duft – der Zauber des Zuhauses, des Heims der Familie, einzigartig wie ein Fingerabdruck. Ich spürte Liebe und Zusammengehörigkeit. Ich öffnete jede Tür, ging in jedes Zimmer, weidete mich an den Bildern und Fotografien, an den Möbeln, und genoss vor allem den Blick auf die Nachbarschaft. Jedes Fenster war ein Rahmen für ein lebendes Kunstwerk. Meine Liebsten ließen mich nicht eine Sekunde aus den Augen. Sie lachten. Alan hatte gerade Laufen gelernt. Abdullah nahm ihn bei der Hand und führte uns in die Küche: »Teta, deine Großmutter, hat das Lieblingsessen deiner Mama gekocht. Riech mal: warak inab, gefüllte Weinblätter.« Danach stiegen wir alle aufs Dach und bewunderten das Panorama.

»Das ist einmalig«, sagte ich. Ich fühlte mich, als schwebte ich auf seidenen Wolken.

Abdullah hatte sich nicht verändert. Er liebte immer noch derbe Scherze. Mein Mitbringsel für ihn bei meinem ersten Besuch in der alten Heimat war ein Furzkissen.

»Lass uns Baba einen Streich spielen«, flüsterte er Alan ins Ohr. Sobald sich die Gelegenheit bot, legte er das Kissen auf den Platz unseres Vaters. Erschrocken sprang dieser auf, als es plötzlich laut unter ihm hervortönte. Wir konnten uns kaum halten vor Lachen, als wir sein Gesicht sahen.

Nach sechs wunderbaren Wochen in der Heimat hieß es Abschied nehmen. Alan und ich kehrten nach Vancouver zurück, in unser ungleich tristeres Leben. Es gab zunehmend Spannungen in meiner Ehe. 1996 trennte ich mich von meinem Mann. Es war meine Entscheidung. Er war ein großartiger Vater für Alan und hatte auch versucht, ein guter Ehemann zu sein. Doch unsere Beziehung funktionierte nicht. Mein Vater war empört, als ich ihn anrief und sagte, ich würde mich scheiden lassen.

»Komm sofort zurück nach Damaskus«, befahl er.

»Das geht nicht«, antwortete ich. »Alans Vater möchte nicht, dass ich mit dem Kind so weit fortgehe, und ich gebe meinen Sohn nicht auf.«

Das wollte mein Vater auch nicht. Rückblickend ist mir klar, dass er sich um mich als alleinstehende Mutter sorgte. Damals jedoch verstand ich seine Order als autoritäres Ultimatum. Die Scheidung provozierte einen Riss zwischen mir und meiner Familie, der uns fünf lange Jahre trennte. Die Entfremdung von meinen Liebsten machte mir das Leben als frische Immigrantin noch schwerer. Von Zeit zu Zeit telefonierte ich mit meiner Mutter, doch es waren knappe, wenig entspannte Gespräche.

Ich lebte in einem heruntergekommenen Mietshaus in East Vancouver, zusammen mit mehreren anderen Alleinerziehenden und ihren Kindern. Meine Englischkenntnisse waren nach wie vor dürftig. Trotzdem suchte ich Arbeit. Ich brauchte einen Job. Kurdische Freunde meines Ex-Mannes trugen Zeitungen aus. Sie rieten mir, ich sollte mich beim Verlag bewerben, und tatsächlich bot man mir die Nachtschicht in der Druckerei an. Meine Aufgabe war die Platzierung der Anzeigen im Blatt. Wenn ich nicht zu Hause war, schlief Alan bei Iris, meiner chinesischen Freundin, die ebenfalls ein Kind hatte, oder bei Sirwan. Nun verdiente ich Geld, hatte aber zunächst noch stärker das Gefühl, fremd in einem fremden Land zu sein, als in der Zeit, als ich noch bei meinem Mann gelebt hatte. Ich war einsam, mittellos und müde. Mit meinen Kolleginnen sprach ich kaum. Die meisten waren Einwandererinnen wie ich. Sie kamen von den Philippinen, aus Indien oder Pakistan. Ihr Englisch war nicht besser als meins.

Nacht für Nacht stand ich am Montagetisch und sehnte mich nach dem Ende meiner Schicht. Es drängte mich nach Hause, zu Alan. Ich war für mein Leben gern Mutter, und jede Stunde, die ich von meinem Jungen getrennt verbrachte, erfüllte mich mit Schmerz, Angst und Schuldgefühl.

Eines Nachts überwältigten mich der Stress und die Müdigkeit. Ich begann zu weinen. Meine Tränen tropften auf die Zeitungsseiten, und die Druckerschwärze verwischte. Linda, die Schichtleiterin, sah es. Sie kam zu mir, und ich fürchtete, dass sie mich rausschmeißen würde. Doch sie stellte sich schweigend neben mich und arbeitete an meiner Seite weiter. Am nächsten Abend das Gleiche. Doch dieses Mal brachte sie mir ein neues englisches Wort bei und sagte, das würde sie von nun an immer machen: jede Nacht ein neues Wort.

Fast zwei Jahre lang blieb ich im Werk. Linda wurde eine gute Freundin und meine Verbündete. Manchmal kam sie mich zu Hause besuchen und brachte Spielsachen für Alan mit. Ein anderes Mal zeigte sie uns die Stadt. Bei einem ihrer Besuche erzählte ich ihr, dass ich in Damaskus Friseurin gewesen war.

»Ich brauche einen guten Haarschnitt«, sagte sie. »Kannst du mir die Haare schneiden?« Ich nahm sie mit in mein winziges Badezimmer.

»Wow«, sagte sie, als sie sich im Spiegel sah. »Hast du Zeugnisse?« – »Ich bin in Damaskus zur Schule gegangen und habe dort in einem Haarsalon gearbeitet«, antwortete ich. »Doch ich habe keinen offiziellen Abschluss in Kanada.«

Das sollte ich nachholen, schlug mir Linda vor. Mit ihrer Hilfe bewarb ich mich bei einem Ausbildungszentrum für Friseure in Vancouver, damit ich das nötige Zertifikat bekäme. Nachdem ich ein paar Monate den Einführungskurs besucht hatte, sprach mich eine der Dozentinnen an.

»Sie vergeuden Ihre Zeit und Ihr Geld hier«, sagte sie. »Ich kenne einen Italiener, der eine Mitarbeiterin für seinen Salon sucht. Sprechen Sie mit ihm. Vielleicht stellt er sie ein.«

»Ich habe keinen kanadischen Abschluss«, antwortete ich.

»Mit Ihren Fähigkeiten und Ihrer Erfahrung sollte das kein Problem sein. Rufen Sie ihn an«, empfahl sie und gab mir seine Telefonnummer.

Das war 1998. Ich bekam die Stelle bei ihrem Bekannten in einem schicken Friseursalon in der Robson Street in Vancouver. Die Kundschaft war edel und die Trinkgelder großzügig. Oft fragte man mich, woher ich käme. Wenn ich »Syrien« sagte, wussten die meisten nicht, wo das ist. Nur wenn ich ergänzte »das Land neben dem Libanon«, hatten sie eine Ahnung, wo sie meine Heimat auf der Karte finden könnten. Vielen fiel es auch schwer, meinen Namen – Fatima – auszusprechen. Als mein Chef neue Visitenkarten bestellte, kam er auf die Idee, dass ich mich Tima nennen könnte. Das gefiel mir, und seitdem bin ich für die meisten Englischsprechenden Tima. Mittlerweile nennen mich sogar meine Geschwister so.

Das Team im Salon war eine eingeschworene Gemeinschaft, die mich und meinen Sohn schnell in ihren Kreis aufnahm. Bald waren meine Kolleginnen und ich beste Freundinnen, und ich entwickelte mich zu der unabhängigen Frau aus dem Westen, die ich als Kind immer sein wollte. Ich war beliebt, und manch einen Freitagabend verbrachte ich in netter Gesellschaft in Restaurants und Cafés. Mir begegneten auch einige Männer, die sich gern mit mir verabredet hätten. Doch sie interessierten mich nicht. Mein Sohn war mein Ein und Alles, und ich wollte mich nie wieder mit jemandem zufriedengeben, den ich nicht liebte, und mich auch nicht auf einen Mann einlassen, der sich nicht ernsthaft und liebevoll meinem Sohn gegenüber verpflichtet fühlte.

Mein Gehalt war passabel und ich sparte einige Jahre, bis ich es mir schließlich 2002 leisten konnte, wieder nach Damaskus zu fliegen. Alan war mittlerweile neun Jahre alt. Diese Heimreise werde ich nie vergessen. Seit ich Syrien verlassen hatte, war meine Familie enorm gewachsen. Ich sah jede Menge fremde Gesichter in der Menge, die uns am Flughafen erwartete. Mohammad hatte Ghouson geheiratet, eine schöne, große, schlanke Frau aus Rukn al-Din. Sie lebten mit ihren zwei kleinen Kindern – ein Mädchen namens Heveen und ein Baby namens Shergo – in der dritten Etage unseres Hauses auf dem Berg. Maha reiste mit ihren sechs Kindern – Rodeen, Adnan, Barehan, Fatima (nach mir benannt), Mahmoud und Yasmeen – aus Kobane an. Meine Schwester Shireen hätte ich fast nicht wiederkannt. Sie war jetzt 23 Jahre alt und Ehefrau eines Zimmermanns namens Lowee. Die beiden wohnten ganz in der Nähe meines Elternhauses, auf halber Strecke zwischen unserem Domizil am oberen Ende und dem Fuß der steilen Straße, die ins Tal führte. Ihr Heim war perfekt für einen Zwischenstopp mit einem Glas Tee, wenn man sich mit schweren Taschen bepackt auf dem Rückweg vom Lebensmittelmarkt befand. Shireens und Lowees zwei kleine Söhne hießen Yasser und Farzat.

Und dann meine kleine Spionin Hivron. Jetzt war sie zwanzig, eine erwachsene junge Frau. Ahmad, der gleich nebenan wohnte, hatte ein Auge auf sie geworfen. Onkel Mahmoud war skeptisch: »Er ist so jung; er hat nichts. Du bist jung und schön«, warnte er meine Schwester vor ihrem Verehrer. »Du kannst jeden haben.« – Doch Hivron kämpfte für Ahmad: »Ich bin verliebt. Er oder keiner!«, waren ihre Worte. Sie war entschlossen, und wenn Hivron etwas will, dann bekommt sie es auch. Bei unserem Besuch 2002 hatte Hivron drei kleine Kinder, zwei Töchter mit Namen Rawn und Ghoufran und einen Sohn namens Abdulrahman.

Abdullah war längst nicht mehr der tolpatschige, unbekümmerte Junge, den ich von früher erinnerte. Mit 26 Jahren und Bartstoppeln in seinem fein gezeichneten Gesicht war er jetzt ein echter Mann. Sein freundliches und humorvolles Wesen hatte sich jedoch nicht verändert. Sein breites Lächeln war ansteckend wie eh und je. Abdullah hatte mehrere Länder im Nahen Osten bereist, aber Syrien war ihm das liebste. Jetzt arbeitete er in Mohammads Salon. Noch war er unverheiratet und lebte nach wie vor in der zweiten Etage des Hauses unserer Eltern.

Ein großer Schock für mich war jedoch meine Mutter. Meine schöne, lebhafte Mutter war alt geworden. Sie war erst 51, doch sie wirkte viel älter. Ihr Gesundheitszustand hatte sich über die Jahre dramatisch verschlechtert. Sie litt unter einer schweren Diabetes und hatte, wie viele Mitglieder ihrer Familie, Herzprobleme. Am Flughafen in Damaskus kniete ich vor ihr nieder und küsste ihre geschwollenen Füße. »Vergib mir, dass ich so lange fort war«, schluchzte ich. Doch meine Mutter antwortete auf ihre übliche liebevolle Art: »Du bist ein Teil meines Herzens. Du bist mein Leben.«

Wir fuhren nach Hause, in unser Heim, das immer noch seinen eigenen, uralten Duft verströmte. Meine Mutter war von ihrer Krankheit gezeichnet. Doch das hielt sie nicht davon ab, meine Lieblingsgerichte zu kochen: Dolma mit Rindfleisch, Mahshi (gefüllte Zucchini und Auberginen) und vor allem Kibbeh, eine mit köstlichen Zutaten gefüllte Bulgurteigtasche. Ich aß viel bei diesem Besuch, aber ich trainierte es mir gleich auch wieder ab bei meinen Spaziergängen durch die Stadt, die ich neu kennenlernen wollte. Und natürlich tanzte ich viel bei unseren abendlichen Partys. Ich filmte zahlreiche Stunden dieser Reise mit meiner Videokamera. Die Bilder zeigen uns, wie wir durch die Straßen von Damaskus schlendern, Kaffeepausen einlegen in den Cafés, und wie wir tanzen, immer wieder tanzen. Mohammads Frau Ghouson bewegt sich so anmutig, dass die Kamera ständig auf sie schwenkt. Hivron präsentiert sich stolz mit dem weißen Hausanzug aus Seide, den meine Freundin Iris mir in Vancouver gegeben hatte. Mahas Tochter Fatima ist noch nicht einmal in der Pubertät, und Alan noch ein kleiner Junge, doch er überragt seine Cousine Heveen und seinen Cousin Abdulrahman. Yasser und Shergo sind pummelige Knirpse mit dicken, rosa Bäckchen. Der einzige Unterschied zu der Zeit, in der wir jung waren, ist, dass mehrere von uns jetzt beim Tanzen ihre eigenen Kinder trugen.

Wir hatten eine wunderbare Zeit, doch der sich verschlechternde Gesundheitszustand meiner Mutter warf einen dunklen Schatten auf meine Wochen in Syrien. Bevor ich nach Vancouver zurückflog, hatten wir ein ernstes Gespräch. Sie hielt meine Hand und sagte: »Versprich mir, dass du dich um Abdullah kümmern und ihm helfen wirst, eine gute Frau zu finden.«

Ich wollte das nicht hören. »Du wirst eine Frau für Abdullah finden«, sagte ich. Traurig blickte sie zur Seite.

Den gleichen traurigen Blick hatte sie, als ich sie am Flughafen zum Abschied küsste und sagte: »Wir sehen uns nächstes Jahr.« An jenem Tag sah ich sie zum letzten Mal.


Bald nach meiner Reise erkrankte meine Mutter schwer und wurde bettlägrig. Es folgten viele Monate, die sie abwechselnd im Krankenhaus und zu Hause verbrachte. Meine Geschwister besuchten sie täglich. Abdullah war ihr näher als alle anderen. Er saß permanent an ihrem Bett. Ich litt an jedem Millimeter der zehntausend Kilometer, die uns trennten. Wir telefonierten jeden Tag. Ich nutzte Telefonkarten für Ferngespräche, sodass ich sowohl von der Arbeit als auch von zu Hause anrufen konnte.

Eines Morgens vor der Arbeit erreichte ich niemanden im Haus meiner Eltern. Also rief ich Onkel Mahmoud auf dem Handy an. »Ich kann jetzt nicht. Ich rufe zurück«, sagte er und beendete das Gespräch. Sein Ton verriet nichts, aber ich hatte das schreckliche Gefühl, dass etwas mit meiner Mutter war. Ich war dem Weinen nah. Doch ich riss mich zusammen, drängelte Alan ungeduldig, sich für die Schule fertig zu machen, und fuhr zur Arbeit.

Im Haarsalon hatte ich eine Kundin nach der anderen. Es ergab sich nicht einmal eine zehnminütige Pause. Erst am Nachmittag konnte ich mich in die privaten Räume im hinteren Teil des Geschäfts zurückziehen und brach in Tränen aus. Mein Chef und meine Kollegin fragten, was los sei. Ich gestand ihnen, dass ich mir Sorgen um meine Mutter machte und nicht arbeiten könnte. Sie waren sehr verständnisvoll und erlaubten mir, Onkel Mahmoud noch einmal anzurufen.

»Onkel, sag die Warheit: Was ist los mit Mama?«, schrie ich ins Telefon.

»Wir sind alle in Gottes Hand«, antwortete er.

»Was meinst du? Ist Mama tot?«

»Möge Gott ihrer Seele Frieden geben.«

Ich sank auf den Boden und jammerte laut. »Wartet mit der Beerdigung«, bettelte ich. »Ich will dabei sein. Ich will noch ein letztes Mal ihre Hand halten und ihre Wange küssen. Ich will mich verabschieden.«

»Das geht nicht, Fatima«, sagte Mahmoud sanft. »Komm zur Einjahresfeier an ihrem ersten Todestag.«

Ich wartete keine Sekunde. Ich verließ den Salon und ging nach Hause. Von dort rief ich meine Familie in Damaskus an. Baba meldete sich. Im Hintergrund hörte ich jemanden den Koran rezitieren. Ich weiß nicht mehr, ob wir überhaupt sprachen. Ich glaube, wir weinten nur. Irgendwann gab mein Vater das Telefon weiter an Abdullah.

»Wie soll ich weiterleben? Ich fühle mich so verloren«, sagte Abdullah. Ich versuchte, ihn zu trösten, doch das Guthaben auf meiner Telefonkarte war aufgebraucht und die Verbindung wurde unterbrochen.

In Syrien sagen wir, dass Allah zwischen den Toten und den Lebenden eine Mauer errichtet, die im Laufe der Zeit höher wird, damit die Familie ihr Leben fortsetzen kann. Doch das ist leichter gesagt als getan. Nach Mamas Tod fiel Abdullah in eine tiefe Depression. Um meines Vaters willen versuchte er, sie so weit wie möglich zu verbergen, und meine anderen Geschwister bemühten sich nach Kräften, Baba nicht allein zu lassen. Mohammads Familie wohnte ja im gleichen Haus wie er, Hivron und Shireen kamen jeden Freitag und verbrachten viele Stunden mit ihm. Doch meine Geschwister hatten auch noch ihr eigenes Leben und viel zu tun. Es war für Abdullah und meinen Vater eine einsame und schwere Zeit: zwei Männer allein in diesem Haus, beide bemüht, tapfer zu sein, wenn sie zusammen waren, und doch jeder für sich um die geliebte Frau und Mutter trauernd.


Im folgenden Sommer reiste ich nach Sham, um das Grab meiner Mutter zu besuchen und ihr die letzte Ehre zu erweisen. Das Haus war voll anlässlich meines Besuchs, und gleichzeitig war es leer ohne sie. Ein riesiges Loch gerissen mitten in unser Leben. Mein Vater hatte ein großes Foto von Mama rahmen lassen. Es hing so an der Wand, dass er und Abdullah sie bei jeder Mahlzeit sehen konnten. »Probier mal das Kibbeh«, sagte Abdullah dann zu ihr. »Ist aber nicht so lecker wie deines.«

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, erwartet man in islamischen Kulturen, dass die Trauernden im Namen des Verstorbenen ein wohltätiges Werk tun und jemandem in Not helfen. Bei meinem Besuch in Sham bestellte ich beim Metzger vor Ort einhundert Hähnchen. Am nächsten Tag sollten die Kinder von Tür zu Tür gehen. Wenn jemand öffnete, würden sie sagen: »Unsere Tante schickt uns mit diesem Hähnchen zu Ihnen. Im Namen der Seele unserer Großmutter.« Die Beschenkten würden in aller Bescheidenheit das Geschenk entgegennehmen und antworten: »Möge die Seele eurer Großmutter in Frieden ruhen.«

Ich besuchte auch den Olivenhain unserer Familie in Kobane. Mein Vater und meine Brüder hatten ihn ein paar Jahre vor dem Tod meiner Mutter gepflanzt. Baba sagte damals: »Olivenbäume werden Hunderte von Jahren alt, sie sind winterhart und widerstehen der Trockenheit. Wenn wir Oliven anbauen, kann jeder von uns ein Jahr vom Ertrag leben.« Gewiss, es dauert gute fünf Jahre, bis ein Olivenbaum groß genug ist, um Früchte zu tragen. Doch mein Vater kann, wenn er will, sehr geduldig sein.

Zwischen 2000 und 2010 kehrte ich mindestens jeden zweiten Sommer nach Damaskus zurück. Die Stadt wuchs und veränderte sich, doch oben auf dem Berg, auf unserer Dachterrasse, schien die Zeit stillzustehen. Jeden Morgen weckte mich der Gebetsruf. Jeden Tag lief ich, nachdem ich meinen arabischen qahwah – Kaffee – getrunken hatte, ans Fenster, um die Händler und Verkäufer zu hören, die auf der Straße unterwegs waren, während Sham erwachte. Bei meinem Besuch im Sommer 2005 weckte mich überdies jeden Morgen der Klingelton meines Handys. Rocco rief an, ein italienischstämmiger Kanadier, den ich im Jahr zuvor kennengelernt hatte. Wir waren in den vergangenen Monaten mehrmals miteinander ausgegangen. Meine Kolleginnen spielten jeden Sonntag Volleyball am Kits Beach, und irgendwann kam Rocco regelmäßig vorbei. Er war ein ebenso schlechter Volleyballspieler wie ich, aber mein Sohn und er wurden bald Freunde. Alan war erst zwölf, aber weitaus reifer als andere Kinder in seinem Alter. Überdies verfügte er über eine grandiose Menschenkenntnis. Dass er Rocco mochte, war ein gutes Zeichen. Es war verführerisch, als Rocco mich kurz vor meinem Abflug nach Damaskus um ein Rendezvous bat. Doch meine Familie wollte mich lieber mit einem netten Syrer sehen. Meine Schwestern hatten ein paar Kandidaten im Kopf, die ich treffen sollte, wenn ich im Land wäre. Ich sagte Rocco, dass es sein könnte, dass ich vielleicht nicht mehr Single wäre, wenn ich nach Kanada zurückkäme. Doch er gab nicht auf.

»Darf ich dich in Syrien anrufen?«, fragte er. Ich sagte, das könne er tun. Rocco arbeitete im Verkauf, und bei unseren täglichen Telefongesprächen erwies sich, dass er ein Meister seines Fachs war.

Wir heirateten 2006 in seiner Heimatstadt Toronto. Es war eine große italienische Hochzeit. Leider konnte meine Familie nicht dabei sein. Der Weg nach Kanada war zu weit. Alan führte mich zum Altar, und meine liebe Freundin Iris war meine Brautjungfer. Damit wir einen Hauch von Sham bei der Feier hätten, heuerte ich eine Bauchtänzerin an. Ich vermisste meine Liebsten, doch ich genoss ein Stückchen Heimat während unserer Flitterwochen in Montreal. Die Stadt war der erste Ort in Nordamerika, der mich an Damaskus erinnerte: alte Gebäude, enge, mittelalterlich wirkende Sträßchen, soziales Leben im öffentlichen Raum, Cafés, Bars und all die fantastischen Restaurants, die köstliches Essen aus dem Nahen Osten servierten!

Zurück in Vancouver zogen wir in ein hübsches Terrassenhaus in Coquitlam, mit einer von der Küche aus begehbaren hinteren Veranda und einem Garten, in dem ich Gurken und saftige Biotomaten anbauen konnte. Ich fügte einen Hauch Damaskus hinzu und pflanzte Wein. Die Trauben sollten sich an einem großen Zedernholz-spalier emporranken, und ich wollte in ihrem Schatten sitzen, Kaffee trinken und mit meinen Freundinnen plaudern. Rocco und ich planten auch gemeinsame Kinder, doch es sollte nicht sein. Wir versuchten es immer wieder, letztlich sogar mit künstlicher Befruchtung. Vergebens. Ich war verzweifelt und traurig, dass ich keine weiteren Kinder bekommen konnte, doch ich musste es hinnehmen.

Mein Mann war viel unterwegs. Häufige Geschäftsreisen führten ihn quer durch Kanada und auch nach Fernost. 2011 kündigte ich meinen Job im Salon, um Rocco nach Shanghai zu begleiten, wo wir bis 2013 lebten. Zeitlich war ich in jenen Jahren flexibel, und ich genoss unsere zahlreichen Trips zu den exotischsten Orten dieser Welt – Philippinen, Hongkong, Singapur, Bangkok.

Vor unserem Umzug nach Shanghai hatte ich fast jeden Sommer in Syrien verbracht. Manchmal kamen Alan und Rocco mit, andere Male reiste ich allein. Meist blieb ich vier bis sechs Wochen. Zwischen den Besuchen telefonierte ich mindestens einmal wöchentlich mit meinen Lieben. Später kommunizierten wir via Internet und Videocall. Onkel Mahmoud war der Erste, der diese neuen Medien nutzte, und meine Familie meldete sich regelmäßig bei mir, wenn sie bei ihm war.

Bei meinen häufigen Aufenthalten in Damaskus blieb mir nicht verborgen, dass die Stadt von Jahr zu Jahr westlicher und moderner wurde. Mittlerweile gab es Vergnügungsparks und Internet-Cafés, Sushi-Restaurants waren angesagt, und viele trugen ein Handy mit sich. Doch auch die Altstadt lebte weiter und man konnte sich nach wie vor herrlich im Labyrinth ihrer Gassen mit den bezaubernden Schätzen verlieren. Die Orte, die ich in meiner Heimatstadt am meisten liebte, hatten sich nicht verändert. Und immer noch blühte überall wilder Jasmin. In Kaskaden rankte er sich von den Balkonen und auf den Innenhöfen, quoll aus den Blumentöpfen, ergoss sich über die antiken Steinwälle, blühte zwischen den Pflastersteinen.

Meine syrische Familie – überwiegend selbstständige Kaufleute und kleine Gewerbetreibende – genossen, wie auch frühere Generationen, eine Ära der Stabilität, des Wachstums und des zunehmenden Wohlstands. Mohammads Friseursalon florierte, und seine Frau Ghouson bekam zwei weitere Kinder. Shireen hatte jetzt drei Jungen. Maha lebte nach wie vor in Kobane, jetzt mit acht Kindern. Hivron war fünffache Mutter und wohnte noch bei den Schwiegereltern. Sie und ihr Mann hatten sich bei Jarmuk, einem Vorort von Damaskus, überdies ein Sommerhaus gebaut. Meine jugendlichen Nichten und Neffen in Sham organisierten sich Ferienjobs und verdienten genug, um Handys und Sneaker zu kaufen.

Abdullah hatte seine Unterkunft immer noch bei Baba in Sham. Er war nun 33 Jahre alt und nach wie vor alleinstehend. Keine Partnerin, die wir vorschlugen, gefiel ihm. Die Frauen, die wir nannten, interessierten ihn nicht. Er wollte selbst wählen. Er ließ sich auch nicht drängen oder sich von seinen liebevollen, doch sehr dominanten, nervenden Schwestern die Entscheidung abnehmen.

Im Spätsommer 2010, kurz nachdem ich von einer meiner Sommerreisen nach Kanada zurückgekehrt war, fuhr Abdullah mit unserem Vater und Mohammad nach Kobane, um sich um den Olivenhain der Familie zu kümmern. Die Bäume trugen schöne, reife Früchte – nicht allzu viele, doch es war ein Anfang. Diese ersten Ernten brachten unserer Familie tatsächlich etwas Geld ein. Eines Tages arbeitete Abdullah auf der Plantage, als ihm eine junge Frau mit dunklen Haaren auffiel. Ihre Familie rief sie Rehan, das arabische Wort für Basilikum. Andere aber nannten sie Rehanna. Sie war 22 Jahre und sehr schüchtern, doch Abdullah fand schnell heraus, dass sie eine Cousine zweiten Grades war. In Syrien ist es nicht ungewöhnlich, dass man den Cousin oder die Cousine zweiten Grades heiratet. Abdullah verliebte sich in Rehanna.

Im September rief er mich an und verkündete: »Rehanna und ich gehen heute unsere Ringe kaufen.«

Ich freute mich sehr für die beiden. »Mabrouk! Glückwunsch! Mama wird sehr glücklich sein«, sagte ich. Ich blickte auf zum Himmel und sagte zu meiner Mutter: »Ich habe deinen Wunsch erfüllt.«

Zur Verlobung von Abdullah und Rehanna konnte ich nicht in Syrien sein. Doch ich rief natürlich an. Ich musste brüllen, damit mein Bruder mich über die lauten kurdischen und Beduinenklänge im Hintergrund hinweg überhaupt verstand. Offenbar feierte die ganze Stadt Kobane.

Einen Monat später kehrte das glückliche Paar nach Sham zurück, wo meine Familie eine kleine, entspannte Hochzeit im eigenen Heim ausrichtete. Meine Geschwister schickten mir einen endlosen Strom von Bildern von Abdullah und seiner schönen Braut. Wenn ich mir heute anschaue, wie die beiden sich ansahen, weiß ich, dass Abdullah eine Seelenverwandte gefunden hatte.

Wiederum einen Monat später rief Abdullah an und sagte: »Rehanna ist schwanger. Ich weiß nicht, wie ich neun Monate Warten durchstehen soll. Das ist viel zu lang. Ich bin so glücklich. Ich kann gar nicht glauben, dass ich Vater werde.«

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