Kitabı oku: «Überleben»

Yazı tipi:

Über dieses Buch

Tambudzai lebt arbeitslos in einem heruntergekommenen Hostel in der Innenstadt von Harare und macht sich Sorgen um ihre Zukunft. Bei jedem Versuch, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, wird sie mit neuen Demütigungen konfrontiert. Der schmerzhafte Kontrast zwischen der Zukunft, die sie sich ausgemalt und für die sie hart gearbeitet hatte, und ihrer aussichtslosen (Alltags-)Realität, führt sie in die Verzweiflung und an einen Wendepunkt.

Als sie schließlich einen vielversprechenden Job angeboten bekommt, ahnt sie noch nicht, dass dieser sie letztlich um die Würde ihrer Familie und ihrer Gemeinschaft bringen wird …

»Der Roman beschreibt inwiefern ›race‹, Geschlecht, Gesellschaftsschicht und Alter in Simbabwe eine Rolle spielen und wie überwältigend diese Kräfte auch auf die optimistischsten und ambitioniertesten Frauen einwirken.« Vanity Fair

Über die Autorin

Tsitsi Dangarembga ist als Autorin, Filmemacherin und Dramatikerin eine der wichtigsten Künstler*innen in Simbabwe. Sie setzt sich intensiv für die Förderung filmschaffender Frauen auf dem afrikanischen Kontinent ein und engagiert sich seit vielen Jahren als Aktivistin für femi-nistische Anliegen und politische Veränderung. 1988 erschien ihr Debüt-Roman »Nervous Conditions« (dt. Aufbrechen) als erster Teil einer autobiografisch geprägten Trilogie. Er wurde 1989 mit dem Commonwealth Writers’ Prize ausgezeichnet und 2018 von der BBC in die Liste der 100 wichtigsten Bücher aufgenommen, die die Welt geprägt haben. 2006 erschien der zweite Teil, »The Book of Not« (auf Deutsch ab 2022 bei Orlanda). 2018 folgte »This Mournable Body« (dt. Über-leben), der 2020 für die Shortlist des Booker Prize nominiert wurde. 2021 erhielt Tsitsi Dangarembga neben dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels auch den PEN Pinter Prize sowie den PEN International Award for Freedom of Expression.

Der Roman wurde übersetzt von Anette Grube. Sie studierte Kommunikationswissenschaften und Amerikanistik und ist die Übersetzerin von u.a. Chimamanda Ngozi Adichie, Kate Atkinson, Yiyun Li, Sigrid Nunez, Arundhati Roy, Vikram Seth und Madeleine Thien.

Tsitsi Dangarembga

Überleben Roman

Aus dem Englischen von

Anette Grube

Tsitsi Dangarembga

Überleben

Roman


Dieses Buch ist meinen Kindern gewidmet:

Tonderai, Chadamoyo und Masimba

»Es bleibt immer etwas übrig, das man lieben kann.«

Lorraine Hansberry, A Raisin in the Sun

Inhalt

Teil 1 Abwärts

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Teil 2 In der Schwebe

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Teil 3 Aufwärts

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Dank

Personenregister

Glossar

Teil 1

1. Kapitel

Im Spiegel ist ein Fisch. Der Spiegel hängt über dem Waschbecken in der Ecke des Wohnheimzimmers. Der Wasserhahn, nur kaltes Wasser in den Zimmern, tropft. Du liegst noch im Bett, drehst dich auf den Rücken und starrst an die Zimmerdecke. Du merkst, dass dein Arm eingeschlafen ist, und bewegst ihn mit der guten Hand vor und zurück, bis Schmerz in einem Blitz aus Nadeln explodiert. Es ist der Tag des Vorstellungsgesprächs. Du solltest aufstehen. Du hebst den Kopf und lässt ihn zurück aufs Kissen fallen. Schließlich aber stehst du vor dem Waschbecken.

Dort starrt dich der Fisch aus violetten Augenhöhlen an, das Maul ist geöffnet, die Wangen hängen herunter, als lastete das Gewicht monströser Schuppen darauf. Du kannst dich nicht ansehen. Der tropfende Hahn ärgert dich, deswegen drehst du ihn erst fest zu, bevor du ihn wieder aufdrehst. Eine verdrehte Handlung. Dein Magen hebt sich vor träger Befriedigung.

»Los-los-los!«

Eine Frau klopft an deine Tür.

»Tambudzai«, sagt sie. »Kommst du?«

Es ist eine deiner Mitbewohnerinnen, Gertrude.

Schritte entfernen sich. Du stellst dir vor, dass sie seufzt, zumindest ein bisschen betrübt ist, weil du nicht geantwortet hast.

»Isabel«, ruft die Frau jetzt und wendet ihre Aufmerksamkeit einer anderen Mitbewohnerin zu.

»Ja, Gertrude«, antwortet Isabel.

Ein Knall sagt dir, dass du nicht aufgepasst hast. Dein Ellbogen ist beim Zähneputzen gegen den Spiegel gestoßen. Oder? Du bist nicht sicher. Du hast es nicht gespürt. Genauer gesagt, du kannst dir keine definitiven Schlussfolgerungen leisten, weil Gewissheit dich für schuldig erklärt. Du bemühst dich, die Regeln des Wohnheims zu befolgen, doch sie lachen dich nur aus. Mrs. May, die Heimleiterin, hat dich des Öfteren daran erinnert, dass du die Altersregel brichst. Jetzt ist der Spiegel wieder einmal von dem verbogenen Nagel an der Wand gerutscht und ins Waschbecken gefallen mit dem Ergebnis, dass er einen weiteren Sprung hat. Wenn er noch einmal fällt, werden alle Teile aus dem Rahmen springen. Du hebst ihn vorsichtig an, damit die einzelnen Teile an ihrem Platz bleiben, und überlegst dir eine Entschuldigung für die Heimleiterin.

»Also, was jetzt, was hast du damit gemacht?«, wird Mrs. May wissen wollen. »Du weißt doch, dass du dich an die Vereinbarungen halten sollst.«

Die Heimleiterin kämpft für dich, sagt sie. Sie erzählt dir oft, dass sich die Verwaltung beschwert. Nicht über dich als solche, sondern über dein Alter, sagt sie. Der Stadtrat wird die Genehmigung für das Wohnheim widerrufen, wenn er herausfindet, dass so altertümliche Frauen hier wohnen, Frauen, die die Altersgrenze um einiges überschritten haben, um noch im Twiss Hostel unterkommen zu dürfen.

Du hasst die Schlampen von der Verwaltung.

Ein Dreieck fällt aus dem Spiegel auf deinen Fuß, dann gleitet es auf den Boden und hinterlässt einen dunkelroten Fleck. Der Betonboden ist so graugrün wie ein schmutziger See. Du rechnest damit, dass auch die restlichen Fragmente herausfallen, aber sie halten.

Draußen im Flur versichern sich Gertrude und Isabel gegenseitig, dass sie lange und gut geschlafen haben. Mehrere andere Bewohnerinnen gesellen sich zu ihnen, und ihr endloses Geplapper beginnt.

Der Boden im Flur glänzt, obwohl er aus Zement ist und nicht aus Kuhdung. Du hast Broschüren in der Werbeagentur verfasst, aus der du vor vielen Monaten rausspaziert bist. In den Touristenbroschüren hast du geschrieben, dass die Dorfbewohnerinnen in deinem Land ihre Böden aus Kuhfladen so oft abreiben, bis sie glänzen wie Zementböden. Die Broschüren haben gelogen. In deiner Erinnerung glänzt nichts. Die Böden deiner Mutter haben nie geglänzt. Nichts hat geglitzert oder gefunkelt.

Du schlurfst vom Waschbecken zum Kleiderschrank und öffnest ihn. Der Fisch bläht sich im ölig weißen Anstrich der hölzernen Schrankverkleidung zu einem Flusspferd auf. Du wendest dich ab, weil du den schwerfälligen Schatten nicht sehen willst, der dein Spiegelbild ist.

Hinten im Schrank findest du den für ein Vorstellungsgespräch geeigneten Rock, den du erstanden hast, als du das Geld hattest, um eine Annäherung an die doppelseitigen Modeaufnahmen zu kaufen, die du in Zeitschriften eingehend studiert hast. Den Bleistiftrock mit dem dazu passenden Oberteil hast du geliebt. Sich jetzt hineinzuzwängen ist ein heftiger Angriff auf den Dickhäuter. Der Reißverschluss beißt mit heimtückischen Zähnen in deine Haut. Heimleiterin May hat dieses Vorstellungsgespräch organisiert, für das du dich jetzt anziehst. Es ist mit einer weißen Frau, die in Borrowdale lebt. Du bist besorgt, dass Blut deinen Rock fleckt. Doch es gerinnt rasch, wie die rote Linie auf deinem Fuß.

Gertrude und Konsorten poltern den Flur entlang. Du wartest, bis das Geplapper der jungen Frauen, die zum Frühstück gehen, verstummt ist, bevor du auf den Flur hinaustrittst.

»Ihr Leute! Ja, du«, murmelt die Putzfrau gerade laut genug, dass du es hören kannst. »Immer macht ihr noch mehr Dreck, bevor der Boden trocken ist.« Sie weicht dir aus, und der Eimer stößt gegen die Wand. Schmutziger Schaum schwappt heraus.

»Hat dir mein Eimer was getan?«, zischt sie leise deinem Rücken zu.

»Guten Morgen, Mrs. May«, rufst du.

Die Heimleiterin steht am Empfang in der Eingangshalle, rosa und gepudert; sie sieht aus wie ein großer flauschiger Kokon.

»Guten Morgen, Tahmbuudzahiie«, erwidert sie und blickt von dem Kreuzworträtsel im Zimbabwe Clarion auf, der vor ihr auf dem Schreibtisch liegt.

Sie lächelt, als du sagst: »Wie geht es Ihnen heute Morgen, Frau Heimleiterin? Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen. Und danke für alles.«

»Heute ist der große Tag, nicht wahr?«, sagt sie, ihre gute Laune steigert sich bei dem Gedanken an ein Leben, in dem sie wegen dir nicht mehr mit der Verwaltung würde streiten müssen. »Na dann, viel Glück! Denk dran, Mabel Riley an mich zu erinnern«, sagt sie. »Ich habe sie seit der Schule nicht mehr richtig gesehen, und dann haben wir beide geheiratet und waren mit unseren Familien beschäftigt. Grüße sie vielmals von mir. Ich habe mit ihrer Tochter gesprochen, und sie war ganz sicher, dass euch wegen des Häuschens was einfallen wird.«

Du zuckst vor der Begeisterung der Heimleiterin zurück. Sie neigt sich vor, hält den Glanz in deinen Augen für Wertschätzung. Du spürst ihn, aber du bist selbst nicht sicher, was dieser Glanz bedeutet, ob er echt ist oder etwas, das du herausforderst.

»Es wird bestimmt sehr gut gehen«, flüstert Heimleiterin May. »Mabs Riley war eine wunderbare Schülersprecherin. Ich war noch ganz jung, aber sie war absolut wunderbar.«

Puder rieselt von den bebenden Wangen.

»Danke, Mrs. May«, murmelst du.

Der »Gestern, heute und morgen«-Busch im Garten des Wohnheims pulsiert violett, weiß und zartlila. Bienen fliegen träge durch die Luft, um ihre Saugrüssel in die Spritzer aus Hell, Heller, am Hellsten zu schieben.

Du hältst mitten im Schritt neben dem Gebüsch inne, um einen waghalsigen, aber vom Glück begünstigten Käfer zu schonen. Dahinter wütet die Hibiskushecke scharlachrot. Jahre zuvor, du willst dich nicht erinnern, wie viele Jahre, hast du in die sandigen Mulden dieser dickbäuchigen Käfer geblasen, lachend und unbeschwert pustend. Als das Insekt frei dalag, hast du Ameisen in das Loch geworfen und zugesehen, wie die kleinen Gladiatoren kämpften und in den Kiefern ihres Peinigers umkamen.

Du betrittst die Herbert Chitepo Avenue. Die Straßenkinder halten dich für eine Dame und betteln um milde Gaben.

»Tambu! Tambu!«, ruft eine Stimme.

Du kennst die Stimme. Du wünschst, du hättest den Käfer zertreten.

Gertrude wankt auf ihren Stilettos zu dir, Isabel im Schlepptau.

»Wir haben denselben Weg«, sagt Gertrude, die sich selbst Gertie nennt. »Jetzt haben wir Gelegenheit, guten Morgen zu sagen und endlich herauszufinden, wie du geschlafen hast. Isabel und ich wollen zu Sam Levy’s.«

»Guten Morgen«, murmelst du, hältst Distanz.

Sie nehmen dich in die Zange wie zwei Polizistinnen. Ihr federnder Gang irritiert dich.

»Ach, das wusste ich nicht«, sagt Isabel eilig, als ob für sie dem Sprechen kein Gedanke vorausgehen muss. Das gestattet dir ein gewisses Amüsement, und du lächelst. Die junge Frau fühlt sich ermutigt.

»Du willst auch zu Sam Levy’s. Du liebst die Sonderangebote, genau wie wir. Ich wusste gar nicht, dass alte Leute sich für Mode interessieren.«

Die Brüste der Mädchen ragen nach vorn, als sie die Schultern nach hinten drücken, um das meiste aus ihrem Busen herauszuholen.

»Ich will nicht zu Sam Levy’s«, sagst du. Sie schauen an dir vorbei, blicken prüfend zu den Autos auf der Straße und den Männern mittleren Alters, die sie fahren.

»Meine Tante wohnt dort«, erklärst du. »Ich fahre zu ihrem Haus in Borrowdale.«

Die jungen Frauen wenden dir wieder ihre Aufmerksamkeit zu.

»Borrowdale«, sagt Gertrude. Du weißt nicht, ob sie staunt, weil du eine Tante hast, oder weil eine Verwandte von dir in Borrowdale lebt. Zum ersten Mal zufrieden an diesem Morgen, erlaubst du dir ein Lächeln, das bis zu den Augen reicht.

»Was ist daran erstaunlich?« Isabel zuckt die Achseln. Sie zieht den roten BH-Träger hoch, der an ihrem Arm heruntergerutscht ist. »Mein babamunini, der Bruder meines Vaters, hatte ein Haus dort. Aber er hat es verloren, weil er nicht dafür zahlen konnte. Sie haben gesagt, dass es wegen der Zinsen ist oder so. Deswegen ist er nach Mosambik gegangen, mit Diamanten, glaube ich.« Sie zieht die Nase hoch. »Jetzt sitzt er dort im Gefängnis. Nur solche Leute gehen nach Borrowdale. Alte!«

»Wer ist diese Verwandte, Tambudzai?«, fragt Gertrude.

»Ich meine nicht dich, Sisi Tambu«, unterbricht Isabel. »Ich meine wirklich alte Leute.«

An der Ecke Borrowdale Road und Seventh Street stehen die Leute bis an den Bordstein.

»Vabereki, vabereki«, ruft ein junger Mann aus der verbeulten Tür eines Kombi.

Das Fahrzeug schwingt zum Bordstein. Alle ziehen Arme, Beine und Köpfe ein. Du weichst mit der Menge zurück. Einen Augenblick später drängst du mit allen anderen nach vorn, stößt mit den Ellbogen aggressiv so viele Personen wie möglich aus dem Weg. Doch es ist falscher Alarm.

»Eltern, wir nehmen euch nicht mit«, schreit der jugendliche Kombi-Schaffner grinsend. »Wir sind voll. Habt ihr verstanden? Voll.«

Der Fahrer grinst. Krähen flattern im Zickzack aus den Flamboyant-Bäumen an der Straße und fliehen krächzend vor der Rußwolke, die der Bauch des Kombis ausrülpst.

Bald darauf schlurfen alle wieder nach vorn. Blech und Gummi kreischen, als der Fahrer eines anderen Minibusses auf die Bremse tritt. Räder stoßen gegen den Bordstein. Junge Männer kämpfen sich mit den Ellbogen nach vorn und springen auf. Du duckst dich unter Armen durch und zwängst dich an Körpern vorbei.

»Eltern, einsteigen. Einsteigen, einsteigen, Eltern!«, ruft der neue Schaffner.

Er schirmt mit seinem Körper ein halbes Dutzend Schulkinder ab, die im Fußraum über dem Motor sitzen. Du drängst dich an ihm vorbei, dein Bein streift seine Genitalien, du schämst dich für die Berührung. Er grinst.

»Au, mai! Meine Mutter!«, kreischt ein kleines Mädchen.

Du bist ihr auf die Zehen gestiegen mit deinen zweifarbigen Lady-Di-Pumps, richtige europäische Lederschuhe, ein Geschenk, das du vor ein paar Jahren von deiner Cousine bekommen hast, die im Ausland studiert hat.

Tränen sickern aus den Augen des Kindes. Als sich das Mädchen vorbeugt, um ihren Zeh zu massieren, stößt sie mit dem Kopf gegen den Hintern des Schaffners.

»Ha, ihr Leute, vana hwindi«, sagt deine Mitbewohnerin Gertrude affektiert. Sie steht mit einem Fuß auf dem Trittbrett des Kombis. Ihre Stimme ist weich und zuversichtlich.

»Das sind doch kleine Kinder. Warst du nie ein Kind? Wir nennen sie Sprösslinge, aber unsere Kinder sind nicht wie die von Bäumen«, sagt sie in dem gleichen matten Tonfall.

»Wenn du dich um Kinder kümmern willst, dann von mir aus, aber nicht hier. Willst du, dass wir zu spät kommen?«, ruft ein Mann hinten im Bus.

»Hat sie was zu jemandem von euch gesagt?«, fragt Isabel, die nach dir eingestiegen ist.

Beleidigte Fahrgäste murren über deine Begleiterinnen.

»Mädchen, die nicht wissen, wovon sie reden.«

»Junge Leute, die keine Ahnung von nichts haben. Sie wissen nicht, dass Gott ihnen einen Kopf zum Denken und Mundhalten gegeben hat.«

Froh, dich auf einen Sitz gezwängt zu haben, sagst du erst einmal nichts.

»Vielleicht bitten unsere jungen Frauen um etwas«, sagt der Mann hinten. »Bitten, dass man ihnen etwas beibringt. Und wenn sie nicht aufpassen, wird es ihnen jemand beibringen, und sie werden es lernen müssen.«

»Diese Kinder sollten ihre Füße einziehen«, sagst du kurz darauf. Denn du gehörst zu dieser Masse, die im Kombi ist.

Isabel sagt nichts mehr und findet einen Sitz. Gertrude hört auch auf, sich für die Kinder einzusetzen, und zieht sich hoch. Sie tätschelt den Kopf des kleinen Mädchens, als sie sich auf den letzten freien Platz gegenüber dem Schaffner setzt.

»Sie ist die Beste«, sagt der Schuljunge, der neben dem Mädchen sitzt, zu Gertrude. »Sie wird beim Sportfest laufen. Wenn ihr nichts wehtut, gewinnen wir immer.«

Er senkt enttäuscht den Kopf.

Alles ist unbequem. Es sind zu viele Personen im Kombi, zu eng gedrängt. Der Motor kocht unter den Hintern der Kinder. Der Geruch nach heißem Öl schwebt in der Luft. Schweiß rinnt aus deinen Achselhöhlen.

Kurz darauf sammelt der Schaffner Geld ein und ruft die Haltestellen aus: »Tongogara Avenue. Luftwaffe. Die Roboter.«

»Wechselgeld«, fleht eine Frau in der Churchill Avenue. »Ich habe dir einen Dollar gegeben.« Sie hat eine Brust wie eine Matratze, ist die Sorte Frau, die anzumachen sich nicht einmal Männer trauen.

»Fünfzig Cents«, bittet die Frau und schaut den jungen Schaffner an. Sie gehört zu denen, die über die Scherze des jungen Manns gelacht haben.

Der Junge blickt sie finster an. »Woher soll ich Wechselgeld nehmen, Mutter?«

»Ist denn niemand mit fünfzig Cent im Wagen?«, sagt die Frau, als sie aussteigt. »Ich kann meine fünfzig Cent nicht dalassen.« Doch der Schaffner hat gegen das Dach geschlagen, und der Kombi fährt an. Die Frau verschwindet in einer Explosion von schwarzen Abgasen.

»Ah-ah! Hat sie nicht gehört, dass es kein Wechselgeld gibt?«, sagt der Mann hinten. Sein Mund ist ein amüsierter Sichelmond.

Deine Mitbewohnerinnen steigen bei den Borrowdale-Geschäften aus.

Du fährst weiter bis Borrowdale-Polizei und gehst zwischen der BP- und der Total-Tankstelle durch. Neben der Straße ziehst du deine Lady Dis aus. Du holst deine schwarzen Bata-Turnschuhe heraus und steckst die Pumps in die Tasche.

Dir graut davor, dass dich die Leute in diesem feinen Viertel in Stoffschuhen sehen, vor allem weil du ein viel besseres Paar Schuhe in der Tasche trägst. Deswegen bist du erleichtert, als du vor 9 Walsh Road ankommst, wo die Witwe Riley wohnt, ohne Bekannten zu begegnen. Du setzt dich auf das Abflussrohr neben dem Zaun, um deine Füße wieder in die Pumps zu zwängen.

Zuerst siehst du nur Lippen und bist zu Tode erschrocken. Die geschwollenen Füße in die Lady Dis gequetscht, springst du auf. Die Lippen sind entlang gelber Zähne zu einem Knurren arrangiert. Sie gehören einem kleinen struppigen Terrier.

»Wau! Wau!«, kläfft der Hund, außer sich aufgrund deiner Anwesenheit.

»Wer bist du?« Eine hohe Stimme zittert sich durch die Morgenluft. »Ndiwe ani?«, wiederholt die Frau. Sie benutzt den Singular, die vertrauliche Form, um dich anzusprechen. Da eine Person, die etwas wert ist, mit der Höflichkeitsform angesprochen wird, ist sich die Frau mit dem Hund einig, was deinen Wert betrifft.

»Denk bloß nicht daran, dich zu rühren oder näher zu kommen«, warnt sie. »Wenn er dich zu fassen kriegt, wird er dich fressen, wirklich. Bleib dort!«

Ihre Worte treiben den Schwanz des Hundes in die Höhe. Er galoppiert neben dem Zaun hin und her. Seine Schnauze ist mit Schaum gesprenkelt. Seine Zunge hängt heraus, und zwischendurch rast er davon und umkreist die Sprecherin, die sich vom Haus nähert.

Gut im Fleisch, eiförmig, tritt die Frau hinter einer Kaktusfeige hervor. Sie watschelt den mit Ziegelsteinen ausgelegten Pfad entlang.

»Bleib, wo du bist, wie ich gesagt habe«, sagt sie.

Sie öffnet die Bänder ihrer baumwollenen Dienstmädchenschürze und zurrt sie fest, als sie sich dir nähert. Der Terrier fixiert sie mit dem einen Auge, dich mit dem anderen, und begnügt sich mit einem gutturalen Knurren.

»Was willst du?«, fragt die Frau und sieht dich durch den Zaun an.

»Frag die Gärtnerjungen in den Straßen hier«, fährt sie fort, ohne dir eine Antwort zu erlauben. »Wenn du sie fragst, wirst du merken, dass ich es nicht schlecht mit dir meine. Ich warne dich zu deinem eigenen Besten. Wenn du die Gärtnerjungen fragst, wirst du herausfinden, wie vielen dieses kleine Tier ein Stück herausgerissen hat.«

Sie mustert dich weiterhin. Du schaust sie nicht an. Ihr Auftreten ist so imposant, dass du wieder zu dem Mädchen vom Land geworden bist, das vor einem Mambo oder Dorfvorsteher steht.

Die Frau ist dank deines Schweigens besänftigt.

»Sogar mich hat er gebissen, nga, einfach so, als wollte er mich fressen«, sagt sie freundlicher.

»Also, was willst du? Madam Mbuya Riley, sie hat gesagt, dass jemand kommt. Hat dich Großmutter Rileys Tochter geschickt?«

Du nickst, deine Stimmung hebt sich.

»Die Witwe versteht sich nicht mit ihrer Tochter«, sagt die Frau. »Die Madam Tochter Edie lügt die ganze Zeit. Wir kommen zurecht, Madam Mbuya Riley und ich. Ich bin es, die hier arbeitet, und wir brauchen niemand.«

Du nimmst die kleine Anzeige aus der Tasche, die Mrs. May dir gegeben hat.

»Ich bin für ein Vorstellungsgespräch gekommen«, erklärst du. »Ich habe eine Empfehlung.«

»Aber es gibt hier keine Arbeit«, sagt die Frau. Ein Funke Misstrauen blitzt in ihren Augen auf. »Es findet kein Vorstellungsgespräch statt. Versuch es am Ende der Straße. Sie suchen jemand für den Gemüseanbau. Kartoffeln, vielleicht Süßkartoffeln. Und auf der anderen Straßenseite hat jemand eine Hühnerfarm.«

Jetzt bist du an der Reihe, dich aufzuregen. »Für so eine Arbeit bin ich nicht gekommen. Ich habe einen Termin«, sagst du langsam.

»Wozu ein Vorstellungsgespräch?« Die Frau grinst. »Da geht es um Arbeit, oder? Mit Lügen kommst du hier nicht rein.«

Der Hund knurrt.

»Wenn du nur weitergehen würdest«, sagt die Frau. »Der Hund ist verrückt. Jeder Hund, den Madam Mbuya Riley seit dem Krieg gehabt hat, war so. Und Mbuya Riley im Haus ist genauso wie der Hund, wenn nicht verrückter. Also, geh weiter!«

Die Schlangen, von denen dir deine Großmutter erzählt hat, als du klein warst und sie die Dinge gefragt hast, die du deine Mutter nicht fragen konntest, die Schlangen, die deinen Bauch festhalten, öffnen bei der Erwähnung des Kriegs ihre Kiefer. Der Inhalt deines Bauchs gleitet nach unten, als hätten die Schlangen alles losgelassen, als sie die Kiefer öffneten. Dein Bauch löst sich in Wasser auf. Du stehst da und hast keine Kraft mehr.

Ein Loch öffnet sich im Netz der Efeuranken, die das Haus am Ende des Wegs strangulieren. Die Frau, die mit dir spricht, macht einen Schritt nach vorn. Sie packt das Zaungeländer. Angst strömt aus ihr, so stark wie der Geist eines Vorfahren.

Witwe Riley, die Frau, die du treffen sollst, nähert sich. Ihr Rücken ist bucklig. Knochen und Haut sind morsch, spröde und durchscheinend wie Muscheln. Sie wankt über den unebenen Ziegelweg.

Der Hund kläfft und rennt zu seinem Frauchen.

»Also was soll ich der Madam sagen?«, flüstert die Frau vor dir. Sie spricht jetzt vertraulich wie zu einer Freundin.

»Schau! Jetzt glaubt sie, dass du eine Verwandte bist. Von mir. Das dürfen wir nicht, überhaupt nicht, nicht einmal, wenn wir freihaben. Und jetzt ist der schlechteste Zeitpunkt, weil ich erst am Wochenende freihabe.«

»Ein Gespräch. Für eine Unterkunft«, flüsterst du. »Wo ich wohnen kann.« Du bist so verzweifelt, dass deine Stimme hoch in deine Kehle steigt.

»Sie wird weinen«, zischt die Haushaltshilfe von Mbuya Riley. »Sie wird behaupten, dass ich meine Verwandten anschleppe, damit sie sie umbringen. Wenn ihre Tochter kommt, reden sie so. So ist es seit dem Krieg. Das ist das Einzige, wo sie sich einig sind.«

»Es gibt ein Häuschen«, sagst du. »Die Heimleiterin hat gesagt, dass sie was vereinbart hat. Es ist nicht teuer.«

»Hörst du nicht, was ich sage?«, fährt Mbuya Rileys Dienstmädchen fort. »Es ist unmöglich, wenn sie weint. Ich muss sie füttern, oder sie macht den Mund zu und isst nichts. Wie ein Baby! Geh jetzt.«

Der Hund kläfft am Ende des Wegs. Die gebrechliche alte Frau sinkt zu Boden. Ihr Kopf mit seinem Heiligenschein aus weichem weißem Haar liegt auf dem Pflaster wie eine riesige Pusteblume. Sie streckt dir und der Frau in Uniform den Arm entgegen.

»Da!«, beschwert sich das Dienstmädchen. »Jetzt muss ich mich vorbeugen und sie tragen, obwohl mein eigener Rücken am Brechen ist.«

Sie hastet den Weg entlang, wirft dir über die Schulter Vorwürfe zu.

»Geh weg von der Nummer 9. Denn wenn du nicht gehst, mache ich das Tor auf, und wenn du diesen hier abschütteln kannst, wird es auch nichts nützen, weil ich dann den Großen rauslasse.«

Die Frau beugt sich zu ihrer Herrin hinunter. Der kleine Terrier wimmert, leckt den Arm der Witwe.

2. Kapitel

Der Mann wendet sich vom Fenster ab, um mit dir zu sprechen.

»Oh, Vater, ich wollte dich nicht stören.«

Du hast die ledernen Lady Dis anbehalten, als du vom Haus der Witwe Riley wegmarschiert bist. Du bist schnell gegangen, ohne zu wissen, warum Geschwindigkeit wesentlich war. Der Asphalt war heiß. Deine Füße sind geschwollen und voller Blasen. Im Kombi, der dich zum Wohnheim zurückfährt, ziehst du die Lady Dis aus. Du suchst nach deinen Turnschuhen. Du stößt den Mann neben dir mehrmals an, einmal peinlich nah an seiner Leistengegend.

»Du musst warten«, sagt er. »Es ist besser, still zu sitzen, egal, was los ist. Wie alle anderen.«

»Diese Schuhe«, sagst du, während du schräg dasitzt. »Sie sind europäisch. Nicht wie unsere hier. Sie dehnen sich nicht so. Ich hätte was Einheimisches anziehen sollen, als ich aus meinem Haus gegangen bin.«

Es ist die Antwort, die er verdient. Er lehnt Kopf und Schulter ans Fenster. Er ist kein Mann mehr, denkst du: Er ist schon kaputt.

»Wo du herkommst, gehört das dir?«, fragt der Mann. In seiner Stimme bebt ein neues Interesse, das er zu verbergen sucht.

»Ja«, lügst du.

»Die Grundstücke dort«, sagt er. »Wenn man an einem Ende steht, kann man das andere Ende nicht sehen. Nicht jeder kann so was finden.«

Du lächelst zustimmend.

»Hast du eine Gärtnerei?«, fragt er.

»Ja«, antwortest du und nickst bestimmt.

»Das ist gut.« Der Mann seufzt. »Seit die Regierung den Leuten Land gibt, wo wir geglaubt haben, dass nur Europäer sein dürfen.«

»Es hat meiner Tante gehört«, sagst du. »Sie hat es von ihrem Arbeitgeber bekommen. Er ist nach Australien gegangen.«

Der Mann legt die Hände in den Schoß und sieht sie an. »Was baust du an?«, fragt er.

»Dahlien«, sagst du stolz. »Ich bin die Einzige, die das kann. Sie konnte den Laden nicht managen, meine Tante, die Sache braucht Köpfchen und man muss den Leuten sagen, was sie tun sollen«, fügst du hinzu. »Da hat unsere Familie gesagt, Tambudzai, du hast studiert, du übernimmst das Grundstück, bevor sie einen Schlaganfall oder so was hat, bevor sie hingeht, wo niemand ihr folgen kann.«

»Ah, Gartenbau«, sagt dein Begleiter. Seine Stimme klingt wehmütig vor Bewunderung, die er jetzt behaglich zur Schau stellt. »Eines Tages werde ich das auch machen«, verspricht er in einem kleinen Aufwallen von Energie. »Obst für mich. Die Leute müssen immer was im Magen haben, und wenn du ihnen den Magen füllst, füllst du auch deinen.«

»Gelbe«, fügst du ein. »Und Rosen. Die sogenannten Teerosen.«

»Oh-ho!« Dein Begleiter nickt. »Ich habe mal in einer Gärtnerei gearbeitet. Dort gab es Teerosen. Ich habe sie eingesprüht.«

»Blau«, sagst du. »Meine Rosen sind blau.«

»Blau«, wiederholt der Mann. Seine Energie verpufft wieder. Er sackt gegen das Fenster. »Solche Rosen! Habe ich nie gesehen.«

»Schweden«, sagst du. Du bist erleichtert, dass du eine Tatsache in den Unsinn einflechten kannst, den du auftischst. Du hast in der Werbeagentur einen ruhmreichen Augenblick erlebt, als du eine Kampagne für eine schwedische Firma entwickelt hast, die landwirtschaftliche Maschinen herstellt. »Ich habe eine Menge Kunden in Schweden. Für Gelb und Blau. Das sind die Farben des Landes. Ich schicke sie mit dem Flugzeug hin«, endest du und stellst dir vor, es würde eines Tages wahr werden.

»Ich könnte als Gärtner arbeiten«, sagt der Mann. »Hast du noch einen Platz für jemanden?«

»Ah, ich werde an dich denken«, sagst du. »Aber dieser Tage sind es schon zu viele.«

»Wenn nur dieser El Niño nicht wäre.« Der Mann seufzt. »Das Wasser und der Wind lassen uns nichts mehr zum Leben, den meisten von uns.«

Dein Begleiter bittet um einen Stift. Er kritzelt die Telefonnummer seines Nachbarn auf einen alten Kassenzettel, den er aus der Tasche zieht. Du nimmst den Zettel.

»Pano! Armadale!«, sagt er.

»Hier! Armadale«, leitet der Schaffner an den Fahrer weiter.

Der Mann steigt mit hochgezogenen Schultern aus und geht davon.

Du lässt den Zettel unter den Sitz fallen. Leute steigen ein. Du rutschst auf den Sitz des Möchtegerngärtners und lehnst dich ans Fenster. Der Kombi hält an der Ecke des Wohnheims. Er darf dich weiterfahren.

Der Marktplatz ist die Endstation des Kombis. Auf dem Boden zwischen den Ständen liegen Bananenschalen und fettige Pommesschachteln. Plastiktüten blähen sich wie die Bäuche von Säufern. Orangenschalen kringeln sich auf dem gerissenen Asphalt.

Ein Straßenjunge saugt an einer Tüte wie an der Brustwarze einer Mutter. Ein zweiter Junge greift nach der Tüte. Der erste sinkt auf den Boden und bleibt auf dem bröckelnden Pflaster liegen. Der Ärmel seiner Jacke ist ein ausgefranster Lumpen. Er flattert in der Gosse. Unter dem Stoff bilden benutzte Kondome und Zigarettenkippen kleine Dämme in dickflüssigen Pfützen aus holzkohleschwarzem Wasser.

Eine Reihe Kombis steht geparkt. Deiner schwingt sich zu einem triumphierenden Halt. Die Fenster scheiden Süßkartoffelschalen und Verpackungen von Süßigkeiten aus. Männer und Frauen maulen zornig und zerstreuen sich. Als die Fahrgäste zum Ausgang drängen, bemerkt eine Frau: »Haben sie uns nicht kommen sehen? Warum sind sie stehen geblieben? Warum sind sie nicht aus dem Weg gegangen?«

Die, die anstehen, um auszusteigen, neigen sich vor. Die Leute, die in der Schlange warten, um einzusteigen, beginnen zu streiten.

Der Schaffner fragt, wohin du willst. Du zuckst die Achseln, und er erinnert dich: »Helensville.«

Du kicherst lautlos. Da du gebildet bist, weißt du, dass der Außenbezirk Helensvale heißt. Helen’s Valley.

»Helensville«, sagt der Schaffner, ohne sich die Ungeduld anmerken zu lassen, die er empfinden muss. »Wir fahren dahin zurück.«

Er springt hinaus, um die Fahrgäste anzuschreien: »Eltern! Wer immer mitfahren will, ich sage euch, steigt ein. Nur wer mitfährt, fährt.«

Du rutschst auf den Sitz neben der offenen Tür des Fahrzeugs. Überlegst es dir anders und rutschst zurück auf den Platz am Fenster. Du überlegst es dir noch einmal anders und setzt dich in die Mitte; halb hier, halb dort, wo es keine Notwendigkeit gibt, etwas zu entscheiden oder zu handeln.

Ein paar Fahrgäste steigen ein.

»Der fährt zu den Geschäften und zum Polizeirevier«, ruft der Schaffner.

Eine Frau dreht sich um und zischt einen Mann an, dass er sich nicht an sie drücken soll. Der Mann lacht.

Ein weiterer Kombi kommt an, spuckt Rauch. Alle prusten, und als sich der Dunst verzogen hat, gafft ihr alle zu einer jungen Frau, die sich zwischen den Ständen mit Obst und Gemüse einen Weg zu den Kombis bahnt.

Trotz des Unrats und der Risse im Asphalt bewegt sie sich elegant auf himmelhohen High Heels. Jeden Teil ihres Körpers, der nach vorn oder hinten geschoben werden kann, schiebt sie nach vorn oder hinten – Lippen, Hüften, Brüste, Po –, mit allergrößter Wirkung. Ihre Hände laufen in spitzen schwarzen und goldenen Nägeln aus. Sie hat mehrere Einkaufstüten in der Hand, die »NEON« und andere Namen von Boutiquen in riesigen zackigen Buchstaben schreien. Sie schwingt die Tüten so lässig wie ihren Körper.

Du gaffst wie alle anderen, Wiedererkennen dämmert. Die junge Frau stolziert zu einem Kombi. Fasha-fasha geht sie, einfach so, alle ihre Teile bewegen sich mit der Selbstsicherheit einer Frau, die weiß, dass sie schön ist. Die Menge rührt sich, gruppiert sich neu. Männer innerhalb und außerhalb der Kombis atmen laut aus. Fenster beschlagen. Du rührst dich auch. Der Atem bleibt dir in der Kehle stecken, als du die Frau endlich identifizierst. Es ist deine Mitbewohnerin Gertrude.

Sie fasst nach dem eisernen Gestell eines Sitzes in einem Kombi, um sich hineinzuziehen. Geübt schwingt sie die Taschen hinter den Po, um ungewollte Anblicke zu verhindern. Als ihr Griff abgleitet, packt sie das billige Material, mit dem der Sitz bezogen ist. Es reißt und spuckt Schaumgummi aus, als sie nach hinten taumelt.

»Knie! Knie!«, ruft eine heisere Stimme deiner Mitbewohnerin zu. »Halt die Knie geschlossen.«

Wieherndes Gelächter.

»Da ist ein kleiner Fisch. Er wird gleich sein Maulloch zeigen, so wie er es macht, wenn er auf dem Trockenen ist«, ruft ein Mann.

Gertrude tut so, als würde sie nicht ihr Kleid hinunterziehen, als sie auf dem Boden landet. Doch unter ihren Einkaufstaschen zerrt sie auf Teufel komm raus daran. In der anderen Hand hält sie eine Faustvoll Polsterfüllung, als würde sie ihr Sicherheit geben.

Die Menge wogt und zappelt, summt und brummt vor Vergnügen. Diese Heiterkeit verströmt Energie. Sie treibt dich vom Sitz und hinaus ins Gedränge. Die Menge lacht schallend. Du auch. Und während du lachst, wächst und wächst du, bis du glaubst, dass du größer bist, als du bist, und das ist großartig.

Die Frau reibt sich den Arm und verlagert vor Unbehagen das Gewicht von einem Bein aufs andere.

»He, Fahrer«, ruft ein Mann. »Benutz deine Augen und schau, was sie deinem Fahrzeug antut.«

Der Mann klopft an die Windschutzscheibe und schlägt sich mit übertriebener Empörung die Hände seitlich an den Kopf. Du lachst mit all den anderen über diese Vorführung.

»Weitergehen, mhani, weitergehen. Die sind ein Problem«, schreit eine junge Frau in Rot und Grün, dem Gewand einer apostolischen Sekte. »Ein Problem«, wiederholt die junge Frau und drängt sich an allen vorbei zu einem Kombi.

»Ein Problem! Ein Problem!«

Die Menge greift die Idee auf und spuckt sie tief aus dem Bauch heraus aus. Es ist wie die Erleichterung, die Erbrechen verschafft, wenn herausläuft, was sich aufgestaut hat. Die Menge schiebt sich in ihrer unerwarteten neuen Freiheit vorwärts.

»Macht jemand die Oberschenkel für sie auf«, sagt ein Mann. »Macht es für sie, wenn sie es nicht tut.«

Die Menge greift den neuen Refrain auf. Du schleuderst ihn Gertrude zu und hinaus auf den Markt: »Aufmachen! Aufmachen!«

Ein Straßenkind hebt einen Maiskolben aus dem Abfall in der Gosse auf. Der Kolben schneidet durch die Luft wie eine Sichel. Befriedigung breitet sich in allen Bäuchen aus, als das Geschoss an Gertrudes Kopf vorbeifliegt und Strähnen ihrer einhundert Prozent brasilianischen Haarverlängerungen mitnimmt.

Gertrude stürzt nach vorn und findet Halt an der Kombi-Stufe. Ohne einen Gedanken an die Länge ihres Rocks schiebt sie sich vorwärts.

Alle lachen, und der Kombi-Fahrer grinst: »Was ist los mit dir? Seit wann dürfen Nackte in ein Fahrzeug steigen?«

Eine Gruppe Arbeiter in der Nähe lehnt lässig an einem Baugerüst und rückt die Helme zurecht, schaut zu. Sie lachen ohne Bedrohung und ohne Freude, ohne Hass, ohne Verlangen. Das Kichern sagt, dass tief aus ihnen alles entspringen kann.

Die eine Stimme, die aus vielen besteht, stößt ein Heulen der Vorfreude aus.

Der Lärm stachelt den Wunsch des Fahrers an, mehr sehen zu wollen.

»Weg da, weg da! Mein Wagen will fahren«, ruft er der Frau aus deinem Wohnheim zu. »Mit anständigen Leuten! Wie kann er das jetzt, wo er gepackt voll ist mit nackten Frauen?«

Spannung spritzt aus dir und aus der Menge. Dein Lachen hängt über deinem Kopf. Dort oben, wo es niemandem mehr gehört, knallt und knistert es wie ein Gewitter.

»Ja!«, prahlt der Fahrer. Er mustert Gertrude. »Wer hat dir gesagt, dass mein Kombi ein Schlafzimmer ist?«

Die Leute brüllen jetzt etwas über die Löcher in ihrem Frauenkörper. Sie stellen eine Liste zusammen, welche Gegenstände dort eingeführt wurden oder werden sollen, spekulieren über die Dimensionen dieser Hohlräume bei den weiblichen Verwandten ihrer Geisel. Eine schrille Stimme erklärt, dass deine Mitbewohnerin Blut vergeudet, weil sie Schande über den Freiheitskampf bringt, in dem die Kinder der Leute kämpften und fielen.

Der Straßenjunge beugt sich wieder in die Gosse. Sonnenlicht blitzt auf der Flasche auf, die er wirft.

»Für wen hält sie sich? Geben wir’s ihr«, grölt der unterernährte Junge.

Die Flugbahn der Flasche übt eine magnetische Kraft aus. Die Kraft hebt dich hoch. Du triumphierst. Du erreichst den Scheitelpunkt des Geschosses wie den Gipfel eines Berges. Die Menge auf dem Marktplatz steigt stöhnend auf mit dir an diesen hohen Ort. Es ist ein Wunder, das alle zusammengebracht hat.

Deine Mitbewohnerin schaut rasch nach rechts und links. Sie will verzweifelt entkommen.

Die Arbeiter schlendern zu Gertrude. Die Männer, die hinter Frauen stehen, massieren verstohlen ihren Hosenladen, als die Bauarbeiter vorbeigehen. Hunger rührt sich, wabert wie Nebel über allem. Du hältst deine Tasche vor die Brust, um die Lady Dis nicht zu verlieren.

Du wogst mit der Menge zu deiner Mitbewohnerin. Sie tritt mit ihren schönen Beinen um sich und müht sich, in den Kombi zu steigen. Der Schaffner breitet Arme und Beine zu den vier Ecken der Tür aus, um es zu verhindern. Der Fahrer beißt nervös die Kiefer zusammen und entspannt sie wieder. Wenn randaliert werden soll, dann außerhalb seines Fahrzeugs.

»Helft mir!«, schreit Gertrude. »Ich bitte euch, bitte, hilft mir jemand!«

»Wir helfen dir doch, he«, grölt eine Frau.

Ein Bauarbeiter geht zu Gertrude. Er streckt den Arm und reißt ihr den Rock von den Hüften. Die verzweifelte junge Frau taumelt, schwebt einen ewigen Augenblick im offenen Mund des Kombis. Alle seufzen irritiert, als sie die Arme um den Schaffner schlingt.

Der Mann windet sich. Er will sie abschütteln, traut sich jedoch nicht, den Griff um den Türrahmen zu lockern für den Fall, dass die Menge vorwärtsstürmt.

Hände heben Gertrude vom Trittbrett des Kombi. Sie werfen sie zu Boden, wo sie geschockt zusammensackt. Die Menge holt zur Vorbereitung tief Luft. Der Anblick deiner schönen Mitbewohnerin erfüllt dich mit einer Leere, die wehtut. Du weichst nicht zurück, wie ein Gedanke in deinem Kopf es wünscht. Stattdessen gehorchst du dem anderen Gedanken, drängst nach vorn. Du willst die Form des Schmerzes sehen, seine Arterien und Venen nachfahren, das Muster der Kapillaren aus dem Körper reißen. Die Menschenmenge bewegt sich vorwärts. Du nimmst einen Stein. Du hältst ihn in der Hand. Dein Arm hebt sich in Zeitlupe.

Wieder stöhnt die Menge. Jetzt ist es ein Stöhnen der Enttäuschung. Ein Mann steht neben Gertrude und wirft eine ausgefranste Jeansjacke über ihren Hintern. Es ist der Fahrer eines anderen Kombis. Die Sonne blitzt auf seinen Zähnen und auf seiner Sonnenbrille auf. Er wendet sich mit verständnisvoller Miene der Menge zu. Gertrude blickt zu ihm auf. Ihre Augen sind groß und viel zu weiß. Sie scheint es zu fühlen, und schaut weg.

»Tambu«, flüstert sie und greift dich heraus.

Ihr Mund ist eine Grube. Sie zieht dich hinein. Du willst nicht, dass sie dich begräbt. Du senkst den Blick, gehst aber nicht weg, weil du einerseits von der Menge festgehalten wirst. Und wenn du in die Einsamkeit zurückkehrst, wirst du andererseits in dich selbst zurückfallen, wo es keinen Ort gibt, an dem du dich verstecken kannst.

»Hilf mir«, fleht Gertrude.

Noch immer lächelnd flüstert der junge Fahrer Gertrude etwas zu. Er zieht sein T-Shirt aus und benutzt es als Vorhang. Gertrude hebt die Teile ihres Rocks aus dem Schmutz und bindet sie sich um den Körper. Sie zieht die Jacke an und schließt sie über der Brust.

Die Menge ist wieder wütend, diesmal wegen der Sanftheit des Geschehens. Der Straßenjunge wirft eine Cola-Dose. Sie trifft den jungen Mann am Rücken und rollt davon, doch der junge Mann scheint es nicht zu spüren. Er streckt Gertrude die Hand hin.

»Junger Mann, kannst du keine Anständige finden? So wohlgeraten, wie du bist, ja, du kannst eine finden«, kreischt eine Frau wie ein unheilbringender Geist.

»Oder lass deine Huren zu Hause«, sagt ein Bauarbeiter.

»Und sorg dafür, dass sie die Leute nicht aufhält, die nichts sehen wollen, die nur hinfahren wollen, wo sie hinwollen«, murrt ein Mann.

»Ja, ich werde es ihr sagen. Ich werde dafür sorgen, dass sie alles hört.« Der junge Mann lächelt, hält die Hand deiner Mitbewohnerin in seiner.

»Sisi, du hast sie doch gehört, oder?«, sagt er zu ihr.

Als Gertrude zitternd dasteht, den Kopf gesenkt, und nicht antwortet, ruft ein Bauarbeiter mit vor Abscheu lauter Stimme: »Jetzt, wo du anständig bist, warum steigst du nicht ein?«

Gram geht in Gertrudes Gesicht auf. Ein anderer Straßenjunge wirft eine Plastikflasche in einer halbherzigen Geste auf den Kombi, als Gertrude hineinwankt.

»Iwe! Weißt du, wessen Kombi das ist? Wenn ich dich erwische!«, brüllt der Fahrer den Jungen an.

Der Junge rennt davon, seine Zähne schimmern, er hält die Ösen, die von seinen zerrissenen Shorts hängen, von seinen Knien fort. Der Stein rollt aus deiner Hand.

3. Kapitel

An diesem Abend ist es so, als hätte das Wohnheim die Arme fester gegen dich verschränkt. Du spürst es sofort, kaum hast du den Speisesaal betreten und siehst Gertrude. Sie sitzt am Tisch ihrer Gruppe, wo die jungen Frauen über die neusten Lippenstifte sprechen und darum wetteifern, wer von ihnen die von ihrem Freund am meisten Geliebte oder am schlimmsten Misshandelte ist. Du setzt dich nie an ihren Tisch.

Gertrudes Gesicht ist wie eine der Relieflandkarten, die du im Erdkundeunterricht in der Schule studiert hast. Anhöhen und Flussbetten sind aus klaffenden Wunden und blauen Flecken modelliert, den Abdrücken von Füßen, manche nackt, andere beschuht, wieder andere gestiefelt. Das abendliche Licht tropft Schatten auf ihre Haut, erhöht Schwellungen und vertieft Platzwunden.

Isabel fährt mit dem Fingerrücken über Gertrudes Wange, vorsichtig, mit solcher Sanftheit, dass sie bestimmt nur die Härchen auf der Haut der anderen Frau berührt. Gertrude zuckt zusammen und packt Isabels Handgelenk; sogar diese leichte Berührung ist zu viel. Sie sitzen eine Weile Hand in Hand da. Die fünf vergessen blassgelbe Vanillesoße auf dunkelbraunem Pudding in den Schalen vor ihnen.

Deine Leute sagen: Man verliert nicht den Appetit, nur weil jemand anders Probleme hat. Deswegen willst du dich rasch zum Essen setzen. Du steuerst auf die weißen Mädchen zu, die weiter in der Mitte sitzen, näher an den Tischen mit dem Buffet. Sie plaudern. Sie löffeln Instantsoße auf Scheiben Rinderbraten und gekochte Kartoffeln. Deine Mitbewohnerin und ihre Freundinnen recken dir die Kinne entgegen, als du vorbeigehst, legen die Köpfe zur Seite, als wären sie eine einzige Frau.

Als du mehrere Schritte entfernt bist, wenden sie sich einander zu. Sie saugen in einem lauten Zischen Luft zwischen den Zähnen ein.

Fünf.

Das denkst du.

Gegen einen Markt. Fünf. Gegen eine Stadt, ein Land. Einen Planeten. Frauen. Fünf. Was glauben sie, dass sie erreichen können? Sie können zischen, so viel sie wollen.

Zehn Augen starren dich an, als du mit einem voll beladenen Tablett erneut an ihnen vorbeigehst. Du sitzt allein, wendest ihnen das Profil zu, um zu beweisen, dass ihre Blicke dir nichts anhaben können. Als sie gehen, machst du dich noch einmal auf den Weg zum Buffet, vorsätzlich langsam. Du lädst dir mehr Fleisch und Kartoffeln auf den Teller und eine weitere doppelte Portion Nachtisch. Du kommst am leeren Tisch deiner Mitbewohnerinnen vorbei. Dort, wo Gertrude den Arm abgelegt hatte, ist Blut verschmiert.

Kauen und schlucken; kauen und schlucken. Das tust du, bis die Glocke das Ende des Abendessens einläutet. Kellner in khakifarbenen Overalls bedecken Wärmebehälter. Sie stapeln Teller aufeinander und räumen sie ab. Ein junger Mann steht Wache neben der Eingangstür, um letzte Esser hinauszulassen und zu spät Gekommene am Eintreten zu hindern. Du lächelst ihn kurz an und bewegst dann zwischen den Zähnen ein Stück Knorpel mit der Zunge hin und her.

»Manheru! Guten Abend, guten Abend, Tante.« Er nickt respektvoll und hält dir die Tür weit auf.

»Grüße deine Familie. Alle zu Hause«, sagst du und wünschst ihm einen schönen Abend.

Das Lächeln des Jugendlichen wird breiter, als er verspricht, die Grüße auszurichten.

Du gehst leise durchs Foyer, um Mrs. May nicht zu stören. Du seufzt vor Erleichterung, als ihr Kopf über das Kreuzworträtsel geneigt bleibt.

»Ist es das, was du tust«, sagst du und bleibst vor deinem Zimmer stehen.

Du machst dir nicht die Mühe, deine Stimme zu einem Fragezeichen zu heben. Warum solltest du irgendwo ein Fragezeichen anbringen? So viele Dinge sind heute passiert, und niemand hat dich irgendetwas gefragt. Außerdem weißt du: Du wolltest nicht tun, was du auf dem Markt getan hast. Du wolltest nicht, dass all das passiert, auch sonst wollte es keiner. Niemand wollte es. Es hat einfach so stattgefunden, wie ein Augenblick des Wahnsinns.

»Jetzt stehst du also da, um mir aufzulauern«, sagst du zu Isabel.

Sie wartet im Schatten einer Säule auf dich. Deine Lippen öffnen sich in einer Parodie eines Lächelns. Du freust dich, dass die junge Frau etwas von dir will. Es gibt dir zwei Arten von Macht. Die erste beruht auf ihrem Wunsch. Du kannst über eine Frau, die etwas will, lachen, während du zusiehst, wie sie hierhin und dorthin läuft, um es zu bekommen. Die andere Macht, die sich aus der ersten ergibt, ist dein Recht, ihr den Wunsch zu verwehren.

»Wir könnten dich melden«, sagt Isabel mit leiser zittriger Stimme. »Sie hat solche Schmerzen. Sie stöhnt! Das ist nicht nichts. Du musst für das Taxi zahlen. Wir bringen sie ins Krankenhaus.«

Ein Stück entfernt im Flur öffnet Gertrude ihre Tür. Sie ruft Isabel zu, es sein zu lassen.

»Wenn was passiert, wenn ihre Verwandten Fragen stellen, wirst du viel mehr zahlen müssen. Entschädigung«, droht Isabel.

»Ist schon in Ordnung. Lass sie, Bella. Rachel hat mir ein Panadol gegeben«, sagt Gertrude.

»Hm-hm!«, schnaubst du und nimmst deinen Zimmerschlüssel aus der Tasche. »Was ist los mit dir? Verschwinde! Warum stehst du hier herum, als gäbe es was zu besprechen? Wer behauptet, dass ich verantwortlich bin?«

Am nächsten Tag entschuldigst du dich bei Mrs. May dafür, dass du das Vorstellungsgespräch mit Witwe Riley vermasselt hast. Du bittest sie, dir jeden Tag den Clarion aufzuheben, damit du in den Kleinanzeigen nach einem Zimmer suchen kannst.

Die Heimleiterin ist einverstanden. Sie schiebt die zusammengerollte Zeitung jeden Abend in eine Ecke der Rezeption. Du holst sie sofort, damit keine andere Bewohnerin sie nimmt.

»Großes Zimmer bei gottesfürchtiger Witwe.«

Die Anzeige springt dir ein paar Tage später in die Augen.

»In einem großen, attraktiven, gepflegten Haus. Für bescheidenen, alleinstehenden, gottesfürchtigen, jungen Herrn.«

Du schlägst Gott einen Handel hinsichtlich deines Geschlechts vor und nennst es Gebet.

Während du in der Telefonzelle die angegebene Nummer wählst, fügst du die Tatsache, dass du arbeitslos bist, und die Zahl der Jahrzehnte, die du auf Erden wandelst, deinem Gebet hinzu.

»Ich habe Verwandte, die wie Sie sprechen«, sagt die Witwe nach ein paar Minuten. Damit fragt sie dich, woher du kommst.

»Aus den Bergen«, sagst du. »Manicaland. Mutare.« Es ist die Wahrheit, und dieses eine Mal scheint die Wahrheit die richtige Antwort zu sein.

Am Tag der Vorstellung gehst du zu dem Haus und rüttelst am Tor. Es dauert lange, bis die Witwe kommt. Als Erstes fällt dir ihre Stimme auf.

»Mwakanaka! Mwakanaka, Mambo Jesu! Du bist gütig, du bist gütig, König Jesus«, brüllt ein grimmiger Alt.

Die Sonne blitzt dich von scheinbar einer Million Zähnen an. Sie sind zu groß und zu spitz. Du lächelst, unterdrückst den Instinkt zu flüchten. Die Witwe zieht das Tor auf und winkt dich hinein.

»Guten Tag! Ich bin so froh, so froh, so froh, dass Ihnen mein Haus gefällt«, erklärt deine potenzielle Vermieterin.

Ihr Blick schweift am Ende des Händeschüttelns zu deinen nackten Fingern. Du verschränkst sie hinter deinem Rücken und wünschst, du wärst so vorausschauend gewesen und hättest dir auf dem Markt einen falschen Ehering gekauft.

Die Frau neigt sich vor, um den Riegel des großen gusseisernen Tors zurück in den Boden zu schieben. Es ist die zweite Anstrengung innerhalb weniger Minuten. Als sie sich wieder aufrichtet, bricht Schweiß auf ihrer Nase aus und rinnt unter der grün-lila Kopfbedeckung im nigerianischen Stil hervor. Sie fächelt sich Kühlung zu. Eine Herde Nashörner trampelt auf einem breiten goldenen Band um ihren Zeigefinger. Daneben, auf ihrem Mittelfinger, glitzert ein sperriger Smaragd. Zwei Eheringe erheben sich groß, aber matt auf dem Ringfinger der anderen Hand. Dreck verkrustet die Ritzen in ihren Schmuckstücken. Sie müssten gereinigt werden.

»Ja, es ist so wunderbar, dass Sie angerufen haben und jetzt da sind«, sagt die Witwe. Sie segelt den Weg entlang. »Am Telefon muss ich vorsichtig mit den Leuten reden, und ich muss wissen, woher sie kommen. Heutzutage kann man nichts glauben, was irgendjemand sagt.«

Sie bewegt sich langsam auf zerbrechlich wirkenden spitzen Sandalen, die Mode diktiert vom Nollywood-Fernsehen. Du merkst, dass du Gefahr läufst, sie zu überholen. Du passt deine Geschwindigkeit an und bleibst einen halben Schritt hinter ihr.

»Sie haben es doch gehört, nicht wahr, wir leben in der Endzeit«, bemerkt deine potenzielle Vermieterin. »Alle großen Propheten sagen es. Ja, die Zeit ist gekommen, denn jetzt, wo wir diese schrecklichen Tage erleben, bekommt man etwas, wenn man etwas gibt? Nie. Man verliert alles. Man hat nichts mehr, wenn man etwas gegeben hat.«

Du öffnest den Mund und schließt ihn wieder, weil du erleichtert begriffen hast, dass deine Antwort bedeutungslos ist.

»Und ich, obwohl ich die Witwe meines Mannes bin«, plappert die Frau weiter, »Sie können sich nicht vorstellen, was die Leute, die herkommen, alles erzählen. Dass sie arbeiten wollen oder einen Platz zum Wohnen. Nur damit sie herausfinden können, was ich habe, und dann machen sie einen Plan, es zu stehlen. Diese Leute benutzen die Intelligenz, die Gott ihnen gegeben hat, nicht dazu, das Bisschen, das VaManyanga mir gelassen hat, zu vermehren, sondern es zu vermindern. Ich versuche es zu vermehren, größer zu machen, so wie in der Bibel steht, dass es sein muss, wenn der Mann geht. Aber die, sie wollen, dass alles, was ich habe, kleiner wird.«

Jetzt atmest du flach. Du schluckst Speichel, der plötzlich bitter schmeckt. Dir wird klar, dass du Angst vor ihr hast. Du weißt nicht, warum. Du lachst lautlos über dich selbst, weil du dieser Furcht nachgibst.

»Aber Sie haben gesagt, dass Sie seit einer Weile in Harare leben«, drängt sie weiter. »Miss Sigauke, ich wollte am Telefon nicht nachfragen. Egal, wie viele Dinge die Weißen uns gebracht haben, manche Dinge kann man nicht einfach so sagen. Aber jetzt sind Sie ja da, das ist gut. Sagen Sie, arbeiten Sie?«

Du bist überzeugt, dass irgendetwas dich verraten hat. Und zwar trotz der Lady Dis, die dir deine Cousine geschickt hat, erneut kombiniert mit dem Rock und dem dazu passenden Oberteil aus deiner Vergangenheit, die du auch für dieses Vorstellungsgespräch trägst.

»Arbeiten? Natürlich, ja. Ich bin nicht eine von denen, die nur herumsitzen. Ich bin ein Arbeitstier, ein echtes«, antwortest du nach einem winzigen Zögern. »Arbeit kenne ich, seitdem ich ein Kind war.«

»Das ist gut«, sagt die Witwe.

»Als Kind auf den Feldern, dann habe ich unterrichtet – zeitweise. Aber jetzt habe ich einen Job bei der Werbeagentur Steers, D’Arcy und MacPedius. Sie kennen sie. ›Unten im Honey Valley, wo das beste frische Essen wächst.‹ Der Spruch ist von mir. Ganz Simbabwe kennt ihn.«

Du summst den Jingle des ehemaligen Klienten und fragst dich, wer jetzt Texte für ihn schreibt.

»Oh, gehen Sie dorthin?«, ruft deine potenzielle Vermieterin, die die Melodie nach einem Augenblick des Nachdenkens erkannt hat.

»Ich bin zwischen dem Unterrichten und etwas Besserem«, versicherst du ihr, da klar ist, dass sie etwas Derartiges hören will.

»Eine große Firma! Was werden Sie dort tun?«, fragt die Witwe. »Werden Sie singen?«

Du biegst die Kante in deiner Stimme gerade. »Die Worte«, erklärst du.

»Oh, Sie singen die Worte! Wie ich. In der Kirche, ich bin eine der Besten im Team der Lobpreisleiter.«

Als ihr euch dem Haus nähert, befragt dich die Witwe zu deiner Moral: Bist du standesamtlich oder nach sonstigem Recht verheiratet oder hast du vor zu heiraten? Hast du männliche Freunde oder einen, der dich hier besuchen will? Das ist nicht erlaubt. Denn im Gegensatz zu dem, was du von den Nachbarn hören wirst, führt sie kein Bordell.

Du murmelst, dass du nicht oft in die Kirche gehst, sondern lieber allein betest.

Witwe Manyanga erwidert, dass sie eine Gebetskriegerin ist und zählt die Litanei der Leute auf, die sie geheilt hat, der Wunder, die sie gewirkt hat. Du gehst die angeschlagenen Stufen hinauf, durch eine rostige Sicherheitstür in eine düstere Veranda.

»Willkommen, Miss Sigauke«, sagt die Witwe und hält die innere Tür auf. »Sie sind in das Haus einer gottesfürchtigen Familie gekommen.

Sehen Sie die da?« Sie neigt den Kopf zur angrenzenden Wand. Gegen den blasenwerfenden Anstrich ist eine Reihe Schreibtische geschoben. Auf jedem steht ein Telefon.

»Das«, setzt die Witwe an. Sie bleibt stehen, stützt eine Hand auf einen Schreibtisch und hebt ein in sich verschlungenes Kabel vom Boden auf. »Das ist die Ernte der Offenbarung.«

Staub kriecht dir in die Nase. Du niest und entschuldigst dich für deine Allergie.

»Es war nicht meine Offenbarung«, fuhr die Witwe fort. »Sie kam zu VaManyanga. Meinem Mann. Dem Verstorbenen. Doch sie kam zu ihm, als ich mit ihm betete. Wegen mir hatte er diese Offenbarung.«

Du nickst, während du dich umsiehst, und schaffst es, anerkennend dreinzublicken, da die Umstände der Witwe zwar zweifelhaft, aber den deinigen um vieles vorzuziehen sind.

»Die Telefone, die Sie sehen«, sagt Mrs. Manyanga, »sind eins der vielen Dinge, an denen mein Mann gearbeitet hat, als er mich verließ. VaManyanga war nicht wie andere Männer, nie! Er hat es für die Universitätsstudentinnen getan, denn nachdem er die Offenbarung hatte, dass er etwas für jemanden tun muss, wusste er nicht, was er für wen tun soll. Und da habe ich beschlossen, ihm zu helfen. Ich habe gesagt: VaManyanga, es gibt immer mehr Studentinnen, weil die Regierung die jungen Leute ausbildet. Die Sache, die du tun musst, ist das nicht etwas, das wir für sie tun können? Ja, ich war es. Ich habe es gesagt!«

Du stehst in einem düsteren stickigen Flur, während deine Begleiterin an einem Schlüsselring von der Größe eines kleinen Tambourines, den sie aus den Falten ihres westafrikanischen Gewands nimmt, nach dem richtigen Schlüssel sucht.

Der erste Schlüssel passt.

»Keine Sorge«, sagt sie. »Machen Sie sich wegen nichts Sorgen. Alle Türen sind perfekt. VaManyanga wollte es so. Alles perfekt. Das wollte er.«

Nach kurzer Suche steckt sie einen weiteren Schlüssel in ein Schloss. Es schnappt hörbar. Die schwere Teakholztür schwingt auf.

»Ich danke Gott«, verkündet deine potenzielle Vermieterin und geht voran. Im Raum bleibt sie stehen, um sich zu orientieren. Das Wohnzimmer war seit Langem verschlossen. Die Luft ist muffig.

»Ja, das tue ich, ich danke Gott«, erklärt sie, »für das Geschenk eines perfekten Ehemannes.«

Der Raum ist vollgestopft mit Krempel wie ein Trödelladen: hier und da Tische und Tischchen im Tonga-, kapholländischen, Pionier- und kolonialen Schlafwagen-Stil, sowie ein paar der Sorte, wie man sie bei Straßenhändlern und Flechtern kaufen kann; und darauf alle möglichen Figürchen. Schwere Sessel und Sofas und Polsterhocker aus Kudufell füllen den restlichen Platz. Deine potenzielle Vermieterin stützt sich mit einer Hand auf einer Stuhllehne ab, als sie sich weiterschiebt.

Sie bedeutet dir, dich in einen Sessel zu setzen. Bei Kontakt entweicht dem Sitz eine Staubwolke.

»Ja, es war jedem, der über den korrekten Sinn verfügt, auf göttliche Anweisung zu hören, klar, Miss Sigauke, dass etwas für unsere jungen Leute an der Universität getan werden muss. Wie viele von ihnen haben ein Auto? Die meisten haben keins. Ist es nicht so, dass die meisten leiden? Ist das nicht so, wie es ist?«

Die Witwe setzt sich auf ein Sofa. Du neigst dich zu ihr; jetzt hat sie deine ganze Aufmerksamkeit. Leiden! Derjenigen, die keine Kinder mehr, aber auch noch nicht alt sind: Die Witwe hat dein eigenes Dilemma definiert. Es ist beruhigend und gleichzeitig beklemmend, dass jemand, den du nicht kennst, deine Lage unter die Lupe nimmt, hin und her wendet und seziert.

»Ja, Miss Sigauke, sehen Sie«, sagt die Witwe, ermutigt von deinem Interesse. »Schauen Sie sich an. Sie haben einen Abschluss.« Damit kehrt sie zu den Studentinnen zurück, fordert dich auf, sie auf eine christliche Weise zu betrachten. »Denken Sie an diese armen jungen Leute. Bei unseren kirchlichen Frauentreffen bricht es uns das Herz, wenn wir hören, wie viele dieser Mädchen an der Universität heutzutage gleich nachgeben. Zu Ihrer Zeit war das bestimmt nicht so.«

Du nickst. Du glaubst, dass du noch immer Jungfrau bist, obwohl es ein paar Vorfälle gab, bei denen du nicht sicher bist: Zählt es, wenn du, überwältigt von den Umständen, ein Tampon eingeführt hast, um sicherzugehen, dass du nicht schwanger wirst?

»Aber jetzt«, fährt die Witwe leidenschaftlich fort, »legen sich die jungen Mädchen auf diesen Colleges die ganze Zeit hin, mit jedem. Und weil die Universität, wo die Mädchen sind, gleich da drüben ist, habe ich zu VaManyanga gesagt, als er seine Offenbarung hatte, ich werde wie eine Mutter für diese notleidenden Studentinnen sein. Ich habe gesagt, ja, ich werde sie gut behandeln.«

Im Lauf des Gesprächs erfährst du, dass VaManyanga, der damals viele andere Geschäftsinteressen verfolgte, nur behutsam auf die Offenbarung hin zu handeln gedachte. Mai Manyanga andererseits, die erst ein paar Monate zuvor von der Chefsekretärin zur Ehefrau aufgestiegen war, wollte keine Sekunde verlieren. In ihrer überbordenden Begeisterung ließ sie sofort ganz hinten auf dem zwei Hektar großen Grundstück ein Betonfundament legen. Ein Stück Wellblech, an eine kurze Stange genagelt, stand noch im Garten und verkündete, dass diese Betonplatte »VaManyangas Dorf für Studentinnen« werden sollte. Als Termitengift in das Fundament des Wohnheims gegossen wurde, startete Mai Manyanga das Payphone-Projekt, damit die zukünftigen Bewohnerinnen frei kommunizieren konnten, die Investition, die jetzt verheddert die Veranda einnahm.

»Ah, die armen Studentinnen.« Deine potenzielle Vermieterin schüttelt den Kopf und starrt in ihre Erinnerungen.

»Was für ein schrecklicher Schlag für sie! Sie ahnten nicht, dass ihnen mein Mann einfach so genommen würde! Als es überhaupt kein Problem gab. Keins. Mit irgendwas. Wir wollten die Studentinnen aufnehmen. Frauen wie Sie hätten profitiert, Miss Sigauke. Und sie wären sicher gewesen. VaManyanga ist nie hier oder da rumgerannt mit etwas, das sich hinlegt! Nein, das hat VaManyanga nicht getan, nicht wie andere Männer, wir hätten die Studentinnen problemlos aufnehmen können.«

Deine Handflächen sind feucht. Du willst unbedingt, dass das Vorstellungsgespräch entweder richtig anfängt oder vorbei ist. Du schwitzt unter den Achseln in dem engen Kostüm, doch gleichzeitig möchtest du, dass die Witwe weiterredet, den Augenblick der Entscheidung, ob du ihren Ansprüchen genügst oder nicht, weiter und weiter in die Zukunft schiebt.

»Ah, ja, Sie haben sie erkannt«, kräht Mai Manyanga.

Um nicht rundheraus leugnen zu müssen, weichst du aus: »Es ist ein wunderschönes Foto.«

Das Foto, zu dem du zufällig geblickt hast, ist großspurig in der Mitte der Glasvitrine der Witwe platziert. Um es herum stehen mit Wasser, Schneeflocken und Modellen von Türmen aus diversen europäischen Städten gefüllte Halbkugeln.

»Sehen Sie es? Die Ähnlichkeit? Sie müssen es sehen«, sagt die Witwe. Sie fächelt sich mit ihrer beringten Hand Kühlung zu. »Ich bin sicher, Sie sehen, wer sie sind.«

Als du sanftmütig und wortlos lächelst, um nicht zufällig eine unpassende Antwort zu geben, hievt sich die Witwe vom Sofa hoch und an Figuren aus Bronze, Messing und Kupfer vorbei, die auf ihren Tischchen stehen.

Die Türen der Vitrine leisten Widerstand, gehorchen jedoch nach einigem Rütteln der Witwe. Sie holt zwei dicke Porzellantassen und Untertassen heraus, die neben einem silbernen, kupferrot angelaufenen Teeservice das obere Regalfach einnehmen. Unterhalb der runden Teekanne steht in einem grün gefleckten Rahmen aus Kamativi-Zinn das Foto, das zu erkennen dir die Witwe gebietet.

Er ist glatt rasiert, schwarz aber mit relativ heller Haut, von mittlerer Größe, und zu seiner makellosen Kleidung gehören eine Ansteckblume und ein Taschentuch in der Brusttasche. Er hält eine Aktentasche höher, als es für einen stehenden Mann normal ist. Er fasst den Griff mit beiden Händen, als hätte er zuerst gesessen und wäre dann aufgefordert worden aufzustehen, hätte jedoch beschlossen, die Tasche auf der gleichen Höhe zu halten. Sein Griff ist so fest, dass die Sehnen auf seinen Handrücken zu sehen sind.

Sie jedoch lächelt kokett in die Linse. Eine plumpe Hand ruht auf dem Arm, der die Aktentasche hält. Die andere liegt leicht auf der Rückenlehne eines hölzernen Stuhls, auf dem eine Handtasche aus hochglanzpoliertem pythongemustertem Kunstleder schimmert. Sie trägt Plateauschuhe und ein Etuikleid, dessen Farbe auf dem Schwarzweißfoto nicht zu bestimmen ist. Zu beiden Seiten und im Fach darunter leisten dem Foto diverse andere Ziergegenstände Gesellschaft: eine Katze aus rosa Quarz, die ein Ohr verloren hat, ein einzelner dicker Becher von einem Ort namens Kings Arms. Kupferne Plaketten mit Abbildungen von Weißflügelgirlitzen, Springböcken und leuchtenden Schalenlilien, der Blume Rhodesiens, und Wappenschildern verkünden das Jahr, den Ort und den Zweck der vielen Konferenzen, an denen Mr. Manyanga teilgenommen hat.

Die Witwe geht an einer Großvateruhr vorbei, deren Pendel schwer schwingt, aber nicht mit der Zeit Schritt hält. Sie stellt die Tassen auf einen großen Esstisch aus Mahagoni und verkündet, dass sie dir Tee machen wird. Sie mag dich. Trotz deines brennenden Verlangens, gemocht zu werden, verlässt dich der Mut. Die Schlangen in deinem Bauch gähnen. Dein Unterleib fühlt sich an, als würde er zucken. Du wirst misstrauisch, weil dich diese Frau mag, denn du weißt, dass du nichts Liebenswertes an dir hast. Verachtung für alles durchflutet dich. Sie lauert direkt unter deinem Ausdruck, als du diese Frau ansiehst, die dich mag. Gleichzeitig bist du zunehmend fasziniert von ihr und dem Leben, das sie sich eingerichtet hat, und du lächelst deine Verwirrung weg.

»Meine Männer haben es nicht geschafft, sie zu zerbrechen«, sagt die Witwe, als sie zurückkommt und ein ausfransendes Tablett aus Bast mit einer Teekanne aus Emaille, einer Zuckerdose und einem Milchkännchen abstellt. Sie schenkt dir ein und nickt in Richtung des untersten Regalfaches, auf dem sechs zusammenpassende bemalte Gläser stehen, die dank regelmäßigen Abstaubens funkeln.

»Sie sind noch alle da. Kein einziges ist zerbrochen«, sagt sie stolz. »Obwohl wir sie bei allen unseren Familienfeiern benutzt haben. Heutzutage nehme ich sie nur noch, wenn meine Söhne kommen. Aber kommen sie oft genug? Nein! Söhne eben. So sind Jungs heutzutage. Sie kommen ihre Mutter nie besuchen!«

Du gibst ein halbes Dutzend Teelöffel Zucker in die Tasse, die die Witwe dir reicht. Energie strömt in deinen Körper, und du weißt, dass du die Fahrt zurück zum Wohnheim schaffen wirst.

Du möchtest noch eine Tasse von dem heißen süßen Tee. Doch kaum hast du die Tasse abgestellt, begibt sich die Witwe auf einen Rundgang durchs Haus. Sie zieht dicke Vorhänge aus importiertem lila Satin auf, um den nicht mehr benutzten Abgrund eines Swimmingpools zu präsentieren, die Fliesen schwarz vor Schimmel.

»Jetzt, wo die Jungs weg sind, wird er nicht mehr benutzt«, sagt sie. »Selbstverständlich haben wir unseren Söhnen das Schwimmen beigebracht.«

Die Küche muss vor Kurzem noch schön gewesen sein. Du erfährst, dass sie ursprünglich unter Mr. Manyangas Aufsicht renoviert worden war. Fliesen ertrug er nur, wenn sie aus Italien kamen, und nur in einer Farbe, goldener Ocker. Doch seit seinem Ableben sind Quadrate herausgefallen. Gefolgt vom Fugenkitt. Kolonien Kakerlaken bevölkern die schmutzigen Ritzen. Ein Gecko huscht über eine Kruste aus schwarzem Öl. Dir juckt es in den Fingern, alles heftig mit Putzmitteln zu attackieren.

»Dieses«, informiert dich die Witwe, als du in ein Zimmer starrst, das noch muffiger und luftloser ist als das, das du gerade verlassen hast, »sollte das erste Zimmer sein, das ich einer Universitätsstudentin vermieten wollte. Ich war einer Meinung mit meinem Mann, als er gesagt hat, dass wir zuerst einen Pilotversuch machen müssen, bevor wir das Unternehmen richtig angehen. Ich wollte ihm und seiner Offenbarung nicht widersprechen. Ich habe gesagt: Ich weiß nichts von einem Pilot, aber Gott weiß es. Ich habe meinem Mutterherz gesagt, dass es still sein soll. Sie wissen doch, wie es im Herzen einer Frau aussieht? Es wollte so viel mehr für die Studentinnen tun.«

Die Witwe geht forsch durch die winzige Kammer, deutet aus dem Fenster. Durch eine Ecke sieht man in den Garten, der Rest geht auf die Garage hinaus. Sie bewundert einen alten Beistelltisch, dessen hinterer Teil auf Stapeln von Parade-Zeitschriften steht, und weist auf eine Kleiderstange zwischen Wolken von Spinnweben hin, verborgen hinter vergilbten Vorhängen aus rosa Satin.

Die Witwe entschuldigt sich dafür, dass sie dich am Ende des Gartens hat warten lassen.

»So etwas«, sagt sie und empört sich für dich. »Obwohl ich doch einen Gärtner habe. Und ich zahle ihn jedes Mal. Pünktlich! Es vergeht kein Monat, wo ich ihn nicht zahle. Ich wusste es schon, als er sich vorgestellt hat«, vertraut sie dir an. »Aber was soll ich machen mit diesem Herzen, dem einer Frau? Jede Frau ist im Herzen eine Mutter, Miss Sigauke. Und jede Mutter ist auch eine Frau. Deswegen habe ich gesagt, komm, ich bezahle dich, obwohl er nur ein Herumtreiber war.«

Du schweigst weiterhin, erneuerst deinen Handel mit Gott und rufst deine Vorfahren an.

»Heute Morgen habe ich zu ihm gesagt, mach auf, wenn sie kommt, ich erwarte jemand. Aber er lässt mich den ganzen Weg gehen, um das Tor zu öffnen, und geht früh nach Hause, weil Samstag ist. Ich habe gesagt, warte auf Miss Sigauke. Ich hätte ihm sagen sollen, dass sich auch noch ein paar Männer vorstellen wollen.«

Du lächelst breiter, erleichtert, weil du weißt, dass es sie nicht gibt. Mai Manyanga dagegen klingt bedauernd.

»Deswegen sage ich immer, bitte, bitte jemand vom Land. Jemand von einem unfruchtbaren Ort, wo es nicht regnet. Diese Leute wissen, wenn Gott ihnen etwas Gutes zuteilwerden lässt. Denn sie wissen wirklich, was es heißt zu leiden.«

Die Witwe hat dich richtig eingeschätzt. Und sie weiß es. Du akzeptierst ihre Bedingungen auf der Stelle, da es nicht infrage kommt, zu deiner Familie nach Hause ins Dorf deines Vaters zurückzukehren.

Sie bietet an, eins der Telefone auf der Veranda anschließen zu lassen, und freut sich, dass Gott endlich VaManyangas Offenbarung zur Erfüllung bringt. Die Miete ist zu hoch, da die Witwe sie auf Grundlage des Gehalts eines jungen berufstätigen Mannes berechnet hat. Du lehnst den Telefonanschluss ab, auch wenn sie darauf verweist, dass er für den Preis ein Schnäppchen ist. Als du zur Hauptstraße zurücktrottest, versicherst du dir, dass du dir eines Tages, irgendwie, wie auch immer, den Luxus eines Telefons neben deinem Bett leisten wirst. Als du einen Kombi heranwinkst, hast du dir drei Telefone versprochen, eins in der Küche, eins im Wohnzimmer und eins im Schlafzimmer deines zukünftigen Zuhauses. Als du im Minibus sitzt, denkst du über ein viertes im Badezimmer nach.

4. Kapitel

Zu der Witwe zu ziehen, ist ein großer Fehler. Als du ankommst, riecht dein Zimmer widerlicher als zuvor.

Mrs. Manyanga treibt sich in der Nähe herum. Sie sagt zu deiner gerümpften Nase: »Ja, Miss Sigauke, Ihr Gott liebt Sie. Sie sind jetzt zu Hause. Nur, liebt er mich, eine arme Witwe, nicht noch mehr, wenn er jemand so segnet?«

Aus einem Loch im Dach hat es auf die Matratze getropft, und jetzt bedeckt Schimmel den Stoff und die Zimmerdecke wie Flaum. Hat deine Vermieterin es nicht gesehen?

»Alles ist jetzt hübsch und frisch«, sagt sie. Die Witwe streckt den Arm hinter die Kleiderstange und zieht ein paar Spinnweben herunter.

»Es war nur ein kleines Loch wie das da oben im Dach. Der Wind hat die Schindeln ein bisschen verschoben, aber sobald ich mich entschlossen hatte und wusste, dass jemand in dem Zimmer schlafen würde, sehen Sie, es ist repariert«, sagt sie und wischt sich die Hände.

»Wissen Sie, Miss Sigauke«, fährt sie fort, »ich suche noch immer nach einem Mädchen. Ein anständiges, das ich bitten kann, dies und das für mich in meinem Häuschen zu machen. Aber nur drüben in meinem Häuschen. Nur dort soll mir jemand helfen. Dieses Zimmer habe ich gelüftet. Alle Fenster waren offen seit dem Tag, als Sie auf der Schwelle gestanden haben. Und jeden Abend bin ich selber gekommen und habe sie geschlossen, denn Sie wissen ja, wenn man etwas Gutes hat, wollen die Leute es immer nur stehlen.«

Deine Vermieterin setzt dich stolz davon in Kenntnis, dass sie die Satinvorhänge abgenommen und eigenhändig gewaschen hat.

»Sehen Sie, Gott ist gut. Ich bin Witwe, und meine Söhne sind auch weg. Aber ich empfange so viel Macht. Nicht für mich selbst, sondern für jemand anders. Gott lässt noch immer seine Stärke in mich strömen!«

Als sie in ihr Häuschen geht, kannst du nicht entscheiden, ob du froh bist oder nicht, allein zu sein.

»Mwakanaka, Mambo Jesu«, hörst du sie singen, als sie durch den Garten geht.

Du verstaust deine Sachen in schmutzigen Schubladen und schwörst dir, dass du, wenn du wieder ausziehst, den Weg der Witwe nicht so entlanggehen wirst, wie du gekommen bist – mit nichts.

Du sitzt die meiste Zeit auf deinem Bett, denkst über deine neue Fehlentscheidung nach und sinnierst, wie sehr du den Ort bereits hasst. Dann wieder überlegst du, wie du das wachsende Gefühl, dass es ein schlimmes Ende nehmen wird, unterdrücken kannst. Du bemühst dich, eine plausible Ausrede zu erfinden, warum du nicht zu der Arbeit gehst, die du angeblich hast, für den Fall, dass die Witwe dich danach fragt.

Deine Mitbewohner heben deine Moral nicht. Sie haben alle Arbeit. Es ist besser, sie nicht kennenzulernen. Damit meinst du, dass sie nicht wirklich bekannt mit dir werden sollen. Du findest Wege, Kontakt mit ihnen zu vermeiden, vor allem mit dem Mann in dem Zimmer neben deinem, der die Freundinnen öfter wechselt als seine Hose. Die stille Frau steht als Erstes auf, normalerweise bevor die Hähne krähen, damit sie heißes Wasser hat. Sie braucht lange, um sich zu waschen. Ihr folgt die dicke Frau. Der Mann in dem großen Zimmer steht als Letzter auf, weil er ein eigenes Bad hat. Ihre Vorkehrungen wecken dich; wenn sie gehen, um ihre Kombis zu erwischen, kannst du nicht wieder einschlafen, weil du an ihre Büros, ihre Arbeitsverträge und ihre monatlichen Gehälter denkst.

Du wagst dich hin und wieder in den Garten hinaus, um frische Luft zu schnappen, oder setzt dich auf die buckligen Wurzeln des Jacarandabaums neben dem Tor. Wenn du am Tor sitzt, gibst du dir Mühe. Ausnahmsweise ist hier deine Herkunft vom Land von Vorteil.

»Hallo, wie war Ihr Tag? Wie geht es, ist alles in Ordnung, woher Sie kommen?«, grüßt du Passanten.

Weil du so selten sprichst, erschrickst du über den Klang deiner Stimme und lächelst nicht. Ebenso wenig die Leute. Manchmal antworten sie nicht einmal.

Einmal in der Woche gehst du einkaufen in einen winzigen Supermarkt, der so deprimiert wirkt, wie du bist. Sobald du das Grundstück verlässt, zwingst du ein Federn in deinen Schritt, um wie eine Frau zu wirken, in deren Tasche viele Dollarscheine liegen. Im Laden raubt dir das Heucheln die Luft, als würdest du ein zu enges Korsett tragen. Wenn du deine Einkäufe erledigt hast, willst du nicht wieder hinausgehen, denn deine Tasche wölbt sich vor preisgünstigen Plastikflaschen, kleinen Päckchen und winzigen Schachteln. Öl zum Kochen, Glyzerin für deine Haut, Kerzen für Stromausfälle, Streichhölzer – alles posaunt deine Armut heraus.

Du bewahrst deine Vorräte in einer Ecke des Küchenschranks auf, abseits der Dinge der anderen Bewohner. Du hortest deine Lebensmittel, wie du deine Ersparnisse von der Werbeagentur auf dem Konto der Wohnungsbaugesellschaft hortest, dein Motto lautet »weniger ist mehr«: Weniger essen bedeutet weniger Ausgaben, Saldo positiv. Mehr Geld auf dem monatlichen Kontoauszug heißt mehr Zeit, dein Leben auf die Reihe zu bringen. Das Frühstück ist ein matschiger Maisbrei, den du kaum hinunterbringst, weil der Herd der Witwe nichts richtig köchelt oder kocht. Am Nachmittag dickst du den gleichen Brei für deine sadza ein. Als Zutat benutzt du Gemüse, jeden Tag ein paar Blätter aus dem Garten der Witwe.

Den Rest der Zeit sitzt du an deinem Fenster, starrst an dem einst babyrosa, jetzt vergilbten Stoff vorbei auf den fleckigen Rasen deiner Vermieterin. Wenn das unerträglich langweilig wird, drehst du dich ein Stückchen, um die Betonplatte anzuschauen, die Mr. und Mrs. Manyanga für das Studentinnenwohnheim gelegt haben. Manchmal siehst du jenseits des Betons die dunkle Gestalt der Witwe in ihrem Wohnzimmer hin und her wabern.

Du machst dir Sorgen, dass du anfangen wirst, daran zu denken, allem ein Ende zu setzen, da du nichts hast, für das du lebst: kein Zuhause, keine Arbeit, keine stützenden Familienbande. Bei diesem Gedanken versinkst du in einem Morast aus Schuldgefühlen. Du hast versagt und nichts aus dir gemacht, aber deine Mutter erträgt noch wesentlich elendere Umstände als du, begraben in deinem bettelarmen Dorf. Wie ist es trotz deiner Ausbildung möglich, dass du bedürftiger bist als deine Mutter? Dass du schlimmer endest als eine Frau, die vom Leben so gebeutelt wurde, dass sie versucht hat, sich auf ihre zweite Tochter zu stützen – eine Tochter, die selbst Unterstützung braucht, nachdem sie im Krieg ein Bein verloren hat und jetzt zwei Freiheitskampfkinder versorgen muss, deine Nichten, die du nur einmal als Babys gesehen hast. Dein Onkel, der sich einschaltete, um dich vor dem Schicksal deiner Mutter zu bewahren, indem er dich in die Schule schickte, sitzt jetzt im Rollstuhl, ein Opfer der Unabhängigkeit dank der verirrten Kugel eines Einundzwanzig-Schuss-Saluts, die sich während der ersten Feierlichkeiten tief in das empfindliche Gewebe neben der Wirbelsäule grub. Du zwingst dich, nicht an deinen Vater zu denken, allein schon die Vorstellung daran stürzt dich in Verzweiflung. Die einzige Person, die dir und deiner Familie in dieser misslichen Lage helfen könnte, ist deine Cousine Nyasha. Doch sie ist nach Übersee ausgewandert. Du hast zum letzten Mal von ihr gehört, als sie dir die Schuhe schickte, Gott sei Dank zu einer Zeit, als die Post Pakete noch zustellte und nicht stahl. Du weißt nicht mehr, wer an der Reihe ist, wen zu kontaktieren, oder auch nur, ob du dich bei ihr mit einem Brief bedankt hast.

Seit den Jahren an der Universität hast du Freunde verloren, weil du nicht mit ihrem Lebensstil mithalten konntest und nicht ausgelacht werden wolltest. Jahre später, nach deinem abrupten Abgang aus der Werbeagentur, hast du den Kontakt zu deinen Kollegen aufgegeben. In den ersten Tagen bei Mai Manyanga quälst du dich mit dem Gedanken, dass du nur dir selbst die Schuld für den Verlust der Stellung als Werbetexterin geben kannst. Du hättest die weißen Männer ertragen sollen, die ihren Namen unter deine Slogans und Reimpaare setzten. Du verbringst viel Zeit damit zu bedauern, dir dein eigenes Grab geschaufelt zu haben, nur weil du auf einem Prinzip beharrt hast. Dein Alter verhindert, einen anderen Job in der Branche zu finden, die Kreativabteilungen sind heutzutage von jungen Leuten mit Irokesenschnitt und Piercings in den Augenbrauen, in der Zunge und im Nabel besetzt.

Ablenkung von deinen düsteren Gedanken stellt sich an einem Sonntag ein paar Wochen nach deinem Einzug ein, als ein verbeulter blauer Toyota über den Kies der Witwe knirscht.

Der Wagen kommt in einer Abgaswolke vor dem Mehrfach-Carport genau an der Stelle zum Stehen, wo er jedes andere Fahrzeug am Parken hindert.

Du blickst auf von der Zeitschrift, die du aus der Werbeagentur mitgenommen und schon hundertmal gelesen hast, und siehst, wie ein sehniges Bein aus der Fahrertür gleitet. Ein langer muskulöser Arm schiebt sich heraus und fummelt am Griff der Hintertür herum, bis sie sich öffnet.

Ein halbes Dutzend Kinder springt heraus.

»Mbuya!«, schreien sie.

Sie tun ihr Bestes, um den Gemüsegarten der Witwe nicht zu zertrampeln. Doch Furchen werden eingeebnet, als sie springen. Ranken reißen.

»He, passt auf! Wartet, bis jemand sieht, was ihr da gemacht habt«, schreit der Vater und steigt rasch aus dem Wagen. »Ihr kriegt die Tracht Prügel eures Lebens. Wenn eure Großmutter nicht will, werde ich es tun.«

Die Kinder kichern und kreischen und laufen schnell davon, um mit den Fäusten gegen die Tür der Witwe zu hämmern. »Mbuya!«, rufen sie erneut, als die Tür geöffnet wird und die Witwe sie hineinwinkt.

Dieser Besuch ist ein Geschenk und bietet dir einen in Erwägung zu ziehenden Mann. Er ist das Sprungbrett zu dem Leben, nach dem du dich sehnst, fort von diesem Nirgendwo und den Tagen, die leer hinter dir aufklaffen. Du denkst nicht an Liebe, sondern wie besessen nur daran, was der Herr für dich tun kann, wie der Sohn der Witwe dich gegen den absoluten Niedergang absichern wird.

Du saugst den Speichel aus dem Mund wie jemand, der in eine Zitrone beißt, als eine Frau auf der Beifahrerseite aussteigt. »Ich bleibe nicht im Wagen sitzen«, sagt die Frau. »Das werde ich auf keinen Fall tun.«

Die Gliedmaßen des Mannes sind zu lang. Sie rollen wie ein Förderband, als wären seine Bänder und Knorpel um ein Vielfaches zu groß für seine Knochen. Er setzt riesige Füße auf dem Kies ab, als er ein paar Schritte macht, bevor er sich die Hände an seinem zerknitterten Hemd abwischt. Er lehnt sich ans Auto und zündet sich beleidigt eine Zigarette an.

»Heute werde ich sie kennenlernen«, insistiert die Frau. »Du kannst sagen, was du willst, ich werde es tun.«

Du holst aus deinen Tiefen die Verachtung, die dich in den Wochen, seitdem du bei der Witwe bist, martert. Der Hohn des Mannes ist schneidend und befriedigend, während deiner aus dir hinausströmt und sich mit seinem vereinigt und sich über die Frau ergießt.

Einen Augenblick später ruft jemand vor dem Tor. Riegel klirren, und ein langer niedriger Volkswagen Passat schiebt sich auf das Haus zu.

Der Mann und die Frau werden aus ihrer Unzufriedenheit gerissen. Lächeln schlitzt ihre Gesichter auf, als sie sich dem Fahrzeug zuwenden.

»Larky!«, ruft der Mann mit den zu langen Gliedmaßen dem Neuankömmling zu. Er setzt sich in Bewegung und schnippt die Zigarette weg.

Die Frau verschränkt mürrisch die Arme und lehnt sich mit ihrem in Denim steckenden Hintern an den Toyota.

Larky rollt sein Fenster herunter und entblößt zur Begrüßung alle Zähne.

»Jaa, Praise!« Er grinst und macht eine Kopfbewegung zu dem blauen Cressida. »Das ist er also! Das ist der Gewinner, von dem du mir erzählt hast?«

Der andere Mann grinst ebenfalls. Doch Unbehagen zieht seine Lippen zu weit auseinander.

»Ein Neuer«, sagt Larky und steigt noch immer breit grinsend aus. »Schrott, Bruder! Warum verschwendest du dein Geld für dieses japanische Altmetall?«

Der Frau sacken die Schultern nach unten. Larky streckt die Hand aus. Die beiden Männer stoßen mit den Schultern aneinander.

»Mir geht’s gut, Bro«, sagt Larky und wendet sich dabei um, damit ihn auch jeder hört. »Ich habe noch einen gekauft, Nummer drei. Als Ersatzwagen, wenn die anderen zusammenbrechen. Die Mutter der Kinder fährt den Mercedes. Ich den BMW. Aber nicht an den Wochenenden. Nichts Japanisches mehr«, prahlt er. »Nur noch die Wahren. Deutsche.«

»Japanisch ist genauso gut«, sagt Praise. »Besser sogar. Sie verstehen, wie wir die Dinge angehen.«

»Wie geht es dir, Babamunini?«, schaltet sich die Frau ein.

»Aber du gehst in die richtige Richtung«, lenkt Praise ziemlich laut ein, um sie zu übertönen. »Hoffentlich werde ich deine Nummer drei zu sehen kriegen, wenn er so gut ist, wie du behauptest.«

»Komm! Komm und schau ihn dir an.« Larky lacht. »Warte nicht zu lang. Wir braten Fleisch. Du musst die Kinder mitbringen.«

Die Männer stoßen die geballten Fäuste aneinander und schieben die Doppelfaust lachend vor und zurück.

»Stark, mupfanha«, sagt Praise. Er entblößt wieder alle Zähne und dreht sich zu der Frau um.

»Babamunini! Babamunini, ich muss dir was erzählen«, setzt sie an.

Sie kratzt sich mit den Händen den Bizeps des jeweils anderen Arms und lässt die Schultern hängen, weil sie eine Frau ohne Hoffnung ist, die Sorte, die ihren Mann bei seinem jüngeren Bruder anschwärzt.

»Mbuya, hier, hier! Ich, ich!«, rufen die Kinder. Die Rufe werden lauter, als die Witwe die Tür öffnet, und sie stürmen auf die Treppe.

»Mwakanaka! Mwakanaka! Du bist gütig, Herr im Himmel!« Die Stimme der Witwe fädelt sich durch den Nachmittag.

»Mai, lass dich von dieser Herde nicht in Stücke trampeln. Wir kommen«, sagt Larky. Er macht einen Schritt nach vorn, und in seinen Wangen bilden sich dramatische Grübchen. Du schiebst den Vorhang vorsichtig beiseite.

»Was tut ihr da?«, sagt die Witwe. »Wie wäre es, wenn ihr herkommt und mich begrüßt, ihr, Praise und Larky? Die Kinder zumindest wissen, wie man sich benimmt und begrüßen ihre Großmutter.«

»Wir kommen, Mai. Gleich«, versprechen die Männer. »Sind wir nicht hier? Das heißt doch, dass wir dich sehen wollen.«

»Also, Kinder, ratet mal, was ich habe?«, sagt die Witwe.

Sie hält etwas hoch. Es ist klein, ein Päckchen.

»Würstchen!«, kreischt ein Kind.

»Rote Würstchen!«, ruft ein anderes.

»Wer von euch will ein Würstchen?«, trällert die Witwe volltönend, als wäre sie bei einer Lobpreisung.

»Ini! Ich, ich«, antworten die Enkelkinder.

Der Lärm verstummt, während die Kinder sich darauf konzentrieren, abzubeißen und zu kauen.

»Wie geht es allen? Wie geht es Maiguru?« Larky erweist seinem Bruder Respekt. In der Stille fährt er fort: »Was ist mit dem Kleinen? Hast du Ignore gesagt, dass wir ihn sehen wollen?«

»Gut, und bei dir, wie geht es euch?« Praise kratzt sich am Kopf. »Unser Kleiner? Ja, wo ist er? Hast du ihn nicht angerufen?«

Larky zieht sich neonfarbene Bermudashorts über den Boxerbauch.

»Warum ich? Du solltest den kleinen Ignore fragen, warum er nicht da ist. Warum fragst du mich, als wärst du nicht der Älteste, der alles organisieren soll?«, sagt er, Schärfe in der Stimme.

Praise zieht eine weitere Mentholzigarette aus der Schachtel. Er bläst Rauch aus, als er das zerfallende Anwesen betrachtet.

»Egal, was tut Ignore, das ihn aufgehalten hat?«, sagt Larky.

Praise kratzt sich wieder am Kopf, bevor er seinem Bruder eine Zigarette anbietet. Larky nimmt eine. Blaue Spiralen steigen auf.

»Benehmt ihr euch jetzt?«, schreit Praise die Kinder an. »Benehmt euch. Hab ich’s euch nicht gesagt?«

Die Männer stellen sich nebeneinander, winken und setzen für die Gruppe auf der Treppe eine väterliche Miene auf.

Die Frau in der Jeans gleitet weg von Praises Toyota und schiebt sich zu den abgelenkten Männern, präzise wie ein Messer.

»Schau nur, Praise«, sagt sie, als sie so weit gegangen ist, dass die Witwe sie sehen kann. »Heute ist es zu viel, es ist mir egal. Auch wenn sie mich ignoriert. Ich weiß, du hast ihr irgendwas erzählt. Sie wird jetzt erfahren, dass sie noch eine muroora hat, noch eine Schwiegertochter. Heute Nachmittag werde ich deine Mutter kennenlernen.«

Witwe Manyanga kehrt der Gruppe neben dem Carport den Rücken zu, eine resolute Geste.

»Ich habe dir doch gesagt, nicht heute.« Praise wendet sich der Frau zu.

»Lügner!«, zischt die Frau.

Sie hebt einen Finger, schwingt ihn hin und her. Ihr Körper greift den Rhythmus auf, balanciert auf Stilettos.

»Du lügst mich an, und du weißt es, Praise Manyanga. Nur weiß ich nicht, warum du es tust. Warum lügst du mich so an, Praise? Als du nächstes Mal gesagt hast? Aber jetzt willst du mich vor deinem Bruder und vor deiner Mutter und auch vor deinen Kindern dumm dastehen lassen.

Nächstes Mal, nächstes Mal, nächstes Mal«, wiederholt sie in einem schrillen Crescendo. »Wirst du wieder lügen und es dann leugnen? Die ganze Zeit hast du mich angelogen. Und deswegen ignoriert mich deine Familie jetzt!«

»Mainini, ich freue mich, dass du da bist. Ich bin froh, meine biggas zu sehen, so ist es«, sagt Larky.

Er breitet die Arme aus für eine Umarmung.

»Komm schon, willst du das wirklich?«, sagt er. »So unglücklich sein? Wo mein älterer Bruder sich angestrengt und uns alle für diesen Besuch zusammengebracht hat?«

»Wie sein?«, sagt die Frau und senkt den Kopf wie ein angriffslustiger Stier, doch dann richtet sie sich abrupt wieder auf.

»Wie meinst du, dass ich nicht sein soll? Bin ich es, die nicht irgendwie sein soll?«

Sie zieht die Unterlippe nach unten, und als sie an ihre Grenze stößt, gestattet sie Larky, sie zu umarmen. Er schiebt sie in seinen Passat, und als sie in dem Fahrzeug sitzen, darf er ihr den Rücken tätscheln. Der Motor läuft. Du lächelst leise, weil du glaubst, dass diese Frau keine große Konkurrenz sein wird.

»Wer will, was ich habe?«, ruft Mai Manyanga den Kindern zu, ein weiteres Päckchen Wiener Würstchen in einer Hand, ein kurzes Messer in der anderen.

»Und Praise, was ist los? Hast du es Ignore nicht gesagt?«, fragt deine Vermieterin mit einer Kirchenchorstimme, die laut genug ist, um im Nachbargrundstück gehört zu werden.

»Frag Larky«, sagt Praise.

Die Witwe sticht mit dem Messer in das neue Wurstpäckchen und reißt es auf.

»Erzähl mir bloß nicht, dass du es meinem Sohn nicht gesagt hast«, sagt sie, nachdem sie ihre Enkel gefüttert hat.

»Keine Sorge, Mbuya Manyanga! Auch wir wollen alle die guten Sachen essen, die du vorbereitet hast«, sagt Praise und verschränkt die Arme. »Sobald der da ist, von dem du redest.«

Du hörst zu und träumst davon, Mitglied dieser Familie zu sein, sobald du aktiv geworden bist.

Letztlich fährt Larkys Volkswagen nicht mit der unglücklichen »Zweit«-Frau davon, die sich sein Bruder hält, weil ein gelb-brauner Wagen, flach wie ein Frosch, auf den Carport zukriecht. Dir wird klar, dass dieses Auto das Beste ist, denn der Lärm in der Einfahrt wird kaum geringer, als er anhält und die Stoßstange des Passats anstößt.

»He, mhani, Ignore, benimm dich wie ein Mensch«, sagt Larky, der den Kopf aus dem Fenster streckt.

»Nichts passiert! Ist was passiert, Larky? Praise?« Der dritte Mann zuckt die Achseln, steigt aus und lächelt. Die anderen beiden Männer schauen sehnsüchtig auf den Wagen.

Ignore nickt seiner Mutter zu, doch Praise hakt sich bei ihm unter und zieht ihn zu sich, bis sie sich an der Stirn berühren.

Die Kinder winken mit den Würstchen oder versuchen, von der Wurst eines anderen abzubeißen.

»Ich hole noch mehr«, sagt Witwe Manyanga. Als sie mit dem leeren Päckchen ins Haus geht, ruft sie: »Und kommt ihr immer noch nicht, um eure Mutter zu begrüßen, jetzt, wo Ignore da ist?«

»Ich komme«, ruft Ignore.

Die Kinder laufen der Witwe ins Häuschen nach. Larky steigt aus seinem Auto aus. Die Männer stehen beieinander und nicken.

Die Frau wird vom Passat in den Porsche manövriert. Ignore steigt wieder ein und kehrt nach ein paar Minuten – zu deiner großen Zufriedenheit – ohne sie zurück.

»Großer Bruder«, sagt Ignore, als er ein zweites Mal aus seinem Wagen steigt, »sag mir, aus welchem Abfalleimer du diese Frau gezogen hast.«

»Welcher große Bruder?«, schnauzt Praise ihn an. »Warum redest du von Abfalleimern?«

»Du musst da prüfen, wo die Fische sind.« Ignore zuckt die Achseln. »Dann kannst du jedes Wasser probieren. Aber prüfen heißt nicht essen. Biggas, was ist es? Prüfen oder essen?«

Praise kratzt sich am Kopf.

»Wie geht es ihr?«, fragt Ignore und blickt zum Häuschen der Witwe.

»Gut«, sagt Larky. »Erst hat sie ihre Enkel gefüttert. Und jetzt bist du da.«

Larky holt eine Schachtel hinten aus seinem Wagen. Praise hievt Kästen mit Coke, Fanta und Stoney Ginger Beer aus seinem. Die Manyanga-Söhne setzen sich auf die Betonplatte neben dem Gemüsegarten der Witwe. Sie heben Flaschen und trinken, und wenn der Pegel in den Flaschen sinkt, gießen sie Schnaps hinein.

Larky fragt Ignore nach einem Anwalt.

Ignore schenkt Schnaps aus und sagt: »Kamuriwo.«

Sie sprechen über den Anwalt. Deine Gedanken schweifen zu der zwei Jahre alten Zeitschrift aus der Werbeagentur ab, die auf deinem Schoß liegt.

»Immobilienmakler?«, sagt Larky. Du wägst deine gegenwärtige Gesellschaft, eine fettfleckige Zeitschrift, gegen diese Männer ab, die bereits einmal geerbt haben und es zukünftig noch einmal tun werden.

Draußen verändert Ignore die Haltung, gibt jedoch keine Antwort.

Larky steht auf, Drink in der Hand. Er betrachtet die Platte, den durchhängenden Zaun, den Fortschritt des Verfalls.

»Das ist das Problem«, sagt er. »Ich hab’s euch gesagt, als Baba gestorben ist. Ich habe gesagt, wir müssen das Haus managen, damit es nicht verrottet. Damit wir was davon haben.«

Als er über das Haus seiner Mutter spricht, wirkt er bekümmert. Er flicht Wörter wie Küche und Geldverschwendung in seine Rede ein. Kurz darauf fängt Ignore an zu lachen. Praise schüttelt verwundert den Kopf.

»Und der schwarze Granit, den sie im Swimmingpool haben wollten«, fährt Larky fort, die Stimme erhoben und erschüttert. »Ich habe zu ihnen gesagt: Mai, Baba, fangt mit Unterricht an. Schwimmunterricht. Nicht mit einem Pool! Aber unsere Eltern, haben sie zugehört? Wie oft habe ich ihn ausgebessert? Ich habe es satt, diesen Ort aufrechtzuerhalten, wenn sie selbst nichts für sich tun kann!«

»Nach dem Unfall habe ich meinen Teil mit den Autoreparaturen getan«, sagt Praise. »Larky, es ist nicht richtig, wenn du behauptest, dass du alles machst.«

»Das Anwesen«, sagt Ignore immer noch amüsiert. Er spricht davon, Leute zu kennen und das Unterschreiben von Papieren zu beschleunigen.

»Wenn sie jetzt nicht unterschreibt, was dann?«, fragt Praise. Er kratzt sich am Hinterkopf.

»Dieser Sohn hier.« Larky nickt Ignore zu. »Wie er gesagt hat, seine Verbindungen werden es bewerkstelligen.«

»Käufer?« Praise richtet sich auf und streckt sich.

»Wenn wir den Käufer haben«, sagt Ignore, »was wirst du dann mit ihr machen, Praise?«

Die Kinder, die sich wieder auf der Veranda eingefunden haben, trinken ihre Getränke aus. Sie werfen die Dosen gegen einen Guavenbaum.

»Vielleicht sollten wir es uns noch einmal überlegen«, sagt Praise. »Sie hat das kleine Zimmer vermietet. Die Frau wollte kein Telefon, aber zumindest hat sie die Miete für drei Monate bezahlt.«

Dir stockt kurz der Atem, als dir klar wird, dass du die Frau bist, von der gesprochen wird. Du schwebst zwischen einem Gedanken und dem noch nicht geformten nächsten. Das Pochen in deiner Brust wird schneller, ein Schlag für Hoffnung und der nächste für weitere Enttäuschung. Du wünschst, es wäre alles gleich, nichts wichtig.

»Lasst uns die Telefone loswerden«, sagt Ignore. »Sie werden ein bisschen Geld bringen. Ich finde jemand, der sie nehmen wird.«

»Sie redet noch immer von dem Payphone-Geschäft«, wendet Praise mit einem frustrierten Zungenschnalzen ein. »Sie will eine Verwandte holen, die ihr bei der Sache hilft.«

»Verkaufen«, wiederholt Larky bestimmt. »Sonst sind wir alle irgendwann ruiniert.«

Du atmest langsam ein und aus. Du hast entschieden, dass es für dich nicht von Bedeutung ist, wer das Haus kaufen wird. Die Frau in der Jeans ist erledigt, die Manyanga-Söhne sind verfügbar und erstrebenswert für dein neu ausgebrütetes Projekt, der Abwärtsspirale deines Lebens ein Ende zu setzen. Ihre Ehefrauen sind nicht in Sicht, was bedeutet, dass die Männer ihre Frauen entweder nicht schätzen oder dass die Frauen wenig Zeit für ihre Männer haben. Es wird leicht werden, gegen so eine Frau anzutreten. Endlich ist das Leben gut zu dir. Es hat dich in der richtigen Familie abgesetzt. Du entscheidest dich für Larky als dein erstes Objekt, weil er der Mächtigste ist.

Nicht ahnend, was du für sie auf Lager hast, beenden die Männer ihre Diskussion. Die Kinder grüßen sie rufend, als die Männer von der Betonplatte zum Häuschen ihrer Mutter gehen.

Du schleichst ins Bad, von wo die Sicht auf das Häuschen der Witwe besser ist. Doch die Haustür wird geschlossen, als du hinausspähst, und danach siehst du nur Schatten mit unterschiedlichem Gang unregelmäßig an den Vorhängen vor den Fenstern vorbeigehen.

Während aus Tagen Wochen werden, wartest du auf eine Gelegenheit, den Sohn deiner Vermieterin zu umgarnen. Als sich diese nicht bietet, liegst du auf der durchgelegenen Matratze in dem rosa Rüschenzimmer, denkst über deine Optionen nach und entwickelst ein klügeres System, um deine Erfolgschancen zu maximieren, indem du angefangen mit dem Ältesten jeden Erben durchgehst. Du träumst von dem Haus, in dem du leben wirst, in dem es weder rosa Rüschen noch gelbe Küchen geben wird. Du richtest dein Herz und deine Gedanken auf den Swimmingpool aus schwarzem Granit, um sicherzugehen, dass er auf dich warten wird. Schließlich wirst du die Lüge wahrmachen, die du deinen Kollegen aufgetischt hast, als du die Werbeagentur verlassen und behauptet hast, jemand hätte »Du bist es!« geflüstert und würde dich heiraten.

5. Kapitel

Die Energie, die deine Vermieterin belebt hat, versickert nach dem Besuch. In den Wochen nach dem Treffen mit ihren Söhnen verlässt sie ihr Häuschen seltener. Sie meidet das Wohnzimmer, das sie so großartig vorgeführt hat. Sie spricht seltener von ihren Söhnen, wenn sie dir zufällig im Garten oder im Flur begegnet.

Wenn sie versucht, ein Kirchenlied zu schmettern, klingt ihre Stimme schwach. Die Melodie plätschert dahin wie das träge Fließen eines versandeten Flusses. Mitten in der Nacht ist sie ein aufrechter Schatten im vorderen Zimmer des Häuschens, als würde ihr das Sitzen Schmerzen bereiten, und nachdem sie alle Lichter ausgeschaltet hat, verebben ihre Versuche zu singen in Stille oder leisem Stöhnen. Ein paar Wochen später trägt sie einen bandagierten Arm in einer Schlinge. Du wendest den Blick ab. Niemand im Haus spricht darüber, und wenn du ihn siehst, schauderst du.

In ihrem neuen Schweigen überrascht dich die Witwe mehrmals im Garten. Du erklärst, warum du ihr Gemüse erntest. Sie hört kaum zu, den Blick auf die Betonplatte gerichtet, wo ihre Söhne gesessen haben, doch als du geendet hast, pflückt sie ein paar gelbliche Blätter vom dicken Strunk einer Pflanze. Sie gibt sie dir, ermuntert dich so sanft, wie es ihr möglich ist, hin und wieder ein Büschel zu pflücken, bevor der Gärtner alles vollständig verkommen und ihren Garten zu einem Dschungel werden lässt.

»Hin und wieder« wird zu tagtäglich. Du bedienst dich am Gemüse deiner Vermieterin mit abnehmenden Bedenken bis zu dem Tag, als du zwei Stimmen im Häuschen streiten hörst. Zu diesem Zeitpunkt hat die Witwe ihr Anwesen seit über einer Woche nicht mehr inspiziert und auf der Veranda in der Sonne gesessen. Die Auseinandersetzung wird lauter und schwingt sich in die Höhe wie ein Lied, ein glückliches Lied, als würden sich die Streitenden über die Gelegenheit freuen, einander in Stücke zu reißen, ihre Wut als wildes Geschrei in der ganzen Nachbarschaft zu verkünden.

»Diese Telefone sind veraltet«, beharrt die Gegnerin deiner Vermieterin.

»Na und? Bist du hier, um mir was über meine Sachen zu erzählen? Ein Telefon ist ein Telefon. Wo hast du ein Verfallsdatum gesehen?«

»Ich bin nicht hier, weil du mich darum gebeten hast«, sagt die Besucherin. »Und auch nicht, weil ich hier sein will. Die Leute, die mich geschickt haben, haben gesagt, kümmere dich um sie. Sie haben nicht gesagt, kümmere dich um sie und sorg dafür, dass sie alles verliert, was ihr Mann ihr hinterlassen hat. Wegen all der Dummheiten, die sie macht.«

»Dir würde es gefallen, wenn ich alles verliere«, sagt die Witwe. »Das werde ich nicht. Das sind meine Sachen. Ich habe auch dafür gearbeitet.« Die Boshaftigkeit in ihrer Stimme knattert durch die Luft und besteht auf Unterwerfung. »Wenn du hier bist, tust du, was ich sage. Sonst gehst du wieder in das Dorf zurück, aus dem du gekommen bist.«

Angst, deine wiederkehrende Furcht, dass du nicht ausreichend Fortschritte hin zu Sicherheit und einem anständigen Leben gemacht hast, sticht dich wie Nadeln, als das Wort »Dorf« fällt. Jetzt hat sie dich sogar hier bei Mai Manyanga erwischt. Du maßregelst dich, weil du nicht Praise angemacht und deine Strategie, mit dem Ältesten anzufangen, in die Tat umgesetzt hast. Wegen deiner Tatenlosigkeit werden die Manyanga-Söhne das Haus verkaufen, bevor du dich in Stellung gebracht hast, und dann droht dir der Rauswurf. Du heiterst dich auf, indem du deine zukünftige Schwiegermutter schlechtmachst. Du schwörst dir, dich nicht von einer Großmutter einschüchtern zu lassen, die vor deinen Augen immer weniger wird. Beweis für diesen Verfall ist, dass du lange Zeit mühelos ihr Gemüse klauen, es auf ihrem eigenen Herd kochen und in ihrer Küche essen konntest, ohne dass sie es gemerkt hat. Damit deine Pläne Früchte tragen, darfst du der Neuangekommenen nicht trauen. Sie könnte die Witwe auf jede mögliche Weise beeinflussen, dein Projekt, achtbar zu werden, vereiteln.

»Ich gehe nicht zurück. Das Thema ist beendet«, sagt die Neuangekommene in ruhigerem Tonfall. »Ja, zumindest bin ich jetzt nicht mehr im Dorf. Ich werde sehen, was ich tun kann, bis die Dinge geklärt sind. Aber verschwende keine Zeit mit den Telefonen: Ich werde sie nicht anrühren.«

Am Nachmittag lernst du die Verwandte deiner Vermieterin kennen.

»Mwakanaka, Mambo Jesu!« Du hörst, wie die Witwe sich nähert, als du das Gemüse kochst, das du am Morgen geerntet hast.

»Vasikana! Mädchen!«, ruft Mai Manyanga ihre Mieterinnen laut, sobald sie im Flur steht. »Und auch Bruder Shine. Heute will ich euch alle sprechen.«

Du hörst niemanden antworten, deswegen beschließt du, auch stumm zu bleiben.

Der Streit mit der Frau scheint die Hausbesitzerin in Schwung gebracht zu haben.

»Ich bin sicher, dass alle vier da sind«, bemerkt sie zu ihrer Gefährtin. »Deshalb haben wir vereinbart, dass du am Samstag kommst. Bertha! Mako!«, ruft sie, ihre Stimme laut und frustriert, weil sie so oft rufen muss, um die Besucherin vorzustellen.

Ihre Schritte halten vor einer Tür im Flur an. Auf ihr Klopfen erfolgt keine Reaktion.

Deine Vermieterin und ihre Verwandte gehen im Flur zurück, und du kannst heimlich aus der Küche schlüpfen.

»Guten Tag, Mai Manyanga«, rufst du, die Stimme gesüßt wie früher, wenn du mit der Leiterin des Wohnheims gesprochen hast. »Wollten Sie etwas?«

»Ah, Tambudzai«, entgegnet Mai Manyanga. »Sie müssen in der Küche Krach mit den Töpfen gemacht haben, weil Sie mich nicht kommen gehört haben.«

Die Vermieterin deutet auf die Frau neben ihr. »Ich habe meine Verwandte mitgebracht, um sie vorzustellen. Ich möchte nicht, dass jemand Angst kriegt und die Polizei ruft. Und behauptet, dass eine fremde Person hier ist. Die dies und das tut. Deswegen müssen alle sie begrüßen.«

Die Mieterin Bertha, die große Frau, die sich später wäscht als die andere, die schüchterne Mitbewohnerin, öffnet die Tür zur Hälfte. Sie zwängt sich durch die schmale Öffnung, um sicherzustellen, dass Mai Manyanga ihr Zimmer nicht betritt.

»Das ist Christine, das Kind meines Bruders«, verkündet deine Vermieterin und betont stolz das Wort Bruder. »Er war der Erste in unserer Familie. Sie ist seine Tochter. Ja, die Tochter des Erstgeborenen meiner Eltern. Ihr Vater wurde getötet, als wir geglaubt haben, dass Gott gnädig gewesen ist, weil er ihn durch den Krieg gebracht hat, als so viele gestorben sind, getötet entweder von den Soldaten oder von den Genossen. Sie wird Kiri genannt.«

Die Vermieterin schweigt kurz wie eine Frau, die sich davongemacht hat, um neben ihrem Bruder zu sitzen. Ihre Worte schließen eine Leere auf, aus der deine eigenen Verwundeten und Toten marschieren. Du betrachtest deine Erinnerungen aus der Ferne und wendest dich schließlich von ihnen ab.

»Ja«, sagt die Witwe nach einer Weile. Ein Schauder durchfährt sie. »Obwohl mein Bruder den Krieg überlebt hat, lag das Ungeheuer, das herumzieht, auf der Lauer. Es ist aufgestanden und hat ihn in Bulawayo gefressen.«

Nach einem weiteren Augenblick schüttelt Christine allen die Hand. Alle tauschen Freundlichkeiten aus.

»War’s das, Tete?«, fragt Christine nach der Begrüßung. »Du stellst mich vor und erzählst dann nur von meinem Vater. Und von Dingen, über die niemand in diesem Land vernünftig sprechen kann.«

Es folgt ein verlegenes Schweigen, denn ihr seid alle Mitglieder einer friedliebenden Nation. Ihr sprecht nicht darüber, dass Bürger unterschiedlicher Meinung waren und dass bei dem grausigen Schlachten Leichen in stillgelegte Minenschächte und in Eisenbahnwaggons geworfen wurden wie Trümmer, die ein Wirbelwind fallen gelassen hat.

»Willst du sagen, dass es nicht stimmt, dass es niemand gegeben hat, den ich Bruder genannt habe, Kiri?«, sagt deine Vermieterin in einem Tonfall, der alle davon abhält, irgendetwas zu denken. »Ja, hätte es diesen Zyklon dort nicht gegeben, wo diese Ndebele herkommen, dann gäbe es noch jemand, an den ich mich in diesen Zeiten wenden könnte, die so schlimm sind, dass man es gar nicht ausdrücken kann. Du selbst, Kiri, wärst du nicht eine andere Frau, eine, die einen Vater hat?«

Dann erinnert sich Mai Manyanga an den Grund, warum sie alle im Flur versammelt hat, und bemerkt beleidigt: »Wo ist das andere Mädchen, Mako?«

Obwohl die Witwe laut »Mako« sagt und ihr alle eine Reaktion erwartet, erfolgt keine.

»Was ist los?«, fragt deine Vermieterin. »Ich habe sie da drin gehört, als ich geklopft habe, und ich habe gedacht, ah, das ist die junge Frau mit den guten Manieren. Sie steht auf und macht sich bereit, zu uns zu kommen.«

»Was ist mit Shine?«, fragt Bertha, die noch immer vor ihrer Tür steht und sie blockiert. »Mai Manyanga, haben Sie auch den jungen Mann gerufen?«

»Ihr kennt mich«, sagt Mai Manyanga gönnerhaft und ignoriert Bertha. »Ich rede nicht viel. Aber alle nennen mich eine Gebetskriegerin. Wenn etwas nicht stimmt, dann sollte es diese Mako sagen. Das ist alles. Nur das. Und ich werde für sie auf die Knie gehen.«

Bertha ist stark und so groß, dass vernünftige Männer vor ihr davonlaufen, sollten sie ihr Missfallen erregt haben; eine Frau, die oft sagt, dass sie für Weiblichkeit zu hart geworden ist dank zu vieler Dinge, um darüber zu sprechen. Sie kichert tonlos.

»Shine soll wissen, dass jetzt noch jemand da ist«, sagt sie nun. Das nächste Kichern ist noch tonloser und hohler. »Er muss es wissen. Wir wollen nichts, was Sie nicht wollen, Mai Manyanga.«

Der Busen deiner Mitbewohnerin hebt und senkt sich. Du überlegst, ob du auch lachen sollst, entscheidest dich dagegen.

Mai Manyanga geht den Flur entlang.

»Ah, jetzt kommt Mako«, sagt sie, als Makos Tür quietscht. Die Witwe lächelt, denn deine Hausbesitzerin schätzt die vierte Mieterin. Mako ist eine vorbildliche Mieterin, mit Arbeitsvertrag – sie zahlt pünktlich die Miete, lässt nie ein Licht brennen oder einen Wasserhahn tropfen und spielt keine laute Musik.

Als Mako immer noch nicht herauskommt, fragt sich die Vermieterin, warum. Bertha stapft los, an der Witwe und ihrer Besucherin vorbei.

Deine Lippe hob sich verächtlich, als du deine Mitbewohnerin Mako kennengelernt hast. Es war ein paar Tage nach deinem Einzug. Sie musste sich in glücklicheren Zeiten bei der Witwe Manyanga vorgestellt haben, denn sogar die Luft im Zimmer roch jetzt nach ununterbrochenem Missgeschick und Scheitern.

»Makomborero«, sagte die Frau zu dir bei der Vorstellung. »Makomborero. Du weißt, was das bedeutet, oder? Nenn mich einfach Blessings.«

»Ich bin Tambudzai. Wie geht es dir, Blessing?«

Die stille Mieterin schüttelte den Kopf und betonte: »Blessingssss!«

»Tambudzai, ich hoffe, Sie und Mako werdet euch gut verstehen. Mako arbeitet im Justizministerium als Rechtsanwaltsgehilfin«, sagte Mai Manyanga.

»Solange die Leute nicht Rechtsanwaltsdummkopf sagen, Tante«, sagte deine Mitmieterin achselzuckend. »Solange kann ich mich nicht beklagen. Sind wir nicht alle Dummköpfe, weil wir hierbleiben, weil wir in diesem Ministerium arbeiten?«

Aus einer Ecke drang das Geräusch von Kratzen und Nagen. Kleine Füße flitzten über die Decke.

»Wenn man es Arbeit nennen kann.« Mako zuckte noch einmal die Achseln, die letzten Spuren von Vitalität erloschen in ihrer Stimme. Sie achtete nicht auf das Ungeziefer. »Was ist Arbeit? Wenn es Arbeit ist, sollte es sich auszahlen. Ist es also nicht Dummheit, dass man dableibt, wenn sie so gut wie nichts zahlen? Deswegen nennen uns die Leute so. Rechtsanwaltsdummkopf. Wir, die wir dort arbeiten, wissen es, auch wenn sie es nicht sagen, wenn wir es hören könnten.«

Während sie sprach, lief eine graue Ratte hinter einer Plastiktüte in der Ecke hervor. Ihre Krallen zogen Fasern der schmutzigen Watte hinter sich her, an der sie genagt hatte. Die Tüte fiel um, und eine rote verklebte Masse landete auf dem Boden. Du hast vor Ekel den Atem angehalten, als dir klar wurde, warum das Zimmer der jungen Frau noch schlimmer roch als deins.

»Ich hebe sie dort auf, um sie zu verbrennen«, sagte deine Mitbewohnerin teilnahmslos.

»Ja, das müssen Sie auch noch wissen.« Deine Vermieterin nickte und wandte sich dir zu. »Es muss mehr gezahlt werden, wenn eine meiner Toiletten verstopft.«

Nach der Vorstellung hast du Makos Bitte, Blessings genannt zu werden, ignoriert wie alle anderen im Haus. Sie verströmt Niedergeschlagenheit in erstickenden Wellen, die so schrecklich sind wie der widerliche Geruch.

Jetzt, mehrere Monate nach der Vorstellung, schließt Mako mit beiden Händen die Tür, kaum sind alle eingetreten. In der Sekunde, als das Schloss zuschnappt, beginnt die Rechtsanwaltsgehilfin zu weinen. Sie sackt auf den Boden. Dort rollt sich ihr dünner Körper zusammen, die Stirn vergraben in der Ellbogenbeuge. Die Finger krallen sich einen Bausch Taschentücher. Sie ist wie ein Tausendfüßler, der von neugierigen Kindern gestupst wird.

»Steh auf!«, befiehlt Bertha barsch, ihr Gesicht ausdruckslos.

»Was ist los, pfiku-pfiku, schnief-schnief, einfach so?«, sagt deine Mitbewohnerin streng. »Genug jetzt. Iwe, steh auf und sag’s uns.«

Deine Vermieterin holt tief Luft, als wollte sie singen. Bertha überlegt es sich rasch und reibungslos anders.

»Macht nichts. Macht gar nichts«, sagt sie und beugt sich über die zusammengebrochene Gehilfin. Sie hievt die junge Frau hoch.

»Nein, ich will einfach nur sterben. Mehr will ich nicht«, insistiert deine Mitbewohnerin, die nicht aufhören kann zu weinen. »Was soll ich tun?«, fährt sie fort und versucht, aus Berthas Griff zurück auf den Boden zu gleiten.

Bertha hält sie fest.

»Es gibt nichts anderes«, schluchzt die junge Frau.

»Shine!«, ruft Bertha. Ihre Stimme fliegt an der Wut vorbei und hält auf halber Strecke zwischen Abscheu und Amüsement an.

»Hi-hi! Hi-hi!« Mako weint immer lauter und bestätigt Berthas Verdacht.

Die neue Frau sieht aufmerksam zu, sagt aber nichts.

»Shine ist nicht da«, sagt die Vermieterin. »Er ist nicht gekommen, als ich ihn gerufen habe.«

Danach raten deine Vermieterin und Bertha Mako, sich das Gesicht abzuwischen.

Der gute Rat nützt nichts. Mako schluckt noch immer an Schleim und Tränen. Die Witwe sagt zu Christine: »Die hier heißt Makomborero.«

Christine nickt wortlos. Die Witwe tippt der Neuangekommenen auf die Schulter, um sie zum Gehen aufzufordern. Abgesehen davon, dass sie sich etwas schneller bewegt als üblich, verlässt Mai Manyanga das Zimmer so ruhig, als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen.

Die Tür fällt wieder ins Schloss. Du, Bertha und Mako seid allein. Es ist eine andere Zeit im Monat. Das Sargtuch der Fäulnis wiegt weniger schwer als bei deinem ersten Besuch.

»Shine«, sagt Bertha noch einmal, mit dumpfer Stimme.

Mako heult auf und sinkt wieder zu Boden.

Bertha steht vor ihr und weist sie an, nicht mehr umzufallen und sich zusammenzureißen.

Du gehst zur Tür. Bertha wendet sich auch zum Gehen und sieht aus, als ob ihr angesichts von Makos Zerbrechlichkeit schlecht wäre.

»Die Toilette«, schluchzt Mako, um sicherzustellen, dass ihr sie nicht allein lasst.

Du bleibst stehen, die Hand auf dem Türknauf.

»Die Bürste schrubbt so laut. Dann muss man spülen und weiter bürsten, deswegen habe ich nichts gehört«, keucht Mako. »Ich habe nicht gehört, dass er gekommen ist.«

Bertha zieht Mako aufs Bett.

Die Schultern der Rechtsanwaltsgehilfin beben. Ihre Stimme zittert. Sie bringt kaum heraus, dass Shine heimlich aus seinem Zimmer geschlichen ist.

»Oh, warum bin ich nur so dumm? Warum habe ich ihn nicht gehört?«, jammert sie und fällt mit Selbstvorwürfen über sich her. »Ich dachte, er wollte ausgehen. Warum habe ich mich nicht gewehrt?«

Deine Mitbewohnerin schluchzt, dass ihr Sterben genau da begonnen hat, mit ihrer Fehleinschätzung. Als sie sich vorneigte, um die Toilettenschüssel zu putzen, zwängte sich Shine herein und zwang sein Knie zwischen ihre Pobacken. Mehr als das sagt sie nicht, erzählt es immer wieder, variiert ihren gequälten Bericht des Vorfalls nur, um euch davon in Kenntnis zu setzen, dass ihre Agonie ewig andauern wird, weil sie jetzt, da es passiert ist, nicht weiß, wie sie das Sterben oder den Mitbewohner, der es verursacht hat, aufhalten soll.

Du hast die Episode auf dem Markt entschlossen hinter dir gelassen, als du bei Mai Manyanga eingezogen bist. Jetzt jedoch fällt dir Gertrude ein. Mako trägt sackartige Trainingshosen und langärmelige T-Shirts zum Putzen. Du hast sie nie in einem Minirock oder hautengen Leggings gesehen. Bei Gertrude war der Grund für das Geschehen für alle ersichtlich. Doch etwas Ähnliches ist Mako passiert. Dein Herz schlägt schneller. Du bist eine alleinstehende Frau. Dein Zimmer ist neben Shines. Werden ihn nach dem Überfall auf Mako dein Alter und deine allgemeine Unansehnlichkeit davon abhalten, auch dir nachzustellen? Du hoffst es und entfernst dich von deiner Mitbewohnerin in dem Wunsch, Distanz zwischen dich und der bedauernswerten jungen Frau zu bringen.

»Ist etwas passiert?«, fragt Bertha, als Mako sich ein wenig beruhigt hat.

»Ich habe euch gesagt, was passiert ist«, sagt Mako. »Er hat hinter mir seinen Spaß gehabt. Und ich habe gedacht, er soll nur fertig werden. Es soll vorbei sein. Lass ihn gehen. Deswegen habe ich nichts gesagt.«

»Nur das? Warum weinst du dann?«, fragt Bertha. »Er hat dir nicht gedroht? Er hat nicht gesagt, dass er wiederkommen wird? Mako, wenn du alle Frauen in deiner Arbeit, ja, alle Frauen überhaupt fragst, außer vielleicht Tambudzai da, dann wirst du erfahren, dass sich so gut wie alle so was gefallen lassen müssen.«

Berthas Stirn legt sich unsicher in Falten, als deine Mitbewohnerin daraufhin noch lauter schluchzt. Im gleichen Moment wird dir klar, dass es nichts gibt, was du sagen oder tun könntest, weil es schon passiert ist. Makos Weinen macht nichts ungeschehen. Da weder du noch Bertha weiter über die Ursache ihres Unglücks nachdenken wollt, verabschiedet ihr euch und erklärt Mako, dass ihr wieder mit ihr sprechen werdet, wenn sie sich unter Kontrolle hat. Aus dem einen oder anderen Grund geht ihr jedoch nicht.

Mako wirft sich flach aufs Bett und vergräbt das Gesicht in ihrem dünnen Kissen. Du schweigst, und auch Bertha ist jetzt verstummt. Sie streckt den Arm und zieht Mako die Trainingshose über den Hintern, die ein Stück weit heruntergerutscht ist.

Am Abend, als es dunkel ist und du dein versteckt aufbewahrtes Essen verspeist hast, weil das Unglück einer anderen kein Grund ist, dass dir der Appetit vergeht, wie deine Leute sagen, und weil es besser ist, heute Abend nicht in deinem Zimmer zu sein, sondern außer Hörweite des Seufzens und Stöhnens in Shines Schlafzimmer, plünderst du im Garten der Witwe das Gemüse für den nächsten Tag.

»Ich habe dein Paket«, sagt die Nichte deiner Vermieterin leise auf der Veranda des Häuschens. Sie sitzt so still, dass du sie nur wahrnimmst, wenn sie es will.

»Maismehl«, fährt sie fort. »Deine Leute zu Hause denken an dich.«

Dein Speichel wird bitter.

»Deine Mutter ist den weiten Weg zu uns gegangen, um es zu bringen. Sie hat gesagt, sorg dafür, dass du es dorthin bringst, wo meine Tochter ist. Und einen Brief. Den sie geschrieben hat. Sie sehen dich nicht, aber sie denken an dich. Deine Mutter hat gesagt, das soll ich dir ausrichten.«

Du schweigst lang. Christine zieht sich zurück, obwohl sie sich nicht bewegt, ihre Gestalt verschmilzt mit den Schatten.

»Deine Tante ist eine wunderbare Frau«, sagst du schließlich. »Sie ist so freundlich, so voller Liebe. Sie hat mir erlaubt, das Gemüse zu nehmen.«

»Soll ich es dir jetzt bringen?«, fragt Christine. Sie klingt nicht, als wollte sie aufstehen, die Frage eine reine Formalität.

»Nicht nötig«, sagst du. »Warum solltest du dir Umstände machen? Ich hole es morgen.«

Du verlässt den Garten mit einem kleineren Büschel Kohlblätter, als du vorhattest.

»Ich werde meiner Tante sagen, dass du dich bedankst«, sagt Christine.

»Bedanken?«

»Für das Gemüse«, sagt Christine.

6. Kapitel

Am nächsten Tag beschließt du, das Paket deiner Mutter nicht bei Christine abzuholen. An die Tür deiner Vermieterin zu klopfen, aufgefordert werden, dich zu setzen, ein Gespräch zu führen, das Bestandteil eines Besuchs ist, all das wird dich zu eindeutig mit deinem Dorf in Verbindung bringen. Dann wirst du still und mürrisch werden. Oder zu viel reden und zu viel über die Umstände deiner Familie erzählen. Mai Manyanga würde aus erster Hand das Ausmaß der Not in deiner Familie erfahren. Sie wird sich etwas zusammenreimen und merken, dass du zwar gebildet, aber trotzdem gescheitert bist. Die Kündigung könnte folgen, da du immer noch keine Arbeit hast.

Du verbringst den Morgen damit, deiner Cousine Nyasha einen Brief zu schreiben, die jetzt Filmemacherin in Deutschland ist. Du bittest sie um Rat hinsichtlich einer Auswanderung aus Simbabwe. Du willst nichts mehr als fort von dem unerbittlichen Terror jeden Tages, den du in deinem Land verbringst – in dem du dir nicht einmal mehr hin und wieder einen Klecks Erdnussbutter leisten kannst, um das Gemüse aus Mai Manyangas Garten aufzupeppen, oder den kleinen Trost parfümierter Seife –, indem du weggehst und Europäerin wirst. Du schickst den Brief nicht ab. Stattdessen zerreißt du ihn und lachst bitterlich über dich selbst: Wenn du dir in deinem eigenen Land kein Leben aufbauen kannst, wie dann in einem anderen? Wurde dir nicht die Flucht aus Armut und dazugehöriger kompletter Desillusionierung durch viele Jahre Schulbesuch von deinem babamukuru, deinem Onkel geboten, zuerst in seiner Mission, dann in einer hoch angesehenen Klosterschule? Das alles hast du durch deine eigensinnige Kündigung bei der Steers et al.-Werbeagentur weggeworfen. Du fragst dich, ob es schließlich nicht doch dein Schicksal ist, so notleidend zu werden wie dein Vater. Um die auf nicht wenigen Halbwahrheiten und vielen kleinen Lügen beruhende Wertschätzung, die dir deine Vermieterin vielleicht entgegenbringt, nicht zu gefährden, hältst du dich von ihrem Häuschen fern.

Da du dir den Umgang mit Mai Manyangas Nichte verboten hast, gewinnt sie natürlich an Faszination. Du bewunderst die Entschlossenheit, die sie zu einem wohlhabenderen Leben mit der Witwe geführt hat, verachtest ihre Liebe zu ihrem Zuhause – die so tief in ihrem Herzen begraben ist wie eure Nabelschnüre in der Erde eurer Dörfer – und erliegst einer nervösen Obsession.

Du spionierst ihr vom Fenster des Badezimmers aus nach. Die Nichte verbringt die meiste Zeit im Garten deiner Vermieterin und erledigt die Arbeit, die der Gärtner nicht macht. Von Zeit zu Zeit hält sie inne und schaut zu dem kleinen Fenster, als könnte sie dich sehen, dann nimmt sie ihre Arbeit wieder auf. Manchmal stellst du dir ein verwandtschaftliches Verhältnis mit dieser Frau vor, die Mai Manyanga ernsthaft konfrontiert hat, eine Leistung, die bislang nur Bertha erbracht hat.

Dein Herz schlägt ängstlich gegen deine Rippen, wann immer du ihr begegnest, doch zu deiner Erleichterung erwähnt Christine das Geschenk nicht mehr. Im Lauf der Zeit wächst sich ihr Schweigen jedoch zu einer wortlosen Verurteilung aus.

Sie wird zu einer wellenartigen Präsenz, die in deinen Orbit eindringt und ihn wieder verlässt. Wenn du glaubst, dass sie mit dir übereinstimmt, ist sie eine Sonne, die Wärme und eine seltsame unsichtbare Kraft verströmt; wenn nicht, scheint sie zu hell und heftig, ein Blitzstrahl, der darauf wartet einzuschlagen. Sie arbeitet im Garten mit der gleichen geschmeidigen Ruhe, mit der sie sich bewegt und auftaucht und wieder verschwindet, wo immer sie will. Sie verbindet den Wasserschlauch auf der ganzen Länge mit den kleinen Bewässerungsschläuchen. Ihre Miene verändert sich nicht, als sie in der Garage nach etwas sucht. Sie kommt zurück und betrachtet zwei Steinschleudern. Du beobachtest neidisch die Geschicklichkeit ihrer Finger, als sie Streifen schwarzen Gummis davon abreißt und den Schlauch damit repariert. Gewandt legt sie den Wasserspeier an die höchste Stelle eines Beets mit Setzlingen und schwingt die Hacke. Sie wässert die Wicken um das Häuschen der Witwe. Sie fegt die Betonplatte der Studentinnen. Sie sät Gras unter dem Guavenbaum. Sie ist eine Frau, die gut ist in dem, was sie tut. Und das ist faszinierend.

Die neue Frau schwitzt nicht, und du siehst auch nicht, dass ihr die Luft ausgeht. Sie ist zu ruhig bei der Arbeit, als wäre ihr Innerstes an einen fernen Ort geflüchtet, der keine Verbindung zu ihrem Körper hat. Ihr Blick, versteckt unter ihrem gleichmütigen Ausdruck, schweift weit über das Häuschen der Witwe hinweg. Sie starrt in den Schacht ihres Blicks, als würde sie sich, wenn es so weit ist, darin einfädeln und zu einem Ort gleiten, wo der Blick mit einer tiefen Sehnsucht zusammentrifft. Du hast diese Verhaltensweise schon einmal gesehen, dieses Sein, wo der Körper da und nicht da ist, bei deiner Schwester Netsai, die im Krieg war, ein Bein verloren und zu dir gesagt hat, als es hieß, dass jetzt Frieden herrscht: »Ja, ich war dort, und jetzt bin ich wieder da, aber ich bin nie zurückgekommen. Die meiste Zeit bin ich noch immer dort, wandere durch das Gras und über den Sand und suche mein Bein.«

Du wirst dünner und weißt nicht, ob du dich darüber freuen sollst oder nicht. Deine Haut ist matt, als würde eine dünne Membran die Verzweiflung einhüllen. Sie sagt den Leuten, dass du an deine Grenzen gestoßen bist; du willst nicht, dass sie es erfahren. Das Gemüse wird zu ekelhaft, um es noch zu essen, als zuerst das Öl und dann das Salz von deiner Einkaufsliste gestrichen werden, und du traust dich nicht, jeden Tag etwas aus Berthas oder Makos Flasche zu nehmen. Jede Minute aller vierundzwanzig Stunden verhöhnt dich mit dem, wozu du geschrumpft bist. Obwohl es scheinbar nicht sein kann, sind die Nächte noch schrecklicher, weil dein Mitbewohner Shine praktisch an jedem Tag der Woche eine andere Frau mit in sein Zimmer nimmt.

Die Begegnungen im Nebenzimmer werden von Nacht zu Nacht schriller, als würde Shine den Geräuschpegel seiner Frauen als eine Art Standard setzen. Du bemühst dich zu schlafen, und wenn du einschläfst, wirst du nahezu sofort wieder geweckt. Du versuchst zu lesen oder ziehst dir die Decke über den Kopf. Da Schlaf wie alles andere aussichtslos ist, stehst du aus dem Bett auf und starrst in den Garten hinaus in dem Wissen, dass dir der Mut zu allem fehlt, was du willst – zum Auswandern und zum Umgarnen der Söhne deiner Vermieterin.

Eines Abends mehrere Wochen nach Christines Ankunft hörst du, wie Shines Tür früher als üblich geöffnet wird. Schritte Richtung Tür kommen an deinem Zimmer vorbei. Dankbar für die Aussicht auf Ruhe legst du deine zerfledderten Zeitschriften weg und gehst ins Bett.

»Rufst du mich an?«, schmeichelt die Frau deines Mitbewohners im Flur.

»Mache ich«, versichert ihr Shine.

»Was, wenn du es nicht tust? Erreiche ich dich hier? Unter der Nummer, die du mir gegeben hast?«, fährt die Stimme wehleidig fort.

»Hast du Angst, dass ich dich vergesse?« Shine kichert.

»Sag das nicht. Das kannst du bestimmt nicht nach heute Nacht«, sagt die Frau mit einer Andeutung von Kichern.

»Keine Sorge.« Shines Stimme klingt dunkel und zäh wie Melasse. »Du bist keine Frau, die ein Mann vergessen will.«

Du bindest dir dein Tuch für die Nacht fest über die Ohren und vergräbst den Kopf unter dem Kissen.

Die Haustür wird geschlossen. Shines Füße tappen zurück in sein Zimmer und dann in sein Bad. Kurz darauf tröpfelt seine Dusche, spritzt gelegentlich unter dem ungleichmäßigen Druck des Stadtrats.

Du bist endlich eingeschlafen, als dein Türknauf gedreht wird und klappert.

»Tambudzai! Tambudzai!«, flüstert dein Mitbewohner.

Du hältst die Luft an und antwortest nicht, froh, dass die Tür verschlossen ist.

»Tambudzai. Keine Angst, lass uns nur ein bisschen plaudern«, tropft Shines Stimme zwischen Tür und Rahmen herein.

Dein Mund ist trocken und sandig, dein Herz pocht gegen deine Rippen, du rührst dich nicht.

»Schlampe«, haucht Shine in die Stille.

Du reagierst nicht.

»Jemanden wie dich auslassen heißt keine auslassen«, beschließt er.

Er geht in sein Zimmer. Stille kehrt zurück wie ein Fausthieb. Dann ist er wieder im Korridor. Er verlässt das Haus und kommt mehrere Stunden später mit einer lauten Partnerin zurück.

Noch später schreckt dich ein vorsichtiges leises Geräusch vom Rand des Schlafs auf.

Ta-ta-ta. Fingernägel klopfen gegen dein Fenster.

»Hörst du mich?«, fragt eine leise Stimme.

Ein starrendes Auge schimmert im Mondlicht.

»Wer wohnt da?«, flüstert die Frau um das Auge. Verschwommen und schattenhaft durch die rosa Vorhänge schiebt sich ihre schlaffe Gestalt näher ans Fenster.

»Hast du einen Schlüssel? Ich will, dass du die Tür aufmachst. Du musst mich reinlassen«, sagt sie.

Du weißt, dass sie dich durch den Spalt zwischen den Vorhängen sehen kann und ziehst sie auf. Du siehst ein zweigeteiltes Gesicht, eine Seite silbrig, die andere ebenholzschwarz.

»Du kennst mich doch, oder?«, sagt die Frau.

Du starrst sie an.

»Ich war letzte Woche hier«, fährt sie rasch fort. »Bei Shine. Erinnerst du dich?«

Sie klopft noch einmal, fester. Du öffnest das Fenster.

Die Frau entspannt sich leicht. »Sind alle so?«, fragt sie. Sie meint das Gitter vor dem Fenster.

Du nickst und sagst: »Außer bei der Toilette. Aber das ist winzig.«

»Mach mir die Tür auf«, bittet sie dich.

»Versuch’s dort.« Du deutest auf Berthas und Makos Fenster. »Ich habe meinen Schlüssel verlegt«, sagst du, als sie den Mund öffnet, um zu insistieren.

Tss, deine Besucherin saugt an ihren Zähnen. Sie gleitet die Mauer entlang, zertrampelt die Kapuzinerkresse, die Christine gewissenhaft gewässert hat. Kurz darauf erneutes Klopfen.

Minuten vergehen, du liegst wieder unter deiner Decke und fragst dich, ob es besser ist, dass die Frauen deines Mitbewohners in seinem Bett liegen oder draußen vor deinem Fenster stehen. Du kneifst die Augen zu, als ein Kichern in Shines Zimmer rasch unterbunden wird, und dir wird klar, dass du es mit beiden Optionen zu tun hast. Auf ein paar Augenblicke drückender Stille im Zimmer deines Mitbewohners folgt unverständliches Murmeln, dann kurzes Geflüster. Minuten später verrät dir ein dumpfer Schlag, dass jemand ungeschickt versucht, das kleine Toilettenfenster zu öffnen.

Türen quietschen, als deine Mitbewohnerinnen in den Flur kommen.

»Chi’i? Was ist los?« Makos Stimme dringt unter deiner Tür herein.

»Diese Frauen! Stören uns, damit wir gebissen werden von dem, was sie ausgegraben haben«, flüstert Bertha.

»Vielleicht ist sie gegangen?«, hofft Mako ängstlich.

»Pah! Sie wird weggehen, wohin sie sich selbst gefolgt ist«, höhnt Bertha. »Iwe, Mako, was für eine Frau tut das? Falls du einen hast, sag mir, wo du deinen Verstand versteckt hast.«

»Du wurdest gestört?«, flüstert Mako und beschwichtigt Bertha mit Mitgefühl. »Sie hat auch an mein Fenster geklopft.«

»Warum sollte ich sonst rauskommen?«, schnauzt die große Frau. »Ich habe zu dem Mädchen gesagt, hör auf zu klopfen, als wär’s dein Fenster. Und ich habe gesagt, weißt du denn nicht, dass es nicht das Fenster deines Mannes ist? Jetzt schau sie dir an, sie glaubt, dass man Zucker nicht mit dem eigenen Geld kauft, sondern mit Shines blöden Geschlechtsteilen.«

»Dem nachzulaufen«, pflichtet ihr Mako mit zittriger Stimme bei.

Bertha kichert hässlich, wie es ihre Gewohnheit ist, wenn sie sich am Unglück anderer weidet.

»Ha, ich wette, seine Mutter vergießt Tränen, weil sie sich um ein halbes Dutzend, wenn nicht gar um ein ganzes Dutzend Kinder kümmern muss. Wenn ich Shines Mutter wäre, würde ich ihn verschlingen. Ich würde ihn ausscheiden wie Scheiße, und damit wäre die Sache erledigt«, sagt sie.

»Pst«, warnt Makomborero sie. »Was, wenn er dich hört?«

»Das werden wir schon sehen!«, gluckst Bertha.

Während sich deine Mitbewohnerinnen unterhalten, setzt im Garten deiner Vermieterin ein Medley aus gellenden Schreien ein.

Du stolperst aus dem Bett, deine Füße tasten nach den Turnschuhen. Obwohl du nichts mit der ganzen Aufregung zu tun haben willst, musst du informiert sein, um deiner eigenen Sicherheit willen. Da du nicht in deinem ausgefransten Nachthemd mit den fehlenden Knöpfen gesehen werden willst, ziehst du Jeans und ein T-Shirt an.

Bertha zieht die Haustür auf, als du den Flur betrittst. Sie geht hinaus. Mako eilt ihr nach, und du folgst ihnen.

Im Garten bindet sich deine Vermieterin hastig ein Sambia-Wickeltuch um den Bauch, während sie sich von der Seite ihres Häuschens nähert.

Sie, du, Bertha und Mako versammelt euch und schaut über das struppige Gras. In der Mitte dieses Versuchs mit Rasen, an einer sandigen Stelle, kämpft die neue Frau mit ihrer Kleidung.

Sie trägt eine helle Bluse mit bauschigen Rüschen vorn, als wäre sie für ein Abendessen angezogen. Eine schmale dunkle Hose vervollständigt das Outfit. Sie fummelt zuerst an den Knöpfen ihrer Bluse herum, dann an den Knöpfen ihrer Hose. Entsetzt siehst du zu, wie sie an ihrem Reißverschluss zerrt.

»Siehst du«, schreit die Frau.

»Schau her. Ich ziehe meine Kleider aus, Shine. Ich werde es tun. Und ich will sehen, was du tun wirst.«

»Kachasu«, sagt Bertha. »Oder Zed. Ich habe noch nie eine Frau erlebt, die schwarzgebrannten Schnaps verträgt.«

Deine Augen werden feucht, während du zusiehst. Die Raserei der Frau spiegelt die Panik wider, die dich ein paar Stunden zuvor überwältigt hat, als Shine vor deiner Tür stand. Was hättest du getan, wenn ein Mann wie Shine, ein Buchhalter mit einem Job, aufmerksam auf dich geworden wäre? Berthas Worte klingen harsch in deinen Ohren. Dein Magen zieht sich zusammen, als du an Gertrude und den Stein in deiner Hand denkst. Du weichst vor Bertha und deinen Erinnerungen zurück, rückst näher an Mai Manyanga.

Die Frau zieht ihre Bluse aus und schleudert sie davon. Das Kleidungsstück bleibt an einem Büschel Pampasgras hängen. Ihre Hände kriechen über ihre Schultern und schieben die Träger ihres BHs herunter. Wieder und wieder fummeln ihre Finger. Als sie sich zu ihrem Reißverschluss vorgearbeitet hat, schnaubt nicht einmal mehr Bertha, denn die Wut der Frau quillt aus ihr heraus und raubt wie Rauch allen die Luft.

Deine Vermieterin bricht den Bann, indem sie gereizt tief einatmet. Sie blickt zu Shines Zimmer, in dem kein Licht brennt, dann zurück zu der wütenden Frau.

»Shine ist verschwunden. Wurde aber auch Zeit!«, sagt Bertha und grinst.

Du und Mako pflichtet ihr bei, woraufhin Bertha hinzufügt: »Ich habe die ganze Zeit still gewartet. Ich möchte jemand von meiner Arbeit hierherbringen.«

Witwe Manyanga flüstert verärgert: »Was macht das kleine Ding da?«

Deine Vermieterin benutzt das Präfix ka, um Shines Frau zu beschreiben, nennt sie ein kleines, dummes Objekt, das die Aufmerksamkeit nicht wert ist.

»Wer hat ihr gesagt«, ruft deine Vermieterin, »dass man hier so etwas tun kann? Wo hat sie das gehört? Dass ich hier ein Bordell führe?«

Bertha schnaubt auf eine Weise, die viele Antworten auf die Fragen der Witwe impliziert. Du bleibst stumm, und Mako zittert.

Die halb nackte Frau schreit weiter. Sie triumphiert über ihren Reißverschluss. Sie schiebt die Hose über ihren Hintern, windet sich und hüpft wie die Tänzerin einer die Hitparade stürmenden Rumba-Truppe.

Bertha lacht, unterbricht deine Vermieterin mitten in großer Empörung. Die Witwe nutzt die Unterbrechung, um ihre Optionen zu sichten, zieht ihr Sambia-Tuch nach oben, schiebt die Schultern zurück und holt tief Luft.

»Maria!« Mai Manyanga öffnet ihre Lunge und wirft die rechte Hand hoch. Diese Geste tröstet dich so sehr, dass du froh bist, neben ihr zu stehen.

»Maria na Marita vakataura naIshe«, grölt die Witwe und lässt ihrer Stimme zum ersten Mal seit ihrer Zeit des Schweigens in einem Gebrüll rechtschaffener Empörung freien Lauf.

Entsetzt über die Ereignisse der Nacht, hebst du ebenfalls die rechte Hand. Dann hebst du auch den anderen Arm und schwenkst beide im Rhythmus der Witwe.

»Vakataura naIshe, dai magara pano, Lazaro haaifa«, bellt Mai Manyanga. »Wenn du geblieben wärst, Herr, wäre Lazarus nicht gestorben.«

Deine Vermieterin schwankt ekstatisch, beide Hände über dem Kopf, die Handflächen der Frau zugewandt, die auf dem Rasen strippt.

Mako senkt den Kopf, faltet die Hände, bewegt die Lippen. Du beginnst zu summen.

Bertha geht zur Bluse im Pampasgras. Sie hebt sie auf und stapft ein paar Schritte weiter.

»Zieh dich an«, sagt Bertha und wirft der Frau das Kleidungsstück zu. »Du machst uns allen hier Schande.«

Deine Vermieterin beendet ihr Lied.

»Ja, bedeck dich«, sagt sie, nachdem sie ihre eigene Aufregung mit dem Lied beruhigt hat. »Und dann verschwinde!«

Shines Frau steht da, die Hose um die Knöchel, den Blick auf die Bluse zu ihren Füßen gerichtet, und weiß nicht, was sie tun soll.

»Dumme Mädchen«, höhnt deine Vermieterin. »Was kann ihnen dieser Junge geben? Ein Paar Schuhe? Sie sollten sich an uns ein Beispiel nehmen«, fährt die Witwe fort. »Sie müssen von ihren älteren Schwestern lernen. Denn einen Mann zum Heiraten zu finden, ist kein Spiel. Es ist so schlimm wie Krieg, und man muss wissen, wie man kämpft.«

Du summst weiter, die Arme erhoben, und wedelst mit den Händen, um deine Vermieterin zu unterstützen.

Dieser Rückhalt scheint sie zu inspirieren.

»Warum sich hinlegen.« Sie zuckt die Achseln und wendet Shines Frau den Rücken zu. »Warum, wenn du nichts dafür bekommst?«

Sie überlegt es sich anders, geht nicht, sondern bleibt neben dir stehen.

»Bleibt stehen, sage ich«, mahnt sie. »Und haltet eure Beine zusammen. Damit bei diesen Männern alles dortbleibt, wo es sein soll. Ist das nicht richtig, vasikana?«

Müde lässt du die Arme sinken. Mai Manyanga versteht deine Erschöpfung als Signal, wendet sich ihrem Häuschen zu und erklärt: »Wir werden das Feuer des Heiligen Geistes auf was immer niederfahren lassen, das dieses alberne Ding in meinen Garten geführt hat. Wir werden beten, dass ihr vergeben wird. Denkt dran, Mädchen, das Königreich Gottes wird nur mit Gewalt eingenommen. Lasst uns heute Nacht gewalttätig sein und um Vergebung beten.«

»Wir sind müde«, wendet Bertha ein. »Außerdem muss die da beobachtet werden«, fährt sie rasch fort, um Mai Manyangas Protest zu unterbinden. »Sie könnte wieder anfangen und einen Fluch auf uns alle herunterschreien, denn deswegen ist sie gekommen. Mako und ich werden sie durch die Vorhänge genau im Auge behalten.«

»Lass uns auf die Knie gehen«, schlägt dir deine Vermieterin vor. »Du und ich, Tambudzai. Wir werden für diese Frau beten.«

Ergriffen von dem Bedürfnis zu beten, blickt sie hinunter auf den Kies, beschließt jedoch, nicht darauf zu fallen. Stattdessen füllt Witwe Manyanga erneut ihre Lunge und brüllt noch einmal ihr Lied.

»Hat irgendjemand gesagt, dass ich irgendwohin gehe?«, ruft Shines Frau. Ihre Stimme wird lauter, bis sie wie ein nörgelnder Stern in der Nacht hängt. »Passt bloß auf. Passt einfach nur auf. Das hier ist die richtige Adresse. Ich gehe nirgendwohin.«

Christine sitzt schon die ganze Zeit unter dem Jacarandabaum neben dem Tor, so still und ruhig, dass weder du noch deine Gefährtinnen sie bemerkt haben.

»Also, Schwester, was ist los?«, ruft die Nichte der Vermieterin.

Mai Manyanga erstarrt. Sie ignoriert ihre Nichte, bringt ihren Mund nahe an dein Ohr und sagt: »Tambudzai, komm mit.« Dann stolziert sie davon.

Du eilst ihr nach, froh, den Tatort verlassen zu können.

»Geh und sag Christine, dass sie die Frau loswerden soll«, sagt deine Vermieterin. »Und dann soll sie das Tor verriegeln. Diese Frau darf keine Dämonen hier reinbringen.

Kommt her, um so etwas zu tun!«, murmelt die Witwe, als sie weitergeht. »Habe ich eine Spelunke? In VaManyangas Garten! Tsts, warum glaubt sie, dass sie sich bei VaManyanga aufführen kann, wie sie will?«

Als du mit Mai Manyangas Anweisung zurückkehrst, steht Christine bereits auf dem Rasen und drängt die Frau, sich wieder anzuziehen. Shines Frau lässt sich beruhigen, und bald geht ihr zu dritt zum Tor.

»Da.« Christine hält ihr ein Paar Schuhe hin, lehnt sich an den Torpfosten und sieht zu, wie Shines Frau hineintritt.

»Jetzt geh und komm nicht zurück«, sagt Christine, als die Frau fertig angezogen ist.

Shines Frau zögert.

»Weg da«, drängt Christine.

Christine steht wortlos Wache, als Shines Frau zu einem dunklen Fleck schrumpft, sich im silbernen Mondlicht bewegt, das die schlaglöchrige Straße flutet. Du lässt dich auf einen großen Granitstein unter dem knorrigen Baum sinken, zuinnerst wieder einmal zerrissen, ohne zu wissen, warum, und kämpfst mit den Tränen.

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25 kasım 2025
Hacim:
381 s. 3 illüstrasyon
ISBN:
9783944666990
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