Kitabı oku: «Scientia Kircheriana»
Tina Asmussen
Scientia Kircheriana
Die Fabrikation von Wissen bei Athanasius Kircher
Band 2 der »Kulturgeschichten. Studien zur Frühen Neuzeit«,
herausgegeben von Arndt Brendecke, Peter Burschel, Ulrike Gleixner und Daniela Hacke
Publiziert mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung
© 2016 by Didymos-Verlag, Affalterbach
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Coverabbildung: Zweihändig schreibender Gelehrter. Detail (geringfügig verändert) aus dem Frontispiz von: Gioseffo Petrucci, Prodomo Apologetico alli Studi Chircheriani, Amsterdam 1677. Universität Basel Hauptbibliothek, Ji III 17
Gestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart
Satz: Böckmanns Medienproduktion, Waiblingen
ISBN 978-3-939020-43-1 (Buch)
ISBN 978-3-939020-91-2 (E-Book)
Einleitung
Forschungskontext und methodische Prämissen
Quellengrundlage und Aufbau der Arbeit
Rom: Städtische Bühne und Welttheater
Rom und die Wissenschaften
Das Collegio Romano: Schaltstelle des Jesuitenordens
Domus Kircheriana: Das Museum
Athanasius Kircher, Kustos des Museums
Wissen und Herrschaftsraum: Kircher und das pamphilische Repräsentationstheater
Wissen im Dienste der päpstlichen Politik: Die Ankunft der schwedischen Königin in Rom
Wissen im Dienste des päpstlichen Kulturprogramms
Athanasius Kirchers Korrespondenz im Kontext des jesuitischen Kommunikationswesens
Agieren auf dem Buchmarkt: Wissensproduktion und Koordination von Ressourcen
Korrespondenz- und Buchwege: Rom – Köln – Amsterdam
Katholische Vermittler in Kirchers Buchgeschäften nördlich der Alpen
Caspar Schott (1608–1666)
Barthold Nihus (1590–1657) und Jodocus Kedd (1597–1657)
Wissenstransformatoren am Hof
Wissen als Instrument der Konfessions- und Machtpolitik
3. Zeigen und verdecken – Geheimnis und Offenbarung: Funktionsprinzipien der Scientia Kircheriana
Kirchers Naturphilosophie zwischen Empirie, Geheimnis und Wunder
Überzeugende Geheimnisse im Scrutinium physico-medicum
Visualisierung von Geheimnissen: Kirchers Bild-Rhetorik
Imaginationsfluchtpunkt und Emblem der Scientia Kircheriana
Die Kircher-Figur
4. Athanasius Kircher S.J. – von der Produktivkraft eines Namens
Die Fabrikation und Kommodifizierung des Autors
Das »Label« Kircher
Die soziale Produktivität des Namens in gelehrten Debatten
6. Dank
7. Appendix
Schreiben von Joannes Jansson van Waesberge und Elisé van Weyerstraet an Kircher, Amsterdam, 28. Juli 1661
Antwort von Kircher an Johannes Jansson van Waesberge, Rom, 27. August 1661
Kapitelwidmungen des Oedipus Aegyptiacus
Ungedruckte Quellen
Gedruckte Quellen
Literatur
1 Ein »Phantast« oder ein »Weiser und Enzyklopädist«?2 Die Meinungen über Athanasius Kircher (1602–1680) sind so vielfältig wie die Themengebiete seiner Publikationen. Bereits die Zeitgenossen waren sich uneins in ihrer Bewertung der Gelehrsamkeit und wissenschaftlichen Leistung des Jesuiten. René Descartes hielt ihn für einen Scharlatan, während Georg Philipp Harsdörffer in ihm einen der größten Gelehrten seiner Zeit sah und ihn verehrend »Germanus incredibilis« nannte.3 Mal wurde er auf eine Ebene mit Galileo Galilei gestellt, mal als Vielschreiber und »Windbeutel« abgestempelt.4 Ab dem frühen 18. Jahrhundert nahmen Kritik, Ablehnung und Invektiven zu. Für Johann Burckard Mencke etwa gehörte Kircher in die Reihe der gelehrten Betrüger, die er in seiner vielgelesenen Schrift De Charlataneria Eruditorum (1715 u.ö.) beschreibt.5 Das Spektrum der ihm angelasteten wissenschaftlichen und moralischen Verfehlungen – wie etwa Plagiatsvorwürfe, mangelnde Sprachkenntnisse, Leichtgläubigkeit und Geltungssucht – zeigt, dass sich Kirchers theologisch fundierte und enzyklopädisch ausgerichtete Epistemologie immer schwerer mit dem zeitgenössischen Wissenschaftsverständnis vereinbaren ließ. Der überwiegend negative Blick auf den Universalgelehrten dominierte bis weit ins 20. Jahrhundert die wissenschaftshistorische Forschung. So urteilte der Biologe Harry Beal Torreys noch 1938: »Father Kircher appears to have been foremost neither in time nor significance. He was preceded by discoveries that he never surpassed, and by methods that he never used or understood«.6 Eine positivere Neubewertung des Jesuiten vermochte sich erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu etablieren. Seit den 1950er Jahren nahm das Interesse an Kircher und seinem Wissen kontinuierlich zu. 1980, zu Kirchers 300. Todestag, veranstaltete der Germanist John Fletcher in Wolfenbüttel die erste internationale Kircher-Tagung. Es folgten 1981 eine Ausstellung in Karlsruhe und eine in Rastatt. In Rom wurde 1985 die Konferenz Athanasius Kircher nel Collegio Romano tra Wunderkammer e Museo Scientifico abgehalten.7 Nicht zuletzt diesen Veranstaltungen verdankte sich eine gesteigerte Aufmerksamkeit in der historischen Forschung wie auch bei populärwissenschaftlichen und esoterischen Buchautoren. Um die Jahrtausendwende schien das Interesse an Kircher in eine regelrechte Begeisterung zu münden, wovon die zahlreichen Aktivitäten zeugen, die sich dem barocken Universalgelehrten anlässlich seines 400. Geburtstags im Jahr 2002 und auch in den darauffolgenden Jahren in den USA, Italien, Spanien, Deutschland und der Schweiz widmeten.8 Der aus dem thüringischen Geisa stammende Jesuitenpater war plötzlich in aller Munde. Aus der Randfigur, die lange Zeit allenfalls als Beispiel für einen zeittypischen, aber wissenschaftlich irrelevanten Polyhistorismus diente, wurde ein »dude of wonders«, »cultural hero«, »intellectual daredevil« oder »the first scholar with global reputation«.9
Dieser kursorische Überblick über die Konjunkturen der Kircher-Rezeption mag verdeutlichen, wie unterschiedlich das Bild von Athanasius Kircher zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten jeweils war.10 Jede Kircher-Rezeption, das lassen diese Beispiele erkennen, ist somit immer auch eine Produktion eines bestimmten Kircher-Bildes: Neben den bereits genannten Rollen als großer Geist, Scharlatan und Vielschreiber taucht Kircher in der Forschung seit Beginn des 20. Jahrhunderts auch als Gründervater moderner Wissenschaftsdisziplinen auf.11 Eine gegenwärtig häufig vertretene Perspektive betrachtet Kircher als Repräsentanten einer Gelehrtenkultur, in der das Spektakel zu den sozialen und wissenschaftlichen Praktiken gehörte.12 Als Mann des Wunders, der wissenschaftlichen Schaustellerei und gelehrten Unterhaltungskultur verweist dieser Kircher auf eine Zeit vor dem wissenschaftlichen Spezialistentum des 19. Jahrhunderts.
Die hier greifbaren Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse werfen ein Licht auf die sozialen und kulturellen Bedingungen von Bedeutungsstiftung und die Konstruktionsweisen von Sinnzusammenhängen in Bezug auf eine historische Person, und gerade dies ist es, was mich an der Figur Kircher interessiert. Die bereits zu seinen Lebzeiten einsetzende und auch später von erheblichen Wandlungen geprägte Rezeption zeigt auf anschauliche Art und Weise, wie abhängig das Bild des Gelehrten von den jeweiligen Interessen und Absichten seines Publikums ist. Eben auf diese Rezeptionsvorgänge, die die Heterogenität und Wandelbarkeit des Kircher-Bildes begründen, richtet sich der zentrale Fokus dieses Buches. Sein Ziel besteht also nicht darin, das Leben von Athanasius Kircher zu rekonstruieren oder die Bedeutung seines Wissens im Kontext der Wissenschaften des 17. Jahrhunderts zu bestimmen. Im Zentrum des Interesses steht vielmehr das Zusammenspiel von unterschiedlichen Diskursen und Wissenspraktiken, Imaginationen und Bildern, aus dem die Persona des Universalgelehrten hervorgeht. Es sind dies Prozesse der Bedeutungszuschreibung und -transformation, die erst durch die Rückbindung an ihren jeweiligen historischen Kontext wirklich verständlich werden.
Forschungskontext und methodische Prämissen
Die neuere Kircher-Forschung lässt sich unter dem Schlagwort »Kircher in context« subsumieren und ist in besonderem Maße einer vom social und cultural turn geprägten, interdisziplinär ausgerichteten Wissens- und Wissenschaftsgeschichte verpflichtet.13 Kircher erscheint eingebettet in eine spezifisch römische Wissenschaftskultur, in lokale und translokale Patronage-Strukturen und als Akteur im globalen Netzwerk der Jesuiten sowie der respublica literaria.14 Wesentliche Impulse zur soziokulturellen Kontextualisierung von Kircher, seiner Wissenschaft und seiner Sammlungstätigkeit sind von den zahlreichen Arbeiten Paula Findlens ausgegangen.15 Pointiert argumentiert sie: »To understand only Kircher’s failures is to miss his success. To study Kircher only as a singular personality or to consider a single work by him without understanding its relationship to the whole is to remove him, quite artificially, from the world that brought him into existence.«16 Findlen geht über wissenschaftsinternalistische Ansätze hinaus, deren Interesse auf die Wissenserzeugung und auf das Handeln der spezifischen Wissenschaftler- oder Expertengemeinschaft sowie auf deren Produktion wissenschaftlicher Tatsachen ausgerichtet ist.17 Ausgehend von einer sozial- und kulturhistorisch ausgerichteten Forschungstradition betrachtet sie Wissenskulturen als Kulturen von Wissenskontexten.18 Durch den methodischen Anspruch, die kulturelle Situiertheit von Wissen zu betrachten, wie sie sich in sozialen, geographischen und institutionellen Kontexten manifestiert, tritt die Pluralität von Wissensformen an die Stelle eines Bildes von der Einheit der Wissenschaften. Nicht nur Findlens Arbeiten, sondern die überwiegende Zahl der neueren Publikationen zu Kircher lässt sich hinsichtlich ihres methodischen Ansatzes in diesem Feld einer sozial- und kulturhistorisch orientierten Wissensgeschichte verorten. Größtenteils werden Einzelaspekte aus der wissenschaftlichen Tätigkeit des jesuitischen Gelehrten thematisiert; meist sind es von der jeweiligen disziplinären Herkunft der Forscherinnen und Forscher geprägte Fallstudien.19
Gleichwohl scheint auch für diesen analytischen Zugang, der die Aufmerksamkeit auf die Vervielfältigung von Wissensräumen, Wissensquellen, Wissensansprüchen und Wissensautorisierungen richtet, das Subjekt des Gelehrten einen willkommenen Anker zu bieten. Zahlreiche aktuelle Forschungen richten ihren Blick auf einzelne Wissenschaftler sowie auf Wissensgemeinschaften wie Akademien oder religiöse Institutionen, darunter auch die Jesuiten.20 Den zentralen Referenzpunkt bildet jedoch nicht mehr das herausragende Wissenschaftlerindividuum, sondern der Gelehrte als Akteur in einem größeren, von intellektuellen ebenso wie von gesellschaftlichen und persönlichen Faktoren geprägten Zusammenhang. Dieser Ansatz richtet die Aufmerksamkeit insbesondere auf praxeologische Aspekte, um so das komplexe Gewebe von technischen, sozialen und symbolischen Elementen in Wissenspraktiken sichtbar zu machen.21 Der gelehrte Akteur ist demgemäß durch seine wissenschaftlichen und sozialen Praktiken charakterisiert, wird lokal in einem dynamischen Raum-Zeit-Gefüge verortet und in translokalen Beziehungskonstellationen zu anderen Akteuren situiert. Methodisch bilden Prosopographie und Netzwerkanalyse wichtige Ansätze zu dieser Forschung; eine besondere Aufmerksamkeit kommt dabei der Untersuchung der gelehrten Korrespondenz zu. Wissen entstand kollaborativ aus dem Austausch von Briefen, Büchern und Instrumenten, so der Tenor, in den auch die Kircher-Forschung einstimmt.22 Angesichts dieser sozial- und kulturhistorischen Orientierung der gegenwärtigen Wissensgeschichte und der Aufmerksamkeit für Formen und Praktiken der gelehrten Soziabilität ist es bemerkenswert, dass die Frage, wie sich einzelne Akteure in diesem Feld konstituieren und welche Personenkonzepte dabei wirksam werden, meist zu wenig oder gar nicht betrachtet wird. So wird den Akteuren bisweilen eine ganz erstaunliche Autonomie und Handlungsmacht zugeschrieben. Besonders aussagekräftig sind diesbezüglich Mario Biagiolis Studien zu Galileo Galilei.23 In Abgrenzung zur älteren, internalistischen Wissenschaftsgeschichte, die ihr Augenmerk auf die Ideen herausragender, solitärer Forscherpersönlichkeiten richtete, situiert Biagioli seinen Gelehrten im sozialen Gefüge des Florentiner Medicihofes. Galilei erscheint als ein in Patronagestrukturen eingebundener Protagonist, der Praktiken, Inhalt und Form seines Wissens auf das höfische Publikum abstimmt. Die Parameter, an denen Biagiolis Akteur gemessen wird, sind nicht mehr allein der wissenschaftliche Gehalt seiner Ideen, sondern die Strategien und Taktiken, die er zur Konstruktion seiner sozioprofessionellen Identität einsetzt. Das Formen- und Zeichenrepertoire, mit dem Galilei seine öffentliche Person als Philosoph und Mathematiker konstruierte, erfand er jedoch keineswegs neu, sondern griff dabei auf bereits existierende soziale Rollen und kulturelle Codes zurück. Biagioli nennt diesen Prozess »social bricolage«. Galilei adaptierte und kombinierte vorhandene Elemente aus dem Kontext der höfischen Kultur und benutzte sie zu seinem Self-Fashioning.24 Zur Beschreibung der äußeren Bedingungen von Galileis sozialer Bricolage verwendet Biagioli Kategorien aus dem ökonomischen Bereich wie Markt, Investition, Risiko und Spekulation, die den Gelehrten als Kosten und Nutzen berechnenden Akteur kennzeichnen.25 Biagiolis Studie hat in konzeptueller Hinsicht einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, den berühmten Wissenschaftler aus einer Welt frei flottierender Ideen zu holen und ihn selbst wie auch seine Entdeckungen in einem sozial und kulturell kodierten Raum zu verorten. So beeindruckend und inspirierend das geschilderte Agieren dieses Bricoleurs an unterschiedlichen Orten und innerhalb verschiedener »Ökonomien« (z.B. der Ökonomie der Universität und der Hofökonomie) ist, so irritierend wirkt jedoch, wie selbstbestimmt der Gelehrte in Biagiolis Darstellung sein Image formte und wie reibungslos er seine Taktiken in unterschiedlichsten Situationen und Kontexten verwirklichen konnte. Biagioli bietet auffallend wenig Raum für das Nicht-Intentionale und Implizite. Die Gestaltungskraft der jeweiligen »Bühne«, auf der Galilei agierte, wird durch den Fokus auf sein vermeintlich stets planvolles oder gar strategisches Handeln verdeckt. Dieser Eindruck stellt sich auch mit Blick auf die neuere Kircher-Forschung ein. Kircher experimentierte, publizierte, bewirtschaftete seine Beziehungen und betrieb ein bemerkenswertes Self-Fashioning. Er war ein Meister der Wissensakkumulation, der Koordination von Ressourcen und der Delegierung von Arbeiten. Stets hielt er, so die implizite Voraussetzung, alle Fäden fest in der Hand. Diese Vorstellung von Kircher hat die Encyclopædia Britannica auf eine eingängige Formel gebracht: Er sei eine Art »one-man intellectual clearinghouse for cultural and scientific information«. Ähnlich klingt es auch bei Findlen: »Kircher single-handedly was able to muster more information and produce more books than the entire membership of the early Royal Society, or really any learned academy of this period.«26
Das Bild eines selbstermächtigten und autonom handelnden Gelehrten der Frühen Neuzeit mag angesichts der poststrukturalistischen Auseinandersetzung mit der Autonomie des Subjekts erstaunen.27 Insbesondere die aktuelle Forschung im Bereich der kulturwissenschaftlich ausgerichteten Narratologie hat sich in Auseinandersetzung mit den Debatten im Zuge des linguistic turn den Konzepten ›Individuum‹, ›Subjekt‹ oder ›Autor‹ zugewandt. Mit ihrer konsequenten Historisierung von Produktionsprozessen und ihrer Analyse kultureller Kontextbedingungen haben sie die Vorstellung eines ›Selbst‹ als raum-zeitlich stabiler Identität in Frage gestellt.28 In seinem Denken und Handeln wird dieses Selbst vielmehr durch gesellschaftliche, kulturelle und situative Faktoren konstruiert. Auch im Bereich der Geschichtswissenschaft haben sich zahlreiche Arbeiten der Subjektivierung und den dabei ablaufenden Prozessen zugewandt. Besonders Studien aus dem Bereich der historischen Selbstzeugnisforschung, der historischen Anthropologie, der Wissensgeschichte und der Geschichte der frühneuzeitlichen Gelehrtenkultur haben methodisch differenzierte Zugänge zu historischen Konzeptualisierungen von Subjekt, Individuum und Person ausgearbeitet.29 Spezifisch für das soziale Feld der Gelehrten erweist sich das auf Lorraine Daston und Otto Sibum zurückgehende Konzept der »Scientific Persona« als bedeutender Impulsgeber für die vorliegende Studie.30 Daston und Sibum orientieren sich an Marcel Mauss’ Anspruch, Person als kulturell und historisch geprägte Kategorie zu denken, und plädieren für eine kollektive Identität, die aber nicht zwingend mit derjenigen eines Individuums übereinstimmen muss. Diese kollektive Identität formt »Eigenarten, Lebensweisen und sogar körperliche Fähigkeiten und Dispositionen einer Gruppe […], die sich zu dieser Identität bekennt, und von der Öffentlichkeit aber auch so wahrgenommen wird.«31 Für die wissenschaftlich tätigen Personen bedeutet dies, dass sie sich habituell an gesellschaftlich etablierten Idealtypen orientieren. Ich möchte an dieser Stelle jedoch unterstreichen, dass diese Orientierung nicht nur intentional in Form von überlegt-rationalen Entscheidungen und Handlungsweisen erfolgt, sondern immer auch von gesellschaftlichen Zugehörigkeiten, von räumlichen und zeitlichen Dimensionen, von Praktiken und Diskursen sowie von religiösen, politischen und ökonomischen Bedingungen abhängt.
Auch Kirchers wissenschaftliche Persona war nur eine von vielen Rollen, die seinem Handeln zugrunde lagen. Ebenso agierte er auch als Persona des Geistlichen oder als Persona eines Klienten mehrerer Patrons, er bewegte sich in verschiedenen Institutionen mit ihren jeweils unterschiedlichen Anforderungen und Codes. Die je nach Ort, Zeit und sozialen Konstellationen realisierten Handlungsformen müssen in Anbetracht einer Vielfalt von denkbaren Handlungsmöglichkeiten der jeweiligen Persona untersucht werden. Gewisse Handlungen erscheinen auf den ersten Blick widersprüchlich oder gar unverständlich, gleichwohl produziert ein Erklärungsansatz, der sie als Ausdruck einer hinter der Persona liegenden wahren Identität versteht, nur weitere Widersprüchlichkeiten. Vor allem aber transportiert diese Perspektive ein teleologisches Geschichtsbild, in welchem die Handlungen und Leistungen historischer Akteure an einem modernen Bewertungssystem gemessen werden. Kircher wird beispielsweise meist positiv attestiert, dass er als Jesuit in Zeiten größter konfessioneller Intoleranz sowohl mit Katholiken als auch mit Protestanten korrespondierte, mit Letzteren sogar in Patronageverhältnissen stand.32 Diese transkonfessionellen Beziehungen werden bisweilen vorschnell einem für einen Jesuiten untypischen, außergewöhnlich aufgeschlossenen Charakter Kirchers zugeschrieben. Wissenschaftliche Angelegenheiten hätten ihn stets viel mehr interessiert als konfessionelle Differenzen.33 Anderen Forschenden wiederum bereitet es große Mühe, Kirchers Publikationsmanagement, besonders den Druck seiner Werke in Amsterdam, mit seinem Status als Ordensbruder in Einklang zu bringen. Kircher wird so zum Exzentriker stilisiert, der sich nicht scheute, gegen die Ordensdoktrin zu verstoßen, und sich auf diese Weise eine »beachtenswerte Autonomie« erarbeitet habe.34 Durch derartige Zuschreibungen werden unreflektiert aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammende Gesellschafts- und Geschichtskonzepte fortgeschrieben. Sie spiegeln eine modernistische Vorstellung von Individuum, die sich am Grad seiner Aufgeklärtheit bemisst. Der besondere Erfolg Kirchers auf dem Wissensmarkt wird somit implizit daran gemessen, wie stark er sich von vermeintlichen, historiographisch unterstellten religiösen oder institutionellen Zwängen habe befreien können.
Anstatt hinter all den Masken den wahren Kircher enthüllen zu wollen, setzt diese Arbeit ihren Akzent auf die Fabrikationsmechanismen seiner Persona. Das Agieren Kirchers auf dem Buchmarkt, an den Höfen sowie innerhalb des Ordens soll demnach nicht als das einer berechnenden und strategisch handelnden Ausnahmefigur oder eines aufgeschlossenen Exzentrikers verstanden werden. Gezeigt werden soll vielmehr, wie sich die Persona Kirchers im Kontext von sozial, kulturell und räumlich kodierten Gefügen aktiv konstituierte und zugleich von diesen konstruiert wurde. Die Figur Kirchers wird in dieser Studie nicht als Protagonist im Sinne von Biagiolis Galileo behandelt, sondern als Produkt, das in einem Netz von Austauschbeziehungen mit anderen Akteuren entsteht und geformt wird. In methodologischer Anlehnung an die wissenskonstruktivistischen Studien von Karin Knorr Cetina und Steve Woolgar sowie an Bruno Latours Arbeiten, die auf dem Programm der Sociology of Scientific Knowledge (SSK) aufbauen, aber gleichwohl eine radikale Alternative zum wissenschaftssoziologischen Programm bieten, soll das unter dem Namen Athanasius Kircher subsumierte Wissen als Resultat sozialer Bedingungen und Konstruktionsprozesse analysiert werden.35 Dabei wird die strikte Fokussierung auf ein Individuum aufgehoben; in den Untersuchungsfokus geraten die Interaktionen von Akteuren, die am Produktions-, Distributions- und Vermarktungsprozess von Kircher’schem Wissen beteiligt waren. Gegenstand dieser Arbeit ist also die Frage, durch welche Mechanismen Athanasius Kircher als Autorenfigur in den Produktionsprozess integriert, kommodifiziert und sein Name als eine Art Label den Wissensprodukten zugeschrieben wurde. Hinter dem Namen Kircher stand weit mehr als ein Individuum. Das Label Kircher stand vor allem für eine komplexe Wissensmaschinerie, in welche der Orden, Patrons, andere Gelehrte und katholische Ordensbrüder, Buchdrucker, -händler sowie nicht zuletzt auch Athanasius Kircher selbst eingebunden waren. Bereits Findlen hat auf diesen Sachverhalt am Beispiel des Publikationsmanagements von Kircher hingewiesen: »The Kircherian machine was a vast and lucrative publishing enterprise. […]. It seemed as if every participant involved in the project – the author, the publisher, his disciples, and last but not least, the Society of Jesus – wanted to squeeze the maximum amount of words, ink, and profit out of this singular mind of the seventeenth century.«36 Die vorliegende Studie schließt in direkter Weise an Findlens Gedanken der Maschinerie an, bezieht sich jedoch nicht ausschließlich auf den Aspekt des Publikationswesens. Nicht das eigenhändig erwirtschaftete Renommee, sondern die Vielhändigkeit der Wissensgenese und Bedeutungsstiftung sowie deren Bedingungen und Möglichkeiten stehen im Vordergrund dieser Arbeit. Das dabei verwendete Konzept der Wissensmaschinerie geht auf Überlegungen Karin Knorr Cetinas zurück. Sie begreift wissenschaftliche Erkenntnis als das Ergebnis sozialer und technischer Herstellungs- und Konstruktionsprozesse. Anstatt der Produktion von Erkenntnis an sich fokussiert sie die Wissensmaschinerien, die bei dieser zum Einsatz kommen.37 Sie fasst Wissensmaschinerien als komplexe »Gefüge von Konventionen und Instrumenten, die sich als organisiert, dynamisch und (zumindest teilweise) reflektiert erweisen, die aber nicht von einzelnen Akteuren bestimmt werden«.38 In dieser Perspektive erweist sich der Wissenschaftler oder das »epistemische Subjekt« als ebenso erzeugt wie das epistemische Objekt der Erkenntnis. Bezieht man Knorr Cetinas Überlegungen auf Kircher, so wird er als Erzeuger von Wissen im epistemischen Produktionsprozess selbst gleichermaßen zur Komponente und zum Produkt einer Wissensmaschinerie. Dieses dynamische System der Kircher’schen Wissensmaschinerie funktionierte durch eine Vielzahl von Aushandlungsprozessen. Dabei muss die statische Vorstellung von uniform agierenden Interessengruppen, die jeweils dasselbe Ziel verfolgen, zugunsten eines elastischeren Gebildes aufgegeben werden, in dem auch scheinbar unvereinbare und gegenläufige Interessen koexistieren und in Kombination produktiv werden können.
Die Entstehung der vorliegenden Arbeit stand gänzlich im Zeichen einer Kircher-Begeisterung. Die Grundlagen dieser Begeisterung zu verstehen und die Konstruktionsmechanismen zu analysieren, die das Bild des wissenschaftlichen (Anti-)Helden produzierten und die bis in Kirchers eigene Zeit zurückreichen, ist das Ziel der Arbeit. Im Zentrum steht nicht die Person des Wissenschaftlers Kircher, sondern die Fabrikation des ›Wissenschafts-Unternehmens‹ Kircher.

