Kitabı oku: «Reiner Kunze. Dichter sein»

Yazı tipi:


Erarbeitet mit freundlicher Unterstützung durch Birgit Diezel, Präsidentin des Thüringer Landtages, sowie durch die Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in den Freistaaten Thüringen und Sachsen und in Sachsen-Anhalt.

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2013

© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

ISBN 9783954621729

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Impressionen vorab

Kartoffeln, Salz und Senf

Wie die Dinge aus Ton

Erster und kostbarster Literaturpreis

Auch die Briefe, die wir schweigen, werden durchleuchtet

Schreibst du, wie’s in der Zeitung steht, oder wie’s im Leben ist?

Vorsicht Spielzeuglöwe!

Wie Liberalisierung greift

Ein neuer Fall Solschenizyn, jetzt auf deutschem Boden?

Ein Familienfest

Wenn Kunze also im Kapitalismus verfaulen will, dann soll er doch dahin gehen

Angekommen

Sinn macht das Sein. Sein macht Sinn

Ich habe mein Leben selbst bestimmt

Quellennachweis

Abbildungsnachweis

Danksagung

Zum Autor

Keiner kann die Mutfrage beantworten, bevor die Zumutung an ihn herantritt. Erich Kästner

Impressionen vorab

Folgt man der Uferstraße von Passau nach Erlau, beeindruckt die kraftvolle Gelassenheit, die Majestät der Donau wenige Meter nebenan. Nur eine kleine Böschung trennt das Straßenband vom mächtigen Strom. Welch ein Vertrauen, denkt der Reisende. Oder ist es Naivität?

Im Jahr 2013, genauer im März, nahm die Idee der Journalistin und Autorin Christiane Baumann Gestalt an, einen Interviewfilm mit Reiner Kunze zu drehen. Im Mittelpunkt sollten seine Erfahrungen in Westdeutschland seit seiner erzwungenen Ausreise 1977 stehen. Der Verfasser dieser Zeilen wurde gefragt, ob er daneben eine Annäherung an Reiner Kunzes Lebensweg und Werk schreiben könnte? Das bedurfte Bedenkzeit – nicht nur mit Blick auf die Kürze der verfügbaren Zeit. Immerhin vermerkt der Kalender unbestechlich den 16. August als 80. Geburtstag. Vor allem die Achtung vor diesem Dichter der leisen Töne, die Hochachtung vor seinem Anspruch an Wahrhaftigkeit musste jede Zusage vermessen erscheinen lassen.

Es war Reiner Kunze, der im Telefonat in seiner unwiederbringlichen Art befand: „Da müssen wir wohl durch in diesem Jahr. Wenn Sie das auf sich nehmen wollen …“

„Am Sonnenhang“, treffender hätte der Name für die kleine, gediegene Randsiedlung in Erlaus Südlage nicht gewählt sein können. Das Anwesen von Elisabeth und Reiner Kunze überrascht. Dort, wo die Donau unten einen malerischen Bogen zieht, liegt ihr Grundstück im ureigensten Wortsinn an einem Sonnenhang und geht direkt in den hohen Wald eines Naturschutzgebietes über. Das Haus kündet vom Angekommensein der beiden.

ENTWURF UNSERES HAUSES

FREI NACH ALFRED KUBIN

Das fenster deines zimmers soll wimpern haben

Die schwelle ins haus

eine züngelnde schlange (keines menschen

tod noch wunde, nur

erinnerung an eines jeden

einziges leben)1

Dieses Haus über der Donau hat Charakter. So in die Hangschräge gebaut, wirkt es von außen größer als es tatsächlich ist. Seine Fassade ist von schlichtem Weiß, und Weiß dominiert im Inneren. Auch dreißig Jahre nach seiner Fertigstellung erscheint es in seiner Architektur und Einrichtung modern. Die sparsame, zugleich gediegene Zweckmäßigkeit überzeugt. Nichts lenkt ab von den wichtigen Dingen, von den Gemälden Alfred Kubins, von den Holzschnitten HAP Grieshabers, von den beeindruckenden Tierplastiken und Tierzeichnungen Heinz Teuerjahrs aus dem Bayerischen Wald. Nichts lenkt ab vom guten Gespräch in der großen lichtdurchfluteten Bibliothek, die zugleich das Wohnzimmer ersetzt, und nichts stört den schweifenden Blick durch das Panoramafenster über dem Donaubogen. Neben der Bibliothek, in der Mitte der oberen Etage, liegt die helle Essküche mit direktem Durchgang zum Balkon. Die andere Frontseite des Obergeschosses nimmt das große Arbeitszimmer ein. In der Mitte ein Schreibtisch, der Bände füllende Geschichten erzählen könnte. So aufgeräumt, wie er ist, erzählt er erst einmal etwas über die Arbeitsweise des Dichters. In einem Telefonat am zeitigen Nachmittag einige Tage zuvor war ich besorgt, möglicherweise in die Mittagsruhe hinein zu stören. Reiner Kunze hatte aufgelacht: „Mittagsruhe?! Ich sitze seit Stunden am Computer.“ Der Computerarbeitsplatz direkt neben dem schweren Schreibtisch ist sein Tribut an die Zeit. Wie zum Ausgleich wird die Stirnseite des Raumes beherrscht von einem mannshohen Glasschrank mit Klassik-CDs. Man ahnt die von ihnen ausgehende Inspiration. An der Wand im Rücken hängt ein riesiges Ölbild mit einem bedrückend düsteren Vorwinterhimmel. Nur an einer winzigen Stelle reißen die schweren Wolken auf und lassen ein Blau ahnen. Er mag dieses Bild sehr, sagt Reiner Kunze.

Auf einem Stativ am Fenster verblüfft der Fotoapparat mit jenem mächtigen 400-Milimeterobjektiv, das vor Jahren die namibischen Fotoimpressionen in Steine und Lieder2 möglich gemacht hat. Vierzig großformatige Motive vom Donaubogen, beantwortet er den fragenden Blick des Besuchers, seien sein Geschenk an Obernzell für eine Ausstellung im Schloss zum 750-jährigen Gemeindejubiläum im Sommer. Man darf sie sich vorstellen, die steigenden Morgennebel über dem Strom und der Landzunge, die leuchtenden Farben des Herbstes am baumbewachsenen Steilhang gegenüber, das abendliche Felsenglühen über dem Donauknie …

Es ist die Hommage eines Angekommenen an diesen Heimat gewordenen Ort. Noch ahnt niemand, die Ausstellung in Schloß Obernzell wird eine Mut machende Gegenausstellung zum größten Hochwasser, das Passau und die Flussregion seit dem 15. Jahrhundert trifft.

Reiner Kunze deutet auf die Burg Krämpelstein im Felshang direkt gegenüber. Dort auf der anderen Donauseite liegt schon Österreich. Mit Winden und Ketten hätten Raubritter einst an der Flussenge Handelschiffe aufgebracht. Nur dieser eine Satz dazu. Es soll keine Zeit verloren werden: „Ich zeige Ihnen das Archiv.“

Das Archiv ist ein kleiner Raum im Erdgeschoss, direkt neben Elisabeth Kunzes Arbeitszimmer, von dem aus sie ihrem Mann den Rücken frei hält, einen Teil der Post und Anfragen beantwortet. Die beiden sind ein perfektes Team. Nein, an Urlaub denken sie beide nicht, sagt Elisabeth Kunze, und: Die Wochentage reichen für die Arbeit längst nicht aus. Seit sieben Jahren bauen sie das Archiv auf, in den vergangenen vier Monaten haben sie es inventarisiert.

Dieses Archiv ist ein Herzstück der Reiner und Elisabeth Kunze Stiftung. In einem Wandschrank, bescheiden hinter Holztüren, stehen die Ausgaben seiner Bücher in über dreißig Sprachen. Vor allem aber enthält dieses Archiv mehr als fünftausend Schrift-, Bild- und Tondokumente für das künftige Ausstellungshaus. Es sind einmalige Dokumente, die die Hintergründe des Werkes und Wirkens von Reiner Kunze im Spannungsfeld der Zeit belegen. Er zieht Schubladen auf, eine nach der anderen, darin nummeriert zahllose gelbe Einlegemappen, und er sagt, warum ihnen die Stiftung so wichtig ist: „Vergangenheit nicht zu kennen, kann die Zukunft kosten.“ Damit ist ein Ton angeschlagen. Dann folgt die Aufforderung: „Fragen Sie.“

Kartoffeln, Salz und Senf

Meiner kindheit liehen ihre farben

kohle, gras und himmel

unter dieser trikolore trat ich an,

ein hungerflüchter, süchtig

nach schönem3

An sein Geburtshaus in Oelsnitz im Erzgebirge hat Reiner Kunze keine Erinnerung. Als seine Eltern mit ihm dort ausziehen, ist er gerade ein Jahr. Und doch erzählt das Geburtshaus, wie alle Häuser, in denen wir leben, viel über uns. Kunzes Geburtshaus berührt durch seine außerordentliche Ärmlichkeit. Es misst wohl kaum vier mal sechs Meter. Die letzten Jahre, bis zu seinem Abriss 1996, bleibt es unbewohnt.

Die Familie zieht mehrfach um in der fast Zwanzigtausendeinwohnerstadt im Becken des Erzgebirges, die es durch Leinenwebereien, durch Strumpfwirkereien und im 19. Jahrhundert durch Steinkohlebergbau zu relativem Wohlstand gebracht hat, jedenfalls für erzgebirgische Verhältnisse.

Die meiste Zeit seiner Kindheit und Jugend wohnt Reiner Kunze in einem alten Mehrfamilienhaus an der „Inneren Stollberger Straße“. Die Eltern und er leben in einfachsten Verhältnissen. Die Toilette auf der Treppe müssen sie sich mit anderen Mietern teilen. Er erzählt:

Wir wohnten ganz oben, unterm Dach. Es gab nur einen kleinen Raum in der Mitte, der eine gerade Decke hatte. In diesem Raum wurde gekocht und die Zinkbadewanne aufgestellt. Die holten wir vom Boden. In dem Zimmer stand auch das Sofa. Nebenan unter der Dachschräge war noch eine Kammer. Dort standen die Betten zur niedrigen Seite hin. An der hohen Wandseite befand sich der große Schrank, der alles enthielt, was man an Kleidung brauchte, auch Betttücher und Wäsche. Über der Tür hing das einzige Bild, das wir besaßen. Es war ein Hochzeitsgeschenk. Darauf war Jesus als Hirte mit einer Herde Schafe zu sehen. Und auf den Wolken lagerten sich kleine pausbäckige rosige Engelein. Das war meine künstlerische Vorbildung, die ich in der frühen Kindheit genoss.

Seine Mutter Martha ist Kettlerin. Einmal in der Woche holt sie mit dem Handwagen aus der Strumpffabrik im über zehn Kilometer entfernten Oberlungwitz vorgefertigte Strümpfe. Oft nimmt sie ihn auf den langen Weg mit. Zu Hause näht sie auf der Kettelmaschine am Fenster die Nähte. Aber er erinnert sich auch, wie sie beide auf der Halde, die dem kleinen Jungen schwindelerregend hoch vorkommt, Kohle lesen.

Der Vater Ernst ist, wie dessen Vater schon, Bergmann in der Steinkohle. Nahezu wöchentlich passieren Unfälle. Jahrzehnte seines Lebens fährt er, bevor die Sonne aufgeht, ein in den Kaiserin-Augusta-Schacht, und er verlässt ihn erst, wenn der Tag zur Neige geht.

DIE SCHACHTTASCHE

Großvater war mit ihr

zur schicht gegangen

Echt leder

Instandgehalten

mit ahle und schusterzwirn

Nun ging mit ihr zur schicht

der vater

Ein erbstück

Das einzige4

An seinen Großvater hat Reiner Kunze prägende Erinnerungen aus frühen Kindertagen. Er darf manchmal dabei sein, wenn Großvater in den Hungerjahren für den Bauern Kühe auf der Weide hütet. Da kommt es schon mal vor, dass das Kind barfuß in einem frischen Kuhfladen steht und sich freut, wie der die Füße wärmt. Oder er schaut Großvater beim Stöckeroden zu. Wer einmal dicke Baumstümpfe gerodet hat, weiß, was für eine Arbeit das ist. Einmal, als der Großvater im Tausch gegen etwas Essbares beim Bauern Brennholz hackt, spielt das Kind auf dem Heuboden und findet ein Hühnerei. Was für ein Fund! Mit größter Freude läuft es zum Großvater. Der nimmt das Ei wortlos und bringt es der Bäuerin ins Haus. Als er zurückkommt, sagt er: „Mir sei ehrliche Leit.“

Dieser Satz, sagt Reiner Kunze, habe sich tief in ihm eingegraben. Vom Großvater habe er die Ehrlichkeit und durch den Vater habe er die Güte schätzen gelernt – und die Größe, die im Schweigen liegen kann.

Auch als er längst schon erwachsen ist, genießt er es, mit dem Vater zusammen zu sein und dabei einfach zu schweigen: „Wenn wir beieinander saßen, haben wir lange Zeit geschwiegen. Und das war schön! Es war alles gesagt.“

Einmal, erzählt er, hätten sie gemeinsam eine Holzdecke mit Ölfarbe gestrichen. Der Pinsel durfte nicht tropfen. Nur die Pinselspitze wurde in Farbe getaucht, keine Nase durfte sich an der Decke bilden oder gar den Pinselstiel hinablaufen. Deshalb sei es nur langsam vorangegangen. Schweigend hätten sie die Arbeit verrichtet und es sei großartig gewesen. Jeder habe sich auf den anderen verlassen können. Dann, nach Stunden, das erste Wort des Vaters: „Na!?“ Was so viel bedeutet habe wie: Wollen wir eine Pause machen?

Die Mutter Martha ist mit ihrem Temperament, ihrer Gesprächigkeit und ihrem Humor ganz das Gegenteil des schweigsamen Vaters. Kommen Gäste, gibt es ein Fest. Dann bieten die Eltern auf, was aufgeboten werden kann, auch wenn sie es sich eigentlich nicht leisten können. Selbst viel später, als die Eltern schon Rentner sind und Elisabeth und Reiner Kunze sie aus Greiz besuchen, ist es immer das gleiche Ritual: „Wenn wir wieder am Auto standen, brachte der Vater es nicht anders übers Herz. Er drückte mir einen Zwanzigmarkschein in die Hand. Ich darauf: ‚Papa, wir verdienen doch selber Geld!‘ Er: ‚Red nicht!‘“

Bücher spielen im Elternhaus keine Rolle.

Als meine Eltern gestorben waren, fand ich in dem großen Schrank, der durch alle Wohnungen mitgetragen worden war, ganz hinten hinter der Wäsche eine Bibel. Auch sie war ein Hochzeitsgeschenk. Diese Bibel hatte vierzehn Lesebändchen in verschiedenen Farben. Die waren noch so eingelegt, wie das Buch aus der Druckerei gekommen war. In ihr ist also nie gelesen worden.

Reiner Kunze erzählt noch eine Episode über das Verhältnis seiner Eltern zum Buch. Wenn ein neues Buch von ihm gedruckt worden war, habe er seinen Eltern immer ein Exemplar gebracht. So konnten sie sehen, sagt er, dass auch die Arbeit ihres Sohnes etwas zum Anfassen war. Der Vater habe dann neues Packpapier geholt und das Buch nicht etwa eingebunden, sondern richtig eingepackt und in die Schublade geschoben: „Dort wurde es heilig aufbewahrt. Liebevoller geht es nicht. Warum sollte ich meinen Eltern etwas aufdrängen, das nicht in ihren Möglichkeiten lag.“

Auch wenn Literatur, gar Lyrik in Kunzes Elternhaus nicht vorkommen, so verdankt er seine frühe lyrische Sensibilität doch vor allem der Mutter. Später wird der Dichter vielfach nach Einflüssen, nach Vorbildern gefragt werden, und manches wird in sein Werk hineininterpretiert. Doch der Schlüssel ist so einfach wie überraschend:

Mein erster großer Eindruck – nicht nur literarisch, auch musikalisch – waren die Volkslieder, die meine Mutter, wenn sie Handarbeit verrichtete, immer sang. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Strophen das Lied „Es waren zwei Königskinder“ hat. Sie kannte alle. Manchmal dichtete sie Volkslieder auch um auf ihr Leben. Einmal, sie hing Wäsche auf und sang, habe ich gesagt: „Aber das stimmt doch nicht!“ Sie fühlte sich ertappt und wollte keinesfalls zugeben, dass sie den Text weitergedichtet hatte.

Meine Mutter hat sehr schön gesungen. In ihrer Jugend war sie Sängerin in einem Chor. Sie kommt aus einem bürgerlichen Elternhaus, ihr Vater war Steinmetz und besaß ein Steinmetzgeschäft. Sie waren mehrere Geschwister, und zu Hause wurde Hausmusik gemacht. Mit diesem Schatz in der Seele wurde sie eine Bergarbeiterfrau. Diesen Schatz hat sie sich bewahrt.

Ich konnte viele Texte auswendig, noch bevor ich in die Schule ging. Ich weiß nicht mehr, ob ich auch die Melodien sang. Aber sie waren mir im Ohr. Für diesen Schatz bin ich bis heute dankbar. Viel später erst habe ich begriffen, was für großartige Kunstwerke Volkslieder sind, wie sie gebaut sind, wie viele Menschen über Generationen dran geformt haben, bis sie vollendet waren.

Wenn ich die „Königskinder“ betrachte, alle Strophen sind in der gleichen Weise gebaut: „Es waren zwei Königskinder“. Das ist eine Feststellung. Melodisch beginnt sie mit einer Quint. Dann kommt eine Steigerung: „Sie hatten einander so lieb“. Diese Zeile beginnt mit einer verminderten Septime. Schließlich die letzte Steigerung: „Sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief“. So geht das durch das ganze Lied. Und dann so eine Stelle: „Das Wasser war viel zu tief“. Das habe ich erst viel später begriffen: Darum ging es ja gar nicht! Wenn das Wasser tief war, was machte das? Aber was ist breit gegen tief! Diese Trennung ist ja viel furchtbarer.

Diesen Grundstock verdanke ich meiner Mutter.

Wer kann wie Reiner Kunze heute noch von sich sagen, er sei mit einem ganzen Volksliedschatz aufgewachsen? Diese Lieder von Liebe und Heimat, von Träumen und Sehnsüchten waren ein elementares Kulturgut der einfachen Menschen. Es sind Lieder, die gehen tief ins Innere. Das Innere der Dinge und des Seins aufzuschließen, wenn auch in einer ganz anderen poetischen Form, gehört zum Wesen von Kunzes Lyrik bis heute. Im Volkslied liegt eine der Wurzeln dafür. Die Volkslieder der Mutter haben den Dichter ebenso geprägt, wie die Verhältnisse, in denen er aufgewachsen ist.

UNSERE EINFACHHEIT

Unsere einfachheit hatte

nicht einmal felder

Der wiesengrund, wo es den bergmannsfrauen war erlaubt,

die wäsche zu bleichen, gehörte

dem hauswirt

Selbst über die luft

geboten andere:

Auf das weiße bettleinen

rieselten schlotasche und ruß,

das gebleichte wurde

nachgewaschen

(…)

So eine einfachheit war’s

mit so einem himmel5

Als Reiner Kunze geboren wird, liegen die Hungerjahre der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 hinter den Eltern. Doch diese Jahre hinterlassen Spuren. Mit acht Monaten bekommt das Baby am ganzen Körper ein endogenes, von innen kommendes Ekzem, später stellt sich Asthma ein, zwei Krankheiten, die den Jungen bis in die Pubertät schwer belasten. Die Mutter macht sich Vorwürfe, sie sei schuld an seiner Hautkrankheit, hatte sie sich während ihrer Schwangerschaft doch fast ausschließlich von Pellkartoffeln, Salz und Senf ernährt.

Von klein auf lebt der Junge weitgehend isoliert von anderen Kindern. Es gibt kaum Zeiten, in denen ihm nicht die Knie oder die Ellenbogen verbunden sind, weil das Ekzem nässt, weil es blutet und eitert, wenn er daran kratzt. Deswegen bindet die Mutter ihm manchmal die Hände auf den Rücken. Als der Krieg beginnt, gibt es kaum Verbandszeug. Was es gibt, muss wieder und wieder gewaschen und gebügelt werden. Die von Eiter und Ichthyol-Salbe durchtränkten Verbände sehen abstoßend aus. Manche Eltern sagen: „Mit dem darfst nicht spielen. Der hat de Krätze.“

Er hat nicht die Krätze, sein Ekzem ist nicht ansteckend, aber der Junge kann vieles von dem, was Kindsein ausmacht, nicht tun. Er darf weder schwimmen noch auf Bäume klettern. Im Turnunterricht ist er, wenn er überhaupt mittun darf, nicht nur der Kleinste, sondern auch der Ungeschickteste:

Ich weiß noch, als wir einmal auf dem Schulhof Fußball spielen durften und zwei Schüler sich ihre Mannschaft zusammenriefen, stand ich zum Schluss allein. Ich hätte mich auch nicht in meine Mannschaft gewollt. Da sagte der Turnlehrer: „Wer den Reiner in seine Mannschaft nimmt, bei der spiele ich zur Belohnung in der zweiten Halbzeit mit.“

Wir hatten auch zwei Banden in der Klasse, die einander bekriegten. Aber beide bekriegten mich. Ich habe mich oft nicht nach Hause getraut, habe zwei Stunden hinter der Schultür gewartet und Angst gehabt. Denn ich wurde mehrmals durch Steinwürfe – auch am Kopf – verletzt.

Das hat mich in meiner Kindheit sehr belastet. Eine Folge könnte gewesen sein, dass ich in meiner Isolation angefangen habe, mir Geschichten auszudenken und sie aufzuschreiben. Das war der nächste Fehler: Meine Hausaufsätze waren viele Seiten länger als die der anderen Schüler, und der Lehrer hielt sie der Klasse vor und sagte: „Schaut euch mal an, was der Reiner macht.“ Das war natürlich wieder ein Grund zur Bestrafung.

Ausgrenzung und Alleinsein sind sicher nicht der entscheidende Grund, weshalb der Junge beginnt, seine Fantasien in Geschichten, manchmal auch in Reimen, auf Papier zu bringen, besonders wenn er wochenlang mit Verbandsmull um Arme und Beine zu Hause liegt. Er entdeckt das Schreiben und beginnt in Assoziationen zu denken. Diese Begabung, die ihn später zum Künstler macht, ist bereits zeitig ausgeprägt:

Dass ich als Kind schon diese seltsame Denkweise gehabt habe, zeigt ein winziges Erlebnis. Ich war zehn Jahre alt war, es herrschte Krieg und wir hungerten. Meine Mutter suchte an den Weidezäunen Brennnesseln, um am Abend Brennnesselsuppe kochen zu können. Es war Frühherbst, ich setzte mich an einen Hang und beobachtete die Schwalben, die sich auf den Stromleitungen zum Abflug sammelten. Damals gab es unglaublich viele Schwalben. Ich war fasziniert, und plötzlich sagte meine Mutter: „Was guckst du so?“ Ich zeigte auf die Schwalben und sagte: „Stacheldraht.“ Mit Entsetzen im Gesicht kam sie ganz nahe an mich heran und sagte: „Aber Reiner, das ist doch kein Stacheldraht. Das sind doch Schwalben.“ Darauf ich: „Ich weiß schon.“ Erst Jahrzehnte später habe ich begriffen, dass meine Mutter dachte, ich hätte den Verstand verloren. Dabei war es nur ein Anderssehen, eine Assoziation.

Welche zuvor gehabten Erlebnisse sich mit der Beobachtung der Schwalben auf dem Draht zum Bild vom „schwalbenstacheldraht“ verknüpfen, wird wohl ein Rätsel bleiben.

Auf dem Weg zur Schule kommt er jeden Tag an einer Gärtnerei vorbei. Dort trifft er manchmal den Herrn Schmalfuß, einen älteren Juden. Eines Tages hört er, wie Frauen sich auf der Straße zuflüstern, den alten Schmalfuß habe man „abgeholt“. Ohne ermessen zu können, was „abgeholt“ bedeutet, spürt der Junge das Unheimliche hinter diesem Wort. Es ist ein Wort wie „schwalbenstacheldraht“.

KINDHEITSERINNERUNG

Wenn die schwalben sich zum abflug sammelten,

trennte zwischen den stromleitungsmasten

schwalbenstacheldraht

das dorf vom himmel

Und die menschen waren

gefangene, verurteilt

zum winter

(…)6

Eine politische Meinung, sagt Reiner Kunze, hörte er zu Hause nie. Er sei auch nie politisch beeinflusst worden:

Als Hitler 33 an die Macht kam, haben meine Eltern das garantiert nicht politisch reflektiert, sondern nur: „Der Führer hat Arbeit geschaffen.“

Irgendwann beim Bier hat einer seiner Arbeitskollegen meinen Vater überredet, in die Partei einzutreten: „Der Führer hat uns Arbeit verschafft.“

Wie stark mein Vater in der nationalsozialistischen Ideologie involviert war, sieht man daran:

Er bekam regelmäßig eine Zeitschrift geschickt, die hieß „Der politische Leiter“. Die Zeitschrift verschwand so, wie sie geschickt wurde, im Nachtkästchen. Er hat niemals auch nur eine Seite aufgeschlagen. Diese Zeitschrift hatte ein schönes festes Umschlagpapier. Eines Tages habe ich mir aus einem Umschlag ein Flugzeug, eine Schwalbe, gebaut und sie auf der Straße fliegen lassen. Als mein Vater von der Schicht kam, nahm er die Schwalbe und gab mir eine Ohrfeige. Es war die einzige Ohrfeige, die ich von ihm je bekommen habe: „Dass du das nie wieder angreifst!“ Es war vermutlich ein Angstreflex.

Mein Vater wurde 1939 eingezogen und kam 1945 als Gefreiter aus dem Krieg zurück.

An der Volksschule erlebt Reiner Kunze Antreten, Trommeln, Fanfaren, Hakenkreuzfahnen. Die Appelle und Aufmärsche gehören dazu. Wie alle anderen ist er in der Hitlerjugend.

Ich ging in Oelsnitz in die Volksschule. Dort habe ich zum ersten Mal erlebt, was eine Generation später Utz Rachowski auf der Oberschule in Reichenbach erlebte – nur mit anderen Uniformen: Jeden Montag Fahnenappell. In dem Buch „Die wunderbaren Jahre“ habe ich darüber geschrieben.

Reiner Kunze sagt, eigentlich sei er kein besonders guter Schüler gewesen, weder im Rechnen noch im Sport. Hervorgetan habe er sich mit dem Sammeln von Altpapier und Buntmetall, wozu die Schüler aufgefordert waren. Wer eine bestimmte Menge zusammenbrachte, bekam ein Heftchen mit einem der Grimms Märchen. Für diese Heftchen zog er mit dem Handwagen von Haus zu Haus. So, sagt er, habe er sich seine erste kleine Bibliothek zusammengesammelt.

Einer der Neulehrer, selbst noch Lernender, wird in der sechsten Klasse sein Deutschlehrer. Er ist beeindruckt von den Aufsätzen und Versen, die sein Schüler schreibt, und er beschließt, ihn in die achte Klasse vorzuversetzen, damit er schneller auf die Oberschule kann. Was er offenbar nicht bedenkt, sind die mäßigen Rechenleistungen seines Zöglings. Und so nimmt er den Jungen nach Unterrichtsschluss ins Lehrerzimmer mit und versucht, ihm die Prozentrechnung zu erklären: Er solle annehmen, fünf sei gleich hundert. Aber der Schüler ist auf der Hut: Fünf sei doch viel weniger als hundert. Als der Lehrer erwidert, alles könne gleich hundert sein, auch eine Million, lacht der Schüler schallend.

Die Eltern denken nicht an höhere Schulbildung. Der Junge soll etwas Ordentliches lernen, einen Beruf, der gebraucht wird. Schuster werden immer gebraucht. Und so vereinbart der Vater eine Schuhmacherlehre für ihn. Der Sohn soll versorgt sein, soll nicht arbeitslos werden wie er in der großen Krise, wenn wieder eine Krise kommt. Und er soll nicht hungern müssen wie in den Jahren, die Reiner Kunze so in Verse fasst:

NACH DEM KRIEG

Die bauern hackten die abgeernteten felder nach,

bis die furchenhügel

gräben waren

Fremden, die dem acker

sich zu nähern wagten, zeigten sie

die pferdepeitsche

Die hacken verborgen im unterholz,

warteten wir im wald,

bis über den niederbrennenden kräutrichfeuern

der mond aufging

und unserem hunger

eine unerreichbare

in heißer asche aufgeplatzte

kartoffel leuchtete7

Sein Lehrer setzt sich ein, und der Junge bekommt die Chance, in die Aufbauklasse an die Oberschule nach Stollberg zu gehen. Der Vater ist dagegen, doch der Lehrer ringt ihm die Erlaubnis ab. Bevor der Sohn jedoch auf die weiterführende Schule darf, muss er eine Aufnahmeprüfung bestehen:

An der Tafel stand eine Rechenaufgabe mit einem Buchstaben. X oder Y ist gleich … Da habe ich abermals gelacht und in der heiligen Prüfungsraumstille ausgerufen: „Ach, das gibt’s doch gar nicht! Mit Buchstaben kann man doch nicht rechnen.“ Damit war die Sache klar: Ich war durchgefallen.

Wie die Dinge aus Ton

Der Junge fügt sich in die Gegebenheiten: Gut, wenn Abitur nicht möglich ist, dann mache ich eben die Schusterlehre. In dieser Situation bekommen die Eltern im Sommer 1947 unerwartet einen Brief, ihr Sohn sei an der Oberschule in Stollberg angenommen. Er ist glücklich, strahlt. Was auch immer den Ausschlag gegeben hat, er darf sich zu den Auserwählten zählen. In die Schule geht er mit einem Gefühl der Dankbarkeit.

Der nächste Winter, erinnert Reiner Kunze sich, wird außerordentlich streng. In dem Schulgebäude, einem riesigen gelben Klinkerbau, ist es kalt, es gibt keine Kohlen zum Heizen. Sie sitzen in Mäntel gehüllt und schreiben in Handschuhen. Ein Kanonenofen wird aufgestellt und die Bergmannskinder müssen reihum je zwei Briketts mitbringen:

Um es wärmer zu bekommen, haben wir im Klassenzimmer an Holz abgebaut, was sich abbauen ließ, auch die Leisten um den streng geheimen, immer verschlossenen Aktenschrank. Eines Tages brach der Schrank zusammen und alles, die Bücher, unsere Zensurenhefte, das Klassenbuch, fiel heraus. Wir hatten nichts anderes zu tun, als das geheime Klassenbuch zu lesen. So habe ich erfahren, weshalb ich an der Oberschule aufgenommen worden war. Wegen eines überdurchschnittlichen Prüfungsaufsatzes, Thema: „Die Mühle im Tal“. So begann die „Literatur“ meinen Weg zu bestimmen – und sie sollte es das ganze Leben über tun.

Während der Oberschulzeit versucht Reiner Kunze sich auf verschiedenen künstlerischen Gebieten, zeigt Talent fürs Malen und lernt Geige aus Liebe zur Musik, meint aber irgendwann, dass es ihm an musikalischer Begabung fehle. Zudem hat er einen Musiklehrer, der ihn auf seine Weise motiviert. Für einen falschen Ton setzt es einen Hieb mit dem Geigenbogen in den Nacken. Schließlich gibt der Schüler auf.

Die Woche über wohnt Reiner Kunze im Schulinternat. Heute sagt er, die Zeit an dieser Oberschule habe er mit als seine bedrückendste Zeit erlebt. Er sei ohne jedes skeptische Rüstzeug und ohne intellektuelle Vorbildung dorthin gekommen. Wer Reiner Kunze kennt, weiß, dieser Mann retuschiert seine Biografie, auch die politische Naivität in seiner Jugend, nachträglich nicht. 1970 schreibt er, Bezug nehmend auf eine Briefzeile seines mährischen Dichterfreundes Jan Skácel, dieses Gedicht:

WIE DIE DINGE AUS TON

Aber ich klebe meine hälften zusammen

wie ein zerschlagener topf

aus ton.

(Jan Skácel, brief vom februar 1970)

1

Wir wollten sein wie die dinge aus ton

Dasein für jene,

die morgens um fünf ihren kaffee trinken

in der küche

Zu den einfachen tischen gehören

Wir wollten sein wie die dinge aus ton, gemacht

aus erde vom acker

Auch, daß niemand mit uns töten kann

Wir wollten sein wie die dinge aus ton

Inmitten

soviel

rollenden

stahls

2

Wir werden sein wie die scherben

der dinge aus ton: nie mehr

ein ganzes, vielleicht

ein aufleuchten

im wind8

Dieses Gedicht erzählt davon, wie der Glaube und das Vertrauen einer ganzen Generation missbraucht und zerbrochen wurden. Nur eine ganz, ganz kleine Hoffnung bleibt.

Man muss sich hineinversetzen in die Zeit. Es sind die Hunger- und Aufbaujahre nach dem Krieg. Die Jugendlichen erfahren von den Gräueltaten der Nazis, sehen Bilder aus Konzentrationslagern. Die neue Gesellschaft steht dafür, dass das nie wieder passieren darf. Die Hoffnungsworte heißen Zukunft, Fortschritt, Sozialismus. Alles soll besser werden. Das will auch er.

Der Bericht über eine Schulkonferenz im Jahr 1958 zeugt von der Atmosphäre an der Stollberger Oberschule. Obwohl sieben Jahre dazwischen liegen, braucht es wenig Fantasie, sich diese Konferenz 1951 vorzustellen, als Kunze dort Schüler war.

In die Aula eingeladen sind „218 Eltern unserer Arbeiter- und Bauernkinder und die Genossen der Sozialistischen Einheitspartei.“ Die Inhalte der Referate und die Diskussionsredner werden im Vorfeld festgelegt. Nichts wird dem Zufall überlassen. Ein Drittel der Eltern folgt der Einladung der Schulleitung, dazu Funktionäre des regionalen Parteiapparates und des „Pädagogischen Rates“.

Die erste Kritik wird am mangelnden Interesse in den Elternhäusern laut. Es zeige, hier müsse weit mehr Überzeugungsarbeit geleistet werden. In dieser Konferenz geht es nicht um eine Analyse von Bildung und Wissen. Aufgabe ist es, „den Stand der sozialistischen Erziehung an unserer Schule zu überprüfen und Maßnahmen zu ihrer Verbesserung einzuleiten“.

Als Bilanz bisheriger Erziehungserfolge wird verkündet: „… 47 Meldungen zum Dienst in der Nationalen Volksarmee, Arbeitseinsätze im Nationalen Aufbauwerk, bei der Ernte …, beim Bau eines Schießstandes …“ Anschließend werden die Anwesenden konfrontiert mit „Misserfolgen und offensichtlichen Mängeln in der gemeinsamen Erziehungsarbeit“: Acht Schüler, die im letzten halben Jahr „unseren Arbeiter- und Bauernstaat verraten haben und republikflüchtig wurden“, werden mit Namen und Wohnort genannt.

Der stellvertretende Direktor fordert: Eltern republikflüchtiger Schüler haben die Ausbildungskosten zurückzuerstatten; Schüler, von denen Angehörige Republikflucht begangen haben, sind von der Schule auszuschließen; nur noch „solche Grundschulabgänger werden in die Oberschule aufgenommen, die … durch ihre Teilnahme an der Jugendweihe sich zu unserem Staat der Arbeiter und Bauern bekennen.“

Mehrere Diskussionsredner ergehen sich in scharfen Attacken gegen zwei Pfarrer, die das Recht auf Religionsfreiheit und Konfirmation verteidigt haben. Das seien „Machenschaften, die religiöse Gefühle für reaktionäre Zwecke mißbrauchen“. Alle Anwesenden stimmen einem vorbereiteten Schreiben an die Kirchenleitung zu, das ihre „Empörung“ angesichts der „starren und reaktionären Haltung“ der beiden Pfarrer ausdrückt. Der Brief kulminiert in dem Satz: „Ihre Stellung gegen die Jugendweihe ist nichts anderes als ein bewusstes Hemmen unseres sozialistischen Aufbaus.“9

Dieses Klima herrscht an dieser Schule, über deren Eingangsportal die Worte „Gott sei Gloria“ aus dem Sandstein herausgemeißelt sind. Kirchenkampf, Ausgrenzung junger Christen, Sippenhaft bei Republikflucht und Militarisierung sind Teile der „sozialistischen Erziehung“. Die tägliche Indoktrination zeigt Wirkung.

In Kurzbiografien über Reiner Kunze liest man das Wort „SED“. Auch dahinter steht eine Geschichte.

Die Lehrer schätzen die Freundlichkeit des Schülers, seinen Lerneifer und die Zuverlässigkeit bei der Erfüllung „gesellschaftlicher Aufträge“. Eines Tages klopfte der Direktor während des Unterrichts an die Tür. Er rief mich heraus und sagte: „Wir haben beschlossen, dich als Kandidat für die SED vorzuschlagen.“ Das war in der zehnten Klasse. Eine Ehre! Der Rektor war ein alter Sozialdemokrat, ein vernünftiger Mensch.

Am 1. Juni 1950 wird Reiner Kunze als Kandidat in die Reihen der SED aufgenommen. Das, sagt man ihm, sei eine hohe Auszeichnung und eine ebenso große Verpflichtung. Da ist er sechzehn. Aus seinem Lebenslauf für die Bewerbung zum Studium sprechen Stolz, Überzeugung und jugendlicher Überschwang des künftigen jungen Genossen:

Das Datum jedoch, das ich dem ersten gleichsetze [dem der Geburt, d. Verf.], ist das meiner Aufnahme als Kandidat für die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. Was wäre ich für das Friedenslager, für die Arbeiterklasse, ja für mich selbst, wenn mich nicht die Partei schule und erziehe? Im Strom der Zeit triebe ich vielleicht mit dahin, aber selber lenken und andere Lenken lehren könnte ich … nicht.10

Doch bald stellen sich erste Irritationen ein. Bei den Volkskammer- und Regionalwahlen im Oktober 1950 werden die Schüler als „Wahlschlepper“ eingesetzt. Ihr Auftrag ist es, schon am Vormittag die Bewohner in ihren Häusern aufzusuchen, zu fragen, ob sie wählen waren. Wenn nicht, sollen sie sie zum Wahlbüro begleiten. Das ist dem Schüler Kunze überaus peinlich. Noch peinlicher wird es, als er und ein Klassenkamerad sich davon überzeugen müssen, dass der Ärger eines dieser Wähler berechtigt ist: Es liegt kein Stift in der Wahlkabine. Sie gehen in ein anderes Wahllokal. Auch dort kein Stift. Sie sind empört, laufen in die Schule und berichten dem Rektor, Herrn Bellmann, was sie erlebt haben:

Er bekam einen hochroten Kopf, die Adern schwollen ihm an: „Unmöglich!“ Wütend rief er in unserer Gegenwart die Kreisleitung an und protestierte. Die Folge war, dass er mangels Parteilichkeit gerügt und später in eine andere Schule versetzt wurde.

Eigentlich will Reiner Kunze an der Kunstakademie Dresden studieren. Er besteht die Vorauswahl. An der Oberschule gibt es jedoch zwei Lehrerinnen, die ihm ideologisch zusetzen und ihn dazu bringen, sich für ein Studium der Publizistik zu entscheiden. Sie handeln damit strikt im Interesse der Partei. Der Abiturient hat keine Vorstellung, was dieses Studium bedeutet.

Nach dem Abitur 1951 beginnt er an der Philosophischen Fakultät der Karl-Marx-Universität Leipzig unter anderem das Fach Publizistik zu studieren. Seinen Neigungen folgend belegt er Kunst-, Musik- und Literaturgeschichte, weshalb er nach Gründung der Fakultät für Journalistik 1954 dem Fachbereich Kulturpolitik zugeordnet wird.

Mit ihrer Umgründung untersteht diese Fakultät nur noch pro forma der Universität, de facto wird sie ein Ausbildungsinstitut des Zentralkomitees der SED. Der Auftrag: Nach leninistischen Prinzipien sollen die angehenden Journalisten hier zur „schärfsten Waffe der Partei“ geformt werden. Wer im „Roten Kloster“ sein Diplom erwirbt, gehört fast schon zur Nomenklatur.

Aus heutiger Distanz, sagt Reiner Kunze, habe er das Studium in Erinnerung als Jahre hochgradiger Indoktrination. Er habe den Professoren geglaubt. Sie seien für ihn unbezweifelbare Autoritäten gewesen. Er ist ein guter Student, erhält Leistungsstipendium und Auszeichnungen.

Von den Spannungen in der Gesellschaft lebt er weitgehend abgeschottet. Die Ereignisse um den Volksaufstand des 17. Juni 1953 erreichen ihn kaum. In diesen Tagen liegt er frisch am Blinddarm operiert am Rande der Stadt im Krankenhaus Leipzig Dölitz. Er weiß nicht, dass allein in Leipzig vierzigtausend Arbeiter die Betriebe besetzen und mit anderen auf die Straße gehen. Erst durch eine Tante, die ihn besucht, erfährt er überhaupt etwas von den Protesten gegen Preissteigerungen und Normerhöhungen, von besetzten und verwüsteten Parteihäusern und Angriffen auf Funktionäre und Polizei, vom Einsatz russischer Panzer, vom Ausnahmezustand und Verhaftungen. Die Tante ist bei ihrem Besuch vollkommen aufgelöst und hat Angst zu erzählen.

Das wenige, dass er über den 17. Juni erfährt, gibt ihm zu denken. An der Universität hören die Studenten danach gebetsmühlenartig von „Unruhen“ als „Werk imperialistischer Provokateure und faschistischer Agenten ausländischer Mächte und ihrer Helfershelfer“. Schuldig seien allein der faschistische Adenauer-Staat, Eisenhower und sein Sender RIAS in West-Berlin. Die Feinde des Sozialismus hätten dafür gesorgt, dass Nazis aus Gefängnissen befreit worden seien. Sie hätten versucht, die Macht an sich zu reißen. Nach diesem „konterrevolutionären Putschversuch“ werden die Studenten auf noch unbedingtere revolutionäre Wachsamkeit eingeschworen. Reiner Kunze ist eingesponnen in diesen Kokon.

Seine Studienleistungen und die positive Beurteilung als Genosse eröffnen ihm 1955 eine Assistentenstelle mit Lehrauftrag. Zuvor hatte er 1954 ein Praktikum bei der „Magdeburger Volksstimme“ absolviert. Auch diese Beurteilung fällt sehr wohlwollend aus. Er habe „zur vollsten Zufriedenheit“ gearbeitet, sei „wiederholt durch besonders gute Reportagen über künstlerische und andere Ereignisse hervorgetreten“, und er „leitete zeitweilig selbständig die Kreisredaktion Haldesleben“.11

Reiner Kunze beginnt seine wissenschaftliche Laufbahn an der Uni, er wird aufgenommen in den Journalistenverband und in den Schriftstellerverband der DDR. Aber er vergisst auch nicht, woher er kommt.

ANTWORT

Mein Vater, sagt ihr,

mein Vater im Schacht

habe Risse im Rücken,

Narben,

grindige Spuren niedergegangenen Gesteins

ich aber, ich

sänge die Liebe.

Ich sage:

Eben, deshalb.12

Hier spricht die Ehrfurcht vor der Arbeit, zugleich das Glücksempfinden, auserwählt zu sein. Vier Jahre lang führt er Seminare und hält Vorlesungen über „Die literarischen Genres in der Zeitung“.

In seiner Anfangszeit als Assistent und Mitglied der Parteileitung gibt er die verinnerlichte Indoktrination weiter: „Ich habe daran geglaubt. Ich habe bestimmt anderen geschadet.“ Als Gruppenführer der Kampfgruppe läuft er links außen. Er ist es, der die Befehle gibt. Als Seminarleiter ist er streng. Es geht dabei weniger um politische Auseinandersetzungen, die hat er mit seinen Studenten selten. Ihm geht es um deren Eignung. Kompromisslos vertritt er die Position, Studenten mit schwachen Leistungen gehören nicht ins Journalistik-Studium, auch wenn sie Arbeiter- oder Bauernkinder oder privilegiert sind durch politische Empfehlungen oder Funktionärseltern. Wer bei Prüfungen durchfällt, müsse gehen, damit er einem besseren Studenten nicht den Platz wegnehme.

Reiner Kunze hat den Ruf eines strengen Idealisten. Es spricht für sich, dass er in seinem Tagebuch Am Sonnenhang diese Einlassungen Wolf Biermanns aus der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 24.08.1990 zitiert:

Noch heute, nach so vielen Jahren, geht Helga Novak, die große verkannte Dichterin dieses Landes, an die Decke, wenn ich die „sensiblen wege“ meines Freundes Kunze verteidige. (…) „Kunze? Der!!“ Und dann erzählt sie, wie es an der Journalistenhochschule in Leipzig war, wo Kunze zum Lehrkörper gehörte, ein junger ehrgeiziger Assistent. Kunze wurde als brutaler stalinistischer Einpeitscher von den besseren Studenten gefürchtet. 13

Darauf angesprochen, sagt Reiner Kunze:

Was Helga Novak betraf, und da war noch jemand, die Brigitte Klump, beide wussten nicht, was im Lehrkörper vorging, dass ich so aufgetreten bin, um überhaupt noch auftreten zu dürfen. Sie haben nicht gewusst, wie mein Verhältnis zu den Studenten war, deren Vertrauen ich besaß.

Beide, Helga M. Novak und Brigitte Klump kommen 1954 als Studentinnen an die Journalistische Fakultät. 1956 soll Brigitte Klump eine Arbeit über „Die Vulgarisierung der Literatur durch Bertolt Brecht“ schreiben. Brecht lädt sie und andere interessierte Studenten zu einer Aufführung ins Berliner Ensemble ein, damit sie sich selbst ein Bild über „das Destruktive“ seiner Arbeit machen können. Ein Sonderzug für 700 Studenten wird organisiert. Walter Ulbricht persönlich lässt die Anreise verhindern. Vorgeschoben werden Gleisbauarbeiten. Danach ist die anfänglich naive Brigitte Klump, die als Volontärin von ihrer Bauernzeitung zum Studium delegiert wurde, einer derartigen Stasi-Bearbeitung ausgesetzt, dass sie aus der DDR flieht. Einundzwanzig Jahre später veröffentlicht sie die aufsehenerregende Innenschau „Das Rote Kloster“ in der Bundesrepublik. Zuvor hatte das Kulturministerium der DDR dem Verlag Hoffmann und Campe eine Millionen D-Mark geboten, wenn er das Buch zurückzöge.

Brigitte Klump, sagt Reiner Kunze, hatte einen ähnlichen Eindruck von mir wie Helga Novak. Eines Tages brachte sie mir eine schriftliche Arbeit über die Erziehung zur Heuchelei. Ich habe sie beiseitegenommen und gesagt: „Diese Arbeit müsste ich der Stasi geben. Vernichte sie. Ich habe sie nicht gesehen.“ Das schreibt sie dann auch in ihrem Buch. In dem Augenblick hatte sie begriffen, was der Kunze manchmal öffentlich von sich gibt, ist vielleicht doch nicht der wahre Kunze.

Ein Beispiel. Wir hatten einen hochbegabten Studenten, der unterstützte mich als Hilfsassistent. Er konnte sehr gut schreiben. Als er mir Arbeiten von sich zeigte, habe ich gesagt: „Junge, das ist gefährlich.“ Dem habe ich geraten, wie er solche Sachen aufheben soll. Sie hatten einen großen Garten: „Nimm doch Einkochgläser. Schreib sehr klein, leg die Manuskripte rein und vergrabe sie.“

In die erste schwere Auseinandersetzung innerhalb der Fakultät gerät Reiner Kunze 1956. Er kennt zum Aufstand in Ungarn die Argumentation aus dem Neuen Deutschland und aus Parteigruppenversammlungen: Die ganze Schuld läge bei westlichen und ungarischen reaktionären Kräften. Der Hochverräter Imre Nagy und die Petöfi-Renegaten hätten versucht, die volksdemokratische Ordnung zu stürzen und eine Restauration des Kapitalismus herbeizuführen. Damit hätten sie den Weltfrieden gefährdet. Durch die brüderliche Hilfe sowjetischer Truppen und durch die revolutionäre Arbeiter- und Bauernregierung unter Janos Kádár sei Ungarn gerettet worden. Bewusst verschwiegen wird in der SED-Informationspolitik, dass es sich in Ungarn ähnlich wie in der DDR 1953 um eine Volksbefreiungsbewegung handelt, hier hervorgegangen aus Studentenprotesten, dass russische Panzer gegen ungarische Karabiner und den reformkommunistischen Hoffnungsträger Imre Nagy eingesetzt werden und ein Blutbad anrichten.

Eingeladen von Peter Nell, einem alten Kommunisten und Autor des autobiografischen Romans „Der Junge aus dem Hinterhaus“, fährt Reiner Kunze zum außerordentlichen Schriftstellertreffen nach Berlin. Er ist dabei, als die Präsidentin Anna Seghers Georg Lukács verteidigt, einen der intellektuellen Köpfe des Petöfi-Klubs und damit des Ungarn-Aufstandes. Und er fragt sich: Wie passt das zusammen? Seghers und Lukács verbindet ein langer Briefwechsel. Während der Niederschlagung des Aufstandes in Budapest bittet sie Walter Janka, den Leiter des Aufbau-Verlages, Lukács nach Berlin zu holen. Janka wird verhaftet und wegen konterrevolutionärer Gruppenbildung und Verschwörung – er habe Lukács in die DDR schmuggeln und so den Sturz der Regierung herbeiführen wollen – zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Prozess, bei dem Anna Seghers anwesend ist, schweigt sie.

Reiner Kunze:

Ich war befreundet mit Peter Nell, er arbeitete im Ministerium für Kultur, in der Hauptabteilung Literatur, wo die Manuskripte eingereicht und begutachtet wurden. Seine Frau Edith und er waren sehr vernünftige Leute, parteipolitisch fest gebunden, aber es gab keine Tabus in den Gesprächen. Im Gegenteil.

Als Peter Nell 1957 sterbenskrank lag, besuchte ich ihn. Er hat meine Hand ergriffen und gesagt: „Reiner, es stimmt alles nicht. Wir haben für einen Irrtum gelebt.“

Dieser Peter Nell lud mich offiziell ein zu einer während der Ereignisse in Ungarn sofort einberufenen Schriftstellerversammlung in Ostberlin. Dort waren Anna Seghers, Stephan Hermlin, alle, die in der DDR-Literatur eine Rolle spielten. Ich gehörte da überhaupt nicht hin. Anna Seghers war da einmal mutig. Sie hat sich für Georg Lukács eingesetzt: „Ich glaube nicht, dass er ein Feind der Arbeiterklasse ist, denn er hat mich zur Kommunistin gemacht.“ Sie hat sich hundertprozentig hinter ihn gestellt.

Früh morgens bin ich nach Leipzig zurückgefahren, weil ich Seminar hatte. Da stehen oben auf der Holztreppe des Hintereingangs Fritz Raddatz und Klaus Höpcke, zwei Assistenten und Kollegen von mir. Ich sehe sie noch heute und höre sie fragen, was denn in Berlin gewesen sei und ich sage naiv: „Die Anna Seghers hat gesagt …“ Mittags Riesenversammlung über die ideologischen Unklarheiten des Assistenten Kunze.

Die ideologischen Aufpasser dürfen sich auf die Schultern klopfen. Die Parteileitung verlangt eine schriftliche Stellungnahme und jeder weiß, alles andere als reuige Selbstkritik hat weitere Disziplinierungsgespräche zur Folge. Reiner Kunze schreibt:

(…) Nach den Informationen unserer Zeitungen während der vergangenen Jahre war es mir unmöglich, die Situation in Ungarn und in der ungarischen Arbeiterpartei so genau zu kennen, dass ich im Augenblick mit fester Überzeugung einen Mann [Georg Lukács, d. Verf.] schuldig sprechen konnte, der bisher in unserem Staat hoch geachtet war und in seinen Werken klug und leidenschaftlich gegen alle reaktionären Theorien und faschistische Ideologien auftrat (…) Ja, ich bin belogen worden, wir alle sind es. Man hat mir zum Beispiel in einem dicken Buch bis in alle Einzelheiten dargelegt, welche Verbrechen die heute rehabilitierten ungarischen Genossen begangen haben.14

Gemeint ist damit vor allem Janos Kádár, der 1951 als ungarischer Innenminister wegen angeblicher Kollaboration mit Tito verurteilt wird und nach anfänglicher Unterstützung der Revolution nach ihrer Niederschlagung kompromisslos die sowjetischen Machtinteressen durchsetzt.

Mit dieser Stellungnahme zieht Reiner Kunze Zorn auf sich. Von diesem Zeitpunkt an heißt es in innerparteilichen Einschätzungen zu seiner Person, „daß KUNZE politisch solche Anschauungen vertrat, die letzten Endes revisionistischen Charakter trugen“.15 Seine Feststellung: „Ja, ich bin belogen worden, wir alle sind es“, ist willkommener Anlass für die boshafte Stigmatisierung „Kunze äußerte, daß er von der Partei ‚belogen und betrogen wurde‘, wodurch sein Vertrauen in die Partei ins Wanken geriet“.16

Politische Auseinandersetzungen führen die Parteidogmatiker mit Reiner Kunze von Anfang an. Begonnen hatte es mit einem Buch, dass ihm eine Tante zum Abitur geschenkt hatte. Im Internat stellt er es auf sein Bücherbrett: Franz Kafka, Ein Landarzt, und ahnt mit keiner Silbe, welche Folgen das hat:

Mittags große Institutsversammlung. Angeklagt Reiner Kunze wegen Verbreitung bürgerlich dekadenter Literatur. Die Verbreitung sah man darin, dass wir zu viert auf dem Zimmer waren und jeder Zugang hatte. Ich wurde eine Woche lang von einer Leitung zur anderen geschleppt, Parteileitung, Institutsleitung, Universitätsleitung … Überall musste ich Stellung nehmen, warum ich das gemacht hatte. – Bis sie begriffen, dass ich einfach nur ein Idiot war: Der hat wirklich keine Ahnung, wer Kafka ist. Ich bekam die Auflage, sofort zur Parteileitung zu gehen, wenn ich ein Buch in Händen halte, dessen Autor ich nicht kenne.

Mehrere Vorfälle führen dazu, dass die Zweifel wachsen. Immer wieder werden den Studenten Häuser zugeteilt, in denen sie Stockwerk für Stockwerk Bewohner agitieren müssen:

Das war eine ähnliche Sache wie in der Oberschule, und ich habe ebenso darunter gelitten. Unter anderem war auch eine Studentin eingeteilt, die im achten Monat schwanger war. In einer Seminargruppenversammlung bat sie, man möge sie von diesen Agitationseinsätzen freistellen, sie könne die Treppen nicht mehr steigen, und es werde ihr furchtbar schlecht. Sie habe dabei schon einmal erbrochen. Eine Dozentin machte diese Studentin fertig: „Wenn die Genossen im KZ alle so …“ Es war furchtbar. Da habe ich eine Glosse in Gedichtform geschrieben, die begann:

Genossen, Freunde, folgendes:

die Sache die ist die,

daß sie gezeugt

und nicht mehr überzeugen will.

Das Gedicht habe ich dem Eulenspiegel geschickt, und soweit ich mich entsinnen kann, ist es erschienen. Jedenfalls ist es bekannt geworden. Wie schon bei Kafka war es wieder so weit, dass ich ein Jahr in die Produktion sollte, um mit der Arbeiterklasse Verbindung herzustellen. Dass es nicht soweit kam, verdanke ich einem ukrainischen Professor, er hieß Ruban. Er las an der Fakultät „Sowjetische Literatur“. Für ihn habe ich von Vorlesung zu Vorlesung die Gedichte übersetzt, die er uns vorstellen wollte. Als ich ihm dankte, sagte er abwinkend: „Ich musste Sie verteidigen, denn ich habe Sie gebraucht.“

Das war ein ganz wunderbarer Mensch. Nach dieser Geschichte verschwand er. Ich nehme an, jemand hat ihn denunziert. Nach ihm kam ein Ultraorthodoxer, der war hochgefährlich.

Ein Haarriss folgte dem anderen, bis das Gefäß zersprang. Wenn sie indoktriniert sind, versuchen sie immer wieder eine Entschuldigung zu finden, nicht für sich, sondern für die Sache: Das ist schlecht gemacht, oder das sind Menschen, die unfähig sind.

Ich musste mich erst durch die ganze Ideologie hindurchdenken und hindurchleiden, bis ich so weit war zu sagen: Das ist keine menschliche Ideologie. Das ist ein furchtbares System, das über den Menschen hinweggeht.

Noch ein Beispiel: Ein sorbischer Student ging zur Parteileitung und sagte, er wolle heiraten, er glaube nicht an Gott, gehe auch nicht in die Kirche, aber seine Frau sei katholisch. Ihre Eltern und Verwandte wünschten, dass sie katholisch heiraten. Die Partei solle bitte Verständnis dafür haben. Er wurde exmatrikuliert.

Wie jeder an der Fakultät wird auch Reiner Kunze von Genossen beobachtet, die Berichte schreiben, und die Parteileitung verdichtet deren Informationen:

Ein großer Teil von Studenten, die K. als Assistent zu betreuen hatte, sahen in ihm ein Vorbild. Ein guter Freund von K. ist der Student … parteilos. … wurde als noch nicht politisch reif genug angesehen, um als Journalist eingesetzt zu werden.

Die Studentin … wurde von K. ebenfalls gefördert. Sie ist parteilos und konnte ebenfalls auf Grund polit. Unreife noch nicht als Journalistin eingesetzt werden. K. hatte Leistungsstipendium für … befürwortet. Der Vater von … wurde vor Jahren republikflüchtig.

Aus gleichen Gründen der noch unpolit. Reife konnte auch der Student … noch nicht eingesetzt werden. Auch dieser Student gehört zu den sogenannten Kunzianern. (…) Auffallend ist …, daß K. sehr viele persönliche Aussprachen mit seinen Studenten führt, zum Teil auch in seiner Wohnung. 17

Kunzes Seminargruppe, die ursprünglich aus zwanzig Studenten besteht und nach zwei Jahren auf dreizehn dezimiert ist, wird eine „denkbar schlechte Zusammensetzung“ bescheinigt.

Eine Handhabe gegen den Störfaktor Kunze erhofft sich die Parteileitung 1958. Sie wird informiert, die Staatssicherheit habe ihn aufgrund seiner Verbindung zu dem „amerikanischen Agenten Ronald Lötzsch“ vernommen.

Eine außerordentliche Parteiversammlung wird einberufen. Er solle zugeben, dass er Verbindungen zu einer konterrevolutionären Gruppe unterhalte. Nach dem Muster politischer Prozesse soll er ein Geständnis ablegen. Der Druck ist enorm. Nicht weniger als die Wachsamkeit der Parteigenossen steht auf dem Spiel. Sie bluffen, fordern, er solle seine konterrevolutionären Verbindungen eingestehen. Woher soll er auch wissen, dass der Genosse von der Staatssicherheit nur empfohlen hatte, künftig ein Auge auf ihn zu haben.

Reiner Kunze weiß zu dem Zeitpunkt nichts von einer Gruppe um Wolfgang Harich und Walter Janka, nichts von ihrer Plattform für einen „besseren deutschen Weg zum Sozialismus“. Von dem Kreis um Erich Loest und Wolfgang Zwerenz und ihrer Kritik an der Kulturpolitik der SED hat er nur entfernt gehört. Er weigert sich, zu gestehen, was er nicht gestehen kann: „Etwas einzugestehen, dass ich nicht getan habe, dazu habe ich mich nie in meinem Leben hinreißen lassen.“

Seine Bekanntschaft mit dem der amerikanischen Agententätigkeit bezichtigten und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilten Ronald Lötzsch reicht zurück in die Stollberger Schulzeit. Dort unterrichtete Lötzsch nach dem eigenen Abitur in Kunzes Klasse Russisch. Nach einem Studium in Leningrad studiert er in Leipzig Slawistik. Gelegentlich besuchen sich die beiden. Lötzsch interessiert sich für die Situation in Polen. Die Wirtschaftskrise dort führt im Juni 1956 von Poznań aus zum Arbeiteraufstand, die stalinistische Führung wird entmachtet, Władysław Gomułka wird der neue Hoffnungsträger, wie Imre Nagy in Ungarn. Ronald Lötzsch liest polnische Zeitungen und sucht Kontakt zu polnischen Journalisten. In Polen findet der Aufbruch statt, den viele in der DDR vermissen. Nikita Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU wird in polnischen Zeitungen abgedruckt und Lötzsch übersetzt sie für Kunze. Etwas später bekommt Kunze auch von Paul Wiens eine im Westen gedruckte Fassung. Diese Rede ist eine Sensation. Erstmals ist von ideologischen Irrtümern Stalins, von seiner Verantwortung für Massenmorde an Kommunisten bei den Säuberungen in den dreißiger Jahren zu hören. Auch wenn der neue Generalsekretär die ganze Dimension kommunistischer Verbrechen, die Gulags, die Zwangskollektivierung mit Abermillionen Hungertoten, verschweigt, stellen sich Intellektuelle in allen Staaten des sowjetischen Lagers jetzt die Frage: Wenn es in der Sowjetunion Irrtümer und Verstöße gegen Demokratie gegeben hat, gibt es die nicht auch bei uns? Walter Ulbricht ist sich nach seiner Rückkehr aus Moskau durchaus der Brisanz bewusst. Er wiegelt ab, die SED habe keine Entstalinisierung nötig, weil es in ihr keine Stalinisten gebe. Doch die Fragen sind nicht mehr aufzuhalten.

Ronald Lötzsch besucht bei Erich Loest einige Male einen Kreis, der die Verhältnisse hinterfragt und kulturpolitische Reformen einfordert. Loest stellt aufgebracht die Frage: „Hat nicht Ulbricht höchstpersönlich das Studium der Stalin-Biografie befohlen? Der Mann muss weg!“

Lötzsch lädt Kunze in diesen Kreis ein. Doch Kunze lehnt ab. Loests Auftreten ist ihm zu vierschrötig. Das rettet ihn vor dem Zuchthaus, als Walter Ulbricht an Wolfgang Harich, Walter Janka, Gustav Just, Erich Loest, Ronald Lötzsch, Karl Schröter, Richard Wolf, Heinz Zöger ein Exempel statuieren lässt.

Reiner Kunze sagt zu seinen Gesprächen mit Ronald Lötzsch:

Wir haben gar nicht so viel diskutiert. Er hat mich vor allem informiert. Vor der Staatssicherheit hat er dann Dinge preisgegeben, die ich nie preisgegeben hätte. – Zum Beispiel, dass er bei uns am Radio ausländische Sender gehört hatte. Deshalb wollte man im Verhör von mir wissen, was das für Sender gewesen seien. Ich habe gesagt: „Keine Ahnung, der hat mal gedreht. Das war eine fremde Sprache. Ich habe nichts verstanden.“

In dieser vierstündigen Vernehmung am 29. März 1958 verhält Reiner Kunze sich überaus geschickt. Mit seinen Antworten versucht er, Lötzsch möglichst zu entlasten und sich nicht zu belasten. Im Vernehmungsprotokoll liest sich seine Aussage so:

Frage: Welche Einstellung hatte Ronald LÖTZSCH zur Deutschen Demokratischen Republik?

Antwort: Ich kenne Ronald LÖTZSCH als Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei und weiß, daß er stets eine gute politische Arbeit im Sinne dieser Partei geleistet hat. Mir ist nichts … aufgefallen, was sich gegen die von der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik verfolgte Politik gerichtet hätte. Etwas anderes kann ich hierzu nicht sagen. Frage: Wie schätzte Ronald LÖTZSCH die Ereignisse in der Volksrepublik Polen im Oktober 1956 ein?

Antwort: Ronald LÖTZSCH hatte für die Ereignisse in Polen im Oktober 1956 sehr großes Interesse. Er las ständig die Presse der Volksrepublik Polen und informierte mich wiederholte Male über den Inhalt verschiedener Artikel. Was er mir im einzelnen mitteilte, ist mir jedoch heute nicht mehr in Erinnerung.

Frage: Wie verhielt sich Ronald LÖTZSCH zu der in Presse und Funk der DDR gegebenen Einschätzung der polnischen Entwicklung im Herbst 1956?

Antwort: Was Ronald LÖTZSCH zur Einschätzung der Entwicklung in der Volksrepublik Polen im Herbst 1956 durch Presse und Funk der Deutschen Demokratischen Republik sagte, weiß ich nicht mehr.

(…)

Frage: Nach den Aussagen Ronald LÖTZSCHs hat er Sie über seine Verbindungen zu KUPIS [polnischer Journalist und Dozent an der Fakultät für Journalistik, zu dem Kunze den Kontakt vermittelt hat, d. Verf.] – unter anderem, daß er mit KUPIS zusammen den Schriftsteller Erich Loest aufsuchte – unterrichtet. Äußern Sie sich dazu!

Antwort: Vielleicht hat Ronald LÖTZSCH mit mir über das Vorgehaltene gesprochen, ich weiß jedoch nichts mehr darüber. Andere Aussagen kann ich hierzu nicht machen.

Frage: Sind bei Ihnen in der Wohnung Sendungen des Londoner Rundfunks, in denen der Renegat Wolfgang Leonhard sprach, abgehört worden?

Antwort: Wenn mich Ronald LÖTZSCH besuchte, so hat er ständig nach irgendwelchen ausländischen Sendern gesucht. Da in diesen Sendern Fremdsprachen gesprochen wurden, die ich nicht verstand, weiß ich nicht, welche Sender das im einzelnen waren. (…) 18

Reiner Kunze war als sozialistischer Idealist angetreten. Er selbst sagt dazu:

Mit Kindern kann man alles machen. Ich war so ein Kind. Ich habe nie geleugnet, dass ich wirklich indoktriniert war. Ich kam aus einem Elternhaus ohne die geringste politische Bildung, wenn man so will, ohne Bildung überhaupt. Ich hatte keine Bibliothek, durch die ich mich hindurchlesen konnte. Ich wurde gefördert als Arbeiterkind, ein Schuljahr vorversetzt, dass muss man sich vorstellen! Ich komme in die Oberschule und komme in ein – nicht Internat, sondern ein Indoktrinat.

In dem Augenblick, als mein Verstand mir sagte, was man mit uns gemacht hat, habe ich die Konsequenzen gezogen. Und ich habe den Kopf hingehalten.

Spätestens 1956 beginnt Reiner Kunze darüber nachzudenken: Will ich überhaupt, was ich vor meinen Studenten öffentlich vertrete? Er beginnt Nein zu sagen. Und er stellt Fragen. Dass er einer Lüge gedient hat, kann er nicht rückgängig machen. Aber er darf sich hoch anrechnen, er hat niemanden denunziert, im Gegenteil, er versucht, soweit ihm möglich, andere zu schützen.

Am 8. Februar 1959 spricht er auf einer FDJ-Versammlung vor 365 Studenten. Auch der Dekan ist anwesend. Diese Rede markiert die erste Zäsur in seinem Leben. Sie führt zum Ende seiner Universitätslaufbahn.

Er kann nicht anders, als öffentlich seinen Einspruch gegen die allgemeine Schönfärberei an der Fakultät zu erheben. Zu vieles hat sich angestaut. Er sagt:

Die Fakultät für Journalistik ist keine Fakultät von Schreibenden. Ich fragte sechs Studenten, die hier für viele andere stehen mögen, weshalb sie nicht ohne Auftrag schreiben und fand folgende Gründe:

1. Zeit fehlt. Das heißt, die Zeit zum Atmen fehlt!

2. Stoff fehlt. Stoff, das ist die ganze Welt, auch die, die nicht ins Schema passt!

3. Schöpferische Disziplin fehlt. Man muß aber die Disziplin besitzen, sich hinzusetzen, um zu beschreiben, was vor einem lebt!

4. Angst herrscht, sich zu offenbaren. Wer schreibt, schreibt aus sich selbst. Daraus resultieren die Hemmungen.

5. Angst vor ideologischen Fehlern und den daraus resultierenden Rückschlüssen.19

Diese Kritikpunkte rütteln an den Grundfesten des sozialistischen Journalismus. Allein Kunzes Forderung, seine Themen selbst zu setzen, die eigene Meinung zu artikulieren, steht diametral zum Auftrag jedes sozialistischen Journalisten. Der lautet: „Die allgemeine Absicht wird bestimmt von der Partei der Arbeiterklasse für den sozialistischen Journalismus, das sozialistische Bewusstsein des Volkes entwickeln zu helfen und Einflüsse der bürgerlichen Ideologie zu bekämpfen.“20 Das ist ihre Sprache. Dagegen wird der Anspruch „Wer schreibt, schreibt aus sich selbst“, zu einer Kampfansage. Zumal an diesem Ausbildungshort des Zentralkomitees.

Ein Artikel in der Westberliner Zeitung Berliner Morgenpost vom nächsten Tag verschärft den Eklat. Der Bericht beginnt mit der Feststellung: „Der Stil der Zonenzeitungen kommt nicht von ungefähr.“21 Im Mittelpunkt stehen Kunzes Kritik und die vehementen Reaktionen aus dem Lehrkörper darauf. Der Beitrag zieht das Fazit: „Kein Wunder also, dass Reiner Kunze, wissenschaftlicher Assistent und politischer Lyriker, beinahe in Ungnade fiel, weil er sagte, was gar nicht in die Gloriole dieser Fakultät passen wollte.“22 Die Staatssicherheit notiert in einem Persönlichkeitsbild: „K. geriet also spätestens mit diesem Artikel in das Blickfeld des Feindes.“23

1959 kommt Reiner Kunze an einen Tiefpunkt seines Lebens. Die Partei, in die er einmal mit Stolz eingetreten war, begreift er als dogmatisch und zutiefst ungerecht.

Auch privat befindet er sich in einer Krise. Nach dem Studium hatte er geheiratet. Ingeborg, die ebenfalls an der Fakultät studierte, und er bekommen einen Sohn, Ludwig. Nach außen scheint die Ehe harmonisch. Dennoch werden sie sich trennen. Ein Journalist schreibt später, es sei aus politischen Gründen geschehen. Dem widerspricht Reiner Kunze. In politischen Auseinandersetzungen habe seine Frau zu ihm gestanden, selbst wenn sie anderer Meinung waren, sie habe ihn verteidigt.

Als sie im April 1960 vor dem Scheidungsrichter stehen, geben beide an, Ingeborg könne für seine Arbeit als Dichter nicht die erforderliche Akzeptanz aufbringen, deshalb sei ihnen ein Zusammenleben nicht mehr möglich.

Vor Gericht mussten wir unser Einvernehmen bekunden. Wir haben miteinander abgesprochen, keinem sollte ein Schaden seines Ansehens widerfahren. Deshalb einigten wir uns, uns wegen meines Berufes nicht zu verstehen. Es war die lächerlichste Begründung, die wir geben konnten. Dem Gericht hat sie genügt.

Die tatsächlichen Gründe sind für Reiner Kunze etwas sehr Persönliches. Vieles habe zu ihrem Auseinandergehen beigetragen. Es sei so nicht mehr gegangen. Sohn Ludwig bleibt das Bindeglied.

In den Februartagen 1959 ist er psychisch am Ende. Eine Nacht lang läuft er durch Leipzig. Vieles geht ihm durch den Kopf. Auch der Gedanke an Suizid. Der Druck, der auf ihm lastet, schlägt sich aufs Herz. Er erleidet eine Herzattacke. Vom Krankenbett aus bittet er den Dekan der Fakultät um Entlassung als wissenschaftlicher Assistent. Er schreibt, „Unterstellungen, Verdrehungen und Verleumdungen … wird unbesehen Glauben geschenkt“. Versuche der Richtigstellung vor der Parteigruppe „wurden von einigen Genossen verhindert … In dieser Atmosphäre kann ich nicht mehr die hohe Verantwortung tragen, Journalisten auszubilden“. Und er schließt: „Ich bin tief davon überzeugt, daß das, was mir im Augenblick an der Fakultät für Journalistik widerfährt, bitterstes Unrecht ist.“

Doch noch wird er nicht entlassen. Dafür trifft es andere:

Drei Studenten, die während meiner mehrwöchigen Erkrankung mit einem Blumenstrauß angetroffen worden waren, den sie mir bringen wollten, wurden deswegen für ein Jahr vom Studium relegiert und zur Bewährung in die Landwirtschaft geschickt.

Doch er bekommt auch aufmunternde Zeichen, auch von den Kabarettisten der Leipziger Pfeffermühle:

Lieber Reiner,

kein Programm ohne Kunze-Text. Das war unsere Losung und wird sie hoffentlich auch bleiben. (…) Trotz Krankheit, Ärger und Verdruß hast Du immer zu uns gehalten. Weiter so! 24

Völlig überraschende Unterstützung erfährt er von seinem Dekan, Professor Hermann Budzislawski, einem Pressegeschichtler, der während der NS-Zeit in die USA emigriert war. Über dessen Reaktion nach der FDJ-Versammlung schreiben die Widersacher in einem Parteibericht verärgert:

… daß der Dekan … auch in der Folgezeit seine Hand schützend über K. gehalten (hat) und damit die ganze Lage komplizierte. Er [Kunze, d. Verf.] ist in seinen Augen ein Wissenschaftler, der außerordentliche Leistungen vollbringe und sich demzufolge auch etwas leisten könne.25

Als Reiner Kunze einigermaßen wiederhergestellt ist, bestellt der Dekan ihn zu sich in die Wohnung:

Die Tür ging auf, und er, sehr beleibt, drängte mich mit dem Bauch hinaus. Möglicherweise wusste er, dass er abgehört wurde. Wir gingen spazieren in der Nähe der Pferderennbahn. Erst mal hat er mich fertiggemacht, so wie ein Vater einen Sohn fertigmacht. Denn ich hatte gekündigt, also aufbegehrt gegen das Kollektiv. Das war ein Unding. Dann sagte er, jetzt machen Sie um Gottes willen nicht noch den Fehler und treten aus der Partei aus. Sie schaden allen, die sich für Sie eingesetzt haben. Sie schaden auch mir. Und es gäbe eine Reihe Leute, auch in Berlin, die sich wiederholt für mich eingesetzt hätten, denen würde ich schweren Schaden zufügen. Das war der Grund, weshalb ich erst 68 ausgetreten bin. Bei diesem Gespräch habe ich zu ahnen begonnen, was ich später in den Stasiakten bestätigt fand: Sein Eintreten für mich hatte ihn ins Visier der Staatssicherheit gebracht.

Erster und kostbarster Literaturpreis

Wieder zurück an der Fakultät folgen weitere Parteiaussprachen. Anfang Juni 1959 finden die Gegner ihre lang gesuchte Gelegenheit. Der Berliner Rundfunk hatte eine Sendung mit Liebesgedichten von Reiner Kunze gebracht.

Darunter sind Gedichte wie „DAS MÄRCHEN VOM FLIEDERMÄDCHEN 1954“. Gebaut wie ein Volkslied erzählt es in sieben Strophen von Liebe, Trennung im Krieg und Tod:

Unterm Mond, unterm Mond,

hei! Da bläht sich der Mantel

von einem, der lebengeblieben,

der lebengeblieben.

Doch fällt da, doch fällt da der Mantel zusammen?

Der Hastende stieß nur, ach

An einen Stein, der liegengeblieben,

der liegengeblieben.

(…)

Als ich siebzehn war,

warst du achtzehn Jahr

und schenktest mir Flieder.

Gingen hin zehn Jahr,

was dazwischen war,

ruht unterm Flieder.

Unter den Steinen kam ich um.

Zehn Jahre machen stumm.

Du schenkst einer anderen Flieder.

Sieh auf die Trümmer rings. Weißt du,

warum ich unter ihnen ruh? –

Wir dachten immer nur an Flieder.26

Dieses intime, tragisch-traurige Lied passt nicht in die verlangte sozialistische Lyrik des „Bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend bau auf! Für eine bessre Zukunft richten wir die Heimat auf“ oder zu Fürnbergs Agitationssound im Marschrhythmus: „Du hast ja ein Ziel vor den Augen.“

Bislang hatte Reiner Kunze politische Gedichte veröffentlicht, wie man sie von einem Genossen an dieser Fakultät erwartet. Auch er dichtete im Sog des gefeierten Monuments Wladimir Majakowski, der in seinem revolutionären Duktus schmetterte:

(…)

In unserer Zeit

ist nur der

ein Dichter,

ein Mann der Feder

nur der

– der nützt.

Hinweg

mit dieser Sorte

von Torte!

(…)27

Majakowski lässt die Verse tanzen auf der Tribüne des Kommunismus und begeistert Generationen junger Sozialisten. Er wird aufgebaut zur sowjetischen Dichterikone. Doch er hält sich in der Wirklichkeit selbst nicht aus. 1930 begeht er Suizid.

Verfangen in jenem Weltbild, in dem die Feder als schärfste Waffe gilt, dichtet auch Kunze:

AM RANDE BEMERKT

Ich Arbeiterjunge

Nahm Platz.

Am Wirtshaustisch saßen,

Seelisch leidend,

Eine Dame

(Korpulent,

Mit schwarzen Börstchen auf den Lippen),

Schnitzelschneidend

Ein Herr.

Ihm quollen über Kragenklippen

Das Genick und Backenfleisch:

„Ich war früher auch nicht reich,

Das heißt … direkt

War ich es nicht.

(…)

Doch das Proletarische …

Ist nicht unsre Gegenwart.“

– Die Dame kaute. –

(…)

Und sie schaute,

Daß keiner höre,

Als sie fragte,

Ob wohl die Vergangenheit

Nochmals wiederkehre.

(…)

Ach, mir taten diese Menschen leid,

Hatten nicht die Gegenwart,

Nicht die Vergangenheit,

Und auch die Zukunft

War nicht mehr die ihre,

Weil sie lächelnd schon

Am Tische saß.28

Sein Kommentar heute:

Da haben Sie die ganze Arroganz eines grünen jungen Mannes, der dazu erzogen wurde, Menschen nicht nach ihren Qualitäten zu beurteilen, sondern danach, welcher Klasse sie angehören.

Sein Lyrikdebüt gibt Reiner Kunze 1955 in einem schmalen Gedichtband gemeinsam mit Egon Günther, dem späteren DEFA-Filmregisseur. Schon wenig später wünscht der Dichter, er hätte die Texte besser nicht veröffentlicht.

Aber das Bändchen unter dem Titel DIE ZUKUNFT SITZT AM TISCHE ist in der Welt. Im hohen Ton des Parteipathos schwelgen nicht alle, doch die meisten der versammelten Versuche. Nur einige wenige Liebesgedichte entziehen sich. Das besondere Lob der Genossen findet eins, in dem Parteilichkeit und Liebe Hand in Hand gehen. Und so steht man bei dem frühen Kunze auch vor diesem Gedicht:

„MOHR“

(Die Karl Marx am meisten liebten, nannten ihn „Mohr“)

„Mohr … mein Mohr“ –

So nannte ihn Jenny.

Das Wort war so warm wie ihr Herz

Und so zart wie ihr Leib,

Und ihr Mohr war verliebt

In das Wort, in das Herz, in sein Weib,

Und hat uns die Liebe gegeben,

Liebe –

Jahre vom Leben.

„Mohr … Vater Mohr“ –

So riefen ihn zärtlich die Kinder.

Er hat sie geküsst und hat sie geherzt;

Denn so war seine Art.

Er sang ihnen Lieder

Und hatte ein prächtiges Lachen im Bart –

Und das Glück, er hat’s uns gegeben,

Glück –

Das sind Jahre vom Leben.

„Mohr … Freund Mohr“

So sagte sein treuer Genosse zu ihm.

Ihre Freundschaft, die schönste,

Die jemals gewachsen,

Die gab ihm die Kraft,

Und so hat er unbändigen Willens geschafft –

Und hat uns die Siege gegeben,

Siege –

Sein ganzes Leben.

„Mohr … unser Mohr“ –

Für sich

Nahm er nur seine Sorgen –

Und dachte die Sonne

In unseren Morgen.29

Reiner Kunze sagt mit Blick auf dieses Gedicht:

Ich lese den Text, geschrieben Anfang der fünfziger Jahre, heute mit Scham und Entsetzen. Er ist an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Unter Hitler haben wir Gedichte auswendig lernen müssen wie dieses:

Mein Führer, sieh, wir wissen um die Stunden,

in denen du hart an der Bürde trägst –

in denen du auf unsere tiefen Wunden

die liebevollen Vaterhände legst

und noch nicht weißt: wie wirst du uns gesunden.

(…)

Darum ist unsere Liebe auch so groß,

darum bist du der Anfang und das Ende –

Wir glauben dir, treu und bedingungslos,

und unser Werk des Geistes und der Hände

ist die Gestaltung unseres Dankes bloß.

Anfang der Fünfziger Jahre wurden uns in den Vorlesungen Gedichte gepriesen wie Johannes R. Bechers „Danksagung“ an Stalin:

In seinen Werken reicht er uns die Hand.

Band reiht an Band sich in den Bibliotheken,

Und nieder blickt sein Bildnis von der Wand.

Auch in dem fernsten Dorf ist er zugegen.

(…)

In Dresden sucht er auf die Galerie,

Und alle Bilder sich vor ihm verneigen.

Die Farbtöne leuchten schön wie nie

Und tanzen einen bunten Lebensreigen.

(…)

Dort wirst du, Stalin; stehn in voller Blüte

Der Apfelbäume an dem Bodensee,

Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,

Und winkt zu sich ein scheues Reh.

(…)

Und kein Gebirge setzt ihm eine Schranke,

Kein Feind ist stark genug, zu widerstehn

Dem Mann, der Stalin heißt, denn sein Gedanke

Wird Tat, und Stalins Wille wird geschehn.

Da stand der Bergarbeitersohn, dem in der Oberschule Namen wie Franz Kafka nie zu Ohren gekommen waren, mitten im politischen Kitsch.

Das Gedicht der „Mohr“ ist ein Spiegel seiner Zeit und des manipulierten Denkens. Karl Marx’ Theorie ging im doppelten Wortsinn um als Gespenst in Europa. Dabei war vor den zu erwartenden Folgen – der Zerstörung selbst liberalkapitalistischer Strukturen – durch linke Intellektuelle wie Georges Sorẹl bereits Ende des 19. Jahrhunderts unüberhörbar gewarnt worden. Spätestens jedoch mit Wolfgang Leonhards Die Revolution entlässt ihre Kinder und kurz darauf mit Nikita Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU konnte man auch in der DDR das zerstörerische Potenzial dieser Lehre ahnen.

Bei Reiner Kunze setzt 1956 ein Umdenken ein. Doch noch Jahre später, schon in Greiz, wird ein Genosse der SED-Kreisleitung ihn auf sein Gedicht „MOHR“ ansprechen und fragen, warum er nicht mehr Gedichte dieser Art schreibe. Er antwortet, dieses Gedicht sei eines seiner schlechtesten.30 Und aus heutiger Distanz sagt er:

Von mir gibt es frühe Texte, die zu meiner Biografie, aber nicht zur Literatur gehören. Damals war ich gewiss ein politischer Autor, denn ich hatte geglaubt zu wissen, wie man die Welt verändern kann. 31

Und plötzlich sendet der Rundfunk Gedichte, mit denen er die Erwartungen an ihn als politischen Dichter unterläuft. Schlimmer noch, er unterläuft den gerade zwei Monate zuvor beschlossenen Bitterfelder Weg, den Konsens der Staatskünstler, in ihren Werken primär die Arbeitswelt und die Erfolge des Sozialismus darzustellen und zu preisen. Stattdessen veröffentlicht er Gedichte, die der Liebe und Erotik huldigen.

Kommt er, dann werben

Lippen und Arme,

bis er gegangen,

und aus den Brüsten

drängen die derben

Hände

das Blut in die Wangen.

(…)

Die Liebe

ist eine wilde Rose in uns,

unerforschbar vom Verstand

und ihm nicht untertan.

Aber der Verstand

ist ein Messer in uns.

Der Verstand

ist ein Messer in uns,

zu schneiden der Rose

durch tausend Zweige

einen Himmel.32

Für spätere Veröffentlichungen streicht er die ersten sieben Verse und das Gedicht wird unter dem Titel „Die Liebe“ eines seiner dauerhaft gültigen. Seinen Gegnern sind die gesendeten Gedichte eine Ungeheuerlichkeit. Die Parteiorganisation der Fakultät schaltet den Parteisekretär des Staatlichen Rundfunkkomitees ein und verlangt, die Kultredakteure zu maßregeln. Gegen Reiner Kunze wird am 9. Juni 1959 ein Parteiverfahren eröffnet. Der Vorwurf: Beteiligung an konterrevolutionären Aktivitäten und parteischädigendes Verhalten. Als er zu seiner Entlastung zwei Zeugen befragen lassen will, soll es Klaus Höpcke gewesen sein, der vom Präsidium aus dazwischenfährt: „Wir sind hier nicht in einer bürgerlichen Gerichtsversammlung, wo man Zeugen aufrufen kann.“

Es gab eine große Versammlung, die dauerte sieben Stunden, bis Mitternacht. Mir wurde vorgehalten: „Wer solche Gedichte schreibt, kann keine sozialistischen Studenten erziehen.“ – „Mit solchen Gedichten lenkt Kunze von den wesentlichen Aufgaben des Sozialismus ab.“ Das war der Hauptvorwurf. Ich solle mich an Gedichten von Mao Tsetung orientieren: „Das sind auch Liebesgedichte, aber die haben einen Klassenstandpunkt.“ Mir wurde gesagt, entweder ich nehme selbstkritisch Stellung und bekenne, was mir vorgeworfen wird, dann werde die Partei beraten und es wäre nicht unbedingt die Trennung, oder … Daraufhin habe ich gesagt: „Ich distanziere mich nicht von meinen Gedichten.“ Das hat genügt. Das Ergebnis dieses Tribunals ist eine einstimmige Parteirüge wegen „parteifeindlichen Verhaltens, das zu schädlichen Auswirkungen in Lehre und Erziehung der Studenten führte“.33 Eine Rüge ist die zweithöchste Strafe vor dem Parteiausschluss. Dieses Mal geht der Dekan auf Kunzes Kündigung ein. Gleichzeitig hält er noch einmal seine Hand über ihn. Er unterschreibt nicht die Kündigung, sondern einen Aufhebungsvertrag.

In der Vergangenheit hatte der Dekan sich auch gegenüber der Staatssicherheit schützend vor seinen Assistenten gestellt. Jetzt verdichten die Mitarbeiter des MfS das gesammelte Material und eröffnen im Januar 1960 einen „Vorlauf Operativ“, eine Überwachung unter dem Decknamen „Reporter“34 Zwei Inoffizielle Mitarbeiter und eine „Quelle“ im Schriftstellerverband werden auf ihn angesetzt, verstärkte Überwachung erfolgt zur Leipziger Messe. Geklärt werden soll, ob er über Kontakte in die Bundesrepublik verfügt, dort veröffentlicht und ob er weiter „revisionistische Theorien“ verbreitet. Als die operative Bearbeitung in Leipzig anlaufen soll, ist er schon nicht mehr dort, sondern in Berlin. Im März 1961 wird die Akte geschlossen, die Begründung: Eine „direkte Feindtätigkeit“ wurde nicht festgestellt.

Seine Universitätslaufbahn ist im Juni 1959 beendet. Das Credo dieser Jahre fasst er in Epigramme wie dieses:

Dialektik

Unwissende damit ihr

unwissend bleibt

werden wir euch

schulen35

Die nächsten Monate montiert er als Hilfsschlosser Achsen für Schreitbagger im VEB Schwermaschinenbau Leipzig. Nachts schreibt er, bis er gesundheitlich dazu nicht mehr in der Lage ist. Er hält weiter Kontakt mit Schriftstellerkollegen. Erwin Strittmatters Fürsprache ermöglicht es ihm, Nachwuchsschriftsteller in Berlin auszubilden. Das verschafft ihm eine Grundsicherung.

Jetzt kann er, was er wirklich will, Dichter sein, und er erkennt, als Dichter bestehen kann er nur, wenn er zu seiner ureigensten Sprache findet. Doch die wiederum findet er nur, wenn er seine Themen selbst setzt. Er entdeckt, Gültiges gelingt ihm nur aus eigenem Erleben heraus. Nur dann stellen sich Assoziationen ein, die die Dinge tiefer durchdringen. Nur dann ist es möglich, Dinge und Geschehnisse auf ihr Wesen zu reduzieren – und im Leser Bilder und Empfindungen zu wecken. Damit stellt er sich außerhalb des „Hochwaldes“, der seine Bäume zum Gleichmaß erzieht.

DER HOCHWALD ERZIEHT SEINE BÄUME

Der hochwald erzieht seine bäume

Sie des lichtes entwöhnend, zwingt er sie,

all ihr grün in die kronen zu schicken

Die fähigkeit,

mit allen zweigen zu atmen,

das talent,

äste zu haben nur so aus freude,

verkümmern

Den regen siebt er, vorbeugend

der leidenschaft des durstes

Er lässt die bäume größer werden

wipfel an wipfel:

Keiner sieht mehr als der andere,

dem wind sagen alle das gleiche36

Ihm wird bewusst, was er in seinen lyrischen Anfängen verfasst hat, war selten mehr als die Illustration vorgegebener Ideen. Noch dazu im hohen Ton des Pathos konnte dabei nur Plattheit herauskommen: „Die fähigkeit … das talent … verkümmern.“

Für Reiner Kunze völlig unerwartet verändert die Lyriksendung im Berliner Rundfunk im Juni 1959 ein zweites Mal sein Leben. Wieder sind seine Gedichte der Grund. Fast ein halbes Jahr nach der Sendung erreicht ihn eine Karte aus Aussig an der Elbe (Ústí nad Labem). Eine Hörerin bittet darauf in perfektem Deutsch um eines der Gedichte. Nach der Handschrift vermutet er eine pensionierte Germanistin. Er schickt dieser Elisabeth Littnerová seinen Gedichtband Vögel über dem Tau und es entspinnt sich ein Briefwechsel, der nach anderthalb Jahren vierhundert Briefe umfasst. Elisabeth Kunze erzählt darüber: Ich hatte Spätdienst in der Poliklinik und kam etwa um zehn Uhr nach Hause. Ich hab mir mein Abendessen gemacht, Kartoffeln geschält und das Radio eingeschaltet. Sie brachten Gedichte. Bei einem musste ich aufhören zu schälen. Es war „Das Märchen vom Fliedermädchen“. Ich war so berührt, dass ich das Gedicht haben wollte. Aber ich wusste nicht, welcher Sender es war.

Am nächsten von Aussig lag Dresden. Also hab ich einfach geschrieben: „Radio Dresden, Dresden, DDR.“ Ich hatte nur den Namen „Kunz“ gehört. Und ich dachte, vielleicht hat er im vergangenen Jahrhundert gelebt. Radio Dresden hatte die Sendung nicht gemacht und schickte meine Karte nach Leipzig. Leipzig hatte die Sendung auch nicht gemacht, aber derjenige, der das bearbeitete, war so nett und hat die Karte nicht in den Papierkorb geworfen, sondern nach Ostberlin geschickt. Ich hatte schon nicht mehr mit einer Antwort gerechnet. Plötzlich kam das ganze Sendemanuskript und die Redakteurin, Frau Fiebig, den Namen werden wir nie vergessen, schrieb, sie hätte die Karte an den Autor weitergeleitet.

Im Januar, das weiß ich noch ganz genau, kam ein Brief, darin das Buch mit Widmung. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, dass der Autor mir sein Buch schickt. Ich setzte mich spontan hin und schrieb ihm, wie ich vom Nachtdienst spät heimkam, müde war und plötzlich sein Buch hier fand. Das war der Anfang eines langen Briefwechsels.

Elisabeth Littnerovás Vater stammt aus Iglau (Jihlava), einer deutschen Sprachinsel in Mähren, südwestlich von Brünn (Brno). Dorthin hatte einst der böhmische König deutsche Bergleute für den Silberbergbau angeworben. Ihre Mutter ist eine Tschechin aus Wien.

Das Mädchen Elisabeth wird in Znaim (Znojmo), Südmähren, geboren. Ab 1937 wird auch Südmähren von Hitler annektiert, und Elisabeth besucht deutsche Schulen. Ihr Vater kommt als Wehrmachtssoldat nach Russland und gilt schließlich als vermisst. Als 1945 die wilden Vertreibungen beginnen, beschützt die Familie ein tschechischer Onkel, ein katholischer Priester in der Nähe von Znaim. Ende 1946 kehrt der Vater aus Russland zurück und will mit seiner Familie nach Österreich auswandern. Doch die Behörden eröffnen ihm, als Deutscher solle er sich scheiden lassen, dann könne er gehen, seine tschechische Frau und die Kinder müssen bleiben. Es ist die Zeit der Bẹneš-Dekrete. Gemischtehen sind der Führung ein Dorn im Auge. Der Vater entscheidet sich, bei seiner Familie zu bleiben, leidet in der ČSSR aber zeitlebens unter seiner Ausgrenzung als Deutscher.

Elisabeth darf Medizin studieren und wird als Fachärztin für Kieferorthopädie an die Poliklinik von Aussig delegiert. In ihrem Inneren, sagt sie, fühlte sie sich immer der deutschen Kultur verbunden, sie habe deutsche Bücher gelesen und auf ihrem uralten Radio deutsche Sender gehört.

In ihren Briefen erzählen Elisabeth Littnerová und Reiner Kunze sich ihre Leben. Besuchen dürfen sie einander nicht. Die Grenze ist für Privatpersonen geschlossen. Mit Elisabeths Hilfe entdeckt Reiner Kunze die tschechische Literatur.

Einem ihrer ersten Briefe hatte die junge Ärztin Gedichte des von ihr sehr geschätzten Vít Obrtel beigelegt. Reiner Kunze fragt nach weiteren Dichtern. Sie übersetzt ihm interlinear Jan Skácel, Miroslav Holub und Vladimír Holan, Ludvík und Milan Kundera. Diese Übertragungen vermitteln ihm eine völlig neue Perspektive. Auch das sind Gedichte aus einem sozialistischen Land, aber aus ihnen sprechen Sichtweisen, auch in der politischen Selbstverortung, wie er es aus der DDR nicht kennt. Reiner Kunze beginnt nachzudichten:

Milan Kundera (geb. 1929)

DICHTER SEIN HEISST

bis ans ende gehen

Ans ende der zweifel

ans ende des hoffens

ans ende der leidenschaft

ans ende des verzweifelns

Dann erst zusammenzählen

Eher nicht Eher nicht

Sonst kann’s geschehen

die summe des lebens

kommt dir lächerlich klein heraus

Und du taumelst wie ein kind

ewig nur im kleinen einmaleins

Dichter sein heißt

immer bis ans ende gehen37

Dieser Kundera spricht Kunze aus der Seele. Durch Elisabeths Übertragungen entdeckt er in der Entlegenheit Böhmens und Mährens sein ureigenstes lyrisches Naturell. Das Nachdichten gewinnt für ihn einen ganz eigenen Reiz. „Es gibt Dichter“, wird er später Karl Dedecius zitieren, „die selbst Hervorragendes geschaffen haben, aber niemals imstande waren, nicht einmal für einen Augenblick, aus der eigenen Haut, aus dem eigenen Stil, aus der eigenen Vorstellung zu schlüpfen. Solchen Dichtern gelingen in der Regel Übersetzungen nicht.“38

So ein Dichter ist er nicht. Sein Ehrgeiz ist geweckt. Er hat keine Schwierigkeiten, sich vom eigenen Stil zu lösen, ganz in das fremde Gedicht hineinzulauschen, es abzuklopfen auf Harmonien und Brüche, auf Wortspiele, korrespondierende Bilder, auf Doppelbödigkeiten. Wo immer möglich, sucht er den Dichter in seiner eigenen Welt auf, um ihm zuzuhören, um ein Gefühl für ihn zu bekommen. Zugute kommt ihm, er ist ein Arbeiter am genauen Wort bis zu dessen Perfektion, dazu versehen mit einem sicheren Sprachgefühl.

So entdeckt er auch sehr bald, welche sinnliche Vielfalt in der tschechischen Sprache und in ihrer Poesie liegt. Zugleich erkennt er ihre Grenzen in der Abstraktion. Eine Symbiose aus der Sinnlichkeit der tschechischen Sprache und dem Bedeutungsreichtum der deutschen Sprache erscheint ihm verführerisch genug, um sich in die tschechische Sprache zu vertiefen. Er will nichts Geringeres, als die Vorzüge beider Sprachen in Nachdichtungen und in der eigenen Dichtung zusammenführen.

Nachdichten heißt für Reiner Kunze, im anderen das Eigene schaffen, und das Andere zugleich bewahren. In einer seiner Münchener Poetik-Vorlesungen 1988/89 formuliert er es so: „Nachdichten heißt, dasselbe zu schaffen, das ein anderes ist, ein Eigenes, das ein Fremdes bleiben muß.“39 Und mit der ihm eigenen Bescheidenheit fügt er hinzu: „Nachdichten und einander den eigenen Vers hinschenken – das ist der Internationalismus der Dichter.“40

Ein Jahr lang kennen sich Reiner Kunze und Elisabeth Littnerová aus Briefen und von je einem Foto her. An einem Nachmittag meldet Reiner Kunze vom Apparat eines befreundeten Ehepaares aus ein Telefongespräch an. Nachts um halb drei kommt die Verbindung zustande und er fragt Elisabeth, ob sie seine Frau werden wolle. Ihre Antwort: „Ja.“ Da sind sie sich noch nicht ein einziges Mal begegnet. Als Medizinerin, sagt Elisabeth Kunze, habe man das Glück, viele Menschen zu kennen. Einer ihrer Patienten leitet ein „Theater der Poesie“. Es ist eine der Stätten, an denen Lyriker und begabte Laien Gedichte vortragen. Sie fragt ihn, ob es nicht möglich sei, einen ostdeutschen Autor einzuladen. Über diesen Weg kommt Reiner Kunze schließlich für drei Tage nach Aussig, in eine Industriestadt mit ungeheurer Luftbelastung. Die Atmosphäre, den allgemeinen Zustand in dieser vom Verfall gezeichneten Stadt und sein Empfinden fasst er in ein Gedicht:

SPÄTSOMMER

Die menschen ducken sich,

wie die vögel sich ducken in den bäumen

unter einer sonnenfinsternis:

(…)

Und der berg Milešovka, zu dem wir aufbrachen wird sinnlos

Er senkt sich zwischen das wort ich und das wort

liebe und das wort dich,

die ich endlich sage, ohne von der haut zu

sprechen,

und die nun keinen satz ergeben

(…)41

Für das Jahr 1961 vereinbart Reiner Kunze mit dem Verlag „Volk und Welt“ einen Sammelband tschechoslowakischer Lyrikübersetzungen. Das ermöglicht ihm mehrere Arbeitsaufenthalte und das Zusammensein mit Elisabeth. Sie besuchen Ludvík Kundera und fahren zusammen zu dessen Cousin Milan. Sie kommen in Kontakt mit Vladimír Holan, Miroslav Holub, František Hrubín, Jaroslav Seifert, Jan Skácel. Die Zahl seiner Nachdichtungen in den nächsten Jahren beeindruckt. Allein die Titelliste spricht für sich.42

Besonders verbunden fühlt er sich dem Dichter und Erzähler Jan Skácel. Beide spüren die Seelenverwandtschaft in ihrer Dichtung, in ihrem Schweigen, in ihren Leben. Skácel formt Verse, die auch von Reiner Kunze sein könnten, – und die es in der Nachdichtung werden: „Mit einemmal entsann ich mich / wo wir zu hause das salz haben.“43 Skácel dichtet und Kunze überträgt:

KLEINE BAHNHÖFE

Gegenden gibt’s, da winken die kinder den zügen noch.

Immer ist in uns ein hauch von traurigkeit

auf kleinen bahnhöfen,

wo niemand wartet.

Plötzlich ist in uns die weiße seele des holunderbaums,

plötzlich ist in uns zu viel vom menschen.44

Ihre Begegnung ist ein fruchtbringender Glücksfall. Peter Handke schwärmt in seiner Laudatio für den Petrarca-Preisträger Jan Skácel 1989 von der „märchenhaft glücklichen Übersetzung“ durch Reiner Kunze.

Wie Kunze wächst der elf Jahre ältere Skácel in ärmlichen Verhältnissen auf - in einem Dorf in Mähren. Wie Kunze besitzt auch Skácel eine ausgeprägte Sensibilität für die Natur. Während des Zweiten Weltkrieges wird er als Zwangsarbeiter zum Tunnelbau nach Österreich deportiert. Nach dem Krieg studiert Skácel in Brünn, er wird Literaturredakteur beim Rundfunk und von 1963 bis zu ihrem Verbot 1968 bestimmt er als Chefredakteur das Profil der renommierten Literaturzeitschrift Host do domu (Der Gast ins Haus).

Ähnlich wie Reiner Kunze überträgt auch Jan Skácel das Erlebte assoziativ und bildintensiv ins Gedicht. Viele seine Metaphern spielen mit der Naivität und reichen zugleich in das Elementare hinein, in Zeit und Sein, Sprachlosigkeit und Vergängnis.

KINDHEIT

Goldne goldne brücke

Wer hat sie denn zerbrochen

Gegen abend wuschen die mütter uns die füße

heute würde ich dieses wasser trinken

Und wie heftig wir schliefen

(…)45

In seinen Versen verwandeln die Dinge der Natur sich auf überraschende Weise. Da wird die „distel, das königszepter voller blattläuse“ und „im quaken der frösche / grünte die nacht“, oder nach einem lange versprochenen Aufbruch werden die „wolken, naßkalt wie gesprenkelte forellen, / schnellen über unsere köpfe. // Und wir geben diesem wind den namen Jaromír …“. Besorgnis um das Dasein, die Menschen eingeschlossen, macht die Aura der Verse dieses Dichters aus, egal ob sie von Heiterkeit oder von Melancholie getragen sind.

Jan Skácel und Reiner Kunze verbindet lebenslang eine herzliche Freundschaft. In einem seiner langen Briefe schreibt der Brünner Freund: „Wirst Du wieder einmal zu uns kommen? Briefe sind ein zu dünnes eis, sie tragen nicht alles, womit man einen fluss überqueren möchte.“46

Nach 1968 kann Jan Skácel seine Gedichte nur noch im Ausland oder im Samisdat veröffentlichen. Die tschechischen Kulturverhinderer erreichen ihr Ziel. Als er 1989 stirbt, ist er den jüngeren tschechoslowakischen Lesern nahezu unbekannt.

1961 veröffentlicht Reiner Kunze im DDR-Verlag „Volk und Welt“ seinen ersten Band tschechischer und slowakischer Nachdichtungen unter dem Titel Der Wind mit Namen Jaromír nach einer Gedichtzeile Skácels. Dieser kleine Band verschafft ihm Hochachtung unter tschechoslowakischen Kollegen. Ihr Land ist ihm da längst zur Wahlheimat geworden. Durch Elisabeth und die Schriftstellerfreunde findet er nach dem Tiefpunkt Leipzig für sich einen neuen Sinn.

Und er ist herzlich willkommen. Milan Kundera schreibt 1964 in den Literární noviny, Kunze sei der slawischste Deutsche, den er kenne. Welch ein Kompliment! Wann immer er die Möglichkeit erhält, fährt er auf Besuch:

(…)

In den nächten, da das visum abläuft

mit dem ticken meiner uhr,

brechen die alten wunden auf in mir, kreisen die

gedanken, sich formierend

für die rückkehr in die unbewältigte

vergangenheit …

(…)47

Einmal bekommt er einen schweren Asthmaanfall in der schwerst belasteten Luft von Aussig. Er muss ins Krankenhaus, und die Ärzte verlängern den Aufenthalt mit einer mehrwöchigen Krankschreibung über das abgelaufene Visum hinaus. Er dankt ihnen auf seine Weise:

ENTSCHULDIGUNG

(den waschfrauen des bezirkskrankenhauses Aussig

an der Elbe)

Seit mir das chemische konglomerat über der stadt,

physikalisch durchsetzt mit flugasche und

lokomotivenruß

und unlängst vom wochenblatt SEVER gereinigt

geboten

in dem begriff „luft“,

schwarz in der lunge verblieb

(nebst einem schock nebel über der Elbe),

werde ich reichlich beschenkt

mit der weisheit der ärzte, den mühen der

schwestern,

(…)

Das bettuch mit den schlimmen tintenflecken im

haufen der abgezogenen wäsche

ist meines.48

Reiner Kunze nutzt die Aufenthalte für Gespräche, für die Arbeit an Nachdichtungen und als freier Mitarbeiter für tschechoslowakische Literaturzeitschriften:

Wir haben nie geschwätzt. Es ging immer um Literatur, um Übersetzungen, um die einzelnen Texte und um die Frage: Was machen wir? Wie können wir helfen? Es war eine solidarische Gemeinschaft. Und dann erschien „Iwan Denissowitsch“. Die ČSSR war das einzige Ostblockland, in dem dieses Buch von Solschenizyn veröffentlicht wurde. So habe ich es kennengelernt. Inzwischen ging es auch um das Politische. Was wir da alles besprochen haben, Nächte haben wir so verbracht. Manchmal haben wir auch einen Ausflug gemacht, mit Ludvík Kundera, oder wir haben bei ihm lange Abende in seinem Riesengarten gesessen, haben „Špekáčky“, das sind fette, dicke Würstchen, ins Feuer gehalten. Und immer ging es um Literatur oder um die politische Situation.

Was wesentlich ist, und was oft nicht unterschieden wird: In der Opposition der Intellektuellen gab es eine große Gruppe und eine ganz winzige Gruppe. Die große Gruppe begehrte auf gegen den Parteikurs und gegen das Stalinistische, forderte Lockerungen. Da waren sicher auch viele darunter, die westliche Demokratie wollten, aber sie artikulierten es nicht. Wer wirklich ein demokratisches System mit Gewaltenteilung, Mehrparteiensystem, freie Wahlen, soziale Marktwirtschaft forderte, war die winzige Gruppe um Václav Havel und Rio Preisner.

In der DDR habe ich nie differenziert zwischen dieser kleinen Gruppe und den anderen intellektuellen Empörern. Es hätte sie gefährden können.

Eine große Ehre wird Reiner Kunze 1968 zuteil. Der Einmarsch der sowjetischen Besatzungstruppen steht direkt bevor, doch er wird in Prag mit dem Übersetzerpreis des tschechischen Schriftstellerverbandes ausgezeichnet: „Es war allein schon eine unwahrscheinliche Geschichte, dort hinzufahren. In dieser Situation den Preis zu bekommen, war eine beglückende Auszeichnung.“

Kurz darauf wird der Verband aufgelöst, kritische Autoren und Intellektuelle emigrieren oder erhalten Berufsverbot und werden zum Teil als Hilfsarbeiter im Straßenbau oder in der Forstwirtschaft zwangsverpflichtet.

Begonnen hatte alles in Aussig durch jene junge Frau namens Elisabeth. Doch das Hochzeitsversprechen, das das Paar sich gab, ist weit schwerer einzulösen, als sie dachten. Tschechoslowakische Staatsbürger, die einen Ausländer heiraten wollen, benötigen die Einwilligung des Innenministers. Und die scheint auch in ihrem Fall aussichtslos. Elisabeth Kunze erzählt:

Wie oft bin ich nach Prag gefahren. Am Eingang des Ministeriums befand sich eine kleine Telefonzelle. Weiter durfte man nicht hinein. Von dort aus musste man anrufen und seinen Namen nennen. Dann kam die Antwort: „Nein, ist nicht erledigt.“

Geholfen hat uns, dass mein Mann Nachdichtungen machte, die er in der DDR als kleines Bändchen herausbrachte. Dieses Büchlein hat er an den tschechischen Schriftstellerverband geschickt und gebeten, ob sie sich nicht dafür einsetzen könnten, dass wir heiraten dürfen.

Zuvor hatte Reiner Kunze sich an die zuständigen Stellen der DDR, selbst an Ministerpräsident Otto Grotewohl gewandt. Erfolglos. Den glücklichen Ausgang ergänzt er so:

Im tschechischen Schriftstellerverband witterte man einen Nachdichter tschechischer Poesie. Das Büchlein in der Hand intervenierten sie beim tschechischen Kulturminister und erklärten, dass unsere Heirat im nationalen Interesse liege. Eines Tages kam mit unscheinbarer Post die Heiratserlaubnis. So wurde meine Frau mein erster und kostbarster Literaturpreis. 49

Im Sommer 1961 können Elisabeth und Reiner Kunze endlich in Aussig ihre Hochzeit feiern. Wie viel sie einander bedeuten, erzählen

DIE GROSSEN SPAZIERGÄNGE:

Die großen Spaziergänge, auf denen wir

nicht ins leere greifen

Immer geht die hand des anderen mit50

Hier, spricht die Gewissheit, finden und verbinden zwei sich auf ein Leben. Dennoch müssen sie noch fast ein Jahr warten, bis Elisabeth Kunze die Ausreisegenehmigung in die DDR erhält.

Bisher ist Elisabeths Tochter Marcela die meiste Zeit bei den Großeltern in Znaim aufgewachsen. Der Schichtdienst im Krankenhaus lässt keine andere Möglichkeit für ihr kleines Kind. Als Marcela auf die Welt kommt, ist ihre Mutter noch Studentin. Der Vater trennt sich vor der Geburt.

Beim ersten Besuch beugt Reiner Kunze sich zu ihr hinab und sagt: „Du bist aber groß geworden!“ Sie ist dreieinhalb und stolz: Das ist ihr Vater. Sie lassen sie in dem Glauben, bis sie zwölf ist. Da entdeckt Marcela in Vögel über dem Tau eine Widmung „Für Elisabeth Littnerová“. Als die Mutter von der Arbeit kommt, ist das Mädchen verstört. Beide setzen sich auf den Boden mit dem Rücken an den Kachelofen und Elisabeth erzählt ihr Leben. Danach ist alles gut.

Auch die Briefe, die wir schweigen,
werden durchleuchtet

Als Schriftsteller will Reiner Kunze dort leben, wo man seine Sprache spricht. Auch Elisabeth, durch Erziehung und Sprache dem Deutschen verbunden, möchte den Umzug der Familie in die DDR.

Im Juni 1962, elf Monate nach ihrem Antrag, nach zahllosen Briefen, Nachfragen in Prag, nach diskriminierendem Warten erhält sie die Ausreisegenehmigung aus der ČSSR für sich und Marcela.

Reiner Kunze sucht einen Lebensraum zum Arbeiten außerhalb der Zentren. Intrigen und existenzielle Erschütterungen wie an der Universität Leipzig will er sich nicht noch einmal aussetzen. Als Kind war er notgedrungen ein Einzelgänger. Als Dichter bleibt er es bewusst, wenn auch mit vielen Freunden, aber er wird nie einer Gruppe angehören. Er sucht einen Ort, der ihm den Rückzug auf sich und seine Arbeit erlaubt.

Die kleine, abgelegene Residenz- und Textilstadt Greiz im thüringischen Vogtland scheint ihm gute Voraussetzungen zu bieten. Die dünn besiedelte Landschaft der Umgebung, die bewaldeten Höhenzüge, die Hangwiesen und die weiten Hochebenen erinnern ihn an die Gegend seiner Kindheit im Erzgebirgsbecken.

Die Dreißigtausend-Einwohner-Stadt fernab der großen Städte wirkt wie verwunschen mit ihren grauen Häuserreihen, mit ihren Bürgerhäusern und hangwärts darüber den Textilarbeiterkaten, mit dem maroden Oberen Schloss auf dem mächtigen Felsen mitten in der Stadt. Im Kontrast dazu stehen das schmucke Untere Schloss in der Innenstadt, die helle Häuserzeile am Ufer der Weißen Elster mit ihren gepflegten Jugendstilfassaden und der große, gepflegte Landschaftspark um das Sommerpalais. Sie künden von vergangenen besseren Zeiten.

Elisabeth Kunze findet eine Anstellung als Kieferorthopädin in der Kreisjugendzahnklinik und als Kieferchirurgin im Kreiskrankenhaus. Ihr durchaus nicht üppiges Arzteinkommen in der DDR reicht zur bescheidenen Sicherung des Familienunterhalts. Auf dem Hainberg über der Stadt bekommen sie in einem dreistöckigen Wohnblock aus den fünfziger Jahren eine Drei-Raumwohnung zugewiesen, mit Bad, Küche, Kinderzimmer und mit je einem Raum, eigentlich Wohn- und Schlafzimmer, den der Dichter sich als Arbeitszimmer und die Ärztin sich als Arbeits- und Schlafraum einrichten. Für DDR-Verhältnisse ist diese Wohnung mit rund siebzig Quadratmetern für eine dreiköpfigen Familie vergleichsweise großzügig bemessen.

Das ist ihr Neuanfang, und der Dichter begrüßt Greiz mit einer ausgelassenen Verbeugung:

FISCHRITT AM NEUJAHRSMORGEN

Stadt, schlüpfrige, halt still

Ah, jetzt erkenn ich’s, du

bist ein fisch

He, ich balanciere auf dem rücken eines

fisches

Dächer, sagt ihr, nüchtern gebliebene, das

sind silberne schuppen

Jaja, ein märchenfisch, das schloß

trägt er wie eine krone

Ein verzauberter prinz, ein

Reuß, ein

debiler

Schon gut, wir werden schlafen

und zu mittag

wird er wieder eine

stadt sein51

In Greiz sucht Reiner Kunze die notwendige Ruhe für seine Arbeit. Geistig und seelisch zu Hause ist er in der Tschechoslowakei.

Er arbeitet an Übersetzungen, findet damit Lob und Freunde im Nachbarland. Für den Mitteldeutschen Verlag stellt er mit Aber die Nachtigall jubelt. Heitere Texte einen neuen eigenen Band zusammen. Bis 1963 erreicht der drei Auflagen. Wobei eine Auflage in einem Literaturverlag der DDR gewöhnlich nicht unter zehntausend Exemplaren liegt. Für 1963 genehmigt ihm das Büro für Urheberrechte, die Institution, die Veröffentlichungen überwacht und Auslandshonorare den staatlichen Deviseneinnahmen zuführt, seinen Band Widmungen im Bad Godesberger Hohwacht Verlag. Die Genehmigung wird problemlos erteilt, da für den Band in der DDR bereits veröffentlichte Gedichte vorgesehen sind. Lyrik, die Reiner Kunze seit den Widmungen veröffentlicht, betrachtet er für sich als gültig. Die Neue Zeit, die Zeitung der DDR-CDU, die bisweilen SED-Informationspolitik mit mehr Offenheit unterläuft, gibt ihren Lesern eine Ahnung von Kunzes Westresonanz:

Man würdigte Reiner Kunze als eine der wichtigsten Begabungen der jungen DDR-Literatur. Die Schweizer Zeitung Baseler Nachrichten stellt ihn westlichen Autoren gegenüber und kommt zu dem Schluß, daß sein Gedichtband „Widmungen“ zukunftsweisend ist, da er „jeden Fortschritt, der durch die heutige Sachlichkeit und Wachheit des Dichters möglich wird, nutzt“.52

1964 freut sich Reiner Kunze besonders über Věnování (Widmungen), seinen ersten Lyrikband auf Tschechisch. Dieser Band ist für ihn ein großes Zeichen der Anerkennung. Unter den vier Übersetzern sind keine Geringeren als Ludvík und Milan Kundera.

Im selben Jahr telegrafiert ihm Ludvík Kundera: + DIE ÜBERSETZUNG DER NEUGIER IST GLÄNZEND HERVORRAGEND KOLOSSAL ICH AUTORISIERE SIE GRATULIERE UND DANKE BRIEF FOLGT = LUDVIK +. Reiner Kunze hatte sein Hörspiel Neugier übertragen. Es erscheint 1966 im Bärenreiter Verlag Kassel.

Reiner Kunzes Arbeitsbeziehungen in die Tschechoslowakei tragen immer mehr Früchte. Im Jahr 1964 bringt der Hohwacht Verlag in Bad Godesberg Die Tür, einen Sammelband tschechoslowakischer Lyrik heraus, den Reiner Kunze ebenfalls besorgt hat. Zusammen mit acht darin vertretenen tschechischen und slowakischen Lyrikern wird er zu einer Lesereise nach Bad Godesberg, Bonn, Köln, Essen, Düsseldorf, München eingeladen.

Der Geheime Informant „Hannes“ berichtet seinem MfS-Führungsoffizier, mit Kunze sei wegen seiner Einladung eine Aussprache im DSV, dem Schriftstellerverband der DDR, erfolgt. „Während dieser Aussprache teilte man ihm in nicht überzeugender Weise mit, daß er nicht nach Westdeutschland reisen darf. Als Grund nannte man ihm, daß die Einladung nicht über den DSV gegangen sei.“53

Reiner Kunze darf dennoch reisen. Das Ministerium für Kultur erteilt vermutlich auf die Bitte tschechischer Genossen die Erlaubnis.

Im Frühjahr 1965 führt das Kleist-Theater in Frankfurt/Oder Milan Kunderas Schauspiel Die Schlüsselbesitzer auf, ein Stück über Anpassung und Gehorsam, das Kundera im Nationalsozialismus spielen lässt. Eine Rezension lobt die deutsche Übersetzung von B. K. Becher und Reiner Kunze als „sprachlich eindringlich, nicht ohne Poesie“.54

Um in der DDR den Beruf eines Schriftsteller ausüben zu dürfen, benötigt man eine Steuernummer. Voraussetzung dafür ist die Mitgliedschaft im Schriftstellerverband der DDR. Seit seinem Umzug nach Greiz ist Reiner Kunze Mitglied im Verband Erfurt/Gera. Er nimmt an den Verbandstagungen teil, betrachtet die Veranstaltungen aber als Pflichttermine und hält Distanz zu den regionalen Autorengrößen mit ihrer herausgekehrten Parteilichkeit. Gelegentlich macht er sich Notizen. Allein schon das befremdet. Für diese Kollegen ist er ein Eigenbrötler, für manche auch ein Abweichler, der sich etwas Besseres dünkt. Den einzigen engeren Kontakt, der zu einer Freundschaft wird, hält er zu dem nahezu gleichaltrigen Weimarer Lyriker Wulf Kirsten, der seine Themen in der Natur und Landschaft findet.

So verlaufen im Wesentlichen die Jahre 1962, 1963, 1964. Reiner Kunze steht nicht im Fokus der Staatssicherheit, auch wenn sie routinemäßig, wie von allen Personen im öffentlichen Leben, Rasterinformationen sammelt. In einer späteren Analyse vermerkt die für Strafermittlung zuständige Hauptabteilung IX für das Jahr 1962 nur: „Kunze schreibt für die ‚Schublade‘ antidogmatische Gedichte.“55

1964 versucht die Staatssicherheit, ihn als Inoffiziellen Mitarbeiter anzuwerben. Auch das ist nicht außergewöhnlich. Kritische Köpfe sollen dem Sicherheitsdienst der Schlüssel zu ihren Kreisen sein. Reiner Kunze sagt dazu:

Das war 64. Da kamen eine Frau und ein Mann in unsere Wohnung und wollten mich direkt werben. Als das Gespräch begann, machte die Frau den Reißverschluss ihrer Tasche zu. Da wusste ich, aha, jetzt hat sie das Aufnahmegerät eingeschaltet. Es war aber nicht der erste Werbungsversuch. Während des Studiums hatten sie es schon einmal versucht. Da wurden wir alle vorgeladen und sie haben ihre Leute rausgesucht. Ich sagte, dass ich das nicht machen möchte, weil ich Schriftsteller bin. Das habe ich ehrlich gemeint.

Andere haben ja gesagt. Auch einer, der ein großartiger Kerl war. Später sagte er mir einmal in der Straßenbahn: „Reiner sei froh, dass du da nicht zugesagt hast. Mein Leben besteht darin, früh morgens in mein Büro zu fahren. Dazu muss ich dreimal die Straßenbahn wechseln, damit niemand sieht, wohin ich fahre. Und dann sitze ich von früh bis Abend, lese Westpresse und muss Berichte schreiben, was da drin steht. Das ist kein Leben.“

Nach dem Hausbesuch in Greiz erzählt Reiner Kunze im Bekanntenkreis von dem unsittlichen Ansinnen. Daraufhin trägt der Geheime Informant „Hannes“ weiter, „daß vor einiger Zeit zwei Genossen des MfS bei ihm gewesen wären. Diese wollten ihn für die Zusammenarbeit gewinnen …“56

Mit dieser Dekonspiration ist der Kandidat „verbrannt“. Die Staatssicherheit schließt die Anwerbeakte und vermerkt:

Kunze wurde 1964 im Rahmen der analytischen Arbeit unter den Künstlern des Bezirkes Gera überprüft. Die Überprüfung des K. erfolgte mit dem Ziel, seine Verbindungen zu Schriftstellern sowie nach der BRD und Westberlin operativ zu nutzen. Eine Aussprache mit ihm ergab jedoch, daß er für die inoffizielle Zusammenarbeit ungeeignet ist. 57

Anfang der sechziger Jahre findet man in der DDR-Presse gelegentlich kleine Meldungen über Reiner Kunze, über seine Veröffentlichungen, über Anthologien, an denen er beteiligt ist, über Lesungen und Lesereisen. Er wird in einem Atemzug genannt mit Christa Wolf, Erwin Strittmatter, Volker Braun, Günter Kunert und Brigitte Reimann.

Brigitte Reimann und Reiner Kunze hatten sich 1954 in seiner Magdeburger Redakteurszeit während des Studiums kennengelernt. Beide besuchten die Arbeitsgemeinschaft „Junger Autoren“ und Reiner Kunze sagt:

Das meiste, was da „Junger Autor“ hieß, war indiskutabel. Aber Brigitte war klasse. Sie war von uns allen die Begabteste. Wir waren wirklich sehr gute Freunde.

Brigitte Reimanns Roman Ankunft im Alltag (1961) gibt der neuen Autorengeneration und ihrer „Ankunftsliteratur“ den Namen. Nach den Aufbaujahren mit dem Resultat Mauerbau prüfen und hinterfragen diese Autoren, wenn auch vorsichtig, allgegenwärtige Fortschrittsparolen, konfrontieren den sozialistischen Anspruch mit der Wirklichkeit und suchen literarisch nach neuen Lösungen.

In der Lyrik sorgt Reiner Kunze mit jenen Gedichten für Aufsehen, die davon künden: Der Einzelne macht Sinn. Damit setzt er sich hinweg über das verordnete „Wir“. Im Mittelpunkt steht für ihn nach seinen Lehrjahren in Leipzig das Individuum, der einzelne Mensch, nicht das kollektive anonyme Wesen.

Ethik

Im mittelpunkt steht

der mensch

Nicht

der einzelne58

Diese Ironie wird von den Vordenkern einer „sozialistischen Menschengemeinschaft“ und ihren Ideologiewächtern sehr genau verstanden. Kunzes lyrisches Plädoyer für die Anerkennung des Einzelnen mit seinen Erfahrungen stört. Die Dogmatiker wissen um die Brisanz von Literatur und Lyrik, die sich ihren Vorgaben entzieht, die sich verselbstständigt, die von ihren Lesern auch zwischen den Zeilen entziffert wird.

Es sind keineswegs so ruhige Jahre einer schöpferischen Normalität, wie es den oberflächlichen Anschein hat. Reiner Kunze sagt im Rückblick:

Gerungen haben wir immer, auch wenn das nicht an die Öffentlichkeit kam. Und nachdem ich eine wesentlich freiheitlichere und intellektuellere ČSSR erlebt hatte, war die DDR für mich schon ziemlich finster.

Eine Ahnung, welche Spannungen Anfang der sechziger Jahre unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung herrschen, bekommt man, wenn man einige Briefe an Reiner Kunze liest. Etwa wenn Reiner Kunzes erste Frau ihm von einem Chorkonzert in Leipzig berichtet: „Die Plakate trugen alle Deine Titel, aber nicht Deinen Namen.“59

Ludvík Kundera schreibt ihm, er habe an einem Kolloquium des DDR-Schriftstellerverbandes teilgenommen und nach dem Hauptreferat des stellvertretenden Vorsitzenden Prof. Dr. Hans Koch vier Fragen gestellt. Darunter auch die:

… warum Kunert und Kunze im Hintergrund gehalten werden? Ich dachte, es würde ein Ausgangspunkt zu einem Gespräch werden, aber das Kolloquium verlief weiter so, daß die Leute zum Rednerpult mit mehr oder weniger improvisierten Referaten kamen. Eine Antwort erhielt ich erst am 5., d. h. am letzten Tag, sehr lückenhaft und auf Dinge, die ich nicht gefragt hatte.60

Das ist tschechischer Humor. Tatsächlich wird Kundera abgekanzelt, er sei kein Mitglied des DDR-Verbandes, also habe er kein Recht zur Einmischung.

Etwas braut sich zusammen. Reiner Kunze wird inzwischen nicht nur als Schriftsteller in seiner öffentlichen Wahrnehmung beschnitten, er muss auch feststellen, dass seine Briefe auf dem Index der Postkontrolleure stehen. Im Zusammenhang mit dem tschechischen Sammelband Die Tür schreibt sein Bad Godesberger Verleger:

Sehr geehrter Herr Kunze, vielen Dank für Ihren letzten Brief, dem ich entnehmen muß, daß Sie auch mein letztes Schreiben nicht erhalten haben. Mit ihm hatte ich Ihnen mitgeteilt – ebenfalls handschriftlich (!) – daß ich bereits Nachforschungen durch die Post nach dem verlorenen Einschreiben habe anstellen lassen. 61

Etwas später steht Reiner Kunze mit dem Merlin-Verlag Hamburg im Briefwechsel, auch zu Übersetzungen aus dem Tschechischen. Der Verleger fragt:

Lieber Herr Kunze, wie ich schon in meinem Telegramm zum Ausdruck zu bringen versuchte, … ein Brief – obwohl Eilbote – scheint verloren zu sein. Der 2. Gibt das zu denken? 62

Nachforschungsaufträge bei der Deutschen Bundespost und bei der Deutschen Post der DDR bleiben ohne Erfolg. Manuskripte, Korrekturfahnen, selbst handschriftliche Briefe von und an die Adresse 66 Greiz, Franz-Feustel-Straße 10 erreichen ihr Ziel nicht. Der Dichter konstatiert:

Brief du

zweimillimeteröffnung

der tür zur welt du

geöffnete öffnung du

lichtschein,

durchleuchtet, du

bist angekommen63

Überhaupt anzukommen, manchmal mit wochenlanger Verspätung, ist ein Moment der Freude für den Empfänger und tiefer Herzlichkeit für das „du“. Denn er sieht, wie, um welchen Preis der Brief seinen Adressaten fand: Geöffnet, geschändet, seiner Intimität beraubt. Die Freude ist eine bittere Freude.

Das längste Einschreiben ist 56 Tage unterwegs. Mehrfach wird das Datum des Poststempels unkenntlich gemacht. Wiederholt kommen Briefe exakt einen Tag nach Verstreichen eines Termins an. In ihrer Akribie vermerken die Postkontrolleure im März 1976 einen Zwischenstand über „bisher analysierte Briefe“:


Insgesamt: 377
Davon
BRD: 194
WB (Westberlin): 22
NSA (Nichtsozialistisches Ausland): 67
SA (Sozialistisches Ausland): 9464

Es gibt Post, die liest ihr Empfänger zum ersten Mal bei der Einsicht in seine Stasi-Akten. Das Netz um Reiner Kunze wird enger. Die Augen der Macht nehmen ihn zunehmend in ihren Blick.

Im August 1964 kündigt der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Schriftstellerverbandes der DDR und Volkskammerabgeordnete Prof. Dr. Hans Koch sein Kommen beim Schriftstellerverband Erfurt/Gera an. Sein Auftritt ist Teil einer Parteikampagne zur Disziplinierung der Kulturschaffenden und Schriftsteller. In Weimar greift er vor allem Reiner Kunze an. Sein Gedichtband Widmungen, genauer die Aufmerksamkeit, die dieser in der Bundesrepublik erfährt, ist den Funktionären ein Ärgernis. Gereizt führt der Gast aus Berlin den Artikel aus der „Westpresse“ an: „Ein Dichter der Zone meldet sich zu Wort“, der Kunzes Verszeile „Die Jugend schläft nicht“ Applaus spende.65 Es folgen Vorwürfe und deutlichen Warnungen: Kunzes Gedichte seien nicht parteilich, sein Individualismus nicht tragbar, seine Veröffentlichungen beim Klassengegner führten ihn auf eine gefährliche Bahn. Noch ist er keine Unperson, doch Distanz scheint den meisten Verbandskollegen ratsam. Kunze ist gewarnt.

Aber noch hat und nutzt er Möglichkeiten, seine Position gegen die dominierende Kunstauffassung zur Diskussion zu stellen. In der Zeitschrift Neue Deutsche Literatur schreibt er 1965:

Das Höchste, das eine kritische Meinung bewirken kann, ist, zum Maßstab hinzuführen; denn die Poesie, der die Maßstäbe verloren gehen, ist verloren.

Liest sich dieser erste Satz noch wie ein allgemeiner Appell, wird er im weiteren Text so deutlich, dass die Veröffentlichung überrascht:

Deshalb kann keine Meinung den Anspruch erheben, von absoluter Gültigkeit zu sein. (…) Man kann jedoch eine Art öffentliche Nötigung ausüben, indem man eine bestimmte Meinung als „Massenmeinung“ oder Meinung des Volkes deklariert (was natürlich eine Fiktion ist, denn das Verhältnis zur Poesie ist ein zutiefst individuelles Verhältnis.) (…) Manchem, der glaubt, über Poesie den Stab brechen zu dürfen, sollte zumindest die Hand ein wenig zittern. 66

Auf die Frage, ob das vielleicht seine vorweggenommene Antwort auf das 11. Plenum des ZK im Dezember gewesen sei, meint Reiner Kunze schmunzelnd: „Das war Gottes Voraussicht.“

Die Forderung nach weniger ideologischer Gängelung, nach mehr Realismus und künstlerischen Freiräumen, findet Anfang der Sechziger breiten Konsens. Autoren, Filmemacher, Theaterleute, Bildende Künstler versuchen, sich aus dem engen Kulturkorsett zu lösen. Sie fühlen sich bestätigt, seit Walter Ulbricht auf der II. Bitterfelder Konferenz 1964 einräumen musste, dass „das Ringen um eine höhere Qualität“ in der Kunst „neue Normen“67 erfordere. Um so überraschender trifft sie das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED vom 15. bis 18. Dezember 1965 in Berlin.

Eigentlich sollte es einberufen werden, um den Einfluss der Partei auf die Wirtschaft neu zu bestimmen. Denn das zwei Jahre zuvor begonnene Experiment des „Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung“, das den Betrieben im Ansatz marktwirtschaftliche Freiheiten zugestand, offenbart den Wirtschaftsfunktionären zugleich: In dem Maße, in dem die Wirtschaft sich verselbstständigt, die Betriebe erfolgreich eigenverantwortlich handeln, gefährdet das ihre Führungsrolle, machen sie sich perspektivisch überflüssig.

Doch noch wichtiger als eine Kurskorrektur in der Wirtschaft ist der SED-Führung Ende 1965 die Kurskorrektur in der Kultur. Nach einer vergleichsweise liberalen Kulturpolitik seit Anfang der sechziger Jahre sehen die Ideologiewächter sich alarmiert einer Kulturfront gegenüber, die droht, außer Kontrolle zu geraten. Auf ihren Schreibtischen landen Analysen über „ideologische Aufweichungserscheinungen“, über „Zweifel an der Richtigkeit der Politik der Partei“, „Nihilismus“, „Skeptizismus und bürgerliche Ideologien“ unter den „Kulturschaffenden“.

Mit dem 11. Plenum holt die Führung zum Rundumschlag aus. Zwölf DEFA-Filme, das ist fast die ganze Jahresproduktion, werden verboten. Der wohl bekannteste Fall ist der Spielfilm Das Kaninchen bin ich, der sich kritisch mit der politischen Strafjustiz und einem karrieristischen Richter auseinandersetzt. Selbst die Verfilmung von Erik Neutschs Roman Spur der Steine läuft nur drei Tage in wenigen ausgewählten Kinos. Erich Honecker fordert eine „saubere Leinwand“ und bekommt sie. Günter Witt, Leiter der Hauptverwaltung Film, wird geschasst. Er nennt das 11. Plenum „Inquisition“.

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25 mayıs 2021
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