Kitabı oku: «Rebeccas Schüler»

Yazı tipi:


Anziehend, verboten und gefährlich

RO­MAN

TIRA BEI­GE

Impressum

2. überarbeitete Auflage 2021

Copyright © 2020 Tira Beige

Ver­lag:

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Satz: Con­stan­ze Kra­mer

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Alle Rech­te vor­be­hal­ten. Das vor­lie­gen­de Werk darf we­der in sei­ner ­Ge­samt­heit noch in sei­nen Tei­len ohne vor­he­ri­ge schrift­li­che Zu­stim­mung der Recht­e­in­ha­ber in wel­cher Form auch im­mer ver­öf­fent­licht wer­den. Das be­trifft ins­be­son­de­re je­doch nicht aus­schließ­lich elek­tro­ni­sche, me­cha­ni­sche, phy­si­sche, au­dio­vi­su­el­le oder an­der­wei­ti­ge Re­pro­duk­ti­on oder Spei­che­rung und oder Über­tra­gung des Wer­kes so­wie Über­set­zun­gen. Da­von aus­ge­nom­men sind kur­ze Aus­zü­ge, die zum Zwe­cke der ­Re­zen­si­on ent­nom­men wer­den.

Warn­hin­weis

Der nach­fol­gen­de Ro­man the­ma­ti­siert an et­li­chen Stel­len ernst­zu­neh­men­de The­men: Mob­bing, se­xu­el­le Ge­walt, ­psy­chi­sche Stö­run­gen bzw. De­pres­si­on so­wie Sui­zid.

Dies könn­ten ei­ni­ge Le­ser/in­nen be­un­ru­hi­gend

oder ­ver­stö­rend fin­den. Le­sen auf ei­ge­ne Ge­fahr

und erst ab 18 Jah­ren.

Auf die Ver­wen­dung von Kon­do­men wird aus Grün­den des Le­se­flus­ses ver­zich­tet. Das heißt aber nicht, dass Tira Bei­ge sie als be­deu­tungs­los er­ach­tet. Im Ge­gen­teil: ­Kon­do­me schüt­zen vor un­ge­woll­ter Schwan­ger­schaft und vor an­stre­cken­den Ge­schlechts­krank­hei­ten.


Prolog
Mit­schnitt aus der Ver­neh­mung der Zeu­gin Ali­cia He­ger

[…]

Po­li­zist:

Wie bist du auf die gan­ze Sa­che auf­merk­sam ge­wor­den?

Ali­cia:

So wie je­der an­de­re. Er brach­te ir­gend­wie bei dem Schul­fest das Mi­kro­fon an sich. Kei­ne Ah­nung, wie er Phil­ipp aus der Zwölf­ten über­re­det hat. Der ach­tet nor­ma­le­r­wei­se im­mer dar­auf, dass er sich um die Tech­nik al­lein küm­mern darf.

Und dann stand er da, auf der Büh­ne. Er mach­te ei­ner­seits den Ein­druck, als wis­se er nicht so recht, wo­hin mit sich, aber sei­ne Wor­te wa­ren ab­so­lut klar. Alle Au­gen wa­ren auf ihn ge­rich­tet, als er an­fing zu spre­chen. Wir wuss­ten zu­erst gar nicht, war­um er da über­haupt stand, ha­ben uns an­ge­se­hen und ge­lacht. So wie wir uns öf­ter über ihn lus­tig ge­macht ha­ben.

Aber was da­nach kam, das scho­ckier­te uns alle! Und dann schau­ten wir nur noch auf sie.

Teil 1

An­zie­hend


Ka­pi­tel 1

»Machst du jetzt etwa einen auf Do­mi­na?«

»Du sahst ge­ra­de so aus, als wür­dest du dar­auf ste­hen …«

Re­bec­cas Fuß ruh­te auf der Brust ih­res Freun­des, wäh­rend ihr der war­me Was­ser­dampf ins Ge­sicht schlug. Paul lag auf dem Rü­cken lang ge­streckt in der Ba­de­wan­ne, lä­chel­te süf­fi­sant und schau­te an ih­rem nack­ten, schlan­ken Kör­per hin­auf. Ein letz­tes Mal kreuz­ten sich ihre Bli­cke, be­vor Re­bec­ca ih­ren Fuß an­hob und aus der Ba­de­wan­ne stieg.

»Mor­gen wer­de ich wie­der die Schü­ler do­mi­nie­ren«, sag­te sie. Pauls Grin­sen ver­zog sich zu ei­ner spöt­ti­schen Gri­mas­se. »War­um lachst du so bos­haft?«, ent­fuhr es ihr.

»Mal se­hen, wer wen do­mi­nie­ren wird«, amü­sier­te er sich.

»Idi­ot!«

Re­bec­ca griff mit ei­ner blitz­ar­ti­gen Be­we­gung zu ih­rem flau­schi­gen wei­ßen Hand­tuch und trock­ne­te sich ab.

»Ach komm schon, Bec­cy, war doch nicht so ge­meint.« Was für ein un­be­son­ne­n­er Satz! Sie dreh­te sich de­mon­s­tra­tiv weg. Reich­te es nicht, dass sie selbst an sich zwei­fel­te?

Vom Spie­gel aus be­ob­ach­te­te sie, wie Pauls Blick von ih­rem Ober­kör­per nach un­ten zu ih­rem Po wan­der­te. Dann tauch­te er, auf dem Rü­cken lie­gend, sei­nen Kopf in das war­me Ba­de­was­ser, um sich die Haa­re zu wa­schen.

Re­bec­ca dreh­te sich um und warf einen letz­ten Blick in die Wan­ne, wo­bei ihr die lan­gen brau­nen Haa­re ge­gen die Wan­ge klatsch­ten und eine feuch­te Sträh­ne dort kle­ben blieb.

Pauls un­ter­setz­ter Ober­kör­per wipp­te bei je­der Be­we­gung, die er un­ter Was­ser an sei­nem Kopf voll­zog, leicht auf und ab. Vor sie­ben Jah­ren sah er noch bes­ser aus. Ihre Lie­be zu ihm auch.

Ihre tro­ckenen Füße tru­gen Re­bec­ca ins ge­gen­über vom Bad ge­le­ge­ne Schlaf­zim­mer, wo sie sich ein frisch duf­ten­des Nacht­hemd über­wa­rf. Nichts konn­te die Angst über­de­cken, der sie sich un­wei­ger­lich stel­len muss­te, wenn sie mor­gen wie­der die Schu­le be­trat. Mal se­hen, wer wen do­mi­nie­ren wird. Pauls lose da­her ge­spro­che­nen Wor­te wa­ren gar nicht so ab­we­gig; mach­ten sie Re­bec­ca doch auf das Pro­blem auf­merk­sam, wer die wirk­li­che Au­to­ri­tät im Klas­sen­raum be­saß. Sein un­über­leg­ter Satz traf einen wun­den Punkt in ihr, den sie am liebs­ten aus­ra­diert hät­te.

Im Ver­gleich zu den letz­ten zwei er­hol­sa­men Win­ter­fe­ri­en­wo­chen lös­te der kleins­te Ge­dan­ke an den Un­ter­richt mor­gen und an den in den kom­men­den fünf Wo­chen bis zu den Os­ter­fe­ri­en Gru­sel­ge­füh­le in Re­bec­ca aus. Sie sah schon jetzt die nerv­tö­ten­den Siebt­kläss­ler, ihre un­be­re­chen­ba­ren Ach­ter und die lang­wei­li­gen Ober­stu­fen­schü­ler aus Klas­se 11 vor sich.

Re­bec­ca ver­ließ das Schlaf­zim­mer und sank auf das Sofa in der Wohn­stu­be nie­der. »Oh man …«, flüs­ter­te sie, als sie den Fern­se­her ein­schal­te­te, kein pas­sen­des Abend­pro­gramm fand und wahl­los durch die Fern­seh­ka­nä­le zapp­te. Den El­len­bo­gen leg­te sie auf der Leh­ne ab und stütz­te den Kopf schwer las­tend in die Hand­flä­che.

Nach zwei­ma­li­gem Durch­schal­ten blieb sie bei ei­ner Rei­se­sen­dung hän­gen. Die Mo­de­ra­to­rin schlen­der­te an ei­nem fer­nen Ort über wei­ßen Sand. Re­bec­ca ver­zog nei­disch den Mund, als sie die Frau be­trach­te­te, die weit weg von jeg­li­chem All­tagsstress al­ler Sor­gen frei am Strand ent­lang spa­zier­te. Im Hin­ter­grund rausch­te das Meer vor der Küs­te. Es muss­te spä­ter Nach­mit­tag sein, denn das war­me Licht um­fing die blon­den Sträh­nen ih­res Haa­res und ließ es in der Son­ne wie gol­de­nes Stroh auf­blit­zen.

Er­in­ne­run­gen an den ers­ten Ur­laub mit ih­rem Freund bil­de­ten sich vor Re­bec­cas in­ne­rem Auge ab, ver­schwan­den aber so­fort, als sie Paul im Bad ru­fen hör­te: »Bec­cy? Kannst du mir mal neu­es Sham­poo ho­len?«

Sie rennt über den Gang. Ge­räusch­los. Der vie­le Sand, der in klei­nen wei­chen Dü­nen auf­ge­schich­tet vor ihr liegt, er­schwert das Fort­kom­men. Wei­ter hech­ten. Vor­wärts. Aber der fei­ne wei­ße Strandsand liegt vor den Tü­ren und es bleibt nur ein Sprin­gen von Düne zu Düne üb­rig. Fast hät­te sie die De­cke des Ge­bäu­des be­rührt. Noch ein gro­ßer Sprung. Das Klas­sen­zim­mer der Sie­be­ner. Sven­ja, Ste­ven, Mona und Jo­nas lau­fen ge­gen­über der Tür in ei­ner Ni­sche über ein auf­ge­schüt­te­tes Ei­land. In der Hand hal­ten sie Eis­be­cher, Cock­tails und Son­nen­schir­me. Wo sie das her­ha­ben, will sie von den Kin­dern wis­sen. Aus La Re­uni­on. Von au­ßen fällt glei­ßen­des Licht in das Ge­bäu­de, so­dass die blon­den Haa­re von Sven­ja fast weiß er­schei­nen. Me­cha­nisch, mit her­ab­ge­senk­ten Köp­fen lau­fen sie stur hin­ter­ein­an­der im Kreis das Ei­land der Ni­sche ab. Noch recht­zei­tig den Klas­sen­raum er­reicht. Stim­men­ge­wirr er­tönt.

Sie öff­net die Tür und steht mit bei­den Bei­nen im Was­ser. Die Ti­sche sind wüst durch­ein­an­der an­ge­ord­net. Nack­te und halb­nack­te Schü­ler drän­gen sich in dem Raum, plan­schen in dem auf dem Bo­den be­find­li­chen Was­ser. Ro­bert liegt auf dem Rü­cken, wäh­rend Na­ta­lie in Sie­ger­po­se über ihm steht und ihm den Fuß auf sei­ne Brust drückt.

Da sind auch Mar­tin und El­len aus der ach­ten Klas­se, die eng bei­ein­an­der ste­hen und la­chen. Ein Jun­ge aus der elf­ten Klas­se hält auf­rei­zend eine Siebt­kläss­le­rin im Arm. So viel Was­ser un­ter ih­ren Fü­ßen. Der Schul­hof ist das Meer. An die Au­ßen­wand des Ge­bäu­des schla­gen hohe Wel­len an. Paul steht mit ei­ner Ba­de­ho­se be­klei­det am Fens­ter und will nach drau­ßen sprin­gen. »Auf La Re­uni­on gibt es Haie, Paul, das weißt du doch. Schwimm’ nicht zu weit raus!« Doch er hört nicht. Ruck­ar­tig springt er vom Fens­ter­brett des Klas­sen­raums in den Oze­an hin­ein.

Piep Piep Piep Piep Piep Piep. 5:00 Uhr mor­gens. Re­bec­ca rich­te­te sich schlaf­trun­ken im Bett auf, um den gel­len­den Ap­pa­rat auf dem Nacht­tisch aus­zu­schal­ten.

Ihr blieb nicht viel Zeit, die wir­ren Ein­drü­cke im Kopf zu sor­tie­ren. Gäh­nend schlepp­te sie sich ins Ba­de­zim­mer, wo die kur­ze Nacht­ru­he un­auf­hör­lich ih­ren Tri­but for­der­te. Un­ter der Du­sche ste­hend über­zog sich ihr Kör­per mit Gän­se­haut. Nur müh­sam konn­te sie die Au­gen of­fen­hal­ten, wäh­rend Aus­schnit­te aus dem Traum vor­bei­zo­gen.

Als Re­bec­ca das Schlaf­zim­mer wie­der be­trat, schlum­mer­te Paul fried­lich vor sich hin, ver­barg je­doch sein Ge­sicht un­ter der Bett­de­cke, als er das ein­ge­schal­te­te Licht be­merk­te. Ein Ge­fühl der Ei­fer­sucht durch­flu­te­te Re­bec­ca. Neid auf den Part­ner, der erst in we­ni­gen Stun­den auf­ste­hen muss­te.

Trotz Schlaf­de­fi­zit ließ sie kei­ne Hek­tik zu: Auf­ste­hen, Du­schen, An­zie­hen, even­tu­ell Haa­re wa­schen, föh­nen, es­sen, Toi­let­te, Zäh­ne put­zen, die mit­zu­neh­men­den Schul­ma­te­ri­a­li­en kon­trol­lie­ren, Ta­sche ein­räu­men, zum Auto ge­hen. Das war an­ge­sichts der Ge­wohn­heit in we­ni­ger als ei­ner Stun­de mög­lich. Au­ßer heu­te Mor­gen.

Um nicht zu sehr die Au­gen zu­knei­fen zu müs­sen, dimm­te Re­bec­ca die De­cken­be­leuch­tung in der Kü­che. Schumm­rig voll­zog sie die rou­ti­nier­ten Schrit­te, um halb­wegs Nor­ma­li­tät nach den zwei Wo­chen Fe­ri­en her­zu­stel­len.

6:05 Uhr. Die über zwan­zig Ki­lo­me­ter Fahrt zwi­schen Zu­hau­se und der Ar­beits­stel­le wur­den heu­te, am ers­ten Schul­tag nach den Win­ter­fe­ri­en, zu ei­ner ge­dan­ken­ver­lo­re­nen An­ge­le­gen­heit. Gel­be und wei­ße Lich­ter ka­men auf der an­de­ren Stra­ßen­sei­te ent­ge­gen. Sie blie­ben an­onym und fa­rb­los, die Fah­rer hat­ten kein Ge­sicht. Hel­le Lich­ter fuh­ren in Ket­ten vor­bei und wur­den im Rück­spie­gel zu ro­ten, klei­ner wer­den­den Punk­ten. Manch­mal über­hol­te ein gel­bes Licht und wur­de zu zwei ro­ten Punk­ten vor dem Auto. Bis­wei­len fuhr eine gan­ze Ket­te ro­ter Lich­ter vor ihr her.

Es war noch im­mer fins­ter, als Re­bec­ca wie fast je­den Mor­gen als eine der Ers­ten auf dem Park­platz der Schu­le ein­traf. Das nächs­te rou­ti­nier­te Mor­gen­pro­gramm wur­de durch­ge­zo­gen: Ko­pie­ren, Lo­chen, E-Mails che­cken und Klas­sen­buch kon­trol­lie­ren. Ko­pi­en für die Siebt­kläss­ler wa­ren an­zu­fer­ti­gen.

Wäh­rend sie gäh­nend vor dem Ko­pie­rer auf des­sen Ein­satz­be­reit­schaft war­te­te, be­trat Ha­rald das Leh­rer­zim­mer und be­grüß­te sie mit ei­nem lang ge­zo­ge­nen »Gu­ten Mor­gen. Bist ja wie­der zei­tig heu­te da.« Er­neu­tes Gäh­nen.

»Mor­gen, Ha­rald. Na, hat­test du ein paar schö­ne Fe­ri­en?« Das üb­li­che Bla Bla, wenn man sich zwei Wo­chen nicht ge­se­hen hat­te.

Ha­rald ge­hör­te zu Re­bec­cas en­ge­rem Freun­des­kreis im Kol­le­gi­um, un­ter­rich­te­te ge­nau wie sie Deutsch. Sei­ne schloh­wei­ßen Haa­re glänz­ten in der mor­gend­li­chen Be­leuch­tung des Leh­rer­zim­mers.

»An­ge­la und ich wa­ren zu Hau­se. Ich habe ein paar Ar­bei­ten kon­trol­liert und mich er­holt. Nichts Auf­re­gen­des.«

Im Ge­gen­satz zu ihm war Ge­las­sen­heit für Re­bec­ca zum Fremd­wort ge­wor­den. Was auf Ar­beit pas­sier­te, muss­te mit nach Hau­se ge­nom­men und aus­la­dend er­ör­tert wer­den, selbst wenn es nichts mehr zu än­dern gab. Wenn sie im glei­chen Tem­po wie bis­her wei­ter­a­r­bei­te­te, wür­de ein Herz­in­farkt un­aus­weich­lich sein. Dass sie noch über drei­ßig Jah­re ar­bei­ten ge­hen muss­te, er­zeug­te einen Wi­der­wil­len in ihr, der ihr Angst be­rei­te­te.

»Hast du einen an­stren­gen­den Tag vor dir? Wirkst ge­nervt«, stell­te Ha­rald fest.

»Hm«, brumm­te Re­bec­ca vor sich hin. »Freue mich auf das Mit­tag­es­sen.«

Ihre Mund­win­kel zo­gen sich nach oben und ein ge­küns­tel­tes Grin­sen blieb zu­rück. Der Blick muss­te ge­quält aus­se­hen, denn Ha­rald sag­te: »Das wird schon« und klopf­te ihr er­mu­ti­gend auf die Schul­ter.

Wenn es bloß mit ein paar mo­ti­vie­ren­den Wor­ten ge­tan wäre! Da­von wur­de ihre seit Jah­ren be­ste­hen­de Un­fä­hig­keit, Kin­der ver­nünf­tig zu ver­ste­hen, nicht be­ho­ben. Heu­te wa­ren es »bloß« die Siebt­kläss­ler, bei de­nen Re­bec­ca gleich Deutsch un­ter­rich­ten wür­de. Mehr noch grau­te ihr vor ih­rer ei­ge­nen un­be­re­chen­ba­ren ach­ten Klas­se.

Wenn sie an den lang­wei­li­gen Grund­kurs in Deutsch dach­te, bes­ser­te sich ihre Lau­ne eben­falls nicht. Da­bei soll­te er das Herz­stück ih­res Un­ter­richt­s­all­tags wer­den: Als sie vor den Som­mer­fe­ri­en er­fah­ren hat­te, dass sie zum ers­ten Mal in ih­rer Be­rufs­lauf­bahn einen Kurs be­kom­men wür­de, kann­te die Freu­de dar­über kei­ne Gren­zen: End­lich ru­hi­ger Un­ter­richt, mo­ti­vier­te Schü­ler, an­re­gen­de Dis­kus­si­o­nen über li­te­ra­ri­sche Tex­te.

Doch dann das: schlep­pen­der Un­ter­richt, feh­len­de Mit­a­r­beit. Man konn­te nicht be­haup­ten, dass die zwölf Schü­ler stör­ten, im Ge­gen­teil. Sie be­a­r­bei­te­ten, was man ih­nen auf­trug. Sie la­sen, wenn sie le­sen soll­ten, sie schrie­ben, wenn sie schrei­ben soll­ten. Aber sie re­de­ten nicht.

So in Ge­dan­ken ver­sun­ken, hät­te Re­bec­ca bei­nah einen neu­en Zet­tel über­se­hen, der am Schwa­r­zen Brett des Leh­rer­zim­mers aus­hing. Der Ober­stu­fen­be­ra­ter hat­te ihn ver­mut­lich kurz vor den Fe­ri­en aus­ge­hängt und am obe­ren rech­ten Rand mit ei­nem ro­ten Stift eine Art Blitz dar­auf ge­malt. Un­ter dem in Groß­buch­sta­ben ge­schrie­be­nen Na­men ELOU­AN KLA­GE er­kann­te sie sei­nen Stun­den­plan.

»Ist das ein neu­er Schü­ler?« Ha­rald rück­te sei­ne Bril­le auf der Nase zu­recht und be­trach­te­te ein­ge­hend das Ge­schrie­be­ne.

»Nein, ich ken­ne …«, re­de­te er lang­sam vor sich hin. »Elou­an war schon ein­mal vor ei­ni­gen Jah­ren bei uns. Ich kann dir beim Es­sen mehr über ihn er­zäh­len, wenn du magst.«

Der neue Schü­ler wür­de die elf­te Klas­se be­su­chen und diens­tags und don­ners­tags bei ihr im Grund­kurs Deutsch ha­ben.

Mitt­ler­wei­le er­reich­te die Laut­stär­ke im Leh­rer­zim­mer ein für Re­bec­cas Oh­ren un­ge­kann­tes Höchst­maß, das ihre in den Fe­ri­en so hart er­kämpf­te Stil­le be­en­de­te. Im­mer mehr Kol­le­gen ström­ten hin­ein und tausch­ten sich über ihre Fe­ri­en­wo­chen aus. Was für eine ober­fläch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on! Das lau­te Ge­trat­sche er­zeug­te einen Ts­un­a­mi in ih­rem Kopf und sie be­schloss, sich auf den Weg zum Klas­sen­zim­mer der 7a zu ma­chen.

Schon beim Öff­nen der Tür roll­te ihr eine Wol­ke aus ab­ge­stan­de­ner, muf­fi­ger Luft ent­ge­gen. Trotz win­ter­li­cher Käl­te öff­ne­te Re­bec­ca die seit zwei Wo­chen ge­schlos­se­nen Fens­ter, stell­te ihre Ta­sche auf den Bo­den ab und setz­te sich auf den Leh­rer­stuhl. In zehn Mi­nu­ten wür­den die ers­ten Schü­ler kom­men. Eine er­quick­li­che Ruhe vor dem Sturm leg­te sich über den Raum. Ihr Blick schweif­te nach drau­ßen, wo es an­ge­fan­gen hat­te zu schnei­en. Lang­sam glit­ten die Flo­cken vom Him­mel in den gro­ßen Schul­hof her­ab. Ei­ni­ge Un­ter­richts­räu­me, die sie von ih­rem aus über­bli­cken konn­te, wa­ren eben­falls be­leuch­tet: Kol­le­gen, die einen Ta­fel­an­schrieb vor­nah­men, auf die Schü­ler war­ten­de Leh­rer.

Re­bec­ca stand auf und be­gab sich an die Hei­zung. Die woh­li­ge Wär­me, die ent­ström­te, ar­bei­te­te sich ih­ren Rü­cken hoch. Ein letz­tes Mal Ruhe, gleich war es vor­bei da­mit, denn auf dem Gang hör­te sie die ers­ten Stim­men und Schuh­ge­trap­pel. Die Stim­men ka­men nä­her. An­span­nung. Mit ei­nem Ruck flog die Tür auf. Ma­r­cus, ein ru­hi­ger Schü­ler, be­trat als Ers­ter den Raum. Ein Ni­cken in Rich­tung Hei­zung. Nach ihm er­schie­nen drei wei­te­re Jun­gen, die Re­bec­ca mit ei­nem teil­nahms­lo­sen »Mor­gen, Frau Pe­ters!« be­grüß­ten und sich dann zu ih­ren Plät­zen be­ga­ben, um ihre Un­ter­richts­ma­te­ri­a­li­en aus­zu­pa­cken.

Zwei pu­ber­tie­ren­de Mäd­chen, la­chend und auf­rei­zend ge­stylt, johl­ten ein fre­ches »Gu­ten Moooor­gen!« in den Klas­sen­raum hin­ein. Na­tür­lich! Da­mit je­der mit­be­kam, dass die zwei Di­ven da wa­ren. Eins der Mäd­chen, Na­ta­lie, ga­cker­te be­son­ders laut, um die Auf­merk­sam­keit der männ­li­chen Mit­schü­ler auf sich zu zie­hen. Mit Er­folg. Nach­dem die Drei­zehn­jäh­ri­ge ihre Ja­cke an die Gar­de­ro­be des Klas­sen­raums ge­hängt hat­te, rich­te­te sie ihr knap­pes rosa Shirt zu­recht, das für die Jah­res­zeit deut­lich zu dünn war. Ihr Po wur­de durch eine blaue, sehr eng sit­zen­de Röh­ren­jeans pas­send zur Gel­tung ge­bracht. Ganz schön ge­wagt für eine Tee­n­a­ge­rin ih­res Al­ters. Re­bec­ca sin­nier­te dar­über nach, ob sie als Mut­ter ihre Toch­ter so aus dem Haus ge­hen las­sen wür­de.

Na­ta­lies lan­ge, hell­brau­ne Haa­re fie­len ihr in Lo­cken ge­schmei­dig über die Schul­tern. Wie be­ab­sich­tigt rich­te­ten sich die Bli­cke der pu­ber­tie­ren­den Jun­gen auf das Mäd­chen.

Mit dem Auf­fül­len des Klas­sen­raums ma­xi­mier­te sich die Laut­stär­ke. Noch drei Mi­nu­ten bis zum Stun­den­be­ginn. Re­bec­ca trot­te­te am Lehrer­tisch auf und ab. Ein letz­tes Mal sor­tier­te sie ihre Un­ter­la­gen, über­prüf­te, ob ge­nug Krei­de be­reit­lag, leg­te ihr Lehr­buch griff­be­reit hin, schau­te auf die Arm­band­uhr, glich sie mit der Wand­uhr ab. Dann er­tön­te das Klin­gel­zei­chen. Ein kräf­ti­ges Zie­hen an der Tür si­gna­li­sier­te: Jetzt kann es los­ge­hen! Doch die Schü­ler ver­harr­ten an ih­ren Plät­zen und tausch­ten sich über die Fe­ri­en aus.

»Es hat ge­klin­gelt!«, brüll­te Re­bec­ca. Den Er­war­tun­gen ge­mäß re­a­gier­te bloß ein Teil der Ju­gend­li­chen auf ihre Wor­te. »Es hat ge­klin­gelt, Herr­schaf­ten!« Ihre lau­ter ge­wor­de­ne Stim­me zwang ei­ni­ge un­auf­merk­sa­me Schü­ler dazu, sich von ih­ren Plät­zen zu er­he­ben.

»Wir ha­ben viel Zeit. Wir kön­nen auch län­ger ma­chen.« Sie könn­te sich so­fort ohr­fei­gen für die­se zwei un­be­dacht aus­ge­spro­che­nen Sät­ze, die die Un­ru­he be­he­ben soll­ten. Die Siebt­kläss­ler be­lä­chel­ten müde den Ver­such. Sie wuss­ten, dass die An­dro­hung sel­ten durch­ge­zo­gen wur­de.

Re­bec­ca muss­te er­ken­nen, dass die Fe­rie­n­i­dyl­le schon nach den ers­ten Mi­nu­ten dem har­ten Schulall­tag ge­wi­chen war.

Nach an­stren­gen­den fünf Mi­nu­ten er­folg­te end­lich die Be­grü­ßung, auch wenn sich ein­zel­ne Schü­ler wei­ter­hin um­dreh­ten oder mit­ein­an­der spra­chen. »Gu­ten Mor­gen!«, er­tön­te ihre stren­ge Leh­rer­stim­me. Un­mo­ti­viert mur­mel­te die Klas­se ihre Be­grü­ßung ent­ge­gen.

Eine Ab­bil­dung zum The­ma Zei­chen­set­zung soll­te die Auf­merk­sam­keit der Pu­ber­tie­ren­den auf den neu­en Un­ter­richts­in­halt len­ken. »Sven­ja, be­schrei­be bit­te die Ka­ri­ka­tur!«, for­der­te Re­bec­ca am Over­head­pro­jek­tor ste­hend die Schü­le­rin auf, die so kurz nach Stun­den­be­ginn wie­der mit Na­ta­lie im Ge­spräch ver­sun­ken war. Ver­mut­lich be­quatsch­ten die bei­den, wie lan­ge Na­ta­lie in den Fe­ri­en Net­flix ge­schaut oder mit wem Sven­ja wil­de Nach­rich­ten auf Whats­App aus­ge­tauscht hat­te.

»Was?«, frag­te die Ju­gend­li­che geis­tes­ab­we­send. Ei­ni­ge Mit­schü­ler stöhn­ten und er­klär­ten ihr die Auf­ga­be. »Na ja, ich sehe einen Jun­gen, der nicht weiß, ob er ein Kom­ma set­zen soll.«

Re­bec­ca stieß einen schwe­ren Seuf­zer aus. »Ka­ri­ka­tu­ren habt ihr doch im Ge­schichts­un­ter­richt …« Laut­stär­ke bran­de­te auf. Hei­k­les The­ma. Sie selbst hat­te schon Pro­ble­me ge­nug, Dis­zi­plin in die­se Schul­klas­se zu brin­gen. Der Ge­schichts­leh­rer war noch üb­ler dran.

Ei­ni­ge Schü­ler lach­ten oder wink­ten ab. »Bei Herrn Glä­ser ler­nen wir nichts, Frau Pe­ters«, rief Bas­ti aus der hin­te­ren Bank­rei­he nach vorn. »Der kann nicht er­klä­ren«, er­gänz­te ein wei­te­rer Schü­ler ganz vorn.

Wei­te­re Siebt­kläss­ler schal­te­ten sich in die Dis­kus­si­on ein. Plötz­lich ging es nicht mehr um die Ka­ri­ka­tur, son­dern nur noch um den Leh­rer, der von den Schü­lern her­un­ter­ge­putzt wur­de. Die Si­tua­ti­on droh­te Re­bec­ca zu ent­glei­ten. Wie so oft.

»Okay! Okay! Ruhe jetzt! Ist ja gut!«, rief sie ver­zwei­felt in die grö­len­de Men­ge hin­ein.

Als es lei­ser wur­de, er­klär­te sie die Me­tho­de und nahm eine stil­le Schü­le­rin dran, die das Bild sou­ve­rän be­schrieb. Drei Mi­nu­ten soll­te die Ein­stiegs­pha­se dau­ern – ver­stri­chen wa­ren zehn.

Selbst da­nach drang Re­bec­ca nicht zu den Ju­gend­li­chen durch, die ih­ren Un­mut laut­stark kund­ta­ten: »Wozu müs­sen wir das denn schon wie­der be­han­deln?«

Ein­fach un­be­irrt wei­ter­ma­chen und die Dis­kus­si­o­nen un­ter­bin­den, so wie es im Re­fe­ren­da­ri­at ge­lehrt wur­de. Aber das war leich­ter ge­sagt als ge­tan.

Kur­zer­hand igno­rier­te Re­bec­ca die Stö­rer, er­mahn­te zur Ruhe und zog das Tem­po an. »Leu­te, ihr macht die meis­ten Feh­ler im Be­reich der Kom­ma­set­zung. Ihr braucht drin­gend eine Wie­der­ho­lung! Au­ßer­dem müsst ihr Kom­mas set­zen kön­nen, wenn ihr Be­wer­bun­gen schreibt oder Brie­fe. Ver­steht doch, dass …«

Bis auf we­ni­ge Aus­nah­men hör­te ihr nie­mand der drei­und­zwan­zig Schü­ler zu. Ei­ni­ge Ju­gend­li­che schau­ten ge­lang­weilt an die Ta­fel und be­ka­men zu­min­dest einen Teil der Übun­gen und Er­klä­run­gen mit. An­de­re re­de­ten mit dem Ban­knach­barn oder mal­ten auf ih­ren Un­ter­la­gen her­um.

End­lich – das Klin­gel­zei­chen nach ei­ner Drei­vier­tel­stun­de Schwerst­a­r­beit. Die Schü­ler ver­lie­ßen quas­selnd den Raum, wäh­rend Re­bec­ca wie er­schos­sen in ih­ren Stuhl zu­rücksank und an­ge­sichts der an­ste­hen­den zwei Frei­stun­den auf­at­me­te. Ruhe.

Ein kur­z­er Griff zu den Schul­ma­te­ri­a­li­en, die ein­sor­tiert wer­den muss­ten. Dann mach­te sie sich auf den Weg Rich­tung Leh­rer­zim­mer. Die schwe­re Ta­sche zog ihre Schul­tern nach un­ten und ließ sie den Blick starr auf den nack­ten, grau­en Bo­den rich­ten.

Im Leh­rer­zim­mer an­ge­kom­men, fand sie einen No­tiz­zet­tel der Se­kre­tä­rin in ih­rem Fach vor: »Frau Kres­ser wünscht Rü­ck­ruf we­gen Mar­tin«. Die Fest­netz­num­mer hat­te Frau Schnei­der mit Rot dar­un­ter ge­schrie­ben.

Re­bec­ca stöhn­te. Mar­tin war der pro­ble­ma­tischs­te Schü­ler in ih­rer Klas­se: Sei­ne Leis­tun­gen wa­ren mi­se­ra­bel. Bis­her reich­ten sie je­des Schul­jahr, um nicht sit­zen­zu­blei­ben. Aber nun schien die Si­tua­ti­on aus­weg­los.

Ne­ben den un­ter­durch­schnitt­lich schlech­ten Leis­tun­gen hat­te Mar­tin mas­si­ve Pro­ble­me da­mit, sich an Re­geln und Ab­spra­chen zu hal­ten. Er kom­men­tier­te per­ma­nent die Ent­schei­dun­gen der Lehr­kraft, stör­te, misch­te den Un­ter­richt und sei­ne Mit­schü­ler auf oder sorg­te in den Pau­sen für laut­star­ke Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit sei­nen Klas­sen­ka­me­ra­den. An ein ru­hi­ges Ar­bei­ten mit ihm im Un­ter­richt war nicht zu den­ken. Re­bec­ca wünsch­te sich, dass er die Schu­le am Schul­jah­res­en­de ver­ließ und sie ihn nie mehr wie­der­se­hen muss­te.

Es schnei­te im­mer noch leicht, als sie sich auf den Weg ins Se­kre­ta­ri­at be­gab. An den Fens­tern des Schul­ge­bäu­des perl­ten die Trop­fen ab. Das trost­lo­se Wet­ter und die trist auf der Stra­ße fah­ren­den Au­tos, die wie graue Mäu­se über den As­phalt husch­ten, spie­gel­ten ihre ei­ge­ne de­so­la­te Ge­fühl­sla­ge wi­der.

Re­bec­ca klopf­te an die Tür zum Se­kre­ta­ri­at an und trat ein. »Frau Schnei­der, Sie ha­ben mir einen Zet­tel ins Fach ge­legt. Ich möch­te den An­ruf gleich er­le­di­gen.« Die Se­kre­tä­rin nick­te und wies ihr den Platz ge­gen­über ih­res Schreib­ti­sches zu. Nach der Über­g­a­be des Te­le­fons wähl­te Re­bec­ca die Num­mer. Es klin­gel­te, aber nie­mand hob ab. »Ko­misch. Ei­gent­lich müss­te sie zu Hau­se sein. Ich war­te kurz und ver­su­che es dann noch mal.«

Sie fiel in den Stuhl zu­rück, des­sen wei­che Leh­ne sich an ih­ren Rü­cken an­schmieg­te. Für einen kur­z­en Mo­ment der Ruhe stütz­te sie den El­len­bo­gen auf dem Tisch ab und leg­te eine Hand an die Wan­ge.

Die Se­kre­tä­rin hat­te sich in­zwi­schen dem Com­pu­ter zu­ge­wandt und be­gann da­mit, et­was ein­zu­tip­pen. Die Zeit strich da­hin und Re­bec­ca rich­te­te ih­ren Blick aber­mals aus dem Fens­ter hin­aus, wo sie noch im­mer das grau-graue Win­ter­wet­ter vor­fand.

Sie zuck­te zu­sam­men, als ein lau­tes Öff­nen der Tür hin­ter ihr er­tön­te. Schul­lei­ter Tan­nen­ber­ger trat mit ei­nem Mann, ei­ner Frau und ei­nem Ju­gend­li­chen her­aus. »Also, wenn et­was sein soll­te, Sie kön­nen sich je­der­zeit bei mir mel­den, wir fin­den einen Ter­min«, sag­te der Di­rek­tor in freund­li­chem Ton­fall und gab den Drei­en förm­lich die Hand. Ein klei­nes Lä­cheln husch­te über sein Ge­sicht, als er Re­bec­ca er­blick­te.

Sie schau­te zu den drei aus dem Büro her­aus­tre­ten­den Per­so­nen, die sich am Tre­sen des Se­kre­ta­ri­ats be­fan­den und im Be­griff wa­ren, den Raum zu ver­las­sen.

Nur flüch­tig streif­te Re­bec­ca der Blick des etwa zwan­zig­jäh­ri­gen Man­nes. Er griff in sei­ne dun­kel­brau­nen, fast schwa­r­zen Haa­re und sah zu Bo­den, wirk­te an­ge­spannt.

In dem kur­z­en Mo­ment, in dem sie sein eben­mä­ßi­ges Ge­sicht wahr­nahm, durch­fuhr sie eine un­ge­ahn­te Sehn­sucht, die­ses nä­her zu er­grün­den. Auch sein Body wirk­te we­nig jun­gen­haft. Un­ter dem schwa­r­zen Pull­over zeich­ne­te sich ein gut trai­nier­ter Kör­per ab. Als die Fa­mi­lie das Se­kre­ta­ri­at ver­ließ, er­wi­sch­te sich Re­bec­ca da­bei, dem jun­gen Mann auf den Hin­tern zu star­ren, der sich un­ter der eng an­lie­gen­den Hose ab­zeich­ne­te.

»Frau Pe­ters, wol­len Sie zu mir?«, frag­te der Schul­lei­ter, der noch im­mer im Tür­rah­men stand. Re­bec­ca dreh­te sich ruck­ar­tig zu ihm her­um.

»Wie bit­te?«

Er lach­te auf. »Ich dach­te, Sie wol­len zu mir, weil Sie hier war­ten.«

»Nein, ich muss je­man­den an­ru­fen«, er­wi­der­te sie knapp.

»Ach so.« Tan­nen­ber­ger ver­schwand, die Tür hin­ter sich zu­schla­gend, in sei­nem Büro.

»Sa­gen Sie, Frau Schnei­der: Ken­nen Sie die Fa­mi­lie, die eben beim Schul­lei­ter war? Ich habe die Leu­te noch nie vor­her ge­se­hen.« Die Se­kre­tä­rin schau­te im Ter­min­ka­len­der des Di­rek­tors nach.

»Fa­mi­lie Kla­ge«, mein­te sie, ohne vom Ka­len­der auf­zu­bli­cken. »Ihr Sohn Elou­an wird ab mor­gen hier zur Schu­le ge­hen.«

Re­bec­ca muss­te bei der Vor­stel­lung, ih­rem zu­künf­ti­gen Schü­ler un­ge­ni­ert auf den Po ge­st­arrt zu ha­ben, schmun­zeln.

Dann griff sie zum Te­le­fon­hö­rer und wähl­te er­neut. Ohne Er­folg. Das hieß eine Über­stun­de mehr für heu­te Nach­mit­tag.

Nach dem Un­ter­richt in Klas­se 10 stand Re­bec­ca ge­dan­ken­ver­lo­ren am Fens­ter und starr­te in den Schul­hof hin­ab, in dem sich die Schü­ler trotz der win­ter­li­chen Käl­te tum­mel­ten. Der Wind hat­te auf­ge­frischt und es schnei­te kräf­ti­ger. Die bun­ten Ge­stal­ten auf dem Hof trotz­ten der Käl­te, wa­r­fen sich Schnee­bäl­le ins Ge­sicht und seif­ten sich ge­gen­sei­tig ein.

Die gro­ße Bu­che, die Re­bec­ca vom Fens­ter aus sah, wirk­te wie ein tau­sen­de Jah­re al­tes Boll­werk in­mit­ten der stän­dig wech­seln­den Jah­res­zei­ten und Ge­sich­ter, auf die sie Tag für Tag, Jahr ein Jahr aus her­abblick­te. Sie wür­de die Zei­ten über­dau­ern und in hun­dert Jah­ren noch be­hü­tend über den Kin­dern wa­chen.

Aber Gott, was war das für ein Tag! Das war nur ei­ner von vie­len! Wo wür­de sie in ver­damm­ten zehn, zwan­zig oder mehr Jah­ren ste­hen? Wür­de sie end­lich die Leh­re­rin sein, die sie sein woll­te – re­spek­tiert und ge­ach­tet? Wür­den die Kor­rek­tu­ren we­ni­ger wer­den? Wür­de sie mehr Frei­zeit ha­ben?

Wäh­rend sie noch dar­über nach­dach­te, leer­te sich der Schul­hof zum Ende der Pau­se. Re­bec­ca griff nach ih­rer schwa­r­zen Schul­ta­sche, hol­te die Ja­cke aus dem Leh­rer­zim­mer und ging in Rich­tung Men­sa. Schrei­en­de, auf­ge­reg­te Scha­ren von Pu­ber­tie­ren­den kreuz­ten ih­ren Weg.

Ha­rald saß schon am Tisch, als Re­bec­ca ein­traf. Er hat­te einen Tel­ler Nu­deln mit To­ma­ten­so­ße und Wurst­stü­ck­chen vor sich ste­hen und kau­te lang­sam auf ih­nen her­um.

»Und wie war dein ers­ter Tag?«, woll­te Ha­rald wis­sen, als sie sich hin­setz­te.

Re­bec­ca at­me­te tief durch. »Ging. Die Sie­be­ner ha­ben er­war­tungs­ge­mäß ge­stört. Mor­gen habe ich die El­fer, da ist es ru­hi­ger«, sag­te sie leicht lä­chelnd und schob sich einen Hap­pen Nu­deln in den Mund.

Ihr war be­wusst, dass die Ober­stu­fen­schü­ler ihre Ruhe ha­ben woll­ten und da­her nicht stör­ten. »Ach siehst du, da fällt mir ein: Ich habe doch einen neu­en Schü­ler bei mir im Kurs sit­zen: Elou­an Kla­ge. Er und sei­ne El­tern wa­ren heu­te beim Schul­lei­ter. Ich war zu­fäl­lig im Se­kre­ta­ri­at und habe sie ge­se­hen. Du sag­test doch, du wür­dest ihn ken­nen.«

Der äl­te­re Mann räus­per­te sich, mach­te eine klei­ne Kunst­pau­se. »Elou­an Kla­ge war schon ein­mal bei uns.«

»War er ein Jahr im Aus­land und kommt jetzt wie­der oder was?«

Wie­der ein Räus­pern. Er leg­te die Ga­bel bei­sei­te, beug­te sich leicht nach vorn und sag­te dann be­stimmt: »Nein, Elou­an war vor …«, über­leg­te er, »drei oder vier Jah­ren bei uns an der Schu­le. Ich glau­be Mit­te der elf­ten Klas­se war er plötz­lich weg. Von der da­ma­li­gen Klas­sen­leh­re­rin er­fuh­ren wir, dass der Jun­ge psy­chi­sche Pro­ble­me hat­te und da­her in eine Ner­ven­heil­an­stalt ge­kom­men war. Müss­te in den Un­ter­la­gen noch al­les zu fin­den sein.«

»Ver­ste­he.« Re­bec­ca über­leg­te kurz. »Wenn er nach drei Jah­ren in die Klas­se 11 ein­steigt, dann ist er ja …«

»Auf alle Fäl­le voll­jäh­rig«, grins­te Ha­rald. »Mal se­hen, wie er sich dies­mal an­stellt …«

Er nahm sei­ne Ga­bel wie­der in die Hand und aß wei­ter. »Was meinst du da­mit?«

»Nun ja, Elou­an«, sag­te er, »war ein cle­ver­es Kerl­chen, aber mit sei­ner ver­rück­ten Art hat er sich kei­ne Freun­de ge­macht. Trat auf, als wäre er der Schul­lei­ter hier, kleb­te am Leh­rer dran, misch­te sich ein, wäh­rend Er­wach­se­ne spra­chen.«

Schwei­gen leg­te sich über sie. Sei­ne Wor­te hall­ten in Re­bec­cas Kopf nach. Auf sie wirk­te er ganz nor­mal.

Mit der Wurst­stul­le in der Hand stand Re­bec­ca am Diens­tag vor dem Ver­tre­tungs­plan des Leh­rer­zim­mers, als Hei­di, Elou­ans Tu­to­rin, den Raum be­trat. »Und, hat­test du schon Deutsch bei Lou?«

Re­bec­ca, die ge­ra­de da­bei war, das Ge­wirr an Zet­teln am Schwa­r­zen Brett zu sor­tie­ren, er­schrak und schau­te Hei­di ins Ge­sicht. Wen mein­te die Bio­lo­gie­kol­le­gin?

»Du un­ter­rich­test doch Deutsch in mei­nem Kurs. Hast du Elou­an schon ken­nen­ge­lernt?«

Re­bec­ca schüt­tel­te den Kopf. »Nein, die kom­men­de Stun­de erst. Aber sag mal, Hei­di, ich habe mich ges­tern mit Ha­rald un­ter­hal­ten. Über Elou­an.«

Hei­di lach­te auf. »Be­stimmt hat er ihn für ver­rückt er­klärt.« Re­bec­ca nick­te.

»Du soll­test dir ein ei­ge­nes Ur­teil bil­den. Bei ei­nem Kol­le­gen ist er so, beim an­de­ren so.«

»Wie alt ist er?«

»Zwan­zig.« Hei­di schau­te auf die Uhr, die auch Re­bec­ca dar­an er­in­ner­te, dass der Un­ter­richt bald be­gann. »Wir re­den mal, wenn wir un­ge­stört sind, ja?«

Re­bec­ca schul­ter­te ihre Schul­ta­sche und ver­ließ das Leh­rer­zim­mer, das in­zwi­schen zu ei­nem Stall vol­ler wild ge­wor­de­ner Hen­nen und auf­ge­bla­se­n­er Häh­ne mu­tiert war. Im Ge­gen­satz dazu herrsch­te auf dem lee­ren Gang eine an­ge­neh­me Stil­le. Nur die Ab­sät­ze ih­rer Stie­fel er­zeug­ten einen har­ten Takt, der an den Wän­den des Ge­bäu­des wi­der­hall­te.

Am Kurs­raum an­ge­kom­men, pack­te sie das Deutsch­buch und ihre Un­ter­la­gen aus. Vor­freu­de er­füll­te sie an­ge­sichts des an­ste­hen­den Ken­nen­ler­nens mit dem ihr noch un­be­kann­ten, aber höchst in­ter­es­sant er­schei­nen­den Schü­ler.

Wäh­rend die letz­ten Stim­men auf dem Schul­hof ver­schwan­den, be­tra­ten die ers­ten Elft­kläss­ler den Raum. Ei­ner nach dem an­de­ren ging zu sei­nem ge­wohn­ten Platz, pack­te die Schul­sa­chen aus und war­te­te auf das Klin­gel­zei­chen. Bis auf Elou­an wa­ren alle da.

Die Elft­kläss­ler wärm­ten die Stüh­le an und starr­ten ge­lang­weilt vor sich hin oder re­de­ten mit dem Ban­knach­barn.

»Wir be­kom­men heu­te einen neu­en Schü­ler. Hat ihn schon je­mand ge­se­hen?«, frag­te Re­bec­ca in die lust­lo­se Run­de, nach­dem der Un­ter­richt be­gon­nen hat­te. Ali­cia, ein cle­ver­es, gut aus­se­hen­des Mäd­chen be­jah­te die Fra­ge.

»Weiß Elou­an, wo er jetzt Un­ter­richt hat?« Die Schü­le­rin zuck­te die Schul­tern.

»Ich sehe mal nach«, sag­te Re­bec­ca und öff­ne­te be­hut­sam einen Spalt der Klas­sen­zim­mer­tür. Ihr Blick schweif­te nach drau­ßen auf den men­schen­lee­ren Gang.

Sie trat aus dem Raum und bli­cke um sich. Aber so wie sie den Schritt hin­aus wag­te, stand un­er­war­tet ein schlan­ker jun­ger Mann vor ihr und lä­chel­te sie freund­lich an. Er war Re­bec­ca so nahe, dass sie sein männ­lich her­bes Pa­r­fum rie­chen konn­te. Er ver­ström­te eine Aura, die nicht mit Wor­ten zu er­klä­ren war. Ob er ihre Schüch­tern­heit spür­te? Re­bec­ca fühl­te die auf­stei­gen­de Wär­me in ih­rem In­ne­ren. Ihre Wan­gen muss­ten glü­hen!

»Gu­ten Tag«, sag­te er freund­lich, aber be­stimmt. Sei­ne Stim­me war ju­gend­lich kräf­tig. Sie strahl­te Männ­lich­keit und Sanft­mut glei­cher­ma­ßen aus.

»Ich bin Frau Pe­ters.«

»Elou­an.«

Wie ly­risch weich er sei­nen un­ge­wöhn­li­chen Na­men aus­sprach.

»Nen­nen Sie mich doch bit­te Lou.« Da­bei schüt­tel­te er ihre Hand. Der Griff war fest, aber nicht so ker­nig wie bei al­ten Män­nern.

Da war die­ses voll­kom­me­ne Ge­sicht, in das Re­bec­ca ein­tauch­te.

Der Mo­ment dehn­te sich. Der Hän­de­druck war eine Se­kun­de zu lang, ge­nau wie der Blick­kon­takt. Sei­ne blau­en Au­gen schie­nen ihre brau­nen zu durch­boh­ren und für sich ein­neh­men zu wol­len. Den Kampf hat­te sie schon jetzt ver­lo­ren.

Mit ei­nem Male fie­len Re­bec­ca die Schü­ler im Zim­mer ein, die auf die Fort­s­et­zung der Un­ter­richts­stun­de war­te­ten. »Komm rein. Such’ dir einen Platz aus«, sag­te sie mit ge­senk­tem, hoch­ro­tem Kopf. Die Wär­me sei­ner Be­rüh­rung durch­flu­te­te sie noch im­mer.

Elou­an pack­te sei­ne Un­ter­richt­s­u­ten­si­li­en aus und sah sich nach den Mit­schü­lern um. Einen in­ten­si­ver­en Blick wid­me­te er der hübsch an­zu­se­hen­den Ali­cia, die er freund­lich an­lä­chel­te. Dann be­gann für Re­bec­ca die ers­te Un­ter­richts­stun­de mit ih­rem neu­en Schü­ler.


Ka­pi­tel 2

Elou­an zog es vor, al­lein zu sit­zen. Ab­seits von ihm: die üb­ri­gen Elft­kläss­ler. Der er­wach­sen wir­ken­de, mys­te­riöse neue Schü­ler be­frem­de­te sie. Freun­de schien der Neu­an­kömm­ling in der Run­de des lust­lo­sen Deutsch­kur­ses nicht zu fin­den. Neu­er­dings be­trat er zu­sam­men mit Ali­cia den Raum, setz­te sich je­doch nicht ne­ben sie. Re­bec­ca in­ter­es­sier­te, wor­über sie sich aus­tausch­ten, konn­te je­doch nie Wort­fet­zen auf­fan­gen.

Wäh­rend die Ju­gend­li­chen ar­bei­te­ten, schau­te sie sich im Kurs um und sah, wie Lou zu sei­ner Mit­schü­le­rin schau­te. Der Grund­kurs be­stand fast aus­schließ­lich aus Jun­gen. Nur vier Mäd­chen sa­ßen Re­bec­ca ge­gen­über. Da­von zog die leis­tungs­star­ke, hübsch an­zu­se­hen­de Ali­cia die größ­te Auf­merk­sam­keit von Elou­an auf sich.

In Ein­zel­a­r­beits­pha­sen nutz­te Re­bec­ca die Ge­le­gen­heit, sich Lou aus der Nähe an­zu­se­hen. Mit sei­nen zwan­zig Jah­ren stach er aus der Mas­se der Ju­gend­li­chen deut­lich her­vor: Sein mar­kan­tes Kinn mit den ro­bus­ten schwa­r­zen Bart­stop­peln ließ sein Ge­sicht ab­ge­klär­ter und rei­fer wir­ken als das der an­de­ren Jungs. Mal kam er frisch ra­siert in die Schu­le, mal trug er einen ge­pfleg­ten Drei­ta­ge­bart.

Sei­ne blau­en Au­gen lug­ten des Öf­te­ren von dem Deutsch­buch auf und schau­ten sich im Klas­sen­raum um. Un­ver­mit­telt tra­fen sie auf die von Re­bec­ca. »Frau Pe­ters, könn­ten Sie bit­te zu mir kom­men, ich habe eine Fra­ge«, sag­te er über­trie­ben höf­lich.

»Si­cher, was gibt es denn?«

Das ak­tu­el­le The­ma hob die meis­ten Ju­gend­li­chen nicht son­der­lich an, aber Lou schien dar­an Ge­fal­len zu fin­den, Re­den aus­ein­an­der­zu­neh­men.

In­zwi­schen stand Re­bec­ca an sei­nem Platz, beug­te sich über sei­ne Schul­ter, um zu schau­en, was er ihr zei­gen woll­te. »Ich kom­me an die­ser Stel­le hier nicht wei­ter. Weiz­sä­cker sagt, nach dem Zwei­ten Welt­krieg …«

Ihre Au­gen wan­der­ten zu sei­nen dunk­len, kur­z­en Haa­ren, hin­ab zu dem blau­en, eng an­lie­gen­den Jeans­hemd und von dort nach oben zu sei­nem Ge­sicht. Ihr fie­len sei­ne ta­del­los ge­ra­de Nase so­wie sei­ne leicht ge­schwun­ge­nen Lip­pen auf. Ihr Ver­stand wur­de zu­sätz­lich durch das mas­ku­li­ne Pa­r­fum ge­trübt, das sie schon oft an Elou­an ge­ro­chen hat­te und das eine ganz ei­ge­ne Stär­ke ausstrahl­te.

»Und was den­ken Sie dar­über? Kann man dem Au­tor zu­stim­men?«

Sei­ne Wor­te wa­ren ver­wa­schen. »Ich muss das … kurz über­flie­gen …« Trotz Re­bec­cas un­pro­fes­si­o­nel­lem Stam­meln und der wir­ren Ant­wort schien Lou mit dem Ge­sag­ten zu­frie­den zu sein, denn er schrieb die Aus­sa­gen eif­rig auf.

Die üb­ri­gen Elft­kläss­ler wa­ren in ihre Ein­zel­a­r­beit ver­tieft und sa­hen nicht, wie Re­bec­cas Au­gen un­ab­läs­sig Elou­an fo­kus­sier­ten, wäh­rend sie im Raum her­um­lief und vor­gab, sich das Ge­schrie­be­ne der Mit­schü­ler an­zu­se­hen. In Wahr­heit gal­ten Lous Hin­ter­kopf so­wie die schlan­ke Sil­hou­et­te, die sich un­ter sei­nem en­gen Hemd ab­zeich­ne­te, ih­rem In­ter­es­se. Sei­nen An­blick in sich auf­sau­gen, ihm nah sein, sei­ne Prä­senz spü­ren. Ein­zig die­se Ge­dan­ken be­glei­te­ten Re­bec­ca, als sie den Raum durch­schritt.

Es wur­de un­ru­hig. Die meis­ten Schü­ler hat­ten die Ein­zel­a­r­beit ab­ge­schlos­sen und war­te­ten dar­auf, die Ana­ly­se des Re­de­tex­tes vor­ge­setzt zu be­kom­men. Ali­cia ar­bei­te­te in der Re­gel als ein­zi­ge Schü­le­rin ak­tiv mit. Heu­te schoss Lous Arm in die Höhe.

»Gut, dann fas­se bit­te den Text zu­sam­men.« Die In­halts­an­ga­be ge­lang ihm pro­blem­los.

Für den nächs­ten Teil­schritt der Re­de­ana­ly­se nahm Re­bec­ca eine stil­le Schü­le­rin dran. Wäh­rend das Mäd­chen re­de­te, beug­te sich Lou nach links und be­trach­te­te sie auf­merk­sam. Re­bec­cas Au­gen schweif­ten zwi­schen Elou­an und ihr hin und her und eine un­ge­kann­te Ei­fer­sucht durch­flu­te­te sie.

Lou mel­de­te sich er­neut, doch Re­bec­ca muss­te ihn igno­rie­ren, um an­de­re Schü­ler zu hö­ren. »Max?« Elou­an fun­kel­te sie böse an. Da Max kaum er­gie­bi­ge Fak­ten lie­fer­te, for­der­te Re­bec­ca: »Lou, er­gän­ze doch bit­te.« Doch sei­ne Deu­tun­gen gin­gen in eine ver­kehr­te Rich­tung.

»Über­le­ge noch mal, ob das rich­tig sein kann.«

Die Er­mu­ti­gun­gen zo­gen nicht und Elou­an fiel re­si­gniert in den Stuhl zu­rück. Er blieb bis zum Ende der Stun­de stumm und ver­ließ den Deut­sch­raum bei­nah be­lei­digt, wort­los.

Zu Hau­se an­ge­kom­men, schob sich die Au­to­tür ge­nau­so wi­der­wil­lig auf, wie sich Re­bec­cas Kör­per aus dem Wa­gen be­weg­te. Die we­ni­gen Schul­ta­ge las­te­ten wie ein zent­ner­schwe­res Ge­wicht auf ih­ren Schul­tern. Da­bei woll­te sie sich mit der Aus­sicht trös­ten, dass es nur we­ni­ge Wo­chen bis zu den Os­ter­fe­ri­en wa­ren.

Beim Ausstei­gen sah Re­bec­ca die Schnee­we­hen, die sich in der Ein­fahrt zu klei­nen Dü­nen auf­ge­tan hat­ten. In den letz­ten zwei Ta­gen hat­te es un­un­ter­bro­chen ge­schneit. Über der Ein­fahrt zum Haus hat­te sich ein dich­ter Man­tel aus wei­ßem Samt ge­legt. Re­bec­ca stapf­te durch die Schnee­de­cke, öff­ne­te die Haus­tür und zog ihre nas­sen Schu­he aus, die sie zum Trock­nen et­was ab­seits stell­te.

Da Paul erst ge­gen sie­ben nach Hau­se kam, muss­te sie sich in der Zwi­schen­zeit um al­les al­lein küm­mern: Schnee weg­räu­men, den ste­hen ge­blie­be­nen Auf­wasch er­le­di­gen und Un­ter­richt vor­be­rei­ten. Am liebs­ten hät­te sich Re­bec­ca ins Bett ver­kro­chen, die De­cke über den Kopf ge­zo­gen und ge­schla­fen. Noch lie­ber säße sie in ge­nau die­sem Mo­ment in ei­nem Flug­zeug – ir­gend­wo­hin, bloß weit weg von der Schu­le und von Paul.

Doch es nutz­te nichts. Um sich trüb­sin­ni­gen Ge­dan­ken hin­zu­ge­ben, blieb kei­ne Zeit. Sie ver­stau­te ihre Schul­ta­sche im Ar­beits­zim­mer, zog sich hohe Stie­fel an und trot­te­te nach drau­ßen in die Käl­te. Ihre Pelz­müt­ze hat­te sie tief ins Ge­sicht ge­scho­ben, da ein ei­si­ger Wind weh­te.

Ein Kampf zwi­schen dem Schie­ber und dem nas­sen Schnee­matsch zeich­ne­te sich ab, doch Re­bec­ca ge­wann. Eine Schnee­we­he nach der an­de­ren ver­schwand vom Hof.

Erst 19:15 Uhr nahm sie von ih­rem Ar­beits­zim­mer aus die Schein­wer­fer von Pauls Auto wahr. Ob­wohl sie schon längst Fei­er­abend ha­ben woll­te, saß sie im­mer noch über ih­rem Rech­ner und be­rei­te­te den Un­ter­richt in den mor­gi­gen Klas­sen vor.

Paul brach­te eine un­an­ge­neh­me Käl­te ins Haus hin­ein. Er be­grüß­te Re­bec­ca mit ei­nem leich­ten Kuss auf die Lip­pen. »Machst du schon wie­der so lan­ge?«, frag­te er be­sorgt.

»Hm. Hast du ge­se­hen, dass ich Schnee ge­scho­ben habe?« Er ver­ließ das Zim­mer.

»Ja«, hör­te sie ihn bei­läu­fig mur­meln. Re­bec­ca konn­te nur müde lä­cheln. Ob er wirk­lich re­gis­triert hat­te, wie viel Ar­beit sie auf sich ge­nom­men hat­te?

Was für ein igno­ran­ter Typ ihr Freund ge­wor­den war! Die Frus­tra­ti­on stei­ger­te sich, denn in der Vor­be­rei­tung auf die Stun­de mit ih­ren Acht­kläss­lern gab es Pro­ble­me. Re­bec­ca fand ein wich­ti­ges Ar­beits­blatt nicht, das sie für eine Ko­pie be­nö­tig­te. We­der in der Abla­ge noch im Ord­ner für die­se Klas­sen­stu­fe war es auf­zu­trei­ben. »So ein Mist«, fluch­te sie vor sich hin.

Paul hör­te da­von nichts. Nach­dem er sei­nen Man­tel aus­ge­zo­gen hat­te, ver­schwand er ins Schlaf­zim­mer. In der Re­gel lag er dort etwa eine hal­be Stun­de, be­vor er zum Es­sen in die Kü­che zu­rück­kehr­te. »Wo zum Hen­ker …« Die Flü­che lie­ßen das Ar­beits­blatt nicht ver­ängs­tigt un­ter dem Blät­ter­sta­pel her­vor­tre­ten. Es blieb ver­schwun­den.

Ihr blieb kei­ne an­de­re Wahl, als das Ar­beits­blatt noch ein­mal zu er­stel­len, in der Hoff­nung, es an­nä­hernd so zu kon­zi­pie­ren wie ehe­dem.

Wäh­rend sie ge­nervt auf der Ta­s­ta­tur her­um­tipp­te, nä­her­te sich der di­cke Zei­ger der Uhr im­mer mehr der Acht. Ent­spre­chend fiel das Er­geb­nis aus.

Wie ge­rä­dert wach­te Re­bec­ca am kom­men­den Mitt­woch­mor­gen auf. Vor al­lem ihre ei­ge­ne ach­te Klas­se be­rei­te­te ihr be­reits am Früh­stücks­tisch Kopf­zer­bre­chen, wäh­rend sie am Kaf­fee nipp­te.

Wann trat end­lich das Wun­der ein, auf das sie schon so lan­ge Zeit war­te­te und das sie end­lich zu ei­ner re­spek­tier­ten Per­sön­lich­keit her­an­rei­fen las­sen wür­de? Heu­te zu­min­dest kam es nicht zu­stan­de.

Es war die zwei­te Stun­de. Die ner­vi­gen Siebt­kläss­ler la­gen hin­ter Re­bec­ca. Jetzt blie­ben ihr we­ni­ge Mi­nu­ten, um den Raum zu wech­seln und in ih­rer ei­ge­nen ach­ten Klas­se zwei Stun­den Kunst zu ge­ben.

Es hat­te be­reits zur Stun­de ge­klin­gelt, aber weil sie nicht pünkt­lich den Raum der Siebt­kläss­ler ab­schlie­ßen konn­te, war sie zu spät dran und muss­te über den Gang ren­nen, um noch pünkt­lich den Kuns­t­raum zu er­rei­chen. Eine un­an­ge­neh­me, pein­li­che Si­tua­ti­on, die sie auf dem Gang wild vor sich hin flu­chen ließ. Sie kam nie zu spät!

Schon von Wei­tem hör­te sie eine auf­ge­brach­te Meu­te durch die Gän­ge des Kunst­flü­gels ru­fen und grö­len. »Kommt die Alte heu­te etwa nicht?«, gröl­ten sie. Wahr­schein­lich ver­ri­e­ten sie die Ab­sät­ze ih­rer Schu­he, die laut auf dem Fuß­bo­den auf­schlu­gen. Zu­min­dest wur­de es lei­ser, als sich Re­bec­ca dem Raum nä­her­te.

Ab­ge­ar­bei­tet und er­schöpft er­reich­te sie die Schü­ler­hor­de, fand aber in der Eile ih­ren Schlüs­sel nicht, mit dem sie mein­te, so­eben den Raum der Siebt­kläss­ler ab­ge­schlos­sen zu ha­ben. Wie irr wühl­te sie in der – ihr in die­sem Mo­ment über­pro­por­ti­o­nal groß er­schei­nen­den – Ta­sche.

Die Un­ru­he bran­de­te wie­der auf und schon schau­te Kol­le­gin Fröh­lich aus ih­rem Raum her­aus, wer die Laut­stär­ke auf dem Gang ver­ur­sach­te.

Nach ei­ner ge­fühl­ten Ewig­keit des Su­chens be­merk­te Re­bec­ca, dass sie den Schlüs­sel gar nicht in der Schul-, son­dern in ih­rer Ho­sen­ta­sche hat­te, aus der sie ihn nun um­ständ­lich her­vor­kra­men muss­te.

Ge­nervt schloss sie den Raum auf und wälz­te ihre schier end­los er­schei­nen­den Un­ter­la­gen, die aus Bü­chern und A 3 – Blät­tern be­stan­den, um­ständ­lich auf dem Lehrer­tisch ab.

Eine schüch­ter­ne Schü­le­rin kam nach vorn ge­lau­fen und ent­fal­te­te einen Zet­tel. Da­für hat­te sie ge­ra­de kei­nen Nerv! »Was ist denn, Su­san­na?«

Durch den ei­si­gen Ton­fall blieb dem Mäd­chen der Mund of­fen ste­hen. »Ich habe einen …«, stam­mel­te sie vor sich hin, wäh­rend sie ein Stück Pa­pier auf und zu fal­te­te, »… Kran­ken­schein, den ich Ih­nen ge­ben woll­te.«

»Ja gut, leg’ ihn auf den Tisch.« Su­san­na tat wie an­ge­kün­digt und schlich ein­ge­schüch­tert da­von.

War­um muss­te ihre mie­se Lau­ne über das Zu­sp­ät­kom­men aus­ge­rech­net die falschen Kin­der tref­fen? Die Un­ru­he wur­de nicht we­ni­ger und nun fehl­te auch noch das Lehr­buch der Acht­kläss­ler!

Als Re­bec­ca für einen kur­z­en Au­gen­blick auf­schau­te, nahm sie wahr, dass noch im­mer nicht alle Ju­gend­li­chen ihr Schul­zeug aus den Ta­schen und Ran­zen ge­holt hat­ten. »Packt zü­gig aus, wir fan­gen heu­te mit ei­nem neu­en Kunst­pro­jekt an; da­für braucht ihr viel Zeit!«, brüll­te sie in die nicht zu­hö­ren wol­len­de Schü­ler­meu­te.

Nach ei­ner wei­te­ren ge­fühl­ten Ewig­keit hat­te sich die Klas­se in­so­weit be­ru­higt, dass der Un­ter­richt be­gin­nen konn­te. Zehn Mi­nu­ten und mit ih­nen die gute Lau­ne von Re­bec­ca wa­ren ver­stri­chen.

»Okay. Wie ihr wisst, be­gin­nen wir heu­te mit ei­nem neu­en Kunst­pro­jekt. Es geht um Ta­ges­zei­ten und ihre Dar­stel­lung in der Kunst. Wir wol­len uns ein paar sol­cher Wer­ke an­se­hen und be­schrei­ben. Ihr fin­det sie im Lehr­buch, Sei­te …«

Sie ging an den mitt­le­ren Tisch in der vor­ders­ten Rei­he, an dem ihr »Lieb­lings­schü­ler« Mar­tin saß. »Sei­te 139«, sag­te sie zü­gig, die eben ein­kehr­te Ruhe aus­nut­zend.

Doch schon hat­te El­len einen dum­men Spruch pa­rat, mit dem sie Re­bec­ca aus der Fas­sung brin­gen konn­te. »Frau Pe­ters hat ihr Lehr­buch nicht mit. Jetzt be­kommt sie einen Ein­trag ins Haus­auf­ga­ben­heft«, gei­fer­te sie, da­bei sie­ges­si­cher zu ih­rer Cli­que schau­end, die aus Jule, Mar­tin und Andy be­stand. El­len hob eine Hand nach oben, um High-Five zu si­gna­li­sie­ren und lach­te Jule dre­ckig an.

Die Schü­le­rin wuss­te nicht, ob sie sich ge­trau­en soll­te, eben­falls einen Kom­men­tar los­zu­las­sen und un­ter­ließ es lie­ber. Weil Re­bec­ca nichts auf El­lens Wor­te er­wi­der­te, keim­te die Un­ru­he wie­der auf.

»Su­san­na«, über­ging sie El­lens Kom­men­tar, »lies uns doch bit­te auf Sei­te 139 den Ein­gangs­text zu den Dar­stel­lun­gen in der Kunst vor.« Böse fun­kel­te Re­bec­ca El­len an, de­ren La­chen ersta­rb. Für heu­te si­gna­li­sier­te sie Stand­haf­tig­keit, aber ins­ge­heim wuss­te sie: Der Kampf zwi­schen ihr und den Ju­gend­li­chen war noch lan­ge nicht vor­bei.

Nach neun­zig Mi­nu­ten er­tön­te das Klin­gel­zei­chen, das Re­bec­ca er­lös­te. End­lich gro­ße Pau­se. Sie at­me­te er­leich­tert auf, als die Tee­n­a­ger den Raum ver­lie­ßen. Ei­ni­ge der pu­ber­tie­ren­den Mäd­chen wa­ren noch im Zim­mer und feix­ten aus hei­te­rem Him­mel.

Re­bec­ca blick­te zu den Schü­le­rin­nen auf, die fas­zi­niert den Tür­rah­men be­gut­ach­te­ten. Dort stand Elou­an. »Frau Pe­ters?« Ver­dutzt trat Re­bec­ca an ihn her­an.

»Was gibt es?« Er war tat­säch­lich da. In der Hand hielt er das Ar­beits­blatt der Re­de­ana­ly­se der ver­gan­ge­nen Stun­de.

Die Acht­kläss­le­rin­nen husch­ten scheu mit ge­röte­ten Wan­gen an dem Ober­stu­fen­schü­ler vor­bei, der ih­nen ein zar­tes Lä­cheln schenk­te. Auf dem Gang hör­te Re­bec­ca, wie sie sich an­ge­regt un­ter­hiel­ten, sich nach ih­nen um­dreh­ten und dann lach­ten.

»Ges­tern sag­ten Sie mir, dass ich falsch lie­gen wür­de mit mei­ner Deu­tung. Ich glau­be, ich lie­ge gar nicht so ver­kehrt da­mit.«

Un­fass­bar, dass sich ein Ju­gend­li­cher über die Un­ter­richts­stun­de hin­aus frei­wil­lig mit dem Stoff be­schäf­tig­te. Lou fal­te­te das zer­knit­ter­te Ar­beits­blatt mit der Rede von Weiz­sä­cker aus­ein­an­der.

Er stand so dicht ne­ben ihr, dass sein sanf­ter Atem über ihre lin­ke Wan­ge strich und sein Duft ihr in die Nase stieg. Die Nähe und der Kör­per­kon­takt sorg­ten da­für, dass Re­bec­ca kei­nen kla­ren Ge­dan­ken fas­sen konn­te und wie­der nicht in der Lage war, den Aus­füh­run­gen ih­res Schü­lers zu fol­gen. Ver­schwom­me­ne Wor­te dran­gen an ihr Ohr.

»Und, was sa­gen Sie dazu? Bril­lant, oder? Zu­mal die­ses sprach­li­che Mit­tel hier«, wo­bei er auf eine x-be­lie­bi­ge Text­stel­le zeig­te, »mei­ne The­se noch un­ter­mau­ert, nicht wahr?«

Sei­ne Au­gen strahl­ten, ge­nau wie sein Mund, der ein di­ckes Grin­sen zeig­te. Da er Be­stä­ti­gung ver­lang­te, sag­te Re­bec­ca: »Du hast recht. Wenn du es mir ges­tern ge­nau­so er­klärt hät­test, dann hät­te ich dir auch zu­stim­men kön­nen.«

Was er wirk­lich ge­sagt hat­te, wür­de ihr für ewig ver­bor­gen blei­ben. Ob sie in kla­rem Zu­stand sei­nen Wor­ten über­haupt zu­ge­stimmt hät­te? Egal. Was zähl­te war, dass Elou­an wie­der strahl­te und dies er­zeug­te eine tie­fe in­ne­re Zu­frie­den­heit in ihr.

Er fal­te­te den Zet­tel zu­sam­men und ging, in sich hin­ein grin­send, da­von. »Lou?« Kurz be­vor er den Raum ver­ließ, dreh­te sich Elou­an noch ein­mal zu Re­bec­ca her­um.

»Ja, Frau Pe­ters?« Sie ver­rin­ger­te den Ab­stand zu ihm.

»War­um hast du mich auf­ge­sucht?« Er zog die Stirn in Fal­ten.

»Ich be­ste­he gern auf mei­ner Mei­nung.«

Ein kur­z­er Mo­ment der Ruhe kehr­te ein und ein Au­gen­kon­takt, der ein we­nig zu lang war, ent­stand. »Ach so. Na gut, dann bis mor­gen«, sag­te sie und lä­chel­te Lou flüch­tig an. Das reich­te, um ein klei­nes Lä­cheln von ihm zu­rück­zu­er­hal­ten.

Noch am Nach­mit­tag be­seel­te Re­bec­ca das win­zi­ge Lä­cheln von Lou bei ih­rer Un­ter­richts­vor­be­rei­tung für die Elft­kläss­ler. Wäh­rend sie am Lap­top saß, drif­te­ten mit ei­nem Male ihre Ge­dan­ken weg. Sie sah ih­ren Schü­ler in sei­ner gan­zen Prä­senz vor sich. Un­will­kür­lich press­te Re­bec­ca die zu­sam­men­ge­schla­ge­n­en Bei­ne fes­ter an­ein­an­der, so­dass ein Druck in den Ober­schen­keln ent­stand, der sich wei­ter nach oben hin fort­s­etz­te. Für einen kur­z­en Mo­ment schloss sie die Au­gen. Da ist er. Re­bec­ca führ­te ihre Hand un­ter den Pull­over, schob den BH bei­sei­te und be­rühr­te ihre Brust­wa­r­zen mit ge­wohn­ten Be­we­gun­gen und ei­nem fes­ten, war­men Griff. Ihre Hän­de san­ken tie­fer, dies­mal in Rich­tung Schoß. Sie öff­ne­te den Reiß­ver­schluss der Jeans und schob die rech­te Hand in ih­ren Slip, bis sie an ih­ren Schamlip­pen an­kam, die sie zart mit den Fin­ger­kup­pen strei­chel­te und dann an ih­rer Per­le den Druck ver­stärk­te.

Da ist er wie­der. Im Deut­sch­raum. Lou ist der ein­zi­ge Jun­ge, um­ringt von lau­ter Mäd­chen. Es ist ei­ner die­ser hei­ßen Som­mer­ta­ge, an de­nen sich schon in den frü­hen Stun­den des Ta­ges die Klas­sen­zim­mer auf un­er­träg­li­che Art und Wei­se auf­hei­zen. Drü­ckend steht die Hit­ze im Raum. Trotz des­sen ist Kon­zen­tra­ti­on ge­fragt: Die Schü­ler sol­len einen Pro­be­auf­satz ver­fas­sen, der am Ende der Stun­de ein­ge­sam­melt wird. Nur Elou­an lüm­melt auf sei­ner Bank her­um und hat so gar kei­ne Lust dar­auf, das zu ma­chen, von ihm ver­langt wird.

Die Ar­beits­zeit ver­streicht un­ge­nutzt. Viel­mehr wan­dert er mit sei­nen Au­gen durch die Rei­hen der Schü­le­rin­nen, die in ih­ren en­gen kur­z­en Rö­cken, knap­pen Klei­dern oder nacken­frei­en Tops vor und ne­ben ihm sit­zen.

Auf den Plät­zen lie­gen Du­den ver­teilt, in de­nen die Mäd­chen auf­ge­regt blät­tern. Vie­le von ih­nen schrei­ben in­ter­es­siert. Im Ge­gen­satz zu Lou nut­zen sie die ver­blei­ben­de Zeit.

Er mus­tert die Um­ge­bung und streicht sich mit der Hand durch die schwa­r­zen Haa­re. Sei­ne Fin­ger blät­tern ge­dan­ken­ver­lo­ren durch die Sei­ten des Du­dens.

Auf ein­mal fällt sein Blick un­er­war­tet in Re­bec­cas Rich­tung. Sie trägt ein kur­z­es ro­tes Kleid mit schwa­r­zen Strei­fen, das ihre Fi­gur be­tont. Es en­det nur knapp über dem Po. Lou schaut mit halb ge­öff­ne­tem Mund nach vorn, kneift die Au­gen zu­sam­men und zieht eine Au­gen­braue nach oben. Dann leckt er sich über die Lip­pen.

Wäh­rend er läs­sig im Stuhl sitzt, ar­bei­ten die Elft­kläss­le­rin­nen eif­rig und se­hen den in­ten­si­ven Au­gen­kon­takt nicht, der sich zwi­schen Re­bec­ca und ih­rem Schü­ler an­bahnt.

Sie dreht sich auf dem Stuhl ein Stück zur Sei­te und über­kreuzt die Bei­ne. In die­ser Pose prä­sen­tiert sie ih­rem nach vorn schau­en­den Schü­ler den schlan­ken Kör­per und die gra­zi­len Bei­ne mit den ro­ten Pumps.

Sei­ne Bli­cke blei­ben un­ge­ni­ert auf dem schlan­ken Leib haf­ten. Sie spürt, wie er sie im Geis­te aus­zieht, weil er ih­ren Body per­ma­nent scannt. Re­bec­ca ge­ni­eßt es, von ihm un­an­stän­dig an­ge­st­arrt zu wer­den.

Sie steht ele­gant auf und zupft sich das eng sit­zen­de, kur­ze Kleid zu­recht. Die Ab­sät­ze kla­cken auf dem Bo­den, wäh­rend sie wie eine Kö­ni­gin durch die Rei­hen stol­ziert. Kei­nes der Mäd­chen ach­tet auf sie. Nur Elou­an rich­tet sei­nen Blick ei­sern auf den Kör­per sei­ner Leh­re­rin.

Re­bec­cas Au­gen schwei­fen zu ihm und ver­lie­ren sich in sei­nen. Ihre tief­blaue Fa­r­be wirkt wie ein Ma­gnet. Er be­gehrt sie. Die gan­ze Zeit über fühlt sie Lous boh­ren­de Bli­cke auf ih­rem Rü­cken, auf dem Arsch. Ver­mut­lich stellt er sich vor, wie es wäre, die­sen mit sei­nen ju­gend­lich kräf­ti­gen Hän­den zu um­fas­sen.

Re­bec­ca schrei­tet zu­rück zum Lehrer­tisch und setzt sich halb dar­auf. So kann er ih­ren Kör­per wei­ter­hin mit sei­nen Au­gen in Be­sitz neh­men. Sie bie­tet ihm das ver­bo­te­ne Bild, das er ha­ben möch­te.

Nach Ab­ga­be des Auf­sat­zes ver­schwin­den die Mäd­chen aus dem über­hitz­ten Klas­sen­zim­mer. Nur Lou, der ihr an­bie­tet, die Du­den ein­zu­räu­men, bleibt zu­rück. Re­bec­ca be­ob­ach­tet, wie er von Tisch zu Tisch läuft. Sei­ne Be­we­gun­gen fes­seln sie.

Er trägt eine dunk­le Jeans und ein grau­es Shirt, das auf­grund der Hit­ze im Raum fest an sei­nem schlan­ken Kör­per an­liegt.

Elou­an legt die zu­sam­men­ge­tra­ge­nen Du­den auf der hin­ters­ten Bank ab. Von dort aus kann sie Re­bec­ca pro­blem­los in den Schrank ein­räu­men, wo­bei sie sich tief nach un­ten beu­gen muss. Sie tut es im volls­ten Wis­sen, dass er ihr auf­grund des ex­trem knap­pen Klei­des auf den Hin­tern starrt und den An­satz des schwa­r­zen Slips er­kennt.

Als sie die letz­ten Bü­cher ver­staut hat und sich auf­rich­tet, steht Lou ohne Vor­war­nung dicht hin­ter ihr. Sie spürt sei­ne er­drü­cken­de Nähe und fühlt, wie sich sei­ne Erek­ti­on ge­gen ih­ren Po presst. Re­bec­cas Puls be­schleu­nigt sich au­gen­blick­lich und sie ist nicht in der Lage, auch nur einen Schritt zu tun. So­gar das At­men fällt ihr schwer, weil er so ver­dammt nah hin­ter ihr steht.

Er be­rührt ihre wel­li­gen lan­gen Haa­re und schiebt sie ihr sacht über die Schul­tern. »Ha­ben Sie sich nicht auch schon mal ge­fragt, wie es wäre«, wis­pert er ihr las­ziv ins Ohr und strei­chelt mit den Fin­ger­spit­zen zart über ihre Ober­ar­me, »mit ei­nem Ih­rer Ober­stu­fen­schü­ler zu schla­fen?« Was für eine über­aus ver­lo­cken­de Vor­stel­lung! Eine, die sie er­schüt­tern lässt.

Sei­ne Wor­te läh­men sie. Lou greift mit bei­den Ar­men um Re­bec­ca her­um und schlägt die Schrank­tür kra­chend zu. Er steht so dicht hin­ter ihr, dass sei­ne hei­ßen Lip­pen hauch­zart über den Nacken und Hals strei­fen. Sein war­mer Atem kit­zelt über ihre emp­find­li­che Haut.

Soll sie sich auf die­ses ver­we­ge­ne Spiel ein­las­sen? Ein Krib­beln zwi­schen den Bei­nen zu un­ter­drü­cken, wäre ein Ver­rat an ih­rem Kör­per.

»Du darfst«, flüs­tert sie, wäh­rend Elou­an noch im­mer ge­drängt hin­ter ihr steht, »mit je­der in die­sem Raum schla­fen. Au­ßer mit mir.«

Sei­ne zar­te Be­rüh­rung an der Schul­ter ist Ero­tik pur. Ein elek­tri­sie­ren­des Auf­zu­cken, das Re­bec­cas Kör­per er­be­ben lässt. Lou raunt in ihr Ohr: »Ge­nau das ist es, was mich so scha­rf­macht.«

Wie­der über­flu­ten sei­ne war­men Fin­ger ihre Ober­ar­me mit Sin­nes­rei­zen. Er be­rührt sie an der Tail­le und fährt mit sei­nen Hän­den hin­ab bis zum Hin­tern. Da­bei at­met er tief ein und stöhnt lust­voll auf: »War­um ma­chen Sie mich so geil, dass ich nicht weiß, wo­hin mit mei­ner Lust.«

Der Mo­ment, der durch die Hit­ze elek­tri­sie­rend pri­ckelnd ist, lähmt Re­bec­ca. Und doch – Aus Angst, je­der könn­te sie se­hen, will sie zur Tür ge­hen und die­se ver­rie­geln. Da er­greift er re­flex­ar­tig ihr Hand­ge­lenk und zieht sie in eine Ecke des Klas­sen­raums.

Hart wird Re­bec­ca an die Wand ge­presst und schon im nächs­ten Mo­ment le­gen sich sei­ne vol­len Lip­pen gie­rig auf ih­ren Mund. Sein gan­zer Kör­per drängt sich ihr ent­ge­gen. Sei­ne ra­schen, for­dern­den Be­we­gun­gen, sei­ne Er­re­gung auf ih­rem Ober­schen­kel und sei­ne Zun­ge, die heiß in den Mund dringt – Gott – die Vor­stel­lung, gleich von ihm ge­vö­gelt zu wer­den und der Ge­dan­ke, da­bei er­wi­scht zu wer­den, las­sen Re­bec­ca au­gen­blick­lich feucht wer­den.

Lous lei­den­schaft­li­che Küs­se rau­ben ihr den Ver­stand. Sie darf nicht … Einen Scheiß darf sie. Jetzt will Re­bec­ca nur noch von ihm an­ge­fasst wer­den und sei­ne Kraft in sich füh­len.

Er packt sie an der Hüf­te und hebt sie pro­blem­los auf den Tisch in der letz­ten Bank­rei­he her­auf, wäh­rend er wei­ter hit­zig mit sei­ner Zun­ge ih­ren Mund er­kun­det.

Der Reiß­ver­schluss sei­ner en­gen schwa­r­zen Jeans ist um Nu ge­öff­net, Re­bec­cas Kleid Rich­tung Hüf­te zü­gig hin­auf­ge­scho­ben. Sei­ne neu­gie­ri­gen Be­rüh­run­gen ent­rin­gen ihr im­mer neue Rei­ze. Er wid­met sich ih­rem Ober­schen­kel und dringt da­nach zu ih­rem Scham­be­reich vor. Den Spit­zen­string, den sie dar­un­ter trägt, um­spielt er ko­kett mit sei­nen Fin­gern. Er will jede Mi­nu­te aus­kos­ten.

Die Ge­wiss­heit, von ins Zim­mer stür­men­den Schü­lern oder Leh­rern er­wi­scht zu wer­den, lässt Re­bec­cas Herz vor Angst flat­tern, aber ih­ren Un­ter­leib vor Lust er­zit­tern.

Sei­ne lüs­ter­nen Wor­te, die er ihr ins Ohr haucht, brin­gen Re­bec­cas Blut zum Auf­ko­chen: »Ich habe die ge­sam­te Stun­de über Ih­ren Arsch be­trach­tet und konn­te mir be­reits vor­stel­len, wie er sich in mei­nen Hän­den an­fühlt. Wis­sen Sie, wie geil Sie mich da­mit ge­macht ha­ben? Ich bin schon beim Sit­zen hart ge­wor­den.«

Bei die­sen Wor­ten streicht ihr Dau­men über die Wöl­bung sei­ner Shorts. Da­mit ent­lockt sie ih­rem Schü­ler ein kur­z­es Stöh­nen. Lou zö­gert nicht, son­dern streift ihr im nächs­ten Mo­ment den Slip vom Po und ver­teilt mit sei­nen sam­ti­gen Fin­gern die Feuch­tig­keit zwi­schen ih­ren Schen­keln. Ein atem­be­rau­ben­des Ge­fühl.

»Ich will Sie jetzt auf dem Tisch fi­cken«, keucht er ihr heiß­blü­tig ins Ohr. Re­bec­ca quit­tiert sei­nen Satz mit ei­nem an­züg­li­chen Blick. Sie kann nicht an­ders, als er­neut mit der Hand über den Stoff sei­ner Shorts zu fah­ren. Neu­gie­rig um­kreist ihr Dau­men die straf­fe Ei­chel. Kühn wan­dern ihre Fin­ger wei­ter, hin­ein in sei­ne Un­ter­ho­se. Mit sei­nem zu­cken­den Glied in ih­ren Hän­den könn­te sie al­les mit ihm an­stel­len.

»Hol ihn raus!«, flüs­tert er lust­voll. Mit den fei­nen Äder­chen sieht sein Pe­nis ein­fach per­fekt aus, wie al­les an ihm.

Re­bec­cas Hand ent­lockt ih­rem Schü­ler ein tie­fes Stöh­nen, als sie sei­nen Schaft mit ei­nem Auf und Ab be­denkt. Er fühlt sich so hart und gleich­zei­tig weich an, dass sie nur noch will, dass er sie gie­rig auf den Tisch nie­der presst.

Ein Ruck und schon hat er Re­bec­ca an sich her­an­ge­zo­gen. Die Lei­den­schaft, mit der er in sie ein­dringt, über­wäl­tigt ih­ren über­reiz­ten Kör­per. Da ist die­ses hei­ße Pri­ckeln, das sie durch­zuckt, als er sich mit ab­so­lut kon­trol­lier­ten Be­we­gun­gen in ihr be­wegt.

Er presst sie mit sei­nem Ge­wicht auf den Tisch nie­der, wäh­rend sei­ne Zun­ge wei­ter­hin be­sitz­er­grei­fend in ih­ren Mund stößt und sie spürt, dass er sei­ne Lust nicht mehr lan­ge zu­rück­hal­ten kann. Fest um­klam­mert sie mit ih­ren Bei­nen sein Be­cken, um sei­ne Be­we­gun­gen noch in­ten­si­ver in sich auf­zu­neh­men.

Er stemmt sei­nen Un­ter­kör­per ge­gen ihre Hüf­te, wäh­rend sein Glied kräf­ti­ger wird und ver­lan­gend in ihr zuckt. Sei­ne Stö­ße ver­stär­ken sich von Mi­nu­te zu Mi­nu­te, bis er sich mit ei­nem kur­z­en Auf­bäu­men zum Hö­he­punkt ge­bracht hat. »Mehr«, stöhnt sie lei­den­schaft­lich in sein Ohr.

Re­bec­ca schlug die Au­gen auf und spür­te das star­ke Po­chen in ih­rem Be­cken­be­reich. Eine un­heil­vol­le Ah­nung durch­streif­te sie: Die­se ver­bo­te­ne Be­gier­de, die sie ge­ra­de ver­spür­te, wür­de ir­gend­wann Be­frie­di­gung ver­lan­gen.


Ka­pi­tel 3

End­lich Wo­chen­en­de. Ob­wohl für An­fang März nicht un­ge­wöhn­lich, hat­te es in der Nacht von Frei­tag auf Sams­tag un­un­ter­bro­chen ge­schneit, so­dass sich über der Ein­fahrt und den Gar­ten eine di­cke Schicht Schnee ge­legt hat­te.

Re­bec­ca wünsch­te sich nichts sehn­li­cher, als dass die Tage wie­der län­ger wur­den und sie end­lich auf der Ter­ras­se im Gar­ten sit­zen konn­te. So aber muss­te sie mit der Couch und Paul ne­ben sich vor­lieb­neh­men, nach­dem sie vom Schnee­schie­ben nach drin­nen ge­kom­men war.

Ihr Freund hat­te sei­nen Lap­top auf dem Schoß ste­hen und surf­te ge­lang­weilt durch das Netz. Nor­ma­le­r­wei­se hat­te Re­bec­ca so viel mit der Un­ter­richts­vor­be­rei­tung zu tun, dass ihr gar nicht in den Sinn kam, Lan­ge­wei­le zu emp­fin­den. Doch das Schnee­schie­ben hat­te sie aus­ge­laugt.

Au­ßer­dem durch­flu­te­te sie ein gu­tes Ge­fühl bei der Vor­stel­lung, am Sonn­tag al­les zu schaf­fen und da­für heu­te nichts ma­chen zu müs­sen. Paul schau­te sich auf ei­ner Baum­schul-Web­si­te Kie­fern an. Da Re­bec­ca we­nig an sei­nen Gar­ten­vor­stel­lun­gen in­ter­es­siert war, lag sie auf der an­de­ren Sei­te des So­fas und sah ih­rem Part­ner, der nur ein ver­schwitz­tes Un­ter­hemd und eine löch­ri­ge Jeans trug, da­bei zu, wie er auf die Ta­s­ta­tur sei­nes Lap­tops ein­häm­mer­te.

Manch­mal schau­te Paul et­was in­ter­es­sier­ter, wenn er mein­te, ein pas­sen­des Form­ge­hölz ge­fun­den zu ha­ben. Er rieb sich da­bei über die grau­en Bart­stop­peln sei­nes Kinns und mur­mel­te un­ver­ständ­li­che Wor­te vor sich hin. »Was für ein Wu­cher!«, platz­te es aus ihm her­aus. »Und das im­mer am An­fang des Jah­res, wenn …« Re­bec­ca war in Ge­dan­ken bei ih­rem Schü­ler und ih­rer ero­ti­schen Fan­ta­sie von vor we­ni­gen Ta­gen. Doch so­lan­ge sich Paul in ih­rer Nähe be­fand, woll­te es ihr trotz ge­schlos­se­ner Au­gen nicht ge­lin­gen, sich ero­ti­sche Po­si­ti­o­nen mit Lou vor­zu­stel­len.

Noch in Ge­dan­ken ver­sun­ken, wur­de sie jäh durch das Klin­geln des Te­le­fons auf­ge­rüt­telt. Paul hat­te schon den Hö­rer ge­grif­fen. In den we­ni­gen Se­kun­den der Pau­se schau­te er zu Re­bec­ca auf.

»Hal­lo, Tom«, sag­te er. Wie­der ent­stand eine Stil­le, in der Paul mehr­mals nick­te. Dann sag­te er: »Ja, Zeit hät­ten wir. Wann passt es euch?« Er­neut Ruhe. »Gut, bis dann.«

Paul leg­te den Hö­rer wie­der auf die Vor­rich­tung des Te­le­fons. »Tom war dran. Er hat uns für heu­te Abend zum Es­sen bei sich und Ly­dia ein­ge­la­den. Ich habe zu­ge­sagt.«

Un­fass­bar, wie sie bei der Ent­schei­dungs­fin­dung über­g­an­gen wur­de. »Ist doch in Ord­nung, oder?«

Sie zuck­te gleich­gül­tig mit den Schul­tern: »Ja, geht klar. Ha­ben so­wie­so nichts vor.«

Sie schau­te Paul teil­nahms­los an. Der Blick­kon­takt zwi­schen ih­nen: emo­ti­ons­los, kalt. Schwei­gen um­fing sie wie eine lee­re Hül­le, in der sie seit Jah­ren ein­ge­schlos­sen wa­ren.

»Wel­che Zeit sol­len wir da sein?«

»Halb sechs.«

Er­neu­tes Schwei­gen. Die Stand­uhr auf dem Ka­min zeig­te noch nicht ein­mal vier Uhr an.

»Was ma­chen wir so­lan­ge?«

In den Rech­ner schau­end, mur­mel­te er: »Hast du nichts für die Schu­le vor­zu­be­rei­ten?«

Woll­te er sie wie ein ner­vi­ges An­häng­sel los­wer­den, um sei­ne Ruhe zu be­kom­men? »Doch. Kei­ne Lust. Ei­gent­lich reicht es, wenn ich mich mor­gen dar­um küm­me­re.«

»Fang doch heu­te schon an.« Das sag­te der Rich­ti­ge! Paul han­del­te im­mer ge­treu dem Mot­to: »Was du heu­te kannst be­sor­gen, das ver­schie­be stets auf mor­gen.« Selbst jetzt war ihm das Sur­fen im In­ter­net wich­ti­ger, als sich mit ihr zu un­ter­hal­ten.

»Weißt du, mal sagst du, ich soll nicht so viel für die Schu­le ma­chen und jetzt er­mun­terst du mich dazu, et­was zu tun? Wie ab­surd ist das ei­gent­lich?«, frag­te Re­bec­ca per­plex, als sie dar­über nach­sann, wie er sie ge­ra­de los­wer­den woll­te. Doch Paul re­a­gier­te nicht.

Ge­nervt roll­te Re­bec­ca mit den Au­gen, als sie er­kann­te, dass in die­sem Mo­ment die Web­sei­te der Baum­schu­le wich­ti­ger für ihn war als sie.

»Du­schen?«, frag­te sie, um Paul auf an­de­re Ge­dan­ken zu brin­gen.

»Kei­ne Lust«, ant­wor­te­te er.

»Du willst doch nicht so bei un­se­ren Freun­den er­schei­nen, in die­sem ver­lot­ter­ten, ver­schwitz­ten Zu­stand und mit die­sem …«, Re­bec­ca ver­zog an­ge­wi­dert das Ge­sicht, »… die­sem Hemd.«

Paul hob pro­vo­kant sei­nen rech­ten Arm und schnup­per­te an sei­ner Ach­sel. Ob­wohl er selbst kurz den Mund ver­zog, gab er spöt­tisch zu­rück: »Riecht nicht mehr so frisch.«

»Komm. Wir ge­hen jetzt du­schen, Paul.« Re­bec­ca setz­te ein ver­füh­re­ri­sches Ge­sicht auf. »Da­nach könn­ten wir doch ein we­nig ku­scheln.« Sie warf die De­cke, in die sie ein­ge­wi­ckelt war, bei­sei­te, robb­te zu Paul her­über, schmieg­te sich an ihn und hoff­te, dass er die Ein­la­dung zum Sex ver­stand.

»Ja, gut«, sag­te er knapp, ohne je­doch viel Be­geis­te­rung zu zei­gen.

»Fein«, gab Re­bec­ca freu­dig zu­rück und ging Rich­tung Bad.

An der Tür an­ge­kom­men, merk­te sie, dass Paul ihr nicht folg­te. »Was ist? Kommst du? Ich dach­te, wir du­schen ge­mein­sam?«, hak­te sie er­neut ins Wohn­zim­mer ru­fend nach.

»Ja, gleich«, brüll­te er mit ei­nem leicht ge­reiz­ten Un­ter­ton in ihre Rich­tung.

Selbst als Re­bec­ca nackt war, fehl­te von Paul jede Spur. Er saß noch im­mer wie par­al­le­li­siert über dem Bild­schirm des Lap­tops.

»Kommst du jetzt oder muss ich al­lein du­schen?«, frag­te sie ge­reizt.

Wi­der­wil­lig trot­te­te Paul Rich­tung Schlaf­zim­mer, zog sich aus und er­schien da­nach nackt vor der Du­sche. Re­bec­ca ließ be­reits das feuch­te Nass über ih­ren Kör­per rie­seln und wan­der­te da­bei mit ih­rem Blick an Paul auf und ab. Seit ih­rem Ken­nen­ler­nen hat­te er sich op­tisch ver­än­dert: Der Bauch war di­cker ge­wor­den, was vor al­lem dar­an lag, dass er nicht mehr al­lein wohn­te und re­gel­mä­ßig Sport trei­ben konn­te. Bei ei­nem Haus ka­men Ver­pflich­tun­gen dazu, de­nen man sich nicht ent­zie­hen konn­te. Hät­te sie ge­ahnt, dass der Gar­ten und das Haus solch eine Ar­beit ma­chen, hät­te sie dem Haus­bau viel­leicht we­ni­ger eu­pho­risch zu­ge­stimmt. Wie naiv sie da­mals ge­we­sen war!

Re­bec­ca überg­ab Paul den Dusch­kopf und seif­te sich mit ei­ner wohl­rie­chen­den Lo­ti­on ein. Da­bei dreh­te sie ihm den Rü­cken zu und spür­te, wie sich der Strahl des Was­sers an ih­rem Po er­goss. Sie trat nä­her an ih­ren Freund her­an, so­dass das Was­ser über ih­ren Kör­per lief. Paul rieb ihr von hin­ten die Sei­fe und den Schaum vom Ober­kör­per, kne­te­te die Brüs­te sanft und be­rühr­te zärt­lich ih­ren Scham­be­reich. Die Be­rüh­run­gen durch sei­ne Hän­de fühl­ten sich warm, weich und be­kannt an.

Wäh­rend er die Strei­chel­ein­hei­ten fort­s­etz­te und das an­ge­neh­me Was­ser über sei­nen und ih­ren Kör­per floss, ver­rin­ger­te Paul die Di­stanz zwi­schen ih­nen. Sei­ne Hän­de wur­den for­dern­der und Re­bec­ca spür­te sei­ne Här­te an ih­rem Po.

Er um­fass­te ihre Hüf­te und press­te sei­ne Ei­chel ge­gen ihre Schamlip­pen. Die er­re­gen­den Be­rüh­run­gen durch sei­ne Schwanz­spit­ze lie­ßen Re­bec­ca feucht wer­den. Sie stöhn­te auf.

Da­bei stell­te sie sich vor, wie Elou­ans Pe­nis über ihre Spal­te rieb. Wäh­rend sie die Au­gen ge­schlos­sen hielt, er­kann­te sie Lous wun­der­schö­nes, eben­mä­ßig ju­gend­li­ches Ge­sicht. Re­bec­ca spür­te nicht Pauls männ­lich her­ben Kör­per mit der Brust­be­haa­rung und dem un­ter­setz­ten Leib, son­dern die gleich­mä­ßi­ge Haut ih­res Schü­lers so­wie sei­nen mus­ku­lö­sen, schlan­ken Kör­per mit der un­be­haar­ten Brust.

Er häng­te den Dusch­kopf in die Hal­te­rung ein und ging ab­ge­trock­net in die Schlaf­stu­be. Als Re­bec­ca kam, lag er auf der Sei­te. Sei­ne un­vor­teil­haf­ten Kur­ven und die An­sät­ze der Schwimm­rin­ge am Bauch sta­chen ihr ins Auge. Pauls her­ber, von Männ­lich­keit über­sä­ter Kör­per war we­nig at­trak­tiv, fast ekel­er­re­gend. Sei­ne Scham­be­haa­rung war mitt­ler­wei­le so lang, dass es sie an­wi­der­te, mit ihm zu schla­fen.

Aber er hat­te sie in der Du­sche der­ma­ßen heiß ge­macht, dass in die­sem Mo­ment das Aus­se­hen zweit­ran­gig war.

Als Re­bec­ca auf das Bett glitt, roll­te sich Paul auf den Rü­cken und ver­schränk­te die Arme hin­ter dem Kopf. Das war die Ein­la­dung dazu, sich auf ihn zu set­zen und zu rei­ten. Un­ele­gant schwang sie ihr lin­kes Bein über Pauls Schoß und setz­te sich auf ihn. Mü­he­los glitt sein Glied in sie hin­ein, da sie feucht von den Be­rüh­run­gen un­ter der Du­sche war.

Er um­fass­te sie mit den Hän­den an der Hüf­te und schob sie wie eine Gum­mi­pup­pe über sein Be­cken. Ihre Brüs­te wipp­ten bei je­der Be­we­gung auf und ab.

Aber der un­in­spi­rier­te Sex lang­weil­te sie schon nach kur­z­er Zeit und ihr Blick schweif­te aus dem Fens­ter des Schlaf­zim­mers hin­aus. Das Win­ter­wet­ter hat­te sich be­ru­higt, da le­dig­lich ver­ein­zel­te Flo­cken vom Him­mel fie­len und sie nicht mehr nach drau­ßen ge­hen muss­te, um in der Ein­fahrt Schnee zu schie­ben.

Wäh­rend sie wei­ter von ih­rem Freund vor und zu­rück ge­scho­ben wur­de, merk­te Re­bec­ca, wie ihre Lust ab­nahm. Gleich­zei­tig hör­te sie an Pauls Stöh­nen, dass er nicht mehr lan­ge brauch­te. Gleich war es ge­schafft! Von der Lei­den­schaft, die sie un­ter der Du­sche ge­fühlt hat­te, war nichts mehr üb­rig ge­blie­ben.

Er schob sie zu­nächst wei­ter über sei­nen Un­ter­leib. Dann roll­te er sie kur­zer­hand auf den Rü­cken und drang hart in sie ein.

Die Missi­o­nar­s­stel­lung raub­te ihr jeg­li­ches Ver­lan­gen. Stan­dard­sex. Er wür­de noch we­ni­ge Male zu­sto­ßen, dann kurz auf­stöh­nen, ein klei­nes »Ah« aus­hau­chen und wie ein Mehl­sack auf das Bett fal­len. Jetzt noch selbst Hand an sich zu le­gen, wo Re­bec­ca doch wuss­te, dass es gleich vor­bei war, woll­te sie nicht.

Paul pump­te, wäh­rend sie kei­ne Be­gier­de mehr nach ihm ver­spür­te und nur noch woll­te, dass er end­lich von ihr abließ. Die Be­we­gun­gen schmerz­ten. Es half nichts mehr, die Au­gen zu schlie­ßen und sich Elou­an vor­zu­stel­len, weil Pauls Stöh­nen im­mer un­nach­gie­bi­ger in ihr Ohr drang. Sein Hö­he­punkt pass­te zum drö­gen Sex.

Kurz ver­harr­te er über ihr, be­vor er ab­ge­kämpft auf das Bett plumps­te. Mit ei­nem emo­ti­ons­lo­sen, kur­z­en Kuss roll­te er sich von ihr weg und schloss die Au­gen, ohne auch nur einen Ton von sich zu ge­ben. Das Zei­chen war un­miss­ver­ständ­lich: Paul woll­te jetzt sei­ne Ruhe ha­ben, lie­gen blei­ben, ein­dö­sen.

Wie ein brunf­ti­ger Hirsch, der so­eben eine Hor­de Hirsch­kü­he be­gat­tet hat­te, lag er ne­ben ihr. Sein Brust­korb hob und senk­te sich nach dem an­stren­gen­den Ko­itus. Re­bec­ca robb­te vom Bett her­un­ter und be­gab sich schleu­nigst ins Bad, um sei­nen Sa­men un­ter der Du­sche aus­zu­spü­len. Glib­be­rig lief die Soße her­aus, an ih­rem Bein her­un­ter.

Der Was­ser­strahl, der ge­gen ih­ren Un­ter­leib drück­te, er­reg­te Re­bec­ca. Die un­ge­wohn­ten Emp­fin­dun­gen auf ih­rem Kitz­ler ver­ur­sach­ten eine un­be­schreib­lich hef­ti­ge Lust. Die Feuch­tig­keit der Sper­mi­en, der Druck der Brau­se und ihre Fin­ger, die ihr Lust­zen­trum um­kreis­ten, trie­ben sich un­auf­halt­sam Rich­tung Hö­he­punkt.

Re­bec­ca stell­te sich vor, wie Elou­an ge­mein­sam mit ihr un­ter der Du­sche steht. Sein gött­li­cher Kör­per zeich­net sich vor ih­rem in­ne­ren Auge ab. Sie lässt ih­ren Blick zu sei­nem statt­li­chen Pe­nis wan­dern, den sie mit ih­rer Hand mas­siert, wäh­rend er mit den Fin­gern über ihre Klit reibt. Fes­ter kne­tet sie sei­ne Ho­den, reibt am Schaft auf und ab. Er ist so ver­flucht hart und gleich­zei­tig but­ter­weich. Sei­ne feuch­ten Fin­ger ver­stär­ken wie­der­um den Druck auf ihre Kli­to­ris. »Ah!«, stöhnt sie.

Mit un­ge­ahn­ter Wucht roll­te der Or­gas­mus über Re­bec­ca. Ihre Schei­den­wän­de zo­gen sich zu­sam­men, kon­tra­hier­ten. Noch ein­mal das Ge­fühl er­le­ben! Er­neut schloss Re­bec­ca sie die Au­gen, stütz­te sich mit der lin­ken Hand an der Dusch­ka­bi­ne ab, sieht wie­der Elou­an vor sich, wie er stöhnt, wäh­rend er sei­nen in­zwi­schen zum Zer­bers­ten an­ge­schwol­le­nen Schwen­gel über ihre Spal­te reibt. Sie will ihm hel­fen, kniet sich nach un­ten, be­rührt sei­ne pral­le Ei­chel mit ih­rer Zun­gen­spit­ze, saugt zärt­lich dar­an. Dann um­spannt sie im­mer fes­ter sein Glied mit ih­ren Lip­pen und sei­nen Arsch mit ih­ren Hän­den, lässt die Zun­ge an der Ei­chel krei­sen. Er keucht hef­tig auf. »Gleich«, raunt er über ihr und wirft den Kopf in den Nacken, um sich den Emp­fin­dun­gen voll­ends hin­zu­ge­ben. »Gleich«, hört sie ihn er­neut ge­quält stöh­nen. Dann lässt sie von ihm ab, kniet noch im­mer vor ihm, wäh­rend er sei­nen Pe­nis um­fasst und sich auf ih­rer Brust er­gießt.

Zum zwei­ten Mal er­leb­te Re­bec­ca, wie sie die Er­re­gung durch­schüt­tel­te. Sie krall­te sich an der Wand der Dusch­ka­bi­ne fest, press­te die Ober­schen­kel zu­sam­men, um die Nach­be­ben des Or­gas­mus zu füh­len. »Mehr«, stöhn­te sie. Plötz­lich stand Paul vor der Du­sche und sah sie un­gläu­big an.

Kurz vor sechs Uhr sa­ßen Re­bec­ca und Paul im Auto, un­ter­wegs zu Tom und Ly­dia. Er fuhr schweig­sam. Ob­wohl die Stre­cke nur fünf­zehn Ki­lo­me­ter be­trug, wirk­te sie an­ge­sichts der nichts­sa­gen­den Mi­mik ih­res Freun­des wie eine Ta­ges­e­tap­pe.

»Du scheinst mehr Spaß mit der Du­sche zu ha­ben als mit mir«, sag­te Paul un­ver­mit­telt.

»Und du wohl mit dem Rech­ner.« Cha­peau.

»Was meinst du?« Re­bec­ca lä­chel­te vor sich hin. Eine Er­klä­rung war un­nö­tig.

»Das In­ter­net war dir auch wich­ti­ger, als das Du­schen und der Sex mit mir. Ich bin dir doch egal.«

»Das ist doch Quatsch, Re­bec­ca!«

Statt »Bec­cy« zu sa­gen, nann­te er sie beim gan­zen Na­men. Das tat er im­mer, wenn er dem Ge­sag­ten mehr Ernst­haf­tig­keit ver­lei­hen woll­te.

»Ich hat­te eben et­was Net­tes ge­se­hen. Da un­ter­bre­che ich nicht mei­ne Su­che!« Re­bec­ca schau­te be­tre­ten aus dem Fens­ter, wäh­rend das Schwei­gen im Auto Ge­stalt an­nahm. Jetzt wäre der per­fek­te Zeit­punkt, um den Sta­tus ih­rer Be­zie­hung zu hin­ter­fra­gen. Aber es pas­sier­te nichts. Den Rest der Stre­cke schwie­gen sie sich an – wie ein al­tes Ehe­paar, das schon fünf­zig Jah­re ver­hei­ra­tet war und kei­ne Ge­heim­nis­se mehr vor­ein­an­der hat­te.

Tom und Ly­dia wa­ren vor drei Jah­ren in ein klei­nes, ver­schla­fe­nes Dorf um­ge­zo­gen, in dem sie sich ein Häus­chen er­rich­tet hat­ten. Tom schob ge­ra­de den Schnee aus der Ein­fahrt, als Paul und Re­bec­ca das Grund­s­tück ih­rer Be­kann­ten er­reich­ten.

Paul und Tom sa­hen sich re­gel­mä­ßig, da sie in der glei­chen Fir­ma ar­bei­te­ten. Sie um­arm­ten sich freund­schaft­lich. Nach­dem Re­bec­ca aus­ge­stie­gen war, gab Tom ihr die Hand. Sie kann­te ihn zwar gut, hät­te ihn aber nicht als en­gen Freund be­zeich­nen wol­len.

Be­vor sie in das Haus tra­ten, schau­te sich Re­bec­ca den Au­ßen­be­reich des Häus­chens an. Was ein ty­pi­sches, spieß­bür­ger­li­ches Wohn­ge­bäu­de: Die Fas­sa­de war von au­ßen ver­klin­kert und mit ei­nem klei­nen Gar­ten ver­se­hen, der von der Stra­ße zur Hälf­te ein­seh­bar war. Vor der Tür hat­te Ly­dia einen Strauß Tan­nen­zwei­ge auf­ge­stellt, der lie­be­voll mit Stroh­s­ter­nen be­han­gen war. Da­ne­ben stand eine grin­sen­de Kat­ze aus Holz. Das Klin­gel­schild aus Me­tall be­saß den ein­gra­vier­ten Fa­mi­li­enna­men. Tom und Ly­dia wa­ren seit zwei Jah­ren ver­hei­ra­tet. Im ver­gan­ge­nen Herbst kam ihre Toch­ter Lea zur Welt.

Tom be­glei­te­te sei­ne Freun­de zur Haus­tür, schloss auf und ließ sie nach drin­nen ein­tre­ten. Woh­li­ge Wär­me um­fing Re­bec­ca, denn die Fuß­bo­den­hei­zung um­schmei­chel­te ihre Füße. Ly­dia kam ih­nen aus der Kü­che tre­tend ent­ge­gen. Auf dem Arm trug sie ihre Toch­ter, die mit ih­ren sechs Mo­na­ten noch nicht lau­fen konn­te.

Re­bec­ca schos­sen Ge­mäl­de in den Kopf, auf de­nen die Mut­ter Ma­ria mit dem Je­sus­kind ab­ge­bil­det war. Ge­nau­so idyl­lisch und ver­klärt er­schie­nen ihr ge­ra­de Ly­dia und ihr Baby.

Die Haus­her­rin um­arm­te Re­bec­ca so gut sie es mit dem Kind auf dem Arm konn­te. Sie trug einen wei­ten, ro­sa­fa­r­be­nen Pull­over und graue, schlab­be­ri­ge Jog­ging­ho­sen. Ihre stroh­blon­den Haa­re hat­te sie zu ei­nem Pfer­de­schwanz zu­sam­men­ge­bun­den. An den Sei­ten stan­den ei­ni­ge Här­chen ab, so­dass die erst Mit­te Drei­ßig­jäh­ri­ge viel äl­ter wirk­te. Ge­nau­so stell­te sich Re­bec­ca das Mut­ter­da­sein vor: kei­ne Zeit für das Aus­se­hen zu ha­ben, da man stets mit dem Kind be­schäf­tigt war.

Die Klei­ne starr­te die Ein­tre­ten­den schüch­tern an. Als Re­bec­ca sie zart an der Wan­ge be­rühr­te, ver­grub sie das Ge­sicht in das Brust­bein ih­rer Mut­ter.

»Schön, dass ihr uns mal wie­der be­su­chen kommt«, sag­te Ly­dia höf­lich und bat ihre Freun­de ins Wohn­zim­mer hin­ein. Ir­gen­d­et­was stimm­te nicht! Das Strah­len in ih­ren Au­gen fehl­te. Ly­di­as grü­ne Pu­pil­len wirk­ten blass, fast be­drückt. Re­bec­ca ver­kniff sich eine Nach­fra­ge und schau­te sich statt­des­sen im Flur um.

Tom stand noch im­mer an der halb ge­öff­ne­ten Haus­tür und klopf­te sich den Schnee von sei­ner Hose ab. Dann kam er hin­ein. Ein Duft von Auf­lauf hing wie ein un­sicht­ba­res Band in der Luft.

Al­les an der Ein­rich­tung im Haus­flur war spieß­bür­ger­lich kit­schig: An den Wän­den be­fan­den sich Bil­der­rah­men mit Fo­tos der Fa­mi­li­en­mit­glie­der. Oma und Opa mit Lea, ein Hoch­zeits­fo­to von Tom und Ly­dia, Lea als Neu­ge­bo­re­ne. Auf ei­nem der Rah­men stand so­gar »Fa­mi­ly« drauf. Au­ßer­dem gab es rechts vom Ein­gangs­be­reich ein lan­ges Schuh­re­gal, das fein säu­ber­lich auf­ge­stellt un­ter an­de­rem Pan­tof­fel und Stie­fel ent­hielt. Dar­über hing eine bun­te Zeich­nung des Wohn­orts. Auf dem Schrank stan­den klei­ne Kist­chen aus Bast, in de­nen Ly­dia di­ver­sen Krims­krams ver­stau­te.

Der Flur wur­de zum Wohn­zim­mer und zur Kü­che hin brei­ter und gab auf der lin­ken Sei­te den Blick auf das Ba­de­zim­mer frei. Hier er­in­ner­te vie­les an eine Woh­nung, die lie­be­voll ein­ge­rich­tet wur­de, um in­ne­res Cha­os durch äu­ße­re Ord­nung aus­zu­glei­chen.

Eine Ver­än­de­rung gab es: Ihr letz­ter Be­such lag fast ein hal­b­es Jahr zu­rück. Da­mals war Lea ge­ra­de einen Mo­nat alt ge­we­sen. Die Wohn­zim­mer­ein­rich­tung jetzt glich ei­nem Schlacht­feld. Auf dem Tep­pich be­fan­den sich Au­tos, Plüsch­tie­re und an­de­res Spiel­zeug. Dass so­gar das Sofa Cha­os ver­brei­te­te, wun­der­te Re­bec­ca, denn sonst war Ly­dia im­mer auf Ord­nung be­dacht – und zwar in sämt­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten, was auch die spieß­bür­ger­li­che Ein­rich­tung im Haus­flur ver­deut­li­chen soll­te.

»Tut mir furcht­bar leid, dass es so wild aus­sieht«, sag­te Ly­dia leicht ge­quält, als ob sie Re­bec­cas Ge­dan­ken hat­te le­sen kön­nen. »Wir kom­men nicht mehr zum Auf­räu­men, seit­dem die Klei­ne krab­belt und al­les durch die Ge­gend wirft.« Sie sah die Schuld­ge­füh­le in Ly­di­as Au­gen auf­blit­zen.

»Und wie läuft es bei euch?«, frag­te Tom, um vom The­ma ab­zu­len­ken.

»Du weißt ja, in mei­ner Ab­tei­lung ist im­mer viel los. Erst letz­te Wo­che muss­te ich wie­der mit ei­ner Kol­le­gin ein Per­so­nal­ge­spräch füh­ren, nach­dem sie mir ge­sagt hat­te, dass sie vor­hat, we­ni­ger Stun­den ar­bei­ten zu wol­len.« Wie ge­sprä­chig Paul mit ei­nem Male war!

In sei­ner Po­si­ti­on als Ab­tei­lungs­lei­ter ei­ner Fir­ma, die sich mit Fi­nan­zen be­schäf­tig­te, hat­te er im­mer viel mit Men­schen zu tun und muss­te stän­dig mit sei­nen An­ge­stell­ten spre­chen. Mit Re­bec­ca hat­te er aber of­fen­bar nicht mehr viel zu be­re­den.

Tom, der ge­nau wie Paul auch in sei­ner Ab­tei­lung der Lei­ter war, hak­te so­fort nach. Dann tausch­ten sie sich über be­ruf­li­chen Kram aus, wäh­rend Ly­dia und Re­bec­ca da­ne­ben sa­ßen und den Män­nern beim Plau­dern zu­horch­ten. Tom sprach we­ni­ger gest­resst von der Ar­beit, als es Paul tat. Er me­cker­te nicht so viel, schien aus­ge­gli­che­ner zu sein, trotz des Stres­ses zu Hau­se. Ge­ra­de mit Kind.

Ly­dia hat­te nicht viel zu der Kon­ver­sa­ti­on bei­zu­tra­gen. Vor ih­rer Schwan­ger­schaft und El­tern­zeit hat­te sie im Kran­ken­haus als As­sis­ten­zärz­tin in der Uro­lo­gie ge­ar­bei­tet. Als fest­stand, dass sie schwan­ger war, hat­te sie die Ar­beit so­fort an den Na­gel ge­hängt, um das Kind in ih­rem Bauch nicht zu ge­fähr­den.

Ly­dia war vor ih­rer Schwan­ger­schaft eine äu­ßerst le­bens­lus­ti­ge, ge­sel­li­ge jun­ge Frau ge­we­sen. Tom und sie wa­ren oft auf Par­tys un­ter­wegs ge­we­sen oder hat­ten Be­kann­te be­sucht. Re­bec­ca kann­te sie als Frau, die gern lach­te und im­mer einen lo­cke­ren Spruch auf den Lip­pen hat­te. Jetzt wirk­te sie in sich ge­kehr­ter, rei­fer, ab­ge­klär­ter. Sie beug­te sich über das Baby, das ne­ben ihr zu quen­geln be­gann und strei­chel­te zärt­lich über die Wan­ge des Mäd­chens. Wie lie­be­voll sie die Klei­ne um­sorg­te.

Ly­dia führ­te ge­nau das Le­ben, von dem Re­bec­ca träum­te und um das sie ihre Freun­din be­nei­de­te: ver­hei­ra­tet, Kind, Haus, Lie­be.

Nach dem Es­sen zo­gen sich Paul und Tom mit ei­nem Bier auf die Couch zu­rück. Ly­dia muss­te Lea zu Bett brin­gen und frag­te Re­bec­ca, ob sie sie be­glei­ten woll­te. Sie spür­te, dass Ly­dia et­was auf dem Her­zen hat­te und mit ihr al­lein sein woll­te. Re­bec­ca ver­mu­te­te, dass ihre un­ge­wöhn­li­che, in­tro­ver­tier­te Art, die sie so gar nicht an ihr kann­te, einen Grund ha­ben muss­te.

Im Kin­der­zim­mer des Ba­bys be­fand sich rechts ne­ben der Tür die Wi­ckel­kom­mo­de, auf de­ren Abla­ge bun­te Bär­chen ab­ge­bil­det wa­ren. Ly­dia leg­te als Ers­tes Lea dort drauf und be­gann da­mit, der Klei­nen neue Win­deln an­zu­le­gen.

Re­bec­ca schau­te sich im Kin­der­zim­mer um. In der Mit­te stand das Git­ter­bett. Auf der lin­ken Sei­te hat­ten die Ehe­leu­te einen grün-rosa la­ckier­ten Schrank auf­ge­stellt. Die kom­plet­te Ein­rich­tung wirk­te sehr fried­lich. Die Ta­pe­te mit den Ster­nen, dem la­chen­den Mond und der Son­ne un­ter­strich die­sen Ein­druck per­fek­ter Har­mo­nie. Gleich­zei­tig fand Re­bec­ca das Zim­mer furcht­bar spieß­bür­ger­lich; wie al­les in die­sem Haus­halt.

Ly­dia leg­te Lea ins weiß­la­ckier­te Ba­by­git­ter und setz­te sich auf einen Stuhl da­ne­ben. Die Mut­ter strei­chel­te das Mäd­chen, sang ein Gu­te­nacht­lied, wäh­rend sie den Kopf schräg über das Git­ter neig­te. Trotz die­ses so ur­sprüng­li­chen Bil­des, das eine Ruhe son­der­glei­chen ausstrahl­te, wur­de sie das Ge­fühl nicht los, dass Ly­dia mit ih­ren Ge­dan­ken gar nicht bei der Klei­nen war.

Lea war schon vor ei­ni­gen Mi­nu­ten ein­ge­schla­fen, doch Ly­dia strei­chel­te sie noch im­mer. Plötz­lich sah Re­bec­ca in Ly­di­as Auge eine Trä­ne auf­blit­zen, die sich den Weg die Wan­ge hin­un­ter bahn­te. »Was hast du?«, frag­te sie sor­gen­voll und streck­te die lin­ke Hand nach der Schul­ter ih­rer Freun­din aus.

Ly­dia dreh­te sich zu ihr her­um, dann be­gann sie lei­se: »Ich weiß nicht, wem ich mei­ne Ge­füh­le an­ver­trau­en kann, Bec­cy.«

Weil Ly­dia schluchz­te, nahm Re­bec­ca sie in den Arm, um sie zu trös­ten, ihr das Ge­fühl zu ge­ben, bei ihr zu sein. Als sie sie losließ, be­gann sie lei­se: »Ich glau­be …« Das Spre­chen fiel ihr sicht­lich schwer. »… Tom hat … eine Af­fä­re.« Wie bit­te? Das konn­te nicht sein! Er mach­te stets den Ein­druck ei­nes lie­be­vol­len Va­ters, der wie ein Löwe für sei­ne Fa­mi­lie ein­stand. Was Ly­dia jetzt sag­te, scho­ckier­te sie bis ins Mark.

»Wie kommst du denn dar­auf? Hat er es dir ge­sagt?« Sie schüt­tel­te den Kopf.

»Nein, aber …« Ly­di­as Lip­pen beb­ten und ein hef­ti­ges Schluch­zen such­te sich einen Weg aus ih­rem Mund. »Aber es ist … et­was vor­ge­fal­len.«

Nur schwer fand Ly­dia die Wor­te wie­der. »Die Ab­tei­lung, in der Tom ar­bei­tet, hat erst im Ja­nu­ar die Weih­nachts­fei­er nach­ge­holt, weil Tom ja in den ers­ten Mo­na­ten Ba­by­ur­laub ge­nom­men hat.« Ly­dia senk­te den Kopf, rang um die rich­ti­ge Wort­wahl.

»Zu die­ser Weih­nachts­fei­er wa­ren auch die Ehe­gat­ten und Freun­de ein­ge­la­den, es soll­te in ei­nem grö­ße­ren Rah­men statt­fin­den, weißt du?« Re­bec­ca nick­te. »Lea ha­ben wir an die­sem Abend bei mei­ner Mut­ter ab­ge­ge­ben. Es war das ers­te Mal, dass wir sie bei je­mand an­de­rem ge­las­sen ha­ben. Du kannst dir gar nicht aus­ma­len, wel­che Ge­dan­ken mir an die­sem Abend durch den Kopf gin­gen. Stän­dig war ich be­sorgt, ob al­les klappt, ob sich die Klei­ne fürch­tet, wenn sie spürt, dass ihre El­tern nicht da sind. Trotz­dem muss­te ich un­be­dingt das Haus ver­las­sen und bin zur Weih­nachts­fei­er mit­ge­fah­ren. Wir ka­men mit Ver­spä­tung an, da wir ja Lea noch fort­ge­schafft ha­ben. Tom such­te sich so­fort einen Platz nahe sei­nen Ar­beits­kol­le­gen. Aber selt­sa­mer­wei­se nicht ne­ben ir­gend­ei­nem männ­li­chen Kol­le­gen, son­dern ne­ben sei­ner Se­kre­tä­rin De­ni­se. Schon beim ers­ten Ken­nen­ler­nen mit ihr spür­te ich, wie ver­traut sich bei­de sind, Tom und sie. Ich kann es schlecht be­schrei­ben, eine Ehe­frau merkt, wenn ihr Mann sich zu ei­ner an­de­ren Frau hin­ge­zo­gen fühlt. Es lag ein Krib­beln in der Luft, wenn sich bei­de so an­ge­se­hen ha­ben.«

»Hat Tom dir ge­gen­über die­se Frau schon ein­mal er­wähnt?« Ly­dia at­me­te schwer aus.

»Ich weiß schon, dass er seit dem ver­gan­ge­nen Som­mer eine neue Se­kre­tä­rin hat. Er hat mir aber nie ge­sagt, dass sie so jung und blond ist und noch dazu eine Bom­ben­fi­gur hat. Ver­mut­lich hat er es ver­schwie­gen, weil er wuss­te, dass mich das ei­fer­süch­tig macht. Ich war ein Kotz­bro­cken in der Schwan­ger­schaft, war we­gen al­lem be­lei­digt oder weh­lei­dig.«

»Und was ist auf der Weih­nachts­fei­er pas­siert? Ich mei­ne, ir­gend­was muss dich ja zum Nach­den­ken ge­bracht ha­ben. Af­fä­re. Das ist ein ganz schön hef­ti­ger Vor­wurf.« Ly­dia wirk­te nach­denk­lich, kniff die Au­gen­brau­en zu­sam­men.

»Die Se­kre­tä­rin saß die gan­ze Zeit über ne­ben Tom. Ich habe links von ihm, sie auf der rech­ten Sei­te ge­ses­sen. Nicht, dass er ne­ben ir­gend­ei­nem sei­ner männ­li­chen Kol­le­gen, von de­nen es so vie­le in der Ab­tei­lung gibt, ge­ses­sen hät­te. Nein! Er muss­te sich aus­ge­rech­net ne­ben sei­ne at­trak­ti­ve Se­kre­tä­rin set­zen.« Ly­dia senk­te er­neut den Blick.

Von Ei­fer­sucht zer­nagt re­de­te sie wei­ter: »Er hat sich mehr mit ihr un­ter­hal­ten, als sich um mich zu küm­mern. Wenn nicht die­ser ver­trau­te Blick­kon­takt zwi­schen ih­nen ge­we­sen wäre. Und wie sie mit­ein­an­der ge­lacht ha­ben. Nicht eine Se­kun­de lang hat er sei­ne Toch­ter ver­misst.«

Bei dem letz­ten Satz brach Ly­dia er­neut in bit­te­re Trä­nen aus. Re­bec­ca ver­such­te sie zu trös­ten und sag­te: »Er woll­te be­stimmt bloß einen net­ten Abend ha­ben. Da ver­gisst man schnell al­les um sich her­um.«

»Aber …«, un­ter­brach sie Re­bec­ca.

Un­ter Trä­nen und mit zit­tern­der, lau­te­rer Stim­me sag­te sie: »Es war das ers­te Mal, dass wir einen Abend gänz­lich ohne Lea hat­ten! Ich habe sie schon im Auto ver­misst und Tom hat nicht ein­mal über un­ser Baby ge­spro­chen. So als gäbe es gar kei­ne Toch­ter für ihn. Fin­dest du das nicht ko­misch?«

Ly­dia schau­te Re­bec­ca mit ih­ren ro­ten, ver­heul­ten Au­gen an. »Wenn ihm was an sei­nem Kind liegt, wür­de er sie ge­nau­so schreck­lich ver­mis­sen, wie ich es tue, und nicht mit sei­ner Se­kre­tä­rin in An­we­sen­heit sei­ner Ehe­frau flir­ten.« Sie klang ge­reizt und wü­tend.

»Kann es nicht sein, dass du zu viel hin­ein­in­ter­pre­tierst? Dass du sei­ne Freund­lich­keit ihr ge­gen­über als se­xu­el­le An­zie­hung miss­ver­stehst?«

Ly­dia schau­te Re­bec­ca un­gläu­big an, zog die Stirn in Fal­ten. »Meinst du im Ernst, Tom geht fremd und setzt sich ne­ben sei­nen Sei­ten­sprung? Ein Mann wür­de das doch un­ter al­len Um­stän­den ver­hin­dern und es so aus­se­hen las­sen, als lie­ße sie ihn ab­so­lut kalt.« Ly­dia hielt kurz inne, über­leg­te, ob es nicht doch so sein konn­te, wie Re­bec­ca sag­te.

Schein­bar un­be­ein­druckt von den Wor­ten gab Ly­dia noch mehr De­tails preis: »Wenn es nur die Ge­sprä­che ge­we­sen wä­ren. Am spä­ten Abend wur­de auch ge­tanzt. Die Weih­nachts­fei­er fand in ei­nem grö­ße­ren Saal ei­ner Gast­stät­te statt. An­statt mich zum Tan­zen auf­zu­for­dern, hat er mit De­ni­se ge­tanzt. Die­ses … Flitt­chen … hat sich an ihn her­an­ge­macht! Wie nah sie ihm war und wie sie mit­ein­an­der ge­lacht ha­ben. Erst spä­ter hat er mit mir ge­tanzt, aber weit we­ni­ger zärt­lich und in­nig als mit De­ni­se.«

»Das muss doch aber noch lan­ge nicht hei­ßen, dass die bei­den mit­ein­an­der schla­fen.«

Ly­dia lief eine di­cke Trä­ne die Wan­ge hin­ab, was Re­bec­ca tie­fes Mit­ge­fühl emp­fin­den ließ. »Was soll ich bloß tun, Bec­cy? Ich sehe furcht­bar aus! So un­för­mig. Mei­ne Haa­re sind fet­tig, die Haut ist un­rein.« Ly­dia rieb sich die Stirn, als säße dort ein Teu­fel, den sie ab­schüt­teln woll­te.

»Aber was das Schlimms­te ist: Ich kann nicht mehr mit Tom schla­fen, weil ich mich so un­wohl bei dem Ge­dan­ken füh­le, dass er mich wi­der­lich und ab­sto­ßend fin­det.«

Ly­dia schüt­tel­te re­si­gniert den Kopf, be­vor sie einen letz­ten, be­deu­tungs­schwan­ge­ren Satz aus­sprach: »Ich wünsch­te, ich könn­te mit ihm über al­les re­den.« Re­bec­ca horch­te auf. Bis­her dach­te sie, Tom und Ly­dia wür­den eine durch und durch har­mo­ni­sche Be­zie­hung füh­ren, könn­ten über ihre Ge­füh­le spre­chen und nur sie und Paul wä­ren eine Aus­nah­me.

Ly­dia hielt kurz inne, be­vor sie zer­knirscht und mit ver­heul­tem Ge­sicht sag­te: »Nach der Weih­nachts­fei­er habe ich Tom ge­fragt, ob er sich zu De­ni­se hin­ge­zo­gen fühlt. Er ist dem Ge­spräch aus dem Weg ge­gan­gen. Er hat noch nicht ein­mal ver­sucht zu de­men­tie­ren, ver­stehst du? Die Fra­ge, ob er mit ihr eine Af­fä­re hät­te, hat er nicht ver­neint!«

»Und du schließt dar­aus, dass er die Be­zie­hung zu ihr ver­heim­licht? Viel­leicht kann er es nur nicht ver­ste­hen, dass du ihm so et­was un­ter­stellst. Denn …« Re­bec­ca mach­te eine klei­ne Kunst­pau­se, at­me­te noch ein­mal tief durch, um ih­rer Freun­din Mut zu­zu­spre­chen: »Wie er mit Lea um­geht, das macht doch kein Mann, der sei­ner Fa­mi­lie un­treu wird.«

Ly­dia schau­te Re­bec­ca mit ih­ren gro­ßen, hoch­ro­ten Au­gen an. Dann sag­te sie mit fes­ter Stim­me: »Das ist dei­ne Mei­nung. Ich traue Tom ein Dop­pel­le­ben zu. So spät, wie er manch­mal nach Hau­se kommt, be­fürch­te ich, dass er sich den Sex, den ich ihm schon seit fast ei­nem Drei­vier­tel­jahr ent­zie­he, wo­an­ders sucht.« Sich die­se Tat­sa­che ein­zu­ge­ste­hen, muss­te Ly­dia nicht leicht ge­fal­len sein. Sie be­trach­te­te ihre schla­fen­de Toch­ter. Ohne den Kopf zu he­ben, sag­te sie: »Wenn Tom mich wirk­lich be­trügt, dann wer­de ich …«

Ly­dia kämpf­te wie­der mit den Trä­nen. »Zum Woh­le un­se­rer Toch­ter wür­de ich ihn nicht ver­las­sen. Ich lie­be Tom. Lea braucht einen Va­ter.«

Re­bec­ca rück­te nä­her an ihre Freun­din her­an und pro­tes­tier­te ener­gisch: »Ly­dia, nein! Das kannst du dir nicht ernst­haft auf­er­le­gen wol­len! Dei­ne Toch­ter braucht einen Va­ter, der ehr­lich mit dir ist und kei­nen, der ein Dop­pel­le­ben führt. Du kannst doch nicht den Rest dei­ner Tage un­g­lü­ck­lich sein wol­len!«

Ge­quält press­te sie her­vor: »Und was wird aus dem Le­ben, das wir uns auf­ge­baut ha­ben? Was wird aus dem Haus? Wir be­zah­len es bei­de ab, und das noch auf vie­le Jah­re.« Ge­nau wie sie und Paul!

Re­bec­ca hat­te ge­hofft, Ly­dia von ih­ren ei­ge­nen chao­ti­schen Ge­füh­len er­zäh­len zu kön­nen. Aber das brach­te sie nicht übers Herz. Ihre na­i­ven Emo­ti­o­nen ka­men ihr un­be­deu­tend und ge­ra­de­zu lä­cher­lich vor ge­gen­über der sich an­bah­nen­den Ehe­kri­se ih­rer Freun­de.

»Ly­dia?« Tom stand un­ten im Haus­flur und rief nach sei­ner Frau. Sei­ne Stim­me kam Re­bec­ca mit ei­nem Schlag viel käl­ter vor. Sie be­schloss, Paul dis­kret zu be­fra­gen und ihre Freun­din nicht wei­ter zu be­las­ten. »Ly­dia? Wo seid ihr denn?«, er­tön­te es er­neut. »Ich dach­te, wir woll­ten noch einen Wein zu­sam­men trin­ken?«

»Gleich!«, rief Ly­dia zu­rück.

Sie wisch­te sich mit dem wei­ten Pull­over­är­mel die Trä­nen aus dem Ge­sicht. »Ich sehe ver­heult aus, rich­tig?« Re­bec­ca nick­te. »Geh run­ter und sage Tom, dass die Klei­ne nicht ein­schla­fen will. Ich kom­me nach, so­bald ich mich be­ru­higt habe.« Re­bec­ca nahm Ly­dia fest in den Arm und drück­te sie an ihre Brust, be­vor sie nach un­ten ging.

Tom stand noch im­mer am Trep­pen­auf­gang. »Wo ist Ly­dia?«, frag­te er bei­nah her­risch, als Re­bec­ca das Haus­flur er­reich­te.

»Die Klei­ne schläft nicht ein. Ly­dia muss noch ein Schlaf­lied sin­gen.«

Er setz­te ein skep­ti­sches Ge­sicht auf. »Ko­misch, war­um hat Lea nicht ge­weint? Wenn sie nicht ein­schla­fen kann, weint sie in der Re­gel.« Er er­war­te­te eine Ant­wort.

»Sie … war be­reits ein­ge­schla­fen … und nun ist sie auf­ge­wacht … als du ge­ru­fen hast.«

Ver­wun­dert zog Tom den Kopf nach hin­ten und sag­te lang­sam: »Ver­ste­he.« Dann be­glei­te­te er Re­bec­ca ins Wohn­zim­mer, wo Paul läs­sig auf der grau­en Couch saß.

In­zwi­schen wa­ren die Män­ner zum Wein über­ge­gan­gen. Tom setz­te sich le­ger ne­ben sei­nen Freund, wäh­rend Re­bec­ca et­was ab­seits von Paul Platz nahm. Sie be­ob­ach­te­te die bei­den beim Re­den, wäh­rend sie selbst an ei­nem Glas Weiß­wein nipp­te.

Tom und Paul wa­ren bei­de An­fang Vier­zig. Ly­di­as Mann war et­was schlan­ker als ihr Freund, da­für hat­te Paul mehr Haa­re auf dem Kopf. Bei Tom konn­te sie ers­te grau­me­lier­te Sträh­nen er­ken­nen. Zu­sam­men mit sei­nem Drei­ta­ge­bart ging er als ganz an­sehn­li­cher Mann durch, der si­cher­lich gut bei jün­ge­ren Da­men an­kam. Im An­zug, den er für ge­wöhn­lich auf Ar­beit tra­gen muss­te, mach­te er be­stimmt kei­ne schlech­te Fi­gur.

Wel­che Lieb­schaf­ten er aber vor Ly­dia hat­te, wuss­te Re­bec­ca nicht. Ob er ei­ner Af­fä­re mit sei­ner Se­kre­tä­rin of­fen ge­gen­über­ste­hen wür­de?

»Ach so, Paul. Und dann hat De­ni­se noch ge­sagt, dass sie uns gern mal be­su­chen wür­de. Sie möch­te un­be­dingt mei­ne Toch­ter ken­nen­ler­nen. Sie liebt Kin­der.« Paul nick­te.

Mit welch ei­ner Lei­den­schaft Tom von sei­ner Se­kre­tä­rin sprach! In An­we­sen­heit sei­ner Ehe­frau hät­te er ga­ran­tiert nicht so in­brüns­tig von ihr ge­schwärmt.

Nach ei­ner Vier­tel­stun­de er­schien Ly­dia. Sie setz­te sich wort­los ne­ben Re­bec­ca und schau­te nach un­ten auf den Tep­pich. Nach we­ni­gen Mi­nu­ten sag­te sie: »Ich gehe das Ge­schirr auf­räu­men«, und ver­schwand in der Kü­che.

»Geht es dei­ner Frau nicht gut?«, frag­te Paul, der ja nicht ah­nen konn­te, was für ein Dra­ma sich im obe­ren Stock­werk ab­ge­spielt hat­te.

»Ach was. Ist halt al­les stres­sig mit der Klei­nen.« Re­bec­ca aber dach­te sich ih­ren Teil.

Es war weit nach 21 Uhr, als Re­bec­ca und Paul das Haus von Tom und Ly­dia ver­lie­ßen. Paul war an­ge­trun­ken, wes­halb Re­bec­ca fuhr. Sie be­schäf­tig­te noch im­mer, was ihr ihre Freun­din an­ver­traut hat­te. »Sag mal, was hat dir Tom ei­gent­lich über De­ni­se er­zählt?«

Nach­dem Paul Al­ko­hol ge­trun­ken hat­te, war er deut­lich ge­sprä­chi­ger als sonst. »Nichts wei­ter. Nur, dass sie ir­gend­wann vor­bei­kom­men will, um sei­ne Toch­ter zu se­hen.«

»Ja, das weiß ich, da war ich da­bei«, sag­te Re­bec­ca ge­reizt. »Aber ihr habt doch schon vor­her über sie ge­spro­chen, als Ly­dia und ich oben wa­ren.« Paul über­leg­te kurz.

»Nicht viel. Sie ist sei­ne neue Se­kre­tä­rin. Er hat ein we­nig über ihr Pri­vat­le­ben er­zählt. Wie­so fragst du?«

»Du hast sie doch be­stimmt schon ge­se­hen, oder? Sieht sie gut aus?«

Wie­der zö­ger­te Paul kurz. »Schlecht sieht sie nicht aus. Um die Zwan­zig, ziem­lich durch­trai­niert und mit lan­gen blon­den Haa­ren.«

Re­bec­ca hör­te den an­er­ken­nen­den Un­ter­ton in der Stim­me ih­res Freun­des mit­schwin­gen. »Meinst du, Tom steht auf sie?« Paul gab kei­ne Ant­wort.

Da es zu fins­ter war, konn­te Re­bec­ca auch kei­ne Re­ak­ti­on in sei­nem Ge­sicht er­ken­nen. Die Pau­se dau­er­te ihr zu lan­ge. »Hat dir Tom ir­gend­was ge­sagt? Fin­det er sie gut, wie ver­steht er sich mit ihr?« Wie­der blieb Paul ihr die Ant­wort schul­dig.

Re­bec­ca at­me­te schwer aus.

»Wor­auf willst du denn hin­aus, Bec­cy?«, platz­te es aus ihm her­aus.

Sie lach­te auf. Als ob er das nicht wüss­te! »Traust du Tom zu, dass er Ly­dia be­trügt?«

»Tom soll fremd­ge­hen? Das glau­be ich nicht«, sag­te Paul schnell. Re­bec­ca hör­te trotz­dem einen selt­sa­men Un­ter­ton in sei­ner Stim­me. »Ich mei­ne … Tom ist ein Mann … Er hat mir er­zählt, dass er De­ni­se … Aber er wür­de Ly­dia doch nicht … Nein, ich mei­ne …«

Of­fen­bar wuss­te Paul mehr, als er Re­bec­ca ge­gen­über ein­ge­ste­hen woll­te. Er be­en­de­te das The­ma, in­dem er ein­fach die an­ge­fan­ge­nen Satz­bro­cken nicht mehr fort­s­etz­te. Er schwieg, bis sie zu Hau­se an­ka­men.


Ka­pi­tel 4

Der ein­zi­ge Licht­blick für Re­bec­ca, nach die­sem von schlechtem Sex und Ehe­kri­sen über­schat­te­ten Wo­chen­en­de, be­stand dar­in, Lou wie­der­zu­se­hen.

Es war ein kal­ter Diens­tag­mor­gen mit Mi­nus drei Grad Cel­si­us. Re­bec­ca be­eil­te sich schnell ins Schul­ge­bäu­de zu kom­men. Die Ab­sät­ze ih­rer Stie­fel knall­ten mit schnel­len Schlä­gen über das har­te Kopf­stein­pflas­ter.

Im Foy­er an­ge­kom­men, trau­te sie ih­ren Au­gen nicht: Elou­an saß auf ei­ner der kar­gen Bän­ke. Er trug le­dig­lich einen Pull­over, was be­deu­te­te, dass er da seit ge­rau­mer Zeit saß, wenn er bei die­sen wid­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren sei­ne Ja­cke be­reits los­ge­wor­den war.

Als er Re­bec­ca am Ein­gang ent­deck­te, er­hob er sich und lä­chel­te freund­lich. »Gu­ten Mor­gen, Frau Pe­ters.« Sie schenk­te ihm ein zar­tes Lä­cheln, be­vor sie nah an ihm vor­bei­husch­te und ihr sein ver­trau­ter Duft in die Nase stieg. »Sie sind sehr zei­tig da.«

Re­bec­ca dreh­te sich zu ih­rem Schü­ler um, am Trep­pen­ge­län­der zur ers­ten Eta­ge war­tend. »Das Glei­che könn­te ich dich fra­gen. Was tust du so früh hier?«

Lou lä­chel­te er­neut, schau­te sie mit leicht schrä­gem Kopf an und sag­te: »Ich habe eine ei­ge­ne Woh­nung in der Neu­stadt. Konn­te nicht mehr schla­fen. Hat­te Sehn­sucht nach …« Wie­der grins­te er. Wäh­rend Lou sie ver­schmitzt von der Sei­te mus­ter­te, frag­te sich Re­bec­ca, ob er scham­los mit ihr flir­ten woll­te.

»Hat­te Sehn­sucht nach der Schu­le, nach all den wun­der­ba­ren Men­schen hier …« Re­bec­ca kniff die Au­gen zu­sam­men und zog die Stirn in Fal­ten. War­um sag­te er so selt­sa­me Din­ge? Und wes­halb be­trat er weit vor al­len an­de­ren Schü­lern das Ge­bäu­de?

»Lou, was ist los mit dir?« Er ant­wor­te­te nicht, son­dern dreh­te sich wort­los weg und lief zu sei­ner Bank zu­rück.

Baff von dem merk­wür­di­gen Ver­hal­ten ging Re­bec­ca die Trep­pe zum ers­ten Stock Rich­tung Leh­rer­zim­mer hin­auf, wo­bei sie per­ma­nent an ih­ren Schü­ler dach­te.

Als sie Elou­an zur Deutsch­stun­de wie­der­sah, stand er nach wie vor ne­ben sich, denn er mel­de­te sich über die Ma­ßen, re­de­te aber von Din­gen, die nichts mit dem Un­ter­richts­the­ma oder dem Lern­stoff zu tun hat­ten. Mehr­fach dreh­ten sich die Mit­schü­ler um, schüt­tel­ten mit dem Kopf oder ver­dreh­ten die Au­gen, als er zum Spre­chen an­setz­te.

Lou mach­te un­ge­hin­dert mit sei­ner Mär­chen­stun­de wei­ter: »Wuss­ten Sie«, be­gann er, wäh­rend Re­bec­ca den Mit­schü­lern das Ar­gu­men­ta­ti­ons­sche­ma von Sacht­ex­ten be­greif­lich mach­te, »dass die meis­ten Men­schen sich nie trau­en wür­den, das zu tun, was ich ma­che?«

Sie schau­te auf, be­trach­te­te Lou streng und sag­te un­ter den Au­gen sei­ner Mit­schü­ler scha­rf: »Was um Him­mels wil­len meinst du und was hat das mit un­se­rem The­ma zu tun?«

»Frau Pe­ters, die meis­ten Men­schen zie­hen sich nach ei­ner Nie­der­la­ge in ihr Loch zu­rück. Sie ma­chen sich Vor­wür­fe, dass ihr Le­ben ver­korkst ist. Aber ich weiß es bes­ser. Ich war schon ganz un­ten«, da­bei stand er auf und hock­te sich hin, »und nun ste­he ich ganz oben.« Elou­an mach­te einen eu­pho­ri­schen Sprung in die Luft.

Die Mün­der der Mit­schü­ler stan­den of­fen, man­che lach­ten. Ein fie­ser Kom­men­tar fiel.

Re­bec­ca wuss­te nicht, was sie ant­wor­ten, ge­schwei­ge denn, wie sie re­a­gie­ren und auf den Un­ter­richts­in­halt um­len­ken soll­te.

Sie be­schloss, bei Ge­le­gen­heit in sei­ner Schü­lerak­te zu blät­tern, um mehr über sei­ne Krank­heit zu er­fah­ren. Es war das ers­te Mal, dass sie ih­ren Schü­ler in ei­ner der­ar­ti­gen Ver­fas­sung er­leb­te. Als ob er nicht er selbst wäre.

Nach neun­zig Mi­nu­ten er­tön­te das Klin­gel­zei­chen, das die gro­ße Pau­se ein­läu­te­te. »Lou, war­te mal kurz«, sag­te Re­bec­ca, als die Mit­schü­ler des Zwan­zig­jäh­ri­gen ge­ra­de das Zim­mer ver­lie­ßen. Ali­cia warf einen sor­gen­vol­len Blick zu Elou­an, der be­reits sei­ne Ta­sche ge­schul­tert hat­te und am Lehrer­tisch stand.

In sei­nen blau­en Au­gen wa­ren Schuld­ge­füh­le er­kenn­bar: »Frau Pe­ters, ich weiß, was Sie mir sa­gen möch­ten«, kam er Re­bec­ca zu­vor.

»So?«, frag­te sie und stemm­te die Faust in die Tail­le.

»Ich habe mich falsch ver­hal­ten. Habe Din­ge ge­sagt, die mei­nen Mit­schü­lern und Ih­nen selt­sam vor­ge­kom­men sind.« Zu­min­dest war er in der Lage, sich ehr­lich ein­zu­schät­zen.

»Ja, du hast dich heu­te sehr merk­wür­dig ver­hal­ten. Das ken­ne ich so nicht von dir. Ich mei­ne …« Sie ge­ri­et ins Sto­cken, da sie nicht wuss­te, wie of­fen sie mit ihm spre­chen durf­te. »Du bist ein net­ter, lie­bens­wür­di­ger jun­ger Mann. Du ar­bei­test schön mit, gibst klu­ge Ant­wor­ten. Man kann gu­ten Un­ter­richt mit dir ma­chen. Heu­te aber nicht.«

Elou­an sah be­schämt auf sei­ne Schu­he und wipp­te mit den Fuß­soh­len auf und ab. »Ich …« Sei­ne Lip­pen form­ten Wort­bro­cken, wäh­rend er den Kopf ge­senkt hielt. »Ich weiß nicht …« Auch die­sen Satz brach er ab. Plötz­lich, aus hei­te­rem Him­mel, schluchz­te Lou und di­cke Trä­nen lie­fen ihm die Wan­ge hin­un­ter.

Er wirk­te so zer­brech­lich. Re­bec­ca konn­te nicht er­ken­nen, wel­chen Feh­ler sie ge­macht hat­te oder was Elou­an ernst­lich be­drück­te. »Lou?« Sie trat nah an ihn her­an und leg­te ihre Hand auf sei­nen lin­ken Ober­arm, der durch einen schwa­r­zen Pull­over ver­deckt wur­de. Sanft strei­chel­te sie auf und ab, trös­tend, aber mit dem Ge­fühl, ihn um­ar­men zu müs­sen. Als ob er ihre Ge­dan­ken er­ra­ten hät­te, ließ er sich nach vorn in ihre Arme glei­ten.

Er wein­te, schluchz­te hef­tig, wäh­rend er sei­ne Hän­de fest um ih­ren schlan­ken Kör­per leg­te. Elou­an konn­te nichts mehr sa­gen, wur­de von sei­nen Ge­füh­len über­mannt.

Re­bec­ca ge­noss die Nähe, strei­chel­te für­sorg­lich über den Rü­cken des Zwan­zig­jäh­ri­gen, der nun mit den Hän­den an ih­ren Schul­ter­blät­tern ent­lang­fuhr und dann sanft zu ih­rer Tail­le und Hüf­te nach un­ten wan­der­te.

Ali­cia, die als Letz­te aus dem Raum ge­gan­gen war, hat­te die Tür hin­ter sich zu­ge­wor­fen. Kein Leh­rer, der zu­fäl­lig auf dem Gang vor­bei­kam, konn­te er­ah­nen, was sich im Deut­sch­raum ab­spiel­te.

Die Zeit schien ste­hen­ge­blie­ben zu sein, die Welt stand still. Noch im­mer ruh­te Lou in Re­bec­cas Ar­men. Ihre Hän­de glit­ten zart über sei­nen Rü­cken und Lou be­rühr­te sanft ihre schlan­ke Sil­hou­et­te. Sei­ne Be­rüh­run­gen wa­ren das Lab­sal, das sie ge­braucht hat­te. Sie ge­noss jede Se­kun­de, in der er ihr nahe war und sie ihn be­rüh­ren durf­te. Erst, als er an ih­rem Po an­kam, hör­te er, schein­bar er­schro­cken über die In­ti­mi­tät, die er ihr ge­schenkt hat­te, auf und blick­te Re­bec­ca, die ihn am liebs­ten nicht mehr los­ge­las­sen hät­te, in ihre brau­nen Au­gen.

»Frau Pe­ters«, schluchz­te er. »Ich schä­me mich so.« Sie schüt­tel­te mit­leid­voll den Kopf. »Doch. Ich schä­me mich. Die an­de­ren müs­sen mich für einen ab­so­lu­ten Trot­tel hal­ten!«

»Quatsch, du hat­test einen schlech­ten Tag«, be­ru­hig­te Re­bec­ca.

Nach ei­ner klei­nen Pau­se sag­te Lou lei­se: »Darf ich Sie um et­was bit­ten?« Sie nick­te. »Bit­te er­zäh­len Sie nie­man­dem da­von, dass ich heu­te mei­ne Me­di­ka­men­te nicht ein­ge­nom­men habe. Wür­den Sie das für mich tun? Er­zäh­len Sie bit­te mei­ner Tu­to­rin nichts da­von und auch mei­nen El­tern nicht, ja?« Wel­che Me­di­ka­men­te? Wie­der konn­te Re­bec­ca nur ni­cken, ohne den tie­fe­ren Sinn hin­ter sei­nen Wor­ten zu be­grei­fen.

»War­um hast du die Ta­blet­ten weg­ge­las­sen? Darfst du das?«

Er schüt­tel­te ener­gisch den Kopf. »Nein! Wenn ich sie ver­ges­se, dann er­le­be ich ein Ge­fühl­s­cha­os nach dem an­de­ren. Aber heu­te … Ir­gend­ei­ne in­ne­re Stim­me hat mir ge­sagt, dass ich sie weg­las­sen soll und da habe ich …«

»Ist gut«, fiel sie ihm ins Wort. »Ich ver­spre­che dir, mit nie­man­dem dar­über zu re­den.«

Ihre Wor­te muss­ten eine Er­leich­te­rung für ihn ge­we­sen sein, denn wie­der um­arm­te er Re­bec­ca, dies­mal we­ni­ger zärt­lich; viel­mehr er­füllt von dem Ge­dan­ken, dass da je­mand war, der ihm zu­hör­te und der ihn ver­stand.

Als er sie losließ, sag­te er: »Wenn raus­kommt, dass ich die Ta­blet­ten nicht neh­me, muss ich wie­der bei mei­nen El­tern ein­zie­hen und das möch­te ich auf gar kei­nen Fall, ver­ste­hen Sie?« Ihr knap­pes Lä­cheln reich­te ihm. »Ich dan­ke Ih­nen Frau Pe­ters. Sie sind ein gu­ter Mensch.«

Ob­wohl es Re­bec­ca nicht durf­te, sag­te sie aus dem Bauch her­aus: »Geh nach Hau­se, egal wel­che Stun­den du heu­te noch hast.«

»Dan­ke«, ant­wor­te­te er lei­se, be­vor er mit Trä­nen im Ge­sicht das Klas­sen­zim­mer ver­ließ. Vor dem Raus­ge­hen lä­chel­te er sie noch ein­mal sanft an.

Re­bec­ca frag­te sich, wie sie die chao­ti­schen Ge­füh­le in ih­rem In­ne­ren ver­a­r­bei­ten soll­te – zu­mal nach dem Ge­spräch mit Lou heu­te. Mit Paul konn­te sie nicht spre­chen, da er je­dem ernst­haf­ten Di­a­log aus dem Weg ging – so­gar, wenn es ihre Be­zie­hung be­traf. Ly­dia mit ih­ren Sor­gen be­hel­li­gen? Das woll­te sie nicht. Schließ­lich hat­te ihre Freun­din ge­nug mit ih­rer Ehe zu tun. Re­bec­ca muss­te ein bes­se­rer Weg ein­fal­len, mit ih­ren Pro­ble­men, die sie be­ruf­lich und pri­vat be­las­te­ten, um­zu­ge­hen.

Zu Hau­se an­ge­kom­men, sin­nie­rend in ih­rem Ar­beits­zim­mer sit­zend, hol­te sie ein ver­gilb­tes Pa­pier aus dem Roll­con­tai­ner ih­res Schreib­tischs her­aus und schrieb:

Diens­tag, den 8. März

Lie­ber Paul,

fragst du dich nicht, wel­chen Sinn un­se­re Be­zie­hung noch hat? Bist du wirk­lich so naiv zu glau­ben, dass wir eine Zu­kunft ha­ben? Ich habe dich ge­liebt. Aber das ist schon lan­ge her. Die Lie­be er­kal­te­te, als du im­mer schweig­sa­mer wur­dest. Als du dich nur noch um das Haus ge­küm­mert und mich ver­nach­läs­sigt hast. Ich war und bin dir nicht mehr wich­tig. Un­se­re Be­zie­hung ist eine Fa­r­ce. Ein Zu­sam­men­le­ben zwei­er Men­schen, die sich nichts mehr zu sa­gen ha­ben.

Wir strei­ten uns we­nig und ich schla­fe mit dir, ob­wohl es mir von Mal zu Mal we­ni­ger Lust be­rei­tet. Ja, ich wün­sche mir eine Fa­mi­lie, ein Haus, Lie­be. Aber ob ich je­mals das in dir sehe, was ich mir er­träu­me, weiß ich nicht. Ich bin mir nicht mehr si­cher, ob es rich­tig ist, das fort­zu­füh­ren, was wir be­gon­nen ha­ben.

Ich weiß nicht, ob ich noch mit dir zu­sam­men sein möch­te, wo ich dich doch im Geis­te be­reits be­trü­ge: wie­der und wie­der, und zwar mit ei­nem mei­ner Schü­ler. Er heißt Elou­an, ist zwan­zig Jah­re alt und geht in die elf­te Klas­se. Ich spü­re Lust, wenn ich an ihn den­ke. Ich füh­le, dass sich da mehr ent­wi­ckeln könn­te. Die Be­zie­hung ist ver­bo­ten, ich darf mich ihm nicht nä­hern und doch ist da et­was zwi­schen uns, das ich nicht er­klä­ren kann.

Ich wün­sche mir Si­cher­heit. Die kannst du mir ge­ben. Was könn­te mir ein so jun­ger Mann schon bie­ten? Ich wün­sche mir vor al­lem Lie­be, Paul. Ver­stehst du? Aber Lie­be ist ein Wort, das dir fremd in den Oh­ren klingt. Du bist dir wich­tig, dann kommt lan­ge nichts und ir­gend­wann kom­me ich.

Ich wünsch­te, ich könn­te of­fen und ehr­lich mei­ne Mei­nung äu­ßern; wünsch­te, ich könn­te dir ins Ge­sicht sa­gen, wie sehr ich mich von dir ver­nach­läs­sigt füh­le, wie un­auf­merk­sam und kalt du bist. Bit­te, Paul, wenn du mich nicht ver­lie­ren willst, dann zei­ge mir, dass ich dir et­was wert bin!

Dei­ne Re­bec­ca

PS: Tom hat eine Af­fä­re mit sei­ner Se­kre­tä­rin De­ni­se. Wo­her ich das weiß? Weib­li­che In­tu­i­ti­on.

Die Wor­te spru­del­ten in Win­desei­le aus Re­bec­ca her­aus. Aber so, wie sie den Brief zu Ende ge­schrie­ben hat­te, be­reu­te sie ihn schon.

Gleich­zei­tig er­leich­ter­te es sie, Paul ihre Ge­füh­le ge­stan­den zu ha­ben, so ver­wir­rend, un­zu­sam­men­hän­gend, wi­der­sprüch­lich sie wa­ren. Und den­noch: Nie wür­de sie den Mut auf­brin­gen, den Brief in die­ser Form zu über­rei­chen.

Sie be­schloss, das Do­ku­ment in das obe­re Schub­fach ih­res Roll­con­tai­ners, der sich un­ter dem Schreib­tisch be­fand, ein­zu­schlie­ßen. Re­bec­ca kram­te nach ei­nem al­ten Brief­um­schlag und steck­te das Pa­pier­stück dort hin­ein. Da­nach schob sie das Schub­fach des Roll­con­tai­ners zu und schloss ihn ab. Ge­füh­le, ein­ge­schlos­sen in einen Roll­con­tai­ner.

Wo­hin mit dem Schlüs­sel? Auf dem Fens­ter­brett stand eine klei­ne Email­le­do­se, auf der zwei in­ein­an­der ver­schlun­ge­ne Her­zen ab­ge­bil­det wa­ren. Paul hat­te sie ihr zum ers­ten Jah­res­tag ge­schenkt. Es er­schien Re­bec­ca pas­send, den Schlüs­sel dort hin­ein­zu­wer­fen. Sie wuss­te, dass er nie auf die Idee kom­men wür­de, in die­se kit­schi­ge Dose zu schau­en.

Re­bec­ca sehn­te das Wie­der­se­hen mit Lou am Don­ners­tag ent­ge­gen. Die ers­ten drei Stun­den hat­te sie mit dem Kunst­un­ter­richt in den un­te­ren Klas­sen­stu­fen ver­bracht.

Nun saß sie am Lehrer­tisch des Deut­sch­raums und sah zu, wie ein Ju­gend­li­cher nach dem an­de­ren in den Kurs­raum ge­schlurft kam. Nur Lou war nicht dar­un­ter. Re­bec­cas Blick ging Rich­tung Tür, in der Hoff­nung, dass Elou­an doch noch auf­tauch­te – er er­schien aber nicht mehr.

In ei­ner ru­hi­gen Mi­nu­te im Un­ter­richt such­te Re­bec­ca das Ge­spräch mit Ali­cia: »Weißt du, was mit Lou ist?«, frag­te sie, am Tisch der Schü­le­rin ste­hend.

»Er war ges­tern auch nicht in der Schu­le. Wir ha­ben nach­mit­tags te­le­fo­niert, da ich ihm die Haus­auf­ga­ben vor­bei­brin­ge. Da mein­te er bloß, dass er sich nicht wohl fühlt.«

Re­bec­ca ver­mu­te­te, dass sei­ne Mit­schü­le­rin nicht ahn­te, wor­an er wirk­lich litt. Si­cher­lich stan­den sein Feh­len und sein Ver­hal­ten am Diens­tag in ei­nem Zu­sam­men­hang. Trau­te er sich nicht mehr, sei­nen Mit­schü­lern ge­gen­über­zu­tre­ten? Schäm­te er sich noch im­mer? Re­bec­ca hät­te am liebs­ten selbst bei ihm an­ge­ru­fen, al­ler­dings woll­te sie sich un­gern in Din­ge ein­mi­schen, die sie nichts an­gin­gen.

Glü­ck­li­cher­wei­se traf sie Hei­di in der nächs­ten Pau­se im Leh­rer­zim­mer. Als Re­bec­ca ihr von Lous Feh­len be­rich­te­te, schau­te die Tu­to­rin ver­wirrt drein. Sie wuss­te nicht, dass ihr Kurs­schü­ler seit ges­tern fehl­te. »Okay, ich rufe mal bei ihm an.« Kur­zer­hand nahm sie ihr Smart­pho­ne aus der Ta­sche und wähl­te eine dar­in ein­ge­spei­cher­te Num­mer.

Nach we­ni­gen Se­kun­den hör­te Re­bec­ca Lous ver­trau­te Stim­me am an­de­ren Ende der Lei­tung. »Elou­an? Hier ist Frau En­ger. Frau Pe­ters steht ne­ben mir. Sie sagt, du fehlst schon seit ges­tern. Geht es dir gut?« Eine kur­ze Pau­se ent­stand. Lou ant­wor­te­te et­was, das Re­bec­ca aber nicht ver­stand. Hei­di nick­te wäh­rend des Ge­sprächs ei­ni­ge Male, dann sag­te sie: »Ist gut. Ku­rier’ dich aus und wir se­hen uns dann nächs­ten Mon­tag wie­der, ja?«

Er­neut ver­strich eine kur­ze Pau­se. Dann leg­te die di­cke, äl­te­re Frau auf und wand­te sich wie­der Re­bec­ca zu. »Elou­an ist er­käl­tet. Mach dir kei­ne Sor­gen, er ist Mon­tag wie­der da.« Sei­ne Lüge zog bei Hei­di, denn sie dreh­te sich un­be­ein­druckt weg.

Wäh­rend Re­bec­ca noch über­leg­te, ob sie ihr die Wahr­heit sa­gen soll­te, ob­wohl sie Lou ver­spro­chen hat­te, es nicht zu tun, wur­de die Tu­to­rin von ei­nem ins Zim­mer tre­ten­den Kol­le­gen an­ge­spro­chen und ihre Auf­merk­sam­keit auf ein neu­es The­ma ge­lenkt.

An die­sem Tag war et­was an­ders. Re­bec­ca woll­te in der Schu­le blei­ben. Sie woll­te er­fah­ren, was mit Lou los war. Sie woll­te end­lich be­grei­fen, was ihn be­schäf­tig­te. Sie woll­te sei­ne Krank­heit durch­drin­gen. Kla­r­heit ha­ben.

Sei­ne Schü­lerak­te soll­te Ge­wiss­heit brin­gen.

Um ihre Neu­gier­de mög­lichst un­auf­fäl­lig zu be­frie­di­gen, ging Re­bec­ca un­ter dem Vor­wand ins Se­kre­ta­ri­at, sich über den Bad Boy ih­rer Klas­se in der Schü­lerak­te be­le­sen zu wol­len. Ein­zig die Se­kre­tä­rin war im Be­sitz des Schlüs­sels für das Ar­chiv, in dem die Ord­ner mit den Schü­lerak­ten la­ger­ten. Frau Schnei­der überg­ab ihr den Schlüs­sel. Auf­ge­regt streb­te sie auf den Raum zu, der sich un­weit vom Se­kre­ta­ri­at be­fand.

In den Schrän­ken stan­den jede Men­ge Ver­zeich­nis­se her­um. Vor­sich­tig zog Re­bec­ca den Ord­ner der Klas­sen­stu­fe 11 her­aus; gleich­zei­tig aber auch den für Klas­se 8, falls die Se­kre­tä­rin um die Ecke schau­te.

Re­bec­ca muss­te eine Wei­le su­chen, bis sie Lous Akte ge­fun­den hat­te. Ne­ben sei­nen No­ten, die er vor mehr als drei Jah­ren ge­sam­melt hat­te, fie­len ihr et­li­che psy­cho­lo­gi­sche Gut­ach­ten in die Hän­de. Sie über­flog die Schrei­ben, die in kom­pli­zier­tem Ärz­te-Deutsch Aus­kunft über sei­nen Ge­sund­heits­zu­stand ga­ben. Im­mer wie­der be­geg­ne­ten ihr Wör­ter wie »ma­nisch«, »de­pres­siv«, »schüch­tern« oder auch »von sich selbst über­zeugt«. Wi­der­sprü­che über Wi­der­sprü­che. Die Me­di­zi­ner, die sich mit Elou­an vor mehr als ei­nem Jahr in ei­ner Spe­zi­al­kli­nik für Kin­der- und Ju­gend­psy­cho­lo­gie aus­ein­an­der­ge­setzt hat­ten, schie­nen ihn gut un­ter die Lupe ge­nom­men zu ha­ben.

Of­fen­bar han­del­te es sich bei Lou tat­säch­lich um einen geis­tig ge­stör­ten Ju­gend­li­chen. Re­bec­ca über­flog ein Pro­to­koll, das die Schul­lei­tung nach ei­nem Ge­spräch mit ihm an­ge­legt hat­te: »re­gel­mä­ßig Ta­blet­ten ein­neh­men«, mur­mel­te sie vor sich hin. Sie soll­ten sei­ne Lau­nen und Stim­mun­gen im Gleich­ge­wicht hal­ten. Dies stell­te die Vor­aus­set­zung da­für dar, dass er al­lein woh­nen und die Schu­le ge­re­gelt be­su­chen konn­te.

Re­bec­ca muss­te schmun­zeln, als sie das Da­tum des Pro­to­kolls wie­der­er­kann­te: Es war je­ner Tag, an dem ihr Lou zum ers­ten Mal im Se­kre­ta­ri­at be­geg­net war. Ihr er­schloss sich nun so ei­ni­ges: War­um er so be­drückt wirk­te, als er aus dem Büro des Di­rek­tors kam, wie­so er ge­weint hat, als er in ih­ren Ar­men lag und wes­halb er nicht woll­te, dass je­mand über die feh­len­de Ta­blet­ten­ein­nah­me Be­scheid wuss­te. Dass er aus­ge­rech­net sie und nicht sei­ne Tu­to­rin in sein Ge­heim­nis ein­ge­weiht hat­te, ehr­te Re­bec­ca zu­tiefst.

Sie hat­te ge­se­hen, was sie se­hen woll­te und wuss­te jetzt, wor­an sie bei ih­rem neu­en Schü­ler war. Sie stell­te bei­de Ak­ten­ord­ner in den Schrank zu­rück, ver­schloss ihn sorg­fäl­tig und gab den Schlüs­sel im Se­kre­ta­ri­at zu­rück.

Er­schöpft schlurf­te sie zu ih­rem Auto. Es war ein lan­ger Tag. Auf dem Park­platz war au­ßer ih­rem Wa­gen noch das Auto ih­res Chefs zu se­hen. Ihr schnee­wei­ßer Audi be­setz­te eine der vie­len Park­lü­cken in­mit­ten gäh­nen­der Lee­re aus As­phalt.

Am Auto an­ge­kom­men, such­te sie nach dem Schlüs­sel. Ein Ge­räusch an der Bei­fahrer­tür. Er­schro­cken schau­te sie auf und sah nie­mand Ge­rin­ge­ren als Lou! Er muss­te die gan­ze Zeit über trotz der Käl­te an der Bei­fahrer­tür ge­hockt ha­ben. An­ders konn­te sie sich nicht er­klä­ren, dass er steif von dort auf­stand.

Re­bec­ca schloss auf, stell­te ihre Schul­ta­sche auf den Rück­sitz und stieg vorn ein. Ihr Schü­ler saß bib­bernd auf dem Bei­fah­rer­sitz. »Was machst du hier, Elou­an?«

»Ich kom­me Mon­tag wie­der in die Schu­le«, sag­te er knapp, ohne Emo­ti­on in der Stim­me.

»Wenn du bis da­hin nicht krank bist«, gab sie schmun­zelnd zu­rück, um ihm ein Grin­sen zu ent­lo­cken. Doch Lous Ge­sicht blieb ver­stei­nert. »Dei­ne Tu­to­rin sagt, du seist er­käl­tet.«

»Das ist ge­lo­gen«, gab er freud­los zur Ant­wort. Er rich­te­te sei­nen Blick stur auf den lee­ren Park­platz. Er schäm­te sich noch im­mer für das, was ge­sche­hen war. »Sie wis­sen es bes­ser. Ich be­dau­e­re, dass ich Ih­nen Diens­tag sol­chen Är­ger ver­ur­sacht habe und dass Sie mei­net­we­gen Ih­ren Un­ter­richt nicht or­dent­lich durch­zie­hen konn­ten. Ich weiß, dass Sie im­mer al­les per­fekt ma­chen wol­len.« Wie gut er sie schon kann­te.

»Ich schä­me mich so, Frau Pe­ters.« Er dreh­te sein Ge­sicht zu Re­bec­ca her­um, so­dass sei­ne blau­en Au­gen un­ge­bremst auf die ih­ri­gen tra­fen.

»Lau­erst du mir des­we­gen bei die­sen Tem­pe­ra­tu­ren an mei­nem Auto auf?«, frag­te sie.

»Die Käl­te in­ter­es­siert mich nicht. Ich woll­te mich bei Ih­nen ent­schul­di­gen.«

»Wie lan­ge war­test du schon auf mich?«

Er über­ging ihre Fra­ge: »Frau Pe­ters, im Ernst: Ich möch­te mich ent­schul­di­gen.«

»Das hast du ge­tan, Lou. Geh nach Hau­se und ler­ne für die an­ste­hen­den Klau­su­ren. Das bringt dir mehr, als mich hier auf­zu­su­chen.«

Re­bec­ca ließ den Mo­tor an, ob­wohl sie Lou gern in den Arm ge­nom­men hät­te. Das Ge­fühl von Diens­tag war noch zu stark. »Dan­ke. Für al­les«, sag­te er knapp. Re­bec­ca nick­te, war zu er­schöpft. Elou­an er­griff die Klin­ke, ver­ab­schie­de­te sich und ging.

Don­ners­tag, den 10. März

Lie­ber Lou,

dies ist mein ers­ter Brief an dich. Ich weiß nicht, wo­hin mit mei­nen Ge­dan­ken. Da­her schrei­be ich sie auf. Seit ich dich das ers­te Mal ge­se­hen habe, gehst du mir nicht mehr aus dem Kopf. Kannst du dich an die­sen Mo­ment er­in­nern? Ich habe ihn so klar vor Au­gen. Ich spür­te so­fort die Aura, die dich um­gab und noch im­mer um­gibt, wenn du dich in mei­ner Nähe auf­hältst.

Ich weiß, ich bin dei­ne Leh­re­rin, du mein Schü­ler. Zu­sam­men sein dür­fen wir nicht und wer­den wir ver­mut­lich nie­mals sein. Und trotz­dem ver­strömst du eine An­zie­hungs­kraft, der ich mich nicht ent­zie­hen kann. Pau­sen­los muss ich, wie ein na­i­ver ver­lieb­ter Tee­n­a­ger, an dich den­ken. Wenn ich al­lein bin, zu Hau­se, ge­hen mir ero­ti­sche Ge­dan­ken durch den Kopf. Ich kann ein­fach nicht auf­schrei­ben, wo­nach ich so sehn­süch­tig ver­lan­ge.

Oh Elou­an, die Lust raubt mir alle Sin­ne. Ich kom­me mir so dumm vor. Ob­wohl ich ver­ge­ben bin, gibst du mir das Ge­fühl, dass ich noch Ver­lan­gen ha­ben darf. Darf ich das wirk­lich?

Re­bec­ca

Der Brief war eben­so we­nig vor­zeig­bar, wie der, den sie an Paul ge­schrie­ben hat­te und wur­de da­her so­fort weg­ge­schlos­sen. Re­bec­ca spür­te das sich an­bah­nen­de Ge­fühl­s­cha­os, das sie auf­fres­sen wür­de.


Ka­pi­tel 5

Vor fast ei­ner Wo­che hat­te Re­bec­ca das Ge­spräch mit Lou in ih­rem Auto ge­führt. Seit er wie­der im Deutsch­kurs weil­te, hat­te sich sei­ne Po­si­ti­on als Au­ßen­sei­ter wei­ter ge­fes­tigt. Nie­mand ach­te­te auf ihn – mit Aus­nah­me von Ali­cia, die hin und wie­der einen Blick ris­ki­er­te und ihm ein Lä­cheln schenk­te, das Elou­an prompt er­wi­der­te. Er moch­te sie. Die Jun­gen mie­den den Zwan­zig­jäh­ri­gen nach sei­nem merk­wür­di­gen Auf­tritt im Deutsch­un­ter­richt, ver­mut­lich aus Angst da­vor, sich mit ihm se­hen zu las­sen und zum Ein­zel­gän­ger zu wer­den.

Ins­be­son­de­re in Grup­pe­n­a­r­beits­pha­sen wur­de Lou we­nig in­te­griert. Er hat­te viel zu sa­gen, aber sei­ne Mei­nung war oft­mals so an­ders, dass er kein Ge­hör fand.

Heu­te soll­ten die Schü­ler in Drei­er- be­zie­hungs­wei­se Vie­rer­teams eine ei­ge­ne Ab­itur­re­de ver­fas­sen. Re­bec­ca wan­der­te in­ter­es­siert durch die Schü­ler­rei­hen und be­merk­te, dass Ali­cia in ih­rer Grup­pe das Kom­man­do führ­te. »Wir soll­ten uns auch beim Haus­meis­ter be­dan­ken. Im­mer­hin sorgt er da­für, dass die Schu­le hübsch aus­sieht und dass wir im­mer un­se­ren Ki­osk ma­chen kön­nen oder The­a­ter­ver­an­stal­tun­gen in der Aula statt­fin­den.«

Ei­ner der Jun­gen aus ih­rer Grup­pe, Max, de­bat­tier­te hef­tig da­ge­gen: »Weißt du, wie oft er ge­me­ckert hat, als ich noch in der Un­ter­stu­fe war? Im­mer war un­se­re Klas­se an ir­gen­d­et­was schuld. Be­son­ders die Jungs hat er auf dem Kie­ker ge­habt. Das kannst du na­tür­lich nicht wis­sen. Die Mäd­chen ha­ben selbst­ver­ständ­lich nie Feh­ler ge­macht.«

Ali­cia ver­stand sei­ne An­spie­lun­gen, be­harr­te aber auf ih­rer Mei­nung: »Ich den­ke, dass wir sei­ne Ar­beit den­noch er­wäh­nen soll­ten, auch wenn er die Rede nicht hört.« Max pro­vo­zier­te wei­ter. Am Ende setz­te sich aber Ali­cia durch, weil der Rest der Grup­pe auf ih­rer Sei­te stand und kei­nen Streit ver­ur­sa­chen woll­te.

Wäh­rend Re­bec­ca noch ge­bannt der Dis­kus­si­on folg­te, wur­de ihre Auf­merk­sam­keit auf die Grup­pe, in der Lou ar­bei­te­te, ge­zo­gen. »Du spinnst doch!«, rief Ke­vin laut aus, so­dass sich auch an­de­re Schü­ler nach der Drei­er­grup­pe um Elou­an, Ke­vin und Ma­rie um­dreh­ten.

»Was gibt es bei euch für ein Pro­blem?«, frag­te Re­bec­ca, als sie sich dem Tisch zu­wand­te. Hoch­rot er­klär­te Ke­vin: »Frau Pe­ters. Kla­ge will, dass sei­ne per­sön­li­chen Pro­ble­me in die Rede ein­ge­baut wer­den. Wir fin­den aber, dass die dort nichts zu su­chen ha­ben.« Und an Lou ge­wandt: »Kein Schwein in­ter­es­siert sich für dei­ne pu­ber­tä­ren Pha­sen, du Psy­cho!«

Er­schro­cken über die Äu­ße­run­gen des Tee­n­a­gers, wies Re­bec­ca Ke­vin zu­recht. Lou aber schien voll­kom­men ge­fasst zu sein. »Kei­ne Sor­ge, Frau Pe­ters. Ich bin ge­wohnt, dass ich we­gen mei­ner Ver­gan­gen­heit aus­ge­grenzt wer­de.«

Die Mit­glie­der der an­de­ren Grup­pen wand­ten sich nach Ke­vins laut­star­ken Wor­ten wie­der ih­rer ei­ge­nen Ar­beit zu. Man­che schüt­tel­ten den Kopf. Ver­ur­teil­ten sie Ke­vins Wor­te oder Lous Ver­hal­ten?

Die rest­li­che Un­ter­richts­stun­de ver­lief fried­lich. Tat­säch­lich hat­ten Ke­vin, Elou­an und Ma­rie die per­sön­li­chen Be­lan­ge aus der Rede aus­ge­schlos­sen. Da Re­bec­ca je­doch merk­te, wie an­ge­spannt Lou und Ke­vin nach wie vor ne­ben­ein­an­der stan­den, als Ma­rie die Rede vor­trug, such­te sie am Ende der Dop­pel­stun­de das Ge­spräch mit den bei­den Streithäh­nen.

»Be­vor ihr geht«, sag­te Re­bec­ca an die Lern­grup­pe ge­wandt, »möch­te ich kurz al­lein mit Ke­vin und Lou spre­chen, um die Si­tua­ti­on von eben noch ein­mal auf­zu­grei­fen.«

Wäh­rend die Mehr­zahl der Schü­ler das Zim­mer plau­dernd ver­ließ, schlurf­te Ke­vin ge­lang­weilt nach vorn. Lou hat­te sich be­reits vorn am Tisch ein­ge­fun­den und sag­te: »Frau Pe­ters, da gibt es nichts mehr zu klä­ren. Es war mein Feh­ler. Mei­ne Pha­sen in der Ner­ven­kli­nik ge­hö­ren hier nicht her.«

Re­bec­ca nick­te, dann wand­te sie sich Ke­vin zu: »Ich muss zu­ge­ben, dass mich dei­ne Wor­te sehr ge­schockt ha­ben. Eine Ent­schul­di­gung soll­te zu­min­dest drin sein.«

Ver­knif­fen brach­te der Ju­gend­li­che ein lei­ses »Ent­schul­di­gung« her­aus, ohne wirk­lich ernst ge­mein­te Ge­füh­le da­bei zu emp­fin­den. Im Grun­de war es al­bern, dass sich Re­bec­ca mit zwei er­wach­se­nen oder fast er­wach­se­nen Ju­gend­li­chen über eine sol­che Lap­pa­lie un­ter­hielt. Da­her schick­te sie bei­de nach drau­ßen. Aber nur ei­ner ging: Ke­vin.

»War­um ver­bringst du dei­ne Pau­se nicht bei den an­de­ren?«, frag­te Re­bec­ca, als Lou am Lehrer­tisch ver­harr­te.

»Ich ge­hö­re nicht dazu«, sag­te er dar­auf.

»Was meinst du da­mit?«

»Sie se­hen doch, was los ist. Alle wis­sen über mei­ne Ver­gan­gen­heit Be­scheid. Kei­ner will sich mit mir ab­ge­ben. Es könn­te ja sein, dass sie nach­her nicht mehr be­liebt ge­nug sind.«

Er schau­te auf den Gang hin­aus, er­schien ab­we­send. Dann sah er wie­der zu Re­bec­ca, die jetzt selbst drin­gend Pau­se brauch­te. »Bei Ih­nen füh­le ich mich wohl, Sie neh­men mich ernst und hö­ren mir zu«, sag­te er mit ge­dämpf­ter Stim­me, ein Stü­ck­chen nä­her an sie her­an­tre­tend. Wie er sie an­sah … Sei­ne blau­en Pu­pil­len schie­nen Halt zu su­chen und ver­gru­ben sich da­her tie­fer in Re­bec­cas dunk­len Au­gen. Lou tipp­te ner­vös mit den Fin­ger­kup­pen auf den Tisch.

Re­bec­ca konn­te sich kaum von sei­nen hel­len Iri­den lö­sen, die un­ab­läs­sig auf ihr la­gen. Sie hät­te zu­ge­ben wol­len, dass auch sie sich in der Ge­gen­wart ih­res Schü­lers ge­bor­gen fühl­te. Statt­des­sen sag­te sie: »Du soll­test dei­ne Pro­ble­me mit dei­ner Tu­to­rin be­spre­chen. Ich kann dir nicht hel­fen, wenn du aus­ge­grenzt wirst. Das muss im Kurs be­spro­chen wer­den.« Lou wuss­te, dass sie recht da­mit hat­te.

Diens­tag, den 16. März

Lie­ber Paul,

kannst du dich dar­an er­in­nern, wann wir das letz­te Mal ein wirk­lich erns­tes, tief rei­chen­des Ge­spräch mit­ein­an­der ge­führt ha­ben? Nein? Ich auch nicht. Ich habe lan­ge dar­über nach­ge­dacht, aber mir fällt kein Da­tum ein. Ich weiß nur, dass ich heu­te eine wirk­lich gute Un­ter­hal­tung mit mei­nem Schü­ler Lou ge­führt habe. Wir spra­chen dar­über, war­um er sich aus­ge­grenzt fühlt. Das Pro­blem liegt in sei­ner Ver­gan­gen­heit. Die Mit­schü­ler leh­nen es ab, sich mit ei­nem psy­chisch kran­ken Jun­gen ab­zu­ge­ben. Ich kann sie ver­ste­hen … Noch bes­ser aber kann ich Lou ver­ste­hen …

Ich wür­de auch gern mit dir ernst­haf­te Un­ter­hal­tun­gen füh­ren, aber das bringt nichts. Du blockst sie ab, be­vor ich wirk­lich in die Tie­fe drin­gen kann oder ziehst sie der­ma­ßen ins Lä­cher­li­che, dass ich mir wie ein Voll­idi­ot vor­kom­me. War­um machst du das, Paul?

Fragst du dich nicht auch, worin das Pro­blem un­se­res Zu­sam­men­le­bens be­steht? Wie­so machst du dir nicht über Kin­der oder Hei­rat Ge­dan­ken? War­um blen­dest du aus, mit mir über mei­ne Wün­sche und Sehn­süch­te zu spre­chen? Wel­chen Sinn siehst du in un­se­rer Be­zie­hung? Be­da­rfst du ein­fach nicht sol­cher wei­ter­ge­hen­den Fra­gen oder machst du es dir so leicht, dass dir ein der­ma­ßen ober­fläch­li­ches Zu­sam­men­sein ge­nügt? In die­ser Il­lu­si­on will ich nicht le­ben, Paul. Ich weiß ja nicht ein­mal, ob du mich wirk­lich liebst oder ob du nur aus Rou­ti­ne mit mir zu­sam­men bist.

Du bist mein Freund. Wie­so fin­de ich nicht den Mut, dir das al­les zu SA­GEN? Weißt du, dass das größ­te Pro­blem un­se­rer Be­zie­hung dar­in be­steht, dass wir nicht mit­ein­an­der RE­DEN (kön­nen)?! SPRICH, Paul. Was stellst du dir un­ter un­se­rer Zu­kunft vor? Kin­der in un­se­rem Haus? Einen ge­mein­sa­men Fa­mi­li­enna­men? Ich habe so ein­fa­che Be­dürf­nis­se. Aber du ver­sagst mir dei­ne Lie­be. SPRICH, Paul. Denn ich kann nicht SPRE­CHEN.

Dei­ne Re­bec­ca

Sie war über ihre ei­ge­nen, kla­ren Wor­te der­ma­ßen scho­ckiert, dass sie den Brief so­fort weg­schloss. Gleich­zei­tig setz­te ein hef­ti­ges Schluch­zen ein, als sie er­kann­te, wie sehr die vie­len Jah­re, die sie mit­ein­an­der ver­bracht hat­ten, um­sonst ge­we­sen sein soll­ten. Re­bec­ca frag­te sich, wo­für sie kämp­fen woll­te und ob sich die­ser Kampf noch lohn­te.

Sie frag­te sich, was sie aus ih­rem Le­ben ma­chen woll­te. Hei­rat? Er­folg im Be­ruf? Ein Haus? Kin­der? Eine har­mo­ni­sche Be­zie­hung? Eine ge­mein­sa­me Zu­kunft mit Paul?

Die­se gan­zen Il­lu­si­o­nen, de­nen sie sich all die Jah­re hin­ge­ge­ben hat­te – sie er­kann­te nun, je mehr sie sich ih­rem Schü­ler an­nä­her­te, wie ab­we­gig die Wün­sche wa­ren und frag­te sich, was ihr all die­se Träu­me brach­ten, wenn sie da­für mit ei­nem Mann zu­sam­men­leb­te, dem ihre Ge­füh­le egal wa­ren und mit dem sie nicht über ihre Sor­gen spre­chen konn­te. So­gar ihre se­xu­el­len Be­gier­den lit­ten un­ter der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­lo­sig­keit der Be­zie­hung. Eine Zu­kunft ohne Selbs­t­ent­fal­tung und ohne Glück? Was wäre das für eine Zu­kunft!

Um das Ge­dan­ken­ka­rus­sell nicht wei­ter an­zu­fa­chen, woll­te Re­bec­ca das Ge­spräch mit ih­rem Freund su­chen, auch wenn sie von der Aus­sichts­lo­sig­keit des­sen schon vor der Aus­spra­che über­zeugt war. Trotz­dem muss­te sie es pro­bie­ren.

Als Paul nach Hau­se kam, führ­te ihn sein Gang nach oben ins Schlaf­zim­mer. An sei­nen Ge­sichts­zü­gen war zu er­ken­nen, dass er Ruhe ha­ben woll­te. Re­bec­ca folg­te ihm die Trep­pe hin­auf; dort­hin, wo sie so vie­le in­ten­si­ve Mo­men­te mit­ein­an­der er­lebt hat­ten. »Paul?« Vor­sich­tig warf sie einen Blick um die Ecke der Schlaf­stu­be.

Er zog sich sei­ne Hose aus und setz­te sich aufs Bett. »Was ist los, Bec­cy? Ich brau­che mei­ne Ruhe.« So wie er den Satz aus­ge­spro­chen hat­te, ließ er sich mit dem Ge­sicht vor­an auf das Bett fal­len.

Re­bec­ca trat in das Zim­mer ein. »Paul?«

»Hm«, mur­mel­te er.

»Ich möch­te mit dir spre­chen.«

»Hm.«

»Es geht um un­se­re Be­zie­hung.«

»Hm.«

Re­bec­ca setz­te sich auf die Bett­kan­te.

Er sah sie nicht an. Auf den Bauch ge­rollt, dreh­te er das Ge­sicht von ihr ab. »Paul?«

»Hm.«

Die­ses »Wort« be­ton­te er im­mer in der­sel­ben gleich­gül­ti­gen Art und Wei­se. »Du willst dei­ne Ruhe ha­ben, oder?«, frag­te Re­bec­ca ge­nervt, als sie er­kann­te, dass sie heu­te Abend kein Glück ha­ben wür­de, ihn zu ei­ner erns­ten Aus­spra­che zu be­we­gen.

»Hm«, war das Letz­te, was sie hör­te, be­vor sie das Schlaf­zim­mer ver­ließ und sich re­si­gniert in die Kü­che zu­rück­zog, wo sie das Abend­brot für sich vor­be­rei­te­te.

Be­reits seit über ei­ner hal­b­en Stun­de saß Re­bec­ca mit ge­krümm­ter Hal­tung al­lein am Kü­chen­tisch, kau­te lust­los auf ei­ner Schei­be Brot mit Wurst her­um und schüt­te­te den bei­nah kal­ten Tee in sich hin­ein. Ob­wohl das Ra­dio vor sich hin du­del­te, hör­te sie we­der der Mo­de­ra­to­rin zu, noch ach­te­te sie auf die Lie­der.

Ohne kla­ren Ge­dan­ken starr­te Re­bec­ca aus dem Kü­chen­fens­ter in die Dun­kel­heit hin­aus und über­leg­te, wie es nur so weit kom­men konn­te, dass sich ihre Be­zie­hung wie ein bau­chi­ges Wein­glas ohne In­halt an­fühl­te und war­um ihr in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nicht klar ge­wor­den war, wie weit sie sich von ih­rem Part­ner ent­fernt hat­te. Ihr wur­de im­mer schmerz­li­cher be­wusst, dass sie die Be­zie­hung un­mög­lich wür­de ret­ten kön­nen, wenn sie nicht schleu­nigst über ihr Ver­hält­nis zu­ein­an­der spra­chen.

Re­bec­ca war noch im­mer in Ge­dan­ken ver­sun­ken, als Paul in der Kü­che er­schien. »Du sitzt im­mer noch hier?«, mur­mel­te er. Sei­ne Au­gen wa­ren leicht zu­ge­knif­fen. Of­fen­bar muss­te er sich erst an das grel­le Licht der Kü­chen­lam­pe ge­wöh­nen.

Ohne ihm auf sei­ne ge­stell­te Fra­ge zu ant­wor­ten, be­gann Re­bec­ca ge­reizt: »Kön­nen wir jetzt mit­ein­an­der spre­chen oder gibst du wie­der nur ein ›Hm‹ von dir?«

Er schau­te sie fra­gend an, in­dem er sei­ne Au­gen­brau­en nach oben zog. »Wor­über sol­len wir denn spre­chen?«, woll­te er wis­sen.

»Über un­se­re Be­zie­hung«, sag­te sie et­was lau­ter wer­dend.

Paul be­gab sich zum Kühl­schrank, um sich sei­ne abend­li­chen Schei­ben Käse und Wurst her­aus­zu­ho­len. Dann er­griff er das Brot und schnitt sich ge­mäch­lich mit dem Bro­t­ho­bel drei Schei­ben ab. Noch im­mer nicht ant­wor­tend, be­sorg­te er sich als Nächs­tes ein Mes­ser aus ei­ner Kü­chen­schub­la­de.

Mit den Uten­si­li­en be­waff­net, setz­te er sich hin. »Was gibt es denn zu be­re­den? Ist doch al­les gut.« Re­bec­ca fiel bei­nah die ei­ge­ne Wurst­stul­le aus der Hand.

»Ist doch al­les gut?«, äff­te sie Paul nach und lach­te ge­quält auf, weil sie nicht fas­sen konn­te, wel­che Auf­fas­sung er von ei­ner funk­tio­nie­ren­den Be­zie­hung be­saß. »Paul, ich habe das Ge­fühl, dass ir­gend­was in un­se­rer Be­zie­hung mäch­tig schief läuft. Wir le­ben wie zwei alte Men­schen ne­ben­ein­an­der her, als ob wir uns nichts mehr zu sa­gen hät­ten.«

Paul ver­strich be­tont lang­sam die But­ter auf sei­ner Brot­schei­be. »Ist doch schön, dass wir uns so gut ken­nen«, gab er zu­rück. Sein ver­fick­ter Ernst?

»Ver­ra­te mir doch bit­te, wann wir das letz­te Mal ernst­haft über uns als Paar ge­spro­chen ha­ben oder wann du dich zu­letzt für mei­ne Ar­beit oder mein Be­fin­den in­ter­es­siert hast.«

Paul über­leg­te schein­bar krampf­haft, wie er dem Ge­spräch aus dem Weg ge­hen konn­te. Nach ei­ner Pau­se gab er aus­wei­chend zu­rück: »Re­bec­ca. Wie war es heu­te in der Schu­le?«

»Lenk’ jetzt nicht ab!«, ent­sprang es ihr sicht­lich ge­nervt.

Un­er­war­tet hef­tig knall­te Paul mit der Hand­flä­che auf den Tisch, be­vor er hys­te­risch er­wi­der­te: »Man, du tust ja so, als wäre es eine Qual, mit mir zu­sam­men zu sein. An­de­re Paa­re ha­ben auch Rou­ti­ne. Meinst du, die re­den dar­über?«

Er woll­te es nicht ver­ste­hen! »Be­ant­wor­te doch ein­fach mei­ne Fra­ge!«, be­harr­te Re­bec­ca laut­stark, um nicht über sei­nen Wor­ten ein­zu­kni­cken.

»Da gibt es nichts zu be­ant­wor­ten. Wir ha­ben nun mal viel zu tun: Du mit dei­ner Schu­le, ich mit dem Haus und der Ar­beit. Ist doch lo­gisch, dass wir nicht mehr so viel un­ter­neh­men wie frü­her. Wo ist ei­gent­lich dein ver­damm­tes Pro­blem?«

Es gab so vie­le Din­ge, die Re­bec­ca Paul an den Kopf knal­len woll­te. Aber sie schaff­te es nicht, et­was zu er­wi­dern. Konn­te nicht stand­haft blei­ben, sich nicht ge­gen ihn be­haup­ten. Statt­des­sen griff sie zur Tee­tas­se und ver­zog sich ins Wohn­zim­mer. Schon auf der Trep­pe ar­bei­te­ten sich Trä­nen in ih­ren Au­gen hoch, weil sie es wie­der nicht auf die Rei­he be­kom­men hat­te, ein ernst­haf­tes Ge­spräch mit ih­rem Freund zu füh­ren. Wenn das die nächs­ten Jah­re so wei­ter­ging, das ahn­te Re­bec­ca un­heil­voll, dann wür­de aus ih­nen wirk­lich ein stum­mes Pär­chen wer­den, das ne­ben­ein­an­der­her leb­te.

In­ner­lich wuss­te sie, was sie an Paul hat­te, auch wenn sie es nicht zei­gen konn­te oder wenn die po­si­ti­ven Er­in­ne­run­gen ge­ra­de bloß im Fo­to­al­bum ver­steckt leb­ten. Aber es gab sie. Re­bec­ca woll­te of­fen und ehr­lich mit ihm re­den, weil sie ihn nicht ver­lie­ren woll­te.

Von da­her lie­fen di­cke run­de Trä­nen ihre Wan­gen hin­ab, als Paul nach ei­ner Vier­tel­stun­de das Wohn­zim­mer be­trat. Statt auf ihre Ge­füh­le ein­zu­ge­hen – und er sah, dass sie ge­weint hat­te – griff er nach der Fern­be­die­nung und schal­te­te den Fern­se­her an. Stumm und den Blick starr auf den Bild­schirm ge­hef­tet, saß er auf der Couch.

Re­bec­ca hat­te die an­de­re Hälf­te des So­fas ein­ge­nom­men und starr­te eben­falls in den Fern­se­her, ohne mit­zu­be­kom­men, was ge­zeigt wur­de. Sie stell­te die Tee­tas­se auf den Couch­tisch ab. Pauls Ge­sichts­mus­keln wa­ren an­ge­spannt, sein Blick steif nach vorn ge­rich­tet. Den gan­zen rest­li­chen Abend schwie­gen sie sich an.

Wie sehr er Re­bec­ca mit sei­ner Wort­lo­sig­keit ver­letz­te, merk­te er nicht. Mit ei­nem lei­sen »Gute Nacht«, aber ohne den täg­li­chen Kuss von ih­rem Freund, ging sie be­reits halb zehn ins Bett.

Wie ge­rä­dert stand Re­bec­ca am Mor­gen auf. In der Nacht war sie mehr­fach auf­ge­wacht. Sie hat­te dar­über nach­ge­dacht, ob es nicht bes­ser wäre, sich nach über sie­ben Jah­ren Be­zie­hung von ih­rem Freund zu tren­nen, kam aber zu der Er­kennt­nis, dass eine Frau wie sie, die eine so gro­ße Angst vor dem Ver­lust ei­nes ge­lieb­ten Men­schen hat­te, nicht ein­fach dem Part­ner sa­gen konn­te, dass es vor­bei war. Dazu ge­hör­te Mut, und den hat­te sie nie ge­lernt zu ha­ben. Dass sie bei­de das ge­mein­sa­me Haus ab­be­zahl­ten und eine seit vie­len Jah­ren mehr­heit­lich har­mo­ni­sche Be­zie­hung führ­ten, zwar ohne Hochs und Tiefs, aber mit we­nig Streit, mach­te die Sa­che nicht ein­fa­cher. Im Ge­gen­teil.

Die ne­ga­ti­ven Ge­dan­ken woll­ten erst aus Re­bec­ca wei­chen, als sie sich auf den Weg Rich­tung Schu­le be­gab und dar­an dach­te, Lou wie­der­zu­se­hen. Es war Don­ners­tag. Der Deutsch-Grund­kurs be­weg­te sich als gäh­nen­de Mas­se in den Kurs­raum hin­ein.

Nach den bald be­gin­nen­den Os­ter­fe­ri­en soll­te die Be­schäf­ti­gung mit den »Lei­den des jun­gen Wer­ther« von Goe­the be­gin­nen. Re­bec­ca kün­dig­te die Lek­tü­re an, be­vor sie sag­te: »Heu­te soll es um die Na­tur­ly­rik bei Goe­the ge­hen. Die Na­tur wird auch im ›Wer­ther‹ eine be­son­de­re Rol­le spie­len, wie ihr noch fest­stel­len wer­det. Ich habe euch ver­schie­de­ne Ge­dich­te mit­ge­bracht, die ihr in Part­ner­a­r­beit er­schlie­ßen sollt. Die Auf­ga­ben­stel­lun­gen fin­det ihr auf den Ar­beits­blät­tern«, wo­bei Re­bec­ca auf die Zet­tel zeig­te.

»Ihr könnt euch aus­su­chen, mit wem ihr zu­sam­me­n­a­r­bei­ten wollt. Es müs­sen sechs Grup­pen ent­ste­hen. Bei drei­zehn Schü­lern sind es fünf Zwei­er­teams und ein Drei­er­team.«

Wie Re­bec­ca ahn­te, fand sich nie­mand, der mit Elou­an zu­sam­me­n­a­r­bei­ten woll­te. »Lou, sei doch bit­te so lieb und schlie­ße dich ei­ner Zwei­er­grup­pe an«, bat sie den Zwan­zig­jäh­ri­gen, nach­dem er sich su­chend im Raum um­blick­te.

Er wand­te sich Ali­cia und Ma­rie zu, die ihn ohne zu mur­ren in ihr Team in­te­grier­ten. Elou­an glitt ele­gant auf den Stuhl, der ge­gen­über von den zwei Mäd­chen stand. Re­bec­ca sah le­dig­lich sei­nen gra­zi­len Rü­cken.

An den Re­ak­ti­o­nen der Mäd­chen konn­te sie er­ken­nen, dass es Ali­cia und Ma­rie nicht un­an­ge­nehm fan­den, dass er sich zu ih­nen ge­setzt hat­te. Auch, wenn es nie­mand der an­we­sen­den Da­men zu­ge­ge­ben hät­te, aber Re­bec­ca be­merk­te, dass sie Lou nicht unat­trak­tiv fan­den, un­ge­ach­tet sei­ner Un­be­liebt­heit bei den Jungs und trotz sei­nes ne­ga­ti­ven Rufs und sei­ner Ver­gan­gen­heit.

Elou­an beug­te sich ein Stück zu Ali­cia und Ma­rie nach vorn und tu­schel­te ih­nen et­was ins Ohr. Ge­ki­cher keim­te auf. An­de­re Pär­chen wand­ten sich amü­siert der Drei­er­grup­pe zu. Ma­rie war rot im Ge­sicht ge­wor­den und Ali­cia schau­te Lou tief in die Au­gen und leck­te sich da­bei über die fein ge­schwun­ge­nen Lip­pen.

Re­bec­ca sah ge­nau­so fas­zi­niert wie ei­fer­süch­tig zu, ohne den Blick von den Drei­en ab­wen­den zu kön­nen.

Am Nach­mit­tag fing es wie­der an zu schnei­en. Der März war zur Hälf­te um und in ei­ner Wo­che be­gan­nen die Os­ter­fe­ri­en. An­ge­sichts des mi­se­ra­blen Wet­ters kam kaum der Ge­dan­ke an ein grü­nes Os­ter­fest auf.

Re­bec­ca stand am Fens­ter des Schlaf­zim­mers und be­trach­te­te den mit Paul vor vie­len Jah­ren an­ge­leg­ten Gar­ten. Wie Pu­der­zu­cker auf ei­nem Rühr­ku­chen klei­de­te der Schnee das Gras in sei­nen wei­ßen Man­tel ein. Im­mer dich­ter wur­de die De­cke und ein Ende des Win­ters war nicht ab­seh­bar. Wäh­rend Re­bec­ca am Fens­ter stand, durch­streif­te sie der Ge­dan­ke von heu­te Mor­gen. Ma­rie. Ali­cia. Lou.

Um sich einen Au­gen­blick von der Schu­le zu er­ho­len und der Fan­ta­sie frei­en Lauf zu las­sen, ging sie auf das Bett zu und leg­te sich mit dem Bauch dar­auf. Ihre Brüs­te press­ten sich an den un­te­ren Rand des Kis­sens und die Bei­ne la­gen zu­sam­men­ge­schla­gen auf der Bett­de­cke.

Re­bec­ca stell­te sich vor … Die Elft­kläss­ler ha­ben Sport. Die Mäd­chen spie­len in der Turn­hal­le Vol­ley­ball, die Jun­gen auf dem Ra­sen Fuß­ball. Von der An­stren­gung aus­ge­po­w­ert und vom Lau­fen ver­schwitzt, ge­hen sich die Ju­gend­li­chen nach dem Un­ter­richt du­schen.

Ali­cia und Ma­rie be­tre­ten zu­sam­men mit den an­de­ren Mäd­chen des Sport­kur­ses die Ka­bi­ne. Ma­rie schlägt vor, die Klas­sen­ka­me­ra­din­nen zu­erst du­schen zu las­sen, um ein Ge­drän­ge un­ter den Was­ser­häh­nen zu ver­mei­den. Sie zieht da­her ihre Freun­din am Arm aus der Sport­ka­bi­ne her­aus.

Auf dem Gang se­hen sie, dass die Jungs ge­ra­de die Turn­hal­le ver­las­sen. Ei­ni­ge ver­ab­schie­den sich, ru­fen ih­ren Freun­den »Bis mor­gen!« hin­ter­her.

Elou­an sitzt in sei­nem ver­schwitz­ten T-Shirt und der kur­z­en, le­ge­ren Sport­ho­se auf ei­nem Stuhl des Gan­ges. Ali­cia tritt vor­sich­tig an ihn her­an und fragt: »War­um bist du noch nicht um­ge­zo­gen? Willst du wei­ter Sport ma­chen?« Ma­rie ne­ben ihr ste­hend lacht mäd­chen­haft auf.

»Und ihr? War­um war­tet ihr auf dem Gang auf bes­se­res Wet­ter?« Ali­cia über­legt, aber eine schlag­fer­ti­ge Ant­wort will ihr nicht ein­fal­len.

Lou schaut bei­de von un­ten her­ab an. Sei­ne Au­gen ver­en­gen sich zu Schlit­zen: »Lust, noch mehr ›Sport‹ zu ma­chen?« Ali­cia weiß nicht, was sie sa­gen soll und auch Ma­rie steht die Schüch­tern­heit ins Ge­sicht ge­schrie­ben. Sie er­rö­tet. »War­ten wir doch, bis alle an­de­ren weg sind, okay?«, schlägt er vor.

»Und die Leh­rer?«, fragt Ma­rie skep­tisch.

»Die zie­hen sich um und … Kei­ne Ah­nung, was sie ma­chen. Ich bin im­mer der Letz­te und bei mir war noch nie je­mand in der Ka­bi­ne drin. Es wür­de sich auch kei­ner ge­trau­en, rein­zu­schau­en. Ihr ver­steht, was ich mei­ne?« Die Mäd­chen schmun­zeln.

Elou­an steht auf und lugt um die Ecke der Jun­ge­n­um­klei­de. Zwei Schü­ler sind noch drin, be­reit zum Auf­bruch. »Bis mor­gen«, ru­fen sie Lou zu und schau­en ver­wun­dert drein, als sie se­hen, dass er in weib­li­cher Be­glei­tung am Ein­gang der Um­klei­de­ka­bi­ne war­tet. Elou­an sagt kein Wort, son­dern grient ih­nen ent­ge­gen.

Als sie un­ge­stört sind, lädt er die Mäd­chen in die Um­klei­de­räu­me ein. Schüch­tern, aber gleich­zei­tig von Vor­freu­de er­füllt, fol­gen ihm die Schü­le­rin­nen.

Elou­an nimmt zu­erst Ma­rie an die Hand und führt sie in die Dusch­ka­bi­ne der Her­re­num­klei­de. »Zieh dich aus!«, for­dert er das Mäd­chen auf. Ma­rie dreht ihm den Rü­cken zu, so­dass er ih­ren run­den Po be­trach­ten kann, der sich un­ter ei­nem en­gen Slip wölbt. Sie streift sich die ver­schwitz­ten Kla­mot­ten vom Kör­per: das enge Top, die knap­pe Sport­ho­se.

Ma­rie schaut sich schüch­tern um und geht, ih­rem Mit­schü­ler den Rü­cken zu­keh­rend, nackt zur Du­sche. Ihre Rü­ck­an­sicht sieht be­zau­bernd aus: weib­lich, vol­ler An­mut.

Zag­haft dreht sie am Was­ser­hahn und lässt das Was­ser über ih­ren Kör­per rie­seln.

In der Zwi­schen­zeit holt sich Lou Ali­cia in den Dusch­raum hin­ein. Die Schü­le­rin folgt wil­li­ger, denn sie wünscht sich, dass Elou­an sie ge­nau­so at­trak­tiv fin­det wie sie ihn.

Ali­cia be­tritt die Dusch­ka­bi­ne, wäh­rend im Hin­ter­grund Ma­rie duscht.

Lou lehnt läs­sig am Tür­rah­men und be­trach­tet Ali­cia, die sich das ver­schwitz­te Shirt über den Kopf zieht. Vol­ler Vor­freu­de schaut er auf ih­ren schlan­ken Ober­kör­per. Ali­cia ge­ni­eßt es, dass das In­ter­es­se ih­res Mit­schü­lers ihr gilt. Sei­ne Bli­cke krat­zen sich in ihre Haut. Lang­sam streift sie sich ih­ren BH ab und ihre fes­ten, rei­fen Früch­te kom­men zum Vor­schein.

Elou­an tritt einen Schritt nä­her an sie her­an. Die nack­te Ma­rie im Hin­ter­grund ist für ihn Ne­ben­sa­che. Sei­ne Auf­merk­sam­keit gilt ein­zig der sport­li­chen Ali­cia. Bei­de ste­hen sich jetzt so nahe, dass Elou­an kurz mit dem Fin­ger die lin­ke Brust­wa­r­ze streift, die sich un­ter der zar­ten Be­rüh­rung auf­rich­tet.

Ali­cia leckt sich über die Lip­pen, fühlt die An­zie­hungs­kraft und das Krib­beln, tritt aber schmun­zelnd einen Schritt zu­rück, so­dass Elou­an auf Di­stanz zu ihr ge­bracht wird.

In ei­nem Ruck zieht sie ihre Sport­ho­se mit­samt der Un­ter­wä­sche aus und steht kom­plett nackt vor ihm. Lous Au­gen er­obern Ali­ci­as schlan­ke Sil­hou­et­te. Sie be­sitzt sehr klei­ne Füße, da­für aber stram­me Wa­den, weil sie viel jog­gen geht. Ihre Ober­schen­kel ent­hül­len eine klei­ne Lü­cke. Das Drei­eck zwi­schen ih­ren Schen­keln wird durch einen leich­ten Flaum be­deckt. Sei­ne Au­gen wan­dern wei­ter nach oben, hin zum fla­chen Bauch, den klei­nen Brüs­ten. Schließ­lich schaut er in­ter­es­siert in das schön ge­schnit­te­ne Ge­sicht, das er in die­ser Form nie wirk­lich be­trach­tet hat. Ali­cia lä­chelt schel­misch, sagt kei­nen Ton. Sie hält ihn wei­ter auf Di­stanz, geht viel­mehr zu Ma­rie un­ter die Du­sche.

Bei­de Mäd­chen ste­hen jetzt der­ma­ßen ge­drängt un­ter dem ge­mein­sa­men Was­ser­strahl, dass sie sich un­wei­ger­lich be­rüh­ren müs­sen. Elou­an sieht, wie Ali­cia das Dusch­gel von Ma­rie er­greift und sich da­mit zu­nächst selbst ein­seift. Dann nimmt sie er­neut einen gro­ßen Klecks da­von auf ihre Hand und ver­reibt das Gel auf Ma­ri­es Haut. Mit der rech­ten Hand fährt Ali­cia am Rü­cken ih­rer Mit­schü­le­rin auf und ab. Da­bei wirft sie einen an­rü­chi­gen Blick zu Elou­an, der noch im­mer ge­spannt am Tür­rah­men steht und die Sze­ne­rie vor ihm ver­folgt.

Ali­ci­as Hand um­fasst den Hin­tern ih­rer Freun­din. Die sach­ten Be­rüh­run­gen von Ali­cia sor­gen da­für, dass Ma­rie die Au­gen schließt. Sie gibt sich den Be­rüh­run­gen, ohne an et­was An­de­res zu den­ken, voll­kom­men hin. Ein hei­se­res Keu­chen ent­fährt Ma­rie, als Ali­cia ihre Hän­de wei­ter­hin spie­le­risch über ihre Haut glei­ten lässt.

Nun dre­hen sich die Mäd­chen ein­an­der zu. Ali­cia nimmt einen wei­te­ren Klecks von dem Dusch­gel und reibt da­mit über die Brüs­te und den Bauch ih­rer Freun­din. Erst­mals er­kennt Elou­an, wie wohl­ge­formt auch sei­ne Klas­sen­ka­me­ra­din Ma­rie ist. Ihre Brust ist grö­ßer als die von Ali­cia, da Ma­rie viel weib­li­che­re For­men hat. Ali­cia be­sitzt hin­ge­gen sehr straf­fe, de­fi­nier­te Kon­tu­ren. Bei­de sind auf ihre Art reiz­voll.

Das Was­ser perlt an den at­trak­ti­ven Mäd­chen­kör­pern nach un­ten. Noch im­mer steht Lou am Ein­gang zum Dusch­raum und schaut auf sei­ne Mit­schü­le­rin­nen. Sie nackt un­ter der Du­sche zu se­hen, zu be­ob­ach­ten, wie sie sich sinn­lich be­rüh­ren und al­les um sich her­um ver­ges­sen, macht ihn ex­trem an.

Als er sieht, dass Ali­cia noch nä­her an Ma­rie her­an­tritt und sie dann zag­haft auf den Mund küsst, wäh­rend sie gleich­zei­tig zu ih­rem Mit­schü­ler nach vorn blickt, wünscht er sich, sie eben­falls bei­de be­rüh­ren zu dür­fen. Sie schei­nen zu ei­nem Bild der ab­so­lu­ten Hin­ga­be ver­schmol­zen.

Elou­an steht noch im­mer in sei­nem ver­schwitz­ten Sport­dress ge­bannt am Tür­rah­men, wäh­rend er spürt, dass sein Schwanz schwe­rer wird. Un­will­kür­lich führt er die Hand an die Wöl­bung sei­ner Sport­ho­se und strei­chelt dar­über, wäh­rend er zu­sieht, wie das Was­ser die Nackt­heit der Mäd­chen um­spült.

Ali­ci­as brau­ne lan­ge Haa­ren be­de­cken Ma­ri­es Schul­tern. De­ren blon­de kur­ze Haa­re sind vom Was­ser nass ge­wor­den.

Ma­rie ist an­fangs schüch­tern, küsst ihre Freun­din zag­haft und be­rührt sie kaum. Ali­ci­as Zun­ge lieb­kost die Lip­pen von Ma­rie und lädt sie dazu ein, den Mund zu öff­nen. Gleich­zei­tig setzt Ali­cia die Strei­chel­ein­hei­ten am Arm, an der Hüf­te, am Bauch fort. Ma­rie ver­sinkt im­mer mehr im Rausch. Sie wird von den feuch­ten Küs­sen und der Wär­me, die von Ali­ci­as Kör­per und ih­ren Be­rüh­run­gen aus­geht, stär­ker er­regt, legt ihre Hem­mun­gen ab und be­rührt Ali­cia eben­falls.

Ihre Fin­ger­spit­zen voll­zie­hen eine neu­gie­ri­ge Wan­der­schaft: Sie zit­tern über Ali­ci­as Wan­ge, als wür­de sie zum ers­ten Mal se­hen, wel­che Schön­heit in ih­rem Ge­sicht ver­bor­gen liegt. Die Haa­re streift sie ih­rer Freun­din scheu bei­sei­te. Auch da­bei er­scheint es, als wür­de sie erst­mals füh­len, wie sei­dig sie sind. Ihre Schul­ter­blät­ter wer­den mit ei­ner lieb­li­chen Be­rüh­rung be­schenkt. Das Schlüs­sel­bein, der Hals, die Ober­ar­me. Al­les wird von Ma­ri­es Hän­den zag­haft er­kun­det. Mit spie­le­ri­scher Leich­tig­keit skiz­ziert sie die Li­ni­en von Ali­ci­as Brüs­ten nach, kit­zelt mit dem Zei­ge­fin­ger über die Brust­wa­r­ze, die sich er­hebt und Ali­cia zu­cken lässt. Doch Ma­ri­es Fin­ger hal­ten nicht inne, wei­ter zu ge­hen, tie­fer zu sin­ken, über ih­ren Rü­cken hin zu ih­rem Po.

Schließ­lich sieht Lou fas­zi­niert, wie sich bei­de Mäd­chen lei­den­schaft­lich im In­tim­be­reich an­fas­sen. Ali­ci­as Fin­ger ver­sin­ken in Ma­ri­es Spal­te, fi­xie­ren ihre Per­le. Um­ge­kehrt sti­mu­liert Ma­rie Ali­ci­as Klit, so­dass die­se un­ter der Be­rüh­rung sanft er­zit­tert und sich stär­ker den Emp­fin­dun­gen hin­gibt. Da­bei hält sie die Au­gen ge­schlos­sen. Ob sie wahr­neh­men, wie akri­bisch sie be­ob­ach­tet wer­den?

Un­er­war­tet sinkt Ali­cia in die Hocke, kniet vor ih­rer Freun­din. Sanft tas­tet sie sich mit den Fin­gern zu Ma­ri­es Hei­lig­tum vor­an.

Lou ist hoch er­regt von der Sze­ne­rie, die sich vor sei­nen Au­gen ernst­haft ab­zu­spie­len scheint. Dies ist kein Por­no, den er sich heim­lich an­schaut, dies ist wahr­haf­te Ero­tik mit an­sehn­li­chen straf­fen Mäd­chen­kör­pern, die ihre bes­ten Jah­re noch vor sich ha­ben.

Er sieht, wie Ali­cia nah an den Schoß ih­rer Freun­din her­an rutscht und an ihr saugt. Hin und wie­der voll­führt sie mit ih­rer Zun­ge Schlä­ge, um Ma­rie zu sti­mu­lie­ren. Sie stöhnt auf, schließt die Au­gen, al­les um sich her­um ver­ges­send. Das Was­ser perlt über die Kör­per, er­gießt sich auf Ma­ri­es Kopf, läuft über Ali­ci­as Rü­cken. Sie hat eben­falls die Au­gen ge­schlos­sen, wäh­rend sie ihre Mit­schü­le­rin mit ih­rer Zun­ge in an­de­re Sphä­ren treibt. Ma­rie stützt sich mit der Hand an der Wand der Dusch­ka­bi­ne ab.

Lou steht ge­bannt da, greift mit der Hand in sei­ne Sport­ho­se hin­ein und mas­siert mit zwei Fin­gern sei­ne Här­te.

Ein Auf­stöh­nen ent­fährt Ma­ri­es Mund, als Ali­cia mit ei­nem Fin­ger in sie stößt und den Druck auf ihre Per­le er­höht. Sie um­kreist mit dem Dau­men ih­ren Lust­punkt. Ein ver­lan­gen­des Stöh­nen ist zu hö­ren. Ma­rie schließt die Au­gen und gibt sich dem Ge­fühl des über­wäl­ti­gen­den Or­gas­mus hin. Ma­rie bäumt ih­ren Kör­per auf, dann kni­cken ihre Bei­ne ein und sie sinkt zu Bo­den, wo sie von Ali­cia in die Arme ge­nom­men wird.

Elou­an zieht sich nun, von den Mäd­chen un­be­ach­tet, aus. Nackt geht er auf die un­ter dem Was­ser­strahl kni­en­den, sich küs­sen­den jun­gen Frau­en zu. Sei­ne Auf­merk­sam­keit gilt der sport­li­chen, straf­fen Ali­cia, die zu ihm auf­sieht. Sein Schwanz schwebt vor ih­rem Ge­sicht.

»Steh auf!«, for­dert er sie auf. Ali­cia sieht vor ihm sit­zend de­vot auf. Ein in­ten­si­ver Au­gen­kon­takt zwi­schen Lou und ihr – sie weiß, was folgt. Ali­cia zieht Ma­rie mit nach oben, die sich eng an ihre Freun­din klam­mert und mit den Hän­den ih­ren Leib um­fasst. Ge­hen will sie nicht.

Lou tritt hin­ter Ali­cia und presst sei­nen Ober­kör­per ge­gen ihre Hin­ter­par­tie. Da­bei be­rührt sei­ne Er­re­gung ihre rech­te Po­b­a­cke, so­dass Ali­cia auf­at­met und an die Wand der Du­sche ge­drückt wird.

Elou­an streift ihr die nas­sen Haa­re von der Schul­ter und küsst sie for­dernd an Hals und Schul­tern. Da­bei raunt er ihr zu: »Ich muss dich ha­ben. Jetzt!« Ali­cia ist hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen den zärt­li­chen Küs­sen und Be­rüh­run­gen ih­rer Freun­din und dem for­dern­den Griff ih­res Mit­schü­lers, des­sen Hän­de von hin­ten Ali­ci­as straf­fe Brüs­te um­fas­sen. Mit fes­tem Hän­de­druck kne­tet er den Bu­sen, zwir­belt die Brust­wa­r­zen. Sein Glied be­schert Ali­ci­as feuch­ter Vul­va un­ge­ahn­te Emp­fin­dun­gen. Erst Ma­ri­es Be­rüh­run­gen auf ih­rer nack­ten Haut, nun die un­aus­sprech­li­chen Freu­den, die Lou ihr schenkt.

Ma­rie er­kennt die Si­tua­ti­on. Sie ent­win­det sich wi­der­wil­lig Ali­ci­as Fin­ger­fer­tig­kei­ten, ver­lässt die Du­sche und geht zu­rück in die Um­klei­de­ka­bi­ne.

Jetzt sind Elou­an und Ali­cia al­lein. Das Mäd­chen dreht sich zu Lou um und schaut ihm durch­drin­gend in die Au­gen. Der ers­te Kuss zwi­schen den bei­den ist heiß und in­nig. Lous Zun­ge geht so­fort in einen Kampf mit Ali­ci­as Zun­ge über. Hart tref­fen sei­ne Lip­pen auf die von ihr. Ein un­be­ding­tes Wol­len er­füllt die vom Was­ser­dampf er­stick­te Luft. Ein Ge­ruch von Sex und Dusch­gel ver­mischt sich da­mit. Lou hebt das Bein von Ali­cia an, so­dass er mit der Spit­ze der Ei­chel über ihre Klit rei­ben kann.

Sie stöhnt lust­voll auf, ist be­reits hoch­gra­dig er­regt von den Be­rüh­run­gen ih­rer Freun­din, so­dass Elou­an kei­ne Mühe hat, sie zu ei­nem wei­te­ren Schritt zu er­mu­ti­gen. Sie schmun­zelt und beißt sich auf die Un­ter­lip­pe, als er ihr et­was Un­an­stän­di­ges ins Ohr flüs­tert. Dann presst er sei­ne Mit­schü­le­rin mit sei­nem Ober­kör­per ge­gen die Duschwand und nimmt sie in sich auf. Mit ge­schick­ten Be­we­gun­gen ver­gräbt er sich in ihr.

Ali­cia hängt ma­ri­o­net­ten­gleich an ihm und geht me­cha­nisch mit sei­nen Be­we­gun­gen mit. Was zu­nächst zärt­lich be­ginnt, stei­gert sich an­ge­sichts der Lust, die er emp­fin­det, schnell in hef­ti­ge Stö­ße. »Du bist so feucht und geil eng«, knurrt er lei­den­schaft­lich in Ali­ci­as Ohr.

Mit je­der Se­kun­de, die ver­geht, zie­hen sich sei­ne Ho­den stär­ker zu­sam­men. Da er ihr Lust­zen­trum hef­tig zum Er­be­ben bringt, ent­lockt er Ali­cia ein Zit­tern. Sie hält sich an sei­ner star­ken Schul­ter fest und lässt zu, dass er nach wei­te­ren tie­fen Stö­ßen sei­nen Hö­he­punkt in ihr er­reicht. Keu­chend hebt er sie von sich.

Ali­cia win­det sich wie eine Schlan­ge in der Dusch­ka­bi­ne, presst die Bei­ne zu­sam­men und ge­steht wis­pernd: »Lass mich kom­men.« Lou geht vor ihr in die Hocke. Ali­cia reckt ih­ren Un­ter­leib sei­nem Ge­sicht ent­ge­gen. Sein Mund ver­langt wil­lig nach ih­rer Scham. Da­bei schmeckt er sei­nen Sa­men auf sei­ner Zun­ge, als er über ih­ren Kitz­ler reibt und mit den Fin­gern in die Feuch­tig­keit und Wär­me ein­taucht. Er saugt, leckt, lechzt da­nach, ihr den Mo­ment des Glücks zu schen­ken, der ihr ver­wehrt blieb.

Ein lang­ge­zo­ge­nes »Ah« zeigt an, dass sie den Gip­fel der Lust bald er­reicht hat. Er ver­stärkt den Druck, so­dass sich Ali­cia nun – wie vor­her Ma­rie – an die Wand der Dusch­ka­bi­ne fest­krallt und im Mo­ment der höchs­ten Er­re­gung zu­lässt, ab­zu­he­ben. Dann sinkt auch sie nach un­ten in die Hocke und wird von Lou in die Arme ge­nom­men.

Re­bec­ca öff­ne­te die Au­gen und blin­zel­te, als das hel­le Licht des Ta­ges auf ihre Au­gen traf. In der ver­krampf­ten Bein­hal­tung spür­te sie, wie feucht sie ge­wor­den war. Ein sehn­li­ches Ver­lan­gen brei­te­te sich in ih­rem Un­ter­leib aus, der nach ei­ner Ver­ei­ni­gung mit ih­rem Schü­ler schrie. Gleich­zei­tig frag­te sie sich ir­ri­tiert, wie­so sie sich aus­ge­rech­net Lou und Ali­cia so ver­traut und in­nig vor­stell­te.

Ihr wur­de mit ei­nem Schlag be­wusst, dass ihr Schü­ler un­mög­lich auf eine Frau ste­hen wür­de, die über zehn Jah­re äl­ter war als er selbst. Na­tür­lich wür­de er sich zu den knacki­gen jun­gen Mäd­chen in der Schu­le hin­ge­zo­gen füh­len. Na­tür­lich wür­de er Frau­en sei­nes Al­ters be­vor­zu­gen.

Re­bec­cas Blick streif­te kurz den We­cker, der an­zeig­te, dass es schon nach halb fünf war. Sie muss­te sich der Un­ter­richts­vor­be­rei­tung für den kom­men­den Tag wid­men. Als sie zum Fens­ter wank­te, sah sie, dass es noch im­mer schnei­te.


Ka­pi­tel 6

Die letz­ten zwei Tage bis zu den Os­ter­fe­ri­en fühl­ten sich wie Mo­na­te an. Re­bec­ca fehl­te jeg­li­che Kraft, um über­haupt die Ber­ge von Ma­te­ri­a­li­en in ih­rem Ar­beits­zim­mer ab­zu­a­r­bei­ten. »Oh Gott«, ent­fuhr es ihr un­wei­ger­lich, als sie die zwei gro­ßen Sta­pel an Blät­tern neben ih­rem PC ent­deck­te und sich Schuld­ge­füh­le über die nicht ab­ge­hef­te­ten Zet­tel in ihr hoch­a­r­bei­te­ten.

Re­bec­ca schlurf­te nie­der­ge­drückt zum Dreh­stuhl und setz­te sich ge­nervt an den Schreib­tisch. Wo soll­te sie nur an­fan­gen, wenn sich die gan­zen Ak­ten ver­teilt auf zwei Sta­peln ne­ben dem PC türm­ten? Aber sie muss­te ir­gend­wie be­gin­nen, denn in den Fe­ri­en, wenn sie mit Paul im Os­ter­ur­laub war, konn­te sie nichts ma­chen.

Am meis­ten är­ger­te sie, dass in stres­si­gen Zei­ten der gan­ze Schreib­tisch vol­ler Un­ter­la­gen lag und sie un­ge­hal­ten über das Cha­os mi­nu­ten­lang nach wich­ti­gen Ma­te­ri­a­li­en für die Un­ter­richts­vor­be­rei­tung such­te.

Noch schlim­mer war al­ler­dings, wenn sie das Ge­such­te zu­fäl­lig beim Ab­hef­ten wie­der­fand und fest­stell­te, sich zu­sätz­li­che Ar­beit ge­macht zu ha­ben. Das äu­ße­re Durch­ein­an­der auf dem Schreib­tisch spie­gel­te ihre in­ne­re Un­ord­nung wi­der. An­ge­fan­gen bei den nicht auf­find­ba­ren Ar­beits­blät­tern, hin zu dem nicht en­den wol­len­den Är­ger in ih­rer Klas­se, wei­ter über ihre nicht zu de­fi­nie­ren­den Ge­füh­le zu Paul und zu Elou­an.

Re­bec­ca hat­te nicht an­satz­wei­se Lust dar­auf, ver­nünf­ti­ge Stun­den für die Schü­ler vor­zu­be­rei­ten, ge­schwei­ge denn das Cha­os auf ih­rem Schreib­tisch zu be­sei­ti­gen. Da­her ließ sie die wir­ren Pa­pier­ber­ge lie­gen und be­rei­te­te nur spo­ra­disch den Un­ter­richt vor, wäh­rend Paul auf dem Sofa saß und Mu­sik hör­te, die laut aus sei­nem Lap­top drang.

Er hat­te sich vor dem Ur­laub ei­ni­ge Tage frei­ge­nom­men. »War­um räumst du nicht mal im Wohn­zim­mer auf?«, rief ihm Re­bec­ca vom Ar­beits­zim­mer aus zu. Kei­ne Re­ak­ti­on.

Mit dem Ab­schluss der Un­ter­richts­vor­be­rei­tung war auch der Nach­mit­tag ge­lau­fen. Müh­sam er­hob sie sich von ih­rem Platz und ging ins Wohn­zim­mer, wo Paul im­mer noch auf dem Sofa saß, im In­ter­net surf­te und ne­ben­bei Mu­sik hör­te.

»War­um räumst du nicht mal ein we­nig auf, wenn du jetzt Zeit hast?«, frag­te sie er­neut. Paul schau­te sie nur an, sag­te aber nichts, was bei Re­bec­ca einen tie­fen Seuf­zer aus­lös­te.

O Gott, das Ar­beits­blatt! Nicht die­ses Ar­beits­blatt für die Acht­kläss­ler! Mit Schre­cken wur­de Re­bec­ca klar, dass sie das Wich­tigs­te, was sie für die heu­ti­ge Kunst­stun­de in ih­rer Klas­se brauch­te, zu Hau­se ver­ges­sen hat­te. Um­dre­hen war kei­ne Op­ti­on, denn es wa­ren nur noch etwa fünf Ki­lo­me­ter bis zur Schu­le zu über­brü­cken.

Jetzt räch­te sich, dass sie sich ges­tern un­zu­rei­chend über die Vor­be­rei­tung ge­setzt und heu­te Mor­gen nicht noch ein­mal ihre Schul­ta­sche kon­trol­liert hat­te, wie sie es sonst im­mer tat. Aber sie war zu spät dran. Auch das pas­sier­te so gut wie nie.

Am liebs­ten wäre Re­bec­ca auf der Stel­le um­ge­dreht und hät­te sich krank­ge­mel­det aus Angst, in ih­rer ei­ge­nen Klas­se zu ver­sa­gen.

Nicht zum ers­ten Mal hat­te sie den Ein­druck, ab­so­lut nicht in die Schu­le zu ge­hö­ren. Zwar floss je­den Mo­nat ein ge­re­gel­ter Lohn auf ih­rem Kon­to ein, aber sie hat­te we­der das Ge­fühl, dass sie auch nur an­nä­hernd das ver­dien­te, was ihr zu­stand, noch dass sie in dem Be­ruf der Leh­re­rin je­mals glü­ck­lich wer­den konn­te.

Sym­pa­thie und Em­pa­thie für die Be­lan­ge von Her­an­wach­sen­den zu emp­fin­den – das schaff­te sie auch nach Jah­ren noch nicht. Vor al­lem Kin­der und Ju­gend­li­che in der Pu­ber­tät er­kann­ten mit ih­ren fei­nen An­ten­nen so­fort, ob man ih­nen ge­wo­gen war und merk­ten auch gleich, wenn man Apa­thie ge­gen sie heg­te.

Re­bec­ca frag­te sich, ob die­ser Job sie je­mals glü­ck­lich ma­chen wür­de, ob­wohl er ihr Si­cher­heit, ge­re­gel­te Ar­beits­zei­ten, Fe­ri­en und gu­ten Lohn bot.

Und nun auch noch das ver­damm­te Ar­beits­blatt, das zu Hau­se auf dem Schreib­tisch lag. Doch statt um­zu­dre­hen oder Paul zu be­nach­rich­ti­gen, fuhr sie wie un­ter Dro­gen starr wei­ter, auf den Ver­kehr um sie her­um flu­chend. Flu­chend auf sich selbst …

Die Ein­fahrt zur Schu­le war pas­siert. Me­cha­nisch roll­te sie auf den lee­ren Park­platz, nahm ihre an­ge­stamm­te Park­lü­cke in Be­schlag und trat in die kal­te, bei­ßen­de März­luft hin­aus. Der Wind zerr­te hart an der Ja­cke und er­zeug­te Gän­se­haut. »Ich wer­de die Stun­de ir­gend­wie hin­ter mich brin­gen«, mur­mel­te Re­bec­ca ge­reizt vor sich hin, wäh­rend die Ab­sät­ze ih­rer Schu­he wie Pis­to­len­ku­geln auf dem Kopf­stein­pflas­ter auf­tra­fen und wie je­den Mor­gen an der Wand des Schul­ge­bäu­des wi­der­hall­ten.

Die Siebt­kläss­ler, die sie in der ers­ten Stun­de er­war­te­ten, stell­te sie mit ei­ner grö­ße­ren, fast die ge­sam­te Stun­de ein­neh­men­den Part­ner­a­r­beit ru­hig. Wenn der Kunst­un­ter­richt an­nä­hernd so glimpf­lich ab­ge­lau­fen wäre …

Doch schon, als sie sich den Kunst­räu­men nä­her­te, hör­te sie den Lärm auf dem Flur, der für ihre Oh­ren zur Be­las­tungs­pro­be wur­de. Andy und Mar­tin strit­ten sich laut­stark, wa­r­fen sich üble Be­lei­di­gun­gen an den Kopf, vul­gä­re Aus­drü­cke fie­len. Eine Mas­se an Schü­lern stand da­ne­ben und schau­te dem Trei­ben be­lus­tigt zu. Nie­mand griff ein, um die Streithäh­ne zu be­ru­hi­gen.

Als Re­bec­ca ihre Klas­se er­reich­te, nahm kein Schü­ler No­tiz von ihr. Sie wur­de we­der be­grüßt noch dar­um ge­be­ten, die Aus­ein­an­der­set­zung zu schlich­ten. Die Ju­gend­li­chen wa­ren sich wohl der Er­folg­lo­sig­keit schon vor­her be­wusst.

Statt­des­sen ging Re­bec­ca in der brei­ten Mas­se ih­rer Schü­ler un­ter. Als sie die Tür zum Kuns­t­raum auf­schloss, wa­ren Mar­tin und Andy die ein­zi­gen Schü­ler, die nicht nach drin­nen gin­gen, son­dern auf dem Gang ver­weil­ten.

Mitt­ler­wei­le hat­te die Stun­de be­gon­nen, aber die Jun­gen stan­den noch im­mer vor der Tür und wa­r­fen sich Sät­ze in der Ju­gend­spra­che an den Kopf. »Al­ter, was willst’e von mir?«, schrie Andy.

»Du sollst auf­hö­ren, bei El­len so schei­ße über mich zu la­bern, Al­ter! Checks doch end­lich, dass die nicht auf dich steht!«, gab Mar­tin über­le­gen zu­rück.

»Boah, du bist ein Idi­ot!«, ent­fuhr es Andy.

Re­bec­ca woll­te ein­mal Stär­ke be­wei­sen und rief ih­nen vom Kuns­t­raum aus zu: »Andy, Mar­tin. Die Stun­de hat be­gon­nen. Kommt rein!« Wie zu er­war­ten war, re­a­gier­te kei­ner der bei­den auf ihre Wor­te.

»Die Alte will doch von dir ge­nau­so we­nig was. Die ist doch mit dem Ty­pen aus der 10c zu­sam­men. Bist du blind, Al­ter? Die ge­hen doch schon seit An­fang Ja­nu­ar mit­ein­an­der.«

Andy war hoch­rot im Ge­sicht und auch Mar­tin sah aus, als wäre er je­den Au­gen­blick auf sei­nen Kon­tra­hen­ten los­ge­gan­gen. Eine Prü­ge­lei bahn­te sich an.

Re­bec­ca sah den Klas­sen­spre­cher mit ei­nem Mäd­chen am vor­de­ren Tisch ste­hen. Sie wink­te ihn zu sich und bat ihn, die Jun­gen ins Zim­mer zu ho­len. Nach we­ni­gen Wor­ten be­ga­ben sich Mar­tin und Andy in den Raum, wür­dig­ten sich aber kei­nes Bli­ckes mehr. Re­bec­ca nutz­te die Auf­merk­sam­keit, die die Mit­schü­ler den bei­den Jungs wid­me­ten, um aus­zu­pa­cken.

Da je­der der Acht­kläss­ler dar­auf war­te­te, wer als Ers­ter los­pol­tern wür­de, war es re­la­tiv ru­hig und Re­bec­ca konn­te zü­gig zur Be­grü­ßung der Klas­se schrei­ten. »Gu­ten Mor­gen.«

»Mor­gen«, mur­mel­ten ihr ei­ni­ge Schü­ler ge­lang­weilt ent­ge­gen.

»Ihr habt euch in den letz­ten Stun­den mit den Ta­ges­zei­ten in der Kunst aus­ein­an­der­ge­setzt, in­dem ihr selbst das The­ma künst­le­risch be­a­r­bei­tet habt. Heu­te ist un­se­re letz­te Stun­de vor Os­tern. Das heißt, dass wir das Pro­jekt ab­schlie­ßen wer­den. Ihr wer­det dazu eine neue Zei­chen­me­tho­de ken­nen­ler­nen.«

Re­bec­ca über­leg­te, ob sie ih­ren Feh­ler zu­ge­ben soll­te oder nicht, be­schloss aber, die Wahr­heit zu sa­gen: »Lei­der habe ich das Me­tho­den­blatt zu Hau­se ver­ges­sen. Wir müs­sen im­pro­vi­sie­ren. Das dürf­te aber kein Pro­blem dar­stel­len.«

Jule gei­fer­te: »Frau Pe­ters, bei uns tra­gen Sie sich feh­len­de Ma­te­ri­a­li­en so­fort ein. Wo ist die Spal­te im Klas­sen­buch, in der wir Ihre feh­len­den Un­ter­richts­mit­tel ein­tra­gen kön­nen?« Re­bec­cas Kie­fer mahl­te, wäh­rend die Klas­se johl­te.

El­len trat nach. »In wel­ches Heft dür­fen wir ein­tra­gen, wenn Sie mal was nicht rich­tig ma­chen? Bei uns wird ja al­les gleich brüh­warm den El­tern er­zählt.«

Es wur­de im­mer lau­ter. »Ge­nau!«, er­ho­ben sich be­ja­hen­de Stim­men. Die Si­tua­ti­on glitt Re­bec­ca aus den Hän­den und es­ka­lier­te in dem Mo­ment, als sie dar­über nach­dach­te, was zu tun war. Hilf­los schau­te sie in die Mas­se und es schien kei­nen Schü­ler mehr zu ge­ben, der sich für sie in die Bre­sche schla­gen woll­te.

Jetzt räch­te sich, wie acht­los sie mit Schü­lern um­ging. Wie sehr sie den Be­ruf als blo­ßen Job, den es zu er­le­di­gen galt, an­sah. Ihre Ge­dan­ken ha­l­fen Re­bec­ca in dem Mo­ment nicht wei­ter und ihr »Pst« oder »Sch« brach­te kei­ne Bes­se­rung, weil es zu laut war, als dass sie noch Ge­hör fand. »Ruhe!«, schrie sie laut und hilf­los durch den Raum. Ver­geb­lich.

»Hey!« Es half nichts. Je­der Schü­ler hat­te auf ein­mal et­was zu sa­gen, so­gar die ru­hi­gen Acht­kläss­ler schie­nen kein Hal­ten mehr zu ken­nen. Am liebs­ten wäre Re­bec­ca aus dem Klas­sen­zim­mer ge­rannt und an­ge­sichts der sie zer­flei­schen­den Klas­se nie­mals wie­der­ge­kom­men.

Wenn jetzt nicht ein Wun­der ein­trat, war sie ge­lie­fert, so­viel stand fest. So­gar der Ver­such, den Klas­sen­spre­cher um Hil­fe zu bit­ten, schei­ter­te, denn un­ter der sich hoch­schrau­ben­den Laut­stär­ke ver­stand nie­mand mehr sein ei­ge­nes Wort.

Auf ein­mal öff­ne­te sich mit ei­nem Hieb die Tür und Jan Kö­nig, ein Kol­le­ge, der un­ter den Leh­rern und Schü­lern als be­son­ders laut­stark ver­schri­en, aber als durch­set­zungs­star­ker Mann auf­zu­tre­ten ge­wohnt war, trat ener­gi­schen Schrit­tes in den Raum hin­ein. »Was ist denn hier los?«, pol­ter­te er auf­ge­regt und laut.

Ne­be­n­an wa­ren die Wer­ken­räu­me, in de­nen der Leh­rer be­vor­zugt Un­ter­richt er­teil­te.

Die Schü­ler er­starr­ten vor Schreck und mach­ten gro­ße Au­gen.

»Es ist Stun­de!«, schrie er. Sein Ge­sicht war ab­so­lut ernst und kon­zen­triert. Die Ju­gend­li­chen kusch­ten über die al­les ein­neh­men­de Er­schei­nung Kö­nigs.

Je­mand be­gann zu tu­scheln. »Was gibt’s denn da schon wie­der zu re­den? Es hat vor zehn Mi­nu­ten zum Un­ter­richt ge­klin­gelt und ihr lärmt hier her­um! Wie heißt du?«, frag­te er den Schü­ler, der sich ein kur­z­es Ge­mur­mel er­laubt hat­te.

»Si­mon«, raun­te ei­ner der Acht­kläss­ler.

»Si­mon. Aha. Wer­de mir den Na­men mer­ken. Wehe, du fällst mir un­an­ge­nehm in der Pau­se auf, Si­mon«, sag­te Kö­nig streng zu dem ei­gent­lich sonst stil­len Ju­gend­li­chen.

»Wo ist ei­gent­lich euer Leh­rer?«, frag­te er su­chend in die Klas­se. »Wenn kein Leh­rer da ist, müsst ihr ins Se­kre­ta­ri­at ge­hen und das mel­den. Das schreibt die Haus­ord­nung vor.«

Erst jetzt nahm der Kol­le­ge die am Lehrer­tisch ste­hen­de, ver­un­si­cher­te Re­bec­ca wahr. »Ah, Frau Pe­ters. Sie sind wohl eben erst ge­kom­men, wie?«, frag­te er sie. Vor Schreck, aber glü­ck­lich vor Er­leich­te­rung, dass er ihr ge­ra­de den Arsch ge­ret­tet hat­te, nick­te sie. »Gut«, gab er nun ge­las­se­ner zu­rück und ließ die Tür kra­chend ins Schloss fal­len.

Die Schü­ler stan­den, wohl noch im­mer ein­ge­schüch­tert von der Er­schei­nung des Kol­le­gen, ge­wis­sen­haft an ih­rem Platz. Die schre­ck­e­r­füll­te At­mo­sphä­re hielt ei­ni­ge Mi­nu­ten an. Das lei­ses­te Quat­schen fiel auf, so­dass Re­bec­ca so­fort re­a­gie­ren konn­te.

Auf ein­mal spiel­te das ver­ges­se­ne Ar­beits­blatt kei­ne Rol­le mehr. Ju­les und El­lens Be­mer­kun­gen wa­ren ver­ges­sen, eben­so der Streit von Andy und Mar­tin. Da­bei hät­te sie sich ge­ra­de mit die­sen Vie­ren noch ein­mal un­ter­hal­ten müs­sen, ver­gaß es aber schlicht­weg. Sie führ­te den Schü­lern die neue Me­tho­de für den Zei­chen­un­ter­richt vor und ließ sie dann den Rest der Stun­de ar­bei­ten, er­leich­tert dar­über, dass ihr Kol­le­ge Kö­nig den Kopf ge­ret­tet hat­te, der so kurz vor den Os­ter­fe­ri­en bei­na­he auf der Guil­lo­ti­ne der Miss­ach­tung ge­lan­det wäre.


Ka­pi­tel 7

Um der Trist­heit der Os­ter­fei­er­ta­ge zu ent­flie­hen, bra­chen Paul und Re­bec­ca am Kar­sams­tag für eine Wo­che in den Wan­der­urlaub nach Ös­ter­reich auf.

Beim Kof­fer­pa­cken am Frei­tag­abend war die Stim­mung an­ge­spannt. »Wo sind denn mei­ne Wan­der­stö­cke, Bec­cy?«, rief Paul vom Dach­bo­den aus zu. »Ver­damm­ter Mist!«, brüll­te er, nach­dem er sie nach et­li­chen Mi­nu­ten Su­chen nicht fin­den konn­te. »Wo sind die­se dum­men Wan­der­stö­cke hin?«, gei­fer­te er wei­ter.

Re­bec­ca stand an der Trep­pe zum Dach­bo­den und konn­te nur im­mer wie­der be­kräf­ti­gen, dass sie es nicht wuss­te.

»Habe ich sie viel­leicht in mei­nen Schrank ge­tan?«, fluch­te Paul wei­ter, wo­bei sei­ne Stim­me ge­dämpft zu Re­bec­ca vor­drang, die ge­nervt an der Dach­bo­den­trep­pe aus­harr­te.

»Ich weiß es nicht«, sag­te sie ge­lang­weilt, des­in­ter­es­siert an dem Auf­fin­den der Wan­der­stö­cke. »Mit Si­cher­heit hast du sie noch in dei­nem Ruck­sack drin, auch wenn du meinst, sie au­ßen an den Ruck­sack an­ge­bun­den zu ha­ben«, rief sie ih­rem Freund zu.

Eine er­quick­li­che Ruhe ent­stand, be­vor Paul von oben rief: »Hab sie!«

»Und wo wa­ren die Stö­cke?«, woll­te Re­bec­ca wis­sen. Kei­ne Ant­wort. Statt­des­sen warf er ihr von oben die Wan­der­ruck­sä­cke her­ab, dann folg­ten die lang ge­such­ten Wan­der­stö­cke.

Der Stress, den Paul auf Ar­beit und Re­bec­ca in der Schu­le hat­ten, trüb­te den an­ste­hen­den Ur­laub ge­wal­tig. Mehr als ein­mal ent­fuhr ihr ein tie­fes Stöh­nen und auch Paul re­a­gier­te ge­reizt, weil er vie­le Uten­si­li­en für den an­ste­hen­den Ur­laub nicht gleich fand.

Als die Ruck­sä­cke ge­packt wa­ren, schlug er vor, so­fort das Auto zu be­la­den, um nicht am Mor­gen al­les ein­zu­räu­men und da­mit wert­vol­le Zeit zu ver­geu­den. »Das Es­sen muss noch rein. Wie­so legst du dei­nen Ruck­sack in den Kof­fer­raum?«, pol­ter­te er, als Re­bec­ca das schwe­re Ding al­lein hin­ein wuch­te­te und nun wie­der her­aus­neh­men muss­te.

Und dann die Sta­pel­box mit dem Es­sen drin! Jäh­zor­nig stöhn­te Re­bec­ca auf. Wie gei­zig ihr Freund ge­wor­den war! An­statt nach den Wan­de­run­gen ge­müt­lich in ein Re­stau­rant es­sen zu ge­hen, zog Paul es vor, Re­bec­ca in der Fe­ri­en­woh­nung ko­chen zu las­sen.

Am Abend war sie mit den Ner­ven am Ende, nach­dem das Ge­päck, das Es­sen so­wie wei­te­re Klei­nig­kei­ten im Auto ver­staut wor­den wa­ren. Wäh­rend sich Paul nach dem Abend­brot zu Bett be­ge­ben hat­te, hock­te Re­bec­ca trüb­se­lig auf der Couch und starr­te die Wohn­zim­mer­ein­rich­tung an.

Ihr woll­te es nicht ge­lin­gen, sich auf den ein­wö­chi­gen Ur­laub im Ge­bir­ge zu freu­en. Jetzt war es an ihr, mit Paul aus­zu­kom­men. Der Har­mo­nie wil­len nahm sie sich vor, sich so gut es ging sei­nen Wün­schen im Ur­laub an­zu­pas­sen, da sie die Er­ho­lung ge­nau­so nö­tig hat­te wie ihr Freund. Au­ßer­dem wünsch­te sie sich, dass sie sich als Pär­chen wie­der nä­her ka­men, die alte Ge­bor­gen­heit spü­ren, das Feu­er der Lei­den­schaft neu ent­fa­chen konn­ten.

Noch be­vor die ers­ten Son­nen­strah­len aus dem dämm­ri­gen Him­mel her­aus­bra­chen, be­fan­den sich Paul und Re­bec­ca auf der Au­to­bahn. Nur we­ni­ge LKWs und ein paar Au­tos fuh­ren an die­sem Mor­gen des Kar­sams­tags auf der Stra­ße.

Wie er­war­tet, ver­lief die Fahrt schweig­sam. Ei­ni­ge we­ni­ge Wor­te ver­lie­ßen Pauls Mund und wenn, wa­ren es meist Auf­re­ger über die Fahr­wei­se man­cher Stra­ßen­ver­kehrs­teil­neh­mer. Re­bec­ca saß auf dem Bei­fah­rer­sitz und schau­te ge­lang­weilt aus dem Fens­ter. Die Fel­der, die vor­beig­lit­ten, sa­hen fried­lich aus, wenn sie sich aus dem Mor­gen­ne­bel her­vor­quäl­ten. Hin und wie­der konn­te sie ein paar Rehe auf den Wie­sen oder am Stra­ßen­rand ent­de­cken.

In­zwi­schen hat­te sich das Wet­ter sta­bi­li­siert und es war tags­über an­ge­nehm warm. Es hät­te per­fekt sein kön­nen – wenn Paul nicht so schweig­sam ge­we­sen wäre.

Sie schau­te ihn von der Sei­te an. Sei­ne blau­grau­en Au­gen wa­ren sta­tu­en­haft auf den Stra­ßen­ver­lauf ge­rich­tet. »Sag doch mal was, Paul«, bat sie ihn ge­reizt.

»Er­zähl du doch was«, er­wi­der­te er, ohne sie an­zu­schau­en.

Re­bec­ca dreh­te sich weg, ver­senk­te ihre Hand­flä­che an die Wan­ge, stütz­te den Ell­bo­gen am Tür­rah­men ab und gaff­te er­neut ge­lang­weilt zum Fens­ter hin­aus. Die Welt floss in schnel­ler Ab­fol­ge an ih­ren Au­gen vor­bei.

»Paul?«

»Hm?«

Trotz in­ten­si­ver Über­le­gung woll­te ihr kein Ge­sprächs­the­ma ein­fal­len. Small­talk in der Schu­le fiel ihr min­des­tens ge­nau­so schwer. Erst recht, wenn sie mit Schü­lern über be­lan­g­lo­se Sa­chen spre­chen soll­te.

»Was ist?«, frag­te er, nach­dem sie nichts sag­te.

Re­bec­cas Ge­sichts­mus­keln wa­ren an­ge­spannt. Jetzt wäre der rich­ti­ge Mo­ment ge­we­sen, um Paul auf all die un­er­le­dig­ten Aus­spra­chen zwi­schen ih­nen auf­merk­sam zu ma­chen. Aber weil sie sich vor­ge­nom­men hat­te, den Frie­den zwi­schen ih­nen wäh­rend der Os­ter­fe­ri­en nicht zu ge­fähr­den, un­ter­ließ sie es.

»Da, ein Fuchs!«, sag­te Re­bec­ca aus­wei­chend, ob­wohl sie gar kein Tier ge­se­hen hat­te. Paul re­a­gier­te nicht dar­auf und so zog sich die Fahrt in die Län­ge. Sie gähn­te und be­weg­te ih­ren Kopf wie­der Rich­tung Sei­ten­schei­be, wo er den Groß­teil des Ta­ges ver­harr­te.

Nach über sechs Stun­den lang­wie­ri­ger Fahrt pas­sier­te das Auto die deutsch-ös­ter­rei­chi­sche Gren­ze und nach wei­te­ren zwei Stun­den hat­ten sie ihre Her­ber­ge er­reicht.

In Re­bec­cas Kopf häm­mer­te es, die Bei­ne schmerz­ten vom lan­gen Sit­zen. Paul kroch mehr als dass er ging aus dem Auto her­aus und klag­te über Rü­cken­schmer­zen. Die Ruck­sä­cke aus dem Wa­gen zu he­ben, fiel ihm sicht­lich schwer. »Pack doch mal mit an!«, gei­fer­te er. »Du siehst doch, dass es nicht funk­tio­niert.«

Re­bec­ca um­run­de­te das Auto und zog ge­mein­sam mit Paul den Tra­ge­korb mit den Le­bens­mit­teln drin aus dem Kof­fer­raum. »Mensch ist der schwer!«, rief sie ent­setzt. »War­um schlep­pen wir so viel mit? Wir hät­ten auch hier ein­kau­fen ge­hen kön­nen.«

Es ging ein paar Stu­fen die Fe­ri­en­woh­nung hin­auf. Die Ver­mie­ter hat­ten auf­ge­schlos­sen, so­dass das Ge­päck und das Es­sen gut nach oben trans­por­tiert wer­den konn­te. Das Häus­chen er­weck­te einen sau­be­ren Ein­druck, ob­wohl Paul eine der bil­li­ge­ren Un­ter­künf­te ge­bucht hat­te. Die Woh­nung war ge­räu­mig. Rechts vom Ein­gang gab es einen klei­nen Bal­kon. Links be­fand sich der Kü­chen­be­reich. So­gar ein Ka­min stand im Wohn­zim­mer.

Paul in­spi­zier­te das Schlaf­zim­mer und wur­de sei­nen schwe­ren Ruck­sack los. Re­bec­ca sah vom Wohn­zim­mer aus, wie sich ihr Freund sei­ne Jeans aus­zog und sich da­nach auf das Bett leg­te, ge­schafft von der an­stren­gen­den Fahrt.

Mitt­ler­wei­le ver­spür­te Re­bec­ca gro­ßen Ap­pe­tit, nach­dem sie un­ter­wegs kaum Halt ein­ge­legt hat­ten.

»Paul?«, rief sie vom Wohn­zim­mer aus in die Schlaf­stu­be hin­ein. »Ich dach­te, wir trin­ken jetzt Kaf­fee und es­sen Ku­chen. Ich hab’ Hun­ger.«

»Hm«, er­tön­te es ge­nervt. »Guck doch nach, ob Kaf­fee da ist«, gab er ins Kis­sen grum­melnd zu­rück.

»Und was ist mit Ku­chen?«, frag­te sie.

»Hast du wel­chen mit­ge­nom­men?«

»Nein, aber ich dach­te, wir ge­hen wel­chen es­sen. Ich habe am An­fang des Dorfs ein klei­nes Café ge­se­hen. Dort kön­nen wir doch hin­ge­hen.«

Den letz­ten Satz ver­stand Paul of­fen­sicht­lich als Fra­ge, denn er ant­wor­te­te: »Kei­ne Lust.«

»We­gen der lan­gen Fahrt?«, frag­te Re­bec­ca zu­rück.

Paul lag ein­fach nur da, ohne zu ant­wor­ten.

Ent­mu­tigt trab­te sie in die Kü­che zu­rück. Mit ei­nem Male fühl­te sich die Woh­nung fremd und kühl an. Al­les Le­ben, al­les Schö­ne, was sie eben wahr­ge­nom­men hat­te, schien aus ihr ge­wi­chen zu sein. Re­bec­ca sah ih­ren Rei­se­ruck­sack am Sofa ste­hen, er­späh­te die fein ge­putz­ten Kü­chen­ge­rä­te und die sau­ber zu­sam­men­ge­leg­ten Hand­tü­cher auf den Stüh­len ne­ben dem Ein­gangs­be­reich. Es war lei­se, ganz furcht­bar lei­se. Al­les um sie her­um kam ihr fremd und leer vor.

Den gan­zen Tag über hat­te sie nicht an Lou ge­dacht, ob­wohl die Fahrt zu­tiefst ein­tö­nig war. Nun hol­te sie die Sehn­sucht ein und ihr wur­de be­wusst, dass das Ge­fühl der Frem­de nicht von der Woh­nung her­rühr­te, son­dern von der Emo­ti­on, mit ei­nem ihr fremd ge­wor­de­nen Men­schen in den Ur­laub ge­fah­ren zu sein.

Sie heg­te kein Ver­lan­gen da­nach, sich ne­ben Paul ins Bett zu le­gen. Re­bec­ca hat­te auch kei­ne Lust, ab mor­gen den gan­zen Tag mit ihm un­ter­wegs zu sein. Fremd, leer, kalt. Nicht nur die Woh­nung war es, auch ihr In­ne­res sehn­te sich nach Ge­bor­gen­heit und Wär­me.

Sie leg­te sich zum Aus­ru­hen auf das Sofa. Lei­se, furcht­bar lei­se. Re­bec­ca ver­such­te, nicht krampf­haft an die bit­te­re Ei­n­ö­de zu den­ken, in der sie sich ge­fan­gen fühl­te.

Wenn sie den Kopf nach rechts neig­te, blick­te sie auf den Bal­kon und von dort aus nach drau­ßen. Auf den Gip­feln der um­lie­gen­den Ber­ge war noch Schnee zu se­hen, das Wet­ter zeig­te sich trü­be und grau. Beim Ge­dan­ken an ein klei­nes ge­müt­li­ches, war­mes Café, in dem sie jetzt sit­zen könn­ten, bil­de­ten sich Trä­nen in Re­bec­cas Au­gen.

Sie sah es so deut­lich vor sich: Paul, wie er ihr ge­gen­über sitzt, eine hei­ße Scho­ko­la­de trinkt und sich an ei­nem gro­ßen Stück Schwa­rz­wäl­der Kirsch­tor­te er­freut. Sie, mit dem damp­fen­den Cappuc­ci­no und dem le­cker duf­ten­den Mohn­ku­chen vor sich. In der Ecke fla­ckert der Ka­min, an den Wän­den hän­gen ver­gilb­te Fo­tos von den Ein­hei­mi­schen und Wildtro­phä­en der Jä­ger. Paul, wie er ihr sei­ne rech­te Hand reicht, wie sie sich ro­man­tisch in die Au­gen schau­en und über all das spre­chen, was sie sich schon im­mer sa­gen woll­ten.

Eine Trä­ne nahm Re­bec­ca die Sicht, roll­te als di­cker Trop­fen über ihre lin­ke Wan­ge und er­zeug­te ein dump­fes Ge­räusch, als sie auf dem grau­en Sofa un­ter ihr auf­traf und dort in das Ma­te­ri­al ein­zog. Noch im­mer starr­te sie nach­denk­lich an die wei­ße Zim­mer­de­cke.

Paul stand ge­gen halb sechs auf. Mit gla­si­gen Au­gen sah er sich im Wohn­zim­mer um, be­vor er mit dem Aus­pa­cken der Klei­dung be­gann. Sei­ne blon­den Haa­re fie­len ihm lo­cker ins Ge­sicht, als er sich nach vorn beug­te, um sei­ne Un­ter­wä­sche in die Schub­la­de des Schranks zu ver­stau­en.

Re­bec­ca lug­te ge­lang­weilt um die Ecke des Schlaf­zim­mers her­um und be­trach­te­te Paul beim Aus­pa­cken sei­nes Rei­se­ge­päcks.

»Hast du nichts zu tun?«, frag­te er, ohne Re­bec­ca, de­ren An­we­sen­heit ihn of­fen­bar stör­te, ins Ge­sicht zu se­hen.

Trotz al­ler gu­ten Vor­sät­ze, die Har­mo­nie im Ur­laub nicht zu ge­fähr­den, konn­te sie noch im­mer nicht den Ca­fé­be­such ver­ges­sen. »Ei­gent­lich woll­ten wir ins Café ge­hen, Paul.« Er schau­te nur kurz auf, be­vor er sich wie­der sei­nen Sa­chen zu­wand­te.

»Wir sind doch noch et­li­che Tage da. Ich habe Kopf­schmer­zen vom lan­gen Fah­ren und brau­che mei­ne Ruhe. Lass uns mor­gen oder über­mor­gen hin­ge­hen.«

Re­bec­ca wink­te ab und ging in die Kü­che, um das Abend­brot vor­zu­be­rei­ten. Sie hat­te von zu Hau­se vor­ge­koch­ten Lachs mit­ge­bracht; jetzt be­rei­te­te sie noch Nu­deln zu, die es als Bei­la­ge ge­ben soll­te.

Wäh­rend das Ge­räusch der Dun­st­ab­zugs­hau­be die Woh­nung er­füll­te, deck­te sie den Tisch, der sich un­weit des Ein­gangs be­fand. Im Schrank hat­te sie eine Ker­ze ge­fun­den, die sie lie­be­voll auf dem Tisch plat­zier­te.

Paul hat­te sich, nach­dem er sei­ne Klei­dung ein­ge­räumt hat­te, über den Ka­min her­ge­macht, so­dass es nun ku­sche­lig warm in der Fe­ri­en­woh­nung wur­de und Re­bec­ca die Un­ter­kunft we­ni­ger kalt und fremd vor­kam. Die ver­schnei­ten Ber­ge im Hin­ter­grund wa­ren be­reits der abend­li­chen Dun­kel­heit ge­wi­chen. Ein­zig der Bal­kon wur­de durch eine La­ter­ne, die sich vor dem Haus be­fand, in ein ma­le­ri­sches Licht ge­taucht.

Be­vor sich Paul zum Es­sen an den Tisch setz­te, ver­schwand er noch ein­mal ins Schlaf­zim­mer und kam zur Über­ra­schung Re­bec­cas mit ei­ner Fla­sche Weiß­wein zu­rück. »Hast du die heim­lich von zu Hau­se mit­ge­nom­men?«, frag­te sie grin­send, als sie sah, wie sich Paul am Kor­ken ab­müh­te. Er füll­te den In­halt in bau­chi­ge Glä­ser und stell­te die­se ele­gant auf dem Tisch ab.

Wäh­rend des Es­sens spra­chen sie erst­mals an­ge­regt mit­ein­an­der, wenn auch über Be­lan­g­lo­sig­kei­ten der Fahrt. Be­rauscht durch das köst­li­che Ge­tränk frag­te Paul: »Wol­len wir heu­te Abend noch ein we­nig ku­scheln? Dort auf dem Fell vor dem Ka­min?« Sei­ne Au­gen glänz­ten. Re­bec­ca lä­chel­te, über­rascht von den Wor­ten ih­res Freun­des. Ge­nau das woll­te sie: Ro­man­tik mit Paul, da­mit sie sich wie­der an­nä­hern und sie end­lich das hoff­nungs­lo­se Seh­nen nach ih­rem Schü­ler ver­ges­sen konn­te.

Mit je­dem wei­te­ren Nip­pen am Glas ent­spann­te sich Re­bec­ca und wur­de lo­cke­rer. Plötz­lich wa­ren ihre be­lan­g­lo­sen Ge­sprä­che nicht mehr nur ein­tö­nig. Sie sprach mit Paul, als wäre sie ihm ges­tern das ers­te Mal be­geg­net und als gäbe es viel zu er­zäh­len. Ihr kam es fast so vor, als hät­ten sie sich nach ei­ner lan­gen Zeit der Ein­sam­keit wie­der­ge­fun­den und müss­ten sich nun über ih­ren Le­bens­weg aus­tau­schen.

Paul er­schien ihr we­ni­ger fremd und ab­wei­send. Mit je­dem Schluck wur­de er ihr ver­trau­ter, at­trak­ti­ver. Mit je­dem wei­te­ren Schluck woll­te Re­bec­ca ihn küs­sen, aus­zie­hen, auf das Fell nie­der­drü­cken und ab­le­cken. Von oben bis un­ten mit ih­rer Zun­ge über sei­nen ver­trau­ten Kör­per fah­ren.

Nach nicht ein­mal ei­nem hal­b­en Glas Weiß­wein er­hob sie sich vom Platz und setz­te sich kur­zer­hand auf Pauls Schoß. Ihre Arme um­schlan­gen sei­nen Hals. So als wür­de er sie zum ers­ten Mal in sei­nen Ar­men hal­ten, sah er Re­bec­ca ver­füh­re­risch an. Die Be­rüh­rung fühl­te sich un­glaub­lich warm und ver­traut an. Der Kuss schmeck­te aro­ma­ti­siert vom Wein süß und war un­glaub­lich in­nig. Zärt­lich, aber auch lei­den­schaft­lich. For­dernd, aber gleich­zei­tig zu­rück­hal­tend.

Seit lan­ger Zeit konn­te Re­bec­ca so et­was wie ech­te se­xu­el­le Lust nach ih­rem lang­jäh­ri­gen Part­ner emp­fin­den. Des­we­gen rutsch­te sie nun lang­sam an Pauls Schoß her­un­ter, noch im­mer mit ih­rer Zun­ge sei­nen Mund er­kun­dend, den sie in letz­ter Zeit nie mit wirk­li­cher Hin­ga­be er­forscht zu ha­ben mein­te.

Im Un­ter­be­wusst­sein wuss­te sie, dass sie der Wein zu ei­ner solch ero­ti­schen An­zie­hung an­stif­te­te. Aber jetzt war ihr al­les egal. Was zähl­te, war ein­zig der Mo­ment, den sie aus­kos­ten woll­te.

Sie zog ihn vom Stuhl her­un­ter, auf das Fell vor dem Ka­min. Da sich der Ofen un­weit des Ein­gangs zur Fe­ri­en­be­hau­sung be­fand, durch­streif­te Re­bec­ca der Ge­dan­ke, es könn­te von au­ßen je­mand in ihr Lie­bes­ge­mach hin­ein­se­hen und sie beim Vö­geln be­ob­ach­ten. Ein zu­sätz­li­cher Kit­zel, der ihre Lust an­heiz­te.

Ihre Knie spür­ten das wei­che Ma­te­ri­al, auf dem sie lag. Es fühl­te sich mol­lig warm an, wie frisch ei­nem Tier ab­ge­zo­gen. Mit ei­ner Hand strei­chel­te sie über das Fell, mit der an­de­ren be­rühr­te sie zärt­lich Pauls Ober­kör­per, fuhr über sei­nen blau­en Pull­over und be­weg­te dann ihre Hand in Rich­tung sei­ner Hose, wo sie be­reits sei­ne Lust grei­fen konn­te.

Wäh­rend sie mit der einen Hand über die Kon­tu­ren sei­nes Ge­mächts und sei­ner Ho­den fuhr, ver­such­te Re­bec­ca mit der zwei­ten Hand den Reiß­ver­schluss sei­ner Hose zu öff­nen.

Sie er­kun­de­te Pauls Mund, der fruch­tig nach dem Wein schmeck­te, mit ih­rer Zun­ge, um­fuhr sanft sei­ne Lip­pen mit der Zun­gen­spit­ze und stieß in den Mund hin­ein, um sei­ne Zun­ge zu mas­sie­ren.

Wäh­rend sich ihre Zun­gen in ei­nem Tanz be­fan­den, hat­te sich Paul be­reits dar­an ge­macht, ih­ren Kör­per mit sei­ner Hand zu er­kun­den. Er kann­te je­den Win­kel ih­rer Haut und doch kam es Re­bec­ca vor, als be­rühr­te er sie heu­te an­ders. Als wür­de er ihre Kur­ven das ers­te Mal mit sei­nen Hän­den um­spie­len.

Sie wünsch­te sich, die­sen in­ten­si­ven Mo­ment so lan­ge wie mög­lich hin­aus­zu­zö­gern. Wie hyp­no­ti­siert ließ sie sich un­ter sei­ner war­men Hand fal­len und sich von ihr füh­ren. Er glitt un­ter den Pull­over, in Rich­tung ih­rer Brüs­te. Sei­ne Fin­ger scho­ben den BH bei­sei­te und be­rühr­ten die Brust­wa­r­zen, die sich nach oben auf­rich­te­ten. Mit den Fin­ger­kup­pen der an­de­ren Hand strei­chel­te Paul Re­bec­ca über den Rü­cken und kit­zel­te ihre Schul­ter­blät­ter.

Mit je­dem lei­den­schaft­li­chen Kuss, den sie so lan­ge schon ver­misst hat­te und mit je­der Fa­ser ih­res Kör­pers, ge­hör­te sie ih­rem Freund. Die Be­rüh­rung sei­ner Fin­ger und die Wär­me des Ka­mins sorg­ten für ein Ge­fühl ab­so­lu­ter Har­mo­nie in ihr. Mit je­der wei­te­ren Be­rüh­rung woll­te sie Paul an sich rei­ßen, ihn ver­schlin­gen, ihn in sich auf­sau­gen.

Da­her stand Re­bec­ca auf, ent­zog sich sei­nen Be­rüh­run­gen und ließ ihre Hüf­te vor sei­nen in­ter­es­sier­ten Au­gen krei­sen. Sie dreh­te sich von ihm weg und streif­te sich die Hose über den Po. Paul woll­te da­nach grei­fen, aber das ließ sie nicht zu. Jetzt war es an ihr, das Tem­po und den Takt fest­zu­le­gen. Im schwa­r­zen Unter­hös­chen und ro­ten Pull­over vor ihm ste­hend, dreh­te sie sich las­ziv her­um.

Sei­ne Au­gen glit­zer­ten, wo­bei er wie ein klei­nes Kind aus­sah, das sich dar­auf freu­te, Weih­nachts­ge­schen­ke aus­zu­pa­cken. Sie tanz­te wei­ter, von un­hör­ba­rer Mu­sik be­glei­tet, vor ihm, trat an den Tisch her­an und um­klam­mer­te das Wein­glas mit der rech­ten Hand. Dann nahm sie einen Schluck dar­aus und stell­te es auf dem Tisch ab. An­schlie­ßend fuhr Re­bec­ca mit den Hän­den über ihre Brüs­te, wo­bei sie Paul kei­ne Se­kun­de aus den Au­gen ließ.

Sie spür­te, dass er die In­itia­ti­ve er­grei­fen woll­te, ließ sie ihn nicht zum Zuge kom­men. Auch dann nicht, als er auf dem Fell in ihre Rich­tung robb­te.

Mit ei­ner ge­schmei­di­gen Arm­be­we­gung zog sich Re­bec­ca den Pull­over über den Kopf, so­dass sie jetzt nur noch im Slip und BH vor Paul stand. Wie­der griff sei­ne Hand nach ihr, aber sie ent­wand sich ihm ko­kett lä­chelnd, in­dem sie einen Schritt zu­rück mach­te und die Hüf­ten vor sei­nen Au­gen krei­sen ließ. Auf dem Rü­cken spür­te sie die Wär­me des Ka­mins, die sie nun gänz­lich ein­gehüllt hat­te.

Mit ge­schlos­se­nen Au­gen ge­noss sie es, voll und ganz im Mit­tel­punkt zu ste­hen. Da­bei be­merk­te sie nicht, dass sich Paul er­ho­ben und mit dem Arm ihre Tail­le um­grif­fen hat­te. Lang­sam zog er Re­bec­ca zu sich her­an, küss­te sie aus­gie­big auf den Mund und kreis­te mit ihr ge­mein­sam im Takt ei­ner ima­gi­nären Mu­sik mit den Hüf­ten. Im­mer in­ni­ger wur­den die ge­mein­sa­men Dre­hun­gen. Sei­ne Hän­de um­fin­gen ih­ren Rü­cken, er wieg­te sie in sich.

Mit ei­nem ge­schmei­di­gen Schwung schob er sie auf das Fell vor dem Ka­min. Be­rauscht ließ sich Re­bec­ca nach un­ten glei­ten und ihn in sei­nen Be­we­gun­gen ge­wäh­ren. Er zog ihr zu­nächst, wäh­rend sie auf dem Rü­cken lag, den Slip aus. Da­nach dreh­te sie sich um und er mach­te ihr den BH auf. Sie lag nackt mit dem Bauch auf dem wei­chen Bä­ren­fell. Ihre Nip­pel spür­ten das sanf­te Ma­te­ri­al un­ter ihr. Wär­me um­fing ih­ren Rü­cken, nach­dem sich Paul ganz aus­ge­zo­gen und sich auf sie ge­legt hat­te. Sein auf­ge­rich­te­tes Glied press­te sich ge­gen Re­bec­cas Hin­tern. Er küss­te zärt­lich ih­ren Nacken und ließ sei­ne Lip­pen da­nach über ih­ren Rü­cken tan­zen.

So ein in­ni­ges Ver­lan­gen nach­ein­an­der hat­ten sie schon ge­rau­me Zeit nicht mehr ver­spürt. Als Paul in sie ein­drin­gen woll­te, ent­zog sie sich sei­nem Griff, denn die Füh­rung ge­hör­te ihr! Sie war die­je­ni­ge, die end­lich die Lust voll­um­fäng­lich spü­ren woll­te.

»Leg dich auf den Rü­cken«, bat sie ih­ren Freund, der sie lie­bes­trun­ken und wohl auch be­rauscht vom Wein an­sah. Re­bec­ca wuss­te, dass er am liebs­ten so­fort sei­ne Lust be­frie­digt hät­te, aber das konn­te sie ihm nicht ge­stat­ten. Noch nicht.

Voll­kom­men nackt stand sie auf und wank­te schwe­ren Schrit­tes zum Tisch, wo ihr halb­lee­res Glas Wein stand. Mit ei­ner flin­ken Hand­be­we­gung er­griff sie es und ging da­mit zum Bä­ren­fell zu­rück. Ge­schmei­dig dreh­te sie ih­ren schlan­ken Kör­per nach un­ten und goss et­was von dem köst­li­chen Ge­tränk auf Pauls nack­ten Ober­kör­per. Er stöhn­te auf, als das kal­te Nass sei­ne war­me Brust und sei­nen hei­ßen Bauch her­un­ter­rann: »Ah!«

Er woll­te sich er­he­ben, aber Re­bec­ca drück­te ihn nach un­ten. Dann senk­te sie den Kopf zu ihm her­ab und leck­te den Wein von sei­ner nack­ten Haut. Ihn in sich auf­sau­gen, ihn schme­cken, ihn rie­chen, ihn be­rüh­ren, ihn stöh­nen hö­ren. Ihre Sin­ne wa­ren hell­wach und doch be­rauscht vom Wein, den sie zu sich ge­nom­men hat­te.

Ihre Zun­ge glitt vom Bauch­na­bel aus, in dem sich das meis­te Nass ge­sam­melt hat­te, wei­ter nach un­ten. Um ih­nen noch mög­lichst viel Lust zu ver­schaf­fen, um­kreis­te Re­bec­ca nur sanft mit der Zun­ge die Ei­chel, die nun den Ge­schmack des Weins an­nahm. We­der saug­te sie dar­an noch ver­stärk­te sie die Be­we­gun­gen ih­res Mun­des und der Zun­ge, um sei­ne Ener­gie in ihr ge­bün­delt zum Auf­ko­chen zu brin­gen.

Ele­gant glitt sei­ne Här­te in sie hin­ein, als sie sich auf Paul drauf setz­te. An je­dem Win­kel ih­rer Va­gi­na fühl­te sie sei­nen Pe­nis in sich zu­cken, er füll­te sie voll und ganz aus. Und mit den nun ein­set­zen­den Be­we­gun­gen drang er im­mer tie­fer in sie ein, schwang wie­der zu­rück, um sich er­neut auf die Su­che nach ih­rem In­ne­ren zu be­ge­ben.

Ihre Hüf­ten be­weg­ten sich ama­zo­nen­gleich auf ihm und im­mer schnel­ler wer­dend ritt sie Paul. Sie hat­te Ver­lan­gen da­nach, ihm da­bei in die Au­gen zu schau­en und auch er ließ sie mit sei­nem Blick nicht mehr los.

Als sie merk­te, dass er wie­der die Füh­rung über­neh­men woll­te, weil er sich dem Hö­he­punkt nahe sah, drück­te ihn Re­bec­ca mit bei­den Hän­den nach un­ten. Sie spür­te, wie er sich un­ter ihr wand, end­lich kom­men woll­te, aber noch nicht. Noch nicht. »Ge­duld«, stöhn­te sie lei­se in sein Ohr. »Lass uns noch eine Wei­le so in­ein­an­der ver­har­ren.«

Mit fes­tem Griff um­klam­mer­te Paul ihre Hüf­te, schob mit gan­zer Kraft ih­ren Po schnel­ler auf sich. Re­bec­ca fühl­te, wie sich sein Phal­lus wei­ter nach in­nen schob, pul­sier­te und dann die gan­ze Kraft mit ei­nem Male ent­la­den wur­de.

Noch drei wei­te­re Stö­ße, dann fiel Paul mit dem Rü­cken nach un­ten auf das Fell, wäh­rend Re­bec­ca mit Ge­nuss die breii­ge, war­me Mas­se, die sich in ih­rem Schoß sam­mel­te, wahr­nahm. Sie woll­te Paul so lan­ge wie ir­gend mög­lich in sich spü­ren, woll­te end­lich die alte Lei­den­schaft zu­rück­er­obern, die ih­nen so lan­ge schon nicht mehr zu­teil wur­de.

Einen Or­gas­mus zu er­le­ben, blieb ihr ver­sagt. Aber sie hat­te einen viel grö­ße­ren Tri­umph er­zielt, der ihr Be­frie­di­gung ver­schaff­te. Näm­lich das Ge­fühl, ih­rem Freund end­lich ein Stück nä­her­ge­kom­men zu sein.

Frei­tag, den 2. April

Lie­ber Paul,

soll ich oder soll ich nicht? Dir schrei­ben, dass du mich zum ers­ten Mal seit lan­ger Zeit wie­der glü­ck­lich ge­macht hast? Ja, es ist der vie­le Wein ge­we­sen, der uns die Aben­de im Ur­laub ver­süßt hat. Wenn du es jetzt noch schaf­fen könn­test, die­se Stim­mung auch in un­se­ren All­tag zu trans­por­tie­ren, mehr mit mir zu re­den, mich wie­der öf­ter in den Arm zu neh­men und mir zu sa­gen, wie sehr du mich liebst, dann wäre ich die glü­ck­lichs­te Frau auf der Welt und hät­te gar kei­nen An­lass, dir im Geis­te un­treu zu wer­den.

Ich habe mir ge­ra­de un­se­re Fo­tos vom Os­ter­ur­laub an­ge­se­hen. Auf je­dem die­ser Bil­der sehe ich eine la­chen­de Frau. Eine Re­bec­ca, die ihre Sehn­süch­te zeigt, aber auch eine, die dich nicht ver­är­gern will und dir aus die­sem Grund ihre wah­ren Ge­füh­le ver­heim­licht. Die Fo­tos sind eine rie­sen­gro­ße Fa­r­ce, Paul. Sie stel­len auch Mo­men­te des Glücks dar. Weil wir uns un­ter­hal­ten ha­ben wäh­rend der Wan­de­run­gen oder weil du ohne Auf­for­de­rung mei­ne Hand ge­nom­men hast oder weil wir end­lich mal wie­der zu­sam­men la­chen konn­ten. Wir! Ist das zu fas­sen. Gib mir mehr da­von, Paul! Mehr!

Ich fürch­te lei­der, dass uns zu schnell die Ge­gen­wart und die Rou­ti­ne der Ar­beit ein­ho­len wird. Du wirst wie­der spät nach Hau­se kom­men, dich ins Bett le­gen oder jetzt, wo es Früh­ling wird, dei­ne freie Zeit im Gar­ten ver­brin­gen. Und ich? Ich wer­de un­wei­ger­lich IHM wie­der be­geg­nen. Lass nicht zu, dass mich die­se Lei­den­schaft zu ei­nem Men­schen, den ich nicht ha­ben darf, von in­nen her­aus auf­frisst. Ich glau­be näm­lich nicht, dass ich stark ge­nug sein wer­de, IHM zu wi­der­ste­hen. Ich weiß nicht, ob ich die Ener­gie auf­brin­gen kann, der Sehn­sucht wei­ter so da­von­zu­lau­fen, wie ich es bis­her ge­tan habe.

Dei­ne Re­bec­ca.

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501 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783752924428
Yayıncı:
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Bookwire
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Serideki Birinci kitap "Rebeccas Schüler"
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