Kitabı oku: «Aufbrechen»

Yazı tipi:

Über dieses Buch

»Aufbrechen« schildert den zähen Kampf des Mädchens Tambu um höhere Bildung und wie sie allmählich dem Stammes- und Dorfleben entschlüpft. Aber alles hat seinen Preis …

Dieser Roman ist das schonungslose Porträt einer Gesellschaft, die von Kolonialismus und Patriarchat dominiert wird und deren jüngere Generation von Frauen um Selbstbestimmung kämpft.

Tsitsi Dangarembga gilt als eine der radikalsten weiblichen Stimmen des afrikanischen Kontinents.

»Dies ist der Roman, auf den wir gewartet haben … und dieses Buch wird ein Klassiker.« Doris Lessing

2018 wurde der Roman in die BBC-Liste der »100 Bücher, die die Welt geprägt haben« aufgenommen.

Über die Autorin

Tsitsi Dangarembga ist Filmemacherin, Dramatikerin und Schriftstellerin. 1988 veröffentlichte sie ihren Roman »Nervous Conditions«, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Das Buch gilt als der erste afrikanische Frauenroman. 1992 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma Nyerai Films. Tsitsi Dangarembga setzt sich intensiv für die Förderung filmschaffender Frauen in Simbabwe und anderen afrikanischen Ländern ein.

Sie ist Gründerin der Organisation Women Filmmakers of Simbabwe und Direktorin des International Images Film Festival for Women in Harare. Seit 2009 steht Tsitsi Dangarembga dem Institute of Creative Arts for Progress in Africa Trust vor. 2021 erhielt sie den PEN Pinter Prize, den PEN International Award for Freedom of Expression sowie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Tsitsi Dangarembga

Aufbrechen

Roman

Deutsch von

Ilija Trojanow


Inhalt

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Personenregister

Glossar

Eins

Ich war nicht traurig, als mein Bruder starb. Auch entschuldige ich meine Gleichgültigkeit nicht oder, wie man auch sagen könnte, meine Gefühlskälte. Denn darum handelt es sich überhaupt nicht. Ich fühle heute vieles stärker, als ich es damals fühlen konnte, in den Tagen, als ich jung war und mein Bruder starb, und es gibt Gründe dafür, die über den reinen Prozess des Älterwerdens hinausreichen. Deshalb werde ich mich nicht entschuldigen, sondern anfangen, mir die Fakten zu vergegenwärtigen, so wie ich sie in Erinnerung habe, die zum Tod meines Bruders führten, die Ereignisse, die mich in die Lage versetzten, diesen Bericht zu schreiben. Denn obwohl man das Ereignis des Ablebens meines Bruders und die Ereignisse meiner Geschichte nicht trennen kann, geht es in meiner Geschichte schließlich nicht um den Tod, sondern um meine und Lucias Flucht; um das Gefangensein meiner Mutter und Maigurus; und um Nyashas Rebellion – Nyasha, aufgeschlossen und einsam, die Tochter meines Onkels, deren Rebellion letztendlich vielleicht doch nicht zum Erfolg führte.

Ich war dreizehn Jahre alt, als mein Bruder starb. Es geschah 1968. Die Schulferien hatten begonnen, und wir erwarteten seine Heimkehr mit dem Nachmittagsbus, der um drei Uhr durch unser Dorf fuhr. Mein Bruder ging zur Missionsschule, der mein Onkel vorstand und die etwa zwanzig Meilen westlich vom Dorf entfernt lag, in Richtung der Stadt Umtali. Manchmal, wenn mein Onkel nicht zu sehr mit Berichten und Formalitäten zum Abschluss des Trimesters beschäftigt war, konnte er sich um drei Uhr nachmittags von seinem Büro losmachen; dann opferte er die restlichen Stunden des Tages, um Nhamo nach Hause zu bringen. Nhamo zog dies vor. Er mochte Busfahrten nicht, weil es, so sagte er, zu lange dauere. Auch dünsteten ihm die Frauen zu viele ungesunde Fortpflanzungsgerüche aus, die Kinder neigten dazu, ihren verdorbenen Mägen vor Ort Erleichterung zu verschaffen, und die Männer sonderten starke Düfte ihrer tagtäglichen Arbeit ab. Er mochte das Fahrzeug nicht mit den vielerlei Produkten in bedenklichen Frischephasen, mit verängstigten Hühnern und gelegentlich mit einer voll duftenden Ziege teilen. »Wir sollten einen eigenen Bus haben«, beschwerte er sich, »wie es einen für die Schüler gibt, die in Fort Victoria und Salisbury wohnen«, wobei er allerdings vergaß, dass dies Städte waren, eigenständige urbane Zentren, während unser Zuhause in dem Gemeindegebiet um Umtali herum lag, und da die Mission meines Onkels zu Umtali zählte, gab es keinen Grund, einen Bus einzusetzen, um meinen Bruder und die anderen Schüler, die in unserer Gegend lebten, nach Hause zu befördern.

Aber auch mit einem gemieteten Bus wäre das Ende des Trimesters meinem Bruder nicht bequem genug gewesen. Der Busbahnhof – der auch der Marktplatz ist, mit blassschmutzigen Süßwarenläden, innen düster und schäbig, die wir magrosa nennen, und Marktfrauen unter msasa-Bäumen, mit hartgekochten Eiern, Gemüse, Früchten der Jahreszeit, gekochten Hühnern, manchmal mit Curry gewürzt, manchmal ohne, und mit allem anderen, was die Dorfbewohner oder Reisende vielleicht zu kaufen wünschten – ist mindestens zwei Meilen von unserer Heimstätte entfernt. Mit oder ohne gemietetem Bus – mein Bruder würde immer noch zwei Meilen zu Fuß nach Hause gehen müssen. Diese Entfernung war ein weiterer Aspekt seiner Heimreise, den mein Bruder höchst ungern erduldete.

Da ich die Fahrt nicht regelmäßig jeweils am Ende des Trimesters und am Anfang des neuen Trimesters hatte machen müssen, konnte ich nicht verstehen, wieso mein Bruder das Gehen so sehr verabscheute, besonders nachdem er so lange ohne frische Luft in einem Bus eingeengt war: Die Busfahrt zur Missionsschule dauerte fast eine Stunde. Neben der Erleichterung, sich die Beine nach einer so langen Fahrt vertreten zu können, war auch die Entfernung nach Hause nicht allzu groß, wenn man nicht in Eile irgendwohin unterwegs war. Der Weg schlängelte sich durch die Felder hinunter, wo es stets einige Menschen gab, bei denen man zehn Minuten des Tages verbringen konnte – mit Erkundigungen nach ihrer Gesundheit und der Gesundheit ihrer Familie, bewundernden Blicken auf den im Überfluss blühenden, breitblättrigen Mais, wenn er gut war, mit Voraussagen, wie viele Säcke das Feld einbringen würde, oder Überlegungen, ob die Pflanzen zu früh oder zu spät ihre Seidenquasten zeigten. Und obwohl die Wegstrecke zwischen den Feldern und dem Bahnhof der Sonne ausgesetzt und zwischen September und April, außer wenn es regnete, hart und versengt war – der grelle Sand tat in den Augen weh –, gab es immer Schatten neben den Feldern, wo Baumgruppen absichtlich stehengelassen wurden, die uns Schutz boten, wenn wir unsere Mahlzeiten aßen oder uns zwischen den beackerten Feldstreifen ausruhten.

Nach den Feldern wurde die Straße schattiger, umsäumt von Sträuchern und Bäumen. Akazien, lantana, msasa und mopani, in Gruppen auf beiden Seiten. Wenn man Zeit hatte, konnte man von der Straße hinab in dichteren Wald hineingehen, um nach matamba und matunduru zu suchen. Süß und sauer. Köstlich. Nach diesem bewaldeten Abschnitt führte die Straße in eine seichte Schlucht hinab, in ein Flusstal, das Bett sinnvollerweise voller glatter, flacher Steine, die ein aufregendes Material für alle Arten unserer Kinderspiele hergaben. Über und um die niedrigsten dieser Steine herum strömte der Fluss, in der Trockenzeit spärlich, doch bei schweren Regenfällen an einigen Stellen tief genug, um einem Kind bis über den Kopf zu reichen und mich bis zu den Brustwarzen zu verschlingen. Wir lernten diese Stellen meiden, wenn der Fluss gewaltig strömte, aber in den meisten Jahreszeiten glitt er ruhig dahin, was das Baden fast überall am Ufer erlaubte. Als Kinder waren wir nicht eingeschränkt. Wir konnten spielen, wo wir wollten. Die Frauen aber hatten ihren eigenen Platz zum Baden, wie auch die Männer. Dort, wo die Frauen badeten, war der Fluss seicht, reichte mir selten über die Knie, und die Felsen waren niedriger und flacher als anderswo und bedeckten den Großteil des Flussbetts. Die Frauen mochten ihren Platz, weil er zum Wäschewaschen gut geeignet war. Wir aber freuten uns nicht darauf, so erwachsen zu werden, dass wir mit den Frauen dort waschen müssten und nicht länger in den tieferen, kühleren, interessanteren Teichen schwimmen konnten.

Der Fluss, die Bäume, die Früchte und die Felder. So war es am Anfang. So ist meine früheste Erinnerung, aber es blieb nicht so. Als ich noch ziemlich klein war, baute die Regierung die Gebäude der Bezirksverwaltung knapp eine Meile entfernt von den Stellen, wo wir uns wuschen. So mussten die Bewohner der ungefähr Dutzend Heimstätten, die unser Dorf bildeten, den Nyamarira, wie unser Fluss genannt wird, überqueren, wenn sie in den Gebäuden etwas zu erledigen hatten. Es dauerte nicht lange, bis die Geschäftstüchtigen unter uns bemerkten, dass sich ständig mehr Leute um die Verwaltungsgebäude herum versammelten als irgendwo sonst im Dorf (außer sonntags in der Kirche und an anderen Tagen an den Plätzen, wo Bier getrunken wurde) und dort ihre kleinen Gemischtwarenläden errichteten, in denen verkauft wurde, was wir brauchten – Brot, Tee, Zucker, Marmelade, Speiseöl, Streichhölzer, Kerzen, Paraffin und Seife. Ich weiß nicht mehr genau, ob der Platz vor oder nach dem Bau der Gemischtwarenläden zur Bushaltestelle wurde, aber bald hielten auch Busse dort. Untätig fingen die weniger arbeitsamen Jugendlichen unseres Dorfes an, um die Gemischtwarenläden herumzustreunen, kauften einander, wenn sie es sich leisten konnten, was selten genug war, Fanta oder Coca-Cola und billiges Parfüm, das nach Vanille-Essenz roch. Ein unternehmerischer Ladenbesitzer machte sich dies zunutze und stattete sein Geschäft mit einem Grammophon aus, damit die Jugendlichen sich mit Musik und Tanz unterhalten konnten. Sie spielten die neue Rumba, die, wie populäre Musik es oft tut, mit unsystematischen Figuren auf die Zustände der Zeit hinwies: »Kriegst Prügel, wenn du weiter nach Geld fragst«, »Vater, bin ohne Arbeit, gib mir Geld für roora«, »Mein Geliebter, warum hast du eine zweite Frau genommen?« Die Hüften wurden geschwungen, die Füße stampften zum Rhythmus dieser sozialen Fakten. Es gab Solidarität. Die Behörden wurden unruhig. Unsere fleißige Gemeinde wurde für ihre Mühen mit dem Bau einer Bierhalle belohnt, dunkelblau wie die Verwaltungsgebäude, wo »einheimisches Bier« und »sauberes Bier« die Woche hindurch billig verkauft wurde. So wurden unsere Waschplätze zu Durchgangsorten für Leute, die aus allen möglichen Gründen zu magrosa gingen. Zur Wahrung der Anständigkeit wurden die Badestellen weiter flussaufwärts angelegt. Trotzdem pflegte ich, wenn ich mich kühn fühlte (das war, bevor meine Brüste zu groß wurden), oben am Ufer-Hang die Ohren zu spitzen und, wenn ich sicher war, dass niemand kam, zum Fluss hinunterzulaufen, mein Kleid abzustreifen (mehr hatte ich meist nicht an) und glücklich an den alten, tiefen Plätzen zu schwimmen, solange ich wollte.

Und diesen Spaziergang verabscheute mein Bruder! Wahrhaftig, ich könnte endlos weiter die Reize dieses Spaziergangs schildern; darum verstand ich auch nicht, wieso er ihm so widerstrebte. Doch er widerstrebte ihm, und meistens konnte er ihn umgehen, indem er unter irgendeinem Vorwand nach Schulende in der Mission blieb, bis mein Onkel, der Bruder meines Vaters und der älteste Sohn der Familie, beschloss, uns einen Besuch abzustatten. Mein Onkel besuchte uns häufig.

Es war die Idee meines Onkels gewesen, Nhamo auf die Missionsschule zu schicken. Wenn man ihm eine Chance gäbe, würde Nhamo, so meinte mein Onkel, sich in der Schule auszeichnen, wenigstens genügend für einen anständigen Beruf. Mit dem so verdienten Geld, sagte mein Onkel, würde Nhamo unseren Teil der Familie aus dem Elend befreien, in dem wir lebten. Die Geste meines Onkels war also ozeanisch, und mein Vater, der eine Vorliebe für Übertreibungen hatte, musste kaum überredet werden, den Sinn dieses Plans einzusehen. Auf die sanfteste Weise und nur höflich zögernd wies er meinen Onkel darauf hin, dass Nhamos Weggang für alle anderen zu Hause mehr Arbeit bedeuten würde, und gab meinem Bruder seine Erlaubnis. Das geschah, als mein Bruder in der dritten Klasse war, im Jahre 1965, dem Jahr der Rückkehr meines Onkels aus England.

Zu jener Zeit, Ende 1965, hatte mein Bruder sich schon ausgezeichnet, indem er in den ersten beiden Jahren Grundschule Klassenbester wurde und danach stets unter den fünf Besten zu finden war. Mein Onkel war darüber begeistert und wollte diese Tendenz unterstützen. »Mit deinem Kopf«, pflegte mein Vater Nhamo während der frühen Schulzeit, den prägenden Jahren, zur Ermutigung zu sagen, »wäre ich inzwischen Lehrer. Oder sogar Arzt. Ja! Vielleicht sogar Arzt. Glaubst du, wir würden so leben wie jetzt? Nein! In einem Ziegelhaus mit Warm- und Kaltwasser und Licht, wie bei Mukoma. Es wäre gut gewesen, hätte ich nur den Kopf dazu gehabt.« Nhamo, ganz der gehorsame Sohn, bestätigte meinem Vater dann, dass es wirklich gut gewesen wäre, und beruhigte ihn, dass die Intelligenz, mit der er selbst gesegnet war, nicht missbraucht werden würde. Ich war anders. Ich wollte die Wahrheit herausfinden. Meinte mein Vater, dass Babamukuru sich in der Schule als gescheit erwiesen hatte? Das fragte ich ihn eines Tages, als ich ein solches Gespräch mit anhörte.

»Das nicht gerade«, antwortete mein Vater. »Ich würde nicht sagen, dass Mukoma gescheit war. Nein. Nicht wirklich gescheit. Aber er las. Ja! Mukoma las. Was immer er anrührte, brachte er voran, so war er, ja! Mukoma las immer«, schloss er mit aufgerissenem Mund und krauser Stirn, voll des Respekts vor der Beharrlichkeit meines Onkels. Und als er dann erkannte, dass er in seine eigene Falle gegangen war, fühlte er sich bemüßigt, sich zu rechtfertigen. »Aber Mukoma hatte Glück. Er bekam eine Chance. Er ging von früh an zur Missionsschule. Die Missionare kümmerten sich so sehr um ihn, dass er mit den Büchern, nun, weißt du, ha-a-a, ganz natürlich umgehen lernte.«

Ob Babamukuru nun gescheit oder fleißig war oder einfach nur Glück gehabt hatte – Nhamo gelang es meist, seinen Onkel zu beschwatzen, ihn nach Hause zu fahren. Wie Nhamo das schaffte, ist mir ein Rätsel, denn Babamukuru war nie jemand, der sich leicht beschwatzen ließ. Trotzdem schaffte es Nhamo meistens. Aber diesmal, an dem Trimesterende, von dem ich erzähle, als Nhamo gerade die sechste Klasse absolviert und deshalb vorzeitig frei hatte, war Babamukuru zu einer Besprechung in der Stadt. Nhamo war gezwungen, den Bus zu nehmen. Eigentlich glaube ich, dass Babamukuru beschlossen hatte, es tue Nhamo gut, einmal den Bus zu nehmen. Ich glaube, mein Onkel fing an, sich Sorgen zu machen über die Entwicklung meines Bruders. Jedenfalls machten sich alle zu Hause, die alt genug dazu waren, um die Entwicklung meines Bruders Sorgen – außer meinem Vater.

Bald nachdem er auf die Missionsschule gekommen war, hörte mein Bruder auf, in den kurzen Ferien nach Hause zu kommen. Obwohl er uns hin und wieder mit meinem Onkel besuchte, kam er nur einmal im Jahr, am Ende des Schuljahres und zu Anfang der Maiszeit, für längere Zeit nach Hause. Während der Ferien im August und April weigerte sich Nhamo, nach Hause zu kommen. Er gab vor, er müsse unaufhörlich lesen, um die Prüfungen am Jahresende erfolgreich zu bestehen. Das war eine gute Entschuldigung, mit der er sich vor der unangenehmen Aufgabe drücken konnte, den Mais zu ernten und zu stapeln sowie die Blätter von den Kolben zu ziehen. Am Ende eines Erntetages juckte es uns überall grässlich, und wir rannten stets von den Feldern sofort zum Fluss, um den juckenden Staub abzuwaschen. Es war nicht erstaunlich, dass Nhamo das Ernten nicht mochte. Keiner von uns empfand diese Pflicht als angenehm. Sie war einfach etwas, das getan werden musste. September und Oktober waren anders. Zu dieser Zeit wurde das Land für die neuen Pflanzungen vorbereitet. Lange bearbeiteten die Leute den Boden mit Hacken, was harte Arbeit bedeutete, aber nicht unangenehm und nicht ohne Freuden war. Kurz bevor Babamukuru 1960 nach England ging, kaufte er meinem Vater dann einen Ochsenpflug, so dass die Arbeit sich zu der Zeit, als ich alt genug war, um mitzuhelfen, auf das Pflanzen des Maises beschränkte; zumindest in den Jahren, in denen mein Vater oder ein ausreichend kräftiger männlicher Verwandter auf Besuch die Zeit fanden, den Ochsenpflug zu benutzen. In den Jahren, in denen sie keine Zeit dazu hatten, mussten wir wieder wie früher graben und pflanzen. Nach dem Pflanzen und dann die ganze Regenzeit hindurch, bis die Pflanzen groß und kräftig waren, jäteten wir Unkraut, mit unseren Händen und Hacken. Manchmal bauten wir nicht nur Mais an, sondern auch mhunga und rukweza. Zu Anfang des Ackerjahres waren wir sehr beschäftigt. Mein Onkel bestand darauf, dass Nhamo hierfür nach Hause fuhr, denn es gab keine Prüfungen, die ein Wegbleiben gerechtfertigt hätten. So war Nhamo gezwungen, einmal im Jahr in sein schmutziges Zuhause zurückzukehren, wo er sich mit kaltem Wasser in einem Emaillebecken oder in einem Fluss waschen musste und nicht in einer Badewanne mit Wasserhähnen, aus denen es heiß und kalt floss; wo er sadza mit seinen Fingern und kaum Fleisch aß und nie mit Messer und Gabel; wo es außer dem flackernden Gelb der Kerzen und den hausgemachten Paraffinlampen kein Licht gab, das ihm ermöglicht hätte, bei seinen Büchern Zuflucht zu nehmen, wenn wir anderen schlafen gegangen waren.

Diese Armut fing an, ihn zu beleidigen, oder zumindest ihm peinlich zu sein, wie es ihm, ehe er zur Missionsschule ging, nicht ergangen war. Zuvor hatten wir uns darüber verständigen können, dass der Schmutz uns grausam zusetzte, aber fraglos der unsere war; also war die Last, ihn zu vertreiben, auch unsere. Aber dann änderte etwas, das er in der Mission gesehen hatte, seine Ansichten, so dass er nunmehr glaubte, unsere Heimstätte hätte keinen Anspruch mehr auf ihn. Wenn er nun in den Ferien nach Hause kam, war es, als sei er nicht da; er war nicht sehr umgänglich. Bei der Feldarbeit mitzuhelfen, beim Versorgen des Viehs oder beim Feuerholzholen, Aufgaben, die er vor seiner Missionszeit bereitwillig erfüllt hatte, wurde für ihn jetzt zum schlechten Witz. Als die Regenfälle am Ende seines ersten Jahres in der Mission vorzeitig kamen, wies er uns darauf hin, dass der Großteil der Arbeit schon getan war und wir sehr gut zurechtgekommen waren; wenn die Regenfälle sich verspäteten, wie am Ende des zweiten Jahres, erinnerte er uns daran, dass wir es im Jahr zuvor ohne ihn auch geschafft hatten. Nur wenn Babamukuru seinen Besuch ankündigen ließ, machte er sich die Mühe mitzuhelfen. An solchen Tagen stand er mit allen anderen bei Sonnenaufgang auf, arbeitete so hart, dass die Erde sich in die Haut seiner Hände eingrub und der Schweiß ihm über den bloßen Rücken rann, was ihm Geruch und Aussehen eines mustergültigen Arbeiters verlieh. Seine Strategie war perfekt. Er kehrte nie ins Haus zurück, egal wie hart und ermüdend die vorhandenen Aufgaben waren, bevor nicht Babamukuru, bei dem verlassenen Haus angekommen, zu den Feldern hinausfuhr.

Manchmal trug Babamukuru kurze Hosen, wenn er uns besuchte. Falls wir alle auf den Feldern waren, nahm er eine Hacke zur Hand und arbeitete eine Zeitlang mit, bevor er mit meinem Vater und Nhamo zur Heimstätte zurückfuhr. Dort hörte er sich den Bericht meines Vaters an: über unsere Verspätung beim Bestellen der Felder; wie die Kühe des Nachbarn unsere Felder plünderten; dass Babamukuru einen Stacheldraht besorgen solle, der Affen und Kühe fernhalten würde. Wenn Babamukuru keine kurzen Hosen trug, kehrten sie sofort zum Haus zurück. Meine Mutter band sich dann mit zusammengekniffenen Lippen die kleine Rambanai enger an den Rücken und arbeitete schweigend weiter. Die wilden Schwünge ihrer Arme, wenn sie einen Maisstängel griff und abschälte, hielt Netsai und mich vom leisesten rebellischen Murmeln ab. Wir stellten uns vor, wie dieser wilde Arm meiner Mutter zischend eine Rute über unsere Beine ziehen würde, und das machte uns sehr vorsichtig. Netsai legte meiner Ansicht nach übertrieben los, wenn meine Mutter schweigend wütend wurde. Sie hätte ein unanständig großes Stück Feld abgeerntet, eine peinliche Anzahl Kolben gesammelt, wenn ich mich nicht geschämt hätte, mich von meiner kleinen Schwester bei der Arbeit übertreffen zu lassen und so das Gesicht zu verlieren. Wir folgten den Spuren des Autos meines Onkels, wenn die Sonne sich zu neigen begann, und trieben die Kühe zurück in ihren Kral, denn es gab für diese Aufgabe außer Nhamo keinen anderen jungen Mann in unserer Familie. Wir beeilten uns sehr, um nicht zu spät zur Vorbereitung des Abendessens zu kommen. Ich selbst sah Babamukuru ungern in kurzen Hosen, denn in seiner Missionskleidung war er eine würdevolle Erscheinung, und so wollte ich ihn sehen.

An den Tagen, an denen Babamukuru zu Besuch kam, töteten wir einen Hahn. Oder vielmehr, wir töteten einen Hahn, wenn wir einen entbehren konnten, sonst nur eine Henne. Wir töteten auch ein Huhn, wenn Nhamo nach Hause kam, ob mit Babamukuru oder allein. Netsai und ich trieben den Vogel in eine Ecke und fingen ihn schließlich, nachdem wir lange vergeblich nach Luft und Federn geschnappt hatten, bei der Jagd unterstützt von den Freudenschreien der kleinen Rambanai, die oft in Heulen endeten, wenn ihr der Vogel auf der Flucht vor uns ins Gesicht flog.

An jenem bestimmten Novembernachmittag, an dem wir Nhamo zu Hause erwarteten, beschloss meine Mutter, ihr Gemüse zu bewässern – Raps, covo, Tomaten, derere und Zwiebeln – , welches sie auf einem Stück Land anbaute, das meiner Großmutter gehört hatte, in der Nähe der Hütte, aber doch eine Viertelstunde zu Fuß entfernt. Meine Mutter und ich gingen gemeinsam von den Feldern und trieben die Rinder vor uns her, bis wir den Gemüsegarten erreichten, wo wir uns trennten; sie ging bewässern, ich zur Hütte, die nicht gebrauchte Viehpeitsche in der Hand, denn das Vieh war genauso begierig nach Hause zu kommen wie ich. Unsere Schatten fielen länglich nach Osten, denn die Sonne ging hinter den Hügeln unter. Es war schon nach sechs. Zu dieser späten Zeit war ich sicher, Nhamo schon zu Hause vorzufinden, doch als ich vom Rinderkral heraufkam, sah ich nur Rambanai und Netsai im sandigen Hof vor der Küche spielen. Sie spielten nhodo, oder vielmehr spielte Netsai, und Rambanai warf nur die Steine hoch und protestierte lautstark, wenn Netsai wieder an der Reihe war. Rambanai war zu jung, um einen Stein in die Luft zu werfen, mehrere andere Steine aufzuheben und dann den ersten Stein im Fall zu fangen. Netsai wusste dies sehr wohl, aber sie genoss es trotzdem, Rambanai beim nhodo zu schlagen.

Sobald Rambanai mich sah, kam sie angelaufen und protestierte heftig gegen die unfaire Netsai, doch in ihrer unverständlichen Sprache, so dass allein ihr Mienenspiel mir sagte, was sie meinte.

»Ruhig jetzt«, sagte ich beruhigend, nahm sie in die Arme und setzte sie mir auf den Schoß. »Ich werde nhodo mit dir spielen. Das wird fein. Hat Nhamo dich sein Gepäck abholen lassen?«, fragte ich Netsai.

»Nein, Schwester Tambu«, antwortete sie. »Mukoma Nhamo ist noch nicht gekommen.«

»Er ist noch nicht gekommen?« Ich war noch nicht beunruhigt, denn der Drei-Uhr-Bus war oft ein Vier- oder Fünf-Uhr-Bus. Ich war sogar erleichtert. Ich würde den Hahn nicht töten müssen. »Dann vielleicht morgen, wenn ihn Babamukuru im Auto mitnehmen kann.«

Wie ich Nhamo kannte, wusste ich, dass er nicht so spät am Tage zu Fuß ankommen würde, denn dann müsste er sein Gepäck selbst tragen, auch wenn es nicht viel war, denn er ließ seinen schweren Koffer bei Babamukuru zurück. Er hatte gewöhnlich nicht mehr als eine kleine Tasche bei sich, die seine Bücher sowie ein oder zwei Paar khakifarbene kurze Hosen enthielt, die einzigen seiner Kleidungsstücke, die er nicht zu ruinieren fürchtete, wenn er sie zu Hause trug. Manchmal hatte er auch eine Plastiktüte bei sich, die allerlei Krimskrams wie Zucker und Tee, Seife, eine Zahnbürste und Zahnpasta enthielt. Der Zucker und der Tee waren meist Geschenke meiner Tante für meine Mutter, doch Nhamo behielt sie für sich. Er trank dann süßen schwarzen Tee und las seine Bücher, während wir unsere Arbeit im Haus erledigten. Dies belustigte meine Mutter. Wenn sie ihn dabei erwischte, schimpfte sie ihn aus und schickte ihn zum Viehhüten, aber wenn sie davon erzählte, lachte sie. »Der Junge mit seinen Büchern! Er wird eines Tages einen hervorragenden Lehrer abgeben, bei all dem Lesen!«

Jedenfalls war sein Gepäck nie zu schwer für ihn. Und trotzdem trug er es nie selbst. Stattdessen ließ er irgend etwas, einige Bücher, eine Plastiktüte, eine Kleinigkeit, nur des Prinzips wegen bei den Geschäften am Busbahnhof zurück, denn er stand auf freundschaftlichem Fuß mit allen. So konnte er Netsai losschicken, die Sachen zu holen, sobald er zu Hause ankam. Wenn er großzügiger Laune war, erbot er sich, währenddessen auf Rambanai aufzupassen, die noch auf unsicheren Beinen stand. Wenn er seinen wahren Charakter zeigte, erklärte er grinsend, es sei nicht Aufgabe eines Mannes, auf Kinder aufzupassen, und Netsai, die noch jung, aber groß für ihr Alter war, band sich das Baby auf den Rücken, um so das Gepäck zu holen. Wenn es für sie allein zu viel war, begleitete ich sie gelegentlich. Da ich wusste, dass er keine Hilfe brauchte, dass er uns nur seine Macht demonstrieren wollte, seine Autorität, uns zwingen zu können, Sachen für ihn zu erledigen, hasste ich es, das Gepäck meines Bruders zu holen. Fast so groß wie er, war ich, wenn er mich verärgert hatte, imstande, ihm ein Holzscheit aus dem Feuer ins Gesicht zu werfen. Also piesackte er mich nur wenig. Dafür bekam Netsai ab, was an mir vorüberging. Nhamo machte es Spaß, ihr beim kleinsten Anlass den Stock zu geben. Um des Friedens willen ging ich mit meiner Schwester bis zu den Geschäften, wenn sie Hilfe brauchte, und den ganzen Weg brummten wir wütend vor uns hin und schimpften über die Faulheit unseres Bruders. Man wundert sich vielleicht, wieso ich nicht für meine Schwester eintrat und meinem Bruder sagte, er solle sein Gepäck selbst tragen. Ich tat es, als er Netsai diesen Auftrag zum ersten Mal gab. Er erklärte sich bereit, selbst zu gehen, doch nachdem ich in die Küche zurückgegangen war, führte er Netsai außer Hörweite und verprügelte sie kräftig mit einem dünnen Pfirsichzweig. Arme Netsai! Sie erzählte mir, sie sei den ganzen Weg bis zu den Geschäften gerannt. Und dann fragte sie mich, wieso ich sie nicht gleich hätte gehen lassen?! Zuerst dachte ich, sie stelle wegen der Schläge so eine dumme Frage, doch später wurde mir klar, dass es ihr wirklich nichts ausmachte, Nhamos Gepäck zu tragen, wenn es nicht zu viel für sie war. Sie war ein süßes Kind, von der Sorte, die später eine reizende, traurige Frau abgeben.

Das war nicht das einzige Unsympathische an meinem Bruder. Dieser unser Nhamo war voller unvernünftiger Ideen. Selbst nach all diesen Jahren glaube ich, dass es in unserem Heim gesünder zuging, wenn er nicht da war. Damals war ich mir jedenfalls sicher. Ich erinnere mich, an jenem Novembernachmittag Erleichterung empfunden zu haben. Da ich nun den Hahn nicht töten und zubereiten musste, brauchte ich mich nur um das sadza und das Gemüse zu kümmern. Das war keine Arbeit, so dass ich noch zum Garten zurückgehen und meiner Mutter helfen konnte. Der Gedanke an meine Mutter, die so hart, so allein arbeitete, deprimierte mich stets, aber schließlich beschloss ich, das Abendessen vorzubereiten, damit sie sich nach ihrer Heimkehr ausruhen konnte. Denn ich wusste, wenn es noch Arbeit gab, nachdem sie das Wässern beendet hatte, würde sie sich weiter abrackern.

»Was ist los, Schwester Tambu?«, fragte Netsai und riss mich aus den Gedanken. Ich bewegte Rambanai auf meinen linken Schenkel und spürte, dass mein Knie eingeschlafen war.

»Was ist los, Schwester Tambu?«, erkundigte sich Rambanai. Typisch Netsai, eine Frage zu stellen, die ich nicht beantworten konnte. Ich wollte meinen Schwestern nicht kaltblütig mitteilen, dass ich darüber nachgedacht hatte, wie wenig ich meinen Bruder mochte. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Da er unser Bruder war, hätten wir ihn mögen sollen, was es schwieriger machte, ihn nicht zu mögen. Da es mir trotzdem gelang, konnte ich meinen Bruder wohl überhaupt nicht leiden!

»Es wird schon gut«, bemerkte ich, in dem Versuch, mich selbst zu überzeugen, »wenn Mukoma Nhamo nach Hause kommt.«

»Wieso?« Netsai war verwundert. »Was wird er tun?«

»Was tun?«, kam das Echo von Rambanai, über das ich lachen und somit die Antwort vermeiden konnte. Ich setzte sie ab und ging zur dara, um das Emaillebecken mit Wasser zu füllen und die Töpfe und Teller zu holen, die ich zum Kochen brauchen würde. Die dara war deprimierend. Termiten hatten sich zielstrebig einen Weg durch das rechte Bein gekaut, so dass sie unverschämt schief stand. Ständig fielen Sachen herunter. Als sei das noch nicht genug, waren mehrere der Riemen aus Rinde, die die Bretter zusammenhielten, verfault. Die Bretter waren verschoben, große Löcher taten sich zwischen ihnen auf, so dass die Gegenstände, wenn sie nicht von der dara fielen, durch sie hindurchfielen.

Sie muss repariert werden; ich muss sie reparieren, dachte ich, wie schon ein Dutzend mal zuvor, und versprach mir, dass ich mir die Zeit nehmen würde. Ich beugte mich hinab, um den Zehn-Gallonen-Kanister unter der dara hervorzuziehen. Ich hoffte inbrünstig, dass er noch ausreichend Wasser für die Nacht enthielt.

Netsai sah mir zu. »Er ist voll«, sagte sie und lächelte. »Wir haben die Dosen benützt. Wir mussten nur dreimal zum Fluss gehen.«

»Gehen Fluss«, stimmte Rambanai zu.

»Du arbeitest gut«, sagte ich zu meiner Schwester, berührt von ihrer Fürsorge. Ihr hübsches kleines Gesicht strahlte von innen. Wir lächelten uns an, und Rambanai gluckste.

Der covo war frisch und hatte große Blätter, die schnell gewaschen waren. Die Töpfe waren alle sauber, ein weiteres Zeichen für Netsais rücksichtsvolle Art. Es machte mir Spaß, das Essen zuzubereiten, wenn die schmutzigeren Arbeiten schon erledigt waren. Ich summte, während ich den covo stückchenweise in den Topf gab, und freute mich, als die Hühner die verstreuten Stücke aufpickten und so den Ort aufräumten, ohne selbst Gefahr zu laufen, gefangen und gekocht zu werden. Wie ich die ganze Prozedur hasste – um Netsais Hilfe zu bitten, dem Vogel die Flucht zu vereiteln, meine wachsende Verärgerung, wenn ich nach seinen Flügeln griff und nur Luft zu fassen bekam, bevor ich ihn schließlich erwischte, gackernd und schrill protestierend, bis er die Unvermeidlichkeit spürte und verstummte. Auch konnte ich den Geruch des Blutes nicht ertragen, der mich zu ersticken drohte, wenn kochendes Wasser über den kopflosen Vogel geschüttet wurde, damit seine Federn sich lösten. Das nächste Mal, dachte ich naiv, soll Nhamo ihn selbst fangen. Wenn er Huhn essen will, soll er es selbst fangen und töten. Ich werde es rupfen und kochen. Das schien mir eine faire Arbeitsteilung zu sein.

Ich war naiv. Dass er Netsai wegen des Gepäcks verprügelte, hätte mir die Augen öffnen müssen. Nhamo war nicht darauf aus, fair zu sein. Vielleicht anderen Leuten gegenüber, aber sicherlich nicht seinen Schwestern gegenüber, seinen jüngeren Schwestern. Vielleicht ist es unfair von mir, ihn postum mit Vorwürfen zu überhäufen, wenn er sich nicht mehr verteidigen kann und ich genug gesehen habe, um zu wissen, dass Schuld nicht in sauber verpackten Päckchen vorkommt. Vielleicht stelle ich es so hin, als hätte Nhamo einfach beschlossen, ekelhaft zu sein und dies sehr gut beherrscht; tatsächlich tat er nichts anderes, als sich, vielleicht etwas extrem, so zu verhalten, wie es erwartet wurde. Die Bedürfnisse und Gefühle von Frauen wurden in meiner Familie nicht vorrangig beachtet, es gab sie offiziell nicht einmal. Deshalb war ich in dem Jahr, als Nhamo starb, noch in der dritten Klasse statt in der fünften, wie es meinem Alter entsprochen hätte. Damals empfand ich die Ungerechtigkeit meiner Lage jedes Mal, wenn ich darüber nachdachte, was ich oft tun musste, da Kinder ständig über ihr Alter reden. Dieser Ungerechtigkeit wegen fing ich an, meinen Bruder nicht leiden zu können, und nicht nur meinen Bruder: meinen Vater, meine Mutter – eigentlich alle.

Zwei

Mit sieben Jahren kam Nhamo in die Schule. Die Regierung hatte beschlossen, dass afrikanische Kinder dieses Alters geistig genügend entwickelt waren, um die Abstraktion von Zahlen und Buchstaben zu verstehen: 1 + 1 = 2; k-i-t-s-i = kitsi. Nhamo war einer der Jüngsten in seiner Klasse. Vielleicht glaubten andere Eltern wirklich, wir seien ein zurückgebliebener Haufen, und zogen es vor, die Fähigkeiten ihrer Kinder noch etwas reifen zu lassen, ehe sie der Strenge der Schulbildung ausgesetzt wurden. Und natürlich war es eine Frage der Schulgebühren. Was auch immer der Grund war, viele von uns kamen erst mit acht oder neun in die Schule, doch durch Babamukuru gab es in unserer Familie einen Präzedenzfall für frühe Einschulung; er hatte es zu einem Bachelortitel in Südafrika gebracht und wusste folglich sehr viel über Erziehung. »Sie sollten früh anfangen«, sagte Babamukuru meinem Vater, »solange ihr Verstand noch formbar ist.« Unweigerlich kam Nhamo also mit sieben in die Schule, und ich, die ein Jahr jünger war, folgte im Jahr darauf.

Nun fiel die Ernte aus irgendeinem Grund in dem Jahr meiner Einschulung trotz ausreichender Regenfälle sehr mager aus. Obwohl wir genug Mais geerntet hatten, um nicht zu verhungern, blieb nichts zum Verkauf übrig. Das bedeutete, dass es zu Hause kein Geld gab. Kein Geld bedeutete keine Schulgebühren. Keine Schulgebühren bedeutete keine Schule. Auch gab es keine Hoffnung, Geld zu beschaffen, denn Babamukuru hatte die Mission verlassen, um in England mehr über Erziehung zu lernen.

Ich war erst fünf, als Babamukuru nach England ging. Folglich weiß ich nur noch, dass alle sehr aufgeregt und sehr beeindruckt von diesem Ereignis waren. Um herauszufinden, was damals wirklich passierte, und um die folgenden Ereignisse zu verstehen, habe ich viele Leute gebeten – Maiguru und Babamukuru, meinen Vater, meine Mutter, Nyasha und Chido –, mir zu erzählen, was ihnen im Gedächtnis geblieben war. Ich fand heraus, dass es, kaum verwunderlich, Diskussionen und Konflikte und Spannungen gegeben hatte, die ich als kleines Mädchen nicht wahrnehmen konnte.

Babamukuru wollte die Mission nicht verlassen. Er wollte nicht noch einmal so weit von zu Hause fort, denn er hatte seine Mutter schon einmal verlassen, um nach Südafrika zu gehen, und er war noch nicht lange genug wieder daheim, um sicher zu sein, dass sie im Alter gut versorgt wäre. Auch hatte er jetzt selbst eine Familie. Obwohl die Missionare, die ihm ein Stipendium für das Studium in England besorgt hatten, auch Maiguru ein Stipendium anboten (so bestrebt waren sie, dieses intelligente, disziplinierte junge Paar in England ausbilden zu lassen, damit sie ihrem Volk nützlich sein konnten), blieb die Sorge um die Kinder. Die Diskussionen und Spannungen bei seiner Abreise hatten weniger mit seinem Weggehen zu tun als mit der Frage, was mit den Kindern geschehen sollte. Babamukuru schätzte die ihm gebotene Möglichkeit sehr; auch wäre eine Ablehnung einer Art Selbstmord gleichgekommen. Seine Undankbarkeit hätte die Missionare verärgert. Er wäre in Ungnade gefallen, und sie hätten an seiner Stelle einen anderen vielversprechenden Afrikaner unter ihre Fittiche genommen. Da er die notwendige Qualifikation nicht im eigenen Land erhalten konnte, blieb ihm keine andere Wahl, als sich für fünf Jahre zu entwurzeln, um danach eine Position einzunehmen, die es ihm im Laufe der Zeit ermöglichen würde, sich selbst und seine beiden Familien aus der Abhängigkeit von Umwelt und spendablen Missionaren zu befreien. Mein Großvater war der Ansicht, die Kinder wären zu Hause besser aufgehoben, wo sie unsere Gewohnheiten kannten und sich im Kreis der Familie wohlfühlten. Aber Babamukuru, der vor Augen hatte, wie schwierig das Leben zu Hause war, wollte nicht, dass seine Kinder die Not und das Elend seiner Kindheit erlebten. Auch wollte er seine Kinder bei sich haben, um so entscheidende Dinge wie ihre Erziehung und ihre Entwicklung selbst zu überwachen. Also wurden Chido und Nyasha nach England mitgenommen. Und mein Vater, dem fünf Jahre ohne einen Bruder, der für ihn sorgte, wie eine Ewigkeit vorkamen, tröstete sich mit der Aussicht, nach Babamukurus Rückkehr von dem dann höher Qualifizierten noch reichhaltiger versorgt zu werden als bisher. Meine Mutter war hoffnungsvoll. Sie dachte, mein Vater würde endlich Verantwortung übernehmen.

Ich kann mich an ein Gespräch mit Nhamo über das Phänomen von Babamukurus Bildung erinnern. Nhamo war allein schon von der Bildungsmenge, die möglich war, beeindruckt. Er sagte mir, dass die Ausbildung, wegen der Babamukuru weggegangen sei, sehr wichtig gewesen sein müsse, sonst wäre er wegen ihr nicht so weit fortgezogen. »England«, sagte er gewichtig zu mir, »ist sehr weit weg. Viel weiter weg als Südafrika.« Nhamo wusste damals vieles. Er wusste mehr als zum Zeitpunkt seines Todes. So wusste er zum Beispiel, dass er als Erwachsener wie Babamukuru viele akademische Grade anstreben und Schuldirektor wie Babamukuru werden würde. Er wusste, dass er seinen jüngeren Schwestern Bildung sichern oder zumindest sich um uns sorgen musste, wie Babamukuru es für seine eigenen Brüdern und Schwestern tat. Er wusste, dass er auf den Feldern und beim Vieh helfen und freundlich zu den Leuten sein musste. Aber vor allem wusste er, dass er hart arbeiten musste, um stets der Klassenbeste zu sein. Das tat er in den unteren Klassen eifrig. Einmal war er mit seiner Leistung besonders zufrieden, denn er hatte einen Mitschüler ganz knapp übertroffen. Nach all diesen Erfolgen wurde ihm mitgeteilt, er könne nicht weiter zur Schule gehen, weil das Geld für die Schulgebühren fehlte. Er weinte.

Glücklicherweise war meine Mutter in jenem Jahr willensstark. Sie fing an, Eier zu kochen, die sie dann zum Busbahnhof trug und an durchreisende Passagiere verkaufte. (Das bedeutete, dass wir sie nicht essen konnten.) Sie bot auch Gemüse an – Rüben, Zwiebeln und Tomaten –, wozu sie ihren Garten erweiterte, um mehr anbauen und verkaufen zu können. Das Geschäft ging leidlich, gut an öffentlichen Feiertagen, wenn Reisende von weit entfernten Orten wie Salisbury, Fort Victoria, Mount Darwin und Wankie in Versuchung kamen, eine Kleinigkeit nach Hause mitzunehmen. So kratzte sie genug Geld zusammen, um meinen Bruder in der Schule zu halten. Ich sah ein, dass Gemüseverkaufen kein einträgliches Geschäft war. Ich sah ein, dass es nicht genug Geld für meine Schulgebühren gab. Ja, ich sah ein, dass ich nicht weiter zur Schule gehen könnte, obwohl ich sehr gern zur Schule ging und auch gut war. So wirkten sich die Umstände ungünstig auf mich aus.

Mein Vater meinte, dies sollte mich nicht bekümmern. »Über so was macht man sich doch keine Sorgen! Ha-a-a, das ist nichts«, beruhigte er mich mit seiner ewigen Bereitschaft, die einfachste Lösung zu wählen. »Kannst du Bücher kochen und sie deinem Ehemann vorsetzen? Bleib zu Hause bei deiner Mutter. Lerne kochen und putzen. Pflanz Gemüse.«

Es war seine Absicht, mich mit beruhigenden, vernünftigen Worten zu trösten, aber ich sah den Sinn darin nicht. So war es oft, wenn mein Vater etwas sagte, aber bislang hatte es keinen so konkreten Anlass gegeben, an seinen Theorien zu zweifeln. Diesmal hatte ich aber Beweise. Maiguru war gebildet; servierte sie denn Babamukuru Bücher zum Abendessen? Ich fand zu meiner unglücklichen Erleichterung heraus, dass mein Vater nicht vernünftig war.

Ich beschwerte mich bei meiner Mutter. »Baba sagt, ich brauch keine Ausbildung«, sagte ich voller Verachtung zu ihr. »Er sagt, ich muss lernen, eine gute Ehefrau zu werden. Schau dir Maiguru an«, fuhr ich fort, meiner Grausamkeit nicht bewusst. »Sie ist eine bessere Ehefrau als du!«

Meine Mutter war zu alt, um sich von meinem kindischen Unsinn beeindrucken zu lassen. Sie versuchte, einige meiner Vorwürfe zu entkräften, indem sie mir lang und breit erklärte, dass mein Vater recht habe, weil auch Maiguru kochen und putzen und Gemüse anbauen könne. »Eine erwachsene Frau zu sein, das ist eine große Last«, sagte sie. »Wie sollte es anders sein? Sind nicht wir es, die die Kinder gebären? Da kannst du nicht einfach entscheiden, heute möchte ich dies tun und morgen jenes und am übernächsten Tag möchte ich eine Ausbildung haben! Wenn Opfer gebracht werden müssen, bist du diejenige, die sie bringen muss. Und diese Sachen sind nicht einfach; du musst von jung auf, von sehr jung auf, anfangen, sie zu lernen. Je früher, desto besser, dann ist es später einfacher. Einfacher! Als ob es jemals einfach wäre. Und in unserer Zeit ist es am schlimmsten; einerseits das Elend, eine Schwarze zu sein, andererseits die Bürde, eine Frau zu sein. Aiwa! Was dir helfen wird, mein Kind, ist zu lernen, deine Bürde mit Ausdauer zu tragen.«

Ich dachte mehrere Tage lang darüber nach, in deren Verlauf ich trotz meiner guten Noten an meiner Intelligenz zu zweifeln begann, denn wie in den Worten meines Vaters konnte ich auch in denen meiner Mutter keinen Sinn sehen. Meine Mutter behauptete, schwarz zu sein sei eine Bürde, weil man arm bleibe, aber Babamukuru war nicht arm. Meine Mutter behauptete, Frau zu sein sei eine Bürde, weil man Kinder gebären und sich um sie und den Ehemann kümmern müsse. Aber ich glaubte nicht daran. Maiguru wurde von Babamukuru gut versorgt, wohnte in einem großen Haus auf dem Missionsgelände, das ich nicht gesehen, von dem ich aber gerüchteweise gehört hatte, wie riesig und elegant es sei. Maiguru wurde in einem Auto herumchauffiert, sah gepflegt und frisch aus und war stets sauber. Sie war insgesamt eine andere Frau als meine Mutter. Es kam mir besser vor, wie Maiguru zu sein; nicht arm und nicht von der Bürde, eine Frau zu sein, erdrückt.

»Ich werde wieder zur Schule gehen«, eröffnete ich meinen Eltern.

Mein Vater nahm an, ich erwartete von ihm, dass er das Geld irgendwie, womöglich durch Arbeit, besorgte, und reagierte heftig. »Fängst du wieder mit dem Blödsinn an! Ich sehe es schon. Du weißt doch, dass dein Babamukuru noch einige Zeit weg sein wird!«

»Ich werde mir die Gebühren selbst verdienen«, versicherte ich ihm und unterbreitete ihm meinen Plan, so wie ich ihn entworfen hatte. »Wenn du mir etwas Aussaat gibst, werde ich mein eigenes Feld beackern und selbst Mais anbauen. Nicht viel. Gerade genug, um die Gebühren zu bezahlen.«

Mein Vater war sehr belustigt. Er ärgerte mich sehr mit seinem ständigen Lachen, mit seiner unangenehm erwachsenen Art. »Gerade genug, um die Gebühren zu bezahlen! Kannst du sie dir dabei vorstellen?«, gluckste er zu meiner Mutter hin. »So ein Sträuchlein, aber schon mit reifen Plänen! Kannst du deiner Tochter sagen, Ma’Shingayi, dass wir kein Geld haben. Wir haben kein Geld. Das ist alles.«

Meine Mutter kannte mich natürlich besser. »Hat sie denn um Geld gebeten?«, gab sie zurück. »Hör deinem Kind richtig zu. Sie möchte nur etwas Aussaat. Die können wir ihr geben. Lass es sie versuchen. Lass sie selbst sehen, dass manche Sachen einfach nicht zu machen sind.«

Mein Vater war einverstanden. Etwas Aussaat war kein großer Preis, mich ruhigzustellen. Ich begann mein Projekt am nächsten Tag, einem Dezembertag 1962. Im Januar darauf kam mein Bruder eine Klasse weiter. Ich arbeitete in der Hütte, auf den Feldern unserer Familie und auf meinem eigenen Stück Land. In diesen ersten Tagen meiner Gärtnerei murmelte ich Gebete voller Liebe und Ehrfurcht, die ich an meine Großmutter richtete. Meine Großmutter hatte unerbittlich das Land bebaut, ausgesät und reiche Ernten eingebracht, bis zu ihrem letzten, wortwörtlich letzten Augenblick. Als ich noch zu klein war, um irgendetwas anderes als ein Hindernis bei der Feldarbeit zu sein, verbrachte ich ergebnisreiche Stunden mit meiner Großmutter, arbeitete mit ihr zusammen auf dem Stückchen Land, das sie ihren Garten nannte. Wir zogen Seite an Seite mit der Hacke Furchen für die Maispflanzen, die jede von uns trug. Ich bestand dickköpfig darauf, mit ihr Schritt zu halten, so dass sie drei Stufen gleichzeitig bearbeitete, damit ich auf meinem einen mitkam. Indem sie meinen Arbeitseifer lobte, machte sie ihn für mich zu einem Wert.

Sie gab mir auch Unterricht in Geschichte. In Geschichte, wie sie sich nicht in den Schulbüchern findet; Feldarbeit und dann eine Rast, der Anfang einer Geschichte, eine Pause. »Was passierte dann, Mbuya, was passierte?« – »Noch etwas Arbeit, mein Kind, ehe du die Geschichte weiter hörst.« Langsam, mit Methode, wurde das Feld den ganzen Tag hindurch beackert, und die Episoden der Geschichte, wie meine Großmutter sie verstand, reihten sich aneinander.

»Deine Familie hat nicht immer hier gelebt. Sie ist erst hierhergezogen, nachdem ich deinen Großvater geheiratet habe. Wir lebten in Chipinge, wo der Boden fruchtbar und dein Urgroßvater ein reicher Mann in der Währung jener Tage war. Er hatte viele fette Viehherden, große Felder und vier Frauen, die hart arbeiteten, um reiche Ernten einzubringen. Er konnte bei den Händlern Stoff und Perlen und Äxte und ein Gewehr, ja, sogar ein Gewehr, eintauschen. Die Händler blieben in jenen Tagen nicht da, sie kamen vorbei und gingen wieder. Dein Urgroßvater hatte genug Söhne für einen ganzen Kral, lauter große, starke, arbeitsame Männer. Und ich, ich war damals schön«, und ihre Augen funkelten mich an, so dass ich mich schämte, sie so genau zu betrachten, um die Schönheit von einst zu entdecken. Wieso erzählte sie mir das? Sie war nicht mehr schön, aber ich liebte sie und schämte mich, in ihrem Gesicht nach der vergangenen Schönheit gesucht zu haben. »Ich war nicht immer so alt, so voller Falten, mit weißem Haar und ohne Zähne. Damals war ich so klein und hübsch und rundlich wie du, und als ich zu einer Frau heranwuchs, war ich eine schöne Frau mit Haaren, so lang, dass man sie zu einem einzigen Zopf flechten konnte. Ich hatte schwere, starke Hüften.« Hier beendete sie meistens die erste Episode. Ich saß auf glühenden Kohlen. Die Prinzessin und der Prinz. Was passierte dann? Was passierte dann?

Die Zauberer, wohlbeschlagen in Hinterlist und schwarzer Magie, kamen aus dem Süden und vertrieben die Menschen von dem Land. Auf Eseln, zu Fuß, auf Pferden, auf Ochsenkarren suchten die Menschen einen Ort zum Leben. Aber die Zauberer waren gierig und habsüchtig; es gab immer weniger Land für die Menschen. Zuletzt erreichten die Menschen den grauen, sandigen Boden und die Heimstätte, so steinig und dürr, dass er für die Zauberer zu nichts tauglich war. Dort bauten sie ihr Heim. Aber der drittgeborene Sohn, mein Großvater, von dem Flüstern der Zauberer, von Reichtümern und Luxus verlockt und von dem harten Leben der Heimstätte abgestoßen, folgte den Zauberern auf eine ihrer Farmen. Yurvi! Nur um herauszufinden, dass sie ihn in die Sklaverei gelockt hatten. Aber eines Tages gelang es meinem Großvater, zu den glitzernden Goldminen des Südens zu fliehen, von denen man sagte, dass gute Männer dort schnell reich wurden. Der weiße Zauberer hatte keine Verwendung für Frauen und Kinder. Er vertrieb meine Großmutter und ihre Kinder von der Farm. Völlig mittellos kehrten sie zur Heimstätte zurück, wo mein Urgroßvater die Familie zusammenhielt, ohne seinen früheren Lebensstandard zu erreichen. Aber dann starb mein Urgroßvater und die Familie brach auseinander, und es stellte sich heraus, dass mein Großvater kein guter Mann war, denn er wurde in den Minen getötet, und meiner Großmutter fiel es zu, allein sechs Kinder zu versorgen. Und dann hörte sie, dass Wesen, im Aussehen den Zauberern ähnlich, aber nicht wie sie, sondern Heilige, eine Mission nicht weit von der Heimstätte aufgebaut hätten. Sie ging mit meinem Onkel, mit Babamukuru, der neun Jahre alt war und nur einen Lendenschurz trug, zur Mission, wo ihn die heiligen Zauberer aufnahmen. Sie ließen ihn tagsüber auf ihrer Farm arbeiten. Nachts unterrichteten sie ihn in ihrer Zauberei. Denn meine scharfsinnige, vorausblickende Großmutter hatte sie gebeten, ihn auf das Leben in ihrer Welt vorzubereiten.

Es schien mir wahrlich eine romantische Geschichte zu sein, ein Märchen von Belohnung und Bestrafung, von Ursache und Wirkung. Sie hatte auch eine Moral, eine unwiderstehliche Moral, die das eigene Streben belohnte, aber nur in den Grenzen des Möglichen.

Mein Onkel scheute harte Arbeit nicht; er war sie von klein auf gewohnt. Er überraschte die Missionare mit seinen außerordentlichen Leistungen in der Schule, obwohl er den ganzen Tag über auf der Farm arbeitete. Er war gewissenhaft, er war arbeitsam, er war respektvoll. Sie hielten ihn für einen guten Jungen, den man kultivieren konnte wie einen Boden, der Ernten hervorbringt, die den Bauern ernähren. Als er die Schule auf der Mission abgeschlossen hatte, richteten sie es ein, dass er eine höhere Schule besuchen durfte, was aber erst nach einigen Jahren möglich war, als eine höhere Schule für Menschen wie meinen Onkel gebaut wurde. Während er wartete und dann im Laufe seiner weiteren Schulzeit gaben sie ihm verschiedene Arbeiten auf der Mission, damit er seine Gebühren bezahlen und seine Familie unterstützen konnte.

Dann stiftete ihm die Regierung ein Stipendium für Südafrika. Mein Onkel wurde ein wohlhabender, geachteter Mann, mit einem Gehalt, das ausreichte, die mageren Einkünfte seiner Familie etwas aufzubessern. Er war der Beweis, dass das Leben auch unter widrigsten Umständen mit etwas Würde gelebt werden konnte, wenn man hart genug arbeitete und die Regeln einhielt. Ja, es war eine romantische Geschichte, so wie meine Großmutter sie erzählte. Das Leiden wurde nicht verheimlicht, aber die Botschaft war klar: Erdulde und gehorche, denn es gibt keinen anderen Weg. Sie war stolz auf ihren ältesten Sohn, der genau das getan hatte.

Als sie eines Tages, ich war nicht bei ihr, friedlich während einer Arbeitspause starb, übernahm meine Mutter das Stück Land und machte daraus einen Gemüsegarten. Es war ein großes Stück Land. Meine Mutter bestellte nicht das ganze, so dass ungefähr ein halber Morgen brach lag. Dieses Stück Land sollte zu meinem Feld werden.

In diesem Jahr wurde ich reifer, stärker und robuster, als es Achtjährige normalerweise sind. Meist wachte ich vor Tagesanbruch auf; in der ersten Dämmerung fegte ich schon den Hof. Noch ehe es ganz hell wurde, ging ich zum Fluss. Auf dem Rückweg, entlang des Pfades durch die Bäume und an den anderen Heimstätten vorbei, wo die Frauen gerade aufwachten, balancierte ich den Wassertopf auf meinem Kopfpolster aus Blättern und kleinen grünen Zweigen. Der Topf war nicht bis oben voll, denn sonst hätte ich ihn mir nicht allein auf den Kopf heben können. Während die Hähne krähten und die Hennen den Schlaf aus ihren Federn schüttelten, schürte ich das Feuer, fegte die Küche und setzte Wasser zum Waschen und für den Tee auf. Bei Sonnenaufgang war ich auf meinem Feld, in den ersten Tagen mit Roden und Jäten beschäftigt; dann grub ich Löcher in jeweils dreißig Zoll Entfernung voneinander, mit einem einzigen Hackenschwung, so wie wir es in der Schule während der Gärtnereistunden gelernt hatten; dann ließ ich die Samen hineinfallen, je zwei oder drei auf einmal, und bedeckte sie, indem ich kurz mit dem Fuß darüber scharrte; dann wartete ich auf das Keimen der Samen und arbeitete und wartete, dass die Pflanzen sprossen, und arbeitete weiter. Ungefähr um zehn Uhr, ich richtete mich nach dem Stand und der Hitze der Sonne, ging ich zu den Familienfeldern, um mit meiner Mutter zu arbeiten, manchmal mit meinem Vater und am Nachmittag nach der Schule mit meinem Bruder.

Ich glaube, meine Mutter bewunderte meine Zähigkeit und bemitleidete mich gleichzeitig. Sie fing an, mich auf Enttäuschungen vorzubereiten, lange bevor ich gezwungen sein sollte, mit ihnen fertig zu werden. Sie begann mich zu entmutigen. »Und glaubst du, du bist so viel anders, so viel besser als wir alle? Akzeptiere dein Los und genieße, so gut du kannst. Es gibt keine andere Möglichkeit.« Ich wollte Unterstützung, ich wollte Ermutigung; Warnungen nur, wenn nötig, und dann konstruktive. An dem Tag, an dem sie mich einmal zu oft entmutigt hatte, entschied ich, sie habe zu andächtig meinem Vater zugehört. Ohne weiter auf sie zu achten, suchte ich stattdessen Unterstützung bei Nhamo, der mir aber nicht helfen konnte, da er zur Schule ging.

»Wieso machst du dir so viel Mühe?«, fragte er, und seine Augen funkelten bösartig. »Weißt du nicht, dass ich derjenige bin, der die Schule besuchen muss?«

»Du hast gesagt, du würdest dich um mich kümmern. Mir auf dem Feld helfen.«

»Wie kannst du mich bitten? Du siehst doch, wie beschäftigt ich bin.«

Das stimmte. Die Viehherde blieb im Kral, bis er am Nachmittag von der Schule zurückkam und sie zum Weiden und Trinken hinausführte, um sich danach uns auf den Feldern anzuschließen; die Kühe, die er vor und nach der Schule melken musste; seine Bücher; mein Vater, der darauf bestand, dass er ganztägig mithalf, wenn zu viel Arbeit anfiel, so dass er manchmal eine ganze Woche die Schule verpasste; er war mit all diesen Pflichten und Aufgaben hier und dort sehr beschäftigt. Ich war nahe daran ihm anzubieten, das Melken und Weiden zu übernehmen, aber der Selbsterhaltungstrieb war stärker als mein Mitgefühl. Ich hielt den Mund. Trotzdem musste ich etwas gegen die Bedrängnis meines Bruders unternehmen.

»Wird er sich konzentrieren können, wenn er so viel zu tun hat?«, fragte ich meinen Vater.

»Wieso nicht, wenn er will?«

Meine Mutter hatte recht. Manche Sachen waren einfach nicht möglich.

Nhamo lachte, als ich ihm die Geschichte erzählte. »Na und! Was kümmert es mich, was er sagt«, tat er es ab und schockierte mich mit diesem respektlosen Ton, den ich nie zuvor gehört hatte. »Ich gehe zur Schule, oder? Es kümmert mich nicht, was er über mich sagt. Also, wo ist das Problem? Es betrifft dich nicht einmal.«

»Aber du kannst nicht lernen.«

»Wer sagt das? Ich sollte es am besten wissen. Ich gehe zur Schule. Du gehst nirgendwohin.«

»Aber ich will zur Schule gehen.«

»Wollen wird dir nichts helfen.«

»Wieso nicht?«

Er zögerte, zuckte dann mit den Schultern. »Es ist überall so. Weil du ein Mädchen bist.« Jetzt war es heraus. »Das hat Baba gesagt, erinnerst du dich?« Ich hörte nicht mehr zu. Meine Sorge um meinen Bruder starb einen unauffälligen Tod.

Im Februar war der Mais dunkelgrün, größer als ich und weiter am Wachsen. Ich stolzierte herum, als sei ich die Eigentümerin einer Hundert-Hektar-Farm. In diesen Tagen war ich nicht überarbeitet, denn die Felder erforderten keine Aufmerksamkeit mehr. Es war ein schönes Gefühl. Schöne Pflanzen. Es blieb nur übrig, auf die Ernte zu warten – noch ein- oder zweimal zu jäten, aber eigentlich auf die Ernte zu warten, meinen schönen kleinen Ertrag zu ernten. Meinen schönen kleinen Ertrag. Ich musste vorsichtig sein, wenn ich an die Ernte dachte, um nicht entmutigt zu werden. Ich musste das Wissen verdrängen, dass ich mit meinem Ertrag nicht viel verdienen würde.

Einige Wochen später, als die Kolben reif zum Essen waren, begannen sie zu verschwinden.

»Was hast du erwartet?«, sagte Nhamo. »Hast du wirklich geglaubt, du könntest dich selbst in die Schule schicken?«

An dem Sonntag, nachdem mein Mais zu verschwinden begonnen hatte, beschloss ich, zur Kirche zu gehen. Sonntag war für uns fast nie ein Ruhetag und noch seltener ein Tag des Gebets. Oft arbeitete meine Mutter, die üble Sünde der Feldarbeit scheuend, am Sonntag trotzdem in ihrem Garten. Und selbst wenn es nicht viel Arbeit gab und sie zu Hause blieb, war sie zu müde, sich herzurichten und die zweieinhalb Meilen zur Kirche zu gehen. Während meines ersten Schuljahres fand ich mich immer häufiger in der Kirche wieder, denn Kinder, die die Sonntagsschule nicht besuchten, erhielten am Montag Prügel oder sie mussten in den Gärten der Lehrer arbeiten. Ohne die Androhung von Prügelstrafe ging ich, seit ich die Schule verlassen hatte, kaum zur Kirche. Aber an diesem besagten Sonntag, dem Sonntag, nachdem mein Mais zu verschwinden begonnen hatte, sehnte ich mich nach den Spielen in der Sonntagsschule. Dringend brauchte ich das Lachen, den Leichtsinn und die Kameradschaft. Ich ging zum Fluss, wusch mich sorgfältig und zog mein gutes Kleid an, das nur unter den Achseln Löcher hatte, und dort auch nur, weil ich ihm entwachsen war. Ich schmierte mir eine Menge Vaseline auf Beine, Arme, Gesicht und Haar. Dann tat es mir um die Verschwendung leid, denn ich würde nur desto schneller schmutzig werden. Als ich meine alte Schule, Rutivi School, wo die Gottesdienste stattfanden, erreichte, hatten die Spiele schon begonnen. Die Mädchen spielten schon auf der Straße, wo man mit einem Stock Kästen in den Sand kratzen konnte, während die Jungen energisch einem Fußball aus Plastik und Zeitungen auf dem kaum begrasten Fußballfeld hinterherrannten. Die Mädchen freuten sich, mich zu sehen, mich wieder bei sich zu haben. Es war wie in alten Zeiten. Ich kam sofort an die Reihe.

»Wir denken an dich«, sagte Nyari, die meine beste Freundin gewesen war, während ich meinen Stein warf. »Besonders wenn Nhamo uns Mais gibt«, sagte sie mit einem Seufzer. »Es macht Spaß, ihn nach der Schule zu rösten. Wenn du nur hier wärst.«

Das Blut kribbelte unter meiner Haut. Verwirrt hüpfte ich in das Feld Nummer acht.

»Du bist raus«, sagte Chitsva. »Du hast nicht getroffen.«

»Nhamo hat dir Mais gegeben?«, fragte ich, mit einem Bein im Feld Nummer acht.

»Sehr oft«, bestätigte Nyari.

Später sagten sie mir, ich sei von dem pada-Spiel weggezischt wie ein Hund, der einem Bock hinterher ist. Ich erinnere mich noch, dass ich in einem Augenblick pada spielte, im nächsten mich schon mit Nhamo durch den Staub des Fußballfeldes wälzte, von einer Gruppe Gleichaltriger angefeuert. Sie sagten, ich sei direkt auf meinen Bruder losgegangen und hätte ihn zu Boden geworfen. Das Überraschungselement war auf meiner Seite. Ich saß auf ihm, schlug seinen Kopf auf den Boden, schrie und spuckte und fluchte. Nhamo richtete sich auf. Ich fiel von ihm ab. Er drückte mich zu Boden, ohne zu schlagen, hielt mich nur so, wieder ein boshaftes Funkeln im Auge. »Was ist mit dir los?«, sagte er lässig. »Bist du verrückt geworden?« Die Menge lachte.

»Wieso quatschen?«, rief ein Fußballer. »Einfach hauen. Das begreifen sie.«

Ich zischte und spuckte und schrie und fluchte weiter, befreite mich tretend und wich in die Menge zurück, die sich spaltete, um mich durchzulassen. Ich ging wieder auf ihn los, diesmal mit der Absicht zu töten, und zappelte plötzlich am Ende des Armes eines Erwachsenen in der Luft.

Mr. Matimba war über alle sehr verärgert. »Ich schäme mich für euch«, rief er über meine Schreie hinweg, »für euch alle. Nhamo, wenn du mit deiner Schwester raufst, wer wird sich um sie kümmern? Und du, Tambudzai, du musst dich besser benehmen. Ihr anderen, ihr steht herum und klatscht, als sei das ein Fußballspiel. Was ist mit euch los?«

»Sie hat angefangen«, sagte Nhamo träge und vorsichtig.

»Ja«, riefen die anderen im Einklang. »Sie hat angegriffen. Wir haben’s gesehen. Sie griff einfach so an.«

Ich schrie meine Gründe heraus, aus voller Lunge.

»Was sagt sie?«, fragte Nyari, die sehr ernsthaft blickte. »Möchte sie Mais haben?«

»Wenn ich noch einmal so etwas sehe«, fuhr Mr. Matimba fort, »werde ich euch schlagen, jeden einzelnen von euch. Der Stock wird euch allen die Beine brechen. Geht jetzt, alle. Die Sonntagsschule ist aus.« Sie verzogen sich; Mr. Matimba war bekannt dafür, keine leeren Drohungen auszusprechen. »Und du, Kind«, sagte er streng, »was hat dich bewogen, so eine Szene zu verursachen?«

Eine warme Flüssigkeit rann mir das Bein hinab. Es wäre möglich gewesen, dass ich in die Hose gemacht hatte, aber es war rot und klebrig an der Außenseite des Beins und nicht farblos und wässrig an der Innenseite. Ich fühlte die Schnittwunde nicht. Tränen ohnmächtiger Wut drohten hervorzubrechen. Ich blinzelte sie weg und erklärte Mr. Matimba, dass Nhamo meinen Mais gestohlen hatte.

»Was für einen Mais denn?«, fragte Mr. Matimba geduldig, wenn auch etwas verwirrt. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte; dass ich im folgenden Jahr zur Schule zurückkehren wollte, dass ich das Geld mit dem Verkauf meiner Ernte verdienen wollte. Mr. Matimba hörte aufmerksam zu. An einem Punkt während meiner Rede, die lang und unzusammenhängend war und Mr. Matimba ständig zu Fragen zwang, fingen wir an, um das Fußballfeld herumzugehen. Mr. Matimba hörte angestrengt zu, neigte sich mir mit seinem ganzen Wesen zu; und ich sprach zu ihm wie zu einem anderen Menschen und nicht wie zu einem Erwachsenen oder einem Lehrer. Ich spürte meine Kräfte wiederkehren.

»Du würdest besser fahren, wenn du sie grün verkaufst«, schlug Mr. Matimba vor, als ich fertig war. »Es würde dir mehr einbringen.«

»Aber es hat doch jeder grünen Mais zu essen«, widersprach ich. »Was! Sie meinen, ich sollte zur Bushaltestelle gehen?«

»Das ist eine Möglichkeit«, antwortete Mr. Matimba, »aber ich dachte, du solltest sie an die Weißen verkaufen. Wenn die Kolben dick sind, zahlen sie bis zu Sixpence das Stück.«

Ich glaubte ihm nicht. Niemand hatte so viel Geld, nicht einmal Babamukuru.

»Wenn du deine grünen Maiskolben in die Stadt bringst«, fuhr Mr. Matimba fort, »könntest du vielleicht genug Geld für die Gebühren mehrerer Trimester zusammenkriegen. Danach müssen wir weitersehen.«

»Aber wie soll ich in die Stadt kommen?« Ich zuckte mit den Schultern. »Ich werde meinen Mais zur magrosa tragen.«

»Vielleicht musst du das nicht«, sagte Mr. Matimba mit einem verschwörerischen Lächeln. »Dienstags fahre ich mit dem Schulbus in die Stadt, um Schulangelegenheiten zu erledigen. Wenn du am Dienstag um elf Uhr zu meinem Haus kommen könntest, bringe ich dich hin, und wir werden sehen, was sich machen lässt. Aber vergiss nicht, deinen Vater um Erlaubnis zu fragen.«

Mein Vater sagte, Mr. Matimba mische sich in Angelegenheiten ein, die ihn nichts angingen. »Glaubt er denn, er ist dein Vater?«, brauste er auf. »Nur weil er mehr Buchstaben als ich gefressen hat, glaubt er, er kann über meine Kinder bestimmen. Und du, du glaubst, er ist besser als ich. Er braucht jemanden, der in seinem Garten arbeitet – das will er. Ich verbiete dir hinzugehen.«

»Aber ich muss den Mais verkaufen«, beharrte ich.

»Hattest du etwa die ganze Zeit vor, ihn in der Stadt zu verkaufen, he? Ist es so?«, fragte mein Vater verletzend sarkastisch. »Ma’Shingayi«, befahl er meiner Mutter, »sag diesem deinem Kind, es kann nicht in die Stadt mit diesem Mann.«

»Und wieso sollte ich so was sagen?«, fragte meine Mutter. »Das Mädchen muss eine Chance haben, etwas für sich zu tun, allein zu scheitern. Meinst du, ich hätte ihr nicht gesagt, dass ihre Bemühungen nichts fruchten werden? Du kennst deine Tochter. Sie ist eigensinnig und dickköpfig. Sie will nicht auf mich hören. Ich bin es satt, ihr Sachen zu sagen, auf die sie nicht hört«, jammerte sie. »Sie muss diese Dinge selbst einsehen. Wenn du es ihr verbietest, wird sie immer glauben, du hast sie davon abgehalten, sich selbst zu helfen«, fuhr sie fort, mit wiedergewonnener Orientierung. »Sie wird es nie vergessen, dir nie vergeben.«

Wörter wie »immer« und »nie« bedeuteten meinem Vater viel, der in Superlativen dachte und dessen Denken folglich große Sprünge in entgegengesetzte Richtungen machte, wenn es überhaupt sprang. »Dann lass sie gehen«, sagte er.

So konnte ich an jenem Dienstag meine Verabredung mit Mr. Matimba einhalten. Ich kletterte in den Schullaster neben ihn. Mein Korb mit Mais lag auf meinem Schoß, ordentlich mit braunem Papier abgedeckt. Die anderen Kinder, die ihren Unterricht beendet hatten, betrachteten mich mit Neid, so dass ich einen bedeutenden Sieg errungen zu haben glaubte, selbst wenn ich keinen Mais verkaufen sollte.

»Bye-bye«, winkte ich, als wir abfuhren. »Nächstes Jahr werde ich nicht in die Stadt können, denn ich werde mit euch auf der Schulbank sitzen!« Mr. Matimba lachte mich an, netter, als es die meisten Erwachsenen können. Ich lachte auch, denn sein Lachen war ansteckend, und ich war aufgeregt über die Reise und zufrieden mit mir selbst.

Ich war noch nie in einem motorisierten Wagen mitgefahren. Die neuen Eindrücke überwältigten mich: der weiche Plastiksitz, der mich schwitzen ließ, so dass mein Kleid an meinem Hinterteil klebenblieb; die Unebenheiten der Straße, die schlimmer zu spüren waren als im Ochsenkarren von Nyaris Vater. Ich fragte Mr. Matimba danach:

»Wieso sind die Straßen für Autos so holprig? Die Straßen für Karren sind nicht so schlimm.«

»Die Straßen sind genauso holprig«, erklärte er. »Aber ein Auto bewegt sich schneller als ein Ochsenkarren, so dass wir die Unebenheiten in einem Auto mehr spüren.«

Also waren die Unebenheiten gleich! Waren sie das wirklich?

Ich war beunruhigt, als wir zum Fluss kamen. »Wie wird der Wagen schwimmen?«

»Die Räder werden sich auf dem Flussgrund entlang bewegen«, erklärte Mr. Matimba freundlich. »Es ist genauso, wie wenn du bei flachem Wasser hinübergehst.« All diese neuen Erkenntnisse faszinierten mich.

Die Asphaltstraße mit den weißen Streifen in der Mitte war ein weiteres Wunder, das mir erklärt werden musste.

»Wieso bleiben Sie auf der einen Straßenseite, obwohl die ganze Straße frei ist?«, fragte ich Mr. Matimba. Ein Milchwagen brauste uns entgegen und flog an uns vorbei in die andere Richtung. »Ich weiß, ich weiß«, rief ich, ohne auf seine Antwort zu warten. »Autos, die in die Stadt fahren, benutzen diese Seite. Autos, die aus der Stadt kommen, benutzen die andere Seite. Damit sie nicht zusammenstoßen!« Mr. Matimba lobte mich. Er sagte, ich sei scharfsinnig. Ich war derselben Meinung, sagte es aber nicht.

»Umtali liegt auf der anderen Seite dieser Berge«, sagte Mr. Matimba, als wir die Kreuzung von Inyanga Highway und Umtali Road erreichten. »Die Berge in dieser Gegend sind einige der höchsten in Rhodesien. Alle hohen Berge befinden sich hier im östlichen Teil des Landes. Das sind Sachen, die du lernen wirst, wenn du wieder in die Schule kommst.«

Die Straße begann ihre Steigung am Bergrücken entlang. Der Wagen bewegte sich langsamer voran.

»Die weißen Leute müssen sehr stark sein, um eine so breite Straße so hoch zu bauen«, bemerkte ich.

Mr. Matimba war nicht dieser Ansicht. »Wir haben sie gebaut«, sagte er mir. »Es war eine schreckliche Arbeit. Wir haben viele schreckliche Arbeiten gemacht. Jetzt erreichen wir gleich den Gipfel des Christmas-Passes«, sagte er, das Thema wechselnd. »Schau hinab, wenn wir auf die andere Seite kommen. Du wirst etwas sehen, das sich lohnt.«

Ich schaute und sah, ordentlich unter uns ausgebreitet, eine sehr kleine Stadt mit Reihen kleiner Häuser, die in Richtung Nordwesten immer kleiner wurden.

»Das ist Umtali«, sagte Mr. Matimba, »Rhodesiens drittgrößte Stadt. Nur Salisbury, die Hauptstadt, und Bulawayo sind noch größer als Umtali. Diese Dinge wirst du auch lernen. Ich werde einmal mit dir nachts herkommen. Dann ist es sehr schön, denn die Lichter der Stadt leuchten wie Hunderte von Sternen unter dir und nicht über dir.«

Sterne unten, statt oben! Ich wollte sie sofort sehen. Ich betete um ein Wunder, dass die Sonne unterginge.

Wir ratterten den Pass hinunter. Jetzt gab es viele Autos in verschiedenen Formen und Größen und Farben, einige vor uns, einige hinter uns und einige neben uns. Manche waren so wie wir in die Stadt unterwegs, andere fuhren den Pass wieder hinauf. Dann teilte sich die Straße, verzweigte sich in alle Richtungen, und auch die Autos kamen und gingen in alle Richtungen. Ich bekam Angst, dass eins davon sich in die falsche Richtung bewegen und mit uns zusammenstoßen würde, aber Mr. Matimba war ganz entspannt. Wie geschickt er das Auto dahin führte, wohin er wollte, bei all diesen verwirrenden Richtungen, die es einschlagen konnte!

»Wir werden zu einem Ort fahren, wo es viele große Läden gibt und wo die Weißen ihre Autos abstellen«, sagte er mir, während wir langsam in die Stadt hineinfuhren. »Ich bleibe kurz bei dir, um dir zu zeigen, was du machen musst, dann lasse ich dich eine Zeitlang allein und erledige meine Geschäfte.« Ich hätte Angst gehabt, allein zu bleiben, wenn ich darüber nachgedacht hätte.

Wir fuhren die breite Straße hinauf, die seltsamerweise von Lichtern auf einem Pfosten bewacht wurde. Wenn das oberste Licht brannte, hielten alle Autos. Wenn das unterste Licht anging, bewegten wir uns alle wieder! Ich fragte mich, wie die Lichter sich an- und auszuschalten wussten.

»Sie werden von Maschinen geführt«, antwortete Mr. Matimba, ungenauer als auf meine bisherigen Fragen. »Du wirst das später lernen, wenn du über Ben und Betty in der Stadt und auf dem Land liest.«

Es wurde mir klar, dass ich keine andere Alternative hatte, als den Mais zu verkaufen und in die Schule zurückzukehren. Mr. Matimba hielt den Wagen an der Straßenecke hinter den Lichtern an. Wir stiegen aus und gingen zu einem riesigen Geschäft, das hauptsächlich aus Glas bestand.

»Halte dich ganz nahe an der Häuserwand, damit du niemandem den Weg versperrst«, wies Mr. Matimba mich an. »Jetzt«, fuhr er fort, »versuche, deine Maiskolben appetitlich darzubieten. Nimm das braune Papier weg.«

Ich tat, was man mir sagte, und hatte den Einfall, ein halbes Dutzend Kolben herauszunehmen und um meinen Korb herum zu ordnen, indem ich sie an den Rand stellte.

»Entschuldigen Sie, gnädige Frau«, sagte Mr. Matimba auf Englisch mit der sanftesten, geschmeidigsten Stimme, die ich je bei ihm gehört hatte, zu einer alten weißen Frau, die Arm in Arm mit ihrem Mann vorbeiging. »Entschuldigen Sie, gnädige Frau, wir verkaufen grüne Maiskolben, sehr weich, sehr frisch, sehr süß.«

Mit einem strahlenden Lächeln hielt ich ihr zwei Kolben hin, während sich mein Magen nervös verkrampfte. Mir gefiel das Aussehen dieser Leute nicht. Die Haut hing ihnen wie knittriges Papier um die Knochen, bösartig aussehende braune Flecken bedeckten ihre Hände, und ein modriger, staubiger, süßlicher Geruch umgab die Frau wie ein Dunstschleier. Ich bemühte mich, nicht die Nase zu rümpfen, denn diese Leute hatten das Geld, das ich für die Schule brauchte. Ich lächelte noch breiter, zeigte alle meine Zähne und sagte: »Guter Mais, guter Mais. Gut, fein«, wiederholte ich, denn das waren die einzigen englischen Adjektive, die mir zur Beschreibung meiner Ware zur Verfügung standen.

Die alte Frau sah mich kopfschüttelnd an. »Ts-ts-ts-ts!« schnalzte sie.

»Komm, Doris«, sagte der Mann und griff besorgt nach ihrem Ellbogen. »Wir brauchen keinen Mais.«

»Schockierend, einfach schockierend«, empörte sich Doris. »Ich fände es schockierend von mir, wenn ich vorbeiginge, ohne etwas zu sagen, George! He, junger Mann, ja, Sie!«, sagte sie mit erhobener Stimme zu Mr. Matimba. »Ist das Ihr kleines Mädchen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ sie ihn gründlich ihre Meinung wissen. »Kinderarbeit. Sklaverei! Jawohl, das ist es. Und ich bin sicher, Sie müssen das arme kleine Ding nicht arbeiten lassen, Sie sind ja geschniegelt genug angezogen, aber das kleine Ding, nichts als Lumpen und Pisse.«

Der Mann von Doris verzog entschuldigend den Mund. Er zeigte Mr. Matimba, wie verlegen und ärgerlich er war.

»Komm jetzt, Doris, das geht uns nichts an.«

Das schien auch die Meinung der anderen Weißen auf der Straße zu sein. Sie wechselten die Straßenseite, ehe sie uns erreichten. Manche gingen an uns vorbei, aber ich glaube, sie sprachen kein Englisch. Eigentlich sprach niemand, außer einem bulligen jungen Typ.

»Was ist los, Lady? Werden die Schwarzen frech?«

Eine Menge von Schwarzen versammelte sich. »Was ist mit den Alten da los?«, fragte ein junger Mann mit Sonnenbrille und einer Tweedmütze, die forsch ein Auge verdeckte. Er funkelte den bulligen Jungen wachsam an. Ich war genötigt, ihm zu sagen, ich wüsste es nicht, weil ich nicht Englisch könne. Aber ich würde Englisch lernen, wenn ich wieder zur Schule ginge, versicherte ich ihm.

Doris wollte keine Ruhe geben. »Das Kind sollte in der Schule sein, Formeln lernen und keinen Ärger machen«, schimpfte sie. »Erzählen Sie mir jetzt ja nicht, es gäbe keine Schulen, junger Mann. Ich weiß nämlich, dass der Gouverneur sehr viel für die Ausbildung der Einheimischen tut.«

»Das sind Dummköpfe«, warf der Jugendliche ein. »Sie wollen nichts lernen. Das erinnert sie zu sehr an harte Arbeit.«

»Und was haben Sie zu sagen?«, herrschte Doris Mr. Matimba an.

Mr. Matimba hatte einiges zu sagen. Er sprach bekümmert und beschwörend. Doris verfärbte sich dunkel wie ein Chamäleon. Geld wechselte die Hände, ein Schein wanderte von Doris zu Mr. Matimba. Der bullige Jugendliche war angewidert. »Das ist mehr als zwei Kisten Bier wert. An einen Dummkopf verschwendet!« Doris erlaubte ihrem Mann, sie wegzuführen. Ich hielt ihr meinen Korb hin, damit sie die größten Kolben auswählen konnte, und wiederholte meinen Spruch. Sie fuhr mir über den Kopf und nannte mich ein tapferes Mädchen.

Einige aus der Menge sagten beifällig, sie sei menschlicher als die meisten ihrer Sorte. Andere murmelten, die Weißen könnten es sich erlauben, großzügig zu sein, müssten es sogar sein.

»Was gut ist, wird nicht geschenkt«, warnte der Mann mit der Mütze. »Was wird sie tun, wenn ihr das Geld ausgeht? Nach anderen alten Weißen Ausschau halten?« Er spuckte auf den Gehweg. Ich wusste nicht, wieso er so wütend war, aber Mr. Matimba lächelte verschwörerisch, also war alles in Ordnung.

»Es gibt keinen Grund mehr hierzubleiben«, sagte er. »Pack den Mais ein, wir gehen.« Ich tat, wie mir befohlen, obwohl es mir Sorgen machte, dass wir noch keinen Mais verkauft hätten. Im Lastwagen erklärte mir Mr. Matimba, was passiert war, dass Doris ihm vorgeworfen habe, mich arbeiten zu lassen, statt mich in die Schule zu schicken, und wie er ihr erwidert habe, dass ich ein Waisenkind sei, vom Bruder meines Vaters aufgenommen, aber als dreizehntes Kind im Haushalt nicht zur Schule geschickt wurde, weil es an Geld fehle. Er habe gesagt, ich sei sehr klug, sehr fleißig und gerade mit seiner Hilfe dabei, mit dem Verkauf von Mais die Schulgebühren zusammenzukratzen. Doris habe ihn wegen seiner Hilfe gelobt und zehn Pfund für meine Schulgebühren gespendet. Er zeigte mir das Geld, die frische, saubere Banknote. Zehn Pfund. Über so viel Geld wurde bei uns zu Hause nicht einmal geredet. Jetzt hielt ich es in den Händen! Das Geld, das Geld! Über die Methode, es zu verdienen, dachte ich nicht nach.

»Es ist viel Geld«, bestätigte mir Mr. Matimba. »Was wirst du damit machen?«

»Ich werde es zu Hause aufbewahren und es verwenden, um meine Schulgebühren zu bezahlen, nächstes Jahr und übernächstes Jahr und das Jahr danach.«

Mr. Matimba war skeptisch. »Geld lässt sich schwer aufbewahren, besonders wenn es daran mangelt. Wir müssen uns etwas überlegen. Ich glaube, du solltest das Geld dem Schuldirektor geben. Er wird dir eine Quittung ausstellen, die ich für dich aufbewahre, und dann zieht er vom ersten Trimester nächsten Jahres an deine Schulgebühren von dem Geld ab, bis es erschöpft ist.«

So geschah es dann auch. Meine Eltern glaubten mir nicht, als ich ihnen sagte, wie viel Geld ich beim Direktor hinterlegt hatte. Mein Bruder auch nicht. Er glaubte, ich erfände alles. »Lügen werden dich nicht in die Schule bringen«, spottete er.

Mein Vater war in seiner Missbilligung heftiger, obwohl ich natürlich nicht wusste, wieso. Er ging zum Schuldirektor, der meine Geschichte bestätigte.

»Dann haben Sie mein Geld genommen«, sagte mein Vater zu ihm. »Dieses Geld gehört mir. Tambudzai ist meine Tochter, nicht wahr? Also ist es mein Geld, oder?« Das war ein großes Problem für den Schuldirektor, der ein ehrlicher Mann war. Im weiteren Verlauf zeigte er meinem Vater die Quittung.

»Ich habe ihr Geld nicht gestohlen«, sagte er. »Sehen Sie, der Name Ihrer Tochter steht auf der Quittung. Es ist ihr Geld, nicht meines. Die Schule bewahrt es nur für sie auf.«

Der Streit wurde so heftig, dass Mr. Matimba hereingerufen wurde, um auszusagen und sich verurteilen zu lassen.

»Er ist der wirkliche Dieb«, sagte mein Vater. »Er hat meine Tochter dazu gebracht, das Geld an Sie zu zahlen.«

»Sie vergessen«, erinnerte ihn Mr. Matimba, »dass die weiße Frau mir das Geld gab, um damit die Schulgebühren Ihrer Tochter zu bezahlen. Wenn Sie das nicht einsehen, muss die Sache vom Häuptling geregelt werden.«

Mein Vater war eingeschüchtert, aber nicht beschwichtigt. »Es sind nur zehn Pfund, über die wir streiten«, fuhr Mr. Matimba fort. »Was können Sie damit schon anfangen, außer sich ein paar Becher masese in den Hals zu schütten? Aber wenn Tambudzai erfolgreich die Schule beendet, verdient sie eines Tages mehr als zehn Pfund im Monat.«

»Haben Sie je von einer Frau gehört, die im Haus ihres Vaters bleibt?«, brummte mein Vater. »Sie wird einen jungen Mann kennenlernen, und ich habe alles verloren.«

Doch die Quittung blieb im Büro des Direktors. In jenem Jahr gab es reichlich grüne Maiskolben, die wir rösten und essen konnten, wie es uns gefiel.

Im Jahr darauf ging ich wieder zur Schule, wurde aber zurückgestuft. Ich war am Jahresende die Beste, und die Leute sagten, das sei so, weil ich die Klasse wiederholte, was vielleicht stimmte. Im nächsten Jahr war ich erneut Klassenbeste. Nun sagten die Leute, es liege daran, dass ich älter sei. Mein Bruder wies mich besonders darauf hin, denn in jenem Jahr wurde er nur Viertbester. Trotz seiner Lässigkeit wusste ich, dass es ihm naheging, und ich erinnerte ihn daran, dass der vierte Platz auch ein gutes Ergebnis sei.

Babamukuru und seine Familie kehrten in diesem Jahr aus England zurück. Mein Vater hatte sich in Babamukurus Gegenwart immer schon von seiner besten Seite gezeigt. Dennoch war sein Aufwand zu Ehren von Babamukurus Heimkehr großartig. Geld wurde aufgetrieben, durch Betteln, vermute ich, denn darin hatte mein Vater durch Übung Fertigkeit erworben. Diesmal übertraf er sich selbst. »Vakomana, vakomana«, muss er gesagt haben, den in den Händen geborgenen Kopf schüttelnd oder sich mit der flachen Hand auf die Stirn schlagend. »Hast du so was Ähnliches zu Hause schon mal erlebt? Ich hätte es nie für möglich gehalten. Dass Mukoma tatsächlich seine Sachen packt und die Mission verlässt, um nach England zu gehen, fünf Jahre dortbleibt und mit einem akademischen Grad zurückkommt, mit einem akademischen Grad, um bei seiner Rückkehr nichts vorzufinden, nicht einmal eine Ziege! Tscha! Das hätte ich nicht für möglich gehalten! Es beschämt mich wirklich, es beschämt mich.

Schau um dich, schau dir dein Heim an. Wir beeindrucken die Leute aus der Umgebung. Wer hat das erste Ziegelhaus in dieser Gegend gebaut? Wer sonst hat ein so helles Blechdach, das man bis zur Hauptstraße funkeln sieht? Mukoma! Ich sag’s dir, Mukoma hat es für uns getan. Wir verdanken es Mukoma. Und wir können nicht einmal eine Ziege für ihn schlachten! Schau, wie die Armut uns erniedrigt. Sie hindert uns daran, unser eigenes Fleisch und Blut zu empfangen. Ts-hm-m!«, hat er sicherlich durch die Nase geseufzt. »Wir bringen kein Fest zustande, und Mukoma wird an einem leeren Flughafen ankommen – ich habe nicht mal das Geld für die Busfahrt nach Salisbury.« Da hat er bestimmt eine Pause gemacht. »Hama dzangu, kannst du mir nicht helfen? Das mit der Ziege habe ich vergessen, aber fünf Shilling, nur fünf Shilling für den Bus? Mukoma gibt dir das Geld zurück, wenn er kommt.« Mein Vater ist ein Mensch, dem die Leute erst dann kein Geld mehr leihen wollen, wenn sie es schon getan haben. Ich kann mir das Herumstöbern in alten Matratzen, das verstohlene Öffnen kleiner Löcher in den Lehmmauern bei Mondlicht, das Ausgraben verscharrter Kaffeedosen bei Sonnenaufgang vorstellen. Doch schließlich trieb er das Geld auf. Babamukuru sollte am Flughafen empfangen werden.

Mein Bruder sollte meinen Vater auf der Reise begleiten. Er übertrieb seine Vorfreude auf das Ereignis, um mich neidisch zu machen, indem er in meiner Gegenwart sehr dümmliche rhetorische Fragen stellte. War das Dröhnen eines Flugzeugs so laut, dass es einen taub machte? Klang es mehr wie ein Löwe oder wie ein riesiges Insekt? Wie schwang ein Flugzeug seine Flügel, wenn es sich ganz nahe am Boden befand? Natürlich reagierte ich nicht.

Sie sollten den Nachtzug von Umtali nach Salisbury nehmen, untergebracht in der unbequemen fünften Klasse. Aber so war es am praktischsten, denn sie konnten nirgendwo in Salisbury übernachten; wenn auch die Reise dadurch um einen Tag verlängert wurde. Das Problem war, rechtzeitig zur Abfahrt des Zuges zwischen acht und neun Uhr abends zum Bahnhof zu gelangen. Das klingt einfach, doch die Busse zur Stadt fuhren nur unregelmäßig durch das Dorf, nach einem Fahrplan, auf den kein Verlass war. Folglich musste man Reisen nach Tagen und nicht nach Stunden planen. Deshalb beschlossen mein Vater und Nhamo, frühmorgens mit dem Bus nach Umtali zu fahren, der laut Plan, aber selten genug pünktlich, um halb sieben jeden Morgen an unserem Busbahnhof hielt. Wenn er überhaupt ankam, eine Stunde später oder früher als vorgesehen, war er meist schon voll: Man erkannte das schon aus einer Entfernung von etwa zwanzig Metern daran, dass der Bus innen schwarz wirkte. Deshalb musste die Logistik der Reise sorgfältig geplant werden. Es gab eine lange, weitschweifige Diskussion über die Frage, ob sie die Nacht zu Hause verbringen sollten, was einen frühen Aufbruch am Morgen bedingte, oder bei meiner Tante, die näher bei der Haltestelle wohnte. Baba und Nhamo waren natürlich für die letztere Variante, doch meine Mutter wies unvernünftigerweise darauf hin, dass meine Tante sie zwar gut ernähren würde, solange sie sich bei ihr befanden, dass man aber von ihr nicht erwarten könne, so großzügig für Reiseproviant zu sorgen wie meine Mutter. Man solle nicht ihr die Schuld geben, sagte meine Mutter, wenn sie im Zug dann verhungerten. Dies sahen die beiden ein. Vater und Nhamo beschlossen, die Nacht vor ihrer Abfahrt bei meiner Tante zu biwakieren, und trugen mir auf, ihnen die Verpflegung zu bringen, die meine Mutter morgens vorbereiten würde. Sie waren sich einig, dass ich ihnen die Verpflegung zur Bushaltestelle bringen sollte und nicht zum Haus meiner Tante, für den Fall, dass ich mich verspätete und erst bei meiner Tante einträfe, nachdem sie schon fort wären.

Meine Mutter hatte sich verschätzt. Indem sie ihnen auszureden versuchte, eine weitere Nacht auswärts zu verbringen, hatte sie gehofft, dass die beiden gerade das tun würden und sie noch eine Weile länger ihre Ruhe hätte. Das hatte sie zwar erreicht, sich aber zugleich die schwierige und anstrengende Aufgabe aufgehalst, Proviant aufzutreiben. Sie wollten Maisbrot – weil das weiße Brot aus den Läden den Magen zu kurz füllte, während das sadza von gestern zu schwer im Bauch lag – sowie süße Kartoffeln und Hühnerfleisch. Meine Mutter war beleidigt. »Diese Männer denken überhaupt nicht nach«, beschwerte sie sich. »Sie wissen ganz genau, dass noch nicht ausgesät worden ist. Woher soll ich also Maisbrot bekommen? Und süße Kartoffeln! Ich habe sie erst gestern gepflanzt, weil ich es ganz allein tun musste! Und wenn sie wirklich ein Huhn wollen, was soll ich dann für Babamukuru kochen, wenn er kommt?«

Das Problem wurde wie üblich gelöst. Ich holte Maismehl von meiner Tante, nachdem ich es zuerst erfolglos bei den Nachbarn probiert hatte, die mir jedoch Erdnüsse gaben, als sie hörten, wozu das Maismehl gebraucht wurde. Die süßen Kartoffeln reiften nicht rechtzeitig, aber am Tag vor der Abreise erreichte uns per Telefon aus dem Gemeindehaus die Nachricht, dass Babamukuru Geld für eine Ziege geschickt hatte. So kamen Baba und Nhamo doch noch zu ihrem Huhn.

Meinem Vater und Nhamo stand eine sehr komplizierte Reise bevor. Kompliziert und aufregend. Ich wollte dabei sein. Auch ich wollte mit Fahrplänen jonglieren. Auch ich wollte um Mitternacht im Zug frisches Maisbrot, in Asche geröstete Erdnüsse und gesalzenes, gekochtes Hühnerfleisch essen. Vor allem wollte ich so sehr das ohrenbetäubende Dröhnen und Brummen (war es ein Dröhnen oder ein Brummen?) der Flugzeuge hören. Die Sehnsucht, mitfahren zu dürfen, zeigte sich wohl auf meinem Gesicht, während ich ihnen beim Schmieden und Ändern ihrer Pläne zuhörte, denn mein Vater nahm mich zur Seite und beschwor mich, meine unnatürlichen Neigungen zu zügeln: Es war selbstverständlich, dass ich zu Hause blieb und den Empfang vorbereitete. Die Vorstellung meines Vaters von dem, was natürlich war, hatte mich schon geärgert, seit ich die Schule verlassen musste. Ich suchte seinen Belehrungen zu entgehen, indem ich in mürrisches Schweigen versank, das laut meinem Vater ebenfalls unnatürlich war: »Nun, da der Mund zu ist, ist das Herz stolz.« Er drohte mir Prügel an, da er aber lieber faulenzte, machte er sich nie die Mühe, mir nachzusetzen, wenn ich wegrannte.

Ich hatte das Glück, dass die Position meines Vaters so offensichtlich unhaltbar war, denn sonst hätte mich das alles verwirrt. Unter den gegebenen Umständen war die Situation klar: Es gab keinen Weg, meinen Vater zufriedenzustellen, und auch keinen Grund dazu. Mit Erleichterung ging ich meiner eigenen Wege, was ihn noch mehr aufbrachte. Es gefiel ihm nicht, wenn ich intellektuell zu sehr in Anspruch genommen war. Er regte sich zu sehr auf, als er mich mehrmals dabei erwischte, wie ich das Zeitungsblatt las, in dem das Brot von magrosa eingepackt war, während ich darauf wartete, dass das sadza fester wurde. Er glaubte, ich würde meinem Bruder nacheifern, meinen Kopf mit gelesenen, unpraktischen Dingen füllen und somit für die wahren weiblichen Aufgaben untauglich werden. Es war eine schwere Zeit für ihn, denn Mr. Matimba hatte ihm dargelegt, dass meine Ausbildung finanziell gesehen eine Investition war, aber das war, in Rinderzahlen umgerechnet, auch eine traditionell erzogene Tochter. In seiner Frustration flüchtete er in extreme Einfälle. Ungeachtet der baldigen Rückkehr von Babamukuru drohte er, mich wieder von der Schule zu nehmen. Es war eine unbedachte Drohung: Wie hätte er das fertigbringen können? Da er machtlos war, ließ er mich in Ruhe. Wir lebten in friedlicher Distanz nebeneinanderher.

Drei

Babamukuru kam in einem Konvoi von Fahrzeugen nach Hause, den drei überglückliche Augenpaare schon aus vier Meilen Entfernung auf der Hauptstraße sichteten. Netsai und ich und die kleine Shupikai, deren Mutter zu den Verwandten gehörte, die zusammengekommen waren, um die Rückkehr von Babamukuru zu feiern, sahen den Konvoi sich bedrückend langsam nähern, nur um hinter einigen Bäumen zu verschwinden und Stunden später wieder aufzutauchen, wie uns schien, und doch kaum näher gekommen. Wir warteten zwanzig Minuten. Wir schauten von einem Felsen hinter der Heimstätte aus zu, bis die Autos auf der letzten Strecke ein letztes Mal verschwanden. Dann hielt uns nichts mehr. Wir rutschten von unserem Fels herunter, rissen uns dabei Ellbogen und Knie auf, krabbelten durch Büsche, ohne auf die Kratzer an unseren Beinen zu achten, eilten auf die Straße und rannten weiter. »Ba-ba-mu-ku-ru! Ba-ba-mu-ku-ru!«, riefen wir, rannten und sprangen herum und winkten mit unseren dürren Armen, alles gleichzeitig, und die Röcke wirbelten umher, und unsere Hinterteile ragten bei unseren Freudensprüngen hervor. Shupikai, mehrere Meter hinter uns, fing an zu weinen, wankte aber weiter und sang unter Schluchzen, weil wir sie zurückgelassen hatten und weil sie so aufgeregt war. Ihr Ausbruch kam so ungelegen, dass ich erwog sie zurückzulassen, aber das ging nicht. Ich lief zurück, hob sie hoch und rief weiter, sie auf der Hüfte, meine stürmischen Willkommensgrüße.

Meine Tante Gladys, die leibliche Schwester meines Vaters, älter als er, aber jünger als Babamukuru, kam als Erste, in einem tapferen, wenn auch klapprigen alten Austin, den ihr Ehemann fuhr. Sie hupten laut und ununterbrochen. Wir winkten und schrien und tanzten. Dann kam Babamukuru, in einem großen und beeindruckenden Fahrzeug mit dunkelgrünem Lack und mit Chrom. Das war zu viel für mich. Ich hätte auf die Haube klettern mögen, doch mit Shupi auf den Armen musste ich mich mit einem Lied begnügen. »Mauya, mauya. Mauya, mauya. Mauya, Babamukuru!« Netsai griff die Melodie auf. Unsere Stimmbänder vibrierten in weiten Bögen, wir machten einen unglaublichen Lärm. Singend und tanzend geleiteten wir Babamukuru zur Heimstätte, wobei wir Babamunini Thomas, der das Schlusslicht bildete, und Mainini Patience, die ihn begleitete, fast übersahen.

Langsam erreichte der Konvoi den Hof, auf dem sich inzwischen die jubilierenden Verwandten eingefunden hatten. Mein Vater sprang aus Babamukurus Wagen heraus und hüpfte über die holprige Straße, einen Stock wie einen Kampfspeer schwingend, sprang in die Luft und landete auf einem Knie, um sogleich aufzustehen und erneut hochzuspringen – die Pose eines Kriegers, der den Todesstoß versetzt. »Hezvo!«, rief er. »Seht ihr ihn? Unser zurückkehrender Prinz. Seht ihr ihn? Schaut ihn euch genau an. Er ist zurückgekehrt. Unser Vater und Wohltäter ist wohlbehalten zurückgekehrt, nachdem er englische Buchstaben mit wildem Appetit verschlungen hat! Habt ihr geglaubt, akademische Grade seien unverdaulich? Wenn ja, dann schaut euch meinen Bruder an. Er hat sie verdaut! Wenn ihr einen gebildeten Mann sehen wollt, schaut euch meinen Bruder an, unseren großen Bruder!« Der Speer schwang auf und ab, stieß nach rechts, nach links. Alles war besiegt.

Die Autos hielten unter den Mangobäumen. Tete Gladys kam nur schwer heraus, nach mehrmaligen Versuchen und schwer atmend; sie war so fett, dass es nicht ganz klar war, wie sie sich überhaupt in das Fahrzeug hineingezwängt hatte. Aber ihr Umfang war nicht anstößig. Sie besaß eine beeindruckende Präsenz, die jede Situation, selbst den Versuch, sich aus dem Auto zu befreien, gewichtig und bedeutsam erscheinen ließ. Wir lachten nicht, dachten nicht einmal daran. Endlich auf ihren Beinen, streckte sie sich, stand breitbeinig im Staub. Die geballten Fäuste in die Hüften gestemmt, die Ellbogen aggressiv abgespreizt, trotzte sie jedem, der gegen die Lobrede meines Vaters vielleicht Einwände hatte. »Hört ihr«, fragte sie, »was Jeremiah sagt? Wenn ihr es nicht vernommen habt, dann hört gut zu. Er spricht die Wahrheit! Wahrlich, unser Prinz ist heute zurückgekehrt! Voller Wissen. Wissen, das uns zugutekommen wird! Purururu!« Sie brach in Heulgeschrei aus. »Er ist zurückgekehrt. Unser Prinz ist zurückgekehrt!«

Babamukuru stieg aus seinem Auto, hielt hinter der offenen Tür inne und nahm den Hut ab, um uns alle wohlwollend und freudig anzulächeln. Tatsächlich, mein Babamukuru war zurückgekehrt. Ich sah ihn nur für einen Augenblick. In der nächsten Minute ging er in einem Meer von Körpern unter; Onkel, Tanten, Neffen; Großmütter, Großväter und Nichten; leibliche und nichtleibliche Brüder und Schwestern. Der Clan war zusammengekommen, um seinen wiederkehrenden Helden zu begrüßen. Man schüttelte seine Hand, berührte seinen Kopf, umarmte seine Beine. Ich war auch da, wollte Babamukuru berühren, ihn ansprechen, ihm sagen, dass ich mich über seine Rückkehr freute. Babamukuru breitete seinen beachtlichen Körperumfang nach Kräften aus, um uns alle zu umarmen, um umarmt zu werden. Er war glücklich. Er lächelte. »Ja, ja«, sagte er immer wieder. »Das ist gut, das ist gut.« Wir sausten umher, tanzten und jubelten und wirbelten mit unseren stampfenden Füßen einen feinen Staubsturm auf, alles in Richtung Haus.

Babamukuru trat ein, hinter ihm ein Gefolge von Großvätern, Onkeln und Brüdern. Verschiedene Tanten väterlicherseits, die sich ihnen aufgrund ihres patriarchalischen Status anschließen durften und sich nicht davor scheuten, mischten sich unter die Männer. Hinter ihnen tanzten weibliche Verwandte niedrigeren Rangs. Maiguru trat als Letzte ein, allein, abgesehen von ihren zwei Kindern, die leise und unscheinbar lächelten. In flachen braunen Schuhen und einem Faltenkleid aus Polyester, das sehr dem Kleid ähnelte, das Babamukuru meiner Mutter vor seiner Abreise zu Weihnachten gekauft hatte, sah sie nicht aus, als sei sie in England gewesen. Meiner Cousine Nyasha dagegen, der hübschen, gescheiten Nyasha, sah man es an. Es gab keine andere Erklärung für ihr sehr kurzes Kleid, das kaum ihre Oberschenkel bedeckte. Sie war sich dessen jedoch bewusst, denn ihre Hände verschränkten sich ständig hinter ihrem Rücken, um das Kleid daran zu hindern hochzurutschen, und ihre verschleierten, wachsamen Augen beobachteten jeden daraufhin, was er wohl dachte. Als sie mich beim Hinschauen erwischte, lächelte sie leicht und zuckte mit den Schultern. »Ich hätte es nicht anziehen sollen«, schien ihr Blick auszudrücken. Leider hatte sie es angezogen. Ich konnte diesen Mangel an Schicklichkeit nicht gutheißen. Ich würde das nicht billigen. Ich wandte mich ab.

Ich erinnere mich, dass ich an jenem Tag auch meinen Cousin Chido missbilligte, obwohl ich nicht mehr weiß, warum. Er war ordentlich, wenn auch schick gekleidet – kurze Hosen, Schuhe und Socken. Ich glaube, es hing nicht mit seiner Person zusammen, sondern mit der Tatsache, dass er Nyashas Bruder war. Was meinen eigenen Bruder betraf, so widerte er mich an. Nhamo schlug meinem Vater darin nach, dass er sich bei Bedarf über alles auslassen konnte und wenn nötig über mehrere Sachen gleichzeitig. Daher war ich nicht überrascht, als er plötzlich aufhörte, im Zentrum von Babamukurus Reich herumzuhüpfen, um seinen Anspruch auf unsere sauber gekämmten Cousins geltend zu machen. Er hatte ihnen schrecklich viel zu sagen, aber ich war sicher, dass er sehr gebrochen Englisch sprach. Deshalb war er wohl wenig erfolgreich in seinem Bemühen, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Das Mädchen ignorierte ihn zwar nicht, aber sie antwortete auch nicht, sondern warf nur hin und wieder ihren prüfenden Blick auf die Versammlung und beobachtete dabei auch meinen Bruder. Chido versuchte zu lächeln, aber das Lächeln fiel zu schmal aus, um den Unwillen in seinen Augen zu zerstreuen. Er war zu keiner Äußerung fähig, außer einem gelegentlichen Kopfnicken, und wenn Chido ihn anlächelte, grinste mich Nhamo an und ärgerte mich damit, wie beabsichtigt, enorm.

Ja, ich war an jenem Tag, dem Tag der Rückkehr meines Onkels, sehr gereizt, obwohl es für mich, wie für jeden anderen, ein großartiger Tag hätte sein müssen. Er war mir verdorben, denn ich musste ständig daran denken, dass mir nicht erlaubt worden war, Babamukuru am Flughafen zu empfangen, denn wäre ich dort gewesen, mit Nhamo und meinen fröhlichen Cousins, hätte ich die Beziehung wieder aufgebaut, die mit der Abreise meiner Cousins abgebrochen war. Da ich nicht am Flughafen gewesen und nicht imstande war, die Beziehung zu meinen Cousins wieder aufzunehmen, verschmolzen diese Vorfälle in meinen Gedanken formlos zu einer aufkeimenden Ahnung der Bürde, von der meine Mutter gesprochen hatte. Während ich zuvor gedacht hatte, dass eine Bürde nur dann Bürde ist, wenn man sie zu tragen bereit ist, begann ich nun zu erkennen, dass der enttäuschende Verlauf von Babamukurus Heimkehr eine ernst zu nehmende Folge jener allgemeinen Gesetze war, die fast meine Ausbildung abrupt und doch vorhersehbar beendet hätten. Es war beängstigend. Ich wollte mein Leben nicht von solchen unziemlichen Verwandten bestimmt sehen. Ich würde mich wohl entscheiden müssen, dagegen anzukämpfen. Ich zog Nhamo und meinen Cousins eine verächtliche Schnute, entfernte mich betont verdrießlich aus dem Haus und ging zur Küche. Dort warf ich ein Holzscheit so wütend in den Herd, dass aus dem dreifüßigen Topf, der normalerweise sadza enthielt, heute aber voller Fleisch war, die Hälfte der Flüssigkeit in die Glut spritzte.

Auch ein Fleischstück fiel heraus. Ich holte es aus der Asche und aß es; dann wurde mir übel, weil ich weiter an Nhamo und die Cousins denken musste und sauer auf Nhamo war, der mich aus ihrem Kreis ausgeschlossen hatte, obwohl ich sie alle nicht billigte. Ich dachte über die Situation nach. Hatte ich meine Cousins akzeptiert, ehe sie nach England gingen? Voll und ganz; ich hatte sie geliebt. Wenn sie auf Besuch kamen, spielten wir lange und angeregt miteinander. Wieso mochte ich sie nicht mehr? Ich war mir unsicher. Mochte ich überhaupt jemanden? Was war mit Babamukuru? Hatte die Veränderung etwas mit mir oder mit ihnen zu tun? Das waren gefährlich komplizierte Gedanken, die ich da hatte, keine, denen man besonnen nachhängen kann, sondern solche, die sich verselbständigen und bösartig werden, wenn man es zulässt. Wenn ich so weitermachte, würde es mich bald jucken, Nhamo wegen seines Grinsens, das das Fass zum Überlaufen gebracht hatte, eine Tracht Prügel zu verpassen. Aber ich konnte mich für die Zurücksetzung so nicht mehr rächen. Nhamo und ich hatten schon vor langer Zeit, seit ich wieder zur Schule ging, aufgehört, uns zu prügeln, vor allem, weil wir uns so unterschiedlich entwickelt und nicht mehr genug miteinander gemein hatten, um miteinander zu kämpfen, es sei denn auf der Basis von gegenseitigem Respekt und Zuneigung. Außerdem wurde mir widerstrebend bewusst, dass es nicht helfen würde, Nhamo zu verprügeln: Meine Unzufriedenheit ging über das ärgerliche Verhalten meines Bruders weit hinaus. In dem Gefühl, dass es unklug sei, zu viel über diese Sachen nachzudenken – denn ich lief Gefahr, in eine Sackgasse zu geraten, an deren Ende ich vor Themen stehen würde, denen ich mich nicht stellen konnte –, beschäftigte ich mich mit Hausarbeit.

Hausarbeit war angenehm, wenn sie nicht Zwang war. Heute waren so viele junge Tanten und Nichten und Cousinen anwesend, dass ich selbst entscheiden konnte, ob ich kochen wollte oder nicht. Also gab ich mir große Mühe mit dem Eintopf, ließ das Fleisch leicht im eigenen Fett anbraten, bis es köstlich braun war, gab genug zerhackte Tomaten und Zwiebeln für eine kräftige Sauce hinzu. Es roch gut. Ich war mit dem Ergebnis meiner Arbeit zufrieden, doch sie hatte nur knapp eine halbe Stunde gedauert. Um Zeit totzuschlagen, machte ich noch Würste aus Kutteln und kleinen Innereien von Babamukurus Ziege. Als ich fertig war, kochte ich das Gemüse.

Die Frauen waren zufrieden mit mir, als sie ankamen, um das Abendessen vorzubereiten. »Du bist eine richtige kleine Arbeitsbiene«, sagten sie. »Wir müssen nur noch das sadza zubereiten.« Ihr Lob baute mich auf. Ich fühlte mich besser. Mein Selbstbewusstsein kehrte zurück: Nyasha wäre nicht fähig, da war ich mir sicher, einen so feinen Eintopf zuzubereiten, sicherlich nicht am offenen Herd. Dieser Gedanke gab mir ein Gefühl der Überlegenheit, so gesund und kernig wie hausgebackenes Maisbrot, im Gegensatz zu den mickrigen Brotlaiben, die es in den Geschäften zu kaufen gab; und ich half auch, das sadza zu kochen. Wir kochten es draußen in großen Töpfen, rührten es mit Stöcken um, die so dick wie mein Arm waren. Das Plaudern mit den Tanten und Cousinen, während wir darauf warteten, dass das sadza dick wurde, und wenn nötig noch Maismehl zugaben, nahm mir das Gefühl, ausgeschlossen zu sein; und mein Gefühl der Überlegenheit, das ich nun nicht mehr brauchte, schwand auch. Ausgeschlossen zu sein war für mich damals eine furchtbare Bedrohung, denn es bedeutete, dass ich überflüssig war. Ausgeschlossen zu sein hieß, dass meine Existenz nicht notwendig war – ich wurde dadurch zum unseligen Nebenprodukt irgendeines unerbittlichen Naturvorgangs. Oder es wurde damit höhnisch bedeutet, dass dieser Prozess schiefgegangen war und mich hervorgebracht hatte anstelle eines zweiten Nhamo, eines zweiten Chido, eines zweiten künftigen Babamukuru. Ich fühlte mich in dieser Zeit oft überflüssig, aber dort in der Gemeinschaft der Köchinnen reichte es mir, die Ecke zu besetzen, die jener Naturvorgang für mich vorgesehen hatte. Es war angenehm, mich als kräftige, nützliche Person wahrzunehmen.

Wir kochten zwei Riesentöpfe mit gutem, glattem sadza aus feingemahlenem, gut gesiebtem mutwiwa, aber es gab keinen Reis, und das war ernst. Bei einem solchen Ereignis hätte es Reis geben müssen. Aber da Babamukuru ihn nicht hatte besorgen können, gab es keinen. Maiguru hatte in weiser Voraussicht ein Päckchen mitgebracht, aber ein Päckchen reichte nicht aus, die vielen Personen zu ernähren, so dass meine Mutter Maigurus Reis hinter dem Haus auf deren Herd aus Dover kochte, um sicherzugehen, dass er den richtigen Leuten zukam. Als alles fertig war, kam sie, um uns beim Auftragen zu helfen – Berge von dampfendem sadza in die einen Schüsseln, riesige Fleischstücke in reichlich Sauce in die anderen, das Gemüse in die dritten. Diese trugen wir in das Haus, wo meine Mutter schon den Reis angerichtet hatte.

Ich hatte eine besondere Aufgabe. Ich musste die Wasserschüssel, in der die Leute ihre Hände waschen konnten, herumtragen. Ich tat das nicht gern, denn man musste den Rang aller Anwesenden im Verhältnis zu den anderen sehr gut kennen, denn sonst beging man leicht Fehler, besonders bei so vielen Leuten. Heute war es besonders heikel, denn obwohl Babamukuru der Ehrengast war, waren einige männliche Verwandte höheren Ranges anwesend. Nach einer wohlbedachten, vielleicht voreingenommenen Entscheidung kniete ich zuerst vor Babamukuru, was sich als Fehler erwies, denn er wollte, dass zuerst sein Onkel Isaiah, unser ältester Großvater, sich wasche. Ich kniete nieder und erhob mich und kniete nieder und erhob mich vor allen meinen männlichen Verwandten in der Reihenfolge ihres Alters, und anschließend vor meinen Großmüttern und Tanten, stets die Wasserschüssel und das Handtuch reichend. Die Situation wurde schwieriger, nachdem meine Großväter und Babamukuru sich gewaschen hatten, denn danach war die Rangfolge unklar. Dieser Onkel war der tezvara des anderen Onkels aufgrund seiner Heirat mit dessen Schwester, aber seine Brüder auch, denn ihre Mütter waren Schwestern, wenn auch nicht leibliche. Wann immer so etwas vorkam, bestand jede Seite darauf, dass die andere höhergestellt sei und somit sich zuerst waschen sollte. Es war sehr kompliziert und verwirrend. Ich machte weitere Fehler, was die Leute zum Lachen brachte, und sie fragten, wieso ich denn die Verwandtschaft nicht kenne. Schließlich war ich es satt, minutenlang vor einem sich zierenden Onkel zu knien, und verschüttete etwas Wasser auf seine Füße, um ihn zum sofortigen Waschen zu bewegen. Nyasha zeigte mir ihre Solidarität mit der Andeutung eines Lächelns und einem Augenzwinkern, das ich als beleidigend empfand und deshalb ignorierte. Endlich hatte sich auch die letzte jüngere Tante gewaschen, und ich war dabei wegzugehen, als mein Vater mich fragte, wieso ich vergessen hätte, Chido Wasser anzubieten, woraufhin ich vor diesem niederkniete. Natürlich nutzte Nhamo die Situation aus, auch seine Hände zu waschen. Nun musste ich auch Nyasha sich waschen lassen. In gereizter Stimmung, denn ich war der Ansicht, dass die drei zusammen mit uns in der Küche essen sollten, reichte ich ihnen das Wasser. Babamukuru sprach ein Gebet. Das Mahl begann mit lautem Händeklatschen, Lob der Götter für ihre Vorsorge und Lob für unsere harte Arbeit.

In der Küche teilten wir aus, was für uns und die Kinder in den Töpfen übrig geblieben war. Meine Tante Mavis, Shupikais Mutter, hatte in ihrer Freude über Babamukurus Rückkehr das Fleisch im Haus ohne Zurückhaltung ausgeteilt, so dass für diejenigen von uns, die nicht dort aßen, nicht genug übrig blieb. Folglich gab es für die Jüngsten unter uns nur Sauce und Gemüse zum sadza. Aber die Sauce war gut und reichlich. Wir, die selten Fleisch zu sehen bekamen, sahen keinen Grund zur Beschwerde.

Als das Essen beendet war und wir ins Haus gingen, um die Teller einzusammeln, waren die Älteren in einem Delirium der Glückseligkeit. Es war wirklich bemerkenswert, sie so verändert zu sehen, ohne auch nur einen gemeinsamen Topf masese zur Entspannung. Mein Vater genoss seinen masese sehr, wie auch die Mehrzahl der männlichen Verwandten und meine Großmütter und älteren Tanten, aber Babamukuru war strikt enthaltsam, so kompromisslos eisern, dass er den Alkohol im Atem der Leute bei starkem Wind aus fünf Metern Entfernung aufspüren konnte. Bier war daher bei diesem Zusammenkommen tabu, und die Gesellschaft musste sich mit mahewu zufriedengeben, das so lange stehen gelassen wurde, bis die Maische kurz vor der Fermentierung stand. Natürlich gab es unzufriedenes Murmeln, besonders seitens der jüngeren Männer, die nicht nah genug mit Babamukuru verwandt waren, um seine Autorität angemessen zu würdigen. Obwohl es nichts Belebenderes als mahewu gab, mangelte es der Versammlung nicht an Heiterkeit. Tete Gladys, mit schwingenden Armen und raschelndem Kleid, war auf den Beinen, wirbelte zum Rhythmus von Amazing Grace schwindelerregend linksherum und machte rechtsherum eine übermütig tiefe Verbeugung am Ende jedes Taktes:» Da-a-i (Verbeugung) ndi-i-ne (Verbeugung) ma-pa-aa-piro (Verbeugung) nda-a-i (Verbeugung) bhu-u-ru (Verbeugung) -ru-ka (Verbeugung)!« Derweil mimten Tanten und Onkel und Cousins stürmisch, was sie aus Anlass von Babamukurus Rückkehr tun würden, wenn sie nur das nötige Kleingeld hätten.

Im Hof machten sich die unverheirateten Onkel, Cousins und Tanten an die Trommeln und bildeten zum hosho einen Kreis, tanzten und sangen, während einzelne in der Mitte miteinander rangen. Es war fast wie bei einer Hochzeit, mit Musik und Bewegung, die durch die Nacht pulsiert, deine Haut kribbeln und prickeln und deine Achselhöhlen jucken lässt und bei der dein Körper dem Rhythmus zustrebt. Meine frühe Kindheit war eine große Zeit des Tanzens gewesen. Damals belustigte ich alle, wenn ich meinen lerneifrigen Ernst ablegte und mich schüttelte und drehte, in die Hände schlug, fast im Einklang mit der Musik. Als ich älter und die Musik mir zur gewohnten Sprache wurde, gewannen meine Bewegungen an Kraft, an Rhythmik und Fantasie; aber die Menschen fanden es nicht mehr lustig, bis ich schließlich begriff, dass an meiner Weise, den Rhythmus zu genießen, etwas nicht anständig war. Mein Tanzen beschränkte sich von nun an auf steife, behutsame Andeutungen. Ich hörte nicht ganz auf, aber die Feste waren danach viel weniger lustig, und ich fühlte mich stets sehr gehemmt.

»Tanzen wir«, lud ich Nyasha ein, die nur langsam begriff. »Sie verstehen Shona nicht mehr gut«, erklärte ihre Mutter. »Sie haben so lange nur Englisch gesprochen, dass sie ihr Shona zum Großteil vergessen haben.«

Was Maiguru sagte, verwirrte und beleidigte mich. Ich hatte nicht erwartet, meine Cousins verändert vorzufinden, schon gar nicht so radikal, nur weil sie eine Zeitlang weg gewesen waren. Außerdem war Shona doch unsere Sprache. Was dachten sich die Leute, wenn sie es vergaßen? Während ich dastand und diese Gedanken zu verdauen suchte, erinnerte ich mich daran, dass ich mit meinen Cousins vor ihrer Abreise ungezwungen und fließend gesprochen, wilde Früchte gegessen, Tontöpfe geformt hatte und im Nyamarira geschwommen war. Nun waren sie mir fremd geworden. Mein Beleidigtsein verging, und ich wurde traurig.

»Frag sie, Maiguru«, drängte ich sie. »Selbst wenn sie es nicht verstehen, werden sie nicht ablehnen, oder? So etwas«, fuhr ich unbestimmt, aber ernsthaft fort, »gibt ihnen die Sprache schnell wieder.« Die Sänger steigerten sich immer mehr, die Trommeln schlugen immer erregter. Ich bemerkte, dass Nyasha zuhörte und mit den Fingern im Takt der Trommeln auf die übereinandergeschlagenen Knie klopfte. Sie sprach eifrig mit ihrer Mutter in einem Englisch, dessen Akzent so seltsam war, dass ich kein Wort verstehen konnte, bezog Chido in die Diskussion ein und klang sehr entschieden. Ich war sicher, dass meine Cousins sich den Festlichkeiten anschließen wollten, aber Maiguru ermunterte sie nicht gerade dazu. Ich merkte es an ihrer Stimme, die ausdruckslos und zurückhaltend war, und an einzelnen, mir verständlichen Worten, wie »schmutzig« und »Schlaf«. Es war seltsam, dass Maiguru es lieber hatte, wenn ihre Kinder nicht tanzten. Wenn sie sich nicht mit uns zusammen vergnügen durften, wieso waren sie hergekommen? Ich glaube, dass Nyasha etwas Ähnliches zu Maiguru sagte, denn schließlich wurde deren Ärger so offensichtlich, dass meine Tanten ihr lebhaftes Gespräch unterbrachen, um zu hören, was los war.

»Nun, wo ist das Problem, Maiguru?«, fragte Tete Gladys. »Du willst deinen Kindern doch nicht verbieten mitzumachen, oder?«

»Wieso denn, Tete?«, antwortete Maiguru ruhig. »Ich meine nur, sie sollten sich ausruhen. Weißt du, so ein Flug ist sehr ermüdend. Aber wenn du sagst, dass sie tanzen sollen, werden sie es tun. Tete hat gesagt, ihr sollt tanzen gehen«, erklärte sie ihren Kindern mit teilnahmsloser Stimme.

Chido lehnte höflich ab. »Ist schon in Ordnung, Mum, ich bin wirklich ein bisschen müde.« Nyasha schnalzte verächtlich und schaltete ab. Sie tat das auf sehr abrupte Weise. In einem Augenblick war sie für alles empfänglich, im nächsten hörte sie einen selbst dann nicht, wenn man sie ansprach. Ich ging nach draußen und versuchte, mir durch diese Episode nicht den restlichen Abend vermiesen zu lassen. Es war schwierig. Ich hatte mich auf meine Cousins gefreut, auf eine lustige und freundliche und warme Zeit, wie in alten Tagen, aber dem war nicht so. Meine Enttäuschung war so tief, dass ich mich nicht besänftigen ließ, als Nhamo, angelockt von den sorglosen Stimmen und dem Hämmern der Trommeln, sich zu uns gesellte. Ich hielt ihn für launisch und glaubte, er wolle das Huhn und die Eier obendrein.

Babamukuru blieb damals nach seiner Rückkehr nur eine Nacht bei uns, denn er musste sofort seine ehemalige Tätigkeit als Schuldirektor und seine neue Tätigkeit als akademischer Direktor der Kirche in der Manicaland-Region aufnehmen. Es blieb nur wenig Zeit, all die Sachen zu besprechen, die besprochen werden mussten und die auf seine Rückkehr hatten warten müssen. Also redeten Babamukuru und seine Brüder und seine Schwestern bis tief in die Nacht und in die frühen Morgenstunden hinein. Babamukuru machte sich Sorgen um die Entwicklung der Familie, wobei er darauf hinwies, dass er als Einzelner alles in seiner Macht Stehende für die Familie getan habe, indem er ein Diplom erworben habe; dass er sich von seinen Kindern genauso viel, wenn nicht sogar mehr erhoffe; dass er froh sei, seinen Kindern zu diesem Weg einen guten Start geben zu können. Sein Familienzweig könne sich überall erhobenen Hauptes sehen lassen, aber, so deutete er zu Recht an, dasselbe lasse sich nicht von den anderen Familienzweigen sagen. Er sei angesichts der Nachrichten, die er von Jeremiah und anderen in England erhalten habe, zu dem Schluss gelangt, dass die Zukunft für die Familie insgesamt nicht gerade vielversprechend aussah. Da er nun zurück sei, sagte er, sei es für die Mitglieder der Familie an der Zeit, gemeinsam Wege zu finden, den Wohlstand jedes einzelnen Familienzweigs zu sichern.

Wenn Babamukuru eine Rede hielt, was er als Oberhaupt der Familie oft tun musste, hatte er eine ruhige, milde und so feinfühlige Art, dass man nicht umhinkonnte, von seinen Worten überwältigt zu sein und sich vorzunehmen, ihnen genau zu folgen, was immer sie besagten. Babamukuru wirkte motivierend. Er erweckte Vertrauen und Gehorsam. Ihn umgab eine Aura von strahlender Weisheit und Voraussicht. Es folgte Seufzen, die beschriebenen Schwierigkeiten bestätigend, sowie zustimmendes Gemurmel zu Babamukurus Analyse.

»Äh – so wie ich es sehe«, sagte Babamukuru, räusperte sich und entfernte mit der schmalen Klinge seines Taschenmessers Fleischfasern aus seinen Zähnen, »muss Folgendes getan werden.« Er lehnte sich in seinen Stuhl am Kopf des Esstisches zurück. »Wir müssen dafür sorgen, dass zumindest einer aus jeder Familie eine Ausbildung erhält, wenigstens bis zur vierten Klasse, weil er dann in der Lage sein wird, sich weiterzubilden. Das soll natürlich nicht heißen, dass derjenige, wenn möglich, nicht bis zur sechsten Klasse und danach sogar zur Universität gehen soll.«

»Das wäre gut«, stimmte Tete Gladys zu. »Ein Absolvent in jeder Familie! Wir wären sehr stolz darauf.«

»Nicht nur einer!«, berauschte sich mein Vater. »Wieso sollten sie nicht alle einen Abschluss machen? Wieso nicht?«

»Jeremiah«, rügte ihn Babamukuru, »das ist kein Beitrag zur Diskussion. Wir müssen nach nützlichen Lösungen suchen. Wir können uns keine Träume erlauben.«

»Ganz richtig, Mukoma, ganz richtig«, stimmte ihm mein Vater umgänglich zu. »Wer kann es sich dieser Tage schon leisten zu träumen? Aiwa! Man kann nicht träumen! Man kann nicht träumen!«

»Wenn ich mir die Familie, so wie sie heute dasteht, anschaue«, fuhr Babamukuru fort, »sehe ich das größte Problem bei Jeremiah. Unserer Tete hier geht es ganz gut – ihr Ehemann kann sie und ihre Kinder versorgen. Auch Thomas hat keine Probleme – zwar hat er keinen akademischen Grad, aber seine Lehrerausbildung ist eine solide Qualifikation. Die Familie muss nicht hungern. Sie wohnen in einem komfortablen Haus, sie tragen ordentliche Kleidung. Wenn die Kinder im schulfähigen Alter sind, werden sie zur Schule gehen können. Die Familien, deren Kinder heute zur Schule gehen können, werden morgen gedeihen. Also sind die Familienzweige von Tete und Thomas abgesichert. Die größte Sorge gilt deinem Familienzweig, Jeremiah.« Tete schürzte ihre Lippen und nickte bedauernd mit dem Kopf. Babamunini Thomas senkte bescheiden seine Augen und sagte aus Achtung vor seinem unglücklichen älteren Bruder nichts.

»Ich erinnere mich«, fuhr Babamukuru fort, »dass du im Jahr nach unserer Ankunft in England geschrieben hast, Jeremiah – nein, es muss im zweiten Jahr gewesen sein. Ja, im zweiten Jahr nach unserer Ankunft, denn wir sind 1960 weggefahren und diesen Brief, von dem ich jetzt spreche, hast du 1962 geschrieben. Er war vom 16. November 1962. Ich kann mich genau daran erinnern, denn immer wenn ich müde und entmutigt und deprimiert war, habe ich diesen Brief gelesen. Ich habe diesen Brief oft gelesen. Dieser Brief hat mir klargemacht, dass noch mehr als ich selbst meine Familie meine Ausbildung nötig hat. Das ließ mich durchhalten, wenn es besonders schlimm war. Wegen dieses Briefes sagte ich mir: ‚Was immer passieren mag, ich werde es schaffen.‘ Ja, Jeremiah, ich kann mich erinnern, wie wir Nachricht von dir erhielten, dass es kein Geld für die Schulgebühren gäbe. Wir haben dir geschickt, was wir konnten. Wir wussten, es ist nicht viel, aber wir freuten uns zu hören, dass du nach Erhalt des Geldes beide Kinder wieder zur Schule schicken konntest.«

»Es war schlimm, Mukoma, es war schlimm«, stimmte mein Vater unter heftigen Grimassen zu, um zu unterstreichen, wie schlimm es gewesen war. »Hätten wir ohne deine Hilfe überlebt? Aiwa, wir hätten es nicht. Niemals!«

»Das ist wahr, Mukoma«, pflichtete Tete bei. »Unser Jeremiah hätte sterben können. Er und seine ganze Familie. So schlimm stand es. Wahrlich, muera bonga, du hast eine große Wohltat vollbracht.«

»Eine große Wohltat, eine sehr große Wohltat«, murmelte Babamunini Thomas.

»Meine Frau und ich waren sehr überrascht«, sagte Babamukuru, »dass die Ernte schlecht ausgefallen war, denn andere Leute sagten uns, es habe sehr gute Ernten gegeben. Aber das ist eine andere Angelegenheit. Als wir hörten, dass Nhamo und heyo – das Mädchen hier – äh, Tambudzai, wieder zur Schule gingen, waren wir sehr erfreut, dass du das Geld sinnvoll verwendet hast, Jeremiah.« Babamukuru legte sein Taschenmesser weg und setzte sich in seinem Stuhl auf. Seine Gegenwart war nun würdevoll und bedeutsam. So als würden sie unter diesem Gewicht nachgeben, beugten sich mein Vater, Babamunini Thomas und Tete aufmerksam zu ihrem Bruder hin.

»Ich habe mir überlegt«, fuhr Babamukuru nach einer längeren Pause fort, die verdeutlichte, dass er wirklich tief und erfolgreich über die Sache nachgedacht hatte. »Ich habe mir überlegt: Es reicht nicht aus, das Geld für die Schulgebühren aufzubringen, um den Schulerfolg eines Kindes zu sichern. Ein Kind muss in der richtigen Atmosphäre aufwachsen, in einer Atmosphäre der geistigen Anregung, auch außerhalb des Klassenzimmers.«

»Richtig, Mukoma, was du sagst, ist richtig«, seufzte mein Vater, der die Absicht der Rede Babamukurus erkannt und gutgeheißen hatte. »Schau dir unseren Nhamo an. Ich habe noch nie ein Kind gesehen, das seine Bücher so liebt wie er, unser Nhamo. Aber wie soll er lernen, wenn es keinen Strom gibt? Wie soll er lesen, wenn es keine Bücher gibt? Oder zur Schule gehen – wie kann er das, wenn es täglich zu Hause soviel Arbeit gibt? Der Junge tut mir leid, aber er – beschwert er sich? – Nein. Er schweigt einfach und arbeitet hart, hier und in der Schule. Mit so einem Sohn bin ich gesegnet. Wahrlich, ich bin gesegnet.« Er schüttelte den Kopf, voller Trauer und Mitgefühl für das Leiden seines Sohnes.

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25 kasım 2025
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