Kitabı oku: «Definitheit im Deutschen und im Chinesischen»

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Tingxiao Lei

Definitheit im Deutschen und im Chinesischen

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0049-6


Inhalt

  Danksagung

 1 Einleitung1.1 Gegenstand1.2 Aufbau der Arbeit1.3 Quellen der Beispiele sowie Angaben zum Transkriptionssystem

 2 Definitheit und verwandte Konzepte2.1 Referenz2.1.1 Referentielle und nicht-referentielle NPn2.1.2 Nicht-referentielle NPn im Deutschen2.1.3 Nicht-referentielle NPn im Chinesischen2.2 Spezifizität2.3 Generizität2.3.1 Generische NPn und generische Sätze2.3.2 Generische NPn im Deutschen und im Chinesischen2.4 Definitheit2.4.1 Verwendungsweisen des definiten Artikels2.4.2 Was ist Definitheit?2.5 Fazit

 3 Definitheit im Deutschen3.1 Definiter Artikel3.2 Demonstrativdeterminativ3.2.1 Gebrauchskontexte von Demonstrativa3.2.2 Unterscheidung zwischen definitem Artikel und Demonstrativdeterminativ3.3 Possessivdeterminativ3.4 Quantifizierende Determinative all- und jed-3.5 Exkurs: Der indefinite Artikel3.5.1 Der kategoriale Status von ein3.5.2 Ein auf dem Weg der Grammatikalisierung3.6 Fazit

 4 Definitheit im Chinesischen4.1 Der aktuelle Forschungsstand4.1.1 Li & Thompson (1975, 1978, 1981)4.1.2 Y.-Z. Shi (2002)4.1.3 LaPolla (1990, 1995)4.1.4 Chen (2004)4.2 Wortstellung und Definitheit4.2.1 Informationsstruktur4.2.2 Positionen, die definite/indefinite NPn präferieren4.3 Fazit

 5 NP-Formen im Chinesischen und Definitheit5.1 NPn mit Demonstrativa5.1.1 Gebrauchsweisen von Demonstrativa im Chinesischen5.1.2 Artikelähnliche Verwendungen von Demonstrativa5.2 NPn mit Pers+de5.3 Allquantifizierte NPn5.4 Yi+Kl+N5.4.1 Verwendungsweisen von yi5.4.2 Yi+Kl+N, das als definit interpretiert wird5.5 Indeterminierte NPn5.5.1 Bloße NPn5.5.2 Num+Kl+N5.6 Fazit

 6 Empirische Untersuchung6.1 Pers+de+N und Poss+N6.1.1 Gebrauchskontexte von Pers+de6.1.2 Belege für possessive NPn im Ausgangstext6.1.3 Belege für Poss+N in der Übersetzung6.2 Dem+Kl+N und Dem+N6.2.1 Belege für Dem+Kl+N im Ausgangstext6.2.2 Belege für Dem+N im Zieltext6.3 Yi+Kl+N und ein+N6.3.1 Yi+Kl+N, das auf identifizierbare Entitäten referiert6.3.2 Belege für ein+N und ihre Entsprechungen im Ausgangstext6.4 Num+Kl+N6.5 Fazit

  7 Schlusswort

  Abkürzungsverzeichnis

  Angaben zu Autor, Titel und Übersetzung der einzelnen Korpustexte

  Literaturverzeichnis

Danksagung

Die vorliegende Arbeit wurde im Sommersemester 2016 von der Fakultät für Philologie der Ruhr-Universität Bochum als Dissertation angenommen. Für die Publikation wurde die Arbeit geringfügig überarbeitet.

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei allen Personen und Institutionen bedanken, die mich im Forschungsprozess begleitet und gefördert haben:

Mein Dank gilt an erster Stelle meiner Doktormutter Frau Prof. Dr. Karin Pittner für die freundliche Überlassung des Themas, für die hervorragende und stets engagierte wissenschaftliche Betreuung und den immerwährenden und inspirierenden Optimismus auch in schwierigen Phasen dieser Arbeit.

Zudem danke ich Herrn Prof. Dr. Dr. h.c. Heinz H. Menge für die hilfsbereite und wissenschaftliche Betreuung als Zweitgutachter. Seine Anmerkungen und kritischen Kommentare haben zum guten Gelingen dieser Arbeit beigetragen.

Herrn Thomas Beckmann danke ich für das sorgfältige Korrekturlesen und für vielfältige Anmerkungen und Hinweise.

Mein besonderer Dank gebührt Herrn Tillmann Bub für die ausgezeichnete redaktionelle Betreuung des Publikationsprozesses.

Bei dem China Scholarship Council bedanke ich mich herzlich für die finanzielle Förderung über die gesamte Entstehungszeit der Dissertation. Weitere Unterstützung lieferte die VG Wort, indem sie einen großzügigen Druckkostenzuschuss für die Publikation des vorliegenden Buches gewährte.

Schließlich und nicht zuletzt möchte ich meinem Mann Yingbin ganz herzlich danken – dieser Dank gilt nicht nur seinen wertvollen Hinweisen und Ratschlägen für die Bearbeitung meines Themas, sondern auch seiner unermüdlichen Unterstützung während der gesamten Promotionszeit.

1 Einleitung
1.1 Gegenstand

Definitheit ist ein Begriff, der in den Sprachwissenschaften eng mit der Verwendung des Artikels verbunden ist. In Artikelsprachen werden Nominalphrasen (im Folgenden abgekürzt als NP) mit definitem oder indefinitem Artikel als prototypische Beispiele für definite und indefinite NPn angesehen. Es ist jedoch umstritten, welche Rolle Definitheit in Sprachen ohne Artikel spielt bzw. wie sie ausgedrückt wird. Es ist zu bemerken, dass im Chinesischen eine starke Tendenz besteht, dass das Subjekt definit und das Objekt indefinit ist (Chao 1968). Diese Beobachtung hat zu der Annahme geführt, dass das Fehlen des Artikels im Chinesischen durch Variation in der Wortstellung kompensiert wird, und zwar wird Wortstellung zum Ausdruck von Definitheit verwendet (Li & Thompson 1975, 1978, 1981, im Folgenden als L&T abgekürzt, Shi 2002). Diese Auffassung ist heute allgemein verbreitet, obwohl LaPolla in seiner Dissertation im Jahr 1995 bereits darauf hingewiesen hat, dass die von Chao (1968) beschriebene Tendenz ein Nebeneffekt der Informationsstrukturierung ist. Ein weiteres Mittel, das beim Ausdruck von Definitheit eine wichtige Rolle spielt, sind „Determinative“. Es ist oft zu lesen, dass Demonstrativa, Pers+de sowie yi(+Kl) im Chinesischen Determinativen im Englischen ähneln und eine definite/indefinite Interpretation bewirken. Es wird vielfach versucht, den Zusammenhang zwischen Wortstellung, Determinativen und Definitheit zu beschreiben und daraus Gesetzmäßigkeiten abzuleiten.

Der Ausgangspunkt dieser Arbeit ist zunächst: Definitheit ist als grammatische Kategorie in Sprachen ohne Artikel nicht vorhanden. Dagegen kann Identifizierbarkeit, die ein semantisch-pragmatisches Konzept darstellt und in Sprachen mit Artikel als Definitheit grammatisch realisiert wird, in allen Sprachen zum Ausdruck kommen. Vor diesem Hintergrund ist es von besonderem Interesse, wie Identifizierbarkeit im Chinesischen ausgedrückt wird. Es ist jedoch unmöglich, diese Frage im Rahmen einer einzelnen Arbeit zu beantworten. In der vorliegenden Arbeit rücken folgende Punkte in den Fokus der Untersuchung:

 In der Literatur wird vertreten, dass bestimmte syntaktische Positionen eine Präferenz für definite oder indefinite NPn aufweisen. Es lässt sich jedoch fragen, ob diese Präferenz auf Definitheit zurückzuführen ist.

 Auch wird behauptet, dass Demonstrativa und Pers+de im Chinesischen Definitheit induzieren, während yi(+Kl) eine indefinite Interpretation bewirkt, genau wie die entsprechenden Formen im Deutschen. In der vorliegenden Arbeit wird untersucht, inwiefern diese Aussage zutrifft oder nicht zutrifft.

 Bekommt der Hörer im Chinesischen Hinweise, um aus der Menge möglicher Referenten einer NP den in der jeweiligen Situation gemeinten Referenten auszuwählen? Wenn ja, welche Hinweise sind das?

Ziel der Arbeit soll sein, die in der Literatur vertretenen Meinungen zu überprüfen und sie um neue Erkenntnisse zu erweitern. Definitheit wird hier aus einer sprachvergleichenden Perspektive untersucht, und zwar aus folgenden Überlegungen heraus: Zuerst ist Definitheit im Deutschen relativ gut erforscht und die dabei gewonnenen Erkenntnisse können wesentlich zum Verständnis von Definitheit im Chinesischen beitragen. Außerdem werden durch den Vergleich mit der deutschen Sprache die Besonderheiten der chinesischen Sprache sichtbar. Ferner wird stets nach Erklärungen gesucht, die nicht nur einzelsprachlich, sondern sprachübergreifend gelten.

1.2 Aufbau der Arbeit

Der Aufbau dieser Arbeit gliedert sich in 7 Kapitel, die zunächst zusammenfassend dargestellt werden:

In Kapitel 2 werden der Begriff Definitheit sowie die mit ihm verwandten Konzepte Referenz, Spezifizität und Generizität erläutert, um terminologische Verwirrungen zu vermeiden und eine theoretische Basis sicherzustellen. In Abschnitten 2.1 bis 2.3 werden zuerst die zugrundeliegenden Theorien kurz dargelegt, dann wird versucht, präzise Kriterien für die Analyse und Interpretation von NPn im Deutschen und Chinesischen aufzustellen, damit die Analyse strukturiert und effektiv durchgeführt wird. In Abschnitt 2.4 wird der zentrale Begriff Definitheit abgegrenzt. Es wird zunächst auf die Verwendungsweisen des definiten Artikels eingegangen, die die Basis von Definitheitstheorien bilden. Dann werden einige Theorien zur Definitheit vorgestellt, die unterschiedliche Gebrauchsweisen des definiten Artikels als Ausgangspunkt wählen.

Kapitel 3 bietet einen Überblick über unterschiedliche Formen von definiten und indefiniten NPn im Deutschen. Im Deutschen wird Definitheit bei NPn mit nominalem Kern (engl. full noun phrases) immer durch definite Determinative markiert, während Indefinitheit einfach durch die Abwesenheit dieser Determinative zum Ausdruck kommt. In diesem Kapitel stehen die Gebrauchsweisen von Determinativen (definiter Artikel, Demonstrativa, Possessiva, Allquantoren, indefiniter Artikel) im Mittelpunkt. Es soll die Frage beantwortet werden, wie sie mit Definitheit bzw. Indefinitheit verknüpft sind.

In Kapitel 4 werden bisherige Forschungsergebnisse zur Untersuchung von Definitheit im Chinesischen kritisch dargestellt und somit Probleme der Diskussion offen gelegt. Es wird oft die These vertreten, dass Definitheit im Chinesischen durch Wortstellung markiert wird. Als Argument wird angeführt, dass einige syntaktische Positionen eine Präferenz für definite oder indefinite NPn aufweisen. In diesem Kapitel soll gezeigt werden, dass diese Präferenz nicht auf Definitheit zurückzuführen ist, sondern auf das Zusammenwirken von mehreren Faktoren wie z.B. Informationsstruktur, Aspekt, Verbalcharakter usw.

In Kapitel 5 wird ermittelt, wie NPn unterschiedlicher Formen im Chinesischen bezüglich des Merkmals identifizierbar/nicht-identifizierbar interpretiert werden. Dabei erfolgt eine kritische Betrachtung der bisherigen Forschungsergebnisse und sie werden um eigene Ideen ergänzt. Die hier vorgestellten Zwischenergebnisse sollen anhand eines Übersetzungskorpus überprüft und um neue Erkenntnisse ergänzt werden.

Im 6. Kapitel wird eine sprachvergleichende Analyse mit Blick auf die obengenannten Fragen durchgeführt. Die Analyse stützt sich auf ein selbst erstelltes Korpus von 40 Artikeln der Online-Zeitschrift des Goetheinstituts, die ursprünglich auf Chinesisch verfasst und dann ins Deutsche übersetzt wurden.1 Die Untersuchung geht so vor, dass zuerst nach Pers+de+N, Dem+Kl+N, yi+Kl+N im chinesischen Ausgangstext und nach den entsprechenden Formen im deutschen Zieltext (nämlich Poss+N, Dem+N, ein+N sowie ihren verschiedenen Kasusformen) gesucht wird. Dann werden die Ergebnisse miteinander verglichen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Sprachen bezüglich des Merkmals „Definitheitsinduktion“ zu bestimmen. Zum Schluss wird versucht, mögliche Ursachen für die Unterschiede zu bestimmen.

In Kapitel 7 sind einige persönliche Bemerkungen und Anregungen für weitere Untersuchungen enthalten.

1.3 Quellen der Beispiele sowie Angaben zum Transkriptionssystem

Die vorliegende Arbeit basiert auf Materialien aus verschiedenen Quellen:

 Beispiele aus Korpora, zu denen

 das selbst erstellte Korpus

 das Deutsche Referenzkorpus (DeReKo) des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache sowie

 das Korpus des Centers for Chinese Linguistics, Peking University (im Folgenden als CCL-Korpus bezeichnet) gehören;

 Beispiele, die aus anderen Arbeiten übernommen werden;

 selbst konstruierte Beispiele.

Chinesische Sätze werden in Pinyin-Umschrift angeboten, wobei die Bezeichnung der Töne einfachheitshalber weggelassen wird.1 Als nächstes kommt die Wort-für-Wort Übersetzung und anschließend die Übertragung ins Deutsche. Um dem Leser dieser Arbeit das Erkennen des Zusammenhangs des einzelnen Zeichens zu erleichtern, werden die jeweils fraglichen chinesischen NPn sowie ihre deutsche Entsprechung durch Unterstreichung gekennzeichnet.


Beispiele aus englischer Literatur werden in ihrer Originalform zitiert (Lautschrift, englische Wort-für-Wort Übersetzung, Übertragung ins Englische). Beispiele aus meinem chinesisch-deutschen Übersetzungskorpus werden von mir in die Pinyin-Umschrift übertragen. Beispiele aus chinesischer Literatur oder aus dem CCL-Korpus werden von mir in die Pinyin-Umschrift transkribiert und ins Deutsche übersetzt.

2 Definitheit und verwandte Konzepte

Vorab ist zu bemerken, dass der Begriff Definitheit sowie die verwandten Konzepte Referenz, Spezifizität und Generizität in der Literatur nicht immer eindeutig geklärt und auch extrem uneinheitlich verwendet werden. Das führt dazu, dass die Ergebnisse einzelner Studien schwer vergleichbar sind. In diesem Kapitel werden die genannten Begriffe erläutert, um terminologische Verwirrungen zu vermeiden und eine theoretische Basis sicherzustellen. Außerdem wird versucht, präzise Kriterien für die Analyse und Interpretation von NPn im Deutschen und Chinesischen aufzustellen, damit die Analyse strukturiert und effektiv durchgeführt werden kann.

2.1 Referenz

Unter Referenz verstehe ich in Anlehnung an Lehmann (2015:2) die Operation, die eine Entität, Referent genannt, im Redeuniversum durch einen Ausdruck in einem Text evoziert. Ein sprachlicher Ausdruck referiert nicht auf einen Gegenstand in der physikalischen Welt (Denotat), sondern auf mentale Objekte im Redeuniversum (Referent). Das Redeuniversum ist ein mentaler Raum, den die Gesprächspartner in einer bestimmten Sprechsituation schaffen und entwickeln. Grob gesagt ist es die Schnittmenge des Bewusstseinsinhalts der Gesprächspartner (2015:7). Ob Referenten realexistente Objekte (Denotat) repräsentieren, ist für die Struktur und Bedeutung sprachlicher Äußerungen und Systeme irrelevant. In dieser Arbeit wird der Begriff der Referenz nur auf NPn eingeschränkt gebraucht.

Das Kapitel 2.1 gliedert sich wie folgt: Abschnitt 2.1.1 befasst sich mit der Unterscheidung zwischen referentiellen und nicht-referentiellen NPn, die für die vorliegende Arbeit besonders relevant ist, weil das Merkmal [+/-definit] dem Merkmal [+referentiell] untergeordnet ist. Dabei werden die übrigen in der Literatur entwickelten Kriterien zur Unterscheidung der beiden Typen von NPn in Betracht gezogen und auf ihre Gültigkeit überprüft. In 2.1.2 und 2.1.3 werden die Haupttypen von nicht-referentiellen NPn im Deutschen und Chinesischen kurz vorgestellt.

2.1.1 Referentielle und nicht-referentielle NPn

Unter dem Begriff „referentiell“ wird oft sehr Unterschiedliches verstanden.1 In der sprachphilosophischen Literatur werden referentielle NPn in Opposition zu den sogenannten attributiven NPn gesetzt:


Nach Donnellan (1966) hat der Satz zwei Lesarten: Eine referentielle (engl. referential), wenn der Sprecher genau weiß, wer der Mörder ist und mit der NP Smith’s murderer auf diese Person referiert; eine nicht-referentielle (engl. attributiv), wenn der Sprecher nicht weiß, wer Smith getötet hat. In der attributiven Lesart referieren die NPn nicht, sondern beschreiben nur, was für ein Individuum unter die Beschreibung der NP fällt. Ob eine definite NP referentiell oder nicht-referentiell verwendet wird, ist nach Donnellan (1966:297) „a function of the speaker’s intentions in a particular case“. Die Gegenüberstellung referentiell/attributiv entspricht ungefähr der Unterscheidung in spezifisch/nicht-spezifisch und wird oft unter dem Begriff der Spezifizität behandelt. Nach Vater (2005:101) ist der Terminus „(nicht) referentiell“ für die von Donnellan beschriebene Opposition nicht zutreffend, weil „auch beim ,attributiven‘ Gebrauch einer NP Existenz präsupponiert wird, nur nicht in der realen (zur Zeit der Äußerung gegenwärtigen) Welt, sondern in einer möglichen (bzw. zukünftigen) Welt.“ Nach ihm ist die prädikative NP ein prototypisches Beispiel für nicht-referentielle NPn (von ihm als „nicht-referierend“ bezeichnet). Die prädikative NP denotiert eine Eigenschaft (Qualität) und trägt vor allem zur Beschreibung des Referenten der Subjekt-NP bei, weshalb sie auch als qualitative NP bezeichnet wird. Diese Ansicht wird in der sprachwissenschaftlichen Literatur (z.B. Kuno 1970; Leys 1973; Vater 1979, 2005; Du Bois 1980) auf breiter Ebene geteilt. In dieser Arbeit wird der Begriff „(nicht) referentiell“ im Sinne von Vater verwendet, während die Opposition referentiell/attributiv im Sinne von Donnellan mit der Unterscheidung in (epistemisch) spezifisch/nicht-spezifisch gleichgesetzt wird.

Für die Forschung über Definitheit ist eine klare Unterscheidung zwischen referentiell und nicht-referentiell besonders wichtig, weil die Opposition definit/indefinit bei nicht-referentiellen NPn neutralisiert wird:


Bei referentiellen NPn erfüllen Artikel bestimmte pragmatische Funktionen: Wenn die Katze des Sprechers davongelaufen ist, wird er zu seiner Frau 3a sagen, bei Fremden auf der Straße 3b benutzen. Durch Verwendung unterschiedlicher Artikel wird signalisiert, dass der Sprecher unterschiedliche Erwartungen über das Hörerwissen hat. Wenn er annimmt, dass der Hörer den intendierten Referenten identifizieren kann, verwendet er den definiten Artikel, anderenfalls würde er auf den indefiniten Artikel zurückgreifen. Dagegen sind Artikel bei nicht-referentiellen NPn außer Markierung der morphologischen Eigenschaften „funktionslos“.

In der Literatur werden verschiedene Kriterien zur Identifizierung von nicht-referentiellen NPn entwickelt, die teilweise zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen und deswegen einer näheren Betrachtung bedürfen.

Kriterium 1: Nicht-referentielle NPn können nicht anaphorisch aufgegriffen werden (Kuno 1970, Leys 1973, Bausewein 1990, Bosch 2010):


Dieses Kriterium geht davon aus, dass qualitative NPn keine Existenz von Referenten präsupponieren. Deswegen kann zu ihnen keine anaphorische Verbindung hergestellt werden. Die NP ein Arzt in 4b dient nicht dazu, einen neuen Referenten in den Diskurs einzuführen, sondern dazu, einen schon in den Diskurs eingeführten Referenten (sein Vater) näher zu bestimmen. Bei der Anwendung dieses Kriteriums sind zwei Aspekte besonders zu beachten: Erstens soll festgestellt werden, ob zwischen zwei NPn tatsächlich Koreferenz besteht:


Lambrecht (1994) betrachtet die NP Arzt im Antwortsatz als referentiell, wofür er zwei Argumente anführt: Zum einen ist die NP „an anaphoric topic expression“, zum anderen kann die NP durch das Demonstrativpronomen das ersetzt werden. Dagegen ist kritisch einzuwenden, dass direkte Anaphorik nicht auf Formidentität, sondern auf Referenzidentität beruht. Bei 5 geht es darum, ob „er“ die Eigenschaft „als Arzt tätig sein“ besitzt. Mit der NP Arzt wird kein neuer Referent in den Diskurs eingeführt. Außerdem werden referentielle NPn im Deutschen je nach Genus pronominalisiert. Um auf eine maskuline NP im Singular Bezug zu nehmen, sollte das Pronomen der verwendet werden, nicht aber das neutrale das. Im Gegensatz dazu können artikelose NPn und Adjektive, die als Prädikativ fungieren, nur durch neutrale Pronomen (es/das/dies) ersetzt werden. Zweitens stellt die anaphorische Zugänglichkeit eine hinreichende, jedoch keine notwendige Bedingung für Referenzidentität dar: NPn, die anaphorisch aufgreifbar sind, sind referentiell. Umgekehrt gilt aber nicht: NPn, die referentiell sind, sind nicht immer anaphorisch zugänglich. Beispielsweise kann eine nicht-spezifische NP nicht mit einem Pronomen wieder aufgenommen werden, außer wenn das Pronomen in einem modalen Kontext steht (s. Abschnitt 2.2).

Kriterium 2: Belebte, nicht-referentielle NPn lassen sich nur mit was erfragen, belebte referentielle NPn dagegen mit wer/wen (Kuno 1971, Leys 1973):


Dieses Kriterium kann nur dann herangezogen werden, wenn die betreffende NP erfragbar ist. Viele nicht-referentielle NPn sind aber nicht allein erfragbar, weil sie Teil eines komplexen Prädikats ist.

Kriterium 3: Nicht-referentielle NPn können keine Attribute zu sich nehmen (Leys 1973, Bausewein 1990, Bosch 2010):


Aber es scheint doch Ausnahmen zu geben, etwa NPn, die als Prädikativ fungieren:


Obwohl die NP ein Arzt in 8a keinen Referenten hat, kann sie durch Adjektive und Relativsätze erweitert werden. Dann denotiert die gesamte NP eine komplexe Eigenschaft.

Kriterium 4: Der Numerus von qualitativen NPn kann nicht verändert werden (Du Bois 1980, Bausewein 1990:63):


Qualitative NPn denotieren Eigenschaften und können deswegen nicht gezählt werden (9a, b). Aber wenn sie als Prädikativ fungieren, müssen sie in der Regel in Numerus mit zusammenhängenden NPn kongruieren (9c).

Kriterium 5: Nicht-referentielle NPn sind nicht sensibel gegenüber Vorerwähnung (von Du Bois als „nonresponsiveness to prior mention“ bezeichnet).


Damit wird implizit unterstellt, dass referentielle NPn bei der zweiten Erwähnung als definit markiert werden sollten: „The forester and the mile, which would ordinarily be expected after prior mentions, are not appropriate in these examples.“ (Du Bois 1980:211). Diese Aussage hilft jedoch nicht bei der Unterscheidung, weil referentielle NPn gegenüber Vorerwähnung auch nicht sensibel sein können:


Die NP ein Auto ist zweimal vorgekommen und beim zweiten Vorkommen nicht als definit markiert. Der Grund besteht darin, dass die beiden NPn nicht referenzidentisch sind. Ob eine NP als definit markiert wird, hängt nicht davon ab, ob die NP (die Form) schon vorgekommen ist, sondern davon, ob der betreffende Referent vorerwähnt ist.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass es kein brauchbares Kriterium gibt, um nicht-referentielle NPn von referentiellen eindeutig zu unterscheiden. Aber je mehr Kriterien eine NP erfüllt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie qualitätsbezogen ist. Mit einer referentiellen NP wird entweder ein neuer Referent in den Diskurs eingeführt oder auf einen bereits eingeführten Referenten Bezug genommen. Dagegen denotieren qualitative NPn Eigenschaften und dienen dazu, einen anderen Referenten näher zu bestimmen.

2.1.2 Nicht-referentielle NPn im Deutschen

In diesem Abschnitt werden NPn im Deutschen, die in der Literatur als nicht-referentiell bezeichnet werden, anhand der oben angeführten Kriterien überprüft. Nach näherer Betrachtung ist festzustellen, dass prädikative NPn (in Form von bloßen NPn und NPn mit indefinitem Artikel), inkorporierte Objekte, NPn in Funktionsverbgefügen und in idiomatischen Wendungen sowie die sogenannten schwachen Definita die Haupttypen von nicht-referentiellen NPn im Deutschen darstellen.1

2.1.2.1 Prädikative NPn

Prädikative NPn treten in Kombination mit Kopula- oder kopulaähnlichen Verben auf. Prädikative, die mit Verben wie sein, werden, heißen, bleiben, gelten als usw. zusammen vorkommen, beziehen sich auf die entsprechenden Subjekte und werden als Subjektsprädikative bezeichnet. Demgegenüber beziehen sich Prädikative, die bei Verben des Benennens, Bezeichnens und Einschätzens auftreten (nennen, heißen, schimpfen, taufen; halten, erklären für; bezeichnen, betrachten, einschätzen, bewerten als usw.), auf die jeweiligen Akkusativobjekte und werden Objektsprädikative genannt (Bausewein 1990:250).



Auch NPn nach als oder wie, die nicht valenzabhängig sind und frei hinzutreten, werden in dieser Arbeit als Prädikative angesehen:1


Es ist darauf hinzuweisen, dass nicht alle prädikativen NPn qualitätsbezogen sind, z.B. Eigennamen sowie NPn mit definiten Determinativen:


Sätze wie 15a und b werden oft als äquative Kopulasätze bezeichnet. Äquative Kopulasätze charakterisieren sich dadurch, dass die Subjekt- und die Prädikativ-NP gegenseitig austauschbar sind. Die Funktion solcher Sätze besteht darin, die Referenten der beiden NPn miteinander zu identifizieren (J. Lyons 1977:185).

Wie Prädikative können Appositionen referentiell oder qualitativ sein. Während Appositionen in 16a und b eine Eigenschaft des Bezugsnomens repräsentieren, sind die in 16c und d referenzidentisch mit dem Bezugsnomen.


2.1.2.2 Inkorporierte Objekte

Mit Inkorporation wird ein Wortbildungsprozess bezeichnet, bei dem Akkusativobjekts-NPn oder NPn mit instrumentaler und lokaler Bedeutung zusammen mit dem Verb ein neues Verb bilden (Bausewein 1990:65).1


Bei einer Inkorporation liegt ein Verlust an Referenzfähigkeit gegenüber einer parallelen syntaktischen Struktur vor. Das zeigt sich darin, dass inkorporierte NPn anaphorisch nicht zugänglich sind. Außerdem können sie nicht in den Plural gesetzt werden sowie keine Attribute zu sich nehmen. Inkorporierte NPn verhalten sich mit den entsprechenden Verben in phonologischer und morphologischer Hinsicht wie ein Wort. Sie sind keine Ergänzung mehr, sondern ein Teil des Prädikats.

2.1.2.3 NPn in Funktionsverbgefügen und in idiomatische Wendungen

NPn in Funktionsverbgefügen können Objektfunktion erfüllen oder Teil von PPn sein. Sie werden nicht als selbständiges Satzglied betrachtet, weil sie mit anderen Bestandteilen eine semantische Einheit bilden. Das zeigt sich darin, dass sie in der Regel nicht pronominalisierbar und nicht erfragbar sind, außerdem kann ihr Numerus nicht verändert werden (Bausewein 1990:65).


Eine idiomatische Wendung ist eine feste Verbindung mehrerer Wörter zu einer Einheit, deren Gesamtbedeutung sich nicht oder nur teilweise aus der Bedeutung der einzelnen Komponenten ergibt (Bußmann 2008:277).


2.1.2.4 Schwache Definita1

Es wird zuerst im Englischen beobachtet, dass manche definite NPn zwei Lesarten zulassen, nämlich eine normale und eine „schwache“. Im Gegensatz zu normalen definiten NPn (engl. regular definites) tragen die schwachen Definita (engl. weak definites) keine Existenz- und Einzigkeitspräsupposition, sie verlangen auch keine Referenzidentifikation. Außerdem ist bei ihnen eine semantische Anreicherung zu beobachten (Carlson & Sussman 2005, Bosch 2013:31):


Die NP the building in 20b hat nur eine normale Lesart, und zwar wird mit dieser NP auf ein für den Empfänger identifizierbares Gebäude referiert. Dagegen hat 20a zwei Lesarten: Entweder geht John in ein bestimmtes Kino, oder der Satz ist mit der Annahme angereichert, dass John sich einen Film anschaut.

Das Deutsche erlaubt für definite NPn sowohl normale als auch schwache Lesarten, was sich zuerst bei NPn in PPn beobachten lässt (Bosch 2013). Im Deutschen können Präpositionen und definite Artikel zu einem Portmanteau-Morphem verschmelzen, im geschriebenen Hochdeutsch sind am, beim, im, vom, zum, zur, ins, ans, aufs verfügbar. Die PPn, die von Verschmelzungsformen eingeleitet sind, werden als kontrahierte PPn (im Folgenden abgekürzt als kPP) bezeichnet, während diejenigen, die von vollen Formen eingeleitet sind, reguläre PPn (im Folgenden abgekürzt als rPP) genannt werden. Die Interpretationsmöglichkeiten der definiten NPn in PPn werden von Bosch (2013:15–34) wie folgt zusammengefasst:

Erstens, wenn keine Verschmelzungsform verfügbar ist, sind rPPn ambig zwischen normaler und schwacher Lesart:


Bei 21b ist diese Ambiguität deutlich zu erkennen: Wenn die definite NP dem Fahrrad eine normale Lesart hat, müssen Berta und Inka auf demselben Fahrrad sitzen; wenn sie eine schwache Lesart hat, können sie auf unterschiedlichen Fahrrädern sitzen.

Zweitens, wenn eine Verschmelzungsform vorhanden ist, können rPPn nur eine normale Lesart haben:


Drittens, im Deutschen können kPPn gründsätzlich nur eine schwache Lesart haben.2

NPn mit einer schwachen Lesart werden von Cieschinger (2011:15ff.) als nicht-referentiell angesehen, dafür sprechen folgende Beobachtungen: Schwache Definita kennzeichnen sich dadurch, dass sie keine Diskursreferenten präsupponieren:


Außerdem kann mit schwachen Definita nicht auf einen zuvor explizit eingeführten Diskursreferenten Bezug genommen werden:


Ferner verlangen schwache Definita keine Identifizierbarkeit des Referenzobjekts:


Überdies können schwache Definita nicht anaphorisch aufgenommen werden:


Es ist zu betonen, dass das Demonstrativum der und die NP (zu)m Supermarkt in 26b nicht referenzidentisch sind. Der erste Satz in 26b drückt ein Konzept aus, nämlich „einkaufen gehen“. Die NP (zu)m Supermarkt ist kein selbständiges Satzglied, sondern bildet mit anderen Elementen eine semantische Einheit. Das Demonstrativum der sollte im Rahmen dieses Konzepts interpretiert werden, und zwar wird damit auf einen Supermarkt Bezug genommen, der im gemeinsamen Wissen von Sprecher und Hörer existiert.3 Eine weitere Eigenschaft, die schwache Definita mit anderen nicht-referentiellen NPn teilen, ist, dass sie keine Attribute zu sich nehmen können:


Nach Bosch (2011:34ff.) denotieren schwache definite NPn Eigenschaften oder Typen von (abstrakten) Situationen, in denen die physische Identität des Objekts nicht relevant ist. Diese Situationen abstrahieren von allen Unterschieden der konkreten Objekte und heben nur ihre allgemeinste Eigenschaft heraus, die ihnen allen gemeinsam ist.

2.1.2.5 Exkurs: Negative Pronomen sowie indefinite NPn im Skopus von negativen Quantoren

Negative Pronomen sowie indefinite NPn im Skopus von negativen Quantoren werden in der Literatur (z.B. Du Bois 1980) häufig als nicht-referentiell betrachtet, weil sie nicht anaphorisch aufgenommen werden können:


In dieser Arbeit werde ich solche NPn aber als referentiell werten. In der Prädikatenlogik sind negative Quantoren eine Kombination aus einem Negationsoperator (¬) und einem Existenzquantor (∃). Ein Satz wie 28a lässt sich paraphrasieren in: ‘Es ist nicht der Fall, dass es ein x gibt, für das gilt: x ist ein Student und x raucht‘. Auch negative Pronomen können paraphrasiert werden, 28b z.B. in: ‚Es ist nicht der Fall, dass es ein x gibt, für das gilt: x liebt Maria.‘ Es wird doch ein Referent im Diskursuniversum etabliert und anschließend wird seine Existenz negiert. Nach dieser Auffassung handelt es sich bei negativen Pronomen sowie indefiniten NPn im Skopus von negativen Quantoren eher um nicht-spezifische NPn, weil der Sprecher keinen bestimmten Referenten im Sinn hat.

2.1.3 Nicht-referentielle NPn im Chinesischen

Im Chinesischen sind Personalpronomen, Eigennamen und NPn mit Demonstrativa immer referentiell, während bloße NPn sowie (yi)+Kl+N nicht-referentiell verwendet werden können. Im Folgenden wird versucht, Gebrauchskontexte von nicht-referentiellen NPn zu beschreiben.

2.1.3.1 Prädikative NPn

In der chinesischen Grammatik existiert der Begriff „Prädikativ“ nicht. NPn, die die Funktion des Prädikativs erfüllen, werden als Objekt bezeichnet. Sie treten typischerweise mit folgenden Verben zusammen auf (vgl. Chen 1987):


Im Chinesischen wird die prädikative Funktion meistens durch bloße NPn oder yi+Kl+N ‚ein+Klassifikator+N‘ erfüllt:



Eigennamen oder NPn mit Demonstrativa können auch als Prädikative fungieren, sie sind immer referentiell:



2.1.3.2 Objekt-NPn in zweisilbigen Verb-Objekt-Konstruktionen

Unter zweisilbigen Verb-Objekt-Konstruktionen werden solche Konstruktionen verstanden, die aus einem einsilbigen Verb und einem einsilbigen Objekt bestehen:


Diese Konstruktion charakterisiert sich dadurch, dass das Verb und sein Objekt sowohl direkt nebeneinander als auch getrennt voneinander auftreten können. Deswegen werden sie in der chinesischen Grammatik als liheci (wörtlich ‚trennbare zusammengesetzte Wörter‘) bezeichnet. In der Literatur ist umstritten, ob solche Konstruktionen als Komposita oder als Verbalphrasen behandelt werden sollen. Da ihre Abgrenzung zu Verbalphrasen unscharf ist, lässt sich ihr Bestand nicht genau angeben.1

Verb-Objekt-Konstruktionen können in der Regel durch Aspektartikeln (32), Komplemente (chin. buyu) (33a, b), Attribute (35a, b) oder Num+Kl (36a, b) erweitert werden (Q.-H. Yang et al. 1995), außerdem ist es bei meinen Konstruktionen sogar möglich, die Objekt-NP in eine präverbale Position zu verschieben (34).

Aspektpartikeln drücken Aspekte der Handlung aus, z.B. ob sie vollendet ist (die aktuelle Aspektpartikel le) oder in der Vergangenheit schon einmal stattgefunden hat (die experimentale Aspektpartikel guo) oder andauert (die durative Aspektpartikel zhe):


Mit dem Begriff Komplement (chin. buyu) werden im Chinesischen Prädikatergänzungen gemeint. Sie kennzeichnen bei Verben das Resultat, die Richtung, den Grad etc. einer Handlung. Dazu zählen z.B. das Komplement des Resultats wie wan ‚fertig‘ in 33a und das Komplement der Häufigkeit wie z.B. liang ci in 33b:


Wie bereits erwähnt ist es bei manchen Verb-Objekt-Konstruktionen möglich, die Objekt-NP in eine präverbale Position zu verschieben:


Zudem kann die Objekt-NP in bestimmten Konstruktionen durch NPn oder Adjektive modifiziert werden, z.B. yi ge xiaoshi ‚eine Stunde‘ in 35a, da ‚groß‘ in 35b:



Die Objekt-NPn in 35a und b sind nicht erfragbar, obwohl sie durch Attribute erweitert werden können. Man kann nur nach dem gesamten Sachverhalt fragen, nicht aber nach dem scheinbaren Objekt. Das heißt, dass diese NPn mit dem Verb eine Einheit bilden.

Darüber hinaus gibt es Verb-Objekt-Konstruktionen, die sich durch Num+Kl erweitern lassen:


Wenn das Verb und die Objekt-NP direkt nebeneinander stehen, bilden sie zusammen ein Prädikat und die NP ist nicht referentiell. Wenn sie durch die obengenannten Elemente getrennt werden, ist aber eine referentielle Interpretation möglich. Zum Beispiel scheinen 36a und b dieselbe Struktur zu haben, aber die Objekt-NP in 36b ist erfragbar, die in 36a dagegen nicht, wie Beispiele 37a und b zeigen:



Yi ge in 36a erfüllt genauer gesagt die Funktion, das komplexe Prädikat xi zao ‚baden, duschen‘ zu modifizieren. Das lässt sich auch an der deutschen Übersetzung erkennen: Während yi ge ‚ein+Kl‘ in 36a mit dem Adverb einmal übersetzt wird, ist yi zhang ‚ein+Kl‘ in 36b mit dem indefiniten Artikel ein wiedergegeben.

2.1.3.3 Sonstiges

Genau wie im Deutschen sind NPn in idiomatischen Wendungen (s. Beispiel 204a und b, Seite 158) sowie NPn, die eine Quantitätsbestimmung enthalten (38a und b) im Chinesischen qualitative Ausdrücke:


2.2 Spezifizität

Das Konzept der Spezifizität wird zur Unterscheidung verschiedener Verwendungen oder Lesarten der indefiniten NPn verwendet. In der Literatur wird Spezifizität mit verschiedenen Faktoren in Verbindung gesetzt, z.B. Skopus, Sprecherintention, Diskurskohärenz, Partitivität, Präsuppositionalität, dem Kontrast zwischen schwachen und starken Quantoren, Topikalität oder Diskurseigenschaften wie Topikkontinuität und referentielle Persistenz oder noteworthiness (von Heusinger 2011:996). Von Heusinger (2011) unterscheidet z.B. zwischen 7 Subtypen von Spezifizität, während andere Sprachwissenschaftler nur einige davon unter diesem Begriff subsumieren. Es ist außerdem sehr schwierig, alle Verwendungen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. In dieser Arbeit konzentriere ich mich auf zwei Grundtypen von Spezifizität, denen in der linguistischen Literatur am meisten Aufmerksamkeit geschenkt wird, nämlich die skopale und die epistemische Spezifizität.1 Im Folgenden werden die zwei Arten von Spezifizität anhand von Beispielen vorgestellt, zum Schluss wird das ihr zugrunde liegende Konzept erläutert.

Skopale Spezifizität geht auf die formale Logik zurück und betrifft indefinite NPn in opaken Kontexten und indefinite NPn im Skopus von Quantoren (Farkas 2006).2 Indefinite NPn können weiten oder engen Skopus gegenüber einem Operator annehmen und dementsprechend eine spezifische oder eine nicht-spezifische Lesart bekommen.


Im Falle einer spezifischen Interpretation hat die NP a Norwegian in 39 einen weiten Skopus bezüglich des intensionalen Verbs want, und zwar wird sie unabhängig vom Skopus des Verbs interpretiert. Mit dieser NP referiert der Sprecher auf eine bestimmte Norwegerin, deren Identität dem Sprecher möglicherweise bekannt ist (39a). Die NP a Norwegian kann aber auch im Skopus von want interpretiert werden, das heißt, dass sie einen engen Skopus hat und nicht-spezifisch ist. Dabei meint der Sprecher kein bestimmtes Individuum, sondern irgendeinen Referenten, der die Eigenschaft besitzt, die durch die NP ausgedrückt wird (39b). Bei 40 kann die NP a foreign language weiten Skopus über den Allquantor every haben, und zwar sprechen alle Studenten in dieser Klasse dieselbe Fremdsprache (40a). Diese NP kann aber auch engen Skopus haben, dann besteht eine Kovariation zwischen den gesprochenen Fremdsprachen und den Studenten in dieser Klasse (40b). Wenn die NP a misprint in 41 einen weiteren Skopus als die Negation hat, referiert sie auf einen bestimmten Druckfehler (41a), anderenfalls referiert sie auf irgendeine Entität, die die Eigenschaft besitzt, einen Druckfehler zu sein (41b).

Die epistemische Spezifizität betrifft indefinite NPn in Kontexten ohne Operatoren jeglicher Art und hängt mit der referentiellen Intention des Sprechers zusammen. Wenn der Sprecher einen bestimmten Referenten im Sinn hat, ist die NP spezifisch; wenn er auf irgendein Objekt referiert, auf das der deskriptive Gehalt der NP zutrifft, ist die NP nicht-spezifisch.


Im 42a hat der Sprecher einen bestimmten Referenten im Sinn und macht eine Behauptung über den Referenten. Dagegen behauptet der Sprecher in der nicht-spezifischen Lesart lediglich, dass die Menge von Studenten, die geschummelt haben, nicht leer ist.

Farkas (2006:634) verweist darauf, dass der Kontrast spezifisch/nicht-spezifisch auch bei definiten NPn zu beobachten ist:


Obwohl definite NPn überwiegend den weitesten Skopus haben und nicht skopus-sensitiv sind, können sie auch im Skopus eines Operators interpretiert werden und eine nicht-spezifische Lesart bekommen, z.B. 43a. Da befindet sich die NP the girl sitting to his right im Skopus des Operators every und kann nur als skopal nicht-spezifisch interpretiert werden, und zwar variiert der Referent der NP abhängig von dem jeweiligen Studenten. In 43b referiert der Sprecher mit der Subjekt-NP auf keine bestimmte Person, sondern auf irgendeine Person, die die Bedingung „als Letzte den Raum verlassen“ erfüllt. Deswegen ist die NP the last person epistemisch nicht-spezifisch.

Über das Konzept, das allen Subtypen von Spezifizität zugrunde liegt, besteht keine Einigkeit. Yeom (1998) betrachtet zum Beispiel den kognitiven Kontakt mit dem Referenten als Grundbedeutung von Spezifizität. Nach ihm (1998:64ff.) hat der Sprecher ein bestimmtes Individuum im Sinn, wenn er einen kognitiven Kontakt mit ihm hat. Damit wird gemeint, dass der Sprecher persönlich das Individuum kennt (im engeren Sinne) oder dass er weiß, wer es ist (im weiteren Sinne). Der Sprecher muss das Individuum nicht mit Namen identifizieren, sondern nur durch bestimmte Eigenschaften von anderen Individuen unterscheiden. Yeom macht darauf aufmerksam, dass eine spezifische Lesart möglich ist, auch wenn der Sprecher keinen direkten kognitiven Kontakt mit dem Referenten hat:


In diesem Satz hat John mit einer Frau einen kognitiven Kontakt, während der Sprecher nur weiß, dass das Individuum die Eigenschaft hat, eine Frau zu sein und dass John diese Frau gesehen hat. Das heißt, dass es für eine spezifische Interpretation hinreichend ist, wenn der Sprecher in direkter oder indirekter Kommunikation mit jemandem steht, der einen kognitiven Kontakt mit dem Referenten hat. Dagegen plädiert von Heusinger (2011) für den Begriff „referentielle Verankerung“ (engl. referential anchoring), und zwar ist eine spezifische indefinite NP in einem salienten Diskursteilnehmer oder in einem anderen Diskursreferenten referentiell verankert. Nicht nur der Sprecher, sondern auch ein anderer Agent im Kontext kann für die Referenz verantwortlich sein. Nach Farkas (2006) können unterschiedliche Typen von Spezifizität unter dem Begriff „referentielle Stabilität“ (engl. referential stability) subsumiert werden. Das heißt, dass die Referenz einer spezifischen NP festgelegt ist und durch den sprachlichen Kontext nicht verändert werden kann, während die Referenz einer nicht-spezifischen NP abhängig von der sprachlichen Umgebung ist. Außerdem ist zu bemerken, dass Spezifizität und Definitheit von Farkas als zwei voneinander unabhängige Kategorien betrachtet werden. Diese Ansicht wird auch in der vorliegenden Arbeit geteilt.

In manchen Sprachen ist Spezifizität eine grammatische Kategorie, die mit bestimmten Ausdrucksformen gekoppelt ist. Zum Beispiel hat das Marokkanisch-Arabische zwei indefinite Artikel: den spezifischen Indefinitartikel wahed-l und den nicht-spezifischen shi. Im Türkischen werden direkte Objekte, die definit oder indefinit spezifisch sind, mit Akkusativ markiert. (von Heusinger 2011:6f.) Dagegen ist Spezifizität im Deutschen und Chinesischen nicht durch morphologische Mittel kodiert und diese Opposition ist eher ein semantisch-pragmatisches Phänomen, das in der Textanalyse schwer operationalisierbar ist. Trotzdem gibt es sprachliche Indikatoren, die auf eine bestimmte Lesart hindeuten, z.B. der deskriptive Gehalt der NP, Erweiterung durch Relativsätze, Topikalisierung und Linksversetzung, There-Konstruktion, bestimmte Determinative oder Adjektive, Numerale usw. (Fodor & Sag 1982, Haspelmath 1997, Stark 2006, von Heusinger 2011). Zur Verdeutlichung der Lesart werden am häufigsten Determinative oder Adjektive hinzugefügt, zum Beispiel bevorzugen die Adjektive certain und particular im Englischen die spezifische Lesart:


Aber es ist anzumerken, dass a certain nicht immer eine spezifische Lesart impliziert:


In 46 hat z.B. die NP a certain woman einen engen Skopus und muss als nicht-spezifisch interpretiert werden. In diesem Fall verehren alle Engländer verschiedene Frauen. Im Deutschen kann die spezifische Lesart durch Ausdrücke wie ein bestimmter näher spezifiziert werden, die nicht-spezifische dagegen durch irgendein oder ein beliebiger (von Heusinger 2002). Im Chinesischen kann die nicht-spezifische Lesart durch das Hinzufügen von suibian/renyi ‚irgend, beliebig‘ verdeutlicht werden.3 Eine weitere Eigenschaft von nicht-spezifischen NPn, die in der Literatur vielfach beschrieben ist, besteht darin, dass sie nicht mit einem anaphorischen Pronomen wieder aufgenommen werden können, außer wenn das Pronomen in einem modalen Kontext steht (Karttunen 1976:374, von Heusinger 1997:127):


Durch diese Eigenschaft unterscheiden sich die nicht-spezifischen NPn von den nicht-referentiellen, die in allen Kontexten für einen anaphorischen Anschluss nicht zugänglich sind.

2.3 Generizität

Der Begriff Generizität wird in der Literatur häufig nicht explizit definiert, sondern durch Beispiele charakterisiert. Die Subjekt-NPn folgender Sätze werden gewöhnlich als generisch bezeichnet (Gerstner-Link & Krifka 1993):


Allquantifizierte NPn sollten nicht als generisch betrachtet werden, weil sie keine Ausnahme zulassen. Wenn auch nur eine Kartoffel kein Vitamin C enthält, ist 49a immer noch wahr, 49b dagegen falsch.


In Krifka et al. 1995 wird zwischen zwei Phänomen von NPn unterschieden, die als generisch bezeichnet werden, nämlich generische NPn (auch artreferierende NPn) (48a, c-f) und generische Sätze (auch charakterisierende Sätze) (48b). Generische NPn referieren auf Arten und werden den NPn gegenübergestellt, die auf Objekte referieren (objektreferierenden NPn).


Generische Sätze treffen allgemeingültige Aussagen über Entitäten oder Situationen, wobei sich die Generizität aus dem Satz ergibt, nicht aber aus einer NP in ihm. Der Gegensatz von generischen Sätzen sind partikuläre Sätze, die Aussagen über spezielle Ereignisse, über Eigenschaften bestimmter Objekte usw. machen.


Außerdem ist zu bemerken, dass artreferierende NPn in charakterisierenden Sätzen auftreten können, z.B. 50a. Dabei drückt der Satz Regelmäßigkeiten aus, die für eine bestimmte Art gelten. Im Folgenden werden einige Tests vorgestellt, die dazu dienen, artreferierende NPn von objektreferierenden sowie charakterisierende Sätze von partikulären zu unterscheiden.

2.3.1 Generische NPn und generische Sätze
2.3.1.1 Artreferierende NPn

Nach Krifka et al. (1995) charakterisieren sich artenreferierende NPn vor allem durch zwei Eigenschaften: Zum einen sind nur artreferierende NPn mit Klassenprädikaten kompatibel, zu denen folgende Verben oder Verbalkomplexe gehören:


Argument-NPn von Prädikaten in 52a müssen auf Arten referieren, während die von Prädikaten in 52b eine artreferierende Interpretation bevorzugen.


Aus 53 ist ersichtlich, dass NPn mit definitem Artikel im Singular (53a), artikellose NPn im Plural und im Singular (53b und c) mit be extinct kompatibel sind, während NPn mit indefinitem Artikel im Singular nicht akzeptabel (53d) sind, außer wenn sie sich auf eine Unterart beziehen (53e). Außerdem ist darauf hinzuweisen, dass artikellose Plurale ambig sind: Sie können auf Arten referieren, aber die definite Form the lion ist bevorzugt. Oft werden sie als objektreferierend analysiert. Zum anderen müssen artreferierende NPn semantisch mit einer konzeptuell bereits etablierten Gattung verbunden sein, auf die sie referieren:


Dass die NP the green bottle in 54b nur als objektreferierend interpretiert werden kann, lässt sich dadurch erklären, dass es für Cola-Flaschen eine bereits etablierte Gattung gibt, für grüne Flaschen jedoch nicht. Außerdem lässt sich mit diesem Test zeigen, dass artikellose NPn auch eine objektreferierende Lesart haben können, auch wenn sie in charakterisierenden Sätzen stehen. In 53b, c sind sie artreferierend, in 55b, c dagegen objektreferierend:


Zusammenfassend ist festzustellen, dass NPn mit indefinitem Artikel immer auf Objekte referieren, außer wenn sie taxonomisch verwendet werden. Artikellose NPn sind ambig zwischen der generischen und der objektreferierenden Lesart.

2.3.1.2 Charakterisierende Sätze

In Krifka et al. 1995 werden drei Eigenschaften genannt, die charakterisierende Sätze von partikulären abgrenzen. Erstens: Charakterisierende Sätze können mit einem Adverb wie usually oder typically kombiniert werden, ohne dass sich die Bedeutung wesentlich verändert:


Während bei 56b nur eine minimale Bedeutungsveränderung auftritt, wird die Bedeutung von 57a wesentlich verändert: In 57a wird über ein spezielles Ereignis berichtet, dagegen wird in 57b behauptet, dass das Ereignis regelmäßig stattfindet. Deswegen handelt es sich bei 56a um einen charakterisierenden Satz. Es muss jedoch auf die Möglichkeit hingewiesen werden, dass ein Satz zwei Lesarten zulassen kann:


Wenn mit 58a gemeint wird, dass Mary generell für die Post aus der Antarktis zuständig ist, bringt die Hinzufügung des Adverbs nur eine leichte Bedeutungsveränderung mit sich. Aber 58a kann auch bedeuten, dass Mary bestimmte Briefe aus Antarktis erledigt, dann wird die Bedeutung durch das Adverb wesentlich verändert. Im ersten Fall handelt es sich um einen charakterisierenden Satz, im letzten um einen partikulären. Zweitens: Charakterisierende Sätze drücken Regelmäßigkeiten aus und berichten nicht über spezielle Ereignisse. Sie sind typisch statisch, während partikuläre Sätze oft nicht statisch sind.


Drittens, charakterisierende Sätze drücken keine zufälligen, sondern essentiellen Eigenschaften aus.


Im Vergleich zu polyphonic bezeichnet popular eine zufällige, nicht essentielle Eigenschaft des Madrigals. Aber „populär sein“ kann für andere Typen von Objekten essentiell sein, z.B. für Fußballspieler. Dann ist der Satz A football hero is popular. akzeptabel.

In Krifka et al. 1995 werden nur die NPn, die auf Arten oder Unterarten referieren, als generisch betrachtet. NPn mit indefinitem Artikel werden nicht als generisch angesehen, weil sie nur in charakterisierenden Sätzen eine scheinbar generische Interpretation bekommen. Dabei ergibt sich die Generizität nicht aus der NP, sondern aus dem Satz. NPn mit indefinitem Artikel in charakterisierenden Sätzen sind (epistemisch) nicht-spezifisch, weil sie sich auf ein prototypisches Exemplar einer Art referieren. Das heißt, dass der Sprecher keinen bestimmten Referenten im Sinn hat. Diese Ansicht wird auch in der vorliegenden Arbeit geteilt. Im Prinzip können (referentielle) NPn mit indefinitem Artikel in vier Lesarten auftreten, wobei die ersten zwei am häufigsten vorkommen:


2.3.2 Generische NPn im Deutschen und im Chinesischen

Im Deutschen und Chinesischen gibt es kein morphologisch-syntaktisches Element, das ausschließlich Generizität kodiert. Das heißt, dass die Generizität nur eine Lesart von NPn oder Sätzen ist.

Im Deutschen können nur NPn mit definitem Artikel (im Singular und Plural), bloße Plurale und Massennomen auf Arten referieren.


Es ist darauf hinzuweisen, dass bloße Plurale nur mit einigen Artenprädikaten kompatibel sind. NPn mit indefinitem Artikel lassen sich nur dann als artreferierend interpretieren, wenn sie taxonomisch verwendet werden (63a). Außerdem können Nomen mit dem Suffix -art oder -sorte Unterarten bezeichnen (63b).


Auch NPn mit Demonstrativa, die anaphorisch oder deiktisch verwendet werden, können eine taxonomische Lesart aufweisen (Gerstner-Link 1995):


Im Chinesischen haben generische NPn eine einheitliche Form: Nur bloße NPn können auf Arten referieren (außer den taxonomisch verwendeten NPn).1 Zum Beispiel entsprechen 62a, b, c im Chinesischen 65:


NPn, die taxonomisch verwendet werden, treten immer in der Form Num+Kl+N auf, wobei der Klassifikator die Bedeutung ‚Art, Sorte‘ hat, z.B. zhong oder lei. NPn mit Demonstrativa, die anaphorisch oder deiktisch verwendet werden, können im Chinesischen auch eine taxonomische Lesart aufweisen, z.B. bezieht sich die NP zhe zhong konglong auf die vorangehende NP yi zhong konglong:


In der chinesischen Literatur werden NPn der nachstehenden Art auch als generisch bezeichnet. Eine solche Verwendung ist aber nur sehr eingeschränkt zugelassen:



Bei 67 a und b handelt es sich um charakterisierende Sätze. Die unterstrichenen NPn stehen in der Form yi+Kl+N, wobei das Numerale yi nicht akzentuiert werden darf und der Akzent auf das Kernnomen fällt. Nach D.-Q. Liu (2002:419) charakterisiert sich yi+Kl+N mit „generischer“ Lesart durch zwei Eigenschaften: Zum einen kann hinter yi+Kl+N, das am Satzanfang steht, ein Topikmarker wie me, a, ne usw. angefügt werden; zum anderen bleibt die Bedeutung des Satzes unverändert, wenn yi+Kl weggelassen wird. In dieser Arbeit werden NPn wie die in 67a und b nicht als an sich generisch, sondern als nicht-spezifisch betrachtet, weil sie sich auf kein bestimmtes Individuum beziehen, sondern auf ein prototypisches Exemplar einer Art referieren.

2.4 Definitheit

Definitheit ist ein Begriff, der eng mit der Verwendung des Artikels verbunden ist. In Artikelsprachen werden NPn mit definitem oder indefinitem Artikel als prototypische Beispiele für definite und indefinite NPn angesehen. In der Literatur wird bereits viel und kontrovers über Definitheit diskutiert, es herrscht jedoch kein Konsens über eine einheitliche Definition. Der Grund besteht darin, dass die bisherigen Erklärungsversuche unterschiedliche Gebrauchsweisen des definiten Artikels als Ausgangspunkt wählen und versuchen, die damit verbundene Bedeutung auf die anderen Gebrauchsweisen auszudehnen (Hauenschild 1993:988). Die bekanntesten unter ihnen sind die Unikalitäts- (Russell 1905) sowie die Familiaritätstheorie (Christopherson 1939). Während die erstere eine lange Tradition im Bereich der logischen oder formalen Semantik hat, ist die letztere vor allem in der linguistischen Pragmatik und Diskursanalyse von Bedeutung (Lyons 1999:125f.). Die meisten aktuellen Ansätze gehen von einem der beiden Konzepte aus und entwickeln daraus neue Perspektiven. Die folgenden Abschnitte sollen einen kurzen Überblick über ausgewählte Ansätze geben. Bevor darauf näher eingegangen wird, sollen zunächst die Verwendungsweisen des definiten Artikels vorgestellt werden, die die Basis von Definitheitstheorien bilden.

2.4.1 Verwendungsweisen des definiten Artikels

Eine detaillierte Darstellung von Gebrauchstypen des definiten Artikels bietet Hawkins (1978:106–148), der auf der Basis von Christophersen (1939) und Jespersen (1949) sechs grundlegende Verwendungsweisen unterscheidet, nämlich anaphorischer (68a, b), unmittelbar-situativer (69a, b), abstrakt-situativer (70a-c), assoziativ-anaphorischer Gebrauch (71a, b), nicht-familiäre Gebrauchsweisen (72a-d) sowie NPn mit semantisch vereindeutigenden Adjektiven (76a-c). Falls nicht anders vermerkt, stammen alle Beispiele in 2.4.1 aus Hawkins 1978.

Unter anaphorischer Verwendung versteht man, dass eine vorher im Diskurs oder Text genannte Entität durch eine NP mit dem definiten Artikel wieder aufgenommen wird. Die rückverweisende NP kann das gleiche Nomen (68a) oder ein referenzidentisches Nomen wie das Antezedens sein (68b):


In der unmittelbar-situativen Gebrauchsweise ist der Referent der NP direkt in der Kommunikationssituation gegeben, wobei der intendierte Referent für den Hörer sichtbar (69a) oder nicht sichtbar (69b) sein kann:


Im abstrakt-situativen Gebrauch (engl. larger situation uses) ist der intendierte Referent weder in der Äußerungssituation noch im sprachlichen Kontext gegeben, sondern ist allgemein oder zumindest einem bestimmten Personenkreis bekannt. Die Referenz ist durch das allgemeine Weltwissen oder durch das spezifische, von Sprecher und Hörer geteilte Wissen gesichert.


Es ist allgemein bekannt, dass es für die Erde nur einen Mond gibt. Deswegen kann jeder wissen, worauf sich die NP the moon bezieht. Dagegen setzt 70b Wissen voraus, das allen Mitgliedern einer Gemeinschaft zugänglich ist. Zwei Engländer, die sich vorher nie getroffen haben, können von the Prime Minister reden, ohne dass Kommunikationsprobleme auftreten. Bei 70c müssen die Sprechaktteilnehmer ganz spezifisches Wissen teilen, zum Beispiel sitzen sie im selben Büro und wissen genau, dass es da nur einen Drucker gibt.

Nach Hawkins unterscheidet sich die abstrakt-situative Verwendung von der unmittelbar-situativen darin, dass im ersteren Fall immer ein gewisses Wissen über die Existenz von bestimmten Objekten in unterschiedlichen Situationen vorausgesetzt wird, im letzteren Fall dagegen nicht.1 Zum Beispiel wusste der Hörer bei 69b vorher gar nicht, dass es in dieser Situation einen Hund gibt. Erst mit der definiten NP the dog wird er über die Existenz des gefährlichen Hundes informiert.

In der assoziativ-anaphorischen Verwendungsweise steht der intendierte Referent der NP in einem Assoziationsverhältnis zu einer vorausgehenden NP. Zwischen den beiden Ausdrücken liegt häufig eine metonymische Relation vor, wie z.B. Teil-Ganzes, Gegenstand-Material, Ort-Bewohner, Zeit-Ereignis, Gruppe-Mitglied (Winston et al. 1987). Die vorausgehende NP setzt den Rahmen, innerhalb dessen die anaphorische NP interpretiert wird.


Bei 71a ist es einfach, eine assoziative Beziehung zwischen den beiden NPn herzustellen, weil es zum Allgemeinwissen gehört, dass ein Auto einen Auspuff hat. Dagegen sind car und dog in 71b nicht direkt miteinander assoziiert. Die Verwendung des definiten Artikels ist nur dann gelungen, wenn der Hörer weiß, dass es einen Hund gibt, der vorbeifahrende Autos anbellt. Das heißt, dass bei 71b spezifisches, von Sprecher und Hörer geteiltes Wissen erforderlich ist, um eine Assoziation herzustellen.

Laut Hawkins besteht der Unterschied zwischen der assoziativ-anaphorischen und der abstrakt-situativen Verwendung darin, dass Assoziationen im ersteren Fall durch eine NP hervorgerufen werden, im letzteren Fall hingegen durch eine von Sprecher und Hörer geteilte Situation. Bei 70b hängt die Referenz der NP the Prime Minister zum Beispiel davon ab, welche Nationalität die beiden Gesprächsteilnehmer haben bzw. in welchem Staat der Satz geäußert wird. Der Äußerungssituation entsprechend können unterschiedliche Assoziationen geweckt werden.

Unter den nicht-familiären Gebrauchsweisen (unfamiliar uses) werden vier unterschiedliche Verwendungen des definiten Artikels zusammengefasst, die nach Hawkins Gegenbeispiele für Christophersens Familiaritätstheorie darstellen und sich nicht in eine der ersten vier Verwendungsweisen einordnen lassen. Sie sind NPn mit etablierendem Relativsatz (72a), NPn mit genitivischem Attribut (engl. Associative Clauses) (73), NPn mit Komplementsatz (74) sowie NPn mit nominalem Attribut (75).


Der Relativsatz in 72a etabliert einen definiten Referenten für den Hörer, obwohl der Referent vorher nicht erwähnt ist. Etablierende Relativsätze sind vor allem durch drei Eigenschaften gekennzeichnet: Erstens lässt sich 72a in 72b umwandeln, wobei die beiden pragmatisch äquivalent sind. Zweitens verknüpfen etablierende Relativsätze neue, unbekannte Referenten entweder mit Objekten im vorangehenden Diskurs oder mit Sprechaktteilnehmern, oder sie identifizieren Objekte in der unmittelbaren Sprechsituation. In 72a wird der neue Referent z.B. mit einem bereits erwähnten Objekt, nämlich Bill, in Verbindung gesetzt. Drittens, wenn der Relativsatz weggelassen wird, ist die Referenz der NP nicht eindeutig. NPn mit genitivischem Attribut charakterisieren sich dadurch, dass zwischen dem Kopfnomen und dem nominalen Attribut ein Assoziationsverhältnis besteht. Zum Beispiel enthält die NP the beginning of the war in 73 sowohl den Auslöser als auch das Produkt der Assoziation. Für eine erfolgreiche Referenz spielt das Genitivattribut eine entscheidende Rolle, weil es den Rahmen setzt, in dem der Referent der definiten NP identifiziert werden soll. Bei NPn mit Komplementsatz oder mit Apposition erklärt der Komplementsatz oder die Apposition die NP weitgehend und ermöglicht die Identifizierung ihres Referenten.

Zu den semantisch vereindeutigenden Adjektiven (engl. ‚unexplanatory‘ modifiers) gehören zum Beispiel same, identical, next, other, only usw. NPn, die solche Modifikatoren enthalten, müssen als definit markiert werden, obwohl ihre Referenten nicht vorerwähnt sind.


Im Unterschied zu Hawkins vertreten viele Sprachwissenschaftler die Ansicht, dass die letzten zwei Gebrauchsweisen unter den ersten vier subsumiert werden können. Nach Himmelmann (1997:38) stellen NPn mit etablierendem Relativsatz einen Spezialfall des anaphorischen Gebrauchs dar, während die anderen dem abstrakt-situativen Gebrauch zugeordnet werden sollen. Als Begründung wird folgendes angeführt:

Etablierende Relativsätze stellen den Bezug zum Vortext her. Sie geben verankernde Information (vgl. Fox & Thompson 1990), erfüllen also in etwa dieselbe Rolle wie der vorangehende Kontext bei anaphorischem Gebrauch. Die anderen Attribute dagegen vereindeutigen semantisch die Referenz des Nukleus, schaffen also Ausdrücke, die abstrakt-situativ (aufgrund des Sprach- und Weltwissens) als Unika zu interpretieren sind.

Es sind aber auch andere Zuordnungsmöglichkeiten denkbar. Lyons (1999:5) hat die NPn mit etablierendem Relativsatz sowie die mit Genitivattributen dem assoziativ-anaphorischen Gebrauch zugeordnet. Nach ihm setzen Relativsatz und Genitivattribut den Rahmen, in dem die definite NP interpretiert wird. Dagegen werden NPn mit Komplementsatz zu den kataphorischen Verwendungsweisen gezählt, weil sich die NP kataphorisch auf den Komplementsatz bezieht.

Eine weitere Verwendung des definiten Artikels, die von Hawkins nicht behandelt wird, findet sich in verallgemeinernden Aussagen, in denen NPn auf Arten von Gegenständen referieren. Nach Chesterman (1991:53) und Bisle-Müller (1991:71) soll der generische Gebrauch gesondert betrachtet werden. Demgegenüber stellt diese Verwendung für Himmelmann (1997:37) bloß eine Variante des abstrakt-situativen Gebrauchs dar: Der Sprecher geht davon aus, dass der Hörer über Sprachwissen über Arten von Gegenständen verfügt, das als Teil des Weltwissens angesehen werden kann.

Abschließend ist darauf zu verweisen, dass die obengenannten Gebrauchsweisen nicht kategorial verschieden sind. Im Diskurs können mehrere Faktoren gleichzeitig mitwirken, so dass es nicht immer möglich ist, die Gebrauchsweisen klar voneinander abzugrenzen.

2.4.2 Was ist Definitheit?
2.4.2.1 Definitheit als Unikalität/Inklusivität

Die Unikalitätstheorie der Definitheit geht auf Russell (1905) zurück, der die Prädikatenlogik für die Beschreibung der Bedeutung natürlichsprachlicher Ausdrücke benutzt. In seiner Analyse von definiten Kennzeichnungen werden lediglich NPn behandelt, die im Singular stehen und einen definiten Artikel haben. Russell geht davon aus, dass die strikte Verwendung des definiten Artikels Einzigkeit des bezeichneten Gegenstands impliziert, und zwar gibt es genau ein Objekt, das unter die in dem Kopfnomen ausgedrückte Eigenschaft fällt (die Existenz- und die Einzigkeitsbedingung). Nach Russells Theorie besagt ein Satz wie 77 folgendes:


Dagegen zeigt die Verwendung des indefiniten Artikels lediglich an, dass ein Objekt existiert, auf die die Beschreibung der NP zutrifft (nur die Existenzbedingung):


Nach Russell ist das deskriptive Material der definiten Kennzeichnungen allein maßgebend für die Eindeutigkeit der Referenz. Als Beispiel verwendet er ausschließlich definite NPn, deren deskriptiver Gehalt auf ein einziges Objekt zutrifft, wie z.B. the father of Charles II., the king of France, the author of Waverley usw. Die Kontextabhängigkeit natürlicher Sprache wird aus seiner Untersuchung ausgeschlossen.

Ein Hauptproblem der von Russell vertretenen Einzigkeitsbedingung ist, dass sie von sehr begrenzter Reichweite ist.1 Sie ist nämlich nur für solche definite NPn adäquat, die genau ein Objekt bezeichnen, nämlich Unika (Sonne, Mond), funktionale Nomina (Vater, König) sowie NPn mit Attributen, die Einzigkeit implizieren (der schnellste Läufer, der erste Mann auf dem Mond). Für definite NPn mit sortalem oder relationalem Kopf trifft die Einzigkeitsbedingung leider nicht zu (Strawson 1950:178, Keller 1975:50, Hawkins 1978:157, Löbner 1985:292ff., von Heusinger 1997:19)2:


Es ist unwahrscheinlich, dass es in der Welt nur einen Tisch gibt, trotzdem wird hier der definite Artikel verwendet. Es könnte aber sein, dass der Tisch in der aktuellen Gesprächssituation oder im sprachlichen Kontext der einzige ist. Aus diesem Beispiel ist ersichtlich, dass Einzigkeit nicht in einem absoluten Sinne zu verstehen ist, sondern immer abhängig von der Situation. Um den Kern der Einzigkeitsbedingung zu verteidigen, versuchen viele Sprachwissenschaftler, das Diskursuniversum zu beschränken, so dass der deskriptive Gehalt der definiten NP in diesem reduzierten Diskursuniversum nur auf ein Objekt zutrifft (Abbott 2004, von Heusinger 1997). Ein Versuch dieser Art ist die Untersuchung von Hawkins (1978), der behauptet, dass NPn mit definitem Artikel in einer von Sprecher und Hörer geteilten Menge unikal referieren.

Der Begriff der Unikalität wird von Hawkins (1978) bezüglich einer pragmatisch festgelegten Menge von relevanten Objekten relativiert und auf Plural- und Massennomen erweitert. Nach ihm (1978:167) nimmt der Sprecher folgende Handlungen vor, wenn er den definiten Artikel verwendet:

The Speaker:

a. introduces a referent to the hearer;

b. instructs the hearer to locate the referent in some shared set of objects;

c. refers to the totality of the objects or mass within this set which satisfy the referring expression.

Ein „shared set“ ist eine Menge von Objekten, über die der Sprecher und der Hörer gemeinsames Wissen teilen. Dieses gemeinsame Wissen kann a) aus dem vorangegangenen Diskurs, b) aus der unmittelbaren Äußerungssituation, c) aus einer abstrakten, vom Sprecher und Hörer geteilten Situation sowie d) aus einem Assoziationsverhältnis stammen. Mit dem definiten Artikel instruiert der Sprecher den Hörer, zuerst die geteilte Menge zu identifizieren, dann in dieser Menge den intendierten Referenten zu lokalisierten. Auffallend ist, dass der Referent einer indefiniten NP nach ihm unter Umständen auch in einer geteilten Menge lokalisierbar sein kann:

[…] The objects referred to by indefinite descriptions can exist in these shared sets. For example, if someone tells me that a member of parliament has just died or some members of parliament have just died, I could locate these referents in the same larger situation set in which I locate the member of parliament or the Prime Minister. […] (Hawkins 1978:173, Hervorhebungen durch Unterstreichung im Original)

Das heißt, dass allein die Lokalisierbarkeit des Referenten in einer geteilten Menge nicht zwischen definiten und indefiniten NPn unterscheiden kann: Der Referent einer definiten NP muss in einer geteilten Menge lokalisierbar sein, dagegen muss es der Referent einer indefiniten NP nicht, kann es aber. Der entscheidende Faktor ist nämlich Inklusivität (1978:161), und zwar referiert eine NP mit definitem Artikel auf alle Objekte innerhalb der geteilten Menge, die unter die Beschreibung fallen. Dagegen referiert eine NP mit indefinitem Artikel nur auf eine Teilmenge der Objekte, auf die der deskriptive Gehalt der NP zutrifft, wobei andere potentielle Referenten innerhalb der geteilten Menge ausgeschlossen werden (engl. exclude). Mit dem Begriff der Inklusivität werden nicht nur singularische NPn, sondern auch Plural- sowie Massen-NPn erfasst: Wenn die definite NP im Singular steht, bedeutet Inklusivität nichts anderes als Unikalität, und zwar gibt es in der Menge genau ein Objekt, das unter die Beschreibung fällt. Falls die definite NP im Plural steht, dann wird auf alle Objekte innerhalb der Menge referiert, auf die der deskriptive Gehalt der NP zutrifft, z.B.


In 80a referiert der Sprecher auf den einzigen Auspuff des vorher erwähnten Autos. Dagegen fordert der Sprecher mit 80b und c auf, alle sechs ‚wickets‘ zu bringen bzw. den ganzen Sand wegzuräumen.

Der semantische Kontrast Inklusivität/Exklusivität zwischen NPn mit definitem und indefinitem Artikel wird von Hawkins auf definite und indefinite NPn verallgemeinert. Aber dann entsteht ein Problem, und zwar gilt Inklusivität nicht für NPn mit Demonstrativa. Wenn Demonstrativa nicht akzentuiert sind, verhalten sie sich im Englischen hinsichtlich Inklusivität neutral, wenn sie den Akzent tragen, müssen sie aber exklusiv referieren. Zum Beispiel wird this in THIS dog can ride a bike. verwendet, um diesen Hund von den anderen abzugrenzen. Das heißt, dass NPn mit Demonstrativa mehr Gemeinsamkeiten mit indefiniten NPn aufweisen (Ch. Lyons 1980, 2014:93).

Obwohl die Einzigkeitsbedingung vielseitig modifiziert und erweitert wird, wird in der Literatur immer auf Fälle hingewiesen, die mit Unikalität/Inklusivität nicht erklärt werden können. In solchen Fällen sind mehrere Objekte vorhanden, die unter die Beschreibung der definiten NP fallen, trotzdem wird der definite Artikel verwendet.

Abbott (2001, 2006) fasst Beispiele zusammen, in denen die definiten NPn keine Einzigkeitspräsupposition zu tragen scheinen:


In 81 wird der definite Artikel im Singular verwendet, obwohl mehrere Busse nach Phoenix fahren und ein Hotel beliebig viele Fahrstühle haben kann. Das wird von Abbott (2001) als eine Art von Konventionalisierung erklärt: Als die unterstrichenen NPn (von ihr als traditionally unique items bezeichnet) zum ersten Mal in der oben dargestellten Verwendungsweise aufkamen, hatte zum Beispiel jedes Hotel nur einen Fahrstuhl oder zumindest einen, der für bestimmte Gruppen von Menschen salient war. Bei 82 handelt es sich um einen ähnlichen Fall: Obwohl es typisch mehrere konkurrierende Referenten vorhanden sind, die gleich salient sind, wird hier der definite Artikel verwendet. Nach Abbott liegt es vermutlich darin, dass all diesen NPn einen Ort bezeichnen. Wenn hier statt des definiten Artikels der indefinite eingesetzt wird, liegt zu viel Betonung auf den Ort, so dass der Eindruck entsteht, dass der Ort momentan im Fokus wäre. Bei Verwendungen wie 83 handelt es sich um dialektale Variationen. Während 83 im amerikanischen English gut ist, muss der definite Artikel im britischen Englisch weggelassen werden. In Abbott 2006 wird die Behauptung vertreten, dass sich die Beispiele in 81–83 weder mit der Unikalitäts- noch mit der Familiaritätstheorie vereinigen lassen. Aber es ist ihr nicht klar, ob eine neue Theorie für Definitheit entwickelt werden muss oder diese Beispiele lediglich idiomatische Ausnahmen darstellen.

Lewis (1979[2004]:348f.) weist auch auf Fälle hin, in denen die Einzigkeitsbedingung nicht erfüllt wird, selbst wenn das Diskursuniversum beschränkt wird:


Nach Lewis muss das auf das Notwendigste reduzierte Redeuniversum mindestens zwei Individuen enthalten, die die gleiche Eigenschaft besitzen. Aus dieser Überlegung heraus entwickelt er die These, dass das unterscheidende Merkmal zwischen definiten und indefiniten NPn nicht die Einzigkeit ist, sondern die Salienz. Nach ihm kann die definite NP the dog in 84b mit der Paraphrase the most salient dog beschrieben werden, another dog dagegen mit der Paraphrase some less salient dog. Für ihn ist Salienz keine Eigenschaft des Ausdrucks selbst, sondern eine Eigenschaft des Kontexts. Weiterhin bemerkt er, dass die Salienzhierarchie von mehreren Faktoren abhängig ist und sich im Laufe eines Diskurses verändern kann. Dabei spielen die sprachliche Struktur des Diskurses sowie die aktuelle Äußerungssituation eine wichtige Rolle. Aber auf die Frage, wie die Faktoren interagieren, wird nicht eingegangen. Von Lewis wird keine ausformulierte Theorie vorgelegt, sondern eine thesenartige Manifestation dargestellt. Das Konzept der Salienz wird in nachfolgenden Arbeiten, insbesondere durch von Heusinger (1997), aufgegriffen und um neue ergänzt. Aber von Heusinger beschränkt sich explizit auf die Formalisierung des Konzepts und geht auch nicht auf die einzelnen Faktoren ein. Er hat lediglich mit drei Phänomentypen illustriert, dass eine Salienzhierarchie aus unterschiedlichen Parametern besteht und daher eine sehr komplexe Struktur besitzt (von Heusinger 1996:23).

Lyons (1980) führt ähnliche Beispiele wie Lewis an. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die konkurrierenden Referenten in Lyons‘ Beispielen nicht explizit genannt werden:


Nach Lyons ist es aus dem Kontext oder durch die Situation klar geworden, welches von mehreren Objekten, auf die der deskriptive Gehalt der definiten NP zutrifft, vom Sprecher gemeint wird. Bei 85a kann man aus dem Verb close erschließen, dass hier die geöffnete Tür gemeint ist; bei 85b sind zwar alle Türe geschlossen, aber die Kleidung sowie die Koffer implizieren, dass der Sprecher ausgehen möchte. Anders als Lewis plädiert Lyons (1980) für den Begriff der Identifizierbarkeit, und zwar ist der intendierte Referent nicht unikal (in einem reduzierten Redeuniversum), sondern nach der Annahme des Sprechers für den Hörer unikal identifizierbar.

2.4.2.2 Definitheit als Familiarität/Identifizierbarkeit

Die Familiaritätstheorie der Definitheit geht auf Christopherson (1939) zurück. Nach ihm signalisiert der definite Artikel, dass dem Hörer der intendierte Referent der NP bekannt ist (1939:28), dagegen ist der indefinite Artikel neutral in Bezug auf Familiarität. Unter Familiarität versteht er:

The article the brings it about that to the potential meaning (the idea) of the word is attached a certain association with previously acquired knowledge, by which it can be inferred that only one definite individual is meant. (1939:72).

Mit „previously acquired knowledge“ ist gemeint, dass der Referent im Vortext schon erwähnt oder situationell direkt gegeben ist. Der Hörer kann auch indirekt mit dem Referenten der definiten NP vertraut sein: „It may be something else that one is familiar with, but between this ‘something’ and the thing denoted there must then be an unambiguous relation.“ (1939:73). Das betrifft nämlich den assoziativ-anaphorischen Gebrauch: Wenn man über ein bestimmtes Buch redet, kann man sagen: The author is unknown. Hier wird der definite Artikel verwendet, obwohl der Hörer nur mit dem Buch, nicht aber mit dessen Autor vertraut ist. Aber es ist allgemein bekannt, dass jedes Buch einen Autor hat. Die Beziehung zwischen Buch und Autor ist so eindeutig, dass die Referentenbestimmung gesichert wird. Christophersen (1939:73) weist darauf hin, dass die Vertrautheit mit dem relevanten Objekt nicht sehr hoch sein muss. Es würde ausreichen, wenn der Hörer weiß, dass ein bestimmtes Objekt gemeint ist.

Das Problem der Familiaritätstheorie besteht darin, dass sie nur für einen Teilbereich definiter NPn adäquat ist, und zwar gilt sie nur für den anaphorischen und den situationellen Gebrauch des definiten Artikels. Sie eignet sich jedoch nicht für die NPn, die bereits bei ihrer Ersterwähnung definit sind. Aus diesem Grund behaupten einige Sprachwissenschaftler (Searle 1969, Halliday & Hasan 1976:71, Du Bois 1980:208, Bisle-Müller 1991:26–34, Gundel et al. 1993, Lambrecht 1994:77–92, Lyons 1999:5–7), dass Definitheit nicht auf Familiarität zurückführt, sondern auf den allgemeineren Begriff der Identifizierbarkeit:

The idea is that the use of the definite article directs the hearer to the referent of the noun phrase by signalling that he is in a position to identify it. This view of definiteness does not altogether reject familiarity. Rather, familiarity, where it is present, is what enables the hearer to identify the referent. (Lyons 1999:6)

Der Hörer muss mit den Referenten nicht vertraut sein, sondern kann aufgrund von Angaben aus dem sprachlichen oder dem außersprachlichen Kontext die Identität des Referenten herausfinden. Der Ansatz der Identifizierbarkeit scheint eine stärkere Erklärungsfähigkeit zu besitzen.

Lyons (1999) fasst die wichtigsten Definitheitstheorien zusammen und gibt einen Rückblick auf ihre Entstehung und Entwicklung. Dabei stellt er fest, dass Identifizierbarkeit und Inklusivität die zwei wichtigsten Konzepte der Definitheitsforschung darstellen: Fast alle Ansätze gehen von einem der beiden Konzepte aus und entwickeln daraus neue Perspektiven. Aber nach ihm kann keine der beiden theoretischen Positionen allein eine adäquate Erklärung für die Verwendungen des definiten Artikels liefern. Es gibt Fälle, die nur mit einer der beiden zu erklären sind. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass Identifizierbarkeit und Inklusivität zwei unterschiedliche Eigenschaften sind. Es gibt nämlich keine Sprache, in der Identifizierbarkeit und Inklusivität durch unterschiedliche lexikalische Mittel kodiert sind. Deswegen ist er dafür, dass Definitheit eine einheitliche Kategorie darstellt. Aber bevor ich auf seine endgültige Lösung komme, möchte ich zuerst die Fälle besprechen, die nach Lyons nicht mit Identifizierbarkeit erklärt werden können.

Lyons (1999:9f) verweist auf drei Verwendungsweisen des definiten Artikels, die nicht auf Identifizierbarkeit zurückführen, nämlich nicht-spezifische definite NPn (86a und b), definite NPn, die Adjektive im Superlativ enthalten, Ordinalzahlen oder semantisch vereindeutigende Adjektiven (87a-c) sowie assoziativ-anaphorisch gebrauchte NPn (88) (Fettdruck im Original):


Die Referenten der definiten NPn in 86a und b können zu einem in der Zukunft liegenden Zeitpunkt erst festgelegt werden, sie sind deswegen zur Äußerungszeit weder für den Hörer noch für den Sprecher identifizierbar. Aber sie sind unikal, und zwar wird ein einzelner Gewinner oder ein einzelner männlicher Begleiter impliziert. Deswegen ist hier die Inklusivität zutreffend. Das deskriptive Material der NPn in 87 impliziert, dass der Referent unikal ist, deswegen kann hier nur der Artikel verwendet werden, der Unikalität kodiert. Auch die Verwendung des definiten Artikels in 88 lässt sich nicht mit Identifizierbarkeit erklären – „But is it accurate to say that the hearer identifies the referent in any real sense? He still does not know who she is or anything about her.“ (1999:7)

Die Lösung für das Dilemma zwischen Identifizierbarkeit und Inklusivität sieht Lyons darin, Definitheit als eine grammatische Kategorie wie Genus, Tempus, Modus usw. zu betrachten (1999:275). Dabei macht er auf die Unterscheidung zwischen grammatischen Kategorien und ihren semantischen Interpretationen aufmerksam, und zwar sind die ersteren die grammatische Repräsentation der letzteren, aber die beiden stehen nicht in einem Eins-zu-eins-Verhältnis zueinander. Eine grammatische Kategorie kann nämlich mehrere semantische Konzepte repräsentieren, wobei eins davon die prototypische Bedeutung darstellt. Dieses Phänomen ist nicht nur bei Definitheit, sondern auch bei anderen grammatischen Kategorien wie Tempus zu beobachten.

Während gedankliche Konzepte invariant und universal sind, müssen grammatische Kategorien nicht in allen Sprachen gleichmäßig vorhanden sein. Zum Beispiel verfügt das Chinesische über keine morphologische Kasusmarkierung, demgegenüber besitzt Deutsch vielgliedrige Kasussysteme. Lyons nimmt an, dass Definitheit als grammatische Kategorie nur in Sprachen realisiert ist, die overte Definitheitsmarkierungen (z.B. definiten Artikel, Affixe, Klitike usw.) haben.1 Genau aus der Betrachtung der Sprachen ohne overte Definitheitsmarkierung lässt sich festlegen, dass Identifizierbarkeit die prototypische Bedeutung von Definitheit darstellt:

It appears that in these languages with no definiteness marking it is, as an element of discourse organisation, to do with whether or not a referent is familiar or already established in the discourse – thus identifiability rather than inclusiveness. (1999:278)

Obwohl Definitheit prototypisch Identifizierbarkeit ausdrückt, gibt es Verwendungen ohne Bezug zur Identifizierbarkeit. Das könnte nach Lyons darin liegen, dass die diachrone Grammatikalisierung ein graduelles Prozess ist: Während Identifizierbarkeit zur Definitheit grammatikalisiert, entwickeln sich neue, heute übliche Verwendungsweisen.

Der Begriff Identifizierbarkeit ist schwer zu definieren. Es lässt sich fragen, wie viel Kenntnisse man braucht, um ein Ding zu identifizieren? Zu dieser Frage hat Lyons keine klare Antwort gegeben, sondern nur grob gesagt, dass man den Referenten einer NP identifizieren kann, wenn man weiß, wer er ist, oder etwas über ihn weiß (1999:7). Ein weiterer Versuch einer Definition erfolgt von Du Bois (1980:89): „A reference is counted as identifiable if it identifies an object close enough to satisfy the curiosity of the hearer.“ Lambrecht (1994:84) macht darauf aufmerksam, dass Definitheit eine diskrete (grammatische) Kategorie ist, während Identifizierbarkeit eine nicht-diskrete (kognitive) ist. Das heißt, dass NPn entweder definit oder indefinit sein müssen, demgegenüber ist Identifizierbarkeit ein graduelles Phänomen – Referenten können mehr oder weniger identifizierbar sein. Wo die Grenze zwischen definit und indefinit liegt, ist schwer zu bestimmen. Zudem kann es je nach Sprachen unterschiedlich sein. Dadurch wird erklärt, warum ein und derselbe Referent in einer Sprache als definit, in anderen Sprachen dagegen als indefinit markiert wird (s. Abschnitt 3.1).

2.5 Fazit

In diesem Kapitel wurden die in der Literatur bisher erörterten Ansätze diskutiert und es wurde versucht, die Beziehung zwischen den vier verwandten Begriffen darzulegen. Die folgende Grafik vermittelt einen Überblick:

Abbildung 1:

Beziehungen zwischen den Begriffen Referentialität, Generizität und Spezifizität

Referenz

Unter Referenz verstehe ich in Anlehnung an Lehmann (2015) die Operation, die eine Entität im Redeuniversum durch einen Ausdruck in einem Text evoziert. Ein sprachlicher Ausdruck referiert nicht auf einen Gegenstand in der physikalischen Welt (Denotat), sondern auf mentale Objekte im Redeuniversum (Referent). Ob Referenten realexistente Objekte (Denotat) repräsentieren, ist für die Struktur und Bedeutung sprachlicher Äußerungen und Systeme irrelevant.

NPn, die keinen Diskursreferenten etablieren, werden als nicht-referentiell bezeichnet. Dazu gehören vor allem prädikative NPn ohne definite Determinative sowie inkorporierte NPn. Nicht-referentielle NPn haben gemeinsam, dass sie nicht anaphorisch zugänglich sind. Referentielle NPn können sich entweder auf Arten oder auf partikuläre Objekte beziehen.1

Generizität

Ich schließe mich Krifka et al. (1995) an und betrachte lediglich die NPn, die auf Arten oder Unterarten referieren, als generische NPn. NPn mit indefinitem Artikel in charakterisierenden Sätzen werden dagegen als nicht-spezifisch bezeichnet, weil sie auf ein prototypisches Exemplar einer Art referieren. Anhand der Kriterien, die von Krifka et al. (1995) aufgestellt und in Abschnitt 2.3.1.1 vorgestellt wurden, kann nur ermittelt werden, welche Formen von NPn zur generischen Referenz verwendet werden kann. Ob eine NP tatsächlich generisch zu interpretieren ist, muss aus dem Kontext erschlossen werden. Auf die Lesart können viele Faktoren Einfluss nehmen, wie z.B. Prädikation, Tempus, Modus usw.

Spezifizität

Spezifizität ist eine Eigenschaft der partikulären NPn. Der Kontrast spezifisch/nicht-spezifisch ist vor allem bei indefiniten NPn zu beobachten, aber auch bei definiten NPn. Es wurden zwei Grundtypen von Spezifizität vorgestellt, nämlich die skopale und die epistemische Spezifizität. Bei skopaler Spezifizität geht es darum, dass NPn gegenüber einem Operator weiten oder engen Skopus annehmen können. Bei epistemischer Spezifizität kommt es darauf an, ob der Sprecher einen bestimmten Referenten im Sinn hat. Das Konzept, das den beiden Subtypen von Spezifizität zugrunde liegt, ist die referentielle Stabilität, und zwar ist die Referenz einer nicht-spezifischen NP abhängig von der sprachlichen Umgebung, die einer spezifischen NP hingegen nicht. Es gibt vor allem zwei Kriterien, die spezifische NPn von nicht-spezifischen unterscheiden: Erstens, die spezifische Lesart kann durch Ausdrücke wie ein bestimmter näher spezifiziert werden, die nicht-spezifische dagegen durch irgendein oder ein beliebiger. Zweitens können nicht-spezifische NPn nicht mit einem anaphorischen Pronomen wieder aufgenommen werden, außer wenn das Pronomen in einem modalen Kontext steht.

Definitheit

Bei der Definition von Definitheit folge ich Lyons (1999), und zwar aus folgenden Überlegungen: Erstens scheint es unmöglich zu sein, alle Gebrauchsweisen des definiten Artikels auf ein einziges Konzept zurückzuführen. Das findet bei Lyons eine naheliegende Erklärung. Zweitens unterscheidet er zwischen grammatischen Kategorien und pragmatischen Konzepten, die durch grammatische Kategorien sprachlich realisiert werden. Damit wird die Frage beantwortet, ob Definitheit in Sprachen ohne Artikel vorhanden ist. Drittens unterscheidet sich die Inklusivitätstheorie von Hawkins nach meiner Ansicht nicht wesentlich von der Identifizierbarkeitstheorie. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der Hörer nach Hawkins statt des intendierten Referenten ein „shared set“ identifizieren soll, innerhalb dessen der Referent existiert und zugleich der einzige ist, der unter die Beschreibung der NP fällt.2 Ein „shared set“ ist nichts anderes als das von Sprecher und Hörer geteilte Wissen, das nach Hawkins vor allem aus vier Quellen stammt. Bisle-Müller (1991:29) weist mit Recht darauf hin, „dass Hawkins den Schauplatz der Auseinandersetzung nur verschoben hat“.

Nach Lyons (1999) ist Definitheit eine grammatische Kategorie. Sie repräsentiert mehrere semantische Konzepte, wobei Identifizierbarkeit die prototypische Bedeutung darstellt. Definitheit als grammatische Kategorie ist nur in Sprachen realisiert, die overte Definitheitsmarkierungen haben. Außerdem kann die Grenze zwischen definit und indefinit je nach Sprachen unterschiedlich sein, weil Identifizierbarkeit ein graduelles Phänomen ist.

Obwohl in dieser Arbeit zwischen Definitheit als grammatische Kategorie und Identifizierbarkeit als semantisches Konzept unterschieden wird, verwende ich die beiden Begriffe im Folgenden als Synonyme. Wenn eine Unterscheidung erforderlich ist, mache ich darauf explizit aufmerksam.

3 Definitheit im Deutschen

In diesem Kapitel kommen unterschiedliche Formen von definiten und indefiniten NPn im Deutschen in den Blick. Wie in Abschnitt 2.4 erwähnt, stellen NPn mit definitem oder indefinitem Artikel in Artikelsprachen die prototypischen Beispiele für definite und indefinite NPn dar. Es ist aber gängiger, Pronomen, Eigennamen, NPn mit Demonstrativa, Possessiva sowie mit manchen Quantoren (alle, jeder) auch als definite NPn zu bezeichnen, während artikellose NPn (Plural- oder Massennomen) sowie manche quantifizierten NPn (manche, einige usw.) als indefinit angesehen werden. Sie teilen mit NPn mit definitem/indefinitem Artikel die Eigenschaft, dass ihre Referenten nach Annahme des Sprechers für den Hörer identifizierbar/nicht-identifizierbar sind.1

Personalpronomen und Eigennamen sind in der traditionellen Grammatik als inhärent definit aufgefasst, und zwar tragen sie eine Art Identifizierungsmerkmal in sich. Dagegen wird Definitheit bei NPn mit nominalem Kern im Deutschen immer durch lexikalische Mittel markiert, nämlich durch definite Determinative, die in vier Unterklassen eingeteilt werden können (Prince 1992:299, Zifonun et al. 1997:33, Birner & Ward 1998:114):

 Definiter Artikel: der/das/die

 Demonstrativdeterminative: dies-, jen-, und betontes dér; derjenige, derselbe

 Possessivdeterminative: mein-, dein-, sein-, unser-, euer-, ihr-

 Allquantifizierende Determinative: all, jeder usw.

Im Gegensatz dazu wird Indefinitheit einer NP im Deutschen nicht durch die Präsenz von bestimmten Determinativen hervorgerufen. NPn, die nicht als definit markiert werden, sind per Default indefinit. Dies gilt z.B. für Massennomen und zählbare Nomen im Plural. Daraus ist zu schließen, dass der indefinite Artikel die Eigenschaft „Indefinitheit“ nur indirekt signalisiert (Lyons 1999:33–41, Blühdorn 2008:308).

3.1 Definiter Artikel

Für den definiten Artikel liegt schon eine systematische Klassifikation der Gebrauchskontexte vor, die von Hawkins (1978) zuerst für das Englische entwickelt wurde. Das Konzept wurde von Vater (1984:34–38) aufs Deutsche übertragen und ist bis heute von zentraler Bedeutung. Im Gebrauch des definiten Artikels weisen verschiedene Sprachen viele Gemeinsamkeiten auf, allerdings sind auch Unterschiede erkennbar. Diese Unterschiede zeigen sich vor allem in Ausdrücken, die bereits mehr oder minder fest lexikalisiert sind:


Die NP Tango in 89 referiert nicht auf ein bestimmtes Individuum, sondern bildet zusammen mit dem Verb ein komplexes Prädikat. Wie in Abschnitt 2.1.1 erwähnt, erfüllen Artikel bei nicht-referentiellen NPn keine semantisch-pragmatische Funktion. Ein weiterer Unterschied betrifft geographische Namen (Länder, Straßen usw.) und zeitliche Begriffe (Wochentage, Monatsname und Jahreszeit):


Ein dritter Unterschied ist darin zu sehen, dass Abstrakta im Deutschen wahlweise mit dem definiten Artikel verbunden werden, während sie im Englischen ohne Artikel auftreten:


Die Unterschiede bei der Verwendung des definiten Artikels könnten darin begründet sein, dass Identifizierbarkeit ein graduelles Phänomen ist. Die Grenze zwischen definit und indefinit ist relativ willkürlich und schwankt von Sprache zu Sprache.

3.2 Demonstrativdeterminativ

Das Demonstrativdeterminativ wird als eine von mehreren Möglichkeiten zur Herstellung von Definitheit behandelt. Es teilt mit dem definiten Artikel die Eigenschaft, dass es die Identifizierbarkeit des intendierten Referenten für den Hörer signalisiert. Identifizierbarkeit ist jedoch nur ein Teil der Bedeutung des Demonstrativums.

Im Deutschen werden gewöhnlich dies-, jen- und betontes der als Demonstrativa betrachtet. Der Status von betontem der ist umstritten: Einerseits ist der funktionale Unterschied zwischen der und dieser ungeklärt, andererseits zweifeln manche Sprachwissenschaftler daran, ob Betonung bei der Unterscheidung zwischen Demonstrativum und definitem Artikel eine Rolle spielt und ob es ein eigenes Demonstrativum der gibt, das sich vom definiten Artikel unterscheidet (Bisle-Müller 1991:62–66., Himmelmann 1997: 50–55).1 Das distale jen- wird im heutigen Deutsch sehr selten gebraucht. Es wird überwiegend in der Schriftsprache benutzt, auch dort findet es nur eine sehr begrenzte Verwendung. Am häufigsten kommt jen- vor etablierenden Relativsätzen vor, außerdem kann es in direktem Kontrast zu dies- stehen, wenn auf zwei nacheinander genannte Gegenstände oder Personen Bezug genommen werden soll (Himmelmann 1997:49f.). Dies- wird im Deutschen als Prototyp von Demonstrativa angesehen. Es wird sowohl in der Umgangssprache als auch in schriftlichen Produktionen fast nur adnominal verwendet, pronominal kommt es nur im gehobenen Stil vor (Himmelmann 1996:206). In der vorliegenden Arbeit konzentriere ich mich nur auf das adnominale dies-, das die wesentlich häufigere Verweisform im Deutschen darstellt (Ahrenholz 2007:25).

3.2.1 Gebrauchskontexte von Demonstrativa

In Himmelmann 1996 wird die Verwendung von (hauptsächlich) adnominalem dies- in gesprochenen narrativen Texten aus fünf Sprachen (Englisch, Ik, Nunggubuzu, Tagalog und Indonesisch) untersucht. Er stellt die Hypothese auf, dass Demonstrativa in allen Sprachen mindestens vier Gebrauchsweisen erlauben, nämlich situativen, diskursdeiktischen, anaphorischen sowie anamnestischen Gebrauch.1 Ahrenholz (2007:179) schließt sich dieser Unterteilung für seine Untersuchung von Demonstrativa im gesprochenen Deutsch explizit an. Je nach Wissensbeständen, auf die Bezug genommen wird, unterscheidet er zwischen Verwendungen mit Bezugnahmen auf den situativen Kontext, mit Bezugnahmen auf den sprachlichen Kontext und mit Bezugnahmen auf spezifisches gemeinsames Wissen von Sprecher und Hörer. Dabei entsprechen die erste und die letzte Verwendung jeweils dem situativen und dem anamnestischen Gebrauch bei Himmelmann, die zweite dem anaphorischen und dem diskursdeiktischen Gebrauch. Im Unterschied zu Himmelmann untergliedert Ahrenholz die Verwendung mit Bezugnahmen auf den sprachlichen Kontext in drei Gebrauchsweisen, nämlich anaphorischem, anadeiktischem und diskursdeiktischem Gebrauch.

Im Folgenden werden die Ausführungen von Himmelmann (1996, 1997) vorgestellt und um die Angaben bei Ahrenholz (2007) ergänzt. Es ist anzumerken, dass diese Gebrauchsweisen nicht immer eindeutig voneinander abgegrenzt werden können, dazwischen gibt es fließende Übergänge und Überlappungen. (Wenn nicht anders vermerkt, stammen alle Beispiele in 3.2.1 aus Himmelmann 1997, Fettdruck und Unterstreichung im Original.)

Der situative Gebrauch ist vor allem durch zwei Merkmale charakterisiert: Zum einen ist im situativen Gebrauch ein deiktisches Zentrum (die Origo) erkennbar, das in der Regel vom Sprecher eingenommen wird. Zum anderen dient situativer Gebrauch normalerweise dazu, einen Referenten ins Redeuniversum einzuführen. Bei dem situativen Gebrauch im engeren Sinne wird auf „einen in der aktuellen Äußerungssituation konkret anwesenden, physisch wahrnehmbaren Referenten“ verwiesen (Himmelmann 1997:82f.). Außerdem fasst Himmelmann Textdeixis im Sinne von Ehlich (1979) und Deixis am Phantasma im Sinne von Bühler (1934:121ff) auch als situativ auf.2 Zu Textdeixis gehören Verweis auf Textsegmente (92b) sowie der Selbstverweis (92c). Temporaldeiktische Verwendungen, die sich auf einen den Sprechmoment umschließenden Zeitraum beziehen (92d), werden auch dem situativen Gebrauch zugeordnet.


Als Diskursdeixis bezeichnet Himmelmann (1997:83f.) den Verweis auf Propositionen oder Sachverhalte. Ein zentrales Kennzeichen dieser Gebrauchsweise ist, dass das Diskurssegment, auf das verwiesen wird, beliebig groß ist. Mit Demonstrativa kann auf einen Ausdruck, eine Prädikation, beliebig viele Prädikationen oder einen ganzen Text verwiesen werden. Wichtig ist, dass der Verweis unmittelbar im Anschluss an das Diskurssegment erfolgen muss. Ein Verweis auf ein weiter entferntes Segment ist nur mit Zusatz weiterer Attribute möglich, wie z.B. davor erwähnt, vorhin usw. Somit sind alle dazwischenliegenden Segmente in den Verweis eingeschlossen. Auch die Zeitangaben, die sich auf ein zuvor erwähntes Geschehen beziehen, werden von Himmelmann in diese Kategorie eingeordnet.


Außerdem weist er darauf hin, dass eine Abgrenzung zwischen Diskursdeixis und Textdeixis nicht immer so einfach ist. Der Unterschied zwischen den beiden besteht darin, dass der eigentliche Referent bei der Diskursdeixis nicht das Textsegment, sondern ein Sachverhalt oder eine Proposition ist. Das Textsegment ist nur das Demonstratum.

Die anaphorische Gebrauchsweise wird in Himmelmann 1996 als Referenzverfolgung (engl. tracking use) bezeichnet:

[…] tracking use, which involves reference to entities (usually major participants) already established in the universe of discourse during the preceding interaction and serves to help the hearer in keeping track of what is happening to whom. (1996:240)

Der anaphorische Gebrauch ist in mündlichen narrativen Texten eher selten und wird von Himmelmann deswegen nur am Rande erforscht.

Unter den Verwendungen, die von Himmelmann als anaphorischer Gebrauch bezeichnet werden, unterscheidet Ahrenholz (2007:73) weiter zwischen anaphorischer und anadeiktischer Gebrauchsweise. Als anaphorisch bezeichnet Ahrenholz nur solche Verwendungen, in denen Bezug auf Referenten genommen wird, die in der letzten Äußerungseinheit etabliert sind. Kennzeichnend für den anaphorischen Gebrauch ist bei Ahrenholz (2007:186) vor allem die Kontinuität der Referenz, da Referenzerhalt vorliegt; außerdem orientiert dies- den Hörer auf ein bestimmtes Objekt, das von ähnlichen, für den Kontext in Frage kommenden Objekten abgegrenzt wird. Dagegen wird der sprachbezogene Verweis auf Referenten, die in einiger Distanz im vorgängigen Diskurs etabliert sind, unter dem Label anadeiktisch zusammengefasst. Hier erfolgt eine Wiederaufnahme oder Bündelung referentieller Bezüge, die der Neufokussierung und Orientierung des Hörers dient. Auch hier erfüllt dies- die Funktion, das fragliche Objekt gegen andere, vergleichbare Objekte abzugrenzen (Ausführliches s. 2007:40f.). Es ist erwähnenswert, dass die anaphorische Verwendungsweise (im Sinne von Himmelmann) in den Daten von Ahrenholz (2007:355f) umfassend belegt wird. Besonders der anadeiktische Gebrauch scheint sehr wichtig zu sein, und zwar wird dies-+N häufig in argumentativen Diskurs verwendet, um weiter zurückliegende Aussagen wieder zu reaktivieren.

Nach Himmelmann stellt der anamnestische Gebrauch von dies- eine besonders typische und häufige Verwendung in der gesprochenen Sprache dar. In dieser Verwendungsweise wird der intendierte Referent wie im situativen Gebrauch zum ersten Mal erwähnt, ist aber im Unterschied dazu nicht in der unmittelbaren Äußerungssituation wahrnehmbar. Hier signalisiert dies-, dass spezifisches, eventuell nur von den an der konkreten Kommunikationshandlung Teilnehmenden geteiltes Wissen für die Referentenidentifikation notwendig ist:

[…] S nimmt an, dass der Referent aufgrund zurückliegender kommunikativer Interaktionen oder eines gemeinsamen Erfahrungshorizonts im von S und H geteilten Redeuniversum ‘vorhanden’ ist. (1997:81)

Das Wissen steht zwar in Verbindung zur Kommunikationssituation, ist aber nicht wie das generelle Weltwissen oder das aktuelle Diskurswissen direkt zugreifbar, sondern muss „als eine Art Kontext zweiten Grades erst aktiviert werden“ (Ahrenholz 2007:197).

Es ist ein zentrales Merkmal des anamnestischen Gebrauchs, dass auf Seiten des Sprechers eine Unsicherheit bestehen kann. Einerseits ist der Sprecher nicht sicher, ob der Hörer wirklich in der Lage ist, das spezifische Wissen zu aktivieren und den Referenten zu identifizieren. Sprachlich schlägt sich diese Unsicherheit dann in Verzögerungsphänomenen (Pausen, Längungen, Wiederholungen usw.), Abbrüchen sowie Rückversicherungspartikeln (ne?, nicht wahr?) nieder. Andererseits kann sich der Sprecher auch unsicher sein, ob die gegebene Kennzeichnung hinreichend oder angemessen ist. Deswegen folgt der NP mit Demonstrativa häufig eine weitere Erläuterung des Gemeinten durch identifizierende oder aktivierende Modifikatoren (Himmelmann 1997:72–82).


In 94a folgt auf der NP diesem Jungen unmittelbar eine lange Pause, und zwar wartet die Erzählerin zwei Sekunden auf eine Rückbestätigung der Hörerin. In 94b dienen Relativsätze dazu, dem Hörer beim Identifizieren bzw. Aktivieren des intendierten Referenten zu helfen.

Nach der empirischen Untersuchung von Ahrenholz zählt der anamnestische Gebrauch jedoch nicht zu den häufigsten Verwendungsformen von dies-. Außerdem sind Markierungen von Unsicherheit bezüglich der Referenz beim anamnestischen Gebrauch meist nicht zu finden.

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