Kitabı oku: «Die Tochter des Bildhauers»
Tove Jansson
Die TOCHTER
des BILDHAUERS
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer

INHALT
Das goldene Kalb
Das Dunkel
Der Stein
Feste
Anna
Der Eisberg
Die Meeresbuchten
Das Seerecht
Albert
Hochwasser
Jeremiah
Theater
Haustiere und Frauenzimmer
Die Tante, die eine Idee hatte
Der Tüllrock
Der Schnee
Röteln
Die Kunst des Fliegens
Weihnachten
DAS GOLDENE KALB
Mein Großvater war Pfarrer. Er pflegte vor dem König zu predigen. Einst, bevor seine Kinder, Kindeskinder und die Kinder der Kindeskinder die Erde bevölkerten, kam Großvater an eine lange grüne Wiese, die war von Wäldern und Bergen gesäumt und erinnerte an das Tal im Paradies. Am unteren Ende öffnete sich die Wiese zu einer Meeresbucht hin, in der Großvaters Nachkommen dereinst würden baden können. Da dachte Großvater, hier werde ich wohnen und mich vermehren, denn dies ist wirklich das Land Kanaan.
Dann bauten Großvater und Großmutter ein großes Haus mit einem Mansardendach und einer Menge Zimmer und Treppen und Terrassen und einer gewaltigen Veranda und stellten drinnen und draußen weiß gestrichene Holzmöbel auf, und als das erledigt war, begann Großvater zu pflanzen. Und alles, was er pflanzte, schlug Wurzeln und vermehrte sich, sowohl Blumen als auch Bäume, bis die Wiese in einen himmlischen Lustgarten verwandelt war, den Großvater mit seinem großen schwarzen Bart zu durchwandeln pflegte. Kaum zeigte er mit seinem Stock auf eine Pflanze, da war sie schon gesegnet und wuchs, dass es nur so krachte.
Das ganze Haus war von Geißblatt und wildem Wein bewachsen, und die Veranda hatte Wände aus lauter kleinen Rosen, die klettern konnten. Auf der Veranda saß Großmutter in einem hellgrauen Seidenkleid und erzog ihre Kinder. Sie wurde von so zahlreichen Bienen und Hummeln umsummt, dass es klang wie sehr leise Orgelmusik. Tagsüber schien die Sonne, nachts regnete es, und im Steingarten wohnte ein Engel, den man nicht stören durfte.
Der Engel wohnte immer noch dort, als Mama und ich angereist kamen und ins Westzimmer einzogen. Das Westzimmer hatte ebenfalls weiße Möbel, an den Wänden hingen ruhige Bilder, aber Skulpturen gab es keine.
Ich war ein Enkelkind. Karin war ebenfalls ein Enkelkind, allerdings hatte sie lockige Haare und sehr große Augen. Sie und ich spielten draußen auf der Wiese die Kinder Israels.
Gott wohnte auf dem Berg oberhalb des Steingartens, dort oben lag ein Sumpf, der war verboten. Bei Sonnenuntergang begann Gott sich auszubreiten, er ruhte wie ein Nebelschleier über dem Haus und der Wiese. Er konnte sich dünn machen und überall hineinkriechen, um nachzusehen, was man gerade anstellte, und manchmal war er auch nur ein großes Auge. Im Übrigen sah er ähnlich aus wie Großvater.
Karin und ich murrten in der Wüste und waren unentwegt ungehorsam, da Gott den Sündern so gerne vergibt. Gott verbot uns, unter dem Goldregenbusch Manna zu sammeln, aber wir sammelten trotzdem. Da schickte er Würmer aus der Erde, die das Manna auffraßen. Aber wir ließen uns nicht beirren, sondern waren weiterhin ungehorsam und murrten. Irgendwann würde er uns so sehr zürnen, dass er sich zeigte, darauf warteten wir die ganze Zeit. Der Gedanke war ungeheuerlich. Wir konnten an nichts anderes denken als an Gott. Wir brachten ihm Opfer dar, Heidelbeeren, Paradiesäpfel, Blumen und Milch, manchmal erhielt er auch ein kleines Brandopfer. Wir sangen ihm vor und baten ihn immer wieder darum, uns ein Zeichen zu geben, dass er sich für das, was wir taten, interessierte.
Und eines Morgens kam Karin und sagte, jetzt habe sie das Zeichen erhalten. Gott habe eine Goldammer in ihr Zimmer geschickt, und die habe sich auf das Bild mit Jesus, der auf dem Wasser geht, gesetzt und dreimal genickt.
»Wahrlich, wahrlich, ich sage dir«, sagte Karin. »Die Auserwählte ist noch stets zu Ehren gekommen.«
Sie zog ein weißes Kleid an und ging den ganzen Tag mit Rosen im Haar umher, sang Lobgesänge und benahm sich unnatürlich. Sie war schöner denn je, und ich hasste sie. Mein Fenster war ebenfalls offen gewesen. In meinem Zimmer hing ein Bild mit dem Schutzengel am Abgrund. Ich hatte Gott genauso viele Brandopfer gebracht und noch viel mehr Heidelbeeren gepflückt. Und was das Murren anbetraf, war ich mindestens so ungehorsam gewesen wie Karin, um die himmlische Vergebung zu erlangen.
Bei der Morgenandacht auf der Veranda machte Karin ein Gesicht, als würde Großvater nur für sie predigen. Sie nickte sachte mit nachdenklicher Miene. Sie faltete die Hände, lange bevor das Vaterunser an der Reihe war. Beim Singen hielt sie den Blick beharrlich an die Decke gerichtet. Nach dieser Sache mit der Goldammer gehörte Gott ausschließlich ihr.
Wir sprachen nicht mehr miteinander, und ich gab sowohl das Murren als auch das Opfern auf und war so eifersüchtig, dass mir schlecht wurde.
Eines Tages reihte Karin sämtliche Cousinen auf der Wiese auf, selbst die Kleinen, die noch nicht sprechen konnten, und hielt eine Bibelstunde für sie ab.
Da begann ich das goldene Kalb zu errichten.
In seiner Jugend, als Großvater vom allerheftigsten Pflanzfieber gepackt gewesen war, hatte er am untersten Ende der Wiese einen Kreis aus Tannen gepflanzt, da er dort eine Laube zum Kaffeetrinken haben wollte. Die Tannen wuchsen und wuchsen, sie wurden zu gewaltigen schwarzen Bäumen, deren Zweige durcheinander wucherten. In der Laube war es ganz dunkel, alle Nadeln fielen ab und blieben auf der nackten Erde liegen, da sie nie genügend Sonne bekamen. Niemand wollte mehr in der Tannenlaube Kaffee trinken, man setzte sich lieber unter den Goldregen oder auf die Veranda.
Ich errichtete mein goldenes Kalb in der Tannenlaube, weil es ein heidnischer Ort war und weil eine kreisförmige Umgebung sich immer gut für Skulpturen eignet. Es war sehr schwierig, die Beine des Kalbes zum Stehen zu bringen, aber schließlich klappte es, und ich nagelte sie sicherheitshalber am Sockel fest. Manchmal legte ich eine Pause ein und horchte, ob ich das erste Grollen von Gottes Zorn hörte. Vorläufig äußerte er sich jedoch nicht. Dafür schaute aber sein großes Auge durch das Loch zwischen den Tannenwipfeln geradewegs in die Tannenlaube herab. Endlich hatte ich sein Interesse geweckt.
Der Kopf des Kalbes wurde sehr gut. Ich arbeitete mit Blechdosen und Lumpen und einem alten Muff und band alles mit Schnüren zusammen. Wenn man ein paar Schritte zurücktrat und die Augen zukniff, schimmerte die Skulptur im Tannendunkel tatsächlich schwach golden, besonders um das Maul herum.
Mein Interesse an der Sache wuchs, und ich begann immer mehr an das goldene Kalb zu denken und immer weniger an Gott. Es wurde ein sehr gelungenes goldenes Kalb. Schließlich umgab ich es mit einem Kreis aus Steinen und sammelte dürre Zweige für ein Brandopfer.
Erst als das Brandopfer zum Anzünden bereit war, kam die Angst wieder angeschlichen, und ich blieb regungslos stehen und horchte.
Gott verhielt sich ganz still. Vielleicht wartete er darauf, dass ich die Streichhölzer hervorholen würde. Er wollte sehen, ob ich tatsächlich das Unerhörte wagen würde – ob ich dem goldenen Kalb opfern und ihm anschließend sogar noch vortanzen würde. Dann würde er in einer Wolke aus Blitzen und Strafen von seinem Berg herabkommen und zeigen, dass er meine Existenz zur Kenntnis genommen hatte. Dann könnte Karin mit ihrer ollen Goldammer und ihrer Heiligkeit und ihren Heidelbeeren einpacken!
Ich stand da und horchte und horchte, und das Schweigen wuchs, bis es unermesslich wurde. Alles horchte. Es war spät am Nachmittag, durch die Tannenhecke drang ein schwaches Licht und färbte die Zweige rot. Das goldene Kalb sah mich an und wartete, meine Beine kribbelten. Ich ging rückwärts auf die Öffnung zwischen den Tannen zu und ließ das goldene Kalb dabei nicht aus den Augen, ringsum wurde es heller und wärmer, und ich dachte, ich hätte es signieren können, auf dem Sockel. Draußen stand Großmutter, sie trug das schöne graue Seidenkleid, und ihr Mittelscheitel war so gerade wie der eines Engels.
»Na, was hast du denn gespielt?«, fragte sie und ging an mir vorbei. Sie blieb stehen, musterte das goldene Kalb und schmunzelte. Dann zog sie mich an sich, drückte mich zerstreut an die kühle Seide und sagte: »Sieh mal an, was du da gemacht hast. Ein kleines Lamm. Gottes kleines Lamm.«
Ich blieb stehen, meine Augen brannten heiß, aus allem fiel der Boden heraus, Gott zog sich wieder auf seinen Berg zurück und beruhigte sich. Sie hatte nicht einmal gesehen, dass es ein Kalb war! Ein Lamm, welch eine Schmach! Es erinnerte überhaupt nicht an ein Lamm, keine Spur! Ich stand lange da und sah mein Kalb an. Und Großmutters Kritik entkleidete es allen Goldes, und die Beine waren falsch, und der Kopf war falsch, alles war falsch, und wenn es überhaupt an etwas erinnerte, dann vielleicht an ein Lamm. Das Kalb war nicht gut. Es hatte nichts mit Skulptur zu tun.
Ich begab mich in die Abstellkammer für alles Mögliche, wo ich sehr lange sitzen blieb und nachdachte. Ich fand einen Sack. Den zog ich an, und dann begab ich mich auf die Wiese hinaus und rutschte mit gekrümmten Knien und zerrauften Haaren vor Karin herum.
»Was ist denn das?«, fragte Karin.
Da antwortete ich: »Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, ich bin ein großer Sünder.«
»Oh«, sagte Karin. Ich sah, dass sie beeindruckt war.
Ab da waren wir wieder normal und lagen unter dem Goldregen und flüsterten über Gott. Großvater wandelte umher und brachte alles zum Wachsen, und der Engel wohnte immer noch im Steingarten, als ob überhaupt nichts geschehen wäre.
DAS DUNKEL
Hinter der russischen Kirche gibt es einen Abgrund. Das Moos und die Abfälle sind glitschig, tief unten leuchten gezackte Konservendosen. Im Laufe von Jahrhunderten sind sie in immer höheren Stapeln an der Wand eines dunkelroten, langen Gebäudes ohne Fenster hochgewachsen. Das rote Gebäude kriecht um den Berg herum, und die Tatsache, dass es keine Fenster hat, ist sehr bedeutungsvoll. Hinter diesem Haus liegt der Hafen, ein stiller Hafen ohne Schiffe. Die kleine Holztür im Fels unterhalb der Kirche ist stets verschlossen.
»Du musst die Luft anhalten, wenn du an der Tür vorbeirennst«, sagte ich zu Poju. »Sonst kommt die Fäulnis heraus und holt dich.« Poju hat andauernd Schnupfen. Er kann Klavier spielen und hält immer die Hände vor sich ausgestreckt, als fürchtete er sich davor, angegriffen zu werden, oder als wollte er sich entschuldigen. Ich mache ihm Angst, und er läuft stets hinter mir her, damit ich ihm Angst machen kann.
Bei Einbruch der Dämmerung beginnt ein großes graues Wesen vom Meer hinterm Hafen heranzukriechen. Das Wesen hat kein Gesicht, dafür aber sehr deutliche Hände, mit denen es eine Insel nach der anderen bedeckt, während es vorankriecht. Wenn keine Inseln mehr da sind, streckt es den Arm übers Wasser, einen sehr langen Arm, der leicht zittert, und beginnt nach Skatudden zu tasten. Die Finger erreichen die russische Kirche und berühren den Berg – oh! Eine große graue Hand! Ich weiß genau, was das Unheimlichste von allem ist. Das ist die Schlittschuhbahn. An meinem Pullover ist ein sechseckiges Schlittschuhabzeichen festgenäht. Der Schlittschuhschlüssel hängt mir an einem Schnürsenkel um den Hals. Wenn man sich aufs Eis hinunterbegibt, merkt man, dass die Eisbahn nur ein kleines Armband aus Licht weit draußen in der Dunkelheit ist. Der Hafen ist ein Meer aus blauem Schnee, Einsamkeit und melancholischer frischer Luft.
Poju kann nicht Schlittschuhlaufen, seine Füße knicken nämlich unter ihm ein, ich dagegen muss aufs Eis. Hinter der Bahn lauert das graue kriechende Wesen, und die ganze Bahn ist von einem Ring aus schwarzem Wasser eingefasst. Manchmal beginnt das Wasser am Eisrand zu atmen, es bewegt sich sacht, ab und zu steigt es in einem Seufzer hoch und überflutet das Eis. Wenn man sich erst einmal auf die Schlittschuhbahn hineingerettet hat, ist es nicht mehr gefährlich, aber melancholisch wird man trotzdem.
Hunderte von schwarzen Menschen fahren im Kreis herum, alle in dieselbe Richtung, entschlossen und sinnlos, und in der Mitte sitzen zwei frierende Männer unter einer Plane und machen Musik. Sie spielen »Ramona« und »Wenn meine Alte da ist, bleib ich weg«. Es ist kalt. Die Nase läuft, und wenn man sie abwischt, entstehen Eiszapfen an den Handschuhen. Die Schlittschuhe müssen am Absatz festgemacht werden. Im Absatz ist eine Mulde aus Eisen, und die ist jedes Mal voller Steinchen, die ich mit dem Schlittschuhschlüssel herauspule. Dann sind da die steifen Riemen, die in ihre Löcher hineinsollen. Und dann fahre ich mit den anderen im Kreis herum, weil es gesund ist, an der frischen Luft zu sein und weil das Schlittschuhabzeichen sehr teuer war. Hier ist niemand, dem man Angst machen kann, alle fahren schneller, knirschend und quietschend fahren fremde Schatten an einem vorbei. Die Lampen schaukeln im Wind. Wenn sie ausgingen, würden wir im Dunkeln weiterfahren, immer im Kreis herum, und die Musik würde weiterspielen, und allmählich würde die Eisrinne ringsum breiter werden, sie würde heftiger klaffen und atmen, und der ganze Hafen würde zu einem schwarzen Wasser werden mit einer einsamen Insel aus Eis in der Mitte, auf der wir weiterfahren würden, in alle Ewigkeit, Amen. Ramona ist bildschön, bleich wie die Donnerbraut, und hat Jugendverbot. Aber die Donnerbraut habe ich im Wachsfigurenkabinett gesehen. Papa und ich, wir lieben Wachsfigurenkabinette. Die Donnerbraut wurde ausgerechnet in dem Augenblick vom Blitz erschlagen, als sie heiraten sollte. Der Blitz schlug in ihren Myrtenkranz ein und fuhr zu ihren Füßen wieder hinaus. Daher steht die Donnerbraut auch barfuß da, an ihren Fußsohlen kann man deutlich eine Menge gezackter Linien erkennen, wo der Blitz wieder hinausfuhr.
In einem Wachsfigurenkabinett wird einem vor Augen geführt, wie leicht es ist, Menschen kaputt zu machen. Sie können zermalmt, auseinandergerissen und in Stücke gesägt werden. Davor ist niemand sicher, und daher ist es auch so wichtig, dass man rechtzeitig ein Versteck findet.
Ich sang Poju immer wieder das Trauerlied vor. Er hielt sich die Ohren zu, hörte es aber dennoch. Das Leben ist eine Insel der Trauer, mitten im Leben berührt uns der Todesschauer, und übrig bleibt nur Staub! Die Schlittschuhbahn war die Insel der Trauer. Wir lagen unterm Esstisch und zeichneten sie auf. Poju nahm zum Zeichnen ein Lineal und einen zu harten Bleistift, er zeichnete jedes einzelne Brett im Bretterzaun und sämtliche Lampen. Ich selbst zeichnete immer mit einem 4 B und ausschließlich schwarz – die Dunkelheit auf dem Eis oder die Eisrinne oder tausend schwarze Menschen, die auf knirschenden Schlittschuhen im Kreis herumflohen. Poju begriff nicht, was ich zeichnete, und da nahm ich einen Rotstift und flüsterte: »Blutspuren! Das ganze Eis ist voller Blutspuren!« Und Poju schrie, während ich die Grausamkeit auf das Papier bannte, um zu verhindern, dass sie an mich herankam.
Eines Sonntags brachte ich ihm bei, wie er sich vor den Schlangen retten konnte, die in dem großen Plüschteppich in Pojus Wohnung verborgen waren. Man musste dabei vor allem beachten, dass man nur die hellen Streifen betreten durfte, alle Farben, die hell waren. Wer danebentrat, ins Braune, war verloren. Dort unten wimmelte es von Schlangen, das ließ sich gar nicht beschreiben, das musste man sich ausmalen. Jeder musste sich seine eigenen Schlangen ausmalen, da die des anderen niemals so schrecklich werden konnten.
Poju balancierte mit winzigen Schritten und ausgestreckten Händen über den Teppich, und sein großes feuchtes Taschentuch flatterte kläglich in der einen Hand.
»Jetzt wird’s schmal«, sagte ich. »Pass jetzt gut auf und versuch, auf diese helle Blume in der Mitte zu hüpfen!«
Die Blume befand sich schräg hinter ihm, vorher lief das Muster in einer dünnen Schlinge aus. Poju versuchte verzweifelt, das Gleichgewicht zu halten, er flatterte mit dem Taschentuch und begann zu schreien, dann stürzte er ab, ins Braun hinunter. Er schrie und schrie und wälzte sich auf dem Teppich, er rollte auf den Boden hinaus und von dort unter einen Schrank. Ich schrie ebenfalls. Dann kroch ich hinterher und nahm ihn in die Arme und hielt ihn fest, bis er sich beruhigt hatte.
Plüschteppiche sind gefährlich. Da ist es viel besser, in einem Atelier mit Zementboden zu wohnen. Das ist auch der Grund, warum Poju immer so gern in unsere Wohnung kommt.
Poju und ich graben uns einen Geheimgang durch die Wand. Ich habe schon ein gutes Stück geschafft, obwohl ich nur arbeiten kann, wenn ich allein bin. Die Holzverschalung war nicht allzu schwierig, doch danach musste ich zum Marmorhammer greifen. Pojus Loch ist viel kleiner, aber sein Vater hat ja auch so schlechtes Werkzeug, dass es eine wahre Schande ist.
Jedes Mal wenn ich allein bin, hebe ich den Wandbehang hoch und klopfe weiter; bisher hat noch niemand bemerkt, was ich treibe. Der Wandbehang ist aus Sackleinen, und Mama hat ihn bemalt, als sie jung war. Er stellt einen Abend dar. Aus dem Moos steigen gerade Stämme auf, und hinter den Stämmen ist der Himmel rot, weil die Sonne untergeht. Bis auf den Himmel ist alles in unbestimmte, dunkle, graubraune Töne getaucht, doch die schmalen roten Streifen leuchten wie Feuer. Ich liebe Mamas Bild. Es führt einen tief in den Wald hinein, tiefer als mein Loch, tiefer als Pojus Wohnzimmer, es führt ins Unendliche, und man kommt nie an den Punkt, von wo aus man sehen könnte, wo die Sonne untergeht, das Rot aber wird immer leuchtender. Ich glaube, es brennt! Da hinten ist eine große schreckliche Feuersbrunst, genau so eine Feuersbrunst, wie sie Papa immer erwartet.
Als Papa mir zum ersten Mal eine seiner Feuersbrünste zeigte, war es Winter. Er ging voraus übers Eis, und Mama kam hinterher und zog mich auf einem Schlitten. Der Himmel war rot, schwarze Menschen rannten umher, und etwas Entsetzliches war geschehen. Das Eis war mit schwarzen, stachligen Sachen übersät. Papa sammelte sie ein und legte sie mir in die Arme, sie waren sehr schwer und drückten auf meinen Bauch.
Explosion ist ein schönes Wort, und sehr groß ist es auch. Später lernte ich noch andere Wörter kennen, die man nur vor sich hin flüstern kann, wenn man allein ist. Unerbittlich. Ornamentik. Profil. Katastrophal. Elektrisch. Kolonialwarenladen.
Wenn man sie häufig wiederholt, werden sie immer größer. Man flüstert und flüstert und lässt das Wort wachsen, bis außer dem Wort nichts mehr vorhanden ist.
Ich frage mich, warum die Feuersbrünste immer nachts ausbrechen. Vielleicht interessiert Papa sich nicht für Feuersbrünste, die tagsüber brennen, weil der Himmel da nicht rot ist.
Papa weckte uns jedes Mal, und wir hörten das Heulen der Feuerwehr, es war sehr eilig, wir rannten durch die Straßen, die ganz leer waren. Der Weg zu Papas Feuersbrunst war immer schrecklich weit. Alle Häuser schliefen schon und streckten ihre Schornsteine in den roten Himmel, der immer näher kam, und schließlich waren wir da, und Papa hob mich hoch und zeigte mir das Feuer. Aber manchmal war es auch nur ein mickriges kleines Feuer, das schon längst erloschen war, und dann war Papa so enttäuscht und niedergeschlagen, dass er getröstet werden musste.
Mama mag nur ganz kleine Feuersbrünste, die sie verstohlen im Aschenbecher anzündet. Und Kaminfeuer mag sie auch. Jeden Abend, wenn Papa ausgegangen ist, um Bekannte zu besuchen, macht sie im Atelier und im Flur ein Feuer im Kamin.
Wenn das Feuer brennt, zieht sie den großen Stuhl heran. Wir machen das Licht im Atelier aus und setzen uns vors Feuer, und sie beginnt: »Es war einmal ein kleines Mädchen, das war unglaublich schön, und ihre Mutter hatte sie so unglaublich lieb …« Jede Geschichte muss so anfangen, was dann folgt, ist nicht so wichtig. Eine milde, langsame Geschichte in einer warmen Dunkelheit, man starrt ins Feuer, und nichts ist gefährlich. Alles andere ist draußen und kann nicht hereinkommen. Jetzt nicht und auch in Zukunft nicht.
Meine Mama hat dichtes dunkles Haar, es hüllt einen ein wie eine Wolke, es riecht gut, die traurigen Königinnen im Buch haben solche Haare. Das schönste Bild im ganzen Buch ist eine ganze Seite groß. Es stellt eine Landschaft in der Dämmerung dar, eine mit Lilien bewachsene Ebene. Überall auf der Ebene wandeln blasse Königinnen umher, sie halten Gießkannen in den Händen. Die vorderste ist geradezu überirdisch schön. Ihr langes dunkles Haar ist weich wie eine Wolke, und der Zeichner hat es mit Pailletten bestreut, vermutlich hat er Deckfarbe genommen, nachdem alles andere fertig war. Das milde Profil der Königin ist ernst. Da wandelt sie nun ihr Leben lang und gießt und gießt, und niemand weiß, wie schön und traurig sie ist. Die Gießkannen sind mit echter Silberfarbe gemalt, und wie der Verlag sich so etwas leisten kann, das begreifen Mama und ich mit dem besten Willen nicht.
Mamas Erzählungen handeln oft von Moses, erst im Schilf, und dann später; von Isaak und von Leuten, die Heimweh nach ihrem eigenen Land haben oder die sich verirren und dann doch noch den richtigen Weg finden; von Eva und der Schlange im Paradies und von großen Stürmen, die sich schließlich beruhigen. Die meisten Personen in ihren Geschichten haben auf jeden Fall häufig Heimweh und sind oft einsam, sie verhüllen sich in ihrem Haar und werden in Blumen verwandelt.
Manchmal auch in Frösche, und Gott behält sie die ganze Zeit im Auge und vergibt ihnen, allerdings nur, wenn er nicht gerade zornig und gekränkt ist und ganze Städte zerstört, weil die Einwohner an andere Götter glauben.
Moses konnte ab und zu auch recht unbeherrscht sein. Die Frauen aber warteten und warteten und hatten Heimweh. Oh, ich werde dich in dein eigenes Land führen oder in welches Land du willst auf Erden und Pailletten in dein Haar malen und dir ein Schloss bauen, in dem wir leben werden, bis dass der Tod uns scheidet, und niemals werden wir auseinandergehen. Und in einem dunklen, unendlichen Wald, schwarze Wolken, der Donner hallt, ein kleines Kind ganz einsam geht, die Nacht so schwarz und grausig steht, das Kind so traurig weinet sehr, die Mutter seh ich nimmermehr, hier in Finsternis und Not, erleiden muss ich bittern Tod. Sehr befriedigend. Auf diese Art sperrten wir das Gefährliche aus.
Papas Figuren bewegten sich sachte im Schein des Feuers, seine melancholischen weißen Frauen, die einen vorsichtigen Schritt wagten, ständig fluchtbereit. Sie wussten Bescheid um das Gefährliche, das überall lauert, aber für sie gab es nur eine Rettung – sie mussten in Marmor gehauen und in einem Museum aufgestellt werden. Dort war man in Sicherheit. In einem Museum, auf einem Schoß oder unter einem Baum. Möglicherweise unter der Bettdecke. Aber das Beste war wohl doch, in einem hohen Baum zu sitzen, wenn man sich nicht zufällig noch im Bauch seiner Mutter befand.
DER STEIN
Er lag zwischen dem Kohlehaufen und den Güterwagen unter ein paar Brettern, und es grenzte an ein Wunder, dass noch niemand vor mir ihn gefunden hatte. Eine ganze Seite glitzerte silbern, und wenn man den Kohlestaub abrieb, sah man, dass der übrige Stein ebenfalls aus Silber war. Es war ein riesiger Stein aus purem Silber, und niemand hatte ihn bisher entdeckt.
Ich wagte ihn nicht zu verstecken, irgendjemand könnte es beobachten und ihn dann an sich nehmen, während ich nach Hause lief. Der Stein musste gerollt werden. Wenn jemand käme und mich daran hindern wollte, würde ich mich auf ihn setzen und wie am Spieß brüllen. Ich würde jeden beißen, der ihn aufzuheben versuchte. Ich würde einfach alles machen.
Also begann ich ihn zu rollen. Es ging sehr langsam. Er ließ sich zuerst auf den Rücken fallen und blieb dann regungslos liegen, und nachdem ich ihn ein weiteres Mal umgewälzt hatte, legte er sich schaukelnd auf den Bauch. Das Silber blätterte ab und wurde zu kleinen dünnen Plättchen, die im Boden stecken blieben und zerbrachen, wenn man sie herauszupulen versuchte.
Ich kniete hin, um ihn zu rollen, das ging besser. Aber es dauerte schrecklich lang, der Stein ließ sich jedes Mal nur einmal entweder auf den Rücken oder auf den Bauch kippen. Solange ich unten im Hafen rollte, kümmerte sich kein Mensch um mich. Dann brachte ich den Stein auf einen Bürgersteig hinauf, und ab da wurde es schwieriger. Die Leute blieben stehen und klopften mit ihren Schirmen aufs Pflaster und äußerten sich sehr wortreich. Ich sagte nichts, sah nur ihre Stiefel. Dann zog ich mir die Mütze über die Augen und rollte und rollte, bis der Stein schließlich über die Straße musste. Inzwischen hatte ich schon viele Stunden lang gerollt und kein einziges Mal aufgeschaut und keinem einzigen Wort zugehört, das mir gesagt wurde. Ich sah nur das Silber, das unter all dem Kohlestaub und dem Dreck hervorschimmerte, und machte mir ein sehr kleines Zimmer nur für mich und den Stein. Aber jetzt musste er über die Straße.
Ein Auto nach dem anderen fuhr vorüber und manchmal auch eine Straßenbahn, und je länger ich wartete, desto schwieriger wurde es, den Stein auf die Straße hinauszurollen.
Schließlich begannen meine Beine zu zittern, und da wusste ich, jetzt ist es dann zu spät, in ein paar Sekunden wird es zu spät sein, also ließ ich ihn in den Rinnstein fallen und begann ihn sehr rasch zu rollen, ohne aufzusehen. Ich hielt meine Nase direkt über dem Stein, damit das Zimmer, in dem ich uns versteckt hatte, so klein wie möglich blieb, und hörte dabei sehr gut, wie die Autos anhielten und sich aufregten, aber ich zog einen Strich zwischen ihnen und mir und rollte und rollte immer nur weiter. Wenn etwas wichtig genug ist, kann man gewisse Dinge aussperren. Das geht sehr gut. Man kauert sich zusammen und schließt die Augen und sagt sich die ganze Zeit ein großes Wort vor, bis man in Sicherheit ist.
Als ich bei den Straßenbahnschienen anlangte, war ich so müde, dass ich mich auf den Stein legte und ihn festhielt. Die Straßenbahn klingelte allerdings so hartnäckig, dass ich wieder weiterrollen musste, und jetzt hatte ich keine Angst mehr, jetzt war ich nur noch zornig, und das war besser.
Im Übrigen hatten der Stein und ich uns ein so winziges Zimmer geschaffen, dass es nichts zu bedeuten hatte, wer da schrie und was geschrien wurde. Wir waren ungeheuer stark. Es war das reinste Kinderspiel, wieder auf den Bürgersteig hinaufzukommen, und von dort aus setzten wir unseren Weg fort, die Lotsengasse hinauf. Ein schmaler Streifen aus reinem Silber zog sich hinter uns her. Manchmal ruhten wir uns aus, um uns dann wieder gestärkt auf den Weg zu machen.
Wir erreichten das Torgewölbe und brachten auch die Haustür auf, doch dann kamen die Treppen.
Wenn man hinkniete und mit beiden Händen ordentlich zupackte und wartete, bis sich das richtige Gleichgewicht eingefunden hatte, ließ es sich machen. Man brauchte nur den Magen zu verknoten, die Luft anzuhalten und die Handgelenke gegen die Knie zu pressen. Dann nach oben, schnell über den Rand, der Magen sank wieder zusammen, man horchte und wartete, aber das Treppenhaus war ganz leer. Dann dasselbe noch einmal.
Als das Treppenhaus eine Biegung machte und schmaler wurde, pressten wir uns an die Wand. So kletterten wir langsam nach oben, ohne dass jemand kam. Zwischendurch legte ich mich auf den Stein, um einfach zu atmen, und sah das Silber an, Silber für viele Millionen, und nur noch vier Stockwerke, dann würden wir es geschafft haben.
Im vierten Stock geschah es dann. Die Hand im Fausthandschuh glitt ab, ich fiel vornüber und lag ganz still und hörte das entsetzliche Geräusch, als der Stein hinunterpolterte. Das Geräusch wurde größer und größer, ein Geräusch wie Krachen, Knacken, Knallen und Katastrophe, lauter K, und schließlich ein weicher abgrundentsetzlicher Aufprall, als der Stein gegen Nieminens Tür schlug.
Die Welt ging unter, und ich presste die Fausthandschuhe vor die Augen. Nichts geschah. Gewaltige Echos wanderten die Treppen herauf und hinab, aber nichts geschah. Keine aufgebrachten Hausbewohner stürzten aus ihren Türen. Aber vielleicht lauerten sie ja dahinter.
Ich kroch auf allen vieren wieder hinunter. Jede Treppenstufe war in einem kleinen Halbkreis abgebissen. Weiter unten waren es große Halbkreise, und die Stücke lagen überall verstreut und starrten mich an. Ich rollte den Stein von Nieminens Tür weg und begann von Neuem. Unbeirrbar und ohne die abgebissenen Treppenstufen anzusehen, bewegten wir uns wieder nach oben. Wir kamen an der Stelle vorbei, wo es schiefgegangen war, und ruhten uns vor der Balkontür aus. Die Balkontür ist dunkelbraun und hat kleine viereckige Scheiben.
Da hörte ich die Haustür aufgehen und wieder zuschlagen und jemanden die Treppe heraufkommen. Sehr langsame Schritte stapften unaufhaltsam herauf. Ich kroch vor ans Geländer und schaute hinunter. Ich konnte bis auf den Grund des Treppenhauses hinuntersehen, ein langes schmales Rechteck, vom Treppengeländer eingeschnürt. Eine große Hand kam das Treppengeländer herauf, immer rundherum und immer näher. Mitten auf dem Handrücken befand sich ein Fleck, daher wusste ich, dass es die tätowierte Hand des Hausmeisters war, die da kam, und dass er vermutlich auf den Speicher hinaufwollte.
So leise wie möglich öffnete ich die Balkontür und begann den Stein über die Schwelle hinauszurollen. Die Schwelle war hoch. Ich rollte, ohne zu überlegen, ich hatte große Angst und packte nicht richtig zu, der Stein rollte schräg in die Türspalte hinein und blieb stecken. Die Tür bestand aus zwei Flügeln, oben hatte der Hausmeister eine Eisenspirale zwischen ihnen angebracht, da die Frauen immer vergaßen, die Tür hinter sich zu schließen. Ich hörte, wie die Spirale sich zusammenzog, sie sang sehr leise, während sie den Stein und mich einklemmte, ich zog meine Beine an und warf mich auf den Stein und versuchte ihn hinauszurollen, aber der Türspalt wurde immer schmaler und schmaler, und ich wusste, dass die Hand des Hausmeisters die ganze Zeit am Treppengeländer hochglitt.
Ich sah das Silber des Steins ganz nah vor meinem Gesicht, und ich packte zu und rollte und stieß mich mit den Beinen ab, und dann, plötzlich, kippte er um, rollte mehrere Runden, unterm Eisengeländer hindurch, in die Luft hinaus und verschwand.
Alles, was ich jetzt noch sah, waren Staubbällchen, leicht und zart wie Vogeldaunen, von vereinzelten, kleinen, farbigen Fäden durchzogen.
Ich lag platt auf dem Bauch, und die Tür drückte gegen meinen Hals, und es war ganz still, bis der Stein unten auf dem Hof ankam. Und dort zerbarst er wie ein Meteor, er bedeckte die Mülleimer, die Wäsche, alle Treppen und Fenster mit Silber! Als er sein Herz öffnete, versilberte der Stein die ganze Lotsengasse Nummer 4, und alle Frauen stürzten an ihre Fenster und glaubten, der Krieg oder das Jüngste Gericht seien ausgebrochen! Jede Tür ging auf, und alle rannten mit dem Hausmeister an der Spitze die Treppen auf und ab und sahen, dass ein Ungeheuer jede einzelne Treppenstufe abgebissen hatte und dass ein Meteor vom Himmel gefallen war.
Aber ich lag zwischen die Balkontür eingeklemmt und sagte nichts. Auch hinterher sagte ich nichts. Niemand erfuhr, wie kurz wir davor gestanden hatten, reich zu werden.
FESTE
Manchmal wachte ich nachts von der schönsten Musik der Welt auf, nämlich von Balalaika- und Gitarrenklängen. Papa spielte Balalaika und Cawan Gitarre, sie spielten sehr behutsam, beinahe flüsternd, beide wie in weiter Ferne, dann kamen sie näher und machten sich gegenseitig Platz, sodass mal die Gitarre an die Reihe kam und mal die Balalaika.
Es waren milde, wehmütige Weisen von Dingen, die immer nur weitergehen und weitergehen und an denen man nichts ändern kann. Dann wurden sie wild und übermütig, und Marcus zerschmetterte sein Glas. Aber mehr als eines zerschmetterte er nie, und Papa sorgte dafür, dass er immer ein Glas von der billigsten Sorte bekam. Ein grauer Nebel aus Tabaksrauch hing oben auf meinem Schlafregal unterm Dach und machte das Unwirkliche nur noch unwirklicher. Wir befanden uns draußen auf dem Meer oder vielleicht inmitten hoher Berge, und ich hörte, wie sie sich durch den Nebel zuschrien, einzelne Sachen fielen herunter, und hinter den heftigeren Geräuschen die Balalaika und die Gitarre in schwächeren oder stärkeren Wellen.
Ich liebe Papas Feste. Die Feste können viele Nächte lang andauern, man wacht auf und schläft wieder ein, wird vom Rauch und von der Musik geschaukelt, und dann ein plötzliches Gebrüll, das durch die Wärme hindurch mit Eiseskälte bis an die Zehen dringt.
Es lohnt sich nicht, hinunterzugucken, denn dann verschwindet all das, was man sich vorgestellt hat. Jedes Mal ist es dasselbe. Von oben gesehen sitzen sie im Sofa oder auf den Stühlen, oder sie gehen langsam im Salon auf und ab. Cawan kauert über der Gitarre, als wolle er sich in ihr verstecken, seine Glatze schwimmt wie ein blasser Fleck im Nebel, und er sinkt immer tiefer und tiefer. Papa ist sehr aufrecht und blickt geradeaus. Die anderen nicken ab und zu ein, feiern macht nämlich sehr müde. Aber nach Hause gehen sie nicht, es ist sehr wichtig, dass man versucht, der Letzte zu sein. Papa gewinnt meistens, er bleibt bis zuletzt. Wenn alle anderen schlafen, bleibt er sitzen und schaut und denkt, bis der Morgen anbricht.
Mama feiert nicht, sie muss aufpassen, dass die Petroleumlampe im Schlafzimmer nicht rußt. Das Schlafzimmer ist unser einziges richtiges Zimmer außer der Küche, das heißt, es hat eine Tür. Aber keinen Kachelofen. Daher muss die Petroleumlampe die ganze Nacht brennen, damit das Zimmer warm bleibt. Wenn man die Tür öffnet, kommt Tabakrauch ins Schlafzimmer, dann bekommt Per Olov Asthma. Das mit dem Festefeiern ist viel schwieriger geworden, seit ich einen Bruder bekommen habe, aber meine Eltern tun trotzdem ihr Bestes.
Am schönsten ist der Tisch. Manchmal stehe ich auf und schaue über die Balustrade auf den Tisch hinunter und kneife dabei die Augen zu, und da entsteht aus Glas und Licht und all den Sachen, die auf dem Tisch herumliegen, ein Schimmer, der eine Einheit erzeugt wie auf einem Gemälde. Die Einheit ist sehr wichtig. Manche bilden die Sachen nur ab und vergessen die Einheit. Ich weiß Bescheid. Ich weiß viel, sage es aber nicht.
Alle Männer feiern und sind Kumpane, die sich nie im Stich lassen. Ein Kumpan kann fürchterliche Sachen sagen, aber am nächsten Tag sind sie vergessen. Ein Kumpan verzeiht nicht, er vergisst ganz einfach, und eine Frau verzeiht alles, aber vergisst nie. So ist das. Das ist auch der Grund, warum Frauen nicht feiern dürfen. Es ist sehr unangenehm, wenn einem verziehen wird.
Ein Kumpan äußert nie etwas, das klug wäre oder sich lohnen würde, es am nächsten Tag zu wiederholen. Er spürt ganz einfach, dass jetzt gerade nichts besonders wichtig ist.
Einmal spielten Papa und Cawan mit dem Flugzeug, das man mit einem Katapult abschießen kann. Ich glaube nicht, dass Cawan begriff, wie es konstruiert war, er schoss nämlich in die verkehrte Richtung, und das Flugzeug flog in seine Hand, mit dem Haken mitten durch. Es war fürchterlich, und das Blut floss über den ganzen Tisch, und dann konnte er nicht einmal seinen Mantel anziehen, weil das Flugzeug nicht durch den Ärmel ging. Papa tröstete Cawan und brachte ihn ins Krankenhaus, wo sie den Haken mit einer Beißzange abzwickten und das Flugzeug in ihrem Museum ausstellten.
Auf einem Fest kann einfach alles passieren, wenn man sich nicht vorsieht:
Wir feiern nie im Atelier, nur im Salon. Im Salon gibt es zwei hohe Fenster, die oben in ernsten Bögen enden, und das ganze, mit vielen Schnörkeln verzierte Mobiliar meiner Großeltern aus gemasertem Holz. Die Möbel erinnern Mama immer ans Land; auf dem Land ist alles so, wie es sein soll.
Anfangs passte sie sehr gut auf die Möbel auf und wurde traurig, wenn Zigarettenlöcher und Ringe von Gläsern entstanden, aber inzwischen ist ihr klar, dass es gerade auf die Patina ankommt.
Mama weiß genau, wie man Feste feiern muss. Sie deckt keine Tische, und sie lädt auch keine Leute ein. Sie weiß, dass nur die Improvisation die richtige Stimmung erzeugen kann. Das ist ein schönes Wort. Papa begibt sich auf die Suche nach Bekannten. Bekannte können jederzeit und überall auftauchen. Manchmal ist keiner zu finden. Aber oft sind sie da. Und dann kriegt man plötzlich Lust, irgendwo hinzugehen. Und man landet auch irgendwo. Das ist wichtig.
Dann sagt man, so, jetzt wollen wir mal schauen, was es so in der Speisekammer gibt. Und man begibt sich leise hin und schaut nach – und da gibt es einfach alles! Man findet die teure Wurst, Flaschen, Brotlaibe, Butter, Käse und sogar Mineralwasser und trägt alles in den Salon und improvisiert. Mama hat alles bestens vorbereitet.
Mineralwasser ist übrigens gefährlich. Davon bekommt man Blasen im Bauch, und das kann einen sehr melancholisch stimmen. Mischen darf man nie.
Mit der Zeit erlöschen alle Kerzen auf der Balustrade, und das Wachs träufelt aufs Salonsofa hinunter. Auf die Musik folgen die Kriegserinnerungen. Da warte ich erst ein Weilchen unter der Bettdecke, aber jedes Mal wenn sie den Korbstuhl angreifen, muss ich doch wieder gucken. Papa holt sein Bajonett, das im Atelier über den Gipssäcken hängt, und alle springen auf und schreien, und dann greift Papa den Korbstuhl an. Tagsüber ist der Korbstuhl mit einem handgeknüpften Teppich bedeckt, damit man nicht sieht, was aus ihm geworden ist. Nach dem Angriff auf den Korbstuhl will Papa nicht mehr Balalaika spielen. Dann schlafe ich ein.
Am nächsten Tag sind alle noch da und versuchen mir schöne Sachen zu sagen. Guten Morgen, holde Maid, Liebliche im Blütenkleid … Mama bekommt Geschenke. Ruokokoski schenkte ihr ein halbes Pfund Butter, und einmal bekam sie sogar zwanzig Eier von Sallinen.
Morgens ist es sehr wichtig, nicht allzu spürbar mit dem Aufräumen anzufangen. Und wenn man traurige frische Luft hereinlässt, ist es kein Wunder, wenn sich die Leute erkälten oder niedergeschlagen werden. Es ist wichtig, den Übergang zu einem neuen Tag sehr langsam und freundlich zu gestalten. Bei Tageslicht wird manches anders, und wenn der Unterschied zu krass ausfällt, kann das alles kaputt machen. Man muss ungestört auf und ab gehen und sich nachdenklich fragen können, wonach man sich eigentlich sehnt.
Am nächsten Tag sehnt man sich immer nach etwas, aber man weiß nicht genau wonach. Schließlich kommt man zu dem Ergebnis, dass es vielleicht Hering sein könnte. Und dann geht man in die Speisekammer und findet tatsächlich Hering.
Dann geht der Tag ganz still weiter und wird zu einem neuen Abend, vielleicht mit neuen Kerzen. Alle gehen sehr behutsam miteinander um, sie wissen, wie wenig nötig ist, um das Gleichgewicht zu stören.
Ich gehe ins Bett und höre, wie Papa die Balalaika stimmt. Mama zündet die Petroleumlampe an. Im Schlafzimmer haben wir ein ganz rundes Fenster. Außer uns hat niemand ein rundes Fenster. Man kann über alle Dächer und über den Hafen hinausblicken, und alle Fenster werden allmählich schwarz, nur eines bleibt hell, das Fenster unterhalb von Viktor Eks großer leerer Brandmauer. Dort brennt die ganze Nacht Licht. Vielleicht feiern sie dort auch. Oder vielleicht illustrieren sie.
ANNA
Es war eine wahre Freude, Anna anzusehen!
Annas Haar wuchs wie kräftiges, saftiges Gras, es hing mehr oder weniger zufällig gekappt auf ihre Schultern herunter und sprühte vor Leben. Ihre Augenbrauen waren schwarz und dick und in der Mitte zusammengewachsen, ihre Nase war platt, ihre Wangen waren sehr rot. Ihre Arme ragten wie Säulen ins Spülwasser hinein. Anna war schön.
Anna sang, während sie spülte, und ich saß unterm Küchentisch und versuchte, mir den Text zu merken. Ich war bis zum dreizehnten Vers von »Hjalmar und Hulda« gekommen, und erst ab da beginnt eigentlich etwas zu passieren.
»Herein tritt Hjalmar der Recke, in funkelnder Waffen Gewand. Die Harfe verstummt, ergrimmt packt er der treulosen Braut bebende Hand, reißt wild den Brautkranz aus ihrem Haar; bleich, als läge sie schon auf der Bahre, blickt Hulda zitternd und voller Harm auf des zornigen Liebsten rächenden Arm.« Da muss man schaudern, das tut gut. Wie wenn Anna sagt: »Geh ein Weilchen raus, jetzt muss ich nämlich weinen, das tut so gut.«
Annas Liebhaber traten oft in funkelnder Waffen Gewand ein. Am besten gefiel mir der Dragoner mit der roten Hose und den Rippen auf der Jacke, er war sehr schön. Er stellte den Säbel ab, und manchmal fiel der Säbel zu Boden, und ich hörte das Rasseln bis auf mein Regal hinauf und dachte an seinen langen rächenden Arm. Dann verschwand der Dragoner, und Anna bekam einen neuen Liebsten, einen Denkenden Menschen. Ab da besuchte sie Vorlesungen und hörte Platon und verachtete Papa, der Zeitungen las, und Mama, die Romane las.
Ich erklärte Anna, dass Mama keine Zeit habe, andere Bücher zu lesen als die, für die sie die Umschläge zeichnen musste, da sie ja wissen musste, wovon das Buch handelte und wie die Heldin aussah. Manche zeichnen einfach drauflos und gehen überhaupt nicht auf den Autor ein. Das darf man nicht. Ein Illustrator muss sowohl an den Autor als auch an den Leser denken und manchmal sogar an den Verlag.
»Ha«, sagte Anna, »das muss ein rechter Schundverlag sein, wenn er nicht mal Platon herausgibt. Übrigens bekommt die gnädige Frau alles umsonst, was sie illustriert, und auf dem letzten Umschlag hat die Heldin ja gar keine gelben Haare gehabt, obwohl ihre Haare gelb waren.«
»Farbe ist teuer!«, sagte ich erbost. »Und übrigens gibt es für manche Bücher nur fünfzig Prozent Rabatt!« Es war ganz unmöglich; Anna zu erklären, dass Verleger Vielfarbendrucke nicht leiden können und dass sie einem immer mit dem Zweifarbendruck auf die Nerven gehen, obwohl sie genau wissen, dass eine der beiden Farben auf jeden Fall Schwarz sein muss. Außerdem kann man auch ohne gelbe Farbe Haare so zeichnen, dass sie gelb aussehen.
»Aha!«, sagte Anna. »Und was hat das mit Platon zu tun, wenn ich fragen darf?«
Da verlor ich meinen ursprünglichen Faden. Anna brachte immer alles durcheinander und behielt recht.
Aber manchmal gelang es mir, sie zu unterdrücken. Ich ließ sie endlos lang von ihrer Kindheit erzählen, bis sie in Tränen ausbrach, und dann stellte ich mich nur ans Fenster, wippte auf den Fersen und sah in den Hof hinunter. Oder ich unterließ es zu fragen, was ihr fehle, obwohl ich sah, dass ihr Gesicht geschwollen war und sie die Kehrschaufel quer durch die Küche schmetterte. Ich konnte Anna auch unterdrücken, indem ich mich höflich mit ihren Liebhabern unterhielt, sie nach Sachen fragte, die sie interessierten, und sitzen blieb und einfach nie ging. Eine sehr gute Möglichkeit war auch, mit hochnäsig schleppender Stimme zu sagen: »Die gnädige Frau wünschen einen Kalbsbraten zum Sonntag«, und dann sofort die Küche zu verlassen, als ob Anna und ich nichts anderes gemeinsam hätten.
Anna benützte Platon lange als Rache.
Ihr nächster Liebhaber war Ein Mann Aus Dem Volk, und da bestand ihre Rache darin, dass sie dauernd von den alten Zeitungsfrauen redete, die schon um vier Uhr früh aufstünden, während der gnädige Herr sich im Bett räkele und auf das Tageblatt warte. Ich sagte, keine Zeitungsfrau der Welt brauche die ganze Nacht durchzuarbeiten, wenn ein Wettbewerb sei und Gips gegossen werden müsse, und Mama arbeite jede Nacht bis zwei, während Anna sich in ihrem Bett räkele, und da sagte Anna: »Zieh mich nicht in diese Sache hinein, und übrigens hat der gnädige Herr beim letzten Wettbewerb ja überhaupt keinen Preis bekommen!«
Da schrie ich, das habe nur damit zu tun, dass die Jury ungerecht sei, und Anna schrie, das sei leicht gesagt, und ich, dass sie überhaupt nichts begreife, da sie keine Künstlerin sei, und sie: »Kunststück, so überlegen zu tun, wenn unsereins nicht einmal Zeichenunterricht gehabt hat!«
Und dann sprachen wir viele Stunden nicht mehr miteinander. Nachdem wir uns ausgeweint hatten, begab ich mich wieder in die Küche, wo Anna inzwischen die Wolldecke über den Küchentisch gehängt hatte. Das hieß, dass ich mir unterm Tisch mein Haus bauen durfte, wenn ich ihr oder der Speisekammertür nicht im Weg war. Ich baute mit den Stühlen, den Holzscheiten und dem Schemel. Eigentlich machte ich es nur aus purer Höflichkeit, unter dem großen Modellierbock konnte man nämlich viel bessere Häuser bauen.
Als das Haus fertig war, gab Anna mir etwas Geschirr, das ich ebenfalls aus reiner Höflichkeit annahm. Ich machte mir überhaupt nichts daraus, im Spiel Essen zu kochen. Ich kann Essen nicht ausstehen.
Einmal gab es am ersten Juni keine Traubenkirschenzweige auf dem Markt. Mama muss zu ihrem Geburtstag Traubenkirschenzweige bekommen, sonst stirbt sie. Das hat ihr ein Zigeuner gesagt, als sie fünfzehn war, und seither haben alle fürchterliche Probleme mit den Traubenkirschen. Manchmal schlägt die Traubenkirsche zu früh aus und manchmal zu spät. Wenn man sie schon Mitte Mai hereinholt, bekommen die Blätter braune Ränder, und die Blüten schaffen es nie auszuschlagen.
Aber Anna sagte: »Ich kenne einen weißen Traubenkirschenbaum im Park. Wenn es dunkel ist, gehen wir hin und pflücken ein paar Zweige.« Es wurde sehr spät dunkel, aber ich durfte trotzdem mitkommen, und wir verrieten mit keinem Wort, was wir vorhatten. Anna nahm mich an die Hand, ihre Hände waren immer warm und feucht, und wenn sie sich bewegte, verbreitete sie einen heißen, leicht erschreckenden Duft. Wir gingen die Lotsengasse hinunter und zum Park hinüber, und ich war ganz starr vor Entsetzen und dachte an den Parkwächter und die Stadtverwaltung und Gott.
»So etwas würde Papa nie tun«, sagte ich.
»Nein, dazu ist der gnädige Herr zu bürgerlich«, antwortete Anna. »Man nimmt sich das, was man braucht, und damit hat sich’s.«
Wir waren schon über den Zaun geklettert, bevor mir die Ungeheuerlichkeit dessen aufging, was sie gesagt hatte – Papa sei bürgerlich! Ich war so verdattert, dass ich gar nicht dazu kam, mich gekränkt zu fühlen. Anna marschierte direkt auf den weißen Busch mitten auf dem Rasen zu und begann zu pflücken. »Du pflückst falsch!«, fauchte ich ihr zu. »Das muss man doch richtig machen!«
Anna stand aufrecht und breitbeinig im Gras und sah mich an. Sie lachte mit ihrem breiten Mund, dass alle ihre großen schönen Zähne sichtbar wurden, und nahm mich wieder an die Hand, duckte sich, lief unter die Büsche und begann zu schleichen. Wir schlichen uns an einen anderen weißen Busch heran, und Anna schaute die ganze Zeit über die Schulter und blieb ab und zu hinter einem Baum stehen.
»Ist es so besser?«, fragte sie.
Ich nickte und drückte ihre Hand. Dann begann sie zu pflücken. Sie streckte ihre kräftigen Arme hinauf, wobei ihr Kleid überall spannte, sie lachte und brach Zweige ab, und die Blüten regneten auf ihr Gesicht herab und ich flüsterte: »Hör auf, hör auf, das reicht!« und war so außer mir vor Schreck und Begeisterung, dass ich fast in die Hose machte.
»Wenn man schon klaut, dann aber ordentlich«, sagte Anna ruhig. Sie hatte den Arm voller Traubenkirschenzweige, die ihren Arm und ihre Schultern bedeckten, und hielt die Stiele mit ihrer großen roten Hand fest. Dann kletterten wir rasch wieder über den Zaun, und kein Parkwächter kam und auch kein Polizist.
Hinterher behaupteten die anderen, das seien überhaupt keine Traubenkirschenzweige; der Busch, von dem wir gepflückt hätten, sei einfach irgendein Busch mit weißen Blüten gewesen. Aber Mama überlebte es trotzdem, sie starb nicht.
Manchmal drehte Anna durch und schrie: »Ich kann dich nicht mehr sehen! Geh raus!« Dann ging ich hinunter auf den Hof, setzte mich auf den Mülleimer und verbrannte Filmstreifen mit der Lupe.
Ich liebe Gerüche, den Geruch von brennenden Filmstreifen, von Hitze, von Anna, von Papas Tonkiste, von Mamas Haar, den Geruch von Festen und Traubenkirschen. Ich selbst habe noch keinen Geruch, glaube ich.
Im Sommer roch Anna anders, da roch sie noch wärmer und nach Gras. Sie lachte häufiger, und man sah mehr von ihren großen Armen und Beinen.
Anna konnte rudern, das musste man ihr wirklich lassen. Sie machte einen einzigen Ruderschlag, um sich dann triumphierend auf den Rudern auszuruhen, das Boot glitt über das aufschäumende, blaue abendliche Wasser, und sie machte noch einen Ruderschlag und zeigte, wie stark sie war, während das Boot schäumend dahinschoss. Dann lachte sie laut auf und tauchte das eine Ruder ein und brachte das Boot zum Drehen, um zu zeigen, dass sie keine Lust hatte, irgendwohin zu kommen, sondern nur spielte.
Schließlich ließ sie das Boot treiben und legte sich hin und sang, und sowohl in Viken wie auf Rödholmen hörten alle sie im Sonnenuntergang singen. Dann wussten alle, dort unten liegt Anna, groß, vergnügt und warm und lässt der Welt ihren Lauf. Und genau das hatte Anna auch beabsichtigt.
Anschließend wanderte sie den Hang hinauf und schaukelte dabei mit dem ganzen Körper und pflückte ab und zu eine Blume. Beim Backen pflegte sie auch zu singen. Sie rollte den Teig aus, schlug ihn, streichelte ihn, formte ihn und warf ihre Hefeküchlein so in den Ofen, dass sie genau richtig auf dem Blech landeten, dann knallte sie die Ofentür zu, strecke sich und rief: »Oh, haaa! Wie heiß es ist!«
Im Sommer liebe ich Anna, und da versuche ich auch nie, sie zu unterdrücken.
Manchmal gingen wir ins Tal der Diamanten. Das Tal der Diamanten ist ein Strand, wo alle Steine rund und kostbar sind und sehr schöne Farben haben. Unter Wasser sind sie schöner, aber wenn man sie mit Margarine einreibt, bleiben sie immer schön. Dorthin gingen wir oft, wenn Papa und Mama in der Stadt arbeiten mussten, und wenn wir genügend viele Diamanten gesammelt hatten, setzten wir uns an den Bach, der vom Berg herunterströmt. Der Bach führte nur im Frühling und im Herbst Wasser. Wir bauten Wasserfälle und Dämme.
»Im Bach gibt es Gold«, sagte Anna. »Schau doch.«
Ich sah kein Gold.
»Man muss es selbst hineinlegen«, erklärte Anna. »Gold in braunem Wasser ist wunderschön. Und es vermehrt sich ganz von selbst. Wird immer mehr und mehr Gold.«
Also ging ich nach Hause und holte alles Gold, das wir hatten, und außerdem noch die Perlen und legte alles in den Bach, und es sah tatsächlich wunderschön aus.
Anna und ich lagen am Bachufer und hörten das Wasser rauschen, und Anna sang »Die Löwenbraut«. Sie stieg ins Wasser, holte Mamas Goldarmband mit den Zehen heraus, ließ es wieder los und lachte. Dann sagte sie: »Ich habe mich schon immer nach echtem Gold gesehnt.«
Am nächsten Tag war alles Gold verschwunden, und die Perlen waren auch weg. Das fand ich seltsam.
»Bei Bächen weiß man nie so genau, woran man ist«, sagte Anna. »Manchmal vermehrt sich das Gold, und manchmal versinkt es direkt in die Erde. Aber wenn man mit keinem Menschen darüber spricht, kann es wieder heraufkommen.«
Dann gingen wir nach Hause, wo Anna Pfannkuchen buk.
Am Abend traf Anna ihren neuen Liebhaber bei der Dorfschaukel. Er war ein Mann der Tat und brachte die Schaukel so kraftvoll in Schwung, dass sie sich einmal um sich selbst drehte, und die Einzige, die es wagte, vier Runden lang sitzen zu bleiben, war Anna.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.