Kitabı oku: «Momente, die dem Himmel gehören»

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Tina Willms | Momente, die dem Himmel gehören


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die Rechte der Texte in diesem Buch liegen bei der Autorin. Bei Interesse an einer Lesung wenden Sie sich bitte direkt an Tina Willms: tina.willms@t-online.de.

© 2021 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Agentur 3Kreativ, Essen, unter Verwendung von Bildern

© shutterstock/nereia, © shutterstock/Midstream

Lektorat: Lea Omers, Duisburg

DTP: Magdalene Krumbeck, Wuppertal

Verwendete Schrift: Scala

Gesamtherstellung: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, www.ppp.eu

ISBN 978-3-7615-6784-5 (Print)

ISBN 978-3-7615-6785-2 (E-Book)

www.neukirchener-verlage.de

Geleitwort von Annette Behnken

Ein Wort ist mehr als ein Wort. Jedes Wort: ein ganzes Universum. Ach, falsch! Jedes Wort ist viele Universen! Brot zum Beispiel. Oder Regen. Welche Kosmen an Sinneseindrücken, Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken werden allein durchs Lesen oder Hören dieser Worte in jedem, jeder entfacht! Von: »Verflixt, hat der Bäcker noch offen?« über die Erinnerung an die riesigen Brotlaibe, die meine Oma früher buk – was allein das Wörtchen »buk« schon an Assoziationskaskaden auslöst! – bis zu den verschimmelten Schulbrotresten meiner Kinder. Und der durchsichtige Regenschirm mit Marienkäfern, der mein ganzer Stolz war als Fünfjährige. Welche Kosmen, helle und dunkle, werden in zwanzig Jahren ausgelöst von Worten wie Aerosol, Inzidenzwert und Mund-Nasen-Schutz?

Als Theolog*innen und Geistliche suchen wir nach Worten, um den Himmel auf die Erde zu holen. Hohe Gedanken, tiefe Einsichten werden in verbalen Vehikeln transportiert. Auf diese Weise entstehen großartige Texte, werden scharfsinnig Einsichten formuliert, narrativ Weisheiten aufgespürt – findet ein Ringen um die dem Inhalt angemessene Sprache statt. Das ist die Kunst und mal gelingt sie beglückend gut, mal bleiben die Worte zwischen Himmel und Erde hängen.

Auch den Gedichten, Geschichten und Gebeten von Tina Willms wird möglicherweise gelegentlich dieses Ringen vorangegangen sein. Das Besondere dieser poetischen Kleinode liegt darin, dass hier der Himmel bereits auf der Erde ist. Er ist schon da und kann aufgespürt werden. Worte, Instrumente des Ausdrucks, werden zugleich zu Instrumenten des Aufspürens: Sonden, Lupen, Höhrrohre, Pinzetten, Tastorgane … auf der Suche nach Heiligem mitten in den Dingen des Lebens. Tina Willms begibt sich mit dem Instrumentarium ihrer Worte auf »religiöse Erkundungen der Wirklichkeit«1.

Mir persönlich ist dabei ihre Wertschätzung des Fragezeichens außerordentlich sympathisch und wichtig:

Auf schmalem Grat

Ich stehe

auf schmalem Grat,

gespannt

zwischen Himmel und Erde.

Aufrecht hält mich

ein Fragezeichen.2

Das, werte Leser*innen, ist das Universum, das Tina Willms‘ Worte mir eröffnen. Ihnen öffnen sie möglicherweise andere. Ich wünsche Ihnen beim Lesen belebende, tröstende, erhellende, himmeleröffnende Wirklichkeitserkundungen!

Annette Behnken, Wennigsen im Januar 2021

1. Januar

Und ich ... will dich segnen … und du sollst ein Segen sein. Genesis 12,3

Zum neuen Jahr

Lebensfreude suche dich täglich auf,

Glück schneie zuweilen herein

und Träume sollen sich

niederlassen bei dir.

Freund*innen seien in Reichweite,

Hoffnungslicht falle durchs Fenster

und der Alltag schenke dir unerwartet

manch duftenden Strauß.

Segen sei über dein Dasein geschrieben,

Sinn erfülle dir alle Sinne

und über dir wölbe sich

der Himmel als bergendes Dach.

2. Januar

Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus, und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. Kolosser 3,17

Der Zauber des Neuanfangs

Ein leeres Heft, dieses neue Jahr. Schneeweiß die Seiten. Der Zauber des Neuanfangs liegt darüber, als ob alles anders werden könnte. So viele unverbrauchte Tage, die es zu gestalten gilt. So viele Möglichkeiten, die mich locken.

Doch dann denke ich daran, wie es früher war mit den neuen Heften: Meine Schrift war dieselbe geblieben. Und so sehr ich mich bemühte, alles richtig zu machen, es gelang mir nie. Immer wieder kleckste ich hässliche Flecken auf das schöne weiße Papier. Manches konnte ich immerhin mit dem Tintenkiller wieder einigermaßen gutmachen.

Auch im neuen Jahr werde ich dieselbe bleiben, ich nehme mich immer und überall hin mit. Das beunruhigt mich. Denn in das Heft meines Lebens schreibe ich ohne Radiergummi und ohne Tintenkiller. Alles, was ich notiere, wird so stehen bleiben müssen, wie es ist. Keinen einzigen Punkt kann ich im Nachhinein hinzufügen. Nichts vermag ich später wieder zu streichen.

Ich wünsche mir, dass mir das, was ich schreiben werde, gelingen wird. Dass ich erzählen kann von hellen Tagen und Wegen, von Freund*innen an meiner Seite, von Plänen, die gelingen, von fröhlichen Festen.

Aber ich weiß auch: Manches wird am Ende des Jahres in diesem Heft stehen, das mir nicht gefallen wird. Es werden Dinge geschehen, die ich mir nicht ausgesucht habe. Manches wird mir vor Augen stehen, das mir misslungen ist, und ich werde erzählen müssen von Abschieden, die mich schmerzen.

Noch kenne ich die Überschrift nicht, die ich später im Rückblick diesem Jahr meines Lebens geben werde. Aber es tut mir gut zu wissen, dass dieser Titel nicht über dem Ganzen stehen, sondern nur ein Untertitel sein wird.

Denn über das Buch meines Lebens hat ein anderer seinen Namen als Überschrift gesetzt. Jesus Christus. Fest und unverrückbar steht dieser Name da. In ihm lebe ich mein Leben. Die guten Tage und auch die schweren. Die hellen Momente und auch die dunklen. Immer ist er da, neben mir. An ihn will ich mich halten. Das neue Jahr: ein Heft, noch weiß und leer. Für einen Moment will ich die Verheißung genießen, die über dem Anfang liegt; nichts soll ihren Zauber stören. Dann nehme ich den Stift in die Hand und beginne zu schreiben.

3. Januar

Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Psalm 1,3

An der Quelle

Wie das Wasser auf dem Weg

zwischen Quelle und Mündung

flüstert und wispert,

säuselt und raunt,

murmelt und summt,

so lass mich murmeln deine Weisungen

und summen deine Weisen,

bis sie summen

und murmeln in mir.

Die ihre Wurzeln strecken zu dir,

du Quelle des Lebens:

grünen werden sie,

singen und summen wird es

in ihren Zweigen.

Stämme werden sie,

stark und fest,

damit sich anlehnen können alle,

die suchen nach Halt und Trost.

Alle, die suchen nach dir.

4. Januar

Siehe, ich mache alles neu! Offenbarung 21,5

Neues ist möglich

Ob es ein Zufall ist, dass der Beginn eines neuen Jahres in den Winter fällt? Irgendeiner muss das doch irgendwann festgelegt haben. Ob es ein Mensch war, der auf der Nordhalbkugel lebte, weit entfernt vom Äquator? In einem Land, in dem der Winter das, was gestern vor dem Fenster war, über Nacht in eine andere Landschaft verwandelt?

Und diese verwandelte Landschaft bringt Bilder mit sich, die wie Metaphern sind für ein neues Jahr.

Schnee ist gefallen: Ein weißes, glänzendes Feld liegt vor mir, ohne jegliche Spur. Jeder Weg scheint noch möglich zu sein. Ich kann prägen und gestalten, was vor mir liegt.

Raureif kleidet die Welt in ein neues Gewand. Er hebt Details hervor, die vorher unscheinbar waren. Gerade das, was im Schatten liegt, kommt nun groß heraus.

Der See ist zugefroren, ein dunkler Spiegel, der mich doch lockt, auch dem zu vertrauen, was unwägbar ist und zerbrechen kann.

Über allem ein manchmal gleißendes, manchmal sanftes Licht. Es hebt an den kalten und frostigen Tagen die Schönheit hervor wie eine Verheißung.

»Siehe, ich mache alles neu!«, verspricht Gott im letzten Buch der Bibel. Die winterliche Welt unterstützt seine Zusage.

Als wolle sie Mut machen, ihm zu vertrauen am Anfang eines neuen Jahres.

5. Januar

Auf dem Weg der Träume

Einmal am Tag mich unterbrechen, um auf dem Weg der Bilder zu gehen, die Gott für diese Welt erträumt.

Wie denkt er mich?

Wie stellt er sich die Menschen vor, denen ich begegne?

Welche Vision hat er vor Augen von meiner Stadt?

Wie träumt er die Welt?

Einmal am Tag aus dem Alltag abbiegen. Den Umweg nehmen, um mit Gott durch die Träume zu gehen. Was kann ich heute und hier dazu beitragen, damit sie wahr werden?

Das könnte tätiges Beten sein.

6. Januar

Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint schon. 1. Johannes 2,8b

Das wahre Licht

Peter Härtling erzählt in seinem Buch »Nachgetragene Liebe« folgende Szene, die er selbst erlebt hat: Sein Vater, ein Anwalt, ist besorgt über ihn, den Sohn, der in grobe, nationalsozialistische Gesellschaft geraten ist. Und so nimmt er ihn mit zu einem Besuch bei einem Mandanten, den er vertritt. Dieser ist ein Jude und heißt ausgerechnet »Glück« mit Nachnamen. Aber er hat kein Glück, im Gegenteil: Alles ist ihm genommen worden und seine Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt steht bevor. Und doch empfängt er Vater und Sohn freundlich. Der Sohn verfolgt das Gespräch der beiden erwachsenen Männer:

»Ich kann Ihnen nicht helfen. Vater spricht sehr leise.

Ich weiß. Herr Glück nickt zustimmend. Vaters Hilflosigkeit verletzt ihn nicht. Vater fügt noch einen schlimmen Satz hinzu:

Ich weiß gar nicht, warum ich noch gekommen bin.

Herr Glück richtet sich auf. Seine Augen werden groß und freundlich. Damit Sie mir nicht auch noch verloren gehen, sagt er.

Vater hat wohl mit einer solchen Antwort nicht gerechnet. Er legt überrascht die Hand auf die Brust und fordert mich auf, in den Garten zu gehen.«3

Später verabschieden sich die beiden Männer mit einer Umarmung. Befremdet und erstaunt steht der Sohn daneben. Er versteht erst viel später, was dort geschehen ist: Diesem Menschen, dem alles genommen wurde, soll es jetzt auch noch an sein Leben gehen. Er weiß es, und der Vater, sein Anwalt, weiß es auch. Er hat alles versucht, doch vergeblich. Nun kann er nichts mehr tun. Und trotzdem besucht er Herrn Glück. Der Anwalt mag machtlos sein. Der Mensch aber ist es nicht.

Herr Glück wird seine wenigen Habseligkeiten in einen Koffer packen. Er wird schon bald in einer Schlange stehen und auf den letzten Zug seines Lebens warten. Dieser Anwalt aber, der zu einem Menschen geworden ist, der seine Verzweiflung teilt und da ist bis zuletzt, er ist ihm nicht verloren gegangen.

Und darum nur geht es: dass wir bleiben, auch, wenn unsere Hände leer und wir selbst machtlos sind. Dass wir dem anderen, der alles verliert, am Rand des Lebens nicht auch noch verloren gehen. Dann scheint selbst in der tiefsten Finsternis ein Licht, von dem man sagen kann: Das wahre Licht scheint schon.

7. Januar

Lieben

Im Trotzdem wohnen,

dem zugigen Zelt.

Zerbrechlich die Wände.

Unverwundbar der Raum.

Sich wandelndes Zuhause

im Niemandsland.

8. Januar

Nach dem Abspann

Die Komplikationen beginnen nach dem Abspann. Filme sparen das oft aus. Aber im Leben geht das nicht.

Da fängt nach den schönsten Augenblicken irgendwann der Alltag wieder an.

Als sei nichts gewesen, drängt er sich in das Besondere und verdrängt es. Er stellt seine unabweisbaren Forderungen und zuweilen auch seine unbequemen Fragen und verlangt sein Recht.

Es ist Zeit, den nadelnden Tannenbaum abzuräumen, die Kugeln und Sterne zurückzupacken in Schachteln und Tüten.

Durchfegen und lüften. Nun ist der Platz im Wohnzimmer seltsam leer. Aber ich weiß: Schon nach einem Tag habe ich mich wieder daran gewöhnt.

Was tun, damit Weihnachten nicht auch eine Leerstelle in meinem Leben wird, an die ich mich schnell gewöhne? Wie kann ich etwas mitnehmen und in die Normalität retten vom Glanz dieser Zeit? Ich möchte so gerne das Herz offen und berührbar halten und nicht verhärten.

Ich nehme zwei Sterne wieder aus der Schachtel. Einen Stroh­stern lege ich mir auf den Schreibtisch.

Das Stroh: Es ist nach dem Dreschen auf der Tenne übrig geblieben, ein Rest. Hat auf der Erde gelegen. Ist aufgehoben worden. Ich stelle mir vor, dass es in der Krippe gelegen hat.

Dann hat jemand – vielleicht ein Hirtenkind – einen Stern daraus gemacht.

Der zweite ist aus Transparentpapier. Ich denke an den Stern, der über dem Stall stehen blieb.

In ihm leuchtete die Liebe Gottes, die uns leitet. Sie kann an jedem Tag als Licht in mein Leben fallen und hindurchschimmern durch mich.

Schließlich nehme ich den Engel, den jemand aus dünnem Papier eines Gesangbuchblattes gefaltet hat. Die Lieder der Advents- und Weihnachtszeit klingen nach.

Ein Engel kann mir begegnen und manchmal kann ich selbst einer sein.

Zwei Sterne und einen Engel rette ich in den Alltag. Der Staub des Alltäglichen wird sich über den Glanz des Besonderen legen.

Die Erinnerung wird ihn zuweilen beiseitewischen. Sie wird eine Brücke ins Heute schlagen:

Gott ist Mensch geworden und über die Erde gegangen. Er ist unterwegs mit uns. Auch nach dem Fest werde ich seine Spuren finden können in der Welt. Und ich werde selbst die ein oder andere legen können. Spuren des Friedens und der Liebe. Ein Jahr lang. Auch nach dem Abspann. Mitten im Alltag.

9. Januar

Deine neue Welt

Guter Gott,

öffne an jedem Morgen

mir die Augen neu,

nicht nur für das, was ist,

sondern auch für das,

was werden könnte.

Beflügele meine Fantasie

mit den Bildern

deiner neuen Welt,

und schenk mir Geduld und Geschick,

um sie einzuzeichnen

in die Straßen meiner Stadt.

10. Januar

Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand zuschließen kann. Offenbarung 3,8a

»Herzlich willkommen!«

Meine Freundin steht in der offenen Tür. »Komm rein, ich habe schon Kaffee gekocht«. Drinnen ist es warm und gemütlich, Blumen und Kuchen stehen auf dem Tisch, und der Kaffee duftet. So ein Empfang tut gut. Ich fühle mich angenommen und geborgen.

Ich habe auch schon vor verschlossenen Türen gestanden. Wenn ich schnell noch etwas einkaufen wollte, der Laden aber schon zu war. Wenn jemand nicht zu Hause war.

Im Laufe des Lebens bemerke ich, dass einige Türen sich für immer schließen und manche Chancen nicht mehr wiederkommen. Das ist bitter. Oft übersehe ich dann die Wege, die sich an anderer Stelle für mich auftun.

Und dann gibt es auch die Türen, die einmal offen waren, aber später zugeschlagen und fest verriegelt wurden. Am Anfang waren zwar der Wunsch und der Wille da, einander ein zu Hause zu geben. Doch irgendwann ließ das Verbindende nach, Worte und Gesten kamen nicht mehr an, die Herzenstüren wurden verschlossen.

Es ist ein großes Glück, wenn es uns Menschen gelingt, einander die Tür ein Leben lang offen zu halten. Wir können uns darum bemühen. Aber garantieren können wir es nicht.

Gott allein kann so ein Versprechen geben. Und er bindet es nicht an ein künftiges Verhalten. Auch, wenn ich mich verändere, seine Zusage bleibt: »Meine Tür ist und bleibt offen für dich! Niemand kann sie zuschließen.«

Das ist eine gute Grundlage für mein Leben: Ich bin willkommen in Gottes Wohnung. Seine Herzenstür steht mir offen. Bei ihm finde ich ein Zuhause, das bleibt.

11. Januar

Wintertag

Schwarzweiß

fällt der Tag

auf die Netzhaut.

Die Farben

verkriechen sich

unterm Laub

vom letzten Jahr.

Immergrün aber

überwintert

dein Wort,

raunt es in Fichten

und flüstert in Kiefern:

Das Leben siegt.

12. Januar

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Galater 6,2

Christus hat keine Hände

Meine Hände sind komplizierte Gebilde. Was sie alles können, merke ich, wenn sie nicht so funktionieren, wie sie sollen. Wenn sie verletzt sind oder steif vor Kälte.

Ich schaue sie in Ruhe an, meine Hände. Vier Finger, unterschiedlich lang. Knochen, Muskeln, Sehnen und Gelenke machen die Finger beweglich. Blutgefäße versorgen und wärmen sie, Nerven sorgen für ein feines Gespür, besonders in den Innenflächen und in den Fingerspitzen. Dann ist da noch der Daumen, der den Fingern gegenüberliegt. Durch diese sogenannte Daumenopposition sind wir Menschen besonders geschickt. Ja, es gibt sogar einen geschichtlichen Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Hand und der des Menschen.

Schaue ich meine Handflächen an, dann sehe ich feine Linien, die sie durchziehen. Auch die Spitzen von Fingern und Daumen sind von Linien gezeichnet. Mit ihnen kann man mich überall auf der Erde identifizieren. Kein Mensch unter acht Milliarden hat dieselben Fingerabdrücke wie ich.

Meine Hände ermöglichen mir, die Welt zu begreifen. Sie lassen mich handeln und helfen mir, mein Leben in die Hand zu nehmen. Kraftvoll zupacken, das kann ich mit meinen Händen. Ich kann tragen, ziehen und halten, ich kann aber auch schlagen, boxen, ja sogar prügeln. Meine Hände machen es mir ebenso möglich, fein und präzise zu arbeiten. Ich kann schreiben oder stricken, nähen oder Klavier spielen.

Mein Fingerspitzengefühl hilft mir, Dinge zu ertasten und zu erkunden: hartes Holz oder ein weiches Fell. Und mit meinen empfindsamen Handinnenflächen kann ich einem anderen Menschen über die Haut streichen und ihn sanft berühren.

Sicher, ich habe nicht alles in den Händen. Aber doch eine ganze Menge. So vieles machen meine Hände mir möglich. Wenn ich sie anschaue, freue ich mich über diese Wunderwerke und bin dankbar dafür. Mir fällt eine Gedichtzeile ein, die ich einmal gelesen habe und die ich mir zu Herzen nehmen will: Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.

13. Januar

Im Wir

Immer sind es andere,

unter deren Flügeln

der Aufwind der Liebe

noch trägt.

Sie heben dich

durch den Zweifel

und hegen die Hoffnung,

damit sie wächst.

Sie geleiten dich

durch Tränentage,

bis sich ein Weg

ins Leben öffnet.

Sie hüten dich

am Gefahrenrand,

damit dir Kräfte wachsen,

die ins Weite führen.

Und einmal gehörst du

zu den anderen,

unter deren Flügeln

die Liebe noch trägt.

14. Januar

Und dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes. 1. Petrus 4,10

Die Welt zum Klingen bringen4

Zwei Männer in einem Winterwald weit oben auf einem Berg.

Einen mühevollen Weg haben sie hinter sich; nun gehen sie an den Bäumen entlang und beklopfen sie mit der stumpfen Seite einer Axt. Sie lauschen den Tönen, die entstehen. Dann markieren sie den einen oder anderen Baum.

Was tun die beiden dort? Einer von ihnen, Martin Schleske, ist Geigenbauer, er ist auf der Suche nach sogenannten »Sängern« unter den Bäumen. Diese bringen besondere Töne hervor, wenn man sie mit der Axt beklopft. Und sie werden gutes Klangholz sein für seine Instrumente.

Später findet sich dieses Holz in der Werkstatt von Martin Schleske wieder. Der Baum-Sänger wird zu einer Geige werden, die im Konzertsaal mit ihrem Klang die Zuhörenden verzaubert.

Der Geigenbauer versteht seine Arbeit als eine schöpferische. Er unterscheidet sie von der Konstruktion, wo sich das Material dem Willen des Erbauenden fügen und darum möglichst perfekt und makellos sein muss.

In seiner Werkstatt ist es anders. Schleske arbeitet mit dem, was er vorfindet. Er bezieht die Eigenarten des Holzes in seine Arbeit mit ein: die Maserung, die Dicke der Jahresringe, Unregelmäßigkeiten im Wuchs.

Gerade das Nicht-Perfekte, die Eigenart ist unverzichtbar für den besonderen und somit auch perfekten Klang jedes einzelnen Instruments.

Indem er sich als Schöpfer begreift, klinkt Martin Schleske sich ein in das Selbstverständnis dessen, der die Welt ins Leben ruft. Auch für den Schöpfer der Welt – so erzählen es die ersten Seiten der Bibel – ist das Ausgangsmaterial keineswegs perfekt. Ein Tohuwabohu findet Gott vor, ein chaotisches, wüstes Durcheinander. Das Material für sein Vorhaben scheint alles andere als optimal zu sein.

Und es muss offensichtlich nicht perfekt sein. Denn Gott konstruiert nicht, sondern er erschafft und belebt.

Dafür braucht er kein ideales Ausgangsmaterial. Er arbeitet mit dem, was er vorfindet. Er entdeckt das Potential, das darin steckt. Die Eigenarten, die andere vielleicht als Makel empfinden würden, deutet er um und lässt sie einfließen in das, was entsteht.

Wie wäre es, sich selbst als Werk dieses Schöpfers zu begreifen? Wir, Sie und ich, sind angesehen, so wie wir sind, wir sind entstanden aus Gottes Vision. Unsere Eigenarten, das, was wir selbst oder auch andere als Makel empfinden könnten, interpretiert er als Besonderheit. So werden wir zu seinen Resonanzräumen, in denen sich seine Stimme entfaltet. Gemacht, um die Welt zum Klingen zu bringen.

Ja, Gott macht uns sogar zu seinen Mitschöpfer*innen. Er vertraut uns an, was er erschaffen hat. Wir können uns einklinken in seine Arbeitsweise. Nicht nur als Geigenbauer*innen. Sondern an dem Platz, an dem wir sind.

Eine sorgsame Wahrnehmung ist dafür gefragt. Ohren, die den Klang schon hören, der entstehen könnte. Augen, die die Schönheit des Eigenartigen sehen und sich faszinieren lassen von der Vielfalt des Lebendigen.

Als schöpferische Menschen werden wir die Welt nicht zurechtbiegen, sondern gestalten. Wir werden andere Menschen nicht in unsere Erwartungen hineinzwingen und verlangen, dass sie sich unseren Wünschen anpassen. Wir werden vielmehr das Potential entdecken, das im Vorfindlichen steckt, um dann hervorzuheben, wie einzigartig es ist.

Neugierig bleiben wie die beiden Männer auf dem Berg. Lauschen, entdecken, keine Mühe scheuen, Visionen entwickeln.

Die Geige wird den Konzertsaal füllen mit ihrer Musik. Wir werden Resonanzräume sein, die die Welt zum Klingen bringen. Gott wird lauschen und sich daran erfreuen.

15. Januar

Prägende Kraft

Ich wünsche dir,

dass der Tag vor dir liegt

wie ein schneebedecktes Feld,

das dich reizt,

es zu betreten.

Gott hat dich

einzigartig gemacht,

damit du einen

Abdruck seiner Liebe

in der Welt hinterlässt.

Er wirkt in dir,

durch dich,

über dich hinaus.

Geh im Vertrauen

auf seine prägende Kraft.

16. Januar

Geschenkte Zeit

Ein Arztbesuch, Vorsorge, jährliche Routine. Bisher war immer alles in Ordnung.

Aber diesmal ist es anders. Ein Befund ist auffällig und erfordert weitere Untersuchungen. Ich mache einen Termin bei einer Spezialistin aus. Zwischendrin sind zwei Tage Zeit.

In meinem Kopf spult ein Film ab. Was, wenn es etwas Schlimmes ist? Ich versuche, den Gedanken beiseitezuschieben und mich abzulenken. Aber das gelingt nicht immer.

Also probiere ich es anders. Ich gehe ein Stück spazieren und lasse den Film ablaufen. Ich schaue die Bilder an und höre dem, was mir durch den Kopf geht, zu.

Wie wäre es, nur noch eine begrenzte Zeit zur Verfügung zu haben? Was müsste passieren, damit ich mich gut von meinem Leben verabschieden kann?

Mir fallen Wünsche ein, die unerfüllt sind. Fragen, die offen sind. Beziehungen, in denen noch etwas zu klären ist.

In Gedanken schreibe ich Briefe an die Menschen, die ich liebe. Ich erzähle ihnen, was sie mir bedeuten. Ich erinnere mich an die Momente, die mir am wertvollsten waren.

Am Ende geht alles gut aus. Ich schicke ein Dankgebet zum Himmel. Danke für die Zeit, die mir geschenkt ist. Danke für jeden Tag.

Nein, das Leben geht nicht endlos immer so weiter. Und manchmal ist es gut, den Gedanken an die eigene Vergänglichkeit zuzulassen. Mir hat der Film in meinem Inneren gezeigt, was mir wichtig ist.

Ich nehme mir vor, die Dinge, die ausstehen, endlich anzugehen. Den einen oder anderen Traum möchte ich mir erfüllen und was geklärt werden sollte, will ich klären.

Ich schreibe mal wieder einen Brief an einen Menschen, der mir wichtig ist, und sage ihm, was er mir bedeutet.

Noch ist Zeit. Mir geschenkt, um mein Leben zu gestalten.

17. Januar

Offene Sinne

Guter Gott,

manchmal bist du ganz in der Nähe,

doch ich spüre dich nicht.

Manchmal gäbe es Gründe zur Freude,

doch ich sehe sie nicht.

Manchmal spricht eine stärkende Worte,

doch ich höre sie nicht.

Manchmal reicht mir einer die Hand,

doch ich nehme sie nicht.

Schenke mir offene Sinne für die Momente,

in denen der Himmel zur Erde kommt.

18. Januar

Ein unabweisbarer Ruf

Es gibt sie noch, die Klöster. Manche befinden sich inmitten einer Stadt, als sei diese um sie herum gewachsen. Andere abgelegen, hinter Hügeln in einem Tal, das man auf einer schmalen, kurvenreichen Straße durchfährt.

Dort wohnen Menschen, die sich dreimal, viermal, fünfmal am Tag vom Klang einer Glocke unterbrechen lassen. Sie legen beiseite, was sie in der Hand halten, und gehen mit eiligen Schritten in Richtung Kirche oder Kapelle, als folgten sie einem unabweisbaren Ruf.

Dann beten sie. Sie wenden sich an ein Wesen, das ungewiss ist, an eine Adresse, über die nicht wir verfügen.

In überkommene Worte und Gesänge klinken sie sich ein und verbinden so die Zeiten. Wenn die Hoffnung in die Vergangenheit reicht, warum sollte sie es nicht auch in die Zukunft können?

Sie beten auch mit ihren eigenen Worten: für einen Menschen, für die Stadt, für die Welt. Sie scheuen sich nicht, Bitte zu sagen. Sie scheuen sich nicht, Danke zu sagen.

Inmitten oder am Rande der Stadt richten sie beharrlich ihre Worte in Richtung Himmel.

Viele sind es nicht mehr. Manchmal frage ich mich, wie es sein wird, wenn einmal die Glocken schweigen und das Beten verstummt. Wird es Menschen geben, die es vermissen?

Ob es etwas verändert, das Bitten und Danken, lässt sich ja nicht sagen.

Immer noch sitzen Bettelnde in der Fußgängerzone. Wieder hat jemand in der Nacht ein Hakenkreuz ans Rathaus geschmiert. Und heute las ich, das Frauenhaus sei überfüllt.

Sie aber beten unbeirrt weiter. Als bräuchte es Menschen, die Gott nicht verlassen.

Gelegentlich möchte ich einfach hingehen und hineinsinken in ihre Gesänge und Worte. Möchte mich trösten lassen von ihrem Vertrauen.

Und später zweifelnd nach Hause zurückkehren.

Dieselbe und doch eine andere als vorher.

19. Januar

Metapher

Mag sein, dass

der Himmel

eine Metapher ist,

von mitfühlenden Menschen

erdacht.

Damit die Sehnsucht

erträglich wird,

der Boden

unter den Füßen

fester

und jeder Mensch

sein Spiegelbild

bejahen kann,

als sei er

gewollt, geliebt.

Damit Bomben

nicht ewig den

Himmel zerreißen

und Kinder,

vor allem die Kinder,

essen, spielen, lachen dürfen

und leben.

Damit Albträume

sich wandeln

in Sonnenlicht,

das Menschen

eine Hoffnung

ins Gesicht

und Rosen

in die steinernen Herzen

pflanzt.

Mag sein, dass

der Himmel

eine Metapher ist.

Und ich

zu Erde werde,

unwissend,

dass er

ein Traumbild war,

und meine Worte,

die gut gemeinten,

vergeblich.

Er aber singt noch

über den Gräbern

ein Lied

und schreibt

in die Trauerumrandeten

ein Gedicht.

20. Januar

Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Exodus 20,8

Die Satzzeichen des Lebens

Gott hat in den Menschen eingebaut, dass er Pausen machen muss. Jede und jeder von uns muss schlafen. Niemand kann ohne Punkt und Komma arbeiten, ohne schlecht gelaunt oder gar krank zu werden. Pausen sind die Satzzeichen des Lebens. Sie helfen, es zu gliedern, zu gestalten und seinen Sinn zu verstehen

Mich macht es nachdenklich, dass diese Pausenzeichen zunehmend abgeschafft werden.

Dass in Krankenhäusern rund um die Uhr jemand dienstbereit sein muss, leuchtet mir ein. Und ich kann den Bauern verstehen, der seine Ernte am Sonntag bei Sonnenschein einfährt, weil für die kommende Woche Regen angesagt ist.

Aber: auch sonntagmorgens frische Brötchen und anschließend in die Stadt zum Shopping? Das mag für den Handel gut sein. Für den Menschen nicht unbedingt. Für die auf der anderen Seite des Tresens bedeutet es zum Beispiel, weniger Zeit für sich und die Familie zu haben. Termine mit Freund*innen lange im Voraus zu planen. Zu wenig zu schlafen und sich schnell erschöpft zu fühlen.

Ich selbst kann mir weitaus schönere und erholsamere Dinge vorstellen, als auch am Sonntag noch einkaufen zu gehen.

Ich denke an einen Sonntagsausflug in den Harz. Während wir Erwachsenen unsere Gesichter in die Sonne hielten, spielten die Kinder selbstvergessen im Bach. Ein kleines Mädchen sprach mir aus dem Herzen, als es hinterher um uns herum sprang und sagte: »Ich bin so glücklich, dass es so etwas Schönes gibt.«

Ich bin sicher: Deshalb hat Gott Pausen in uns eingearbeitet und uns gesagt: »Du sollst den Feiertag heiligen«: Damit wir Sonnenschein auf der Haut spüren und die Füße in einen plätschernden Bach halten können. Damit wir mit anderen Menschen zusammen sein können und Gottes Liebe wahrnehmen.

Diese altmodisch klingende Gebot ist eine große Erlaubnis: Du darfst Kommas und Punkte in Dein Leben setzen. Gott gönnt Dir, dass Du Dich ausruhst und innehältst, dass Du Menschen triffst, die du liebst und Dein Leben genießt.

21. Januar

Anders gesagt: Gottesdienst

Gottesdienst: Gott dient den Menschen.

Sie werden schön, weil ihnen seine Liebe begegnet.

Das Segenslicht seines Antlitzes liegt auf ihren Gesichtern.

In ihnen summt langlebig ein Lied.

Sie gehen aufrechter als vorher.

Auf ihrer Zunge liegt ein freundliches Wort.

Himmlischer Frieden pocht als Herzschlag in ihnen.

Gottes Treue tragen sie durch die Kirchentüren hinaus in ihre Stadt.

22. Januar

Das Leben in fünf Sekunden5

Das Leben in fünf Sekunden: So heißt ein Büchlein, das mich neugierig macht. Tatsächlich, dort sind auf jeder Seite einige wenige Piktogramme zu sehen, kleine, vereinfachte Bildzeichen, anhand derer man etwas erraten muss. Einen Begriff, ein Ereignis, einen Gegenstand, eine Person.

Zwei Männer, die eine Sänfte tragen – Ein Mann, der eine Rikscha zieht – Ein Pferd, das vor eine Kutsche gespannt ist – Ein Auto mit einem kleinen Schild auf dem Dach. Gesucht wird das Taxi.

Oder: der Eiffelturm – ein Sonnenblumenstrauß – ein Ohr – eine Pistole. Gesucht wird Vincent van Gogh.

Das Raten macht Spaß und ist lustig. Tatsächlich sind eine lange Entwicklung oder ein ganzes Leben anhand weniger Bilder erkennbar. Natürlich ist das meiste weggelassen, ein Leben besteht aus viel mehr. Und doch gibt es diese Momente oder Eigenschaften, durch die eine Epoche oder ein Leben einzigartig werden.

Ich überlege: Welche Piktogramme würden wohl für mich selber stehen? Was macht mich und mein Leben aus, ja, wodurch wird es erkennbar und unverwechselbar?

Und: Welche Bilder wünsche ich mir? Was sollen die Wesenszüge meines Daseins sein?

Das lustige Ratespiel enthält doch ernste Fragen. Wie will ich mein Leben gestalten, um Bilder hervorzubringen, die ich schön finde?

Mein Herz auszurichten auf die Liebe, die Gott selbst ist. Das wünsche ich mir. Damit ihre Icons über meinem Leben stehen und es unverwechselbar machen.

23. Januar

Rollenspiel

Lebendiger Gott,

ich spiele so viele Rollen

und weiß doch manchmal nicht,

wer ich bin.

Ich trage so oft eine Maske

und verberge dahinter

voller Angst mein Gesicht.

Sieh mich an,

im Licht deiner Liebe

werde ich schön.

So, wie ich bin.

24. Januar

Einander verstehen

Eigentlich ist es unmöglich, dass Menschen einander verstehen können. Nicht nur, wenn sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Die babylonische Sprachverwirrung macht nicht an Landesgrenzen halt.

Im Grunde spricht jeder Mensch seine eigene Sprache. Schon beim Wort »Tisch« stellt sich der eine etwas anderes vor als die andere.

Entsteht ein Missverständnis zwischen zwei Menschen, so benötigen sie wiederum Worte, um es zu klären. Auch diese können missverständlich sein, weil beide Unterschiedliches damit verbinden.

Beim Wort »Tisch« mag es einfach sein, zu klären, was ich damit genau meine. Komplizierter wird es bei abstrakteren, komplexen Begriffen.

Einander verstehen: Ein schwieriges Unterfangen. Jeder Mensch – so könnte man meinen – ist allein in seinem Univer­sum. Schnittmengen: kaum vorhanden. Berührungspunkte: allenfalls tangential.

Und doch geschieht es: Menschen verstehen einander. Mitten in einem Gespräch führt ein Wort eine Wende herbei. Oder es öffnet sich jenseits aller Worte ein Raum, in dem zwei Menschen einander in einem neuen Licht sehen und sich anders als vorher begegnen.

Gelegentlich geschieht das Verstehen auch mittelbar. Ich lese ein Gedicht und nicke: Genauso habe ich es auch erlebt. Als habe jemand für mich die richtigen Worte gefunden und sie aufgeschrieben.

Ich höre ein Musikstück: Es tröstet oder belebt mich, es trifft meine Stimmung oder mein Lebensgefühl. Als habe es in mir etwas zum Klingen gebracht und Resonanzen erzeugt. Nun höre ich mich selbst anders, ganz neu.

Tiefgehend und beglückend sind solche Momente. Oft erinnere ich mich noch Jahre später daran.

25. Januar

Engelszungen

Gott, lehre mich die Kunst des sorgsamen Sprechens.

Wo zu viele Worte gemacht werden, gib mir den Mut zu schweigen.

Wo aber das Schweigen lähmend wird, schenk mir das eine, lösende Wort.

Wenn meine Rede hart werden will, dann verwandle sie. Lass Silben und Sätze auf dem Weg zu den Lippen etwas sanftmütiger werden als ich es bin.

Du weißt, dass ich manchmal zum Zynismus neige. Nimm meinem Unterton seine Schärfe und ersetze sie durch Freundlichkeit. Schenk meiner Stimme eine Wärme, die mich selbst überrascht.

Wenn meine Worte verletzend sind, so verlangsame sie, bis sie stillstehen.

Doch lass sie hurtig über die Lippen gehen, wenn es gilt, andere zu loben.

Gott, wo du bist, sind auch die Engelszungen nicht weit.

Misch dich ein, in und unter das, was ich sage.

26. Januar

Hindurchhoffen

Ich wünsche dir Menschen,

die bleiben, wenn du

durch schwere Zeiten musst.

Freundinnen,

die Zweifel erlauben,

Anklagen aushalten,

Schreie ertragen.

Gefährten,

die dich begleiten,

halten und

hindurchhoffen

durchs dunkle Tal.

Ich wünsche dir,

dass du selbst

zu einem Menschen wirst,

der bleibt, erträgt, hält

und hindurchhofft.

27. Januar (Befreiung Auschwitz)

Ohne Flügel

Mitten im Zweiten Weltkrieg versteckt die Familie Hubermann einen Juden in ihrem Keller: Max.

Das ist gefährlich. Alle aus der Familie müssen nun sorgsam auf das achten, was sie sagen, sobald sie mit anderen Menschen sprechen. So auch Liesel, ein Mädchen von dreizehn Jahren, das selbst erst einige Jahre zuvor zu Rosa und Hans Hubermann gekommen ist.

Sie und Max freunden sich an und helfen einander durch ihre Albträume und ihre Ängste.

Am Weihnachtsabend beschenkt Liesel den im Keller Versteckten, der nie nach draußen darf, mit Schnee. Übermütig veranstalten sie eine kleine Schneeballschlacht und bauen gemeinsam einen Schneemann.

Wenig später wird Max krank. Eines Abends fällt er in der abgedunkelten Wohnung der Familie beinahe in Ohnmacht. Rosa Hubermann steckt ihn in Liesels Bett. Dort bleibt er liegen, tagelang, wochenlang. Er schläft und schläft und wacht kaum einmal auf.

Liesel hört die heimlichen Gespräche der Eltern: wie sie sich fragen, was man denn nur tun solle, wenn Max stürbe. Und sie wird todtraurig darüber.

Wieder und wieder besucht sie Max. »Wach auf!«, beschwört sie ihn.

Sie liest ihm vor. An ihrem Geburtstag verspricht sie ihm einen riesengroßen Kuchen statt der üblichen dünnen Suppe.

Doch es tut sich nichts. Max schläft weiter, schläft seinen langen Schlaf im Niemandsland zwischen Leben und Tod.

Eines Tages bringt Liesel ihm ein Geschenk ans Bett: einen plattgewalzten Ball. Sie werde ihm die Geschichte dazu erzählen, sagt sie, wenn er nur endlich aufwache.

Jeden Tag hält sie nun Ausschau nach etwas, das sie ihm geben kann, kleine Geschenke, die ihn dazu bewegen könnten, ins Leben zurückzukehren. Eine Feder bringt sie ihm, zwei Zeitungen legt sie an sein Bett.

Wie aber schenkt man jemandem ein Stück Himmel? Sorgsam wählt Liesel die Worte aus für eine Wolke, die sie ihm überreichen will. Als es endlich die richtigen sind, schreibt sie sie auf.

Aber Max wacht nicht auf. 13 lange Tage und Nächte lang wacht er nicht auf.

Und dann geschieht es doch.

Hören wir dem Tod zu, den Markus Zusak in seinem Buch »Die Bücherdiebin« zum Erzähler macht, wie er berichtet über den Augenblick, in dem er Max abholen will:

»Es muss in einem der wenigen Momente gewesen sein, als das Mädchen nicht bei ihm war, denn alles, was ich sah, war ein Mann in einem Bett. Ich kniete nieder. Ich machte mich bereit, meine Hände in die Decken einzutauchen. Dann spürte ich ein starkes Wiederaufleben – einen kraftvollen Kampf gegen mein Gewicht. Ich zog mich zurück.«6

Was hat dieses Wiederaufleben, diese starke Kraft ausgelöst? Wir erfahren es nicht direkt. Aber uns wird erzählt von dem Mädchen Liesel.

Dieses Mädchen hat keine Flügel und ist doch ein Engel. Sie ängstigt und sorgt sich um einen Menschen, dem andere nach dem Leben trachten. Als sie nichts für ihn tun kann, tut sie doch etwas für ihn. Sie besucht ihn und wählt sorgsam ihre kleinen Geschenke aus.

Ob das alles etwas bewirkt? Man weiß es nicht. Aber es könnte doch möglich sein, dass die Angst und die Liebe dieses Mädchens den Mann am äußersten Rande des Daseins zurücklocken ins Leben.

28. Januar

Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. Markus 4,39

Sturmstillung

Noch eine Stunde, bevor sein Zug abfährt. Er war nur für zwei Tage in der Stadt, auf Dienstreise. Nun schlendert er durch die Fußgängerzone. Was tun mit diesem Stückchen geschenkter Zeit? Sich in ein Café setzen? Er hat weder Hunger noch Durst.

Stattdessen sieht er sich lieber die Kirche an, die am Marktplatz steht. Er öffnet die schwere Tür. Still und kühl ist es hier. An einem Tisch sitzt eine Frau und nickt ihm zu.

Er nickt zurück und geht langsam den langen Gang entlang nach vorne. Dann setzt er sich in eine der Bänke und schaut sich um. Der Altar ist mit einem Strauß Blumen geschmückt. Licht fällt bunt durch die Kirchenfenster auf den Steinboden. Auf einem von ihnen erkennt er die Geschichte von Jesus, der den Sturm auf dem See Genezareth stillt.

Seine Großmutter hat ihn früher oft mit in die Kirche genommen. Sie war ein erstaunliches Persönchen. Klein und zierlich, aber auch zäh. Sie hat es im Leben nicht leicht gehabt. Ihr Mann war gefallen. So musste sie allein mit ihren drei kleinen Kindern aus Ostpreußen fliehen. Und hier allein noch einmal von vorne anfangen. Ihr Leben war auch ziemlich stürmisch, denkt er.

Er sieht sie vor sich, wie sie sonntags ihren Hut aufsetzte, um in den Gottesdienst zu gehen. »Ich brauche das«, sagte sie. »Da komme ich zur Ruhe, all die Gedanken und Sorgen kann ich da abladen.« Es war, als wären dort die Stürme in ihr gestillt worden, denkt er.

Sein eigenes Leben geht ihm durch den Kopf. Viel Hektik, sein Beruf strengt ihn an, er muss oft reisen, ist mal hier, mal dort. Manchmal weiß er kaum, wo ihm der Kopf steht. Seine Familie kommt viel zu kurz.

Wie gut ist es, einfach eine Weile hier in der Bank zu sitzen. Es ist tatsächlich so, als würden sich auch in ihm einige Wogen glätten. Ob Gott seine Gedanken gehört hat? Vielleicht ist es ja so.

Er steht auf und geht nach vorne. Dort zündet er eine Kerze an.

Bevor er sich auf den Weg zum Bahnhof macht, kauft er bei der Frau am Eingang noch eine Postkarte von dem Fenster mit der Sturmstillung. Die wird er sich zu Hause über den Schreibtisch hängen.

29. Januar

Mitten im Sturm

Mitten im Sturm

trau ich den Worten

nicht mehr,

schüttelt in Wellen

die Angst mich durch

und ich gehe

in Zweifeln fast unter.

Mitten im Sturm

halt ich mich fest

am Hoffnungslicht,

such in der Ferne

ein Ufer

und sehne mich

nach einer Stimme,

die spricht:

Ich bin bei dir,

mitten im Sturm.

30. Januar

Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder. Sprüche 16,24

Die Ananas und die Zeit

Samstagmorgen im Supermarkt. Ich brauche nur eine frische Ananas für den Obstsalat. Das müsste doch zügig gehen. Ananas ausgesucht und zur Schnellkasse, wo pro Person nur zehn Teile auf das Band dürfen. Aber ach: Dort stehen schon sieben Menschen. Na gut, ich schaue, was an den anderen Kassen los ist. Ich stelle mich dort an, wo die Schlange am kürzesten ist. Nur zwei Leute außer mir. Doch dann sehe ich, dass der Mann direkt vor mir seinen Einkaufswagen bis an den Rand vollgepackt hat. Trotzdem: Noch einmal an eine andere Kasse zu wechseln, hat wenig Sinn, überall stehen Schlangen.

Der Mann legt ein Teil nach dem anderen aufs Laufband, den Blick nach vorn gerichtet. Ich seufze innerlich. »Wenn jemand mit nur einem Artikel hinter mir steht, lasse ich ihn meistens vor«, denke ich. Aber er sieht mich ja gar nicht. Also heißt es wohl: geduldig sein.

Die Kassiererin gibt eben dem Kunden vor dem Mann das Wechselgeld, da wendet er sich an mich und fragt: »Möchten Sie vorgehen mit Ihrer Ananas?« Verblüfft antworte ich: »Ja, gerne!«, drängele mich an ihm vorbei und halte der Kassiererin die Ananas hin. »Danke«, sage ich an den Mann gewandt, »und Ihnen ein schönes Wochenende.« Auf dem Weg nach Hause freue ich mich. »Das war knapp«, denke ich. »Aber er hat mich doch noch gesehen. Und nicht nur mich, auch meine Ananas.«

Wie schön, solch ein Moment am Morgen. Den Mann hat es nur einige Augenblicke seiner Zeit gekostet. Das Lächeln in mir aber geht lange mit.

31. Januar

Himmelsspuren

Immer wieder

sich aufmachen,

auch an kühlen Tagen

Himmelsspuren suchen.

Gefrorene Hoffnung aufwärmen,

schneebedeckte Sehnsucht freilegen

und sich offenhalten

für den Engel am Weg.

1. Februar

Narr sein

Ich wünsche dir den Mut,

dich hin und wieder

zum Narren zu machen

und laut zu lachen über dich selbst.

Ich wünsche dir Freude daran,

das aufzusuchen,

was in dir versteckt ist,

ihm Kleider anzulegen

und es nach außen zu kehren.

Vielleicht entdeckst du

verborgene Seiten,

die gelebt werden wollen

und dürfen:

Zu denen Gott selbst

längst »Ja« gesagt hat

und die auch du dir

nicht zu verweigern brauchst.

2. Februar (Mariä Lichtmess)

Über allem: die Liebe

Ob auch die im Nicht-Glauben so Sicheren gelegentlich ins Zweifeln geraten? Jene, die so felsenfest überzeugt sind davon, dass es weder einen Gott noch einen Himmel geben kann?

Ob sie ins Zweifeln geraten, etwa, wenn ein Kind geboren wird und sie vor dem stehen, was man ein Wunder nennen könnte?

Oder wenn sie in einem Unglück bewahrt werden und das erleben, was man den Anflug eines Schutzengels nennen könnte?

Nicht, dass ich jemanden bekehren oder ihm ein triumphierendes »Siehst du!« entgegenhalten möchte.

Mir scheint nur, dass Zweifel an der eigenen Ansicht einen Menschen warmherziger und einfühlsamer machen gegenüber denen, die anders denken als er selbst.

Jeder Absolutheitsanspruch hingegen wirkt sich schädlich aus; sowohl der der allzu überzeugten Gläubigen als auch jener der allzu sicheren Nicht-Gläubigen. Er verhärtet diejenigen, die ihn vertreten. Er macht intolerant, verbissen und oft genug auch militant. Er richtet Grenzen auf, statt sie abzubauen und bringt manchmal sogar Hass und Gewalt in die Welt.

Und darum fände ich es zu begrüßen, wenn Glaubende gelegentlich ins Zweifeln und Zweifelnde gelegentlich ins Glauben kommen.

Dass die Deutung der Wirklichkeit auf vielfältige Weise möglich ist, darüber wünsche ich mir eine Übereinstimmung. Dass Skepsis zu würdigen ist und Entwicklung zu begrüßen.

Und eine Ökumene all jener Menschen, denen die Liebe das größte Gebot ist und Solidarität die daraus folgende unablässige Konsequenz.

3. Februar

Geheiligt werde

Sie nennen nie

seinen Namen.

Sie legen ihr Augenmerk

auf unscheinbare Wesen

am Rande.

Sie versperren engen Stirnen

beharrlich den Weg

und weisen mit Worten

ins Weite.

Sie gewähren

abgewiesener Hoffnung

ein Bleiberecht

und schreiben Briefe

gegen den Tod.

Nie nennen sie

seinen Namen.

Sie sagen: Zukunft.

Oder: Kinder.

Sagen: Evolution.

Oder: eine Welt.

4. Februar

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Genesis 1,27

Ebenbild sein

Manchmal, wenn ich durch die Stadt gehe, dann wundere ich mich darüber, wie viele Menschen ich nicht kenne. Was mag sie beschäftigen? Wie leben sie? Es sind vielleicht ein paar Hundert, die an mir vorbeigehen. Dicke, Dünne, Große, Kleine. Ein winziger Bruchteil gemessen an den 7,7 Milliarden Menschen, die auf der Erde leben. Und keiner ist genau wie der oder die andere.

Ob Gott die Welt und uns Menschen erschaffen hat, ist heutzutage umstritten. Es ist ja auch nicht zu beweisen, eine Glaubenssache. Für mich widerspricht dieser Glaube wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht. Ich merke aber, wie es meinen Blick weitet und bereichert, wenn ich davon ausgehe, dass jeder Mensch zum Bilde Gottes geschaffen ist, als sein Ebenbild:

Ich gerate ins Staunen über Gottes schöpferische Kraft und seine Freude an der Vielfalt, über seine Fantasie und seine Liebe zum Leben.

Ich sehe die andere Person mit Gottes Augen. Auch wenn sie mir fremd ist, Gott hat sie zu seinem Ebenbild geschaffen. Ich will sie respektieren und achten.

Und auch auf mich selbst schaue ich neu: Gottes Ebenbild zu sein, das bedeutet:

Gott lässt mich teilhaben an seiner schöpferischen Kraft und seiner Fantasie. Ich kann aussäen und pflanzen, kann etwas aufbauen und die Welt um mich herum gestalten.

Ich bin geschaffen zu Gottes Bild. Welch eine Auszeichnung! Welch eine Verantwortung! Ich freue mich darüber. Und ich frage mich: Was kann ich dazu beitragen, um die Schöpfung zu schützen, andere Menschen zu stärken und das Leben zu bewahren?

5. Februar

Überraschung

Lass dich gelegentlich

von dir selbst überraschen.

Da ist manches,

was in dir ruht,

unscheinbar und verborgen

wie ein Schmetterling

in seiner Puppe.

Wenn die Zeit reif ist,

lass es frei, halt es

zum Trocknen in Gottes Liebe,

bis es schillernd und leicht

in die Welt fliegt.

Und dich selbst

ins Staunen bringt.

6. Februar

Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege. Exodus 23,20a

Unter die Fittiche

Abends sprachen wir über Engel.

Wie sie den Menschen im Alltag begegneten. Bot*innen Gottes im Menschengewand. Mit einem Gesicht wie wir es haben: du und ich.

Flügel hatten sie keine. Nur ein Wort Gottes, das eine Wendung brachte. Oft wurden sie erst im Weggehen erkannt.

Einen Tag später ein Kaffeetrinken. Viele Menschen in einem Raum, Kinder wuseln um uns herum. Kuchen mit grünem Tortenguss liegt auf meinem Teller. Zwischen zwei Bissen sagt eine: Kais Vater ist tot.

Sechs Jahre alt ist Kai. Hat zwei große Brüder. Und eine Familie mit rauem Umgangston.

Wieder zwei Tage später bin ich in einer Kirche. Hölzerne Engel sind ausgestellt. Dazu Bilder, von Kindern gemalt. Ich gehe durch den Raum. Wundere mich, warum all diese Engel Flügel haben. Ich dachte, Bot*innen Gottes bräuchten die nicht.

Bis ich den einen sehe. Den hat ein Mädchen gemalt. Klein von Gestalt ist er, doch mit riesigen Flügeln, die einen Raum voller Geborgenheit öffnen.

Ja, denke ich, recht hat das Mädchen, manche Engel brauchen die Flügel wohl doch.

Gott, schick einen für Kai, einen oder zwei oder alle, die übrig sind. Damit ihn einer unter die Fittiche nimmt und ihn behütet auf seinem Weg.

7. Februar

Hoffnungslied

Horch doch,

wie auch die dunklen Tage

in sanften Tönen

von Hoffnung singen.

Filigran wie die Bäume

vor dem Winterhimmel

und licht wie die Tropfen

an ihren Ästen

klingt für den,

der es hören kann,

ihr Lied.

8. Februar

Raus aus den Schulden

»Raus aus den Schulden« so heißt eine Sendung, die ich mir vor vielen Jahren einmal angeschaut habe.

Ein Berater half einer Familie, die bis zum Hals verschuldet war. Er sortierte Berge von Mahnungen und erstellte eine Liste der Gläubiger*innen. Er führte komplizierte Verhandlungen, damit ein Teil des Geldes erlassen wurde. Als das gelungen war, sah man den Betroffenen an, wie erleichtert sie waren. Nun konnten sie wieder aufrecht in ihre Zukunft gehen.

Nicht nur Geldschuld wiegt schwer. Auch andere Schuld, die ich auf mich lade, drückt mich nieder: Ich habe einen Menschen mit Worten oder Taten verletzt. Ich habe Vertrauen verspielt. Ich habe mein Kind lieblos behandelt oder meinen Partner links liegen lassen.

Dann mag ich mich selbst nicht mehr anschauen. Ich werde innerlich ganz klein. Ja, manchmal kann man sogar krank daran werden.

In solchen Momenten merke ich: Ich habe nicht nur dem oder der anderen weh getan, sondern auch mir. Und ich habe Gott verletzt, dessen Wesen die Liebe ist. Wie lang mag die Liste sein, in der er mir meine Schuld vor Augen führen könnte?

Am liebsten würde ich das, was ich getan habe, ausradieren aus meinem Leben. Aber das kann ich nicht.

Gott selber sagt: »Raus aus den Schulden« und kommt mir entgegen. Er streicht den Schuldschein durch und hebt die Forderungen auf. Alle. Ohne Mahnungen. Ohne Verhandlungen. Ohne Restschuld. Gott baut mir eine Brücke aus Liebe, die ich frei und aufrecht betreten kann. Sie öffnet neue Wege: Zu ihm, zu anderen und zu mir selbst.

9. Februar

Das ganze Bild

Dass auch die dunklen Wege

nicht in den Abgrund führen

und einer an meiner Seite geht,

auch wenn ich ihn kaum noch spüre.

Dass alle Tränen gesammelt werden

und ins Wasser des Lebens fließen,

dass Trauerzeiten zu Ende gehen

und sich mein Mund neu mit Lachen füllt.

Dass selbst ein steinernes Herz

sich erweichen lässt

und eine Tür ins Freie führt,

wo der Himmel sich weitet.

Dass manches, was vergeblich erscheint,

mich doch wachsen lässt

und mich zu dem Menschen macht,

als der ich gedacht bin.

Dass ich am Ende,

das ganze Bild sehe

und eine Stimme höre,

die sagt: Es ist gut!

10. Februar

Er (Jesus) antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. Lukas 19,40

Was gesagt werden muss

Ein steinerner Glockenturm, fest steht er da. Ja, stabil muss er sein, wenn die tonnenschweren Glocken ganz oben zu schwingen beginnen. Wenn sie, getragen von ihm, zum Gottesdienst rufen. Oder mit weit vernehmbarer Stimme einladen, innezuhalten für ein kurzes Gebet. Am Morgen, am Mittag, am Abend.

An diesem Morgen sieht der Glockenturm etwas anders aus als sonst.

In der Nacht, während die Glocken schwiegen, ist jemand mit einer Farbdose gekommen.

»Gott ist tot. Amen«, hat er mit weißer Farbe in großen Buchstaben auf die Steine gesprüht.

Eine Gegenrede, die offensichtlich gesagt werden musste. Nun hat einer sie den Steinen in den Mund gelegt. Und sie schreien sie dem, der vorbei geht, entgegen.

In unserem Land steht jedem Menschen frei, zu glauben oder auch nicht. Viele sprechen höchstens im privaten Rahmen darüber, wie sie es mit der Religion halten. Nur wenige regen sich darüber auf, dass jemand glaubt, oder es eben nicht tut.

Hier aber macht jemand seine Meinung öffentlich. Gott ist tot. Amen. Warum musste das gesagt werden, was schwingt wohl mit, in diesem stummen und doch so deutlichen Schrei?

Ist der Mensch, der ihn auf die Steine gesprüht hat, verzweifelt? Vielleicht hat er etwas durchgemacht, was er nicht mit Gott in Verbindung bringen kann. Warum lässt Gott das zu?

Ist er zornig über etwas, was er mit der Kirche erlebt hat? Ist er wütend auf jene, die sie repräsentieren? Oder will er einfach nur provozieren?

Und warum hat der Graffitikünstler ein »Amen« hinter sein Statement gesetzt, den typischen Schluss für ein Gebet?

Es klingt ja nun fast, als wende er sich an genau die Adresse, die er soeben als nicht existent erklärt hat.

Ähnlich wie ein Brief, in dem ich eine Beziehung aufkündige und meine Gesprächsbereitschaft abziehe: »Für mich bist du gestorben!«

Oft stehen tatsächlich Verletzung, Wut oder Verzweiflung hinter solch einem Satz.

Und wer weiß: Vielleicht gibt es noch einen Funken Hoffnung, dass ich eine Antwort bekomme. Dass mein Gegenüber das Schweigen bricht und Wege findet, die eine Begegnung möglich machen.

Gott ist tot. Amen.

Was genau der Künstler genau mit diesen Worten gemeint hat, weiß nur er selbst.

Ich merke, wie seine Worte in Bewegung geraten, je länger ich mich mit ihnen beschäftige. Als ließe sich zwischen und unter den weißen Buchstaben noch etwas lesen, was ungesagt ist. Als gäben die Steine, Farbe, Turm und Glocken etwas hinzu, das über die Worte hinausgeht.

Ich lese diesen Spruch als ein fast säkulares Gebet an einen Gott, der gestorben ist. Und denke mir: Ja, er ist ja tatsächlich gestorben, der Gott, an den ich glaube.

Die Farbe Weiß aber, die der Künstler verwendet hat: Für mich ist sie die Farbe der Auferstehung.

11. Februar

Geduldig

Geduldiger Gott,

deine Treue übersteht meine Fragen

und überdauert meine Zweifel.

Über die Zeiten, in denen ich

dir gegenüber gleichgültig bin,

trägt mich deine Liebe hinweg.

Wenn ich mich von dir entferne,

so hütest du doch die Hoffnung,

dass ich zurückkehre zu dir.

Ja, selbst wenn ich

bestreite, dich je gekannt zu haben,

wartest du noch auf mich.

12. Februar

Sich selbst großer Bruder (oder große Schwester) sein

»Bist du dein großer Bruder?« An Demenz erkrankte Menschen stellen erstaunliche Fragen.

Rut Brandt, die zweite Ehefrau des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt, richtet diese Worte an ihren jüngsten Sohn Matthias. (Rut Brandt verstarb 2006, Matthias Brandt ist heute ein bekannter Schauspieler.)

Die alte Frau sieht einen Mann, der eben das Zimmer betreten hat. Er kommt ihr bekannt vor. Sie blättert in ihrer Erinnerung, Bilder tauchen auf, sie schieben sich ineinander, überlappen sich. Doch der Zusammenhang stellt sich nicht her. Irritiert schaut sie den Mann an: Ja, doch, ich kenne ihn. Er hat Ähnlichkeit mit einem Kind, das mir nah war. Meinem Kind. Aber er sieht doch auch so anders aus.

»Bist du dein großer Bruder?«, fragt sie.

Ich stelle mir vor, dass der erwachsene Sohn seine Mutter verblüfft ansieht. Was soll er darauf antworten? Er muss lachen über diese seltsam absurde und doch auch kluge Frage.

Wie aber ließe sich diese Frage beantworten? Zunächst ist man wohl geneigt, »Nein« zu sagen. Ich bin nur eine Person, nicht zwei. Wie kann ich ich selbst sein und zugleich mein großer Bruder? Das wäre absurd. Die Zeit hat mich verändert. Ich bin nicht mehr, der oder die ich damals war.

Aber auch diese Antwort ist nicht ganz richtig. Denn natürlich bin ich kein ganz anderer Mensch als der, der ich vor zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren war. Ich bin noch, der oder die ich als Kind war, und bin es zugleich nicht mehr. Ich bin im Grunde beides: dieselbe Person wie damals und doch eine andere als zuvor.

Das Kind, das ich war, steckt immer noch in mir. Ohne es wäre ich nicht der Mensch geworden, der ich heute bin.

Immer wieder einmal meldet sich dieses Kind zu Wort. Im Übermut, aber auch in seiner Ängstlichkeit oder Traurigkeit. Was ich in der Kindheit erlebt habe, ist prägend und geht zeitlebens mit mir mit.

Welche Verbindung besteht zwischen mir, dem oder der Erwachsenen, und dem Kind, das ich war? Und wer bin ich heute für dieses Kind? Lässt sich das als Beziehung denken?

Dann gäbe es vielleicht tatsächlich die Möglichkeit, mich als sein großer Bruder oder seine große Schwester zu begreifen.

»Bist du dein großer Bruder?« Wie wäre es, diese Frage mit Ja zu beantworten? Ja, ich bin für das Kind in mir wie ein großer Bruder oder eine große Schwester.

Ich nehme es wahr. Und ich behüte es. Ich versuche, mir seinen Übermut hin und wieder zu eigen zu machen. Ich würdige seine Neugier und bestärke es darin. Ich versuche, die Welt mit seinen Augen zu entdecken und zu bestaunen. Ich nehme es in den Arm, wenn es Angst hat und tröste es, wenn es traurig ist.

Was würde es wohl in der demenzkranken Frau auslösen, wenn der Sohn Ja sagte auf ihre Frage. Ich stelle mir vor, dass es ihre Irritation auflösen und sie beruhigen könnte. Sie hat den Zusammenhang zwischen den beiden aus der Vergangenheit und der Gegenwart richtig erspürt.

Und sie kann sicher sein, dass ihr Kind bei seinem großen Bruder gut aufgehoben ist.

13. Februar

Stillstand

Es gibt Zeiten, da geht nichts voran.

Vor dem Fenster ist Winter.

Alles, was neu ist, erscheint dir zu groß,

um es zu meistern.

Dann koch einen Tee.

Zünd eine Kerze an, und hüll dich ein

in die weiche Decke aus Kindertagen.

Die Zeit lass vorübergleiten. Sie läuft immer weiter.

Deins aber ist es nun, nichts zu tun.

Nichts zu wollen, nichts zu planen, nichts darzustellen.

Nur zu sein.

Sein.

Und die Bäume anschauen.

Wie sie ihre kahlen, kargen Äste in den Himmel halten

und sich wiegen im Wind.

14. Februar (Valentinstag)

Mehr als genug

Wir trauen uns,

die Liebe zu säen.

Mit weiter Geste

werfen wir sie

aufs Feld.

Manches fällt unter die Dornen,

manches fressen die Vögel,

anderes verdorrt.

Es lohnt nicht,

sagen die einen.

Die Ernte wird

hundertfach sein,

sagt er.

Und streut

seinen Segen darüber:

mehr als genug.

15. Februar

Schatzsuche

Ich wünsche dir,

dass du an manchen Tagen

in deinem Leben stöberst

wie auf einem alten Dachboden.

Dass du in den Ecken deiner Seele

Verschüttetes aufspürst,

Vergangenes erinnerst,

Talente neu entdeckst

und Freude findest.

Damit du den Schatz hebst,

der dir mit deinem Leben

geschenkt worden ist.

16. Februar

Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Markus 11,9b

Ouvertüre

Jesus zieht in Jerusalem ein: Wie eine Ouvertüre, so kommt mir diese Geschichte vor. Ein Eingangsstück, in dem alles, was kommen wird, schon anklingt.

Da sind die Menschen, die ihn empfangen. Keinen roten Teppich breiten sie vor ihm aus, sondern einen Flickenteppich aus dem, was sie vorfinden. Palmzweige von den Bäumen am Wegrand. Dazu ihre Kleider, die sie am Leibe getragen haben. In ihnen stecken ihre Geschichten, ihr ganzes Leben legen sie aus vor ihm, der da kommen soll. Ihr Elend und ihre Hoffnungen, den Glanz ihres Lebens ebenso wie Schweiß und Schmutz.

Und der Soundtrack dazu? Das ist kein Triumphmarsch, der da erklingt. Nichts Herrschaftliches. Auch keine feine, reine, eindeutige Musik.

Die Menschen, sie jubeln und schreien. Ihre Sehnsucht schreien sie heraus und ihre Verzweiflung.

Nicht »Halleluja« rufen sie, kein »Lobt Gott!«.

Sie schreien: »Hosianna! Hosianna! Hilf doch! Hilf uns! So wie dein Name es sagt: Jeschua, Jesus, der Retter.«

Und dann endlich kommt er. Rufe branden auf, die Leute recken die Köpfe.

Da, da ist er! Er, auf den wir so lange gewartet haben.

Er reitet auf einem Füllen. Seine Beine berühren den Boden fast.

Und wer ihn sieht, kann es schon ahnen: Es wird nichts mit einer Machtergreifung der Art, in der einer sich selbst zum Gott erhebt.

Der von Gott ermächtigte wird nicht dreinschlagen, zerstören oder gar vernichten. Er wird nicht zu Felde ziehen, um sich die Erde untertan zu machen, und wird keine Kreuzzüge ausrufen, um über Leichen zu gehen.

Der Einzug dieses Königs, der die Rettung im Namen trägt, ist geprägt von der Nähe zu denen, die auf ihn warten, die unten sind.

Er sieht die Flickenteppiche an, den Glanz, die Tränen, den Dreck, und schaut denen ins Gesicht, die sie gewebt haben. Wer ihm begegnet, wird sich verändern.

Diese Ouvertüre, sie erzählt schon von der Allmacht einer Liebe, die himmlisch ist, weil sie menschlich wird. Diese Liebe, sie scheut weder Schmerz noch Schuld, weder Leid noch das Sterben. Aber sie überlässt sich dem allen nicht.

Vielmehr stattet sie das Leben aus mit einer subversiven Kraft. Die lässt Gewalt und Hass ins Leere laufen. Und überwindet am Ende sogar den Tod.

17. Februar

Frei werden

Sich unterbrechen

im täglichen Einerlei,

eingespielte Gewohnheiten ablegen

wie einen verschlissenen Mantel.

Aussteigen aus dem

»Das war schon immer so«,

alte Denkmuster überprüfen,

ob sie noch taugen.

Frei werden, Neues einlassen

in Herz und Hirn.

Das Unmögliche für möglich halten,

und dem Himmel die Türen öffnen.

18. Februar

Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Johannes 1,14b

Das Ganze sehen

Ja, das geht, Kunststoff oder Pappmaché so zu bemalen, dass es glitzert, glänzt, herrlich aussieht und Wunderbares verheißt. Im Theater kann man das erleben: Dort gibt es manche prunkvolle Kulisse, die täuschend echt wirkt. Doch dahinter befindet sich nichts anderes als Luft.

Auch Menschen putzen sich heraus. Mit großen Worten und wichtigen Gesten. Mit viel Schminke, herrlichen Kleidern, glitzerndem Schmuck. Kleider machen Leute, sagt ein Sprichwort. Der erste Eindruck entscheidet, behaupten Studien. Und: Wer hätte sich nicht schon in die Gesellschaft der Schönen und Reichen geträumt, in der das Leben eine einzige Herrlichkeit zu sein scheint?

Wie sähe hingegen eine Herrlichkeit aus, die nicht aus schönen Kleidern und glänzendem Schmuck besteht, sondern aus Gnade und Wahrheit? Ich sehe Jesus auf einem Esel durch die staubigen Straßen Jerusalems reiten. Und dort, vor den Toren der Stadt, geht er umher und heilt die Aussätzigen. Er sitzt am Tisch mit den Sündern und Zöllnern, mit denen sonst keiner etwas zu tun haben will.

Da glänzt und glitzert nichts. Vom Purpurrot eines königlichen Mantels ist nichts zu sehen. Wenn Kleider Leute machen, dann ist Jesus ein Niemand. Und wenn der erste Eindruck entscheidet, dann braucht man gar nicht weiter hinzusehen, sondern kann sich getrost Schönerem zuwenden.

Doch wenn ich mich abwendete, entginge mir etwas. Hinter meinem Rücken entstünde dann der Glanz, der darin liegt, dass Jesus die am Rand anschaut. Ich sähe seinen liebevollen Blick nicht, mit dem er jedem Menschen begegnet, auch denen, die vom Leben gezeichnet oder gar entstellt sind. Mich träfe das Glück nicht, das entsteht, weil einer mein Inneres erkennt und versteht. Ich verpasste eine Wirklichkeit, in der die Wahrheit nicht geschönt werden muss.

Ja, manche Kulisse glänzt. Aber man kann darin nicht leben. Und wo nur der erste Eindruck zählt, wird keine Liebe entstehen, keine Freundschaft, keine Tröstung oder Barmherzigkeit. Von Designern entworfene Kleider mögen Leute machen. Die Kleider des Heils aber (Jesaja 61,10), das Gott mir überstreift, machen einen Menschen aus mir.

19. Februar

So viele Namen

So viele Namen möchte ich dir geben:

Du bist in dem, was Stern ist in der Nacht.

Ein Glanz, der funkelt und im Dunkel

schon weiter reicht als das, was mich so müde macht.

Du bist der Bach, der unterm Eis noch murmelt

von dem, was überwintert in der eingefror’nen Welt.

Du wohnst im Schneelicht, das ein Mädchen

mit roten Wangen in den selbstgebauten Iglu stellt.

Du bist die Knospe, die den Winter überdauert,

bist Same, der verharrt im Wüstensand,

bis Licht und Regen endlich wiederkehren

und Hoffnung wecken auf begrüntes Land.

Ich seh dich in den Augen dessen, der mich ansieht,

und spür dich durch die Hand, die bleibt.

Die Stille bist du, die versteckt veranlasst,

dass mir der neue Tag entgegenkommend scheint.

20. Februar

Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Johannes 14,25

Was bleibt

Abschiedsmomente, unwiderruflich. Überschrieben mit einem großen »Nie wieder«.

Nie wieder einander in die Augen sehen. Nie wieder Worte wechseln. Fragen, die ohne Antwort bleiben. Schmerzhaft leer die Hände, weil ihnen ein Gegenüber fehlt.

Und unter allem die Frage: Was bleibt?

Wohin mit der Liebe, die noch gelebt werden will? Wohin mit den Worten, die gesagt werden und den Gesten, die gezeigt werden wollen.

Die Evangelien führen vor Augen, wie Jesus Abschied nimmt. Da ist es, als tröste er seine Weggefährt*innen, bevor er sie für immer verlässt.

Zärtlich wäscht er ihnen die Füße.

Einmal noch teilt er mit ihnen Brot und Wein.

Als wolle er sich einzeichnen in ihr Leben mit seinen Gesten und Worten. Die bleiben abrufbar, über sein Leben hinaus. Wenn die Jünger*innen sie wiederholen, holen sie darin auch die Erinnerung zurück, in der Jesus wohnt.

Das wird ihre Trauer nicht verschwinden lassen. Sie lässt sich nicht überspringen. Aber Jesus weist einen Weg, wie sie sich überleben lässt.

Ich bleibe, sagt er, auch wenn ich gehe. Auf eine andere Weise bin ich dann nah. Bin da, wenn ihr miteinander esst und euch erinnert an mich.

Und eure liebevollen Worte, eure zärtlichen Gesten: Sie müssen nicht ins Leere gehen. Sie werden in euch wachsen und dann warten andere Menschen auf sie.

Manches Mal habe ich schon gespürt, wie ein Mensch nah ist, auch wenn er gegangen ist.

Was er mir bedeutet hat, bleibt in mir. Immer noch kann ein Wort trösten, das er gesagt hat. Immer noch spüre ich seine Hand stärkend auf meiner Schulter. Oder liebevoll an meine Wange gelegt. Dann ist es, als sei er noch einmal da.

Der Himmel, den Jesus mit sich brachte, bleibt. Mitten unter uns. Tröstend und stärkend. Und zugleich angewiesen darauf, dass wir ihn mit Worten und Gesten weitertragen. Bis an das Ende der Welt.

21. Februar

Anders gesagt: Abendmahl

Brot und Wein: Und Gott zeichnet sich in mein Leben ein.

Guten Boden malt er mir unter die Füße und über mir einen Himmel, der offen steht. Licht fällt dorthin, wo es dunkel war. Menschen sind an meiner Seite und ich an ihrer, und wo ich eine Sackgasse vermutete, skizziert er einen neuen Weg.

Mein Lebensbild bekommt eine Perspektive, die weiter reicht als der Horizont, Farben und Bilder, die unvorstellbar sind.

Unterwegs gehe ich neben anderen und sehe, wie er dort weiterzeichnet: Seine Freundlichkeit strahlt aus unseren Augen. Und er denkt seine Friedensgedanken in unseren Köpfen. Mit unseren Händen wischt er Tränen ab und teilt Brot, Geld und Rosen. Unsere Füße nimmt er mit auf seine Wege, zu Kranken und Einsamen. Und seine Liebe ist in unseren Herzen.

Wir sind durchdrungen von ihm, seinem Leben, seiner Zukunft.

22. Februar

Variationen über die Stille

I.

Wenn es still wird um mich,

wird es in mir so laut.

Gedanken lärmen. Gefühle rumoren.

Beiseite gedrängte Fragen

kehren beständig zurück.

Und meine Angst ruft in mir

wie ein hungriges Kind.

II.

Wenn es still wird um mich,

vernehme ich, was ich sonst nicht höre.

Das Knacken der Äste im Wind,

den Ruf des Käuzchens am Abend,

den Nachhall eines späten Geläuts,

das silbrige Summen der Sterne.

III.

Wenn es still wird um mich,

bemerke ich meine Müdigkeit.

Ich möchte wachsam sein,

möchte noch lauschen

und schlafe darüber ein.

IV.

Wenn es still wird um mich,

höre ich meinen Atem,

spüre ich Arme und Beine

und mein pochendes Herz.

V.

Wenn es still wird um mich,

höre ich manchmal

nicht nur mich.

VI.

Wenn es still wird,

höre ich dich.

23. Februar

Denn deine Gnade reicht, so weit der Himmel ist, und deine Treue, so weit die Wolken gehen. Psalm 108,5

Befreit

Ich zieh die Vorhänge auf

und erwarte nichts.

Ist ja Winter.

Da zieht,

dem Bilderbuch entsprungen,

eine Herde Schäfchenwolken

über den Himmel.

24. Februar

Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern. Psalm 66,5

Im Nachhinein

Noch ist der Sturm nicht still. Noch wirbelt der Wind das Wasser auf, dass es schäumt. Noch werfen die Wellen das Boot hin und her. Schon läuft es voll, immer wieder schwappt das Wasser über die Seiten. Die durchgeschüttelten Jünger geraten in Panik. Und Jesus? Er schläft.

Noch ist die Krise nicht ausgestanden. Noch stehen die letzten Untersuchungsergebnisse aus. Die Ungewissheit beutelt mich, rüttelt mich durch. Es ist, als bestünde ich nur noch aus Angst und würde mich darin verlieren. Und Gott? Ist ganz weit weg.

Das Staunen über die wunderbaren Werke Gottes, es entsteht meist erst im Nachhinein. Wenn der Wind sich gelegt hat und das Meer glänzend und still in der Sonne liegt. Wenn die Krise durchschritten ist und hinter mir liegt. Dann wird das Leben noch einmal auf Anfang gestellt. Dann gehe ich in den Tag, als sei es das erste Mal. Die Welt öffnet sich neu. Nichts ist mehr selbstverständlich. Staunend laufe ich durch die geschenkte Zeit und drehe verwundert das Leben in meinen Händen.

Und manchmal, längst nicht immer, aber doch hin und wieder, wenn ein neuer Sturm kommt, dann erinnere ich mich. Er ist ja da, mit mir im Boot. Das garantiert mir nicht, dass es gut ausgeht. Aber es gibt mir die Sicherheit, nicht allein zu sein. Dann lehne ich mich an ihn, an seine Gegenwart. Stelle meine Fragen, schreie ihm meine Angst entgegen, weine meine Tränen in seine Hand. Und spüre: Er bleibt.

25. Februar

Wo Gott wohnt

Wo Gott wohnt,

schweigen die schweren Worte,

verhallen die harten Töne

ist es vernehmbar still.

Wo er wohnt,

fallen die Mauern,

wuchert das Leben,

ist es sichtlich sanft.

Wo er wohnt,

sucht er mich auf,

finde ich mich wieder

in seinem Licht.

26. Februar

Bei einer Tasse Tee

»Wo kommst du denn her?«, fragt sie, als sie die Tür öffnet.

Dass ich mich angekündigt hatte, hat sie vergessen. Ihr Leben findet fast nur noch im »Jetzt« statt, genau in diesem Moment.

Wir gehen in ihre Wohnung. Dort findet sie sich noch gut zurecht. Sie nimmt die silberne Teekanne aus dem Schrank, dazu die Dose mit dem goldgrünen Muster.

Dann bereiten wir miteinander Tee zu, auf die ostfriesische Weise, so wie sie es immer gemacht hat.

Sie wärmt die Kanne vor und schüttet die losen Teeblätter in den Filter. »Zuerst nur halbvoll machen« meint sie, als ich das kochende Wasser darüber gieße.

Ich muss lächeln. Wie oft schon hat sie mir das gesagt: »Erst musst du den Tee fünf Minuten ziehen lassen, dann kannst du die Kanne ganz voll machen!«

Später sitzen wir in ihrem Wintergarten, vor dem bodentiefen Fenstern blühen die ersten Rosen, weiß und rosé.

Ich gebe einen Kandis in die Tasse, Kluntje nennt man den hier. Es knistert, als ich den Tee darüber gieße. Vorsichtig lege ich mit dem gebogenen Löffel etwas Sahne auf die Oberfläche. Sie sinkt hinab und kommt als Wölkchen wieder nach oben.

»Een Wulkje«, sagt meine Mutter.

»Wie lange bleibst du?« fragt sie.

»Bis übermorgen.« Ich antworte ihr, obwohl ich sicher bin, dass sie den Sinn dieser Worte nicht mehr versteht.

Zeitliche Zusammenhänge sind ihr schon lange abhandengekommen. Meine Antwort wird sie innerhalb weniger Minuten wieder vergessen haben. Selbst dass ich heute da gewesen bin, wird sie schon morgen nicht mehr wissen.

Und trotzdem stellt sie Fragen. Nun nach ihren Enkelkindern. Ich berichte ihr, jedes Mal wieder, sicher zum zwanzigsten Mal, wer gerade was studiert.

Dann mache ich einen Schwenk in frühere Zeiten und erzähle ihr, wie sie mit den Kindern gespielt hat, als die noch klein waren. Vom Schlachtfeld, in das sie die Küche verwandelt haben, als sie in der Adventszeit Plätzchen backten. Von gemeinsamen Urlauben auf der Insel mit Kutschfahrten und nackten Füßen am Strand.

Sie lacht. Doch sie erinnert sich nicht mehr daran.

Je kürzer das Vergangene zurückliegt, desto kürzer scheint auch die Halbwertszeit in ihrer Erinnerung zu sein.

Was aber in ihrer eigenen Kinderzeit, in der Zeit als junge Erwachsene dort eingeweckt wurde, das hält noch immer. Ja, es ist, als hole sie es erst jetzt wieder aus den Tiefen ihres brüchig gewordenen Gedächtnisses hervor.

Was lange her ist, scheint den Raum einzunehmen, den das, was erst gestern war, nicht mehr beanspruchen darf. Und so höre ich viele Geschichten von damals nun zum ersten Mal.

Die schrecklichen vom Krieg vor allem: Von ihrem Bruder, der gefallen ist. »Er war der lustigste von allen. Wir haben noch einen Brief aus dem Lazarett von ihm bekommen.« Aus dem kann sie bis heute wörtlich zitieren.

Dann erzählt sie von Matratzenlagern im Luftschutzkeller. »Damit wir ein bisschen schlafen konnten.« Da war sie vierzehn Jahre alt und lebte zusammen mit anderen Mädchen in einer Jugendherberge, um sich zur Lehrerin ausbilden zu lassen.

Aber auch Tröstliches kommt wieder zum Vorschein. Manches, das zurückreicht bis in ihr erstes Lebensjahrzehnt.

Da spielt sie selbstvergessen mit den Kartoffelschalen, die aus der Hand ihres Vaters in einen Eimer fallen. Sie sitzt zu seinen Füßen, an seine Beine gelehnt, spürt die Wärme in ihrem Rücken und fühlt sich geborgen.

Mir kommt es vor, als reiche diese Erinnerung hinein in den Augenblick, als fände er hier statt, in diesem Wintergarten. Und sie, die gebrechlich Gewordene mit dem so löcherigen Gedächtnis, lehne sich gerade jetzt an die tröstliche Wärme ihres längst verstorbenen Vaters.

27. Februar

Der Seher

Einmal war einer,

der sah schon,

was werden könnte.

In der Raupe

sah er den Schmetterling.

In der Wüste

den Garten.

Und in der Nacht

den leuchtenden Morgen.

Er schaute mich an.

Und ich ahnte,

was werden könnte:

Und machte mich auf,

auf den Weg

zu mir.

28. Februar

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Psalm 103,2

Die Schatzkiste

Meine Freundin bekam zu ihrem Geburtstag eine Schatzkiste geschenkt. Als sie sie öffnete, war sie erstaunt: Sie war leer. »Sie ist für Erinnerungen an Schönes, das du erlebst, gedacht. Was dich glücklich macht oder dir guttut. Oder für schöne Dinge, die dein Leben bereichern«, sagte die Frau, die sie ihr geschenkt hatte.

Meine Freundin füllte sie mit einer Muschel aus dem Urlaub und einem Buch, das ihr gut gefallen hatte. Sie legte ein Foto von ihrer Familie hinein, eine Feder, die sie bei einem Waldspaziergang gefunden hatte, einen Brief, der ihr viel bedeutete. Inzwischen haben viele andere Dinge in der Schatzkiste einen Platz gefunden. »Wenn ich einen schweren Tag hatte, dann schaue ich abends oft hinein«, sagt sie. »Die Erinnerung an das Gute, an die Schätze in meinem Leben, gibt mir Kraft und macht mich ein bisschen fröhlicher.«

Ich finde, das ist eine tolle Idee. Wie leicht verfliegen schöne Erlebnisse. Wie schnell gerät das Erfreuliche, das ich erlebt habe, in einer schweren Zeit aus dem Blick. Wer sich dann vor Augen führt: Es gibt nicht nur die harten Zeiten, nein, ich habe auch viel Gutes erlebt, der trägt einen Schatz in sich, den er heben und von dem er zehren kann. Das rückt schwere Zeiten in ein anderes Licht und gibt Kraft, sie zu überstehen. Es macht zufrieden, ja manchmal sogar glücklich. Und man nimmt die Welt anders wahr.

Die Erinnerung an das Gute ist zugleich das Schatzkästlein in meiner Seele. Die Dankbarkeit bringt die Schätze zum Glänzen. Bestimmt hat das auch der Beter des 103. Psalms gewusst, wenn er sagt: »Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!«

29. Februar

Die heilsame Schönheit der Stille7

Der alte Pettersson hat schlechte Laune. Sein Kater Findus versucht alles, um ihn aufzuheitern.

Aber der mürrische, brummige Mann lässt sich nicht aufheitern. Im Gegenteil, er sackt immer weiter in sich zusammen. Zu nichts hat er Lust. Kein Antrieb ist in ihm. Auf seiner Seele liegt Grau.

Selbst wenn er eine Idee hätte, wie es besser werden könnte, würde er sie nicht umsetzen. Pettersson will einfach herumsitzen und sich selber leidtun.

Findus und seine zappelige Munterkeit nerven ihn. Und so fängt der gutwillige kleine Kater sich einen Anschnauzer nach dem anderen ein.

Dabei weiß Findus genau, was dem Alten guttun würde: Angeln gehen. Draußen wartet schon alles, was der Traurigkeit und dem Trübsinn ein Ende machen könnte. Und darum veranstaltet Findus ein kleines, höchst erfolgreiches Angelspiel direkt vor Petterssons Nase. Aber der bleibt stur, gefangen in sich selber und seinen Kreiselgedanken. Nein, er wolle nicht angeln gehen.

Da greift Findus zu einer List. Er geht in den Schuppen und tut so, als sei er eingeklemmt. Sein Hilfeschrei bringt Pettersson endlich in Bewegung, er eilt herbei. Nachdem er Findus befreit hat, bittet der ihn um die Angel.

Als Pettersson sieht, wie Findus sich mit der langen Angel abmüht, lenkt er endlich ein und zieht widerwillig mit dem Kater im Rucksack und der Angel in der Hand los.

Und schon beim Gehen merkt der trübsinnige Mann, wie schön es ist, sich auf den Weg gemacht zu haben. Die Bewegung tut gut. Der Rücken richtet sich auf. Und die Stille auf dem Weg durch den Wald klingt ganz anders als das lähmende Schweigen zu Hause.

Jeder Schritt bringt ihn näher an den Punkt, an dem sich die düstere Farbe des Tages ins Helle wendet. Schon beginnt er zu vergessen, was ihn so traurig gemacht hat.

Schließlich sitzen die beiden im Boot und Pettersson fragt den Kater, ob er hören könne, wie still es hier sei. Denn manchmal, so der alte Mann, sei es schön, wenn es einfach nur still sei.

Und Findus versteht, dass er nun eine Weile ruhig sein muss, damit die Schönheit der Stille ihre heilsame Wirkung entfalten kann.

Später fangen die beiden zwei Barsche.

Die Laune des Alten hebt sich, er kann sogar wieder lachen. Wie gut, dass er seinen beharrlichen und klugen Kater hat. Diesen Freund, der weiß, was ihm guttut. Der lässt nicht locker und treibt den Lustlosen an. Er lockt ihn in eine Stille, in der der Tag eine Wende nimmt und selbst im grauesten Grau ein Funken zu leuchten beginnt.

1. März

Von selbst

Ich wünsche dir

Vertrauen in das,

was von selbst geschieht.

Die Erde zieht ihre Bahn,

das Licht kehrt wieder.

Der Same keimt,

der Stängel wächst,

die Blüte öffnet sich,

die Frucht reift.

Du darfst dich

gelassen zurücklehnen

und spüren:

Nicht alles hängt an dir.

2. März

Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Markus 14,3

Momente, die dem Himmel gehören

Einmal dem Herzen folgen und nicht dem Verstand. Aus dem Vollen schöpfen. Das Geld und die Liebe aus den Gesetzen des Marktes befreien.

Einmal sich selbst verschwenden. Den anderen verwandeln. Ihn salben mit zärtlichen Händen und duftendem Nardenöl.

Ein Augenblick, der dem Himmel gehört.

Doch schon dreht die Erde sich weiter, schon hört sie Einwände, die sie zurückholen in die Gesetze der Welt.

Und: Sie haben ja recht. Sie hätte das Geld den Armen geben können. Dreihundert Silbergroschen! 20.000 Euro! Wie viele Menschen hätten davon satt werden können!

Ja. Sie haben ja recht.

Auch er hätte das Geld den Armen geben können. 15 Millionen Euro haben die schwimmenden Stege gekostet, die der bulgarische Künstler Christo 2016 auf dem norditalienischen Lago d’Iseo installiert und selbst finanziert hat.

Ein orangefarben leuchtender Weg über blaugrün schimmerndes Wasser. Alle, die mochten, durften ihn begehen.

Kann, soll man die himmlischen Augenblicke umrechnen in irdische Währungen? Fast scheint mir, als ertrügen jene, die das tun, die Liebe nicht, die in ihnen steckt. Weil sie eine Anfrage ist an alles Berechnende.

Wer auf den schwimmenden Stegen über den See gegangen ist, wird das nicht mehr vergessen. Wellenbewegungen, die sich übertragen auf den Körper. Die Luft, so leicht, als könne man auch sie betreten. Menschen wie Farbkleckse auf dem Orange. Ihr Lächeln, ihre Ausgelassenheit, ihre glücklichen Gesichter.

Himmlische Momente lassen sich nicht in Geld umrechnen. Sie sind ja vom Markt genommene Zeit. Wer sie erlebt hat, dem weiten sie Herz und Horizont. Er wird wohl auch die Armen nicht vergessen, wenn die Erde sich weiterdreht.

Eher muss die Frage nach den Armen denen gestellt werden, die alles, Zeit und Geld, Liebe und Leben den Gesetzen des Marktes unterwerfen.

Der durch Nardenöl Verwandelte wird genau das nicht tun. Er wird sich hingeben. Ein himmlischer Duft begleitet ihn, wird Stärkung sein.

Wer die Liebe erlebt hat, den hält sie. Als könne man über das Wasser gehen. Und der Himmelsmoment: Er wird tragen. Wer weiß, vielleicht sogar über den Tod hinaus.

3. März

Vermächtnis

Welche Worte

will ich sagen,

die weiterklingen?

Ich warte nicht länger.

Ich sage sie heute.

Welche Spur

will ich legen,

die erzählen wird von mir?

Ich warte nicht länger.

Ich lege sie heute.

Welche Pflanze,

die ich säe,

wird sich wiegen im Wind?

Ich warte nicht länger.

Ich säe sie heute.

Was wird bleiben,

wenn ich gehe?

Was vermache ich

Menschen und Erde?

4. März

Säet Gerechtigkeit und erntet nach dem Maße der Liebe! Pflüget ein Neues, solange es Zeit ist, den HERRN zu suchen, bis er kommt und Gerechtigkeit über euch regnen lässt! Hosea 10,12

Gerechtigkeit säen

Aussäen und Anbauen: Das tun Menschen überall auf der Welt. Und doch haben wir das Wachsen und Reifen nicht allein in der Hand. Der Himmel muss sich mit leisem Wehen mild und heimlich auftun und die Saat mit Segen benetzen.

Doch Gott hat sich gebunden, ja, geradezu abhängig gemacht von dem, was wir Menschen anbauen: ob es gut ist oder giftig, köstlich oder bitter.

Es ist ein absurder Gedanke, dass dort, wo jemand giftiges Jakobskreuzkraut ausgesät hat, Weizen wachsen könnte.

Wer Weizen ernten will, streue Weizen aus auf dem Feld. Auch dann wächst manches, was der oder die Säende nicht in die Erde gelegt hat.

Und nicht jedes Weizenkorn wird aufgehen und Frucht bringen. Jene aber, die aufgehen, vervielfältigen sich. Durchschnittlich 35 Körner bringt eine Ähre hervor.

Eine Ernte nach dem Maß der Liebe, das gerüttelt voll ist. Mehr als genug entsteht. Und das meiste davon ohne unser Zutun, von selbst wächst der Keim, entfaltet sich die Ähre und blüht, reifen die Körner heran.

Ähnlich scheint es mit der Gerechtigkeit zu sein. Wer sie ernten möchte, muss Gerechtigkeit säen. Er muss bereit sein, sich einzufühlen in das Gegenüber und seine Sicht der Dinge zu verstehen. Er muss bereit werden, um des Friedens willen zurückzustecken und Kompromisse einzugehen. Er muss seine Kinder das Teilen lehren. Wo Egoismus und Unrecht gesät worden sind, wird keine Gerechtigkeit wachsen.

Wie kann es aussehen, Gerechtigkeit und Frieden zu säen?

Im Jahr 1999 gründet der Pianist und Dirigent Daniel Barenboim das West-Eastern Divan Orchestra, in dem Musiker und Musikerinnen zwischen 14 und 25 Jahren miteinander klassische Musik spielen. Die Hälfte von ihnen kommt aus Israel, die andere Hälfte aus arabischen Ländern. Immer wieder liegen ihre Heimatländer miteinander im Konflikt.

Hier lernen die Jugendlichen einander kennen, sie reden und essen miteinander und haben Spaß. Beim Musizieren üben sie, aufeinander zu hören. Was entsteht, ist wunderbare Musik. Das Orchester gastiert mittlerweile in allen Teilen der Erde.

Auch im Kleinen, mitten unter uns, werden Frieden und Gerechtigkeit ausgesät:

In vielen Kindergärten und Schulen gibt es Trainings gegen Gewalt. In Ferienaktionen spielen Kinder aus Deutschland mit Kindern, die aus Kriegsgebieten flüchten mussten. Menschen aus unterschiedlichen Nationen feiern miteinander Feste und stellen sich einander vor.

Möglicherweise wird auch solche Saat nicht ungehindert aufgehen. Aber darauf möchte ich vertrauen: Sie wird wachsen, blühen und reifen und ihre Frucht vervielfältigen.

Und dann beginne ich zu träumen: Vielleicht wird es eines Tages ein Friedensministerium geben statt eines für Verteidigung. Und einen Etat für Versöhnung statt für Panzer und Waffen.

Vielleicht werden irgendwann die Grenzzäune abgebaut. Vielfalt wird als Schatz empfunden. Und Menschen, die anders sind, als inspirierend.

Gott regnet seine Gerechtigkeit aus über das, was wir ausgesät haben, und segnet uns.

5. März

Wunder säen

Augenblicke streuen

aufs Feld der Zeit.

Klein und schüchtern

liegen sie in der Hand.

Da zieht der Duft

von Lavendel und Rosen

durch die Erinnerung,

und auf der Zunge

liegt Erdbeergeschmack

vom vergangenen Jahr.

Ist doch der Segen

schon ausgegossen.

Heute will ich

ein Wunder säen.

6. März

Mühe, die lohnt

»Noch einmal«, sagt mein Flötenlehrer »und wenn du rauskommst, versuch, schnell wieder einzusteigen.«

Ich übe »Für Elise« auf der Querflöte. Gut einatmen, die Finger auf die richtigen Klappen legen, die Töne genau richtig lang spielen und das alles möglichst gleichzeitig.

Ich merke, dass ich nicht mehr 16 Jahre alt bin. Damals lernte es sich leichter.

Ich habe das Stück schon so oft gespielt. Wieder und wieder habe ich einzelne Sequenzen geübt. Und trotzdem: Immer wieder klappt irgendetwas nicht. Wenn es an einer Stelle gut geht, hakt es an der nächsten. Mein Flötenlehrer beweist eine Engelsgeduld.

Ich dagegen möchte manchmal am liebsten alles hinschmeißen. »Hat ja doch keinen Zweck«, denke ich mir. »Vielleicht sollte ich etwas anderes probieren. Etwas Babyleichtes.«

Aber ich will mich auch nicht unterkriegen lassen. Und so übe ich eine weitere Woche.

Und dann klappt es plötzlich. Als habe jemand einen Hebel in mir umgelegt. Oder meine Fingergelenke geölt.

Ich bin erstaunt und frage mich, was denn nun die Wende gebracht hat. Gab es da einen bestimmten Moment? Oder waren es alle zusammen?

Und so lerne ich im Unterricht nicht nur Querflöte spielen. Ich lerne auch etwas über und für mein Leben: Da frage ich mich auch oft, ob eine Mühe sich denn wirklich lohnt. Da will ich auch manchmal aufgeben, weil sich der Erfolg gar nicht einstellen will.

Beim Flötespielen merke ich: Jeder kleine Ton, jeder Handgriff lohnt sich. Keiner ist umsonst.

Das will ich mir für meinen Alltag hinter die Ohren schreiben:

Noch einmal! Versuche es wieder und wieder. Weitermachen, Geduld bewahren. Und irgendwann wendet sich das Blatt.

7. März

Ein anderer Ton

In Tiefen,

die mich sprachlos machten

fiel ich hinab,

fand keinen Grund für meine Worte,

versank im trüben, zähen Schlamm.

Abgeschrieben da,

wo man auf Leistung setzte,

abgestempelt und

zu den Akten gelegt.

Doch: Da warst du

und schriebst dich ein

in meine sinnverlornen Tage.

Zur Schriftrolle

wurde ich,

leer,

die Raum bot

für deine Zeilen.

Du gabst mir einen anderen Ton,

der zarter war,

doch ganz mein eigener.

Nun klingen deine Worte

neu in mir,

du hast sie mir ja

auf den Leib geschrieben.

Mancher, der es hört,

merkt auf,

lauscht und vernimmt,

wie du

zwischen den Zeilen

zu summen beginnst.

Nah,

um das Blatt zu wenden.

8. März (Internationaler Frauentag)

Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Matthäus 15,28a

Da ist noch mehr drin

Jesus ist mit seinen Jüngern außerhalb von Israel unterwegs. Da kommt eine Frau herbei und ruft um Hilfe für ihre kranke Tochter. Jesus aber ignoriert sie – als sei sie gar nicht da.

Wie verletzend ist das, dieses Schweigen, mit dem ein Gegenüber nicht nur meine Bitte, sondern zugleich mich selbst zurückweist.

Die Frau aber lässt nicht locker, lautstark macht sie sich weiter bemerkbar. Schließlich wird es den Jüngern zu viel: Sie schreit uns nach!, beklagen sie sich. Tu was, Jesus! Hilf ihr! Nicht, weil sie ihnen leidtut, treten sie für sie ein, sondern weil sie nervt.

Jesus aber weist die Bitte zum zweiten Mal ab. »Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.« Nicht zuständig also.

Doch wieder bleibt die Frau beharrlich, vielleicht spürt sie, dass ihr Geschrei etwas in Gang gesetzt hat. Und das ermutigt sie.

Nun wirft sie sich sogar vor Jesus nieder und fleht ihn an: Du kannst es! So hilf mir doch!

Jesus sieht die Frau an. Wie sie da vor ihm liegt und bettelt und schreit. Ich stelle mir vor, wie er hin- und hergerissen ist: Soll ich mich erbarmen? Oder verschließe ich mich?

Was er dann sagt, ist schlimm: »Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.«

Nicht nur dieser Vergleich mit einem Hund. Es klingt auch, als könnte Gottes heilende Kraft ebenso knapp werden wie das Brot bei Tisch.

Die Frau aber lässt sich nicht unterkriegen. Sie dreht Jesus das Wort im Munde herum und macht seinen unfeinen Vergleich zum Argument für sich selbst: Ich will doch gar nichts wegnehmen, ich will nur von dem, was abfällt unter den Tisch.

Ich stelle mir vor, dass es einen Moment ganz still ist. Perplex schaut Jesus sie an. Und in ihm vollzieht sich eine Wende. Von den Hunden ist nun keine Rede mehr.

Im Gegenteil: Fast scheint es bewundernd zu klingen, als er zu ihr sagt:

»Frau, dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst!« Und tatsächlich: Ihre Tochter wird gesund.

Ja, denke ich, es stimmt, was Jesus zu ihr sagt.

Der Glaube dieser Frau ist größer als sein eigener. Sie hält für möglich, dass Gott sich nicht an Grenzen binden lässt. Seine heilsame Kraft verbraucht sich nicht, sondern ist unerschöpflich. Mit vollen Händen kann und will sie ausgeteilt werden.

Sogar Jesus scheint diesen Blick von außen zu brauchen, der ihm mehr zutraut als er sich selbst. Diesen Blick, der sehen kann, was ich nicht erkenne. Weil ich es nicht glauben kann.

Da ist noch mehr drin, sagt so ein Blick. In dir. Deine Möglichkeiten sind größer als du glaubst.

Ja, selbst Jesus hat zu klein von sich gedacht. Diese Frau, die er als Fremde deklariert und so harsch abgewiesen hat: Sie bricht nun das Bild auf, in dem er gefangen ist. Sie erweitert seine Spielräume.

Und er: Er erkennt es an. Sein Wirkungskreis hat keine Grenze mehr, denn Gottes Liebe ist universal.

9. März

Für die Mädchen und Frauen

Für die Mädchen und Frauen

bitte ich dich,

die Männer sich nahmen,

ohne zu fragen.

Mit Gewalt.

Für sie bitte ich dich,

denen nicht geglaubt wird,

denen unterstellt wird,

der Rock sei zu kurz

und sie doch allzu bereit gewesen.

Für sie bitte ich dich,

die sich verkriechen

in einem Leben,

das nie mehr wird,

wie es war.

Für sie bitte ich dich,

die, was geschah,

noch einmal erzählen müssen

vor dunklen Roben

und Publikum.

Lehr uns, zu prüfen,

ob, was wir legal nennen,

auch den Namen

»Recht« verdient.

10. März

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber. 2. Korinther 5,19a

Heute und hier

Mitten in der Fußgängerzone, auf der Zeil in Frankfurt stehen zwei Frauen und schreien die Leute an. »God is great«, brüllt die erste. »Gott ist groß«, kreischt übersetzend die zweite.

Ich bleibe stehen und schaue eine Weile zu. Innerlich schüttele ich den Kopf. Menschen gehen vorbei, sie beachten die beiden kaum. Niemand bleibt stehen, um zuzuhören.

Nach einer Weile macht das Gebrüll mich aggressiv. Es steht in krassem Kontrast zum Leben darum herum.

Denn da liegt endlich Frühling in der Luft, nach dem langen Winter scheint die Sonne und wärmt schon. Auf den Bänken sitzen junge und alte Leute und halten ihr Gesicht dem Himmel hin.

Die beiden Frauen aber scheinen all das gar nicht wahrzunehmen, unbeirrt schreien und schimpfen sie, und ihre Stimmen durchdringen penetrant den durch die Stadt flanierenden Frühling.

Ich spüre, wie die Wut in mir nach und nach einem gewissen Mitleid weicht. Denn das seltsame Geschrei der beiden strahlt auch eine Verzweiflung aus. »Too late«, brüllt die erste. »Zu spät«, fleht lauthals die andere.

Es geht ihnen wohl darum, die Vorbeigehenden schleunigst zu Gott zu bekehren, auf den möglicherweise letzten Drücker. Denn, so glauben sie, ein »zu spät« würde die ewige Verdammnis bedeuten.

Ich kenne das, denn ich bin selbst als Jugendliche in Kreise geraten, die so dachten.

Erschüttert erinnere ich mich an die Angst, die ich damals hatte. Höllenangst, im wahrsten Sinne des Wortes. Um mich selbst, weil ich irgendeine Sünde begangen haben könnte, die mich im ewigen Feuer landen lassen würde. Angst aber auch um die Menschen, die mir am Herzen lagen, die sich jedoch nicht mit Datum und Uhrzeit zu Jesus bekehrt hatten.

Was für eine merkwürdige Weise, von Gott zu reden, denke ich heute. Wie armselig ist so ein Glaube, der nur auf Angst basiert.

Und wie egoistisch und weltfremd ist es, wenn es nur um das Seelenheil des Einzelnen geht, zuallererst um das eigene.

Über der Sorge um das ewige Leben der Seele vernachlässigt man die, die hier auf der Erde unter Hunger und Schmerzen leiden und hält es nicht mehr für nötig, sich den Kriegstreibenden und Machtmissbrauchenden zu widersetzen.

Und über dem missionarischen Eifer, andere schleunigst bekehren zu müssen, bleibt kaum ein Blick übrig für die Schönheit dieser Erde und für das wunderbare Geschenk, auf ihr zu leben.

Ich glaube nicht, dass das im Sinne Gottes ist. Die Bibel sagt doch von ihm, dass er die Liebe sei. Er will, dass alle Menschen gerettet werden, und zwar nicht erst irgendwann einmal, in einem Himmel, der einem Wolkenkuckucksheim gleicht.

Gott fängt schon heute und hier an. Und er braucht unsere Hilfe.

Wo wir den anderen in den Blick nehmen, wo wir in der Liebe bleiben, leben und handeln,

da ist er mitten unter uns.

Entspannt euch, würde ich den beiden Frauen gerne sagen. Setzt euch einen Moment in die Sonne und stellt euch vor, sie sei Gottes Liebe. Sanft, wärmend und wohltuend. Eine Liebe, die alle umfasst. Behutsam bringt sie das Leben zum Blühen. Heute und hier.

11. März

Anders gesagt: Passion

Jesus Christus: Gott wird Mensch, wird verwundbar und leidensfähig. Welch eine Provokation für alle, die sich Gott allmächtig wünschen, damit er auch sie ausstatte mit Macht über andere und ihre Lust an Gewalt legitimiere.

In Jesus zeigt sich ein anderer Gott: Der verschenkt seine heilsame Kraft an Kranke und Ausgestoßene. Verirrte leitet er auf den richtigen Weg. Er begibt sich in die Tiefen des Lebens und erleidet selbst Gewalt und Tod.

Gott kennt keine andere Macht als die der Menschlichkeit, die sich hingibt für andere. Genau dies ist seine All-Macht der Liebe.

12. März

Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Römer 8,18

Wie ein eben geborenes Kind

Endlich hält die Mutter ihr Baby im Arm. Neun Monate hat sie auf diesen Augenblick gewartet.

Am Anfang war ihr oft übel gewesen. Dann der Moment, als sie es zum ersten Mal in sich spürte. Ein Hauch nur, der sie von innen streifte. Später streckte das Baby sich, immer öfter trat es. Und manchmal hatte es Schluckauf.

Und nun die Geburt. Fast zwölf Stunden hat sie gedauert. Die Wehen kamen in immer kleineren Abständen, wie Wellen, die sie überrollten. Dann ging eine Weile nichts mehr voran. Später Schmerzen, die über ihre Grenzen gingen. Kurz vor der Geburt hat sie sogar gedacht, sie kann nicht mehr. Und war dann selbst überrascht von der Kraft, die in ihr steckte, als sie das Kind endlich gebar.

Da liegt es nun, auf ihrem Bauch. Runzlig und verschmiert. Alles schon dran. Vom Haarschopf bis zu den Zehen. Seine winzige Hand umschließt ihren Finger.

Der Schmerz ist nicht weggewischt, er war ja da, sie erinnert sich deutlich an ihn. Aber er fühlt sich anders an. Als habe das Leben ihn überholt. Er bedeutet fast nichts mehr.

Die Schöpfung liegt in den Wehen: Paulus vergleicht das »ängstliche Harren der Kreatur«, das Seufzen der Erde tatsächlich mit einer Geburt. Einmal wird sie vollendet sein, dann wird Elend und Schmerz überwunden sein von der »herrlichen Freiheit der Kinder Gottes« (Römer 8,19-22).

Ich frage mich: Helfen solche Worte, wenn das Leiden überhandnimmt und unerträglich wird? In solchen Zeiten ist es manchmal unmöglich, daran zu glauben, dass es je wieder anders wird.

Und doch spüre ich, wie tröstlich der Gedanke ist: Einmal wird Gott das Leben in die Waagschale werfen, dann wird alles, was hier so schwer wog, an Bedeutung verlieren.

Manchmal kann ich es sehen. Als habe Gott dieses große Versprechen wie Saatkörner in die Schöpfung gelegt. Und nun gehen zarte Pflanzen vor meinen Augen auf.

Ich denke an die Geschichte von Sebastião Salgado, die Wim Wenders in seinem Film »Das Salz der Erde« erzählt.

Salgado reist in Krisen- und Kriegsgebiete der Erde, um dort zu fotografieren. Mit seinen Bildern macht er das unvorstellbare Leid, das dort geschieht, sichtbar:

Ein bis auf die Knochen abgemagerter Mann hält sein verhungertes Kind in den Armen. Geflüchtete irren durch einen Wald. Sie wurden dort abgewiesen, wo sie mit letzten Kräften Zuflucht suchten. Frauen blicken mit leeren Augen in die Kamera. Als Kriegswitwen wurden sie im ehemaligen Jugoslawien geschändet.

Salgado dokumentiert das menschengemachte Elend mit einfühlsamem Blick. Bis er selbst daran zerbricht und krank wird. Er zieht sich zurück an seinen Geburtsort in Brasilien.

Dort forstet er das gerodete Land wieder auf. Wo nur noch staubige, steinige Wüste war, pflanzt er Baumschösslinge und bewässert sie. Über zwei Millionen Bäume sind es schon, die nun heranwachsen, ein neuer Regenwald entsteht.

Während er das Leiden der Natur lindert, so scheint es, fasst Salgado wieder Vertrauen ins Leben. Die Waagschale scheint sich zu heben und er selbst trägt dazu bei.

Ja, es gibt diese Momente, in denen das, was schwer auf einem lastet, leichter wird. Als habe einer ein Gegengewicht auf die andere Seite der Waage gelegt.

Nun spüre ich, wie es aufwärts geht mit mir.

Eine zentnerschwere Last beginnt sich aufzulösen. Sie wird, manchmal vorsichtig, manchmal rasant, vom Leben überholt.

Und endlich, endlich öffnet die Welt sich neu, als läge sie vor mir wie ein eben geborenes Kind.

13. März

Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind Lukas 10,20b

Bau mir ein Haus8

»Bau mir ein Haus«, so heißt ein Gedicht von Hilde Domin.

Ein Haus in der Nähe des Meeres beschreibt sie darin, eines, das schützt vor dem scharfen Wind, der einen verwehen könnte. Eine weiße Wand soll es haben für die Abendsonne, so, wie es in Andalusien oft der Fall ist, dem Ort, an dem Hilde Domin ihren Text verfasst.

Im Jahr 1962 erhält sie, die inzwischen in Heidelberg wohnt, einen Brief aus Bochum. Ein Mann und eine Frau, Flüchtlinge aus dem Osten, schreiben ihr: »Wir bauen Ihr Haus.«

Hilde Domin ist skeptisch. Ein andalusisch anmutendes Haus in einer westdeutschen Großstadt, wie soll das gehen?

Doch ein Jahr später kommt wieder ein Brief: Das Haus sei nun fertig. Das Ehepaar lädt sie ein, es sich anzusehen.

Mit einem Blumenstrauß erwarten die beiden die Dichterin am Bahnhof.

Dann steht Hilde Domin vor dem Haus. Tatsächlich: Da steht es, so, wie sie es beschrieben hat.

Und die, die es bewohnen, heißen sie darin willkommen.

Es ist, als betrete die Dichterin einen in Worte gekleideten Traum, sie geht durch die Räume eines Hauses, das aus der Fantasie ins Leben geholt wurde. Da steht es, vor ihren Augen, und bringt sie zum Staunen.

Bevor sie wieder aufbrechen muss, signiert Hilde Domin das Haus. Mit einem weißen Stift hinterlässt sie auf einer weißen Wand eine Spur von sich selbst. Es ist ein Zitat aus ihrem Gedicht, eine Art Schutzspruch. Eine Spur, die an sie erinnern wird.

Hilde Domins Erlebnis ist für mich wie ein Bild. Es zeigt mir, wie es aussehen könnte, dass unsere »Namen im Himmel geschrieben sind«:

Am Anfang steht ein Gedanke Gottes, benannt von ihm. Sorgsam schreibt er einen neuen Namen ins Buch seines Lebens und macht ihn zu meinem oder deinem.

Wenn wir zur Welt kommen, wird seine Idee von uns lebendig, sie wächst heran mit uns. Und während wir unser Leben gestalten, können wir in diese Welt einbauen, was er erträumt.

Und wer weiß? Vielleicht schaut er vorbei, um uns zu besuchen.

Er streift durch die Räume deines und meines Lebens, freut sich über die Hoffnungsbilder an den Wänden und den Freudenstrauß auf dem Tisch. Und sieht auch in den dunklen Raum, in dem der Zweifel sein Lager aufgeschlagen hat.

Du erkennst, wie Hoffnung und Freude sich widerspiegeln in seinem Gesicht, du siehst sein Mitgefühl und sein Erstaunen.

Es kommt ja nicht jeden Tag vor, dass ein Traum ins Leben tritt.

Ihr esst und trinkt miteinander, er bricht das Brot für dich und du teilst mit ihm deinen Wein. Und bevor er aufbricht, um weiterzuziehen, signiert er dein Haus und schreibt seinen Namen in dein Dasein ein.

Und wenn du genau hinschaust, erkennst du den Schriftzug, Tag für Tag, ein himmlischer Abdruck im Haus der Zeit.

Dann erinnerst du dich: Du schreibst seinen Traum ins Buch deines Lebens.

Und er, er hat lange zuvor schon deinen Namen verzeichnet, sorgsam und unwiderruflich im Buch seines Lebens.

14. März

Maria – von der Pietà zur Schutzmantelmadonna

(zu einer Figur in der Klosterkirche St. Vitus zu Drübeck)9

Pietà

Maria hält ihren toten Sohn.

Es ist, als sei es gestern gewesen, da sie ihn geboren hat. Da sie ihn wickelte in Windeln und legte in eine Krippe.

Der Große, er wird wieder klein. Wird der Säugling, den sie umgeben möchte mit ihrer Gegenwart, ihrem Schutz. Als Baby liegt er in ihrem Schoß. Aber er ist still, schreit nicht mehr.

Immer noch, noch immer ist er ihr Kind.

Maria bleibt an seiner Seite. Hält den Schrei in sich aus und die Fragen. Erträgt die unerträgliche Kälte, die in ihm wächst.

Sie erstarrt mit ihm. Stirbt seinen Tod mit ihm, obwohl sie doch weiterleben muss. Ganz nah sind sie beieinander.

Maria wickelt noch einmal ihr totes Kind. Und wickelt auch sich selbst ein in ihren schneeweißen Schmerz. Sie verbindet ihn und sich. Damit sie miteinander verbunden bleiben. Als könnten die Wunden noch einmal heilen und ein Wunder geschehen.

Schutzmantelmadonna

Einmal wird im Kokon Wärme wachsen. Einmal wird dort die Liebe zu glühen beginnen.

Dann regt sich das Leben neu in ihr.

Das Schneeweiß taut, sie spürt in sich ein Herz leise schlagen.

Einmal zieht Maria sich einen neuen Mantel über. Der ist weit. Unter ihm blüht das Leben.

Dann finden Kinder, die nicht sie geboren hat, Schutz unter ihren Fittichen.

15. März

Beflügelt

Ich wünsche dir,

dass dir die Sehnsucht bleibt,

mit den Zugvögeln

ins Weite zu ziehen.

Ich wünsche dir,

dass dir gelegentlich Flügel wachsen,

die dich hinaustragen

über dich selbst.

Damit du die anderen Seiten

der Welt entdecken kannst,

in der Nähe und in der Ferne,

in anderen Menschen und in dir.

16. März

Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Offenbarung 21,4a

Gehalten

Ein schlafendes Kind. Ganz still, ganz entspannt ist sein Gesicht. Der Arm hängt locker vom Körper hinab. Es schläft auf dem Arm der Mutter und hat den Kopf an ihre Schulter gelehnt. Die Mutter hält ein Taschentuch in der Hand. Immer wieder wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Und ab und zu streicht sie ihrem Kind sanft über den Rücken.

Ich sehe die beiden von meiner Kanzel aus. Sie sitzen vorn in der Friedhofskapelle unter den Angehörigen des Verstorbenen, den wir beerdigen müssen. Ich sehe sie, während ich von der Kanzel die alten biblischen Worte lese. Tausendmal wohl schon habe ich sie gelesen. Und heute noch einmal neu: »Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde«, steht da. Da ist »die ›Hütte Gottes‹ bei den Menschen ... und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein …« (Offenbarung 21,1-4).

Ich lese und sehe die Mutter, die sich die Tränen abwischt. Und auf ihrem Arm das vollkommen ruhige Kind. Es versteht noch nicht, dass der Opa nun nicht mehr bei ihnen ist. Vielleicht spürt es, wie traurig die anderen sind. Und trotzdem ist es geborgen, kann sich fallen lassen in den Schlaf. Die beiden rühren mich an, sie wecken eine Sehnsucht in mir. Ja, das wäre schön: Gehalten zu werden, gerade, wenn man traurig ist. Sich bergen an einer Schulter, eine zärtliche Hand im Rücken spüren.

Und dann die biblischen Worte dazu. Sie lassen das möglich erscheinen. Sie lassen mich ahnen, dass da ein Größerer hinter uns ist. Er reicht weiter als unser Leben, unsere Gedanken, der Schmerz, die Zeit. Kein über alles erhabener Gott ist das, von dem da erzählt wird, sondern einer, der sich berühren lässt. Vielleicht ist er so zärtlich wie diese Mutter, die ihrem Kind über den Rücken streicht. Und sein neuer Himmel beginnt hier, in dieser Kapelle, mitten unter uns.

17. März

Anders gesagt: Tröster*in

Ein*e Tröster*in ist, wer die Härte des Todes nicht beschönigt. Sie/er öffnet dem Gegenüber einen Raum, in dem alles sein darf und hält seine Tränen, hält Wut und Verzweiflung aus. Nimmt darin die Liebe zum nun Verlorenen wahr und sieht die Angst vor dem, was die Zukunft bringt.

Ein*e Tröster*in weiß: Erst auf dem Grund der Trauer ereignet sich eine Wende und der weite Weg zurück ins Leben beginnt.

18. März

Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt! Matthäus 26,41a

Bleiben und Standhalten

In Anfechtung fallen. Ich stelle mir einen Fechtkampf vor: Wer stärker ist, drängt das Gegenüber in die Ecke, bedroht und sticht mit der Waffe nach ihm. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis der Kampf mit einem letzten Schlag endet. Und der oder die Angefochtene? Ihm oder ihr werden die Knie weich, der Boden unter den Füßen wankt.

Jesus ist angefochten, er ahnt, was auf ihn zukommt: Seine Gegner sind auf dem Weg, um ihn gefangen zu nehmen. Dann warten Verurteilung, Verspottung und der Tod auf ihn. Die Lage ist ernst, Jesus braucht Hilfe. Er wendet sich an die Jünger. Doch er bittet sie nicht um Waffen, sondern ruft ihnen zu: Wachet! Und betet! Fast klingt es wie ein Befehl.

Wie kann man es schaffen, stark zu bleiben, wenn man angefochten ist? Wenn man durch einen schweren Kampf oder ein dunkles Tal muss und das Gefühl hat, Gott habe einen vergessen? Manchmal kann man selber es gar nicht.

Wie gut, wenn dann andere da sind. Menschen, die bei mir bleiben, die sich nicht in die Ecke drängen lassen, sondern standhalten. Die hellwach sind für das, was mir helfen kann. Menschen, die weiterglauben, weiterbeten. Die Rückhalt suchen bei Gott und so mich halten. Die sich von ihm stärken lassen und so mich stärken.

Angefochtene hindurchtragen durch ihre Kämpfe. Das ist eine Aufgabe der Glaubensgemeinschaft. Standhalten, wachen und beten, den ganzen schweren Weg hindurch. Jesus vor Augen haben und gegen allen Augenschein weiterhoffen: am Ende steht Gott und wartet mit neuem Leben auf uns.

19. März

Auf dem Weg

Wer weiß schon,

ob Sterne verlässlich sind.

Und wer könnte sagen,

ob die Kräfte reichen?

Um diesen

einen Schritt nur

weißt du,

für den der Fuß

die Luft schon betreten hat,

um gleich den Boden

erneut zu berühren.

Diesen Schritt gehen,

als sei er es,

auf den alles ankommt,

als sei er es,

der dich schon bringe

ans Ziel.

20. März

Meine Zeit steht in deinen Händen. Psalm 31,16a

Die Stille danach

Der letzte Atemzug eines Lebens. Die Stille danach.

Als ihr Vater starb, hat sie diese Stille fast als heilig empfunden. Vorbei der Schmerz, das Leiden. Vorbei aber auch das Leben.

Einige Momente bei ihm bleiben, seine noch warme Hand in ihrer. Die Mutter streicht ihm die Augen zu. Eben noch die schweren, dann schnappenden Atemzüge. Und nun Schweigen.

Irgendwann steht die Mutter auf. Sie hört ihre Stimme am Telefon. Die Pfarrerin kommt, sie spricht ein Gebet und einen Segen. Einige Stunden liegt der Vater in seinem Bett. Als schliefe er. Nur stiller. Und so blass.

Gegen Abend kommt der Bestatter. Zu zweit waschen sie den Leichnam und kleiden ihn um. Nun liegt der Vater in seinem Anzug da. Der Bestatter nimmt ihn mit.

Und schon bald beginnt die Geschäftigkeit. Sie hilft, das Unbegreifliche auf Distanz zu halten. Gefühle, die unerträglich erscheinen, noch eine Weile fernzuhalten.

Sie tun das, was sie noch für ihn tun können. Gestalten diese Phase nach seinen Wünschen, so, wie es zu seinem Leben passt.

Die Trauerfeier vorbereiten, Karten schreiben und verschicken, Verwandte und Nachbarn bewirten, die zu Besuch kommen. Wohltuend sind die, die von dem erzählen, was er ihnen bedeutet hat. Auf gute Ratschläge hingegen, auf Prognosen zum Trauerprozess könnte sie gut verzichten.

Wie lange dauert die Trauer? Sie dauert, so lange sie dauert.

In den ersten Monaten ist sie einem Gewirr von Gefühlen ausgesetzt.

Ein Erinnerungsanlass von irgendwoher, und schon fließen die Tränen und lassen sich nicht aufhalten.

Es wird anders, ein langsamer, langer Weg. Manchmal träumt sie von ihm. Immer mehr spürt sie, dass der Vater weiterlebt in ihr. In Bildern, Erinnerungen, Gesten. Im Gedächtnis des Körpers, der seine Hände noch spüren kann.

Doch auch Jahre später gibt es Momente, in denen die Trauer sie überfällt. Feiern, auf denen er fehlt, die Fragen der Kinder, die seine Enkel*innen gewesen wären.

Ein Mensch, der einem lieb war, hört nicht auf, bei einem zu sein.

Und er hört nicht auf, einem zu fehlen.

21. März

Einkehr

Manchmal scheint die Zeit dir zu schnell.

Sie rast dahin und lässt dich zurück.

Dann atme aus und bleib stehen.

Öffne die Tür nach innen und kehr bei dir ein.

Erinnere dich, einmal warst du ein Kind.

Hüll dich ein in den Trost dieser Zeit.

Überlasse dich wieder den Händen, die halten,

und lehne dich an eine weiche Schulter.

Übe dich in Gelassenheit.

Die Welt kommt eine Weile ohne dich aus.

Bis die Kraft zurückkehrt zu dir

und du dich wieder aufmachen kannst

mit neuem Vertrauen ins Leben.

22. März

Halleluja

»Gehen Sie heute doch zu Schwester Auguste«, sagte die Stationsleiterin zu mir. »Sie ist sehr schwach. Es wird wohl das letzte Mal sein, dass Sie sie besuchen können.« Ich war wieder einmal zu Besuch in diesem Altenheim für Diakonissen, in dem ich vor meinem Studium gearbeitet hatte. Dort hatte ich Schwester Auguste kennengelernt. Sie war damals weit über achtzig und ich gerade neunzehn Jahre alt. Sie machte es mir nicht leicht. Vielleicht, weil sie oft Schmerzen hatte, ihre Finger waren vom Rheuma ganz krumm. Jedenfalls war sie häufig unzufrieden und ließ mich das manchmal spüren.

Nun stand ich also da, vor ihrer Tür, mit zitternden Knien, unsicher, was mich erwarten würde. Schließlich fasste ich mir ein Herz, klopfte und trat ein. Schwester Auguste lag in ihrem Bett, ihr Atem ging flach. Es war sehr still im Zimmer, und die Frühlingssonne flutete durchs Fenster. Ich setzte mich auf einen Stuhl neben das Bett. Ob sie mich wahrnahm, wusste ich nicht. Aber ich spürte, wie ich nach und nach selbst zur Ruhe kam. Fast war es, als habe sich ein Frieden im Zimmer ausgebreitet, der ansteckend war. Ich saß nur da und schwieg. Ab und zu fiel mein Blick durchs Fenster in den großen Garten. Dort blühten die ersten Narzissen und Tulpen. Ostern stand vor der Tür.

Ein altes Osterlied kam mir in den Sinn. Ich sang es ihr vor: »Christ ist erstanden von der Marter alle. Des soll‘n wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.« Als ich an dieser Stelle angekommen war, da stimmte Schwester Auguste plötzlich ein: »Halleluja«, sagte sie laut und deutlich. »Halleluja.« Übersetzt ins Deutsche heißt das: »Lobt Gott!«

Beeindruckt habe ich damals das Zimmer verlassen. Wie viel mehr mag ein sterbender Mensch mitbekommen, als wir manchmal vermuten. Und wie sehr kann selbst in der letzten Zeit die Kraft noch tragen, die aus dem Glauben entsteht.

Selbst, wenn andere Menschen es nicht wahrnehmen, ja, vielleicht gar nicht mehr für möglich halten: Christus kann auch dann immer noch da und nah sein und einen Menschen erquicken, kann ihn trösten und stärken auf seinem letzten Weg.

23. März

Das Kleine würdigen

Ein Blick in den Garten zeigt mir, wie Gott das Kleine würdigt. Ich sehe Apfelbaum, der seine Blüten in die Sonne hält. Kaum vorstellbar, dass er aus einem einzigen kleinen Kern entstanden ist. Jetzt kann ich seinen Stamm nicht mehr alleine umfassen. Ich freue mich schon auf die Äpfel im Herbst, sie schmecken köstlich. Jedes Jahr sorgen sie dafür, dass ich Gelee im Regal und Most im Keller habe.

Wenn Gott seinen Segen gibt, kann aus Kleinem etwas Erstaunliches werden. Das macht mir Mut für mein Leben.

24. März

Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Lukas 9,62

Gespannt zwischen Gestern und Morgen

An einem Frühlingsmorgen öffne ich das Tor zum alten Friedhof am Lindener Berg. Es ist, als beträte ich eine andere Welt. Ich gehe durch von Scilla bedeckte Flächen, hier und da blühen Osterglocken oder Schlüsselblumen im Blau. An verwitterten, moosbewachsenen Grabsteinen laufe ich entlang. Die Bäume sind noch kahl, in den Zweigen zwitschern die Vögel und ein Eichhörnchen huscht einen Stamm entlang. Irgendwo hämmert ein Specht, es klingt, als schlüge einer immer denselben Ton auf einem Xylophon an.

An manchen Gräbern sind Skulpturen zu sehen. Eine von ihnen zeigt eine versteinerte Frau, auf den Grabstein gestützt weint sie seit vielen Jahren um ihren Mann. Als ich weitergehe, frage ich mich, ob es ihr wirklich so gegangen ist, dass sie seinen Tod nicht verwinden konnte. Dass, obwohl die Zeit weiterlief und sich der Alltag langsam wieder einstellte, sie doch nie da war, wo ihr Körper sich aufhielt, sondern mit ihren Gedanken, mit ihrer Seele immer an seinem Grab verweilte. Ob der Schmerz sie erfasst und versteinerte hatte, ob er die Zeit einfror und die Zukunft lähmte.

Es ist so schwer weiterzugehen, wenn einer gestorben ist, den man liebt. Es ist, als verlasse man ihn und fügte sich dem Tod. Als lasse man so das Sterben ein zweites Mal zu.

Ich gehe weiter, schaue auf die blauen, blühenden Flächen, Baumschatten fallen darauf, zeichnen und mustern sie. In einem Wipfel singt eine Amsel ihr Morgenlied.

Mein Blick fällt auf ein anderes Grab: Dort ist ein lebensgroßer Engel zu sehen. Alles an ihm wirkt behutsam und offen. Er steht über denen, die an das Grab kommen, so scheint es. Sein Blick ruht auf ihnen, als wolle er sagen: »Weint ruhig. Ich sehe eure Trauer und kann sie verstehen.« Doch gleichzeitig weist seine Hand auch mit zarter und doch beharrlicher Geste ins Weite. Als gäbe er eine Erlaubnis, diesen Ort der Erinnerung auch wieder zu verlassen und sich der Zukunft zuzuwenden, dem neuen Land.

Die Toten ihre Toten begraben lassen (Lukas 9,60), die Hand an den Pflug legen, ohne zurückzuschauen (Lukas 9,62), das kann ich nicht. Ich komme Jesus, dem Sprecher dieses harten Satzes oft nicht hinterher. Wie könnte ich Schritt halten mit ihm, der den Himmel vor Augen hat, als wäre der schon da und er selbst darin angekommen? Ich bin der Erde noch verbunden, bin in die Zeit gespannt zwischen gestern und morgen. Und manchmal öffnet sich mir gerade im Erinnern eine Tür in die Zukunft.

Und so brauche ich diese Momente zum Atemholen: auf einem Friedhof verweilen; gerade, wenn ich traurig bin. Dort sein, wo Tote ruhen und doch das Leben blüht. Weinen, damit Hartes in mir weich wird und zerfließen kann. Die Verstorbenen einem Größeren ans Herz legen, bis mir der Stein vom Herzen fällt.

Dann aber will ich dem Engel folgen, der ins Weite weist, und das Tor zur Trauer schließen. Will die Hand an den Pflug legen, den Blick wenden und nach vorne schauen. Und manchmal sehe ich am Horizont einen Schimmer aufblitzen, der nicht von dieser Welt zu sein scheint.

25. März

An der Grenze

Wenn wir an der Grenze des Todes einander loslassen müssen, dann tröstet mich der Gedanke, dass Gott bei uns bleibt.

Er ist auf beiden Seiten, im Land der Lebenden und im Land der Gestorbenen. Ich stelle mir vor, wie er an der Grenze steht. Eine Hand reicht er uns zur Erde. Die andere reicht er denen, die schon vorausgegangen sind. So verbindet er Zeit und Ewigkeit. Und so verbindet er auch uns miteinander. Über die Grenze des Todes hinaus.

26. März

Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr‘s denn nicht? Jesaja 43,19a

Die Trümmerfenster von Erfurt

Durch einen Bombenangriff gegen Ende des Zweiten Weltkriegs sind die Fenster der Predigerkirche in Erfurt zerborsten.

Da gab es ein Lutherfenster und eines, das Johannes, den Täufer, abbildete. Andere zeigten Motive des Weihnachts- und des Osterfestes sowie des Karfreitags. Auf weiteren Fenstern waren Muster zu sehen, ähnlich denen, wie sie auf einem Teppich zu finden sind. Zwischen 1891 und 1898 waren diese gläsernen Kunstwerke im südlichen Seitenschiff und im Hohen Chor eingebaut worden.

Und nun sind die Fenster völlig zerstört. In unzähligen Einzelteilen liegen sie am Boden. Nicht mehr zu retten, so scheint es. Es hätte nahegelegen, die Scherben zusammenzufegen und auf den Müll zu werfen.

Aber so war es nicht. Einer war da, der die Bruchstücke aufgesammelt hat. Vielleicht hat er sich geschnitten daran. Ich stelle mir vor, wie er sie trotzdem einbettet in etwas Weiches, Papier oder Wolle, damit sie nicht noch mehr zerbrechen.

Manches ist auf den Fragmenten noch gut zu erkennen:

Eine Feder, eine Rose, ein Eichenblatt, eine Hand, Fragmente von Bögen und Linien.

Anderes bleibt rätselhaft und weckt die Fantasie:

Hier könnten die Falten eines roten Gewandes zu sehen sein, dort der Rest eines Haarschopfes, dies mag ein Stück vom Himmel gewesen sein und dort, der angedeutete Schwung – er könnte zu einem Gesicht gehört haben.

Heil machen lassen sich die Fenster nicht mehr. Man könnte sie allenfalls rekonstruieren.

Doch der Restaurator und Glasmaler Hans Hajna hat eine andere Idee. Wo andere wertlose Bruchstücke wahrnehmen, sieht er etwas Neues, das entstehen könnte.

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25 haziran 2025
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9783761567852
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