Kitabı oku: «Rebeccas Schüler»

Anziehend, verboten und gefährlich
ROMAN
TIRA BEIGE
Impressum
2. überarbeitete Auflage 2021
Copyright © 2020 Tira Beige
Verlag:
c/o AutorenServices.de
Birkenallee 24, 36037 Fulda
tira.beige@gmx.net
Umschlaggestaltung: Constanze Kramer
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Bildnachweis:
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Satz: Constanze Kramer
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Warnhinweis
Der nachfolgende Roman thematisiert an etlichen Stellen ernstzunehmende Themen: Mobbing, sexuelle Gewalt, psychische Störungen bzw. Depression sowie Suizid.
Dies könnten einige Leser/innen beunruhigend
oder verstörend finden. Lesen auf eigene Gefahr
und erst ab 18 Jahren.
Auf die Verwendung von Kondomen wird aus Gründen des Leseflusses verzichtet. Das heißt aber nicht, dass Tira Beige sie als bedeutungslos erachtet. Im Gegenteil: Kondome schützen vor ungewollter Schwangerschaft und vor anstreckenden Geschlechtskrankheiten.
Prolog
Mitschnitt aus der Vernehmung der Zeugin Alicia Heger
[…]
Polizist:
Wie bist du auf die ganze Sache aufmerksam geworden?
Alicia:
So wie jeder andere. Er brachte irgendwie bei dem Schulfest das Mikrofon an sich. Keine Ahnung, wie er Philipp aus der Zwölften überredet hat. Der achtet normalerweise immer darauf, dass er sich um die Technik allein kümmern darf.
Und dann stand er da, auf der Bühne. Er machte einerseits den Eindruck, als wisse er nicht so recht, wohin mit sich, aber seine Worte waren absolut klar. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, als er anfing zu sprechen. Wir wussten zuerst gar nicht, warum er da überhaupt stand, haben uns angesehen und gelacht. So wie wir uns öfter über ihn lustig gemacht haben.
Aber was danach kam, das schockierte uns alle! Und dann schauten wir nur noch auf sie.
Teil 1
Anziehend
Kapitel 1
»Machst du jetzt etwa einen auf Domina?«
»Du sahst gerade so aus, als würdest du darauf stehen …«
Rebeccas Fuß ruhte auf der Brust ihres Freundes, während ihr der warme Wasserdampf ins Gesicht schlug. Paul lag auf dem Rücken lang gestreckt in der Badewanne, lächelte süffisant und schaute an ihrem nackten, schlanken Körper hinauf. Ein letztes Mal kreuzten sich ihre Blicke, bevor Rebecca ihren Fuß anhob und aus der Badewanne stieg.
»Morgen werde ich wieder die Schüler dominieren«, sagte sie. Pauls Grinsen verzog sich zu einer spöttischen Grimasse. »Warum lachst du so boshaft?«, entfuhr es ihr.
»Mal sehen, wer wen dominieren wird«, amüsierte er sich.
»Idiot!«
Rebecca griff mit einer blitzartigen Bewegung zu ihrem flauschigen weißen Handtuch und trocknete sich ab.
»Ach komm schon, Beccy, war doch nicht so gemeint.« Was für ein unbesonnener Satz! Sie drehte sich demonstrativ weg. Reichte es nicht, dass sie selbst an sich zweifelte?
Vom Spiegel aus beobachtete sie, wie Pauls Blick von ihrem Oberkörper nach unten zu ihrem Po wanderte. Dann tauchte er, auf dem Rücken liegend, seinen Kopf in das warme Badewasser, um sich die Haare zu waschen.
Rebecca drehte sich um und warf einen letzten Blick in die Wanne, wobei ihr die langen braunen Haare gegen die Wange klatschten und eine feuchte Strähne dort kleben blieb.
Pauls untersetzter Oberkörper wippte bei jeder Bewegung, die er unter Wasser an seinem Kopf vollzog, leicht auf und ab. Vor sieben Jahren sah er noch besser aus. Ihre Liebe zu ihm auch.
Ihre trockenen Füße trugen Rebecca ins gegenüber vom Bad gelegene Schlafzimmer, wo sie sich ein frisch duftendes Nachthemd überwarf. Nichts konnte die Angst überdecken, der sie sich unweigerlich stellen musste, wenn sie morgen wieder die Schule betrat. Mal sehen, wer wen dominieren wird. Pauls lose daher gesprochenen Worte waren gar nicht so abwegig; machten sie Rebecca doch auf das Problem aufmerksam, wer die wirkliche Autorität im Klassenraum besaß. Sein unüberlegter Satz traf einen wunden Punkt in ihr, den sie am liebsten ausradiert hätte.
Im Vergleich zu den letzten zwei erholsamen Winterferienwochen löste der kleinste Gedanke an den Unterricht morgen und an den in den kommenden fünf Wochen bis zu den Osterferien Gruselgefühle in Rebecca aus. Sie sah schon jetzt die nervtötenden Siebtklässler, ihre unberechenbaren Achter und die langweiligen Oberstufenschüler aus Klasse 11 vor sich.
Rebecca verließ das Schlafzimmer und sank auf das Sofa in der Wohnstube nieder. »Oh man …«, flüsterte sie, als sie den Fernseher einschaltete, kein passendes Abendprogramm fand und wahllos durch die Fernsehkanäle zappte. Den Ellenbogen legte sie auf der Lehne ab und stützte den Kopf schwer lastend in die Handfläche.
Nach zweimaligem Durchschalten blieb sie bei einer Reisesendung hängen. Die Moderatorin schlenderte an einem fernen Ort über weißen Sand. Rebecca verzog neidisch den Mund, als sie die Frau betrachtete, die weit weg von jeglichem Alltagsstress aller Sorgen frei am Strand entlang spazierte. Im Hintergrund rauschte das Meer vor der Küste. Es musste später Nachmittag sein, denn das warme Licht umfing die blonden Strähnen ihres Haares und ließ es in der Sonne wie goldenes Stroh aufblitzen.
Erinnerungen an den ersten Urlaub mit ihrem Freund bildeten sich vor Rebeccas innerem Auge ab, verschwanden aber sofort, als sie Paul im Bad rufen hörte: »Beccy? Kannst du mir mal neues Shampoo holen?«
Sie rennt über den Gang. Geräuschlos. Der viele Sand, der in kleinen weichen Dünen aufgeschichtet vor ihr liegt, erschwert das Fortkommen. Weiter hechten. Vorwärts. Aber der feine weiße Strandsand liegt vor den Türen und es bleibt nur ein Springen von Düne zu Düne übrig. Fast hätte sie die Decke des Gebäudes berührt. Noch ein großer Sprung. Das Klassenzimmer der Siebener. Svenja, Steven, Mona und Jonas laufen gegenüber der Tür in einer Nische über ein aufgeschüttetes Eiland. In der Hand halten sie Eisbecher, Cocktails und Sonnenschirme. Wo sie das herhaben, will sie von den Kindern wissen. Aus La Reunion. Von außen fällt gleißendes Licht in das Gebäude, sodass die blonden Haare von Svenja fast weiß erscheinen. Mechanisch, mit herabgesenkten Köpfen laufen sie stur hintereinander im Kreis das Eiland der Nische ab. Noch rechtzeitig den Klassenraum erreicht. Stimmengewirr ertönt.
Sie öffnet die Tür und steht mit beiden Beinen im Wasser. Die Tische sind wüst durcheinander angeordnet. Nackte und halbnackte Schüler drängen sich in dem Raum, planschen in dem auf dem Boden befindlichen Wasser. Robert liegt auf dem Rücken, während Natalie in Siegerpose über ihm steht und ihm den Fuß auf seine Brust drückt.
Da sind auch Martin und Ellen aus der achten Klasse, die eng beieinander stehen und lachen. Ein Junge aus der elften Klasse hält aufreizend eine Siebtklässlerin im Arm. So viel Wasser unter ihren Füßen. Der Schulhof ist das Meer. An die Außenwand des Gebäudes schlagen hohe Wellen an. Paul steht mit einer Badehose bekleidet am Fenster und will nach draußen springen. »Auf La Reunion gibt es Haie, Paul, das weißt du doch. Schwimm’ nicht zu weit raus!« Doch er hört nicht. Ruckartig springt er vom Fensterbrett des Klassenraums in den Ozean hinein.
Piep Piep Piep Piep Piep Piep. 5:00 Uhr morgens. Rebecca richtete sich schlaftrunken im Bett auf, um den gellenden Apparat auf dem Nachttisch auszuschalten.
Ihr blieb nicht viel Zeit, die wirren Eindrücke im Kopf zu sortieren. Gähnend schleppte sie sich ins Badezimmer, wo die kurze Nachtruhe unaufhörlich ihren Tribut forderte. Unter der Dusche stehend überzog sich ihr Körper mit Gänsehaut. Nur mühsam konnte sie die Augen offenhalten, während Ausschnitte aus dem Traum vorbeizogen.
Als Rebecca das Schlafzimmer wieder betrat, schlummerte Paul friedlich vor sich hin, verbarg jedoch sein Gesicht unter der Bettdecke, als er das eingeschaltete Licht bemerkte. Ein Gefühl der Eifersucht durchflutete Rebecca. Neid auf den Partner, der erst in wenigen Stunden aufstehen musste.
Trotz Schlafdefizit ließ sie keine Hektik zu: Aufstehen, Duschen, Anziehen, eventuell Haare waschen, föhnen, essen, Toilette, Zähne putzen, die mitzunehmenden Schulmaterialien kontrollieren, Tasche einräumen, zum Auto gehen. Das war angesichts der Gewohnheit in weniger als einer Stunde möglich. Außer heute Morgen.
Um nicht zu sehr die Augen zukneifen zu müssen, dimmte Rebecca die Deckenbeleuchtung in der Küche. Schummrig vollzog sie die routinierten Schritte, um halbwegs Normalität nach den zwei Wochen Ferien herzustellen.
6:05 Uhr. Die über zwanzig Kilometer Fahrt zwischen Zuhause und der Arbeitsstelle wurden heute, am ersten Schultag nach den Winterferien, zu einer gedankenverlorenen Angelegenheit. Gelbe und weiße Lichter kamen auf der anderen Straßenseite entgegen. Sie blieben anonym und farblos, die Fahrer hatten kein Gesicht. Helle Lichter fuhren in Ketten vorbei und wurden im Rückspiegel zu roten, kleiner werdenden Punkten. Manchmal überholte ein gelbes Licht und wurde zu zwei roten Punkten vor dem Auto. Bisweilen fuhr eine ganze Kette roter Lichter vor ihr her.
Es war noch immer finster, als Rebecca wie fast jeden Morgen als eine der Ersten auf dem Parkplatz der Schule eintraf. Das nächste routinierte Morgenprogramm wurde durchgezogen: Kopieren, Lochen, E-Mails checken und Klassenbuch kontrollieren. Kopien für die Siebtklässler waren anzufertigen.
Während sie gähnend vor dem Kopierer auf dessen Einsatzbereitschaft wartete, betrat Harald das Lehrerzimmer und begrüßte sie mit einem lang gezogenen »Guten Morgen. Bist ja wieder zeitig heute da.« Erneutes Gähnen.
»Morgen, Harald. Na, hattest du ein paar schöne Ferien?« Das übliche Bla Bla, wenn man sich zwei Wochen nicht gesehen hatte.
Harald gehörte zu Rebeccas engerem Freundeskreis im Kollegium, unterrichtete genau wie sie Deutsch. Seine schlohweißen Haare glänzten in der morgendlichen Beleuchtung des Lehrerzimmers.
»Angela und ich waren zu Hause. Ich habe ein paar Arbeiten kontrolliert und mich erholt. Nichts Aufregendes.«
Im Gegensatz zu ihm war Gelassenheit für Rebecca zum Fremdwort geworden. Was auf Arbeit passierte, musste mit nach Hause genommen und ausladend erörtert werden, selbst wenn es nichts mehr zu ändern gab. Wenn sie im gleichen Tempo wie bisher weiterarbeitete, würde ein Herzinfarkt unausweichlich sein. Dass sie noch über dreißig Jahre arbeiten gehen musste, erzeugte einen Widerwillen in ihr, der ihr Angst bereitete.
»Hast du einen anstrengenden Tag vor dir? Wirkst genervt«, stellte Harald fest.
»Hm«, brummte Rebecca vor sich hin. »Freue mich auf das Mittagessen.«
Ihre Mundwinkel zogen sich nach oben und ein gekünsteltes Grinsen blieb zurück. Der Blick musste gequält aussehen, denn Harald sagte: »Das wird schon« und klopfte ihr ermutigend auf die Schulter.
Wenn es bloß mit ein paar motivierenden Worten getan wäre! Davon wurde ihre seit Jahren bestehende Unfähigkeit, Kinder vernünftig zu verstehen, nicht behoben. Heute waren es »bloß« die Siebtklässler, bei denen Rebecca gleich Deutsch unterrichten würde. Mehr noch graute ihr vor ihrer eigenen unberechenbaren achten Klasse.
Wenn sie an den langweiligen Grundkurs in Deutsch dachte, besserte sich ihre Laune ebenfalls nicht. Dabei sollte er das Herzstück ihres Unterrichtsalltags werden: Als sie vor den Sommerferien erfahren hatte, dass sie zum ersten Mal in ihrer Berufslaufbahn einen Kurs bekommen würde, kannte die Freude darüber keine Grenzen: Endlich ruhiger Unterricht, motivierte Schüler, anregende Diskussionen über literarische Texte.
Doch dann das: schleppender Unterricht, fehlende Mitarbeit. Man konnte nicht behaupten, dass die zwölf Schüler störten, im Gegenteil. Sie bearbeiteten, was man ihnen auftrug. Sie lasen, wenn sie lesen sollten, sie schrieben, wenn sie schreiben sollten. Aber sie redeten nicht.
So in Gedanken versunken, hätte Rebecca beinah einen neuen Zettel übersehen, der am Schwarzen Brett des Lehrerzimmers aushing. Der Oberstufenberater hatte ihn vermutlich kurz vor den Ferien ausgehängt und am oberen rechten Rand mit einem roten Stift eine Art Blitz darauf gemalt. Unter dem in Großbuchstaben geschriebenen Namen ELOUAN KLAGE erkannte sie seinen Stundenplan.
»Ist das ein neuer Schüler?« Harald rückte seine Brille auf der Nase zurecht und betrachtete eingehend das Geschriebene.
»Nein, ich kenne …«, redete er langsam vor sich hin. »Elouan war schon einmal vor einigen Jahren bei uns. Ich kann dir beim Essen mehr über ihn erzählen, wenn du magst.«
Der neue Schüler würde die elfte Klasse besuchen und dienstags und donnerstags bei ihr im Grundkurs Deutsch haben.
Mittlerweile erreichte die Lautstärke im Lehrerzimmer ein für Rebeccas Ohren ungekanntes Höchstmaß, das ihre in den Ferien so hart erkämpfte Stille beendete. Immer mehr Kollegen strömten hinein und tauschten sich über ihre Ferienwochen aus. Was für eine oberflächliche Kommunikation! Das laute Getratsche erzeugte einen Tsunami in ihrem Kopf und sie beschloss, sich auf den Weg zum Klassenzimmer der 7a zu machen.
Schon beim Öffnen der Tür rollte ihr eine Wolke aus abgestandener, muffiger Luft entgegen. Trotz winterlicher Kälte öffnete Rebecca die seit zwei Wochen geschlossenen Fenster, stellte ihre Tasche auf den Boden ab und setzte sich auf den Lehrerstuhl. In zehn Minuten würden die ersten Schüler kommen. Eine erquickliche Ruhe vor dem Sturm legte sich über den Raum. Ihr Blick schweifte nach draußen, wo es angefangen hatte zu schneien. Langsam glitten die Flocken vom Himmel in den großen Schulhof herab. Einige Unterrichtsräume, die sie von ihrem aus überblicken konnte, waren ebenfalls beleuchtet: Kollegen, die einen Tafelanschrieb vornahmen, auf die Schüler wartende Lehrer.
Rebecca stand auf und begab sich an die Heizung. Die wohlige Wärme, die entströmte, arbeitete sich ihren Rücken hoch. Ein letztes Mal Ruhe, gleich war es vorbei damit, denn auf dem Gang hörte sie die ersten Stimmen und Schuhgetrappel. Die Stimmen kamen näher. Anspannung. Mit einem Ruck flog die Tür auf. Marcus, ein ruhiger Schüler, betrat als Erster den Raum. Ein Nicken in Richtung Heizung. Nach ihm erschienen drei weitere Jungen, die Rebecca mit einem teilnahmslosen »Morgen, Frau Peters!« begrüßten und sich dann zu ihren Plätzen begaben, um ihre Unterrichtsmaterialien auszupacken.
Zwei pubertierende Mädchen, lachend und aufreizend gestylt, johlten ein freches »Guten Moooorgen!« in den Klassenraum hinein. Natürlich! Damit jeder mitbekam, dass die zwei Diven da waren. Eins der Mädchen, Natalie, gackerte besonders laut, um die Aufmerksamkeit der männlichen Mitschüler auf sich zu ziehen. Mit Erfolg. Nachdem die Dreizehnjährige ihre Jacke an die Garderobe des Klassenraums gehängt hatte, richtete sie ihr knappes rosa Shirt zurecht, das für die Jahreszeit deutlich zu dünn war. Ihr Po wurde durch eine blaue, sehr eng sitzende Röhrenjeans passend zur Geltung gebracht. Ganz schön gewagt für eine Teenagerin ihres Alters. Rebecca sinnierte darüber nach, ob sie als Mutter ihre Tochter so aus dem Haus gehen lassen würde.
Natalies lange, hellbraune Haare fielen ihr in Locken geschmeidig über die Schultern. Wie beabsichtigt richteten sich die Blicke der pubertierenden Jungen auf das Mädchen.
Mit dem Auffüllen des Klassenraums maximierte sich die Lautstärke. Noch drei Minuten bis zum Stundenbeginn. Rebecca trottete am Lehrertisch auf und ab. Ein letztes Mal sortierte sie ihre Unterlagen, überprüfte, ob genug Kreide bereitlag, legte ihr Lehrbuch griffbereit hin, schaute auf die Armbanduhr, glich sie mit der Wanduhr ab. Dann ertönte das Klingelzeichen. Ein kräftiges Ziehen an der Tür signalisierte: Jetzt kann es losgehen! Doch die Schüler verharrten an ihren Plätzen und tauschten sich über die Ferien aus.
»Es hat geklingelt!«, brüllte Rebecca. Den Erwartungen gemäß reagierte bloß ein Teil der Jugendlichen auf ihre Worte. »Es hat geklingelt, Herrschaften!« Ihre lauter gewordene Stimme zwang einige unaufmerksame Schüler dazu, sich von ihren Plätzen zu erheben.
»Wir haben viel Zeit. Wir können auch länger machen.« Sie könnte sich sofort ohrfeigen für diese zwei unbedacht ausgesprochenen Sätze, die die Unruhe beheben sollten. Die Siebtklässler belächelten müde den Versuch. Sie wussten, dass die Androhung selten durchgezogen wurde.
Rebecca musste erkennen, dass die Ferienidylle schon nach den ersten Minuten dem harten Schulalltag gewichen war.
Nach anstrengenden fünf Minuten erfolgte endlich die Begrüßung, auch wenn sich einzelne Schüler weiterhin umdrehten oder miteinander sprachen. »Guten Morgen!«, ertönte ihre strenge Lehrerstimme. Unmotiviert murmelte die Klasse ihre Begrüßung entgegen.
Eine Abbildung zum Thema Zeichensetzung sollte die Aufmerksamkeit der Pubertierenden auf den neuen Unterrichtsinhalt lenken. »Svenja, beschreibe bitte die Karikatur!«, forderte Rebecca am Overheadprojektor stehend die Schülerin auf, die so kurz nach Stundenbeginn wieder mit Natalie im Gespräch versunken war. Vermutlich bequatschten die beiden, wie lange Natalie in den Ferien Netflix geschaut oder mit wem Svenja wilde Nachrichten auf WhatsApp ausgetauscht hatte.
»Was?«, fragte die Jugendliche geistesabwesend. Einige Mitschüler stöhnten und erklärten ihr die Aufgabe. »Na ja, ich sehe einen Jungen, der nicht weiß, ob er ein Komma setzen soll.«
Rebecca stieß einen schweren Seufzer aus. »Karikaturen habt ihr doch im Geschichtsunterricht …« Lautstärke brandete auf. Heikles Thema. Sie selbst hatte schon Probleme genug, Disziplin in diese Schulklasse zu bringen. Der Geschichtslehrer war noch übler dran.
Einige Schüler lachten oder winkten ab. »Bei Herrn Gläser lernen wir nichts, Frau Peters«, rief Basti aus der hinteren Bankreihe nach vorn. »Der kann nicht erklären«, ergänzte ein weiterer Schüler ganz vorn.
Weitere Siebtklässler schalteten sich in die Diskussion ein. Plötzlich ging es nicht mehr um die Karikatur, sondern nur noch um den Lehrer, der von den Schülern heruntergeputzt wurde. Die Situation drohte Rebecca zu entgleiten. Wie so oft.
»Okay! Okay! Ruhe jetzt! Ist ja gut!«, rief sie verzweifelt in die grölende Menge hinein.
Als es leiser wurde, erklärte sie die Methode und nahm eine stille Schülerin dran, die das Bild souverän beschrieb. Drei Minuten sollte die Einstiegsphase dauern – verstrichen waren zehn.
Selbst danach drang Rebecca nicht zu den Jugendlichen durch, die ihren Unmut lautstark kundtaten: »Wozu müssen wir das denn schon wieder behandeln?«
Einfach unbeirrt weitermachen und die Diskussionen unterbinden, so wie es im Referendariat gelehrt wurde. Aber das war leichter gesagt als getan.
Kurzerhand ignorierte Rebecca die Störer, ermahnte zur Ruhe und zog das Tempo an. »Leute, ihr macht die meisten Fehler im Bereich der Kommasetzung. Ihr braucht dringend eine Wiederholung! Außerdem müsst ihr Kommas setzen können, wenn ihr Bewerbungen schreibt oder Briefe. Versteht doch, dass …«
Bis auf wenige Ausnahmen hörte ihr niemand der dreiundzwanzig Schüler zu. Einige Jugendliche schauten gelangweilt an die Tafel und bekamen zumindest einen Teil der Übungen und Erklärungen mit. Andere redeten mit dem Banknachbarn oder malten auf ihren Unterlagen herum.
Endlich – das Klingelzeichen nach einer Dreiviertelstunde Schwerstarbeit. Die Schüler verließen quasselnd den Raum, während Rebecca wie erschossen in ihren Stuhl zurücksank und angesichts der anstehenden zwei Freistunden aufatmete. Ruhe.
Ein kurzer Griff zu den Schulmaterialien, die einsortiert werden mussten. Dann machte sie sich auf den Weg Richtung Lehrerzimmer. Die schwere Tasche zog ihre Schultern nach unten und ließ sie den Blick starr auf den nackten, grauen Boden richten.
Im Lehrerzimmer angekommen, fand sie einen Notizzettel der Sekretärin in ihrem Fach vor: »Frau Kresser wünscht Rückruf wegen Martin«. Die Festnetznummer hatte Frau Schneider mit Rot darunter geschrieben.
Rebecca stöhnte. Martin war der problematischste Schüler in ihrer Klasse: Seine Leistungen waren miserabel. Bisher reichten sie jedes Schuljahr, um nicht sitzenzubleiben. Aber nun schien die Situation ausweglos.
Neben den unterdurchschnittlich schlechten Leistungen hatte Martin massive Probleme damit, sich an Regeln und Absprachen zu halten. Er kommentierte permanent die Entscheidungen der Lehrkraft, störte, mischte den Unterricht und seine Mitschüler auf oder sorgte in den Pausen für lautstarke Auseinandersetzungen mit seinen Klassenkameraden. An ein ruhiges Arbeiten mit ihm im Unterricht war nicht zu denken. Rebecca wünschte sich, dass er die Schule am Schuljahresende verließ und sie ihn nie mehr wiedersehen musste.
Es schneite immer noch leicht, als sie sich auf den Weg ins Sekretariat begab. An den Fenstern des Schulgebäudes perlten die Tropfen ab. Das trostlose Wetter und die trist auf der Straße fahrenden Autos, die wie graue Mäuse über den Asphalt huschten, spiegelten ihre eigene desolate Gefühlslage wider.
Rebecca klopfte an die Tür zum Sekretariat an und trat ein. »Frau Schneider, Sie haben mir einen Zettel ins Fach gelegt. Ich möchte den Anruf gleich erledigen.« Die Sekretärin nickte und wies ihr den Platz gegenüber ihres Schreibtisches zu. Nach der Übergabe des Telefons wählte Rebecca die Nummer. Es klingelte, aber niemand hob ab. »Komisch. Eigentlich müsste sie zu Hause sein. Ich warte kurz und versuche es dann noch mal.«
Sie fiel in den Stuhl zurück, dessen weiche Lehne sich an ihren Rücken anschmiegte. Für einen kurzen Moment der Ruhe stützte sie den Ellenbogen auf dem Tisch ab und legte eine Hand an die Wange.
Die Sekretärin hatte sich inzwischen dem Computer zugewandt und begann damit, etwas einzutippen. Die Zeit strich dahin und Rebecca richtete ihren Blick abermals aus dem Fenster hinaus, wo sie noch immer das grau-graue Winterwetter vorfand.
Sie zuckte zusammen, als ein lautes Öffnen der Tür hinter ihr ertönte. Schulleiter Tannenberger trat mit einem Mann, einer Frau und einem Jugendlichen heraus. »Also, wenn etwas sein sollte, Sie können sich jederzeit bei mir melden, wir finden einen Termin«, sagte der Direktor in freundlichem Tonfall und gab den Dreien förmlich die Hand. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, als er Rebecca erblickte.
Sie schaute zu den drei aus dem Büro heraustretenden Personen, die sich am Tresen des Sekretariats befanden und im Begriff waren, den Raum zu verlassen.
Nur flüchtig streifte Rebecca der Blick des etwa zwanzigjährigen Mannes. Er griff in seine dunkelbraunen, fast schwarzen Haare und sah zu Boden, wirkte angespannt.
In dem kurzen Moment, in dem sie sein ebenmäßiges Gesicht wahrnahm, durchfuhr sie eine ungeahnte Sehnsucht, dieses näher zu ergründen. Auch sein Body wirkte wenig jungenhaft. Unter dem schwarzen Pullover zeichnete sich ein gut trainierter Körper ab. Als die Familie das Sekretariat verließ, erwischte sich Rebecca dabei, dem jungen Mann auf den Hintern zu starren, der sich unter der eng anliegenden Hose abzeichnete.
»Frau Peters, wollen Sie zu mir?«, fragte der Schulleiter, der noch immer im Türrahmen stand. Rebecca drehte sich ruckartig zu ihm herum.
»Wie bitte?«
Er lachte auf. »Ich dachte, Sie wollen zu mir, weil Sie hier warten.«
»Nein, ich muss jemanden anrufen«, erwiderte sie knapp.
»Ach so.« Tannenberger verschwand, die Tür hinter sich zuschlagend, in seinem Büro.
»Sagen Sie, Frau Schneider: Kennen Sie die Familie, die eben beim Schulleiter war? Ich habe die Leute noch nie vorher gesehen.« Die Sekretärin schaute im Terminkalender des Direktors nach.
»Familie Klage«, meinte sie, ohne vom Kalender aufzublicken. »Ihr Sohn Elouan wird ab morgen hier zur Schule gehen.«
Rebecca musste bei der Vorstellung, ihrem zukünftigen Schüler ungeniert auf den Po gestarrt zu haben, schmunzeln.
Dann griff sie zum Telefonhörer und wählte erneut. Ohne Erfolg. Das hieß eine Überstunde mehr für heute Nachmittag.
Nach dem Unterricht in Klasse 10 stand Rebecca gedankenverloren am Fenster und starrte in den Schulhof hinab, in dem sich die Schüler trotz der winterlichen Kälte tummelten. Der Wind hatte aufgefrischt und es schneite kräftiger. Die bunten Gestalten auf dem Hof trotzten der Kälte, warfen sich Schneebälle ins Gesicht und seiften sich gegenseitig ein.
Die große Buche, die Rebecca vom Fenster aus sah, wirkte wie ein tausende Jahre altes Bollwerk inmitten der ständig wechselnden Jahreszeiten und Gesichter, auf die sie Tag für Tag, Jahr ein Jahr aus herabblickte. Sie würde die Zeiten überdauern und in hundert Jahren noch behütend über den Kindern wachen.
Aber Gott, was war das für ein Tag! Das war nur einer von vielen! Wo würde sie in verdammten zehn, zwanzig oder mehr Jahren stehen? Würde sie endlich die Lehrerin sein, die sie sein wollte – respektiert und geachtet? Würden die Korrekturen weniger werden? Würde sie mehr Freizeit haben?
Während sie noch darüber nachdachte, leerte sich der Schulhof zum Ende der Pause. Rebecca griff nach ihrer schwarzen Schultasche, holte die Jacke aus dem Lehrerzimmer und ging in Richtung Mensa. Schreiende, aufgeregte Scharen von Pubertierenden kreuzten ihren Weg.
Harald saß schon am Tisch, als Rebecca eintraf. Er hatte einen Teller Nudeln mit Tomatensoße und Wurststückchen vor sich stehen und kaute langsam auf ihnen herum.
»Und wie war dein erster Tag?«, wollte Harald wissen, als sie sich hinsetzte.
Rebecca atmete tief durch. »Ging. Die Siebener haben erwartungsgemäß gestört. Morgen habe ich die Elfer, da ist es ruhiger«, sagte sie leicht lächelnd und schob sich einen Happen Nudeln in den Mund.
Ihr war bewusst, dass die Oberstufenschüler ihre Ruhe haben wollten und daher nicht störten. »Ach siehst du, da fällt mir ein: Ich habe doch einen neuen Schüler bei mir im Kurs sitzen: Elouan Klage. Er und seine Eltern waren heute beim Schulleiter. Ich war zufällig im Sekretariat und habe sie gesehen. Du sagtest doch, du würdest ihn kennen.«
Der ältere Mann räusperte sich, machte eine kleine Kunstpause. »Elouan Klage war schon einmal bei uns.«
»War er ein Jahr im Ausland und kommt jetzt wieder oder was?«
Wieder ein Räuspern. Er legte die Gabel beiseite, beugte sich leicht nach vorn und sagte dann bestimmt: »Nein, Elouan war vor …«, überlegte er, »drei oder vier Jahren bei uns an der Schule. Ich glaube Mitte der elften Klasse war er plötzlich weg. Von der damaligen Klassenlehrerin erfuhren wir, dass der Junge psychische Probleme hatte und daher in eine Nervenheilanstalt gekommen war. Müsste in den Unterlagen noch alles zu finden sein.«
»Verstehe.« Rebecca überlegte kurz. »Wenn er nach drei Jahren in die Klasse 11 einsteigt, dann ist er ja …«
»Auf alle Fälle volljährig«, grinste Harald. »Mal sehen, wie er sich diesmal anstellt …«
Er nahm seine Gabel wieder in die Hand und aß weiter. »Was meinst du damit?«
»Nun ja, Elouan«, sagte er, »war ein cleveres Kerlchen, aber mit seiner verrückten Art hat er sich keine Freunde gemacht. Trat auf, als wäre er der Schulleiter hier, klebte am Lehrer dran, mischte sich ein, während Erwachsene sprachen.«
Schweigen legte sich über sie. Seine Worte hallten in Rebeccas Kopf nach. Auf sie wirkte er ganz normal.
Mit der Wurststulle in der Hand stand Rebecca am Dienstag vor dem Vertretungsplan des Lehrerzimmers, als Heidi, Elouans Tutorin, den Raum betrat. »Und, hattest du schon Deutsch bei Lou?«
Rebecca, die gerade dabei war, das Gewirr an Zetteln am Schwarzen Brett zu sortieren, erschrak und schaute Heidi ins Gesicht. Wen meinte die Biologiekollegin?
»Du unterrichtest doch Deutsch in meinem Kurs. Hast du Elouan schon kennengelernt?«
Rebecca schüttelte den Kopf. »Nein, die kommende Stunde erst. Aber sag mal, Heidi, ich habe mich gestern mit Harald unterhalten. Über Elouan.«
Heidi lachte auf. »Bestimmt hat er ihn für verrückt erklärt.« Rebecca nickte.
»Du solltest dir ein eigenes Urteil bilden. Bei einem Kollegen ist er so, beim anderen so.«
»Wie alt ist er?«
»Zwanzig.« Heidi schaute auf die Uhr, die auch Rebecca daran erinnerte, dass der Unterricht bald begann. »Wir reden mal, wenn wir ungestört sind, ja?«
Rebecca schulterte ihre Schultasche und verließ das Lehrerzimmer, das inzwischen zu einem Stall voller wild gewordener Hennen und aufgeblasener Hähne mutiert war. Im Gegensatz dazu herrschte auf dem leeren Gang eine angenehme Stille. Nur die Absätze ihrer Stiefel erzeugten einen harten Takt, der an den Wänden des Gebäudes widerhallte.
Am Kursraum angekommen, packte sie das Deutschbuch und ihre Unterlagen aus. Vorfreude erfüllte sie angesichts des anstehenden Kennenlernens mit dem ihr noch unbekannten, aber höchst interessant erscheinenden Schüler.
Während die letzten Stimmen auf dem Schulhof verschwanden, betraten die ersten Elftklässler den Raum. Einer nach dem anderen ging zu seinem gewohnten Platz, packte die Schulsachen aus und wartete auf das Klingelzeichen. Bis auf Elouan waren alle da.
Die Elftklässler wärmten die Stühle an und starrten gelangweilt vor sich hin oder redeten mit dem Banknachbarn.
»Wir bekommen heute einen neuen Schüler. Hat ihn schon jemand gesehen?«, fragte Rebecca in die lustlose Runde, nachdem der Unterricht begonnen hatte. Alicia, ein cleveres, gut aussehendes Mädchen bejahte die Frage.
»Weiß Elouan, wo er jetzt Unterricht hat?« Die Schülerin zuckte die Schultern.
»Ich sehe mal nach«, sagte Rebecca und öffnete behutsam einen Spalt der Klassenzimmertür. Ihr Blick schweifte nach draußen auf den menschenleeren Gang.
Sie trat aus dem Raum und blicke um sich. Aber so wie sie den Schritt hinaus wagte, stand unerwartet ein schlanker junger Mann vor ihr und lächelte sie freundlich an. Er war Rebecca so nahe, dass sie sein männlich herbes Parfum riechen konnte. Er verströmte eine Aura, die nicht mit Worten zu erklären war. Ob er ihre Schüchternheit spürte? Rebecca fühlte die aufsteigende Wärme in ihrem Inneren. Ihre Wangen mussten glühen!
»Guten Tag«, sagte er freundlich, aber bestimmt. Seine Stimme war jugendlich kräftig. Sie strahlte Männlichkeit und Sanftmut gleichermaßen aus.
»Ich bin Frau Peters.«
»Elouan.«
Wie lyrisch weich er seinen ungewöhnlichen Namen aussprach.
»Nennen Sie mich doch bitte Lou.« Dabei schüttelte er ihre Hand. Der Griff war fest, aber nicht so kernig wie bei alten Männern.
Da war dieses vollkommene Gesicht, in das Rebecca eintauchte.
Der Moment dehnte sich. Der Händedruck war eine Sekunde zu lang, genau wie der Blickkontakt. Seine blauen Augen schienen ihre braunen zu durchbohren und für sich einnehmen zu wollen. Den Kampf hatte sie schon jetzt verloren.
Mit einem Male fielen Rebecca die Schüler im Zimmer ein, die auf die Fortsetzung der Unterrichtsstunde warteten. »Komm rein. Such’ dir einen Platz aus«, sagte sie mit gesenktem, hochrotem Kopf. Die Wärme seiner Berührung durchflutete sie noch immer.
Elouan packte seine Unterrichtsutensilien aus und sah sich nach den Mitschülern um. Einen intensiveren Blick widmete er der hübsch anzusehenden Alicia, die er freundlich anlächelte. Dann begann für Rebecca die erste Unterrichtsstunde mit ihrem neuen Schüler.
Kapitel 2
Elouan zog es vor, allein zu sitzen. Abseits von ihm: die übrigen Elftklässler. Der erwachsen wirkende, mysteriöse neue Schüler befremdete sie. Freunde schien der Neuankömmling in der Runde des lustlosen Deutschkurses nicht zu finden. Neuerdings betrat er zusammen mit Alicia den Raum, setzte sich jedoch nicht neben sie. Rebecca interessierte, worüber sie sich austauschten, konnte jedoch nie Wortfetzen auffangen.
Während die Jugendlichen arbeiteten, schaute sie sich im Kurs um und sah, wie Lou zu seiner Mitschülerin schaute. Der Grundkurs bestand fast ausschließlich aus Jungen. Nur vier Mädchen saßen Rebecca gegenüber. Davon zog die leistungsstarke, hübsch anzusehende Alicia die größte Aufmerksamkeit von Elouan auf sich.
In Einzelarbeitsphasen nutzte Rebecca die Gelegenheit, sich Lou aus der Nähe anzusehen. Mit seinen zwanzig Jahren stach er aus der Masse der Jugendlichen deutlich hervor: Sein markantes Kinn mit den robusten schwarzen Bartstoppeln ließ sein Gesicht abgeklärter und reifer wirken als das der anderen Jungs. Mal kam er frisch rasiert in die Schule, mal trug er einen gepflegten Dreitagebart.
Seine blauen Augen lugten des Öfteren von dem Deutschbuch auf und schauten sich im Klassenraum um. Unvermittelt trafen sie auf die von Rebecca. »Frau Peters, könnten Sie bitte zu mir kommen, ich habe eine Frage«, sagte er übertrieben höflich.
»Sicher, was gibt es denn?«
Das aktuelle Thema hob die meisten Jugendlichen nicht sonderlich an, aber Lou schien daran Gefallen zu finden, Reden auseinanderzunehmen.
Inzwischen stand Rebecca an seinem Platz, beugte sich über seine Schulter, um zu schauen, was er ihr zeigen wollte. »Ich komme an dieser Stelle hier nicht weiter. Weizsäcker sagt, nach dem Zweiten Weltkrieg …«
Ihre Augen wanderten zu seinen dunklen, kurzen Haaren, hinab zu dem blauen, eng anliegenden Jeanshemd und von dort nach oben zu seinem Gesicht. Ihr fielen seine tadellos gerade Nase sowie seine leicht geschwungenen Lippen auf. Ihr Verstand wurde zusätzlich durch das maskuline Parfum getrübt, das sie schon oft an Elouan gerochen hatte und das eine ganz eigene Stärke ausstrahlte.
»Und was denken Sie darüber? Kann man dem Autor zustimmen?«
Seine Worte waren verwaschen. »Ich muss das … kurz überfliegen …« Trotz Rebeccas unprofessionellem Stammeln und der wirren Antwort schien Lou mit dem Gesagten zufrieden zu sein, denn er schrieb die Aussagen eifrig auf.
Die übrigen Elftklässler waren in ihre Einzelarbeit vertieft und sahen nicht, wie Rebeccas Augen unablässig Elouan fokussierten, während sie im Raum herumlief und vorgab, sich das Geschriebene der Mitschüler anzusehen. In Wahrheit galten Lous Hinterkopf sowie die schlanke Silhouette, die sich unter seinem engen Hemd abzeichnete, ihrem Interesse. Seinen Anblick in sich aufsaugen, ihm nah sein, seine Präsenz spüren. Einzig diese Gedanken begleiteten Rebecca, als sie den Raum durchschritt.
Es wurde unruhig. Die meisten Schüler hatten die Einzelarbeit abgeschlossen und warteten darauf, die Analyse des Redetextes vorgesetzt zu bekommen. Alicia arbeitete in der Regel als einzige Schülerin aktiv mit. Heute schoss Lous Arm in die Höhe.
»Gut, dann fasse bitte den Text zusammen.« Die Inhaltsangabe gelang ihm problemlos.
Für den nächsten Teilschritt der Redeanalyse nahm Rebecca eine stille Schülerin dran. Während das Mädchen redete, beugte sich Lou nach links und betrachtete sie aufmerksam. Rebeccas Augen schweiften zwischen Elouan und ihr hin und her und eine ungekannte Eifersucht durchflutete sie.
Lou meldete sich erneut, doch Rebecca musste ihn ignorieren, um andere Schüler zu hören. »Max?« Elouan funkelte sie böse an. Da Max kaum ergiebige Fakten lieferte, forderte Rebecca: »Lou, ergänze doch bitte.« Doch seine Deutungen gingen in eine verkehrte Richtung.
»Überlege noch mal, ob das richtig sein kann.«
Die Ermutigungen zogen nicht und Elouan fiel resigniert in den Stuhl zurück. Er blieb bis zum Ende der Stunde stumm und verließ den Deutschraum beinah beleidigt, wortlos.
Zu Hause angekommen, schob sich die Autotür genauso widerwillig auf, wie sich Rebeccas Körper aus dem Wagen bewegte. Die wenigen Schultage lasteten wie ein zentnerschweres Gewicht auf ihren Schultern. Dabei wollte sie sich mit der Aussicht trösten, dass es nur wenige Wochen bis zu den Osterferien waren.
Beim Aussteigen sah Rebecca die Schneewehen, die sich in der Einfahrt zu kleinen Dünen aufgetan hatten. In den letzten zwei Tagen hatte es ununterbrochen geschneit. Über der Einfahrt zum Haus hatte sich ein dichter Mantel aus weißem Samt gelegt. Rebecca stapfte durch die Schneedecke, öffnete die Haustür und zog ihre nassen Schuhe aus, die sie zum Trocknen etwas abseits stellte.
Da Paul erst gegen sieben nach Hause kam, musste sie sich in der Zwischenzeit um alles allein kümmern: Schnee wegräumen, den stehen gebliebenen Aufwasch erledigen und Unterricht vorbereiten. Am liebsten hätte sich Rebecca ins Bett verkrochen, die Decke über den Kopf gezogen und geschlafen. Noch lieber säße sie in genau diesem Moment in einem Flugzeug – irgendwohin, bloß weit weg von der Schule und von Paul.
Doch es nutzte nichts. Um sich trübsinnigen Gedanken hinzugeben, blieb keine Zeit. Sie verstaute ihre Schultasche im Arbeitszimmer, zog sich hohe Stiefel an und trottete nach draußen in die Kälte. Ihre Pelzmütze hatte sie tief ins Gesicht geschoben, da ein eisiger Wind wehte.
Ein Kampf zwischen dem Schieber und dem nassen Schneematsch zeichnete sich ab, doch Rebecca gewann. Eine Schneewehe nach der anderen verschwand vom Hof.
Erst 19:15 Uhr nahm sie von ihrem Arbeitszimmer aus die Scheinwerfer von Pauls Auto wahr. Obwohl sie schon längst Feierabend haben wollte, saß sie immer noch über ihrem Rechner und bereitete den Unterricht in den morgigen Klassen vor.
Paul brachte eine unangenehme Kälte ins Haus hinein. Er begrüßte Rebecca mit einem leichten Kuss auf die Lippen. »Machst du schon wieder so lange?«, fragte er besorgt.
»Hm. Hast du gesehen, dass ich Schnee geschoben habe?« Er verließ das Zimmer.
»Ja«, hörte sie ihn beiläufig murmeln. Rebecca konnte nur müde lächeln. Ob er wirklich registriert hatte, wie viel Arbeit sie auf sich genommen hatte?
Was für ein ignoranter Typ ihr Freund geworden war! Die Frustration steigerte sich, denn in der Vorbereitung auf die Stunde mit ihren Achtklässlern gab es Probleme. Rebecca fand ein wichtiges Arbeitsblatt nicht, das sie für eine Kopie benötigte. Weder in der Ablage noch im Ordner für diese Klassenstufe war es aufzutreiben. »So ein Mist«, fluchte sie vor sich hin.
Paul hörte davon nichts. Nachdem er seinen Mantel ausgezogen hatte, verschwand er ins Schlafzimmer. In der Regel lag er dort etwa eine halbe Stunde, bevor er zum Essen in die Küche zurückkehrte. »Wo zum Henker …« Die Flüche ließen das Arbeitsblatt nicht verängstigt unter dem Blätterstapel hervortreten. Es blieb verschwunden.
Ihr blieb keine andere Wahl, als das Arbeitsblatt noch einmal zu erstellen, in der Hoffnung, es annähernd so zu konzipieren wie ehedem.
Während sie genervt auf der Tastatur herumtippte, näherte sich der dicke Zeiger der Uhr immer mehr der Acht. Entsprechend fiel das Ergebnis aus.
Wie gerädert wachte Rebecca am kommenden Mittwochmorgen auf. Vor allem ihre eigene achte Klasse bereitete ihr bereits am Frühstückstisch Kopfzerbrechen, während sie am Kaffee nippte.
Wann trat endlich das Wunder ein, auf das sie schon so lange Zeit wartete und das sie endlich zu einer respektierten Persönlichkeit heranreifen lassen würde? Heute zumindest kam es nicht zustande.
Es war die zweite Stunde. Die nervigen Siebtklässler lagen hinter Rebecca. Jetzt blieben ihr wenige Minuten, um den Raum zu wechseln und in ihrer eigenen achten Klasse zwei Stunden Kunst zu geben.
Es hatte bereits zur Stunde geklingelt, aber weil sie nicht pünktlich den Raum der Siebtklässler abschließen konnte, war sie zu spät dran und musste über den Gang rennen, um noch pünktlich den Kunstraum zu erreichen. Eine unangenehme, peinliche Situation, die sie auf dem Gang wild vor sich hin fluchen ließ. Sie kam nie zu spät!
Schon von Weitem hörte sie eine aufgebrachte Meute durch die Gänge des Kunstflügels rufen und grölen. »Kommt die Alte heute etwa nicht?«, grölten sie. Wahrscheinlich verrieten sie die Absätze ihrer Schuhe, die laut auf dem Fußboden aufschlugen. Zumindest wurde es leiser, als sich Rebecca dem Raum näherte.
Abgearbeitet und erschöpft erreichte sie die Schülerhorde, fand aber in der Eile ihren Schlüssel nicht, mit dem sie meinte, soeben den Raum der Siebtklässler abgeschlossen zu haben. Wie irr wühlte sie in der – ihr in diesem Moment überproportional groß erscheinenden – Tasche.
Die Unruhe brandete wieder auf und schon schaute Kollegin Fröhlich aus ihrem Raum heraus, wer die Lautstärke auf dem Gang verursachte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit des Suchens bemerkte Rebecca, dass sie den Schlüssel gar nicht in der Schul-, sondern in ihrer Hosentasche hatte, aus der sie ihn nun umständlich hervorkramen musste.
Genervt schloss sie den Raum auf und wälzte ihre schier endlos erscheinenden Unterlagen, die aus Büchern und A 3 – Blättern bestanden, umständlich auf dem Lehrertisch ab.
Eine schüchterne Schülerin kam nach vorn gelaufen und entfaltete einen Zettel. Dafür hatte sie gerade keinen Nerv! »Was ist denn, Susanna?«
Durch den eisigen Tonfall blieb dem Mädchen der Mund offen stehen. »Ich habe einen …«, stammelte sie vor sich hin, während sie ein Stück Papier auf und zu faltete, »… Krankenschein, den ich Ihnen geben wollte.«
»Ja gut, leg’ ihn auf den Tisch.« Susanna tat wie angekündigt und schlich eingeschüchtert davon.
Warum musste ihre miese Laune über das Zuspätkommen ausgerechnet die falschen Kinder treffen? Die Unruhe wurde nicht weniger und nun fehlte auch noch das Lehrbuch der Achtklässler!
Als Rebecca für einen kurzen Augenblick aufschaute, nahm sie wahr, dass noch immer nicht alle Jugendlichen ihr Schulzeug aus den Taschen und Ranzen geholt hatten. »Packt zügig aus, wir fangen heute mit einem neuen Kunstprojekt an; dafür braucht ihr viel Zeit!«, brüllte sie in die nicht zuhören wollende Schülermeute.
Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit hatte sich die Klasse insoweit beruhigt, dass der Unterricht beginnen konnte. Zehn Minuten und mit ihnen die gute Laune von Rebecca waren verstrichen.
»Okay. Wie ihr wisst, beginnen wir heute mit einem neuen Kunstprojekt. Es geht um Tageszeiten und ihre Darstellung in der Kunst. Wir wollen uns ein paar solcher Werke ansehen und beschreiben. Ihr findet sie im Lehrbuch, Seite …«
Sie ging an den mittleren Tisch in der vordersten Reihe, an dem ihr »Lieblingsschüler« Martin saß. »Seite 139«, sagte sie zügig, die eben einkehrte Ruhe ausnutzend.
Doch schon hatte Ellen einen dummen Spruch parat, mit dem sie Rebecca aus der Fassung bringen konnte. »Frau Peters hat ihr Lehrbuch nicht mit. Jetzt bekommt sie einen Eintrag ins Hausaufgabenheft«, geiferte sie, dabei siegessicher zu ihrer Clique schauend, die aus Jule, Martin und Andy bestand. Ellen hob eine Hand nach oben, um High-Five zu signalisieren und lachte Jule dreckig an.
Die Schülerin wusste nicht, ob sie sich getrauen sollte, ebenfalls einen Kommentar loszulassen und unterließ es lieber. Weil Rebecca nichts auf Ellens Worte erwiderte, keimte die Unruhe wieder auf.
»Susanna«, überging sie Ellens Kommentar, »lies uns doch bitte auf Seite 139 den Eingangstext zu den Darstellungen in der Kunst vor.« Böse funkelte Rebecca Ellen an, deren Lachen erstarb. Für heute signalisierte sie Standhaftigkeit, aber insgeheim wusste sie: Der Kampf zwischen ihr und den Jugendlichen war noch lange nicht vorbei.
Nach neunzig Minuten ertönte das Klingelzeichen, das Rebecca erlöste. Endlich große Pause. Sie atmete erleichtert auf, als die Teenager den Raum verließen. Einige der pubertierenden Mädchen waren noch im Zimmer und feixten aus heiterem Himmel.
Rebecca blickte zu den Schülerinnen auf, die fasziniert den Türrahmen begutachteten. Dort stand Elouan. »Frau Peters?« Verdutzt trat Rebecca an ihn heran.
»Was gibt es?« Er war tatsächlich da. In der Hand hielt er das Arbeitsblatt der Redeanalyse der vergangenen Stunde.
Die Achtklässlerinnen huschten scheu mit geröteten Wangen an dem Oberstufenschüler vorbei, der ihnen ein zartes Lächeln schenkte. Auf dem Gang hörte Rebecca, wie sie sich angeregt unterhielten, sich nach ihnen umdrehten und dann lachten.
»Gestern sagten Sie mir, dass ich falsch liegen würde mit meiner Deutung. Ich glaube, ich liege gar nicht so verkehrt damit.«
Unfassbar, dass sich ein Jugendlicher über die Unterrichtsstunde hinaus freiwillig mit dem Stoff beschäftigte. Lou faltete das zerknitterte Arbeitsblatt mit der Rede von Weizsäcker auseinander.
Er stand so dicht neben ihr, dass sein sanfter Atem über ihre linke Wange strich und sein Duft ihr in die Nase stieg. Die Nähe und der Körperkontakt sorgten dafür, dass Rebecca keinen klaren Gedanken fassen konnte und wieder nicht in der Lage war, den Ausführungen ihres Schülers zu folgen. Verschwommene Worte drangen an ihr Ohr.
»Und, was sagen Sie dazu? Brillant, oder? Zumal dieses sprachliche Mittel hier«, wobei er auf eine x-beliebige Textstelle zeigte, »meine These noch untermauert, nicht wahr?«
Seine Augen strahlten, genau wie sein Mund, der ein dickes Grinsen zeigte. Da er Bestätigung verlangte, sagte Rebecca: »Du hast recht. Wenn du es mir gestern genauso erklärt hättest, dann hätte ich dir auch zustimmen können.«
Was er wirklich gesagt hatte, würde ihr für ewig verborgen bleiben. Ob sie in klarem Zustand seinen Worten überhaupt zugestimmt hätte? Egal. Was zählte war, dass Elouan wieder strahlte und dies erzeugte eine tiefe innere Zufriedenheit in ihr.
Er faltete den Zettel zusammen und ging, in sich hinein grinsend, davon. »Lou?« Kurz bevor er den Raum verließ, drehte sich Elouan noch einmal zu Rebecca herum.
»Ja, Frau Peters?« Sie verringerte den Abstand zu ihm.
»Warum hast du mich aufgesucht?« Er zog die Stirn in Falten.
»Ich bestehe gern auf meiner Meinung.«
Ein kurzer Moment der Ruhe kehrte ein und ein Augenkontakt, der ein wenig zu lang war, entstand. »Ach so. Na gut, dann bis morgen«, sagte sie und lächelte Lou flüchtig an. Das reichte, um ein kleines Lächeln von ihm zurückzuerhalten.
Noch am Nachmittag beseelte Rebecca das winzige Lächeln von Lou bei ihrer Unterrichtsvorbereitung für die Elftklässler. Während sie am Laptop saß, drifteten mit einem Male ihre Gedanken weg. Sie sah ihren Schüler in seiner ganzen Präsenz vor sich. Unwillkürlich presste Rebecca die zusammengeschlagenen Beine fester aneinander, sodass ein Druck in den Oberschenkeln entstand, der sich weiter nach oben hin fortsetzte. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen. Da ist er. Rebecca führte ihre Hand unter den Pullover, schob den BH beiseite und berührte ihre Brustwarzen mit gewohnten Bewegungen und einem festen, warmen Griff. Ihre Hände sanken tiefer, diesmal in Richtung Schoß. Sie öffnete den Reißverschluss der Jeans und schob die rechte Hand in ihren Slip, bis sie an ihren Schamlippen ankam, die sie zart mit den Fingerkuppen streichelte und dann an ihrer Perle den Druck verstärkte.
Da ist er wieder. Im Deutschraum. Lou ist der einzige Junge, umringt von lauter Mädchen. Es ist einer dieser heißen Sommertage, an denen sich schon in den frühen Stunden des Tages die Klassenzimmer auf unerträgliche Art und Weise aufheizen. Drückend steht die Hitze im Raum. Trotz dessen ist Konzentration gefragt: Die Schüler sollen einen Probeaufsatz verfassen, der am Ende der Stunde eingesammelt wird. Nur Elouan lümmelt auf seiner Bank herum und hat so gar keine Lust darauf, das zu machen, von ihm verlangt wird.
Die Arbeitszeit verstreicht ungenutzt. Vielmehr wandert er mit seinen Augen durch die Reihen der Schülerinnen, die in ihren engen kurzen Röcken, knappen Kleidern oder nackenfreien Tops vor und neben ihm sitzen.
Auf den Plätzen liegen Duden verteilt, in denen die Mädchen aufgeregt blättern. Viele von ihnen schreiben interessiert. Im Gegensatz zu Lou nutzen sie die verbleibende Zeit.
Er mustert die Umgebung und streicht sich mit der Hand durch die schwarzen Haare. Seine Finger blättern gedankenverloren durch die Seiten des Dudens.
Auf einmal fällt sein Blick unerwartet in Rebeccas Richtung. Sie trägt ein kurzes rotes Kleid mit schwarzen Streifen, das ihre Figur betont. Es endet nur knapp über dem Po. Lou schaut mit halb geöffnetem Mund nach vorn, kneift die Augen zusammen und zieht eine Augenbraue nach oben. Dann leckt er sich über die Lippen.
Während er lässig im Stuhl sitzt, arbeiten die Elftklässlerinnen eifrig und sehen den intensiven Augenkontakt nicht, der sich zwischen Rebecca und ihrem Schüler anbahnt.
Sie dreht sich auf dem Stuhl ein Stück zur Seite und überkreuzt die Beine. In dieser Pose präsentiert sie ihrem nach vorn schauenden Schüler den schlanken Körper und die grazilen Beine mit den roten Pumps.
Seine Blicke bleiben ungeniert auf dem schlanken Leib haften. Sie spürt, wie er sie im Geiste auszieht, weil er ihren Body permanent scannt. Rebecca genießt es, von ihm unanständig angestarrt zu werden.
Sie steht elegant auf und zupft sich das eng sitzende, kurze Kleid zurecht. Die Absätze klacken auf dem Boden, während sie wie eine Königin durch die Reihen stolziert. Keines der Mädchen achtet auf sie. Nur Elouan richtet seinen Blick eisern auf den Körper seiner Lehrerin.
Rebeccas Augen schweifen zu ihm und verlieren sich in seinen. Ihre tiefblaue Farbe wirkt wie ein Magnet. Er begehrt sie. Die ganze Zeit über fühlt sie Lous bohrende Blicke auf ihrem Rücken, auf dem Arsch. Vermutlich stellt er sich vor, wie es wäre, diesen mit seinen jugendlich kräftigen Händen zu umfassen.
Rebecca schreitet zurück zum Lehrertisch und setzt sich halb darauf. So kann er ihren Körper weiterhin mit seinen Augen in Besitz nehmen. Sie bietet ihm das verbotene Bild, das er haben möchte.
Nach Abgabe des Aufsatzes verschwinden die Mädchen aus dem überhitzten Klassenzimmer. Nur Lou, der ihr anbietet, die Duden einzuräumen, bleibt zurück. Rebecca beobachtet, wie er von Tisch zu Tisch läuft. Seine Bewegungen fesseln sie.
Er trägt eine dunkle Jeans und ein graues Shirt, das aufgrund der Hitze im Raum fest an seinem schlanken Körper anliegt.
Elouan legt die zusammengetragenen Duden auf der hintersten Bank ab. Von dort aus kann sie Rebecca problemlos in den Schrank einräumen, wobei sie sich tief nach unten beugen muss. Sie tut es im vollsten Wissen, dass er ihr aufgrund des extrem knappen Kleides auf den Hintern starrt und den Ansatz des schwarzen Slips erkennt.
Als sie die letzten Bücher verstaut hat und sich aufrichtet, steht Lou ohne Vorwarnung dicht hinter ihr. Sie spürt seine erdrückende Nähe und fühlt, wie sich seine Erektion gegen ihren Po presst. Rebeccas Puls beschleunigt sich augenblicklich und sie ist nicht in der Lage, auch nur einen Schritt zu tun. Sogar das Atmen fällt ihr schwer, weil er so verdammt nah hinter ihr steht.
Er berührt ihre welligen langen Haare und schiebt sie ihr sacht über die Schultern. »Haben Sie sich nicht auch schon mal gefragt, wie es wäre«, wispert er ihr lasziv ins Ohr und streichelt mit den Fingerspitzen zart über ihre Oberarme, »mit einem Ihrer Oberstufenschüler zu schlafen?« Was für eine überaus verlockende Vorstellung! Eine, die sie erschüttern lässt.
Seine Worte lähmen sie. Lou greift mit beiden Armen um Rebecca herum und schlägt die Schranktür krachend zu. Er steht so dicht hinter ihr, dass seine heißen Lippen hauchzart über den Nacken und Hals streifen. Sein warmer Atem kitzelt über ihre empfindliche Haut.
Soll sie sich auf dieses verwegene Spiel einlassen? Ein Kribbeln zwischen den Beinen zu unterdrücken, wäre ein Verrat an ihrem Körper.
»Du darfst«, flüstert sie, während Elouan noch immer gedrängt hinter ihr steht, »mit jeder in diesem Raum schlafen. Außer mit mir.«
Seine zarte Berührung an der Schulter ist Erotik pur. Ein elektrisierendes Aufzucken, das Rebeccas Körper erbeben lässt. Lou raunt in ihr Ohr: »Genau das ist es, was mich so scharfmacht.«
Wieder überfluten seine warmen Finger ihre Oberarme mit Sinnesreizen. Er berührt sie an der Taille und fährt mit seinen Händen hinab bis zum Hintern. Dabei atmet er tief ein und stöhnt lustvoll auf: »Warum machen Sie mich so geil, dass ich nicht weiß, wohin mit meiner Lust.«
Der Moment, der durch die Hitze elektrisierend prickelnd ist, lähmt Rebecca. Und doch – Aus Angst, jeder könnte sie sehen, will sie zur Tür gehen und diese verriegeln. Da ergreift er reflexartig ihr Handgelenk und zieht sie in eine Ecke des Klassenraums.
Hart wird Rebecca an die Wand gepresst und schon im nächsten Moment legen sich seine vollen Lippen gierig auf ihren Mund. Sein ganzer Körper drängt sich ihr entgegen. Seine raschen, fordernden Bewegungen, seine Erregung auf ihrem Oberschenkel und seine Zunge, die heiß in den Mund dringt – Gott – die Vorstellung, gleich von ihm gevögelt zu werden und der Gedanke, dabei erwischt zu werden, lassen Rebecca augenblicklich feucht werden.
Lous leidenschaftliche Küsse rauben ihr den Verstand. Sie darf nicht … Einen Scheiß darf sie. Jetzt will Rebecca nur noch von ihm angefasst werden und seine Kraft in sich fühlen.
Er packt sie an der Hüfte und hebt sie problemlos auf den Tisch in der letzten Bankreihe herauf, während er weiter hitzig mit seiner Zunge ihren Mund erkundet.
Der Reißverschluss seiner engen schwarzen Jeans ist um Nu geöffnet, Rebeccas Kleid Richtung Hüfte zügig hinaufgeschoben. Seine neugierigen Berührungen entringen ihr immer neue Reize. Er widmet sich ihrem Oberschenkel und dringt danach zu ihrem Schambereich vor. Den Spitzenstring, den sie darunter trägt, umspielt er kokett mit seinen Fingern. Er will jede Minute auskosten.
Die Gewissheit, von ins Zimmer stürmenden Schülern oder Lehrern erwischt zu werden, lässt Rebeccas Herz vor Angst flattern, aber ihren Unterleib vor Lust erzittern.
Seine lüsternen Worte, die er ihr ins Ohr haucht, bringen Rebeccas Blut zum Aufkochen: »Ich habe die gesamte Stunde über Ihren Arsch betrachtet und konnte mir bereits vorstellen, wie er sich in meinen Händen anfühlt. Wissen Sie, wie geil Sie mich damit gemacht haben? Ich bin schon beim Sitzen hart geworden.«
Bei diesen Worten streicht ihr Daumen über die Wölbung seiner Shorts. Damit entlockt sie ihrem Schüler ein kurzes Stöhnen. Lou zögert nicht, sondern streift ihr im nächsten Moment den Slip vom Po und verteilt mit seinen samtigen Fingern die Feuchtigkeit zwischen ihren Schenkeln. Ein atemberaubendes Gefühl.
»Ich will Sie jetzt auf dem Tisch ficken«, keucht er ihr heißblütig ins Ohr. Rebecca quittiert seinen Satz mit einem anzüglichen Blick. Sie kann nicht anders, als erneut mit der Hand über den Stoff seiner Shorts zu fahren. Neugierig umkreist ihr Daumen die straffe Eichel. Kühn wandern ihre Finger weiter, hinein in seine Unterhose. Mit seinem zuckenden Glied in ihren Händen könnte sie alles mit ihm anstellen.
»Hol ihn raus!«, flüstert er lustvoll. Mit den feinen Äderchen sieht sein Penis einfach perfekt aus, wie alles an ihm.
Rebeccas Hand entlockt ihrem Schüler ein tiefes Stöhnen, als sie seinen Schaft mit einem Auf und Ab bedenkt. Er fühlt sich so hart und gleichzeitig weich an, dass sie nur noch will, dass er sie gierig auf den Tisch nieder presst.
Ein Ruck und schon hat er Rebecca an sich herangezogen. Die Leidenschaft, mit der er in sie eindringt, überwältigt ihren überreizten Körper. Da ist dieses heiße Prickeln, das sie durchzuckt, als er sich mit absolut kontrollierten Bewegungen in ihr bewegt.
Er presst sie mit seinem Gewicht auf den Tisch nieder, während seine Zunge weiterhin besitzergreifend in ihren Mund stößt und sie spürt, dass er seine Lust nicht mehr lange zurückhalten kann. Fest umklammert sie mit ihren Beinen sein Becken, um seine Bewegungen noch intensiver in sich aufzunehmen.
Er stemmt seinen Unterkörper gegen ihre Hüfte, während sein Glied kräftiger wird und verlangend in ihr zuckt. Seine Stöße verstärken sich von Minute zu Minute, bis er sich mit einem kurzen Aufbäumen zum Höhepunkt gebracht hat. »Mehr«, stöhnt sie leidenschaftlich in sein Ohr.
Rebecca schlug die Augen auf und spürte das starke Pochen in ihrem Beckenbereich. Eine unheilvolle Ahnung durchstreifte sie: Diese verbotene Begierde, die sie gerade verspürte, würde irgendwann Befriedigung verlangen.
Kapitel 3
Endlich Wochenende. Obwohl für Anfang März nicht ungewöhnlich, hatte es in der Nacht von Freitag auf Samstag ununterbrochen geschneit, sodass sich über der Einfahrt und den Garten eine dicke Schicht Schnee gelegt hatte.
Rebecca wünschte sich nichts sehnlicher, als dass die Tage wieder länger wurden und sie endlich auf der Terrasse im Garten sitzen konnte. So aber musste sie mit der Couch und Paul neben sich vorliebnehmen, nachdem sie vom Schneeschieben nach drinnen gekommen war.
Ihr Freund hatte seinen Laptop auf dem Schoß stehen und surfte gelangweilt durch das Netz. Normalerweise hatte Rebecca so viel mit der Unterrichtsvorbereitung zu tun, dass ihr gar nicht in den Sinn kam, Langeweile zu empfinden. Doch das Schneeschieben hatte sie ausgelaugt.
Außerdem durchflutete sie ein gutes Gefühl bei der Vorstellung, am Sonntag alles zu schaffen und dafür heute nichts machen zu müssen. Paul schaute sich auf einer Baumschul-Website Kiefern an. Da Rebecca wenig an seinen Gartenvorstellungen interessiert war, lag sie auf der anderen Seite des Sofas und sah ihrem Partner, der nur ein verschwitztes Unterhemd und eine löchrige Jeans trug, dabei zu, wie er auf die Tastatur seines Laptops einhämmerte.
Manchmal schaute Paul etwas interessierter, wenn er meinte, ein passendes Formgehölz gefunden zu haben. Er rieb sich dabei über die grauen Bartstoppeln seines Kinns und murmelte unverständliche Worte vor sich hin. »Was für ein Wucher!«, platzte es aus ihm heraus. »Und das immer am Anfang des Jahres, wenn …« Rebecca war in Gedanken bei ihrem Schüler und ihrer erotischen Fantasie von vor wenigen Tagen. Doch solange sich Paul in ihrer Nähe befand, wollte es ihr trotz geschlossener Augen nicht gelingen, sich erotische Positionen mit Lou vorzustellen.
Noch in Gedanken versunken, wurde sie jäh durch das Klingeln des Telefons aufgerüttelt. Paul hatte schon den Hörer gegriffen. In den wenigen Sekunden der Pause schaute er zu Rebecca auf.
»Hallo, Tom«, sagte er. Wieder entstand eine Stille, in der Paul mehrmals nickte. Dann sagte er: »Ja, Zeit hätten wir. Wann passt es euch?« Erneut Ruhe. »Gut, bis dann.«
Paul legte den Hörer wieder auf die Vorrichtung des Telefons. »Tom war dran. Er hat uns für heute Abend zum Essen bei sich und Lydia eingeladen. Ich habe zugesagt.«
Unfassbar, wie sie bei der Entscheidungsfindung übergangen wurde. »Ist doch in Ordnung, oder?«
Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern: »Ja, geht klar. Haben sowieso nichts vor.«
Sie schaute Paul teilnahmslos an. Der Blickkontakt zwischen ihnen: emotionslos, kalt. Schweigen umfing sie wie eine leere Hülle, in der sie seit Jahren eingeschlossen waren.
»Welche Zeit sollen wir da sein?«
»Halb sechs.«
Erneutes Schweigen. Die Standuhr auf dem Kamin zeigte noch nicht einmal vier Uhr an.
»Was machen wir solange?«
In den Rechner schauend, murmelte er: »Hast du nichts für die Schule vorzubereiten?«
Wollte er sie wie ein nerviges Anhängsel loswerden, um seine Ruhe zu bekommen? »Doch. Keine Lust. Eigentlich reicht es, wenn ich mich morgen darum kümmere.«
»Fang doch heute schon an.« Das sagte der Richtige! Paul handelte immer getreu dem Motto: »Was du heute kannst besorgen, das verschiebe stets auf morgen.« Selbst jetzt war ihm das Surfen im Internet wichtiger, als sich mit ihr zu unterhalten.
»Weißt du, mal sagst du, ich soll nicht so viel für die Schule machen und jetzt ermunterst du mich dazu, etwas zu tun? Wie absurd ist das eigentlich?«, fragte Rebecca perplex, als sie darüber nachsann, wie er sie gerade loswerden wollte. Doch Paul reagierte nicht.
Genervt rollte Rebecca mit den Augen, als sie erkannte, dass in diesem Moment die Webseite der Baumschule wichtiger für ihn war als sie.
»Duschen?«, fragte sie, um Paul auf andere Gedanken zu bringen.
»Keine Lust«, antwortete er.
»Du willst doch nicht so bei unseren Freunden erscheinen, in diesem verlotterten, verschwitzten Zustand und mit diesem …«, Rebecca verzog angewidert das Gesicht, »… diesem Hemd.«
Paul hob provokant seinen rechten Arm und schnupperte an seiner Achsel. Obwohl er selbst kurz den Mund verzog, gab er spöttisch zurück: »Riecht nicht mehr so frisch.«
»Komm. Wir gehen jetzt duschen, Paul.« Rebecca setzte ein verführerisches Gesicht auf. »Danach könnten wir doch ein wenig kuscheln.« Sie warf die Decke, in die sie eingewickelt war, beiseite, robbte zu Paul herüber, schmiegte sich an ihn und hoffte, dass er die Einladung zum Sex verstand.
»Ja, gut«, sagte er knapp, ohne jedoch viel Begeisterung zu zeigen.
»Fein«, gab Rebecca freudig zurück und ging Richtung Bad.
An der Tür angekommen, merkte sie, dass Paul ihr nicht folgte. »Was ist? Kommst du? Ich dachte, wir duschen gemeinsam?«, hakte sie erneut ins Wohnzimmer rufend nach.
»Ja, gleich«, brüllte er mit einem leicht gereizten Unterton in ihre Richtung.
Selbst als Rebecca nackt war, fehlte von Paul jede Spur. Er saß noch immer wie parallelisiert über dem Bildschirm des Laptops.
»Kommst du jetzt oder muss ich allein duschen?«, fragte sie gereizt.
Widerwillig trottete Paul Richtung Schlafzimmer, zog sich aus und erschien danach nackt vor der Dusche. Rebecca ließ bereits das feuchte Nass über ihren Körper rieseln und wanderte dabei mit ihrem Blick an Paul auf und ab. Seit ihrem Kennenlernen hatte er sich optisch verändert: Der Bauch war dicker geworden, was vor allem daran lag, dass er nicht mehr allein wohnte und regelmäßig Sport treiben konnte. Bei einem Haus kamen Verpflichtungen dazu, denen man sich nicht entziehen konnte. Hätte sie geahnt, dass der Garten und das Haus solch eine Arbeit machen, hätte sie dem Hausbau vielleicht weniger euphorisch zugestimmt. Wie naiv sie damals gewesen war!
Rebecca übergab Paul den Duschkopf und seifte sich mit einer wohlriechenden Lotion ein. Dabei drehte sie ihm den Rücken zu und spürte, wie sich der Strahl des Wassers an ihrem Po ergoss. Sie trat näher an ihren Freund heran, sodass das Wasser über ihren Körper lief. Paul rieb ihr von hinten die Seife und den Schaum vom Oberkörper, knetete die Brüste sanft und berührte zärtlich ihren Schambereich. Die Berührungen durch seine Hände fühlten sich warm, weich und bekannt an.
Während er die Streicheleinheiten fortsetzte und das angenehme Wasser über seinen und ihren Körper floss, verringerte Paul die Distanz zwischen ihnen. Seine Hände wurden fordernder und Rebecca spürte seine Härte an ihrem Po.
Er umfasste ihre Hüfte und presste seine Eichel gegen ihre Schamlippen. Die erregenden Berührungen durch seine Schwanzspitze ließen Rebecca feucht werden. Sie stöhnte auf.
Dabei stellte sie sich vor, wie Elouans Penis über ihre Spalte rieb. Während sie die Augen geschlossen hielt, erkannte sie Lous wunderschönes, ebenmäßig jugendliches Gesicht. Rebecca spürte nicht Pauls männlich herben Körper mit der Brustbehaarung und dem untersetzten Leib, sondern die gleichmäßige Haut ihres Schülers sowie seinen muskulösen, schlanken Körper mit der unbehaarten Brust.
Er hängte den Duschkopf in die Halterung ein und ging abgetrocknet in die Schlafstube. Als Rebecca kam, lag er auf der Seite. Seine unvorteilhaften Kurven und die Ansätze der Schwimmringe am Bauch stachen ihr ins Auge. Pauls herber, von Männlichkeit übersäter Körper war wenig attraktiv, fast ekelerregend. Seine Schambehaarung war mittlerweile so lang, dass es sie anwiderte, mit ihm zu schlafen.
Aber er hatte sie in der Dusche dermaßen heiß gemacht, dass in diesem Moment das Aussehen zweitrangig war.
Als Rebecca auf das Bett glitt, rollte sich Paul auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Das war die Einladung dazu, sich auf ihn zu setzen und zu reiten. Unelegant schwang sie ihr linkes Bein über Pauls Schoß und setzte sich auf ihn. Mühelos glitt sein Glied in sie hinein, da sie feucht von den Berührungen unter der Dusche war.
Er umfasste sie mit den Händen an der Hüfte und schob sie wie eine Gummipuppe über sein Becken. Ihre Brüste wippten bei jeder Bewegung auf und ab.
Aber der uninspirierte Sex langweilte sie schon nach kurzer Zeit und ihr Blick schweifte aus dem Fenster des Schlafzimmers hinaus. Das Winterwetter hatte sich beruhigt, da lediglich vereinzelte Flocken vom Himmel fielen und sie nicht mehr nach draußen gehen musste, um in der Einfahrt Schnee zu schieben.
Während sie weiter von ihrem Freund vor und zurück geschoben wurde, merkte Rebecca, wie ihre Lust abnahm. Gleichzeitig hörte sie an Pauls Stöhnen, dass er nicht mehr lange brauchte. Gleich war es geschafft! Von der Leidenschaft, die sie unter der Dusche gefühlt hatte, war nichts mehr übrig geblieben.
Er schob sie zunächst weiter über seinen Unterleib. Dann rollte er sie kurzerhand auf den Rücken und drang hart in sie ein.
Die Missionarsstellung raubte ihr jegliches Verlangen. Standardsex. Er würde noch wenige Male zustoßen, dann kurz aufstöhnen, ein kleines »Ah« aushauchen und wie ein Mehlsack auf das Bett fallen. Jetzt noch selbst Hand an sich zu legen, wo Rebecca doch wusste, dass es gleich vorbei war, wollte sie nicht.
Paul pumpte, während sie keine Begierde mehr nach ihm verspürte und nur noch wollte, dass er endlich von ihr abließ. Die Bewegungen schmerzten. Es half nichts mehr, die Augen zu schließen und sich Elouan vorzustellen, weil Pauls Stöhnen immer unnachgiebiger in ihr Ohr drang. Sein Höhepunkt passte zum drögen Sex.
Kurz verharrte er über ihr, bevor er abgekämpft auf das Bett plumpste. Mit einem emotionslosen, kurzen Kuss rollte er sich von ihr weg und schloss die Augen, ohne auch nur einen Ton von sich zu geben. Das Zeichen war unmissverständlich: Paul wollte jetzt seine Ruhe haben, liegen bleiben, eindösen.
Wie ein brunftiger Hirsch, der soeben eine Horde Hirschkühe begattet hatte, lag er neben ihr. Sein Brustkorb hob und senkte sich nach dem anstrengenden Koitus. Rebecca robbte vom Bett herunter und begab sich schleunigst ins Bad, um seinen Samen unter der Dusche auszuspülen. Glibberig lief die Soße heraus, an ihrem Bein herunter.
Der Wasserstrahl, der gegen ihren Unterleib drückte, erregte Rebecca. Die ungewohnten Empfindungen auf ihrem Kitzler verursachten eine unbeschreiblich heftige Lust. Die Feuchtigkeit der Spermien, der Druck der Brause und ihre Finger, die ihr Lustzentrum umkreisten, trieben sich unaufhaltsam Richtung Höhepunkt.
Rebecca stellte sich vor, wie Elouan gemeinsam mit ihr unter der Dusche steht. Sein göttlicher Körper zeichnet sich vor ihrem inneren Auge ab. Sie lässt ihren Blick zu seinem stattlichen Penis wandern, den sie mit ihrer Hand massiert, während er mit den Fingern über ihre Klit reibt. Fester knetet sie seine Hoden, reibt am Schaft auf und ab. Er ist so verflucht hart und gleichzeitig butterweich. Seine feuchten Finger verstärken wiederum den Druck auf ihre Klitoris. »Ah!«, stöhnt sie.
Mit ungeahnter Wucht rollte der Orgasmus über Rebecca. Ihre Scheidenwände zogen sich zusammen, kontrahierten. Noch einmal das Gefühl erleben! Erneut schloss Rebecca sie die Augen, stützte sich mit der linken Hand an der Duschkabine ab, sieht wieder Elouan vor sich, wie er stöhnt, während er seinen inzwischen zum Zerbersten angeschwollenen Schwengel über ihre Spalte reibt. Sie will ihm helfen, kniet sich nach unten, berührt seine pralle Eichel mit ihrer Zungenspitze, saugt zärtlich daran. Dann umspannt sie immer fester sein Glied mit ihren Lippen und seinen Arsch mit ihren Händen, lässt die Zunge an der Eichel kreisen. Er keucht heftig auf. »Gleich«, raunt er über ihr und wirft den Kopf in den Nacken, um sich den Empfindungen vollends hinzugeben. »Gleich«, hört sie ihn erneut gequält stöhnen. Dann lässt sie von ihm ab, kniet noch immer vor ihm, während er seinen Penis umfasst und sich auf ihrer Brust ergießt.
Zum zweiten Mal erlebte Rebecca, wie sie die Erregung durchschüttelte. Sie krallte sich an der Wand der Duschkabine fest, presste die Oberschenkel zusammen, um die Nachbeben des Orgasmus zu fühlen. »Mehr«, stöhnte sie. Plötzlich stand Paul vor der Dusche und sah sie ungläubig an.
Kurz vor sechs Uhr saßen Rebecca und Paul im Auto, unterwegs zu Tom und Lydia. Er fuhr schweigsam. Obwohl die Strecke nur fünfzehn Kilometer betrug, wirkte sie angesichts der nichtssagenden Mimik ihres Freundes wie eine Tagesetappe.
»Du scheinst mehr Spaß mit der Dusche zu haben als mit mir«, sagte Paul unvermittelt.
»Und du wohl mit dem Rechner.« Chapeau.
»Was meinst du?« Rebecca lächelte vor sich hin. Eine Erklärung war unnötig.
»Das Internet war dir auch wichtiger, als das Duschen und der Sex mit mir. Ich bin dir doch egal.«
»Das ist doch Quatsch, Rebecca!«
Statt »Beccy« zu sagen, nannte er sie beim ganzen Namen. Das tat er immer, wenn er dem Gesagten mehr Ernsthaftigkeit verleihen wollte.
»Ich hatte eben etwas Nettes gesehen. Da unterbreche ich nicht meine Suche!« Rebecca schaute betreten aus dem Fenster, während das Schweigen im Auto Gestalt annahm. Jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt, um den Status ihrer Beziehung zu hinterfragen. Aber es passierte nichts. Den Rest der Strecke schwiegen sie sich an – wie ein altes Ehepaar, das schon fünfzig Jahre verheiratet war und keine Geheimnisse mehr voreinander hatte.
Tom und Lydia waren vor drei Jahren in ein kleines, verschlafenes Dorf umgezogen, in dem sie sich ein Häuschen errichtet hatten. Tom schob gerade den Schnee aus der Einfahrt, als Paul und Rebecca das Grundstück ihrer Bekannten erreichten.
Paul und Tom sahen sich regelmäßig, da sie in der gleichen Firma arbeiteten. Sie umarmten sich freundschaftlich. Nachdem Rebecca ausgestiegen war, gab Tom ihr die Hand. Sie kannte ihn zwar gut, hätte ihn aber nicht als engen Freund bezeichnen wollen.
Bevor sie in das Haus traten, schaute sich Rebecca den Außenbereich des Häuschens an. Was ein typisches, spießbürgerliches Wohngebäude: Die Fassade war von außen verklinkert und mit einem kleinen Garten versehen, der von der Straße zur Hälfte einsehbar war. Vor der Tür hatte Lydia einen Strauß Tannenzweige aufgestellt, der liebevoll mit Strohsternen behangen war. Daneben stand eine grinsende Katze aus Holz. Das Klingelschild aus Metall besaß den eingravierten Familiennamen. Tom und Lydia waren seit zwei Jahren verheiratet. Im vergangenen Herbst kam ihre Tochter Lea zur Welt.
Tom begleitete seine Freunde zur Haustür, schloss auf und ließ sie nach drinnen eintreten. Wohlige Wärme umfing Rebecca, denn die Fußbodenheizung umschmeichelte ihre Füße. Lydia kam ihnen aus der Küche tretend entgegen. Auf dem Arm trug sie ihre Tochter, die mit ihren sechs Monaten noch nicht laufen konnte.
Rebecca schossen Gemälde in den Kopf, auf denen die Mutter Maria mit dem Jesuskind abgebildet war. Genauso idyllisch und verklärt erschienen ihr gerade Lydia und ihr Baby.
Die Hausherrin umarmte Rebecca so gut sie es mit dem Kind auf dem Arm konnte. Sie trug einen weiten, rosafarbenen Pullover und graue, schlabberige Jogginghosen. Ihre strohblonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. An den Seiten standen einige Härchen ab, sodass die erst Mitte Dreißigjährige viel älter wirkte. Genauso stellte sich Rebecca das Mutterdasein vor: keine Zeit für das Aussehen zu haben, da man stets mit dem Kind beschäftigt war.
Die Kleine starrte die Eintretenden schüchtern an. Als Rebecca sie zart an der Wange berührte, vergrub sie das Gesicht in das Brustbein ihrer Mutter.
»Schön, dass ihr uns mal wieder besuchen kommt«, sagte Lydia höflich und bat ihre Freunde ins Wohnzimmer hinein. Irgendetwas stimmte nicht! Das Strahlen in ihren Augen fehlte. Lydias grüne Pupillen wirkten blass, fast bedrückt. Rebecca verkniff sich eine Nachfrage und schaute sich stattdessen im Flur um.
Tom stand noch immer an der halb geöffneten Haustür und klopfte sich den Schnee von seiner Hose ab. Dann kam er hinein. Ein Duft von Auflauf hing wie ein unsichtbares Band in der Luft.
Alles an der Einrichtung im Hausflur war spießbürgerlich kitschig: An den Wänden befanden sich Bilderrahmen mit Fotos der Familienmitglieder. Oma und Opa mit Lea, ein Hochzeitsfoto von Tom und Lydia, Lea als Neugeborene. Auf einem der Rahmen stand sogar »Family« drauf. Außerdem gab es rechts vom Eingangsbereich ein langes Schuhregal, das fein säuberlich aufgestellt unter anderem Pantoffel und Stiefel enthielt. Darüber hing eine bunte Zeichnung des Wohnorts. Auf dem Schrank standen kleine Kistchen aus Bast, in denen Lydia diversen Krimskrams verstaute.
Der Flur wurde zum Wohnzimmer und zur Küche hin breiter und gab auf der linken Seite den Blick auf das Badezimmer frei. Hier erinnerte vieles an eine Wohnung, die liebevoll eingerichtet wurde, um inneres Chaos durch äußere Ordnung auszugleichen.
Eine Veränderung gab es: Ihr letzter Besuch lag fast ein halbes Jahr zurück. Damals war Lea gerade einen Monat alt gewesen. Die Wohnzimmereinrichtung jetzt glich einem Schlachtfeld. Auf dem Teppich befanden sich Autos, Plüschtiere und anderes Spielzeug. Dass sogar das Sofa Chaos verbreitete, wunderte Rebecca, denn sonst war Lydia immer auf Ordnung bedacht – und zwar in sämtlichen Angelegenheiten, was auch die spießbürgerliche Einrichtung im Hausflur verdeutlichen sollte.
»Tut mir furchtbar leid, dass es so wild aussieht«, sagte Lydia leicht gequält, als ob sie Rebeccas Gedanken hatte lesen können. »Wir kommen nicht mehr zum Aufräumen, seitdem die Kleine krabbelt und alles durch die Gegend wirft.« Sie sah die Schuldgefühle in Lydias Augen aufblitzen.
»Und wie läuft es bei euch?«, fragte Tom, um vom Thema abzulenken.
»Du weißt ja, in meiner Abteilung ist immer viel los. Erst letzte Woche musste ich wieder mit einer Kollegin ein Personalgespräch führen, nachdem sie mir gesagt hatte, dass sie vorhat, weniger Stunden arbeiten zu wollen.« Wie gesprächig Paul mit einem Male war!
In seiner Position als Abteilungsleiter einer Firma, die sich mit Finanzen beschäftigte, hatte er immer viel mit Menschen zu tun und musste ständig mit seinen Angestellten sprechen. Mit Rebecca hatte er aber offenbar nicht mehr viel zu bereden.
Tom, der genau wie Paul auch in seiner Abteilung der Leiter war, hakte sofort nach. Dann tauschten sie sich über beruflichen Kram aus, während Lydia und Rebecca daneben saßen und den Männern beim Plaudern zuhorchten. Tom sprach weniger gestresst von der Arbeit, als es Paul tat. Er meckerte nicht so viel, schien ausgeglichener zu sein, trotz des Stresses zu Hause. Gerade mit Kind.
Lydia hatte nicht viel zu der Konversation beizutragen. Vor ihrer Schwangerschaft und Elternzeit hatte sie im Krankenhaus als Assistenzärztin in der Urologie gearbeitet. Als feststand, dass sie schwanger war, hatte sie die Arbeit sofort an den Nagel gehängt, um das Kind in ihrem Bauch nicht zu gefährden.
Lydia war vor ihrer Schwangerschaft eine äußerst lebenslustige, gesellige junge Frau gewesen. Tom und sie waren oft auf Partys unterwegs gewesen oder hatten Bekannte besucht. Rebecca kannte sie als Frau, die gern lachte und immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte. Jetzt wirkte sie in sich gekehrter, reifer, abgeklärter. Sie beugte sich über das Baby, das neben ihr zu quengeln begann und streichelte zärtlich über die Wange des Mädchens. Wie liebevoll sie die Kleine umsorgte.
Lydia führte genau das Leben, von dem Rebecca träumte und um das sie ihre Freundin beneidete: verheiratet, Kind, Haus, Liebe.
Nach dem Essen zogen sich Paul und Tom mit einem Bier auf die Couch zurück. Lydia musste Lea zu Bett bringen und fragte Rebecca, ob sie sie begleiten wollte. Sie spürte, dass Lydia etwas auf dem Herzen hatte und mit ihr allein sein wollte. Rebecca vermutete, dass ihre ungewöhnliche, introvertierte Art, die sie so gar nicht an ihr kannte, einen Grund haben musste.
Im Kinderzimmer des Babys befand sich rechts neben der Tür die Wickelkommode, auf deren Ablage bunte Bärchen abgebildet waren. Lydia legte als Erstes Lea dort drauf und begann damit, der Kleinen neue Windeln anzulegen.
Rebecca schaute sich im Kinderzimmer um. In der Mitte stand das Gitterbett. Auf der linken Seite hatten die Eheleute einen grün-rosa lackierten Schrank aufgestellt. Die komplette Einrichtung wirkte sehr friedlich. Die Tapete mit den Sternen, dem lachenden Mond und der Sonne unterstrich diesen Eindruck perfekter Harmonie. Gleichzeitig fand Rebecca das Zimmer furchtbar spießbürgerlich; wie alles in diesem Haushalt.
Lydia legte Lea ins weißlackierte Babygitter und setzte sich auf einen Stuhl daneben. Die Mutter streichelte das Mädchen, sang ein Gutenachtlied, während sie den Kopf schräg über das Gitter neigte. Trotz dieses so ursprünglichen Bildes, das eine Ruhe sondergleichen ausstrahlte, wurde sie das Gefühl nicht los, dass Lydia mit ihren Gedanken gar nicht bei der Kleinen war.
Lea war schon vor einigen Minuten eingeschlafen, doch Lydia streichelte sie noch immer. Plötzlich sah Rebecca in Lydias Auge eine Träne aufblitzen, die sich den Weg die Wange hinunter bahnte. »Was hast du?«, fragte sie sorgenvoll und streckte die linke Hand nach der Schulter ihrer Freundin aus.
Lydia drehte sich zu ihr herum, dann begann sie leise: »Ich weiß nicht, wem ich meine Gefühle anvertrauen kann, Beccy.«
Weil Lydia schluchzte, nahm Rebecca sie in den Arm, um sie zu trösten, ihr das Gefühl zu geben, bei ihr zu sein. Als sie sie losließ, begann sie leise: »Ich glaube …« Das Sprechen fiel ihr sichtlich schwer. »… Tom hat … eine Affäre.« Wie bitte? Das konnte nicht sein! Er machte stets den Eindruck eines liebevollen Vaters, der wie ein Löwe für seine Familie einstand. Was Lydia jetzt sagte, schockierte sie bis ins Mark.
»Wie kommst du denn darauf? Hat er es dir gesagt?« Sie schüttelte den Kopf.
»Nein, aber …« Lydias Lippen bebten und ein heftiges Schluchzen suchte sich einen Weg aus ihrem Mund. »Aber es ist … etwas vorgefallen.«
Nur schwer fand Lydia die Worte wieder. »Die Abteilung, in der Tom arbeitet, hat erst im Januar die Weihnachtsfeier nachgeholt, weil Tom ja in den ersten Monaten Babyurlaub genommen hat.« Lydia senkte den Kopf, rang um die richtige Wortwahl.
»Zu dieser Weihnachtsfeier waren auch die Ehegatten und Freunde eingeladen, es sollte in einem größeren Rahmen stattfinden, weißt du?« Rebecca nickte. »Lea haben wir an diesem Abend bei meiner Mutter abgegeben. Es war das erste Mal, dass wir sie bei jemand anderem gelassen haben. Du kannst dir gar nicht ausmalen, welche Gedanken mir an diesem Abend durch den Kopf gingen. Ständig war ich besorgt, ob alles klappt, ob sich die Kleine fürchtet, wenn sie spürt, dass ihre Eltern nicht da sind. Trotzdem musste ich unbedingt das Haus verlassen und bin zur Weihnachtsfeier mitgefahren. Wir kamen mit Verspätung an, da wir ja Lea noch fortgeschafft haben. Tom suchte sich sofort einen Platz nahe seinen Arbeitskollegen. Aber seltsamerweise nicht neben irgendeinem männlichen Kollegen, sondern neben seiner Sekretärin Denise. Schon beim ersten Kennenlernen mit ihr spürte ich, wie vertraut sich beide sind, Tom und sie. Ich kann es schlecht beschreiben, eine Ehefrau merkt, wenn ihr Mann sich zu einer anderen Frau hingezogen fühlt. Es lag ein Kribbeln in der Luft, wenn sich beide so angesehen haben.«
»Hat Tom dir gegenüber diese Frau schon einmal erwähnt?« Lydia atmete schwer aus.
»Ich weiß schon, dass er seit dem vergangenen Sommer eine neue Sekretärin hat. Er hat mir aber nie gesagt, dass sie so jung und blond ist und noch dazu eine Bombenfigur hat. Vermutlich hat er es verschwiegen, weil er wusste, dass mich das eifersüchtig macht. Ich war ein Kotzbrocken in der Schwangerschaft, war wegen allem beleidigt oder wehleidig.«
»Und was ist auf der Weihnachtsfeier passiert? Ich meine, irgendwas muss dich ja zum Nachdenken gebracht haben. Affäre. Das ist ein ganz schön heftiger Vorwurf.« Lydia wirkte nachdenklich, kniff die Augenbrauen zusammen.
»Die Sekretärin saß die ganze Zeit über neben Tom. Ich habe links von ihm, sie auf der rechten Seite gesessen. Nicht, dass er neben irgendeinem seiner männlichen Kollegen, von denen es so viele in der Abteilung gibt, gesessen hätte. Nein! Er musste sich ausgerechnet neben seine attraktive Sekretärin setzen.« Lydia senkte erneut den Blick.
Von Eifersucht zernagt redete sie weiter: »Er hat sich mehr mit ihr unterhalten, als sich um mich zu kümmern. Wenn nicht dieser vertraute Blickkontakt zwischen ihnen gewesen wäre. Und wie sie miteinander gelacht haben. Nicht eine Sekunde lang hat er seine Tochter vermisst.«
Bei dem letzten Satz brach Lydia erneut in bittere Tränen aus. Rebecca versuchte sie zu trösten und sagte: »Er wollte bestimmt bloß einen netten Abend haben. Da vergisst man schnell alles um sich herum.«
»Aber …«, unterbrach sie Rebecca.
Unter Tränen und mit zitternder, lauterer Stimme sagte sie: »Es war das erste Mal, dass wir einen Abend gänzlich ohne Lea hatten! Ich habe sie schon im Auto vermisst und Tom hat nicht einmal über unser Baby gesprochen. So als gäbe es gar keine Tochter für ihn. Findest du das nicht komisch?«
Lydia schaute Rebecca mit ihren roten, verheulten Augen an. »Wenn ihm was an seinem Kind liegt, würde er sie genauso schrecklich vermissen, wie ich es tue, und nicht mit seiner Sekretärin in Anwesenheit seiner Ehefrau flirten.« Sie klang gereizt und wütend.
»Kann es nicht sein, dass du zu viel hineininterpretierst? Dass du seine Freundlichkeit ihr gegenüber als sexuelle Anziehung missverstehst?«
Lydia schaute Rebecca ungläubig an, zog die Stirn in Falten. »Meinst du im Ernst, Tom geht fremd und setzt sich neben seinen Seitensprung? Ein Mann würde das doch unter allen Umständen verhindern und es so aussehen lassen, als ließe sie ihn absolut kalt.« Lydia hielt kurz inne, überlegte, ob es nicht doch so sein konnte, wie Rebecca sagte.
Scheinbar unbeeindruckt von den Worten gab Lydia noch mehr Details preis: »Wenn es nur die Gespräche gewesen wären. Am späten Abend wurde auch getanzt. Die Weihnachtsfeier fand in einem größeren Saal einer Gaststätte statt. Anstatt mich zum Tanzen aufzufordern, hat er mit Denise getanzt. Dieses … Flittchen … hat sich an ihn herangemacht! Wie nah sie ihm war und wie sie miteinander gelacht haben. Erst später hat er mit mir getanzt, aber weit weniger zärtlich und innig als mit Denise.«
»Das muss doch aber noch lange nicht heißen, dass die beiden miteinander schlafen.«
Lydia lief eine dicke Träne die Wange hinab, was Rebecca tiefes Mitgefühl empfinden ließ. »Was soll ich bloß tun, Beccy? Ich sehe furchtbar aus! So unförmig. Meine Haare sind fettig, die Haut ist unrein.« Lydia rieb sich die Stirn, als säße dort ein Teufel, den sie abschütteln wollte.
»Aber was das Schlimmste ist: Ich kann nicht mehr mit Tom schlafen, weil ich mich so unwohl bei dem Gedanken fühle, dass er mich widerlich und abstoßend findet.«
Lydia schüttelte resigniert den Kopf, bevor sie einen letzten, bedeutungsschwangeren Satz aussprach: »Ich wünschte, ich könnte mit ihm über alles reden.« Rebecca horchte auf. Bisher dachte sie, Tom und Lydia würden eine durch und durch harmonische Beziehung führen, könnten über ihre Gefühle sprechen und nur sie und Paul wären eine Ausnahme.
Lydia hielt kurz inne, bevor sie zerknirscht und mit verheultem Gesicht sagte: »Nach der Weihnachtsfeier habe ich Tom gefragt, ob er sich zu Denise hingezogen fühlt. Er ist dem Gespräch aus dem Weg gegangen. Er hat noch nicht einmal versucht zu dementieren, verstehst du? Die Frage, ob er mit ihr eine Affäre hätte, hat er nicht verneint!«
»Und du schließt daraus, dass er die Beziehung zu ihr verheimlicht? Vielleicht kann er es nur nicht verstehen, dass du ihm so etwas unterstellst. Denn …« Rebecca machte eine kleine Kunstpause, atmete noch einmal tief durch, um ihrer Freundin Mut zuzusprechen: »Wie er mit Lea umgeht, das macht doch kein Mann, der seiner Familie untreu wird.«
Lydia schaute Rebecca mit ihren großen, hochroten Augen an. Dann sagte sie mit fester Stimme: »Das ist deine Meinung. Ich traue Tom ein Doppelleben zu. So spät, wie er manchmal nach Hause kommt, befürchte ich, dass er sich den Sex, den ich ihm schon seit fast einem Dreivierteljahr entziehe, woanders sucht.« Sich diese Tatsache einzugestehen, musste Lydia nicht leicht gefallen sein. Sie betrachtete ihre schlafende Tochter. Ohne den Kopf zu heben, sagte sie: »Wenn Tom mich wirklich betrügt, dann werde ich …«
Lydia kämpfte wieder mit den Tränen. »Zum Wohle unserer Tochter würde ich ihn nicht verlassen. Ich liebe Tom. Lea braucht einen Vater.«
Rebecca rückte näher an ihre Freundin heran und protestierte energisch: »Lydia, nein! Das kannst du dir nicht ernsthaft auferlegen wollen! Deine Tochter braucht einen Vater, der ehrlich mit dir ist und keinen, der ein Doppelleben führt. Du kannst doch nicht den Rest deiner Tage unglücklich sein wollen!«
Gequält presste sie hervor: »Und was wird aus dem Leben, das wir uns aufgebaut haben? Was wird aus dem Haus? Wir bezahlen es beide ab, und das noch auf viele Jahre.« Genau wie sie und Paul!
Rebecca hatte gehofft, Lydia von ihren eigenen chaotischen Gefühlen erzählen zu können. Aber das brachte sie nicht übers Herz. Ihre naiven Emotionen kamen ihr unbedeutend und geradezu lächerlich vor gegenüber der sich anbahnenden Ehekrise ihrer Freunde.
»Lydia?« Tom stand unten im Hausflur und rief nach seiner Frau. Seine Stimme kam Rebecca mit einem Schlag viel kälter vor. Sie beschloss, Paul diskret zu befragen und ihre Freundin nicht weiter zu belasten. »Lydia? Wo seid ihr denn?«, ertönte es erneut. »Ich dachte, wir wollten noch einen Wein zusammen trinken?«
»Gleich!«, rief Lydia zurück.
Sie wischte sich mit dem weiten Pulloverärmel die Tränen aus dem Gesicht. »Ich sehe verheult aus, richtig?« Rebecca nickte. »Geh runter und sage Tom, dass die Kleine nicht einschlafen will. Ich komme nach, sobald ich mich beruhigt habe.« Rebecca nahm Lydia fest in den Arm und drückte sie an ihre Brust, bevor sie nach unten ging.
Tom stand noch immer am Treppenaufgang. »Wo ist Lydia?«, fragte er beinah herrisch, als Rebecca das Hausflur erreichte.
»Die Kleine schläft nicht ein. Lydia muss noch ein Schlaflied singen.«
Er setzte ein skeptisches Gesicht auf. »Komisch, warum hat Lea nicht geweint? Wenn sie nicht einschlafen kann, weint sie in der Regel.« Er erwartete eine Antwort.
»Sie … war bereits eingeschlafen … und nun ist sie aufgewacht … als du gerufen hast.«
Verwundert zog Tom den Kopf nach hinten und sagte langsam: »Verstehe.« Dann begleitete er Rebecca ins Wohnzimmer, wo Paul lässig auf der grauen Couch saß.
Inzwischen waren die Männer zum Wein übergegangen. Tom setzte sich leger neben seinen Freund, während Rebecca etwas abseits von Paul Platz nahm. Sie beobachtete die beiden beim Reden, während sie selbst an einem Glas Weißwein nippte.
Tom und Paul waren beide Anfang Vierzig. Lydias Mann war etwas schlanker als ihr Freund, dafür hatte Paul mehr Haare auf dem Kopf. Bei Tom konnte sie erste graumelierte Strähnen erkennen. Zusammen mit seinem Dreitagebart ging er als ganz ansehnlicher Mann durch, der sicherlich gut bei jüngeren Damen ankam. Im Anzug, den er für gewöhnlich auf Arbeit tragen musste, machte er bestimmt keine schlechte Figur.
Welche Liebschaften er aber vor Lydia hatte, wusste Rebecca nicht. Ob er einer Affäre mit seiner Sekretärin offen gegenüberstehen würde?
»Ach so, Paul. Und dann hat Denise noch gesagt, dass sie uns gern mal besuchen würde. Sie möchte unbedingt meine Tochter kennenlernen. Sie liebt Kinder.« Paul nickte.
Mit welch einer Leidenschaft Tom von seiner Sekretärin sprach! In Anwesenheit seiner Ehefrau hätte er garantiert nicht so inbrünstig von ihr geschwärmt.
Nach einer Viertelstunde erschien Lydia. Sie setzte sich wortlos neben Rebecca und schaute nach unten auf den Teppich. Nach wenigen Minuten sagte sie: »Ich gehe das Geschirr aufräumen«, und verschwand in der Küche.
»Geht es deiner Frau nicht gut?«, fragte Paul, der ja nicht ahnen konnte, was für ein Drama sich im oberen Stockwerk abgespielt hatte.
»Ach was. Ist halt alles stressig mit der Kleinen.« Rebecca aber dachte sich ihren Teil.
Es war weit nach 21 Uhr, als Rebecca und Paul das Haus von Tom und Lydia verließen. Paul war angetrunken, weshalb Rebecca fuhr. Sie beschäftigte noch immer, was ihr ihre Freundin anvertraut hatte. »Sag mal, was hat dir Tom eigentlich über Denise erzählt?«
Nachdem Paul Alkohol getrunken hatte, war er deutlich gesprächiger als sonst. »Nichts weiter. Nur, dass sie irgendwann vorbeikommen will, um seine Tochter zu sehen.«
»Ja, das weiß ich, da war ich dabei«, sagte Rebecca gereizt. »Aber ihr habt doch schon vorher über sie gesprochen, als Lydia und ich oben waren.« Paul überlegte kurz.
»Nicht viel. Sie ist seine neue Sekretärin. Er hat ein wenig über ihr Privatleben erzählt. Wieso fragst du?«
»Du hast sie doch bestimmt schon gesehen, oder? Sieht sie gut aus?«
Wieder zögerte Paul kurz. »Schlecht sieht sie nicht aus. Um die Zwanzig, ziemlich durchtrainiert und mit langen blonden Haaren.«
Rebecca hörte den anerkennenden Unterton in der Stimme ihres Freundes mitschwingen. »Meinst du, Tom steht auf sie?« Paul gab keine Antwort.
Da es zu finster war, konnte Rebecca auch keine Reaktion in seinem Gesicht erkennen. Die Pause dauerte ihr zu lange. »Hat dir Tom irgendwas gesagt? Findet er sie gut, wie versteht er sich mit ihr?« Wieder blieb Paul ihr die Antwort schuldig.
Rebecca atmete schwer aus.
»Worauf willst du denn hinaus, Beccy?«, platzte es aus ihm heraus.
Sie lachte auf. Als ob er das nicht wüsste! »Traust du Tom zu, dass er Lydia betrügt?«
»Tom soll fremdgehen? Das glaube ich nicht«, sagte Paul schnell. Rebecca hörte trotzdem einen seltsamen Unterton in seiner Stimme. »Ich meine … Tom ist ein Mann … Er hat mir erzählt, dass er Denise … Aber er würde Lydia doch nicht … Nein, ich meine …«
Offenbar wusste Paul mehr, als er Rebecca gegenüber eingestehen wollte. Er beendete das Thema, indem er einfach die angefangenen Satzbrocken nicht mehr fortsetzte. Er schwieg, bis sie zu Hause ankamen.
Kapitel 4
Der einzige Lichtblick für Rebecca, nach diesem von schlechtem Sex und Ehekrisen überschatteten Wochenende, bestand darin, Lou wiederzusehen.
Es war ein kalter Dienstagmorgen mit Minus drei Grad Celsius. Rebecca beeilte sich schnell ins Schulgebäude zu kommen. Die Absätze ihrer Stiefel knallten mit schnellen Schlägen über das harte Kopfsteinpflaster.
Im Foyer angekommen, traute sie ihren Augen nicht: Elouan saß auf einer der kargen Bänke. Er trug lediglich einen Pullover, was bedeutete, dass er da seit geraumer Zeit saß, wenn er bei diesen widrigen Temperaturen seine Jacke bereits losgeworden war.
Als er Rebecca am Eingang entdeckte, erhob er sich und lächelte freundlich. »Guten Morgen, Frau Peters.« Sie schenkte ihm ein zartes Lächeln, bevor sie nah an ihm vorbeihuschte und ihr sein vertrauter Duft in die Nase stieg. »Sie sind sehr zeitig da.«
Rebecca drehte sich zu ihrem Schüler um, am Treppengeländer zur ersten Etage wartend. »Das Gleiche könnte ich dich fragen. Was tust du so früh hier?«
Lou lächelte erneut, schaute sie mit leicht schrägem Kopf an und sagte: »Ich habe eine eigene Wohnung in der Neustadt. Konnte nicht mehr schlafen. Hatte Sehnsucht nach …« Wieder grinste er. Während Lou sie verschmitzt von der Seite musterte, fragte sich Rebecca, ob er schamlos mit ihr flirten wollte.
»Hatte Sehnsucht nach der Schule, nach all den wunderbaren Menschen hier …« Rebecca kniff die Augen zusammen und zog die Stirn in Falten. Warum sagte er so seltsame Dinge? Und weshalb betrat er weit vor allen anderen Schülern das Gebäude?
»Lou, was ist los mit dir?« Er antwortete nicht, sondern drehte sich wortlos weg und lief zu seiner Bank zurück.
Baff von dem merkwürdigen Verhalten ging Rebecca die Treppe zum ersten Stock Richtung Lehrerzimmer hinauf, wobei sie permanent an ihren Schüler dachte.
Als sie Elouan zur Deutschstunde wiedersah, stand er nach wie vor neben sich, denn er meldete sich über die Maßen, redete aber von Dingen, die nichts mit dem Unterrichtsthema oder dem Lernstoff zu tun hatten. Mehrfach drehten sich die Mitschüler um, schüttelten mit dem Kopf oder verdrehten die Augen, als er zum Sprechen ansetzte.
Lou machte ungehindert mit seiner Märchenstunde weiter: »Wussten Sie«, begann er, während Rebecca den Mitschülern das Argumentationsschema von Sachtexten begreiflich machte, »dass die meisten Menschen sich nie trauen würden, das zu tun, was ich mache?«
Sie schaute auf, betrachtete Lou streng und sagte unter den Augen seiner Mitschüler scharf: »Was um Himmels willen meinst du und was hat das mit unserem Thema zu tun?«
»Frau Peters, die meisten Menschen ziehen sich nach einer Niederlage in ihr Loch zurück. Sie machen sich Vorwürfe, dass ihr Leben verkorkst ist. Aber ich weiß es besser. Ich war schon ganz unten«, dabei stand er auf und hockte sich hin, »und nun stehe ich ganz oben.« Elouan machte einen euphorischen Sprung in die Luft.
Die Münder der Mitschüler standen offen, manche lachten. Ein fieser Kommentar fiel.
Rebecca wusste nicht, was sie antworten, geschweige denn, wie sie reagieren und auf den Unterrichtsinhalt umlenken sollte.
Sie beschloss, bei Gelegenheit in seiner Schülerakte zu blättern, um mehr über seine Krankheit zu erfahren. Es war das erste Mal, dass sie ihren Schüler in einer derartigen Verfassung erlebte. Als ob er nicht er selbst wäre.
Nach neunzig Minuten ertönte das Klingelzeichen, das die große Pause einläutete. »Lou, warte mal kurz«, sagte Rebecca, als die Mitschüler des Zwanzigjährigen gerade das Zimmer verließen. Alicia warf einen sorgenvollen Blick zu Elouan, der bereits seine Tasche geschultert hatte und am Lehrertisch stand.
In seinen blauen Augen waren Schuldgefühle erkennbar: »Frau Peters, ich weiß, was Sie mir sagen möchten«, kam er Rebecca zuvor.
»So?«, fragte sie und stemmte die Faust in die Taille.
»Ich habe mich falsch verhalten. Habe Dinge gesagt, die meinen Mitschülern und Ihnen seltsam vorgekommen sind.« Zumindest war er in der Lage, sich ehrlich einzuschätzen.
»Ja, du hast dich heute sehr merkwürdig verhalten. Das kenne ich so nicht von dir. Ich meine …« Sie geriet ins Stocken, da sie nicht wusste, wie offen sie mit ihm sprechen durfte. »Du bist ein netter, liebenswürdiger junger Mann. Du arbeitest schön mit, gibst kluge Antworten. Man kann guten Unterricht mit dir machen. Heute aber nicht.«
Elouan sah beschämt auf seine Schuhe und wippte mit den Fußsohlen auf und ab. »Ich …« Seine Lippen formten Wortbrocken, während er den Kopf gesenkt hielt. »Ich weiß nicht …« Auch diesen Satz brach er ab. Plötzlich, aus heiterem Himmel, schluchzte Lou und dicke Tränen liefen ihm die Wange hinunter.
Er wirkte so zerbrechlich. Rebecca konnte nicht erkennen, welchen Fehler sie gemacht hatte oder was Elouan ernstlich bedrückte. »Lou?« Sie trat nah an ihn heran und legte ihre Hand auf seinen linken Oberarm, der durch einen schwarzen Pullover verdeckt wurde. Sanft streichelte sie auf und ab, tröstend, aber mit dem Gefühl, ihn umarmen zu müssen. Als ob er ihre Gedanken erraten hätte, ließ er sich nach vorn in ihre Arme gleiten.
Er weinte, schluchzte heftig, während er seine Hände fest um ihren schlanken Körper legte. Elouan konnte nichts mehr sagen, wurde von seinen Gefühlen übermannt.
Rebecca genoss die Nähe, streichelte fürsorglich über den Rücken des Zwanzigjährigen, der nun mit den Händen an ihren Schulterblättern entlangfuhr und dann sanft zu ihrer Taille und Hüfte nach unten wanderte.
Alicia, die als Letzte aus dem Raum gegangen war, hatte die Tür hinter sich zugeworfen. Kein Lehrer, der zufällig auf dem Gang vorbeikam, konnte erahnen, was sich im Deutschraum abspielte.
Die Zeit schien stehengeblieben zu sein, die Welt stand still. Noch immer ruhte Lou in Rebeccas Armen. Ihre Hände glitten zart über seinen Rücken und Lou berührte sanft ihre schlanke Silhouette. Seine Berührungen waren das Labsal, das sie gebraucht hatte. Sie genoss jede Sekunde, in der er ihr nahe war und sie ihn berühren durfte. Erst, als er an ihrem Po ankam, hörte er, scheinbar erschrocken über die Intimität, die er ihr geschenkt hatte, auf und blickte Rebecca, die ihn am liebsten nicht mehr losgelassen hätte, in ihre braunen Augen.
»Frau Peters«, schluchzte er. »Ich schäme mich so.« Sie schüttelte mitleidvoll den Kopf. »Doch. Ich schäme mich. Die anderen müssen mich für einen absoluten Trottel halten!«
»Quatsch, du hattest einen schlechten Tag«, beruhigte Rebecca.
Nach einer kleinen Pause sagte Lou leise: »Darf ich Sie um etwas bitten?« Sie nickte. »Bitte erzählen Sie niemandem davon, dass ich heute meine Medikamente nicht eingenommen habe. Würden Sie das für mich tun? Erzählen Sie bitte meiner Tutorin nichts davon und auch meinen Eltern nicht, ja?« Welche Medikamente? Wieder konnte Rebecca nur nicken, ohne den tieferen Sinn hinter seinen Worten zu begreifen.
»Warum hast du die Tabletten weggelassen? Darfst du das?«
Er schüttelte energisch den Kopf. »Nein! Wenn ich sie vergesse, dann erlebe ich ein Gefühlschaos nach dem anderen. Aber heute … Irgendeine innere Stimme hat mir gesagt, dass ich sie weglassen soll und da habe ich …«
»Ist gut«, fiel sie ihm ins Wort. »Ich verspreche dir, mit niemandem darüber zu reden.«
Ihre Worte mussten eine Erleichterung für ihn gewesen sein, denn wieder umarmte er Rebecca, diesmal weniger zärtlich; vielmehr erfüllt von dem Gedanken, dass da jemand war, der ihm zuhörte und der ihn verstand.
Als er sie losließ, sagte er: »Wenn rauskommt, dass ich die Tabletten nicht nehme, muss ich wieder bei meinen Eltern einziehen und das möchte ich auf gar keinen Fall, verstehen Sie?« Ihr knappes Lächeln reichte ihm. »Ich danke Ihnen Frau Peters. Sie sind ein guter Mensch.«
Obwohl es Rebecca nicht durfte, sagte sie aus dem Bauch heraus: »Geh nach Hause, egal welche Stunden du heute noch hast.«
»Danke«, antwortete er leise, bevor er mit Tränen im Gesicht das Klassenzimmer verließ. Vor dem Rausgehen lächelte er sie noch einmal sanft an.
Rebecca fragte sich, wie sie die chaotischen Gefühle in ihrem Inneren verarbeiten sollte – zumal nach dem Gespräch mit Lou heute. Mit Paul konnte sie nicht sprechen, da er jedem ernsthaften Dialog aus dem Weg ging – sogar, wenn es ihre Beziehung betraf. Lydia mit ihren Sorgen behelligen? Das wollte sie nicht. Schließlich hatte ihre Freundin genug mit ihrer Ehe zu tun. Rebecca musste ein besserer Weg einfallen, mit ihren Problemen, die sie beruflich und privat belasteten, umzugehen.
Zu Hause angekommen, sinnierend in ihrem Arbeitszimmer sitzend, holte sie ein vergilbtes Papier aus dem Rollcontainer ihres Schreibtischs heraus und schrieb:
Dienstag, den 8. März
Lieber Paul,
fragst du dich nicht, welchen Sinn unsere Beziehung noch hat? Bist du wirklich so naiv zu glauben, dass wir eine Zukunft haben? Ich habe dich geliebt. Aber das ist schon lange her. Die Liebe erkaltete, als du immer schweigsamer wurdest. Als du dich nur noch um das Haus gekümmert und mich vernachlässigt hast. Ich war und bin dir nicht mehr wichtig. Unsere Beziehung ist eine Farce. Ein Zusammenleben zweier Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben.
Wir streiten uns wenig und ich schlafe mit dir, obwohl es mir von Mal zu Mal weniger Lust bereitet. Ja, ich wünsche mir eine Familie, ein Haus, Liebe. Aber ob ich jemals das in dir sehe, was ich mir erträume, weiß ich nicht. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es richtig ist, das fortzuführen, was wir begonnen haben.
Ich weiß nicht, ob ich noch mit dir zusammen sein möchte, wo ich dich doch im Geiste bereits betrüge: wieder und wieder, und zwar mit einem meiner Schüler. Er heißt Elouan, ist zwanzig Jahre alt und geht in die elfte Klasse. Ich spüre Lust, wenn ich an ihn denke. Ich fühle, dass sich da mehr entwickeln könnte. Die Beziehung ist verboten, ich darf mich ihm nicht nähern und doch ist da etwas zwischen uns, das ich nicht erklären kann.
Ich wünsche mir Sicherheit. Die kannst du mir geben. Was könnte mir ein so junger Mann schon bieten? Ich wünsche mir vor allem Liebe, Paul. Verstehst du? Aber Liebe ist ein Wort, das dir fremd in den Ohren klingt. Du bist dir wichtig, dann kommt lange nichts und irgendwann komme ich.
Ich wünschte, ich könnte offen und ehrlich meine Meinung äußern; wünschte, ich könnte dir ins Gesicht sagen, wie sehr ich mich von dir vernachlässigt fühle, wie unaufmerksam und kalt du bist. Bitte, Paul, wenn du mich nicht verlieren willst, dann zeige mir, dass ich dir etwas wert bin!
Deine Rebecca
PS: Tom hat eine Affäre mit seiner Sekretärin Denise. Woher ich das weiß? Weibliche Intuition.
Die Worte sprudelten in Windeseile aus Rebecca heraus. Aber so, wie sie den Brief zu Ende geschrieben hatte, bereute sie ihn schon.
Gleichzeitig erleichterte es sie, Paul ihre Gefühle gestanden zu haben, so verwirrend, unzusammenhängend, widersprüchlich sie waren. Und dennoch: Nie würde sie den Mut aufbringen, den Brief in dieser Form zu überreichen.
Sie beschloss, das Dokument in das obere Schubfach ihres Rollcontainers, der sich unter dem Schreibtisch befand, einzuschließen. Rebecca kramte nach einem alten Briefumschlag und steckte das Papierstück dort hinein. Danach schob sie das Schubfach des Rollcontainers zu und schloss ihn ab. Gefühle, eingeschlossen in einen Rollcontainer.
Wohin mit dem Schlüssel? Auf dem Fensterbrett stand eine kleine Emailledose, auf der zwei ineinander verschlungene Herzen abgebildet waren. Paul hatte sie ihr zum ersten Jahrestag geschenkt. Es erschien Rebecca passend, den Schlüssel dort hineinzuwerfen. Sie wusste, dass er nie auf die Idee kommen würde, in diese kitschige Dose zu schauen.
Rebecca sehnte das Wiedersehen mit Lou am Donnerstag entgegen. Die ersten drei Stunden hatte sie mit dem Kunstunterricht in den unteren Klassenstufen verbracht.
Nun saß sie am Lehrertisch des Deutschraums und sah zu, wie ein Jugendlicher nach dem anderen in den Kursraum geschlurft kam. Nur Lou war nicht darunter. Rebeccas Blick ging Richtung Tür, in der Hoffnung, dass Elouan doch noch auftauchte – er erschien aber nicht mehr.
In einer ruhigen Minute im Unterricht suchte Rebecca das Gespräch mit Alicia: »Weißt du, was mit Lou ist?«, fragte sie, am Tisch der Schülerin stehend.
»Er war gestern auch nicht in der Schule. Wir haben nachmittags telefoniert, da ich ihm die Hausaufgaben vorbeibringe. Da meinte er bloß, dass er sich nicht wohl fühlt.«
Rebecca vermutete, dass seine Mitschülerin nicht ahnte, woran er wirklich litt. Sicherlich standen sein Fehlen und sein Verhalten am Dienstag in einem Zusammenhang. Traute er sich nicht mehr, seinen Mitschülern gegenüberzutreten? Schämte er sich noch immer? Rebecca hätte am liebsten selbst bei ihm angerufen, allerdings wollte sie sich ungern in Dinge einmischen, die sie nichts angingen.
Glücklicherweise traf sie Heidi in der nächsten Pause im Lehrerzimmer. Als Rebecca ihr von Lous Fehlen berichtete, schaute die Tutorin verwirrt drein. Sie wusste nicht, dass ihr Kursschüler seit gestern fehlte. »Okay, ich rufe mal bei ihm an.« Kurzerhand nahm sie ihr Smartphone aus der Tasche und wählte eine darin eingespeicherte Nummer.
Nach wenigen Sekunden hörte Rebecca Lous vertraute Stimme am anderen Ende der Leitung. »Elouan? Hier ist Frau Enger. Frau Peters steht neben mir. Sie sagt, du fehlst schon seit gestern. Geht es dir gut?« Eine kurze Pause entstand. Lou antwortete etwas, das Rebecca aber nicht verstand. Heidi nickte während des Gesprächs einige Male, dann sagte sie: »Ist gut. Kurier’ dich aus und wir sehen uns dann nächsten Montag wieder, ja?«
Erneut verstrich eine kurze Pause. Dann legte die dicke, ältere Frau auf und wandte sich wieder Rebecca zu. »Elouan ist erkältet. Mach dir keine Sorgen, er ist Montag wieder da.« Seine Lüge zog bei Heidi, denn sie drehte sich unbeeindruckt weg.
Während Rebecca noch überlegte, ob sie ihr die Wahrheit sagen sollte, obwohl sie Lou versprochen hatte, es nicht zu tun, wurde die Tutorin von einem ins Zimmer tretenden Kollegen angesprochen und ihre Aufmerksamkeit auf ein neues Thema gelenkt.
An diesem Tag war etwas anders. Rebecca wollte in der Schule bleiben. Sie wollte erfahren, was mit Lou los war. Sie wollte endlich begreifen, was ihn beschäftigte. Sie wollte seine Krankheit durchdringen. Klarheit haben.
Seine Schülerakte sollte Gewissheit bringen.
Um ihre Neugierde möglichst unauffällig zu befriedigen, ging Rebecca unter dem Vorwand ins Sekretariat, sich über den Bad Boy ihrer Klasse in der Schülerakte belesen zu wollen. Einzig die Sekretärin war im Besitz des Schlüssels für das Archiv, in dem die Ordner mit den Schülerakten lagerten. Frau Schneider übergab ihr den Schlüssel. Aufgeregt strebte sie auf den Raum zu, der sich unweit vom Sekretariat befand.
In den Schränken standen jede Menge Verzeichnisse herum. Vorsichtig zog Rebecca den Ordner der Klassenstufe 11 heraus; gleichzeitig aber auch den für Klasse 8, falls die Sekretärin um die Ecke schaute.
Rebecca musste eine Weile suchen, bis sie Lous Akte gefunden hatte. Neben seinen Noten, die er vor mehr als drei Jahren gesammelt hatte, fielen ihr etliche psychologische Gutachten in die Hände. Sie überflog die Schreiben, die in kompliziertem Ärzte-Deutsch Auskunft über seinen Gesundheitszustand gaben. Immer wieder begegneten ihr Wörter wie »manisch«, »depressiv«, »schüchtern« oder auch »von sich selbst überzeugt«. Widersprüche über Widersprüche. Die Mediziner, die sich mit Elouan vor mehr als einem Jahr in einer Spezialklinik für Kinder- und Jugendpsychologie auseinandergesetzt hatten, schienen ihn gut unter die Lupe genommen zu haben.
Offenbar handelte es sich bei Lou tatsächlich um einen geistig gestörten Jugendlichen. Rebecca überflog ein Protokoll, das die Schulleitung nach einem Gespräch mit ihm angelegt hatte: »regelmäßig Tabletten einnehmen«, murmelte sie vor sich hin. Sie sollten seine Launen und Stimmungen im Gleichgewicht halten. Dies stellte die Voraussetzung dafür dar, dass er allein wohnen und die Schule geregelt besuchen konnte.
Rebecca musste schmunzeln, als sie das Datum des Protokolls wiedererkannte: Es war jener Tag, an dem ihr Lou zum ersten Mal im Sekretariat begegnet war. Ihr erschloss sich nun so einiges: Warum er so bedrückt wirkte, als er aus dem Büro des Direktors kam, wieso er geweint hat, als er in ihren Armen lag und weshalb er nicht wollte, dass jemand über die fehlende Tabletteneinnahme Bescheid wusste. Dass er ausgerechnet sie und nicht seine Tutorin in sein Geheimnis eingeweiht hatte, ehrte Rebecca zutiefst.
Sie hatte gesehen, was sie sehen wollte und wusste jetzt, woran sie bei ihrem neuen Schüler war. Sie stellte beide Aktenordner in den Schrank zurück, verschloss ihn sorgfältig und gab den Schlüssel im Sekretariat zurück.
Erschöpft schlurfte sie zu ihrem Auto. Es war ein langer Tag. Auf dem Parkplatz war außer ihrem Wagen noch das Auto ihres Chefs zu sehen. Ihr schneeweißer Audi besetzte eine der vielen Parklücken inmitten gähnender Leere aus Asphalt.
Am Auto angekommen, suchte sie nach dem Schlüssel. Ein Geräusch an der Beifahrertür. Erschrocken schaute sie auf und sah niemand Geringeren als Lou! Er musste die ganze Zeit über trotz der Kälte an der Beifahrertür gehockt haben. Anders konnte sie sich nicht erklären, dass er steif von dort aufstand.
Rebecca schloss auf, stellte ihre Schultasche auf den Rücksitz und stieg vorn ein. Ihr Schüler saß bibbernd auf dem Beifahrersitz. »Was machst du hier, Elouan?«
»Ich komme Montag wieder in die Schule«, sagte er knapp, ohne Emotion in der Stimme.
»Wenn du bis dahin nicht krank bist«, gab sie schmunzelnd zurück, um ihm ein Grinsen zu entlocken. Doch Lous Gesicht blieb versteinert. »Deine Tutorin sagt, du seist erkältet.«
»Das ist gelogen«, gab er freudlos zur Antwort. Er richtete seinen Blick stur auf den leeren Parkplatz. Er schämte sich noch immer für das, was geschehen war. »Sie wissen es besser. Ich bedauere, dass ich Ihnen Dienstag solchen Ärger verursacht habe und dass Sie meinetwegen Ihren Unterricht nicht ordentlich durchziehen konnten. Ich weiß, dass Sie immer alles perfekt machen wollen.« Wie gut er sie schon kannte.
»Ich schäme mich so, Frau Peters.« Er drehte sein Gesicht zu Rebecca herum, sodass seine blauen Augen ungebremst auf die ihrigen trafen.
»Lauerst du mir deswegen bei diesen Temperaturen an meinem Auto auf?«, fragte sie.
»Die Kälte interessiert mich nicht. Ich wollte mich bei Ihnen entschuldigen.«
»Wie lange wartest du schon auf mich?«
Er überging ihre Frage: »Frau Peters, im Ernst: Ich möchte mich entschuldigen.«
»Das hast du getan, Lou. Geh nach Hause und lerne für die anstehenden Klausuren. Das bringt dir mehr, als mich hier aufzusuchen.«
Rebecca ließ den Motor an, obwohl sie Lou gern in den Arm genommen hätte. Das Gefühl von Dienstag war noch zu stark. »Danke. Für alles«, sagte er knapp. Rebecca nickte, war zu erschöpft. Elouan ergriff die Klinke, verabschiedete sich und ging.
Donnerstag, den 10. März
Lieber Lou,
dies ist mein erster Brief an dich. Ich weiß nicht, wohin mit meinen Gedanken. Daher schreibe ich sie auf. Seit ich dich das erste Mal gesehen habe, gehst du mir nicht mehr aus dem Kopf. Kannst du dich an diesen Moment erinnern? Ich habe ihn so klar vor Augen. Ich spürte sofort die Aura, die dich umgab und noch immer umgibt, wenn du dich in meiner Nähe aufhältst.
Ich weiß, ich bin deine Lehrerin, du mein Schüler. Zusammen sein dürfen wir nicht und werden wir vermutlich niemals sein. Und trotzdem verströmst du eine Anziehungskraft, der ich mich nicht entziehen kann. Pausenlos muss ich, wie ein naiver verliebter Teenager, an dich denken. Wenn ich allein bin, zu Hause, gehen mir erotische Gedanken durch den Kopf. Ich kann einfach nicht aufschreiben, wonach ich so sehnsüchtig verlange.
Oh Elouan, die Lust raubt mir alle Sinne. Ich komme mir so dumm vor. Obwohl ich vergeben bin, gibst du mir das Gefühl, dass ich noch Verlangen haben darf. Darf ich das wirklich?
Rebecca
Der Brief war ebenso wenig vorzeigbar, wie der, den sie an Paul geschrieben hatte und wurde daher sofort weggeschlossen. Rebecca spürte das sich anbahnende Gefühlschaos, das sie auffressen würde.
Kapitel 5
Vor fast einer Woche hatte Rebecca das Gespräch mit Lou in ihrem Auto geführt. Seit er wieder im Deutschkurs weilte, hatte sich seine Position als Außenseiter weiter gefestigt. Niemand achtete auf ihn – mit Ausnahme von Alicia, die hin und wieder einen Blick riskierte und ihm ein Lächeln schenkte, das Elouan prompt erwiderte. Er mochte sie. Die Jungen mieden den Zwanzigjährigen nach seinem merkwürdigen Auftritt im Deutschunterricht, vermutlich aus Angst davor, sich mit ihm sehen zu lassen und zum Einzelgänger zu werden.
Insbesondere in Gruppenarbeitsphasen wurde Lou wenig integriert. Er hatte viel zu sagen, aber seine Meinung war oftmals so anders, dass er kein Gehör fand.
Heute sollten die Schüler in Dreier- beziehungsweise Viererteams eine eigene Abiturrede verfassen. Rebecca wanderte interessiert durch die Schülerreihen und bemerkte, dass Alicia in ihrer Gruppe das Kommando führte. »Wir sollten uns auch beim Hausmeister bedanken. Immerhin sorgt er dafür, dass die Schule hübsch aussieht und dass wir immer unseren Kiosk machen können oder Theaterveranstaltungen in der Aula stattfinden.«
Einer der Jungen aus ihrer Gruppe, Max, debattierte heftig dagegen: »Weißt du, wie oft er gemeckert hat, als ich noch in der Unterstufe war? Immer war unsere Klasse an irgendetwas schuld. Besonders die Jungs hat er auf dem Kieker gehabt. Das kannst du natürlich nicht wissen. Die Mädchen haben selbstverständlich nie Fehler gemacht.«
Alicia verstand seine Anspielungen, beharrte aber auf ihrer Meinung: »Ich denke, dass wir seine Arbeit dennoch erwähnen sollten, auch wenn er die Rede nicht hört.« Max provozierte weiter. Am Ende setzte sich aber Alicia durch, weil der Rest der Gruppe auf ihrer Seite stand und keinen Streit verursachen wollte.
Während Rebecca noch gebannt der Diskussion folgte, wurde ihre Aufmerksamkeit auf die Gruppe, in der Lou arbeitete, gezogen. »Du spinnst doch!«, rief Kevin laut aus, sodass sich auch andere Schüler nach der Dreiergruppe um Elouan, Kevin und Marie umdrehten.
»Was gibt es bei euch für ein Problem?«, fragte Rebecca, als sie sich dem Tisch zuwandte. Hochrot erklärte Kevin: »Frau Peters. Klage will, dass seine persönlichen Probleme in die Rede eingebaut werden. Wir finden aber, dass die dort nichts zu suchen haben.« Und an Lou gewandt: »Kein Schwein interessiert sich für deine pubertären Phasen, du Psycho!«
Erschrocken über die Äußerungen des Teenagers, wies Rebecca Kevin zurecht. Lou aber schien vollkommen gefasst zu sein. »Keine Sorge, Frau Peters. Ich bin gewohnt, dass ich wegen meiner Vergangenheit ausgegrenzt werde.«
Die Mitglieder der anderen Gruppen wandten sich nach Kevins lautstarken Worten wieder ihrer eigenen Arbeit zu. Manche schüttelten den Kopf. Verurteilten sie Kevins Worte oder Lous Verhalten?
Die restliche Unterrichtsstunde verlief friedlich. Tatsächlich hatten Kevin, Elouan und Marie die persönlichen Belange aus der Rede ausgeschlossen. Da Rebecca jedoch merkte, wie angespannt Lou und Kevin nach wie vor nebeneinander standen, als Marie die Rede vortrug, suchte sie am Ende der Doppelstunde das Gespräch mit den beiden Streithähnen.
»Bevor ihr geht«, sagte Rebecca an die Lerngruppe gewandt, »möchte ich kurz allein mit Kevin und Lou sprechen, um die Situation von eben noch einmal aufzugreifen.«
Während die Mehrzahl der Schüler das Zimmer plaudernd verließ, schlurfte Kevin gelangweilt nach vorn. Lou hatte sich bereits vorn am Tisch eingefunden und sagte: »Frau Peters, da gibt es nichts mehr zu klären. Es war mein Fehler. Meine Phasen in der Nervenklinik gehören hier nicht her.«
Rebecca nickte, dann wandte sie sich Kevin zu: »Ich muss zugeben, dass mich deine Worte sehr geschockt haben. Eine Entschuldigung sollte zumindest drin sein.«
Verkniffen brachte der Jugendliche ein leises »Entschuldigung« heraus, ohne wirklich ernst gemeinte Gefühle dabei zu empfinden. Im Grunde war es albern, dass sich Rebecca mit zwei erwachsenen oder fast erwachsenen Jugendlichen über eine solche Lappalie unterhielt. Daher schickte sie beide nach draußen. Aber nur einer ging: Kevin.
»Warum verbringst du deine Pause nicht bei den anderen?«, fragte Rebecca, als Lou am Lehrertisch verharrte.
»Ich gehöre nicht dazu«, sagte er darauf.
»Was meinst du damit?«
»Sie sehen doch, was los ist. Alle wissen über meine Vergangenheit Bescheid. Keiner will sich mit mir abgeben. Es könnte ja sein, dass sie nachher nicht mehr beliebt genug sind.«
Er schaute auf den Gang hinaus, erschien abwesend. Dann sah er wieder zu Rebecca, die jetzt selbst dringend Pause brauchte. »Bei Ihnen fühle ich mich wohl, Sie nehmen mich ernst und hören mir zu«, sagte er mit gedämpfter Stimme, ein Stückchen näher an sie herantretend. Wie er sie ansah … Seine blauen Pupillen schienen Halt zu suchen und vergruben sich daher tiefer in Rebeccas dunklen Augen. Lou tippte nervös mit den Fingerkuppen auf den Tisch.
Rebecca konnte sich kaum von seinen hellen Iriden lösen, die unablässig auf ihr lagen. Sie hätte zugeben wollen, dass auch sie sich in der Gegenwart ihres Schülers geborgen fühlte. Stattdessen sagte sie: »Du solltest deine Probleme mit deiner Tutorin besprechen. Ich kann dir nicht helfen, wenn du ausgegrenzt wirst. Das muss im Kurs besprochen werden.« Lou wusste, dass sie recht damit hatte.
Dienstag, den 16. März
Lieber Paul,
kannst du dich daran erinnern, wann wir das letzte Mal ein wirklich ernstes, tief reichendes Gespräch miteinander geführt haben? Nein? Ich auch nicht. Ich habe lange darüber nachgedacht, aber mir fällt kein Datum ein. Ich weiß nur, dass ich heute eine wirklich gute Unterhaltung mit meinem Schüler Lou geführt habe. Wir sprachen darüber, warum er sich ausgegrenzt fühlt. Das Problem liegt in seiner Vergangenheit. Die Mitschüler lehnen es ab, sich mit einem psychisch kranken Jungen abzugeben. Ich kann sie verstehen … Noch besser aber kann ich Lou verstehen …
Ich würde auch gern mit dir ernsthafte Unterhaltungen führen, aber das bringt nichts. Du blockst sie ab, bevor ich wirklich in die Tiefe dringen kann oder ziehst sie dermaßen ins Lächerliche, dass ich mir wie ein Vollidiot vorkomme. Warum machst du das, Paul?
Fragst du dich nicht auch, worin das Problem unseres Zusammenlebens besteht? Wieso machst du dir nicht über Kinder oder Heirat Gedanken? Warum blendest du aus, mit mir über meine Wünsche und Sehnsüchte zu sprechen? Welchen Sinn siehst du in unserer Beziehung? Bedarfst du einfach nicht solcher weitergehenden Fragen oder machst du es dir so leicht, dass dir ein dermaßen oberflächliches Zusammensein genügt? In dieser Illusion will ich nicht leben, Paul. Ich weiß ja nicht einmal, ob du mich wirklich liebst oder ob du nur aus Routine mit mir zusammen bist.
Du bist mein Freund. Wieso finde ich nicht den Mut, dir das alles zu SAGEN? Weißt du, dass das größte Problem unserer Beziehung darin besteht, dass wir nicht miteinander REDEN (können)?! SPRICH, Paul. Was stellst du dir unter unserer Zukunft vor? Kinder in unserem Haus? Einen gemeinsamen Familiennamen? Ich habe so einfache Bedürfnisse. Aber du versagst mir deine Liebe. SPRICH, Paul. Denn ich kann nicht SPRECHEN.
Deine Rebecca
Sie war über ihre eigenen, klaren Worte dermaßen schockiert, dass sie den Brief sofort wegschloss. Gleichzeitig setzte ein heftiges Schluchzen ein, als sie erkannte, wie sehr die vielen Jahre, die sie miteinander verbracht hatten, umsonst gewesen sein sollten. Rebecca fragte sich, wofür sie kämpfen wollte und ob sich dieser Kampf noch lohnte.
Sie fragte sich, was sie aus ihrem Leben machen wollte. Heirat? Erfolg im Beruf? Ein Haus? Kinder? Eine harmonische Beziehung? Eine gemeinsame Zukunft mit Paul?
Diese ganzen Illusionen, denen sie sich all die Jahre hingegeben hatte – sie erkannte nun, je mehr sie sich ihrem Schüler annäherte, wie abwegig die Wünsche waren und fragte sich, was ihr all diese Träume brachten, wenn sie dafür mit einem Mann zusammenlebte, dem ihre Gefühle egal waren und mit dem sie nicht über ihre Sorgen sprechen konnte. Sogar ihre sexuellen Begierden litten unter der Kommunikationslosigkeit der Beziehung. Eine Zukunft ohne Selbstentfaltung und ohne Glück? Was wäre das für eine Zukunft!
Um das Gedankenkarussell nicht weiter anzufachen, wollte Rebecca das Gespräch mit ihrem Freund suchen, auch wenn sie von der Aussichtslosigkeit dessen schon vor der Aussprache überzeugt war. Trotzdem musste sie es probieren.
Als Paul nach Hause kam, führte ihn sein Gang nach oben ins Schlafzimmer. An seinen Gesichtszügen war zu erkennen, dass er Ruhe haben wollte. Rebecca folgte ihm die Treppe hinauf; dorthin, wo sie so viele intensive Momente miteinander erlebt hatten. »Paul?« Vorsichtig warf sie einen Blick um die Ecke der Schlafstube.
Er zog sich seine Hose aus und setzte sich aufs Bett. »Was ist los, Beccy? Ich brauche meine Ruhe.« So wie er den Satz ausgesprochen hatte, ließ er sich mit dem Gesicht voran auf das Bett fallen.
Rebecca trat in das Zimmer ein. »Paul?«
»Hm«, murmelte er.
»Ich möchte mit dir sprechen.«
»Hm.«
»Es geht um unsere Beziehung.«
»Hm.«
Rebecca setzte sich auf die Bettkante.
Er sah sie nicht an. Auf den Bauch gerollt, drehte er das Gesicht von ihr ab. »Paul?«
»Hm.«
Dieses »Wort« betonte er immer in derselben gleichgültigen Art und Weise. »Du willst deine Ruhe haben, oder?«, fragte Rebecca genervt, als sie erkannte, dass sie heute Abend kein Glück haben würde, ihn zu einer ernsten Aussprache zu bewegen.
»Hm«, war das Letzte, was sie hörte, bevor sie das Schlafzimmer verließ und sich resigniert in die Küche zurückzog, wo sie das Abendbrot für sich vorbereitete.
Bereits seit über einer halben Stunde saß Rebecca mit gekrümmter Haltung allein am Küchentisch, kaute lustlos auf einer Scheibe Brot mit Wurst herum und schüttete den beinah kalten Tee in sich hinein. Obwohl das Radio vor sich hin dudelte, hörte sie weder der Moderatorin zu, noch achtete sie auf die Lieder.
Ohne klaren Gedanken starrte Rebecca aus dem Küchenfenster in die Dunkelheit hinaus und überlegte, wie es nur so weit kommen konnte, dass sich ihre Beziehung wie ein bauchiges Weinglas ohne Inhalt anfühlte und warum ihr in den vergangenen Jahren nicht klar geworden war, wie weit sie sich von ihrem Partner entfernt hatte. Ihr wurde immer schmerzlicher bewusst, dass sie die Beziehung unmöglich würde retten können, wenn sie nicht schleunigst über ihr Verhältnis zueinander sprachen.
Rebecca war noch immer in Gedanken versunken, als Paul in der Küche erschien. »Du sitzt immer noch hier?«, murmelte er. Seine Augen waren leicht zugekniffen. Offenbar musste er sich erst an das grelle Licht der Küchenlampe gewöhnen.
Ohne ihm auf seine gestellte Frage zu antworten, begann Rebecca gereizt: »Können wir jetzt miteinander sprechen oder gibst du wieder nur ein ›Hm‹ von dir?«
Er schaute sie fragend an, indem er seine Augenbrauen nach oben zog. »Worüber sollen wir denn sprechen?«, wollte er wissen.
»Über unsere Beziehung«, sagte sie etwas lauter werdend.
Paul begab sich zum Kühlschrank, um sich seine abendlichen Scheiben Käse und Wurst herauszuholen. Dann ergriff er das Brot und schnitt sich gemächlich mit dem Brothobel drei Scheiben ab. Noch immer nicht antwortend, besorgte er sich als Nächstes ein Messer aus einer Küchenschublade.
Mit den Utensilien bewaffnet, setzte er sich hin. »Was gibt es denn zu bereden? Ist doch alles gut.« Rebecca fiel beinah die eigene Wurststulle aus der Hand.
»Ist doch alles gut?«, äffte sie Paul nach und lachte gequält auf, weil sie nicht fassen konnte, welche Auffassung er von einer funktionierenden Beziehung besaß. »Paul, ich habe das Gefühl, dass irgendwas in unserer Beziehung mächtig schief läuft. Wir leben wie zwei alte Menschen nebeneinander her, als ob wir uns nichts mehr zu sagen hätten.«
Paul verstrich betont langsam die Butter auf seiner Brotscheibe. »Ist doch schön, dass wir uns so gut kennen«, gab er zurück. Sein verfickter Ernst?
»Verrate mir doch bitte, wann wir das letzte Mal ernsthaft über uns als Paar gesprochen haben oder wann du dich zuletzt für meine Arbeit oder mein Befinden interessiert hast.«
Paul überlegte scheinbar krampfhaft, wie er dem Gespräch aus dem Weg gehen konnte. Nach einer Pause gab er ausweichend zurück: »Rebecca. Wie war es heute in der Schule?«
»Lenk’ jetzt nicht ab!«, entsprang es ihr sichtlich genervt.
Unerwartet heftig knallte Paul mit der Handfläche auf den Tisch, bevor er hysterisch erwiderte: »Man, du tust ja so, als wäre es eine Qual, mit mir zusammen zu sein. Andere Paare haben auch Routine. Meinst du, die reden darüber?«
Er wollte es nicht verstehen! »Beantworte doch einfach meine Frage!«, beharrte Rebecca lautstark, um nicht über seinen Worten einzuknicken.
»Da gibt es nichts zu beantworten. Wir haben nun mal viel zu tun: Du mit deiner Schule, ich mit dem Haus und der Arbeit. Ist doch logisch, dass wir nicht mehr so viel unternehmen wie früher. Wo ist eigentlich dein verdammtes Problem?«
Es gab so viele Dinge, die Rebecca Paul an den Kopf knallen wollte. Aber sie schaffte es nicht, etwas zu erwidern. Konnte nicht standhaft bleiben, sich nicht gegen ihn behaupten. Stattdessen griff sie zur Teetasse und verzog sich ins Wohnzimmer. Schon auf der Treppe arbeiteten sich Tränen in ihren Augen hoch, weil sie es wieder nicht auf die Reihe bekommen hatte, ein ernsthaftes Gespräch mit ihrem Freund zu führen. Wenn das die nächsten Jahre so weiterging, das ahnte Rebecca unheilvoll, dann würde aus ihnen wirklich ein stummes Pärchen werden, das nebeneinanderher lebte.
Innerlich wusste sie, was sie an Paul hatte, auch wenn sie es nicht zeigen konnte oder wenn die positiven Erinnerungen gerade bloß im Fotoalbum versteckt lebten. Aber es gab sie. Rebecca wollte offen und ehrlich mit ihm reden, weil sie ihn nicht verlieren wollte.
Von daher liefen dicke runde Tränen ihre Wangen hinab, als Paul nach einer Viertelstunde das Wohnzimmer betrat. Statt auf ihre Gefühle einzugehen – und er sah, dass sie geweint hatte – griff er nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher an. Stumm und den Blick starr auf den Bildschirm geheftet, saß er auf der Couch.
Rebecca hatte die andere Hälfte des Sofas eingenommen und starrte ebenfalls in den Fernseher, ohne mitzubekommen, was gezeigt wurde. Sie stellte die Teetasse auf den Couchtisch ab. Pauls Gesichtsmuskeln waren angespannt, sein Blick steif nach vorn gerichtet. Den ganzen restlichen Abend schwiegen sie sich an.
Wie sehr er Rebecca mit seiner Wortlosigkeit verletzte, merkte er nicht. Mit einem leisen »Gute Nacht«, aber ohne den täglichen Kuss von ihrem Freund, ging sie bereits halb zehn ins Bett.
Wie gerädert stand Rebecca am Morgen auf. In der Nacht war sie mehrfach aufgewacht. Sie hatte darüber nachgedacht, ob es nicht besser wäre, sich nach über sieben Jahren Beziehung von ihrem Freund zu trennen, kam aber zu der Erkenntnis, dass eine Frau wie sie, die eine so große Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen hatte, nicht einfach dem Partner sagen konnte, dass es vorbei war. Dazu gehörte Mut, und den hatte sie nie gelernt zu haben. Dass sie beide das gemeinsame Haus abbezahlten und eine seit vielen Jahren mehrheitlich harmonische Beziehung führten, zwar ohne Hochs und Tiefs, aber mit wenig Streit, machte die Sache nicht einfacher. Im Gegenteil.
Die negativen Gedanken wollten erst aus Rebecca weichen, als sie sich auf den Weg Richtung Schule begab und daran dachte, Lou wiederzusehen. Es war Donnerstag. Der Deutsch-Grundkurs bewegte sich als gähnende Masse in den Kursraum hinein.
Nach den bald beginnenden Osterferien sollte die Beschäftigung mit den »Leiden des jungen Werther« von Goethe beginnen. Rebecca kündigte die Lektüre an, bevor sie sagte: »Heute soll es um die Naturlyrik bei Goethe gehen. Die Natur wird auch im ›Werther‹ eine besondere Rolle spielen, wie ihr noch feststellen werdet. Ich habe euch verschiedene Gedichte mitgebracht, die ihr in Partnerarbeit erschließen sollt. Die Aufgabenstellungen findet ihr auf den Arbeitsblättern«, wobei Rebecca auf die Zettel zeigte.
»Ihr könnt euch aussuchen, mit wem ihr zusammenarbeiten wollt. Es müssen sechs Gruppen entstehen. Bei dreizehn Schülern sind es fünf Zweierteams und ein Dreierteam.«
Wie Rebecca ahnte, fand sich niemand, der mit Elouan zusammenarbeiten wollte. »Lou, sei doch bitte so lieb und schließe dich einer Zweiergruppe an«, bat sie den Zwanzigjährigen, nachdem er sich suchend im Raum umblickte.
Er wandte sich Alicia und Marie zu, die ihn ohne zu murren in ihr Team integrierten. Elouan glitt elegant auf den Stuhl, der gegenüber von den zwei Mädchen stand. Rebecca sah lediglich seinen grazilen Rücken.
An den Reaktionen der Mädchen konnte sie erkennen, dass es Alicia und Marie nicht unangenehm fanden, dass er sich zu ihnen gesetzt hatte. Auch, wenn es niemand der anwesenden Damen zugegeben hätte, aber Rebecca bemerkte, dass sie Lou nicht unattraktiv fanden, ungeachtet seiner Unbeliebtheit bei den Jungs und trotz seines negativen Rufs und seiner Vergangenheit.
Elouan beugte sich ein Stück zu Alicia und Marie nach vorn und tuschelte ihnen etwas ins Ohr. Gekicher keimte auf. Andere Pärchen wandten sich amüsiert der Dreiergruppe zu. Marie war rot im Gesicht geworden und Alicia schaute Lou tief in die Augen und leckte sich dabei über die fein geschwungenen Lippen.
Rebecca sah genauso fasziniert wie eifersüchtig zu, ohne den Blick von den Dreien abwenden zu können.
Am Nachmittag fing es wieder an zu schneien. Der März war zur Hälfte um und in einer Woche begannen die Osterferien. Angesichts des miserablen Wetters kam kaum der Gedanke an ein grünes Osterfest auf.
Rebecca stand am Fenster des Schlafzimmers und betrachtete den mit Paul vor vielen Jahren angelegten Garten. Wie Puderzucker auf einem Rührkuchen kleidete der Schnee das Gras in seinen weißen Mantel ein. Immer dichter wurde die Decke und ein Ende des Winters war nicht absehbar. Während Rebecca am Fenster stand, durchstreifte sie der Gedanke von heute Morgen. Marie. Alicia. Lou.
Um sich einen Augenblick von der Schule zu erholen und der Fantasie freien Lauf zu lassen, ging sie auf das Bett zu und legte sich mit dem Bauch darauf. Ihre Brüste pressten sich an den unteren Rand des Kissens und die Beine lagen zusammengeschlagen auf der Bettdecke.
Rebecca stellte sich vor … Die Elftklässler haben Sport. Die Mädchen spielen in der Turnhalle Volleyball, die Jungen auf dem Rasen Fußball. Von der Anstrengung ausgepowert und vom Laufen verschwitzt, gehen sich die Jugendlichen nach dem Unterricht duschen.
Alicia und Marie betreten zusammen mit den anderen Mädchen des Sportkurses die Kabine. Marie schlägt vor, die Klassenkameradinnen zuerst duschen zu lassen, um ein Gedränge unter den Wasserhähnen zu vermeiden. Sie zieht daher ihre Freundin am Arm aus der Sportkabine heraus.
Auf dem Gang sehen sie, dass die Jungs gerade die Turnhalle verlassen. Einige verabschieden sich, rufen ihren Freunden »Bis morgen!« hinterher.
Elouan sitzt in seinem verschwitzten T-Shirt und der kurzen, legeren Sporthose auf einem Stuhl des Ganges. Alicia tritt vorsichtig an ihn heran und fragt: »Warum bist du noch nicht umgezogen? Willst du weiter Sport machen?« Marie neben ihr stehend lacht mädchenhaft auf.
»Und ihr? Warum wartet ihr auf dem Gang auf besseres Wetter?« Alicia überlegt, aber eine schlagfertige Antwort will ihr nicht einfallen.
Lou schaut beide von unten herab an. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen: »Lust, noch mehr ›Sport‹ zu machen?« Alicia weiß nicht, was sie sagen soll und auch Marie steht die Schüchternheit ins Gesicht geschrieben. Sie errötet. »Warten wir doch, bis alle anderen weg sind, okay?«, schlägt er vor.
»Und die Lehrer?«, fragt Marie skeptisch.
»Die ziehen sich um und … Keine Ahnung, was sie machen. Ich bin immer der Letzte und bei mir war noch nie jemand in der Kabine drin. Es würde sich auch keiner getrauen, reinzuschauen. Ihr versteht, was ich meine?« Die Mädchen schmunzeln.
Elouan steht auf und lugt um die Ecke der Jungenumkleide. Zwei Schüler sind noch drin, bereit zum Aufbruch. »Bis morgen«, rufen sie Lou zu und schauen verwundert drein, als sie sehen, dass er in weiblicher Begleitung am Eingang der Umkleidekabine wartet. Elouan sagt kein Wort, sondern grient ihnen entgegen.
Als sie ungestört sind, lädt er die Mädchen in die Umkleideräume ein. Schüchtern, aber gleichzeitig von Vorfreude erfüllt, folgen ihm die Schülerinnen.
Elouan nimmt zuerst Marie an die Hand und führt sie in die Duschkabine der Herrenumkleide. »Zieh dich aus!«, fordert er das Mädchen auf. Marie dreht ihm den Rücken zu, sodass er ihren runden Po betrachten kann, der sich unter einem engen Slip wölbt. Sie streift sich die verschwitzten Klamotten vom Körper: das enge Top, die knappe Sporthose.
Marie schaut sich schüchtern um und geht, ihrem Mitschüler den Rücken zukehrend, nackt zur Dusche. Ihre Rückansicht sieht bezaubernd aus: weiblich, voller Anmut.
Zaghaft dreht sie am Wasserhahn und lässt das Wasser über ihren Körper rieseln.
In der Zwischenzeit holt sich Lou Alicia in den Duschraum hinein. Die Schülerin folgt williger, denn sie wünscht sich, dass Elouan sie genauso attraktiv findet wie sie ihn.
Alicia betritt die Duschkabine, während im Hintergrund Marie duscht.
Lou lehnt lässig am Türrahmen und betrachtet Alicia, die sich das verschwitzte Shirt über den Kopf zieht. Voller Vorfreude schaut er auf ihren schlanken Oberkörper. Alicia genießt es, dass das Interesse ihres Mitschülers ihr gilt. Seine Blicke kratzen sich in ihre Haut. Langsam streift sie sich ihren BH ab und ihre festen, reifen Früchte kommen zum Vorschein.
Elouan tritt einen Schritt näher an sie heran. Die nackte Marie im Hintergrund ist für ihn Nebensache. Seine Aufmerksamkeit gilt einzig der sportlichen Alicia. Beide stehen sich jetzt so nahe, dass Elouan kurz mit dem Finger die linke Brustwarze streift, die sich unter der zarten Berührung aufrichtet.
Alicia leckt sich über die Lippen, fühlt die Anziehungskraft und das Kribbeln, tritt aber schmunzelnd einen Schritt zurück, sodass Elouan auf Distanz zu ihr gebracht wird.
In einem Ruck zieht sie ihre Sporthose mitsamt der Unterwäsche aus und steht komplett nackt vor ihm. Lous Augen erobern Alicias schlanke Silhouette. Sie besitzt sehr kleine Füße, dafür aber stramme Waden, weil sie viel joggen geht. Ihre Oberschenkel enthüllen eine kleine Lücke. Das Dreieck zwischen ihren Schenkeln wird durch einen leichten Flaum bedeckt. Seine Augen wandern weiter nach oben, hin zum flachen Bauch, den kleinen Brüsten. Schließlich schaut er interessiert in das schön geschnittene Gesicht, das er in dieser Form nie wirklich betrachtet hat. Alicia lächelt schelmisch, sagt keinen Ton. Sie hält ihn weiter auf Distanz, geht vielmehr zu Marie unter die Dusche.
Beide Mädchen stehen jetzt dermaßen gedrängt unter dem gemeinsamen Wasserstrahl, dass sie sich unweigerlich berühren müssen. Elouan sieht, wie Alicia das Duschgel von Marie ergreift und sich damit zunächst selbst einseift. Dann nimmt sie erneut einen großen Klecks davon auf ihre Hand und verreibt das Gel auf Maries Haut. Mit der rechten Hand fährt Alicia am Rücken ihrer Mitschülerin auf und ab. Dabei wirft sie einen anrüchigen Blick zu Elouan, der noch immer gespannt am Türrahmen steht und die Szenerie vor ihm verfolgt.
Alicias Hand umfasst den Hintern ihrer Freundin. Die sachten Berührungen von Alicia sorgen dafür, dass Marie die Augen schließt. Sie gibt sich den Berührungen, ohne an etwas Anderes zu denken, vollkommen hin. Ein heiseres Keuchen entfährt Marie, als Alicia ihre Hände weiterhin spielerisch über ihre Haut gleiten lässt.
Nun drehen sich die Mädchen einander zu. Alicia nimmt einen weiteren Klecks von dem Duschgel und reibt damit über die Brüste und den Bauch ihrer Freundin. Erstmals erkennt Elouan, wie wohlgeformt auch seine Klassenkameradin Marie ist. Ihre Brust ist größer als die von Alicia, da Marie viel weiblichere Formen hat. Alicia besitzt hingegen sehr straffe, definierte Konturen. Beide sind auf ihre Art reizvoll.
Das Wasser perlt an den attraktiven Mädchenkörpern nach unten. Noch immer steht Lou am Eingang zum Duschraum und schaut auf seine Mitschülerinnen. Sie nackt unter der Dusche zu sehen, zu beobachten, wie sie sich sinnlich berühren und alles um sich herum vergessen, macht ihn extrem an.
Als er sieht, dass Alicia noch näher an Marie herantritt und sie dann zaghaft auf den Mund küsst, während sie gleichzeitig zu ihrem Mitschüler nach vorn blickt, wünscht er sich, sie ebenfalls beide berühren zu dürfen. Sie scheinen zu einem Bild der absoluten Hingabe verschmolzen.
Elouan steht noch immer in seinem verschwitzten Sportdress gebannt am Türrahmen, während er spürt, dass sein Schwanz schwerer wird. Unwillkürlich führt er die Hand an die Wölbung seiner Sporthose und streichelt darüber, während er zusieht, wie das Wasser die Nacktheit der Mädchen umspült.
Alicias braune lange Haaren bedecken Maries Schultern. Deren blonde kurze Haare sind vom Wasser nass geworden.
Marie ist anfangs schüchtern, küsst ihre Freundin zaghaft und berührt sie kaum. Alicias Zunge liebkost die Lippen von Marie und lädt sie dazu ein, den Mund zu öffnen. Gleichzeitig setzt Alicia die Streicheleinheiten am Arm, an der Hüfte, am Bauch fort. Marie versinkt immer mehr im Rausch. Sie wird von den feuchten Küssen und der Wärme, die von Alicias Körper und ihren Berührungen ausgeht, stärker erregt, legt ihre Hemmungen ab und berührt Alicia ebenfalls.
Ihre Fingerspitzen vollziehen eine neugierige Wanderschaft: Sie zittern über Alicias Wange, als würde sie zum ersten Mal sehen, welche Schönheit in ihrem Gesicht verborgen liegt. Die Haare streift sie ihrer Freundin scheu beiseite. Auch dabei erscheint es, als würde sie erstmals fühlen, wie seidig sie sind. Ihre Schulterblätter werden mit einer lieblichen Berührung beschenkt. Das Schlüsselbein, der Hals, die Oberarme. Alles wird von Maries Händen zaghaft erkundet. Mit spielerischer Leichtigkeit skizziert sie die Linien von Alicias Brüsten nach, kitzelt mit dem Zeigefinger über die Brustwarze, die sich erhebt und Alicia zucken lässt. Doch Maries Finger halten nicht inne, weiter zu gehen, tiefer zu sinken, über ihren Rücken hin zu ihrem Po.
Schließlich sieht Lou fasziniert, wie sich beide Mädchen leidenschaftlich im Intimbereich anfassen. Alicias Finger versinken in Maries Spalte, fixieren ihre Perle. Umgekehrt stimuliert Marie Alicias Klit, sodass diese unter der Berührung sanft erzittert und sich stärker den Empfindungen hingibt. Dabei hält sie die Augen geschlossen. Ob sie wahrnehmen, wie akribisch sie beobachtet werden?
Unerwartet sinkt Alicia in die Hocke, kniet vor ihrer Freundin. Sanft tastet sie sich mit den Fingern zu Maries Heiligtum voran.
Lou ist hoch erregt von der Szenerie, die sich vor seinen Augen ernsthaft abzuspielen scheint. Dies ist kein Porno, den er sich heimlich anschaut, dies ist wahrhafte Erotik mit ansehnlichen straffen Mädchenkörpern, die ihre besten Jahre noch vor sich haben.
Er sieht, wie Alicia nah an den Schoß ihrer Freundin heran rutscht und an ihr saugt. Hin und wieder vollführt sie mit ihrer Zunge Schläge, um Marie zu stimulieren. Sie stöhnt auf, schließt die Augen, alles um sich herum vergessend. Das Wasser perlt über die Körper, ergießt sich auf Maries Kopf, läuft über Alicias Rücken. Sie hat ebenfalls die Augen geschlossen, während sie ihre Mitschülerin mit ihrer Zunge in andere Sphären treibt. Marie stützt sich mit der Hand an der Wand der Duschkabine ab.
Lou steht gebannt da, greift mit der Hand in seine Sporthose hinein und massiert mit zwei Fingern seine Härte.
Ein Aufstöhnen entfährt Maries Mund, als Alicia mit einem Finger in sie stößt und den Druck auf ihre Perle erhöht. Sie umkreist mit dem Daumen ihren Lustpunkt. Ein verlangendes Stöhnen ist zu hören. Marie schließt die Augen und gibt sich dem Gefühl des überwältigenden Orgasmus hin. Marie bäumt ihren Körper auf, dann knicken ihre Beine ein und sie sinkt zu Boden, wo sie von Alicia in die Arme genommen wird.
Elouan zieht sich nun, von den Mädchen unbeachtet, aus. Nackt geht er auf die unter dem Wasserstrahl knienden, sich küssenden jungen Frauen zu. Seine Aufmerksamkeit gilt der sportlichen, straffen Alicia, die zu ihm aufsieht. Sein Schwanz schwebt vor ihrem Gesicht.
»Steh auf!«, fordert er sie auf. Alicia sieht vor ihm sitzend devot auf. Ein intensiver Augenkontakt zwischen Lou und ihr – sie weiß, was folgt. Alicia zieht Marie mit nach oben, die sich eng an ihre Freundin klammert und mit den Händen ihren Leib umfasst. Gehen will sie nicht.
Lou tritt hinter Alicia und presst seinen Oberkörper gegen ihre Hinterpartie. Dabei berührt seine Erregung ihre rechte Pobacke, sodass Alicia aufatmet und an die Wand der Dusche gedrückt wird.
Elouan streift ihr die nassen Haare von der Schulter und küsst sie fordernd an Hals und Schultern. Dabei raunt er ihr zu: »Ich muss dich haben. Jetzt!« Alicia ist hin- und hergerissen zwischen den zärtlichen Küssen und Berührungen ihrer Freundin und dem fordernden Griff ihres Mitschülers, dessen Hände von hinten Alicias straffe Brüste umfassen. Mit festem Händedruck knetet er den Busen, zwirbelt die Brustwarzen. Sein Glied beschert Alicias feuchter Vulva ungeahnte Empfindungen. Erst Maries Berührungen auf ihrer nackten Haut, nun die unaussprechlichen Freuden, die Lou ihr schenkt.
Marie erkennt die Situation. Sie entwindet sich widerwillig Alicias Fingerfertigkeiten, verlässt die Dusche und geht zurück in die Umkleidekabine.
Jetzt sind Elouan und Alicia allein. Das Mädchen dreht sich zu Lou um und schaut ihm durchdringend in die Augen. Der erste Kuss zwischen den beiden ist heiß und innig. Lous Zunge geht sofort in einen Kampf mit Alicias Zunge über. Hart treffen seine Lippen auf die von ihr. Ein unbedingtes Wollen erfüllt die vom Wasserdampf erstickte Luft. Ein Geruch von Sex und Duschgel vermischt sich damit. Lou hebt das Bein von Alicia an, sodass er mit der Spitze der Eichel über ihre Klit reiben kann.
Sie stöhnt lustvoll auf, ist bereits hochgradig erregt von den Berührungen ihrer Freundin, sodass Elouan keine Mühe hat, sie zu einem weiteren Schritt zu ermutigen. Sie schmunzelt und beißt sich auf die Unterlippe, als er ihr etwas Unanständiges ins Ohr flüstert. Dann presst er seine Mitschülerin mit seinem Oberkörper gegen die Duschwand und nimmt sie in sich auf. Mit geschickten Bewegungen vergräbt er sich in ihr.
Alicia hängt marionettengleich an ihm und geht mechanisch mit seinen Bewegungen mit. Was zunächst zärtlich beginnt, steigert sich angesichts der Lust, die er empfindet, schnell in heftige Stöße. »Du bist so feucht und geil eng«, knurrt er leidenschaftlich in Alicias Ohr.
Mit jeder Sekunde, die vergeht, ziehen sich seine Hoden stärker zusammen. Da er ihr Lustzentrum heftig zum Erbeben bringt, entlockt er Alicia ein Zittern. Sie hält sich an seiner starken Schulter fest und lässt zu, dass er nach weiteren tiefen Stößen seinen Höhepunkt in ihr erreicht. Keuchend hebt er sie von sich.
Alicia windet sich wie eine Schlange in der Duschkabine, presst die Beine zusammen und gesteht wispernd: »Lass mich kommen.« Lou geht vor ihr in die Hocke. Alicia reckt ihren Unterleib seinem Gesicht entgegen. Sein Mund verlangt willig nach ihrer Scham. Dabei schmeckt er seinen Samen auf seiner Zunge, als er über ihren Kitzler reibt und mit den Fingern in die Feuchtigkeit und Wärme eintaucht. Er saugt, leckt, lechzt danach, ihr den Moment des Glücks zu schenken, der ihr verwehrt blieb.
Ein langgezogenes »Ah« zeigt an, dass sie den Gipfel der Lust bald erreicht hat. Er verstärkt den Druck, sodass sich Alicia nun – wie vorher Marie – an die Wand der Duschkabine festkrallt und im Moment der höchsten Erregung zulässt, abzuheben. Dann sinkt auch sie nach unten in die Hocke und wird von Lou in die Arme genommen.
Rebecca öffnete die Augen und blinzelte, als das helle Licht des Tages auf ihre Augen traf. In der verkrampften Beinhaltung spürte sie, wie feucht sie geworden war. Ein sehnliches Verlangen breitete sich in ihrem Unterleib aus, der nach einer Vereinigung mit ihrem Schüler schrie. Gleichzeitig fragte sie sich irritiert, wieso sie sich ausgerechnet Lou und Alicia so vertraut und innig vorstellte.
Ihr wurde mit einem Schlag bewusst, dass ihr Schüler unmöglich auf eine Frau stehen würde, die über zehn Jahre älter war als er selbst. Natürlich würde er sich zu den knackigen jungen Mädchen in der Schule hingezogen fühlen. Natürlich würde er Frauen seines Alters bevorzugen.
Rebeccas Blick streifte kurz den Wecker, der anzeigte, dass es schon nach halb fünf war. Sie musste sich der Unterrichtsvorbereitung für den kommenden Tag widmen. Als sie zum Fenster wankte, sah sie, dass es noch immer schneite.
Kapitel 6
Die letzten zwei Tage bis zu den Osterferien fühlten sich wie Monate an. Rebecca fehlte jegliche Kraft, um überhaupt die Berge von Materialien in ihrem Arbeitszimmer abzuarbeiten. »Oh Gott«, entfuhr es ihr unweigerlich, als sie die zwei großen Stapel an Blättern neben ihrem PC entdeckte und sich Schuldgefühle über die nicht abgehefteten Zettel in ihr hocharbeiteten.
Rebecca schlurfte niedergedrückt zum Drehstuhl und setzte sich genervt an den Schreibtisch. Wo sollte sie nur anfangen, wenn sich die ganzen Akten verteilt auf zwei Stapeln neben dem PC türmten? Aber sie musste irgendwie beginnen, denn in den Ferien, wenn sie mit Paul im Osterurlaub war, konnte sie nichts machen.
Am meisten ärgerte sie, dass in stressigen Zeiten der ganze Schreibtisch voller Unterlagen lag und sie ungehalten über das Chaos minutenlang nach wichtigen Materialien für die Unterrichtsvorbereitung suchte.
Noch schlimmer war allerdings, wenn sie das Gesuchte zufällig beim Abheften wiederfand und feststellte, sich zusätzliche Arbeit gemacht zu haben. Das äußere Durcheinander auf dem Schreibtisch spiegelte ihre innere Unordnung wider. Angefangen bei den nicht auffindbaren Arbeitsblättern, hin zu dem nicht enden wollenden Ärger in ihrer Klasse, weiter über ihre nicht zu definierenden Gefühle zu Paul und zu Elouan.
Rebecca hatte nicht ansatzweise Lust darauf, vernünftige Stunden für die Schüler vorzubereiten, geschweige denn das Chaos auf ihrem Schreibtisch zu beseitigen. Daher ließ sie die wirren Papierberge liegen und bereitete nur sporadisch den Unterricht vor, während Paul auf dem Sofa saß und Musik hörte, die laut aus seinem Laptop drang.
Er hatte sich vor dem Urlaub einige Tage freigenommen. »Warum räumst du nicht mal im Wohnzimmer auf?«, rief ihm Rebecca vom Arbeitszimmer aus zu. Keine Reaktion.
Mit dem Abschluss der Unterrichtsvorbereitung war auch der Nachmittag gelaufen. Mühsam erhob sie sich von ihrem Platz und ging ins Wohnzimmer, wo Paul immer noch auf dem Sofa saß, im Internet surfte und nebenbei Musik hörte.
»Warum räumst du nicht mal ein wenig auf, wenn du jetzt Zeit hast?«, fragte sie erneut. Paul schaute sie nur an, sagte aber nichts, was bei Rebecca einen tiefen Seufzer auslöste.
O Gott, das Arbeitsblatt! Nicht dieses Arbeitsblatt für die Achtklässler! Mit Schrecken wurde Rebecca klar, dass sie das Wichtigste, was sie für die heutige Kunststunde in ihrer Klasse brauchte, zu Hause vergessen hatte. Umdrehen war keine Option, denn es waren nur noch etwa fünf Kilometer bis zur Schule zu überbrücken.
Jetzt rächte sich, dass sie sich gestern unzureichend über die Vorbereitung gesetzt und heute Morgen nicht noch einmal ihre Schultasche kontrolliert hatte, wie sie es sonst immer tat. Aber sie war zu spät dran. Auch das passierte so gut wie nie.
Am liebsten wäre Rebecca auf der Stelle umgedreht und hätte sich krankgemeldet aus Angst, in ihrer eigenen Klasse zu versagen.
Nicht zum ersten Mal hatte sie den Eindruck, absolut nicht in die Schule zu gehören. Zwar floss jeden Monat ein geregelter Lohn auf ihrem Konto ein, aber sie hatte weder das Gefühl, dass sie auch nur annähernd das verdiente, was ihr zustand, noch dass sie in dem Beruf der Lehrerin jemals glücklich werden konnte.
Sympathie und Empathie für die Belange von Heranwachsenden zu empfinden – das schaffte sie auch nach Jahren noch nicht. Vor allem Kinder und Jugendliche in der Pubertät erkannten mit ihren feinen Antennen sofort, ob man ihnen gewogen war und merkten auch gleich, wenn man Apathie gegen sie hegte.
Rebecca fragte sich, ob dieser Job sie jemals glücklich machen würde, obwohl er ihr Sicherheit, geregelte Arbeitszeiten, Ferien und guten Lohn bot.
Und nun auch noch das verdammte Arbeitsblatt, das zu Hause auf dem Schreibtisch lag. Doch statt umzudrehen oder Paul zu benachrichtigen, fuhr sie wie unter Drogen starr weiter, auf den Verkehr um sie herum fluchend. Fluchend auf sich selbst …
Die Einfahrt zur Schule war passiert. Mechanisch rollte sie auf den leeren Parkplatz, nahm ihre angestammte Parklücke in Beschlag und trat in die kalte, beißende Märzluft hinaus. Der Wind zerrte hart an der Jacke und erzeugte Gänsehaut. »Ich werde die Stunde irgendwie hinter mich bringen«, murmelte Rebecca gereizt vor sich hin, während die Absätze ihrer Schuhe wie Pistolenkugeln auf dem Kopfsteinpflaster auftrafen und wie jeden Morgen an der Wand des Schulgebäudes widerhallten.
Die Siebtklässler, die sie in der ersten Stunde erwarteten, stellte sie mit einer größeren, fast die gesamte Stunde einnehmenden Partnerarbeit ruhig. Wenn der Kunstunterricht annähernd so glimpflich abgelaufen wäre …
Doch schon, als sie sich den Kunsträumen näherte, hörte sie den Lärm auf dem Flur, der für ihre Ohren zur Belastungsprobe wurde. Andy und Martin stritten sich lautstark, warfen sich üble Beleidigungen an den Kopf, vulgäre Ausdrücke fielen. Eine Masse an Schülern stand daneben und schaute dem Treiben belustigt zu. Niemand griff ein, um die Streithähne zu beruhigen.
Als Rebecca ihre Klasse erreichte, nahm kein Schüler Notiz von ihr. Sie wurde weder begrüßt noch darum gebeten, die Auseinandersetzung zu schlichten. Die Jugendlichen waren sich wohl der Erfolglosigkeit schon vorher bewusst.
Stattdessen ging Rebecca in der breiten Masse ihrer Schüler unter. Als sie die Tür zum Kunstraum aufschloss, waren Martin und Andy die einzigen Schüler, die nicht nach drinnen gingen, sondern auf dem Gang verweilten.
Mittlerweile hatte die Stunde begonnen, aber die Jungen standen noch immer vor der Tür und warfen sich Sätze in der Jugendsprache an den Kopf. »Alter, was willst’e von mir?«, schrie Andy.
»Du sollst aufhören, bei Ellen so scheiße über mich zu labern, Alter! Checks doch endlich, dass die nicht auf dich steht!«, gab Martin überlegen zurück.
»Boah, du bist ein Idiot!«, entfuhr es Andy.
Rebecca wollte einmal Stärke beweisen und rief ihnen vom Kunstraum aus zu: »Andy, Martin. Die Stunde hat begonnen. Kommt rein!« Wie zu erwarten war, reagierte keiner der beiden auf ihre Worte.
»Die Alte will doch von dir genauso wenig was. Die ist doch mit dem Typen aus der 10c zusammen. Bist du blind, Alter? Die gehen doch schon seit Anfang Januar miteinander.«
Andy war hochrot im Gesicht und auch Martin sah aus, als wäre er jeden Augenblick auf seinen Kontrahenten losgegangen. Eine Prügelei bahnte sich an.
Rebecca sah den Klassensprecher mit einem Mädchen am vorderen Tisch stehen. Sie winkte ihn zu sich und bat ihn, die Jungen ins Zimmer zu holen. Nach wenigen Worten begaben sich Martin und Andy in den Raum, würdigten sich aber keines Blickes mehr. Rebecca nutzte die Aufmerksamkeit, die die Mitschüler den beiden Jungs widmeten, um auszupacken.
Da jeder der Achtklässler darauf wartete, wer als Erster lospoltern würde, war es relativ ruhig und Rebecca konnte zügig zur Begrüßung der Klasse schreiten. »Guten Morgen.«
»Morgen«, murmelten ihr einige Schüler gelangweilt entgegen.
»Ihr habt euch in den letzten Stunden mit den Tageszeiten in der Kunst auseinandergesetzt, indem ihr selbst das Thema künstlerisch bearbeitet habt. Heute ist unsere letzte Stunde vor Ostern. Das heißt, dass wir das Projekt abschließen werden. Ihr werdet dazu eine neue Zeichenmethode kennenlernen.«
Rebecca überlegte, ob sie ihren Fehler zugeben sollte oder nicht, beschloss aber, die Wahrheit zu sagen: »Leider habe ich das Methodenblatt zu Hause vergessen. Wir müssen improvisieren. Das dürfte aber kein Problem darstellen.«
Jule geiferte: »Frau Peters, bei uns tragen Sie sich fehlende Materialien sofort ein. Wo ist die Spalte im Klassenbuch, in der wir Ihre fehlenden Unterrichtsmittel eintragen können?« Rebeccas Kiefer mahlte, während die Klasse johlte.
Ellen trat nach. »In welches Heft dürfen wir eintragen, wenn Sie mal was nicht richtig machen? Bei uns wird ja alles gleich brühwarm den Eltern erzählt.«
Es wurde immer lauter. »Genau!«, erhoben sich bejahende Stimmen. Die Situation glitt Rebecca aus den Händen und eskalierte in dem Moment, als sie darüber nachdachte, was zu tun war. Hilflos schaute sie in die Masse und es schien keinen Schüler mehr zu geben, der sich für sie in die Bresche schlagen wollte.
Jetzt rächte sich, wie achtlos sie mit Schülern umging. Wie sehr sie den Beruf als bloßen Job, den es zu erledigen galt, ansah. Ihre Gedanken halfen Rebecca in dem Moment nicht weiter und ihr »Pst« oder »Sch« brachte keine Besserung, weil es zu laut war, als dass sie noch Gehör fand. »Ruhe!«, schrie sie laut und hilflos durch den Raum. Vergeblich.
»Hey!« Es half nichts. Jeder Schüler hatte auf einmal etwas zu sagen, sogar die ruhigen Achtklässler schienen kein Halten mehr zu kennen. Am liebsten wäre Rebecca aus dem Klassenzimmer gerannt und angesichts der sie zerfleischenden Klasse niemals wiedergekommen.
Wenn jetzt nicht ein Wunder eintrat, war sie geliefert, soviel stand fest. Sogar der Versuch, den Klassensprecher um Hilfe zu bitten, scheiterte, denn unter der sich hochschraubenden Lautstärke verstand niemand mehr sein eigenes Wort.
Auf einmal öffnete sich mit einem Hieb die Tür und Jan König, ein Kollege, der unter den Lehrern und Schülern als besonders lautstark verschrien, aber als durchsetzungsstarker Mann aufzutreten gewohnt war, trat energischen Schrittes in den Raum hinein. »Was ist denn hier los?«, polterte er aufgeregt und laut.
Nebenan waren die Werkenräume, in denen der Lehrer bevorzugt Unterricht erteilte.
Die Schüler erstarrten vor Schreck und machten große Augen.
»Es ist Stunde!«, schrie er. Sein Gesicht war absolut ernst und konzentriert. Die Jugendlichen kuschten über die alles einnehmende Erscheinung Königs.
Jemand begann zu tuscheln. »Was gibt’s denn da schon wieder zu reden? Es hat vor zehn Minuten zum Unterricht geklingelt und ihr lärmt hier herum! Wie heißt du?«, fragte er den Schüler, der sich ein kurzes Gemurmel erlaubt hatte.
»Simon«, raunte einer der Achtklässler.
»Simon. Aha. Werde mir den Namen merken. Wehe, du fällst mir unangenehm in der Pause auf, Simon«, sagte König streng zu dem eigentlich sonst stillen Jugendlichen.
»Wo ist eigentlich euer Lehrer?«, fragte er suchend in die Klasse. »Wenn kein Lehrer da ist, müsst ihr ins Sekretariat gehen und das melden. Das schreibt die Hausordnung vor.«
Erst jetzt nahm der Kollege die am Lehrertisch stehende, verunsicherte Rebecca wahr. »Ah, Frau Peters. Sie sind wohl eben erst gekommen, wie?«, fragte er sie. Vor Schreck, aber glücklich vor Erleichterung, dass er ihr gerade den Arsch gerettet hatte, nickte sie. »Gut«, gab er nun gelassener zurück und ließ die Tür krachend ins Schloss fallen.
Die Schüler standen, wohl noch immer eingeschüchtert von der Erscheinung des Kollegen, gewissenhaft an ihrem Platz. Die schreckerfüllte Atmosphäre hielt einige Minuten an. Das leiseste Quatschen fiel auf, sodass Rebecca sofort reagieren konnte.
Auf einmal spielte das vergessene Arbeitsblatt keine Rolle mehr. Jules und Ellens Bemerkungen waren vergessen, ebenso der Streit von Andy und Martin. Dabei hätte sie sich gerade mit diesen Vieren noch einmal unterhalten müssen, vergaß es aber schlichtweg. Sie führte den Schülern die neue Methode für den Zeichenunterricht vor und ließ sie dann den Rest der Stunde arbeiten, erleichtert darüber, dass ihr Kollege König den Kopf gerettet hatte, der so kurz vor den Osterferien beinahe auf der Guillotine der Missachtung gelandet wäre.
Kapitel 7
Um der Tristheit der Osterfeiertage zu entfliehen, brachen Paul und Rebecca am Karsamstag für eine Woche in den Wanderurlaub nach Österreich auf.
Beim Kofferpacken am Freitagabend war die Stimmung angespannt. »Wo sind denn meine Wanderstöcke, Beccy?«, rief Paul vom Dachboden aus zu. »Verdammter Mist!«, brüllte er, nachdem er sie nach etlichen Minuten Suchen nicht finden konnte. »Wo sind diese dummen Wanderstöcke hin?«, geiferte er weiter.
Rebecca stand an der Treppe zum Dachboden und konnte nur immer wieder bekräftigen, dass sie es nicht wusste.
»Habe ich sie vielleicht in meinen Schrank getan?«, fluchte Paul weiter, wobei seine Stimme gedämpft zu Rebecca vordrang, die genervt an der Dachbodentreppe ausharrte.
»Ich weiß es nicht«, sagte sie gelangweilt, desinteressiert an dem Auffinden der Wanderstöcke. »Mit Sicherheit hast du sie noch in deinem Rucksack drin, auch wenn du meinst, sie außen an den Rucksack angebunden zu haben«, rief sie ihrem Freund zu.
Eine erquickliche Ruhe entstand, bevor Paul von oben rief: »Hab sie!«
»Und wo waren die Stöcke?«, wollte Rebecca wissen. Keine Antwort. Stattdessen warf er ihr von oben die Wanderrucksäcke herab, dann folgten die lang gesuchten Wanderstöcke.
Der Stress, den Paul auf Arbeit und Rebecca in der Schule hatten, trübte den anstehenden Urlaub gewaltig. Mehr als einmal entfuhr ihr ein tiefes Stöhnen und auch Paul reagierte gereizt, weil er viele Utensilien für den anstehenden Urlaub nicht gleich fand.
Als die Rucksäcke gepackt waren, schlug er vor, sofort das Auto zu beladen, um nicht am Morgen alles einzuräumen und damit wertvolle Zeit zu vergeuden. »Das Essen muss noch rein. Wieso legst du deinen Rucksack in den Kofferraum?«, polterte er, als Rebecca das schwere Ding allein hinein wuchtete und nun wieder herausnehmen musste.
Und dann die Stapelbox mit dem Essen drin! Jähzornig stöhnte Rebecca auf. Wie geizig ihr Freund geworden war! Anstatt nach den Wanderungen gemütlich in ein Restaurant essen zu gehen, zog Paul es vor, Rebecca in der Ferienwohnung kochen zu lassen.
Am Abend war sie mit den Nerven am Ende, nachdem das Gepäck, das Essen sowie weitere Kleinigkeiten im Auto verstaut worden waren. Während sich Paul nach dem Abendbrot zu Bett begeben hatte, hockte Rebecca trübselig auf der Couch und starrte die Wohnzimmereinrichtung an.
Ihr wollte es nicht gelingen, sich auf den einwöchigen Urlaub im Gebirge zu freuen. Jetzt war es an ihr, mit Paul auszukommen. Der Harmonie willen nahm sie sich vor, sich so gut es ging seinen Wünschen im Urlaub anzupassen, da sie die Erholung genauso nötig hatte wie ihr Freund. Außerdem wünschte sie sich, dass sie sich als Pärchen wieder näher kamen, die alte Geborgenheit spüren, das Feuer der Leidenschaft neu entfachen konnten.
Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen aus dem dämmrigen Himmel herausbrachen, befanden sich Paul und Rebecca auf der Autobahn. Nur wenige LKWs und ein paar Autos fuhren an diesem Morgen des Karsamstags auf der Straße.
Wie erwartet, verlief die Fahrt schweigsam. Einige wenige Worte verließen Pauls Mund und wenn, waren es meist Aufreger über die Fahrweise mancher Straßenverkehrsteilnehmer. Rebecca saß auf dem Beifahrersitz und schaute gelangweilt aus dem Fenster. Die Felder, die vorbeiglitten, sahen friedlich aus, wenn sie sich aus dem Morgennebel hervorquälten. Hin und wieder konnte sie ein paar Rehe auf den Wiesen oder am Straßenrand entdecken.
Inzwischen hatte sich das Wetter stabilisiert und es war tagsüber angenehm warm. Es hätte perfekt sein können – wenn Paul nicht so schweigsam gewesen wäre.
Sie schaute ihn von der Seite an. Seine blaugrauen Augen waren statuenhaft auf den Straßenverlauf gerichtet. »Sag doch mal was, Paul«, bat sie ihn gereizt.
»Erzähl du doch was«, erwiderte er, ohne sie anzuschauen.
Rebecca drehte sich weg, versenkte ihre Handfläche an die Wange, stützte den Ellbogen am Türrahmen ab und gaffte erneut gelangweilt zum Fenster hinaus. Die Welt floss in schneller Abfolge an ihren Augen vorbei.
»Paul?«
»Hm?«
Trotz intensiver Überlegung wollte ihr kein Gesprächsthema einfallen. Smalltalk in der Schule fiel ihr mindestens genauso schwer. Erst recht, wenn sie mit Schülern über belanglose Sachen sprechen sollte.
»Was ist?«, fragte er, nachdem sie nichts sagte.
Rebeccas Gesichtsmuskeln waren angespannt. Jetzt wäre der richtige Moment gewesen, um Paul auf all die unerledigten Aussprachen zwischen ihnen aufmerksam zu machen. Aber weil sie sich vorgenommen hatte, den Frieden zwischen ihnen während der Osterferien nicht zu gefährden, unterließ sie es.
»Da, ein Fuchs!«, sagte Rebecca ausweichend, obwohl sie gar kein Tier gesehen hatte. Paul reagierte nicht darauf und so zog sich die Fahrt in die Länge. Sie gähnte und bewegte ihren Kopf wieder Richtung Seitenscheibe, wo er den Großteil des Tages verharrte.
Nach über sechs Stunden langwieriger Fahrt passierte das Auto die deutsch-österreichische Grenze und nach weiteren zwei Stunden hatten sie ihre Herberge erreicht.
In Rebeccas Kopf hämmerte es, die Beine schmerzten vom langen Sitzen. Paul kroch mehr als dass er ging aus dem Auto heraus und klagte über Rückenschmerzen. Die Rucksäcke aus dem Wagen zu heben, fiel ihm sichtlich schwer. »Pack doch mal mit an!«, geiferte er. »Du siehst doch, dass es nicht funktioniert.«
Rebecca umrundete das Auto und zog gemeinsam mit Paul den Tragekorb mit den Lebensmitteln drin aus dem Kofferraum. »Mensch ist der schwer!«, rief sie entsetzt. »Warum schleppen wir so viel mit? Wir hätten auch hier einkaufen gehen können.«
Es ging ein paar Stufen die Ferienwohnung hinauf. Die Vermieter hatten aufgeschlossen, sodass das Gepäck und das Essen gut nach oben transportiert werden konnte. Das Häuschen erweckte einen sauberen Eindruck, obwohl Paul eine der billigeren Unterkünfte gebucht hatte. Die Wohnung war geräumig. Rechts vom Eingang gab es einen kleinen Balkon. Links befand sich der Küchenbereich. Sogar ein Kamin stand im Wohnzimmer.
Paul inspizierte das Schlafzimmer und wurde seinen schweren Rucksack los. Rebecca sah vom Wohnzimmer aus, wie sich ihr Freund seine Jeans auszog und sich danach auf das Bett legte, geschafft von der anstrengenden Fahrt.
Mittlerweile verspürte Rebecca großen Appetit, nachdem sie unterwegs kaum Halt eingelegt hatten.
»Paul?«, rief sie vom Wohnzimmer aus in die Schlafstube hinein. »Ich dachte, wir trinken jetzt Kaffee und essen Kuchen. Ich hab’ Hunger.«
»Hm«, ertönte es genervt. »Guck doch nach, ob Kaffee da ist«, gab er ins Kissen grummelnd zurück.
»Und was ist mit Kuchen?«, fragte sie.
»Hast du welchen mitgenommen?«
»Nein, aber ich dachte, wir gehen welchen essen. Ich habe am Anfang des Dorfs ein kleines Café gesehen. Dort können wir doch hingehen.«
Den letzten Satz verstand Paul offensichtlich als Frage, denn er antwortete: »Keine Lust.«
»Wegen der langen Fahrt?«, fragte Rebecca zurück.
Paul lag einfach nur da, ohne zu antworten.
Entmutigt trabte sie in die Küche zurück. Mit einem Male fühlte sich die Wohnung fremd und kühl an. Alles Leben, alles Schöne, was sie eben wahrgenommen hatte, schien aus ihr gewichen zu sein. Rebecca sah ihren Reiserucksack am Sofa stehen, erspähte die fein geputzten Küchengeräte und die sauber zusammengelegten Handtücher auf den Stühlen neben dem Eingangsbereich. Es war leise, ganz furchtbar leise. Alles um sie herum kam ihr fremd und leer vor.
Den ganzen Tag über hatte sie nicht an Lou gedacht, obwohl die Fahrt zutiefst eintönig war. Nun holte sie die Sehnsucht ein und ihr wurde bewusst, dass das Gefühl der Fremde nicht von der Wohnung herrührte, sondern von der Emotion, mit einem ihr fremd gewordenen Menschen in den Urlaub gefahren zu sein.
Sie hegte kein Verlangen danach, sich neben Paul ins Bett zu legen. Rebecca hatte auch keine Lust, ab morgen den ganzen Tag mit ihm unterwegs zu sein. Fremd, leer, kalt. Nicht nur die Wohnung war es, auch ihr Inneres sehnte sich nach Geborgenheit und Wärme.
Sie legte sich zum Ausruhen auf das Sofa. Leise, furchtbar leise. Rebecca versuchte, nicht krampfhaft an die bittere Einöde zu denken, in der sie sich gefangen fühlte.
Wenn sie den Kopf nach rechts neigte, blickte sie auf den Balkon und von dort aus nach draußen. Auf den Gipfeln der umliegenden Berge war noch Schnee zu sehen, das Wetter zeigte sich trübe und grau. Beim Gedanken an ein kleines gemütliches, warmes Café, in dem sie jetzt sitzen könnten, bildeten sich Tränen in Rebeccas Augen.
Sie sah es so deutlich vor sich: Paul, wie er ihr gegenüber sitzt, eine heiße Schokolade trinkt und sich an einem großen Stück Schwarzwälder Kirschtorte erfreut. Sie, mit dem dampfenden Cappuccino und dem lecker duftenden Mohnkuchen vor sich. In der Ecke flackert der Kamin, an den Wänden hängen vergilbte Fotos von den Einheimischen und Wildtrophäen der Jäger. Paul, wie er ihr seine rechte Hand reicht, wie sie sich romantisch in die Augen schauen und über all das sprechen, was sie sich schon immer sagen wollten.
Eine Träne nahm Rebecca die Sicht, rollte als dicker Tropfen über ihre linke Wange und erzeugte ein dumpfes Geräusch, als sie auf dem grauen Sofa unter ihr auftraf und dort in das Material einzog. Noch immer starrte sie nachdenklich an die weiße Zimmerdecke.
Paul stand gegen halb sechs auf. Mit glasigen Augen sah er sich im Wohnzimmer um, bevor er mit dem Auspacken der Kleidung begann. Seine blonden Haare fielen ihm locker ins Gesicht, als er sich nach vorn beugte, um seine Unterwäsche in die Schublade des Schranks zu verstauen.
Rebecca lugte gelangweilt um die Ecke des Schlafzimmers herum und betrachtete Paul beim Auspacken seines Reisegepäcks.
»Hast du nichts zu tun?«, fragte er, ohne Rebecca, deren Anwesenheit ihn offenbar störte, ins Gesicht zu sehen.
Trotz aller guten Vorsätze, die Harmonie im Urlaub nicht zu gefährden, konnte sie noch immer nicht den Cafébesuch vergessen. »Eigentlich wollten wir ins Café gehen, Paul.« Er schaute nur kurz auf, bevor er sich wieder seinen Sachen zuwandte.
»Wir sind doch noch etliche Tage da. Ich habe Kopfschmerzen vom langen Fahren und brauche meine Ruhe. Lass uns morgen oder übermorgen hingehen.«
Rebecca winkte ab und ging in die Küche, um das Abendbrot vorzubereiten. Sie hatte von zu Hause vorgekochten Lachs mitgebracht; jetzt bereitete sie noch Nudeln zu, die es als Beilage geben sollte.
Während das Geräusch der Dunstabzugshaube die Wohnung erfüllte, deckte sie den Tisch, der sich unweit des Eingangs befand. Im Schrank hatte sie eine Kerze gefunden, die sie liebevoll auf dem Tisch platzierte.
Paul hatte sich, nachdem er seine Kleidung eingeräumt hatte, über den Kamin hergemacht, sodass es nun kuschelig warm in der Ferienwohnung wurde und Rebecca die Unterkunft weniger kalt und fremd vorkam. Die verschneiten Berge im Hintergrund waren bereits der abendlichen Dunkelheit gewichen. Einzig der Balkon wurde durch eine Laterne, die sich vor dem Haus befand, in ein malerisches Licht getaucht.
Bevor sich Paul zum Essen an den Tisch setzte, verschwand er noch einmal ins Schlafzimmer und kam zur Überraschung Rebeccas mit einer Flasche Weißwein zurück. »Hast du die heimlich von zu Hause mitgenommen?«, fragte sie grinsend, als sie sah, wie sich Paul am Korken abmühte. Er füllte den Inhalt in bauchige Gläser und stellte diese elegant auf dem Tisch ab.
Während des Essens sprachen sie erstmals angeregt miteinander, wenn auch über Belanglosigkeiten der Fahrt. Berauscht durch das köstliche Getränk fragte Paul: »Wollen wir heute Abend noch ein wenig kuscheln? Dort auf dem Fell vor dem Kamin?« Seine Augen glänzten. Rebecca lächelte, überrascht von den Worten ihres Freundes. Genau das wollte sie: Romantik mit Paul, damit sie sich wieder annähern und sie endlich das hoffnungslose Sehnen nach ihrem Schüler vergessen konnte.
Mit jedem weiteren Nippen am Glas entspannte sich Rebecca und wurde lockerer. Plötzlich waren ihre belanglosen Gespräche nicht mehr nur eintönig. Sie sprach mit Paul, als wäre sie ihm gestern das erste Mal begegnet und als gäbe es viel zu erzählen. Ihr kam es fast so vor, als hätten sie sich nach einer langen Zeit der Einsamkeit wiedergefunden und müssten sich nun über ihren Lebensweg austauschen.
Paul erschien ihr weniger fremd und abweisend. Mit jedem Schluck wurde er ihr vertrauter, attraktiver. Mit jedem weiteren Schluck wollte Rebecca ihn küssen, ausziehen, auf das Fell niederdrücken und ablecken. Von oben bis unten mit ihrer Zunge über seinen vertrauten Körper fahren.
Nach nicht einmal einem halben Glas Weißwein erhob sie sich vom Platz und setzte sich kurzerhand auf Pauls Schoß. Ihre Arme umschlangen seinen Hals. So als würde er sie zum ersten Mal in seinen Armen halten, sah er Rebecca verführerisch an. Die Berührung fühlte sich unglaublich warm und vertraut an. Der Kuss schmeckte aromatisiert vom Wein süß und war unglaublich innig. Zärtlich, aber auch leidenschaftlich. Fordernd, aber gleichzeitig zurückhaltend.
Seit langer Zeit konnte Rebecca so etwas wie echte sexuelle Lust nach ihrem langjährigen Partner empfinden. Deswegen rutschte sie nun langsam an Pauls Schoß herunter, noch immer mit ihrer Zunge seinen Mund erkundend, den sie in letzter Zeit nie mit wirklicher Hingabe erforscht zu haben meinte.
Im Unterbewusstsein wusste sie, dass sie der Wein zu einer solch erotischen Anziehung anstiftete. Aber jetzt war ihr alles egal. Was zählte, war einzig der Moment, den sie auskosten wollte.
Sie zog ihn vom Stuhl herunter, auf das Fell vor dem Kamin. Da sich der Ofen unweit des Eingangs zur Ferienbehausung befand, durchstreifte Rebecca der Gedanke, es könnte von außen jemand in ihr Liebesgemach hineinsehen und sie beim Vögeln beobachten. Ein zusätzlicher Kitzel, der ihre Lust anheizte.
Ihre Knie spürten das weiche Material, auf dem sie lag. Es fühlte sich mollig warm an, wie frisch einem Tier abgezogen. Mit einer Hand streichelte sie über das Fell, mit der anderen berührte sie zärtlich Pauls Oberkörper, fuhr über seinen blauen Pullover und bewegte dann ihre Hand in Richtung seiner Hose, wo sie bereits seine Lust greifen konnte.
Während sie mit der einen Hand über die Konturen seines Gemächts und seiner Hoden fuhr, versuchte Rebecca mit der zweiten Hand den Reißverschluss seiner Hose zu öffnen.
Sie erkundete Pauls Mund, der fruchtig nach dem Wein schmeckte, mit ihrer Zunge, umfuhr sanft seine Lippen mit der Zungenspitze und stieß in den Mund hinein, um seine Zunge zu massieren.
Während sich ihre Zungen in einem Tanz befanden, hatte sich Paul bereits daran gemacht, ihren Körper mit seiner Hand zu erkunden. Er kannte jeden Winkel ihrer Haut und doch kam es Rebecca vor, als berührte er sie heute anders. Als würde er ihre Kurven das erste Mal mit seinen Händen umspielen.
Sie wünschte sich, diesen intensiven Moment so lange wie möglich hinauszuzögern. Wie hypnotisiert ließ sie sich unter seiner warmen Hand fallen und sich von ihr führen. Er glitt unter den Pullover, in Richtung ihrer Brüste. Seine Finger schoben den BH beiseite und berührten die Brustwarzen, die sich nach oben aufrichteten. Mit den Fingerkuppen der anderen Hand streichelte Paul Rebecca über den Rücken und kitzelte ihre Schulterblätter.
Mit jedem leidenschaftlichen Kuss, den sie so lange schon vermisst hatte und mit jeder Faser ihres Körpers, gehörte sie ihrem Freund. Die Berührung seiner Finger und die Wärme des Kamins sorgten für ein Gefühl absoluter Harmonie in ihr. Mit jeder weiteren Berührung wollte sie Paul an sich reißen, ihn verschlingen, ihn in sich aufsaugen.
Daher stand Rebecca auf, entzog sich seinen Berührungen und ließ ihre Hüfte vor seinen interessierten Augen kreisen. Sie drehte sich von ihm weg und streifte sich die Hose über den Po. Paul wollte danach greifen, aber das ließ sie nicht zu. Jetzt war es an ihr, das Tempo und den Takt festzulegen. Im schwarzen Unterhöschen und roten Pullover vor ihm stehend, drehte sie sich lasziv herum.
Seine Augen glitzerten, wobei er wie ein kleines Kind aussah, das sich darauf freute, Weihnachtsgeschenke auszupacken. Sie tanzte weiter, von unhörbarer Musik begleitet, vor ihm, trat an den Tisch heran und umklammerte das Weinglas mit der rechten Hand. Dann nahm sie einen Schluck daraus und stellte es auf dem Tisch ab. Anschließend fuhr Rebecca mit den Händen über ihre Brüste, wobei sie Paul keine Sekunde aus den Augen ließ.
Sie spürte, dass er die Initiative ergreifen wollte, ließ sie ihn nicht zum Zuge kommen. Auch dann nicht, als er auf dem Fell in ihre Richtung robbte.
Mit einer geschmeidigen Armbewegung zog sich Rebecca den Pullover über den Kopf, sodass sie jetzt nur noch im Slip und BH vor Paul stand. Wieder griff seine Hand nach ihr, aber sie entwand sich ihm kokett lächelnd, indem sie einen Schritt zurück machte und die Hüften vor seinen Augen kreisen ließ. Auf dem Rücken spürte sie die Wärme des Kamins, die sie nun gänzlich eingehüllt hatte.
Mit geschlossenen Augen genoss sie es, voll und ganz im Mittelpunkt zu stehen. Dabei bemerkte sie nicht, dass sich Paul erhoben und mit dem Arm ihre Taille umgriffen hatte. Langsam zog er Rebecca zu sich heran, küsste sie ausgiebig auf den Mund und kreiste mit ihr gemeinsam im Takt einer imaginären Musik mit den Hüften. Immer inniger wurden die gemeinsamen Drehungen. Seine Hände umfingen ihren Rücken, er wiegte sie in sich.
Mit einem geschmeidigen Schwung schob er sie auf das Fell vor dem Kamin. Berauscht ließ sich Rebecca nach unten gleiten und ihn in seinen Bewegungen gewähren. Er zog ihr zunächst, während sie auf dem Rücken lag, den Slip aus. Danach drehte sie sich um und er machte ihr den BH auf. Sie lag nackt mit dem Bauch auf dem weichen Bärenfell. Ihre Nippel spürten das sanfte Material unter ihr. Wärme umfing ihren Rücken, nachdem sich Paul ganz ausgezogen und sich auf sie gelegt hatte. Sein aufgerichtetes Glied presste sich gegen Rebeccas Hintern. Er küsste zärtlich ihren Nacken und ließ seine Lippen danach über ihren Rücken tanzen.
So ein inniges Verlangen nacheinander hatten sie schon geraume Zeit nicht mehr verspürt. Als Paul in sie eindringen wollte, entzog sie sich seinem Griff, denn die Führung gehörte ihr! Sie war diejenige, die endlich die Lust vollumfänglich spüren wollte.
»Leg dich auf den Rücken«, bat sie ihren Freund, der sie liebestrunken und wohl auch berauscht vom Wein ansah. Rebecca wusste, dass er am liebsten sofort seine Lust befriedigt hätte, aber das konnte sie ihm nicht gestatten. Noch nicht.
Vollkommen nackt stand sie auf und wankte schweren Schrittes zum Tisch, wo ihr halbleeres Glas Wein stand. Mit einer flinken Handbewegung ergriff sie es und ging damit zum Bärenfell zurück. Geschmeidig drehte sie ihren schlanken Körper nach unten und goss etwas von dem köstlichen Getränk auf Pauls nackten Oberkörper. Er stöhnte auf, als das kalte Nass seine warme Brust und seinen heißen Bauch herunterrann: »Ah!«
Er wollte sich erheben, aber Rebecca drückte ihn nach unten. Dann senkte sie den Kopf zu ihm herab und leckte den Wein von seiner nackten Haut. Ihn in sich aufsaugen, ihn schmecken, ihn riechen, ihn berühren, ihn stöhnen hören. Ihre Sinne waren hellwach und doch berauscht vom Wein, den sie zu sich genommen hatte.
Ihre Zunge glitt vom Bauchnabel aus, in dem sich das meiste Nass gesammelt hatte, weiter nach unten. Um ihnen noch möglichst viel Lust zu verschaffen, umkreiste Rebecca nur sanft mit der Zunge die Eichel, die nun den Geschmack des Weins annahm. Weder saugte sie daran noch verstärkte sie die Bewegungen ihres Mundes und der Zunge, um seine Energie in ihr gebündelt zum Aufkochen zu bringen.
Elegant glitt seine Härte in sie hinein, als sie sich auf Paul drauf setzte. An jedem Winkel ihrer Vagina fühlte sie seinen Penis in sich zucken, er füllte sie voll und ganz aus. Und mit den nun einsetzenden Bewegungen drang er immer tiefer in sie ein, schwang wieder zurück, um sich erneut auf die Suche nach ihrem Inneren zu begeben.
Ihre Hüften bewegten sich amazonengleich auf ihm und immer schneller werdend ritt sie Paul. Sie hatte Verlangen danach, ihm dabei in die Augen zu schauen und auch er ließ sie mit seinem Blick nicht mehr los.
Als sie merkte, dass er wieder die Führung übernehmen wollte, weil er sich dem Höhepunkt nahe sah, drückte ihn Rebecca mit beiden Händen nach unten. Sie spürte, wie er sich unter ihr wand, endlich kommen wollte, aber noch nicht. Noch nicht. »Geduld«, stöhnte sie leise in sein Ohr. »Lass uns noch eine Weile so ineinander verharren.«
Mit festem Griff umklammerte Paul ihre Hüfte, schob mit ganzer Kraft ihren Po schneller auf sich. Rebecca fühlte, wie sich sein Phallus weiter nach innen schob, pulsierte und dann die ganze Kraft mit einem Male entladen wurde.
Noch drei weitere Stöße, dann fiel Paul mit dem Rücken nach unten auf das Fell, während Rebecca mit Genuss die breiige, warme Masse, die sich in ihrem Schoß sammelte, wahrnahm. Sie wollte Paul so lange wie irgend möglich in sich spüren, wollte endlich die alte Leidenschaft zurückerobern, die ihnen so lange schon nicht mehr zuteil wurde.
Einen Orgasmus zu erleben, blieb ihr versagt. Aber sie hatte einen viel größeren Triumph erzielt, der ihr Befriedigung verschaffte. Nämlich das Gefühl, ihrem Freund endlich ein Stück nähergekommen zu sein.
Freitag, den 2. April
Lieber Paul,
soll ich oder soll ich nicht? Dir schreiben, dass du mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder glücklich gemacht hast? Ja, es ist der viele Wein gewesen, der uns die Abende im Urlaub versüßt hat. Wenn du es jetzt noch schaffen könntest, diese Stimmung auch in unseren Alltag zu transportieren, mehr mit mir zu reden, mich wieder öfter in den Arm zu nehmen und mir zu sagen, wie sehr du mich liebst, dann wäre ich die glücklichste Frau auf der Welt und hätte gar keinen Anlass, dir im Geiste untreu zu werden.
Ich habe mir gerade unsere Fotos vom Osterurlaub angesehen. Auf jedem dieser Bilder sehe ich eine lachende Frau. Eine Rebecca, die ihre Sehnsüchte zeigt, aber auch eine, die dich nicht verärgern will und dir aus diesem Grund ihre wahren Gefühle verheimlicht. Die Fotos sind eine riesengroße Farce, Paul. Sie stellen auch Momente des Glücks dar. Weil wir uns unterhalten haben während der Wanderungen oder weil du ohne Aufforderung meine Hand genommen hast oder weil wir endlich mal wieder zusammen lachen konnten. Wir! Ist das zu fassen. Gib mir mehr davon, Paul! Mehr!
Ich fürchte leider, dass uns zu schnell die Gegenwart und die Routine der Arbeit einholen wird. Du wirst wieder spät nach Hause kommen, dich ins Bett legen oder jetzt, wo es Frühling wird, deine freie Zeit im Garten verbringen. Und ich? Ich werde unweigerlich IHM wieder begegnen. Lass nicht zu, dass mich diese Leidenschaft zu einem Menschen, den ich nicht haben darf, von innen heraus auffrisst. Ich glaube nämlich nicht, dass ich stark genug sein werde, IHM zu widerstehen. Ich weiß nicht, ob ich die Energie aufbringen kann, der Sehnsucht weiter so davonzulaufen, wie ich es bisher getan habe.
Deine Rebecca.
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