Kitabı oku: «Nachtjägerherz und Nachtjägerseele»

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Inhaltsverzeichnis

Nachtjägerherz

1. Zersa

2. Tiano

3. Zersa

4. Tiano

5. Zersa

6. Tiano

7. Zersa

8. Tiano

9. Zersa

10. Tiano

11. Zersa

Nachtjägerseele

Prolog

1. Tiano

2. Zersa

3. Kirak

4. Tiano

5. Zersa

6. Tiano

7. Kirak

8. Zersa

9. Tiano

10. Zersa

11. Tiano

12. Zersa

13. Tiano

14. Zersa

15. Tiano

16. Zersa

Epilog

Danksagung

Über die Autorin

Leseprobe aus „Winterkater“

Der viel zu lange Winter

Der Wanderer

Über die Katzenbuchreihe

Nachtjägerherz und Nachtjägerseele

Tina Alba

Band 12 der Katzenbuch-Reihe


©Tina Alba 2020

2013 und 2015 erschienen als Einzelbände

Machandel Verlag

Charlotte Erpenbeck

Cover-Bildquelle: insima / artnovi / berry2046 /depositphoto.com

Innen-Illustrationen: div. Künstler/ www.shutterstock.com

Haselünne

2020

ISBN 978-3-95959-294-9

Nachtjägerherz

Buch 1


1. Zersa

Zersa zuckte zusammen. Ihr Herz klopfte wie rasend.

Sie krallte die Finger in ihre dünne Decke, dann rollte sie sich wie ein Kätzchen zusammen.

Da konnte nichts sein. Bestimmt hatte sie nur geträumt.

Da. Ein Schrei.

Am liebsten hätte sie sich die Finger in die Ohren gesteckt, aber das würde das Schreien auch nicht zum Verstummen bringen.

Gellend klang es über das Dorf hinweg.

Zersa vergrub sich in ihrem Schlaflager, wohl wissend, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie vor ihrer Hütte stehen würden. Zersa seufzte. Es hatte keinen Sinn, weiter liegen zu bleiben. Besser, sie stand auf und kleidete sich an, bevor die Ältesten mit ihren Begleitern kamen, um sie zu fragen, wo sie in der Nacht gewesen war.

Ich war hier. Ich habe geschlafen. Ich war den ganzen Tag im Wald, habe meine Fallen kontrolliert und Kräuter gesammelt, um euch eure Wunden zu verbinden, wenn ihr euch doch wieder einmal über eure Schrammen flennend zum Haus der Hexe begebt. Ich war hier, die ganze Nacht. Die Waldmutter ist meine Zeugin.

Ja, dummerweise nur sie. Wer fragt heute schon noch nach der Waldmutter?

Zersa warf den getrockneten Kräuterstrauß für ihren Morgentee so heftig in die Kanne aus gebranntem Ton, dass das Wasser spritzte. Sie hatte nur Verachtung für die Männer und Frauen aus ihrem Clan übrig. Für ein paar Annehmlichkeiten und Wertgegenstände liefen sie den Göttern der Menschen hinterher. Bis die versprengten Mitglieder einer kleinen Expedition in Zersas Dorf aufgetaucht waren, hatte kein Mensch aus den umliegenden Städten vom Wildkatzen-Stamm oder anderen Uruni gewusst. Vielleicht hatten sie geglaubt, die Waldbrände der letzten Jahre hätten auch die letzten Uruni ausgelöscht. Zersa erinnerte sich noch zu gut an die Gesichter der Männer, die sich während der Jagd plötzlich mitten im Dorf des Wildkatzenclans wiederfanden. Ihr wurde jetzt noch schlecht, wenn sie daran dachte, wie die Fremden sie und ihre Stammesgeschwister angestarrt hatten. Kleine, zierliche Waldbewohner mit den Zeichen und Farben der Wildkatzen auf ihrer Haut und nur mit dem Nötigsten bekleidet. Menschenkleidung war in den Wäldern doch nur hinderlich. Zu warm, zu aufwändig, zu vieles, mit dem man irgendwo hängenbleiben konnte. Schuhe mit viel zu dicken Sohlen aus hartem Leder, durch die es unmöglich war, den Boden zu fühlen. Jedes Uruni-Kind wusste, wie wichtig es war, den Boden zu spüren. Wie sollten sie sonst fühlen, wo sicherer Grund endete und das Moor begann, das sich tückisch durch den ganzen Nebelwald zog?

Die Erinnerungen stiegen in Zersa auf, während sie versuchte, zur Ruhe zu kommen, den Tee aufbrühte und sich einen Brei aus gestampftem Korn und Beeren zum Frühstück kochte.

Zuerst waren die Ältesten skeptisch gewesen, doch schließlich hatte einer der Fremden ein krankes Kind mit einem seltsamen Trank geheilt, und das Vertrauen des Stammes war ihm danach nur so zugeflogen.

Bin ich denn wirklich die Einzige, die ihnen nicht traut?

Die Fremden waren zu Bekannten und schließlich zu Vertrauten geworden, sie hatten ihre Sagen, ihre Heilkunde und vor allem ihre Götter mitgebracht. Immer mehr Stammesgeschwister riefen nicht mehr die Waldmutter an, wenn sie in Not waren, sondern flehten bei Hiru, dem Sonnengott um Hilfe. Frauen wendeten sich zu Alnea, der Mondgöttin, denn die Menschen brachten ihnen bei, dass sie die Schutzherrin der Frauen war, und immer mehr Männer fanden den Weg zu Hiru. Nur wenige blieben der namenlosen Waldmutter treu, der Gottheit, mit der jeder Uruni bisher groß geworden war und die alles verkörperte, was die Stämme zum Leben brauchten.

Nachrichten von anderen Stämmen, weitergetragen über die jahrhundertealten Flötenmelodien, die den Wald wie Vogelgesang durchdrangen, zeigten dem Wildkatzen-Stamm schon bald, dass auch der Vogel-Stamm, der Affen-Stamm, der Hunde-Stamm und sogar der Stamm der Raubvögel ebenfalls von Menschen besucht und unterrichtet worden waren.

Zersa fischte den Kräuterstrauß aus ihrem Tee und warf ihn zu Ehren der Waldmutter ins Feuer. In Gedanken formulierte sie ein Dankgebet, das sie mit dem Rauch in den Himmel schickte.

Sie überschütten uns mit neuen Dingen, die uns unglaublich und spannend erscheinen. Aber sie nehmen uns alles weg, was uns ausmacht. Sie lassen uns wie kleine Kinder dastehen. Aber wir haben die Weisheit der Waldmutter. Wir sind keine Kinder. Wir sind nicht dumm. Wir sind keine Wilden und wir sind keine Tiere. Auch wenn sie uns so behandeln.

Zersa wusste, dass sie damit ziemlich allein stand. Die meisten bewunderten die großen, kräftigen Menschen mit der schimmernden hellen Haut, die aussah wie dünner Tee, makellos, ohne Flecken und Streifen. Sie bewunderten die meist nachtschwarzen oder sonnengelben, manchmal auch braunen oder rötlichen Haare der Menschen. Die Mädchen konnten sich nicht satt sehen an den muskulösen Körpern der menschlichen Kundschafter, und erwachsene Wildkatzenstamm-Männer redeten sich des Nachts die Köpfe heiß über das silberne Haar der jungen Alnea-Priesterin, die mit der letzten Gesandtschaft in das befestigte Menschenlager in der Nähe des Dorfes gekommen war.

Sie sollen zurück in ihre Städte gehen und uns in Ruhe lassen...

Zersa trank ihren Tee und schlang hastig ihren Brei hinunter, dann legte sie ihren Gürtel und ein Brusttuch an und wartete auf das Unvermeidliche. Inzwischen waren die Schreie verstummt und der Wind trug nur noch ein leises, vielstimmiges Jammern und Schluchzen über die Blätterhütten. Es dauerte nicht lange, und der Vorhang vor ihrer Hütte bewegte sich.

„Zersa Ata, wir müssen dich sprechen. Komm heraus.“

Zersa rollte die Augen. Ano, der Älteste des Dorfes, klang wie ein knurriger Kater. Sie erhob sich und trat in das Farbenspiel aus Licht und Schatten, das die gerade aufgehende Sonne über dem kleinen Kräutergarten vor ihrer Hütte tanzen ließ. Hinter Ano standen Shia, seine Seherin, und Livo, sein Ratgeber. Zersa verengte die Augen, als sie den Mondsteinanhänger sah, der zwischen Shias nackten, tigergestromten Brüsten baumelte.

„Wo warst du letzte Nacht, Zersa Ata, Manums Tochter?“

Dass sie mit dem Namen ihres Vaters angesprochen wurde, zeigte ihr, wie ernst die Situation war.

„Ich war zuhause“, sagte sie mit fester Stimme. „Ich habe den Tag in den Wäldern verbracht und gejagt und gesammelt. Ich bin erst zurückgekommen, als die Sonne schon untergegangen war. Danach habe ich mich um meine Beute gekümmert. Dann bin ich schlafen gegangen.“

„Hat dich jemand gesehen?“ Shias Stimme klang wie eine Herausforderung.

„Nein. Ich ging nicht über den Versammlungsplatz. Da waren mir zu viele Menschen.“

Sie spie das Wort aus wie eine faule Frucht. Shia fauchte leise.

„Vor drei Tagen hat dich auch niemand gesehen, als du angeblich mitten in der Nacht aus dem Wald gekommen bist. Vor einer Woche auch nicht. Vor einem halben Mond nicht und vor einem Mond ebenfalls nicht. Aber das Blut auf deinem Tuch wurde gesehen und das Blut in deinem Hof.“

„Ich habe einen Schimmerfasan und eine Waldratte geschlachtet, und mich dabei mit ihrem Blut befleckt. Bei der Waldmutter, habt ihr euch noch nie beim Schlachten dreckig gemacht? Ah, nein. Ihr schlachtet ja nicht mehr. Ihr esst die Süßigkeiten, die die Menschen euch zustecken.“

Nun fauchte auch Zersa.

„Genug“, knurrte Ano. „Sei vorsichtig mit dem, was du sagst, Manums Tochter, und sprich weiter. Aber beleidige uns nicht.“

Zersa neigte den Kopf und würgte ihre Wut hinunter.„Ich habe euch die Federn und das Rattenfell gezeigt, reicht das nicht?“ Sie hob die Hände zum Blätterdach des Waldes.

„Wer ist letzte Nacht getötet worden?“

Anos Augen wurden schmal. „Meine Seherin sagte mir, dass du diejenige bist, die uns das sagen würde.“

„Ich habe niemanden getötet. Wie oft denn noch, Ältester? Ich habe Beute gemacht, ja. Ich bin eine Uruni vom Wildkatzenstamm. Ich jage und ich esse das Fleisch meiner Beute, so wie wir alle es tun sollten, aber ich habe keinen Uruni getötet.“

Ano nickte. „Komm mit, Zersa.“

Der Älteste und seine beiden Begleiter führten Zersa in die Mitte des Dorfes. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als sie erkannte, an wessen Hütte ihr Weg enden würde. Immer mehr Uruni kreuzten ihren Weg oder schlossen sich ihnen an und mehr als einmal traf ein offen feindseliger Blick Zersa. Ihre Ohrspitzen zuckten. Sie fühlte die Blicke im Nacken. Hätte sie Fell gehabt, es hätte sich gegen ihren Willen gesträubt. Numa und Ojo. Erst vor einigen Tagen hatte Numa ihr zweites Kind bekommen, eine Tochter. Ihr älteres Kind, ein Sohn, war drei Sommer alt.

Bitte nicht.

Zersa spürte Livos Hand zwischen ihren Schulterblättern. „Geh weiter, Hexe.“

Hexe.

Es tat weh, so genannt zu werden, nur weil in ihr die alte Gabe der Uruni erwacht war. Es geschah nicht mehr oft. Zersa war in ihrem Stamm, so weit sie wusste, die letzte gewesen. Und ob es bei den anderen Stämmen noch Uruni-Ata gab, war deren wohlbehütetes Geheimnis. Niemand sprach mehr darüber. Zersa erinnerte sich noch gut daran, als sie noch ein Kind gewesen war, wie stolz ihre Großmutter gestrahlt hatte, eine Ata in der Familie zu haben. Doch schon ihre Mutter hatte sie gelehrt, ihre Gabe zu verschweigen. Als die Menschen kamen und die Waldmutter von der beschützenden Gottheit immer mehr in die Rolle einer Dämonin gedrängt wurde, wurden auch die Ata, die Gestaltwandler und Hüter des Erbes der Stammestiere, zu Dämonen. Zersa war eine Ata. Und damit war sie verdächtig. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis man sie aus dem Dorf jagen oder hinrichten würde. Dass sie es noch nicht getan hatten, war nur Ano zu verdanken, der ohne Beweise niemanden verurteilte. Zersas Schuld war nicht bewiesen.

Ebenso wenig meine Unschuld.

Und das war das Problem.

Zersa zuckte zusammen, als sie den Geruch frisch getrockneten Blutes wahrnahm. Uruni-Blut. Ihr wurde schlecht. Das Summen der Fliegen in der Nähe von Numas und Ojos Hütte war so stark, dass es beinahe in den Ohren dröhnte. Und dieser Blutgeruch. Der metallische Geschmack überzog ihre Zunge, kroch in ihren Hals und füllte ihren Mund. Es machte ihr nichts aus, ein Tier zu schlachten. Aber der Geruch von Uruniblut ließ sie würgen.

Jemand heulte auf.

Livo stieß Zersa noch einen Schritt vor. Sie stolperte in den kleinen Garten vor Numas Hütte. Numa hockte am Boden, ihr leopardengeflecktes Gesicht war tränenüberströmt. Ojo saß neben ihr, er hatte die Arme um sie gelegt und hielt sie fest, als ob er ihren schmalen Körper daran hindern wollte, zu zerbrechen. In Numas Armen hing leblos das, was vom Körper ihres Sohnes übrig war.Vor ihr im Gras deckten blutdurchtränkte Blätter eine kleine Gestalt ab. Die winzige, schwach gestreifte Hand eines Säuglings ragte heraus, zur Faust geballt. Die roten und schwarzen Tigerstreifen hatte Numas Tochter von ihrem Vater Ojo geerbt.

Numas Kinder.

Zersa spürte, wie ihr die Tränen kamen.

Es tut mir so leid, Numa. Es tut mir so leid, Stammesschwester. Mein Herz weint mit deinem.

Sie wusste, dass Numa ihre Gedankenworte nicht würde hören können. Nur ein Ata konnte die Gedanken eines anderen Atas hören. Dennoch hob Numa den Kopf und sah sie an. Ihre Augen waren gerötet und glommen vor Hass.

„Du“, fauchte sie, „du wagst es, zu mir zu kommen? Reicht es dir denn nicht, was du getan hast?“ Ihr Blick schoss zu Ano.

„Sie war es. Sie muss es gewesen sein. Gestern bei Sonnenuntergang sind meine Kleinen verschwunden, und sie war den ganzen Tag fort! Sie hat sie in die Wälder gelockt, sie hat sie so zugerichtet und dann hat sie sie mir vor die Tür gelegt, um mir das Herz zu brechen! Sie hat das getan, weil ich den Mann bekommen habe, den sie begehrt hat.“

„Was?“ Zersa musste sich zusammenreißen. Sie spürte, wie der hysterische Lachkrampf in ihrem Inneren brodelte.

„Ich soll ... was? Numa, nein. Ich habe deine Kleinen nicht getötet. Das könnte ich nicht. Es sind Kinder, Kinder sind heilig vor der Waldmutter! Die Waldmutter würde mich niemals ein Kind töten lassen. Nie! Ja, ich war wütend und traurig, weil Ojo mich nicht wollte. Aber ich habe es verwunden und ich tötete nicht aus Rache deine Kinder. Deine Trauer lässt dich solche Worte sagen. Ich war es nicht, Schwester.“

„Nenn mich nicht Schwester! Nie wieder! Ich kenne dich nicht, Ata!“ Numa begann, sich vor- und zurückzuwiegen und wimmerte in das blutige Haar ihres Sohnes. „Geh weg, Ata, und komm nie wieder. Geh. Ano, schick sie weg! Töte die Mörderin ...“

Zersa schluckte und wandte sich ab. „Ich bin keine Mörderin, Ano. Das schwöre ich bei der Waldmutter. Ich habe die Kleinen nicht getötet.“ Und auch die anderen nicht.

Sie hielt inne, als das Gemurmel der anderen Stammesgeschwister um sie herum immer lauter wurde. Manche fauchten und wandten sich dann ab. Frauen schlugen das Zeichen Alneas, einige Männer flüsterten Hirus Namen und manch einer betete laut zu den neuen Göttern. Zersa spürte ihr Misstrauen und ihren Hass.

Wer sollte getötet haben, wenn nicht die verfluchte Ata?

Die Menschen glauben, wir opfern der Waldmutter. Ja, das tun wir, aber wir opfern doch kein Blut!

Zersa senkte den Kopf, dann sah sie Ano an.

„Willst du, dass ich den Stamm verlasse, Ältester? Dann ziehe ich noch heute in die Wälder und komme niemals zurück.“

„Wer sagt mir, dass du sie nicht getötet hast, Zersa?“

Ano sah ihr in die Augen. Sie richtete sich auf.

„Ich“, sagte sie, leise aber fest, „und möge die Waldmutter meine Zeugin sein.“

Ano nickte. „Ich habe einen Entschluss gefasst. Kommt auf den Dorfplatz. Livo, ich will, dass alle dort sind. Versammle sie. Dann will ich verkünden, was ich mit Zersa Ata, Manums Tochter, tun will.“

Sie wurde zum Beratungsfeuer gebracht, um das hölzerne Bänke aufgestellt waren. Ano führte sie zum Feuer, dann warteten sie, bis der Stamm versammelt war. Alle kamen, bis auf Numa und ihre Mutter. Ojo saß dicht am Feuer und betrachtete Zersa mit unverhohlenem Hass in den gelben Augen. Ano wartete, bis es still geworden war.

„Ich habe beschlossen“, begann er, „dass Zersa Ata eine letzte Möglichkeit bekommen soll, ihre Unschuld zu beweisen. Ich gebe ihr fünf Sonnenaufgänge von morgen an. Wenn in dieser Zeit weitere Stammesgeschwister sterben müssen, so werte ich das als ihre Schuld und werde sie verurteilen und mit meinen eigenen Händen auf diesem Platz hinrichten. Wenn sie aber innerhalb von fünf Sonnenaufgängen den wahren Mörder findet, so soll Zersa Ata von ihrer Schuld freigesprochen werden. Und wer immer ihr etwas vorgeworfen hat, soll ihr vergeben.“

Fünf Tage.

Zersas Gedanken rasten.

Wie bei der Waldmutter soll ich in fünf Tagen in diesen Wäldern den einen Irren finden, der unsere Kinder und Kindfrauen umbringt?

2. Tiano

Inzwischen wusste er genau, wo sie ihre Schlingen auslegten. Es dauerte nicht lange, und Tiano hatte zwei Waldratten und ein Nachthuhn aus den Fallen geholt. Hätten die Uruni gewusst, wen sie mit ihrer Fallenstellkunst durchfütterten, wäre er vermutlich ebenso wie diese Ratten und das unglückliche Huhn erwürgt worden. Aber noch hatten sie ihn nicht erwischt, und er würde sein Möglichstes tun, damit es auch so blieb. Sorgfältig verwischte Tiano seine Spuren und huschte zurück zu seinem Lager in einem großen hohlen Baum. Er stutzte, als er Blut auf dem Boden bemerkte, und kontrollierte den Lederbeutel, in den er seine Beute gestopft hatte. Nein, der Beutel war dicht. Auf einen weiteren Blick hin schien das Blut auch nicht frisch, es war trocken, sicherlich schon einige Stunden, wenn nicht Tage alt. Und was roch hier so eigenartig? Tiano beugte sich nieder, schnüffelte und berührte die Pflanzen, an denen die getrockneten Tropfen hingen. Metallisch, süßlich. Vorsichtig bog er die Pflanzen auseinander – und erstarrte, als sein Blick auf einen abgetrennten Fuß fiel. Es war ein zierlicher Fuß mit kräftigen Fußnägeln, die leicht gebogen waren. Die Haut war unregelmäßig braun, ockerfarben und schwarz gefleckt. Zuerst dachte er an Verwesung und Leichenflecken, aber dann erkannte er, dass diese Fleckung die natürliche Hautfarbe dieses unglücklichen Wesens war. Ein Uruni-Fuß. Ein Lederband war um das Fußgelenk geschlungen, es war mit feinen Perlen bestickt, blutverkrustet, aber das bunte Glas war immer noch zu sehen. Er schluckte. Es sah aus, als hätte ein Raubtier ein Uruni-Kind angefallen und getötet. Gefressen. Und einige Reste für später aufbewahrt. Tiano löste das Band und steckte es ein, dann scharrte er ein Loch in den Waldboden und vergrub seinen grausigen Fund.

Es beunruhigte ihn. Wenn hier ein Raubtier herumlief, das diesen feenhaften Waldwesen ihre Kinder stahl, dann konnte es vielleicht auch einem Menschen gefährlich werden. Behutsam begann Tiano, die Umgebung nach Spuren abzusuchen. Es war schwierig im dichten Unterholz, doch schließlich fand er etwas, das aussah wie die verwischten Spuren klauenbewehrter Pfoten. Das Ding musste groß gewesen sein, die Abdrücke waren tief in den weichen Waldboden eingesunken. Irgendwo hier begann das Nebelmoor. Tiano beugte sich nieder und prägte sich die Form des Fußabdruckes ein. Drei Zehen mit Krallen, dazu passende Ballen. Einige schwarze, drahtige Haare und winzige schwarze Hornplättchen, die er in einem Gestrüpp fand, steckte er ein. Erst nach einer Weile fiel ihm auf, dass diese Spuren anscheinend absichtlich verwischt waren. Aber welches Tier verwischte absichtlich seine Spuren? Es konnte nicht allein gewesen sein. Vielleicht war es ein abgerichtetes Tier, das für einen Menschen oder einen dieser Waldbewohner jagte? Aber warum sollten die ihre eigenen Leute jagen? Vielleicht war es ein Unfall gewesen und der Angriff hatte gar nicht dem Waldwesen gegolten? Ein Schauer rann über seinen Rücken. Was, wenn der Herr dieses Tieres hinter ihm her war?

Wieder mal Zeit, einen anderen Unterschlupf zu suchen.

Tiano zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen.

So lange ziehe ich schon hier herum und habe noch immer nichts gefunden, was mich weiterbringt. Diese verfluchten Predigten über Gelassenheit und Annehmen des eigenen Schicksals. Wenn ich noch einmal auch nur einen Tag mit Priestern verbringen muss, werde ich zum Mörder.

Er wandte sich ab und huschte zu seinem Unterschlupf zurück. Es war schon spät, bald würde es so dunkel sein, dass er gar nichts mehr sehen konnte.

Die entsetzlichen, heulenden Schreie, deren Echo ihn am nächsten Morgen weckte, bestärkten Tiano nur in seinem Entschluss, sich eine andere Bleibe zu suchen. Auch wenn der hohle Baum ein perfektes Versteck gewesen war – was auch immer hier herumstrich, heulte und tötete, war etwas, dem er nicht bei Nacht begegnen wollte. Er packte seine wenigen Habseligkeiten zusammen, dann brach er auf. Vorsichtig bahnte er sich seinen Weg durch den Wald – er wusste, dass die Siedlungen der Uruni so gut getarnt waren, dass ein unvorsichtiger Kundschafter urplötzlich mitten in so einem Dorf stehen konnte. So war es denen ergangen, die vor zehn Jahren das Dorf des Katzenstammes gefunden hatten. Einfach hineingestolpert waren sie. Tiano hatte sich einer der Gruppen angeschlossen, die vor kurzem in das befestigte Lager in der Nähe des Katzenstamm-Dorfes aufgebrochen waren. Nach einem Besuch bei den Uruni hatte er sich von den Priestern getrennt, denn es hatte ihm nicht gefallen, wie die Priester mit den „Wilden“ umgingen. Allein hatte er weiter gesucht, bis sein Weg ihn wieder in die Nähe des Katzenstammes führte, ohne dass er etwas gefunden hatte, das ihm weiterhalf. Inzwischen zweifelte er daran, ob die Antwort auf seine Suche wirklich in diesen Wäldern und ihren Völkern lag.

Vorsichtig ging Tiano weiter, bis er schließlich auf etwas stieß, das aussah wie ein verlassener Kundschafterposten. Ein morsches Seil hing von einem Baum herab, in dessen Geäst er noch die Plattform eines Baumhauses ahnen konnte. Ohne das Seil zu benutzen, kletterte er auf den Baum. Die Plattform war noch intakt – ein besserer Unterschlupf als das Loch im Baum. Zufrieden begann er, die Plattform so gut es ging mit Blättern und Geäst zu tarnen. Er nahm das alte Seil ab. Aus Schlingpflanzen knüpfte er eine Strickleiter und schaffte schließlich noch Moos und Gras nach oben, woraus er sich einen Schlafplatz baute. Er war fertig, als die Nacht hereinbrach, wie immer schnell und ohne Vorwarnung. Die Dämmerungszeit war kurz. Für einen winzigen Moment färbte sich der Himmel rot, dann wurde es dunkel und wenig später war es so finster, dass er kaum die Hand vor den Augen sehen konnte. Einige sanft fluoreszierende Pilze und Pflanzen am Boden verbreiteten ein eigenartiges bläuliches Licht. Tiano richtete sich auf dem Baum ein, holte seine gestohlene Jagdbeute hervor und nahm die Tiere aus, um das Fleisch über seinem Feuertopf zu räuchern, um es für später aufzuheben. Einen Teil briet er und aß es gleich, zusammen mit einigen Beeren und Wurzeln, die er am Tag gesammelt hatte. Eingeweide, Federn und Fell vergrub er in der Nähe des Baumes, dann legte er sich schlafen.

Es war noch dunkel, als ein Geräusch Tiano aus dem Schlaf aufschrecken ließ. Er wusste nicht, was er gehört hatte, aber er war sicher, dass es ihn geweckt hatte.

Da.

Wieder.

Etwas strich auf dem Boden herum. Es schnüffelte, ziemlich laut, dann kratzte es, als würde es nach Wurzeln graben, schließlich kratzte es auch einige Male am Baum. Tiano erstarrte. Kam es herauf?

Nein, anscheinend konnte das Tier nicht klettern oder es vermutete dort oben keine Beute. Vorsichtig spähte Tiano zwischen den großen Blattwedeln, mit denen er seine Plattform getarnt hatte, hindurch. Zwischen bläulich schimmernden Leuchtpilzen bewegte sich ein unförmiger Schatten.

Ein Bär?

Vorsichtig blickte Tiano noch einmal hinunter. Das Wesen schien auf den Hinterbeinen zu gehen, schwankend, leicht gebückt. Der Kopf schwang wie an einer unsichtbar aufgehängten Schnur hin und her, während es schnupperte und schnüffelte. Hin und wieder grunzte es leise. Als irgendwo ein Ast knackte, kam Bewegung in das Tier. Es richtete sich auf, hob die lange, spitz zulaufende Schnauze in die Luft und witterte, dann ließ es sich auf alle Viere fallen und brach mit einem eigenartig schlängelnden Gang durch das Unterholz. Dann war es still. Tiano atmete auf. Für diesen Moment war das Ding weg. Dennoch, es fiel Tiano schwer, wieder einzuschlafen. Etwas an diesem Tier war unheimlich gewesen. Vielleicht sein Gang, vielleicht, wie es witterte, oder das Schaben und Kratzen an der Baumrinde.

In Tianos Träumen erreichte das Wesen die Plattform und beugte sich schnaufend über sein Schlaflager. Als er die Augen öffnete, sah er in das Gesicht des Tieres, das mit geifernd geöffneten Kiefern über ihm stand, ihm modrigen Atem ins Gesicht blies und ihn aus milchigweißen Augen anstarrte. Tiano schrie auf – und fand sich allein in seiner Baumhütte wieder. Draußen ging eben die Sonne auf.

Tiano schloss die Augen und ließ sich noch einmal auf sein Moosbett zurücksinken. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Fast konnte er den Atem dieses Tieres noch riechen. Und noch immer sah er diese widerlichen blinden Augen über sich. Er schauderte. Was würde er jetzt für einen heißen Tee geben! Aber dafür musste er erst einmal Wasser finden. Das bisschen, das er noch in seinem Lederschlauch hatte, reichte gerade, um den ekligen Geschmack aus seinem Mund zu vertreiben und den übelsten Durst zu löschen. Er fühlte sich wie zerschlagen. Ohne Appetit kaute er einige Streifen des trockenen und schon leicht angeräucherten Fleisches, dann kletterte er von seinem Baum hinunter, um sich anzusehen, welche Spuren der unheimliche nächtliche Gast hinterlassen hatte.

Tiano spürte den eisigen Schauer, der ihm über den Rücken lief, als hätte ihn jemand mit Gebirgswasser überschüttet. Sein Magen krampfte sich zusammen. Die Klauen des Wesens hatten sich tief in die Baumrinde gegraben und dicke Fetzen von Fasern aus dem Stamm gerissen. Zähes weißes Harz tropfte aus der Wunde im Holz. Um den Baum herum waren Pflanzen und Pilze zertreten, der Boden war aufgewühlt. Im Gestrüpp hingen einige Büschel drahtiger schwarzer Haare und einige der seltsamen kleinen Hornplättchen. Tiano schluckte.

Dasselbe Ding, das den Uruni getötet hat.

Den Tag verbrachte er damit, eine Quelle ausfindig zu machen und sein Lager zu sichern. Am Boden legte er Fallstricke aus und bastelte aus einer leeren Fruchtschale und einigen Samen eine Vorrichtung, die klappern würde, wenn das Ding über einen der Stricke stolperte. Tiano arbeitete, bis es dunkel wurde. Seine Arbeit sah gut aus und es sorgte dafür, dass er sich ein wenig sicherer fühlte. Zufrieden wischte er sich den Schweiß von der Stirn und zog sich die Strickleiter herunter. Er hatte gerade einen Fuß auf die erste Sprosse gesetzt, als er das Schnaufen hinter sich hörte.

Er erstarrte einen Augenblick lang. Helle Panik packte ihn und er begann, wie von Furien gehetzt, zu klettern. Hinter ihm schnaubte es. Tiano roch den Gestank seines Verfolgers. Dann schlug eine Klauenpfote nach seinen Fuß und krallte sich durch den dünnen Stoff seiner Hose in sein Bein. Tiano schrie auf. Er klammerte sich an die Strickleiter, trat mit dem freien Fuß nach unten, traf, das Tier jaulte kurz. Dann grollte es und packte ihn fester. Zog. Tiano sog scharf die Luft ein, als seine Sehnen und Muskeln sich immer mehr spannten. Der Zug an seinem Knie schmerzte entsetzlich. Tränen stiegen Tiano in die Augen, er fluchte und trat wie besessen nach unten. Etwas Warmes rann an seinem Bein hinab, da, wo die Klauen seine dünne Leinenhose durchbohrten. Eine zweite Klaue krallte nach ihm, sie krallte in seine Hüfte und rutschte ab. Tiano schrie wieder. Schweiß machte seine Finger glitschig. Immer wieder griff er nach, klammerte sich an die Leiter, er fluchte und schrie, er trat – und verlor den Halt, rutschte an der Leiter ab und krachte mit dem Rücken voran auf den Boden. Vor seinen Augen tanzten grelle Lichtpunkte. Er spürte, wie die die Krallen seine Kleidung und seine Haut zerfetzten. Unter den blinden Augen der Kreatur gähnte ein zahngespikter Rachen. Tiano versuchte verzweifelt, sich loszureißen, aber die Zähne kamen immer näher. Das Ding war viel zu stark für ihn. Schon waren die faulenden, halb abgebrochenen Zähne so nahe, dass der Gestank ihn würgen ließ. Noch einmal bäumte er sich verzweifelt auf, schlug seine Fäuste in das drahtige Fell der Bestie, trat und wand sich. Dann schloss der Rachen sich über seiner Schulter. Aus den tanzenden Lichtern wurde vor seinen Augen von einem Moment zum anderen Dunkelheit. Das letzte, das er sah, war eine Bewegung zwischen den Blättern und etwas, das zwischen ihnen hervor schoss.

Dass das Wesen aufheulte, ihn losließ und wegrannte, merkte er schon nicht mehr.

3. Zersa

Zersa zitterte am ganzen Körper. Einen Moment blieb sie am Boden hocken, den gespannten Bogen in der Faust, einen noch nicht abgeschossenen Pfeil auf der Sehne. Das Ding war geflohen, sie konnte noch immer seine Schritte hören, die durchs Unterholz krachten, sein raues Keuchen. War es auf zwei Beinen geflohen oder auf vier? Was war es überhaupt gewesen, das diesen Menschen angefallen hatte? Zersa atmete tief durch, dann nahm sie langsam den Pfeil von der Sehne und steckte ihn in ihren Köcher zurück. Vorsichtig erhob sie sich, entspannte den Bogen und schob auch ihn in den Köcher. Geduckt bewegte sie sich auf den Menschen zu, der reglos vor ihr im Moos lag. Sie konnte das Blut riechen, das aus den Wunden an seinem Bein und seiner Brust sickerte. Ein leises Fauchen stieg in ihrer Kehle auf.

Er würde sterben, wenn sie ihn so liegen ließ, wenn nicht am Blutverlust, dann am Wundfieber. Aber er war ein Mensch. Einer von denen, die die Veränderungen in die Dörfer der Uruni gebracht hatten. Einer von denen, die den Glauben verbreitet hatten, die Ata seien von Dämonen besessen. Zersa hockte sich nieder und wiegte ihren Oberkörper langsam vor und zurück. Starb er, dann war ein Mensch weniger in ihrem Wald. Ließ sie ihn sterben, dann handelte sie gegen den Willen der Waldmutter, die ihr das Wissen um heilende Kräuter und Früchte gegeben hatte.

Ich bin Heilerin. Ich darf ihn nicht töten. Und nichts tun bedeutet, ihn zu töten. Er kann ohne Hilfe nicht leben.

Sie schüttelte sich, dann kroch sie entschlossen näher.

Der Mann war größer als sie, aber schlanker und zierlicher als die meisten Menschen, denen sie bisher begegnet war. Auch trug er keine dieser schimmernden Panzer aus Metall und Kettengliedern, keinen Überwurf aus buntem Stoff mit Stammeszeichen oder Symbolen der Menschengötter. Das, was er noch an Kleidern am Leib hatte, war aus einfachem Stoff in gedeckten Farben. Eine schlichte Hose und Hemd, darüber eine zerrissene weiche Lederweste, die ihn kaum geschützt hatte. An den Füßen trug er abgetragene Stiefel aus festem Leder. Zersa betrachtete ihn kurz, dann fasste sie seine Schulter und zog. Er kam halb zu sich, ächzte, als sie ihn berührte, wimmerte, als sie ihn herumrollte. Ein Blick aus hellen Augen traf sie, eine seltsame Mischung aus dem Blau des Himmels und dem Grün frischer junger Blätter. Sein Blick war verschleiert. Er wollte die Hand heben, schaffte es aber nicht. Er wollte sprechen, aber aus seinem Mund drang nur ein leises Stöhnen, dann rollten seine Augen in den Höhlen, bis nur noch das Weiße zu sehen war. Zersa nickte zufrieden. Es war gut, dass er nicht ganz zu sich gekommen war, die Wunden mussten schmerzen wie ein Waldbrand.

Zersa ließ ihre Umhängetasche von der Schulter gleiten und holte ihren Wassersack und ihre Kräutertasche hervor, die sie immer mitnahm, wenn sie allein unterwegs war. Zu leicht konnte man sich in diesen Wäldern verletzen – oder verletzt werden. Jeder Uruni wusste das. Zersa schluckte, als sie an die alten Sagen dachte, in denen die Ata die Lehrerin der Kinder war. Die, die zeigte, wie man mit dem Wald lebte. Bis der Neid derer erwachte, die nicht Ata waren. Und mit ihm das Misstrauen.

Dann waren die Menschen gekommen.

Sie biss die Zähne zusammen und schälte den Menschenmann aus den Resten seiner Kleider. Die Wunden waren tief, Bisse und Kratzer. Gelber Schleim hing an den Wundrändern. Sie spülte ihn mit Wasser fort, dann säuberte sie die Wunden mit dem vergorenen Saft der Feuerblume. Der Mann zuckte leicht, trotz seiner Bewusstlosigkeit musste er spüren, wie der Saft brannte. Fast bedauerte Zersa ihn. Er sah noch so jung aus. Seine Haut war blass, sein Haar rabenschwarz. Sie riss den Blick von seinem blassen, schweißüberströmten Gesicht los und holte dünnen Faden aus Spinnenseide und eine zierliche Knochennadel aus ihrem Bündel. Geschickt nähte sie die tieferen Kratzer und die klaffenden Wunden an Bein und Schulter, dann rieb sie alles mit Heilsalbe ein. Das Rezept stammte von ihren Ahnen und war von der Mutter an die Tochter weitergegeben worden. Alle Frauen in Zersas Familie waren Heilerinnen gewesen. Ihr Clan hatte sie geschätzt. Bis ...

Sie seufzte. Vorsichtig verband sie die Wunden mit den weichen aber festen Blättern des Lederbaumes und umwand sie mit feinen Lederschnüren, damit Blätter und Salbe an ihrem Platz blieben. Erst, als sie sicher war, dass sie den Fremden so gut versorgt hatte, wie es ihr im Wald möglich war, sah sie sich um. Den Unterschlupf im Baum zu entdecken kostete sie keine Mühe. Menschen hinterließen so viele Spuren im Wald! Sie schnaubte.

Stümper. Sie können im und vom Wald leben, aber nicht mit ihm.

Der Unterschlupf oben im Geäst war sicher, aber Zersa wusste beim besten Willen nicht, wie sie den Mann dort hinaufbekommen sollte, also suchte sie in der Nähe einen geschützten Platz, richtete aus Moos und weichen Blättern ein Lager und tarnte alles mit Blattwedeln und Ästen. Es war nicht leicht, den Mann in den Unterschlupf zu zerren, unmöglich, ohne ihm noch einmal Schmerzen zu bereiten. Er stöhnte, als sie ihn unter den Achseln fasste und in die Höhle aus Blattwerk schleifte, keuchte, als sein verwundetes Bein an einer Baumwurzel hängenblieb.

Entschuldige ...

Zersa biss sich auf die Lippen. Als sie den Mann endlich im Unterschlupf hatte, glänzte ihre Haut vor Schweiß. Sie bettete den Verletzten auf das Mooslager, schob ihm ein Moospolster unter den Kopf, dann zog sie ihre Decke aus ihrem Bündel und breitete sie über ihn. Schließlich verspritzte sie aus einem Fläschchen noch einen weiteren Pflanzensaft, der einen frischen Duft verbreitete. Das würde die Mücken fernhalten und dafür sorgen, dass der Menschengeruch und der Geruch nach Wunden und Blut keine ungebetenen Gäste anzogen. Zersa zögerte einen Moment, dann legte sie ihren Wassersack neben den Fremden und dazu einige ihrer Proviantpäckchen, die süßes Wegebrot und ein wenig getrocknetes Fleisch enthielten. Einen Moment zögerte sie, dann hob sie die Hand und strich ihrem Patienten das schweißnasse, schwarze Haar aus dem Gesicht, betrachtete den Mann und lauschte auf seinen schnellen, flachen Atem. Das Biest musste Gift an den Klauen gehabt haben. Vielleicht würden Feuerblumensaft und Kräutersalbe helfen. Vielleicht nicht. Zersa berührte seine Stirn, sie war warm, fast heiß. Sein Gesicht war weich, ohne Bartstoppeln, wie das eines Uruni-Mannes. Ob er sich täglich rasierte, wie die Menschenmänner im Dorf? Zersa schüttelte den Kopf. Die Kleider dieses Menschen sahen aus, als sei er schon länger im Wald unterwegs, ebenso seine Hände. Er schien sich regelmäßig zu waschen, dennoch roch er nach Wald und er hatte Erde unter seinen kurzen Fingernägeln. Zersa zögerte wieder, dann hielt sie den Atem an und strich ihm über die Wange. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, dass er für einen Menschen recht ansehnlich war. Beinahe schön. Beinahe zu schön. Seine Züge waren fein geschnitten, ohne weich oder fraulich zu wirken, das Kinn war fest, die Wangenknochen hoch, der Mund sinnlich.

„Wer bist du? Was machst du hier ... und was hast du gesehen? Du bist nicht wie die anderen. Du bist anders.“ Zersa berührte noch einmal sein Gesicht, dann schob sie ihre Hand unter die Decke und tastete nach seinem Herzschlag. Sie spürte das Pochen, ein wenig zu schnell, aber es fühlte sich kräftig und regelmäßig an.

„Du hast ein starkes Herz“, flüsterte sie. „Möge es weiter schlagen. Ich will wissen, wer du bist. Ich werde dir Fragen stellen, wenn ich wiederkomme, also schlafe jetzt und erwache nicht, bis ich zurück bin.“

Sie berührte seine Stirn, während sie ihm die Worte zuflüsterte. „Schlafe. Und werde wieder stark und gesund. Die Waldmutter helfe dir und wache über dich.“

Täuschte sie sich, oder wurde sein Atem ein wenig tiefer und ruhiger? Zersa beobachtete ihn noch einige Augenblicke, dann legte sie einen ihrer Pfeile neben den Fremden und kroch aus der Blätterhöhle.

Draußen war es dunkel geworden, aber Zersa konnte die Konturen um sich herum noch gut erkennen. Gut genug für eine Jagd. Der Geruch des Biestes hing noch immer in der Luft und die Schneise, die es bei seiner Flucht ins Unterholz getrampelt hatte, war wie ein Wegweiser. Zersa kletterte auf den Baum, auf dem der Fremde sein Lager errichtet hatte, und legte dort ihren Bogen, die Tasche und ihre Kleider ab. Nackt kletterte sie wieder hinunter. Der Nachtwind streichelte ihre Haut. Sie erschauerte leise, als sie ihn fühlte, wie die forschenden Finger eines Geliebten, der sie überall berührte und auch vor den verbotenen Stellen nicht haltmachte. Einen Moment schloss Zersa die Augen und gab sich mit einem leisen Seufzen dem Atem des Windes hin, ließ ihn den Geist der Ata in ihr wecken. Erregung durchströmte sie und ließ sie erschauern. Zitternd sank sie auf Hände und Knie und hieß die Veränderung ihres Körpers willkommen, spürte den Schmerz, als ihre Wirbelsäule sich streckte, ihr Rücken sich krümmte, ihr Gesicht sich leicht nach vorn schob und ihre Fuß- und Fingernägel länger wurden.

Sie grub ihre Krallen in den Boden und hob witternd die Nase in den Wind. Ihre Schnurrhaare fächerten sich auf, sie spitzte die Ohren, während sie die Geräusche und Gerüche des Waldes in sich aufsog.

Da.

Da war er. Der Geruch des Menschen, der Geruch nach Blut, Wunden und Heilkräutern. Der Geruch von etwas Faulendem, Schlechten. Falschen. Ein Knurren stieg in der Kehle des Pantherweibchens auf. Ihre Schwanzspitze zuckte, jeder Muskel in ihrem geschmeidigen Körper spannte sich. Und dann sprang sie, verschmolz mit der Dunkelheit.

4. Tiano

Tiano fühlte sich, als würde er durch einen dichten Nebel wandern. Er glaubte, eine zarte Hand würde ihn berühren, dann hörte er eine sanfte Stimme, die etwas murmelte, das er nicht verstand. Für einen Moment war es ihm gelungen, die Augen zu öffnen und er hatte ein schattenhaftes Gesicht über sich gesehen, wie körperlos schwebend in der Dunkelheit und beherrscht von golden leuchtenden Augen. Das Gesicht mit den feinen Zügen hatte ihn an eine Katze erinnert. Er konnte es nicht beschreiben, dieses Gesicht. Und doch begleitete das Bild Tiano in einen tiefen Schlaf, in den irgendwann auch die Schmerzen keinen Einlass mehr fanden.

Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte. Als er die Augen öffnete, war es dämmrig. Er lag weich und angenehm warm. Um ihn herum war es grün, das wenige Licht bahnte sich mühsam seinen Weg durch dichte Blätter. Ihm war, als würde er in einer Höhle aus Blattwerk liegen, aber er war sich sicher, dass er nicht auf seinem Baum war. Dazu roch es hier zu sehr nach Erde. Nach Erde und auch noch nach etwas anderem. Der Duft von Kräutern stieg ihm in die Nase, und als er sich vorsichtig bewegte, spürte er die Verbände um seine Brust und sein Bein. Ein Echo von Schmerz pochte in seinem Körper, aber dort, wo er die Verbände fühlte, spürte er zugleich ein angenehm kühles Prickeln auf der Haut. Die Decke, die über ihn gebreitet war, war dünn und wärmte doch, ohne ihn in Schweiß ausbrechen zu lassen. Tiano tastete unter ihr über seine Brust. Er spürte Schnüre und Blätter, etwas Klebriges an seinen Fingern. Er zog die Hand unter der Decke hervor. An seinen Fingern klebte eine fettige, gelbgrüne Paste, die scharf und würzig roch. Verwirrt sah er sich um, aber er sah nichts als diese Höhle aus Laub und Ästen. Als er den Kopf zur Seite drehte, fiel ihm ein Lederbeutel ins Auge, daneben drei kleine in Blätter gewickelte und mit Leder verschnürte Päckchen. Er hatte entsetzlichen Durst. Auch Hunger, aber der Durst war schlimmer. Was war passiert?

Tiano schloss die Augen und versuchte, sich zu erinnern. Nur bruchstückhaft huschten Gedankenblitze durch seinen Kopf, Erinnerungsfetzen, von denen er nicht wusste, was davon er wirklich erlebt und was er nur geträumt hatte. Gelbe Augen, ein schmales, schattenhaftes Gesicht. Hände, die ihn berührt hatten.

Das Tier.

Mit einem Schlag war die Erinnerung wieder da. Tiano richtete sich so rasch auf, dass sein Kopf zu pochen begann und ihm schwindlig wurde. Ein ziehender Schmerz zuckte durch seinen Brustkorb. Er stöhnte auf und ließ sich auf sein Blätterlager zurücksinken.

Das Tier. Ein Pfeil.

Jemand war dazugekommen, als er versucht hatte, sich diese geifernde Bestie vom Hals zu halten. Er erinnerte sich an raues Fell und harte Schuppen unter seinen Händen, einen muskelbepackten, geschmeidigen Tierkörper, ein Maul mit faulen Zähnen und kräftige Klauenpfoten, die ihm über der Brust die Haut zerkratzt hatten. Das Vieh hatte ihn von seinem Baum gezerrt! Es hatte ihn ins Bein gebissen und ihm fast die Schulter zerfetzt. Tiano tastete wieder nach den Verbänden, dann richtete er sich noch einmal auf, langsamer dieses Mal und sehr vorsichtig. Er war beinahe nackt unter der dünnen Decke, die aussah, als sei sie aus feiner Wolle gewoben worden. Tiano ließ die Decke von sich herabrutschen und betrachtete seine Brust. Große Blätter bedeckten seine Haut, sie klebten an ihm durch die seltsame grüngelbe Paste und waren zusätzlich noch mit dünnen Lederbändern festgebunden. Auch an seinem Bein befand sich so ein merkwürdiger Blätterverband, und die weniger tiefen Kratzer und Schrammen waren mit derselben Paste bestrichen. Tiano wischte ein wenig davon ab und stellte fest, dass unter der Paste seine malträtierte Haut bereits zu heilen begonnen hatte. Er hatte noch nie so eine Salbe gesehen, noch nie solche Kräuter gerochen und noch nie einen solchen Verband gesehen. Wer hatte ihm geholfen? Er griff nach dem Ledersack. Wasser? Tiano zog den Verschluss heraus und schnupperte. Es roch ein wenig nach Kräutern, ein wenig nach feuchtem Leder, aber nicht schlecht. Vorsichtig trank er einen Schluck. Oh ja, es war Wasser, aber anscheinend nicht nur. Etwas schien hineingemischt, Kräutersaft oder der Saft einer sauren Frucht. Es schmeckte angenehm und es löschte den Durst wie nichts, das er zuvor getrunken hatte. Tiano ließ alle Vorsicht fahren und leerte den Schlauch bis zur Hälfte, so gut schmeckte dieses Wasser.

Wenn der, der mich verbunden hat, es für mich zurückgelassen hat, dann sicher nicht, um mich zu vergiften, nachdem er mich vorher zusammengeflickt hat.

Tiano nahm eines der Päckchen und betastete es vorsichtig. Es roch gut, ein wenig nach Rauch, nach Fleisch, Honig und Brot. Vorsichtig löste er die Lederschnur. Die Blätter klebten aneinander, Tiano zog sie auseinander, und einige Streifen Trockenfleisch und drei kleine Fladen fielen ihm in die Hände, dazu getrocknete Beeren. Tiano nahm einen der Fladen und biss hinein. Es schmeckte süß, wie eine Mischung aus Brot und den steinharten Keksen, die die Kundschafter als Verpflegung bekamen. Er aß alle drei Fladen, dann die Beeren und schließlich auch das Trockenfleisch. Alles schmeckte gut, frisch und würzig, als sei auch das Fleisch vor dem Trocknen noch mit einer würzenden Paste eingerieben worden. Zuletzt leckte er sogar den wilden Honig von den Blättern und schaute nachdenklich auf die beiden anderen Päckchen, als ihm etwas ins Auge fiel, das er zuvor gar nicht bemerkt hatte. Im Moos neben dem Proviant lag ein Pfeil. Ein kurzer Pfeil aus schwarzem Holz, blau, gelb, rot und grün gefiedert und mit einer Spitze, die aussah, als sei sie aus Stein. Tiano griff nach dem Pfeil und drehte ihn in den Händen. Hatte so ein Pfeil das Tier getroffen und in die Flucht geschlagen? Vorsichtig berührte er die Spitze. Sie war scharf, hatte böse Widerhaken und schimmerte im matten Licht wie Metall, auch wenn sie ganz eindeutig aus Stein geschlagen war. Tiano hatte solchen Stein schon einmal gesehen – in der Stadt. Die Menschen dort tauschten ihn bei den Wilden gegen Schmuck, Papier, Süßigkeiten und Kleidung ein und machten ihrerseits Schmuck daraus. Waldsilber nannten sie es, es gab billigen Schmuck für die, die sich kein richtiges Silber leisten konnten. Der Bogen, von dem ein so kleiner Pfeil abgeschossen wurde, konnte selbst nicht groß sein. Und das bedeutete, dass auch der Schütze eher klein und zierlich gewesen sein musste. Ein Uruni? Aber warum sollte ein Uruni einem Menschen helfen?

Tiano legte den Pfeil wieder zurück und schaute noch einmal auf die Proviantpäckchen. Er entschloss sich, sie erst einmal liegen zu lassen. So, wie er sich im Moment fühlte, würde er nicht weiterziehen und schon gar nicht jagen oder Nahrung sammeln können. Der Blätterunterschlupf bot ein wenig Schutz, vielleicht sogar vor dem Tier. Es war geflohen, das hatte er noch mitbekommen. Vielleicht würde es so bald nicht wiederkommen. Aber vielleicht kam sein mysteriöser Helfer zurück. Diese Augen. Die Stimme. Er wollte wissen, wer ihm geholfen hatte - und warum.

Tiano ließ sich auf das Lager zurücksinken und zog die Decke über sich. Er spürte, wie ihn der kurze Moment, den er aufrecht gesessen und gegessen und getrunken hatte, ermüdet hatte. Vielleicht war es gefährlich, wieder einzuschlafen. Aber so sehr er sich auch bemühte, wach zu bleiben, es gelang ihm nicht. Immer wieder fielen ihm die Augen zu, und irgendwann kam der Schlaf und zog ihn in bleischwarze Tiefen. Goldene Augen geisterten durch seine Träume, ein schmales, dunkles Gesicht, sanfte Hände und eine Stimme, die klang, als würde das Rauschen des Waldes selbst mit ihm sprechen. Er fühlte sich sicher in seinen Träumen.

Als Tiano das nächste Mal erwachte, wusste er sofort, dass er nicht allein war. Es war dämmrig, ob noch immer oder schon wieder, konnte er nicht sagen. Langsam öffnete er die Augen einen Spalt breit und versuchte, sich umzusehen und dennoch den Anschein zu erwecken, als schliefe er noch. Es gelang ihm nicht, er sah nur Grün um sich herum und einige matte Lichtreflexe. Es roch anders. Ein wenig nach Feuer. Und da war noch ein Geruch in den Luft, den er nicht deuten konnte. Er erinnerte ihn an etwas Wildes, etwas Ungezähmtes, Unfassbares. Tiano öffnete die Augen und richtete sich leicht auf.

Da war sie.

Goldene Augen richteten sich auf ihn. Die Frau war klein und zierlich. Sie kniete am Fußende seines Lagers, ganz an die Wand des Unterschlupfes gedrückt. Wie ein Waldtier wirkte sie, fluchtbereit, aber aufmerksam, in ihren Augen stand keine Angst. Sie hielt einen kurzen Bogen quer über ihren Knien, die Sehne war gespannt, ein Pfeil locker aufgelegt. Ein ähnlicher Pfeil wie der, den Tiano neben seinem Lager gefunden hatte. Tiano konnte den Blick nicht von ihr nehmen. Sie war schön. Langes schwarzes Haar floss in wilden Wellen bis zu ihren Hüften herab, gebändigt durch ein Stirnband aus geflochtenem Leder. Sie trug wenig Kleidung, nur eine Art breiten Kragen, der bis über ihre Brüste reichte, und einen Gürtel um die Hüften, an dem ein rockartiger, kurzer Schurz befestigt war. Ihre Füße waren nackt, ihre Haut dunkelbraun, fast schwarz. Sah es nur so aus, oder war ihre Haut wirklich unregelmäßig gefleckt?

Er sah auf. Goldene Augen. Katzenaugen mit geweiteter Pupille.

Tiano holte tief Luft und brachte sich vorsichtig in eine sitzende Position. Er biss die Zähne zusammen, als es in seiner Brust zu spannen und zu stechen begann.

„Ka nisha!“ Die Frau hob eine Hand in einer besänftigend wirkenden Geste.

„Ka nisha. Nicht aufstehen. Du bist verletzt.“

Sie sprach die Sprache der Städter, ein seltsamer Akzent färbte die Worte, aber Tiano konnte sie gut verstehen. Ihre Stimme war tief, ein wenig rauchig klang sie, wie ein sanftes Schnurren. Er hielt still. Dann schlug er die Decke zurück und deutete auf die Verbände.

„Warst du das? Hast du mir geholfen?“

Sie legte den Kopf auf die Seite als würde sie lauschen, dann nickte sie.

Tiano lächelte und hoffte, dass diese kleinen Wilden diese Geste nicht als Drohung verstanden. Sicherheitshalber hielt er den Mund geschlossen und die Zähne bedeckt.

„Ich danke dir.“ Er versuchte, sich im Sitzen leicht zu verneigen und zuckte zusammen. Es tat weh.

„Nicht bewegen. Hinlegen.“ Die Frau deutete auf das Lager. „Deine Wunden sind tief.“

Tiano nickte, doch er legte sich nicht hin, sondern nahm den Pfeil in die Hand.

„Du hast geschossen.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung, und die Uruni-Frau nickte wieder.

„Ist es tot?“

Jetzt schüttelte sie den Kopf. „Weg. Ich habe gesucht, aber ich habe es nicht gefunden. Es hat eine Spur hinterlassen. Ich habe sein Blut gesehen. Und den Pfeil. Es hat ihn herausgezogen und ist dann weitergelaufen. Ich habe es verloren und bin zurückgekommen.“

„Weißt du, was es ist?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ein großes Tier, das große Wunden macht. Ich habe nur seinen Schatten gesehen und geschossen. Dann ist es von dir fortgelaufen und ich habe mich um deine Wunden gekümmert.“

Tiano zog eine Augenbraue hoch. Sie klang wütend, als sie sprach. So, als hätte sie lieber gleich die Verfolgung des Wesens aufgenommen, statt sich zuerst mit ihm abzugeben.

„Danke, dass du mir geholfen hast“, wiederholte er. „Mein Name ist Tiano. Hast du auch einen Namen?“

Sie schnaubte abfällig, und Tiano wusste, dass er etwas Falsches gesagt hatte. Natürlich hatte sie einen Namen. Sie war kein Tier. Sie war eben nur kein Mensch. Sie war anders, sie lebte anders, sie hielt andere Dinge als er für wichtig. Sie war eine Wilde. Aber sie war nicht dumm.

„Sagst du ihn mir?“

„Zersa.“

Es klang wie ein Fauchen, ein Zischen und ein Singen zugleich. Zersa.

„Tiano“, wiederholte sie seinen Namen. Er lächelte wieder und nickte.

Zersa sah ihn forschend an. Sie nahm den Pfeil von der Sehne und entspannte den Bogen, gab aber ihre leicht angespannte Haltung noch nicht auf. Trotzdem fühlte Tiano sich wohler, als kein Pfeil mehr auf ihn gerichtet war.

„Tiano. Du bist ein Mensch. Menschen kommen in die Wälder, um mit Uruni zusammen zu leben. Um mit Uruni zu handeln, zu tauschen. Menschen kommen immer zusammen mit anderen Menschen, aber du bist allein. Warum?“ Ihre Pupillen verengten sich leicht. Tiano spürte ihren Blick beinahe körperlich. Ein Kribbeln rann über seinen Rücken.

„Ich ziehe allein“, sagte er.

„Warum? Menschen wissen, dass der Wald gefährlich ist. Manche Menschen haben Angst vor Uruni. Manche haben Angst vor den Tieren, auch wenn sie sie jagen. Menschen sind wie Herdentiere. Sie ziehen nicht allein. Ich sah nie Menschen alleine ziehen.“

„Dann bin ich wohl der Erste. Ich mag andere Menschen nicht besonders, und andere Menschen mögen mich nicht.“

Sie hob eine Augenbraue – diese Geste schien sein Volk und ihres zu verbinden. Es ließ sie sehr menschlich wirken, auch wenn ihre spitzen Ohren zuckten und sich bewegten wie die einer Katze. Sie schnaubte leise, dann nickte sie, als würde sie sich erst einmal damit zufriedenstellen.

„Leg dich hin. Ich muss deine Wunden ansehen. Du brauchst neue Verbände. Sonst kommt das Fieber doch noch.“

„Ich habe nichts dagegen.“ Tiano schlug die Decke zurück. Zersa kam näher heran. Sie bewegte sich geschmeidig, katzenhaft, unglaublich leise. Sie legte ein Bündel neben ihm ab und begann, die Schnüre zu lösen, die die Blätter auf seiner Brust hielten. Tiano sog überrascht die Luft ein, als Zersa sie abnahm. Ihre Hände waren so sanft, dass er kaum spürte, dass sie ihn berührte. Unter den Blättern und den Resten der Salbe konnte er sehen, dass einige der Kratzer zugenäht waren. Er sah die Stiche, aber der Faden war beinahe unsichtbar. Die Wunden sahen sauber aus, nur ein wenig gerötet.

„Tut es weh?“ Zersa wischte die Salbenreste ab, dann drückte sie leicht auf die Nähte.

Tiano keuchte und zuckte zusammen. „Kaum ...“

Sie nickte. „Also ja. Männer. Überall gleich.“

Er musste grinsen.

„Frauen anscheinend auch“, murmelte er und zuckte zusammen, als Zersa noch einmal auf den Kratzer drückte. „Au!“

Zersa schwieg, aber ihre Ohren zuckten. Fasziniert betrachtete er diese Ohren. Sie sahen aus wie Menschen-ohren, nur dass sie am oberen Ende ein wenig spitz zuliefen. Das und die kräftigen, leicht gebogenen Finger- und Fußnägel und die Hautfarbe waren das einzige, das an eine Katze erinnerte. Tatsächlich schimmerten in dem dunklen Schwarzbraun ihrer Haut noch dunklere Flecken, wie die kaum sichtbare Zeichnung eines schwarzen Panthers. Tiano hatte einmal ein solches Tier bei einem Schausteller in der Stadt gesehen, er hatte das Tier als Junges gefunden und gezähmt und zeigte es nun auf Jahrmärkten. Katzenhaft war sie, diese zierliche Waldfrau, aber keine Katze. Ihr Körper mit den schlanken Gliedern, den leicht gerundeten Hüften und den kleinen, festen Brüsten, die sich unter dem Schulterkragen abzeichneten, wirkte sehr menschlich.

Sie war schön.

Und, das musste Tiano feststellen, als Zersa sich über ihn beugte und frische Salbe auf seine Wunden strich, sie roch gut. Aufregend. Fremd. Und doch vertraut. Es dauerte eine Weile, bis ihm klar wurde, dass es der vertraute Geruch des Waldes war, den er an ihr roch.

Zum ersten Mal wurde Tiano klar, wie lange er tatsächlich schon allein durch die Wälder zog. Er schloss die Augen, während Zersa seine Wunden säuberte und frische Verbände anlegte. Als sie sich an seinem Bein zu schaffen machte, zuckte er mehr als nur einmal zusammen – der Biss war tief, anscheinend hatte er sich doch ein wenig entzündet. Zersa öffnete die Naht, reinigte die Wunde und nähte sie dann neu. Tiano konnte nichts tun, als die Zähne zusammenzubeißen. Es schmerzte, und der Pflanzensaft, den sie zum Säubern benutzte, roch nicht nur scharf, er brannte auch wie Feuer. Schließlich lehnte Zersa sich zurück, betrachtete ihr Werk und nickte.

„So muss es gehen. Es wird heilen, du wirst das Bein nicht verlieren, aber es wird noch eine Weile wehtun. Du wirst nicht weit laufen können, aber ich glaube, du bist sicher hier. Wenn es wiederkommt ...“

Sie tätschelte ihren Bogen. Tiano zog eine Augenbraue hoch.

„Du willst mich bewachen?“

Zersa zuckte die Schultern, wieder eine sehr menschliche Geste.

„Ich suche das Tier. Wenn es dich sucht, dann kommt es wieder. Wenn ich das Tier finde und töte, dann ...“ Sie sprach nicht weiter. Eine Weile schwieg sie, dann sah sie Tiano an.

„War es letzte Nacht das erste Mal, dass es dich angegriffen hat?“

Tiano zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht, ob es mir schon lange folgt, aber es war vorher wohl schon einmal hier. Du hast sicher den Baum gesehen. Da habe ich eigentlich meinen Schlafplatz. Das Ding hat die ganze Rinde abgekratzt. Was ist das für ein Vieh?“

Zersa legte den Kopf schief. „Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich. „Nicht sicher. Ich habe eine Ahnung, aber ich muss ...“ Sie hielt inne und sah Tiano an.

„Du sagst, du ziehst durch die Wälder. Schon lange?“

„Ich war bei denen, die in der Nähe deines Dorfes leben. Vielleicht habe ich dich sogar einmal gesehen, ich weiß es nicht. Ich geriet mit den anderen Menschen in Streit und ziehe seitdem allein. Einige Monde schon.“

„Kennst du den Wald gut?“

„Ich habe Einiges gelernt. Aber wohl noch nicht genug.“

Zersa beugte sich leicht vor. Die Anspannung kehrte in ihre Haltung zurück.

„Hast du schon einmal etwas gefunden, was dir seltsam vorkam? Oder dich erschreckt hat?“

Tiano nickte. Allein schon der Gedanke an die abgetrennten, zerfetzten Gliedmaßen sorgte dafür, dass ihm beinahe schlecht wurde.

„Passiert es, dass ... deine Leute auf der Jagd von Tieren angegriffen und getötet werden?“

Zersas Ohren zuckten. „Wir sind vorsichtig. Wir sind gute Jäger. Wir kennen den Wald. Also: nein.“

„Aber in den letzten Tagen oder Wochen muss etwas passiert sein. Vielleicht war er oder sie nicht aus deinem Dorf. Aber ich habe etwas gefunden.“ Er tastete nach seinen Hosen, die Zersa ihm ausgezogen hatte, und wühlte in der Tasche nach dem Fußband. Er gab es ihr.

„Kennst du das?“

Zersa nahm das Band. Ihre Finger zitterten, als sie es drehte und betrachtete, dann ließ sie es fallen, sprang auf, stürmte aus der Blätterhöhle, und Tiano konnte sich rasch entfernende Schritte und ein trockenes Würgen hören.

Es dauerte eine Weile, bis sie zurückkam. Ihre Pupillen waren geweitet. Ihre Wangen waren nass. Tiano spürte einen unangenehmen Stich in seinem Inneren. Sie musste dieses Band schon einmal gesehen haben.

„Woher? Woher hast du das?“ Ihre Stimme zitterte wie ihre Hände. Sie sah aus, als würde sie sich jeden Moment auf ihn stürzen. Tiano schluckte und hob abwehrend die Hände.

„Ich habe nichts damit zu tun, ich schwöre es bei ...“

„Schwöre nicht bei deinen Göttern. Ich habe genug von Alnea und Hiru.“ Katzenhaft kam sie auf allen vieren auf ihn zu, die Zähne gebleckt. „Woher hast du das Band?“ Sie fauchte. Es ging so schnell, dass Tiano kaum merkte, woher das Messer auf einmal kam, das sie ihm an die Kehle hielt, während sich ihre Fingernägel in seine Haut bohrten. Er hustete.

„Hör auf damit, du tust mir weh! Lass mich erklären!“

„Dann rede!“

„Ich habe es gefunden. Bei meinem Leben. Ich habe einen Fuß gefunden. Einen einzelnen abgetrennten Fuß. Das Band hing daran. Mehr fand ich nicht. Nur den Fuß. Ich habe das Band genommen und ihn vergraben. Das ist alles.“

Zersas Griff lockerte sich. Sie nahm das Messer weg.

„Pehaja“, flüsterte sie. „Das Band hat einem Mädchen aus meinem Dorf gehört. Sie ist vor einem halben Mond verschwunden. Jäger fanden in der Nähe des Dorfes ihren Körper. Ohne Beine. Überall war Blut.“

Sie schluckte. Tränen rannen über ihre Wangen.

„Sie war kurz davor, eine Frau zu werden, und so stolz. Sie wollte in den Wald gehen und Feuerblumen schneiden. Für ihr Haar. Für ihren Schmuck. Sie kam nie wieder. Ich habe gesehen, was von ihr übrig war. Und dann ...“ Sie schluckte. Als ihr Blick Tiano traf, sah er in ihren Augen nichts als Schmerz. Plötzlich sprang sie wieder auf und rannte aus der Blätterhöhle. Tiano wartete. Aber dieses Mal kam sie nicht zurück.

5. Zersa

Pehajas Band.

Zersa vergrub das Gesicht in den Händen. Zusammengekauert hockte sie auf dem Baum in Tianos altem Lager und schluchzte. Er sollte sie nicht weinen sehen. Er würde Fragen stellen – und was sollte sie ihm dann sagen? Sie biss sich auf die Lippen, um nicht laut aufzuheulen. Das Ding, das Tiano angegriffen hatte ... das Ding, das sie verfolgt hatte, das sie aus bleichen, toten Augen angesehen hatte und dessen geistige Berührung sie beinahe den Verstand verlieren lassen hatte – war das der Mörder? War das der Schuldige? Zersa war gelaufen, wie sie noch nie in ihrem Leben gelaufen war, aber das Biest war zu schnell gewesen. Und dann war es irgendwann stehengeblieben. Und es hatte sie angesehen. Zersa schluchzte auf, sie rollte sich zu einem Ball zusammen und kniff die Augen zu. Aber die Erinnerungen waren da. Und sie blieben.

Sie rannte, das Biest war vor ihr. Ein Pfeil steckte in seinem Hinterteil, einer in seiner Seite, einer in seinem Rücken. Warum bei der Waldmutter wurde es nicht langsamer, warum fiel es nicht endlich hin? Zersas Lungen brannten. Sie spürte ihre Pfoten nicht mehr, sie wusste nicht, wie lange sie schon gerannt war. Fauchend hielt sie inne, als sie merkte, sie hatte das Biest verloren. Sie witterte. Sah sich um. Es war weg. Und dann spürte sie es. Eine Berührung, die keine war und doch da war. Das letzte Mal hatte sie eine solche Berührung gespürt, als ihre Mutter kurz vor ihrem Tod in der Geistessprache mit ihr geredet hatte. Aber damals war die Berührung sanft gewesen, liebevoll. Warm. Was sie jetzt spürte, war widerlich. Kalt und voller Hass. Wie ein schleimiger Wurm drang die geistige Berührung in sie ein. Zersa jaulte auf. Sie versuchte, ihre geistigen Schilde zu heben, aber der andere war stark. So stark, dass seine Berührung durch die winzigen Risse ihrer Schilde sickerte wie Regen, der im Boden versank. Widerlich. Es war so widerlich! Sie schrie, immer wieder. Und dann wandte sie sich um und rannte. Rannte, bis sie das Lager erreicht hatte, in dem sie den Menschen zurückgelassen hatte. Er schlief. Und sie rollte sich an seinen Füßen zusammen und zitterte wie ein Kind, das zu lange im Regen gewesen war. Sie fühlte sich nackt. Wie vergewaltigt.

Es hatte gedauert, bis sie den kalten Gedankenschleim aus ihrem Kopf herausbekommen hatte. Erst dann war sie in der Lage gewesen, die Panthergestalt abzustreifen, wieder eine Frau zu werden und Kragen und Gürtel wieder anzulegen. Und dann hatte Tiano sie abgelenkt. Solange, bis ... bis er ihr Pehajas Fußband gezeigt hatte. Sie würgte. Sie musste sich erinnern. Bilder aus dem Echo dieser Gedankenberührung ziehen, Bilder, die sie nicht sehen wollte. Sie weinte immer noch, als sie den Bildern erlaubte, aufzutauchen.

Bleiche Augen, die sich auf ein ockerfarbenes, gepardenfleckiges Gesicht richteten. Ein Mund, zu einem stummen Schrei geöffnet. Und dann Blut, so viel Blut. So viel Schmerz. So viel Lust am Töten. So viel Wahnsinn.

„Nein.“

Sie schluchzte das Wort in die Geräusche des Waldes hinein. „Nein, das kann nicht, das darf nicht sein. Bitte nicht. Waldmutter, warum?“

„Zersa?“

Etwas knirschte, klapperte, knirschte wieder. Ein Ächzen, dann hievte Tiano sich über die Kante der Plattform und blieb einen Moment keuchend liegen. Der Verband auf seiner Brust war blutbefleckt. Er richtete sich auf und sah sie an. Seine Himmelsaugen blickten verwirrt, fast ein wenig ängstlich. In der Hand hielt er Pehajas Band.

„Zersa, was ist passiert? Warum weinst du? Kanntest du ...?“ Er legte das Band auf den Boden.

Zersa zuckte zusammen. Wut stieg in ihr auf. „Du bist wahnsinnig. So werden deine Wunden nie heilen! Warum hast du das getan?“

„Ich habe mich gesorgt.“ Der Blick, den er ihr zuwarf, berührte etwas in ihr. „Du bist nicht wiedergekommen. Aber du warst traurig und aufgebracht. Also habe ich dich gesucht.“

„Du willst sterben“, knurrte Zersa. „Ja, ich habe sie gekannt. Die, der das Band gehörte. Sie war eine Stammesschwester. Ich bin entsetzt über die Art, wie sie sterben musste, wundert dich das?“

Tiano schüttelte den Kopf. „Nein. Aber da ist doch noch mehr. Du zitterst. Zersa, lass mich dir helfen. Du hast mir geholfen. Ich schulde dir etwas. Lass mich meine Schuld begleichen.“

„Schuld? Ich hätte dich sterben lassen können, aber das ist gegen das Gesetz der Waldmutter. Leben ist kostbar. Nur darum habe ich dir geholfen.“

Sie wollte ihn wegstoßen, aber sie tat es nicht, als er näher an sie heran kroch und eine Hand ausstreckte.

„Ich bin dir trotzdem dankbar. Und bei meinem Volk bedeutet das, irgendwann dem das Leben zu retten, der einem selbst das Leben gerettet hat. Das ist unser Gesetz von Ehre. Warum bist du allein im Wald unterwegs, Zersa? Ich weiß, wo dein Dorf ist, ich sagte es schon, ich war da, mit den Menschen. Falls du dich fragst, wer eure Schlingenfallen geplündert hat ... das bin ich gewesen. Ich war nahe bei deinem Dorf und ich weiß, dass eure Jäger und Kundschafter immer zu zweit ausziehen. Nie allein. Warum bist du allein?“

Zersa schluckte. Sie fühlte, wie die Ata sich in ihr regte und hervorbrechen wollte. Sie knurrte und grub die Fingernägel in die Handflächen.

Nicht jetzt. Er darf es nicht wissen.

„Du bist ein Mensch“, murmelte sie schließlich und spürte im gleichen Moment, wie lahm dieses Argument klang, „es geht dich nichts an. Nur meinen Stamm und mich. Ich werde ... ich werde eines Vergehens beschuldigt und suche hier draußen Beweise für meine Unschuld. Und ich glaube, ich habe sie gefunden. Durch dich. Ich sollte dir dankbar sein.“

„Bist du es nicht? Willst du nicht vielleicht doch versuchen, mir zu vertrauen?“ Er streckte eine Hand aus. Zersa zuckte zusammen, aber sie konnte nicht verhindern, dass er ihr kurz über das Haar strich. Sie schauderte.

Tiano zog seine Hand zurück. Er seufzte. „Also gut. Ich werde dir erzählen, warum ich allein durch die Wälder streife. Und vielleicht sagst du mir dann deine Gründe.“ Er holte tief Luft. Zersa sah ihn an. Es schien ihm schwerzufallen, über das zu reden, worüber er reden wollte, aber es schien ihm wichtig zu sein.

„Ich glaube, ich bin ein Bastard“, begann er. Zersa legte den Kopf auf die Seite. Sie hatte keine Ahnung, was das bedeutete.

„Was ist das?“

Tiano holte tief Luft. „Mein Vater ist ein Mensch. Er ist ein Priester Hirus. Ich bin bei ihm aufgewachsen. Er hat nie über meine Mutter geredet und mich immer zum Schweigen gebracht, wenn ich ihn nach ihr gefragt habe. Er sagte mir, ich solle nicht darüber nachdenken. Aber ich merkte schon bald, dass ich anders war. Andere Jungen verspotteten mich, weil ich einfach keinen Bart bekam. Sie lachten mich aus, weil ich nirgendwo Haare bekam, wo ein erwachsener Mann Haare zu haben hat. Sie lachten mich aus und nannten mich Milchbrot, weil meine Haut so hell ist. Und dann nannten sie mich irgendwann Bastard.“ Tiano senkte den Kopf und starrte auf seine Hände. Nach einer Weile sprach er weiter

„Ich bin auf der Suche nach meiner Herkunft. Und ich glaube, dass sie irgendwo hier in den Wäldern liegt. Ich habe den Wald immer geliebt. Er hat mich immer zu sich gezogen. Schon als kleiner Junge bin ich einige Male meinen Lehrern entwischt, weil ich lieber im Wald sein wollte als über Büchern zu sitzen und schreiben, lesen und rechnen zu lernen. Mir war es wichtiger, einfach zu leben.“

Zersa spürte seinen Blick, sie sah sein Lächeln. Er wirkte verlegen.

„Vielleicht ist das alles dumm“, murmelte er und zupfte an dem Verband auf seiner Brust.

Zersa schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte sie. „Das ist nicht dumm. Es ist nie dumm, wenn man wissen will, woher man kommt. Wir wissen es. Die Uruni sind Kinder der Waldmutter. Viele vergessen es langsam, weil ihr uns von Hiru und Alnea erzählt.“

Tiano nickte. „Ich schloss mich Priestern an, die mich mit in die Wälder nahmen. Ich arbeitete für sie, im Gegenzug ließen sie mich mitkommen. Aber ich trennte mich von ihnen, als wir im Lager bei eurem Dorf in Streit gerieten. Ich sagte ihnen, sie sollten damit aufhören, euch euer Leben wegzunehmen und euch ihres aufdrängen zu wollen. Was für einen Menschen gut ist, muss für euch nicht richtig sein. Wir entzweiten uns darüber so sehr, dass ich allein weiterzog. Irgendwann hätte ich mich sowieso von ihnen getrennt, um weiter zu suchen. Ich wollte ihnen nicht sagen, warum ich mit ihnen in die Wälder gegangen bin.“

Zersa versuchte, in Tianos Gesicht zu lesen, während er sprach. Sagte er das nur, um ihr zu schmeicheln? Wollte er, dass sie ihm vertraute? Sie sah ihn an und rief die Kraft der Ata. In seinen Augen sah sie tief hinter all der ihn wie eine Aura umgebenen funkelnden Abenteuerlust Schmerz. Einsamkeit und Leid. Und Hunderte von Fragen, auf die kein Mensch eine Antwort wusste. Kein Mensch. Aber vielleicht der Wald. Die Mutter. Und die Uruni. Sie beugte sich zu ihm.

„Ich hole meine Sachen. Ich muss dich neu verbinden.“ Zersa kletterte nach unten und war in Windeseile mit ihrem Beutel wieder oben auf dem Baum.

Tiano wehrte sich nicht, als sie begann, den Verband zu lösen, das Blut abzuwischen und die Schrammen wieder mit Salbe zu bestreichen. Während sie arbeitete, suchte sie nach Worten.

„Pehaja ist nicht die Einzige, die umgebracht wurde“, murmelte sie schließlich. „Es gab mehrere solcher Todesfälle, und immer sah es so aus, als sei es ein wildes Tier gewesen, das das getan hat. Gestern früh ... wurde ich zu einer Stammesschwester gerufen, deren Kinder in der Nacht gerissen worden waren.“

Tiano schaute sie an, Mitleid in seinem Blick. „Du konntest nichts mehr für sie tun?“

Zersa unterdrückte nur mühsam ein Fauchen. „Ich wurde nicht geholt, weil ich Heilerin bin. Ich wurde geholt, weil sie mich für die Mörderin halten.“

Tiano zuckte zusammen. „Warum?“

Zersa senkte den Blick. „Ich war es nicht. Ich bin eine Heilerin. Ich kann ein Tier töten, um es zu essen. Aber ich kann keinen Uruni töten. Glaubst du mir, Tiano?“

Als sie ihn fragte, wurde ihr schmerzlich bewusst, wie sehr sie sich wünschte, dass ihr jemand sagte, sie sei unschuldig. Er sollte es sagen. Jetzt.

Sie spürte seine Hand unter ihrem Kinn. Sanft hob er ihr Gesicht und sah ihr in die Augen.

„Ich glaube dir“, sagte er. „Du hast mir geholfen. Deine Hände sind sanft. Du hast ganz sicher niemanden umgebracht.“

Warum tat es so gut, das zu hören? Von ihm? Diesem Menschen, der nicht wusste, wer er war und woher er kam? Warum fühlte sich seine Berührung so gut an? Zersa schloss für einen Moment die Augen. Wann hatte sie das letzte Mal jemand mit so viel Freundlichkeit und Dankbarkeit angesehen und berührt? Musste erst ein Mensch kommen, damit sie sich wieder gemocht fühlte? Sie schluckte. Die verdammten Tränen kamen schon wieder. Sein Daumen wischte sie fort.

„Warum weinst du?“

„Wegen der Toten. Weil ich ...“ Sie würgte die Tränen hinunter. „Ich habe noch drei Tage Zeit, herauszufinden, wie sie gestorben sind, Tiano. Wenn es mir nicht gelingt, werden die Ältesten mich töten. Sie glauben, dass ich es war. Und ich muss mich dafür rechtfertigen. Wenn ich nicht beweisen kann, dass ich es nicht war, dann bin ich eine Verurteilte.“

Eigentlich wollte sie sagen: Ich habe Angst. Ich will nicht sterben.

„Zersa, du hast mir geholfen. Ich will mich erkenntlich zeigen. Kann ich dir helfen?“

„Du bist verletzt. Ich weiß nicht, wie. Die Zeit ist knapp.“

Tiano atmete tief durch. Zersa spürte seinen Blick, spürte, wie er sich in ihre Augen senkte. Sie wollte wegschauen, aber sie konnte es nicht. Tianos blaue Augen zogen sie in ihren Bann. Als er die Hand ausstreckte und ihre Wange berührte, zuckte sie nicht zurück. Einen Moment zögerte sie, dann lehnte sie sich an seine Hand und rieb sich leicht daran. Er wischte ihre Tränen ab. Und dann war er auf einmal sehr nah neben ihr. So nah, dass sie die Wärme seines Körpers spüren konnte.

„Wie schön du bist“, hörte sie ihn flüstern.

Schön, sie?

Sie hatte sich immer hässlich gefunden, dunkelhäutig wie sie war und mit kaum sichtbaren Geisterflecken auf ihrer Haut. Ihre Augen waren gelb – als Kind hatte sie sich immer gewünscht, die grünen Augen ihrer leopardenfarbigen Mutter zu haben. Doch sie hatte die schwarze Haut und die gelben Augen ihres Vaters geerbt und musste damit leben, dass die anderen sie Schattenkatze nannten.

„Ich habe noch nie eine von deinem Volk so nahe gesehen“, murmelte Tiano wieder. „Ich wollte mich nie in eure Belange einmischen und bin euch deswegen fern geblieben, auch wenn ich euch faszinierend finde und gern mehr über euch wüsste. Wie ihr lebt. Ob es noch andere Stämme gibt. Ich mochte Katzen schon immer.“ Sein Arm kroch um Zersas Taille. Einen Moment lang versteifte sie sich.

„Ich ... bin auch zum ersten Mal einem Menschen so nah“, flüsterte sie. „Ich wollte sie nie an mich heranlassen, weil ich immer glaubte, sie verstünden nicht. Ich weiß nicht warum, aber ich glaube, du bist anders. Ja. Ja, Tiano. Ich will, dass du mir hilfst, wenn du es kannst. Ich will den Mörder finden.“

Tiano nickte. Er zog sie an sich heran, und Zersa ließ es geschehen. Sie war so müde. Und sie war lange genug allein gewesen. Es fühlte sich zu gut an, einen anderen so nah bei sich zu spüren. Ein lebendes, atmendes Wesen. Jemand, der ihr zuhörte ohne zu verurteilen. Sie schluckte. Ob er immer noch so ruhig bei ihr sitzen würde, wenn er erfuhr, dass sie eine Ata war?

Zersa lehnte sich an und schloss die Augen. „Ich weiß nicht, ob das gut ist“, murmelte sie.

„Warum tust du es dann?“ In Tianos Stimme klang der Hauch eines Lachens mit, und er fasste sie fester.

„Weil ich nicht weiß, warum du das tust ...“

Sie spürte eine Berührung auf ihrem Haar, die sie im ersten Moment nicht deuten konnte. Dann rieselte die Erkenntnis mit einem warmen Schauer durch ihren Körper. Seine Lippen berührten ihr Haar. Ihr wurde heiß. Ihr Atem ging schneller.

„Weißt du, was du da tust?“ Sie biss sich auf die Lippen. An das letzte Mal, dass sie bei einem Mann gelegen hatte, konnte sie sich kaum noch erinnern. Tianos Hände waren sanft, er hielt sie fest und doch vorsichtig, sie fühlte seinen Atem durch ihr Haar. Schauer rannen über ihren Rücken.

Flieh. Jetzt. Noch ist es Zeit.

„Zersa.“ Tiano murmelte ihren Namen, ein zärtliches Flüstern, das ein angenehmes Kribbeln in ihrer Magengrube aufsteigen ließ.

„Du bist wirklich wunderschön. Und ich glaube ...“

Sie sah auf. „Was?“ flüsterte sie atemlos.

„Ich glaube“, er schluckte. „Ich glaube, ich würde dich gern küssen.“

Dann tu es endlich.

Sie sagte nichts. Stumm sah sie zu ihm auf und öffnete leicht den Mund. Er musste sie sehen, diese leicht verlängerten Eckzähne, die wie die Fänge einer Katze aussahen. Er beugte sich über sie. Sein Atem streifte ihr Gesicht.

„Zersa“, murmelte er noch einmal. Seine Stimme klang rau. Sie fühlte, dass auch Tiano schneller atmete. Die sanfte Wärme seines Körpers war einer flammenden Hitze gewichen. Sie legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Zitternd wartete sie – und dann, endlich, verschlossen seine Lippen ihren Mund und sie spürte nur noch seinen Kuss. Er küsste sie sanft, als wäre er selbst überrascht über sein Tun. Leicht, zärtlich. Als Tiano Anstalten machte, sie wieder freizugeben, schlang Zersa entschlossen die Arme um seinen Nacken und zog ihn näher.

Nicht aufhören. Bitte nicht.

Es war pures Verlangen. Sie öffnete den Mund und ließ zu, dass Tiano den Kuss vertiefte. Zitternd schmiegte sie sich an ihn und hielt ihn so fest, wie sie es wagte, ohne ihm Schmerzen zu bereiten. Seine Hände wühlten sich in ihr Haar. Dann spürte sie seine Hände unter ihrem Schulterkragen, tastende Fingerspitzen, die ihre Brustwarzen streiften. Jetzt war Zersa es, die den Kuss unterbrach und nach Luft schnappte.

Tiano sah sie an.

„Entschuldige ...“ Er zog die Hände zurück.

„Nein. Nicht entschuldigen. Hör nicht auf. Tiano. Hör nicht auf. Bitte. Ich will es.“

Einen Moment lang sah sie Zweifel in seinen Augen, doch dann beugte er sich entschlossen wieder über sie und küsste sie – so selbstsicher dieses Mal, dass ihr die Luft wegblieb. Eine seiner Hände glitt in ihren Nacken, die andere blieb unter ihrem Kragen und streichelte ihre Brüste. Schauer rannen über ihren Körper. Zitternd ließ sich auf die weichen Moosmatten sinken und zog Tiano mit sich. Seine Hände waren überall. Sie spürte seine Wärme, die Hitze in seinem Schoß, hörte sein leises Stöhnen, als sie spielerisch die Wölbung unter seinem Lendentuch berührte. Sie lachte rau, als er keuchend nach Luft schnappte.

„Zersa ... bist du sicher ... ich meine ... ich bin ein Mensch, und du magst uns nicht sonderlich.“

Sie packte seine Schultern und grub ihre Fingernägel in die unverletzte Haut.

„Und ich“, murmelte sie mit einem Schnurren in der Stimme, „bin eine Wilde. Tiano ... willst du mich haben? Jetzt?“

Sie sah ihn schlucken. Er nickte. „Du bist wunderschön“, flüsterte er in ihr Haar. „Ich will das Lager mit dir teilen, Zersa. Du bist keine Wilde. Du bist eine Frau. Eine begehrenswerte, fremdartige und wunderschöne Frau. Wenn du mich willst ...“

Statt einer Antwort löste Zersa Tiano das Lendentuch und streifte ihren Schulterkragen ab. Unter den Schurztüchern an ihrem Gürtel war sie nackt. Tiano brauchte nicht lange, um das herauszufinden.

6. Tiano

Tiano blinzelte. Etwas war anders, aber er brauchte einen Augenblick, um herauszufinden, was. Er war nicht allein, das war das erste. Das zweite war, dass er keine Schmerzen mehr spürte. Er öffnete die Augen. Zersa lag halb neben, halb über ihm, an ihn geschmiegt. Eine ihrer Hände lag auf seiner nackten Brust, wo nichts mehr von den fürchterlichen Krallenspuren zu sehen war, als einige gezackte, silbrig schimmernde Narben. Tiano betrachtete ihr Gesicht und lächelte. Dann küsste er sie sanft auf die Nase. Zersa zog die Nase kraus, dann öffnete sie die Augen und blinzelte ihn verschlafen an.

„Hm?“

Er musste grinsen.

„Gut geschlafen, meine Katze?“

„Hm ...“

„Kannst du mir sagen, was passiert ist?“

„Passiert? Was meinst du? Wir haben miteinander geschlafen. Bereust du es?“

Tiano schüttelte den Kopf. „Keinen Augenblick. Aber ich erinnere mich, dass ich, als ich auf diesen Baum geklettert bin, um dich zu suchen, wie ein abgestochenes Schwein geblutet habe. Und jetzt sind da nur noch Narben.“

Zersas Augen weiteten sich einen Moment lang. Sie hob den Kopf, schaute auf seine Brust und berührte leicht die verheilte Haut. Dann warf sie einen Blick auf die Wunde an seinem Oberschenkel und schien genauso überrascht, auch dort nur vernarbte Haut zu finden.

„Das glaube ich nicht ...“

„Was glaubst du nicht?“ Tiano legte ihr einen Finger unter das Kinn und zog sanft ihr Gesicht an seines, bevor sie sich wegdrehen konnte. „Hast du nicht gesagt, dass du eine Heilerin bist? Dann hast du mich wohl in der letzten Nacht vollständig geheilt. Wenn es sich immer so verboten gut anfühlt, wenn du das tust, dann lasse ich mich noch einmal von diesem Vieh anfallen!“

„Das ist nicht komisch, Tiano.“

„Entschuldige. Ich weiß. Weißt du wirklich nicht, wie du das gemacht hast?“

„Ich bin mir nicht sicher. Es ist geschehen und es hat etwas mit meinen Fähigkeiten zu tun. ja. Aber über mehr möchte ich im Moment nicht nachdenken. Wir müssen einen Plan schmieden, von meinen drei Tagen habe ich jetzt nur noch zwei.“

Tiano nickte. Der Plan. Die Morde. Sie mussten Zersas Unschuld beweisen und er wollte ihr dabei helfen. Das war er ihr schuldig. Und nicht nur das. Er hatte sie verführt, weil er sie gewollt hatte. Er war überrascht gewesen, dass sie sich verführen lassen hatte, noch überraschter über die Leidenschaft, mit der sie sich ihm hingegeben und danach ihn verführt hatte. Er konnte sich kaum daran erinnern, wie oft sie miteinander geschlafen hatten, bis sie endlich erschöpft eingeschlafen waren. Irgendwann war der Schmerz in den Hintergrund gerückt, weil da so viele andere Gefühle waren. Und nun ... weg. Keine Wunden, keine Schmerzen. Und eine sehr ausweichend antwortende Heilerin.

Wie hatte sie das gemacht?

„Ich werde dir helfen, das habe ich dir versprochen, Zersa. Vertraust du mir?“

Sie lächelte, ein wenig schief. „Trauen. Ja. Vertrauen? Noch nicht. Ich kenne deinen Körper, aber ich weiß kaum etwas von dir.“ Ihre Augen wurden dunkel, als ihre Pupillen sich weiteten. „Tiano, ich weiß nicht, wie es geschehen konnte, dass deine Wunden so schnell geheilt sind. Ich weiß es wirklich nicht. Es gibt Legenden bei meinem Volk, die besagen, dass so etwas geschehen kann, wenn eine Heilerin und ihr Patient einander sehr nahe kommen. So nah, wie wir letzte Nacht. Meine Kraft ist zu dir geflossen. Vielleicht reichte das aus.“

Tiano nickte. „Und ich dachte, du würdest nur mit Kräutern heilen.“

„Das tue ich auch. Ich habe noch nie ... so geheilt. Auf diese Weise.“ Sie senkte den Blick.

„Ich verstehe.“ Tiano strich sanft über ihre Hand. „Glaubst du, dass das, was mich angegriffen hat, für die Morde an den Uruni in deinem Dorf verantwortlich sein könnte?“

Zersa nickte langsam. „Ich habe so eine Ahnung, dass es damit zu tun haben könnte. Kannst du mir zeigen, wo du Pehajas Fuß begraben hast?“

Sie aßen ein wenig von Zersas Proviant, dann streifte Tiano frische Kleider aus seinem Bündel über und packte seine restlichen Habseligkeiten zusammen. Gemeinsam rissen sie die Blätterhütte ein und verbrannten Tianos blutbesudelte Kleider, um ihre Spuren zu verwischen, dann führte Tiano Zersa zu der Stelle. Es dauerte eine Weile, bis er sie wiedergefunden hatte, doch schließlich hatten sie den Fuß freigelegt. Er war schon kein schöner Anblick gewesen, als Tiano ihn gefunden hatte, jetzt sah er noch übler aus. Tiano sah Zersa schlucken, als sie sich über das beugte, was von dem Fuß übriggeblieben war, und sich zwang, ihn genau anzusehen. Schließlich holte sie eine kleine Flasche aus ihrem Gepäck und tropfte ein wenig von einer rötlich schimmernden Flüssigkeit auf die zerfetzten Wundränder am Gelenk. Die roten Tropfen verfärbten sich grünlich. Ein grimmiger Zug erschien um Zersas Mund, ihre Lippen wurden schmal.

„Was ist?“

Zersa sah auf. „Das hier habe ich benutzt, um deine Wunden zu reinigen. Es ist Feuerblumensaft. Er färbt sich grün, wenn giftiger Speichel aus dem Maul eines Tieres an einer Wunde ist. Bei deinen Wunden wurde es auch grün. Hier ist es nur noch schwach, weil die Wunde schon so alt und das Fleisch tot ist. Aber ich kann es riechen. Es war ein Tier, das das getan hat. Und ich glaube, wir beiden kennen dieses Tier.“

Tiano nickte. „Was schlägst du vor? Was sollen wir tun? Du sagtest, du hast es auf deiner Suche verloren.“

Zersa nickte grimmig.

„Glaubst du, es kommt wieder in dein Dorf? Gibt es da noch andere, die es sich als Opfer aussuchen könnte?“

„Ich fürchte, ja. Es hat sich bisher immer junge Mädchen an der Schwelle zur Frauwerdung ausgesucht oder Kinder. In meinem Dorf leben noch Kinder. Und drei Mädchen und ein Junge befinden sich an der Schwelle vom Kind zum Erwachsenen.“

„Dann sollten wir dein Dorf bewachen.“

Zersa lachte bitter. „Wir zwei allein? Dafür sind wir zu wenig. Es gibt viele verborgene Zugänge zum Dorf, wir können sie nicht alle bewachen. Und wir haben beide gesehen, zu was dieses Ding fähig ist. Es war schnell. Ich konnte ihm noch nicht einmal ...“ Sie biss sich auf die Lippen.

Tiano sah auf. „Was?“

„Ich konnte ihm nicht folgen. Noch nicht einmal, als ich so schnell lief, wie ich konnte. Und ich bin schnell. Ich kenne den Wald.“

„Vielleicht können wir es ködern. Vielleicht kommt es noch einmal, weil es mich nicht erwischt hat. Oder vielleicht will es dich, weil du ihm die Jagd auf mich verdorben hast.“

Zersa grinste schief. „Wenn meine Überlegungen stimmen, dann sind wir beide nicht seine bevorzugte Beute. Wir sind erwachsen. Wir sind nicht mehr unberührt. Bisher hat es nur Unberührte und Kinder angefallen.“

„Bisher. Vielleicht hat es seine Strategie geändert. Vielleicht ist es intelligent. Ich habe seine Augen gesehen. Sie sahen wie blinde Augen aus, wie tot, aber ich habe doch die Grausamkeit und die Zielstrebigkeit darin gesehen. Und das Wissen, dass dieses Ding ganz genau wusste, was es tat. Ich kann es nicht beschreiben. So, als sei da mehr hinter dem Tier.“

Zersa nickte. Sie schien nachzudenken. Und Tiano konnte den Eindruck nicht loswerden, dass sie immer angespannter wurde. Sie wirkte gehetzt und in ihren Augen stand ein seltsamer Ausdruck. Eine Mischung aus Angst und Traurigkeit.

„Ist alles in Ordnung, meine Katze?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Bitte, nenn mich nicht so.“

„Letzte Nacht hast du darüber gelacht!“

„Letzte Nacht ist aber nicht jetzt!“ Sie fauchte beinahe, und Tiano zuckte zusammen.

„Entschuldige, ich wollte nicht ...“ Hilflos hob er die Hände.

Zersa senkte den Blick. „Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Es ist nichts. Ich ... ich habe nur Angst, das ist alles. Wenn es wieder gemordet hat im Dorf ... sie werden immer stärker glauben, dass ich es war. Und wahrscheinlich bereut Ano seinen Entschluss schon, mich versuchen zu lassen, die Morde aufzuklären.“

Tiano schaufelte das Loch mit dem Fuß wieder zu, dann zog er Zersa sanft von der Stelle weg und legte ihr beide Hände auf die Schultern.

„Was ist los, Zersa? Ich verstehe das nicht. Du bist die Heilerin in deinem Dorf, warum bei allen Göttern glauben sie, dass du nachts herumläufst und Kinder umbringst? Kannst du mir das erklären?“

Zersa biss sich auf die Unterlippe. „Ich könnte“, murmelte sie, „aber ...“

„Aber du willst nicht.“ Tiano hielt sie fester, er spürte, wie sie sich anspannte, wie eine Katze kurz vor dem Sprung. Wenn er sie nicht festhielt, würde sie weglaufen. Und dann würde er ihr vielleicht nicht mehr helfen können.

Und – die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag – er würde sie vielleicht nie wiedersehen. Und er wunderte sich darüber, dass ihm dieser Gedanke einen Stich versetzte. Warum fühlte er sich so sehr zu ihr hingezogen?

„Zersa. Bitte. Ich verspreche dir, was auch immer du mir nicht sagen willst und doch sagen solltest ... wenn ich es erfahre, werde ich danach nicht anders über dich denken als jetzt.“

„Wie denkst du denn über mich? Was denkst du, was ich bin? Nur weil ich mit dir geschlafen habe, sind wir noch lange keine Seelenverwandten.“

„Nein.“ Tiano hob ihr Kinn und sah ihr in die Augen. Dann hauchte er ihr einen Kuss auf die Wange. „Aber ich habe das Gefühl, dass wir gute Freunde werden könnten, wenn das hier vorbei ist. Ich würde gern von dir lernen. Von deinem Volk. Ich will es sehen, Zersa. Nicht wie die Priester. Ich will euch nicht meine Art zu leben zeigen, um sie euch dann aufzuzwingen. Ich will wissen, wie ihr lebt. Und dann... dann brauche ich vielleicht auch eure Hilfe.“

Zersa nickte. „In Ordnung. Kannst du mir sagen, warum du die Hilfe der Uruni willst?“

„Ihr wisst viel über die Wälder. Und vielleicht auch über andere Völker. Ihr habt Legenden. Ihr tragt sie weiter, ihr erinnert euch. Vielleicht ist in euren Legenden eine Antwort auf die Frage meiner Herkunft.“

„Es sind unsere Legenden, Tiano. Andere Völker haben darin keinen Raum.“

„Dann gibt es außer den Uruni keine weiteren Völker in den Wäldern?“

Tiano fühlte eine tiefe Enttäuschung, als Zersa den Kopf schüttelte.

„Es gibt nur Uruni. Wir sind viele kleine Stämme. Mein Dorf gehört zum Stamm der Wildkatze. Es gibt andere Stämme, zu denen andere Tiere gehören. Greifvögel, Affen, Narivögel, die ihr Paradiesvögel nennt, und den Stamm des Wildhundes. Es gab früher noch einen Stamm, aber er ist …“

„... nicht mehr da“, vollendete Tiano. Zersa sah auf und nickte, ihre Augen wurden schmal. „Was weißt du darüber?“

Tiano sah Zersa in die Augen. „Dort, wo ich aufgewachsen bin, gibt es auch so etwas wie Legenden. Unsere Geschichtsschreiber berichteten von Expeditionen, und sie berichten davon, dass unsere Kundschafter mehr getan haben als nur zu kundschaften. Auch vor Jahrhunderten müssen schon Menschen hier gewesen sein. Immer wieder. Es liegt in der Natur der Menschen, alles erforschen zu wollen. Nur lassen wir es meist nicht beim erforschen. Wir wollen verändern, nach unseren Vorstellungen formen.“ Tiano seufzte. „Mir gefällt das nicht. Ich habe diese Geschichten nie gern gelesen und nie gern darüber gelernt, weil es mich abstößt, was damals geschehen ist. Was weißt du über diesen Stamm? Oder willst du nicht mit mir darüber reden?“

Zersa sah auf. Ihre Augen funkelten im Licht. Die Sonne stand hoch jetzt und ihre Strahlen zauberten ein Spiel aus Licht und Schatten in den Wald.

„Als das erste Mal Menschen in diesen Wald kamen, waren sie die ersten, die entdeckt wurden. Es ist lange her. Wahrscheinlich so lange, dass unsere Urgroßväter noch nicht einmal geboren waren. Unsere Legende sagt, dass der Stamm der Echsen von menschlichen Kriegern auf der Suche nach Abenteuer und Reichtum zerstört wurde. Wir nennen sie in unseren Legenden die Kinder der Drachen. Sie waren die schönsten, die besten von uns. Die Legende sagt, dass sie wirklich Drachenblut in sich trugen. Es gibt sie nicht mehr. Die, die nicht in den Kämpfen mit den Menschen fielen, starben an Kummer über den großen Verlust. Die Legende sagt, die Waldmutter hat sich ihrer angenommen und lässt ihre Seelen wiederkommen in den schönen, bunten Echsen, die hier leben. Darum sind die Echsen für uns unberührbare Tiere. Wir jagen sie nicht, wir essen sie nicht. Wir schützen sie. Als Erinnerung an den Stamm der Echsen.“

Tiano nickte. „Ich verstehe“, sagte er nachdenklich.

„Lass uns gehen.“ Zersa schnürte ihr Bündel zusammen. „Wir schauen uns in der Nähe des Dorfes nach Spuren um. Wenn wieder etwas geschehen ist, dann müssten wir auch aus dem Dorf einiges hören können.“

Tiano nickte und vertraute sich Zersas Führung an. Er merkte, dass sie ihn in immer enger werdenden Kreisen zu führen schien, um ein Zentrum herum, in dem vermutlich ihr Dorf lag. Sie suchten den Waldboden ab, forschten nach abgeknickten Ästen und zertretenen Pflanzen und Fuß- oder Pfotenabdrücken. Tiano hatte keine Ahnung, wie lange sie schon im Kreis gingen. Das Licht änderte sich den ganzen Tag über nur wenig.

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