Kitabı oku: «Spielen in der frühen Kindheit»

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Der Autor


Prof. Dr. phil. habil. Ulf Sauerbrey hat an den Universitäten Bamberg, Erfurt, Jena und Graz gelehrt und geforscht. Seit September 2020 ist er Professor für Kindheitspädagogik am Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung der Hochschule Neubrandenburg. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Pädagogik der frühen und der mittleren Kindheit, der Allgemeinen Pädagogik, der Erziehungsgeschichte sowie der qualitativen Sozialforschung.

Ulf Sauerbrey

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-034773-1

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-034774-8

epub: ISBN 978-3-17-034775-5

mobi: ISBN 978-3-17-034776-2

Für Edith und Elise

Inhalt

1  Ein Vorwort – um der Sache willen

2 

3  1 Spielen in der frühen Kindheit – ein anderer Blick auf Lernen

4 

5  2 Spielen und Spiele, Play und Game – eine Eingrenzung

6 

7  2.1 Spielen bzw. Play – die Tätigkeit des spielenden Subjekts

8  2.2 Spiele bzw. Games – Versuche einer kulturellen Institutionalisierung des Spiels

9  2.3 Was bleibt außer der Vielfalt an Begriffen und einer gewissen Unschärfe?

10  3 Spielen als Folge des Spiel- und Beschäftigungstriebs – eine Erinnerung an Friedrich Fröbel

11 

12  3.1 Pädagogische Impulse in Fröbels Biografie

13  3.2 Die Entdeckung des Spieltriebs

14  3.3 Spielpflege und Spielmittel als pädagogisch- didaktische Reaktion auf den Spieltrieb

15  4 Formen der Spielentwicklung im frühen Kindesalter

16 

17  4.1 Sensumotorische Spiele – Bewegungen sinnlich einüben

18  4.2 Informationsspiel und Explorationsverhalten – Dinge in der Umwelt erkunden

19  4.3 Als-ob-Spiel – fiktives Nachahmen

20  4.4 Konstruktionsspiele – schaffendes Tätigsein

21  4.5 Rollenspiele – Interaktionsweisen erproben und Normen aneignen

22  4.6 Regelspiele – Tätigsein in vorgefundenen Handlungsrahmen

23  5 Wie werden Dinge zu Spielzeug?

24 

25  5.1 Phänomenologie

26  5.2 Langevelds Pantoffel

27  5.3 Arrangieren als pädagogische Handlungsform der Auswahl von Spielmitteln

28  6 Spielorte in der Wohnung

29 

30  6.1 Was wir alles nicht wissen

31  6.2 Ein Beispiel

32  7 Spielorte im Freien

33 

34  7.1 Ausgewiesene Spielorte und Spielplätze

35  7.2 Von Kindern gewählte Spielorte

36  8 Spielen in Krippe und Kindergarten

37 

38  8.1 Spielen in den Bildungsplänen der Länder

39  8.2 Zur Bedeutung der Gruppe

40  9 Spielen mit digitalen Medien in der frühen Kindheit

41 

42  9.1 Zur Nutzung und Stellung digitaler Medien im Kontext frühkindlicher Freizeitaktivitäten

43  9.2 Sind digitale Spiele nützlich oder gefährlich?

44  10 Zum Abschluss: Das spielpädagogische Grundproblem im Spiegel empirischer Studien

45 

46  Ein Nachwort – um der Aufgabe willen

47 

48 Johanna Hopfner

49  Literaturnachweise

50 

Ein Vorwort – um der Sache willen

Nach Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention gehört das Spiel neben Ruhe, Freizeit, aktiver Erholung und freier Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben zu den Rechten von Kindern weltweit. Allein vor diesem Hintergrund erscheint es bereits geboten, das Spielen von Kindern regelmäßig in Erinnerung zu rufen. Ein Buch zum Thema Spielen in der frühen Kindheit zu schreiben, das im Untertitel auch noch ›Grundwissen für den pädagogischen Alltag‹ verspricht, ist dennoch ein Stück weit vermessen. Ich vermute, dass vielen, die sich näher mit dem Phänomen des Spielens beschäftigt haben, irgendwann einmal eine ähnliche Einsicht, wenigstens aber der Zweifel darüber gekommen ist, ob das Phänomen Spielen in all seinen Facetten überhaupt angemessen sprachlich und sachlich erfasst werden kann. Beschäftigt man sich mit der einschlägigen Literatur zum Thema, fällt auf, dass bereits die Definitionsversuche keineswegs Klarheit signalisieren. Kaum jemand schafft es, die vielfältigen Bestimmungsmerkmale des Phänomens in einen plausiblen Zusammenhang zu bringen. Die meisten Autorinnen und Autoren zählen vielmehr die Ideen und Unklarheiten zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen auf, die sich am Spiel, seinen Merkmalen und Erscheinungsformen abgearbeitet haben.

Das vorliegende Buch ist daher insofern problematisch, als es die Sache des Spielens wahrscheinlich kaum geben kann – und daran ändert kaum der Umstand etwas, dass hier die Lebensphase der frühen Kindheit, also das Alter von der Geburt bis zur Einschulung in den Blick genommen wird. Der Fokus auf die frühe Kindheit wurde gewählt, da diese weithin als sensible Lebensphase gilt, aber auch da die Lebensspanne von der Geburt bis zum Alter von sechs Jahren in modernen Industrienationen in den vergangenen 20 Jahren erneut und in einem zuvor nie dagewesenen Maße öffentlich und zugleich in wissenschaftlichen Disziplinen Gegenstand der Auseinandersetzung geworden ist. Diese auf das Tun kleiner Kinder gerichtete Aufmerksamkeit hat auch die Diskussion um die Bedeutung und den Sinn des Spielens neu entfacht.

Dass der Untertitel das vorliegende Werk als ein Buch über Grundwissen ausweist, hängt mit der Anfrage zusammen, die der Kohlhammer-Verlag im Jahr 2017 an mich gestellt hat – und auch mit meiner Reaktion darauf. Die Anfrage bezog sich auf ein Buch in der neuen Reihe Praxiswissen Erziehung. Nachdem ich mich bereits seit einigen Jahren als Teil eines wissenschaftlichen Netzwerks der Deutschen Forschungsgemeinschaft kritisch mit populären Ratgebermedien beschäftigt hatte und ohnehin schon seit Jahren eine deutliche Tendenz bei den wissenschaftlichen Verlagen hin zur Veröffentlichung von Ratgeberbüchern zu beobachten war, war ich mir zunächst unsicher, ob gerade ich ein Buch für diese Reihe schreiben sollte. Wenngleich ich regelmäßig nicht nur in der Lehre, sondern auch auf Fort- und Weiterbildungen vor pädagogischen Fachkräften zu kindheits- und sozialpädagogischen Themen referiere, so waren die bislang von mir verfassten Publikationen doch vorrangig an die Erziehungswissenschaft und nur selten unmittelbar an pädagogische Fachkräfte in pädagogischen Handlungsfeldern wie der Krippe, der Kita, der Schule oder auch an die Familie adressiert. Ich entschied mich dennoch, dieses Buch zu schreiben, nicht zuletzt, da ich die Wissenschaftskommunikation, d. h. den Transfer wissenschaftlichen Wissens in Zeiten des ›Postfaktischen‹, mehr denn je für unabdingbar halte. Dass das vorliegende Buch nun als ein Werk über Grundwissen aufwartet, gründet in dem Versuch, es explizit so auszuweisen, dass es nicht als Ratgeber gelesen werden soll! In diesem Fall halte ich mich an Janusz Korczak,1 der eingangs seines Hauptwerks mit dem ins Deutsche übersetzten Titel »Wie liebt man ein Kind« festgehalten hat: »Ich weiß nicht und kann nicht wissen, wie mir unbekannte Eltern unter unbekannten Bedingungen ein mir unbekanntes Kind erziehen können« (Korczak 1999, S. 10).

Dieser Satz, der gleichermaßen für an pädagogische Fachkräfte adressierte Bücher gelten kann, ist m. E. ein Paradebeispiel pädagogischer Haltung, da er eine lineare und technische Machbarkeit durch Erziehung zurückweist und zugleich auf die Eigenlogik pädagogischen Geschehens verweist: Einen auf konkrete Situationen bezogenen Rat kann im Grunde nur ein Mensch geben, der alle beteiligten Subjekte und ihre Lebensumstände in ausreichendem Maße kennt und einzuordnen weiß. Korczaks Aussage trifft dabei nicht nur auf Erziehung, sondern auch auf das Spielen zu, das in seinen vielfältigen Formen schlichtweg zu viele unbekannte Faktoren aufweist, als dass darüber ein Ratgeber, sprich: ein ›technologisches‹ Buch (Höffer-Mehlmer 2003, S. 7), geschrieben werden könnte. Dementsprechend wird auch im vorliegenden Buch keine Aussage darüber zu finden sein, wie ein Kind spielen soll, um ›richtig‹ oder ›gut‹ zu lernen. Da ich die Leserinnen und Leser sowie deren mutmaßliche in der Familie oder in frühpädagogischen Einrichtungen betreute Kinder und deren Lebensumstände nicht kenne, wäre es unredlich, anderes zu propagieren. Mein Anliegen ist es, grundlegendes Wissen über das Phänomen für die verschiedenen pädagogischen Handlungsfelder, in denen kleine Kinder aufwachsen, zur Verfügung zu stellen, so dass die in diesen Feldern agierenden Erwachsenen auf Basis wissenschaftlichen Wissens ihr Tun reflektieren und ihre Handlungskunst für sich und ggf. gegenüber anderen begründen können. Das Buch bietet den Leserinnen und Lesern darüber hinaus an vielen Stellen Anregungen zum Weiterlesen. Zu danken habe ich dem Kohlhammer-Verlag für sein Interesse an diesem Buch sowie besonders Claudia Schick, Johanna Hopfner und Michael Winkler für ihre wertvollen Kommentare zum Manuskript.

Widmen möchte ich das Buch meinen Kindern Edith und Elise. Sie sorgen mit ihrem wunderbaren Spiel- und Beschäftigungstrieb dafür, dass ich das Spielen nicht nur als wissenschaftliches Forschungsobjekt analysieren, sondern vielmehr alltäglich als ein spannendes Ereignis miterleben darf, in dem Neues und Unerwartetes geschieht und in dem sich das Innere der Kinder zeigt – darunter vieles, das wir Erwachsene ihnen vorleben.

Neubrandenburg, im Februar 2021

Ulf Sauerbrey

1 Zugunsten der Lesbarkeit habe ich in diesem Buch nur wenige Fußnoten gesetzt. An dieser Stelle ist eine biografische Anmerkung jedoch geboten: Janusz Korczak, Geburtsname Henryk Goldszmit (1878/79–1942), entstammte einer jüdischen Familie, lebte in Polen und wurde zu Lebzeiten bekannt als Arzt und Pädagoge. Er leitete ein jüdisches Waisenhaus im Warschauer Ghetto. 1942 wurde er mit 200 Kindern aus dem Waisenhaus nach Treblinka deportiert, wo die Kinder und ihr Erzieher ermordet wurden. Er ist einer der wichtigsten und zugleich einer der bislang zu wenig beachteten Pädagogen des 20. Jahrhunderts.

1
Spielen in der frühen Kindheit – ein anderer Blick auf Lernen

In seinem vielfach aufgelegten Standardwerk »Spielen – Lernen. Praxis und Deutung des Kinderspiels« hat der Erziehungswissenschaftler Andreas Flitner (1922–2016) sich umfassend mit dem Phänomen des Spielens beschäftigt. Der Anlass für sein 1972 erstmals erschienenes Werk war der Umstand, dass am Beginn der 1970er Jahre viele Akteurinnen und Akteure unter Bezugnahme auf Erkenntnisse aus der Lernpsychologie sich bemühten, »Spiel und Spielzeug in ›Training‹ und ›Lernzeug‹ zu verwandeln« (Flitner 1996, S. 9). Gegenüber dieser pädagogisch-didaktischen Technisierung des Spielens wies Flitner auf Basis von Untersuchungen auch aus der internationalen Forschung nach, dass die Frage nach dem kindlichen Lernen durch Spiel »nur einer der möglichen Zugänge« sei; andere Zugänge erforschten etwa, was Kinder im Spiel erleben, »was sie an Glück und Ängsten erfahren, was sie ›verarbeiten‹ an Eindrücken und Problemen und wie ihnen die Welt sich öffnet im Spiel« (ebd., S. 190).

Hier soll an Flitners Differenzierung des Kinderspiels als Forschungsgegenstand erinnert und zugleich angeknüpft werden, denn erstens liegen uns inzwischen neuere Erkenntnisse zum Spielen in verschiedenen frühkindlichen Lebenswelten vor, zweitens haben sich diese Lebenswelten seit den 1970er Jahren noch einmal grundlegend verändert und drittens hat sich jedoch die von Flitner diagnostizierte Situation gegenüber dem Spiel nach einem halben Jahrhundert keineswegs grundlegend gewandelt:

»Teile der Wirtschaft, aber auch aus Lern- und Hirnforschung werfen der herkömmlichen Kombination von Kindergarten und Schule vor, Lernpotenziale der jungen Kinder zu wenig zu nutzen und Kinder massiv zu unterfordern. Deren Tenor lautet: Wir vergeuden zu viel Zeit mit (sinnlosem) Spielen und ›bewirtschaften‹ das kindliche Lernpotenzial zu wenig« (Hauser 2013, S. 11, Hervorhebung U. S.).

Deutlich festzustellen ist ein Streben, das kindliche Spielen aus der Perspektive Erwachsener sinnvoll (was auch immer dies bedeuten mag) und vor allem absichtsvoll zu gestalten – und dies betrifft heute nicht nur die Lern- und Hirnforschung bzw. ihre Rezeption in der Pädagogik. Mit Blick auf die Bildungsforschung insgesamt lässt sich eine Dichotomisierung zwischen Spielen und Lernen feststellen (vgl. vor allem für die USA: Spiewak Toub et al. 2016; für weitere Nationen vgl. auch: Hauser 2013, S. 12 ff.). Besonders durch Akteurinnen und Akteure des so genannten Global Education Reform Movements (GERM) wurde das Spielen im frühen Kindesalter wiederholt grundlegend infrage gestellt. Das GERM – Begriff und Akronym wurden vom finnischen Erziehungswissenschaftler Pavi Sahlberg geprägt – besteht aus verschiedenen weltweit vernetzten Institutionen, die vorrangig aus wirtschaftlichen und finanzpolitischen Gründen ausgewählte Kompetenzdimensionen von Heranwachsenden untersuchen und auf dieser Basis Empfehlungen an die Politik geben. Die wahrscheinlich prominenteste dieser Institutionen ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die in regelmäßigen Abständen die seit der Jahrtausendwende bekannt gewordenen PISA-Tests durchführt. Seit einigen Jahren plant die OECD eine International Early Learning and Child Well-being Study (IELS), in der die sprachliche und die mathematische Bildung, sozial-emotionale Fähigkeiten sowie die Regulationsfähigkeit von Kindern getestet werden (vgl. zur Übersicht: Knauf 2017). In jeder teilnehmenden Nation sollen ca. 3000 vier- bis fünfjährige Kinder untersucht werden – die Daten sollen später auch in Bezug zu den PISA-Daten gesetzt werden.

In ihrer Broschüre zur Durchführung der IELS-Studie mit dem Titel ›Early Learning Matters‹ verweist die OECD jedoch erstaunlicherweise mit keiner Silbe auf das Spielen von Kindern (vgl. OECD 2018). In der Broschüre ist lediglich die Rede von kindlichen Aktivitäten, die erfasst und beurteilt werden sollen. Spielen und Lernen erscheinen dabei als voneinander getrennt. Dies konnte zwar als notwendig operationalisierte Sprache einer empirischen Bildungsforschung verstanden werden, die durch PISA wie durch kaum eine andere großangelegte Studie repräsentiert wird. Problematisch ist jedoch, dass eine Delegation der OECD in Verhandlungen mit Nationen, die Interesse an einer Teilnahme an der IELS-Studie haben, Kinderspiele als ›verschwendete Aktivitäten‹ bezeichnet – Mathias Urban hat eine solche Rückmeldung eines Kollegen, der allerdings anonym bleiben wollte, in der Fachliteratur dokumentiert (vgl. Urban 2017, S. 20).

Bislang hat die IELS-Studie vergleichsweise eher wenig Zuspruch aus der wissenschaftlichen Frühpädagogik erhalten (vgl. Urban & Swandener 2016) und künftige Entwicklung bleiben abzuwarten (vgl. auch Wasmuth & Nitecki 2018). Auch könnte man diese Seitenblicke auf die OECD für übertrieben halten. Jedoch ist es inzwischen in den wissenschaftlichen Disziplinen, die das Feld Bildungsforschung formen, unbestritten, dass Institutionen wie die OECD, aber auch die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds einen starken Einfluss auf die Bildung in verschiedenen Nationen haben und eine Privatisierung sowie eine enge Form der Ökonomisierung des Bildungswesens fördern (vgl. Lohmann 2014; Münch 2018). Wenngleich es sich hier nur um ein ausgewähltes Beispiel handelt, bei dessen Einschätzung die Urteile in der Fachwelt unterschiedlich ausfallen: Bereits die skizzierte Diskussion um ›frühkindliche Kompetenzen‹ zeigt, dass es das Kinderspiel in jedem Fall verdient, hinsichtlich seines pädagogischen Sinns in der frühen Kindheit weiterhin beleuchtet zu werden. Dies ist vor allem notwendig, da die Auseinandersetzung mit dem Spielen allzu rasch in den Strudel der einen und stark selektiven Frage danach gerät, welche gesellschaftlich bedeutsamen Kompetenzen sich Kinder denn dabei genau aneignen. Diese Frage darf und muss zweifelsohne gestellt werden, insbesondere von Pädagoginnen und Pädagogen, die ihr Tun begründen müssen. Doch erstens ist die Frage nach dem Kompetenzerwerb im Spiel nur im Einzelfall mit Blick auf ein konkretes Spiel beantwortbar (und übrigens wird dabei viel zu selten die Perspektive der spielenden Kinder einbezogen). Und zweitens darf sie nicht die einzige Frage bleiben. Zu beachten ist auch, auf welche Art und Weise das Spielen gesellschaftlich in Anspruch genommen wird. Notwendig zu stellen ist auch die Frage nach der Veränderung der Kinderspiele, allzumal vor dem Hintergrund der rasanten technisch-kulturellen Weiterentwicklung digitaler Medien, die heute einen nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil des Aufwachsens von Kindern in den modernen Industrienationen bilden. Zentral ist schlussendlich auch die Frage nach den Orten und Sozialisationsfeldern, an bzw. in denen Kinder spielen. Denn allzu oft richtet sich der Blick auf das Kinderspiel einseitig auf Kindertageseinrichtungen.

Das Spielen an sich ist allerdings nichts Neues und schon gar kein besonderes Phänomen der Moderne. Es lässt sich vielmehr als ein Anthropologumenon bezeichnen – als ein konstitutiver Bestandteil des menschlichen Daseins seit Anbeginn unserer Gattungsexistenz. Anders formuliert: Seit es uns Menschen gibt, spielen wir. In Gesellschaften, die spezifische Formen der Trennung zwischen Arbeit und Freizeit eingerichtet haben und die Kindheit als ein Moratorium verstehen, lässt sich das Spielen vor allem in der frühen und mittleren Kindheit beobachten. Spielen gilt mithin als kindliche Lebens- und Handlungsform schlechthin. Nicht nur der Fokus auf Kindertagesstätten oder auf Familien mit kleinen Kindern legt diese Vermutung nahe; auch wenn man erwachsene Menschen fragt, was sie in ihrer frühen Kindheit getan haben, so erinnern sie sich nicht selten an das Spielen und an bestimmte Spielsituationen. Spielen in der frühen Kindheit ist schlussendlich eine kollektive Erfahrung, denn: »[d]ass Kinder spielen, kann man geradezu als ihr gemeinsames Merkmal ansehen« (Prange & Strobel-Eisele 2015, S. 118).

Dennoch existieren gerade in der wissenschaftlichen und praktischen Frühpädagogik gleich mehrere Konflikte rund um das Thema: Ist das Spielen kleiner Kinder ein von Freiheit geprägtes und zweckfreies Tun oder ist es vielmehr Mittel zum Zweck im Sinne erzieherischer Ambitionen? Was ist überhaupt ›Spiel‹ und wo liegt der Unterschied zwischen angeleitetem und freiem Spielen? Und kann das Kinderspiel junge Menschen überhaupt angemessen auf das Leben in Gesellschaften wie der unsrigen vorbereiten? Diese pädagogisch relevanten Fragen bilden den Ausgangspunkt des vorliegenden Buchs. Um sie zu klären, will ich mich dem Spielen in der frühen Kindheit aus verschiedenen Blickwinkeln nähern und die relevanten Themen in einzelnen Kapiteln schlaglichtartig beleuchten. Damit soll insbesondere Eltern und pädagogischen Fachkräften kindliches Spielverhalten in den Phasen der frühkindlichen Entwicklung verständlich gemacht werden. Zugleich wird dies jedoch nicht in der Absicht geschehen, das Spielen einseitig zu verteidigen, indem für oder gegen bestimmte Spielformen oder gar pro oder contra Spielpädagogik plädiert wird. Der Spiel- und Bildungsforscher Bernhard Hauser hat in einer tiefgehenden Literaturanalyse zur Bedeutung des Spielens in Krippen und Kindergärten darauf hingewiesen, dass wir es uns vor dem Hintergrund vielfältiger empirischer Forschungsergebnisse heute »nicht mehr leisten« können, »das Spiel der jungen Kinder dogmatisch zu verteidigen« – vielmehr sei es »an der Zeit, sich mit dem Spiel und vor allem mit dem Beitrag des Spiels zum Lernen der Kinder gründlich zu beschäftigen« (Hauser 2013, S. 14). Dies soll auch hier geschehen, indem vor allem die verschiedenen Sozialisationsfelder von kleinen Kindern in den Blick genommen werden.

Zunächst wird in Kapitel 2 jedoch eine begriffliche Eingrenzung vorgenommen, gefolgt von einem historischen Blick auf den Spiel- und Beschäftigungstrieb unter Bezugnahme auf Friedrich Fröbel in Kapitel 3. Die wichtigsten Phasen der frühkindlichen Entwicklung des Spielens werden in Kapitel 4 dargestellt. Im Anschluss daran erfolgt ein Perspektivenwechsel hin zum Erleben der Kinder und zu den alltäglichen Erfahrungen in bestimmten Spielkontexten. Da Kinder nicht nur mit Gegenständen spielen, die wir Erwachsene ihnen als Spielzeug reichen, wird in Kapitel 5 gezeigt, wie Dinge aus Sicht von Kindern zu Spielzeug werden können. Anschließend werden in Kapitel 6 die von Kindern in ihrer Freizeit genutzten Spielorte in der Wohnung und in Kapitel 7 ihre Spielorte im Freien thematisiert. Das Spielen an diesen Orten hat sich im Zuge einer Individualisierung kindlicher Freizeittätigkeiten in den vergangenen Jahrzehnten verändert, u. a. da Kinder heute »aus einer großen Bandbreite von Möglichkeiten wählen können, aber auch wählen müssen« – und dies ist insbesondere der Fall, »da sich die Freizeit nicht mehr selbstverständlich aus der Tatsache ergibt, dass ein Kind vor die Türe tritt, auf der Straße Freunde trifft und mit diesen etwas unternimmt« (Fuhs 2002, S. 637). In Kapitel 8 wird zudem ein Blick auf das Spielen in Krippe und Kindergarten geworfen und damit auf Orte, an denen Kinder nicht selten erstmals in Kontakt mit größeren Kindergruppen kommen. Ein kulturgeschichtlich neuartiges Phänomen, das derzeit vielen Erwachsenen Sorgen bereitet, ist das in Kapitel 9 umrissene Spielen mit digitalen Medien. Hierzu wird ein Überblick über die aktuelle empirische Studienlage gegeben. In Kapitel 10 soll schließlich darauf eingegangen werden, inwieweit Spielen in der frühen Kindheit zwischen Anleitung und Freispiel stattfinden kann – eine einerseits grundlegende wissenschaftliche, aber andererseits auch von pädagogischen Fachkräften und Eltern tagtäglich gestellte Frage.

Allen, die durch dieses Buch Lust aufs Weiterlesen bekommen haben, seien insbesondere die Bücher und Aufsätze in der Literaturliste ans Herz gelegt. Ich habe mich bemüht, diese Liste übersichtlich zu halten. All diejenigen Kolleginnen und Kollegen aus der Forschung, die mit ihren Untersuchungen in diesem Buch nicht genannt sind, mögen mir verzeihen – ein Buch über Grundwissen zwingt zur Reduktion und Konzentration aufs Wesentliche.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
19 aralık 2025
Hacim:
122 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783170347755
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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