Kitabı oku: «Würde Jesus bei IKEA einkaufen?»
»Ich habe euch damit ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt. Handelt ebenso!«
Jesus Christus in Johannes 13,15
»Die Bibel wurde uns nicht gegeben, um unser Wissen zu vergrößern, sondern um unser Leben zu verändern.«
Dwight L. Moody
»Wenn wir die Welt ignorieren, dann betrügen wir das Wort Gottes. Wenn wir das Wort Gottes ignorieren, dann haben wir nichts, was wir der Welt geben können. Gerechtigkeit und Rechtfertigung durch Glauben, Anbetung und politisches Handeln, das Spirituelle und das Materielle, persönlicher Wandel und struktureller Wandel gehören zusammen. Wie im Leben Jesu bilden Sein, Tun und Sagen den Kern unseres integralen Auftrags.«
Micha-Initiative
TOBIAS FAIX
Würde Jesus bei IKEA einkaufen?
Herausforderungen
zur ganzheitlichen Nachfolge

Dieses Buch als E-Book: ISBN 978-3-86256-700-3
Dieses Buch in gedruckter Form: ISBN 978-3-937896-61-8,
Bestell-Nummer 588 661
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar
Bibelzitate, soweit nicht anders angegeben, sind der
Übersetzung Hoffnung für alle® entnommen, Copyright © 1983, 1996, 2003 by International Bible Society®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Der Abdruck der Zitate von Dietrich Bonhoeffer auf
den Seiten 46 sowie 118–120 erfolgt mit freundlicher
Genehmigung. © by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München
Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbild: © ShutterStock® Satz: Neufeld Verlag
3., überarbeitete und erweiterte Auflage 2010
© 2008 Neufeld Verlag Schwarzenfeld
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,
nur mit Genehmigung des Verlages
www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch
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Inhalt
Vorwort zur dritten Auflage
»Ein Haufen Radikaler«: Vorwort von Stephan Volke
Einleitung: Über die Nachfolge
1. Die Herausforderung des Glaubens
Worship starts now oder: Die Herrlichkeit Gottes und die Schwerkraft meines Alltags
Gottsucher oder: Die Gemeinde als Ort der Begegnung?
Warum ich als Christ nicht für schönes Wetter beten darf
Revolte gegen das Zuviel
»Deine Armut kotzt mich an!«
Würde Jesus bei IKEA einkaufen?
Warum Nächstenliebe mit fairem Handel zu tun hat und Glauben mit dem Spritverbrauch meines Autos
Micha – damals und heute oder: Über den Zusammenhang von Ungerechtigkeit und Glauben
Blickwechsel oder: Sind wir ein Volk von Jammerlappen?
Ansteckende Gesundheit des Glaubens?
Begegnung mit Andy
2. Das Evangelium des Anstoßes
Das kastrierte Evangelium oder: Warum wir uns selbst unfruchtbar machen
Die Wahrheitsfalle
Let’s talk about Jesus! oder: Warum es uns so schwer fällt, mit unseren Freunden über Jesus zu reden
Spirituelle Magersucht
Der »Instant Gott«: Bigger, faster, better, more ...
Neigen wir zur geistlichen Onanie?
Weide meine Schafe – Von geistlichem Fastfood und persönlichen Verdauungsschwierigkeiten
Von Thailand nach Deutschland – Gedanken über Jugendarbeit bis ins Jahr 2019
Wer ist dein Herr? oder: Das fünfte Evangelium
Warum wir uns mehr um die Liebe streiten sollten
Marie – Eine Kurzgeschichte
3. Die Gesellschaft, in der wir leben
Salz und Licht oder: Wie unsere Nachfolge die Gesellschaft verändern kann
Das elfte Gebot: »Du sollst keine Jesusfilme machen«
Second Life – Mein anderes Ich
Deutschland sucht den Superchrist
Die Wissensgesellschaft
Die (christliche) Konsumgesellschaft und der Vorhof der Heiden
Die Rückkehr der Religion – Postmoderne Spiritualität und der Wettlauf zum eigenen Glauben
Massenrausch und Popreligiosität oder: Die Rückkehr des Kreuzes?
Christsein in der Postmoderne – Emerging Church und andere geistliche Aufbrüche
Warum Teilen nicht sexy ist oder: Über die große Kunst, Gerechtigkeit zu leben
Und immer derselbe Traum – Eine Kurzgeschichte im WM-Jahr
4. Der Jesus, dem wir nachfolgen
Das Wunder geschieht in deinen Händen
Von falschen Kleidern, Erwartungen und dem Mut, man selbst zu sein
Spiritualität oder: Auf der Suche nach einer ganzheitlichen Gottesbegegnung
Das Alte Testament, Jesus und unser Denken heute
Dietrich Bonhoeffer – Nachfolge feiern
Michel aus Lönneberga oder: Warum es zu viele Topfchristen gibt
McJesus oder: Wie sieht dein Jesus aus?
Gründer oder Erhalter? Mit Gott Visionen umsetzen
Von der Freiheit des Verzichts
Von Ratten und Leitern – Ausgelaugte Leiter und unselbstständige Gemeinden
Neue Väter braucht das Land – Familien, Väter und Gemeinde
Gemeinde als Ort der Integration und nicht der Ausgrenzung
Neumer und Ort – Heilung
Neumer und Ort – Lobpreis und Regen
Aus Rezensionen zu diesem Buch
Vorwort zur dritten Auflage
Selten habe ich auf ein Buch so viele E-Mails, Briefe und Anrufe bekommen wie zu diesem. Auf der einen Seite sehr viel Zustimmung und Dankbarkeit, was mich natürlich gefreut hat, auf der anderen Seite auch Ärger und Widerspruch, was mich meist auch gefreut hat. Denn das »IKEA-Buch« sollte von Anfang an kein »nettes christliches Buch« zur Ermutigung im Glauben werden, sondern zum Nachdenken anregen und in der Gottesbeziehung herausfordern.
Und dies ist wohl auch bei vielen Leserinnen und Lesern passiert. Besonders gefreut haben mich die Zuschriften von Leuten, die begonnen haben, das Gelesene in ihrem Alltag umzusetzen. Manche haben deshalb nur eine Geschichte pro Woche oder sogar pro Monat gelesen, um den Inhalt dann in Familie, Beruf und Gemeinde umzusetzen. Wahrlich vorbildlich. In vielen Kirchen und Gemeinden wurde das Buch in Hauskreisen gelesen, zu Predigtreihen »verwurschtelt« oder als Grundlage von Gemeindefreizeiten genommen. Ganz nebenbei ist so das Aktivbuch Würdest du bei IKEA einkaufen? entstanden, das vor allem bei der praktischen Umsetzung helfen will. Solche Entwicklungen sind für einen christlichen Autor natürlich traumhaft und erfüllen ihn mit Dankbarkeit.
Würde Jesus bei IKEA einkaufen? ist auch ein (Vor-)lesebuch und es hat mich sehr gefreut, dass viele davon Gebrauch machen. Es hat mir noch mehr Spaß gemacht, selbst öffentlich (und bei YouTube ...) daraus vorzulesen und zu beobachten, wie unterschiedlich die einzelnen Geschichten wirken und wie verschieden das Publikum darauf reagiert. Es ist nun mal ein Unterschied, ob ich beim Ökumenischen Kirchentag oder der freikirchlichen Jesuskonferenz lese. Eines war immer gleich: Es gab viele Gespräche.
Besonders die Geschichte: »Warum ich als Christ nicht für schönes Wetter beten darf« provozierte Reaktionen, von tiefer persönlicher Betroffenheit bis hin zu offenem (und lautem) Widerspruch. Eine Frau aus dem Süden der Republik machte sich sogar die Mühe eine Umfrage in ihrer Gemeinde, und als mich das Ergebnis nicht überzeugte, sogar in ihrer Stadt zu machen. Das Ergebnis: Über 90 Prozent der Befragten waren der Meinung, man könne sehr wohl für schönes Wetter beten. Natürlich kann man und Frau das. Die Frage bleibt trotzdem, ob es immer richtig ist. Spätestens seit Modern Talking wissen wir, dass die Mehrheit nicht immer Recht haben muss.
Und was bleibt zum Schluss? Natürlich die alles entscheidende Frage: »Würde Jesus jetzt bei IKEA einkaufen?« Die Antwort darauf gebe ich nicht; statt dessen hier die Top 7 der besten Antworten von Leserinnen und Lesern auf die »IKEA-Frage«:
7. Wenn der Vater es will, würde Jesus auch bei IKEA einkaufen ... der war ja wohl sogar im Tempel bei den Heuchlern ... oh, oh ... ob‘s die heute da auch noch gibt? ;-)
6. Keine Ahnung, ob Jesus bei IKEA einkaufen würde (natürlich neige ich als Frau zu der Annahme, dass er es tun würde ;)), aber er würde mich bestimmt auf eine Portion Köttbullar einladen. ;)))
5. Na ja ... ich finde, IKEA ist mehr so‘n Frauenladen! Weiß nicht, ob Jesus da so viel Freude hätte! ;)
4. Wie heißt es im Galaterbrief? »Nicht mehr kaufe ich, sondern Christus kauft in mir.« Also, klar geht Jesus bei IKEA einkaufen, jedes Mal, wenn ich mit ihm dahin gehe.
3. Jesus würde gerade bei IKEA einkaufen, denn er liebt die Sünder.
2. Ja, denn die Bibel und IKEA haben Parallelen: Wenn man das Möbelstück ohne die Anleitung bauen will, wird das nie was - wenn man Glauben will, wird das nie was ohne Bibel.
1. Jesus würde, statt einzukaufen, lieber im »Småland« mit den Kindern spielen.
Weitere Antworten sind natürlich herzlich willkommen!
So, nun wünsche ich viel Freude beim Lesen. Gegenüber den ersten beiden Auflagen sind einige Texte aktualisiert worden und vier neue hinzugekommen.
Tobias Faix, im Sommer 2010
»Ein Haufen Radikaler«
Vorwort von Stephan Volke
Es ist so einfach, alles so zu machen, wie wir es gelernt haben. Es ist so einfach, sich gegen Veränderungen zu wehren und keine neuen Gedanken im Leben zuzulassen. Es ist so einfach, sich auch sein Leben mit Gott so einzurichten, dass es weder uns selbst noch anderen weh tut. Es ist so einfach, aber ist es auch richtig?
Viele Christen leben nach dem Motto: »Ich will so bleiben, wie ich bin«, und meinen dann, dass Jesus ihnen ins Ohr flüstert: »Du darfst«. Aber das ist ein Irrtum. Ich erinnere mich an das Erlebnis eines Freundes, dem ein langjähriger Christ einmal sagte: »Seit mehr als dreißig Jahren stehe ich nun in der Nachfolge!« Mein Freund merkte sofort, dass das sehr ernst gemeint war, denn sein Gesprächspartner stand tatsächlich. Und das sogar still, denn da bewegte sich nichts mehr! Aber ist es das, was Jesus meinte, als er Menschen aufforderte, ihm nachzufolgen?
Zum Glück ist Jesus kein hoher Offizier, der seine Truppe anbrüllt: »Steht bequem!« Genau das Gegenteil ist die Art Jesu. Er sagt: »Kommt mit, lernt von mir.« Das heißt zuerst einmal: »Bleibt nicht, wie ihr seid!«, »Steht nicht rum und auch nicht bequem, sondern seid in Bewegung!«
Es gibt viel zu entdecken, es gibt viel zu tun, also: Lasst uns aufbrechen! Jesus war kein Mensch, der die Bequemlichkeit liebte. Er war ein Radikaler – und die ersten Jünger waren es ebenfalls. Das Wort »radikal« kommt vom lateinischen Wort »Radix« – und das bedeutet »Wurzel«. Verwurzelt sein, ohne unbeweglich zu werden, darauf kommt es im Leben als Christ an. Jesus war kompromisslos in seiner Liebe zu den Menschen. Er war kompromisslos in seinem Urteil über Menschen, die Gesetze über die Liebe, Regeln über die Barmherzigkeit, Richtigkeiten über die Gnade stellen wollten. Auch dieses Urteil war radikal.
Wir müssen wieder neu lernen, radikal zu denken, zu handeln und zu sein. Nachfolge lässt sich nicht regeln, sondern nur leben. Dieses Buch gibt viele Denkanstöße, provozierende Impulse und jede Menge Stoff zum Nachdenken. Ob allen alles gefällt, ist dabei überhaupt nicht wichtig. Oft sind es gerade Gedanken, die weh tun, die uns am besten weiter bringen. Und es ist in der Nachfolge besser, wenn uns mal einer auf die Füße tritt, als dass wir immer auf derselben Stelle stehen und keinen Schritt vorwärts kommen.
Tobias Faix betätigt sich mit diesem Buch als provozierender »Auf-die-Füße-Treter«. Ich brauche so etwas von Zeit zu Zeit.
Einleitung: Über die Nachfolge
Ich kann mir kaum etwas Spannenderes und Schöneres vorstellen, als Jesus nachzufolgen. Ich dachte, das ist ein toller erster Satz für dieses Buch. Und es stimmt. Meistens. Nun ja, wenn ich ehrlich bin, dann könnte ich auch schreiben: Manchmal frustriert es mich total, Jesus nachzufolgen. Das ist kein so motivierender erster Satz für dieses Buch. Aber auch das stimmt. Manchmal. Jesus nachzufolgen ist auf alle Fälle spannend, aufregend und verändernd.
Nachfolge heißt: ganz folgen
Jesus folgen hat erstmal nichts zu tun mit Heiligung oder Jesus ähnlicher werden oder gar so werden wie Jesus. Nachfolgen heißt bei Jesus erstmal, dass die Jünger dahin gehen, wo Jesus auch ist. Ganz, so, wie sie sind, sollten sie ihm damals folgen. Alles stehen und liegen lassen. Arbeit, Familie, Vermögen – alles erstmal egal. Jesus hat Priorität. Da merke ich sofort, dass sich alles in mir zusammenzieht, ich anfange zu argumentieren, dass die heutige Situation anders ist (und das ist sie ja auch) und dass Jesus sicher nicht möchte, dass ich Frau und Kinder sitzen lasse (will er auch nicht). Und ich merke, wie spannungsgeladen das Thema Nachfolge ist. Dass es dabei nicht um eine theoretische Diskussion geht, sondern um mein praktisches Leben und zwar mit allem, was dazu gehört. Und es geht nicht um schnelle Antworten, sondern um ein Ringen auf allen Ebenen. Nachfolge ist ein ganzheitlicher Prozess, der alle Lebensbereiche einschließt, also nicht nur den Sonntagsgottesdienst und den Hauskreis, sondern vor allem Familie, Freunde und Arbeit. Nachfolge lässt sich nicht reduzieren auf Stille Zeit (wir finden keine Bibelstelle, dass Nachfolge sich darüber definiert, wie oft und regelmäßig und intensiv du Bibel liest oder sogar betest), sondern umfasst unser ganzes Leben und uns als ganzen Menschen (Geist, Seele und Leib). Dabei sind wir von einer bestimmten Kultur geprägt und leben in einem konkreten gesellschaftlichen Umfeld. Nachfolge hat auch damit zu tun und hinterlässt da, wo wir gehen, unsichtbare Fußabdrücke, die zu erkennen geben, wem wir nachfolgen und wie sich dies in unserem Leben und bei unseren Mitmenschen auswirkt.
Nachfolge heißt: handeln
Karl Liebknecht war ein feuriger Kämpfer für den Sozialismus am Anfang des 20. Jahrhunderts und einer der Gründer der Kommunistischen Partei, der 1919 aufgrund dieses Einsatzes zusammen mit Rosa Luxemburg umgebracht wurde. Oft traf Karl Liebknecht sich mit Studenten und linken Genossen zu Diskussionen, um seine Thesen und Visionen mit anderen zu teilen. Seine Anhänger besuchten ihn auch zuhause und als Liebknecht einmal mit einigen von ihnen spazieren ging, nahm er seinen Sohn mit. Karl Liebknecht setzte ihn sich auf seine Schultern, während er redete. Er kam so ins Erzählen und Diskutieren, dass er seinen Sohn ganz vergaß. Sie sprachen hitzig über Gleichheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit und Liebknecht bemerkte nicht, dass sein Sohn dringend auf die Toilette musste und wild gestikulierte. Schließlich geschah es, sein Sohn pinkelte Liebknecht buchstäblich ins Genick. Der wurde daraufhin so zornig, dass er den Jungen vor den Augen seiner Zuhörer verprügelte.
Wir sollten aufpassen, dass es uns als Christen und Gemeinden nicht genauso ergeht. Dass wir bei all dem, was uns wichtig ist, worüber wir engagiert diskutieren, wofür wir Zeit und Geld investieren, nicht das praktische Handeln vergessen. Ich merke, wie leicht es mir fällt, Missstände anzuprangern und spannende Diskussionen zu führen – und wie schwer, das Diskutierte im Alltag zu leben. Veränderung beginnt mit Erkenntnis, mit einer Bewusstseinserweiterung (Römer 12,2) und führt dann zu verändertem Handeln (Matthäus 5–7). Denken und Handeln sind beide wichtig und gehören zusammen, sollen und können nicht getrennt werden.
Nachfolge heißt: Leben im Paradox
In der Nachfolge kommt es immer wieder zu Problemen. Probleme, die für mich kaum überwindbar sind. Ich möchte als Nachfolger Jesu radikal leben, alles verlassen, Wunder erleben und die Herrlichkeit Gottes soll täglich in ihrer ganzen Fülle über mich ergossen werden (natürlich bleibe ich dabei demütig, erwähne das höchstens ganz nebenbei). Gleichzeitig möchte ich ein sehr guter Ehemann und Vater sein. Immer da sein, kreativ und motivierend, ein Vorbild für die eigene Familie. Denn ich weiß: Das Reich Gottes beginnt in der Familie. Als Familienvater biete ich meinen Kindern, was sie brauchen, erziehe sie nach christlichen Maßstäben zu selbstständigen Persönlichkeiten. Da kollidiert dann leider freiwilliger Verzicht mit dem Wunsch nach Markenklamotten, und auch ich möchte mir ab und zu etwas gönnen (ein Apple-Notebook zum Beispiel), bekomme aber ein schlechtes Gewissen, wenn ich an die Millionen hungernder Kinder denke (dass diese Gedanken ausgerechnet im Computerladen verschwunden sind, muss ein Zeichen sein!).
Was tun? Das Paradox der christlichen Nachfolge liegt manchmal wie Blei über meinem Leben und doch weiß ich, dass dies eine kreative Spannung ist, die ich auf Erden niemals auflösen werde. Jesus sagt seinen Nachfolgern, dass das Reich Gottes auf dieser Erde mit ihm begonnen hat, aber noch nicht vollendet ist. Nachfolge heißt ein Leben im Jetzt und Noch-nicht. Ein Leben voller Spannungen, im Paradox des Glaubens. Ein Leben zwischen der vollkommenen Erlösung Christi und der Sündhaftigkeit unseres eigenen Lebens. Ein Leben zwischen heiligen Momenten und zerstörendem Egoismus. Zwischen heilender Gemeinschaft und heillosem Streit. Nachfolge zwischen dem Geschenk des Glaubens und dem Leben dieses Glaubens in unserem Alltag.
Jesus hat diese Spannung selbst in sich getragen, indem er ganz Gott und ganz Mensch war. Wir sind nur Menschen und das macht es manchmal schwierig. Aber wir sind auch Erlöste. Erlöste, die mit beiden Beinen in der Wirklichkeit dieser Welt stehen.
Worum es eigentlich geht
Wer für diese Spannungen schnelle Antworten und platte Wahrheiten erwartet, der wird mit Sicherheit enttäuscht werden. In diesem Buch soll zum Nachdenken angeregt, sollen Impulse gegeben und auch mal kritisch nachgefragt werden. Es geht dabei nicht darum, jemanden persönlich, eine Gemeindeform oder gar einen bestimmten Frömmigkeitsstil in ein schlechtes Licht zu rücken. Sondern es geht darum, Einseitigkeiten aufzudecken und zu hinterfragen. Dabei nehme ich mich selbst in die Pflicht, meine eigene Glaubensgeschichte, meine Suche nach Spiritualität und Gottesbegegnung und mein Verhältnis zu der Kultur und Gesellschaft, in der ich lebe. Dabei geht es immer um die Frage der Nachfolge, zum einen persönlich, aber auch als Gemeinde und Kirche. Dass ich dabei nicht neutral bin oder die Wahrheit für mich gepachtet habe, versteht sich von selbst. Diese verschiedenen Texte sollen im besten biblischen Sinne prophetisch sein, zur Nachfolge ermutigen und ermahnen. Sie sollen Mut machen, diesem Jesus zu vertrauen, und zum Ärgernis werden, wo wir mehr zum Pharisäertum neigen als zum Jüngersein. Ich selbst stehe zumindest in dieser Gefahr. Auf alle Fälle sollen sie inspirieren, diesem Jesus alles zuzutrauen, und zu einer ganzheitlichen Nachfolge herausfordern.
Was zu erwarten ist
Dabei ist dieses Buch in vier Bereiche aufgeteilt. Diese Einteilung ist nicht streng dogmatisch, sondern dynamisch zu verstehen. Nachfolge hat verschiedene Facetten, die sich immer wieder überschneiden und ergänzen. Zu Beginn geht es um die Herausforderung des Glaubens – auch auf die Schwächeren in der Gesellschaft zu sehen, sich nicht nur im eigenen Mikrokosmos um sich selbst zu drehen, sondern den Kopf zu heben und die Verantwortung für seinen Nächsten wahrzunehmen. Im zweiten Teil sehen wir uns das Evangelium des Anstoßes näher an: Nachfolge bedeutet auch, sich hinterfragen zu lassen, nicht nur mit dem frommen Mainstream zu schwimmen, sondern die eigene Prägung und das eigene Verhalten kritisch zu betrachten. Danach dreht sich alles um die Gesellschaft, in der wir leben. Wer beeinflusst eigentlich wen? Wir Christen die Gesellschaft oder doch eher umgekehrt? Im letzten Teil des Buches geht es dann um den Jesus, dem wir nachfolgen. Wie sieht unser Jesusbild aus? Woher kommt das eigentlich? Wie sehen und erleben wir ihn und was können wir von Jesus erwarten und lernen? Dieser Jesus, der so vielfältig ist, sanftmütig, scharfzüngig, mitfühlend, ehrlich, herausfordernd, voller Liebe, ermutigend und geduldig.
Ich folge ihm schon eine ganze Weile nach und habe darüber in den letzten paar Jahren immer wieder kleinere Texte, Kolumnen oder Kurzgeschichten geschrieben. Manche wurden schon veröffentlicht (im »dennoch«-Magazin), andere habe ich erst jetzt geschrieben. Jeder Beitrag steht für sich und doch ergeben sie gemeinsam ein Ganzes.
Jesus immer wieder neu zu begegnen, sich neu hinterfragen zu lassen und das Ergebnis im Leben umzusetzen, das wünsche ich mir und dir beim Lesen dieses Buches. In diesem Sinne hoffe ich auf ein anregendes Lesen!
Tobias Faix, Marburg
1
Die Herausforderung des Glaubens
»Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan!«
Jesus in Matthäus 25,40
»Nur wer gegen die Armut kämpft, die die Armen demütigt und erdrückt, kann sagen, er halte zu den Armen.«
Leonardo Boff
Worship starts now
oder: Die Herrlichkeit Gottes und die Schwerkraft meines Alltags
Part 1: Die Herrlichkeit Gottes! Sonntag, Gottesdienst, Anbetung
Gottes Größe und Herrlichkeit haben kein Ende, sie sind einmalig, die Macht und Kraft seiner Auferstehung wird in uns Christen sichtbar. Gott ist der Schöpfer dieser Erde, ja des ganzen Universums. Nichts ist ihm unmöglich und denen, die ihm nachfolgen! Halleluja! »Ich geb mich ganz hin und sage: Ich liebe dich!« Ja, das will ich, ganz, mit allem, was ich habe und bin – immer, an jedem Tag, in jeder Stunde, in jeder Minute meines Lebens!
Part 2: Die Schwerkraft meines Alltags! Arbeit, große Pause
Ich fühle mich beschissen! Was für ein katastrophaler Tag: Schlecht gelaunt aufgewacht, auch noch verschlafen. Zu spät in der Arbeit angekommen, nicht gefrühstückt. Ärger wegen der Verspätung. Streit mit Freunden. Das Missverständnis mit der Freundin vom Vortag kann in der Pause nicht geklärt werden. Lasse die schlechte Laune an Bernd, diesem Arsch, raus, der mich bösartig darauf hinweist, dass er von einem bekennenden Christen etwas anderes erwartet hätte. Ich hasse mich selbst, bin enttäuscht, dass der Kreislauf der christlichen Frustration wieder voll zugeschlagen hat.
Vom Alltag zu Boden gezogen
Karikiert? Überzogen? Vielleicht ein bisschen. Aber kennst du ihn nicht, den Kreislauf der christlichen Frustration? Du hörst eine Predigt, bist auf einem Großtreffen, begegnest Gott in der Anbetung. Dir wird etwas klar, Gott redet zu dir. Du sagst dir: »Ja, ab heute wird alles anders, oder zumindest das mit dem Gebet bekomme ich auf die Reihe!« und dann, drei Tage später, ist wieder alles beim Alten. Du möchtest mit Jesus »Hütten« bauen und musst doch wieder runter in den erbärmlichen Alltag deines normalen Lebens.
»Ich komme zu kurz!«
Warum? Warum nehmen wir uns etwas vor und dann klappt es doch nicht? Warum zieht uns die Schwerkraft des Alltags immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, wo wir doch viel lieber entrückt, dem Himmel so nahe, beim Herrn sein möchten? Da, wo Friede, Liebe und Anbetung einen umgeben und nicht Enttäuschung, Frust und Lieblosigkeit.
Was sind die Gründe eines solchen Dualismus? Zum einen gehören wir auf diese von der Schwerkraft regierte Welt! Genau dahin hat uns Jesus gesandt (Johannes 17), als Sünder unter die Sünder. Das ist unser Platz, das ist unser Kampf, ob wir das wollen und gut finden oder nicht. Es ist sein Plan. Punkt.
Zum anderen sitzt in mir und in so manch anderem die tiefe Sorge: »Ich komme zu kurz!« Dieser kleine Gedanke hat große Auswirkungen: Hier spiegelt sich meine ganze Ungläubigkeit ungeschont und fürchterlich wieder. Ich glaube nicht, was ich singe. Ich glaube nicht, was ich in der Bibel lese. Ich glaube nicht, was mir meine Geschwister zusprechen. Sondern ich komme zu kurz, deshalb muss ich mich über andere aufregen. Deshalb muss ich mich darstellen und besser machen. Deshalb muss ich andere, inklusive Gott selbst, anklagen. Obwohl es mir objektiv wirklich gut geht, orientiere ich mich an Menschen, denen es scheinbar besser geht, und nicht an Gottes Wort. Warum nur?
Worship starts now
Mir ist klar, dass es hierfür keine schnelle Antwort gibt. Und doch glaube ich, dass Gott gerade unseren Alltag will. Er möchte mit uns in unseren Familien sein, mit uns in die Schule und zur Arbeit gehen. In einer US-amerikanischen Gemeinde fand ich am Ausgang (und man konnte es auch nur beim Rausgehen lesen) ein großes Plakat: »Worship starts now!« Anbetung beginnt jetzt. Jetzt, mitten in meinem Alltag ist die Zeit, Gott durch mein Denken, meine Emotionen, mein Verhalten anzubeten. Hier beginnt die Herausforderung, Glauben zu leben, jetzt zeigt sich, ob ich nur »Herr, Herr« sage oder versuche, zu tun, was Gott mir gesagt und gezeigt hat. Das ist kein Druck, kein Muss, keine unmögliche Aufgabe, sondern in Wirklichkeit ist das die Chance, unser Leben von Gott verändern zu lassen. Ihm Stück für Stück in unserem Alltag den Platz zu geben, den er verdient. Wie schrieb Nick Cave so treffend dazu: »Christus ist als Befreier gekommen. Er hat verstanden, dass wir Menschen für immer von der Schwerkraft zu Boden gezogen werden – unsere Gewöhnlichkeit, unsere Mittelmäßigkeit –, und durch sein Beispiel hat er unserer Fantasie die Freiheit gegeben, aufzusteigen und zu fliegen. Kurz: Christus ähnlich zu sein« (Das Evangelium des Markus – Mit einer Einleitung von Nick Cave, S. Fischer, Frankfurt am Main, S. 15).
It starts now!
Zum Weiterdenken:
• Joachim Bothe (Hrsg.), Vom Leben eben – 21 leidenschaftliche Wortmeldungen, Explosionszeichnungen und gewagte Aussichten für ein heiliges Überleben, R. Brockhaus, Witten
• Henri J. M. Nouwen, Ich hörte auf die Stille – Sieben Monate im Trappistenkloster, Herder, Freiburg
Gottsucher
oder: Die Gemeinde als Ort der Begegnung?
Gemeinde ist ein Ort der Gemeinschaft. Ein Raum der Begegnung, offen für alle. Hier existiert ein Klima des Vertrauens und der Ehrlichkeit. Manchmal geht das im Alltagstrubel unter und unsere Gemeinden werden zu geschlossenen Räumen, wo Christen sich nur noch um sich selbst drehen. Dann schotten wir uns ab vor der »Welt« und statt Vertrauen herrscht Angst.
Dabei gibt es in der »Welt« erstaunlich viele Menschen, die gerne über ihren Glauben reden würden, die Orte des Vertrauens suchen. Umfragen haben gezeigt, dass Jugendliche und Erwachsene das Bedürfnis haben, über ihre Religiosität zu sprechen, und zugleich unsicher sind in ihren eigenen Gottesvorstellungen. Es herrscht ein großes Misstrauen anderen Menschen gegenüber und so redet man in der Öffentlichkeit kaum über den Glauben.
Gibt christliche Jugendarbeit oder Gemeinde anders denkenden und glaubenden Jugendlichen die Chance und den Raum zur Begegnung oder sind wir uns selbst genug? Haben wir Angst, uns mit anderen auseinanderzusetzen? Angst, dass mein eigener Glaube hinterfragt wird? Angst, dass unsere Gruppe gesprengt wird? Angst, dass ich mit meinem Glauben abgelehnt werde? Diese Ängste spiegeln die Gottesvorstellung vieler Christen wider. Doch Stück für Stück können sie in Gottvertrauen umgewandelt werden.
Nun weiß ich, dass dies ein langer Weg ist. Aber dazu gehört das Wagnis, anderen zu begegnen. Die Offenheit, dem anders Glaubenden zu begegnen, ist die Grundvoraussetzung für missionarisches Handeln. Das Wissen, dass Gott durch mich wirkt, egal wo ich bin, ist ein Schlüssel, diese Ängste zu überwinden: Gottes Handeln ist nicht abhängig von meinen Bekenntnissen, meiner Kreativität oder meiner Jugendarbeit. Schon gar nicht muss ich den allmächtigen Gott verteidigen, ich kann ihm nur in Demut dienen.
Beziehungen statt Programme
Eins der erstaunlichen Ergebnisse einer Umfrage über Gottesvorstellungen war, dass viele der befragten Jugendlichen über ihren Glauben und ihre Gottesvorstellungen reden wollten, allerdings nur in einem geschützten Rahmen. Gespräche über den Glauben finden also vor allem auf der Beziehungsebene statt und nicht auf der Programmebene. Häufig konzentrieren wir uns in unserer Jugendarbeit auf das Programm, so dass wenig Zeit bleibt für Beziehungen. Die entwickeln sich aber nur über einen längeren Zeitraum und in einem offenen Konzept.
Beziehungs- und Begegnungsräume schaffen und einander niederschwelliger begegnen, wäre eine richtige Konsequenz. Doch solche Räume entstehen nicht von selbst, sondern müssen geplant werden. Den Anderen wertschätzen, Gespräche führen und sich Zeit nehmen, das entspringt nicht dem Zufall, sondern einer geistlichen Einstellung. Hier zeigt sich, ob uns die richtige Lehre und die Qualität unseres Programmes wichtiger sind als die Achtung anderen Menschen gegenüber.
Annahme statt Apologetik
In der Postmoderne aufgewachsene Jugendliche suchen nicht in erster Linie die richtige Lehre oder die absolute Wahrheit, sondern echte Beziehungen und geschützte Räume. Missionarische Jugendarbeit setzt den Respekt vor dem und die Annahme des Gegenübers voraus, auch wenn er anders denkt, lebt oder aussieht. Solches Bemühen um Annahme zu erleben, ist für Jugendliche wichtiger als das »Glaubensbekenntnis« des Jugendkreises oder der Gemeinde. Vertrauen baut sich nicht etwa dadurch auf, dass ich meinen Glauben dem anderen gegenüber verteidige, sondern indem ich auf ihn zugehe und ein gleichberechtigter Dialog entsteht. Wichtig wäre daher, diesen Dialog zu fördern und den Stellenwert von Bekenntnissen abzubauen.
Erfahrungen statt Dogmen
Eigene, subjektive Erfahrungen sind für viele Menschen der größte Zugang zur Veränderung ihrer eigenen Gottesvorstellung. Aber man möchte die eigenen Erfahrungen geschätzt und sicher aufgehoben wissen, ist unter bestimmten Bedingungen offen für neue religiöse Erfahrungen. Diese Erfahrungen sind selten spektakulär, sie geschehen im Alltag der Menschen. Hier braucht es Räume, in denen Alltagsspiritualität die Freiheit zur Entfaltung bekommt. Themen wie Gebet, Heiliger Geist, Spiritualität oder Mystik müssen also wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Erfahrungen aus der Bibel können miteinander neu erlebt werden, wie beispielsweise Abendmahl, Handauflegung, (biblische) Feste feiern. Werden dabei alle Sinne angesprochen, können so eindrückliche Erlebnisse geschaffen werden. Beim Abendmahl können wir zum Beispiel hören (auf die Einsetzungsworte, auf die Stimme Jesu), sehen (Brot und Wein als sichtbare Gegenwart Jesu, Abendmahlsgeschirr), fühlen (sich gegenseitig Brot und Wein geben und dann selbst in Händen halten), riechen (den Duft von Brot und Wein) und schmecken (essen und trinken). Diese Erlebnisse stehen nicht im Widerspruch zur Theologie oder zu Dogmen und Bekenntnissen, sondern lassen sie in uns lebendig werden.
Partizipation statt Konsumdenken
Gemeinsame Erlebnisse fördern die Identifikation und helfen jedem einzelnen, ein Teil des Ganzen zu sein. Diese Teilhabe ist die Grundlage für eigene Erfahrungen. Dies kann aber nur auf eine freiwillige einladende Art und Weise geschehen. Jeder muss selbst entscheiden, wie und warum er oder sie teilnimmt.
Weiterhin spielt sich die Partizipation auf der Zeugnisebene ab. Jeder kann sagen, was er denkt oder fühlt, und somit seinen Beitrag zum Ganzen geben.
Konsumdenken und Bedienungsmentalität sind in der Postmoderne sehr verbreitet. Durch die Verunsicherung lehnen sich viele Menschen zurück und beobachten erstmal kritisch, was da so geschieht.
Kleine Gruppen statt großer Veranstaltungen
Für all das sind Großveranstaltungen wenig hilfreich. Vielmehr werden kleine, überschaubare Gruppen benötigt, in denen Beziehungen und Vertrauen entstehen können und Dialog und Zeugnis Raum finden. Großveranstaltungen haben ihren Sinn und Zweck eher in der Motivation von Christen oder für die christlich sozialisierten oder interessierten Menschen, werden aber die religiöse Suche vieler Menschen nicht beantworten können. Identifikation geschieht über das Vertrauen zu Menschen und nicht über perfekte Programme. Deshalb sind Begegnungsräume, Kleingruppen etc. wichtige inhaltliche Bestandteile einer Gemeindearbeit und nicht nur pädagogisches Beiwerk.
Das Ziel von Gemeinde ist es nicht, Menschen nur zum Selbstzweck einzuladen, ihnen ein gutes Programm zu präsentieren oder sie zu einem Glaubensbekenntnis aufzurufen, sondern sie mit dem Herzen Gottes in Berührung zu bringen, das in unseren Beziehungen sichtbar wird.
Zum Weiterdenken:
• Lawrence J. Crabb, Connecting: Das Heilungspotential der Gemeinschaft – Ein radikal neuer Ansatz, die Kraftquellen Gottes zu entdecken, Brunnen, Basel
• Erwin R. McManus, Eine unaufhaltsame Kraft – Gemeinde, die die Welt verändert, Gerth Medien/C & P, Asslar/Glashütten
• Philip Yancey, Auf der Suche nach der perfekten Gemeinde, Projektion J, Asslar
Warum ich als Christ nicht für schönes Wetter beten darf
Ein großes Jugendtreffen, viele Jugendliche stehen unter einer großen Brücke, denn es regnet, nein, es schüttet wie aus Kübeln. Etwa 200 Meter weiter befindet sich die Veranstaltungshalle. Die Jugendlichen überlegen kurz und beginnen dann mit einer Gebetsgemeinschaft, die nur aus einer Bitte besteht: den Regen zu stoppen, damit sie trockenen Fußes zur Halle kommen. Die Gebete verändern sich nach einigen Minuten, da ein besonders frommer Jugendlicher die anderen dafür aufmerksam macht, dass wahrer Glaube die Taten Gottes erglaubt. Und so beginnt eine Lobpreisrunde für den Regen, der gleich aufhören wird ...
Nächste Szene: Eine Familie bleibt mit ihrem Auto stehen, Panne. Auch hier schüttet es wie aus Kübeln, der Mann macht sich auf den Weg zum nächsten Dorf und betet inständig, dass es doch endlich aufhören solle, zu regnen.
Letzte Szene: Der alljährliche Open-Air-Gottesdienst findet statt, die Stühle stehen, die Verstärkeranlage ist aufgebaut, die ersten Gäste kommen, da fängt es an zu regnen. Die Regenschirme gehen auf und die Veranstalter treffen sich spontan zum Gebet für schöneres Wetter.
Darf ich als Christ solche Gebete sprechen? Ist es legitim, meine subjektive Situation und mein Empfinden so in den Mittelpunkt zu stellen, als wenn Gott nichts anderes zu tun hätte, als sich um mich zu kümmern? – Hat Jesus etwa nicht gesagt, dass wir ihn um alles bitten können, also auch ums Wetter?
Wir sollten aufpassen, dass wir nicht nur den »Tanz ums eigene Ich« betreiben, auch und gerade in unseren Gebeten. Wir beten für schönes Wetter, als gäbe es kein Morgen, nur weil wir vielleicht etwas nass werden. Na und? Warum beten wir nicht für Regen im Sudan oder in Tansania, wo es seit Jahren nicht mehr geregnet hat und Tausende Menschen hungern oder sogar verhungern? Warum sollte Gott ausgerechnet bei uns den Regen anhalten und anderswo Menschen leiden lassen? Was für eine Vorstellung von Gott steht dahinter? Wer ist Gott für uns? Der Gott, der meine Bedürfnisse zu befriedigen hat? Ist das tatsächlich seine Aufgabe? Ist Gott ein liebender Vater, der uns hinterher rennt und schaut, ob es uns auch ja gut geht?
Gott lässt sich von uns nicht zum persönlichen Wetterfrosch degradieren. Nein, er ist souverän und heilig, genauso, wie er gnädig und liebevoll ist. Ohne Frage kann er den Regen anhalten. Die Frage ist, ob ich ihn darum bitten will. Oder sollte ich meine Gebetszeit nicht vielleicht auch mal für die Geschwister nutzen, die wirklich unter den klimatischen Bedingungen ihrer Region leiden? Sind wir schon so borniert, dass wir nur noch uns selbst, unsere Jugend und unsere Gemeinde sehen?
Ich merke, wie egoistisch meine Gebete geworden sind, und das nicht nur beim Wetter. Im letzten Herbst wurde ich wieder neu herausgefordert, meinen Kopf über die aktuelle »Gutwetterlage« zu heben und die Menschen nicht zu vergessen, die verfolgt werden um Christi willen, die hungern und dürsten. Gleichzeitig werde ich dankbar für den Segen, den ich von Gott in Deutschland empfange, mit so vielen Gemeinden und Christen, mit so viel materiellem Reichtum, so guten Strukturen und schier unendlichen Ressourcen. Wenn ich daran denke, ist es mir plötzlich egal, ob ich nass werde oder nicht.
Zum Weiterdenken:
• Shane Claiborne, Ich muss verrückt sein, so zu leben – Kompromisslose Experimente in Sachen Nächstenliebe, Brunnen, Gießen
• Mutter Teresa/Frére Roger, Gebet – Quelle der Liebe, Herder, Freiburg
Revolte gegen das Zuviel
Bildhandy von Siemens, Panasonic oder Nokia? Dazu die aktuellsten Klingeltöne runterladen. MP3-Player oder Midi-Files, CD- oder DVD-Brenner? Playstation oder X-Box? Wieviel Megahertz muss mein neuer Computer haben, damit er morgen nicht schon als überholt gilt? Was soll ich heute anziehen? Was ist morgen noch »in«? Fragen über Fragen, die täglich auf uns einprasseln und uns das eigentlich schöne Leben schwer machen können.
Leben in der Optionsgesellschaft
Wir wachsen in einer Umgebung der Optionen auf. Wir haben mehr Wahlmöglichkeiten als irgendeine Generation vor uns. Niemals zuvor in der Geschichte gab es so viele verschiedene Trends, eine so große Vielfalt an Angeboten, aus denen wir auswählen können, ja müssen. Nie gab es so viele Subkulturen und einen so unbeständigen »Mainstream« wie heute. Weder in den 1980er noch in den 1990er Jahren gab es eine solche Flut von verschiedenen Strömungen und nie zuvor waren diese Strömungen so schnelllebig und unbeständig wie heute. Es wird uns nichts mehr vorgegeben, es ergeben sich selten Dinge zwangsläufig wie beispielsweise Schule oder Arbeit. Fast überall haben wir die Freiheit, unter vielen verschiedenen Möglichkeiten auszuwählen. Die Medien werben mit schillernden Bildern und ansprechenden Texten für die besten Lebenserleichterungen und unterstützen jeden Trend, der nur annähernd verspricht, Profit abzuwerfen. Gab es früher drei Fernsehprogramme, gibt es heute bis zu 48. Gab es früher zwei oder drei Jugendmagazine, so gibt es heute für jede Subkultur gleich mehrere. Was soll ich anziehen? Eine banale Frage, die beim heutigen »Markenkult« für viele zur Identitätsfrage wird. Was ist gerade im Trend? Welches Computerspiel ist im Moment »in«? Welche CDs sind in den Charts? Welche Berufe haben Zukunft? Wie kann ich in all diesen verschiedenen Trends, Strömungen und Angeboten meine eigene Identität finden?
Zuviel ist zuviel
Uns ist klar, dass das Leben nicht mehr einfach ist und wir in dieser Auswahl Entscheidungen treffen müssen. Aber irgendwie haben wir damit ein Problem. Es fällt uns schwer, Entscheidungen zu treffen. Vielleicht entscheiden wir uns für das Falsche und verpassen das Richtige! Das Leben ist kurz und wir wollen es genießen, alles mitnehmen und doch nichts verloren geben im Rausch von Angebot und Nachfrage. Dabei ist uns klar geworden, dass »bigger, better, faster, more« nicht alles ist und wir unsere Seelen nicht an den erstbesten »Unterhändler« verkaufen wollen. Aber wie soll das alles funktionieren? Wie können wir in unserer schnelllebigen Gesellschaft die Kontrolle über unser Leben behalten und dabei noch glücklich und zufrieden sein? Die Antwort hat Smart vor ein paar Jahren mit »reduce to the max« eingeläutet und seitdem ist eine regelrechte Hysterie von Lebenshilfen über uns eingebrochen. Hausfrauenbuddhismus und Manageryoga, Wellness und Feng Shui (Wohnen und Arbeiten im Einklang), »Besser leben mit wenig Geld« oder »Gut ist besser als perfekt« und »Die Kunst, sich das Leben leichter zu machen«. Um nur einige zu nennen.
Holzspielzeug statt High-Tech-Handy
Das Rezept klingt so einfach wie unglaublich: Nimm den Leuten einiges von ihrem unnötigen Ballast und lass sie wieder mit »Holzspielzeug« spielen, um es mal mit einem kindlichen Vergleich zu sagen. Mach dir wieder die grundlegenden und scheinbar banalen Dinge des Lebens wichtig! Einfachste Lebensweisheiten aus Großmutters Zeiten, angereichert mit Managementerkenntnissen der erfolgreichen Elite. So haben auch Christen die Zeichen der Zeit erkannt, Bianka Bleier und Birgit Schilling mit ihrem »Haushalts-Survival-Buch« Besser einfach – einfach besser (R. Brockhaus, Witten; 2007 in der siebten Auflage erschienen) oder Werner Tiki Küstenmacher, Ex-Pfarrer und Cartoonist, der 2001 zusammen mit Zeitmanagement-Guru Lothar J. Seiwert einen Bestseller mit Simplify your life landete (Campus, Frankfurt am Main; 2007 in der 16. »Diamant«-Auflage erschienen, weltweit zwei Millionen verkaufte Exemplare). Herzlichen Glückwunsch – und jeder, der Simplify your life liest und konsequent anwendet (das ist der Haken an der Sache ...), wird sicherlich eine verbesserte Lebensqualität spüren.
Vom Schreibtisch zum Herzen
So weit so gut, jedem sei ein ordentlicher Schreibtisch und ein glückliches Leben gegönnt. Und doch frage ich mich, ob das auf diese Weise gefundene Lebensglück auf Dauer auch wirklich hält. Sicher ist es gut, sich auf die wichtigsten Dinge des Lebens zu konzentrieren, nicht jedem Trend hinterherzuhecheln und Ordnung und Zufriedenheit in sein Leben zu bekommen. Biblische Prinzipien aus dem Alten wie Neuen Testament zeigen, dass Gott sich für die innere und die äußere Gestaltung unseres Lebens interessiert.
Wir kümmern uns oft um alles Mögliche, gehen in der frommen Szene ein und aus und wollen keinen geistlichen Trend verpassen. Wir können die Zeichen der Zeit deuten, haben immer einen Blick auf Israel, diskutieren, wer und was bibeltreu ist, und erhoffen uns von der nächsten Konferenz endlich das ersehnte geistliche Feuer, das den Tretmühlen des Alltags länger als zwei Wochen standhält. Wir wollen endlich die Bibelstellen begreifen, über die schon Augustin und Luther gestolpert sind und über die wir einen super Vortrag gehört haben, ohne auch nur das Geringste zu verstehen. Ja, wir lieben es, in die Tiefe zu gehen!
Aber vielleicht brauchten wir es wieder einfacher. Vielleicht sollte hier die »Revolte gegen das Zuviel« starten. In unserem Herzen. In unserem Handeln. In unseren geistlichen Prioritäten. Vielleicht sind die Grundbegriffe des Glaubens mal wieder dran. Gott lieben. Meinen Nächsten lieben. Ihm vorleben in Wort und Tat, was Christus mir bedeutet. Vergebung empfangen und anderen vergeben. Die ganz einfachen Dinge der Bibel wieder neu entdecken und neu aufatmen in der Gegenwart Jesu. Frommen Ballast abwerfen und meinen geistlichen Stolz besiegen. Die Bibel frei und unvoreingenommen neu entdecken und in Gottes offenen Armen grenzenlose Freiheit spüren. Das ist wahre Revolte!
Zum Weiterdenken:
• Bruder Lorenz, All meine Gedanken sind bei dir – In Gottes Gegenwart leben. Herausgeg. von Reinhard Deichgräber, Neufeld, Schwarzenfeld
• Richard J. Foster, Das Geschenk der Einfachheit – Wege zum erfüllten Leben, R. Brockhaus, Witten
»Deine Armut kotzt mich an!«
Manchmal fällt es mir schwer, mich an die Gebote unseres Herrn zu halten, vor allem, wenn es um Nächstenliebe oder sogar Feindesliebe geht. Natürlich bin ich ein friedliebender Christ. Aber es gibt Situationen, da wünschte ich mir eher den Inhalt eines Rachepsalms als die Seligpreisungen. So erging es mir, als ich kürzlich auf einem superedlen BMW 850 Coupé den Aufkleber: »Deine Armut kotzt mich an!« sah. Alles, was an Gerechtigkeitswahn in mir vorhanden war, bäumte sich auf und ich hatte den unbändigen Wunsch, den Besitzer dieses Wagens um genau diesen ärmer zu machen. Meine Gedanken blitzten sündig in mir auf und ich überlegte für den Bruchteil einer Sekunde, ob es verdient wäre, mit meinem Schlüssel neben seinen Aufkleber: »... und mich kotzt deine geistige Armut an!« in den Lack zu ritzen. Oder wenigstens die Reifen aufzuschlitzen. Zum Glück wurden meine autonomen Aussetzer schnell von meinem frommen Verstand besiegt und ich begann, für den Besitzer des Autos zu beten.
Nein, das hätte ich vielleicht machen sollen, habe ich aber nicht geschafft. Ich bin, um ehrlich zu sein, einfach wütend weggestapft und in meinem Hirn tanzten die verschiedensten Gedanken durcheinander. Nach einer Weile regte ich mich ab und es blieb die unangenehme Frage nach meiner sozialen Verantwortung, nach unserer Verantwortung als Christen gegenüber den Ärmsten der Armen. Klar, sie kotzen uns nicht an. Im Gegenteil, sie wecken unser Mitleid und, wenn es gut läuft, öffnen sie sogar unseren Geldbeutel. Aber ist es damit getan? Geht das Leben nicht so schnell weiter, dass wir uns um das normale Elend gar nicht kümmern können? Weiter bis zum nächsten Missionsvortrag, in dem einen die dickbäuchigen Kinder mit ihren fliegenverklebten Augen so notvoll anschauen, dass wir wieder unseren Geldbeutel öffnen, unser Gewissen beruhigen und ...
... und was sagt Jesus? Bitte, kein frommes Ende, kein moralischer Schluss; ist das Leben nicht hart genug? Ja, weil wir uns oft nur um uns selber drehen und die Augen verschließen vor denen, die Gott liebt. Wir kreisen um unsere Alltagsprobleme, sind dabei chronisch unzufrieden und versinken in Selbstmitleid. Dabei vergessen wir, dass wir unseren Glauben ohne Angst ausüben können, ohne bedroht, gefoltert oder getötet zu werden – im Gegensatz zu drei Milliarden Menschen auf der Erde. Wir vergessen, dass wir Essen im Kühlschrank, Kleider am Leib, ein Dach über dem Kopf und einen Platz zum Schlafen haben und somit reicher als 75 Prozent der Menschen dieser Erde sind. Dass – wenn wir Geld auf der Bank und in unseren Portemonnaies haben – wir zu den privilegierten acht Prozent dieser Welt gehören. Schon wieder vergessen?
Gott stellte sich sowohl im Alten als auch im Neuen Testament auf die Seite der Armen, der Ausgestoßenen, der Vertriebenen. Gott ist ein Gott der Gerechtigkeit, auch der sozialen Gerechtigkeit. Gott freut sich nicht am Elend dieser Welt, sondern er hat uns den Auftrag gegeben, etwas dagegen zu tun! Wir haben Verantwortung, nicht nur für unser eigenes geistliches Süppchen, sondern auch für die Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Jesus identifiziert sich mit den Armen (den Asylbewerbern, den Alleinerziehenden, den Obdachlosen, den Einsamen, den Enttäuschten ...) und wird dich später mal fragen, ob du ihnen zu essen gegeben hast. Zu trinken? Kleider? Besucht? (Matthäus 25,31–46)?
Äh, nur mal so vorneweg: Hast du?
Zum Weiterdenken:
• Leonardo Boff, Dass ich liebe, wo man hasst – Das Friedensgebet von Assisi, Patmos, Düsseldorf
• Tobias Faix/Stephan Volke (Hrsg.), WELTBLICK — Was Christen über Armut denken ... Die Compassion-Studie, Neufeld, Schwarzenfeld
• René Padilla, Anstiftung – Evangelium für die armen Reichen, Brendow, Moers
Würde Jesus bei IKEA einkaufen?
Wie hieß noch das Thema eben? Da ging es doch um ..., genau, äh ... »Deine Armut kotzt mich an!« Danke, wusste ich’s doch. Irgendwas mit sozialer Verantwortung von uns Christen und dass es uns in Deutschland eigentlich besser geht, als wir manchmal zugeben wollen. Tja, so ist das: Gehört, kurz betroffen zu Boden geschaut und dann geht der Alltagstrott weiter. Sorry, dass ich dich damit jetzt wieder nerve. Aber das Thema ist zu wichtig, als dass es in Vergessenheit gerät.
Armut und unser Umgang als Christen damit? Berührt mich das überhaupt? Bin ich arm? Wenn ich ehrlich bin, eher nicht! Mir geht’s eigentlich ganz gut, auch wenn wir das manchmal im Konsumrausch unserer postmodernen Optionsgesellschaft vergessen. Wie gesagt: Wenn du Kleider am Leib, eine Wohnung und sogar etwas Geld in deinem Geldbeutel oder auf dem Konto hast, gehörst du zu den acht Prozent Privilegierten dieser Welt. Also: 92 Prozent der Weltbevölkerung geht es schlechter als dir. Das solltest du nicht vergessen, wenn es mal wieder nicht so rund bei dir läuft.
Aber ist das alles? Ist dieses Thema damit abgehakt? Wie bewusst lebe ich überhaupt? Interessiere ich mich nur für meinen Mikrokosmus oder schaffe ich es, einen Blick über den Tellerrand meiner eigenen kleinen Welt zu werfen? Wie gehe ich mit meinem Leben um? Wie verantwortlich bin ich und vor allem, wofür habe ich Verantwortung? Für das, was ich täglich mache? Für mein Geld? Wie ich es ausgebe? Was ich kaufe? Was kaufe ich denn? Ist mir das überhaupt klar? Wen unterstütze ich mit meiner Kaufkraft und wen beute ich dadurch aus?
Ich habe beim Schreiben dieses Abschnitts ein kleines Spiel gemacht, indem ich mich gefragt habe, in welchen Ländern wohl die meisten Gegenstände, Klamotten etc. aus meiner Wohnung hergestellt wurden (das »Made-in-Spiel«). Das Ergebnis war erstaunlich:
Mein IKEA-Regal kommt aus Polen, mein IKEA-Schrank aus China und Tschechien, mein Pullover aus der Türkei, meine Turnschuhe aus Südkorea, das (deutsche) Kinderbuch meiner Tochter aus China, meine Lautsprecherboxen auch aus China, meine IKEA-Deckenlampe auch aus China, meine Glühbirnen wieder aus China, das Quietsche-Entchen meiner Tochter, ja, genau ... China, mein Taschenrechner, schon wieder China, meine JesusHouse-Kappe, tut mir leid: auch China, meine Trinkbecher aus Thailand, mein Werkzeugkoffer aus Israel, mein Monitor aus Thailand, meine Schüsseln aus Malaysia, meine Vorhänge aus Rumänien, mein CD-Player aus Korea, meine Mexx-Jacke aus Hongkong. Und so könnte ich seitenweise fortfahren ...
Mach das kleine Spiel bei dir zu Hause auch mal. Woher kommen deine Klamotten und Einrichtungsgegenstände? Schau doch mal nach!
Es ist schon erstaunlich, was für Länder dabei herauskommen. Darunter sind Länder, in denen die Menschenrechte nicht gerade groß geschrieben werden. Länder, in denen es keinen Mindestlohn und keine Arbeitszeitbegrenzung gibt. Länder, wo selbst Kinder arbeiten müssen. Länder, wo Menschen wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Länder, in denen fast wahllos die Todesstrafe verhängt wird. Länder, in denen Menschen verhungern. Länder, in denen Krieg und Elend herrscht. Länder ...
Worauf kommt es mir beim Einkaufen an: »Hauptsache billig«? (Damit ich natürlich noch mehr Geld in die Mission geben kann! Oder doch in den Urlaub fliegen?) Wir haben Verantwortung auch für Menschen, denen wir nie persönlich begegnen. Dessen sollten wir uns bewusst sein. 92 Prozent der Menschen geht es schlechter als mir. Einige von ihnen arbeiten vielleicht, ohne dass ich es überhaupt wahrnehme, für einen Hungerlohn für mich und meinen Wohlstand. Hauptsache billig ist nicht immer das beste Argument. Ich jedenfalls bin über mich und meine Kaufgewohnheiten erschrocken und habe mich gefragt: Würde Jesus bei IKEA einkaufen?
P. S. Da fällt mir ein: War Jesus nicht Zimmermann?
Zum Weiterdenken:
• Garth Lean, Wilberforce – Lehrstück christlicher Sozialreform, Brunnen, Gießen
• Ronald J. Sider, Die Jesus-Strategie, Brendow, Moers
• www.oxfam.de
Warum Nächstenliebe mit fairem Handel zu tun hat
und Glauben mit dem Spritverbrauch meines Autos
Rückblick: Ich studiere in Amerika, an der Columbia International University, Theologie. Ich freunde mich mit meinen amerikanischen Kollegen an. Wir diskutieren, lachen und kommen irgendwann und irgendwie auf das Thema Umweltschutz zu sprechen. Ich weise vorsichtig darauf hin, dass Amerika da wohl noch einiges zu lernen habe, Mülltrennung ist ein Fremdwort und spritsparende Autos kein Thema. So etwas passt einfach nicht zum »American Dream«. Anyway, ich versuche gerade, das deutsche Mülltrennungssystem zu erklären, als meine Freunde anfangen, lauthals zu lachen. Wir Deutschen seien schon ein verrücktes Volk!
Und dann erklären sie mir, dass es sich dabei nicht etwa um ein Umweltproblem handle, sondern um ein theologisches. Allmählich werde ich hellhörig – ein theologisches Problem, ach ja? Die Lösung, so meine Freunde, sei im Grunde so einfach wie biblisch und finde sich in der Offenbarung: Jesus kommt wieder und wird die Erde erneuern.
Pause. Ich frage unsicher nach, verstehe nicht ganz, worauf sie hinauswollen. Aber das ist bereits alles, was es dazu zu sagen gibt. Umweltschutz ist sozusagen das Problem von Jesus; er wird das dann schon lösen und bis dahin können wir ruhig weiter Müll im Atlantik versenken – bis der voll ist, ist Jesus schon lange da! Alle lachen, nur ich sitze etwas bedröppelt da und bringe kein Wort mehr heraus.
Inzwischen sind etliche Jahre vergangen und es hat sich, auch in Nordamerika, einiges verändert. Fast-Präsident Al Gore reist werbewirksam als unermüdlicher Anwalt und Aufklärer in Sachen Umwelt durch die Welt und erhielt 2007 dafür den Friedensnobelpreis. In Deutschland gibt es weiter das Duale System und trotzdem habe ich den Eindruck, dass gerade Christen immer noch Probleme mit dem Umweltschutz haben. Keiner würde es so schlicht ausdrücken wie meine damaligen Studienkollegen. Und doch ist Umweltschutz etwas für Grüne, Idealisten und Weltverbesserer, oder? Unter uns Evangelikalen herrscht eine allgemeine Verunsicherung: Beginnt das Reich Gottes etwa mit dem Grünen Punkt? Fängt Mission mit fair gehandeltem Kaffee an? Will Jesus, dass ich mich wirklich um die Klimakatastrophe sorge? Haben wir als Gemeinde eine Verantwortung für die Armut in der Zwei-Drittel-Welt?
Was vor einigen Jahren noch leichtfertig mit dem Hinweis auf die Wiederkunft Jesu vom Tisch gewischt wurde, krallt sich mittlerweile hartnäckig in unserem Gewissen fest. Noch, so scheint es, kämpfen wir erfolgreich dagegen an, aber Einzelne werden schon schwach! Umweltschutz als Aufgabe von uns Christen. Ja, wo kommen wir denn da hin?! Was, wenn der Jugendkreis zum Grünen-Nachwuchs wird!? Evangelium contra Umweltschutz? Sagt die Bibel überhaupt etwas über unseren Umgang mit der Schöpfung?
Oh ja, das tut sie und zwar nicht nur an vielen Stellen, sondern auch in ihrer theologischen Gesamtaussage. Ich möchte das kurz anhand von zwei zentralen Begriffen aus dem Alten und Neuen Testament erläutern. Der hebräische Begriff Schalom ist nicht nur ein frommer Gruß, mit dem jemand seinen Zeitgenossen »Frieden« wünscht, sondern umfasst im Alten Testament alle Beziehungsebenen des menschlichen Seins: 1. Mensch – Gott (Gottesliebe), 2. Mensch – er selbst (Selbstliebe), 3. Mensch – der Nächste (Nächstenliebe) und 4. Mensch – Natur (Schöpfung). Durch die Sünde sind diese Beziehungsebenen gestört und doch bleibt die Sehnsucht des Menschen und der Natur bestehen, in diesen Beziehungen zu leben, sie zu gestalten, bis die endgültige Erlösung kommt und alles wieder »perfekt« hergestellt wird (Römer 8,18–25).
Diese Sehnsucht des Menschen nach Erlösung wird im zweiten Begriff deutlich: dem »Heil«. Der Begriff Heil (soteria) umfasst dieselben Ebenen des alttestamentlichen Begriffs Schalom im Neuen Testament: 1. Mensch – Gott (Johannes 3,16), 2. Mensch – er selbst (Matthäus 22,36–40), 3. Mensch – der Nächste (Matthäus 5,38–48) und 4. Mensch – Natur (Johannes 3,17; 12,47).
Diese ganzheitlichen Begriffe von Schalom und Heil sind nur Beispiele des ganzheitlichen Verständnisses Gottes von seiner gesamten Schöpfung. Wir können und sollen nicht einfach eine der Beziehungen vernachlässigen oder gar ganz ignorieren. Wie sieht das aber konkret aus mit der Beziehung zur Natur? Was gehört dazu? Energie sparen, Ressourcen wie Wasser sparen, die Ausbeutung von Armen und Benachteiligten nicht gleichgültig hinnehmen.
Dies sind nur ein paar Beispiele von einem ganzheitlichen Evangelium, das immer auch die Transformation der Umwelt mit allem, was dazu gehört, beinhaltet. Deshalb hört es sich zwar provokativ an: Mission beginnt mit fair gehandeltem Kaffee, Nächstenliebe hat mit dem Kauf und Herkunftsort meiner Klamotten zu tun und meine Verantwortung gegenüber der Schöpfung hängt mit dem Verbrauch meines Autos und meiner Fahrweise zusammen.
Vielleicht geht dir das jetzt schwer über die Lippen und du denkst, dass das doch reichlich übertrieben ist und erst mal richtig überprüft werden sollte. Vielleicht liegt der Grund deines Zweifelns aber auch an unserer einseitigen Theologie, die eher auf das Geistliche und Jenseitige ausgerichtet ist. Aber ist das wirklich biblisch? Ist das nicht eher platonische Philosophie, die zwischen Geist und Körper, Geist und Natur trennt? Und war es nicht Platon, der alles Geistige hoch hob und alles andere verurteilte und auf das Ende hinwies, wenn unser Geist aus dem endlichen Körper und der vergänglichen Welt erlöst wird? Ist es also wirklich Gottes Wort oder eine latent wirkende griechische Philosophie, die unser Denken und Handeln unreflektiert im Griff hat?
Gott liebt diese Welt (Johannes 3,16). Die Welt! Nicht nur die Menschen oder gar einzelne Christen. Warum? Weil er sie geschaffen hat. Er hat sich Natur, Tiere und das gemeinsame Leben ausgedacht. Und uns hat er einen Auftrag gegeben, das Ganze zu bebauen, darauf zu achten und es zu bewahren (1. Mose 1,28–30). Dieser Auftrag wurde bis heute nicht aufgehoben, ob uns das gefällt oder nicht.
Zum Weiterdenken:
• Tim Lind/Pakisa K. Tshimika, Teilen, was wir sind und haben – Als Kirche weltweit geben und empfangen, Neufeld, Schwarzenfeld
• Bernhard Ott, Schalom – Das Projekt Gottes, Agape, Weisenheim
Micha– damals und heute
oder: Über den Zusammenhang von Ungerechtigkeit und Glauben
Die politische Lage ist entspannt und im ganzen Land macht sich mit der neuen Regierung Optimismus breit. Die Wirtschaft nimmt langsam, aber sicher, wieder Fahrt auf; die Hoffnung auf steigende Löhne und mehr Arbeit macht sich breit. Ein wachsendes Problem stellt aber die soziale Ungerechtigkeit dar: Reiche werden immer reicher und Arme immer ärmer. Es gibt immer mehr Menschen, die kein eigenes Zuhause mehr haben, die Armut nimmt zu, viele Leute sind verzweifelt. Andere leben in Luxus und sie kümmert es anscheinend nicht, wie es ihren Landsleuten geht. Offiziell glauben natürlich viele Menschen an Gott, aber säkulare und esoterische Einflüsse breiten sich immer mehr aus. Viele Leute gehen zwar in den Gottesdienst, aber sie leben ihren Glauben nicht mehr, schlimmer noch, sie werden immer offener für andere Religionen.
In dieser Situation, im achten Jahrhundert vor Christus, traten verschiedene Propheten auf, um die beiden Völker Juda und Israel zurückzurufen zu Gott. Jesaja und Micha lebten und wirkten in Juda (Südreich). Jesaja war eher der Stadtprophet, Micha das »Landei«. Fast zur selben Zeit wirkten zwei weitere Propheten, nämlich Hosea und Amos, allerdings in Israel (Nordreich). Das Problem war fast identisch: Mit einer zunehmenden inneren Entfremdung von Gott handelten die Juden gottlos. Gottesdienste wurden so zur oberflächlichen Farce, man betete längst andere Götter an. Das hatte Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen. Egoismus machte sich breit und die eigenen Leute wurden versklavt.
Gott wurde darüber traurig und zornig zugleich und sandte seine Propheten. Diese hielten den beiden Völkern den Spiegel vor und riefen sie zur Buße auf. Sie sollten ihre Herzen bekehren und zu Gott zurückkehren. Aber auch ihre sozialen Taten, ihr unmenschliches Verhalten, ihr tatenloses Zudecken der Ungerechtigkeiten wurde von Gott scharf kritisiert. Denn da gibt es einen Zusammenhang: Unglauben bringt Ungerechtigkeit hervor – Glauben Gerechtigkeit. Der Prophet Micha erinnert sein Volk daran, was Gott will, wenn er sagt: Der Herr hat euch doch längst gesagt, was gut ist! Er fordert von euch nur eines: Haltet euch an das Recht, begegnet anderen mit Güte (wörtlich: Recht üben und Güte lieben), und lebt in Ehrfurcht vor eurem Gott! (Micha 6,8).
Jahrtausende später stehen wir in einer ganz ähnlichen Situation. Unglaube und soziale Ungerechtigkeit gehen in dieser Welt Hand in Hand und wir sehen tatenlos zu. Die Prophetenworte sind längst verhallt und wir sind oftmals so mit uns selbst beschäftigt, dass wir dulden, wie die eigenen Brüder und Schwestern verhungern, verdursten, keine Chance auf Bildung und ein gerechtes Leben haben.
Seit einiger Zeit gibt es eine evangelikale Aktion, die sich genau dieses Schweigens annimmt: die »Micha-Initiative« (Micah Challenge). Ein weltweiter Aufruf an alle Christen, den sozialdiakonischen Auftrag Gottes nicht zu vernachlässigen und die Regierungen der Welt auf ihre Verantwortung hinzuweisen. Auch Christen in Deutschland machen mit und haben zum Beispiel den G8-Gipfel 2007 in Rostock als »Forum der Erinnerung« genutzt. Die Evangelische Allianz und einige Missionsgesellschaften haben für Deutschland die Koordination der Micha-Initiative übernommen.
Doch bei uns läuft die Kampagne eher schleppend und begleitet von viel Kritik an. Warum? Hat Gott sich etwa verändert? Leidet er heute nicht mehr mit den Armen und Unterdrückten? Haben wir keinen sozialdiakonischen Auftrag mehr? Dass 850 Millionen Menschen chronisch unterernährt sind, 1,4 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, jeden Tag 30 000 Kinder an Armut sterben, 9 000 Menschen an Aids, Tausende Mütter während der Schwangerschaft, unzählige Menschen an Malaria und Tuberkulose … das alles kann uns nicht gleichgültig lassen. Gottes Wort fordert uns auf, mit Armen zu teilen und Elenden zur Seite zu stehen. Die Micha-Initiative greift die politische Diskussion um die Millenniumsziele der Vereinten Nationen auf und möchte:
1. unsere Regierung an ihre Versprechen erinnern, unter anderem dem Hunger, den Krankheits- und Bildungsnöten und extremer Armut energisch entgegenzutreten bzw. sie zu vermindern;
2. unsere Regierung in der Umsetzung solcher Maßnahmen unterstützen;
3. Christen in Deutschland zum Gebet motivieren, denn Gebet verändert die Welt und den Beter;
4. Christen zu einem neuen, schlichten Lebensstil und zu weltweiter Verantwortung herausfordern.
Da will ich dabei sein. Ich bin bereit, mich hinterfragen zu lassen in meinem alltäglichen Handeln. In meinem Egoismus, in meinem Wohlstand, in meinem Konsumverhalten. Aber auch in meiner Gottesbeziehung, denn ich möchte beides: Gottes Wort halten und Liebe üben: in meiner Familie, in meiner Arbeit, in meiner Stadt und darüber hinaus.
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