Kitabı oku: «Pilgern mit Paddel»

Yazı tipi:


TIMM KRUSE

PILGERN MIT PADDEL

AUF DEM JAKOBSWEG MIT SUP



There will always be

a »lie« in »believe«,

an »over« in »lover«,

an »end« in »friend«,

an »us« in »trust«,

and an »if« in »life«.

Banksy

INHALT

VORWORT

BASKENLAND

1. Tag: Hendaye bis Pasaia

2. Tag: Pasaia bis San Sebastián

3. Tag: San Sebastián bis Getaria

4. Tag: Getaria bis Mutriku

5. Tag: Mutriku bis Mundaka

6. Tag: Mundaka bis Galdakao

KANTABRIEN

7. Tag: Galdakao bis Limpias

8. Tag: Limpias bis Berria

9. Tag: Berria bis Langre

10. Tag: Langre bis Cóbreces

11. Tag: Cóbreces bis Pendueles

12. Tag: Pendueles bis Ribadesella

ASTURIEN

13. Tag: Ribadesella bis Llastres

14. Tag: Llastres bis Gijón

15. Tag: Gijón bis Luanco

16. Tag: Luanco bis San Juan de Nieva

17. Tag: Navia bis Cudillero

18. Tag: Cudillero bis Playa la Barquera (Castañeras)

19. Tag: Playa la Barquera bis Lluarca

20. Tag: Lluarca bis Navia

GALICIEN

21. Tag: Navia bis Ribadeo

22. Tag: Ribadeo bis Lourenzá

23. Tag: Lourenzá bis Gontán

24. Tag: Gontán bis Vilalba

25. Tag: Vilalba bis Raposeiro

26. Tag: Raposeiro bis Sobrado dos Monxes

27. Tag: Sobrado dos Monxes bis Os Mañas

28. Tag: Os Mañas bis Santiago de Compostela

NACHWORT

P. S.:

DANKE

VORWORT

Eine alte Freundin riet mir für dieses Abenteuer, ich möge in Furcht vor Gott pilgern. Da ich bisher weder Furcht noch Gott sonderliche Beachtung in meinem Leben geschenkt habe, ziehe ich also aus, das Fürchten zu lernen. (BILD 1)

BASKENLAND


1. TAG: HENDAYE BIS PASAIA

So habe ich das Meer noch nie gesehen: Es blubbert wie tausend Hexenkessel. Aus allen Richtungen strömen Wellen auf mich ein. Die Oberfläche ist wabbelig wie ein Pudding, in dem Chinakracher explodieren. Zwischendurch läuft eine Dünung, die ihre Gischt unkontrolliert verspritzt. Der Wind fegt über mich hinweg, ohne mich zu berühren. Er scheint vor der Steilküste Spaniens zu fliehen und abzuheben, um das hügelige Hinterland zu zerfleddern. Vielleicht befinde ich mich auch in einem Luvstau – der Wind weht gegen die Küste, weiß nicht wohin und bildet dort einen Stau, der wie eine Flaute wirkt. Es ist gespenstisch, durch diese schweigende, strubbelige Geleesee zu paddeln. Fürchten tue ich mich nicht. Ich bin höchstens sauer, dass mir das Schicksal eine solche See zumutet. (BILD 4)

Seit Stunden sitze ich auf meinem Brett – an Stand-up-Paddeln ist nicht zu denken. Ich betreibe Sit-down-Paddeln und mache lächerliche zwei Kilometer pro Stunde durch diese infernalische Biskaya. Stehend könnte ich mich keine drei Sekunden auf meinem Brett halten. Zum Glück habe ich mir vor der Reise ein Kanupaddel gekauft, das mir jetzt großartige Dienste leistet. Ein solches Paddel hätte mir auf meiner 3.000 Kilometer langen Reise auf der Donau vor drei Jahren sehr geholfen. Auch dort hatte ich mit Gegenwind zu kämpfen. Aber was war das schon im Vergleich zu dem Wahnsinn heute?

Immer wieder schaue ich mich um. Hinter mir paddelt Turtle, ein Freund aus Kiel, der sich spontan entschieden hat, mich zu begleiten. Er ist ein exzellenter Windsurfer und Wellenreiter und hat dank Corona endlich Zeit, mich auf einer Abenteuertour zu begleiten. Er ist Eventveranstalter und verdient in diesem Jahr so viel Geld wie zuletzt mit neun – nämlich nichts. Auch mir geht es als Reporter nicht viel besser. Wir teilen das gleiche Schicksal und werden uns nicht fügen, sondern das Beste aus dieser Situation machen – in diesem Fall von der französisch-spanischen Grenze bis auf die Höhe von Santiago de Compostela zu paddeln, um von dort die letzten Tage zu Fuß durchs Land bis zur berühmten Kathedrale zu wandern.

Offenbar brauchten wir die Corona-Krise, um uns wieder daran zu erinnern, was jenseits unserer eingeschliffenen Alltagswelt möglich ist: Wir werden die ersten Menschen sein, die den nördlichen Jakobsweg Stand-up-paddeln. Unser Ziel ist natürlich die berühmte Kathedrale, wo sich der Legende nach das Grab des Apostels Jakob befindet, eine Art Mohammed und Jesus in einem für die iberischen Völker. Jahrhunderte nach seinem Tod tauchten Legenden über ihn auf. Er sei aus dem fernen Palästina gekommen, um auf der spanischen Halbinsel das Evangelium zu verkünden. Beerdigt wurde der heilige Jakobus in Santiago und Gläubige aus den umliegenden Dörfern fingen an, zu seinem Grab, das angeblich unter der Kathedrale liegt, zu pilgern und dort zu beten und zu meditieren. Vielleicht erhofften sie sich auch Heilung von einem Ort, an dem die Gebeine eines der zwölf Apostel liegen. Später kamen Menschen aus immer entfernteren Ländern, zunächst aus Spanien und Portugal, dann aus Frankreich, aus Deutschland, Skandinavien oder Italien. Im Laufe der Jahrhunderte entstand eine weltweite Pilgerbewegung, an der Könige und Bischöfe, Gesunde und Kranke, Reiche und Arme teilnahmen. Der Name Compostela kommt aus dem Lateinischen: Campo, das Feld und Stela, der Stern. Denn angeblich hatte ein Bischof über einem Feld einen Stern oder ein Licht gesehen, das ihm das bis dahin vergessene Grab des Apostels gezeigt haben soll.

Mittlerweile ranken sich so viele Legenden um den heiligen Jakobus, dass er sich langsam zum prominentesten Apostel entwickelt. An der Kathedrale von Santiago kommen jedenfalls täglich mehr als 1.000 Pilger an und beenden dort ihre Pilgerreise – zumindest in Jahren, in denen keine Pandemie herrscht. Und angeblich ist jeder von ihnen Gott oder sich selbst – oder beiden – nach dieser Reise ein gutes Stück nähergekommen.

Mit dem ersten Paddelschlag betreten wir das Reich des Meeres. Vielleicht ist es auch umgekehrt und das Meer nimmt von uns Besitz, dringt in unser Leben ein. Wir lassen die Geräusche des Landes hinter uns, die Gerüche und den festen Boden. Jetzt sind wir in einer schwankenden Welt angekommen, einer Welt, die ich über alles liebe. Die mir schon häufig mehr Heimat war als das Festland. Auf dem Wasser ist alles gut, denke ich. Die Probleme beginnen an Land.

Schon eine halbe Stunde nachdem wir heute früh vom Strand im französischen Hendaye aufgebrochen sind, hält uns die Wasserschutzpolizei an. (BILD 3) Wir würden keine Rettungswesten tragen, hätten keine wasserdichten Lampen am Mann und wären weiter als 300 Meter vom Ufer entfernt. Ich erkläre dem Gendarmen, dass wir in wenigen Metern das Gebiet der Grande Nation verlassen würden und sich dann die spanischen Behörden unserer annehmen dürften. Der Beamte schüttelt den Kopf und lässt uns tatsächlich weiterpaddeln. Vermutlich befinden wir uns schon jenseits der Grenze. Am Ufer sehe ich noch unsere Wohnmobile stehen. Sie sind winzig klein und für unbestimmte Zeit nicht mehr unser Zuhause. Vier Wochen waren Turtle und ich gemeinsam mit unseren Liebsten in Frankreich unterwegs und genossen den schönsten Urlaub. Unsere Partnerinnen fahren die Fahrzeuge zurück nach Deutschland. (BILD 2) Ich sehe ihre Tränen beim Abschied vor mir und konzentriere mich aufs Paddeln, um nicht schon am Anfang dieser Reise zu heulen.

Als wir das Ende der Bucht erreichen und an den spitzen Felsen einer vorgelagerten Insel vorbeipaddeln, bläst uns der Wind direkt ins Gesicht und das Meer fängt an, verrückt zu spielen. Als hätte es nur auf uns gewartet, um uns unsere Grenzen aufzuzeigen. Als wollte es uns sagen: »Was? Ihr zwei Spargeltarzane wollt mich pilgernd bezwingen? Auf dem Wasser? Euch zeige ich erst mal meine ungemütliche Seite.« (BILD 5)

Vor meinem Aufbruch sprach ich mit einer alten Freundin über die Tour – sie ist mit ihren 90 Jahren tatsächlich alt, hat im Krieg ihre drei Brüder und ihren Vater verloren, hat sich der Spiritualität gewidmet und eine Weisheit erreicht, wie sie vermutlich nur wenige Menschen mit ganz besonderen Schicksalen erlangen. Sie riet mir, ich solle für eine solche Reise einen bien compañero mitnehmen. Also einen Freund, zu dem eine gewisse Seelenverwandtschaft besteht. Wenn sich für die Reise ein solcher Freund nicht finden lasse, solle ich lieber allein reisen. Als Zweites riet sie mir, nicht in Zeiten von Krieg oder Seuchen loszuziehen. Denn dann würde die lebenswichtige Infrastruktur für Pilger nicht funktionieren. Als Drittes: Absolut fit in dieses Abenteuer zu gehen. Und damit meinte sie nicht nur körperlich, sondern vor allem auch psychisch. Ich müsse bereit sein, alles anzunehmen, was mir das Schicksal biete – gut oder schlecht. Ein stabiler Magen sei auch von größtem Vorteil. Viertens möge ich es mit der Nahrungsaufnahme nicht zu genau nehmen. Auf solchen Touren gehe es darum, genügend Nahrung zu sich zu nehmen. Für Vegetarier-Schnickschnack oder gar vegane Eskapaden sei dann kein Raum. Fünftens solle ich mich ausschließlich tagsüber fortbewegen, vor allem nicht nachts aufs Meer gehen. Es sei kein Ort für nächtliche Ausflüge, selbst wenn dann das Wetter besser sein sollte und die Sonne nicht so brenne. Und ein letzter Tipp: Ich möge in der Furcht vor Gott pilgern. Wenn dies altmodisch klinge, so solle ich diesen wichtigsten Ratschlag für mich so interpretieren, dass ich ihn verstünde. Ich solle mich auf die Wandlung freuen, sagte sie, denn diese komme auf einer längeren Pilgerreise mit absoluter Sicherheit.

Ihre Ratschläge gehen mir draußen auf dem Wasser nicht aus dem Sinn. Vor allem der letzte: Ich solle in der Furcht vor Gott pilgern.

Dabei glaube ich noch nicht einmal an Gott – zumindest nicht an einen religiösen Gott. Vielleicht sollte ich das Wort Gott mit »Existenz« oder »Universum« gleichsetzen, wobei mir diese Begriffe zu gekünstelt erscheinen. Für mich passt »alles, was ist« ganz gut. Oder soll ich der Einfachheit halber doch lieber Gott sagen? Wenn ich diese Wellenberge um mich herum sehe, bekomme ich zumindest Furcht – aber ist es die Furcht vor Gott?

Wer ist Gott überhaupt? Und was will er? Wenn ich mir vorstelle, ich wäre Gott – man möge mir diesen Gedanken verzeihen, dann würde ich von den Menschen erwarten, dass sie alles aus diesem von mir geschenkten Leben herausholen. Sich also keine Gedanken über die Altersvorsorge machen (für ihr Alter bin ja ich, Gott, zuständig), abends mehr leisten, als die Batterie ihrer Fernbedienung zu wechseln (sie dürfen gerne meine Schöpfung bewundern und einen Spaziergang machen) und weniger lamentieren, jammern, verzweifeln, heulen und streiten. Wäre ich also Gott und hätte den Menschen einen freien Willen gegeben, würde ich mir wünschen, dass sie dieses Leben täglich zelebrieren – ohne Rauschmittel. Dass sie sich von der Schöpfung berauschen lassen und keine Götter haben neben mir. Seid nett und feiert, Leute!

Wie viele Menschen haben mich vor dieser Tour gewarnt? Wer wusste nicht alles Horrormeldungen über das Meer zwischen Frankreich und Spanien zu berichten? Auch ich selbst kann grauenhafte Geschichten von der Biskaya erzählen: 2003 bin ich gemeinsam mit drei Franzosen auf einer 42-Fuß-Segelyacht vom französischen Nantes bis in die Südsee gesegelt. In unserer ersten Nacht auf der Biskaya hörten wir plötzlich Mayday-Mayday-Rufe. Ein französischer Fischkutter war von einem Frachtschiff gerammt worden. Es war Februar, die Wassertemperatur betrug höchstens zehn Grad, sechs Beaufort ballerten übers Meer und zwölf Seemänner ertranken oder erfroren innerhalb kürzester Zeit. Wir waren zu weit entfernt, um helfen zu können. Bis heute rauschen die verzweifelten Funkrufe des Kapitäns durch meine Träume.

Bei meiner zweiten Querung der Biskaya war ich mit einem befreundeten Skipper allein auf einem Katamaran unterwegs. Wir wollten über die Kanaren in die Karibik segeln. Wie so häufig orgelte starker Südwest durch die Biskaya. Wir wechselten uns alle drei Stunden am Steuer ab. Nach fünf Tagen waren wir beide vollständig am Ende unserer Kräfte und beschlossen, im portugiesischen Cascais ein weiteres Crewmitglied an Bord zu holen. Auf unsere Anzeige »Hand gegen Koje« im Internet hatte sich als einziger ein ehemaliger nordkoreanischer Soldat gemeldet. Er sei zwar noch nie auf See gewesen, dafür aber fitter als jeder Turnschuh der nördlichen Hemisphäre. Wir nahmen dieses Kraftpaket also an Bord und hatten kaum die Kaimauer von Cascais hinter uns gelassen, als der Kerl schon über der Reling hing und so laut kotzte, dass wir zunächst dachten, er würde einen Scherz machen. Als wir jedoch sein grünes Gesicht sahen, war klar, dass wir zumindest für die erste Nacht nicht mit unserem neuen Crewmitglied am Steuer rechnen konnten. Als wir fünf Tage später die Kanaren erreichten, hatte er sich immer noch nicht erholt und schwor, nie wieder in seinem Leben ein Segelboot zu betreten.

Jetzt bin ich also zum dritten Mal auf der Biskaya, und dieses Meer zeigt sich heute schlimmer als alles, was ich auf den sieben Weltmeeren bisher erlebt habe. Es müssen Unterwasserströmungen sein, die von den Felsen zurückschwappen, als unkontrollierte Wellenberge an der Oberfläche erscheinen und mein Brett in alle Richtungen durchschütteln. Hinzu kommen die wirr durcheinanderlaufenden Wellen, die von der Steilküste wie Bumerangs zurückschießen und als taumelnde Boxer blind in alle Richtungen hauen. Anders lässt sich dieses Inferno weder beschreiben noch erklären. Da mich Wind und Dünung Richtung Küste drängen, paddele ich fast ausnahmslos auf der linken Seite. Meine Schulter sticht ab der dritten Stunde permanent, was ich aber noch weitere drei Stunden ertragen muss. Ich würde gern zwischendurch eine Pause einlegen, aber an einen Landgang ist hier nicht zu denken, denn die Steilküste trägt ihren Namen zurecht und das Meer würde mich zerschmettern. Wieder wird mir klar, dass wir Menschen Landlebewesen sind. Was treibt mich bloß immer wieder raus aufs Wasser?

Jetzt – beim Schreiben an Land – fällt es mir wieder ein. Auf dem Wasser zu sein, macht mich glücklich. Es gibt nur wenige Dinge, die mich mit einer größeren Freude erfüllen als das SUPen. Sobald ich auf dem Brett stehe, das Paddel ins Wasser steche und vorwärts gleite, überkommt mich ein Glücksgefühl. Vor allem auf dem Meer hat diese Art der Fortbewegung etwas Natürliches, fast Graziles, das mit nichts zu vergleichen ist. Ich stehe auf dem Wasser, komme mit der idealen Geschwindigkeit voran, lasse mit den ersten Paddelschlägen den Alltag hinter mir und bin glücklich. Außer, die Natur spielt nicht mit. So wie heute. Auf einem solchen Abenteuer lebe ich also entweder glücklich oder unglücklich. Es scheint nichts dazwischen zu geben, keine Grauzone. Kein so Lala.

Auf dem Meer wirken Entfernungen anders als an Land. Gerade bei schlechten Bedingungen scheint es geradezu aberwitzig, dass das Ziel immer noch nicht in Sicht ist und ein weiteres Kap umrundet werden muss. Ich sitze im Schneidersitz und kämpfe mit jedem Paddelschlag gegen die Schmerzen in der Schulter an, gegen die Blasen an meinen Händen und Füßen und vor allem gegen die Angst, wegen der Strömung nicht weiterzukommen. Auf meinem linken Arm, der sich in Lee befindet, auf der windabgewandten Seite, trocknet das Meerwasser und hinterlässt einen weißen Salzfilm. Es sieht aus, als würde ich einen Gips tragen.

Während Turtle und ich uns anfangs noch angefeuert haben, paddeln wir nun schweigend nebeneinander her. Es bleibt keine Kraft mehr für Witze oder gutes Zureden. Nur einmal, als die See besonders absurd blubbert, schauen wir uns an und müssen lachen. Was machen wir hier bloß? Warum machen wir das? Wie lange soll das gutgehen? Nach langen, zähen, schmerzhaften Stunden sehen wir ein Frachtschiff vor einer Bucht liegen. Könnte das unser Ziel sein, die enge Passage zur Bucht von Pasaia? Wir müssten doch längst da sein – immerhin paddeln wir hier draußen schon seit fünf Stunden und hatten uns für die erste Etappe noch nicht mal zwanzig Kilometer vorgenommen. (BILD 6) Kurz bevor wir das Schiff erreichen, schmeißt es den Motor an und fährt davon – als würde es vor uns flüchten. Ein Fischkutter fährt an einem riesigen Felsen vorbei und hält irgendwo vor der grünen Küste an. Haben wir uns zu früh gefreut? Müssen wir das nächste Kap auch noch umrunden? Ich denke nicht, dass mir dafür die Kräfte reichen würden. Das Handy herauszuholen und eine unserer Navigationsapps zu checken, kommt hier draußen nicht infrage, denn die Gefahr, dem Hexenkessel das Handy zu opfern, ist viel zu hoch. Doch dann taucht ein Ozeanriese aus dem Nichts auf und verlässt die Einfahrt von Pasaia. Wir sind also doch richtig, müssen aber noch eine Stunde gegen Wind und Strömung durch die brodelnde Kreuzsee paddeln.

Als sich die Passage endlich vor uns öffnet, komme ich mir vor wie in einem Film. An 100 Meter hohen Klippen kreisen Seevögel, ein Fels fällt senkrecht ins Wasser und das Inferno hat sofort ein Ende. Ich sehe Kletterer, Taucher und Spaziergänger, die nichts von alldem ahnen, was da draußen los ist und was wir durchgemacht haben. Wir betreten eine Urlaubswelt aus guten Restaurants, Schnellfähren, Aussichtsbänken und Uferanlagen. Es scheint eine unsichtbare Trennlinie zwischen Land- und Wasserbewohnern zu geben. Beide folgen eigenen Gesetzen und beäugen einander misstrauisch.

Durch eine höchstens 50 Meter breite, von steilen Felsen umgebene Einfahrt gelangen wir in einen riesigen, natürlichen Hafen. Allein für diesen Anblick und dieses Naturparadies hat sich die Quälerei gelohnt.

Nach Stunden im Schneidersitz versuche ich, auf meinem Brett zu stehen. Meine Knochen sind so steif, dass ich fast nicht hochkomme. Als ich schließlich aufgerichtet bin, komme ich mir vor, als würde ich zum ersten Mal auf einem Brett stehen. Das Inferno da draußen hat mein Gefühl für ruhiges Wasser durcheinandergebracht. Wackelig lassen wir uns vom Nordwestwind durch die wunderschöne Bucht treiben, ohne die Paddel ins Wasser stechen zu müssen.

Als wir an einem Steg festmachen und die Bretter anbinden, kommen mir die sechs Stunden Kampf gegen Wind und Welle im Schneidersitz schon fast wie ein Traum vor. (BILD 7) Ich kenne dieses Phänomen: Sobald ich Land betrete, lasse ich die Welt des Wassers hinter mir – und umgekehrt. Das große Paradoxon eines jeden Seemanns ist es, dass er es nicht erwarten kann, abzulegen und in See zu stechen. Doch sobald er draußen ist, möchte er so schnell wie möglich zurück zum Festland.

Die einzige Herberge des Orts hat wegen Corona geschlossen, und ich erinnere mich an den Rat meiner Freundin, nicht in Zeiten von Krieg oder Seuchen zu pilgern – zu spät. Wir beschließen, dem Rummel des Dorfzentrums zu entfliehen und schleppen unser Gepäck und die Bretter mehrere Dutzend Stufen auf einen Berg. Direkt unterhalb einer Kirche auf einer Wiese schlagen wir unsere Zelte auf. Turtle schaut sich seine Füße an: Die Zehen haben vom stundenlangen Knien auf der Oberseite schlimme Blasen davongetragen, und seine Knie sind grün und blau. (BILD 8) Auch meine Füße schmücken Blasen, und kleinere ältere Wunden sind wieder aufgebrochen und sehen eitrig aus. Wir schauen uns besorgt an. So kann es morgen keinesfalls weitergehen.

Jetzt ist es zwei Uhr nachts, und das schrille Gebimmel der Kirchenglocke lässt mich nicht schlafen, ermöglicht es mir damit aber, diese Zeilen zu schreiben.

2. TAG: PASAIA BIS SAN SEBASTIÁN

Das Dreiuhr- und das Vieruhrklingeln sind mir entgangen. Ansonsten war die Kirchenglocke über den Dächern von Pasaia mein treuer Begleiter während der gesamten Nacht. Ich liebe Kirchen. Das kann auch diese Kirche mit ihrem Gebimmel nicht ändern.

Vor jedem Abenteuer suche ich am Aufbruchsort eine Kirche auf, setze mich in die dritte Reihe (ich habe am 03.03. Geburtstag), schließe die Augen und warte auf Worte oder Gedanken, die in mir aufsteigen. Meist breitet sich Friede in mir aus, häufig kommt Dankbarkeit für das Leben auf, das ich führen darf, und irgendwann entsteht ein Impuls, der sagt: »Jetzt kannst du gehen.« Dann verlasse ich die Kirche und bedanke mich bei ihr oder meinem Glauben, der keineswegs religiös ist.

In dieser ersten Nacht meines neuen Abenteuers hat mich diese verfluchte Kirchenglocke sicherlich zehnmal geweckt. Schon auf meiner Reise auf der Donau habe ich mich gefragt, was sich die christliche Kirche eigentlich einbildet, einen solchen Lärm zu veranstalten? Lieben wir nicht die Stille der Gotteshäuser? Die Heimeligkeit? Heiligkeit? Die Geborgenheit? Warum also dieser Lärm? Für wen hält sich diese Institution, dass sie jedes Dorf der christianisierten Welt beschallen muss? Noch dazu, um die Uhrzeit zu verkünden. Und das in einer Welt, die vor Hektik langsam verrücktspielt und sich längst von der Kirche abgewendet hat. Trotzdem bleibe ich bei meinem Ritual und danke dem Universum, das es mich in eine Welt mit einer gemäßigten Religion hineingeboren hat, in der ich öffentlich über diese schimpfen darf. Natürlich fragte ich mich in dieser Nacht, was ich hier eigentlich mache. Bin ich nicht langsam zu alt für solche Abenteuer? Doch ich wusste, dass zu einer solchen Tour auch Zweifel gehören. Sie sind wie ein Tunnel, den ich irgendwie durchqueren muss, ohne zu wissen, wie lang er ist und was mich auf der anderen Seite erwartet. Jedes Abenteuer ist ein Sprung ins Leere, in eine unbekannte Welt. Das Seltsame an mir und meinem Charakter ist, dass ich mich stets auf das Unbekannte freue.

Als die Entscheidung fiel, diese Pilgerreise wirklich zu machen, gab es kein Zurück mehr. Ich habe diese Entscheidung nicht anderen oder äußeren Umständen überlassen, sondern selbst getroffen. Alleine für mich – und erst viel später an die Konsequenzen gedacht. Nur so kann ich meine Abenteuer angehen: ich folge meinem Traum; und nicht den Träumen der anderen. Dann würde ich nämlich zu Hause bleiben. Neben dem Geläut hielt mich prasselnder Regen vom Schlafen ab. Keine unserer vielen Wetter-Apps hatte den angekündigt. Spaniens Wetter scheint nicht vorhersagbar zu sein – was mir für die zukünftigen Etappen Sorgen bereitet.

Diese ersten Stunden haben nichts mit einem kleinen, gemütlichen Paddelausflug zu tun. Vom Zelt kann ich die Biskaya sehen – sie sieht nach wie vor schwabbelig-kabbelig aus, und die Schaumkronen wirken von Weitem noch höher als gestern. (BILD 9) Das Wetter ist ebenfalls entgegen allen Vorhersagen katastrophal für unsere Paddeltour Richtung Westen. Heute warten bis zu 19 Knoten aus West auf uns – 35 km/h. Der Tag auf dem Wasser könnte noch schlimmer werden als der gestrige. Ein Abenteuer darf gern zwischendurch eine schreckliche Schinderei sein – aber doch nicht ausschließlich! Ich liege daher in meinem Zelt und weiß nicht weiter. Tausend Fragen steigen auf: Soll ich die Tour abbrechen? Gibt es vielleicht gute Gründe, dass noch nie jemand nach Santiago geSUPt ist? Wie komme ich aus dieser Situation heraus? Der Verlag wartet bis Ende August auf ein fertiges Manuskript. Eine Medienagentur wurde extra eingeschaltet, um die Tour und das im Oktober erscheinende Buch professionell zu promoten. Und ich trage mich mit dem Gedanken aufzuhören? Eine Nachricht meiner Freundin baut mich auf: harte Zeiten gehören dazu. Es kommen auch wunderbare Zeiten. Denk an dein Motto: Wünsche dir da zu sein, wo du bist. (BILD 10)

Ich schlafe noch einmal ein und wache vom prasselnden Regen auf meinem Zelt auf. Er scheint das schrille Kirchengeläut abzumildern. Ich weiß, dass irgendwann der Impuls kommen wird, der mir sagt, was zu tun ist. Gegen zehn weiß ich, dass das Meer wartet – egal wie es sich gebärdet. Ich wollte ein Abenteuer – jetzt habe ich mein Abenteuer.

Zum Frühstücken gehen wir runter ins Dorf. Die Sachen lassen wir im Zelt liegen, da sich bei diesem Wetter sowieso niemand auf unseren Hügel verirrt. In einem Café bemerke ich, dass der Plastikstuhl seltsame Hubbel hat – wer lässt sich so ein Design einfallen? Als ich nachschaue, sehe ich, dass der Stuhl vollkommen glatt ist und keinerlei Unebenheiten aufweist. Ich befühle meinen Hintern und stelle fest, dass meine Sitzbeinhöcker vom stundenlangen Sit-down-Paddeln geschwollen sind und sich unförmig anfühlen. Dann sehe ich Turtles Zehen unter dem Tisch hervorstehen: Vor allem die beiden zweiten und dritten Zehen sehen schlimm aus, denn dort hat sich eine weißliche Kruste auf den Wunden gebildet. Aufgrund des Salzwassers auf unserer Haut gibt es kaum eine Möglichkeit, dass Wunden vernünftig abheilen, da die Kruste immer wieder aufweicht. Wenn sich seine Zehen jedoch entzünden, dann ist unsere Tour definitiv beendet.

Auf dem Weg zum Hafen kommen wir an einem Souvenirladen vorbei, der die berühmten Jakobsmuscheln an langen Tampen hängend verkauft. Ich suche uns die zwei schönsten aus, und die Verkäuferin erklärt mir in perfektem Englisch, warum auf den Muscheln ein Kreuzritterzeichen aufgemalt ist. (BILD 12) »In der Zeit der Kreuzzüge war der Weg nach Jerusalem so unsicher geworden, dass sich Santiago zum wichtigsten Pilgerort der Christenheit entwickelte. Und um die Pilger zu beschützen, gründete sich der Santiagoorden, dessen rotes Kreuz bis heute neben der Jakobsmuschel das wichtigste Symbol des Camino ist.«

Bevor wir uns raus in das bekannte Inferno trauen, müssen wir Turtle unbedingt ein Kajakpaddel besorgen. Denn eine weitere Schicht auf Knien wäre sein Ende. Auf dem gegenüberliegenden Ufer befindet sich eine Kanuschule, die wir direkt ansteuern. Als Turtle fünf Minuten später jubelnd ein Paddel über dem Kopf schwenkt, ist klar, dass wir für weitere Etappen auch bei starkem Gegenwind gut gerüstet sind. Ein Kajaklehrer hat ihm das Paddel einfach geschenkt. Es würde seit Jahren nur rumliegen, und niemand wisse, wem es gehöre. Wäre ich gläubig, würde ich sagen, dass uns der Herrgott das Paddel geschenkt hat.

Um zwölf Uhr sind wir startklar und kämpfen gegen den Wind, der wie eine Düse durch die Bucht peitscht, raus auf die Biskaya. (BILD 11) Die See gebärdet sich wie eine betrogene Diva – sie tobt, spuckt, beißt und kratzt. Sie vermöbelt uns, drängt uns gegen die Wand, wirbelt uns durcheinander und scheint schier außer sich zu sein. Dieser Furie möchte ich nicht im Traum begegnen. Die See hat ihre eigene Sprache; eine ganz spezielle Intelligenz. Und nun tobt sie um mein Brett herum und scheint zu sagen, dass ich mich verpissen soll. Die Ansage ist so deutlich, dass ich mich entschließe, umzudrehen. Auf diese See gehört kein SUP. Ich schaue zu Turtle herüber – er paddelt etwa zehn Meter schräg hinter mir, lächelt ruhig und zufrieden, als freue er sich auf die heutige Etappe. Also sage ich lieber nichts und paddele stumpf im Schneidersitz weiter raus aufs Meer. Manchmal hasse ich meinen Stolz. In diesem Fall rettet er uns die Tour.

Zwischendurch kommen die Wellen günstig, und ich kann durch sie hindurchpaddeln wie beim Skilaufen auf einer Buckelpiste.

Dann habe ich das Gefühl, durch einen Wildwasserfluss ohne Strömung zu brettern, und wundere mich, dass ich nicht vom Brett fliege. Die Dünung ist heute mehr als zwei Meter hoch. Ich tröste mich damit, dass ich in den Wellentälern wenigstens keinen Gegenwind spüre. Nach einer halben Stunde habe ich mich langsam an dieses blubbernde Gequirle gewöhnt und Hoffnung keimt auf, diese Etappe doch noch zu schaffen. Allein wäre ich längst umgekehrt. Doch zu zweit ist das völlig anders: Wenn etwas passiert, ist immer noch jemand zur Rettung da. Wenn es nicht mehr weitergeht, ist immer noch Unterstützung da. Wenn Ängste aufsteigen, ist immer noch jemand zur Beruhigung da.

Turtle ist meine Rettung. Wir kennen uns seit mehr als 20 Jahren. Damals haben wir uns bei einem Dreh für SAT.1 kennengelernt. Er arbeitete als Kameramann für alle möglichen Actionformate weltweit und war einer dieser Typen, deren Coolness ich schon immer bewunderte. Ihn brachte nichts aus der Ruhe, er blieb auch in den stressigsten Momenten gelassen und freundlich und hatte immer ein Auge für die Menschen um ihn herum. Das hat sich nie geändert – vielleicht hat er diese Eigenschaften seitdem sogar noch kultiviert. Ihn in dieser See an meiner Seite zu haben, ist wie ein Geschenk. Vielleicht macht er mich sogar zu einem besseren Menschen.

Die Vorzeichen dieser Reise standen schlecht: Vor einer Woche sagte mir ein Freund ab, der mich mit seinem Wohnmobil auf dem Landweg begleiten wollte. Ihm sind die Auswirkungen seines überaus spirituellen Lebens in die Quere gekommen, denn er deutete auf den angerissenen Zahnriemen seines Pkw, finanzielle Engpässe und Beziehungsthemen als Zeichen des Universums, mich nicht zu begleiten. Ich frage mich, wo die Grenze zwischen Spiritualität und Aberglaube verläuft. Als mich sein Anruf erreichte, spürte ich eine drastische Veränderung meines Innenlebens – als schaltete mein Unterbewusstsein einen Gang höher. Ich war plötzlich wacher, nahm die Reise sehr viel ernster, beschäftigte mich intensiver mit den Wetterverhältnissen auf der Biskaya und plante meine Vorbereitungen mit einer Zuverlässigkeit, die mir sonst nicht zu eigen ist.

Körperlich wollte ich mich auf dieses Abenteuer durch SUP-Surfen in Frankreich vorbereiten. Zwischenzeitlich waren wir 17 norddeutsche Freundinnen und Freunde an einem Strand mit grandiosen Wellen in der Nähe von Biarritz und versuchten, mit den Kräften des Meeres zu spielen und auf den Brechern zu reiten. Ein besseres Training gibt es für mich nicht, denn das Wellenreiten auf einem SUP gleicht einer Fullpower-Ganzkörper-Trainingseinheit, die auch noch Spaß macht. Mir wuchsen Schwielen an den Händen, mein Körper gewöhnte sich an die harte Belastung im Salzwasser, mein Gleichgewichtsgefühl steigerte sich und meine Seele konnte sich langsam darauf einstellen, demnächst mehrere Wochen in diesem brausenden Element zu verbringen.

Eines Morgens paddelte Turtle dann zu mir ins Line-up. »Weißt du eigentlich, dass du mir schlaflose Nächte bereitest?« »Ich?«, fragte ich unschuldig und hatte Angst, er würde mir irgendetwas unterstellen oder vorwerfen – auch wenn dies überhaupt nicht seine Art ist. »Ja. Du.« Dann lachte er. »Ich überlege ernsthaft, dich auf deiner Tour zu begleiten.« Jetzt musste ich auch lachen. Natürlich hatte ich daran gedacht, ihn zu fragen. Aber ich wollte ihn nicht in Versuchung bringen. Er hat Frau und zwei Kinder, eine Eventagentur, ein Haus, Freunde, Hobbys. Es ist schwer, ihn loszueisen, denn er ist dazu noch bodenständig.

Vor Jahren wollte ich ihn überreden, mit mir über den Atlantik zu segeln. Aber er war damals zu eingebunden und bereut bis heute, dieses Abenteuer versäumt zu haben. Wäre er mitgekommen, hätte ich allerdings die Geschichte mit dem kotzenden nordkoreanischen Soldaten nicht erlebt. »Es wäre für mich das Größte, wenn du mitkämst«, sagte ich zu ihm, und einen Tag später sagte er zu. Er bekam mein Ersatzbrett, und das weitere Equipment kauften wir für 200 Euro bei Decathlon.

Nach drei Stunden sehen wir die Bucht von San Sebastián deutlich vor uns. Der Hexenmeister hat noch mal ein paar Kohlen ins Feuer geworfen und den Kessel richtig zum Blubbern gebracht. Die letzte Stunde bis in die hintere Bucht von San Sebastián kostet mehr Kraft als drei Stunden SUPen bei ruhigen Bedingungen. (BILD 14)

In der Bucht kommt uns ein Ruderer entgegen. Mir käme es fast unwürdig vor, rückwärts auf einem viel zu kleinen Schlitten zu sitzen, vor und zurück zu rutschen und sich wie Sklaven einer Galeere in die falsche Richtung zu bewegen. Für mich ist das SUPen ein natürlicher, evolutionärer Schritt der Fortbewegung auf dem Wasser. Endlich stehen wir aufrecht auf einem schwimmenden Gegenstand und können in der natürlichen Position des Homo sapiens vorwärtskommen. Es ist tatsächlich wie Gehen auf dem Wasser; nicht mit der Kraft der Beine, sondern der Arme. Ich kann mich im Stehen besser orientieren, weiter schauen und fühle mich in meiner Haltung natürlicher und fast ein bisschen erhaben. Kajakfahren und Rudern sind für mich somit überholte Sportarten – auch wenn sie schneller unterwegs sind als ich. Aber in einer postmodernen Welt kann es nicht mehr um Geschwindigkeit gehen. Es geht darum, aufrecht zu sein – in allen Lebenslagen.

In einem historischen Hafen am östlichen Ende von San Sebastián steuern wir auf eine Rampe zu, betreten die weltberühmte Stadt vom Wasser aus und werden gleich von einem Kajakfahrer begrüßt. Edu war früher Profi, hatte sich fast im Wildwasserkajak für Olympia qualifiziert, ist 3.500 Kilometer um die gesamte Iberische Halbinsel herumgepaddelt und erklärt sich sofort bereit, unsere Bretter über Nacht im Lager des örtlichen Clubs zu verstauen. Für diese Begegnung gehe ich auf Abenteuertour. Solche Typen lerne ich nur unterwegs kennen. Spannende, weltoffene Menschen, die sich über Erlebnisse freuen, hilfsbereit sind und den größten Teil ihres Tages lächelnd verbringen und fast immer in der Natur sind.

Es beruhigt mich sehr, dass Edu unsere Tour für machbar hält. Mutig, weil wir es gegen den Wind versuchen. Aber eine Pilgerreise geht nun mal in Richtung Pilgerort und nicht umgekehrt. Außerdem könnten wir im August Glück haben. Die Chance auf Ostwind liege bei 50 Prozent. In mir steigt die Hoffnung, dass wir diese Tour tatsächlich schaffen können. Wir sind viel zu kaputt, um uns San Sebastián anzuschauen. Dabei soll die Stadt eine der schönsten Hafenstädte Europas sein. Aber wir haben einfach keine Kraft mehr.

Später liegen Turtle und ich in einer kleinen Pension in der Altstadt von San Sebastián. Und schon nach zwei Tagen dieser Tour weiß ich die Vorzüge unserer zivilisierten Welt wieder zu schätzen. Eine warme Dusche, ein frisch bezogenes, weiches Bett, unzählige Restaurants vor der Haustür, Spanisch sprechende fröhliche Menschen auf der Straße, fremde Düfte, T-Shirt-Wetter abends um zehn und das Gefühl, irgendwo weit weg und doch ganz bei mir zu sein. Und gleichzeitig weiß ich, dass diese voll befriedigte Welt das Begehren zunichtemacht. Wer immer nur das Wasser aus dem Hahn trinkt, weiß nicht, dass das Wasser aus dem Brunnen ein paar 100 Meter entfernt besser schmeckt.

3. TAG: SAN SEBASTIÁN BIS GETARIA

In Spanien geht die Angst vor einer neuen Coronawelle um. Auch von Zuhause warnen mich Freunde und Familie. Seit heute müssen wir hier immer und überall Maske tragen. (BILD 14) Schon gestern wunderten wir uns, dass unsere Bretter desinfiziert wurden, bevor wir sie in den Schuppen des Ruderklubs legen durften. In Zarautz, einem möglichen Ziel für heute, wurde ein Campingplatz unter Quarantäne gestellt. Es könnte insgesamt ungemütlich für uns werden – auch an Land.

Während ich die heutige Strecke auf Google Maps checke, entdecke ich den Orio, einen Fluss, der südlich von San Sebastián nach Westen führt. Er mündet bei Oria, nur eine Bucht vor unserem heutigen Etappenziel. »Wenn das klappt, küss ich dir die Stirn«, sagt Turtle, als ich ihm von der Flussidee erzähle. Wir können uns heute beide nicht vorstellen, wieder in dieser tosenden Suppe da draußen zu paddeln. Die Frage ist nur: Wie kommen wir zu dem Fluss?

Da Turtle wegen seiner Rückenprobleme morgens immer Yoga macht, entscheide ich mich, die Bretter aus dem Kanuschuppen zu holen und schon mal für den Transport Richtung Fluss vorzubereiten. Auf dem Weg komme ich an einer dieser wunderschönen uralten Kathedralen vorbei, wie sie in jeder größeren Stadt Spaniens zu stehen scheinen. Zufällig verlässt gerade eine Putzfrau die Kirche, und ich frage sie, ob ich kurz rein dürfe. Als sie verneint, mache ich ihr ein Zeichen, dass ich schnell beten müsse. »Una minuta«, probiere ich. Sie willigt ein, und ich habe die Kirche für mich.

Innen herrschen eine so heilige Stille und andächtige Atmosphäre, dass ich fast auf die Knie fallen möchte. Ich setze mich wie immer in die dritte Reihe, sage zur Abwechslung das Vaterunser auf – ich will die Frau nicht belogen haben – und warte auf die innere Ruhe oder auf irgendetwas, das in mir aufsteigen möchte. Plötzlich kommt ein Impuls aus dem Nichts, ich öffne die Augen, sehe Jesus am Kreuz über dem Altar hängen und weiß, dass der heutige Tag gesegnet ist. Vielleicht ist sogar die ganze Tour gesegnet – so fühlt es sich jedenfalls in diesem Moment an. Von mir aus mag das kitschig klingen und nur den Gespinsten meines Hirns entstammen. Das Gefühl aber ist da, tief in mir, und es zeigt mir deutlich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Beweisen lässt sich das natürlich nicht. Und trotzdem glaube ich fest daran, dass manche Ereignisse, Projekte oder Unternehmungen unter einem guten Stern stehen. Bei dieser Reise spüre ich seit heute genau das – vielleicht will ich es aber auch einfach nur spüren. Meine Seele – ich glaube auch an dieses Konzept mit ganzem Herzen – fühlt sich manchmal so leicht an, dass sie davonschweben möchte und mich bittet, ihr zu folgen und nicht zum hundertsten Mal Widerstand zu leisten und meinen Dickkopf durchzusetzen oder meinen Ängsten nachzugeben. Diese Reise, diese Pilgertour soll geschehen. Sie soll genau so stattfinden, wie sie es gerade tut. Und wenn dies alles stimmt, werden wir in vier Wochen in Santiago sein, ich werde dieses Manuskript eine Woche später abgeben und das Buch erscheint pünktlich zur Frankfurter Buchmesse im Oktober.

Bis dahin muss ich mir selbst aber noch ein paar Fragen beantworten: Was ist eigentlich meine Triebfeder, immer wieder über die Grenze hinauszugehen, das Äußerste auszuloten, Schmerzen, Hunger oder Einsamkeit zu ertragen? Warum muss ich immer wieder das Vertraute und Erreichte hinter mir lassen? Was machen diese Erfahrungen mit mir? Und warum muss ich sie ständig wiederholen? Was fasziniert mich auf dem vergeblichen Weg, hinter den Horizont zu schauen? Auf mich warten vier Wochen auf dem berühmtesten Pilgerweg der Welt. Die Antworten werden kommen.

Ich habe einen kleinen Ziehwagen dabei, der mir schon bei der Donau und ihren mehr als 200 Wehren und Schleusen die Reise gerettet hat. Ich spanne unsere Bretter und alles Gepäck auf das kleine Ding, hole Turtle ab, und gemeinsam ziehen wir das wenige Gut, das wir im Moment brauchen, über die Promenade von San Sebastián zum nächsten Taxistand. (BILD 15)

Der Taxifahrer schlägt zunächst die Hände über dem Kopf zusammen. Doch als er versteht, dass wir die Luft aus unseren Brettern lassen können, ist er begeistert und fährt uns direkt an den Oria zu einer perfekten Einstiegsstelle. Wir pumpen unsere Bretter wieder auf, sortieren unser Gepäck neu und fahren zum ersten Mal auf dieser Reise über ruhiges Gewässer, auf dem wir nicht nur stehen, sondern uns von Wind und Strömung in Richtung unseres Ziels treiben lassen können, ohne etwas tun zu müssen. Zum ersten Mal ist die Reise kein Kampf, sondern reines Vergnügen.

Wie ruhig der Fluss ist. Welches Glück er hat, dass er nicht das Meer ist und ständig tosen, brausen, steigen und sinken, Wellen schlagen, Boote schlucken und Küsten fressen muss. Wie muss es sich anfühlen, ein Fluss zu sein? Wie entspannt er uns auf sich treiben lässt. Wie freundlich von ihm, dass er uns einfach so aufnimmt. In aller Ruhe und Stille gleiten Berge und Dörfer vorbei, wir schauen Fischen beim Spielen zu, winken Bauern, wünschen Fischern viel Glück, bestaunen wilde Seegräser und kreisende Adler hoch oben über unseren Köpfen und speichern Hügelketten in ihrer sich verschiebenden Dreidimensionalität für immer in unseren Gehirnen ab. Diese Stunden auf dem Oria sind ein Segen für unsere Seelen. Wir gönnen uns einen Tag Pause vom Meer. Es ist, als würde ein Schalter umgelegt. (BILDER 16 & 17)

Überall fließen solche Flüsse durch Spanien. Wenn die See, die launische Diva, uns nicht will, dann nehmen wir ihre vielen Onkel und Tanten und schaffen es auf diesem Weg nach Santiago. Denn dieses Ziel werden wir nie aus den Augen verlieren.

Auf solchen Reisen scheint sich die Zeit zu dehnen. Gestern ist schon ewig lange her. Unsere Abfahrt in Frankreich erfolgte in einem anderen Zeitalter. Und dieser Fluss hat überhaupt keine Ahnung davon, was Zeit eigentlich ist. Er ist immer neu, fließt nie nicht, floss schon immer und wird immer fließen. Zumindest länger, als es uns Menschen geben wird. Wer sind wir schon, dass wir uns so viele Gedanken über die Zeit machen? Auf solchen Reisen scheint sich die Zeit zu dehnen – vielleicht, weil wir so viel Raum aufnehmen. Wir beschäftigen uns so viel mit den Weiten dieser Reise, den Landschaften und der Tierwelt, den Wäldern und dem Wasser, dem Licht und den Wolken. Wir gehen nie achtlos mit der Zeit um, die uns auf dieser Reise zur Verfügung steht.

Nach Stunden – wie viele es sind, wissen wir nicht – erreichen wir beseelt Orio. Hier mündet der Oria und ergießt sich für immer in das unendliche Meer, das sich heute überraschend ruhig zeigt. So ruhig, wie wir es auf dieser Reise noch nie gesehen haben. Wir essen schnell eine Pizza an einem Strandrestaurant, schicken Nachrichten über unser Wohlbefinden in die Welt und entschließen uns, am coronageplagten Zarautz vorbei nach Getaria zu paddeln. Denn dort gibt es einen Hafen. Häfen garantieren uns, dass wir auch bei hohem Wellengang am nächsten Tag raus aufs Meer können. Denn von einem Strand aus würden wir die Bretter mit Gepäck nicht gegen das Weißwasser der brechenden Wellen zurück aufs Meer bewegen können.

Ich bin ständig hellwach. Ich weiß nie, was hinter dem nächsten Kap lauert, wie der Wind in der nächsten Stunde bläst, wo sich ein vernünftiger Schlafplatz findet, ob es in der nächsten Bucht einen Supermarkt gibt. Jede Sekunde auf dem Meer zwingt mich in die Gegenwart. Meine Gedanken schweifen fast nie ab. Ich bin ständig präsent und nie entspannt. Das ist der große Unterschied zur Komfortzone, in der sich jeder auskennt, in der man keinen Eventualitäten begegnet. Der Gegensatz zu der Welt, in der alles durchgeplant ist.

Das Problem ist nur, dass wir unser westliches Leben auf räuberische Weise ausgebaut haben. Wir fahren riesige Autos, leben in überteuerten Angeberwohnungen, besitzen Kühlschränke so groß wie Kleiderschränke und kaufen mehr Klamotten im Jahr als Menschen vor 100 Jahren in ihrem ganzen Leben. Wir verschicken täglich mehr Nachrichten als unsere Ahnen in drei Generationen. Wir leben freiwillig in einem riesigen Menschenzoo, weil es uns in der freien Wildbahn zu gefährlich geworden ist. Und wenn jemand mal den Zoo verlässt, bekommt er von seiner Familie Mails voller Sorge, von seinem Arbeitsumfeld ein Kopfschütteln und von den meisten Menschen die Ferndiagnose »verrückt«. Wir sind schon so lange Käfiginsassen, dass unsere Spezies völlig vergessen hat, dass sich das wahre Leben außerhalb des Käfigs abspielt.

In den ersten beiden Tagen haben wir noch versucht, das ganze Plastik, das uns im Meer begegnet, in Müllsäcken zu sammeln. Wir lassen diesen hehren Umweltschutzversuch jetzt bleiben und geben auf. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Je näher wir den Städten kommen, desto verheerender ist die Plastikflut vor der Küste. Wir könnten dutzende 100-Liter-Beutel füllen und an Land bringen. Doch wer weiß, was mit dem Müll an Land geschieht. Es sind nicht wir Menschen, die so verdorben sind. Es ist ein System, das die Verdorbenheit erlaubt. Obwohl dem Meer so lange so viel Schaden zugefügt wurde, regeneriert es sich immer wieder. Vor allem die paar Monate des Lockdowns während der Corona-Epidemie waren für das Meer die beste Erholung seit 100 Jahren. Wir führen Krieg gegen die Tierwelt – und für ein paar Wochen herrschte Waffenstillstand. Zumindest teilweise.

Nach noch nicht einmal zwei Stunden erreichen wir den Hafen. Wir haben fast 5 km/h gemacht und sehen an diesem Tag zum ersten Mal, dass unser Ziel tatsächlich zu erreichen ist. Nördlich des Hafens verläuft ein steiler Weg zu einer Halbinsel. Turtle meint instinktiv, dass wir schauen sollten, ob es dort einen guten Zeltplatz gebe. Nach den ersten zwei Kurven wollen wir schon aufgeben, als ich den Impuls bekomme, noch eine Biegung weiterzugehen. Plötzlich sehen wir auf der linken Seite eine eingemauerte Empore mit Blick über die gesamte spanische Küste bis nach Frankreich. Wir haben den perfekten Zeltplatz gefunden, rollen Bretter und Gepäck nach oben und können unser Glück an diesem Tag überhaupt nicht fassen.

Wir schauen uns an, umarmen uns und Turtle gibt mir tatsächlich den versprochenen Kuss auf die Stirn. Mir wird in diesem Moment klar, dass dieses Abenteuer nicht nur eine Pilgerreise ist, sondern auch eine Geschichte über Freundschaft.

4. TAG: GETARIA BIS MUTRIKU

Wann beginnt eine Reise? Mit dem ersten Schritt oder dem ersten Paddelschlag? Mit der Anfahrt? Mit der Flugbuchung? Mit der Idee? Diese Pilgerreise begann jedenfalls schon lange vor dem ersten Paddelschlag, lange vor der Anreise. Sie begann im vergangenen Jahr bei einem Fahrradunfall. Mein Plan war damals, den nördlichen Jakobsweg zu Fuß entlang zu pilgern – nur eben an Land. Ich wollte 40 Tage reisen und hierüber ein Buch schreiben, das der Anfang einer Reihe werden sollte: 40 Tage Pilgern, 40 Tage im Wald, 40 Tage in der Wüste usw. Jedes Jahr ein Abenteuer, das genau 40 Tage dauern sollte.

Den Anfang hierfür hatte ich bereits 2012 mit meinem Buch 40 Tage Fasten gelegt. Ich hatte damals entschieden, für 40 Tage keine feste Nahrung zu mir zu nehmen – um Erleuchtung zu erfahren. Denn was Jesus kann, kann ich schon lange. Auch Moses, Buddha und weniger bekannte Heilige hatten für 40 Tage gefastet und waren danach in einen erweiterten Bewusstseinszustand eingetreten. Genau das war mein Ziel. Und vielleicht hatte ich diesen Zustand zwischendurch kurz erreicht, er hielt aber nicht lange an. Trotzdem fand ich die Quadragesima, wie die Kirche die 40-tägige Fastenzeit vor Ostern nennt, spannend und eine gute Basis für eine Buchreihe. Leider konnte ich im vergangenen Jahr meine 40 Tage Pilgern nicht antreten, da ich mir zwei Wochen vor der Reise zunächst den kleinen Zeh an einem Bettpfosten gebrochen hatte und kurz darauf eben jenen Fahrradun-fall hatte. Mein rechter Fuß war absurd geschwollen – Bänderdehnung innen –, mein Handgelenk arg lädiert, meine linke Körperhälfte blau und die Angst, für diese lange Wanderung nicht in Form zu sein, berechtigterweise gestiegen.

Mein weltlicher Freundeskreis meinte, dass ich ganz schön Pech hätte. Die spirituellen Freunde fragten sich und mich, was die Verletzungen und Unfälle wohl zu bedeuten hätten. Jemand meinte sogar, dass ich offensichtlich noch etwas daheim zu erledigen hätte und daher die Reise nicht antreten solle. Ich hingegen bin mir sicher, dass sich mein Unterbewusstsein vor der Wanderung drücken wollte und Selbstverletzungen in Kauf nahm, um nicht 800 Kilometer mit einem 15 Kilogramm schweren Rucksack an einem Meer entlang zu marschieren, dessen Wellen ich während der Reise nicht surfen kann. Da mein Unterbewusstsein den Status eines störrischen, rebellischen und insgesamt schlecht erzogenen Vierjährigen besitzt, wollte ich lieber auf den Erwachsenen in mir hören und mich nicht von meinem Vorhaben abbringen lassen. Ich musste jedoch auch zugeben, dass die Strategie meines Unterbewusstseins ziemlich gut funktioniert hatte, und ich weiterhin vor allem mit dem rechten Fuß stark humpelte und bei jedem Schritt stechende Schmerzen verspürte.

Trotzdem flog ich von Hamburg nach Bordeaux, nahm den Bus nach Biarritz, traf mich mit einer alten Freundin, aß ein letztes üppiges Mahl in einem französischen Nobelrestaurant, humpelte ein paar Meter die Strandpromenade herunter und beschloss, am nächsten Morgen wieder zurückzufliegen. Es machte überhaupt keinen Sinn, mit diesem Fuß weiter als ein paar Hundert Meter zu gehen. Vor allem nicht 25 Kilometer täglich mit Gepäck über Stock und Stein, Berge hoch und runter, über enge Pfade, Wurzeln, Geröll und Felsen.

Als mein Telefon dann klingelte, ahnte ich nicht, dass dies der wahre Beginn der jetzigen Reise sein sollte. Eine Freundin war dran, mit der ich häufig auf der Kieler Förde SUPe. Ich erzählte ihr von meinem Entschluss, die Tour abzubrechen. Es entstand eine kurze, aber entscheidende Pause, und dann fragte sie mich, warum ich die Strecke nicht paddeln wolle. Also den Jakobsweg auf der Biskaya zurücklegen, wenn das mit dem Wandern schon nicht so klappen würde.

Ich fand die Idee brillant, aber in meinem Zustand nicht durchführbar. Auf dem Rückflug kämpfte ich mit den Tränen, hasste mich selbst für meinen Dickkopf und schwor mir, in Zukunft besser auf deutliche Zeichen wie einen verstauchten Fuß zu hören.

Doch die Idee, den nördlichen Jakobsweg zu paddeln, war geboren und wuchs stetig in mir. Ich fing an zu recherchieren, ob schon mal jemand den Jakobsweg über die Biskaya bewältigt hatte. Im Internet fand sich nichts. Konnte man die Biskaya überhaupt SUPen? Kaum eine Meeresregion hat einen schlechteren Ruf als die spanische Nordküste. Doch im Sommer schien ein solches Abenteuer zumindest nicht völlig unmöglich.

Als mein Fuß zwei Monate später, Ende August, endlich wieder schmerzfrei war, beschloss ich spontan, nach Bilbao zu fliegen und zwei Wochen auf dem Jakobsweg zu pilgern, die Energie dieser Strecke zu spüren und vor allem zu schauen, wie das Meer aussieht. An zwei Tagen lieh ich mir ein SUP und paddelte für ein paar Stunden die Küste entlang. Es ging. Die restliche Zeit wanderte ich und wusste, dass im kommenden Jahr ein gewaltiges Abenteuer auf mich warten würde.Und hier sitze ich jetzt – teilweise überwältigt vor Glück und dann wieder niedergeschlagen und fast verzweifelt, weil dieser Weg bisher größtenteils so hart war. Aber vielleicht soll ein Pilgerweg so sein.

Turtle und ich machen uns bereit für Tag vier, rollen unser Zeug von unserem Zeltplatz mit seiner herrlichen Aussicht zum Anlandesteg runter, trinken vor der Abfahrt noch schnell einen Kaffee in einem kleinen Laden am Strand und besprechen den Tag. (BILD 18) Als wir eine Viertelstunde später zurück am Hafen sind, ist mein Brett verschwunden. Panik breitet sich in mir aus: Jemand hat das Brett geklaut. Es liegt in einem Lkw auf dem Weg zum Verkauf. Jemand macht sich einen Scherz. Jetzt ist die Pilgerreise vorbei. Dieses Abenteuer soll doch nicht geschehen. Tausend solcher Gedanken rasen durch meinen Kopf, anstatt an das Naheliegendste zu denken: Das Wasser ist gestiegen, und mein Brett ist abgetrieben. Ich renne also um den Steg herum und sehe es brav und friedlich vor einem Ponton mit Fischerbooten treiben. Turtle runzelt kurz die Stirn, lächelt, steigt auf sein Brett und rettet die Situation in seiner ausnahmslos entspannten Art.

Noch sind wir völlig unerfahren in diesem Abenteuer. Wie viele Fehler liegen noch vor uns? Wie viel werden wir dazulernen? Wie häufig werden wir über uns selbst den Kopf schütteln? Das Schönste am Reisen ist, dass man nicht weiß, was man alles nicht weiß. Auf uns wartet ein ruhiges, friedliches, fast freundschaftliches Meer. An Stand-up-Paddeln ist zwar nur kurz zu denken, da die Biskaya weiterhin extrem schwabbelig und das Stehen auf Dauer viel zu anstrengend ist, aber es ist fast windstill und die Wellen rollen lang von der Seite.

Vor uns springt ein riesiger Fisch aus dem Wasser. Sofort machen wir unsere Angelleinen klar – einfache Schnüre mit Plastikfischen daran. Diese Köder lassen wir zu Wasser, um sie hinter uns herzuziehen. Die spartanischste und älteste Art, einen Fisch zu fangen. Heimlich hoffe ich allerdings, dass lieber kein Fisch anbeißen möge. Denn wie sollen wir den an Bord bekommen? Wie sollen wir ihn töten? Mit dem Paddel erschlagen? Wie transportieren? Wie zubereiten? Wir paddeln fünf Stunden, und alle Fische dieses Ozeans ignorieren unsere Köder. Wir beschließen, von jetzt an immer mit Köder zu paddeln. Es wäre aus Anglersicht fast unanständig, dieses Meer nicht um ein paar Fische zu erleichtern.

Das Paddeln geht so einfach heute, dass zwischendurch überwältigende Glücksgefühle in mir aufsteigen. Ich bin auf dem Wasser, was mich per se glücklich macht, sehe rechts von mir das unendliche Meer und links die dramatischen Berglandschaften des Baskenlandes. Aber ich traue dem Braten nicht – nicht auf einer Abenteuerreise. Ich weiß, wie schnell sich das Blatt wenden kann, denn ich habe schon so viel auf meinen Reisen erlebt. Da wir heute so großartig in Form sind, lassen wir unser angepeiltes Ziel, das Dörfchen Deba, links liegen und paddeln eine Bucht und eine Stunde weiter nach Mutriku. Der Hafen hier ist mehr eine Badeanstalt als Bootsanlegestelle. In riesigen Betonbecken spielen Dutzende von Kindern, die Erwachsenen liegen entspannt auf der Kaimauer und genießen den Freitagabend.

Es gibt zwei Welten an der Küste: die Welt des Meeres und die Welt des Landes. Beide berühren sich, werden aber nie eins. Sie werden immer getrennt bleiben und einen nicht enden wollenden Kampf ausfechten. In den meisten spanischen Küstenstädten sollen gewaltige, bis zu zehn Meter hohe Betonmolen das Land vor der Gewalt des Meeres schützen. Diese Wellenbrecher sind alle gleich gebaut und sehen aus, als hätte sie der Architekt aus Mordor, dem Sitz des Bösen im Herrn der Ringe, entworfen: Sie ragen Hunderte von Metern ins Meer hinein, sind aus dunklem Stein gebaut und bilden schlichte, klotzige Mauern, die der Wucht von sekündlich herandonnernden, mehrere Schwimmbecken fassenden Wellen standhalten müssen. (BILD 19) Diese Ungetüme wurden sämtlich mit EU-Mitteln gebaut und sollten Spaniens Dörfern mehr Schutz und gleichzeitig mehr Touristen bescheren. Doch die Touristen bleiben in den kleinen Orten wie Mutriku aus, ganze Restaurantzüge stehen leer und verfallen, Dutzende von Häusern stehen zum Verkauf und die Gebäude rund um den Hafen dürften dem nächsten Wintersturm nicht standhalten.

Noch ist mir Spanien ein Rätsel. Ich kenne Frankreich teilweise besser als Deutschland, da ich dort Jahre meines Lebens verbracht habe. Ich liebe Italien, die Sprache, die Mentalität, das Essen. Aber Spanien? Zwar unter derselben südeuropäischen Sonne, ist die Sprache jedoch so hart wie das Leben, das Land schwer zu bestellen und die Küste so schroff, dass man sich gar nicht ausmalen mag, wie viele Boote hier schon zerschellt sind. Die Küstenorte scheinen sich dem Land anzupassen und wirken uralt, uneinnehmbar, unbezwingbar – aber eben nicht mehr zeitgemäß. Spanien scheint auf widerspenstige Art an seinen Traditionen festhalten zu wollen, selbst, wenn es seinen Untergang bedeutet. Auch die Menschen hier im Baskenland sind nicht per se freundlich. Zumindest die Kellnerinnen und Kellner würde ich als grob und schroff bezeichnen. Aber vielleicht ist es auch der Typ »raue Schale, weicher Kern«.

Auf einer nach EU-Norm angelegten Hafenterrasse spielt eine Band. Zwei junge Baskinnen singen traurige, berührende Lieder auf eine Weise, die mir Tränen in die Augen treibt. Wie kann eine Kultur so traurig sein? So tief und so verzweifelt? Fast brutal archaisch. Und wie können die Sängerinnen dabei so verzweifelt und gleichzeitig glücklich lächeln? Ist das hier noch Europa?

Wir fragen den Kellner, was er uns über das Baskenland erzählen kann. Irgendwie kommt uns das hier alles anders vor als im Rest des Kontinents. »Hier sprechen fast alle Baskisch und Spanisch«, erklärt er uns in flüssigem Englisch. »Die baskische Provinz erhielt Ende der 1970er-Jahre einen Autonomiestatus, sodass es sich recht frei von Madrid selbst regieren kann. Vielen reicht das aber noch nicht. Vor allem den Nationalisten. Sie wollen, dass das Baskenland ein eigener Staat wird. Aber das können die vergessen. Das wird Madrid nie und nimmer zulassen.« Er lacht und hält die Hände in die Luft. »Kann man nichts machen.« »Und wie sieht das mit der ETA aus? Gibt es die noch?«»Die ETA?«, fragt er und legt Sorgenfalten auf. »Das waren Schweine. Sie wollten die Loslösung von Spanien mit Gewalt erzwingen und haben das Gegenteil erreicht. Zum Glück gibt es die ETA nicht mehr.« »Glaubst du, dass ihr irgendwann einen eigenen Staat habt?«»Keine Ahnung. Es wäre schön. Wir haben die älteste Sprache Europas, eine einzigartige Kultur und nur sehr wenig mit dem Rest des Landes gemein. Warum sollten wir nicht ein freier Staat werden? Gleichzeitig: Wollen wir nicht lieber ohne Grenzen leben und diese Vielstaaterei aufheben?« Turtle und ich nicken zustimmend. Ich frage mich schon lange, warum sich jemand unbedingt durch Nationalität, Glaube oder Tradition vom Rest der Menschheit absondern will. Sind wir nicht langsam so weit, dass wir uns über unsere Gemeinsamkeiten definieren sollten und nicht über unsere Unterschiede?

Wir lauschen den Menschen am Nachbartisch. Die Sprache ist faszinierend und scheint so gar nichts mit romanischen oder germanischen Sprachen zu tun zu haben. Angeblich sprechen sie hier so, wie die Menschen vor Tausenden von Jahren. Neben Turtle und mir sitzen zwei Franzosen und lauschen ebenso ergriffen der fremden Musik. In einer der musikalischen Pausen kommen wir mit ihnen ins Gespräch. Sie sind beide 85 Jahre alt, segeln jedes Jahr für drei Wochen auf dem Atlantik herum und schwören, dass sie das erst lassen werden, wenn einer von beiden stirbt. »Könnte unser letzter Törn sein«, sagt der eine und lacht. Turtle fragt nach ihrem Geheimnis, so alt zu werden und dabei so fit zu bleiben. Der etwas lautere, derbere Typ meint, das liege am Alkohol. Der andere, bescheiden wirkende, sagt: »Zu versuchen, ein glückliches Leben zu führen. Das ist der Trick. Nichts ist gesünder.« »Wie geht das?«, frage ich. »Dafür gibt es kein Patentrezept. Vielleicht wird es uns in die Wiege gelegt, ob wir ein glückliches Leben führen oder nicht.«»Was waren Sie von Beruf?«, frage ich weiter. »Arzt. Nichts hätte mich glücklicher machen können.«

Als wir den beiden erzählen, dass wir mit SUPs die spanische Nordküste entlangpilgern, erklären sie uns für verrückt. Aber wir seien ja jung, sähen trainiert aus und schienen die Sache durchziehen zu wollen. Das seien eigentlich gute Voraussetzungen. Dann verabschieden sie sich in der Hoffnung, uns morgen auf dem Wasser zu begegnen.

5. TAG: MUTRIKU BIS MUNDAKA

Pilgerreisen dauern heutzutage nicht mehr Jahre. Mittlerweile sind wir nur noch ein paar Wochen, vielleicht Monate unterwegs und haben das Ziel immer klar vor Augen. Wir nutzen Google Maps und alle möglichen Apps, um uns bloß nicht zu verlaufen, keine lästigen Überraschungen zu erleben oder gar jenseits unserer Pläne zu pilgern. Wir halten permanent Kontakt zu den Lieben in der Heimat, verfolgen die Nachrichten und haben gar keine Chance mehr, eine Pilgerreise so zu erleben wie die Menschen früher.

Auf dem Wasser ist das ein bisschen anders. Wir können nicht ständig aufs Handy schauen, denn es ist wasserdicht verpackt. Das Herausholen nervt und birgt immer das Risiko, es an die gierige Biskaya zu verlieren. Wir haben da draußen auch keine Möglichkeit zum Austausch mit anderen Pilgern, denn wir sind die einzigen Peregrinos de la mar, Meerespilger. An Land haben wir noch keine Mitpilgernden getroffen, da wir uns in der Nähe der Marinas aufhalten und diese bisher nicht auf dem ansonsten klar kartografierten Camino del Norte, dem nordspanischen Küstenweg, eingetragen sind.

Nachdem uns die ersten beiden Tage völlig überfordert hatten, verwöhnt uns das Wetter jetzt sogar mit Rückenwind. Wir waren heute sechs Stunden auf dem Wasser und haben fast 30 Kilometer geschafft. Zwischendurch haben wir Mondfische gesehen, riesige Fische, die vor uns in die Luft sprangen, sind an Felswänden vorbeigepaddelt, die Hunderte von Metern ins Meer stürzen, haben uns Zeit genommen, fast zwei Kilometer von der Küste entfernt zu baden und uns gegenseitig unter Wasser zu filmen. Der Tag auf dem Wasser fühlte sich fast wie ein richtiger Urlaubstag an. Lebensglück zu teilen, ist für mich im Moment wertvoller als alle Erkenntnisse, die ich auf meinen Soloabenteuern gewonnen habe.

Als wir schließlich in Mundaka einlaufen, spüre ich die sechs Stunden auf dem Wasser in jeder Faser meines Körpers. Wenn das ein Wochenendausflug wäre, müsste ich mich jetzt erst einmal drei Tage lang erholen. Aber dies hier ist eine Pilgerreise. Daher muss die Erholung beim Pilgern stattfinden. Direkt vor dem Hafen von Mundaka bricht die perfekte Welle. Sie baut sich vor einer kleinen Sandbank auf und läuft dann etwa 500 Meter in einen Meeresarm hinein. Selbst wenn unsere Tourenbretter für Wellen geeignet wären, könnten wir keinen einzigen Paddelschlag mehr machen. Es bleibt uns nur, den Surfern beim Wellenreiten zuzuschauen, was ich allerdings stundenlang machen könnte. (BILD 20)

In Mundaka gibt es sogar ein Hostel, allerdings ist der Wirt ein solcher Griesgram und das Zwanzigbettzimmer vollkommen unattraktiv, dass wir enttäuscht ablehnen. Ich fühle mich übermüdet, habe keine Lust, einen Zeltplatz zu suchen, Zelt, Isomatte und Schlafsack herzurichten und frage den Hostelwirt in meinem erbärmlichen Spanisch, warum er denn so unfreundlich sei. Er blafft sofort zurück, dass er eben kein besseres Zimmer hätte und das nichts mit Unfreundlichkeit zu tun hätte. Ich bin ziemlich genervt und frage ihn, warum er kein Englisch könne, wo er doch in einem internationalen Hostel arbeite. Das bringt das Fass zum Überlaufen, und er schreit mich an, dass wir uns hier in Spanien befänden – den Rest kann ich nicht verstehen. Turtle geht dazwischen, sagt »tranquillo« und der Herbergsvater wird tatsächlich still. Ich ärgere mich über mich selbst: Warum kann ich nicht mal den Mund halten? Und mit meinen Sprachkenntnissen eine solche Diskussion auf Spanisch zu beginnen, ist sowieso bescheuert.

Direkt neben einer uralten Kirche auf einer Klippe mit Meeresblick schlagen wir fünf Minuten später unsere Zelte auf und sind uns einig, dass es keinen besseren Platz für Pilgerreisende wie uns geben könnte. (BILD 21) Zum Glück sind wir nicht in der Herberge gelandet. Ich muss an die Freundin und ihre Ratschläge denken: Nimm alles an, was dir auf diesem Weg begegnet. Zum Glück ist der Weg noch lang und ich habe genügend Zeit, ihre Ratschläge zu verinnerlichen.

Auf meiner Donaureise vor drei Jahren, die ich auch als Pilgerreise empfinde, war lange Zeit Einsamkeit der Weg, auf dem mich diese Tour zu mir selbst geführt hatte. Ich war nicht abgelenkt von Gedanken, Sorgen oder Nöten eines Mitpilgers. Ich konnte mich einzig auf mich konzentrieren und beobachten, wo mich diese Reise hinführen wollte. Nach der Hälfte der Strecke traf ich jedoch einen jungen Belgier, der mich über weite Abschnitte begleitete. Dies gab mir eine perfekte Mischung aus Einsamkeit und Austausch. Auf dieser Reise ist das anders: Ich habe Turtle an meiner Seite – und es ist ein Segen. Mitten auf dem Meer gibt er Lieder von Adriano Celentano zum Besten, stößt Jubelrufe aus und verbreitet eine solch kindliche Freude an unserer Tour, dass mir zwar die Erkenntnisse aus der totalen Einsamkeit fehlen, dafür aber ein Mensch an meiner Seite ist, der für mein Seelenheil wie Medizin wirkt. Allein die ersten beiden Tage hätte ich ohne ihn nicht überstanden. (BILD 22)

Eine weitere geplatzte Tour hätte ich nicht verkraftet. Erst kam im vergangenen Jahr die wegen meines lädierten Fußes abgebrochene Pilgerreise. Und dann musste ich in diesem Jahr die Umrundung Sri Lankas mit dem SUP schon nach einem Tag beenden, da mein Mitpaddler nach drei Kilometern aufgegeben hatte. Wir hatten uns im Internet kennengelernt, weil ich nach Menschen recherchierte, die den Ganges gepaddelt sind. Dabei stieß ich auf einen Inder namens Buktu, der die 2.500 Kilometer des heiligen indischen Flusses auf einem Wanderkajak in drei Monaten heruntergepaddelt ist. Er riet mir dringend von einer Paddeltour auf dem Ganges ab. Der Fluss sei völlig verseucht von der Industrie und voller Leichenteilen, die von Beerdigungsritualen herrührten. Ob ich nicht lieber mit ihm eine Paddeltour rund um Sri Lanka machen wolle.

Die Idee begeisterte mich sofort. Im März, April gab es ein gutes Wetterfenster, um die 1.300 Kilometer zu meistern, und Buktu stellte sich als großartiger Organisator heraus. Er schrieb Excel-Tabellen über Packlisten, arbeitete Tagesetappen aus und beschaffte uns eine Genehmigung vom High Commissioner Sri Lankas, dem höchsten Beamten des Landes, um die Erlaubnis für die Umrundung der Insel zu erhalten. Er organisierte ein Tuk-Tuk mit Fahrer, der uns bei der Tour an Land begleiten sollte und sorgte für Kontakte zur Marine, die drei Schnellboote für unsere Rettung alarmieren würde. Als Höhepunkt seiner Organisationskunst veranstaltete Buktu eine Pressekonferenz im besten Hotel der Insel. Dutzende von TV-, Hörfunk- und Pressevertretern kamen, um über unsere waghalsige Tour zu berichten. Buktu legte eine perfekte Power-Point-Präsentation hin, sonnte sich im Licht der medialen Aufmerksamkeit und versprach, ein großartiges Buch und einen noch besseren Film über unsere Tour zu produzieren.

Schon im Vorfeld hatte ich mich über meinen indischen Mitpaddler gewundert, aber zu wenig auf meine Bedenken gehört: In seinem Blog schrieb er, dass wir uns morgens von der Ebbe fünf Kilometer heraustragen und dann abends von der Flut wieder an Land spülen lassen würden. Ich kenne den Indischen Ozean recht gut und weiß, dass in den meisten Regionen kaum Strömung herrscht und die Ebbe wie auf allen Ozeanen eher nach unten geht und die Flut nach oben, aber nicht fünf Kilometer raus aufs Meer und wieder rein wie bei vielen Flüssen. Vor allem nicht regelmäßig morgens raus und abends rein. Wir haben ja auch nicht immer Vollmond. Auch alle Strömungstabellen Sri Lankas sagten ein solches Phänomen nicht voraus.

Als wir uns kurz vor Tourbeginn in Colombo, der sri-lankischen Hauptstadt, trafen, stellte sich heraus, dass Buktu absolut nicht durchtrainiert war. Mit seinen 58 Jahren brachte er gute 120 Kilogramm auf die Waage. Aber auch das schreckte mich noch nicht ab, denn manche Menschen tragen unglaubliche Kräfte in sich.

Als wir am Tag nach der Pressekonferenz unsere Gefährte zu Wasser ließen, zog er sich eine Schwimmweste an, was mich endlich stutzig machte. Es herrschte kein Wind, die Sonne brannte mit mehr als 30 Grad auf uns herab und die Wellen waren keine 50 Zentimeter hoch. »Aus Sicherheitsgründen«, meinte er und ich zuckte mit den Schultern. Sein Kanu und mein SUP lagen hinter einem Felsen in einem ruhigen, natürlichen Bassin. Trotzdem trieb Buktus Kanu sofort ab, da er es entgegen meiner Warnung zu tief ins Wasser gezogen hatte. Ich rannte hinterher und zog es zurück an Land.

Als unsere große Reise schließlich losging, paddelte Buktu parallel zum Ufer, bis ihn die erste Welle seitlich erwischte, sein Boot kenterte, seine 70 (!) Kilogramm Gepäck aufs Meer trieben und er selbst wie ein Käfer auf dem Rücken lag und paralysiert schien. An dieser Stelle war das Wasser jedoch keinen Meter tief. Ich lief zu ihm, richtete sein Kanu auf, sammelte seine Sachen ein und fragte ihn, warum er nicht aufstehe. Erst da erkannte er, wie flach das Wasser war, und erhob sich umständlich. Irgendwie schaffte er es zurück in sein Kanu, ich erklärte ihm, dass man brechende Wellen – und seien sie nur einen halben Meter hoch – von vorn nehmen müsse, gab ihm einen Schubs und brachte ihn somit hinter die Brechzone.

Zwanzig Minuten später hatte es Buktu keine 500 Meter weiter geschafft. Ich kehrte um und fragte ihn, ob er ein Problem habe. Ja, in seinem Boot stehe ein Fuß Wasser. Warum er dieses nicht herausschöpfe, fragte ich ihn. »How – wie?«, war seine bizarre Antwort. »Mit einer Schöpfkelle, mit den Händen, keine Ahnung«, sagte ich.

»Wie hast du das denn auf dem Ganges gemacht?« »Da hatte ich kein Wasser im Boot.« Ich legte neben ihm an, kniete mich auf mein Brett, schöpfte das Wasser mit den Händen aus seinem Kanu und paddelte weiter. Eine weitere halbe Stunde später war Buktu erneut weit zurückgefallen. Eigentlich hätte er mit seinem fünf Meter langen Kanu sehr viel schneller als ich auf meinem SUP sein müssen, aber irgendwie wollte es bei ihm nicht laufen. Ich wartete fast eine Stunde auf ihn, legte mich auf mein Brett und ließ mich vor Colombo treiben. Als er mich endlich eingeholt hatte, meinte er, dass er sich ganz langsam an das Meer gewöhnen müsse. Ich fragte, wann er zuletzt auf dem Meer gewesen sei. »Noch nie«, war seine frappierende Antwort. »Du willst um eine Hochseeinsel paddeln und warst noch nie auf dem Meer?«, fragte ich. Er schüttelte den Kopf. Ich auch und paddelte konsterniert weiter. Als ich den riesigen Hafen von Colombo umschifft hatte, klingelte mein Handy: Buktu. Er sei immer noch vorm Hafen, sei erneut gekentert, habe dabei seine GoPro verloren, beide Knie verletzt und breche die Tour nun ab.

Im Nachhinein vermute ich, dass er noch nicht einmal schwimmen konnte – daher die Schwimmweste. Ich war auf einen Hochstapler hereingefallen. Damals lag ich eine ganze Nacht wach, wägte alles ab, zermarterte mir mein Hirn und konnte und wollte nicht wahrhaben, was geschehen war und vor allem, wie dumm ich gewesen war. Aber konnte ich das ahnen? Wenn mich jemand fragt, ob ich mit ihm auf einem Kamel durch eine Wüste reiten möchte, gehe ich doch nicht davon aus, dass der Kerl noch nie in seinem Leben auf einem Kamel gesessen hat und noch nie in einer Wüste war. Nach langem Grübeln war klar, dass ich diese Tour nicht allein fortsetzen wollte. Das Risiko war nicht kalkulierbar und meine Angst vor Krokodilen zu hoch. Es sollte nicht sein. Damals kam ich mir feige vor, wie ein Versager. Im Nachhinein war es mutig, die Tour abzubrechen. Für mich gehört ungeheure Größe dazu, Niederlagen einstecken zu können.

Zwei große Touren hintereinander waren also gescheitert, und ein drittes Scheitern hätte mich in ein ziemliches Tal geworfen. Zu häufiges Scheitern birgt die Gefahr in sich, wie ein Träumer, oder gar wie ein Idiot dazustehen. Dann schaltet irgendwann der Schalter um, die Angst vor dem Scheitern gewinnt die Oberhand und Träume werden nicht mehr zu Ende geträumt. Jeder Traum, jede Möglichkeit birgt immer auch das Risiko der Niederlage in sich. Gleichzeitig ist es immer leicht, Mut zu zeigen, wenn am Ende eine Belohnung wartet.

Und deshalb liege ich jetzt in meinem Zelt und bin unendlich dankbar, dass dieses Abenteuer – zumindest im Moment – einen phänomenal guten Verlauf nimmt, dass mich ein echter Freund begleitet, auf den Verlass ist, dessen Stimmung fast immer positiv und der ein echter Wassermensch ist. Wie wenig Raum unsere Bretter einnehmen, wenn wir über dieses gewaltige Meer SUPen. Und doch stünden uns Millionen von Biskaya-Quadratkilometern zur Verfügung.

Manchmal bin ich dem Meer unendlich dankbar, dass es uns passieren lässt, dass es uns trägt, erträgt. Wir hinterlassen keine Spur, müssen uns nicht einordnen, haben nur den Rhythmus unserer Paddelschläge. Alle drei Meter stechen wir zu, hinterlassen kurze Wirbel, wechseln alle paar Schläge die Seite und gleiten permanent einem fast heiligen Ziel entgegen. Noch 100.000-mal – dann sind wir da.

Anfangs empfand ich unsere Langsamkeit als resignierend. Ich tröstete mich damit, dass ich immerhin schneller bin als ein Spaziergänger. Aber langsamer als ein Jogger. Mittlerweile spüre ich, dass unser Schneckentempo hilft, präsent voranzukommen. Wir benötigen keine Eingewöhnungszeit wie nach langen Flügen oder Autofahrten. Wir steigen an Land und sind da. Als gehörten wir schon immer dorthin.

6. TAG: MUNDAKA BIS GALDAKAO

Jeden Morgen wache ich mit einem Ohrwurm auf. Es dauert immer eine gewisse Zeit, bis das Lied aus den flirrenden Tiefen meines Unterbewusstseins an die Oberfläche wabert. Dann macht es sich ganz leise in meinem Kopf breit und findet irgendwann den Weg bis wenige Millimeter vor meine Lippen. Stumm summt es heute früh durch meinen Kopf: »Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück, und ich träum davon in jedem Augenblick« von den Comedian Harmonists aus den Zwanzigern des vergangenen Jahrtausends.

Ich höre mir das Lied auf YouTube an und bekomme Tränen in die Augen. Wonach suche ich denn? Warum suche ich immer noch? Habe ich nicht längst alle Winkel dieser Welt erkundet, alle Ecken meines Seins durchforstet, alle Träume erfüllt? Lässt sich diese Sehnsucht nie stillen? Wann sitze ich endlich wie Hesses Siddhartha an einem Fluss und bin einfach nur zufrieden?

Wieder habe ich meine Heimat verlassen, meine Lieben, mein kleines bisschen Glück – dabei habe ich mehr Glück im Leben gehabt, als ich mir je hätte erträumen können – und paddele über Wellen und Untiefen, durch unpaddelbares Wabbelwasser, an Strömungen entlang, mit Ebbe und Flut, nenne das Ganze auch noch Pilgern und versuche, etwas zu finden, das ich längst gefunden habe und immer wieder verliere: mich, oder das, was davon übriggeblieben ist. Was immer wieder abtreibt wie ein Stück Holz auf diesem riesigen Ozean. Die Flüchtigkeit der Momente aus Glück, Unglück, Gnade, Verzweiflung, Erschöpfung oder Freude wechseln auf dieser Reise weiter im Stundentakt: Ich bin vollkommen entkräftet, meine Schultern sind schwer wie Beton, denn ich suche ein Leben jenseits unserer überzivilisierten Welt, jenseits der Smartphones, der WLAN-Welt, des Konsumismus, der Altersvorsorge, der Versicherungen, der Eintönigkeit. Ein ursprüngliches Leben fernab von warmen Duschen, Treffen mit Freunden, intimen Stunden, Sport, Arbeit, Sofas, Knabberzeug, gefüllten Kühlschränken, Kaltschaummatratzen, vollen Kleiderschränken mit einer schier unendlichen Auswahl an Turnschuhen, Hosen, Shirts und Jacken. Eine lange Reise ohne E-Mails, ohne Telefongespräche, mit wenigen Kurznachrichten als Lebenszeichen. Ein Aufbruch in das Reich des Reisens, wo andere Dinge zählen: die körperliche Unversehrtheit, die Nähe zur Natur, das Treffen mit Fremden, die einem schneller ans Herz wachsen als in der versiegelten Welt, die wir Zuhause nennen.

Wie jeden Morgen werden wir auch heute von der Polizei verscheucht. Wild Campen ist in Spanien grundsätzlich verboten. Es sind durchweg freundliche Beamte, die beflissen ihre unsinnige Pflicht erfüllen. Wen stören wir schon? Welche Gesellschaft lässt Pilger nicht mehr an ihren Ufern schlafen? Welche Werte hat dieses System verloren? Da wir keinen Profit bringen, sind wir unerwünscht. Es ist ein erbärmliches System der Gier, in dem wir leben. Fast überall in Europa sind mittlerweile zwei Meter hohe Barrieren vor Parkplätzen montiert, damit Wohnmobile dort nicht mehr stehen können. Was steckt dahinter? Die meisten Camper sind absolut umweltbewusste Menschen, sodass es möglicherweise entstehender Müll nicht sein kann. Camper sind selten Partypeople, die die ganze Nacht laute Musik hören – Belästigung kann es also auch nicht sein. Was ist es dann? Ich finde nur ein Argument: Die Camper sollen auf Camping- und Stellplätze fahren, um dort zu zahlen.

Ich empfinde diese Politik als Freiheitsberaubung. Wenn ich mich nirgends mehr mit meinem Wohnmobil hinstellen darf und an keinem Ort in Südeuropa mein Zelt aufbauen kann, dann leben wir in einem System, das ich nicht mehr unterstütze.

Auch das SUPen ist mittlerweile auf vielen deutschen Gewässern verboten. Wahrscheinlich werden sie bald einen SUP-Führerschein einführen, damit wir überhaupt noch weiter paddeln dürfen. Hauptsache wir bringen Profit.

Heute wurde mir auf dem Wasser plötzlich klar, dass ich mich jetzt tatsächlich in meinem nächsten Abenteuer befinde. Das Meer lag da wie schwabbelndes Blei, kein Lüftchen wehte, die Wolken tauchten die Wasserwelt in düstere Wogen und ich wusste, dass ich an keinem anderen Ort dieser Welt sein möchte. (BILD 23) Jetzt bin ich drin in dieser Tour, sie läuft, sie flutscht. Hier darf ich sein. Hier kommt keine Polizei und verscheucht mich – bis jetzt.

Um möglichst subjektive Perspektiven bei den Filmaufnahmen zu bekommen, nehme ich meine GoPro-Kamera in den Mund und filme dabei. Während ich die Kamera auf Turtle halte, springt ein riesiger Fisch direkt zwischen uns in die Luft. Die Freude über den Zufall, über den Fang mit der Kamera, ist viel intensiver als die Freude, die ich im Alltag erlebe. Wann passiert dort schon mal etwas Außergewöhnliches? Etwas, womit wir nicht rechnen? Wie lange hält Freude dort an? Hier ist jede Sekunde so wertvoll, dass ich vor lauter Glück und Freude über dieses Leben staune. Genau diese Wunder und Überraschungen machen eine Pilgerreise, ein Abenteuer aus.

Meine Wahrnehmung der Außenwelt hat sich jetzt schon verändert. Es stürzen so viele Sinneseindrücke auf mich ein, dass mir gar keine Wahl bleibt, als permanent aufmerksam zu sein. Das, was mich dazu bewogen hat, ein weiteres Abenteuer anzugehen, ist plötzlich unendlich weit weg. Es ist mir kaum möglich, über diese neuen Eindrücke zu schreiben, ohne in eine fast mystische, vielleicht sogar esoterisch klingende Sprache zu verfallen: Diese Pilgerreise hat einen Graben geschaffen zwischen einem erfüllenden Hier und Jetzt und dem häufig trist-monotonen, mit kleinen Ärgernissen überfrachteten Leben zu Hause. Es ist, als wäre eine Tür aufgegangen und Frischluft hätte meine Gedankenwelt durchströmt. Diese Reise trägt nicht die alte, verstaubte Vergangenheit mit sich herum, sondern zwingt mich täglich, Tausende Probleme zu lösen: Wo finden wir einen Schlafplatz? Wo bekommen wir genügend Wasser und Nahrung her? Erlaubt uns das Meer, unser Ziel zu erreichen? Wir bewegen uns mental ständig im gegenwärtigen Augenblick und haben gar keine Zeit, uns Gedanken über Politik, Corona oder Zukunftssorgen zu machen.

Auf dem Wasser fiel ich heute kurz in eine Art Trance. Es war, als wäre ich nicht mehr anwesend, sondern würde aus einem automatisierten Körper heraus paddeln, und mein Geist wäre fast wie im Schlaf abgeschaltet. Erst im Nachhinein wird mir dieses Phänomen bewusst, und ich frage mich, was dahinterstecken mag. Falle ich in eine Hypnose? Ist die Monotonie des Paddelns für den Geist dermaßen öde, dass er sich ausklinkt? Ist das der Zustand der Meditation, nach dem ich jahrelang in Dutzenden von Seminaren gesucht und den ich nur selten und kurz gefunden habe?

Die Hälfte der Strecke verbringen wir sitzend, da jede Welle im Stehen Kraft raubt. Zum Glück habe ich durch meine vielen Meditationsübungen gutes Sitzfleisch und die Technik des Schneidersitzes perfektioniert. Ich kann stundenlang so sitzen und verspüre kaum Schmerzen in den Knien oder Hüften. Bei Turtle ist das anders. Er muss mit ausgestreckten Beinen auf seinem SUP sitzen, womit seine Kraft nicht aus dem Rumpf, sondern aus den Armen kommt, was weitaus anstrengender ist. Statt Blasen an den Füßen hat er jetzt Abriebstellen in den Kniekehlen, die gegen die Antirutschauflage seines SUPs scheuern.

Heute ist im Gegensatz zu gestern wieder so ein Tag, an dem die Buchten kein Ende nehmen und an dem wir das Gefühl haben, kaum voranzukommen. Wir paddeln gefühlt Stunden an einem stillgelegten Atomkraftwerk vorbei und scheinen auf der Stelle zu stehen. Vielleicht ist die Strömung heute gegen uns, vielleicht fehlt uns auch der Rückenwind von gestern. Es ist zum Verzweifeln. Schließlich können wir beide kaum noch die Arme heben und geben unser angestrebtes Ziel, hinter einer kleinen Insel an einem langen Strand zu kampieren, auf. Stattdessen biegen wir eine Bucht vorher nach Armintza ein.

Es ist Sonntagabend, auf den Kaimauern sonnen sich Hunderte von Menschen, Kinder springen von Klippen ins Wasser und Luftmatratzen dümpeln im Hafenbecken. Wieder betreten wir diese seltsame Zwischenwelt aus Land und Meer, werden beäugt, bestaunt, von einer langen Welle erfasst und ins Hafenbecken getragen. Es ist schon fast zum Ritual geworden, dass wir unsere Bretter an irgendeinem Steg vertäuen, das erstbeste Restaurant aufsuche und dort Tapas essen. Kohlenhydrate und fettiger Fisch bringen am schnellsten wieder Energie und Leben in unsere Körper.

Es wäre mal wieder Zeit für ein Hotel, doch in dem kleinen Dörfchen gibt es nicht mal eine Herberge. Auch einen geeigneten abgelegenen Zeltplatz finden wir nicht. Wir hätten aber nicht die Kraft, abends noch mal alles zusammenzupacken und weiterzuziehen, wenn wir erneut von der Polizei verscheucht würden. Daher beschließen wir, ein Taxi zu rufen, das Meer für ein paar Kilometer zu verlassen und uns nach Galdakao an einen Fluss namens Ibaizabal bringen zu lassen, der nur ein paar Kilometer südlich von hier fließt und über den Nervión und die Ría de Bilbao bei Bilbao in der Biskaya endet. Ganz in Flussnähe befindet sich sogar eine Herberge.

Schon wieder lassen wir die Luft aus unseren Brettern, nehmen zum zweiten Mal ein Taxi und steigen völlig erschöpft in einem sozialistisch aussehenden zwanzigstöckigen Plattenbau ab und schlafen zehn Stunden in einem frisch bezogenen Bett.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
15 mayıs 2025
Hacim:
264 s. 75 illüstrasyon
ISBN:
9783667121080
Telif hakkı:
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