Kitabı oku: «Sexuelle Orientierungen und Geschlechtsentwicklungen im Kindes- und Jugendalter»

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Der Autor


Udo Rauchfleisch studierte Psychologie an den Universitäten Kiel und Lubumbashi/Kongo. In den ersten vier Jahren seiner Berufstätigkeit arbeitete er in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im LKH Schleswig. Im Anschluss daran war er 30 Jahre Leitender Psychologe in der Psychiatrischen Universitätspoliklinik Basel und ist seit 1999 in Basel als Psychotherapeut für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in privater Praxis tätig.

Seine psychotherapeutische Ausbildung hat er 1981 am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) in Freiburg/Br. abgeschlossen. Er ist Mitglied der DPG und der DGPT sowie verschiedener anderer Fachgesellschaften.

Von 1978 bis zu seiner Emeritierung 2007 war er Professor für Klinische Psychologie an der Universität Basel, ist weiterhin als Dozent und Supervisor in der psychotherapeutischen Ausbildung und als Gastprofessor an verschiedenen in- und ausländischen Universitäten und Fachhochschulen tätig.

Seine Forschungsschwerpunkte sind neben Theorie und Praxis der Psychoanalyse Dissozialität, Persönlichkeitsstörungen, musikpsychologische und theologisch-psychologische Grenzgebiete sowie Homosexualität und Transidentität/Transgeschlechtlichkeit.

Udo Rauchfleisch

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1. Auflage 2021

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© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-039210-6

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Inhalt

1  Vorwort

2  1 Wie entstehen die sexuellen Orientierungen und die Geschlechtlichkeiten?

3  1.1 Die Ausgangslage

4  1.2 Zur verwendeten Terminologie

5  1.3 Ein Modell der Geschlechtsentwicklung und der Entwicklung der sexuellen Orientierungen

6  1.4 Fazit

7  1.5 Welchen Nutzen haben die Fragen nach dem »Warum« und die verwendeten Kategorisierungen?

8  2 Gibt es Entwicklungsbedingungen von homosexuellen, bisexuellen und Kindern mit Transgeschlechtlichkeit, die von denen der cis und heterosexuellen Kinder abweichen?

9  2.1 Das Hineinwachsen in eine Welt, die sie anders erwartet als sie sind

10  2.2 Durchlaufen eines Coming Out-Prozesses

11  2.3 Auseinandersetzung mit negativen Klischeebildern

12  2.4 Diskriminierungen

13  2.5 Auslösen von Irritation in der Umgebung

14  2.6 Fehlende Vorbilder

15  3 Folgen des »Andersseins«

16  3.1 Das Erleben von Stress

17  3.2 Verinnerlichte Homo- und Transnegativität

18  3.3 Psychische Störungen als Folge des »Andersseins«

19  4 Segen und Fluch des Internets

20  5 Therapeutische Aspekte

21  5.1 Voraussetzung: gay- und transaffirmative Haltung der Professionellen

22  5.2 Behandlung psychischer Störungen

23  5.3 Bearbeitung der Traumatisierungen und der verinnerlichten Trans- und Homonegativität

24  5.4 Begleitung des Coming Out-Prozesses

25  5.5 Einbezug von Eltern, weiteren Angehörigen, Lehrer*innen, Arbeitgeber*innen und anderen wichtigen Bezugspersonen

26  5.6 Begleitung von Eltern, Verweis auf fachliche Hilfe für die Eltern

27  5.7 Vermittlung von LGBTIQ*-Gruppen

28  5.8 Unterstützung von trans Kindern und Jugendlichen bei medizinischen und juristischen Schritten

29  5.8.1 Medizinische Behandlungen

30  5.8.2 Juristische Schritte

31  5.9 Resilienzfaktoren und Ressourcen

32  6 Ein »gelingendes« Leben als trans, bi- und homosexueller junger Erwachsener

33  Literatur

34  Stichwortverzeichnis

Vorwort

Ein Buch über die bi- und homosexuellen Orientierungen und die Transgeschlechtlichkeit bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mag für manche Leserinnen und Leser kein besonders dringliches Thema sein. Dreht sich in der Gegenwart in den Medien nicht schon enorm viel um die Sexualität mit ihren verschiedenen Spielarten? Bedeutet die Publikation eines Buches wie des vorliegenden in diesem Fall nicht lediglich, einem modischen Trend zu folgen?

Dies scheinen auf den ersten Blick berechtigte kritische Einwände zu sein. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass in den Medien zwar viel die Rede von sexuellen Orientierungen und von Geschlechtlichkeit ist. Diese Themen sind aber oft in reißerischer, eher oberflächlicher Form aufbereitet und betreffen nicht die tieferen emotionalen Schichten der Menschen, über die berichtet wird.

Hinzu kommt, dass das Thema Sexualität in der psychotherapeutischen Fachliteratur zwar im Rahmen von Darstellungen der menschlichen Entwicklung diskutiert wird. Es geht dabei aber fast ausschließlich um die heterosexuelle Orientierung und die für die Majorität der Gesellschaft geltende Cisidentität1, d. h. die Identität entspricht der nach der Geburt erfolgten Geschlechtszuweisung. Alle anderen sexuellen Orientierungen und Varianten der Geschlechtsentwicklung hingegen werden höchstens als »Abweichungen von der Norm« und damit häufig als »pathologisch« wahrgenommen und diskutiert.

Mit einer solchen verengten Sicht werden wir den verschiedenen Varianten der menschlichen Sexualität und Identität jedoch in keiner Weise gerecht. Es gilt vielmehr, die Fülle von Orientierungen und Identitäten wahrzunehmen und deren Bedeutung gerade im Hinblick auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu würdigen. Dazu gehört neben der heterosexuellen Orientierung und der Cisidentität auch die vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit den davon abweichenden Orientierungen und Identitäten.

Aus diesem Grund haben mich die Herausgeber*innen der Reihe »Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen« gebeten, das vorliegende Buch zu schreiben. Wir haben miteinander überlegt, ob auch das Thema »Regenbogenfamilien« in diesem Buch Platz fände. Gemeinsam haben wir aber beschlossen, dass dieses wichtige Thema nicht nur am Rande behandelt werden sollte, sondern ein eigenes Buchprojekt benötigt. Es passt auch letztlich nicht in den Kontext des vorliegenden Buches, da die in Regenbogenfamilien aufwachsenden Kinder ja mehrheitlich heterosexuell sind.

Das erste Kapitel ist der Frage gewidmet, wie die sexuellen Orientierungen und die Transgeschlechtlichkeit entstehen ( Kap. 1). Es wird sich – vielleicht zum Erstaunen etlicher Leser*innen – zeigen, dass wir auf diese Frage kaum Antworten haben. Umso wichtiger ist es aber, dass wir uns mit diesen Entwicklungsprozessen auseinandersetzen, wenn es um Kinder und Jugendliche geht.

Es ist bekannt, dass Heranwachsende, die vom Mainstream abweichen, sich selbst oft als »anders« als ihre Peers erleben. In welchen Lebensbereichen und in welchen Formen sich dieses »Anderssein« präsentiert, werde ich in Kapitel 2. diskutieren. Die theoretischen Ausführungen werden hier wie auch in den anderen Kapiteln durch kasuistische Beispiele veranschaulicht. Dabei habe ich aus Diskretionsgründen jeweils Elemente aus den Biografien und Lebensumständen verschiedener Kinder und Jugendlicher und ihrer Familien zu kasuistischen Beispielen zusammengefügt, so dass eine Identifikation bestimmter realer Personen nicht möglich ist ( Kap. 2).

Das »Anderssein« in Form der Abweichung hinsichtlich der sexuellen Orientierungen und der Identitäten vom Mainstream hat allerdings für die betreffenden Heranwachsenden und ihre Familien negative, mitunter sogar verhängnisvolle Folgen. Diesen Folgen ist das Kapitel 3. gewidmet ( Kap. 3).

Die heutige Welt ist, insbesondere für Kinder und Jugendliche, kaum noch vorstellbar ohne das Internet und die Social Media. Gerade für die Heranwachsenden, um die es in diesem Buch geht, spielt das Internet mit seinen Blogs und Foren eine wichtige Rolle. In Kapitel 4. werde ich aufzeigen, dass diese virtuelle Welt für sie Segen und Fluch zugleich ist ( Kap. 4).

Im Alltag treffen wir in Kindertagesstätten und Schulen, in den Familien und in den verschiedenen anderen Kontexten zwar zumeist mit psychisch gesunden Kindern und Jugendlichen mit homosexuellen Orientierungen und Transgeschlechtlichkeit zusammen. Die in therapeutischen Berufen Arbeitenden haben es jedoch häufig mit einem anderen Segment, nämlich mit Heranwachsenden mit psychischen Störungen der verschiedensten Art und Ätiologie zu tun. Die bei diesen Kindern und Jugendlichen einzusetzenden therapeutischen Interventionen werde ich in Kapitel 5. darstellen. Dabei werde ich die Voraussetzungen diskutieren, die für konstruktive therapeutische Interventionen bei ihnen notwendig sind, werde auf die Behandlung von Heranwachsenden mit psychischen Störungen im engeren Sinne eingehen und werde darstellen, wie wichtig es gerade bei diesen Heranwachsenden ist, ein breiteres Umfeld mit in die Behandlung und Begleitung einzubeziehen ( Kap. 5). Zu den therapeutischen Interventionen gehören schließlich auch die Suche und Aktivierung von Ressourcen und Resilienzfaktoren.

Die kindliche Entwicklung mündet in die Adoleszenz und das Erwachsenenleben. An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob und wie es Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit von der Majorität abweichenden sexuellen Orientierungen und Identitäten gelingen kann, ein befriedigendes, selbstbestimmtes Leben zu führen. Es geht dabei um Selbstakzeptanz und das, was auch als Gay- und Transpride, als Stolz auf die eigene Orientierung und Geschlechtlichkeit, bezeichnet wird ( Kap. 6).

Das vorliegende Buch richtet sich nicht nur an Fachleute aus therapeutischen und pädagogischen Berufen. Es möchte daneben auch Eltern, junge Erwachsene und generell Menschen erreichen, die sich mit den Fragen nach den sexuellen Orientierungen und nach dem Wesen der Geschlechtsentwicklung auseinandersetzen wollen. Vielleicht regt es auch zu fruchtbaren Diskussionen zwischen den Generationen an.


Basel, im Sommer 2020Udo Rauchfleisch

1 Ich werde in diesem Buch die Schreibweise Leser*innen, Therapeut*innen etc. verwenden, wobei das Sternchen als Platzhalter fungiert und übergreifend alle Geschlechter, auch die nicht-binären, bezeichnet. Außerdem verwende ich, entsprechend den aktuellen Gepflogenheiten, cis und trans als Adjektive, es sei denn, sie wären Teil eines Substantivs. Die Pluralformen von Identitäten und Orientierungen sollen darauf hinweisen, dass wir es innerhalb jeder Kategorie jeweils mit einem weiten Spektrum zu tun haben.

1 Wie entstehen die sexuellen Orientierungen und die Geschlechtlichkeiten?
1.1 Die Ausgangslage

Die Fragen nach dem »Wie« und »Warum« sind Fragen, die bei den verschiedensten Themen nicht nur den wissenschaftlichen Diskurs prägen, sondern die auch in privaten Gesprächen und in den Medien immer wieder auftauchen. Interessant – und für das Thema dieses Buches wichtig – ist dabei, dass diese Fragen im Allgemeinen nur bei den Themen gestellt werden, die ungewöhnlich oder fremdartig erscheinen. Bei Themen und Phänomenen hingegen, die als »selbstverständlich« betrachtet werden, tauchen Fragen nach dem »Wie« und »Warum« praktisch nicht auf.

Im Hinblick auf die Geschlechtsentwicklung und die sexuellen Orientierungen bedeutet dies, dass die Entwicklung der Cisgeschlechtlichkeit, d. h. der Nicht-Transgeschlechtlichkeit (s. u.), und der Heterosexualitäten im Allgemeinen auch im wissenschaftlichen Bereich nicht diskutiert werden. Sie werden in unserer von der Cis- und der Heteronormativität geprägten Gesellschaft als »normal« und »selbstverständlich« betrachtet, und es finden sich dazu auch keine Forschungsbefunde. Hingegen sind die davon abweichenden Entwicklungen wie die Transgeschlechtlichkeit und die Homo- und Bisexualitäten Gegenstand vieler Untersuchungen und werden zum Teil sehr kontrovers diskutiert.

Gerade im Umgang mit Kindern und Jugendlichen liegt es nahe, sich Gedanken über die Entwicklung dieser Phänomene zu machen. In diesem Fall müssen wir jedoch das ganze Spektrum ins Auge fassen, d. h. wir müssen die Cis- ebenso wie die Transgeschlechtlichkeiten und die Homo- und Bisexualitäten ebenso wie die Heterosexualitäten berücksichtigen.

An diesem Punkt der Diskussion sehen wir uns unverhofft mit einem Problem konfrontiert: Wie erwähnt, sind zwar verschiedene Theorien und Hypothesen zur Entwicklung der Transgeschlechtlichkeit und der Homo- und Bisexualitäten entwickelt worden. Die Fragen nach dem »Wie« und »Warum« der Cisgeschlechtlichkeit und der Heterosexualitäten sind jedoch ein weißer Fleck auf der wissenschaftlichen Landkarte. Es ist deshalb notwendig, aus den uns vorliegenden Hypothesen aus verschiedenen Wissenschaftszweigen die wichtigsten und am plausibelsten erscheinenden Aspekte herauszudestillieren und auf dieser Grundlage ein mehr oder weniger konsistentes Konzept zu formulieren.

Mit dieser vorsichtigen Formulierung möchte ich darauf hinweisen, dass uns über die Entwicklung der Geschlechtlichkeit und der sexuellen Orientierungen keine wirklich verlässlichen, evidenzbasierten Befunde vorliegen. Wir bewegen uns hier lediglich auf dem Terrain von Hypothesen. Ich beziehe mich im Folgenden unter anderem auf die Konzepte von Stoller (1968), Reiche (1997), Mertens (1992) und Ermann (2019) sowie auf verschiedene eigene Publikationen (2011, 2016, 2019a, 2019b).

1.2 Zur verwendeten Terminologie

An dieser Stelle sei noch auf einige terminologische Probleme hingewiesen. In der Fachliteratur ebenso in den Stellungnahmen der LGBTIQ*-Community2 werden unterschiedliche Begriffe mit je spezifischem Bedeutungsgehalt verwendet und – mitunter vehement – abgelehnt oder verteidigt. Dies gilt beispielsweise für den Identitätsbegriff.

Es ist den Kritiker*innen zuzustimmen, die bemängeln, dass der Identitätsbegriff mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird. So weichen die Identitätskonzepte, wie sie in der Philosophie, in der Mathematik, im rechtlichen Kontext und in der Psychologie (als Ich-Identität) verwendet werden, erheblich voneinander ab (Benedetti & Wiesmann, 1986). Zudem ist die Identität auch im psychologischen Bereich keine klar umrissene Persönlichkeitseigenschaft, zumal sie von verschiedenen Autor*innen unterschiedlich definiert wird. Sie weist vielmehr einen prozesshaften Charakter auf und kann aus diesem Grund weniger eindeutig beschrieben werden.

Eine Konsequenz dieser zum Teil erheblich voneinander abweichenden Bedeutungen des Identitätsbegriffs ist, dass die interdisziplinäre Kommunikation darunter leidet. Ein aktuelles politisches Beispiel ist der – bedauerliche – Entscheid des Schweizer Bundesrats (aus dem Jahr 2019), Menschen mit Transgeschlechtlichkeit nicht in das neue Antidiskriminierungsgesetz aufzunehmen, da es bei ihnen um die Identität gehe, die aber nicht eindeutig definierbar sei.

Im Vorwort der Publikation einer interdisziplinären Ringvorlesung an der Universität Basel zum Thema Identität unterscheidet Benedetti (1986, S. 7) bei der Ich-Identität eine vertikale und eine horizontale Linie.

»Auf der vertikalen Linie findet Ich-Identität als Integration von entwicklungsbedingten Ich-Zuständen statt, die im unbewussten und bewussten Gefühl des Selbst, des Person-Seins verdichtet werden und manchmal in herausfordernden lebensgeschichtlichen Momenten in die helle Erkenntnis münden: ›Das bin ich!’ ›Das will ich sein!’«

Auf der horizontalen Linie der Ich-Identität werden »verschiedene, auch gleichzeitige soziale Rollen im einheitlichen Selbstgefühl und im Bild, das die Sozietät von uns entwirft, integriert. Diese horizontale Linie verbürgt die Befriedigung der Ansprüche verschiedener Rollen, in denen die Person sich erfüllt« (Benedetti, 1986, S. 7).

Einen wesentlichen Beitrag in der psychologischen Auseinandersetzung mit der Ich-Identität hat Erikson (1966) geleistet. Für Erikson bedeutet die sich in Stufen lebenslang entwickelnde Ich-Identität, sich einem Kollektiv zugehörig zu fühlen und sich dabei zugleich als einmaliges Individuum zu wissen. Es ist das, was Kohut (1973) als »Selbst« bezeichnet hat, als Kern unserer Persönlichkeit, der durch die Interaktion zwischen Eltern und Kind geformt wird. In einem ähnlichen Sinne spricht Mead (1968) davon, dass die Bildung der Identität von den sozialen Interaktionen über Sprache und andere Mittel der Kommunikation abhängt.

Wie diese Umschreibungen der Ich-Identität zeigen, besteht trotz etlicher Divergenzen zwischen den verschiedenen Sichtweisen der Autor*innen insofern doch Einigkeit, dass die von Benedetti (1986) beschriebene vertikale (psychologische) und die horizontale (soziale) Dimension in enger Wechselwirkung miteinander stehen. Die eine ist ohne die andere nicht denkbar.

Das Resultat dieser Interaktion ist die Ich-Identität, in der sich die verschiedenen Facetten der Persönlichkeit zu einer Ganzheit zusammenfügen und dem Individuum trotz aller Veränderungen im Verlauf des Lebens das Gefühl der Kohärenz und Konsistenz in Bezug auf die eigene Person vermitteln. Bei der Entstehung der Ich-Identität ist die erwähnte Wechselwirkung zwischen dem Individuum und seinen Bezugspersonen von zentraler Bedeutung. Es ist das dialogische Prinzip, das der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber (1936) mit dem Hinweis umschrieben hat, dass wir am Du zum Ich werden.

Kritik am Identitätsbegriff ist von verschiedenen Seiten formuliert worden. Es sind vor allem Autor*innen, die eine somatische Ätiologie der Entwicklung von cis, trans und anderen Formen der Geschlechtlichkeit postulieren. Nach ihrer Ansicht ist der Begriff »Identität« zu schwammig, ihm fehle die Evidenzbasierung, und er ist ihnen zu stark mit Pathologiekonzepten assoziiert. Zu dieser negativen Konnotation hat wesentlich die ICD-Formulierung »Störungen der Geschlechtsidentität« mit der darunter subsumierten Diagnose »Transsexualismus« beigetragen. Kritische Äußerungen dieser Art kommen zum Teil auch aus der LGBTIQ*-Community.

Aus diesem Grund ist der Transsexualismus aus neurowissenschaftlicher Perspektive als eine Form hirngeschlechtlicher Intersexualität, als »neurointersexuelle Körperdiskrepanz« (Diamond, 2006, 2016; Haupt, 2016), beschrieben worden. In einer neueren Arbeit hat Haupt (2019) diese Auffassung weiter differenziert und sich von der Bezeichnung der Neurointersexualität distanziert. Die Autorin verwendet nun den allgemeineren Begriff der »Geschlechtsentwicklung«, wobei sie vier Varianten unterscheidet:

• (überwiegend) männliche Varianten (frühere Begriffe: Transmänner, Frau-zu-Mann, transsexuelle Männer, männliche Transgender usw.),

• (überwiegend) weibliche Varianten (frühere Begriffe: Transfrauen, Mann-zu-Frau, transsexuelle Frauen, weibliche Transgender usw.),

• alternierende Varianten (frühere Begriffe: Bigender, Gender fluid, partiell Cross Dresser usw.),

• gemischt-manifeste Varianten (Früherer Begriff: non binär).

Mit diesem Konzept möchte die Autorin die bisher weit verbreiteten Pathologiekonzepte vermeiden und an die für die Betreffenden selbst relevante subjektive Phänomenologie anknüpfen. Der Vorteil des Begriffs der »Geschlechtsentwicklung« ist, dass er sich außerhalb der Pathologiekonzepte bewegt.

Bei der Arbeit an diesem Buch war ich zur Überzeugung gekommen, es sei günstig, diesen vorurteilsfreien Begriff der »Varianten der Geschlechtsentwicklung« zu übernehmen. Nach reiflicher Überlegung habe ich mich nun aber doch entschlossen, diesen Begriff nicht zu verwenden, da er schon für ein anderes Phänomen, nämlich für Menschen mit Intergeschlechtlichkeit, vergeben ist (Deutsche Gesellschaft für Urologie, 2016). Ihn hier in einem anderen Sinne zu verwenden, würde unweigerlich zu Konfusionen geführt haben.

Auf der Suche nach einem anderen Begriff, der möglichst vorurteilsfrei ist und sowohl die körperliche als auch die psychische Dimension berücksichtigt, bin ich auf den Begriff der »Transgeschlechtlichkeit« gestoßen, der immer wieder in der Diskussion um »Transsexualismus«, »Transgender«, »Transidentität«, »genderqueer« etc. auftaucht. Ich werde ihn deshalb in diesem Buch verwenden, weil er mir am besten geeignet erscheint, darauf hinzuweisen, dass das Phänomen »Trans« die Person als Ganze, körperlich wie psychisch, betrifft.

Gleichwohl werde ich in diesem Buch neben dem Begriff der Transgeschlechtlichkeit auch den der Identität verwenden. Im Sinne der erwähnten körperlich-seelischen Ganzheit stellen diese Begriffe für mich keinen Widerspruch dar. Vielmehr betrachte ich sie als zwei Aspekte desselben Phänomens, wobei einmal die psychologische Ebene (Identität) und einmal die somatische Ebene (Geschlechtlichkeit) thematisiert wird.

Wie meine Ausführungen über die verschiedenen Konzepte der Identität gezeigt haben, ist auch dieser Begriff, ebenso wie der der Transgeschlechtlichkeit, im Grunde wertfrei und nicht vorurteilsbeladen. Er hat seine negative Konnotation erst durch die ICD-Diagnose der »Störung der Geschlechtsidentität« (F 64.0) erhalten. Im Folgenden verwende ich »Identität« hingegen im Sinne der zitierten psychologischen Autor*innen, die von der Ich-Identität sprechen, die den Kern unserer Persönlichkeit, das Selbst, bildet und zu Kohärenz und Konsistenz der Persönlichkeit führt.

1.3 Ein Modell der Geschlechtsentwicklung und der Entwicklung der sexuellen Orientierungen

Mit Ermann (Ermann, 2019) können wir die Geschlechtsentwicklung und die Ausbildung der sexuellen Orientierungen als einen stufenweisen Entwicklungsprozess verstehen. An seinem Ursprung steht die Protogeschlechtsidentität (Reiche, 1997) als eine schon von Geburt an bestehende »unbestimmte Ahnung der Geschlechtlichkeit« (Ermann, 2019, S. 15), eine Grundbereitschaft des Menschen, sich sexuell zu fühlen.

Im Grunde ist bei diesem Begriff der zweite Teil des Wortes, »Identität«, meines Erachtens überflüssig und in Anbetracht der oben diskutierten terminologischen Probleme irreführend. Es geht hierbei ja nicht um einen Identitätsanteil im psychologischen Sinne, sondern, wie Ermann (2019, S. 15) es beschreibt, um eine Grundbereitschaft des Menschen, sich sexuell zu fühlen und, so müssen wir wohl ergänzen: sexuell zu sein. Aus diesem Grunde erscheint es mir besser und zutreffender, von »Protogeschlechtlichkeit « zu sprechen.

Eine solche Sicht steht auch in weitgehender Übereinstimmung mit den oben zitierten neurowissenschaftlichen Ansätzen (vgl. Haupt, 2019). Ich werde im Folgenden deshalb diesen Begriff verwenden. Worauf die Protogeschlechtlichkeit beruht, ist nach Ermann (2019, S. 15) bis heute nicht sicher bekannt. Es kommen genetische, hormonelle und hirnorganische Determinanten in Betracht sowie unbekannte psychologische und soziale Einwirkungen, die bereits in die vorgeburtliche Zeit zurückreichen.

Auf der Grundlage der Protogeschlechtlichkeit baut sich im Verlauf der Entwicklung das auf, was wir mit Mertens (1992) als »Bausteine« der sexuellen Identität bezeichnen können. Es sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen, dass mit »Identität« hier eine Kerndimension der Persönlichkeit gemeint ist, die dem Individuum das Erleben von Kohärenz und Konsistenz vermittelt.

Eine zentrale Dimension dabei ist die sexuelle Kernidentität (core gender identity),

»das primordiale, bewusste und unbewusste Erleben (…), entweder ein Junge oder ein Mädchen bezüglich seines biologischen Geschlechts (im Englischen »sex« im Unterschied zu »gender«) zu sein. Sie entwickelt sich aufgrund des komplexen Zusammenwirkens von biologischen und psychischen Einflüssen ab der Geburt des Kindes, wenn die Eltern mit ihrer Geschlechtszuweisung zumeist geschlechtsrollenstereotyp auf ihre Kinder als Junge oder Mädchen reagieren, und ist gegen Ende des zweiten Lebensjahres als (relativ) konfliktfreie Gewissheit etabliert« (Mertens, 1992, S. 24).

Dieses Konzept von der sexuellen Kernidentität bedarf indes aus meiner Sicht einer Ergänzung: Die Formulierung, das Kind sei sich früh der Tatsache gewiss, ein Junge oder ein Mädchen zu sein, ist von der in unserer Gesellschaft herrschenden Vorstellung von der Binarität der Geschlechter geprägt. Tatsächlich jedoch müssen wir auch innerhalb der sexuellen Kernidentität sicher von einem größeren Spektrum von Varianten der Geschlechtsentwicklung ausgehen, z. B. genderqueer, agender, gender-fluid etc.

Im Hinblick auf die Entwicklung von Menschen mit einer Transgeschlechtlichkeit habe ich in meiner inzwischen 50-jährigen Beschäftigung mit diesem Thema und der Begutachtung, Therapie und Begleitung von trans Menschen diverse somatische und psychologische Theorien und Konzepte zur Ätiologie kommen und gehen sehen. Dabei hat sich keines von ihnen letztlich als gültiges Erklärungsmodell erwiesen (Literatur s. Rauchfleisch, 2016). Diese Hypothesen haben eher zur Stigmatisierung und Pathologisierung von trans Menschen geführt.

Einen weiteren »Baustein« der sexuellen Identität stellen die Geschlechtsrollen dar (Geschlechtsrollen-Identität, gender role identity). Sie zeichnen sich durch ein höheres symbolisch-sprachliches Niveau aus und bilden das »Insgesamt der Erwartungen an das eigene Verhalten wie auch an das Verhalten des Interaktionspartners bezüglich des jeweiligen Geschlechts« (Mertens, 1992, S. 47). Es sind mehrheitlich Inhalte aus der frühen Sozialisation, die bewusstseinsfähig sind und vor allem von kulturspezifischen Vorschriften und Normen darüber bestimmt werden, was im Zusammenhang mit dem biologischen Geschlecht als »männlich« oder »weiblich« erwünscht oder unerwünscht ist.

Trotz mancher Veränderungen in den Geschlechtsrollen werden diese in unserer Gesellschaft nach wie vor zumeist dichotom gedacht. Bei einer differenzierten Betrachtung der Geschlechtsentwicklung müssen wir jedoch auch bezüglich der Geschlechtsrollen-Identität von einer Vielfalt an Varianten ausgehen.

Die dritte Komponente der sexuellen Identität ist die sexuelle Orientierung, die Geschlechtspartner*innen- Orientierung (sexual partner orientation), die sich auf das bevorzugte Geschlecht der Geschlechts- und Liebespartner*innen bezieht. Auch die Geschlechtspartner*innen-Orientierungen müssen wir, wie die sexuelle Kernidentität, über die allgemein übliche Dreiteilung (Hetero-, Bi- und Homosexualitäten) hinaus erweitern, indem wir diese drei Formen je als Kristallisationspunkte einer Vielzahl von Orientierungen betrachten und daneben auch pansexuelle, asexuelle, objektsexuelle, metrosexuelle und andere Varianten in unsere Betrachtung einbeziehen.

Die Geschlechtspartner*innen-Orientierung ist das Resultat einer Vielzahl von Einflüssen: Sie basiert auf der sexuellen Kernidentität, wird durch die verinnerlichten Geschlechtsrollen (zu denen unter anderem auch die verschiedenen Vorstellungen bezüglich Homo-, Bi- und Heterosexualitäten gehören) determiniert und wird geprägt durch die Erfahrungen, die das Kind mit den Eltern macht, sowie durch das Modell, das die Eltern ihm von ihrem Umgang miteinander als Frau und Mann bieten. Von großer Bedeutung sind schließlich auch die erotischen und sexuellen Fantasien, die in der späteren Kindheit und in der Adoleszenz dazu führen, dass die Jugendlichen deutlich ihre sexuelle Orientierung spüren und sich im Rahmen ihrer Identitätsentwicklung als hetero-, bi- oder homosexuell definieren.

Noch nicht beantwortet ist bei dieser Schilderung indes die Frage nach der spezifischen »Weichenstellung« (Morgenthaler, 1987), d. h. warum die Orientierung sich einmal in Richtung Heterosexualitäten, ein anderes Mal in Richtung Bisexualitäten und ein wiederum anderes Mal in Richtung Homosexualitäten entwickelt. Ausgehend von den psychoanalytischen Überlegungen Morgenthalers (1987) und Gissraus (1989, 1993) habe ich 1994 versucht, eine Theorie der Entwicklung homosexueller und bisexueller Menschen zu entwerfen. Obschon mich diese Überlegungen nie wirklich überzeugt haben – dafür spricht auch, dass ich dieses Kapitel in meinem erwähnten Buch über alle vier Auflagen hin nicht verändert habe –, sollen sie hier kurz resümiert werden, um zu zeigen, dass sie uns zwar einige interessante Hypothesen bieten, uns letztlich aber keine verbindliche Antwort auf die Frage nach den Ursachen der »Weichenstellungen« zu den verschiedenen sexuellen Orientierungen zu geben vermögen.

Im Anschluss an Morgenthaler (1987) habe ich innerhalb der Entwicklung vom Kleinkind zum Erwachsenen drei wichtige Stationen unterschieden, die für die schwule und die heterosexuelle Orientierung von zentraler Bedeutung sind. Die erste Station liegt in der narzisstischen Entwicklung der frühen Kindheit und beinhaltet die Entstehung des Selbstbildes. Die zweite wichtige Weichenstellung erfolgt in der ödipalen Phase mit den in dieser Zeit typischen Auseinandersetzungen mit den wichtigsten Personen der Kindheit. Die dritte Station liegt in der Pubertät und reicht über die Adoleszenz bis ins Erwachsenenalter.

Die Aufgabe der frühen Kindheit ist die Ausbildung der oben beschriebenen Identität, in der sich die verschiedenen Facetten der Persönlichkeit zu einer Ganzheit zusammenfügen. Damit hängt eng eine zweite Aufgabe zusammen, nämlich die der Abgrenzung der eigenen Person von anderen Menschen, mit dem Ziel, Autonomie zu erlangen. Dabei geht es um die Fähigkeit, selbstständig entscheiden und handeln zu können.

Morgenthaler (1987) ist der Ansicht, dass je nach den lebensgeschichtlichen Erfahrungen, die das Kind in der Frühzeit seiner Entwicklung macht, entweder das Streben nach Autonomie oder das Bedürfnis, die Identität zu stärken, größer ist. Beide Entwicklungswege bewegen sich gleichermaßen im Bereich der psychischen Gesundheit. Es sind »normale«, die weitere Entwicklung stabilisierende Maßnahmen, mit deren Hilfe das Kind pathologische Entwicklungen zu vermeiden vermag.

Das Spezifische in der Entwicklung des schwulen Mannes sieht Morgenthaler in der Betonung des Bedürfnisses nach Autonomie. Wann immer im Erleben dieser Kinder und der späteren Erwachsenen Gefühle von Insuffizienz, Enttäuschungen und emotionalen Belastungen auftreten, »retten« und regulieren sie ihr innerseelisches Gleichgewicht durch ein verstärktes Streben nach Autonomie. Dies ist nach Morgenthaler in der frühen Kindheit eng gebunden an autoerotische Aktivitäten. Mit Hilfe der Autoerotik vermögen diese Kinder Störungen ihres seelischen Gleichgewichts und den in solchen Situationen drohenden Autonomieverlust zu verhindern. Die enge Beziehung zwischen Autoerotik und Autonomiestreben bleibt, so Morgenthaler, lebenslang erhalten und führt dazu, dass sich auch die sexuellen Interessen (Geschlechtspartner*innen-Orientierung) später verstärkt auf die eigene Person und auf Partner des gleichen Geschlechts richten.

Im Unterschied zu dieser Entwicklungslinie sind die heterosexuellen Männer Persönlichkeiten, die in ihrem Selbstbild dem Identitätsbewusstsein und dem Identitätsgefühl Priorität einräumen.

»Sie orientieren sich nach polaren Gegensatzpaaren, um genau zu spüren und zu wissen, wer sie sind. Auch Homosexuelle haben das Bedürfnis zu spüren und zu wissen, wer sie sind, doch erst in zweiter Linie. Ihr Identitätsbewusstsein kann unscharf begrenzt sein, ohne dass sie dadurch verunsichert werden. Auch Heterosexuelle besetzen ihre innere und äußere Autonomie, doch selten so weit, dass ihre Identität dadurch in Frage gestellt wird. Sie können sich gelassener in Abhängigkeit begeben, weil sie, in dieser Hinsicht, weniger konfliktanfällig sind als Homosexuelle« (Morgenthaler, 1987, S. 88–89).

Als charakteristische Entwicklungslinie der lesbischen Frau postuliert Gissrau, dass für diese Frauen eine sie prägende Erfahrung in der frühen Kindheit das Erleben des »erotischen Blicks ihrer Mutter« ist, »den sie als lustvolles affektives Interaktionsmuster internalisieren« (Gissrau, 1993, S. 317). Die Mütter von später lesbisch empfindenden Frauen können sich, gemäß Gissrau, in der präverbalen Entwicklungsphase ihrer Kinder den erotischen Genuss am Stillen, Wickeln, Baden, Einreiben gestatten, wodurch es frühzeitig zu einer erotischen Stimulierung der Töchter komme. Es sei aber auch denkbar, dass die Mütter durch ihre sie erotisch ansprechenden Babys entsprechend stimuliert worden seien. Auf jeden Fall ist nach Gissrau die erste Weichenstellung in Richtung der lesbischen Entwicklung »das Ausmaß an erotischer Anerkennung, das die Mutter in ihren Interaktionen während der ersten Lebensjahre zulassen kann« (Gissrau, 1993, S. 317).

Bei Verwendung der Konzepte von Morgenthaler und Gissrau für die Erklärung der Entwicklung bisexueller Menschen müssen wir vermuten, dass diesen Kindern die Bedürfnisse nach Identität und Autonomie in gleicher Weise wichtig sind. Durch die in unserer Gesellschaft dominierenden Heterosexualitäten tritt im Erleben bisexueller Jugendlicher und junger Erwachsener im Allgemeinen zuerst die heterosexuelle Komponente ins Bewusstsein und erst später das gleichgeschlechtliche Begehren.

Obschon von anderen theoretischen Grundannahmen ausgehend, finden sich doch ähnliche, die bisherigen Ausführungen ergänzende Überlegungen bei einigen Autor*innen der Analytischen Psychologie von C. G. Jung. So hat Hopcke (1991) den Versuch unternommen, im Rahmen der Analytischen Psychologie ein Modell zum Verständnis lesbischer, schwuler, bisexueller und heterosexueller Entwicklungen zu formulieren. Hopcke sieht die sexuelle Entwicklung als Resultat eines je individuellen Zusammenwirkens der drei Archetypen der Anima, des Animus und des Androgynen.

Für Hopcke liegt das Spezifische der lesbischen und schwulen Entwicklung darin, dass es bei diesen Orientierungen um eine komplexe Interaktion der drei genannten archetypischen Konfigurationen geht, wobei dem Androgynen eine synthetisierende Funktion zukommt. Die lesbische und schwule Entwicklung stellen ein harmonisches (gesundes) Zusammenspiel dar, in dem Animus und Anima zusammen mit dem hermaphroditischen Selbst, der androgynen Ganzheit, in je individueller Weise durch die körperliche und emotionale Verbindung mit einer anderen Frau bzw. mit einem anderen Mann aktualisiert und gelebt werden.

Bei einer kritischen Auseinandersetzung mit den psychodynamischen Entwicklungstheorien, wie Gissrau, Morgenthaler und Hopcke sie formuliert haben, stellen sich zumindest zwei Fragen:

Zum einen bleibt in den skizzierten Konzepten die Frage unbeantwortet, warum im Sinne Morgenthalers die einen Kinder der Identität Priorität einräumen, während die anderen Kinder der Autonomie eine besondere Bedeutung beimessen. Es bleibt auch offen, wie die »Weichenstellungen« zustande kommen. Die gleiche Frage stellt sich beim Konzept von Hopcke, nämlich wie es zu dem spezifischen Zusammenspiel der drei archetypischen Konfigurationen kommt.

Vermutlich müssen wir hinsichtlich der Ätiologie der sexuellen Orientierungen der biologischen Dimension in Gestalt eines genetischen Faktors einen Einfluss beimessen. Wie groß dieser Einfluss ist und wie er genetisch zustande kommt, ist aber nach wie vor unbekannt. Eine neuere große genetische Studie zeigt (Price, 2018), dass das sexuelle Verhalten des Menschen ein höchst komplexes Phänomen ist und die in dieser Studie identifizierten Genvarianten nur einen Bruchteil, nämlich weniger als ein Prozent, des sexuellen Verhaltens erklären.

Zum anderen kann man sich fragen, ob die Betonung der Identität oder der Autonomie nicht Ursache, sondern Folge der vom Kind gespürten gleichgeschlechtlichen Orientierung ist. Gissrau deutet diese Möglichkeit an, wenn sie darauf hinweist, dass bei dem engen Ineinandergreifen des mütterlichen und des kindlichen Verhaltens denkbar ist, dass die erotische Stimulation möglicherweise nicht von den Müttern ausgegangen ist, sondern die Mütter durch ihre sie erotisch ansprechenden Babys entsprechend stimuliert worden seien und auf die Kinder reagiert hätten.

Wir finden eine ähnliche Interaktion auch zwischen trans Kindern und ihren Eltern. In Fällen, in denen beispielsweise die Mütter das nicht-geschlechtsrollenkonforme Verhalten ihrer Kinder geduldet und unter Umständen sogar gefördert haben, ist ihnen immer wieder vorgeworfen worden, sie hätten ihre Kinder manipuliert. Die Realität ist nach meiner Erfahrung häufig umgekehrt: Diese Mütter haben früh gespürt, dass ihr Kind sich nicht dem ihm bei Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig fühlte, und haben darauf – in einfühlsamer und entwicklungsfördernder Weise – mit einer Unterstützung hinsichtlich des vom Kind gewünschten Rollenverhaltens reagiert.

Obschon sich, wie dargestellt, mit Hilfe der psychoanalytischen Theorie die Frage nach der Ätiologie der Geschlechtsentwicklung und der sexuellen Orientierungen nicht in befriedigender Weise beantworten lässt, lassen sich mit den psychodynamischen Konzepten doch einige Aspekte herausarbeiten, die für den Umgang mit homo-, bi- und trans Kindern und für therapeutische Interventionen von Bedeutung sind.

Das erste Phänomen ist die von Isay (1990) erwähnte Enttäuschung des Kindes am gleichgeschlechtlichen Elternteil, an die wir in der Entwicklung von Menschen mit gleichgeschlechtlichen Orientierungen denken müssen. Der Autor hat in Psychotherapien beobachtet, dass die schwulen Patienten oft davon berichtet haben, dadurch enttäuscht, gekränkt und mitunter auch tief verletzt worden zu sein, dass sie vom gleichgeschlechtlichen Elternteil Ablehnung erfahren hätten. Dies ist dadurch erklärbar, dass der heterosexuelle Elternteil die erotischen Wünsche des Kindes im Allgemeinen nicht in der vom Kind erwarteten Form beantworten kann ( Kap. 5.3).

Dies scheint vor allem die Dynamik zwischen Vätern und schwulen Söhnen zu prägen. Die Ablehnung, die der Sohn von einem solchen Vater erfährt, erfolgt häufig indes nicht nur in Form eines Stumm-Bleibens im Hinblick auf die erotischen Wünsche des Sohnes. Oft kommt dazu noch die aktive Ablehnung des Vaters, weil der Sohn nicht die vom Vater gewünschten traditionellen männlichen Rollenbilder erfüllt. Wie Gissrau (1993) beschrieben hat, gelingt es Müttern häufig offenbar besser, auf die erotischen Wünsche ihrer Töchter angemessen zu reagieren. Nach meiner Erfahrung ist es aber auch in der Psychotherapie von lesbischen Frauen sinnvoll, darauf zu achten, ob es solche Enttäuschungen gibt, die in der Therapie zu bearbeiten sind.

Kinder mit einer Transgeschlechtlichkeit befinden sich im Hinblick auf ihre Enttäuschungen an den Eltern im Allgemeinen in einer nochmals schwierigeren Lage. Sie haben, vor allem in der zurückliegenden Zeit, selten Eltern, die auf ihre spezielle Situation eingehen können. Wenn überhaupt sind es mitunter die Mütter, die spüren, was in ihren Kindern vor sich geht, und darauf dem Kind entsprechend reagieren. Dies bringt ihnen aber, wie oben bereits erwähnt, oft den Vorwurf ein, sie würden das trans Kind aus persönlichen Motiven manipulieren, indem sie es in eine nicht-geschlechtsrollenkonforme Rolle drängten.

Ein anderes Problem betrifft die in Bezug auf lesbische und schwule Kinder in der Öffentlichkeit, zum Teil aber auch im Fachbereich bestehende Vorstellung, der schwule Sohn identifiziere sich mit der Mutter und die lesbische Tochter mit dem Vater. Der Annahme einer solchen auch als »negativer Ödipuskomplex« beschriebenen Konstellation liegt zugrunde, dass hier die sexuelle Kernidentität (das frühe Wissen darum, weiblich oder männlich zu sein) mit den Geschlechtsrollen verwechselt wird.

Es mag sein, dass der schwule Mann manche Interessen hat, die sich sonst oft bei Frauen finden, und es mag sein, dass die lesbische Frau sich in der Kleidung und im Verhalten oft ähnlich wie ein Mann verhält. Dies ist jedoch Ausdruck der – bewusst gewählten – Rollen und hat nichts mit der sexuellen Kernidentität zu tun. Keine lesbische oder bisexuelle Frau zweifelt an ihrer Weiblichkeit, und kein schwuler oder bisexueller Mann zweifelt an seiner Männlichkeit.

Hilfreich können die psychodynamischen Konzepte auch sein, wenn es darum geht, sich ein Bild von der Entwicklung von Menschen mit einer Transgeschlechtlichkeit zu machen. Hier geht es nicht um die Suche nach ätiologischen Faktoren, sondern um eine Beschreibung des Weges, den trans Kinder, Jugendliche und Erwachsene durchlaufen, bis sie sich ihrer Situation bewusst geworden sind, sie akzeptiert haben und eine für sie akzeptable Lösung gefunden haben.

Ausgehend von einem von Güldenring (2009) entworfenen Phasenmodell der trans Entwicklung habe ich (Rauchfleisch, 2017) die Spezifika des Weges aufgezeigt, den Menschen mit einer Transgeschlechtlichkeit von früher Kindheit über die Jugendzeit bis ins Erwachsenenalter durchlaufen. Da die Beachtung dieser Spezifika für Beratung, Begleitung und Therapie von trans Menschen wichtig ist, seien diese Phasen hier kurz skizziert.

• Die erste Phase betrifft die innere Wahrnehmung des trans Erlebens. In der frühen Kindheit ist dieses Erleben für die Kinder weitgehend konfliktlos und erscheint ihnen gleichsam selbstverständlich. Je älter sie jedoch werden und je stärker damit der Einfluss der sie umgebenden Cisnormativität wird, desto mehr wird dieses Erleben für sie zu einem Problem. Dies kann zu Konflikten mit und zum Rückzug von der Umgebung führen und kann von Gefühlen von Angst, Scham und Selbstwertzweifeln begleitet sein.

• Die Folge ist in der zweiten Phase die Ablehnung des eigenen Körpers und dadurch bedingt ein Anstieg des Leidensdrucks der trans Person. Diese Zeit ist von Einsamkeit und von immer wieder neuen Versuchen geprägt, Kompromisse zwischen der eigenen Identität und den cisnormativen Ansprüchen der Umgebung einzugehen.

• In der dritten Phase kommt es zur Offenbarung der Transgeschlechtlichkeit nach außen. Je nach den Reaktionen der Umgebung kann es dabei zu diversen sozialen Konflikten und Kränkungen kommen. Diese Phase erfordert von den trans Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen große Ich-Stärke, gute soziale Kompetenzen und konstruktive Konfliktlösungsstrategien.

• In der vierten Phase stehen die juristischen, medizinischen und psychologischen Prozesse im Mittelpunkt. Hier geht es um psychologische und somatische Abklärungen und Beantragungen von verschiedenen Bewilligungen für allfällige körperliche Angleichungen und für juristische Schritte. In dieser Phase spüren trans Menschen in besonders quälender Weise, in welchem extremen Maß sie fremdbestimmt sind, da sie für jeden Schritt im Verlauf ihrer Transition Gutachten benötigen.

• Die fünfte Phase stellt die körperliche Angleichung mittels hormoneller Behandlung (bei jüngeren Kindern in Form einer Pubertätsblockade, später Behandlung mit gegengeschlechtlichen Hormonen) und operativer Maßnahmen dar.

• Die sechste Phase kann man als Phase der Integration und Stabilisierung bezeichnen. Sie beinhaltet das Angekommensein in einem Zustand der größtmöglichen Harmonie von innen und außen.

Wie dieses hier dargestellte Phasenmodell zeigt, ist der vor Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit einer Transgeschlechtlichkeit liegende Weg schwierig und weist etliche Gefahrenmomente auf. Diese Besonderheiten in der Entwicklung und die dabei möglichen Gefahren müssen in Therapien und Begleitungen von trans Menschen beachtet werden. Dabei gilt es auch, darauf zu achten, wo und in welchem Ausmaß die betreffende Person Traumatisierungen erlitten hat und welche Folgen diese Verletzungen haben.

1.4 Fazit

Wie meine Ausführungen zeigen, bleibt die Frage nach der Ätiologie der sexuellen Orientierungen letztlich offen. Dies gilt für die Bi- und Homosexualitäten ebenso wie für die Heterosexualitäten. Dabei betrachte ich die drei genannten Orientierungen nicht als qualitativ distinkte Kategorien, sondern lediglich als Kristallisationskerne, Eckpunkte auf einem Kontinuum mit fließenden Übergängen.

Das Gleiche gilt nach meiner Erfahrung auch für die Cis- und die Transgeschlechtlichkeiten. Bei den Menschen mit einer Cisgeschlechtlichkeit entspricht das innere Bild der betreffenden Person ihre Identität, dem (biologischen) Geschlecht, dem sie nach der Geburt zugewiesen worden sind. Bei Menschen mit einer Transgeschlechtlichkeit hingegen entspricht das innere Bild, das sie von sich haben, ihre Identität, nicht ihrem (biologischen) Geschlecht, dem sie nach der Geburt zugewiesen worden sind.

Ein Teil der trans Personen fühlt sich – im Sinne der binären Auffassung der Geschlechter – dem »anderen« Geschlecht zugehörig. Ein keineswegs geringer Teil von Menschen mit Transgeschlechtlichkeit hat jedoch eine nicht-binäre Identität (»genderqueer«). Diese Personen können sich keinem der beiden dichotom gedachten Geschlechter, Mann oder Frau zuordnen, sondern empfinden sich »dazwischen«. Dies kann eine stabile Identität sein. Sie kann aber auch gender-fluid sein, d. h. zwischen dem weiblichen und dem männlichen Pol fluktuieren.

Was die Ätiologie der Entwicklung der Geschlechtlichkeit wie auch der Geschlechtspartner*innen-Orientierungen angeht, müssen wir zugeben, dass wir letztlich nicht wissen, wie es zu diesen Entwicklungen kommt. Wir müssen, wie oben dargestellt, davon ausgehen, dass genetische, hormonelle und hirnorganische Determinanten sowie unbekannte psychologische und soziale Einwirkungen bereits von vorgeburtlicher Zeit an eine Rolle spielen. Insofern lautet die Antwort auf die im Titel dieses Kapitels gestellte Frage nach der Entstehung der sexuellen Orientierungen und der Trans- und Cisgeschlechtlichkeiten im Rahmen der Geschlechtsentwicklung: Wir besitzen diesbezüglich keine verlässlichen Informationen.

Dies mag ein enttäuschendes Fazit sein. Zugleich scheint es mir aber auch wichtig, diese Tatsache und die sich daraus ergebenden Konsequenzen ernst zu nehmen, wenn es um die Geschlechtsentwicklung mit ihren verschiedenen Varianten und die sexuellen Orientierungen geht. So kann uns diese Einsicht beispielsweise davor schützen, in unzulässiger Weise eine Entwicklung, für die wir keine plausible Erklärung haben und für die keine evidenzbasierten Studien vorliegen, als etwas Pathologisches zu bezeichnen. In diesem Fall müssten wir nämlich auch die Cisgeschlechtlichkeiten und die heterosexuellen Orientierungen, deren Ätiologie wir nicht kennen, als pathologische Entwicklungen betrachten.

Obschon uns die psychodynamischen Konzepte keine Klärung bei Ätiologiefragen bringen, können sie indes hilfreich bei der Beschreibung des Entwicklungsweges sein, den homo-, bi- und trans Kinder und Jugendliche zurückzulegen haben, um sich ihrer Identität und ihrer sexuellen Ausrichtung bewusst zu werden und sie schließlich anderen Menschen mitzuteilen. Ich habe dies am Beispiel eines Phasenmodells für Menschen mit Transgeschlechtlichkeit dargestellt.

1.5 Welchen Nutzen haben die Fragen nach dem »Warum« und die verwendeten Kategorisierungen?

Auf die Gefahr hin, die Leser*innen völlig zu verwirren, möchte ich am Ende dieses Kapitels noch die Frage diskutieren, ob die Suche nach der Ätiologie der in diesem Kapitel beschriebenen Phänomene überhaupt einen Sinn hat. Wir sind in unserem Alltagsleben ebenso wie in unserem Wissenschaftsverständnis zwar daran gewöhnt, die Frage nach dem »Warum« zu stellen, sobald wir mit einem uns »fremd« anmutenden Phänomen konfrontiert sind. Nur bei den uns »selbstverständlich« erscheinenden Phänomenen tritt diese Suche nach dem »Warum« im Allgemeinen nicht auf.

Wie oben dargestellt, haben wir letztlich keine eindeutigen Befunde bezüglich der Ätiologie der Entwicklung der Geschlechtlichkeiten und der sexuellen Orientierungen. Nicht zuletzt deshalb drängt sich die Frage auf, ob es überhaupt Sinn macht, weiter nach dem »Warum?« und »Woher?« zu fragen. Binswanger (2016, S. 18) hat in seinem Artikel »(K)ein Grund zur Homosexualität. Ein Plädoyer zum Verzicht auf psychogenetische Erklärungsversuche von homosexuellen, heterosexuellen und anderen Orientierungen« vom »unstillbaren Bedürfnis« von uns Psychoanalytiker*innen gesprochen, mögliche Psychogenesen der verschiedenen Sexualorganisationen zu suchen. Anstelle dieser – nach seiner Ansicht vergeblichen – Suche schlägt er die »Totalabstinenz« vor.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt Hutfless (2016) in ihrer in der gleichen Zeitschrift veröffentlichten Arbeit »Wider die Binarität – Psychoanalyse und Queer Theory«. Hutfless äußert Kritik an der binären Entgegensetzung von Homo- und Heterosexualität und meint, die Queer Theory könne Ansätze für eine nicht-pathologisierende Auseinandersetzung auch mit der Transgeschlechtlichkeit liefern, indem sie die sexuellen Orientierungen und die geschlechtlichen Identitäten als »dynamisch, instabil und prozesshaft« (Hutfless, 2016, S. 101) sieht: »Das Konzept ›queer’ stellt den Versuch dar, Sexualitäten und Geschlechter jenseits von fixen Identitätskategorien zu denken. Dieser Ansatz resultiert aus der Erkenntnis, dass das Identitätsdenken selbst wesentlicher Bestandteil jenes Prozesses ist, der Ausschlüsse, Abwertungen und Pathologisierungen produziert« (Hutfless, 2016, S. 101–102).

Eine solche Sicht stellt nicht nur ein Abrücken vom fruchtlosen, zu Pathologisierungen führenden Suchen nach den Ursachen der Geschlechtsentwicklung und der sexuellen Orientierungen dar, sondern würde auch eine enorme Befreiung aus der Enge der Heteronormativität und der binären Cisnormativität bedeuten. Es könnte uns dadurch ein direkterer, nicht von Pathologiekonzepten belasteter Zugang zu Menschen mit Transgeschlechtlichkeit gelingen und neue Dimensionen auch für unsere eigene Entwicklung öffnen (Rauchfleisch, 2016, 2019c).

Zweifellos hilft uns die Bildung von Kategorien, unsere Wahrnehmung zu strukturieren und gewisse Ordnungsprinzipien aufzustellen, die uns Orientierung bieten. Gleichwohl verbauen uns derartige Strukturen aber auch den unvoreingenommenen Zugang zu Menschen und Phänomenen, die uns fremd sind. Ich werde im Folgenden zwar die Kategorien der Geschlechtsentwicklung und der Orientierungen verwenden, wie wir sie in der gebräuchlichen Bezeichnung LGBTIQ* finden. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass wir die durch diese Kategorisierungen entstehende Enge immer wieder auch hinterfragen und aufbrechen müssen, um der Komplexität des menschlichen Lebens gerecht zu werden.

Zusammenfassung

Die Fragen nach dem »Wie?« und »Warum?« werden im Allgemeinen nur bei den Phänomenen gestellt, die vom Mainstream abweichen, so bei den sexuellen Orientierungen der Bi- und Homosexualitäten und bei den Transgeschlechtlichkeiten. Bei den als »selbstverständlich« und »normal« betrachteten Heterosexualitäten und den Cisgeschlechtlichkeiten hingegen werden diese Fragen nicht gestellt.

Bezüglich der Entstehung der sexuellen Orientierungen und Geschlechtlichkeiten haben wir letztlich nur Hypothesen.

Terminologisch wird der Identitätsbegriff von verschiedenen Seiten kritisch hinterfragt, weil er zu vage sei und ihm die Evidenzbasierung fehle. Er wird hier dennoch zur Bezeichnung der psychischen Seite der Geschlechtsidentität verwendet, während die körperliche Seite durch den Begriff der Geschlechtlichkeit beschrieben wird.

Es wird ein hypothetisches Modell zum Verständnis der Geschlechtsentwicklung und der sexuellen Orientierungen mit den »Bausteinen« Protogeschlechtlichkeit, sexuelle Kern-Identität, Geschlechtsrollen-Identität und Geschlechtspartner*innen-Identität dargestellt. Für die Behandlung von trans Menschen ist die Beachtung von für ihre Entwicklung spezifischen Phasen notwendig.

Die Cis- und Transgeschlechtlichkeiten werden ebenso wie die Bi-, Homo- und Heterosexualitäten nicht als distinkte Kategorien, sondern als Kristallisationspunkte auf Kontinua mit fließenden Übergängen angesehen. Es wird auf die Problematik von Kategorienbildungen hingewiesen, die leicht zu Ausgrenzungen und Pathologisierungen führen und der Vielfalt des menschlichen Lebens nicht gerecht werden.

Literatur zur vertiefenden Lektüre

Ermann, M. (2019): Identität und Begehren. Zur Psychodynamik der Sexualität. Stuttgart: Kohlhammer.

Güldenring, A. (2009): Phasenspezifische Konfliktthemen eines transsexuellen Entwicklungsweges. Psychotherapie im Dialog 10, 25–31.

Morgenthaler, F. (1987): Homosexualität. Heterosexualität. Perversion. Frankfurt/M.: Fischer-Taschenbuchverlag.

Rauchfleisch, U. (2011): Schwule. Lesben. Bisexuelle. Lebensweisen, Vorurteile, Einsichten. 4. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Rauchfleisch, U. (2016): Transsexualität – Transidentität. Begutachtung, Begleitung, Therapie. 4. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Rauchfleisch, U. (2019a): Transsexualismus – Genderdysphorie – Geschlechtsinkongruenz – Transidentität. Der schwierige Weg der Entpathologisierung. Psychodynamik Kompakt. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Weiterführende Fragen

• Warum werden die Fragen nach dem »Wie?« und »Warum?« nur bei den Bi- und Homosexualitäten bzw. bei den Transgeschlechtlichkeiten, nicht aber bei den Heterosexualitäten und den Cisgeschlechtlichkeiten gestellt?

• Welche Hypothesen haben wir zur Entwicklung der Geschlechtlichkeiten und der sexuellen Orientierungen?

• Aus welchen »Bausteinen« setzt sich die Geschlechtsidentität zusammen?

• Warum ist die Kategorienbildung in Bezug auf die Entwicklung der Geschlechtlichkeiten und der sexuellen Orientierungen nicht sinnvoll?

2 lesbisch, schwul (gay), bisexuell, trans, intergeschlechtlich, queer

2 Gibt es Entwicklungsbedingungen von homosexuellen, bisexuellen und Kindern mit Transgeschlechtlichkeit, die von denen der cis und heterosexuellen Kinder abweichen?

Die Antwort auf diese Frage lautet: »Ja und Nein«.

Auf der einen Seite sind alle Kinder in unserer Gesellschaft ähnlichen Bedingungen ausgesetzt und durchlaufen dementsprechend ähnliche Entwicklungsphasen: Es sind die von Freud beschriebenen Phasen der psychosexuellen Entwicklung, die Kinder bilden ihre Identität aus, sie setzen sich mit ihren Eltern auseinander, durchlaufen die typischen Konflikte der Kindheit und Jugend und wachsen in die sie umgebende Gesellschaft hinein (Dornes, 2000; Fonagy & Target, 2003; Hopf, 2019a; Mertens, 1992; Seiffke-Krenke, 2009, 2019; Tyson & Tyson, 2012).

Auf der anderen Seite treffen homosexuelle und trans Kinder und Jugendliche in unserer cis- und heteronormativ geprägten Gesellschaft auf spezielle Bedingungen, mit denen sich andere Kinder in ihrer Entwicklung nicht auseinandersetzen müssen. Diese speziellen Bedingungen sollen im Folgenden dargestellt werden.

2.1 Das Hineinwachsen in eine Welt, die sie anders erwartet als sie sind

Eltern erwarten ihre Kinder im Allgemeinen so, wie die Majorität ist. In unserer vorwiegend heterosexuell und cis orientierten Gesellschaft bedeutet dies, dass die Eltern davon ausgehen, ein cis heterosexuelles Kind zu haben (»heterosexuelle« bzw. »cis Vorannahme«). Erst im Verlaufe der Zeit nehmen sie bei einem Kind wahr, dass diese Annahme nicht zutrifft. Das Kind macht dabei die Erfahrung, während einer mehr oder weniger langen Zeit nicht so wahrgenommen und behandelt zu werden, wie es seinem innersten Wesen entspricht.

Aus dieser Situation des Nicht-richtig-wahrgenommen-Werdens resultieren für das Kind, das sich selbst erst nach und nach seiner Abweichung von der Majorität und seines »Andersseins« bewusst wird, mehr oder weniger große Verletzungen ( Kap. 1.3). Dies ist eine für homo- und bisexuelle ebenso wie für Kinder und Jugendliche mit einer Transgeschlechtlichkeit typische Situation, wie wir sie bei cis und heterosexuellen Menschen nicht finden. Auch sie können in ihrer Entwicklung die Erfahrung machen, nicht so wahrgenommen zu werden, wie sie wirklich sind. Es geht dabei aber im Allgemeinen nicht um einen den Kern ihrer Persönlichkeit betreffenden Aspekt.

Je nach Persönlichkeit und Lebensumständen reagieren Eltern unterschiedlich auf die Wahrnehmung, dass ihr Kind nicht der Majorität entspricht. Es sind zwar oft die Mütter, die schon früh spüren, dass ihr Kind »anders« ist. In den meisten Familien kommt die Information des Kindes, lesbisch, schwul oder trans zu sein, für die Eltern aber doch mehr oder weniger unerwartet und führt zu Irritationen. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn das Kind sich nicht in binärer Weise dem »anderen« Geschlecht zuordnet, sondern sich als nicht-binär/genderqueer, gender-fluid oder agender bezeichnet. Im Fall von homosexuellen Kindern neigen Mütter – fälschlicherweise – oft dazu, sich die »Schuld« an der so gelaufenen Entwicklung ihres Kindes zu geben.

Leider kommt es in dieser Phase, in der das »Problem« trans oder Homosexualität sichtbar wird, häufig auch zu heftigen Auseinandersetzungen in der Familie bis hin zu physischer und psychischer Gewalt gegenüber dem Kind oder Jugendlichen. In einer solchen für alle Familienmitglieder schwierigen Zeit benötigen die Kinder, aber auch ihre Eltern fachlichen Rat (Rauchfleisch, 2012, 2019d) und im Allgemeinen auch eine fachliche Begleitung.

Zwei Beispiele mögen veranschaulichen, wie unterschiedlich Eltern, die Probleme mit der sexuellen Orientierung ihres Kindes haben, mit dieser Situation umgehen.

Das erste Beispiel betrifft eine Mutter mit ihrem 16-jährigen Sohn, die mir von ihrem Hausarzt zugewiesen wurden. Die Information des Hausarztes war: Der Jugendliche habe sich vor kurzem seiner Mutter gegenüber geoutet, er sei schwul. Die Mutter habe darauf entsetzt reagiert und den Hausarzt um Rat gebeten. Er überweise deshalb Mutter und Sohn an mich zur Beratung.

Zum vereinbarten Termin erschien die Mutter, eine Frau Mitte 40, mit ihrem 16-jährigen Sohn. Ich bat beide in mein Sprechzimmer. Kaum hatten wir Platz genommen, begann die Mutter den Sohn zu beschimpfen und ihm heftigste Vorwürfe wegen seiner Homosexualität zu machen. Ihre Empörung gipfelte darin: »Es wäre besser, du wärst tot! Dann könnte ich dich auf dem Friedhof beweinen. Aber unserer Familie bliebe diese Schande erspart!«.

Der Sohn nahm diese Beschimpfungen mit einer erstaunlichen Gelassenheit hin. Ich vermutete, er hatte diese und ähnliche Äußerungen der Mutter bereits mehrfach gehört. Die Mutter erwähnte, der Vater wisse noch nichts von dieser »schrecklichen Sache«. Er würde das nie dulden. In diesem Zusammenhang beschwor sie den Sohn, es dürfe niemand von seiner »perversen Veranlagung« erfahren.

Der Jugendliche zuckte gelassen mit den Schultern und meinte: »Dass ich meinen Schulkollegen Pascal liebe, habe ich ihm schon längst gesagt. Leider ist er hetero und kann deshalb nicht so darauf reagieren, wie ich es gerne hätte. Aber wir sind nach wie vor sehr gute Freunde«. Die Mutter war fassungslos, als ihr Sohn fortfuhr: »Wir haben das mit unserem Lehrer besprochen, der sehr verständnisvoll reagiert hat und dann das Thema Homosexualität mit der ganzen Klasse besprochen hat. In der Klasse unterstützen mich alle«.

Die Mutter war entsetzt, als sie erfuhr, wie offen ihr Sohn mit seiner Homosexualität umging, und ich bewunderte ihn für den Mut und die Souveränität, mit der er diese schwierige Situation auch jetzt in dem Gespräch bei mir handhabte

Ich habe versucht, der Mutter zu vermitteln, dass Homosexualität keine Perversion und keine Krankheit, sondern eine Variante der sexuellen Orientierung ist. Sie ließ sich jedoch auf keinen meiner Versuche, ihre Ablehnung abzubauen, ein, sondern beharrte darauf, Homosexualität sei eine Perversion, die sie und ihr Mann nie dulden würden. Vergeblich versuchte ich zu ergründen, warum sie so heftig auf die Mitteilung ihres Sohnes, schwul zu sein, reagierte.

Ohne jeden Erfolg blieb auch mein Versuch, ihr eine Brücke zu bauen, indem ich darauf verwies, anderen Eltern gehe es ähnlich wie ihr, wenn sie von der Homosexualität ihres Kindes erführen. Ich riet ihr, sich mit einem Mitglied von FELS, der Selbsthilfegruppe der Freundinnen, Freunde und Eltern von Lesben und Schwulen, in Verbindung zu setzen. Dort würde sie Eltern finden, die Verständnis für sie hätten, weil sie ähnliches wie sie erlebt hätten. Auch diesen Vorschlag wies sie empört zurück: Mit solchen Leuten wolle sie nichts zu tun haben. Die seien ja selbst pervers, wenn sie die Homosexualität ihrer Kinder und Freunde akzeptierten.

Nach kurzer Zeit erhob sich die Mutter und sagte ihrem Sohn, die Besprechung mit mir sei beendet. Sie würden gehen. Bei der Verabschiedung teilte sie mir noch mit, sie habe bereits befürchtet, dass unser Gespräch so verlaufen würde. Sie habe vorsorglich schon einen Termin mit einem Arzt vereinbart, der den Sohn hormonell behandeln werde.

Offenbar war mir bei dieser Äußerung der Mutter anzusehen, wie entsetzt ich über diesen Plan war. Der Jugendliche schüttelte nämlich den Kopf und rollte mit den Augen, offensichtlich um mir zu signalisieren, dass dies Unsinn sei und er dem nie Folge leisten werde. Mir blieb nur noch, dem Jugendlichen zu sagen, dass er, wenn er Hilfe brauche, eine*n Therapeut*in oder eine LGB-Beratungsstelle aufsuchen solle, und die Mutter noch einmal auf FELS hinzuweisen.

Ich blieb mit sehr gemischten Gefühlen zurück. Auf der einen Seite war ich erschüttert über die schweren Verletzungen, welche die Mutter ihrem Sohn zugefügt hatte. Auf der anderen Seite war ich aber doch auch einigermaßen beruhigt, weil der Jugendliche offenbar in der Lage war, erstaunlich souverän mit seiner schwierigen familiären Situation umzugehen.

Das zweite Beispiel betrifft eine völlig andere Situation. Ein Student rief mich an und fragte, ob er seinen Vater bei mir anmelden könne. Ich war über diese ungewöhnliche Anmeldung erstaunt und fragte ihn, ob er mir kurz schildern könne, worum es gehe. Es sei ja eine eher ungewöhnliche Art der Anmeldung.

Der junge Mann berichtete mir daraufhin, er sei schwul und habe das seinen Eltern vor ein paar Monaten eröffnet. Die Mutter habe damit kein Problem, sie habe das bereits »irgendwie geahnt«. Der Vater hingegen könne das einfach nicht akzeptieren. Er habe auf das Coming Out des Sohnes mit einem abrupten Rückzug reagiert und äußere immer wieder, das könne und dürfe nicht wahr sein! In einem der letzten Streitgespräche habe die Mutter den Vorschlag gemacht, der Vater solle doch therapeutische Hilfe suchen, damit er seine Ablehnung bearbeiten und abbauen könne. Dies sei der Grund, weshalb er mich anrufe, um den Vater bei mir anzumelden.

Ich habe daraufhin vorgeschlagen, dass beide, der Vater und auch der Sohn, zu einem Gespräch zu Dritt kämen, in dem wir klären könnten, wie weiter vorzugehen sei. Ich begründete meinen Vorschlag damit, dass es ja ein Konflikt zwischen seinem Vater und ihm sei. Deshalb sei es vielleicht von Vorteil, wenn sie beide in dem Gespräch anwesend seien. Der junge Mann stimmte dem zu und vereinbarte mit mir einen ersten Termin.

Zur vereinbarten Zeit erschienen der 23-jährige Student und sein Vater, Mitte 50. In der Familie lebten noch zwei Kinder, eine jüngere Schwester und ein jüngerer Bruder, die beide kein Problem mit der Homosexualität ihres Bruders hätten. Der Vater berichtete offen über seine »Aversion gegen die Homosexualität« des Sohnes und räumte ein, er könne sich diese »Abscheu« selbst nicht erklären. Er sei bereit gewesen, den Vorschlag seiner Frau, therapeutische Hilfe zu suchen, anzunehmen, da er von jeher eine gute Beziehung zu diesem Sohn gehabt habe und es sehr bedaure, dass diese nun durch die sexuelle Orientierung des Sohnes »zerstört« würde. Vater wie Sohn waren mit meinem Vorschlag einverstanden, gemeinsame Sitzungen durchzuführen. Falls sich herausstellen sollte, dass der Vater Einzelsitzung wolle und brauche, würden wir das Setting dementsprechend ändern.

Es war für mich enorm beeindruckend, in den zehn Sitzungen, die wir in zwei- mitunter auch dreiwöchigem Abstand durchführten, zu erleben, wie sehr der Vater sich bemühte, seinen Sohn zu verstehen. Es war deutlich spürbar, dass zwischen ihnen eine tragfähige Beziehungsbasis bestand, die auch über sehr konflikthafte Situationen hinwegtrug.

Ich wurde Zeuge eines interessanten therapeutischen Prozesses: Anfangs machte dem Vater bereits das Wort »schwul« enorme Probleme. Er selbst benutzte nicht einmal die Bezeichnung »homosexuell«, sondern sprach lediglich von der »Veranlagung« des Sohnes. Es folgten Sitzungen, in denen wir wenigstens kurz von dem Freund des Sohnes sprechen konnten. Als der Sohn aber ein Bild des Freundes mit in die Sitzung brachte, verweigerte der Vater zunächst, das Bild des Freundes anzuschauen. Das Foto musste mit dem Bild nach unten auf dem Tisch liegen.

Wenige Sitzungen später willigte der Vater jedoch ein, das Bild des Freundes anzuschauen, zunächst geradezu mit dem Ausdruck von Ekel, dann aber doch sichtlich interessiert daran, in wen sein Sohn sich verliebt hatte. Es folgten Sitzungen, in denen ein offenes Gespräch zwischen Vater und Sohn über die Beziehung der beiden jungen Männer möglich war, und schließlich willigte der Vater sogar ein, dass der Freund des Sohnes die Familie besuchte. Dabei stellte sich heraus, dass die Mutter und die Geschwister ihn schon längst kennengelernt hatten.

In den zehn mit dem Vater und seinem Sohn durchgeführten Sitzungen kam es mehrere Male zu lustigen Begebenheiten: Als der Vater bereits relativ viel Akzeptanz entwickelt hatte, beschwor er den Sohn jedoch, unter keinen Umständen mit der Großmutter väterlicherseits über seine Homosexualität zu sprechen. »Sie würde das nicht überleben« war das Argument des Vaters. Der Sohn lachte und erwiderte, die Großmutter sei schon vor den Eltern informiert gewesen und erfreue sich nach wie vor eines glücklichen Lebens! Es gelang dem Vater in den gemeinsamen Sitzungen, seinen Widerwillen gegen die Homosexualität so weit abzubauen, dass der Freund des Sohnes ein regelmäßiger Gast im Elternhaus wurde, ja sogar mit dem Sohn dort übernachten durfte!

Soweit sich in den Sitzungen ergründen ließ, gab es verschiedene Ursachen für die Ablehnung des Vaters: Zum einen waren es Gefühle der Eifersucht und der Enttäuschung darüber, dass der Sohn sich einem anderen Mann zugewendet hatte – nicht klären ließ sich in diesem Setting meine Vermutung, die Ursache könnten eigene gleichgeschlechtliche Gefühle der Vaters sein, was zu seiner engen Bindung an den Sohn und seiner Enttäuschung darüber geführt hatte, dass der Sohn sich einem anderen Mann zuwendete. Zum anderen waren es enorme Ängste des Vaters, was »andere Leute« dazu sagen würden, dass sein Sohn »eine solche Veranlagung« habe. Unter systemischem Aspekt betrachtet, fühlte sich der Vater in der Familie dadurch »ausgebootet«, dass seine Frau und die beiden anderen Kinder sich, gemäß seiner Wahrnehmung, gegen ihn solidarisiert hatten und er als Vater und »Oberhaupt der Familie« nun »völlig allein gelassen« worden sei.

Mehr als zehn Jahre nach Abschluss der gemeinsamen Sitzungen rief mich ein Mann aus einem außereuropäischen Land an und stellte sich als der Student vor, der vor vielen Jahren mit seinem Vater zusammen bei mir gewesen sei. Er habe an diesem Tag sein zehnjähriges Jubiläum seit der Eheschließung mit seinem damaligen Freund und jetzigen Ehepartner, und er habe sich bei diesem Anlass an die Therapiesitzungen erinnert. Er berichtete mir, dass er glücklich mit seinem Ehemann verheiratet sei. Wann immer sie nach Europa kämen, würden sie die Eltern besuchen. Für den Vater sei ihre gleichgeschlechtliche Partnerschaft absolut kein Problem mehr.

Dieses Beispiel zeigt, dass auch hier ein Elternteil, in diesem Fall der Vater, große Probleme hinsichtlich der Akzeptanz der Homosexualität des Kindes, hatte. Doch im Gegensatz zu der Mutter des 16-Jährigen war der Vater hier fähig, seine Ablehnung zu bearbeiten. Dies gelang, weil eine tragfähige Beziehung zwischen Vater und Sohn bestand und der Vater deshalb bereit und fähig war, seine ablehnende Haltung in Frage zu stellen. »Ich bin froh, dass ich das geschafft habe«, meinte er in der letzten Therapiesitzung. »Es hätte mir sehr weh getan, wenn durch meine Ablehnung unsere Beziehung zerbrochen wäre«.

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18 aralık 2025
Hacim:
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9783170392120
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