Kitabı oku: «Mara und der Feuerbringer»

Yazı tipi:


Copyright © 2019 Tommy Krappweis

Copyright © 2019 by Edition Roter Drache für die deutsche Ausgabe

Edtion Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Umschlaggestaltung: *zeichenpool, München

Buchgestaltung: Holger Kliemannel

Korrektorat: Diane Krauss & Holger Kliemannel

Zeichnungen: Adriaan Prent

Fachberatung: Prof. Rudolf Simek

Gesamtherstellung: Jelgavas tipografia, Lettland

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN 978-3-964260-42-0

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Teil 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Teil 2

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Teil 1


Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer,

Vom Himmel schwinden die heitern Sterne.

Glutwirbel umwühlen den allnährenden Weltbaum,

Die heiße Lohe beleckt den Himmel.

Kapitel 1


Und darum finde ich es natürlich besonders zauberhaft, dass Sie, Herr Professor, sich für solcherlei Themen erwärmen können! Haben Sie auch schon mal eine Aura gesehen? Ein erhebender Anblick!«

Mara blickte quer über den Tisch zu Professor Reinhold Weissinger, dessen Hand mit dem Löffel auf halbem Weg zurück zum Teller eingefroren war. Im Moment war sein gesamter Denkapparat wohl fieberhaft damit beschäftigt, sich eine Antwort zu überlegen. Da musste der Körper eben alle anderen Aktivitäten einstellen und sämtliche Energie im Kopf sammeln.

Eigentlich war ja alles Maras Schuld: Sie hatte dieses Desaster schließlich arrangiert. Es wäre wohl früher oder später sowieso passiert, da sich Mama in den Kopf gesetzt hatte, den Professor mal zum Abendessen einzuladen. In einem Anfall geistigen Kontrollverlustes hatte Mara das dann plötzlich auch für eine gute Idee gehalten und Professor Weissinger dazu genötigt, hier aufzutauchen. Wobei ihr sein »Ja« dann doch etwas zu schnell gekommen war, aber nun gut …

Jetzt saß sie also hier und musste mit ansehen, wie sich Mama vor Professor Weissinger zum Obst machte. Wobei der Professor gerade auch ziemlich obstig rüberkam und immer noch nach einer Antwort suchte.

»Eine Aura … nein, das … nicht, dass ich mich erinnern könnte …«, hüstelte sich der Professor schließlich zusammen und steckte direkt danach den Löffel in den Mund, um ein besonders armseliges Ablenkungsmanöver einzuleiten. »Mmh, aber Ihre Maronensuppe ist wirklich exquisit, Frau Lorbeer!«

Mara verdrehte die Augen. Das Ganze hätte entscheidend an Glaubwürdigkeit gewonnen, wenn er vorher den Löffel in den Teller getaucht hätte.

Aber das fiel Mama weder auf noch brachte es sie vom Thema ab. »Schön, wenn es Ihnen schmeckt. Um ehrlich zu sein, als ich zum ersten Mal eine Aura um einen Menschen herum wahrgenommen habe, war ich noch Wochen später völlig verstört.«

»Tatsächlich? Wie äh … schön für Sie?«, sagte der Professor und es klang tatsächlich wie eine Frage.

»Ja, allerdings«, schwärmte Mama weiter. »Sie wissen ja gar nicht, was Sie da verpasst haben.«

»Es scheint fast so, ja«, nickte Professor Weissinger und steckte erneut einen leeren Löffel in den Mund. Diesmal bemerkte er den Fehler aber und riss ihn so ruckartig von den Lippen, dass Mara glaubte, ein leises »Webbl« zu hören.

Sie hatte den Professor ja schon in einigen brenzligen Situationen erlebt, aber selbst Auge in Auge mit dem Lindwurm Fafnir war er ihr nicht so nervös vorgekommen. Gerade schmetterte Professor Weissinger den Löffel etwas zu schnell in den Teller und versetzte die Maronensuppe in Aufruhr.

»Hoppla, na ja, dieses Hemd sollte eh mal wieder in die Wäsche«, scherzte er lahm.


Aus diesem Bart hab ich aber echt schon witzigere Sprüche gehört, dachte Mara.

Mama war dafür wild entschlossen, das sogar höchst amüsant zu finden, und schraubte sich dazu in ein Geräusch, das dringend den Untertitel »Hahaha« benötigt hätte, weil man es kaum als Lachen erkannte.

Die meisten Mädchen und Jungs in Maras Alter konnten es gar nicht erwarten, endlich erwachsen zu sein. Aber wenn Mara sich dieses seltsame Schauspiel so ansah, konnte es ihr persönlich gar nicht lange genug dauern. Vermutlich änderte sich im Alter von achtzehn Jahren irgendetwas schlagartig im Hirn und betätigte dann den Komisch-Knopf. Dieser Volljährigkeitseffekt sorgte bestimmt auch dafür, dass jeder zweite Satz mit »Ich mein’s doch nur gut …« begann. Mara war froh, dass sie sich ab und zu in ihre Gedankenwelt zurückziehen konnte. Das machte es irgendwie erträglicher. Man konnte durchatmen und dann der wirklichen Welt wieder ins Auge sehen. Nur manchmal schien die Welt zu schielen.

Wie zum Beispiel jetzt. Gerade erklärte Mama nämlich dem Professor, dass sie als Ergebnis des Aurakurses im Wicca-Café doch tatsächlich eine Art Lichtwolke um die Kursleiterin herum wahrgenommen hatte.

»Normalerweise nimmt man ja eher den Ätherischen Körper wahr. Ich sah aber deutlich diese hellen Lichtstreifen auf bläulichem Untergrund, was ja bekanntermaßen auf den Negativen Ätherischen Körper schließen lässt. Die Kursleiterin meinte, das sei der helle Wahnsinn, hahaha.«

»Nun, ich hoffe, Sie verstehen mich nicht falsch, wenn ich dem einhellig zustimme, haha«, antwortete der Professor und handelte sich dafür einen scharfen Blick von Mara ein.

Mama mit Ironie zu kommen, war nicht fair, denn dafür fehlte ihr der Decoder.

Immerhin versuchte der Professor gerade wieder zurückzurudern: »Allerdings bin ich durchaus schon mit Auren konfrontiert worden, Frau Lorbeer, aber nicht in dem Sinne, wie Sie das beschreiben. Zum einen ist mir natürlich die griechische Göttin gleichen Namens bekannt: Aura aus dem Geschlecht der Titanen, Patronin der Morgenbrise.«

»Ach was, wie interessant«, sagte Mama und schien tatsächlich interessiert zu sein.

Mara atmete erleichtert auf.

»Ja, allerdings«, fuhr der Professor fort. »Laut griechischer Mythologie verfällt sie später … dem Wahnsinn und äh … najaistjetztvielleichtnichtsowichtig … ist denn noch Suppe da?«

»Aber natürlich. Mara, bist du so nett und bringst dem Professor noch einen Teller?«

Mara nickte und nahm Professor Weissingers Teller mit in die Küche. Im Flur hörte sie ihn noch »Und zum anderen …« sagen, dann schloss sie die Küchentür und lehnte sich erschöpft mit dem Rücken an den Kühlschrank.

Puh. Bei Gelegenheit würde sie den Professor fragen, was die griechische Göttin denn so Schlimmes angestellt hatte, dass er es am Tisch nicht erzählen wollte. Aber sie wusste ja inzwischen aus eigener Erfahrung, dass alte Götter generell nicht besonders zimperlich waren. Der germanische Halbgott Loki, dessen Flucht aus seinem Gefängnis sie ja eigentlich verhindern sollte, wurde zum Beispiel nicht mit einem Seil auf die Felsen gebunden, sondern mit den Gedärmen seines eigenen Sohnes Narfi. Brr, Mara schüttelte sich jedes Mal, wenn sie nur daran dachte. Und leider dachte sie viel zu oft daran. So in etwa dauernd.

Mara seufzte und schöpfte dann Maronensuppe aus dem Topf in den Teller. Hier stand sie nun, suppeschöpfend, während man eigentlich von ihr erwartete, dass sie einen Halbgott an der Flucht hinderte, damit der nicht den Anfang vom Ende der Welt auslöste. Aber das Problem war doch, dass sie gar nicht das Gefühl hatte, bei Loki bestünde Fluchtgefahr. Und außerdem fand sie den Kerl eigentlich auch ganz … nett?

Ja klar, er konnte schreien, dass die Erde bebte, und hatte wohl damals zur Zeit der nordisch-germanischen Götter eine Menge Mist gebaut: Monster geschaffen, Streit angezettelt, gelogen, betrogen, Odins Lieblingssohn in die Hölle geschickt und so … Nein, ganz sicher war Loki kein harmloser Kumpel von nebenan.

Aber als sie ihn in seinem Höhlengefängnis aufgesucht hatte, wirkte er eher wie der lebende Beweis für die heilsame Wirkung von über tausend Jahren Gefangenschaft: Er hatte glaubhaft versichert, dass ihm nicht an Rache gelegen war, und Mara sogar einen Teil seiner Götterkraft verliehen.

Und überhaupt: Nach wie vor hatte sich ihr geheimnisvoller Auftraggeber nicht persönlich gemeldet und vielleicht lag der sogar völlig falsch mit seinem Verdacht gegen Loki?

Denn da gab es ja noch den Feuerbringer namens Loge, diese seltsame Mischung aus Loki, einem Feuerriesen namens Logi und einer Figur aus Richard Wagners Ring-Opern.

Vor dem hätte man sie mal warnen sollen, denn der hatte schließlich deutlich mehr Probleme gemacht als der arme Loki in seiner Höhle. Also echt!

Mara hörte auf zu schöpfen, als ihr die Suppe über den Daumen lief. Sie schimpfte leise und wischte den Tellerrand noch schnell mit einem schräg abgerissenen Fetzen Küchenrolle ab. Manchmal hatte sie fast den Eindruck, diese Perforation sollte nur zeigen, wo die Küchenrolle garantiert nicht reißen würde.

Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, schlug ihr ein eisiger Wind entgegen.

»Alles okay?«, fragte sie leise und las die Antwort bereits an den zusammengepressten Lippen ihrer Mutter ab.

»Der Professor meint, ich leide an einer Nervenkrankheit«, flötete es aus Mamas gespitztem Mund.

Mara verdrehte die Augen. Typisch Erwachsene – da kehrt man ihnen nur kurz den Rücken, und schon …

Professor Weissinger war redlich bemüht, sich zu erklären. »Du liebes bisschen, aber nein! Ich wollte wirklich nur rein informationshalber darauf hinweisen, dass ich das Verspüren von Auren eigentlich nur im Zusammenhang mit Epilepsiekranken kenne! ›Aura‹ nennt man das Gefühl, wenn wieder ein Anfall droht. Womit ich selbstverständlich weder Sie noch die bedauernswerten Epilepsiepatienten beleidigen wollte, Frau Lorbeer.«

»Also, wie darf ich denn das nun wieder verstehen?«

»Nun ja, nicht falsch, wär’ mir recht«, antwortete der Professor und lächelte dazu entwaffnend unter seinem Professorenbart hervor.

Das half. Mama lächelte zurück. Mara und Professor Weissinger atmeten fast gleichzeitig auf.

Puh, diese Klippe wäre also umschifft. Na dann, volle Kraft voraus zum nächsten Eisberg, dachte sie und sagte stattdessen: »Hier ist Ihre Suppe, Herr Professor. Ich würd’ ja gern schon den Hauptgang vorbereiten, aber ich glaube, das mit dem Anbraten hab ich nicht so drauf …«

»Ach Gott, nein, nein, das mache ich schon selbst«, fuhr Mama dazwischen. »Wenn ich Sie kurz mit Mara alleine lassen darf, Herr Weissinger?«

»Aber gern … ich meine, kein Problem. Sie kommen doch irgendwann zurück, oder nicht?«, charmantete der Professor hinterher und hatte damit durchaus Erfolg.

»Na, selbstverständlich komme ich zurück und ich bringe sogar Saltimbocca mit. Und dann muss ich Ihnen noch etwas ganz besonders Erstaunliches erzählen«, salbte Mama und ging lächelnd hinaus.

Kaum hatte Mara das typische Klickediklack der Küchentür vernommen, sprang sie auf und schloss leise die Tür zum Flur.

»Es tut mir leid!«, zischte der Professor sofort los. »Deine Mutter ist wirklich eine tolle Frau, aber wenn sie mit diesem Esoterikzeugs anfängt, weiß ich einfach nicht, was ich sagen soll!«

Eine tolle Frau? Auf diese Aussage war Mara gar nicht vorbereitet gewesen. Musste sie darauf jetzt was sagen? Sie zwang sich schließlich dazu, den ersten Teil des Satzes zu übergehen und nur auf den zweiten zu reagieren.

»Glauben Sie mir, ich weiß auch nie, was ich sagen soll. Das Problem ist aber, dass das nur der Anfang war. Weil, jetzt gleich wird sie Ihnen wohl von unserem … Ausflug erzählen.«

»Ausflug, welcher Ausflug?«, fragte der Professor verwirrt und Mara konnte förmlich beobachten, wie er sich die schlimmstmögliche Antwort zusammenreimte. »Oder hast du etwa … du wirst doch nicht …«

Mara nickte nur, denn, oh, genau das hatte sie eben leider doch. Sie hatte nur bisher einfach nicht den Mut gefunden, es dem Professor zu beichten.

Da kam Mama auch schon zurück und zwischen ihren Handschuhen hielt sie einen Bräter, in dem mit Speck und Salbei ummanteltes Fleisch vor sich hin brutzelte.

Sie stellte den Topf auf dem Tisch ab und bat Mara, ihr mit den Beilagen zu helfen. Mara stand auf und ließ den Professor mit offenem Mund zurück. Sie hatte den berechtigten Verdacht, dass er diesen nicht geöffnet hatte, um gefüttert zu werden …

In der Küche flüsterte Mara ihrer Mutter zu: »Mama, ich weiß, du willst ihm von unserem Ausflug in diesen Wald erzählen, aber meinst du nicht …«

»Mara, ich merke doch, dass Herr Weissinger mich für verschwurbelt hält!«

»Ach nein … bestimmt nicht …«, murmelte Mara halbgar dazwischen, aber Mama ließ sie kaum zu Wort kommen.

»Und diese Sache ist nun mal der schlagende Beweis für meine Kräfte, denn du warst dabei und wirst es bezeugen!« Und mit diesen Worten schnappte sie sich die Soßenkelle und winkte Mara zu der Schüssel mit den gerösteten Kartoffeln.

Warum nur habe ich Mama mit in diese Vision genommen?, seufzte Mara in Gedanken.

Dabei kannte sie die Antwort. Sie hatte Mama eben trösten wollen und das war ihr damit gelungen.

Aber warum habe ich es dem Professor nicht vorher gesagt?, fragte Mara sich selbst auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer. Na ja, sie kannte auch diese Antwort. Zu feige. Mist.

Kapitel 2


Und plötzlich stehe ich mit meiner Tochter in diesem wunderschönen, romantischen Wald. Die Vögel zwitschern und der Himmel strahlt, fast wie im Märchen! Es war einfach unglaublich, im wahrsten Sinne des Wortes zauberhaft!«

Mara überlegte, ob sie vielleicht unter den Tisch kriechen sollte, so wie früher als kleines Kind. Damals hatte sie eine Menge Zeit unter dem Tisch zugebracht. Wenn man das Tischtuch komplett auseinandergefaltet hatte, war man sich wie in einem Zelt vorgekommen. Am schönsten war es immer mit der weinroten Tischdecke gewesen, weil es so toll aussah, wenn das Licht da durchgeschienen hatte …

»… und dann war da noch dieser Hirsch, nicht wahr, Mara? Ich bin mir sicher, das war kein normaler Hirsch, ganz sicher nicht, oder Maraschatz? Das kann doch kein normaler Hirsch gewesen sein, so, wie der zu uns rüber geschaut hat, nicht wahr? Mara?«

Mara schreckte hoch. »Nein, nein, sicher nicht. Vermute ich mal. Ich weiß nicht.«

Mama warf ihr einen seltsamen Blick zu. Gar nicht verärgert, wie Mara erwartet hätte, sondern enttäuscht. Mara konnte allerdings schnell nachvollziehen, woher das kam. Ihre Mutter hatte zum ersten Mal etwas tatsächlich Unglaubliches erlebt – nicht nur, dass es warm wurde, wenn man jemandem die Hand auflegte, oder das Schwindelgefühl, nachdem man sich eine Stunde zum »Dönggg« einer Klangschale hin und her gewiegt hatte – nein, das war nichts gewesen, was man sich hinterher schönreden musste. Das war ein reales Erlebnis, das man sehen, fühlen, riechen und schmecken konnte. Und dazu kam noch, dass Mama nicht allein gewesen war. Sie hatte eine Zeugin: Mara. Und die sollte jetzt gefälligst aussagen und ihre Mutter freisprechen von jeglichem Blabla-Verdacht.

Dem Professor hingegen war immer noch die Überraschung ins Gesicht geschrieben wie eine Schlagzeile. Aber er blieb still.

Was hatte Mara für eine Wahl? Eben. Also sagte sie leise: »Ja, ich hab’s auch gesehen. War wirklich schön. Und der Hirsch war auch echt komisch.«

Mama grinste zufrieden und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Sehen Sie? Das ist der Beweis für mein starkes Band zu den arkanen Urkräften: Ich habe eine transzendentale Reise gemacht und sogar meine Tochter mit in diese Erfahrung eingeschlossen.«

»Sie haben …?« Professor Weissinger schaute zwischen Mama und Mara hin und her.

Letztere konnte nur gequält lächeln und dazu leise nicken. Ja, genau: Mama war der festen Überzeugung, sie habe sich selbst und Mara für fünf Minuten in einen Märchenwald versetzt. Und für die Tatsache, dass sie weder an einen Wald gedacht noch sich sonst wie konzentriert hatte, gab es folgende Erklärung: »Der Schlüssel ist, dass ich mich bisher wohl zu sehr verkrampft habe und es einfach zu sehr wollte. Doch die Erdmutter lässt sich nicht gerne drängen, sondern entscheidet selbst, wem sie die Türe der Erkenntnis öffnet. Was denken Sie denn, was es wohl mit dem Hirsch auf sich hatte, Herr Weissinger?«

»Mit dem Hirsch«, wiederholte der Professor langsam und Mara vermutete, dass er seine Festplatte nun nach irgendwelchen passenden Infos über Hirsche durchforstete.

Mara beneidete Professor Weissinger für sein umfassendes Wissen. Es ermöglichte ihm, zu jedem Thema irgendetwas halbwegs Passendes vorzutragen – eine Fähigkeit, die Mara so gar nicht besaß.

»Nun, der Hirsch ist in jedem Fall ein äußerst symbolträchtiges Tier«, dozierte der Professor nun los, um von seiner Überraschung abzulenken. »Er steht in verschiedenen Mythen und Religionen für die Wiedergeburt. Ansonsten finden wir ihn zum Beispiel im griechischen Aktaios-Mythos über einen Halbgott in Hirschgestalt, in der Sage von König Artus, und in der germanischen Mythologie gibt es unter anderem Eikthyrnir, den Hirsch auf dem Dach der Valhöll.«

»Sie meinen Walhalla?«, fragte Maras Mutter dazwischen.

»Nein, mit Verlaub, ich meine Valhöll. Zur Walhalla wurde die ›Halle der in der Schlacht Gefallenen‹ erst vor zweihundertfünfzig Jahren grundlos eingedeutscht und somit …«

»Ähm«, räusperte sich Mara und hob kaum merklich ihre beiden Zeigefinger Richtung Schläfe.

»… äh … somit zurück zum Hirsch«, fuhr der Professor mit seinem Vortrag fort. »In seiner alten, gemeingermanischen Form ›Herut‹ ist er aller Wahrscheinlichkeit nach sogar der Namenspatron eines ganzen germanischen Stammes: der Cherusker. Ach ja, und Siegfried der Drachentöter wurde verschiedenen Versionen der Sage nach von einer Hirschkuh aufgezogen. Aber Siegfried hat mit der ganzen Sache ja wohl eher gar nichts zu tun, nicht wahr? Hahaha … hm.«

Einen Moment lang war es still am Tisch. Dann erinnerte sich der Professor wieder an die Frage von vorhin. »Also, um auf Ihre Frage zurückzukommen, Frau Lorbeer, was der Hirsch wohl zu bedeuten hat: Ich habe keine Ahnung. Vielleicht war es einfach nur ein Hirsch?«

Da lachte Mama ihr Mag-ja-sein-aber-ich-weiß-es-besser-Lachen, das Mara so gar nicht an ihr mochte, und schüttelte den Kopf. »Nein, nein, Herr Weissinger, wenn Sie dieses erhabene Tier auch gesehen hätten, dann würden Sie so nicht sprechen.«

Wie gerne hätte Mara ihr jetzt serviert, dass der Professor den Hirsch in der Tat gesehen hatte, und das sogar ein paar Stunden vor ihr … Oh Mann.

Der Rest des Abendessens verlief erstaunlich entspannt, denn Professor Weissinger schaffte es letztlich doch recht elegant, zu seinem Herzensprojekt überzuleiten: dem originalgetreuen Nachbau eines Wikingerschiffs am Tegernsee. Ihm und seinen Mitstreitern war zwar im vorigen Jahr das Geld ausgegangen, aber jetzt hatte dann doch noch der Freistaat Bayern eingegriffen und man war zuversichtlich, dass das Boot in ein paar Monaten vom Stapel laufen konnte. Seine Augen leuchteten begeistert, als er von den Schiffen erzählte, die aufgrund ihrer flachen Bauweise direkt bis ans Ufer fahren konnten, wo man sie dann mit vereinten Kräften an Land zog. Mara konnte sich gut vorstellen, wie Professor Weissinger mit wild flatterndem Bart Kommandos brüllte, während seine Studenten versuchten, ein tonnenschweres Wikingerschiff an den Strand zu zerren.


Als Mara nach dem Dessert – Bayrische Creme mit Waldbeeren – die Schüsseln in die Küche trug, merkte sie aber, dass Mama noch irgendwas vorhatte. Mara versuchte, sich gar nicht erst vorzustellen, was es wohl sein würde, aus Angst, vielleicht richtig zu tippen. Im Fernsehen hieß es nämlich nach solchen Abenden immer: »Wollen Sie noch mit reinkommen, auf einen Kaffee?« Die Hauptdarsteller setzten sich dann aufs Sofa, Musik setzte ein und die Kamera schwenkte auf den brennenden Kamin, den vorher irgendjemand mit einem Schlüssel für die Wohnung vorsorglich angezündet haben musste.

Aber in ihrem Fall waren die beiden ja erstens schon drin, zweitens gab es hier nur lösliches Pulver CappuccinoArt und drittens würde Mara den ganzen Abend lang zwischen den beiden sitzen und darauf achten, dass keiner plötzlich einen brennenden Kamin reinschleppte, verdammt noch mal!

Verwundert von ihren eigenen Gedanken horchte Mara kurz in sich hinein, um herauszufinden, was genau eigentlich ihr Problem war. Erst hatte sie das Treffen selbst eingefädelt und jetzt hätte sie die beiden am liebsten in getrennte Zimmer gesperrt. Schnell stellte Mara fest, dass sie darauf keine zufriedenstellende Antwort hatte. Sie fand es nun mal gleichzeitig irgendwie gut und irgendwie blöd und jetzt gerade fühlte es sich eben eher blöd an. Hm… Schließlich zuckte sie mental mit den Achseln und beschloss, das Ganze einfach auf die Pubertät zu schieben. Warum sollte diese praktische Ausrede nur den Erwachsenen zur Verfügung stehen? Eben.

Entschlossen, nun jegliche Annäherungen von Mama und Professor Weissinger, wenn nötig gewaltsam, zu unterbinden, stapfte Mara wieder ins Wohnzimmer zurück und ihr erster Blick fiel auf das Sofa. Es war leer. Die beiden saßen immer noch brav am Tisch, durch selbigen getrennt. Na wenigstens …

Außerdem sprach Mama gerade wieder von irgendeinem Wicca-Kram und Professor Weissinger wirkte, als würde er gleich durchs geschlossene Fenster springen und laut schreiend davonlaufen.

»… und da dachte ich mir, wo Sie doch so offen sind für spirituelle Themen jenseits wissenschaftlicher Trampelpfade, könnten Sie uns vielleicht dorthin begleiten«, beendete Mama gerade ihren letzten Satz und Mara wusste sofort, was Sache war. Mama hatte Professor Weissinger gerade eingeladen, mit ihnen zu dem Rückführungsseminar von Dr. Thurisaz zu fahren!

Mama, du weißt ja gar nicht, was du mir damit gerade für einen Gefallen getan hast, grinste Mara in sich hinein. Sofort machte sie einen kleinen Schritt rückwärts, damit Mama sie nicht direkt sehen konnte, und nickte dem Professor so heftig zu, dass sie fast mit dem Kinn auf den Boden beziehungsweise mit dem Schädel an die Decke stieß.

Als Mama sich umdrehte, um zu sehen, was ihre Tochter hinter ihrem Rücken für Faxen machte, nutzte der Professor die Chance für eine stumme Antwort. Um noch energischer den Kopf zu schütteln, hätte er dafür hin und her laufen müssen.

Verstand er denn nicht? Er wusste doch, dass Mara die geheimnisvollen Verse des Feuerbringers auf dem Infoblatt über das Seminar entdeckt hatte! Sie hatte sowieso schon ein mulmiges Gefühl dabei gehabt, dort mit Mama allein hinzufahren. Denn inzwischen konnte sie sich gar nicht mehr vorstellen, ohne Professor Weissinger ein weiteres Abenteuer durchzustehen. Sie brauchte ihn doch! Wusste er das denn nicht?

Da Mara ihm vor ihrer Mutter ja nicht direkt sagen konnte, warum sie die Idee so großartig fand, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihm ein paar versteckte Hinweise zu geben. Und wenn das nichts half, würde sie ihn eben so weit in die Grütze reiten, dass er gar nicht anders konnte.

»Ich finde die Idee total super, Herr Professor! Wir werden bestimmt eine Menge lernen …«

Verstehen Sie doch: Lernen! Wie: Rausfinden!, dachte Mara.

»Das mag ja alles sein, aber ich kann leider meine Studis nicht vernachlässigen«, schüttelkopfte Professor Weissinger zurück.

»Aber diese tolle Gelegenheit dürfen wir uns doch nicht entgehen lassen!«, sprach Mara eindringlich auf ihn ein.

Verstehen Sie mich doch!

»Sind Sie nicht auch gespannt, was uns dort erwartet?«

Bitte raff es! Raff es bitte!

Eine Pause entstand. Der Professor seufzte. Schließlich sah er Mara an, nickte und Maras Herz machte einen Sprung: YES.

»Oh, das ist ja ganz wunderbar! Glauben Sie mir, Sie werden es nicht bereuen«, sagte Mama. »Meine Wicca-Freundinnen sind ganz wunderbare und spirituelle Wesen.«

Mara sah, wie bei »spirituelle Wesen« etwas im Blick des Professors zerbrach, als hätte jemand seine Kontaktlinsen zersungen.

Da sehen Sie mal, was ich alles schon durchgemacht habe, dachte sie und musste grinsen.

Als Mama hinausging, um für sie zwei Tassen CappuccinoArt zu holen, schlug sich der Professor mit der flachen Hand gegen die Stirn und zog dann die Finger sehr langsam über das Gesicht nach unten, wobei er seine Wangen zu einer seltsamen Grimasse zerdrückte. Als er Mara mit trüben Augen ansah, musste sie richtig lachen. Er nahm es also auch mit Humor. Sehr gut, das würde helfen.

»Ich hab’s doch verstanden, Mara Lorbeer, danke für die vielen subtilen Hinweise. Aber ich musste mich erst einmal innerlich damit abfinden, mehrere Tage mit spirituellen Wesen verbringen zu müssen.«

»Ach, zusammen wird es vielleicht sogar ganz lustig. Meine Mutter ist ja auch dabei und mit der verstehen Sie sich doch ganz gut, oder nicht?«, fragte Mara lauernder, als sie beabsichtigt hatte.

»Aber ja, deine Mutter ist mir nach wie vor sehr sympathisch. Ich glaube, sie ist einfach nur auf der Suche nach Antworten und sondiert dafür den falschen Ort. Wenn ich das mal so ausdrücken darf.«

»Papa hat das Sondieren halt so genervt, dass er irgendwann weggegangen ist«, sagte Mara und beeilte sich hinterherzuwerfen: »Also, nicht dass Sie jetzt denken …«

»Keine Sorge, Mara, ich verstehe dich genau richtig. Aber was ich nicht verstehe, ist, warum du deine Mutter mit in eine Vision genommen hast. So gesehen hast du ja noch mal Glück gehabt, dass sie denkt, sie hätte es irgendwie selbst bewerkstelligt. Andererseits …«

»Andererseits ist es seitdem schlimmer denn je«, seufzte Mara. »Sie sitzt stundenlang da drüben vor ihrer Schale mit den Focus Stones™ und … fokust rum.«

Der Professor folgte Maras Blick hinüber in die Ecke, wo die schief getöpferte Schale mit den großen Flusskieseln stand, und nickte. »Lass mich raten, seitdem hat sie es aber nicht noch mal geschafft, sich in den Wald zu versetzen. Oder hast du etwa …«

»Nein, nein, hab ich nicht, ehrlich! Nur das eine Mal!« Natürlich hatte Mara schon darüber nachgedacht, ob sie ihrer Mutter den Gefallen noch einmal tun sollte. Aber es sprachen so viele Gründe dagegen, dass sie mit dem Zählen gar nicht hinterherkam. Außerdem hatte sie damit sowieso das letzte Quäntchen von Lokis Göttergeschenk verbraucht. Mara konnte gar nicht sagen, ob sie es mit ihren eigenen Kräften überhaupt hinbekommen würde. Am Ende reichte es vielleicht gerade so für die Reise dorthin, aber nicht mehr für die Rückfahrkarte. Bloß nicht!

Mama betrat das Wohnzimmer, in den Händen hielt sie zwei Kaffeetassen. »Bitte entschuldigen Sie den etwas labbrigen Kaffee-Ersatz, das ist mir furchtbar unangenehm. Aber ich habe leider vergessen, heute mal wieder echtes Pulver zu kaufen. Ich weiß natürlich, dass das vom energetischen Standpunkt her grundfalsch ist, aber ich habe mich irgendwann an dieses lösliche Chemiezeugs gewöhnt. Ich denk mir dann immer: Ein Laster darf ich mir doch vielleicht gönnen.« Sie lachte und Mara versuchte, ihre Mutter mit den Augen des Professors zu sehen.

Kann schon sein, dass Mama trotz ihres Wicca-Zeugs ganz okay rüberkommt, dachte sie. Auf jeden Fall stand ihr das Lachen besser als der sparsame Spitzmund …

Kapitel 3


Warum muss ich eigentlich jetzt sogar in den Ferien so früh aufstehen«, grummelte Mara vor sich hin, als sie sich am darauffolgenden Freitag aus dem Bett wälzte und mit den Füßen blind nach ihren Hausschuhen tastete. Na ja, früh übt sich, wer die Welt retten will.

Sie hatte vor einem Jahr Der Herr der Ringe von Tolkien gelesen, nachdem ihr die Filme so gut gefallen hatten. Mara war total überrascht gewesen, dass die Hobbits im Buch gar nicht gleich loszogen, um den Ring aus dem Auenland fortzubringen, sondern erst noch eine Menge Zeit verging. Monate, wenn Mara richtig gelesen hatte. Sie selbst hatte schon ein mulmiges Gefühl, wenn sie mal für eine halbe Stunde nicht an ihre große Aufgabe dachte. Die ganze Zeit über hatte sie zudem das Gefühl, bei Loki und Sigyn in der Höhle mal wieder nach dem Rechten sehen zu müssen. Aber gleichzeitig war sie sich auch ziemlich sicher, dass der sich schon melden würde, wenn er etwas brauchte. Das hatte er ja die letzten Male auch recht eindrucksvoll getan, indem er einfach durch die Leute gesprochen hatte, die gerade in Maras Nähe waren.

Mama war schon länger wach, und als Mara wachgeduscht und reisefertig ins Wohnzimmer kam, war sie gerade dabei, ihre Steine in einen Koffer zu packen.

»Aber Mama, meinst du nicht, wir finden im Mühlthal auch ein paar Flusskiesel?«, stöhnte Mara und kannte die Antwort bereits.

»Das sind nicht irgendwelche Flusskiesel, Mara, sondern meine Focus Stones™. Bitte sei nicht so ignorant, dazu hast du keinen Grund mehr.«

»Aber jetzt ist der halbe Koffer voll und du willst doch bestimmt auch noch ein paar Klamotten mitnehmen«, entgegnete Mara lahm.

»Nicht nur das«, antwortete Mama und legte wie zur Bestätigung auch noch ein Päckchen Räucherstäbchen, den dazugehörigen Aschefänger, zwei Kerzen und eine Kristallpyramide dazu. »Wir fahren schließlich nicht in den Badeurlaub, sondern auf ein Seminar.«

»Wär’ aber vielleicht auch mal ganz nett«, murmelte Mara zurück und verließ das Wohnzimmer, bevor es vielleicht noch zum Streit kam. Nicht dass sie sich nachher noch im Auto vor Professor Weissinger angifteten.

Der Professor stand wie verabredet um Punkt acht Uhr mit seinem Kombi vor ihrer Haustür. Für ihn war die ganze Sache dann doch etwas sehr kurzfristig gewesen, aber er hatte den Stapel mit den zu korrigierenden Arbeiten seiner Studenten einfach eingepackt.

Sein Auto war nichts anderes als die natürliche Verlängerung seines Büros in der Uni. Nur, dass hier noch nie die Putzfrau das Schloss aufgebrochen hatte, um wenigstens einmal in zwei Jahren durchzusaugen.

Der Professor nahm die Blicke mit Humor. »Guten Morgen allerseits. Ja, das ist mein Wagen und er ist für mich nichts anderes als ein Transportmittel. Wenn der Berg auf der Rückbank so hoch ist, dass der Kram beim Bremsen nach vorn zwischen die Pedale fällt, schmeiß ich ihn weg.«

Er öffnete den Kofferraum und stoppte routiniert einen labbrigen Pappkarton, bevor der sich auf die Straße entleeren konnte.

»Brauch mal eine neue Schachtel, die fällt schon auseinander«, brummelte er und benützte Maras kleinen Koffer, um den Karton zu stabilisieren. Dann griff er zu Mamas Koffer, versuchte, ihn zu heben, und stutzte. »Hoppla, Frau Lorbeer, was haben wir denn da eingepackt? Die Steinsammlung aus dem Wohnzimmerregal?«

Mama antwortete einfach nur: »Ja.«

Der Professor runzelte kurz die Stirn, wuchtete aber dann das Koffermonster mit einem unterdrückten Grunzer in den Kofferraum.

»Wer ist eigentlich der Nasenbär da am Erdgeschossfenster, der uns schon die ganze Zeit so interessiert zuschaut?«, fragte er dann und deutete mit dem Daumen über die Schulter.

Mara drehte sich um und sah hinter der Gardine das argwöhnische Gesicht von Nachbar Dahnberger verschwinden.

Fast schade, dass der so schnell von allein wieder aufgewacht ist, dachte Mara. Wüsste auch gerne, wie ich ihn überhaupt hab einschlafen lassen, dann würde ich das jetzt glatt noch mal machen.

»Das ist Nachbar Dahnberger«, erklärte Mama. »Ich glaube, er versucht, seine innere Leere zu füllen mit dem Leben anderer Menschen.«

Wow, Mama, das war echt cool gesagt, dachte Mara und fragte sich, warum sie das jetzt nicht laut ausgesprochen hatte.

»Ha, schön formuliert, Frau Lorbeer«, übernahm stattdessen der Professor das Lob. »Ach, ist das nicht sogar der, der euch dauernd hinterherspioniert, Mara?«

Mara nickte und auch Mama verdrehte die Augen. Der Professor nickte nur zurück, setzte dann sein freundlichstes Lächeln auf, stapfte ans Fenster und klopfte. Ununterbrochen, ziemlich heftig und auch ziemlich schnell. Was hatte er vor?

Es dauerte einen Moment, bis Herr Dahnberger sich zeigte und irgendetwas empört grummelte. Doch Professor Weissinger klopfte weiter. Dabei lächelte er weiterhin liebenswürdig in Herrn Dahnbergers Wohnung hinein, als würde er ihn gar nicht sehen.

Schließlich sah ihr Nachbar ein, dass der bärtige Mann mit dem Müllwagen nicht aufhören würde zu klopfen, bis er das Fenster öffnete. Also schimpfte er noch einmal irgendwas und machte schließlich das Fenster auf. »Was soll denn das, sind Sie verrückt, hier in aller Früh an mein Fenst…«

»Guten Morgen, Herr Dahnberger«, unterbrach ihn der Professor in einem so höflichen Tonfall, dass man ihm unmöglich böse sein konnte. »Ich wollte mich nur stellvertretend für Familie Lorbeer bei Ihnen abmelden, wenn es recht ist. Unsere Abfahrtzeit ist 8.11 Uhr, wir haben also elf Minuten Verspätung. Aber machen Sie sich keine Sorgen, das holen wir hoffentlich unterwegs wieder rein. Ach, und bitte vermerken Sie doch auch in Ihrem Überwachungsprotokoll, dass wir gedenken, in vier Tagen um 18.02 Uhr wieder hier zu landen. Sollten wir das wider Erwarten nicht genau einhalten, entschuldige ich mich schon einmal für die Unannehmlichkeiten und übernehme gerne die Kosten für zusätzliche Arbeitszeit und entsprechende Abnutzung des Radiergummis.«

»W… wovon … was …«, stotterte Herr Dahnberger, und der Professor unterbach ihn sofort wieder: »Fein, Sie wissen also Bescheid. Vielen herzlichen Dank für Ihre Bemühungen und ich hoffe, dass Sie in unserer Abwesenheit weiterhin alles dokumentieren, was in, vor und hinter diesem Haus vor sich geht. Irgendeiner muss es ja tun, denn wo kämen wir denn da hin, wenn jeder leben würde, wie er gerade will, nicht wahr?«

»Ja, das … nein, ich meine …«, blubberte der Nachbar.

»Na, das meine ich aber doch auch«, nickte Professor Weissinger freundlich, hörte dann aber so schlagartig auf zu grinsen, dass Herr Dahnberger zusammenzuckte, und drehte sich einfach weg.

Der Nachbar machte ein Gesicht wie eine halb offene Schublade, als ihn der Professor da im Feinrippunterhemd am offenen Fenster stehen ließ.

Mara und ihre Mutter lachten noch, als sie schon auf der Autobahn Richtung Starnberg waren.

Der Professor hörte im Auto keinen Popsender, sondern einen, der ausschließlich Klassik spielte. Der Sender zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass nach jedem Musiktitel eine weibliche Stimme hauchte, dass man »bitte entspannt« bleiben solle.

Okay, noch ein-, zweimal und ich bin wirklich entspannt, dachte Mara. Aber noch vierzigmal und ich drehe durch.

Gerade war ein Stück mit jeder Menge Geigen zu hören, das man ihnen kurz davor als den Winter der vier Jahreszeiten von Vivaldi angekündigt hatte. Es war mitreißend, aufwühlend und dadurch in etwa so entspannend wie eine kalte Dusche mit Ohrfeigen-Massage.

»Auch wenn es jetzt dafür ein bisschen zu spät ist: Was ist das denn jetzt eigentlich genau, wo ihr beiden mich hinschleppt?«, rief der Professor durch die Geigen, als sie bei der Ausfahrt Starnberg die Autobahn verließen. Er richtete die Frage an beide, aber natürlich war sie eigentlich an Maras Mutter gerichtet.

Die antwortete auch gleich mit einer Gegenfrage. »Haben Sie denn das Infoblatt nicht gelesen?«

»Doch, doch, aber nicht verstanden«, entschuldigte sich Professor Weissinger ohne einen Funken Ironie. »Wer ist denn eigentlich dieser Dr. Riese?«

Mama runzelte die Stirn: »Dr. Riese? Sein Name ist Thurisaz.«

»Ach so, Entschuldigung«, sagte der Professor und drehte das Radio leiser. »Thurisaz ist der Name der Rune TH im Urnordischen und entspricht lautlich dem altnordischen Wort ›Thurs‹ für ›Riese‹.«

Mara sah ihre Mutter an. Diese hing an den Lippen des Professors – und das, obwohl man die unter dem Bart nur vermuten konnte.

»Tatsächlich? Also das ist ja wirklich interessant«, sagte sie. »Wir haben im Wicca-Café auch einmal das Runenwerfen praktiziert, aber ohne fachliche Anleitung. Vielleicht wollen Sie ja beim nächsten Mal dazukommen?«

Der Professor winkte lachend ab. »Ach, Frau Lorbeer, ich glaube, das wollen Sie nicht wirklich. Mit mir macht so etwas keinen Spaß. Ich lese aus jedem Wurf nur die Information ›zufällige, sinnlose Anordnung‹ und ich glaube, Sie und Ihre Freundinnen erhoffen sich da was ganz anderes.«

Und Mara war völlig baff, als Mama nicht den Mund zu der bekannten missbilligenden Spitze zusammenzog, sondern ganz im Gegenteil laut loslachte. »Ja, Herr Weissinger, da könnten Sie recht haben. Da erhoffen wir uns wirklich ganz was anderes.«

So langsam entwickelte sich das Verhältnis zwischen Mama und dem Professor in eine Richtung, die Mara ebenso recht wie unrecht war.

Wie schön, dass es jetzt auch hier komplizierter wird, dachte Mara. Bin mal gespannt, was uns jetzt bei diesem Seminar vom Doktor Runenriese erwartet …

Da wurde sie vom Radio aus ihren Gedanken gerissen. Denn gerade hatten die Nachrichten begonnen und ein Politiker war zu hören: »Wir werden dieses Anliegen wohlwollend prüfen, aber bitte haben Sie Verständnis, dass diese Prüfung eingehend zu sein hat und darum etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt.«

Mara beschloss, sich diesen Satz zu merken, wenn Mama wieder einmal verlangte, dass sie ihr mit der Wäsche half.

Unter anderen Umständen wäre das Forsthaus im Mühlthal sicher ein idyllischer Ausflugsort gewesen. Aber nun sah Mara der Ankunft dort mit gemischten Gefühlen entgegen. Mal ganz abgesehen von dem Vers des Feuerbringers, war ihr auch diese Rückführungsgeschichte nicht ganz geheuer. Sie wollte sich schließlich weder rück- noch vor- oder sonst wohin führen lassen, sondern nur herausfinden, was hinter dem Vers steckte. Und am besten, ohne dass dieser Dr. Thurisaz Verdacht schöpfte.

Das Forsthaus war nicht etwa eine kleine Holzhütte, wie der Name vielleicht vermuten ließ. Vielmehr war es als sogenannter Jagdsitz der Wittelsbacher im Jahr 1894 erbaut worden. Hier in der Gegend hatte sich also die Königsfamilie von einem Heer aus Treibern die Tiere des Waldes vor die Flinten hetzen lassen, um sie dann des Abends im Forsthaus gemeinsam zu verspeisen. Puh. Mara war zwar keine Vegetarierin, aber ein bisschen mulmig wurde ihr schon bei dem Gedanken. Dafür entschädigte allerdings der Anblick des romantisch anmutenden Hauses mit seinen efeuumrankten Fenstern und dem gemütlichen Biergarten unter den alten Kastanienbäumen.

Das Gebäude schmiegte sich mit seiner rechten Seite so nah an einen steilen Berghang, dass man fast das Gefühl hatte, das Haus würde Schutz suchen. Oder den Berg stützen.

Zwei rauchende Schornsteine ließen auf brennendes Kaminholz schließen und aus den Fenstern schimmerte warmes Licht.

Vielleicht wird’s ja doch sogar ganz nett, dachte Mara, als sie ihren Koffer vom Rücksitz zerrte und versuchte, die dort ebenfalls gestapelten Aktenordner nicht auf dem Parkplatz zu verteilen.

Am Eingang zum Forsthaus wurde Mama bereits herzlich begrüßt von ihrer besten Freundin bei den Wiccas von der Au: Walburga.

»Christa! Ist es hier nicht ganz zauberhaft?«, flötete sie und hopste dabei freudig auf und ab.

Walburga war wirklich und wahrhaftig Mamas dickste Freundin, denn sie war eher breit als hoch und hatte in etwa die Form von zwei aufeinandergedötschten Eiskugeln. Mit Beinen.

Trotzdem war Walburga erstaunlich quirlig und beweglich.


»Die heißt doch nicht wirklich Walburga, oder?«, zischte der Professor Mara zu, aber Mara zuckte nur mit den Schultern. Ob sie nun wirklich so hieß oder sich den Namen selbst gegeben hatte, machte kaum einen Unterschied: Auf jeden Fall passte er perfekt.

Mama und Walburga schwatzten sofort aufeinander ein und ihre Stimmen verschmolzen zu etwas, das so ähnlich klang wie »Bagawaggawagga…« Na ja, Hauptsache, die beiden verstanden, was sie sich gegenseitig erzählten.

Mara trottete über den Parkplatz auf sie zu und ließ die Umgebung auf sich wirken. Überrascht blieb sie plötzlich stehen, kniff die Augen zusammen und griff sich mit Zeigefinger und Daumen an den Nasenrücken. Aua! Was ist das denn? Au!

»Stimmt was nicht?«, raunte ihr der Professor zu.

»Ja, nein, ich weiß nicht …«, flüsterte Mara mit zugekniffenen Augen.

»Was Gutes oder was Schlechtes und will es, dass du kommst oder dass du wegbleibst?«, fragte der Professor in sachlichem Tonfall. Er hatte mit Mara schon zu viel erlebt, um ihre Empfindungen als Einbildung abzutun.

»Ich weiß gar nicht, ob es ein Es ist oder mehrere Esse. Es fühlt sich an, als würde mich der ganze Berg anbrüllen, aber ich verstehe ihn nicht. Er schreit nämlich … mit Licht«, presste Mara hervor.

Ja, genau das war es: Sie spürte eine gebündelte Energie von so reiner Kraft, dass sie ihr wie ein grellweißes Leuchten vorkam.

»Mara!«, stieß der Professor hervor, als sie den Koffer fallen ließ.

Ein paar Meter weiter drehte sich Mama erschrocken um. Mara widerstand dem sinnlosen Versuch, sich mit den Händen vor dem Licht zu schützen, und fuhr stattdessen ihre mentale Schutzmauer hoch. Während der langen Jahre als Tagträumerin hatte sie sich diese Antitraumblockade mühsam aufgebaut und diese leistete ihr nun gute Dienste: Tatsächlich verblasste das Licht ziemlich schnell zu einem kaum wahrnehmbaren Funkeln irgendwo am gegenüberliegenden Berghang.

Geblendet wie nach einem Fotoblitz, griff Mara tastend nach unten, bekam den Griff des Koffers zu fassen und richtete sich dann mit einem halb gefrorenen Lächeln wieder auf.

»Hoppla«, rief sie etwas zu laut und zu fröhlich, um auch nur ansatzweise den Eindruck zu erwecken, dass wirklich alles in allerbester Ordnung war.

Als sie dabei ihren Blick wieder auf das Forsthaus richtete und einen tapsigen Schritt nach vorn machte, war auch das Funkeln verschwunden und Mara konnte versuchen, ihre Sinne wieder zusammenzukehren.

»Okay, schräg unterhalb vom linken Berghang da drüben steht wohl ein Leuchtturm und leuchtet mir direkt ins Hirn«, flüsterte sie dem Professor zu. »Was ist das denn hier für ein Ort, verdammt?«

»Ich hatte kaum Zeit, mich eingehend mit dem Mühlthal zu beschäftigen«, antwortete Professor Weissinger entschuldigend. »Aber was ich weiß, ist, dass …«

Da unterbrach ihn Mama mit einem lauten »Huhu!« und winkte. Sie sollten wohl endlich Walburga begrüßen, anstatt weiter auf dem Parkplatz herumzustehen.

Gleichzeitig schalteten der Professor und Mara die Gesichtsmechanik auf »nett« und kamen folgsam näher.

»Erzähle ich dir gleich«, raunte Professor Weissinger Mara noch zu und da standen sie auch schon vor Walburga, die ihm interessiert von unten in den Bart starrte.

»Hallo«, sagte Mara einsilbig und der Professor streckte seine Hand aus. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Reinhold Weissinger mein Name.«

»Oh, Rein-Hold, der Reine, der Saubere, und dazu noch hold, wie schön! Ich bin beeindruckt«, flötete Walburga.

»Walburga interessiert sich sehr für die Herkunft von Namen«, erklärte Maras Mutter stolz.

»Ah, wie interessant. Welche Quellen nutzen Sie denn zumeist für Ihre Recherchen?«, fragte der Professor höflich.

»Die Erde selbst natürlich. Ich spüre durch mich hindurch in den Boden und Nerthus gibt mir die Antworten.«

»Ein ungewöhnlicher Ansatz zur wissenschaftlichen Wissensgewinnung«, murmelte der Professor und rang sich so etwas wie ein Lächeln ab.

»Ja, das höre ich oft«, lachte Walburga. »Ich kam darauf, als ich die Erdmutter um einen Namen bat. Sie taufte mich Walburga, denn es bedeutet Die Erwählte ihres Hauses. Wal wie Wahl und burg wie Haus plus das weibliche a am Ende, verstehen Sie?«, erklärte Walburga und Maras Mutter nickte wissend.

»Ich habe jedes Wort verstanden, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich alles verstanden habe«, brummte der Professor.

»Ach, macht nichts, das bin ich gewöhnt. Ich erkläre es Ihnen gerne jederzeit noch einmal in aller Ruhe, wenn Sie wollen«, flötete Walburga.

Mara konnte ein Grinsen gerade noch unterdrücken, als sie sah, wie sich Mamas Gesicht zu einer Zitrone formte.

»Alsowirbeziehenjetztmalunsere Zimmer«, sagte Mama etwas zu schnell und zog damit den Professor Richtung Tür. »Wir sehen uns ja später. Bis dann.«

»Ich freue mich!«, zwitscherte Walburga ihnen hinterher und Mara musste hinter ihr vorbeigehen, um ihr Grinsen zu verstecken.

Na, das kann ja noch was werden, dachte Mara, als sie kurze Zeit später mit dem Zimmerschlüssel in der Tasche ihren Koffer die schmalen Treppen hinaufwuchtete.

Mama hatte Mara sogar ein eigenes Zimmer gebucht, denn sie wollte bei ihrer morgendlichen, mittäglichen und abendlichen Meditation nicht gestört werden.

In einem richtigen Urlaub wäre Mara natürlich enttäuscht gewesen, dass Mama sich keine Zeit für sie nahm. Aber in diesem Fall war ihr das ausnahmsweise sehr recht. Sie war auch ganz froh, dass ihr Zimmer nicht im gleichen Stockwerk lag wie das von Mama. Zufrieden stellte sie außerdem fest, dass das Zimmer des Professors ebenfalls nicht in Mamas Gang lag. Um zu ihr zu gelangen, musste er sogar an Maras Zimmer vorbei und das würde sie natürlich hören und … ja, was eigentlich … Egal. Hauptsache, Mara hatte ein Auge darauf. Auf was auch immer. Nicht dass hier noch irgendwer irgendwas Dings. Aber echt.

Die Zimmer waren nicht luxuriös, aber sehr geschmackvoll eingerichtet, mit viel dunklem Holz und einem bequem aussehenden Bett. Mara fiel sofort die Nachttischlampe auf, die kleine Löcher in Form von Sternen im Lampenschirm hatte. Wenn man sie anschaltete, warf das Licht ein hübsches Sternchenmuster an die Wand. Direkt neben dem Eingang befand sich die Tür zu einem kleinen Badezimmer mit Dusche. Dort hängte Mara erst mal ihren Bademantel auf, den sie extra noch mit in den Koffer gequetscht hatte. Mara fand abtrocknen nämlich doof und umständlich. Es war doch viel praktischer, in einen Bademantel zu schlüpfen, der dann das Wasser einfach wegsaugte, während man es schön warm hatte. Dazu konnte man noch die Kapuze aufsetzen, die Haare wurden auch gleich trocken und machten nicht überall Wasserflecken, auf denen man dann ausrutschte.

Da klopfte es auch schon leise an der Tür und Mara ließ den Professor herein.

»Wo hast du mich da bloß hingeschleppt, Mara Lorbeer aus der Au«, seufzte er, ließ sich auf der Bettkante nieder und stützte den Kopf auf die Hände.

»Was denn? Ist doch ganz hübsch, das Hotel«, entgegnete Mara amüsiert, da sie natürlich genau wusste, worum es Professor Weissinger ging.

»Hast du gehört, was diese Walburga aus meinem Namen gemacht hat? Reinhold, der Reine, Saubere? Ist das zu fassen!«

»Passt auf jeden Fall weder zu Ihrem Auto noch zu Ihrem Büro.« Mara grinste.

»Wie könnte es auch, ist ja auch völlig falsch!«, ereiferte sich der Professor. »Der Name stammt ab von regin wie ›herrschen‹ und nicht von rein wie ›porentief reine Waschkraft‹, also wirklich. Und nicht mal ihren eigenen Namen hat sie richtig gedeutet! Die Silbe Wal geht auf Wala wie germanisch ›tot‹ zurück und hat nun wahrlich nichts zu tun mit erwählt sein! Also, diese verquere Quadratgranate stellt doch hoffentlich den Gipfel der Verschwurbeltheit dar, oder?«

Mara wusste, dass ihm die Antwort nicht gefallen würde, also sagte sie lieber erst mal nichts. Doch das war dem Professor Antwort genug. Er schlug sich die Hände vors Gesicht und ließ sich stöhnend rückwärts aufs Bett fallen. »Womit hab ich das verdient«, nuschelte er durch seine Finger und dann war es für einen Moment still.

»Ich bin echt froh, dass Sie da sind«, sagte Mara leise.

Der Professor rappelte sich wieder auf und sah Mara an. »Ist schon gut, entschuldige das Gejammer eines mittelalten Mannes. Es gibt ja wahrlich Schlimmeres. Auch wenn mir im Moment kein Beispiel einfällt.«

Mara nickte. »Lindwürmer, Feuerbringer, Ende der Welt …«

»Ja, das – und die Klausuren meiner Studis, die da drüben in einem Pappkarton noch auf mich warten. Aber du hast recht, lass uns endlich zum eigentlichen Thema kommen.«

Professor Weissinger stand auf und begann nun, in dem kleinen Zimmer auf und ab zu wandern. Dabei fasste er zusammen, was er über diesen Ort wusste. »Schon mal von Karl dem Großen gehört? Im Moment genügt erst einmal, dass er ein bedeutender Kaiser war, der in etwa im 8. Jahrhundert nach Christus gewirkt hat. Er war so bedeutend, dass der Name Karl in manchen slawischen Sprachen sogar zum Wort für ›König‹ wurde: Russisch korol, Polnisch król, král auf Tschechisch und so weiter. Man weiß leider nicht genau, wo und wann er geboren wurde. Aber es gibt da eine Sage, die seine Geburt hier ins Mühlthal verortet. Wahlweise da oben auf den Berg, wo man heute noch Reste einer uralten Burg finden kann, oder in einer Mühle etwas weiter die Straße runter. Beides leider in der Realität höchst unwahrscheinlich.«

»Aber was will denn bitte der Rest einer alten Burg von mir?«, fragte Mara und sofort stieg in ihr wieder das Gefühl der Hilflosigkeit auf, wie sie es in den letzten Tagen so oft gespürt hatte.

»Vermutlich nix. Denn dieses Leuchten, das du beschrieben hast, kam ja nun von der anderen Seite des Tals«, seufzte Professor Weissinger. »Und ich habe wirklich keinen Schimmer, was dir da wie ein Nebelscheinwerfer in den Kopf leuchten könnte. Tut mir leid. Was machst du denn da?«

Mara war in ihre Jacke geschlüpft. »Na, was mach ich wohl? Ich geh da jetzt hin und schau nach! Ich weiß nämlich jetzt schon, dass ich heute Nacht nicht schlafen kann. Erstens, weil ich wissen will, was hier los ist und zweitens, weil ich das sicher nicht abblocken kann, wenn ich müde bin. Kommen Sie mit?«

»Äh, jaja, natürlich. Aber wie viel Zeit haben wir denn noch? Wann beginnt denn dieses wahnwitzige Seminar?« Der Professor blätterte in den Infozetteln.

»In dreieinhalb Stunden und vier Minuten, wenn die Uhr da stimmt«, antwortete Mara und deutete auf den Digitalwecker auf dem Nachttisch. »Genug Zeit für einen Spaziergang. Und mit dem Leuchtturm fangen wir an.«

Kapitel 4


Sie wollten gerade die Straße überqueren, als Mara den Professor packte und mit einem Aufschrei zur Seite stieß. Im selben Moment raste ein dunkler Sportwagen mit hohem Tempo an ihnen vorbei und bremste so scharf auf dem kleinen Parkplatz, dass sich das Auto ein Stück weit um die eigene Achse drehte. Mara und der Professor hoben die Hände, um sich vor den spritzenden Kieselsteinen zu schützen.

Der Professor wollte gerade losschimpfen, als der Fahrer auch schon ausgestiegen war. Das einzig Auffällige an ihm war seine Unauffälligkeit. Der Mann war durchschnittlich groß, eher schlank, dunkelhaarig und trug Jeans mit einem dezent gestreiften Hemd über der Hose. Doch dann begann er zu sprechen und Mara war sofort klar, dass er alles andere als gewöhnlich war.

»Oh, bitte verzeihen Sie untertänigst dieses Fernsehkrimi-Bremsmanöver, aber es geht hier nach der Kurve direkt auf den Parkplatz und ich war in etwa so erschrocken wie Sie. Ihnen ist doch nichts passiert, nehme ich an?«

Schöne Stimme, dachte Mara. Und irgendwie will ich ihm gar nicht böse sein. Komisch, damit hab ich sonst nie Probleme …

Professor Weissinger schien allerdings weniger besänftigt und winkte mürrisch ab. »Alles in Ordnung, danke der Nachfrage. Aber vielleicht beachten Sie beim nächsten Mal einfach die Geschwindigkeitsbegrenzung, denn wer langsamer fährt, muss auch weniger scharf bremsen.«

»Ein guter Tipp, verblüffend in seiner Einfachheit.« Der Mann lächelte charmant über das Dach seines Autos herüber. »Aber bitte haben Sie doch ein wenig Verständnis. Dieser Wagen verführt einfach zum Rasen.« Er seufzte bewusst theatralisch und lächelte.

Erschrocken bemerkte Mara, dass sie zurücklächelte.

»Nein, dafür habe ich kein Verständnis«, antwortete Professor Weissinger. »Das Einzige, was mein Auto mit Rasen gemeinsam hat, ist die Geschwindigkeit eines ebensolchen Mähers und ich bin trotzdem immer pünktlich. Guten Tag.«

Damit drehte er sich weg und erwartete wohl, dass Mara ihm folgen würde. Das wollte sie eigentlich auch, aber etwas hielt sie davon ab. Während der Mann sich achselzuckend abwendete, um nun zwei große Taschen vom engen Rücksitz des Sportwagens zu fischen, musterte Mara das Auto genauer. Warum hatte sie das seltsame Gefühl, von dort angestarrt zu werden? Ganz offensichtlich war der Mann allein gekommen. Der Beifahrersitz war leer. Und doch … Fast war sie versucht, ihre Barriere fallen zu lassen, um mit dem Sinn einer Spákona das Auto abzusuchen. Sie entschied sich dagegen, denn schließlich wollte sie nicht vor dem Typen hier auf dem Parkplatz zusammenklappen wie vorhin.

»Mara?«, rief der Professor von der anderen Straßenseite herüber. »Wer wollte denn jetzt spazieren gehen?«

Widerwillig wendete sich Mara von dem Auto ab und folgte dem Professor über die Straße. Komisch …

»Haben Sie in dem Auto noch jemanden gesehen?«, fragte Mara, als sie den Professor eingeholt hatte.

Dieser schüttelte den Kopf. »Nein, da war niemand drin außer einem viel zu großen Motor und einem ebensolchen Ego. Wo geht’s denn lang, Fräulein Seherin?«

»Da lang, über die Brücke und den Weg entlang«, antwortete Mara und lachte. »Sie mögen den Mann nicht?«

»Nein, ich mag den Mann nicht, aber was soll’s. Ich werde nie wieder etwas mit ihm zu tun haben.«

»Da wär’ ich mir nicht so sicher.«

Der Professor brauchte einen Moment, um eins und eins zusammenzuzählen, bevor er über die zwei erschrak. »Oh nein, bitte nicht!«

»Doch, doch, dieser Mann war Dr. Thurisaz. Und ja, ich bin mir sicher«, entgegnete Mara. »Tut mir leid.«

Der Blick des Professors wurde stumpf, er atmete einmal sehr tief ein und hielt die Luft an. Erstaunt stellte Mara fest, dass er für eine lange Zeit nicht ausatmete. Sie hatten bereits die Brücke überquert und waren ein ganzes Stück den Weg entlangspaziert, als sie ihn endlich aus- und gleich darauf wieder einatmen hörte.

»Wow, das war ganz schön lang.«

»Bayerischer Meister im Langstreckenschwimmen 1969 und Bronze bei der Deutschen Meisterschaft 1970. War damals so enttäuscht vom dritten Platz, dass ich damit aufgehört habe. Aber die Pferdelunge ist mir bis heute geblieben und ich nutze sie, um mich zu beruhigen«, sagte Professor Weissinger und schnaufte noch ein paar Mal. »Vermutlich werde ich diese Taktik in der nächsten Zeit noch ein paar Mal anwenden müssen. Wie weit ist es denn noch? Spürst du schon was? Mara? … Mara?!«

Mara hörte den Professor nur noch so gedämpft, als würde er durch eine Schaumstoffmatratze rufen. Wie auf Autopilot war sie weiter den Weg hinuntergetappt und stand nun an einem der wunderlichsten Plätze, die sie jemals gesehen hatte.

Direkt vor ihr plätscherten mehrere schmale Quellen kristallklaren Wassers direkt aus dem Berg und liefen spielerisch hinunter in eine sumpfige Landschaft voll mit sattem Gras und Schilf. Der Platz war umrankt von Bäumen, die aussahen, als würden sie nicht nur ihre Wurzeln, sondern am liebsten auch ihre Äste im Wasser versenken. Mara konnte es ihnen nicht verdenken. Allerdings war das nicht das Wunderlichste an diesem Ort. Viel wunderlicher waren die unzähligen bunten Fähnchen, Bänder und Zettelchen, mit denen die Äste der umliegenden Bäume dicht geschmückt waren. Als Mara den seltsamen Baumschmuck genauer musterte, entdeckte sie außerdem mehrere Babyschnuller und andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs: Haargummis, eine Zahnbürste und die Reste eines Sabberlätzchens mit Winnie-Puuh-Aufdruck. Aber auch das war nicht das Wunderlichste.

Das Wunderlichste war dieses Gefühl, das Mara durch die Schuhe in den Füßen kribbelte, als würde ihr jemand mit einer Handbrause direkt auf die Fußsohlen duschen.

Mara hatte so viele spannende Empfindungen, dass es ihr schwerfiel, sich auf eine zu konzentrieren. Am stärksten war erst mal das Gefühl, durch die Fußsohlen mit Energie betankt zu werden. Aber gleichzeitig spürte sie auch den Professor durch den Boden, obwohl er sich mehrere Meter weit weg befand. Und sie fühlte ganz deutlich seine Bewegungen!

Verwundert fuhr sie sich mit der flachen Hand über die Augen, um zu überprüfen, dass die wirklich geschlossen waren. Waren sie – und es fühlte sich ja auch nicht an wie sehen. Eher wie eine Art Echo. Wenn der Professor sich bewegte, berührte er den Boden und verwirbelte die Luft. Die Blätter an den Bäumen spürten diese Veränderung am Wind, die Bäume gaben das Gefühl weiter an die Erde und die Erde an Mara.

»Sie haben gerade Ihren Arm ausgestreckt«, murmelte Mara und spürte, wie die Bewegungen des Professors einfroren.

»Jetzt lassen Sie ihn langsam sinken … Sie drehen sich zu mir … ein Schritt in meine Richtung … stopp … jetzt machen Sie gar nichts mehr außer atmen … und jetzt wollen Sie mich testen.«

»Woher willst du das wissen?«, tönte die sonore Stimme des Professors zu ihr herüber und es war ein verrücktes Gefühl, die Stimme über die Ohren zu hören und gleichzeitig über die Fußsohlen zu spüren.

»Weil Sie die Luft anhalten«, antwortete Mara und grinste.

»Haha, Mara Lorbeer, du überraschst mich wirklich immer wieder«, rief der Professor und sie fühlte, dass er nun weiter auf sie zukam.

Plötzlich musste sie lachen. »Auch das hab ich gemerkt!«

Der Professor hörte auf, auf einem Bein zu hopsen, und ging artig auf zweien weiter. Als er neben Mara stand, flüsterte er ihr schalkhaft zu: »Magst du mir vielleicht erklären, wie du das anstellst, oder gefällt dir der Gedanke, einen Herrn im besten Alter dumm herumstehen zu lassen wie einen falsch bestellten Kinderteller?«

Mara überlegte. »Ich … weiß nicht so genau, wie ich das erklären soll. Aber ich spüre durch den Boden alles, was Sie tun. Und zwar noch viel genauer, als wenn ich Sie anschauen würde. Ist total abgefahren …«

Einen Moment lang war es still im Wald und nur das Plätschern der Quellen war zu hören.

»Also gut, du weißt natürlich, dass du dich gerade anhörst wie ein wandelndes Kursangebot für die Wicca-Gruppe da drüben. Also spare ich mir jegliche Häme und will nur wissen, wie du …« Professor Weissinger stoppte mitten im Satz, als er Maras verblüfftes Gesicht sah.

Sie hatte die Augen geöffnet und starrte auf einen Punkt links neben dem Professor.

»Sehen Sie das auch?«, fragte Mara.

Er folgte ihrem Blick und sah nichts, was er nicht eben auch schon gesehen hatte. »Das kommt ganz darauf an, was du mit ›das‹ meinst«, sagte er und blickte Mara seltsam an.

Mara sah drei Frauen. Sie schwebten etwa zwei Handbreit über den Bergquellen und sahen zu Mara herüber. Die linke und die rechte Frau waren in eine Art Nonnenkleid aus strahlend hellem Weiß gekleidet. Die Mittlere trug das gleiche Kleid, aber nur die linke Seite war weiß. Die rechte Hälfte war so schwarz, dass Mara fast das Gefühl hatte, hineinzufallen.

Ainpet, sprach die Erste.

Gberpet, sprach die Zweite.

Firpet, sprach die Dritte.

Und kein Laut drang über ihre Lippen.

Was mach ich denn jetzt?, dachte Mara. Soll ich antworten?

Wünsche wir kennen, sprach die Erste.

Namen wir spüren, sprach die Zweite.

Gaben wir sehen, sprach die Dritte.

Und kein Wort klang über den Weg.

Die haben mir geantwortet!, rief Mara in sich hinein. Ich hab’s gedacht und die antworten mir! Moment, dann hören die ja jetzt auch, was ich gerade denke. Mann, ist das grad wieder verwirrend …

Flüsternd wendete sie sich an den Professor. »Also, da schweben drei Frauen über den … Ach, ich Depp.« Und mit diesen Worten legte Mara dem Professor ihre Hand auf die Schulter und schloss ihn in ihre Vision mit ein.

Es kostete sie weniger Mühe als ein Wimpernschlag und Mara war klar, dass das an der geheimnisvollen Kraft aus dem Boden lag.

Gleichzeitig hörte sie den Professor erstaunt einatmen und wusste, dass er nun das Gleiche sah und hörte wie sie. Sofort fühlte sie sich sicherer und konnte nun wieder etwas klarer denken.

Warum zeigt ihr euch mir?, fragte Mara die drei schwebenden Wesen.

Nicht zeigen wir uns, sprach die Erste.

Gesehen wir werden, sprach die Zweite.

Wenn Augen gegeben, sprach die Dritte.

Und leise flüsterte nur der Fluss.

Aber bevor Mara oder der Professor irgendwelche weiteren Fragen stammeln konnten, erhoben die Frauen ihre Stimmen. Dazu streckten sie ihre Arme aus und zeigten auf den gegenüberliegenden Berg oberhalb des Hotels. Dann sprachen sie synchron, wie eine einzige Frau mit drei Kehlen.

Wo Carolus nie ward gesehn,

neun mal neun Schritte sind zu gehn,

von wo der Nornen Schatz begraben,

such Völva in der Wala Namen.

Nutze, was dir ward gegeben,

wiege mit des Wassers Streben,

willfährig wird sich’s lenken lassen,

wem gelingt danach zu fassen.


Und mit dem letzten Satz waren die drei verschwunden, hinterließen nichts als leises Plätschern und das Rauschen des Waldes.

Kapitel 5


Der Professor blinzelte und sah sich um. »Kam es mir gerade nur so vor, oder …«

»Nein, ich hab’s auch gesehen«, sagte Mara. »Die Linke und die Rechte haben mir zugelächelt.« »Nur die Mittlere nicht«, vervollständigte der Professor ihren Satz.

»Ja, komisch, oder? Was das wohl zu bedeuten hat?«

Der Professor legte die Stirn in Falten, aber seine Augen blitzten geheimnisvoll. »Tja, das fragt sich der Laie sicher an mehreren Stellen in diesem wahrlich durchgeistigten Vortrag. Aber ich bin froh und, ehrlich gesagt, auch ein bisschen stolz, dass ich zum ersten Mal in unserer gemeinsamen Zeit direkt nach der Rätselstellung eine Menge Antworten parat habe. Ja, da bist du baff, nicht wahr? Um ehrlich zu sein, ich auch. Ha!« Und damit stapfte er einfach los zurück zum Hotel. Mara konnte nichts anderes tun, als hinterher zu tappen.

Der Professor war so stolz auf das, was er aus dem Auftritt der drei geheimnisvollen Frauen kombiniert hatte, dass er diesmal extralange wartete, bis er Mara davon erzählte. Mara war allerdings entschlossen, auf keinen Fall danach zu fragen. Dazu war sie viel zu stolz! Nein, Mara konnte warten und würde ihm sicher nicht den Gefallen tun, danach zu frggnn … »RAUSDAMIT!«

Der Professor blieb stehen und blickte auf seine Uhr. »Gratuliere, das waren fast acht Minuten. Ich hatte mit maximal zweieinhalb gerechnet. Das darf belohnt werden – und zwar mit Erleuchtung.« Er lehnte sich gegen einen Baum und blickte hinunter zum Flussbett, während er sprach: »Was wir gerade gesehen haben, waren die drei Beten oder auch die drei heiligen Jungfrauen. Sie lassen sich zurückführen auf den sogenannten Matronenkult des 1. bis 3. Jahrhunderts nach Christus. Und von dort noch weiter zurück mitten hinein in die …«

»Nordisch-germanische Mythologie?«, riet Mara und verkniff sich ein Augenrollen. Da sind wir also wieder.

»Exakt. Die drei Beten sind also das vorläufige Ende einer jahrtausendealten Verehrung dieser drei Frauenfiguren. Der uralte Kult ist trotz Christentum nie wirklich verschwunden, er hat sich nur immer wieder geschickt angepasst. Noch heute finden sich darum in vielen Kirchen die sogenannten drei heiligen Jungfrauen.«

»Wieso die sogenannten?«, fragte Mara dazwischen. »Sind die jetzt heilig oder nicht?«

Der Professor grinste. »Eine sehr kluge Frage, Mara, denn hier wird es seltsam. Keine dieser heiligen Jungfrauen wurde jemals in die offizielle kirchliche Heiligenliste aufgenommen. Und doch sind Gotteshäuser nach ihnen benannt, Bilder hängen in Kirchen, wie zum Beispiel in Sankt Alto zu Leutstetten gleich um die Ecke, Kerzen werden darunter angezündet und Menschen bitten dort um Hilfe.«

»In Kirchen?«, wollte Mara wissen. »Moment mal, das eben war doch keine Kirche, sondern …«

»… sondern eine Quelle, richtig. Die Quelle der Würm, um genau zu sein. Und hier schließt sich der Kreis zu unseren alten Naturgottheiten, Mara Lorbeer, denn die Germanen und auch die Kelten beteten nicht in Kirchen oder Tempeln, sondern an besonderen Stellen mitten in der Natur! Und mal abgesehen davon, dass keine Wände drum rum sind – wenn das da oben kein Ort des Betens und der inneren Einkehr ist, was dann?«

Mara nickte. Vermutlich gab es sogar Kirchen, in denen weniger los war als dort oben an den Quellen.

»Die Fähnchen, Bändchen und all das Zeug, das sind also alles … Opfergaben? Von Leuten von heute? Für diese … diesen jahrtausendealten Kult von den drei Frauen?«

»Ganz genau. Dies ist schon seit ewigen Zeiten ein heiliger Ort und ich glaube sogar, dass die Quelle und der steile Hang die einzigen Gründe sind, warum da noch keiner eine Kirche drüber gezimmert hat. Denn eigentlich haben sich die Christen gerne solche Heiligtümer als Bauort für ihre Gotteshäuser ausgesucht.«

»Echt jetzt? Wo denn zum Beispiel?«

»Na, zum Beispiel das Bonner Münster. Direkt unter dieser Kirche fand man gleich mehrere Bildsteine mit den drei Matronen darauf. Ach, und in Weyer hat man den Altar damals direkt auf einen umgedrehten Matronenstein gestellt. Die drei Damen starrten also jahrhundertelang in den Boden hinein, während oben die Priester auf ihnen herumspazierten. Witzig, oder?«

»Geht so, und was wollten die jetzt von mir?«, fragte Mara und legte die Stirn in Falten.

Die Stimme des Professors bebte aufgeregt. »Sie wollten dir einen Tipp geben, Mara Lorbeer. Du hast doch gehört, was sie am Ende gesungen haben, oder?«

»Na ja, irgendwas mit … Caruso?«

Der Professor lachte. »Nicht Caruso, Mara, sondern Carolus. Damit ist Karl der Große gemeint. Ich hab dir doch gesagt, dass da oben die Reste einer Burg im Boden stecken, die man fälschlicherweise Karlsburg nennt. Die drei Beten haben diesen Zweifel hiermit also bestätigt: Wo Carolus nie ward gesehn – Wo Karl nie gesehen wurde. Weil er eben nie da war!«

»Aha …«, machte Mara. »Okay, und da soll ich hingehen und irgendwas suchen? Das hab ich doch richtig verstanden, oder?«

»Ganz genau. Neun mal neun Schritte wären dann ja wohl 81. Aber von wo genau? Von Wo der Nornen Schatz begraben … Ab dieser Stelle hänge ich, ehrlich gesagt, noch ein wenig in der Luft.«

Dazu konnte Mara leider auch nicht arg viel sagen. Okay, eigentlich gar nichts. Also zuckte sie einfach nur mit den Achseln und machte dazu ein entsprechendes Keine-Ahnung-Gesicht.

Der Professor seufzte. »Tja, da ich hier im Mühlthal leider nicht die nötige Fachliteratur zur Verfügung habe, werde ich wohl oder übel im Internet wühlen müssen. Wie ich das hasse …«

»Wonach genau müssen Sie denn suchen?«, fragte Mara.

»Nun, ich vermute, dass die restlichen Zeilen der Verse auf eine lokale Sage verweisen. Aber ich habe nun mal nicht alle Fantastillionen Sagen Deutschlands abrufbereit auf der Festplatte hier oben«, sagte der Professor und tippte sich an die Stirn. Dabei fiel sein Blick auf die Uhr. »Doch wie mir scheint, wird die warten müssen. In einundzwanzig Minuten beginnt nämlich unser erstes sogenanntes Seminar. Bist du fit genug für einen kleinen Dauerlauf?«

Als die beiden das Forsthaus erreichten, nahm sie eine aufgeregte Mama in Empfang. »Wo wart ihr denn? Und warum gehst du eigentlich nie an dein Handy? Es geht los, komm, komm!«

Sie schob Mara durch die Tür und in die Gaststube mit der Aufschrift »Stüberl«. Dort vor dem offenen Kamin hatte sich schon die gesamte Wicca-Gruppe versammelt und schnatterte aufgeregt durcheinander. Als Professor Weissinger etwas zögerlich das Stüberl betrat und mit seiner sonoren Stimme einen Guten Tag wünschte, richteten sich neun Augenpaare auf ihn und es wurde schlagartig ruhig. Mara fühlte sich irgendwie an einen Western erinnert. Denn da wurde es auch immer still, wenn der Held den Saloon betrat. Hätte das Forsthaus einen Pianospieler beschäftigt – er hätte jetzt aufgehört, bayerische Weisen zu klimpern.

Erst war Mara vom Effekt des Auftritts irritiert, doch dann fiel ihr etwas auf und gleichzeitig auch ein: Professor Weissinger war natürlich der einzige männliche Teilnehmer!

Nicht, dass sich die Wiccas nun auf ihn gestürzt hätten wie hungrige Hyänen, nein, der Professor wirkte eben einfach nur wie ein Fremdkörper. Mit Bart.

Mara war nach wie vor verwundert, dass seine ironisch-professorale Selbstsicherheit in letzter Zeit öfter mal verdampfte wie Husten auf einer Herdplatte. Hatte das mit der Anwesenheit von Maras Mutter zu tun? Oder mit den Wiccas generell? Sie würde ihn das nachher mal fragen müssen und wehe es war wegen Mama! Oder Gott sei Dank? Oh Mann, da war es wieder, dieses verwirrende Blöd-Gut-Gefühl …

Walburga war natürlich sofort auf Professor Weissinger zugegnubbelt und umarmte ihn fröhlich. Wobei das Wort »umarmen« nicht wirklich zutraf, denn Walburgas Arme reichten ja kaum bis über ihre mächtige Oberweite hinaus. Um nicht unhöflich zu erscheinen, beugte sich der Professor zu ihr hinunter und ließ es geschehen. Für Mara sah es aus, als würde er in Vanillepudding versinken, und sie spielte kurz mit dem Gedanken, ihm einen Rettungsring zuzuwerfen. Da erregte etwas vor dem Fenster ihre Aufmerksamkeit.

Sie blickte hinaus in den Biergarten und wurde Zeugin eines merkwürdigen Schauspiels: Auf einem der unteren Äste des alten Kastanienbaums saß ein Eichhörnchen. Das allein wäre nichts Merkwürdiges, aber die Tatsache, dass es wütend fauchte und mit den kleinen Pfötchen Drohgebärden ausführte, war nicht gerade »typisch Eichhörnchen« …

Und nun sah Mara auch, gegen wen die Aggression gerichtet war. Denn da stürzten zwei dunkle Schatten aus dem Himmel und attackierten das kleine Nagetier mit hackenden Schnäbeln und flatternden Flügeln! Zwei wirklich verdammt große Raben pickten und schlugen wie verrückt auf das Eichhörnchen ein und wechselten dabei so geschickt ihre Positionen, dass es keine Chance hatte, zu entkommen. Überall, wo es hin ausweichen wollte, war plötzlich alles voller Rabe.

Mara überlegte nicht lange. Sie rannte aus der Gaststube, griff an der Theke eines der ausgelegten Exemplare der Münchner Abendzeitung und stürzte aus der Tür auf den Baum zu.

Ohne einen wirklichen Plan wedelte sie mit der Zeitung und rief dazu: »Hah, Haah, Haah!«, um die brutalen Vögel zu vertreiben. Womit sie nicht gerechnet hatte, war, dass die drei Streithähne sofort jegliche Kampfhandlungen einstellten und stattdessen auf das Mädchen starrten, das ihnen da brüllend entgegenrannte.

Mara blieb stehen und kam sich plötzlich saublöd vor. Jetzt spürte sie auch die Blicke der Wiccas aus den Fenstern der Gaststube wie Juckpulver im Rücken. Oh Mann.


Sie ließ die Zeitung langsam sinken. Raben und Eichhörnchen saßen immer noch auf dem Ast und blickten sie stumm an. Mara hätte schwören können, dass sich die Vögel kurz ansahen und mit den Flügeln zuckten, als wären es Achseln, bevor sie wegflatterten und irgendwo über dem Haus verschwanden. Aber das Eichhörnchen toppte dies sogar, indem es den Vögeln höhnisch hinterherwinkte. Oder war das gar kein Winken, sondern eine höchst unanständige Geste, die Mara eher vom Pausenhof kannte als aus dem Wildpark?

Obwohl, so viel Unterschied ist da vielleicht gar nicht, dachte sie kurz, während das Eichhörnchen, ohne Mara eines weiteren Blickes zu würdigen, in der Krone des Baumes verschwand. Mara war fast froh, dass es sich nicht auch noch für die Rettung bedankt hatte …

Sie musterte die Zeitung in ihrer Hand und vor ihrem geistigen Auge entstand die Schlagzeile »Weltenretterin beschützt unflätiges Eichhörnchen vor Vogelattacke«.

Dann seufzte sie kurz ihr typisches Seufzen und drehte sich mit einem Ruck um. Endlich mal wieder ein peinlicher Moment. Hurra.

An den Fenstern zur Stube taten alle ganz plötzlich so, als würden sie nur die generelle Aussicht im Allgemeinen genießen. Niemand sah Mara direkt an.

Ja nee, klar. Hab ich mich also erfolgreich zum Obst gemacht, wie schön. Liegt wohl doch in der Familie, dachte sie, als sie die Klinke der Eingangstür hinunterdrückte.

Sie sammelte einen Moment lang Kraft. Nicht, um die Tür zu öffnen, sondern, um irgendwie den unausweichlichen Blicken der versammelten Wiccas standhalten zu können.

Umso erstaunter war sie, als sie die Stube betrat und, mit Ausnahme von Professor Weissinger und Mama, keiner von ihr Notiz nahm. Mama wedelte mit der Hand, um ihrer Tochter einen Platz an einem der drei Tische zuzuweisen, und der Professor sah sie einfach nur an. Zu gerne hätte sie ihm jetzt von dem seltsamen Vorfall erzählt, aber das war im Moment unmöglich. Denn vor dem Kamin stand ein Mann in Jeans und Hemd und hatte die Arme ausgebreitet. Dr. Thurisaz.

Kapitel 6


So, dann sind wir ja komplett, wunderbar.«

Schon auf dem Parkplatz hatte Mara bemerkt, wie gut dieser Mann mit seiner Stimme umzugehen wusste. Es war weniger der Klang, sondern vielmehr das, was er sagte und wie er es sagte. Dieser Mann würde einem an der Tür eine bemalte Pappscheibe als Plasmafernseher verkaufen.

Im Moment allerdings verkaufte er erst mal nichts außer sich selbst. Und das tat er ebenso perfekt.

»Liebe Seminarteilnehmerinnen und lieber Herr Teilnehmer«, sprach Thurisaz gerade und salutierte salopp zu Professor Weissinger hinüber. »Die nächsten Tage werden für Sie alle sehr ungewöhnlich. Aber mir scheint, genau deswegen sind Sie alle ja hier, nicht wahr?«

Er grinste in die Runde und Mara musste sich zusammenreißen, um nicht blöd zurückzugrinsen. Sie schaffte es gerade so.

»Nun, wie Sie meiner ausnehmend unansehnlichen Broschüre schon entnehmen konnten, geht es hier um sogenannte Rückführungen. Bitte verzeihen Sie, dass das Infoblatt so stümperhaft zusammengeschustert aussieht, aber das liegt daran, dass es stümperhaft zusammengeschustert ist. Und zwar von mir selbst.« Wieder lachte er und man musste einfach mitlachen. Mara konnte sich immerhin beim zweiten »ha« stoppen, als sie in das ausdruckslose Gesicht von Professor Weissinger sah. Er hatte sich verdammt gut im Griff und zeigte kaum eine Regung. Wow.

Dr. Thurisaz holte einen Stapel kleiner Kärtchen hervor und legte ein paar auf jeden der drei Tische. »Den Satz auf diesen Kärtchen kennen Sie vielleicht auch schon von meinem Infoblatt.«

Mara wusste genau, welchen Vers er meinte, und als sie die Worte schwarz auf weiß auf dem Kärtchen stehen sah, durchzuckte sie ein brennender Schmerz.

Nur eine Erinnerung an ihren Kampf mit dem Feuerbringer oder real?

Sie sah hinüber zu Professor Weissinger, der dummerweise am Nebentisch saß. Auch ihm war die Anspannung deutlich anzumerken. Würden sie nun endlich eine Antwort bekommen, warum diese Verse dem Feuerwesen namens Loge eine solch unglaubliche Macht verliehen?

»Ich will ehrlich zu Ihnen sein«, sagte Thurisaz. »Dieser Vers ist nicht von mir.«

»Ach was«, brummelte der Professor leise, aber hörbar unter seinem Bart hervor.

Thurisaz drehte sich zu ihm und lächelte. »Ah, ein Wagnerianer, vermute ich?«

»Nicht direkt, aber dafür reicht es«, antwortete Professor Weissinger knapp.

Thurisaz lachte. »Ich geb’s ja zu, alles nur geklaut! Wenn Sie aber jetzt die Polizei verständigen, ist das Seminar zu Ende.«

Wieder lachten die Wiccas huhnig und der Professor enthielt sich einer Antwort. Sicher nicht, weil ihm keine einfiel – ganz im Gegenteil.

»Ich bekenne mich also schuldig, verehrte Damen. Dieser Vers ist aus dem Libretto von Wagners Ring-Zyklus. Richard Wagner war nun mal der bessere Dichter von uns beiden. Und im Gegensatz zum Meister kann ich auch keine Opern komponieren, sondern nur welche quatschen.«

Netter Gag, dachte Mara, aber uns wickelst du nicht so schnell ein.

Da bemerkte sie, dass sie immer noch lachte, und klappte schnell den Mund wieder zu.

»Dieser Vers hat eigentlich nur einen einzigen Sinn: Er soll für Sie in den nächsten Tagen und vielleicht auch für längere Zeit als eine Art Mantra dienen. Nur wenn wir alle im Einklang miteinander sind, werden wir stark genug sein, um hinüberzuwechseln in die … Zwischenwelt.«

Irgendetwas an dem Wort gefiel Mara ganz und gar nicht. Anscheinend gefiel es auch Thurisaz nicht besonders. »Ja, ich weiß – das klingt ein bisschen nach Fantasykitsch von der Resterampe. Wenn Ihnen das besser gefällt, können wir es auch gerne Transit Lounge nennen. Das passt sowieso besser und ich kann es Ihnen mithilfe eines Flughafens wunderbar erklären: In der Transit Lounge warten verschiedene Flugzeuge, die jeweils einen bestimmten Abschnitt Ihres Seelenlebens anfliegen. Leider können Sie aber keine Tickets kaufen, sondern müssen in den Flieger einsteigen, dessen Gate gerade geöffnet wird, wenn Sie verstehen. Versteht das jemand nicht?«

Keiner meldete sich. Außer Professor Weissinger. Thurisaz nickte ihm höflich zu und der Professor räusperte sich erst einmal, bevor er sprach: »Verstehe ich Sie richtig? Wir sprechen diesen – nebenbei nicht ganz originalgetreuen – Wagnervers und gelangen so in eine Zwischenwelt. Dort erhalten wir Zugang zu unseren früheren Leben und können in eines dieser Leben zurückreisen.«

»Ganz genau.«

»So einfach geht das?«

»So einfach, ja.«

Der Professor war sichtlich baff. »Nun … da bin ich jetzt aber mal gespannt«, sagte er und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Mit Recht, mit Recht«, lachte Thurisaz und genehmigte sich einen Schluck stilles Wasser aus einer PET-Flasche. Dann sah er auf seine Armbanduhr und klatschte tatkräftig in die Hände. »So, wollen wir?«

Da meldete sich Walburga zu Wort. »Aber, aber … wollen wir uns denn nicht erst einmal reinigen?«

»Wenn Sie sich vorher noch einmal die Hände waschen wollen, nur zu«, antwortete Thurisaz mit freundlichem Spott und alle lachten. Außer Walburga. Und außer Professor Weissinger, natürlich.

»Aber nein, das meinte ich nicht. Ich spreche natürlich von energetischer Reinigung. Wobei es mir hier nicht um mich selbst geht, ich trage ja immer meinen Chalzedon bei mir.«

Walburga zog an einem Lederband, das sie um den Hals trug, und ein kleiner blauer Stein ploppte aus ihrem Dekolleté. »Damit kann ich negative Verwirbelungen meiner Aura ableiten«, fügte sie in Richtung des Professors hinzu.

Der rang sich ein Lächeln ab und nickte etwas zu langsam.

»Aber selbstverständlich dürfen Sie alle Vorbereitungen treffen, die Sie selbst für nötig erachten, meine Damen und der bärtige Herr«, antwortete Thurisaz, ohne mit der Wimper zu zucken. »Bitte nehmen Sie sich doch ein paar Minuten Zeit dafür, denn dann habe ich auch die Gelegenheit, vorher noch etwas … ähm … abzuleiten. Bis gleich!« Unter dem gackernden Gelächter der Wiccas drehte er sich herum und ging hinaus.

Das, was nun folgte, kannte Mara schon von anderen Treffen mit Mamas Wicca-Gruppe und darum behielt sie Professor Weissinger im Auge.

Schade, dass ich mein Handy im Zimmer hab, dachte sie. Das wäre jetzt gleich sicher ein Foto wert.

Ein paar Minuten später hätte Mara vermutlich ihre gesamte Speicherkarte vollgeknipst. Der Anblick von Professor Weissinger inmitten einer Schar von Frauen, die alle ihr ganz eigenes Auren-Hygiene-Programm absolvierten, war schlichtweg unbezahlbar.

Alle Wiccas waren sofort aufgesprungen, hatten sich in der überschaubaren Gaststube ein Plätzchen mit genug Ellbogenfreiheit gesucht und dann ging es auch schon los: Die einen prusteten mehr oder weniger rhythmisch und vollführten dabei mit ihren Armen Bewegungen, die entfernt an Kugelstoßen erinnerten. Andere drehten sich langsam im Kreis wie ein Tanzbär und hoben langsam ihre Arme.

Professor Weissinger hob nur die Augenbrauen, als Maras Mutter die Hände über den Kopf hob und dabei einen so hochfrequenten Singsang von sich gab, dass der Professor Angst um seine Brillengläser haben musste.

Da sehen Sie es, dachte Mara grimmig. Mama ist nichts für Sie. Daran hat sich Papa schon vor Jahren die Zähne ausgebissen.

Sie erinnerte sich noch gut, wie er eines Tages mit diesem großen Kopfhörer nach Hause gekommen war. Als Mama mal wieder mit ihrer täglichen Seelenhygiene begann, legte er demonstrativ eine seiner alten Schallplatten auf und hörte sie in einer ohrenbetäubenden Lautstärke. Mara kannte alle Platten von Pink Floyd so gut wie auswendig. Allerdings nur in diesem quäkenden Sound, den man vernahm, wenn jemand neben einem den Kopfhörer auf Tausend gedreht hatte. Irgendwie passte Mamas irres Gesinge auch ganz gut zu dem einen oder anderen Song der Psychedelic Band.

Als Dr. Thurisaz ein paar Minuten später zurückkam, hatten sich die Wiccas wieder einigermaßen beruhigt. Er wirkte zwar nicht direkt, als wäre er in Eile, aber sein Auftreten hatte für Mara doch etwas Drängelndes.

»So, dann nehme ich mal an, alle Auren sind gereinigt und müssen auch nicht mehr zum Trocknen rausgehängt werden? Sehr schön. Bitte nehmen Sie nun die Zettelchen mit dem Vers zur Hand und legen dann die Arme verschränkt auf den Tisch.«

Alle folgten der Anweisung, auch Mara und der Professor.

»Fein, und jetzt betten Sie bitte Ihre Häupter bequem auf die Arme. Wir wollen doch nicht, dass Sie nachher mit einer Beule aufwachen oder der eine oder andere Dickschädel vielleicht gar die hübschen Echtholztische beschädigt.«

Das ging eindeutig an den Professor, obwohl Thurisaz noch nicht einmal ansatzweise in dessen Richtung geblickt hatte. So langsam ging Mara das dauernde Gescherze doch ein wenig auf die Nerven.

Der macht hier Witze und ich hab die Götterdämmerung am Hals, dachte sie. Jetzt zeig endlich, was du draufhast.

»So, wenn jetzt alle, die Ihren Kopf nicht in Blickrichtung des Zettelchens gebettet haben, diesen kleinen Missstand noch korrigieren wollen.«

Ein paar der Wiccas kicherten peinlich berührt, unter anderem Walburga, und wendeten sich den Zetteln zu.

»Sehr gut, ich bin stolz auf Sie. Also, bitte sprechen Sie nun mit mir, und zwar so synchron wie möglich«, sagte Thurisaz und wurde dabei immer leiser.

Mara war immer noch mulmig, als sie auf den Zettel mit dem unheimlichen Vers blickte. Sie bemerkte, dass Thurisaz wieder auf seine Uhr sah und ein paar Sekunden wartete. Schließlich begann er zu sprechen und sah auffordernd in die Runde. Die Wiccas stimmten eine nach der anderen mit ein:

Hohen Mut verleiht deine Macht;

grimmig und groß wächst in dir die Kraft!

Zur leckenden Lohe dich wieder zu wandeln,

spürst du die lockende Lust …

Mara sah zum Professor und ihm war anzumerken, dass es ihm auch nicht viel besser ging.

Hohen Mut verleiht deine Macht;

grimmig und groß wächst in dir die Kraft!

Sie glaubte zu erkennen, dass er nur die Lippen bewegte und gar nicht wirklich mitsprach.

Zur leckenden Lohe dich wieder zu wandeln,

spürst du die lockende Lust …

Sie beschloss, auch nur so zu tun, als ob sie den V…

Alles war weiß.

Erstaunt sah Mara sich um. Aber egal, wohin sie blickte, die Gaststube war verschwunden, als hätte jemand einen magischen Lichtschalter bedient. Stattdessen starrte sie in milchiges Nichts.

Nebel?

Sie hob ihre Hand und sah sie klar und deutlich vor sich.

Kein Nebel.

Sie wollte ein paar Schritte gehen und stellte fest, dass es nichts gab, worauf man laufen konnte. Trotzdem bewegte sie sich … vielleicht. Oder auch nicht. Wie konnte man das schon so genau sagen, wenn man sich an nichts vorbeibewegte und auch keinen Lufthauch spürte? Ohne Bezug zu irgendwas gab es auch keine Bewegung. Oder doch?

Mara wurde schwindelig, als sie versuchte, den Gedanken zu Ende zu denken. Also blieb sie stehen oder auch nicht und sah sich noch einmal um.

Nichts.


Von wegen »Flughafen«, schimpfte sie in sich hinein, hier ist überhaupt nix, wo man einsteigen könnte. Hier ist sogar so wenig irgendwas, dass es schon wieder viel ist. Viel nix nämlich!

Mara wartete einen Moment, aber nichts änderte sich. Schließlich beschloss sie, wieder aufzuwachen. Inzwischen hatte sie ja Übung im Visionen abschalten und wusste, dass sie sich einfach nur auf das Ziel konzentrieren musste – in diesem Fall: die Eckbank im Stüberl des Forsthauses.

Mara fokussierte ihre Gedanken und schon passierte … nichts.

Verdammt, was ist denn los? Warum geht das denn jetzt nicht wie sonst?

Mara runzelte die Stirn. Doch da durchzuckte sie ein Gedanke, der ihr so gar nicht gefiel: War vielleicht etwas schiefgegangen? War sie etwa irgendwo anders gelandet?

Urplötzlich schnürte es Mara die Kehle zu und sie spürte Panik in sich aufsteigen!

Hatte Thurisaz vielleicht sogar erkannt, dass sie nur da war, um ihn auszuspionieren, und hatte sie darum hier geparkt? Verdammt, warum war sie nur so naiv gewesen!

Da bemerkte sie, wie sich etwas vor ihr im Nichts abzeichnete und langsam an Kontur gewann. Mara erkannte die Umrisse sofort wieder, denn wer sonst hatte die Form einer Socke voller Götterspeise?

Klar und deutlich schälte sich die blaugrau schillernde Geistergestalt von Walburga aus dem nebellosen Nebel.

Und schon folgten ihr auch die anderen Wiccas. Mara erkannte Mama etwas weiter weg und zu ihrem Erstaunen auch Professor Weissinger – und zwar direkt daneben.

Hey, der saß doch vorhin gar nicht direkt neben Mama, wie hat er denn das jetzt angestellt?

Doch Mara bremste sich sofort wieder, denn sie hatte jetzt wirklich wichtigere Themen als das.

Stattdessen zwang sie sich dazu, die sie umgebenden Geistergestalten genauer zu mustern, und stellte fest, dass die im Gegensatz zu ihr alle die Augen geschlossen hatten. Alle schliefen tief und fest – außer Mara.

MAMA, rief Mara und bemerkte erschrocken, dass sie keinen Ton von sich gegeben hatte!

Sie rannte zu ihrer Mutter und bewegte sich doch keinen Zentimeter vom Fleck!

MAMA, schrie Mara noch einmal und konzentrierte sich mit aller Kraft darauf, irgendwie zu ihr zu gelangen. Sie ruderte mit den Armen, strampelte mit den Füßen und brüllte tonlos wie verrückt in das Nichts hinein. Aber Mama blieb unerreichbar und reagierte nicht. Mara fühlte sich mit einem Schlag völlig hilflos. Gleichzeitig stieg eine maßlose Wut auf Thurisaz in ihr auf, wie sie es noch nie zuvor in ihrem Leben empfunden hatte.

»Du Saukerl, wenn du Mama was antust, reiß ich dir für immer das Lachen aus dem Gesicht!«, kreischte Mara wie von Sinnen und spürte nur die Schmerzen in ihrem Hals.

Doch was war das? Bei Mama tat sich wieder etwas.

Mara kniff die Augen zusammen und wischte sich hastig den Tränenschleier weg. Ja, Mama sah ganz eindeutig nicht mehr erschrocken aus, sondern … verzückt! Mama lächelte.

Erschöpft vom Wechselbad der Gefühle, sah Mara zu, wie eine Wicca nach der anderen ebenfalls zusammenzuckte und im ersten Moment aussah, als würden sie in den Schlund der Hölle blicken … doch dann entspannte sich ihr Gesichtsausdruck und zurück blieb ein seliges Lächeln. Wie es schien, sahen sie alle etwas völlig anderes als Mara. Und es sah ganz so aus, als hätte Thurisaz zumindest teilweise die Wahrheit gesagt: Alle Teilnehmer außer Mara waren eingeschlafen und stiegen nun in irgendwelche Welten, Zeiten, Träume oder Wasauchimmers ein, die ihnen offensichtlich sehr real vorkamen.

Mara blickte zum Professor und konnte dort das Gleiche beobachten: Er fuhr als Letzter erschrocken herum, hob sogar seine Fäuste, als würde er angegriffen, entspannte sich aber im nächsten Moment, ließ die Hände sinken und sah sich dann um, als würde er irgendein Alpenpanorama bestaunen.

Auch alle anderen Wiccas verhielten sich so, als wären sie in einer anderen Welt, wo man sah, hörte, roch und schmeckte. Nur Mara blieb im Nirgendwo.

Also gut, anscheinend verlief bei den anderen wohl alles nach Plan – nur eben bei ihr nicht. Typisch. Was sahen die anderen alle, was Mara nicht sah? Und warum sahen alle etwas und nur sie selbst nicht? Wer war denn hier eigentlich die Seherin, verdammt!

Sie wollte gerade versuchen, sich hinzusetzen und einfach zu warten, bis sie alle wieder aufwachten, als schon wieder etwas Unvorhergesehenes passierte: Alle, außer Mara, begannen, langsam nach oben wegzuschweben.

Nein, Moment, ganz im Gegenteil – Mara sank! Etwas zog sie nach unten … und sie wurde immer schneller!

»Stopp! Lass mich los!«, brüllte Mara, strampelte mit den Füßen, als würde sie jemanden abschütteln, und ruderte mit den Armen, um sich irgendwo festzuhalten. Aber nichts war zu treten, nichts zu greifen. Mara sank weiter und konnte nur hilflos zusehen, wie sich Mama, der Professor und die Wiccas in rasender Geschwindigkeit von ihr entfernten. Schon sah sie nicht viel mehr von ihnen als kleine Punkte im nebligen Weiß und dann auch schon nichts mehr außer ihren eigenen, nach oben gereckten Händen.

Ein Aufschlag nahm Mara die Luft zum Atmen und das Hirn zum Denken.

Kapitel 7


Mara atmete scharf ein und musste sofort husten. Mund und Hals fühlten sich an wie nach einem Glas Mehl. Sie tastete mit den Händen über den Boden und spürte feinen Staub. Weiter hustend öffnete Mara die Augen, rappelte sich auf und stellte fest, dass sie aussah, als hätte man sie durch einen Kamin gezogen.

Mara stand in einer Wüste aus feinster Asche und vor ihr war nichts zu sehen außer einer grauschwarzen Düne nach der anderen. Nur da, wo sie gelegen hatte, zeichnete sich ihre Form ab wie ein Schnee-Engel.

Maras Atem beschleunigte sich, als das beklemmende Gefühl der Angst wieder nach ihrem Hals griff …

Nein, ganz ruhig jetzt, dachte Mara, nicht wieder durchdrehen. Das hat vorhin nicht geholfen und wird jetzt auch nichts bringen! Reiß dich zusammen, du Seherin!

Sie zwang sich, die Augen noch einmal zu schließen, und atmete dann so langsam, wie sie konnte, durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus. Immer wieder.

Ruhig bleiben … ganz ruhig …

Mara spürte, wie sich ihr Herz beruhigte und der Körper entkrampfte. Schließlich atmete sie auch wieder halbwegs normal und hörte auf, die Luft geräuschvoll durch die Nase zu ziehen.

Okay, also dann. Versuchen wir es noch mal, dachte sie und konzentrierte sich auf die Stube im Forsthaus. Wieder geschah nichts.

Verdammt.

Mara öffnete die Augen und erschrak so sehr, dass sie laut aufschrie, ihre Beine einknickten wie Pudding und sie hart zu Boden fiel.

Über ihr thronte auf einem fürchterlich dürren, aschfahlen Körper, der nur zum Teil von einer schwarzen Tunika bedeckt war, der Kopf eines Geschöpfes, wie es Mara noch nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen begegnet war!

Die Gestalt hatte kein Gesicht, keine Augen, keine Nase, keine Ohren und war völlig kahl. Nur an der Stelle, wo beim Menschen der Mund war, öffnete sich nun ein breiter Schlitz mit rasiermesserscharfen Zähnen. Dahinter lauerte eine blutrote Zunge wie eine Gefangene, bereit zum Ausbruch.

Panisch zitternd robbte Mara wie ein Krebs rückwärts über den Ascheboden, aber die Gestalt folgte ihr mühelos, ohne dabei den Boden zu berühren. Dann sprach sie und Maras Blut gefror …

Hör die Rede, Kind Heimdalls, befolge den Rat!

Gut ist dran getan, gehst du hier nicht fehl.

Im Totenreich bist du, der Taten genug,

keine Schlachten sind nun mehr zu schlagen.

Mara vernahm die zischelnde, heisere Stimme sowohl über die Ohren als auch direkt im Kopf. Sie kannte diesen Effekt, denn alle übernatürlichen oder götterartigen Wesen konnten auf diese Weise zu ihr sprechen.

Da das Geschöpf zu ihr sprach und nicht kreischend über sie herfiel, beruhigte Mara sich zumindest so weit, dass sie wieder ein paar klare Gedanken fassen konnte. Man hatte sie in den letzten Tagen schon mit so vielen seltsamen Bezeichnungen angesprochen, dass sie sich über das »Kind Heimdalls« schon gar nicht mehr wunderte. Außerdem gab es da noch ein paar deutlich beunruhigendere Details: Sie war also in einem Totenreich und das Monster dachte anscheinend, Mara wäre tot.

Mara fühlte sich aber nach wie vor sehr lebendig, nahm darum all ihren Mut zusammen, räusperte sich und sprach: »Also … ich glaube, da muss irgendwas schiefgelaufen sein, denn ich bin gar nicht tot und …«

Doch schon wurde sie rüde unterbrochen, als hätte ihr die Gestalt gar nicht zugehört.

Hör die Rede, Kind Heimdalls, befolge den Rat!

Gut ist dran getan, gehst du hier nicht fehl.

Befolge die Weisung, wisse, von wem sie gesprochen,

die Hel bin ich und Herrin der Toten.

Hel, Hel … wo hab ich das schon mal gehört? Maras Gedanken rasten. Denk nach, Mara, denk, denk …

Und da fiel es ihr siedendheiß ein. »Hel, natürlich, die Herrscherin des Totenreichs! Du bist Lokis Tochter!« Mara schluckte, als sie bemerkte, dass sie gerade die Herrscherin der nordisch-germanischen Hölle geduzt hatte. »Ähm, ich meine natürlich Sie sind … Ihr seid? … Entschuldigung? … Also, ich bin gar nicht tot, sondern nur zufällig hier gelandet, irgendwie. Ach ja, und ich kenne Euren Vater und er kennt mich! Ich hab ihm sogar geholfen, als …«

Mara erschrak, als die Hel nun ohne Versmaß zu ihr sprach und es klang, als würde sie innerlich glühen vor Wut. »Du wagst, Menschlein, Worte der Lüge? Zerreißen will ich dich, zu strafen die zischelnde Zunge!« Dazu streckte sie ihre knochigen Krallen nach Mara aus und bleckte fauchend die nadelspitzen Zähne.


Mara wusste, dass es überhaupt keinen Sinn machen würde, wegzulaufen. »Verehrte Hel, bitte glauben Sie mir! Ich bin nicht tot!«, rief Mara. »Und ich kenne wirklich Euren Vater! Ich war bei Loki in der Höhle! Es geht ihm gut!« Sie hielt inne. So konnte man das ja auch wieder nicht sagen. »Okay, natürlich ist er immer noch gefesselt, aber sonst geht es ihm … na ja, da ist natürlich immer noch die Schlange, die auf ihn runtersabbert, aber von der jetzt mal abgesehen, geht es ihm … ich meine, es tut natürlich immer noch schlimm weh, wenn sich der Speichel durch ihn durchfrisst, und dann schreit er auch immer furchtbar doll … aber … ansonsten geht es ihm echt gut … den Umständen entsprechend. Er hat sogar einen Arm befreit und ich hab ihm auch Sigyn zurückgebracht, damit sie wieder die Schale … halten … kann … Hallo?«

Schneller als ein Gedanke packte die Hel Mara am Kragen und zog sie so nah an sich heran, dass Mara den fauligen Atem spürte. »Strafen will ich die Lügen, die dreisten – und laben will ich mich an jungfrischem Blut! Noch toter als tot bist du, wenn die Todesgöttin dich verzehrt!«

»Nein! Bitte nicht! Hilfe!«, schrie Mara. Panisch trat sie nun um sich, versuchte, den Griff der Hel zu lockern, und schlug wie von Sinnen auf die Todesgöttin ein.

Doch die schien das gar nicht zu bemerken und riss stattdessen ihr Maul weit auf. Mara starrte in einen tiefschwarzen Schlund, der nichts anderes bedeutete als das sichere, absolute, endgültige Ende. Ein Ende weit, weit schlimmer als der Tod …

Gleißendes Licht blendete sie beide. Mara riss schützend die Arme vors Gesicht, hörte noch, wie die Hel wütend fauchte, und wurde auch schon davongeschleudert wie ein lästiges Bündel. Ungelenk landete Mara ein paar Meter weiter im Staub und ihr Gesicht grub sich durch die Asche wie ein Schneepflug. Wer auch immer gerade das Licht angemacht hatte – dieser jemand hatte sie gerettet. Zumindest für den Moment.

Hustend und spuckend hob Mara den Kopf und wischte sich hektisch die Augen. Zwischen ihr und der Todesgöttin stand ein Mann und leuchtete wie eine Sonne. Außerdem hatte er die Arme ausgebreitet und hielt die Hel damit auf Abstand. Dann sprach er in einem ähnlichen Vers wie vorhin die Todesgöttin.

Ich fordere, Hel, hör an meine Frage!

Musst Antwort mir geben, denn Gott bin ich noch.

Ist so groß deine Angst, vor diesem Mädchen,

du das Leben ihr nimmst und dazu noch den Tod?

Einen Moment lang sah es so aus, als würde sich die Hel einen feuchten Dreck darum scheren, was der Lichtmann sagte. Aber dann ließ sie die Krallen sinken.

Mara atmete auf. Doch der bösartige Sarkasmus der Hel verhieß nichts Gutes. »Wie könnt ich dem Balder widerstehen, dessen Untergang die ganze Welt beweinte? Oder soll ich sagen, fast die ganze Welt?«

Mara schluckte. Der Sonnenmann war also tatsächlich Balder? Der Gott? Professor Weissinger hatte ihr erzählt, dass Loki schuld war an dessen Tod und sogar dafür gesorgt hatte, dass Balder nicht wieder aus dem Totenreich zurückkehren konnte! Da war er aber bestimmt mächtig sauer auf Loki und vielleicht war es gar keine so gute Idee, ihm von ihrem Treffen mit dem Halbgott zu erzählen …

Aber wie es schien, hatte Balder etwas mit Loki gemeinsam. Er hatte hier unten im Totenreich die Jahrhunderte überdauert, ganz genauso wie sein Widersacher Loki in der Höhle am Rande der Zeit! War Balder vielleicht sogar Maras geheimnisvoller Auftraggeber und schützte sie deswegen vor der Hel?

Mara schob ihre Gedanken beiseite. Sie musste sich konzentrieren und weiter zuhören. Denn schließlich diskutierte man gerade ihr Überleben.

»Ja, es stimmt, einer der Asen bist du und immer noch mächtig«, sprach die Todesgöttin gerade. »Und doch bewegt deine Macht jenseits dieser Aschehügel nicht mehr als ein letztes Lüftchen aus dem Arsch eines sterbenden Greises.«

Mara musste unwillkürlich an die Jungs in ihrer Klasse denken, die immer sofort loskicherten, wenn irgendwas auch nur entfernt nach »Pipikacka« klang. Allerdings bezweifelte sie sehr, dass sie auch hier gelacht hätten.

»Ich weiß, dass ich hier nicht viel vermag, verehrte Hel, und dankbar bin ich für deine Gastfreundschaft«, erwiderte Balder und lächelte.

Mara wusste nicht, ob er das ernst meinte. Zumindest hatte er nicht ironisch geklungen.

Da wendete sich der leuchtende Gott an Mara und fragte mit seiner samtweichen Stimme: »Also, sprich selbst, Kind. Wer bist du und wie kamst du hierher?«

Mara war ein wenig davon überrumpelt, dass nun nicht mehr über sie, sondern mit ihr gesprochen wurde, hatte sich aber schnell wieder im Griff. »Mein Name ist Mara Lorbeer und ich bin eine Spákona. Lok… lockerer nennt man mich auch gerne Litilvölva.«

Sie hatte sich gerade entschieden, dass es vielleicht doch eine saudumme Idee war, in Balders Gegenwart von Loki zu sprechen. Der Gott hatte wohl nichts bemerkt, verzog keine Miene und wartete darauf, dass sie weitersprach.

»Ähm, ich weiß nicht genau, wie ich hierherkam. Auf jeden Fall war ich gerade eben noch in einem milchig weißen Nichts irgendwo da oben. Ich wollte weg, aber es klappte nicht. Dann hat mich irgendwas plötzlich hinuntergezogen und darum bin ich da drüben gelandet, wo man noch meinen Abdruck sieht.« Mara hatte absichtlich verschwiegen, dass irgendwo da oben noch andere im Nebeldings hingen. Man konnte ja nie wissen.

Balder nickte Mara überraschend freundlich zu und drehte sich dann lächelnd um zur Hel. »Siehst du, meine teure Aschekönigin? Das ist des Rätsels Lösung. Sie ist eine kleine Völva und darum konnte sie sehen in den weißen Nebeln. Zudem kennt sie noch ihren Namen, hat also auch ihr Leben nicht zurückgelassen in den Hvitmyrkr.«

Dieses seltsame Wort klang für Mara wie ein Schreibfehler, aber sie konnte sich zusammenreimen, dass damit wohl das seltsame weiße Nichts gemeint war.

Die Todesgöttin hatte nicht geantwortet. Ihr ausdrucksstarkes Schweigen gefiel Mara allerdings noch weniger.

Dafür trat Balder jetzt ganz nah an die Hel heran. »Du kennst die Regeln, Herrin der Asche. Jeder Sterbliche ist dein, den der Strohtod ereilt. Und jeder auf dem Feld Gefallene ist ebenfalls dein, wenn die valkyrjar ihn nicht wählen für Odins Heer. Was jedoch nicht dein ist, sind die Lebenden.«

Gespannt wartete Mara, was die Todesgöttin sagen würde. Womit sie nicht gerechnet hatte, war, dass die Hel so plötzlich neben ihr stand, als wäre sie die ganze Zeit nirgendwo anders gewesen. Bevor Mara irgendetwas tun konnte, hatte die Todesgöttin schon ihren Arm gepackt und die Handfläche grob nach oben gedreht. Fast gleichzeitig spürte Mara einen brennenden Schmerz und starrte schockiert auf eine tiefe, ringförmige Wunde an ihrem Unterarm. Blut quoll daraus hervor und sie biss die Zähne zusammen, um nicht zu schreien. Diesen Triumph wollte sie der Hel auf keinen Fall gönnen.

»Das Mal Draupnirs«, hörte sie den Lichtgott sagen.

Auch er stand nun neben ihr und blickte auf die Wunde. Ohne ein weiteres Wort ergriff auch er Maras Arm, aber er tat es so sanft, dass sie gar nicht auf die Idee kam, sich zu wehren.

Balder umschloss die blutende Stelle mit beiden Händen und schloss seine Augen. Auch Mara musste die Augen schließen, als seine Hände in einem solch hellen Licht erstrahlten, dass sie es sogar durch die geschlossenen Lider hindurch sehen konnte.

Als das Licht wieder schwächer wurde, ließ Balder Maras Arm los. Die Wunde war geschlossen und vernarbt. Auch der Schmerz war verschwunden und die Stelle sah nun so aus, als hätte sich Mara vor Jahren einmal bei irgendeinem Unfall verletzt. Der einzige Unterschied war, dass die Narbe nicht rötlich war, sondern tiefschwarz.

»Danke«, flüsterte Mara und der Lichtgott strich ihr beruhigend über die Schulter, bevor er sich wieder der Hel zuwendete. »Das Mal Draupnirs ist nicht leichtfertig zu vergeben. Was bezweckst du damit, Schlangenschwester?«

Anstelle einer Antwort streckte die Hel nur ihre Hand aus. Eine Aschewolke schwebte vom Boden hinauf und sammelte sich auf ihrer Handfläche. Sie schloss die krallenartigen Finger und presste sie kurz zusammen. Mara glaubte, ein leises Knirschen zu hören. Und obwohl es nicht so aussah, als müsse die Hel sich sonderlich anstrengen, wusste sie doch, was für eine unfassbare Kraft hier gerade am Werk war. Als die Todesgöttin die Hand wieder öffnete, war die Asche verschwunden. Stattdessen lag dort ein schwarz glänzender Edelstein.

Mit einem Gesichtsausdruck, der vielleicht ein Grinsen sein sollte, hielt die Hel Mara den Edelstein entgegen. »Überbringe das dem Loki, meinem Vater, wenn du vermagst.«

Bei der Erwähnung von Loki schielte Mara vorsichtig zu Balder hinüber, doch der blieb regungslos.

Vorsichtig nahm sie den schwarzen Stein aus der Hand der Hel. Er war so groß, dass sie ihn gerade so mit ihrer Hand umschließen konnte, aber klein genug, um ihn in die Hosentasche zu stopfen. Genau das tat Mara nun auch und zwar genauso beiläufig, als würde sie ein Päckchen Kaugummi einstecken. Die sollte jetzt bloß nicht denken, dass sie beeindruckt war von diesem Kunststückchen.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
342 s. 37 illüstrasyon
ISBN:
9783964260420
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar