Kitabı oku: «Bravourös in die Suppe gespuckt»

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2. Auflage 2015

© dorise-Verlag Erfurt, 2014

Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks,

der fotomechanischen Wiedergabe

und der Übersetzung, vorbehalten.

Titelfoto: privat

Typografie und Titelgestaltung: Regina Gerbracht

Druck: docupoint GmbH

ISBN 9978-3-942401-80-7

F. m. M.

Uli Grunewald

Bravourös

in die Suppe gespuckt

Inhalt

Das erste Entsinnen

Herr Ulbricht versprach, keine Mauer zu bauen

Mannis Vater war Gendarm und eine gefährliche Drecksau

Onkelchens Jähzorn war bemerkenswert für einen heimlich Schwulen

Kaltlächelnd trennte die schicke Frau den Kopf vom Rumpf

Papa sah aus wie ein UFA-Star

Mit zehn Jahren rauchte Alexander konsequent auf Lunge

Bitterlich weinend neben dem gefallenen Pferderiesen

Fast zu Tode stranguliert

Auswurf in der Suppe

Opa war eine Respektsperson und bis ins hohe Alter scharf wie Pfefferchili

Schule war schön, schön doof

Schiss vor dem widerlichen Geruch des Todes

Ausmarsch – nun soll aus mir was werden

Papa mahnte, ja nichts mit einer Rothaarigen anzufangen

Johann sah aus wie George Cloony für ganz Arme

Wie Felix, der Glückliche

Lehrer sein machte Spaß, dann kam die Lärmphobie

Schulwechsel bravourös, bravourös daneben

Vom Kellerarbeiter zum Wohlstandsbürger

Leichenteile schwammen in der Badewanne

Geistiges Vakuum gesucht

Prominente, Nutten und Paris

Beinahe hätte es den ersten DDR-Clochard gegeben

Als Unternehmer rechtlos und schwerelos

Von rosaroten Schweinchen, mausetoten Autofahrern und anderen Katastrophen

Grüne Entenscheiße in weißer Dauerwelle

Volle Pulle Westen

Michael Dougles ganz kitschig und Tina Turner ganz traurig

Italien sehen und beinahe sterben

Dieses Auto besaß eine Seele

Rudis Ohrfeige war kräftig gesetzt und sehr berechtigt

Marlies wollte keine Liebe, sondern Sex

Ein Goldesel für mich, eine Wasserleiche für die Bildzeitung

Mit seinem Vorschlaghammer wollte er mich kaltblütig erschlagen

Schnick-Schnack-Schnuck in einer Klapsmühle

Kackfrech mein Drehbuch geklaut

Endlich beim Fernsehen

Eine dicke Kameradschaft, die in einem noch dickeren Desaster endete

Beim MDR geschasst

Tante Inge fraß sich zu Tode, dann krachte ihr Häuschen zusammen

Gabi, Patrik, Porno-Dieter und schlechtes Benehmen

Am besten traumhaft

Das größte Wagnis meines Lebens

Multimillionär mit zehn Millionen Miesen

Auenland wird Wirklichkeit

Auf Pazific-Island gab es Slipeinlagen als Stirnband

Um ein Haar hätte Lonzo auf die weißen Schuhe von Mario Adorf geschissen

Ein El Dorado

Als mein Auenland vollendet war, empfand ich das als surreal

Schockstarre

Der Wind blies eiskalt von vorn

Es brach der Pool, das Wasser lief davon und ich am liebsten auch

Fatstorm

Onkel Christian saß vor uns im Rollstuhl, Fernseh-Gottschalk stand hinter uns in Malibu

Wir hatten abgemacht: Wenn, dann nur im Swinger Club

Der Chef der Pavian-Horde zerfleischte ihm das Gesicht

Alles Verloren. Meine Existenz und mich selbst

Chinesen sind eine eigentümliche Spezies

Wenn um dich herum Sämtliches implodiert, ist dein Leben wohl zu Ende

Perdu! Und fröhlich klingt der Schlussakkord in Moll

Uli Grunewald

Wer immer tut,

was er schon kann,

bleibt immer das,

was er schon ist.

Henry Ford

Ich kann es nicht glauben. Ich kann es einfach nicht glauben. Ich sitze im Knast. Ich, der kluge Junge, der ideenreiche Schöndenker, der findige Geldmacher, der redegewandte Sympath. Ich, das rücksichtslose Muttersöhnchen, angefüllt bis zum Stehkragen mit Widersprüchen und Unstimmigkeiten. Ich, Ich, Ich, die vielen Ich`s, immer wieder. Zu viele in meinem ruinierten Leben.

Seit zwei Tagen bin ich in Untersuchungshaft. Ob ich verurteilt werde, ist ungewiss. Vielleicht gibt es nicht einmal eine Verhandlung. Wer weiß? Mein Anwalt ist keine große Nummer, dafür zuversichtlich. Ich glaube, ich habe Tränen in den Augen. Ich schließe sie und spüre kleine Rinnsale auf meinen Wangen. Zwei kühle Striche. Ich schlucke. Vor Selbstmitleid tut mir der Magen weh und weil ich an Mama denke. Sie weiß nicht, wo ich bin. Nun ist sie alt, doch ihre Güte und Lebensklugheit haben sie nicht verlassen. Sie liebt die Menschen und sieht in ihnen nur das Gute. Wie soll sie das verkraften, wie soll sie diesen Kummer und diese Sorge um mich ertragen. Um ihren Sohn, den sie über alles liebt und der ihr Lebensinhalt ist. Ihr Sohn, dieser Idiot, hat so viel gewonnen und am Ende jegliches verloren. Dass ausgerechnet ich dieser Idiot bin, ist schwer auszuhalten. Wachte ich früher aus einem Albtraum auf, fühlte ich Erleichterung. Heute ist das nicht mehr so, weil die Wirklichkeit noch schlimmer ist.

Meine Vorfahren wurden ausnahmslos steinalt und deren eisenharte Gene bescherten mir bislang die mustergültige Gesundheit. Heute, am 22. November 2012, eingesperrt und Mitte Fünfzig, spüre ich das erste Mal meinen Körper. Ohne Schmerzen und ohne erkennbare Symptome fühle ich mich krank. Nun sind alle vorwärtstreibenden Kanten abgeschliffen. Ich hasse Larmoyanz, jetzt muss ich sie selbst erdulden. Sie hat mich aufgesogen wie ein Strudel, in dem man rettungslos versinkt. Jene innere Stimme, die schönreden und helfen könnte, schweigt unerbittlich. Gegen Gewissheit kommt sie nicht an. Gewiss ist, dass ich in Gewahrsam und verloren bin. Mach dir das klar, mein Lieber. Du hast deine Zukunft hinter dir.

Nun meldet sie sich doch, jene Fachabteilung meiner inneren Stimme, die zuständig ist für Dur und Zuversicht. Nur zaghaft versucht sie ihr Glück. Will sich Gehör verschaffen. Vielleicht wird am Ende doch noch irgendetwas gut. Stets habe ich einen Weg gefunden. Auch wenn die Dinge sich noch so derb gegen mich wandten, konnte ich sie zuletzt doch zu meinen Gunsten fügen. Und gestern, war das etwa jener Schimmer, nach dem ich verzweifelt Ausschau halte. Gestern, wie merkwürdig unwirklich das war. So kurz nach meiner Überstellung erschien in meiner Zelle gegen Abend dieser mir fremde Mensch. Ich verstand nicht. Wegen meiner Verwirrtheit, Niedergeschlagenheit und Verzweiflung nahm ich ihn zunächst nur wie im Nebel wahr. Alles schien verschwommen. Doch die Bestimmtheit seiner Worte, ließ die Eintrübung verschwinden.

Tim Strelow stellte sich mir als Journalist sowie Drehbuchautor vor und arbeite außerdem als Kunterbunt-Lektor für Buchverlage. Ich war noch von den Ereignissen wie benommen, als der achtsam eröffnete, ich solle mir keine übergroßen Sorgen machen, weil er mir helfen könne. Er fragte mich, ob ich ihn nicht kennen würde, schließlich seien wir mal so etwas wie Kollegen und später wäre er oft Gast bei mir gewesen. Nur aus dem fernen Irgendwo kam mir sein Gesicht bekannt vor. Aber ich erinnerte mich nicht. Komisch, sonst merkte ich mir doch jede Visage, das Einzige, was ich mühelos und wie von selbst nachhaltig zu speichern vermag. Der Mann sah blendend aus. Mit vielleicht Mitte vierzig war sein dunkles Haar leicht von Grau durchzogen und makellos in Form gebracht. Noch im Dämmerschein meiner Zelle leuchteten seine auffallend blauen Augen, ein gepflegter Schnauzbart verlieh seinen markanten Gesichtszügen Manneswürde. Und über dem schwarzen Jackett trug er einen auffällig gebundenen Schal. Sind Männer attraktiv und ohne schwule Attitüden, dann gestatte ich mir durchaus den Gedanken, auch an anderen Ufern spazieren zu gehen. Tim Strelow war auffallend gut aussehend. In meiner Lage über derlei Neigungen zu reflektieren, war absurd, lachhaft und so unglaublich wie alles im Moment.

Sein Gesicht schien entspannt und dennoch konzentriert. Als er sich nah zu mir beugte und mit ruhiger Stimme eindringlich sprach, ruhte sein Unterarm auf der kühlen Knasttischplatte. Die trennte und einte uns zugleich: „Herr Grune, Sie wundern sich bestimmt über mein unvermitteltes Erscheinen, aber lassen Sie es mich bitte so erklären: Ich will die Chronik vom Ende des vergangenen und vom Anfang unseres Jahrhunderts neu erzählen. Schablonen und tausendfach Gesehenes interessieren mich nicht. Ich möchte aus anderer Sicht und Perspektive den Zeitgeist nachempfinden. Es geht darum, Geschichten auszumalen, sie abzubilden und unterhaltend zu erzählen, möglichst ironisch frech. Ich bin auf der Suche nach einer neuzeitlichen Eulenspiegelei. Den markanten Protagonisten jener Tage will ich ins Leben rufen. Mit Witz, hintersinnigem Humor, aber nicht unernst. Und vor allem ohne Zeigefinger, keine Stasi- und Bonzengülle oder die sonst üblichen gesellschaftsrelevanten Bewältigungsarien. Das ist auserzählt. Und Biographien aus der Promi-Liga sind hierfür ungeeignet. Ich brauche die Geschichte eines unordentlichen Lebens und das unartige Gegenstück zu Langweilermemoiren. Ich sage es frei heraus, Grune, ich will dein Leben.“

Aus diesem Stoff wolle er eine Fabel schneidern, als Vorlage zu einer ungemein bahnbrechenden Fernsehsendung für mitteldeutsche Regionalprogramme. Ein Filmchen fürs heimische Erdnuss- und Chipslettenkino…?! Was bitte noch mal?! Alles erschien merkwürdig. Er sagte „Dein“ Leben. Ich sagte nichts. Ich dachte nur, wieso mein Leben? Das war gerade dingfest gemacht worden? Was sollte das hier werden? Ein abgeschmacktes Schelmenstück, der Narr am Boden liegend und zerschmettert. Tragisch-komisch, in der Tat! Oder eher spaßig amüsant bis drollig originell? Strelow sah mich an, schien meine Gedanken zu erraten und erklärte: Er hätte von den jüngsten Ereignissen schnell Wind bekommen, wäre daraufhin gleich hier hergefahren und wüsste bereits viel von mir. Als erstes wollte er mir einen erstklassigen Anwalt besorgen. Der arbeite für seine Verlage und hätte schon so manchen Kopf gerettet. Außerdem solle jener Anwalt ein Schriftstück aufsetzen, das alle meine Rechte sichern würde. Strelow wurde deutlich:

„Ich kann verstehen, dass Sie überrascht, wahrscheinlich irritiert sind, weil wir ausgerechnet hier und jetzt zusammentreffen. Aber möglicherweise ist das der richtige Moment, um jenes Vorhaben mit Ihnen zu besprechen. Sie können sich alles in Ruhe überlegen, haben jedes Mitspracherecht und riskieren nichts. Ich habe Ihnen ein Gerät mitgebracht, das ist phantastisch. Mit seiner Hilfe können Sie Ihren Gedankenwelten, Reflexionen, Einfällen und Imaginationen mühelos Gestalt verleihen. Sie sprechen, die Maschine schreibt und visualisiert synchron. Eine Audio-Taste gibt es natürlich auch, wenn Sie eine Wiedergabe wünschen. Und ich kann später das Resultat Ihrer Kopfarbeit problemlos ordnen, verdichten und in die geforderte Form verwandeln. Fangen Sie mit Ihrer Geschichte einfach von vorne an und reden Sie frei von der Leber weg. Ich bin mir sicher, Sie können das. Was meinen Sie, haben Sie Lust, sich darauf einzulassen? Gerade jetzt hilft Ihnen das vielleicht. Sie sind ein exaltierter Mensch, der den Auftritt liebt. Wichtig ist, gegen Ihren Willen wird nichts geschehen.“

Unverständlich, aber er schien mich tatsächlich gut zu kennen. Aus welchem Versandhaus nur hatte er seine Informationen bekommen?! Und wieso offerierte Strelow sein Vorhaben so siegessicher ohne Konjunktive. Wie unwirklich. Mein Ausnahmezustand hatte nun biblische Ausmaße erreicht. Es klang glaubhaft, als Strelow bei der Verabschiedung versicherte, er würde bald wiederkommen und alles mit mir und dem Advokaten en Detail besprechen. Nach seiner Rede, die nicht einmal fünf Minuten dauerte, war ich nicht im Stande, Vernünftiges zu denken, geschweige denn zu sagen. Ich nickte nur und bedeutete eine Gefühlsmischung aus Skepsis und Geneigtheit. Nun bin ich wieder allein. Nur dieses Sprechen-Schreiben-Wunder-Ding leistet mir Gesellschaft und liegt vor mir auf dem Tisch. Screenwriter nennt sich das schwarze Prachtstück, es ist das Neueste auf dem Markt und vorerst nur in Fernost zu haben. Es sieht aus wie meine alte Schiefertafel, auf der ich als Kleinkind kritzelte. Dagegen dieses Juwel scheint gläsern und glänzt wie stundenlang poliert. Was hatte Strelow noch einmal gesagt? Ich brauchte nur einzuschalten und zu sprechen, das Gerät zeichnet auf und zeigt das Gesprochene in Schrift auf dem Tableau. Wort für Wort, haargenau. Ich bin beileibe kein Anbeter von Medienfirlefanzen, doch hiervon würde ich bestimmt beeindruckt sein. Gar nicht schlecht. Wie das wohl gehen mag? Während ich versuche, die Maschine in Gang zu setzen, scheint es, als aktiviere ich auch damit mein Erinnerungsvermögen und überraschend wird der verschüttete Tim Strelow aus meiner untersten Gehirnetage ausgegraben. Ja, richtig, jetzt dämmert es. Jahre ist das her. Der war beim Fernsehen als Redakteur beschäftigt, genau wie ich, nur bei einem anderen Sender. Wiederum Jahre später begegnete er mir wieder. Da war er nackt und schien mich ständig zu beobachten.

Ich drücke den Stecker in die Dose und dann den winzigen Schalter an der schmalen Gehäusekante. Milchig leuchtet die schwarze Scheibe auf und am Rand blinkt die Aufforderung in greller Schrift: You can talk now. Meine Ellenbogen sind auf den Tisch gestützt. In meine Hände, zu einer Muschel geformt, presse ich Nase, Mund und Kinn. Ich atme tief und starre dabei an die Decke meiner Zelle, die die gleiche fahle Farbe wie der Bildschirm hat. Dann höre ich meine Stimme, die mir fremd und losgelöst erscheint, als gehöre sie nicht zu mir. Dennoch spreche ich weiter – leise, zögernd – und verlasse diesen jämmerlichen Raum:

Die Vorstellung, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind, hat mir stets gefallen. Funktioniert hat das natürlich nie. Zumal ich mich, im Widersinn dazu, ständig für Neues interessierte. Oft genug war das ausgefallen und abseitig von der Normalität. Vieles von dem, vermutlich zu viel, habe ich ausprobiert. Einige von der Heilkünstler-Innung meinen, dass sich das Innenleben der Menschen alle sieben Jahre umkrempelt. Und bei manchen, so wie bei mir, krempelte sich das Außenleben gleich noch mit um. Mein Wechsel-Zyklus allerdings brauchte nur drei Jahre für die ganze Umkrempelei. Und so hatte mich das Leben hin und her geschleudert. Alles ist nur halb geglückt, wenn überhaupt. Nichts habe ich zu einem guten Ende führen können. Ich bin ein Fünfzig-Prozent-Vielkönner. Diese Erkenntnis gibt keinen Anlass zu überbordendem Freudentaumel. Und nun soll ich die ganze Wahrheit offenbaren.

Mama hatte oft gesagt, ich solle doch alles aufschreiben, weil es so außergewöhnlich sei, was ich erlebte. Sicher würde mir meine Mum diese Empfehlung nicht gegeben haben, wüsste sie von all meinen bizarren Eskapaden und den rabenschwarzen Abgründen. Nun ist der Tag gekommen, an dem ich zwar nichts aufschreibe, aber reden werde. Ein Monolog. Geht das überhaupt? Aber vielleicht wird das mein Rettungsanker? Vielleicht. Von wegen, vielleicht. Bescheuert bin ich, das zu glauben. Was kann mich noch retten? Nichts. Und nichts kann mich mehr gefährden, auch wenn ich mich nun ausziehen werde bis auf die Haut. Am Ende werde ich dastehen wie der vitruvianische Mensch, nackt und von aller Welt vermessen. Was macht das noch? Also wage ich mich auch noch an dieses Abenteuer, begleitet von einer fernöstlichen Computer-Rarität. Eines allerdings ist sicher, nie könnte ich bücherfüllende Geschichten erfinden, auch nicht im Reclam-Format. Darum ist, was nun folgt, wirkliches Leben – zumindest aus meiner Erinnerung.

Das erste Entsinnen
Herr Ulbricht versprach, keine Mauer zu bauen

Mit kurzer Lederhose, langen Blondlocken und dem Terrier-Mischling Purzel, der festgebunden am wackeligen Holzroller hängt, so stehe ich mit sechs Jahren auf dem kleinen Platz vor unserer Hoftür, mitten in einer Wolke aus duftendem Wiesenheu. Das hatte mein Großvater zum Trocknen hier ausgebreitet. Damals war ich ein zierliches, niedliches Kerlchen, was sich später ändern sollte. Diese Erinnerung habe ich wahrscheinlich nur deshalb, weil es davon ein winziges Schwarzweißfoto mit Zackenrand gibt. Meine Kindheit hätte eine Mischung aus schnulziger Heidi mit ihrem Geißen-Peter und den Heiden von Kummerow werden können, wäre da nicht mein tyrannischer Vater gewesen. Mama arbeitete zu Hause. Das fand ich großartig. Wenn die anderen Kinder zur Nachmittagsschicht im Kindergarten ausharren mussten, weil beide Eltern in sozialistischen Großbetrieben Geld verdienen mussten, trabte ich froh heimwärts, in unser jahrhundertealtes Lehmgemäuer. Daheim angekommen, wurde ich liebevoll und mit einem zünftigen Mittagbrot empfangen. Das war häufig zu zünftig, denn aus dem niedlichen Blondschopf wurde bald ein dicker Landjunge. Bis zum heutigen Tag habe ich mir gewünscht, schlank zu sein. Das ist mir nie gelungen. Aber schon damals, als kleiner Mensch, genoss ich die Freiheit und Natürlichkeit des Landlebens. Lag ich zu Tagesende in meinem Bett, konnte ich aus meinem Schlafbüdchen den alten Kirchturm sehen, auf dem an warmen Sommertagen ein Amselhahn sein melancholisches Abendlied für mich pfiff. Ich fühlte mich geborgen und wusste, dass ich behütet schlafen würde.

Am schönsten aber war für mich die ständige Nähe zu unseren Haustieren. Schon damals waren Tiere für mich lebenswichtig. Das ist bis heute so geblieben. Unzählige Male haben sie mir Momente der Einsicht, Heiterkeit und Entspannung vermittelt. Das haben Menschen nur selten vermocht. Manches war dabei auch traurig, eben wie das Leben selbst. Stundenlang konnte ich dem tierischen Treiben um mich herum zuschauen und liebte es, niedliche Ziegenlämmer auf den Armen herumzuschleppen.

So konnte ich es kaum erwarten, dass unsere zwei Geißen im Frühjahr ihre Jungen bekamen. Und wie entsetzt war ich, als ich nichtsahnend Tage später im Kohlenschuppen zwei winzige Felle hängen sah, die mein Großvater dort zum Trocknen aufgehängt hatte. Ich stellte mir die geballte Grausamkeit des Schlachtens bis in alle widerwärtigen Einzelheiten vor. Und sah, wie mit groben Händen die kleinen, schneeweißen, zuckenden Körper auf dem Schlachtbrett festgeschraubt wurden. Ich hörte das gurgelnde Röcheln der durchtrennten Kehle, sah das Blut am baumelnden Kopfe herunterrinnen und glaubte den Schmerz zu spüren, den diese reizendsten aller Tier-Geschöpfe durch die kalte Messerklinge erleiden mussten. Die Ursprünglichkeit des Lebens, auch mit seinen derben Seiten, wurde mir so früh vermittelt und fühlbar bewusst.

Unsere Ziegen, die am Leben bleiben durften, hatten es augenscheinlich richtig gut. Mama, die Tiere ebenso liebt wie ich, sorgte dafür, dass sie von ständiger Kettenhaft befreit wurden und ich für frisches Sommergrün von der kargen Weide hinterm Kirchberg. Bei sonnigem Wetter rüstete ich mich aus mit Buch, Wolldecke und natürlich einer opulenten Zwischenmahlzeit. So zog ich los mit der zierlichen Lissy, der selbstbewussten Jenny und dem Rest der Herde. Sie folgten mir wie dressierte Hunde. Am liebsten mochten sie den Klee unseres mürrischen Nachbarn, der sich bei meinem Großvater über meine Unverfrorenheit und die der Ziegen wutschnaubend beschwerte. Opa nahm jene Schimpfkanonaden gelassen und mit vorausschauendem Pragmatismus hin. Denn am Ende gab frischer Klee, egal woher, die beste Ziegenmilch. Die Jungen aus unserem Dorf versuchten mich zu hänseln, gaben mir Spitznamen, die auf mein gelegentliches Hirtendasein abzielten und kamen damit nicht weiter, weil ich ihren Schmähungen mit Gleichmut begegnete. Niemand wusste, dass das Ziegenweiden mir meinen ersten sexuellen Höhepunkt einbrachte. Ein älteres Mädchen lud mich zu Doktorspielchen auf der Kamelhaardecke ein. Das war deutlich aufregender, als nur die Hippen im Herbst vom Bock bespringen zu lassen.

Jenny war die aufgeweckteste von unseren Geißen, von ungewöhnlich mächtiger Statur und selbstbewusst. Sie konnte manchmal boshaft sein. Wenn sie Lust hatte, stieg sie in ihrem Stall an der Mauer empor und schaute neugierig auf den Hof. In unmittelbarster Nähe hatte mein Vater seine Tauben untergebracht und beobachtete in gedankenversunkener Stille ihr flatterhaftes Treiben. Dazu hatte er sich unglücklicherweise direkt an dem Stallmauer-Quartier angelehnt, in dem Jenny residierte. Diese hatte für derartig beschauliche Momente meines Papas geringes Einsehen. Sie stieg empor, machte einen langen Hals und schnappte zu. Mit einem kräftigen Ruck zerrte die alte Geiß an der Haarfrisur meines Vaters, die er täglich in beängstigende Form zu striegeln pflegte. Die hinterlistige Ziege hatte ein gehöriges Büschel der gut geölten Haare ausgerissen und flüchtete sofort ins sichere Hinterland ihrer Residenz. Vor Verblüffung und Schmerz schrie der Gefolterte auf. Als Folge dieses heimtückischen Überraschungsangriffes flog die Papa-Brille in hohem Bogen von der Nase und auf Nimmerwiedersehen direkt in die Jauchengrube nebenan. Längst stand die Missetäterin mit gespielter Unschuld kauend an ihre Futterraufe, als ihr der zu Tode Erschrockene die Pest oder wenigstens den Ziegenpeter an den Hals wünschte.

Alljährlich schlachteten wir zwei fettgemästete Schweine und fraßen die übers Jahr planmäßig auf. Es gab drei Hausschlächter, die bei uns ihr blutiges Handwerk versahen. Ausnahmslos haben sie sich alle im Greisenalter ihr Bolzenschussgerät an den Kopf gesetzt und sich so vom Leben in den Tod befördert. Ist das nicht seltsam!? Oder müssen Menschen Schaden nehmen, wenn sie damit beschäftigt sind, ein Leben lang Leben zu liquidieren?

Mannis Vater war Gendarm und eine gefährliche Drecksau

Meine ersten Schuljahre verbrachte ich gleich um die Ecke in der alten Dorfschule, in der schon meine Vorfahren manchmal etwas mit dem Rohrstock übergebraten bekamen. Endlich durfte ich nun jeden Morgen in diesen alten Kasten traben. Nicht dass ich so dumm gewesen wäre, mich über die eingebüßte Freiheit zu freuen. Indes, nun war ich groß. Oft musste ich mich mit dem zwei Jahre älteren Manni aus der Nachbarschaft begnügen. Der schlaksige Kerl kam gern und häufig mit zu uns nach Hause geschlichen und fraß sich dort mit allem voll, was die Mutter in der Speisekammer hortete. Vor allem aber mit unreifem Obst, das im Futterstall lagerte. Mir war das sozusagen scheißegal, Manni dann in Folge nicht. Durch ihn habe ich das erste Mal erlebt, wie niederträchtig Menschen sein können. Spielten wir miteinander, war er ein Freund. Hatte er sich jemand anderem zugewandt, tat Manni so, als sei ich, der Kleine, gar nicht da, ließ mich links liegen. Oder er machte sich lustig über mich. Das verstand ich nicht, wo wir doch eigentlich Kameraden waren. Um einen seiner älteren Kumpel zu beeindrucken, hat er mir eines Tages, wie aus heiterem Himmel und völlig ohne Grund, fettblättrige Brennnesseln ins Gesicht gedrückt. Da war ich sieben Jahre alt. Schon damals hatte ich gegen solches Zeug eine Allergie und meine Mutter wäre fast in Ohnmacht gefallen, als ich vor ihr stand und Tränen aus den zugequollenen Augen presste.

Blacky war ein kümmerlicher Mischlingsspitz, Mannis Hund und ein armes Schwein. Verlassen lag er im Hinterhof an elend schwerer Fessel und freute sich fast zu Tode, wenn sich eine Menschenseele zufällig dorthin verirrte. Manchmal habe ich unbeobachtet seine kurze Kette gegen eine lange, leichte ausgetauscht. Jedoch Mannis Vater, ebenfalls keine Leuchte auf der Sonnenbank, band den armen Hund abermals kurz wie einen Galeerensklaven. Es gelang mir, Manni zu überreden, seinen Blacky mit auf Abenteuerpirsch zu nehmen. Nach anfänglichem Zögern wegen seiner dummstrengen Eltern bog er tatsächlich zur Hintertüre ab, um den Gefangenen herauszuholen. Blacky wusste vor Freude nicht, wie er sich geben sollte. Er purzelte, sprang, stolperte, lief rückwärts – alles in einem. Draußen auf freiem Feld wurde er losgelassen. Der ewig Angekettete sollte nun mit meinem Hund gemeinschaftliche Freiheit genießen dürfen. Die nahm er sich, schoss von dannen und kehrte nie zurück. Manni bekam Stubenarrest, ohne Kette.

Alljährlich aufs Neue gab es in unserer bescheidenen Bauernwirtschaft eine stolze Herde Gänse, die mein Vater als Gössel aus dem Nachbarort beschaffte. An warmen Sommertagen hatte ich mein Vergnügen, sie mit langer Gerte an den See zu treiben. Wenn sie genug im Wasser getobt und geplätschert hatten, kamen sie artig aus der Badeanstalt zurück und wir watschelten gemeinsam im Gänsemarsch nach Hause. Hinauf auf den Berg neben der Kirche. Die schneeweißen Vögel vornweg, ich hinterher. Mannis Familie hatte auch Gänse. Die hatten, genau wie Blacky, der Hund, ein hartes Los bei ihren herzlosen Besitzern und mit denen wahre Nieten gezogen. Eng eingepfercht und verdreckt fristeten sie ein erbärmliches Dasein, sehnten sich bei sengender Sommerhitze nach einem kühlen Bade. Das erkannte ich längst. Nach dem Bravourstück mit dem entflohenen Hund bedurfte es einiger Überredungskunst, Manni davon zu überzeugen, wie schön es wäre, würden wir unser Geflügel künftig vereint zum Badesee treiben. Probieren könnten wir das doch! Und über diese sinnvolle Freizeitgestaltung würden sich gewiss auch seine Eltern freuen! Ich hatte es geschafft! Gehorsam wackelten unsere zwei Riegen mit lang gereckten Hälsen durchs Dörflein, den Hang hinunter, um zielsicher der weiten Wasserfläche des Sees zuzustreben. Emsig und routiniert nahm meine gefiederte Kompanie ihre Badegeschäfte auf. Mannis Schnatterbrigade hingegen stand noch immer mit schmutzigem Gefieder am trockenen Ufer und rührte sich keinen Millimeter von der Stelle. Diese Ölgötzen schienen ihr Glück nicht zu begreifen. Das dauerte mir zu lange. Mit meiner Gerte gab es eine kleine Ermunterung – und schwups, saßen die verunsicherten Schwimmschüler wie graue Niveabälle auf dem Wasser. Aber was war das? Die schwammen einfach weg!? Wie von einer magischen Macht angezogen, steuerten sie auf des Sees Mitte zu. Mit bemerkenswertem Tempo, merkwürdig steif, unbeirrt und ohne Halt. Manni stand am Ufer und brüllte unentwegt wie am Spieß sein Hiele, Hiele, den Lockruf aller professionellen Gänsehirten. Und als von seinen Flüchtlingen nur noch winzige Punkte am fernen Horizont zu sehen waren, setzte er sich nieder, senkte sein Haupt und begann fürchterlich zu heulen. Herzerweichend bis markerschütternd. Mir war ein bisschen zum Lachen zu Mute, gleichwohl bei der zu erwartenden Reaktionen seines schrecklichen Polizisten-Vaters verging mir das als Initiator und somit Schuldigem ziemlich rasch. Ich brachte meine Schar nach Hause, Manni brachte seinem Vater die Verlustmeldung bei. Schäumend vor Wut und mit Riesenschritten steuerte der sofort in Richtung Ruderkahnverleih. Wir hinterher. Kaum hatten wir den klobigen Holzkasten bestiegen, da ging die Gänsejagd schon los. Der Schutzmann legte sich so energisch in die Riemen, dass man befürchten musste, die enorme Bugwelle würde am Ufer womöglich verheerende Schäden anrichten. Und so dauerte es gar nicht lange und wir hatten das flüchtige Federvieh eingeholt. Unser Kommandant, mit hochrotem Kopf, schweißtriefender Stirn und aufgerissenen Augen, gab strategische Instruktionen wie zum Morgenappell in seinem Wachrevier. Es nutzte nichts, er ruderte zu ungeschickt. Wieder und wieder wichen die großen Vögel wild paddelnd aus. Mal nach links, mal nach rechts, dann geradeaus und wieder links. Indes, die Flotte der Tierfänger auf hoher See gab nicht auf und nach drei Stunden hatte ich alle Gänschen, eine nach der anderen, am Hals gepackt und Manni vollzählig in den Kahn gereicht. Einen Strauß weißer Schnatterhälse hielt der nun vor seiner Brust. Nun gibt es nicht nur einen Pelikan-, sondern auch einen Gänsekahn, dachte ich belustigt. Vor Erleichterung wegen des erfolgreichen Beutezugs lächelte Manni doof-selig und lockerte den festen Griff seiner Gänsehalsumklammerung. Das hätte er lieber lassen sollen, denn gerade gab es einen Ruck, weil der Schiffskapitän mit erstaunlich voller Kraft gen Heimat ruderte. Manni konnte sein Gleichgewicht auf dem schmalen Sitzbrett nicht mehr halten, kippte nach hinten weg und es geschah das Unfassbare: Er entließ alle Gefangenen zurück in die Freiheit, ins nasse Element. Aufgeregt schnatternd formierte sich dort die Armada neu. Manni schnellte empor, fasste hierhin, griff dahin, haschte, schnappte, beugte sich weit über und grapschte doch immer nur ins Leere. Noch einmal hastete er hüpfend nach vorn, um die Flattertiere zurückzuhalten, bekam das Übergewicht und ging bäuchlings platschend über Bord, wie ein Frosch, der nach einer Fliege springt. Nun war auch er im nassen Element gelandet. Am liebsten hätte ihn sein Vater im trüben See gelassen, aber das wäre für einen Polizisten bestimmt nicht Dienst nach Vorschrift gewesen. Ich wäre vor Schreck und Fassungslosigkeit beinahe auch im Wasser gelandet. Stattdessen zerrten wir den einfältigen Manni wieder in den Kahn. Der glücklose Gänsehirte, nun wieder ohne Aufgabe und Federvieh, hockte triefend im Kahn, als hätte sein Leben nie einen Sinn gehabt. Zum Glück schien die Sommersonne warm. Das allerdings war das einzig Wärmende. Furzdonnerwetter, der Ordnungshüter und Vater tobte, brüllte, schimpfte und beleidigte ohne Punkt und Komma: „Du Vollidiot, du bist doch ein so dämlicher Zirkusclown, du Jammergestalt, dir hat`s doch in die Murmel gehagelt, hohle Rübe, so einen blinden Blindgänger wie dich gibt es nicht noch mal, ein Brechmittel diese Lusche, wenn ich dich schon sehe, du geistige Null und dämliche Tasse…“ So sprach der einfühlsame Polizist ganz vernehmlich zu seinem Sohn. Diesen reichen Wortschatz hatte ich dem gar nicht zugetraut. Hut ab! Bei Abendrot hatten wir alle Gänse müde gerudert, an Bord und am Ende in ihren Stall verbracht. Baden durften die Armen bis Weihnachten nicht mehr.

Dass der Vater von Manni strunz-dumm und eine gemeine Drecksau war, zeigte sich bald. Als ich zufällig bei einem unserer Pirschgänge in den Bergen ein Elsternnest im Gestrüpp wilder Rosen entdeckte, rakelte ich in die Vogelkinderstube und hob mit zerkratztem Arm ein Junges aus dem Reisigkobel. Schon lange war es mein Wunsch, ein solches Tier selbst großzuziehen. Mit feinsten Zutaten versorgte ich den Vogelwinzling und baute ihm ein wunderbares Areal mit Baumbestand, Wasserläufen und Badestrand mit feinem Sand.

Mein Freund Alexander bezeichnete die luxuriöse Behausung anerkennend als wahrhaftes Paradies und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Meine Elster hörte auf ihren Namen und kam auf Zuruf angesegelt. Ich ließ sie frei fliegen und als sie draußen vor unserem Haus fidel auf meinen Arm geflattert kam, schoss Mannis Vater, versteckt als hinterhältiger Heckenschütze, mit einem Luftgewehr mir den zahmen Vogel direkt von der Hand. Diese Missgeburt von einem Polizistenwitz hat dafür schwer bezahlt. Einige Tage danach beobachtete ich, wie er im Schweinestall mit kräftigem Strahl spritzend in die Jaucherinne pinkelte. Aus irgendeinem Grund nahm der Gesetzeshüter vorher seinen Pistolengurt ab und hängte den über einen Eisenhaken neben jenem Schweinekoben – und vergaß ihn dort! Nach einer geraumen Weile schlich ich mich an und beobachtete durchs Fenster, wie der Elsternmörder in seinem Küchensessel grunzte, genau wie seine Schweine. Zu denen rannte ich eilig zurück, riss die Revolvertasche auf, steckte pfeilschnell die Knarre in meine Hosentasche und rannte mit schlackernden Knien davon. Erst am See im Schilf kam ich zum Stehen und keuchte atemlos wie ein gehetztes Tier. Ganz behutsam zog ich die schwere Pistole aus der Gesäßtasche meiner kurzen Manchesterhose. Wie im echten Krimi. Das kalte Metall lag schwer in meiner Hand und gab ein unbehagliches Gefühl. Wenn ich jetzt abdrücken würde, das gebe einen irren Knall. Aber davor hatte ich zu viel Schiss. Im hohen Bogen und mit voller Kraft warf ich den Colt von Mannis Vater auf Nimmerwiedersehen weit hinaus, übergab sie meinem Komplizen, dem See. Den einstigen Waffenträger hatte man tagelang in die Mangel genommen und anschließend degradiert. Ich war der Überzeugung, das hatte sich dieser Schädling redlich verdient.

Onkelchens Jähzorn war bemerkenswert für einen heimlich Schwulen

Jener brave Polizist teilte sich die Wohnbaracke nebenan mit zwei weiteren Familien. Mit der einen waren wir verwandt, was uns nicht mit Stolz erfüllte. Die passten mit der Polizisten-Sippschaft gut zusammen. Schon als Kind hatte mein Vater deren Schäbigkeiten zu spüren bekommen. Die waren mal größer, mal kleiner, je nach Gemütslage der üblen Charaktere. Spielten wir Kinder Fußball und sprang der aus Versehen über die Mauer und landete im nachbarlichen Hof, konnte es passieren, dass wir von der alten Tante unseren Ball wie einen explodierten Luftballon mit dem Kommentar zurückbekamen: „Den hat der Hund zerbissen!“ Verwunderlich dabei war, dass das schlaffe Ding drei weit entfernte Einstiche in Reihe aufwies. Mistgabelverdächtig. Die Alte hatten wir längst durchschaut. Der schlesische Hausherr, der nichts zu melden hatte, war so klug wie eine Pellkartoffel. Für einen heimlich Schwulen wie ihn war sein Jähzorn bemerkenswert. Der konnte kreuzgefährlich werden. Machten wir auf der Hofschlippe zu arg Krawall, warf er wütend und mit voller Wucht einen halben Pflasterstein nach der in Deckung springenden Kindermeute. Diesem unberechenbaren Mann war zu allem Kümmernis der Hofhund namens Max beigeordnet. Beide mussten als Gespann aufs Feld, wobei das Zugtier seine Arbeit am Hundewagen freudiger tat als der Mensch neben ihm. Die ständig heimtückische Behandlung von diesem merkwürdig Unglückseligen quittierte sein weißer Schäferhund eines Tages wie aus Notwehr mit einem derben Biss in die ewig strafende Bauernpranke. Und als in Folge der Attacke dicke rote Blutstropfen auf das löchrige Backsteinpflaster im Hofe fielen, gab es bürgerkriegsähnlichen Tumult und das Todesurteil für den armen Max. Mit Buhei wurde eilig Mannis Vater gerufen und beauftragt, den Schuldiggesprochenen sofort zu erschießen. Mutig streckte der aus sicherer Deckung das geschundene Tier mit seiner Dienstpistole nieder. Der Hund wurde im Garten hinterm Haus verscharrt und bei der Beerdigung noch mit ein paar Gehässigkeiten bedacht.

Kaltlächelnd trennte die schicke Frau den Kopf vom Rumpf

Dieses Kapitel war beendet. Das dachten alle. Bis zu dem Tag, als es nebenan klingelte und eine hochelegante Lady mit enggeschnürter Taille, Sonnenbrille und rotem, hochhackigem Lackleder sich nach Max, dem weißen Schäferhund, erkundigte. Die Anwesenden waren verdutzt und wiesen stumm auf die letzte Ruhestätte. Die junge Tierärztin, als die sich die attraktive Besucherin herausstellte, war beauftragt, den Hingerichteten post mortem auf Tollwut zu untersuchen. Ich glaube, bei uns standen noch immer die Münder offen und die Haare zu Berge, als das Topmodel der Veterinärinnung längst ihre Pumps mit schwarzen Männergummistiefel getauscht und forsch mit der Exhumierung begonnen hatte. Nachdem der stark nach Verwesung riechende Max ans Tageslicht befördert war, bugsierte Madam die sterblichen Überreste ohne Handschuhe auf die Ladefläche ihres Autos, trennte mit dem Fuchsschwanz kaltlächelnd den Kopf vom Rumpf und verpackte den moderigen Klumpen in einem Sack. Bevor sie gruß- und wortlos entschwand, wischte sie sich noch rasch Haarsträhnen aus dem Gesicht, was Spuren hinterließ.

Wenn der schlesische Onkel seinen versteckten Amouren nachging, fuhr er beschwingt mit dem Rad über Land. Mit der Begründung, frisches Brot zu holen, da das vom hiesigen Bäcker ja praktisch ungenießbar wäre. Das klang schlüssig. Der Grund für seine Reiselust war aber keineswegs der leckere Brotlaib, sondern der vom muskulösen Bäcker im Nachbarort. Von dem nämlich ließ er sich einmal die Woche kräftig durchficken und kam dann stets sehr entspannt und heiter aufgeräumt zurück, um der erwartungsfrohen Nachbarschaft die noch warmen Brotspezialitäten gönnerhaft zu überreichen. Wenn er sich anschickte, erneut loszuradeln, um die nächste Bäckergabe gierig in Empfang zu nehmen, gab er sich adrett. Zunächst schob er beide Hosenbeine etwas nach oben und presste die schlabbrige Klamotte eng zusammen, damit sie von zwei silbernen Spangen straff gehalten wurde. Seine halbhohen, frisch geputzten Arbeitsschuhe kamen dabei hübsch zur Geltung. Die Kleidung war sauber und übersät mit bunten Flicken. Mit etwas Pomade hatte er seine Haare schmuck gekämmt. Der Onkel war hässlich. Er hatte Glatze, eine blaurote Nase und ständig Flecken im Gesicht. Das wurmte ihn, denn er besaß trotz allem eine Eitelkeit, die sicher mit seiner Neigung für die Bäckerzunft zu tun hatte. In der miefigen Küche bei ihm zu Hause stand eine graue Waschschüssel aus Emaille für alles. Das Wasser wurde nur einmal am Tag gewechselt. Verirrte ich mich als Kind besuchsweise zu ihnen, machte ich um diese schwarze Brühe, auf der gern kleine Schaumbläschen schwammen, einen großen Bogen. Auf dem Donnerbalken hing in spärlichen Fetzen Zeitungspapier. Das war glatt und ich, von Phantasien angefeuert, stellte mir vor, wie die beiden alten Männer in der Backstube abwechselnd ihre Hintereingänge benutzten. In seiner Geilheit hatte der Onkel nie bemerkt, dass seine Klamotten oft genug über und über mit Mehl, Teig und Puderzucker eingesaut waren. Einschließlich Unterhose, die ihn schließlich verriet. Als man einst dem Onkel gefolgt war und die beiden in der Backstube erwischte, knetete der stämmige Bäcker alles andere als Brotteig. Damit flog das schwule Schattenleben des Onkels auf. Damals, und noch dazu auf dem Dorfe, ein Skandal. Er hat sich erhängt, wurde aber rechtzeitig gefunden, abgeschnitten und reanimiert. Nach kurzer Ruhezeit zur Kräftigung und Neubelebung nahm er seine Aktivitäten und Radpartien über Land wieder auf. Nur die Begründung für seine Ausflüge klang jetzt etwas sperriger. Als mir meine Mutter unter dem Siegel der Verschwiegenheit genierlich davon erzählte, war ich längst ein erwachsener Mann.

Papa sah aus wie ein UFA-Star

Meine Eltern waren in jungen Jahren schöne Menschen. Speziell die alten Fotos meines Vaters sind eindrucksvoll. Er hätte damit auf der Titelseite sepiafarbener Kinoprogrammhefte mit den UFA-Filmstars seiner Zeit leicht konkurrieren können. Die Damenwelt war hingerissen, meine Mutter angemessen fasziniert. Fassade. Wenn Eltern streiten, leiden Kinderseelen. Bei uns war das anders, hier stritt immer nur Papachen. Vom Charakter ein Egomane erster Güte, dessen bescheidener Kosmos sich nur um die eigene Achse zu drehen schien, stellte er sich unaufhörlich die bange Frage, schadet oder nützt mir das. Deshalb hatte in seinem Wortschatz „Ich“ höchste Anwenderpriorität. Er war stets ganz seiner Meinung und ließ selbstgerecht fremdes Denken nur widerwillig zu. Seine Intoleranz ging bis zur Schmerzgrenze und die Bürokraten-Gesinnung zurück in ferne Jahrhunderte. Besonders ausgeprägt brillierte er mit alldem im trauten Kreise der Familie. Versprach es Vorteil, konnte er nach außen im Nu holdselig, spaßhaft und gegenüber Autoritäten devot sein Bestes geben. Phantomfröhlichkeit. Und mit heuchlerischem Altmänner-Charme gab er in Vollendung fortwährend ein und dasselbe Stück. Das hieß: „Ich würde ja meine Fehler zugeben, wenn ich welche hätte!“ Er war ein Meister, trivialste Arbeiten zu enormer Bedeutsamkeit zu stilisieren, und bedauerte sich selbst, wie fürchterlich er sich im Leben habe schinden müssen. Das hat er zweifellos getan, aber war doch selbst verantwortlich dafür, wenn er nach Büroschluss verbissen in Haus und auf dem Acker knuffte. Seine Arbeitswut war glatter Selbstbetrug, so konnte er vor sich selbst am besten fliehen, weil er mit sich selbst nicht glücklich war.

Besonders mich und meine pubertären Hornochsigkeiten betrachtete er mit Unverständnis. War ich doch nur der nichtsnutzige Tagträumer mit zu großer Klappe, den unwichtige Dinge lockten. Ständig musste ich mir Zeigefingerplattitüden anhören, die so tiefgründig waren wie ein Teller Erbsensuppe. In Endlosmonologen wurden banalste Banalitäten als wertvolle Lebenshilfe gepriesen und in mich hineingebläut. Dabei hörte er sich liebend gerne zu, fand sich und sein sorgsam gewähltes Vokabular einfach fabelhaft, das ging so: „Ich muss dir Nachfolgendes noch einmal sehr ausführlich und anschaulich erläutern. Wegen dir nehme ich mir dafür wiederholt extra Zeit. Was ich da hören musste, das war für mich wieder eine Peinlichkeit sondergleichen. Und das in meiner Stellung, wo mich alle kennen, durch mein Amt als Bahnhofsvorsteher. Begreifst du eigentlich, wie wertvoll meine Hinweise sind, die ich dir gebe. Ich wünschte, mein Vater hätte sich so um mich gekümmert. Deine eigene Meinung, die kannst du für dich behalten. Hast du meine bedeutungsvollen Worte endlich begriffen? Und hast du das verstanden, was ich so mühevoll ausführte und erläuterte??? Antworte!“ Ja, das hatte ich… Solche Tiraden musste ich noch über mich ergehen lassen, da war ich bereits siebzehn Jahre alt. Bei jenen Ansprachen war Papachens Markenzeichen die inszenierte Amtsvisage, mit einer hochgezogenen Augenbraue, die den Tadel pädagogisch unterstreichen sollte. Widerspruch wäre undenkbar bis tödlich gewesen und niemals hätte ich mir den erlaubt. Ich hatte schlichtweg Schiss vor meinem Papa und schwieg. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, meinem Vater zu beichten, was mich beschäftigt, umtreibt oder quält. Aber wahrscheinlich war das in jener Zeit an jenem Ort bei allen so. Manchmal tat er mir leid, doch meistens verachtete ich seinen unberechenbaren Charakter. Vor allem, wenn er meine Mutter wegen nichts terrorisierte. Das traf mich im Innersten weit mehr, als wenn Papachen mich zur Eule machte. Und so verging kaum ein Tag, wo wegen kleinster Kleinigkeiten nicht kritisiert, drakonisch kommandiert oder wenigstens ein bisschen herumgenörgelt wurde. Und dabei schrie er oft so laut, dass die Ureinwohner auch noch davon profitierten. Noch heute erschrecke ich mitunter und verabscheue es, wenn es irgendwo Gebrülltes gibt.

Mama ist der liebste Mensch, den man sich vorstellen kann. Noch immer besitzt sie eine Grundfröhlichkeit und Lebenszuversicht, über die nur wenige Menschen verfügen. Unaufhörlich ist sie ausschließlich für die anderen da, nie für sich. Ich habe das nie als ihre starke Seite empfunden und mir so oft kämpferische Offensive herbeigewünscht, denn, ist man nur altruistisch wie eine Opferanode, verbraucht man sich. Es immer nur gut zu meinen, ist nicht immer nur das Beste. Mein Vater als Ausbeuter dieses Seelenlebens hätte einen ersten Sonderpreis verdient. Heute, wo er so viel vergisst und vergessen hat, ist er der umgänglichste, rücksichtsvollste Mensch geworden, den man sich denken kann. Mama erzählt noch immer interessant, wenngleich sich die Dinge manchmal wiederholen. Um dem Gesagten Ausdruck zu verleihen, tut sie das lautstark. Komisch, wenn ausgerechnet Papachen sich heute über das laute Organ meiner Mama beschwert, piano und Kurzfassung befiehlt. Ich glaube, er ist missgünstig, weil er nie mehr der Endlosredenschwinger von damals sein kann. Das muss man erst Mal hinkriegen, ein Leben lang mit Bravour gekonnt aneinander vorbeizuleben. Und trotz allem bin ich der festen Überzeugung, dass mein Vater nichts mehr liebte, ihm nichts wichtiger ist auf der Welt, als seine Familie. Wer soll das verstehen?

Nun bin ich die dritte Nacht schon kaum zu Schlaf gekommen, weil ich nicht aufhören kann, mir mein Leben in Erinnerung zu rufen. Kinderkram! Ja, natürlich, weil ich auftragsgemäß zeitlich geordnet denken und erzählen soll. Damals war noch alles in schönster Ordnung.

Mit zehn Jahren rauchte Alexander konsequent auf Lunge

Nach der Schule verabredete ich mich mit meinem treuesten Kameraden Alexander zu neuen Heldentaten. Er war im Leben mein einzig wahrer Freund. Wir liebten uns wie Brüder. Alexander lebte in einer anderen Welt, weitab vom Dorf, inmitten einer unberührten Wildnis. Das Haus erinnerte an Waldhausromantik alter Heimatfilme mit Willy Bürgel als Oberförster. Das alles gefiel mir ungemein. Näherte ich mich diesem Idyll, wurde die Ruhe allerdings häufig durch das Gebrüll von Alexanders Vater jäh gestört. Der erschien mir wie ein kraftstrotzender Riese aus der Welt der Märchen und Sagen. Und so konnte der sich auch gebärden. Vielfach hörte ich ihn schon von weitem brüllen wie einen kranken Pavian: „Alex, du Rindvieh“, war meilenweit zu hören. Dieser Kosename wurde ihm recht häufig und sehr gern verliehen, vor allem wegen seiner unkonventionellen Bereitschaft, ständig irgendwelchen Mist zu bauen. Auch das gefiel mir ungemein. Sein Papa war zwar ein ungehobelter Klotz und laut, dennoch ging die wirkliche Gefahr von Alexanders Mutter aus. Sie war hübsch und zierlich, hatte dabei aber das Naturell einer unerbittlichen Gefängniswärterin. Wenn es ihr Sprössling zu arg trieb, ließ sie sich zu pädagogischen Maßnahmen hinreißen, die aus unserer Sicht nicht positiv bewertet wurden. Denn in Wut geraten, schreckte sie vor tätlichen Übergriffen nicht zurück, die sich so manches Mal in einer kräftigen Maulschelle äußerten.

Alex war für sein Alter viel zu klein, aber drahtig. Er hatte einen fusseligen Kurzhaarschnitt und seine semmelblonden Haare standen wie bei Michel von Lönneberga in alle Richtungen, kreuz und quer. Mit zehn Jahren rauchte er regelmäßig Zigaretten, konsequent auf Lunge. Das war ein kurioses Bild, wenn dieser Zwerg mit seinem riesigen Schweinslederaffen auf dem Rücken qualmend wie ein Stadtsoldat nach Hause trabte. Bevor er fröhlich daheim ankam, spülte er sich mit selbstverständlicher Regelmäßigkeit seinen Mund im nahegelegenen Feuerwehrteich. In dem hatte bereits reichlich totes Getier sein feuchtes Grab gefunden. Diese prophylaktische Hygienemaßnahme vergaß er nie, weil der allzeit wachsame Hausdrache nichts von seinem Laster riechen sollte. Im krassen Gegensatz zu seinem äußeren Erscheinungsbild stand seine Stimme. Denn die war tiefer gelegt, als ein Maserati. Jener zwergartige Bursche hätte den Job als Synchronsprecher für whiskytrunkene Westernhelden mit Zigarre im Mundwinkel übernehmen können. Das machte ihn zu einer markanten Persönlichkeit. So mancher Erwachsene schmunzelte, wenn dieser Zwerg im rauen Bass lospolterte. Das wirkte paradox und ich war stolz, sein Freund zu sein.

Und dann gab es Arthur. Der war wie die meisten in unserem Dorf semi-professioneller Ackerbauer und Viehzüchter in einer Person. Gelegentlich kutschierte er gemütlich mit seinem Pferdegespann an unserem Abenteuerspielplatz, dem Ascheberg, auf holprigen Feldwegen vorbei. Eines Tages war sein Wagen mit einem übergroßen Güllefass beladen, dessen wertvoller Inhalt dicke Rüben wachsen lassen sollte. Von weitem sahen Alex und ich ihn angeschunkelt kommen. Arthur schlief auf seinem Kutschbock. Von seiner Zigarre war nichts mehr übrig, nur schwarzer Tabaksabber lief ihm aus dem schräg dösenden Mund. Die zuverlässigen Pferde indessen kannten den Weg und ihren Auftrag. Wie Max und Moritz befanden wir, hier müsste man doch etwas tun. Und wäre es nicht ein gelungener Streich, heimlich und durchtrieben die Jaucheschleuse frischweg zu öffnen. Der würzig duftende Flüssigdünger würde so ebenmäßig auf dem Weg verteilt. Unsinnig, aber dafür voll zum Ablächeln, wenn wir dann den ollen Zigarren-Arthur am Reiseziel aus sicherer Deckung mit Vergnügen beobachten würden, wie er verblüfft dumm drein schaut, weil er – ganz unfassbar – eine leere Tonne auf seinen Acker kutschiert hat. Gesagt, getan. Die übermütigen Wegelagerer schlichen sich vorsichtig von hinten an und Alex war bereit, den massigen Schieber an seinem Eisenstab ein Stück nach oben zu bewegen. Arthur hatte wahrscheinlich lange keine Jauche mehr über Land befördert, denn der Verschluss war eingerostet und klemmte wie festgenagelt. Leise feuerte ich Alex an. Der drückte erneut mit voller Kraft. Und dann noch einmal. Nun gab es einen Ruck mit Explosion. Und siehe da, ein enormer Schwall ergoss sich nicht nur auf den Weg, sondern hauptsächlich über den Verursacher dieses Geniestreichs. Vor Schreck riss der den Hebel wieder runter, es runkste und der Wasserfall aus Jauche versiegte abrupt. Weil die Kufe wieder so flink verschlossen war, erlitt Arthur nicht, wie geplant, größere Transportverluste. Jedoch für Alexander war der warme Gülleschwall mehr als ausreichend ausgefallen. Von oben bis unten besudelt, hatte er sich mit einem Schlag in einen infernalisch stinkenden Jauchezombie verwandelt. Die dicke Brühe lief vom Kopf über den ganzen Körper bis in seine Schuhe. Er schniefte zweimal kräftig durch und strich sich der Ordnung halber mit dem Ärmel über das gülletriefende Gesicht. Dabei verschmierte Alex ein bisschen Schweinekacke. Unser Entsetzen war groß, die Furcht vor Alexanders zur Gewalt neigenden Mutter allerdings war größer. Gottlob, wir hatten den rettenden Einfall. An der nahegelegenen Quelle, die im Sommer wie im Winter munter sprudelte, entkleidete sich Alex gänzlich und wir begannen zu waschen wie Zolas Germinal an der Seine. Allein, wir hatten nicht bedacht, dass beim Waschen die Kleidung patschnass wurde. Aber auch dafür hatten wir die Lösung sofort parat. Ich hatte als anständiger Feuerwerker verlässlich eine Schachtel Riesaer Sicherheitszündhölzer dabei. Damit entfachten wir ein Lagerfeuer und schleppten haufenweise Brennholz herbei. Der mittlerweile frisch Angekleidete musste nun pausenlos mit seinen triefenden Klamotten durchs flammende Inferno springen, weil man so am besten Wäsche trocknet. Der Albdruck vor dem heiligen Zorn seiner Mutter ließ den nassen Knaben wie einen türkischen Derwisch durch die Flammen hetzen. Hin und her sprang mein Kumpan, bis er vor Erschöpfung dampfend niedersank. Und siehe da, der Trocknungsprozess war gar nicht schlecht vorangegangen. Es wäre ein Teilerfolg gewesen, wenn bloß die Klamotten ein wenig weniger gestunken und mein Freund bei seinem feurigen Höllenritt nicht sämtliche Gesichts- und Kopfhaare verloren hätte. Alexander sah aus wie das Ding aus dem Sumpf. Wir waren bei ihm zu Hause gerade hineingeschlichen, da hatte die energische Mama nicht nur den Braten, sondern auch die unaussprechliche Aura ihres angesengten Goldjungen gerochen. Ihr Aufschrei liegt noch heute in der Luft. Ich bekam für Wochen Zutrittsverbot zum lauschigen Idyll.

Mein so kluger Alexander war ein ausgemachter Pechvogel. Beim Blödsinnmachen wurde allemal nur er erwischt und war der Prügelknabe. Das war so ungerecht, denn Alex war der Vorsichtigste von uns allen und öfter mit Bedenken unterwegs. Von unserer Clique der unterstimulierten Hirne war er auf alle Fälle das kleinste Idiotenlicht. Einmal standen wir nach der Schule im voll besetzten Linienbus, so eng gedrängt wie Salzheringe in der Büchse. Miefstickige Luft. Unsere sauerstoffunterversorgten Hirne arbeiteten träge und noch dämlicher als sonst. Aus Langeweile ließ jeder aus unserer Halbwüchsigenmeute mehrmals eine dicke Kaugummiblase lautstark millimeternah an alten Hälsen platzen. Paff! Endlich, ein bisschen Gaudi. Wir grinsten amüsiert und dämlich. Die alten Tanten schauten empört nach hinten, aber es war ja nichts zu sehen. Alexanders klebrige Kaumasse konnte nicht effektvoll detonieren, sondern klebte schlagartig an seinem Gesicht und der Pranke einer stattlichen Matrone. Denn die hatte unerwartet blitzschnell gewendet und dem glücklosen Blasenmacher so kräftig eine in die Visage gedonnert, dass der arme Alex vor Schreck und Sauerstoffmangel zu Boden sank. Dahingewelkt wie ein Moosröschen in frostkalter Herbstnacht.

Bei der folgenden Kulturschande erwischte es Alexander wieder arg. Auf unserem Boden ruhte ein Schatz: die Schallplattensammlung von Mama. In ihrer Jugend hatte sie einen wahren Fundus alter und neuer Schelllackplatten zusammengetragen, da sie ihre kratzigen Klänge und die Sangeskünstler über alle Maßen liebte. Nun interessierte sie sich nicht mehr dafür. Das antike Grammophon hatte längst ausgedient, war entzwei und unbrauchbar, wir Kinder missbrauchten den goldenen Trichter als Trompete zum Erschrecken. Die Platten lagerten seit gut zwei Jahrzehnten auf dem Boden in einer Ecke, verstaubt, gestapelt und seelenruhig. Bis zu jenem Tag, als Alex und ich den Entschluss fassten, damit etwas Unterhaltsames anzustellen. Warum sollte man nicht probieren, die ollen Grammofonplatten vom nahen Hügel über das Dorf segeln zu lassen. Gesagt, getan. Wir verstauten einen gehörigen Stapel in Opas verschlissenem Armeetornister und zogen los. Unterwegs trafen wir zwei Schulkameraden, die schlossen sich uns begeistert an. Auf nach Larremy! Nun rotierten Rudi Schuricke, Rosita Serrano und Co. nicht auf dem Plattenteller, sondern in luftigen Höhen und wurden zum lebensbedrohenden Schelllack-Ufo-Kampfgeschwader. Unglaublich schnell und unglaublich weit flogen die schweren, knochenharten Wurfgeschosse! Alex traute sich nicht zu werfen, war unschlüssig, meldete Bedenken an und druckste rum. Ich ermunterte ihn und verwies auf den imposanten Flugverlauf. Er fasste sich ein Herz, griff nach einer gerillten Antiquität und schickte sie auf ihre desaströse Reise. Weil Alex sich so dermaßen mit Wind und Richtung verkalkulierte, driftete die schwarze Scheibe ab und erwischte im tiefen Segelflug die alte Minna in ihrem Hof am Kopf. Wir sahen von weitem, wie sie zusammensackte und leblos liegen blieb. Alle standen wie versteinert und uns war klar, nun würden wir hingerichtet. Vier Mal die Todesstrafe für ruchlose Rotzlöffel. Wir stellten uns. Mein Freund wurde als verantwortlicher Kommandeur jener Torheit drakonisch bestraft. Aber auch ich bekam gewaltig mein Fett weg. Die bedauernswerte Alte lag zehn Tage im Krankenhaus und war davon zwei ohne Bewusstsein. Gott sei Dank trug die alte Frau sommers wie winters ein dickes, braunes Wollkopftuch. Wer weiß, was ohne ihren Helm geschehen wäre. Alex war auch hierbei der Unschuldigste von uns Idioten, der nur einmal zur Wurfscheibe griff, die einst kläglich schallernd auf dem Plattenteller tönte. Der Arme. Beim Strafeabbrummen konnte ich ihm nicht helfen, aber wir haben zusammen die alte Minna im Krankenhaus besucht, ihr einen Sommer lang den Gemüsegarten in Schuss gehalten und uns sehr geschämt.

Klauten wir Chemikalien aus dem Vorbereitungsraum unseres Lehrers, Herrn Tritsche, um explosives Material zu mixen, erwischte der natürlich meinen Alex und verpasste ihm eine widerrechtliche Ohrfeige und einen rechtmäßigen Verweis. Als wir alle fünfzehn Kaninchendamen seines Großvaters mit einem Mal vom Bock haben bespringen lassen und die infolgedessen allesamt simultan Mutterfreuden mit großen Hasenaugen entgegenblickten, machte sein Opa nach vier Wochen noch größere Augen. An einem eintönig, trüben Nachmittag nämlich, als es uns sterbenslangweilig war, lungerten wir bei Alex‘ Großeltern herum. Seine Oma, von uns genervt, jagte die zwei besten Freunde hinaus auf den Hof. Planlos krochen wir in den warmen Stall, wo Federvieh, Pferd und Schweine friedlich hausten. Und die Kaninchen natürlich auch! Ha, endlich hatten wir einen famosen Einfall und jegliche Monotonie ein Ende. Fröhlich machten wir uns ans Werk und reichten den schwarzgescheckten Spitzenrammler von einem Abteil zum nächsten, wo er seinem Ruf alle Ehre machte. Ein einziges Sodom und Gomorra in den Boxen, eine Karnickelorgie, die allen Beteiligten Freude schenkte. Juhu! Aber Opa Krause sah das anders. Der ist beinahe aus seinen löchrigen Latschen gekippt, als auf einen Schlag geschätzte hundertzwanzig muntere Häschen zu versorgen waren. Plus die Alten. Alexanders Cousin hatte uns verpfiffen. Opa Krause wies seinen Enkel wütend an, täglich für reichlich frisches Grün und keinen weiteren Blödsinn zu sorgen. Dabei konnte ich meinem Gefährten helfen, schließlich hatten wir diesen wundervollen Streich gemeinsam ausgeheckt. Die Beschaffung von Grünem indes erwies sich als recht beschwerlich, denn es war noch Winter!

Wenn Rummel war, schossen wir an der Schießbude manchmal mit Absicht nicht auf die Röhrchen aus weißem Porzellan, sondern auf die darunter hängenden Figuren, auch aus Porzellan oder – noch lustiger – ein bisschen auf die lebenden Schießbudenfiguren. Als sich Alex tatsächlich nach ewig langem, ängstlichem Zaudern und Zögern traute, einem Schaubudenfritzen mit dem Durchlader eins auf die dicken Hinterbacken zu brennen, standen hinter ihm bereits die Vollstrecker. Zuerst der Schrei des Getroffenen, der seinen breiten Lederhosen-Hintern rieb, dann der Zugriff durchs Kommando der Schießbudenvereinigung. Die hatten uns ehedem eine ganze Weile observiert, packten meinen armen Freund am Schlafittchen und hielten ihn über grausige Abgründe. Alles ging ganz schnell. Danach mussten wir zum Verarzten notgedrungen nach Hause fahren.

Weil ich manchmal die große Glocke läuten musste, hatte ich Schlüsselgewalt und Zugang zu unserer ehrwürdigen romanischen Dorfkirche. Wenn mir danach war, begab ich mich dorthin und wütete mit drei Akkorden, die ich zufällig konnte, auf der Kirchenorgel herum. Durchgängig alle Register gezogen, brüllte die malträtierte Königin der Instrumente auf der Empore. Ich war entzückt von meiner entfesselten Improvisationswut. Zu Alex‘ fünfzehntem Geburtstag nahm ich ihn dorthin mit und forderte zum musikalischen Wettstreit auf. Das war mein Geschenk. Ich guckte mich derweil auf dem Kirchenboden um und Alex konnte inzwischen vorab ein wenig musizieren. Der hatte vom Instrument sowie künstlerischer Interpretation keinen Schimmer, sah das Pfeifeninstrument so nah das erste Mal. Dennoch riss er für seine Verhältnisse sehr beherzt den Hauptstromschalter nach oben und wollte mit seiner Darbietung beginnen. Doch die sakrale Stille am gottgeweihten Ort wurde nicht unterbrochen. Nach einer langen Ruhe, worüber ich mich bereits wunderte, kam der Musikant nach oben, um mir zu vermelden, die Orgel spiele nicht mit. Als wir der Ursache auf den Grund gingen, stellten wir mit Entsetzen fest, dass keine Himmelsmacht das Konzert blockierte, sondern ein satanischer Gestank den gesegneten Ort erfüllte. Der Motor, der sonst in einem separaten Raum für gehörigen Pfeifendampf sorgte, tat keine einzige Umdrehung. Dafür brannte er lichterloh. Technische Blockade, auch in unseren Köpfen. Alexander in Schreck und Panik nutzte die Wetterlage und kippte hastig mehrere Eimer Neuschnee, der sich neben der Kirchentür als Wehe auftürmte, über den brennenden Motor seiner Heiligkeit. Worauf es so höllisch zischte und donnerte, als wäre im Gotteshaus eine Dampflok der Baureihe 01 explodiert. Der Brand wurde effektiv gelöscht, der Motor war effektiv ruiniert. Ein Jahr lang brummte die christliche Gemeinschaft zahnloser alter Weiber ihre Gesänge ohne die tonangebende Unterstützung des Orgelinstruments. Das war ein klägliches Gewimmer. Herausgekommen ist die ganze Geschichte nie und wurde letztlich als unerklärliches Mysterium gedeutet. Wenigstens ging Alex diesmal straffrei aus. Die alte Kirchenorgel besaß genug Pfeifen. Mit uns beiden hatte sie noch zwei dazubekommen. Halleluja!

An der Zellentür klappert es, dann wird sie aufgeschoben. Es ist früh am Morgen. Für mich zumindest. Anweisungsgemäß stehe ich neben der Pritsche und zeige, dass ich am Leben bin. Das Frühstück ist karg. „Mit wem reden Sie eigentlich die ganze Nacht?“, fragt der Uniformierte. Ohne meine Antwort abzuwarten, verriegelt er die schwere Tür. Ich halte inne. Sinniere, ob es überhaupt das ist, was mein Auftraggeber hören will. Vielleicht ist alles durchweg zu lang, zu breit, zu unbedeutend. Rasch findet man Selbsterlebtes wichtig und erzählt beschwingt. Nun denn, Strelow, der Drehbuchautor, wird mir bald kundtun, was er davon hält. Ich bin gespannt, wann er mir erscheint.

Bitterlich weinend neben dem gefallenen Pferderiesen

Wenn es draußen wärmer wurde; hieß das auch für uns Jungen: Die Acker- und Feldarbeit ging von neuem los. Bei Rudolf, meinem älteren Bruder, und mir hielt sich die Begeisterung in engen Grenzen, zumal bei uns zu Hause mit verbissenem Ernst gerackert werden musste. Unser landwirtschaftliches Gerät und Know-how stammte aus der Zeit der Bauernkriege. So zogen wir los mit Hacke, Karst und Sichel und in meinen frühen Kindertagen noch mit dem Handwagen und dem Hund davor als unterstützende Zugmaschine. Im Herbst war die Kartoffelernte zentraler Höhepunkt jeder Minilandwirtschaft. Basisnahrung für Mensch und Tier. Auch bei uns. Zum Abtransport der mit Erdäpfeln prallgefüllten Jutesäcke wurden meist zwei elefantenschwere Kaltblutpferde des nahen Landgutes mit Fuhrwagen gechartert. Für mich, den zehnjährigen Jungen, war das eine willkommene Abwechslung. Jeder unbedarfte Trottel durfte sich diese Pferde leihen und mit ihnen machen, was er wollte. Weil die Hobbybauern höllisch schnell massig viel fertig haben wollten, wurden die ausgeborgten Sklaven unentwegt im rüden Ton forsch angetrieben. Sie mussten tagein, tagaus schwer schuften und das im Trab, Ruhepausen gab es für die Tiere nicht. In jenem Jahr waren die Erntemengen besonders reichlich ausgefallen, der Wagen brechend voll beladen und mein Großvater deshalb von höchster Zufriedenheit erfüllt. Ich durfte mit einem Neuling des landwirtschaftlichen Großbetriebes oben auf der Tonnage des Erntewagens fahren. Die späte Herbstsonne wärmte nicht mehr, als wir gemächlich vom Feld in Richtung heimatliche Kartoffelkatakombe kutschierten. Die Muskeln der Riesenrösser spannten sich bei jedem Schritt. Vor Anstrengung bogen sie ihre Hälse rund und ihr Maul presste sich gegen die breite Brust. Als wir am Dorfanger angelangt waren und der Jungkutscher sich anschickte, die Wagenlast in Richtung Bergstraße zu manövrieren, blieben die Pferde an der ersten Steigung stehen, breitbeinig wie Sägeböcke, und rührten sich nicht mehr von der Stelle. Ihre Flanken bebten. Alles probierte der unerfahrene Fuhrmann und seine Bangigkeit übertrug sich nur noch mehr auf die massigen Tiere und auf mich. Er schrie, er bettelte, er weinte, er knuffte und er schlug. Trotz aller Manöver stand das schwere Gespann regungslos, wie angenagelt. Die Straßenblockade war errichtet und allen Beteiligten mulmig zumute. Ich sah uns bereits alle Säcke abladen und einzeln nach Hause schleppen. Bis aus der nahen Nachbarschaft ein Ebenfalls-Hobbybauer mit einer Riesenpeitsche, langen Schritten und finsterem Blick erschien. Nach gewissenhafter Begutachtung stellte er sachlich fest, dass Pferde mit frisch beschlagenen Hufen, wie jene hier, freilich nicht im Stande seien, sicheren Fußes schweren Dienst zu tun. Sie laufen die ersten Tage so unsicher wie die Großmutter auf Stöckelschuhen. Und unsere armen Ackergäule wären auch noch falsch besohlt. Sprach`s und drosch so lange auf die dicken Pferdehintern ein, bis sich diese in Bewegung setzen. Wie Dampfhämmer donnerten ihre Riesenhufe auf das abgeschliffene Straßenpflaster, sodass unter den verhängnisvollen Eisen die Funken stoben wie in einer Kesselschmiede. Wir bekamen langsam Fahrt und zu Hause vor der Tür hatte der Wagenlenker Mühe, die Fuhre in der Gasse anzuhalten, so ein Tempo hatten wir erreicht. Den armen alten Rössern gingen die schweißdurchtränkten Flanken wie Blasebälge und die Augen waren noch immer angstvoll aufgerissen. Genauso saßen wir zwei mickrigen Gestalten oben auf dem Kutschbock. Dann folgte eine lange, stumme Verschnaufpause. Mitfühlend bekamen die zwei Herkulesse von mir reichlich frischen Trunk und als Abkühlung eine Dusche mit dem Wasserschlauch. Als ich das Handpferd streichelte, spürte ich, wie ein Zittern, dann ein Beben durch den Körper des massigen Tieres ging. Erschrocken zog ich meine Hand zurück. Das entkräftete Zugpferd senkte seinen Kopf, atmete schwer durch weite Nüstern. Sein nasses Fell vibrierte am Hals, das setzte sich als Welle bis zur Kruppe fort. Dann knickte es mit den Vorderbeinen ein. Die klobigen Hufe rutschten weg wie Schlittenkufen auf glatter Bahn und gaben auf dem Pflaster ein schnurrendes Geräusch. Ein dumpfer Aufschlag folgte, als das verbrauchte Tier zusammenbrach. Nach einem kurzen kehligen Wiehern tat das Kaltblut seinen letzten Atemzug. Sein Maul war leicht geöffnet. Langsam quoll die weiße Zunge zwischen den abgemahlenen Zähnen hervor. Ich starrte in das leblose braune Auge und fand die langen Wimpern wundersam. Sein Arbeitskamerad war entsetzt zur Seite gesprungen. Aufgeregt schnaubend, mit erhobenem Kopf, tänzelte das Tier unablässig auf der Stelle, versuchte der schreckensvollen Szenerie zu entfliehen. Die Wagendeichsel jedoch hielt das Pferd fest mit ihrer Kette. Ich kniete mich neben den gestorbenen Pferderiesen und weinte bitterlich. Auf meine Hand, die auf dem Hals des toten Tieres ruhte, legte sich die meiner Mutter. So weinten wir gemeinsam und hielten Totenwache, bis die Seilwinde den Kadaver auf die Ladefläche des Abdeckerkarrens zerrte. Noch Wochen danach habe ich schlecht geschlafen.

Bereits als Kind besaß ich einen instinktsicheren Geschäftssinn und erkannte die merkantilen Zusammenhänge hiesiger Mangelwirtschaft. Mit zehn Jahren widmete ich mich der manufakturmäßigen Produktion erlesener Kunstwerke aus buntem Alupapier, Glas und Nitrolack. Und wenig später hatte ich es zu beachtlichem Wohlstand gebracht, denn letzten Endes vertickte ich diese Raritäten für zehn Mark das Stück. Meine Material-Pimpeleien waren in Serie immerfort dieselben und verliefen routinemäßig eingespielt. Zuerst pinselte ich eine Glasscheibe mit schwarzem Nitrolack ein, allein die bildnerischen Motive wurden mittels Schablone ausgespart und mit Hilfe einer von mir erfundenen Spezialmine mit grafischen Finessen versehen. Dabei musste ich die Farbe wie mit einem Trinkröhrchen ansaugen und schluckte jedes Mal einen Hieb vom giftigen Nitrolack. Am Ende einer solchen Schaffensphase war mir regelmäßig schlecht und infolgedessen stieg das Mittagessen zur besorgten Verwunderung meiner Mama oft genug mit Schwung wieder aus. Den einzigartigen Effekt meiner Bastelei brachte die zum Abschluss hinterlegte Folie aus Metall. Zuerst knüllen, dann leicht glätten, der so erzielte bunte Knitter-Flimmer steigerte die Wirkung bis zur barocken Prächtigkeit. Ich hatte meiner Kundschaft zwei künstlerische Hauptmotive anzubieten: „Frei schwebende Rosen“ und „Sandmann unterwegs“. Aber es gab ständige Engpässe in der heimischen Produktion durch den Mangel an buntem Stanniolpapier. Und obwohl ich Schokolade oder sonstiges Süßzeug sowieso in Unmengen nur zu gern vertilgte, konnte deren Verpackung auf Dauer nicht die einzige Bezugsquelle bleiben. Das unternehmerische Glück war auf meiner Seite, als Herr Schröter sich bei meinen Eltern nicht nur als ihr neuer Obstkunde, sondern auch als Chef der Hallorenkugelmacher vorstellte. Fortan wurde der „sozialistische Jungunternehmer“ rollenweise mit herrlichster Glitzerfolie versorgt. Und ich erinnere mich, dass Frau Streflansky einst bei mir vier Kunstwerke auf einen Ruck bestellte. Da fühlte ich mich wie Rockefeller jr. auf seiner Jacht vor den Bahamas. Wer weiß, eventuell hat der ja sein Hauptvermögen genau wie ich mit Fließband-Plunder gemacht.

Fast zu Tode stranguliert

Das kleine Bauerngehöft meiner Großeltern war so manches Mal mein Zufluchtsort. Ich liebte es. Und ich wurde bedingungslos zurückgeliebt. In der Welt der Tiere gab es bunte Vielfalt, ersprießlicher als bei uns daheim. Immerhin, Opa hatte ein Trakehner-Pferd, das auf den Namen Theo hörte, aber nur, wenn es gute Laune hatte. Meist hatte es schlechte Laune und passte damit so wiederum zum Charakterbild meines strengen Großpapas. Der warnte mich häufig vor Unvorsichtigkeiten mit dem Tier. Im Juni mussten Mann und Maus bei der Bergung der Kirschernte helfen. Unzählige Bäume, hoch wie hundertjährige Tannen, mussten dann auf wackeligen Leitern erklommen werden. Von so einem Riesen ist Opa mit 76 Jahren aus einer Baumspitze abgestürzt, brach sich den Oberschenkelhals und wurde dennoch hundert und ein halbes Jahr alt. Das ewige Kirschenpflücken hing uns Jungens wie die eigene Zunge zum Halse raus. Da hatte ich eine glänzende Idee. Es war höchste Zeit, für Abwechslung zu sorgen und auszuprobieren, wie bravourös ich Theo, das unberechenbare Pferd, im offenen Gelände reitermäßig beherrschen würde. Vorsichthalber sagte ich wegen möglicher Einwände niemandem Bescheid, band den misstrauisch äugenden Fuchs von seinem schattigen Ruheplatz und schlich mich mit ihm unbemerkt davon. Wir beide konnten überhaupt nicht reiten! Aber darum ging es ja. Irgendwie erklomm ich den blanken Pferderücken, wickelte mir hurtig die lange Wagenleine um Körper und Hals. Und los ging`s auf unbefestigten Feldwegen. Theo war erstaunlich einsichtig und machte anständig mit beim Experiment Ross und Reiter. Bis sich von hinten ein bedrohlich knatterndes Automobil langsam näherte. Das misstrauische Tier stellte die Lauscher in Richtung Automobil und rollte mit den Augen wie Fury in der Deckstation. Mir wurde mulmig. Endgültig sah sich das Pferd nun von dem heranwackelnden Fahrzeug bedroht, legte die Ohren flach an den Kopf und sprang aus dem gemütlichen Schritt ohne Überleitung in einen furiosen Mords-Galopp. Nach einigen Metern bekam ich es wie Theo mit der Angst zu tun und ließ mich krachend zu Boden fallen. Trotz meiner beachtlichen Pfunde, die nun am Pferdemaul hingen, dachte der Rasende überhaupt nicht daran, sein Tempo zu drosseln, geschweige denn, stehenzubleiben. Er war durchgegangen und ich notgedrungen mit ihm. Anerkennung, dem alten Kameraden und Ackergaul! Ich hing wie beim Kielholen an der Leine und raspelte bäuchlings über den staubig-steinigen Feldweg wie ein nasser Sack. Lange würde ich mich so mit meinen feuchten Händen nicht mehr halten können und die Lederleine spannte bereits spürbar an meinem Hals. In meiner Not versuchte ich nachzufassen, das ging schief, die Schlinge zog sich zu. Ich spürte ein Hämmern in meinem Kopf, dann wurde es dunkel. Beinahe hätte dieser Zwischenfall das frühe Ende meiner Reiterlaufbahn und meines jungen Lebens bedeutet. Doch es wurde wieder hell. Weil der vernunftbegabte Autofahrer angehalten hatte, tat das gottlob mein Theo auch. Als ich blinzelnd die Augen wieder öffnete, stand mein Pferdchen. Ich lag hinter ihm. Beide keuchten wir. Wie mir schien, verharrten wir ewig so. „Bei fleißiger Ackerarbeit zu Tode geschleift“, das hätte bestimmt auf meinem Grabstein gestanden, ging es mir durch den Kopf. Mühsam erhob ich mich. Und langsam wie ein rheumageplagtes Bettelweib humpelte ich zum Pferd. Das ließ abgekämpft den Kopf nach unten hängen und, wie zum Nickerchen bereit, hielt das Reittier die Augen halb geschlossen. Dem bleichen Autofahrer gab ich weitere Lebenszeichen, worauf der unschuldige Mann so eilig verschwand, als drohe ihm die Todesstrafe. Wahrscheinlich hatte durch den harten Aufprall und den vorübergehenden Sauerstoffmangel mein Verstand endgültig gelitten, denn ich hievte mich nach alledem abermals aufs Pferd. Doch Theo war erledigt wie sein Reiter und so schleppten wir uns ohne weitere Zwischenfälle zurück zum Kirsch-Feldzug. Dort wurden wir nicht wie siegreiche Kavalleristen empfangen.

Auswurf in der Suppe

Im Hause meiner Großeltern war immer etwas los, entweder war die Bude voll von wunderlichen Tanten, die bei der Erntekampagne halfen oder ein Geburtstag wurde großartig gefeiert. Und mein Cousin Heiner hatte bestimmt erneut eine verrückte Nummer abgezogen. Irgendwas Unterhaltsames gab es jederzeit. Meine Cousins waren massige Riesen, phlegmatisch und friedlichen Gemüts. Aber manchmal, wenn sie der Hafer oder sonst was stach, wurden sie zu gefährlichen Kampfmaschinen. Wenn sie sich, vor Kraft und Übermut strotzend, auf der Bodentreppe prügelten, hörte sich das an, als klärten zwei Wasserbüffel die Rangordnung. Einmal war das stabile Eichengeländer einfach durchgebrochen und beide stürzten krachend in den Flur. Die waren derart bullig auf sich und das Kampfgeschehen konzentriert und schienen ihren Absturz gar nicht zu bemerken, weil sie ohne die geringste Unterbrechung am Boden weiterrauften. Das mutige Eingreifen meiner Großmutter mit ihrem Krückstock brachte schließlich Frieden in die Kriegsarena. Auslöser für derartige Ausschreitungen war oft das köstliche Essen meiner Oma. Vor allem, wenn es besonders erstklassig gelungen war. Dann nämlich spuckte Heiner seinem Bruder sprichwörtlich und mit absichtsvoller Arglist in die Suppe. Und schon war wieder die schönste Rauferei im Gange. Am Ende kam der speiende Heini so dennoch zu seiner zweiten Portion, weil sein Bruder nur auswurffreies Essen mochte. Einmal geriet das Mittagsbrot-Scharmützel gänzlich außer Kontrolle: Oma hatte ausnehmend fein gekocht, als Heiner seine Zusatzration beanspruchte. Er spie los und wollte sich gerade die angespuckte Beute widerrechtlich einverleiben, als den Geschädigten die nackte Wut ankam. Pfeilschnell griff er seinen Teller und zerschlug mit geballter Kraft das Steingut auf dem Kopf seines zügellosen Bruders. Das Gericht flog wirbelnd durch die Küche und Heiner schreiend vom Stuhl, neben dem er schweigend liegen bleib. Nur Oma schrie noch. Ich hatte mich in die Ecke neben den abgenutzten Stubenbesen gerettet, dort standen wir beide stocksteif. Vor meine Füße waren zwei unschuldige Pellkartoffeln gerollt und in meinem Gesicht klebte warme Bratensoße. Das war nicht schlimm. Heiner hingegen musste sich wegen seines Bruders und seiner Gefräßigkeit in ärztliche Behandlung begeben. Es wurde genäht, Bettruhe verordnet und ein fürchterliches Donnerwetter losgelassen.

Ihr Vater, also mein Onkel, war überzeugter Kommunist und hasste selbst den Wind, wenn der aus Westen blies. Heiner war nicht nur sein Sohn, sondern auch das Gegenstück seines Denkens und Tuns. Sohnemann hörte, wie wir alle, am liebsten Radio Luxemburg, den erklärten Feindsender des deutschen Ostens. Auf die ständigen Attacken und Nörgeleien meines Onkels reagierte Heini schlagfertig mit gelangweiltem Sarkasmus. Treffsicher und rücksichtlos. Das konnte er glänzend und brachte damit nicht nur seinen sonst gutmütigen Vater aus der Fassung. Wir bogen uns vor Lachen. Einmal, als es die beiden besonders arg trieben, packte meinen Onkel der Rappel und er das Kofferradio meines Cousins. Er warf das unschuldige Gerät wegen des brandaktuellen Beatles-Songs Helter Skelter durch das geschlossene Küchenfenster, das Radio landete direkt auf dem Hof und dessen hartem Pflaster. Es schepperte und splitterte enorm. Der Titel von den Beatles hat überlebt, das Sternradio 111 und die Fensterscheibe nicht.

Opa war eine Respektsperson und bis ins hohe Alter scharf wie Pfefferchili

Der Vater meiner Mutter, Opa Wilhelm, war ein scharfsinniger, belesener Mann und für uns alle eine Respektsperson. Weil er als Einmannbauer den Unterhalt für sich und seine Familie auf eintönige Weise verdiente, war sein Leben ein einziges Understatement. Später habe ich mich oft gefragt, ob er mit seinem harten Leben haderte. Aber das Gegenteil schien zuzutreffen. Nur als seine zweite Tochter und kein Junge als Nachfolger der Kleinbauernwirtschaft geboren wurde, vergoss der Landmann Tränen der Enttäuschung. Als der Säugling nach wenigen Wochen starb, war er geläutert und freute sich gottlob über die nachfolgende Ankunft meiner Mama. Rackern mussten seine Töchter im bäuerlichen Kleinbetrieb dennoch wie Kerle.

Bei der Arbeit war Großvater wortkarg und sehr gebieterisch. Aber wenn ich neben ihm auf dem klapprigen Pferdewagen saß und wir gemächlich auf den Acker zuckelten, erzählte er mir Geschichten von früher und unserer Familie. Oma war nicht begeistert von seinen Darbietungen, weil sie der Meinung war, ich sei zu jung und Opa zu alt für diese Art Konversation. Ich hatte keine Ahnung, was sie damit meinte. Aber das war einerlei, ich liebte diese kurzweilige Unterhaltung, denn mein Großvater konnte wunderbar erzählen. Bevor er anfing zu fabulieren, rückte er sich jedes Mal die abgelebte dunkelblaue Filzmütze zurecht, trieb den launenhaften Theo mit der Lederleine an und schaute aufrecht sitzend konzentriert geradeaus, so als sehe er in der Ferne die Figuren seiner Erzählung auferstehen. Die folgenden Geschichten hat er mir oft erzählt, stets klangen sie ein bisschen anders. Noch heute höre ich seine Stimme deutlich, wenn er mit den stets gleichen Worten seine Geschichten begann: „Junge, du musst wissen: In unserem Dorf lebte Seefahrer-Paule, das war ein Original und mein Onkel. Bis zu seiner Entlassung bei der Marine war er stramm zur See gefahren und hatte sich auf seine alten Tage als Landratte in seiner Heimat niedergelassen. Zu der Zeit war ich ein halbwüchsiger Rotzlöffel, so wie du jetzt. Onkel Paule wohnte in einem winzigen Häuschen, schien gänzlich sorgenfrei und mit sich sowie der Welt im Reinen. Mit Würde trug er noch seine verschlissene Seemannsuniform, ungeachtet dessen, ob Montag, Weihnachten oder Geburtstag war. Paule war ein Sonderling und er mochte Kinder. Die nahm er ernst und unterhielt sich mit ihnen wie mit Erwachsenen. Das heißt, meist monologisierte er gedankenversunken und vergaß dabei die Welt um sich herum und das Alter seiner Gesprächspartei. Das Beste an Seefahrer-Paule jedoch war sein Lebensgefährte. Von seinen Fernreisen als Matrose hatte er sich ein Totenkopfäffchen mitgebracht. Der war die Sensation des ganzen Ortes, insbesondere für mich. Was hätte ich darum gegeben, wenn ich den hätte besitzen dürfen. Der aber ließ sich von niemandem anfassen. Er hatte ständig Ausgang in Hof und Garten und fabrizierte dort den lieben langen Tag Unsinn nach Menschenart. Es schien Seefahrer-Paule nicht zu stören, wenn sein Äffchen mit einem Stock die Blumen im Garten köpfte, alle Marmeladentöpfe leerte, um eine winzigkleine Kleinigkeit davon zu naschen. Oder, wenn das Mus mit Schwung an die weiß getünchten Stubenwände flog, weil der Affe der darin versenkten Walnüsse habhaft werden wollte. Einfach famos!

Nun war es im Orte alte Tradition, zu allen großen Festtagen noch größere Kuchen zu backen. Die wurden auf Riesenblechen zum Dorfbäcker geschleppt, der sie in den heißen Holzbrandofen schob und dort herrlich garen ließ. Es war Ostern an der Reihe und auf der Dorfstraße marschierte eine Karawane strammer Frauen, die auf ihren Köpfen bleischwere Kuchenlandschaften zur Backstube balancierten. Denkbar, dass jener Anblick das Äffchen vom Seefahrer-Paule ein bisschen an sein warmes Vaterland erinnerte, denn es kletterte auf die nahe Birke im Vorgarten, ließ den ersten Pflaumenkuchentransporter passieren, um dann von oben mit einen gewagten Satz mitten auf das zweite Kuchenblech zu prallen. Durch die punktgenaue Affenlandung explodiert der fette Schmandbelag. Die Matrone darunter glaubte wahrscheinlich an himmlische Heimsuchungen, schrie auf und warf vor Schreck und Grauen das Blech direkt in Seefahrer-Paules Blumengarten. Klatschend landete der Rest vom süßen Brei auf den Osterglocken. Das war aber nicht weiter schlimm, denn die hatten längst keine Blüten mehr, allesamt geköpft vom pfiffigen Äffchen.“

Opa kratzte sich am Kopf, kramte unterm Kutschbock eine Pulle hervor und nahm einen kräftigen Hieb warmen Milchkaffe. Nie vergaß Oma, ihm seinen Trunk in die alte Bierflasche mit Porzellanverschluss zu gießen, und reichte sie ihm, bevor er den Hof verließ. Nach dieser Stärkung fühlte sich Opa gewappnet, um weiter zu erzählen:

„Ja, früher, da war manches anders. Zum Beispiel trank man nur Bier oder guten Bohnenkaffee, wenn es etwas zu feiern gab. Meine Eltern, also deine Urgroßeltern, feierten gern. Vor allem meine Mutter. Mein Vater war ein herzensguter Mensch und zur Arbeit fuhr er mit dem Rad über Land. Das war durchaus erforderlich, weil er als Messer- und Scherenschleifer sein Geld verdiente. Meine Mutter hingegen war ein arges Frauenzimmer. Als mein älterer Bruder, den kennst du nicht mehr, an einem frostklaren Wintertag leichtsinnig das dünne Eis des Sees betrat, krachte es unter seinen Holländerschlittschuhen und er versank im kalten Wasser. Wie durch ein Wunder wurde er mit langen Hakenstangen unter der Eisdecke hervorgezogen. Mehr tot als lebendig lag er eine Woche fiebernd in seinem durchschwitzten Bett. Der taprige Dorfdoktor machte ein sorgenvolles Gesicht und wenig Hoffnung. Aber mein Bruder überstand den Prankenschlag des Todes und die Folgen seiner Eskapade. Fortan hieß der im Dorf bis zu seinem seligen Ende nur noch der „Wassernix“. Als er sich von seinem Krankenlager erhoben hatte, bereits wieder an Unsinn dachte und meiner Mutter partout nicht gehorchen wollte, schrie die mit geifernder Stimme gellend übern Hof, dass es das halbe Dorf vernehmen konnte: ‚Wärst du verdammtes Raaaabenaaaaaas doch bloß im kalten See geblieben.‘ Ja, so konnte meine Mutter sein. Aber zu jungen Männern war sie nett. Manchmal musste mein lieber Vater wegen einer Angelegenheit auswärts übernachten, nicht selten hörte ich dann meine Mutter auf dem Stubensofa … Um Himmelswillen, Junge, das gehört jetzt nicht hierher, … wo war ich stehen geblieben …Ja, obgleich mein Vater nie von ihren schändlichen Sachen erfuhr, war er dennoch rasend eifersüchtig. Das war sein einziger Fehler. Aber eigentlich war es kein Fehler, denn er hätte ja allen Grund zur Eifersucht. Dabei war meine Mutter gar nicht hübsch. Und beide liebten jene Schunkele-Vergnügen, die das Blasorchester im Vereinshaus unseres Ortes bot. Posaunen, Tuba und Trompeten schmetterten ihre Melodien schräg und laut, aber dennoch schmissig. Die Stimmung im überfüllten Tanzsaal war überaus fidel. Meine bereits ergraute Mutter fegte mit einem flotten Galan über die gebohnerten Dielen, dass alle nur so staunten. Mein Vater hingegen knirschte wütend mit den Zähnen. Als es seine Frau vor aller Augen doch zu ruchlos trieb, platzte meinem sonst so sanften Papa endgültig der steif gestärkte Kragen. Solch einen Vatermörder trug sein Rivale auch. Daran packte ihn mein Vater und brachte so das walzernde Paar abrupt zum Stehen. Rachsüchtig brüllte er seine Frau entrüstet an: ‚Komm du mir bloß nach Hause, dann dresche ich dich windelweich.‘ Darauf antwortete meine Mutter ganz knapp und ungerührt: ‚Na und! Jetzt, mein Liebster, sind wir noch auf dem Saale…!‘ Zog ihren Verehrer dicht an sich heran und tanzte selig den falsch gespielten Walzer bis zu Ende … Tja, viel Gutes kann ich von meiner Mutter nicht berichten. Aber jenen Satz, den sie damals meinem aufgebrachten Vater schnoddrig entgegnete, den habe ich zu meinem Lebensmotto gemacht: Noch sind wir auf dem Saale.

Das ist so lange her. Erzählt hat mir das mein Onkel, der Seefahrer-Paule“, sinnierte Opa. Den Rest des Weges schwieg er eisern. Lächelt vor sich hin und war vollkommen in seiner Gedankenwelt versunken. Ich legte meine Hand auf seine Schulter und war berührt von seinen Geschichten, die ich nicht verstand.

Opa war bis ins hohe Alter scharf wie Pfefferchili. Zum Schluss war da wohl nur noch der Wunsch der Vater der wollüstigen Gedanken. Und gab es Familienfeiern, ging Opa mit seinen immer noch schönen Händen gern auf intime Tuchfühlung bei seinen Tischdamen zur Linken oder zur Rechten. Die waren meist im knackigen Alter jenseits der achtzig. Und dann kam es schon mal vor, dass jene Mädels entsetzt aufsprangen, dabei scheppernd die gefüllte Sammeltasse mit sich rissen, deren brauner Inhalt nun gierig von weißem Linnen, statt von den Tanten aufgesogen wurde. Laut zu schimpfen oder anders wie zu räsonieren, wäre peinlich aufgefallen. Also begnügte man sich mit gedämpft wütendem Gebrabbel und wechselte verschämt das Thema sowie den Platz. Großvater störte das nicht weiter. Nur die ewigen Misserfolge bei seinen Eskapaden, die störten ihn sehr. Einen schönen Eklat gab es an seinem fünfundneunzigsten Geburtstag. Menschenmengen drängten sich in den engen Zimmern, vor allem alte Tanten. Alle verfügbaren Räume waren von auswärtigen Schlafgästen in Beschlag genommen. Der Belegungsplan der Betten wurde notgedrungen umdisponiert. Jeder ruhte irgendwo, aber in jedem Falle an anderer Stelle als gewohnt. Als alles schlummerte, schlich Opa hochmotiviert aus seiner Kammer, die er nun so viele Jahre allein bewohnte. Er hatte eine fesche Mittachtzigerin ins Visier genommen, kuschelte sich neben sie – und bekam die Hand seines nicht sonderlich geschätzten Schwiegersohns zu fassen… Meine Tante dachte ernstlich über eine stählerne Strafexpedition nach. Aber da hatte mein Opa letztlich nichts zu befürchten, denn seine beiden Töchter haben beide ein Herz aus Gold.

Schule war schön, schön doof

Mein Schulpensum erledigte ich mit links, bei mittlerem Fleiß. Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es eben muss! Ich lernte schnell und vergaß noch schneller. In meinen Lieblingsfächern hingegen konnte ich richtig engagiert loslegen und begeisterungsfähig zu Höchstleistungen auflaufen. In allen möglichen Arbeitskreisen, Clubs und sogar in der Blaskapelle mischte ich als untalentierter Posaunist mit. Das machte mir meistens Spaß und eine gehörige Portion Geltungsdrang spielte wieder eine Rolle. Die Posaunisten-Karriere hätte ich aber gern wieder an den Nagel gehängt, weil die mit Umständen verbunden war. Bis zur unerquicklichen Probe musste ich zwei geschlagene Stunden mutterseelenallein im Schulgebäude warten. Mein Blasmusiklehrer hatte es wohl gut gemeint und mir Mittagessen bei der Hausmeistergattin vermittelt. Bei ihr herrschte Hemdsärmelkultur und es war so schmuddelig, dass es mir die Graupensuppe nicht nur verhagelte, sondern sie mir auch noch im Halse stecken blieb. Saß eins von der Horde ihrer Kinder auf dem Topf, um sein großes Geschäft angestrengt zu verrichten, nahm die stramme Frau den angeschissenen Balg nach Erledigung schwungvoll von der mobilen Toilette und pflanzte den nackten Kinderarsch ohne Reinigungsritual direkt neben meinen Teller auf die glatte Wachstuchdecke. Das verursachte jeweils einen unreinen Ton, und erinnerte mich an mein Posaunenspiel. Nun wunderte ich mich nicht mehr über das komische Dekor auf dem Tischtuch unter meiner Suppenschale. Mahlzeit!

Bei meinen Lehrern war ich beliebt und verhasst zugleich. Von meinem Darstellungsdrang und von Kumpel Alex zum ständigen Wettstreit animiert, gaben wir die vorlauten Klassenkasper im ehrgeizigen Duett. Meine Mitschüler freuten sich, die Pauker weniger. Unter heutiger Beurteilung der Lage, hätte ich bestimmt eine Belobigung für vorbildliches Betragen erhalten, denn eigentlich waren wir nicht wirklich arg. Und irgendwie hatte ich durch meine lebenslustig-offene Art letztlich bei meinen Lehrern einen Stein im Brett. Waren Schulfeste, Wettbewerbe oder sonstige Öffentlichkeitsarbeiten angesagt, wurde ich von ihnen gern zum Spitzenkandidaten nominiert, erfüllte dann zuverlässig Auftrag und Mission. Dennoch blieb das Klagelied bei meinen Eltern über mein fürwitziges Verhalten nie aus, genauso wenig wie die darauffolgende Gardinenpredigt meines Vaters. Als Papa meine gesammelten Missetaten mit meiner Mutter in Wiederholung durcharbeitete, hörte ich sie einmal sagen: „Herrgott, wär‘s dir denn lieber, er wär nur artig, aber dämlich?“

Frau Tritsche und ihr Ehemann waren herausragende Persönlichkeiten, vor allem in Höhe und Breite, und beide meine Lehrer. Frau Tritsche hätte das lieber lassen sollen, denn von ihrem Lehrfach Mathematik und von Kindererziehung verstand sie nicht mehr als ihre Schüler. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, aber bei alldem kompensierte sie ihre enorme Unsicherheit auf unsere Kosten. Sie war gemein und das verzeihen Kinder nicht. Frau Tritsche verpasste uns dümmliche Spitznamen, versuchte es mit Ironie, was stets misslang. Obendrein war sie ganz schrecklich naiv und provozierte Lachgeschosse aus den Bänken. Frau Tritsche verteilte ungerechte Noten und konnte selbst nicht gut rechnen. Ihr Mann, der einflussreiche Funktionär, hatte sie protegiert. In den Pausen zermalmte sie dick belegte Doppelstullen, klemmte dabei tief gebeugt überm Lehrertisch. Also, summa summarum: alles ein bisschen zu viel des Guten. Wir hassten sie nicht, aber ihre Art, uns zu begegnen, wohl.

Tritsches wohnten auch in unserem Dorf und waren ausgerechnet mit meinen Eltern und Verwandten so was wie freundschaftlich bekannt. Letzten Endes nur deshalb, weil das Lehrerehepaar, die allgemeinhin keine Freunde hatten, sich zu Festlichkeiten gern selbst einlud. Das taten sie auch zum fünfundvierzigsten Geburtstag meiner Tante Erika, einer Frau, wie meine Mama, angefüllt mit Herzenswärme. Als alle an der reich gedeckten Tafel Platz genommen hatten und bestens gelaunt mit vollem Munde kauten, holte Frau Tritsche tief Luft zu einer höchst erbaulichen Tafelrede. Ich stutzte sofort! Was würde jetzt wohl kommen? Dann ging‘s los: Vor der versammelten Gästeschar erläuterte sie voller Empörung meine jüngsten Verfehlungen und gab das letzte Wortgefecht, das ich auf dem Pausenhof mit ihr hatte, detailgetreu zum Besten. Zu meiner Verwunderung verwendete sie wörtliche Redeteile erstaunlich präzise, zitierte mich und meine frechen Antworten akkurat. Nur an einer Stelle war sie nicht ganz exakt mit den Zitaten, ich verzichtete auf Einwände und Korrektur. Mir blieb der Bissen quer im Halse stecken, denn so viel taktlose Blödheit, hätte ich selbst ihr nicht zugetraut. Die Miene ihres Mannes verfinsterte sich missbilligend, die meines Vaters moralinsauer! Augenblicklich litt der unter einer doppelseitigen Gesichtslähmung. Enttäuscht von mir, schaute auch mein Bruder, kopfschüttelnd und mit ernstem Gesicht an der Nase runter. Für alle eine Qual, außer für Frau Tritsche. Grabesstille am Tisch! Und dahinein stellte die Pädagogin nun noch die abschließend intelligente Grundsatzfrage ihrer Aufmunterungsrede, mit dem Bezwecke der rückversichernden Bestätigung durch die betreten lauschende Corona: „Was sagt ihr dazu, war das von Thomas nicht wieder furchtbar frech?!“ Noch immer Totenstille!. Bis schließlich mein erwachsener Cousin Michael die unerquickliche Situation rettete und sichtlich amüsiert schallend loslachte. Ich war ihm so dankbar. Für mich hingegen gestaltete sich der weitere Festakt so lustig wie die Beulenpest und ward vorfristig beendet, weil mich Papa zuerst in die Wüste und dann nach Hause schickte.

Herr Titsche nebst Gattin schreckten auch nicht davor zurück, sich im gesamten Dorf der Lächerlichkeit preiszugeben. Bei klirrend-eisigem Winterfrost fror der See zu und wir hatten nun ein beliebtes Tummelfeld für blutrünstige Eishockeyturniere. Tritsches in ihrer immensen Leibesfülle waren beide des Schlittschuhlaufens nicht mächtig, sie aber ignorierten das. Auf wackeligen Holländerkufen, die an klobigen Skischuhen festgekurbelt waren, schob der Gatte seine Holde über die Eisesglätte. Die bebte unsicher. Wir konnten uns vor Lachen kaum auf den Eisen halten, als Herr Tritsche unerwartet bei unserem Wettkampf mitwirken wollte. Na gut, warum nicht? Nachdem er seine liebe Frau an Land geschoben hatte, wurde unser dicker Lehrer augenblicklich zum Eishockey-Tormann befördert. Diesen gefährlichen Knochenjob wollte eh niemand gern machen. Keinesfalls erpicht auf blutende Sportverletzungen, spielte ich zurückhaltend in der Verteidigung. Spielregeln gab es nicht, dafür umso mehr kämpferischen Einsatz und Verletzte auf allen Seiten durch die äußerst primitiven Sportgeräte. Ich verfügte über eine knochige Krücke, die mein Vater mit Eisenblechen stabil zusammengeschraubt hatte. Die lag schwer wie Blei in meinen Händen. Einerlei, wir legten los. Hinter mir der schnittige Torwart seinem Einsatz entgegenfiebernd und unruhig auf den nächsten Angriff der jugendlichen Gegenpartei wartend. Die Attacke nahte, ich wollte abwehren, stolperte los und kam ins Straucheln. Dabei drehte ich mich mehrfach ungestüm um meine eigene Achse und haute im finalen Sturz dem Pädagogen und Aushilfstorwart meine Eishockeykeule mit Schmackes vor den Schädel. Als ich mich wieder aufgerappelt hatte, sah ich erschrocken, dass unser bester Mann wie ein geschossenes Walross längelang im Tore lag und sich nicht mehr rührte. In Rückenlage hatte der dicke Lehrer alle Viere weit von sich gestreckt. Seine graue Schiffchenmütze, russisches Prêt-à-porter, hatte ich mit weggeschossen. Die lag zehn Meter weit hinterm Tor. Wir näherten uns dem Niedergemähten, so bange, als hätten wir eine schwere Fliegerbombe aus dem Krieg entdeckt. Und siehe da, er atmete noch.

Obwohl wir überhaupt kein gottesfürchtiges Haus waren, schickte mich meine Mutter aus althergebrachter Verbundenheit in den Konfirmandenunterricht zum Herrn Pfarrer Röbling. Der hockte tagein, tagaus in seinen verqualmten Amtsgemächern und war so schrullig-weltfremd wie der alte Diogenes in seiner Tonne. Herr Röbling hoffte ständig aufs Neue, der albernen, vorpubertierenden Landjugend Ehrfurcht vorm Allmächtigen einflößen zu können. Das ging von Generation zu Generation voll in die Hose, die beim Herrn Pfarrer übrigens meistens offenstand. Solche Einblicke waren nicht gerade förderlich für jene angestrebte Würde in der Bibelstunde und ließen Gefühle gottgefälliger Demut schnell ersterben. Schon ein verstohlenes Schmunzeln oder versehentliches Anecken mit den Füßen reichte unserem Herrn Röbling, um uns der gotteslästerlichen Albernheit und Provokation frommer Obrigkeiten zu bezichtigen. Wir fühlten uns als Opfer religiösen Wahns sowie dessen Willkür und begegneten dem Phänomen mit ständig grinsenden Visagen. Und als der arme Achim, der eigentlich Legastheniker war, die für uns völlig abstrusen Bibelverse vortragen und auch noch den übersinnlichen Inhalt erklären sollte, war die Zirkusnummer vollauf perfekt. Die junge Gemeinde halbwüchsiger Rotzgören kriegte sich vor Lachen nicht mehr ein. Freilich, wer hätte bei einer solchen Darbietung ernst bleiben können?! Aber Pastor Röbling vermutete erneut Provokation unterm Kruzifix, kaute im Leerlauf knirschend auf seinen dritten Zähnen, so wütend wie ein aufgeregter Wallach, und prophezeite unseren jungen Seelen Höllenqualen, wenn wir nur so weitermachten.

Schiss vor dem widerlichen Geruch des Todes

Waren im Dorf Beerdigungen nötig, gab es die alte Tradition des Kreuztragens. Als Führer zur letzten Ruhestätte schritt ich dem Trauerzug voran, bekleidet mit schwarzer Hose und weißem Hemd. Im Sommer beide kurz. Als stämmiger Bursche war ich Pfarrer Röblings bester Mann, so stellte er mich unvermeidlich der traurigen Gemeinde vor. Der war das rotzegal. Vor zwei Sachen hatte ich Schiss: Erstens in der Trauerhalle dem widerlichen Geruch des Todes zu begegnen und zweitens, dass mir wegen des einschläfernden Sermons meines Vorgesetzten das schwere Holzkreuz aus der Hand fallen und laut polternd auf den vor mir ruhenden Sarg mit dem Entschlafenen schlagen könnte.

Verwesungsgeruch hat es gottlob nie gegeben. Das andere kam so:

Im Dorf war die alte Anna gestorben und ich hatte meine Friedhofs-Schicht wieder rechtschaffen zu erledigen. Wie jedes Mal bezog ich mit dem Pastor und meinem massiven sakralen Utensil unseren gewohnten Standort am Kopfende der Totenlade. Alle Nachbarn, Bekannten und Verwandten waren vollzählig in der Kapelle angetreten. In vorderster Trauerfront Sohn Bibi nebst Familie. Wir alle kannten Bibi nur unter Bibi und wussten nicht, wie der mit richtigem Namen hieß. Also, Bibi und sein Clan hatten sich gerade direkt längsseits vorm braunen Vollholzsarg gruppiert, da ging das Gezeter seiner Frau auch schon los. Die entschlafene Anna hatte sich mit dieser Schwiegertochter ein Leben lang befehdet. Alle wohnten unter einem Dach und schrien sich dort ohne Unterbrechung an. Einmal bin ich bei ihnen am Küchenfenster vorbeigeschlendert, als gerade wieder ein Gezanke im vollsten Gange war. Um ein Haar hätte mich dabei ein fliegender Kochtopf mit dampfenden Pellkartoffeln erwischt. Den nämlich feuerte die rabiate Anna geradewegs aus dem Fenster, als ich auf gleicher Höhe ahnungslos passierte. Mit Getöse landete das schwere Kochgeschirr direkt auf der Straße, einen fingerbreit neben mir. Der Topfdeckel rollte davon, die Erdäpfel vor meine Füße. Damit hatte sie nicht nur ihre ständige Gegnerin und Schwiegertochter, sondern auch mich beeindruckt. Die blieben einander bis zuletzt spinnefeind. Jene Schwiegertochter wehklagte und jammerte nun an der Fürimmerkiste der alten Anna derart inbrünstig laut, dass Hochwürden stellenweise mit seinen tröstenden Worten innehalten musste. Das Geheul schwoll derweil so sehr an, dass es die Dorfsirene bei einem Feueralarm gewiss übertönt hätte. Die Trauernden blickten betreten in die Runde und das nicht allein wegen des tragischen Todesfalls. Das hysterische Gekreisch irritierte auch mich. So eine Vorstellung hatte ich während meiner gesamten Kreuzträgerkarriere nie erlebt. Den Fluss der blutigen Tränenbäche bei jener Wehklagenden konnte man nicht verfolgen, denn das trauernde Antlitz war mit einem Schleier zugehängt. Untermalt von gellenden Jaulattacken krümmte sich Bibis Angetraute von neuem gramgebeugt. Bog sich endlos weit nach hinten und dann nach vorn, dass man befürchten musste, als Nächstes würde sie sich verzweifelt auf den Sarg werfen, in dem die tote Anna ruhte. Dazu wäre es bestimmt gekommen, hätte ich nicht so grandios dazwischengefunkt. Kurz vor jener Beerdigung hatte mir Mama eine neue Sonnenbrille geschenkt. Obwohl Sonnenbrilletragen beim letzten Gang nur in Mafiakreisen statthaft ist, nahm seltsamerweise nicht mal Herr Pfarrer Röbling Anstoß an meinem neuen Augenglas. Das bestand aus brauner Plaste, einschließlich der Durchguckscheiben. Die waren verbogen und lieferten interessante Zerrbilder von den betrachteten Objekten. Im Moment war es besonders unterhaltsam, die Tragödin durch meinen Verzerrer zu studieren, dadurch wirkte ihr Auftritt noch grotesker. Mal hielt ich den Kopf nach links, mal nach rechts, bewegte ihn leicht hin und her und staunte, welche Bewegungen die vom Schmerz Geschüttelte zu vollführen schien. So fasziniert war ich von meinem Kaleidoskop, dass ich mich auf meine Aufgabe als Kreuzhalter nicht mehr konzentrierte. Und da geschah das Unglaubliche: Das mächtige Kreuz entglitt meinen Händen, kippte nach vorn und knallte kopfüber, der gusseiserne Heiland vorweg, auf den Sargdeckel, Eiche hell. Nach diesem dröhnenden Donnerschlag herrschte totale Ruhe in der Kapelle. Totenstille, sozusagen. Alle Klagegesänge waren verstummt. Ich stürzte nach vorn, verfehlte wegen meiner Trugbilder beinahe das Ziel und griff dann doch das schwere Eichenrundholz, um den schwarzen Mast eiligst in Position zu hieven. Bloß gut, dass ich die Brille trug, denn ich wusste vor Schreck nicht, wohin mit meinen Blicken. Fast war ich dankbar, als erneut Geheul die Trauerhalle erfüllte. Vielleicht war es ja ein Freudenschrei, weil Anna von jenem derben Schlag, der Tote hätte erwecken können, nicht wieder aufgewacht war. Das liebe Jesulein an meinem Kreuz hatte die schändliche Behandlung vollkommen unbeschadet überstanden. Am Erdmöbel gab es eine minimale Schramme. Mir wurde vom Herrn Pfarrer mein Zwei-Mark-Honorar radikal gestrichen, das war die Strafe des Herrn.

Bei der darauffolgenden Trauerfeier war der Diener Gottes höchstselbst der Superdödel. Der ständig zerstreute Pastor hatte seine Manuskripte zu Hause liegen lassen. Ohne die konnte er niemals seine herzbewegenden Reden halten. Wie von der Tarantel gestochen, ruckartig und wortlos wendete er mitten in der Trauerkolonne, um mit wehendem Talar kommentarlos zu entschwinden. Der Seewind blies zum Sturm und haute der davoneilenden Heiligkeit das Barett vom Haupte. Es rollte mit Karacho entlang die Straße in den nächsten Graben. Dort hinein entschwand auch die Eminenz, um sein Mützchen einzufangen. Entgeistert sahen wir dem Flüchtenden hinterher. Mein Gott! Verbindungslos und total verdutzt stand ich in der Schar der seelenwunden Hinterbliebenen und musste die irgendwie bei Laune halten. Verlegen scherzte ich ein bisschen über das stürmische Wetter, wir plauderten über Masterfolge bei der Kaninchenzucht und tauschten gegenseitig wertvolle Erfahrungen aus. Ein älterer Mann zeigte seine dick angeschwollenen Arthrose-Knie. Dazu musste er seine schwarze Anzughose herunterlassen, was wiederum seiner Frau missfiel. Nun fingen sie an zu streiten. Von der Streiterei ganz ungerührt und womöglich durch die gefallene Hose inspiriert, schilderte ein anderer Nachbar seine Prostataprobleme. Erklärte, wie sauer ihm das Pinkeln wird. Das alte Ehepaar hatte seinen Streit wegen des runtergelassenen Beinkleides aufgegeben, weil sich nun ihr Interesse auf die Beschwerden beim Wasserlassen konzentrierte. Ich versuchte mein Bestes beim Moderieren, allein hätte ich das jedoch nie geschafft. Dem Allmächtigen sei Dank, Frau Röbling kam in Windeseile angefegt und stand mir bei. Sie war klein, stets lustig, dabei resolut und flink, also das exakte Gegenstück von Hochwürden. Die mochten alle. Es wurde beständig fröhlicher. Wir lachten, scherzten und hatten eine vergnügliche Beerdigungs-Ouvertüre. So ein Jux!

Strelow war wieder da. Nur kurz. Ich bin beleidigt. Ja, richtig sauer. Seine Worte klingen mir im Ohr: Die Episoden hätte ich kurzweilig-amüsant erzählt, aber meine manierierte Sprache ginge im mitunter auf die Nerven. Reichlich müsse glatt gebügelt und Wildwuchs herunter gestutzt werden. Ich solle in allem reduzierter und nicht so geschwollen reden, einfach so wie jetzt mit ihm. Das wäre das Beste und passe zu mir und meiner Geschichte doch vielmehr. Der Rechtsanwalt hätte leider noch keine Zeit gefunden. Das und seine Krittelei sollten mich aber nicht abhalten, an der Geschichte mit Feuereifer dranzubleiben. Bitte recht sehr! Und weg war er. Das musste ich erst mal verdauen. Frühestens morgen würde ich weitermachen. Und ganz und gar in meinem Stil!

Bereits als Kind war mir eines klar, für mich waren typische Männerberufe, wie Maurer, die früh am Morgen frierend auf schneeumwehter Rüstung stehen müssen, oder Schlosser mit schmierigen Händen in lauten Werkhallen, nicht das Richtige. Das wusste ich mit Sicherheit. Also hieß das, Abitur zu machen, wie alle meine älteren Verwandten. Herr Tritsche, der Karrierekommunist und verhinderte Eishockey-Star, versuchte mein Streben nach höherer Bildung zu boykottieren. Er hasste alle Kirchlinge und verurteilte mein unfreiwilliges Engagement bei Trauerfeiern aufs Schärfste. Als es in Schulkonferenzen um meine Besuchserlaubnis auf die höhere Lehranstalt ging, wirkte er meinem Bildungsdrang stramm kontraproduktiv entgegen und versuchte meinen Herzenswunsch mit allen Mitteln zu vereiteln. Dass ich Herrn Tritsche damals mit dem Eishockeyschläger mit solcher Gewalt erwischt hatte, war insofern womöglich höhere Gewalt. Das Strafgericht von ganz oben. Wer weiß?

Alle fanden, der Thomas, der muss Lehrer werden. Meine Lehrer begründeten es damit, dass ich alle Tricks schon kannte und mich mit meinem großen Rand nicht unterbuttern ließe. Meine Verwandten fanden, ich rezitiere fabelhaft und mit lauter Stimme, selbst die Alten konnten jedes Wort verstehen. Und Mama meinte, bei meinem Talent wäre ich der geborene Pädagoge, denn erklären könne ich doch schon jetzt ganz wunderbar. Ich war mit allen einer Meinung, fünfzehn Jahre alt und wollte sehr gern Lehrer werden. Fortan würde ich deshalb mit dem stinkenden Linienbus „Rakete“ zur Penne in die Stadt fahren müssen. Mir schwante nichts Gutes – und ich sollte Recht behalten. Bis dahin gewohnt, lauthals die Dinge selbstsicher im Griff zu haben, trat ich nun an, kleinlaut und bedrückt. Das sollte sich nicht im Geringsten ändern. Ich hasste diesen bedrohlichen Kasten vom ersten bis zum letzten Tag und fürchtete, er könnte mich zermalmen.

Die Dinge hatten sich umgekehrt. Früher kämpfte ich mit meinen miserablen Benehmensnoten, die nun vorbildlich waren. Dagegen verstand ich im Unterricht nun gar nichts mehr. Am meisten legte sich mir die Rechenkunst wie Blei auf Magen und Gemüt. Diese Wissenschaft wurde mir noch ganz und gar verekelt durch jenen Mobbing-Lehrer, der es bis zum bitteren Ende auf mich abgesehen hatte. Jeden Morgen dieselbe Grütze: Todmüde aus dem Bett kriechen, als Klamotte wieder der zu eng gestrickte Kratzpullover von Tante Lisbeth und womöglich noch die ersten zwei Stunden beim Menschenschinder. Nur unser Hund, der hatte es gut. Beneidenswert gut. Meine Mutter hatte dem Spitz-Mix auf dem durchgelegenen Kanapee ein extra kuschlig-warmes Lager eingerichtet. Dort rekelte er sich wie eine arbeitsscheue Diva, blinzelte mir verschlafen zu, wenn ich zur Tür hinaus in den dunklen, kalten Wintermorgen stürzte, um zur Bushaltestelle zu hasten. Dort stand bereits der alte Dieselstinker und hupte, weil er auf mich warten musste. Ich hechelte mich durch die vollbesetzten Reihen und hätte den Anschluss garantiert verpasst, hätte nicht mein Vater, mein täglich Mitreisender, als Busfahrerbeschwörer auf die Notbremse getreten. Alle Fahrgäste grinsten müde wegen mir. Papa war dagegen putzmunter und sauwütend, weil mein verspäteter Auftritt so unerfreulich peinlich war. Alles in allem begann so ein Schulmorgen, den man lieben musste.

Detlev, der zwei Jahre später in unsere Klasse kam, hat mich gerettet. Den lotste ich sofort auf den leeren Platz neben mir, ohne zu wissen, welche Qualitäten der Neue haben würde. Mein bisheriger Banknachbar war genauso eine Rechenschieber-Null wie ich. Mit Detlev setzte ich auf Fortune und hatte Glück. Er wurde nicht nur mein prima Schulkamerad, sondern auch die zuverlässige Quelle geistigen Zahlendiebstahls. Heute sammele ich komische Postkarten, die schalkhaften Humor besitzen. Auf einer steht geschrieben: „Mathe ist ein Arschloch!“ Stimmt genau! Denn noch heute träume ich zuweilen von meinem Matheabitur und wache schweißgebadet auf. Munter und hellwach schwitzte ich damals schon am Tage bei dem Gedanken an diese Bedrohung. Die lag zwar noch in der Ferne, aber war genauso unausweichlich. Bei Klassenarbeiten konnte man tricksen, niemals bei der schriftlichen Abschlussprüfung! Ich hatte Riesenschiss und nicht die leiseste Vorstellung, wie ich das deichseln sollte.

Ohne meinen alten Kumpel Alexander hätte ich jene entscheidende Reifeprüfung nie bestanden, wäre abgesoffen wie der Mafiakronzeuge mit Betonschuhen im Landwehrkanal. Alexander war an einer anderen Bildungsstätte gelandet und konnte seinem bedrängten Freund und Schwachmatiker nicht helfen. Oder vielleicht doch? Mich traf ein Geistesblitz! Seine ältere Schwester war Lehrerin an einer Berufsschule und kam an Prüfungsaufgaben heran. Ihr wurden Riesenkörbe Spargel aus unserer heimischen Produktion versprochen. Nach diesem Edelgemüse war sie so etwas wie süchtig. Nie hätte ich geglaubt, dass sie das tatsächlich für mich macht. Noch dazu für einen so läppischen Lohn, auch wenn sie Spargelstangen für ihr Leben gerne aß. Ich hätte doch noch alles Mögliche mehr spendiert. Mindestens den Ertrag einer ganzen Erntesaison. Es war ein zittriges Bangen bis zu dem Festtag, als mir Alex grinsend den Undercover-Umschlag mit der Bemerkung überreichte, dass das wirklich niemand erfahren dürfe. Mich hätte man mit glühenden Eisen foltern können. Mit Sicherheit wäre das seiner armen Schwester geschehen, wären wir aufgeflogen. Mitunter denke ich noch heute dankbar und etwas verschämt an die beiden und auch an den verhassten Mathepauker, der als linientreuer Atheist nach der Korrektur meiner braven Klausur dann wahrscheinlich doch an so etwas wie Mysterien glaubte.

Literatur und Kunst liebte ich. So wie ich vor dem Mathezeug ein Grausen hatte, so gelassen sah ich nun dem Abi-Prüfungsaufsatz entgegen. Als das Examen startete, fiel mir so furchtbar viel Schönintelligentes ein und ich schrieb wie der Poet unter Hochdruck unermüdlich seitenweise Abhandlungen. Plötzlich waren die vier Stunden um; gerade so war mein Entwurf fertig geworden. Ich Volltrottel hatte auch noch ein durchweg prima Gefühl, als ich meine hingeschmierte Kladde übergab. Den ganzen Murks noch mal durchzulesen, geschweige denn abzuschreiben, war keine Zeit. Wegen Unlesbarkeit wurde mein ach so geistreicher Prüfungsaufsatz mit einer astreinen Fünf bewertet. Nichtswürdige Kelleretage, schmachvolle Schande. Ich fühlte mich wie eine Endvierzigerin, denn unentwegt stiegen Hitzewallungen in Schüben in mir auf. Kurz vorher hatte ich mich für das Pauker-Studium Kunst und Deutsch beworben. Die nehmen mich jetzt bestimmt nicht mehr, schoss es mir durch den Kopf! Was nun? Mein Traum vom schönen Lehrer-Leben einfach geplatzt!? Aber die haben mich dann doch genommen. Ich war froh, froh, also zwei Mal froh, als das Kapitel Oberschule zu Ende war, ich mein Reifezeugnis unter den Arm klemmen und der verhassten Penne Adiós zurufen konnte.

Von klein auf malte, zeichnete, knetete und schmierte ich gern überall herum. Die Mitglieder meiner Familie haben für so etwas keine Ader. Vermutlich waren sie deshalb entflammte Fans meiner Kunst, rätselten, wo der Junge das bloß her hatte und lobten mich fast zu Tode. Das war schmeichelhaft, doch war mir klar, das bringt dich keineswegs nach vorn. Meine Kunstlehrer in der Schule waren keine und nutzten deshalb diese Stunde, um ihre private Buchhaltung auf den aktuellen Stand zu bringen. Jedes Mal aufs Neue bekamen wir den Auftrag, ein hübsches Bild zu malen, damit war die kunstpädagogische Anleitung auch schon zu Ende. Das blieb so bis zum Abitur. Deshalb besuchte ich während meiner Pennezeit jeden Samstag einen Malkurs. Und es hat sich gelohnt, weil ich begriff, dass ich gar nichts konnte.

Und noch etwas Künstlerisches rief ich in jenen Tagen selbst auf den Plan. Bislang fanden mich die Mädchen als unterhaltsamen Kumpel allenthalben toll, jedoch mehr nicht. Die Aufreißer waren immerfort die anderen oder sie taten zumindest so. Ich musste etwas tun. Musik interessierte mich konstant und das war der einzig richtige Denkansatz. Disco-Tralla mit Tonbändern konnte jeder machen, Livemusik hingegen nicht. Ich beschloss, das Gitarrespiel zu erlernen. Koste es, was es wolle. Na ja, kosten durfte es nichts. Wie das Ganze auf die Beine stellen? Da lief mir wie auf Bestellung Gerd Böderich über den verwandtschaftlichen Weg, wenn der auch um hundert Ecken führte. Gerd war Lehrausbilder auf dem modrigen Landesgut und ein Bohemien, wie er im Buche steht. Er wohnte über der Toreinfahrt zur alten Ritterburg in einem verwahrlosten Tonnengewölbe mit meterdicken Wänden und hatte zahllose Laster. Die wichtigsten waren Frauen und Alkohol, beide fand er reichlich vor. Und er war ein begnadeter Freizeit-Gitarrist. Damit kriegte Gerd die Frauen rum. Behutsam tastete ich mich an ihn und mein Unterfangen heran. Als der von mir auserkorene Musikpädagoge merkte, was los war, winkte er entschieden ab und brachte tausend Argumente vor, die gegen eine fakultative Lehrunterweisung sprechen sollten. In Wahrheit hatte er wenig Lust, sich mit mir herumzuplagen. Wollte in der Zeit lieber sein ausschweifendes Leben genießen, friedlich saufen oder Präparandinnen flachlegen. Am besten beides zugleich. Ich war ziemlich am Ende mit meiner Überredungskunst, als ich beschloss, meine absolut letzte, dafür unkonventionelle Trumpfkarte aus dem Ärmel zu ziehen. Gerd konnte zwar tüchtig trinken, aber nicht tüchtig essen, weil er nie Essen im Hause hatte. Höchstens mal einen Klempner-Imbiss aus dem Kiosk. Ich versprach ihm jedes Wochenende ein fürstliches Mahl, das könnte ich ihm in seinem Gemäuer servieren, aber nur, wenn er mir für jedes Essen einen brauchbaren Gitarrenakkord beibringen würde. Der Lebemann merkte auf, überlegte nicht lange und der Kuhhandel war beschlossene Sache. Es fiel nie auf, wenn ich vom häuslichen Menü einige Häppchen entwendete, um sie in Einmachgläsern verpackt meinem Musiklehrer als Honorar vors Bett zu stellen. Wenn ich erschien, schlief Gerd noch tief und fest, grunzte wie eine Elefantenkuh in den Wehen. Endlich erwacht, machte er sich schlaftrunken und mit übelriechender Alkoholfahne gierig über das vor ihm aufgebaute Warm-Kalt-Büfett her und lobte ausdrücklich den fein abgeschmeckten Gurkensalat meiner Mama. Nach den Bacchanalen rauchte er noch genüsslich eine Zigarette. Dann begann der Unterricht. Tatsächlich lernte ich die Griffe flink. Die Fingerkuppen schmerzten zwar fürchterlich vom stählernen Druck der Gitarrensaiten. Doch bald, nachdem sich Horn darauf gebildet hatte, war ich beschwerdefreier Musikantenlehrling. Ich besaß kein eigenes Instrument, sondern klimperte auf der Leihgabe von Gerd herum.

In dieser Frühphase meines musikalischen Wirkens traf ich unseren Bürgermeister. Obwohl ich noch weit davon entfernt war, auch nur halbwegs musizieren zu können, versprach ich ihm, sofort einen Dorf-Singe-Club zu gründen. Der könnte dann, zum Beispiel zum ersten Mai, der Jubelfeier, mit schwungvollen Songs würdigen Glanz verleihen und alle Ohren würden Augen machen. Das bahnbrechende Vorhaben würde aber nur dann gelingen, wenn ein Instrument verfügbar wäre. Der sonst ungenießbare, cholerische Dorfschulze, der jeden Bürger, der mit einem Anliegen vorsprach, prophylaktisch herunterputzte, weil er meinte, das gehöre zu seinem Job, witterte kulturpolitische Beiträge von Rang, gab seiner Stimme einnehmenden Klang und verwies auf den Boden des Gemeindehauses, wo seit ewigen Zeiten eine Westerngitarre vor sich hin verstaubte. Das wusste ich. Mein Plan ging auf. Er überreichte mir mit weihevoller Miene das kostbare Instrument, sozusagen als Basisequipment für die künftig musizierende Kampfreserve der Partei in unserem Dorf. Als am ersten Mai der Singe-Club noch immer fiktiv und deshalb stumm blieb, zog unser enttäuschtes Dorfoberhaupt erbarmungslos die Klampfe wieder ein, um sie dem verstaubten Dachboden zurückzugeben.

Alljährlich jobbte ich in den Sommerferien. Nach dem Abitur hatte ich mich als Aushilfskellner im hiesigen Ausflugslokal direkt am See beworben und wurde eilends als vollwertige Servicekraft den Gästen zugemutet. Kein Mensch erklärte mir irgendetwas, dafür ging es sofort mit voller Pulle Schnaps und Bier Herumschleppen los. Meine erste Flasche Sekt, die ich servieren musste, hatte bei brütendheißem Sommerwetter wohl zu lange ohne Kühlung rumgestanden und deshalb nicht die optimale Genusstemperatur. Nach meiner mehr als stümperhaften Explosionsentkorkung ergoss sich die teure Flüssigkeit als Fontäne direkt ins Riesendekolleté einer distinguierten Dame. Das war peinlich und delikat zugleich. Ich murmelte so etwas Blödsinniges wie gehobene Klasse darf in Champagner baden und unternahm am pikanten Ort ungeschickt pikante Trocknungsversuche. Die Dame vollführte derweil ein Mienenspiel, als hätte sie gerade Essig und Honig zusammen verschluckt. Da eilte mir zum Glück Günter zu Hilfe, Charming-Boy als Kellner und noch mehr als Frauenaufreißer. Er war reichlich älter als ich und die Saisonhilfe aus Berlin. Einfühlsam und mit Kennerhand betupfte er den üppigen Vorbau der begossenen Grande Dame. Mit seiner weichen Kognak-Stimme hauchte er beruhigend übers feuchte Dekolleté. Und es schien, als wolle die vornehme Frau gar nicht von ihm beruhigt werden, denn mittlerweile schaute sie nicht mehr so grantig drein. Kurz vor Feierabend nahm Günter regelmäßig die anwesenden Frauen ins Visier, traf routiniert seine Wahl, umhüllte die Angebetete mit süßlichen Schmeicheleien, sanft, wie mit einer wohltuenden Lotion, um sie nur wenig später zielstrebig in seine angemietete Dachkammer zu schleppen – und dort schonungslos durchzuvögeln. Auch die ältliche Champus-Dame ließ sich nur allzu gern in sein schräges Kabuff deportieren. Dort hat der attraktive Günter sie endgültig trockengerubbelt oder ganz im Gegenteil. Wahrscheinlich war die gar nicht so alt und ich nur so jung.

Es ist tiefe Nacht. Meine Aufzeichnung muss ich unterbrechen. Ich spüre einen Kloß im Hals. Der wird so unerträglich und ist schuld, dass ich kaum noch atmen kann. Ich öffne meinen Kragen. Bloß jetzt nicht weinen. Wie ist aus dem lieben Jungen, der ich einmal war, der Insasse geworden, der auf den weißen Vollmond blickt, dessen wundervoller Kreis vom Zellengitter in gleichförmige Teile zergliedert wird.

Ausmarsch – nun soll aus mir was werden
Papa mahnte, ja nichts mit einer Rothaarigen anzufangen

Es war so weit: Mit einer riesengroßen, zum Bersten gefüllten Reisetasche, war ich Ende der Siebziger bereit, als Student in die Welt zu ziehen. In letzter Minute hatte mich Papa noch auf dem Acker aufgeklärt, indem er mich streng ermahnte, ich solle unbedingt meine Hände auf den Rücken nehmen, wenn Mädchen auf der Bildfläche erschienen. Und wenn in frühestens etwa fünfzehn Jahren daran zu denken sei, wenn überhaupt, sollte ich mir ja nicht einfallen lassen, etwas mit einer Rothaarigen anzufangen, denn mit Grausen dachte er an mögliche Enkelkinder mit solchen Haaren. Ich nickte wie immer und dachte mir meinen Teil. Mein Neffe, der der liebste Junge auf der Welt ist, kam als Rotschopf auf dieselbe. Und das, obwohl sich mein Bruder bei der Auswahl der Mutter seiner Kinder an die Weisung unseres Vaters gehalten hatte. Dass die Mendelschen Gesetze sich so heimtückisch gegen Papachen verschworen hatten, war eine Ironie und höchst amüsant.

Zum Studieren hatte ich mir E. ausgesucht. Nach umständlicher Anreise endlich am Ziel, war mir flau in der Magengegend. Vor Hunger und weil unklar war, was nun kommen würde. Die Zeit an jener Alma Mater sollte die unbeschwerteste meines Lebens werden, an die ich mich noch heute gern zurückerinnere. Als meine bange Frage, ob es hier Pflicht wäre, Mathematik zu lernen, mit Nein beantwortet wurde, beschloss ich zu bleiben. Schon damals legte ich Wert darauf, mich im Bedarfsfall in ruhige Gefilde zurückziehen zu können. Das zuständige Direktorat legte mich aber nicht nur als dritten Mann in ein winziges Zweibettzimmer, sondern auch noch zu Buffen-Bert und Thilo. Die gehörten nicht zu meiner Seminargruppe. Das fing gut an. Buffen-Bert sah nicht nur aus wie ein mittelalterlicher Zigeunerhauptmann, sondern lebte auch so. Er war im 3. Studienjahr angekommen, lernte nie, schlief täglich bis Mittag und bettete sein ungepflegtes Haupt auf einen Haufen aus getragener Unterwäsche, Schriften von Rosa Luxemburg sowie mehreren Packungen Harzer Käse, den er bevorratete. Auf gepflegte Äußerlichkeiten legte er nicht den geringsten Wert, trug meist nur einen Strumpf, den aber mit Riesenloch. Trotzdem schleppte er ab und an Studentinnen auf sein Steinzeitlager. Die hatten interessanterweise den Spätmädchen-Charme englischer Gouvernanten. Pünktlich 2.30 Uhr kramte er seine Gitarre hervor, um einen tadellosen Blues hinzulegen. Mit dem Absatz seines Schuhes stampfte er den Takt. Thilo und ich hatten den Eifer der Erstsemester im müden Blick und am zeitigen Morgen die erste Vorlesung. Es war nicht zum Aushalten. Buffen-Bert öffnete mir dennoch die Augen. Er roch zwar komisch, hatte dafür voll den studentischen Groove. Peripher mischte er ein bisschen in der Dissidentenszene um Biermann mit. Er war trotz oder gerade wegen seiner Faulheit unglaublich belesen und stand über den Dingen. Das war beeindruckend. An mir fehlte alles Studentische. Mein Äußeres war eine einzige Entgleisung. Mit langem, taubenblauem Steppmantel aus Dederon, Plateauschuhen, grauer Flanellhose und einer karierten Jockey-Mütze war ich unterwegs. Eine einzige Unmöglichkeit. Zwingend musste mein Look verändert werden. Zufällig hatte ich zu Hause auf dem Nachbaracker eine Vogelscheuche entdeckt, die mit einer braunen Lederjacke bekleidet ihren einsamen Dienst tat. Dieses ehrwürdige Kleidungsstück sollte den Grundstein für mein neues Image bilden. Geschwind war der alte Vogelschreck seiner knochenharten Tracht beraubt und ich reich beschenkt. Das Jackenleder war verblichen und steif wie ein Ofenblech. Nach meiner Spezialbehandlung jedoch hatte ich ein wahres Prunkstück wiederbelebt, mit anständig Taschen und echten Hornknöpfen. Die Jacke habe ich sogar noch als fertiger Schulmeister getragen. Das Pendant für kalte Tage wurde der alte khakifarbene Armeemantel meines Vaters, den ich radikal abschnitt und so ebenfalls zur Jacke machte. Die wurde ein absoluter Publikumserfolg und hat sogar Begehrlichkeiten meiner Kommilitonen geweckt. Tante Lisbeth strickte für mich nun keine knatterbunten Kratzpullover mehr, sondern musste aus alten Jeans eine Weste und die dazu passende Schirmmütze schneidern. Die waren meisterhaft gelungen. Und mein Onkel Werner in Soltau wies noch ein paar tadellosen Hemden den Weg zu mir über die innerdeutsche Zonengrenze. Nun war ich gut aufgestellt. Bloß aus dem komischen Pagenschnitt musste noch eine flippige Mittelscheitelstubbelkurzhaarfrisur werden und das Gesicht bekam einen Bart. Ich nahm 15 Kilo ab und an Aussehen zu. Endlich hatte ich an Statur gewonnen. Das bemerkten auch die Mädels, die nun nicht mehr weg, sondern hinschauten. Als ich längst in meiner eigenen Studentenbude hauste und mir Buffen-Bert, nachdem wir uns lange nicht gesehen hatten, über den Weg lief, erkannte der mich beinahe nicht. Grinste dann anerkennend und klopfte mir auf die Schulter, als wolle er mir sagen, jetzt bist du angekommen, mein Alter.

Im erlauchten Kreis der männlichen Studenten unserer Gruppe hauten wir mächtig auf die Kacke, wenn man bedenkt, dass wir von nichts einen blassen Schimmer hatten. Denn als „Kunststudenten“ fühlten wir uns unsagbar privilegiert, schlau und allen überlegen. Trugen riesige Malermappen und noch riesigere Barettmützen durch die Gegend, dazu rauchten wir Tabak in der Pfeife. Seltsamerweise ließen uns die Anderen, einschließlich der Lehrer, gewähren und nährten sogar bisweilen unseren zur Schau getragenen Dünkel. Nur unser Kunstlehrer sorgte für Bodenhaftung, indem er mit vernichtenden Bewertungen unserer Meisterwerke aus Höhenflügen niederschmetternde Bruchlandungen machte. Und es hat eine Weile gedauert, ehe ich begriff, dass ich nichts konnte! So peinvoll ich mich an der Penne gequält hatte, so laissez faire erledigte ich nun die Dinge mit links – und mit passablem Erfolg. Das Wichtigste war, es machte Spaß! Doch gab es eine Hürde, die war so turmhoch, an ihr drohte mein Weiterkommen zu scheitern. Und das kam so:

Frau Hardert war meine Russischlehrerin, zuerst vom Leben und dann von mir enttäuscht. Sie sah verhärmt aus und mir war nicht klar, ob das mehr am Leben im Allgemeinen oder an mir im Besonderen lag. Ebenso war nicht klar, welche Antipathie bei mir größer war, die gegenüber Frau Hardert oder gegen die russische Sprache. Es war mir ein Rätsel, mit welcher Eloquenz meine Kommilitoninnen in jedem Seminar brillierten. Sie hatten sich doch bis vor kurzem auch bloß erfolglos mit läppischem Schulrussisch herumgeärgert und mutierten nun zu Experten mit Streberallüren. Schicksalhaft wurde unsere Gruppe geteilt. Die andere Hälfte bekam ihre Unterweisung bei Frau Schmitt im Nachbarraum, aus dem immerfort fröhliches Gelächter klang. Nicht zuletzt, weil Frau Schmidt selbst fröhlich war. Ich war so neidisch, denn bei uns herrschte finstere Grabesstille. Und ich isoliert unter diesen deutschen Russenweibern. Wenn die Hardert mich taxierte, starrte sie über ihre Lesebrille und senkte dabei ihr Haupt wie ein andalusischer Kampfstier, der zum Angriff übergeht. Und da schleudert sie mir auch schon die nächste Frage an den Kopf. Als ich gegenfragte, ob es genüge, wenn ich mich auflöse, jaulte ihre Stimme auf, wie eine leidende Oboe und sie tat genervt-pikiert, als beleidigte ich allein durch meine Anwesenheit das ruhmreiche Sowjetvolk von Jaroslawl bis Wladiwostok. Ausgelassenes Gelächter von nebenan! Eines Tages verkündete Frau Hardert mit bedeutungsvollem Mienenspiel, dass die Königsdisziplin dieses Unterrichtsfaches die Übersetzung einer Urschrift russischer Belletristik sei. Geradewegs fiel Frau Hardert über ein unschuldiges Buch her und zerteilte mit höchster Kraftanstrengung die zentnerschwere Schwarte mit einer Schneiderschere. Jeder von uns bekam von ihr ein stattliches Fragment vom zerfledderten Roman, das nun in Heimarbeit im stillen Kämmerlein wortgetreu von uns zu übersetzen sei. Das wäre im Übrigen die Abschlussprüfung für das Fach, ohne deren erfolgreiches Bestehen wir kein Diplom jemals zu erwarten hätten. Ich wurde bleich wie sibirischer Schnee bei Mondschein.

Und wiederum sollte mir Alexander, my old friend, aus der Patsche helfen. Er hatte ein Studium in Moskau, also sozusagen im Epizentrum der russischen Sprache, begonnen. Nur er konnte mich wieder erretten. Während seiner Semesterferien trafen wir uns zu Hause in S. Beim nächsten Samstagabenddorfbums schilderte ich ihm bei dröhnendem „Rumba Rumba“ der Rondo-Combo mit Leidensblick mein Problem. Er gestand, selbst die Sprache nur fragmentarisch zu beherrschen, was mir dann doch unerklärlich schien. Der Abend und ich waren gerettet, als Alex seinem besten Freund dennoch Hilfe in der Not versprach. Als ich übersetzte, wie der Dolmetscher von Breschnew persönlich, war die Hardert von den Socken und glaubte an eine illegale Gehirnwäsche meinerseits, womöglich durch den russischen Geheimdienst für Sprachgestörte. Der entscheidende Trick dabei war, dass der Übersetzer, den Alex im fernen Russland gechartert hatte, jeden kleinsten Absatz in der Übersetzung identisch und fast unsichtbar durchnummeriert hatte. Nur so gelang es mir, im russischen Wortsalat die jeweiligen Stellen zu orten, auf die meine Frau Hardert mit ihrem Bleistift loshackte wie eine wildgewordene Harpyie, um mir missmutig zu befehlen, wortgetreu diesen Teil zu übersetzen. Während ich ein bisschen rumräusperte, suchte ich die magische Zahl der Markierung und los ging der Spaß. Von dem, was ich da vorlas, hatte ich keinen Schimmer. Aber es funktionierte. Als sie mich am Ende mit Argwohn sowie missvergnügtem Seufzer unwirsch nach draußen entließ, brüllte ich bei offener Tür über den langen Flur: „Freiheit!“. Ich fühlte mich wie Lord Byran. Einige Türen öffneten sich und ratlose Gesichter blickten mich fragend an. Frau Hardert war, nachdem sie von mir diesen Abschiedsgruß erhalten hatte, nun bestimmt endgültig vom Leben gezeichnet.

Mein Retter, bester Freund und Weggefährte Alexander kam nach seinem Baustudium mit Irina und Sascha, ihrem zweijährigen Sohn, nach DDR-Deutschland zurück. Sie gehörte zu jenen Russinnen, die alles daran setzten, ihrer Heimat zu entfliehen. Dazu ließen sie sich von deutschstämmigen Männern nur allzu willig flachlegen, schwängern und vor allem heiraten. Alexander kam mit Irina und seinem Leben nicht zurecht. Warf sich mit 28 Jahren mitten in der Stadt vor einen fahrenden LKW und war sofort tot. Von Zeit zu Zeit stehe ich traurig an seinem ungepflegten Urnengrab und denke nach über 30 Jahren mit wahrhafter Herzenswärme an ihn.

Das ewig zusammengepferchte Leben im Internat ging mir auf die Nerven. Nach unsäglichen Mühen schaffte ich es, eine Dachkammer bei Mutter Kittel mitten in der Altstadt ausfindig zu machen. Für fünfzehn Mark Monatsmiete fror man sich im Winter den Arsch ab. Vor allem auf der Halbetreppetoilette. So eisig kalt wie es im Winter war, so glühend heiß wurde meine Kemenate dann im Sommer. Wie ein Pizzaofen in Salerno. Und stockdunkel wie in Draculas Gruft war es in jener Kammer. In den Semesterferien schleppte ich von zu Hause tonnenweise Zeug in mein Apartement, nachdem ich Umbauten vorgenommen und sogar Wände entfernt hatte. Dabei kam ein Stück Decke herunter und Frau Kittel daraufhin nach oben. Sie bekam fast eine Herzattacke, als sie ihre zugige Rumpelkammer derart zerstört vorfand. Allein ich hatte altes Fachwerk freigelegt und damit uriges Wohlfühlflair im Heim. Das Loch in der Decke bekam ich nicht mehr dicht. Dessen ungeachtet war ich frohgestimmt, hatte ich doch nun mein eigenes Reich. Als ich im Advent spät nachts nach Hause kam und das turmhohe Holztor öffnete, um nach oben in meine Eiskammer unterm Dach zu wanken, stolperte ich über etwas und fiel bei offenem Mund mit dem Gesicht auf ein amorphes haariges Haufenkonglomerat. Übelriechend Schmieriges wischte ich mir von der Stirn und von den Lippen. Mühsam richtete ich mich auf, da starrten mich in dem schauerlichen Torweg übergroße Augenpaare aus nächster Nähe an. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare ruckartig nach oben stellten, weil ich in einem Meer von Tierleichen lag. Frau Kittel nämlich hatte früher mit ihrem Mann selig eine Fleischerei betrieben. In der Vorweihnachtszeit verpachtete sie das sonst leer stehende und runtergekommene Ladenlokal an den staatlichen Wild- und Geflügelhandel Marke VEB. Der hatte pünktlich zum Fest aller Feste eine weitreichende Versorgungslücke geschlossen, indem er frisch abgeschossene Hirsche, Rehe und Wildschweine auf den letzten Metern meines nächtlichen Heimwegs kreuz und quer durcheinander aufgestapelt hatte. Ungelogen, der gebrochene Blick und die verdrehten Extremitäten der schockweise Ermordeten, besaßen im Dämmerschein der schummrigen Hoffunzel Thrillerqualitäten. Die ganzen Hitchcock-Streifen waren dagegen doch bloßer Scheißdreck. Ich hielt das Massengrab für ziemlich fahrlässig. Unter Umständen hätte ich nach diesem Zusammentreffen auch leicht in der Irrenanstalt enden können. Am nächsten Tag beschwerte ich mich ein bisschen bei der Geschäftsführung über den nächtlichen Schocker und wurde daraufhin gefragt, ob ich Lust hätte, bei ihnen als Aushilfe zu jobben. Als Honorar brachte ich zwei prachtvolle polnische Mastgänse passend zum aktuellen Zeitgeschehen mit nach Hause.

Als Kerstin mir über den Hochschulweg lief, rührte mich der Donner. Eine ätherische Jungfrau wandelte vorüber, ein leibhaftiges Schönheitsideal. Braune Mandelaugen und samtige Pfirsichhaut. Ihre langen kastanienfarbenen Haare umspielten die Figur einer griechischen Schicksalsgöttin. Der Himmel hatte seinen schönsten Engel auf die Erde gesandt. Der ganze Sprachkitsch in meinem Kopf quoll über und alles andere auch. In der Vergangenheit hatte ich den Fehler begangen, mich für Mädchen mit zu hohem Marktwert zu interessieren. Jene Lichtgestalten waren für mich so unerreichbar wie die Voyager kurz vorm interstellaren Raum. Aber gottlob, die Zeiten hatten sich geändert, bei Kerstin hatte ich Fortune. Ich musste von ihr und unserer schicksalhaften Begegnung so geblendet gewesen sein, wie hätte ich sonst auf die Idiotenidee kommen können, sie zum Polterabend meines Cousins Diethelm einzuladen. Gibt es ein Antonym zu Stimmungskanone, dann heißt das Diethelm. Kerstin jedenfalls sagte freudig zu und offenbarte, zu einer ausgelassen-amüsanten Tanzparty hätte sie in jedem Falle große Lust. Zunächst zogen wir zu Fuß quer durch die halbe Stadt und spätestens, als wir das Jubelhaus betraten, hätte ich es besser wissen müssen: Totenstille, wie damals bei meinen dienstverpflichteten Beerdigungsveranstaltungen. Allein, dort war es lebendiger zur Sache gegangen. Da gab es wenigstens, wenn auch nur ab und an, Musikeinlagen. Die fehlten hier ganz und gar. Als wir den Festsaal betraten, entpuppte der sich als das umgeräumte Schlafzimmer künftiger Schwiegereltern. Der kleine Bruder der angehenden Braut wurde gerade auf dem Nachttisch nackt gewaschen. Schlafenszeit! Musik gab’s nicht, Büfett gab’s nicht, Menschen ohne Seniorenpass gab’s nicht. Dafür reichlich alte Tanten, die Eierlikör aus Schokobechern tankten und sich dazu mit einer Salzstange verwöhnten. Dorthin mussten wir uns setzen. Die Party war im vollen Gange. Ich bekam keine Luft mehr, einen trockenen Hals und traute mich nicht, Kerstin anzublicken. Dafür starrte sie Cousin Nummer zwei ohne Unterbrechung an, als litt er unter Wahnvorstellungen und wollte vor Verzückung sterben. Der Bräutigam, diese Milchtüte, schlief seit Stunden irgendwo in einer Ecke. Irgendwann stand Kerstin auf und entschwand für immer.

Die E-Burg war der Treffpunkt für alle angehenden Lehrer und Mediziner. Man war unter sich in uriger Atmosphäre: Bier sowie die hämmernden Bässe der Live-Bands wurden in die niedrigen Kellergewölbe geschleudert. Hier lernte ich Lina kennen. Sie lehnte abseits und allein an der grauen Gemäuerwand, trug lange blonde Haare, Ringelpullover, Jeans und wirkte schüchtern. Als ich Lina nach Hause brachte und wir uns vor ihrer Haustür näher kennenlernten, wurde ausgemacht, dass wir uns wiedersehen. Am Tag darauf stand ich mit meinem Hebammenkoffer und einer Flasche Gothano vor ihrer Wohnungstür. Nachdem sie mir zuerst diese und dann ihre Bluse öffnete, war alles gut. Höchste Zeit, in meiner Rumpelkammer schleunigst alle Plünnen zusammenzupacken und zu Lina umzuräumen.

Johann sah aus wie George Cloony für ganz Arme

Trotz meines Büdchens in der Stadt blieb ich gelisteter Wohnheimkandidat. Mit meinem Kommilitonen Johann, wurde ich in die nahe Hochhauskaserne einquartiert. Er erstattete mir die zehn Mark Miete und hatte sich so ein Einzelzimmer in dieser Beton-Eierkiste eingekauft. Manchmal, an glockenkalten Wintertagen, übernachtete ich lieber dort bei Komfortheizung, Gemeinschaftsdusche und Johann. So lernten wir uns kennen. Johann sah aus wie George Clooney für sehr Arme und war mir zunächst fremd. Unbeirrt artig seitenscheitelgekämmt, glattrasiert, ein bisschen steif, schaukelte an seiner Hand die braune Aktentasche, wenn er zum Studieren ging. Er war der typische Intellektuelle, der als Pfarrerssohn sein bürgerliches Bildungspotential sehr früh aus familiärem Background schöpfen konnte. Auf unlösbare Masterfragen in jedem Wissensgebiet lieferte Johann die Lösung auf der Stelle punktgenau. Ich staunte, wenn er zu jedem noch so unverständlichen Problem eine Lehrvorführung gab, die er locker aus dem Ärmel schüttelte. Waren die Fragen sehr diffizil, verdrehte sich sein linkes Auge bis auf nur noch Weiß gestellt. Mit diesem alarmierenden Silberblick gab Johann unfreiwillig seiner Rede dramaturgisches Gewicht. Ob es sich um die philosophische Feininterpretation eines noch nicht wissenschaftlich aufgearbeiteten Nitzsche-Zitates oder um die chemische Zusammensetzung von sonnengetrocknetem Kamelmist handelte, Johann konnte Antwort geben. Seine fein ziselierten Vorträge waren nie fad, stets schwadronierte er schnurrig pointiert. Ständig las er meterdicke Bücher und kannte alle Werke von Zola. Daraus zitierte er auf Kommando seitenweise ohne anzuhalten, natürlich auswendig und fehlerfrei. Ich war überwältigt von so profunder Gelehrsamkeit und ihm hoffnungslos unterlegen. Johann wurde mein bester Freund für Jahre. Ich nannte ihn fortan Hanno, wie das Hannochen aus den Buddenbrooks. Ich fand, das passt.

Nur einmal jedoch hatte er sich gewaltig überschätzt. Als er nämlich seine Abschlussarbeit ohne gliedernden Entwurf, ohne Kladde und ohne Mentor in die alte Continental-Reiseschreibmaschine seines Vaters klimperte und ohne Korrekturlesen seinem Professor siegessicher übergab. Da jener Druckmaschine die Typen für die Buchstaben „P“ und „F“ fehlten, war Johann gezwungen, sie mit Bleistift nachzutragen. Aber meistens vergaß er, das zu tun. Wenn ich mich recht erinnere, haute der Hochschullehrer jenes Machwerk Johann mehrmals um die sonst so schlauen Ohren. Die Doktorwürde hat er auf jeden Fall erhalten, wenn auch nur von mir.

Wir liebten unsere beiderseitige Gegenwart, weil wir das Pendant des anderen waren. Wenn ich mit losen Sprüchen um mich warf oder Marotten gerade anwesender Zeitgenossen imitierte, ohne dass die davon etwas mitbekamen, lachte er sich krank. So manches Mal nutzte ich mein mimisches Geschick und provozierte mit Absicht Situationen, die Johann peinlich waren und ihn dennoch willkommen unterhielten. Wie damals, als Johann und mir eine „Strafexpedition“ bei unserem kauzigen Pädagogik-Professor Schippon bevorstand. Wir hatten seine sterbenslangweiligen Vorlesungen satt und en gros geschwänzt. Und deshalb wurden wir vom Gelehrten in seine Amtsgemächer beordert. Nach zaghaftem Anklopfen traten die Schuldigen mit gespielter Zerknirschtheit ein und nahmen auf vorderster Stuhlkante Platz wie schüchterne Fräuleins bei der Erstkommunion. Schippon konnte ich großartig parodieren. Schon beim Einmarsch ahmte ich seinen unsicheren Schleicher-Gang nach, der hilfespendende Instinkte weckte. Ich eröffnete und begann mit dem Plädoyer unserer Verteidigung. Dabei äffte ich Schippon in allem nach, stellte jede seiner Gesten und seine Sprachmacken auf Rapport, indem ich wisperte wie er und das offene A wie O mit Unterkiefer nach vorn geschoben aussprach. Unmotiviert betastete ich meine Ohrmuscheln und schnorchelte im Rachen. Genau wie der alte Schippon. Der Herr Professor, vom Geist der Wissenschaft durchdrungen, bemerkte von all den Ungehörigkeiten nichts. Das war die Neuauflage des Filmklassikers mit den drei „F“. Der Gipfel aller Unverfrorenheit war meine wahnwitzige Begründung für unser unentschuldigtes Fehlpensum. Schippon tischte ich nämlich auf, wir müssten unglücklicherweise zu seinen Vorlesungszeiten die örtlichen Hundeausstellungen besuchen, weil wir doch schließlich selbst passionierte Hobbyzüchter wären. Das täte uns auch alles sehr leid, aber die Termine wären als Weiterbildung zu verstehen und für unser Fortkommen im Zuchtverband der Rassehunde unermesslich wichtig. Was man doch wiederum als eine achtungsgebietende, lobenswerte Zielsetzung bewerten müsse. Oder etwa nicht? Als der Herr Professor größtes Verständnis zeigte, haute es Johann und mich fast von der Stuhlkante, auf der wir noch immer linkisch hockten. Nachdem wir draußen auf dem Flur vor Lachen beinahe gestorben wären, hatte ich ihn für alle Zeit als Freund gewonnen.

Hätte ich mir im Leben drei mittellange Sätze am Stück einen halben Tag lang merken können, wäre ich Profi-Mime geworden. Zumindest hätte ich das probiert. Der Zufall hätte mir beinahe den Weg geebnet, als ich während meiner Semesterferien den Schauspieler Kurt Böwe traf. Und das kam so:

Gerade als ich zum Schwimmen gehen wollte, tat es einen Schlag auf dem staubigen Schotterweg vor unserem Wochenendgrundstückchen. Ich machte einen langen Hals und guckte über den brüchigen Lattenzaun. Direkt dahinter erblickte ich einen dicken Mann, der lag im Dreck neben seinem Fahrrad und jammerte. Eigentlich fluchte er, leise und mit wohlklingender, sonorer Stimme. Langsam öffnete ich die Tür und half dem offensichtlich Verunglückten. Als ich lange genug an ihm herumgezerrt hatte und er wieder auf den Beinen stand, erkannte ich den Fremden. Potztausend, das war Kurt Böwe, die Schauspieler-Legende des Ostens. Welch ein Zufall, abends zuvor sah ich ihn in der Hauptrolle in einem DEFA-Schinken und so begrüßte ich ihn mit der Bemerkung, wir hätten uns doch gestern erst gesehen. Er grinste kurz, dann schnappte er wieder angestrengt nach Luft. Der Zonen-Promi trug die räudigsten Klamotten, die man sich nur vorstellen kann. Und die waren nun auch noch voller Staub. Die abgewetzte Cordhose hing traurig auf abgeschnittenen Gummistiefeln und seine löchrige Lederjacke war hinten lang und vorne kurz, wurde so zum lächerlichen Frack. Unter seiner quer gestellten Schiebermütze baumelten drei fettige Lockensträhnen, die hingen ihm ins Gesicht wie tote Ringelnattern. Es fehlte nur noch die Buckelapotheke. Herr Böwe nahm sich aus wie Kaspar Hauser auf ungewisser Urlaubsreise. Der Weg sei wirklich skandalös, meinte Böwe grimmig und hatte Recht, denn ein knietiefes Schlagloch hatte den Künstler arg zu Fall gebracht. Wegen der Tropenhitze und seiner Prominenz lud ich ihn zu einer Verschnaufpause mit Erfrischung ein. Dankend nahm er die Offerte an, sackte rücklings in den Campingstuhl und zischte die eisgekühlte Waldmeisterbrause in einem Zuge weg. Eigentlich wäre er in der Gegend, weil er seinen Freund, Hilmar Thate, in Halle getroffen habe. Nun verbringe er noch ein paar Tage am See, hier wäre er gern. Nachdem sein verbeultes Fahrrad wieder flottgemacht und bereit für neue Abenteuer war, hockte Kurt Böwe in unserem Winzlingswochenendhäuschen am See noch eine ganze Weile. Und erzählte. Über seinen letzten Film, das Theater und sein ramponiertes Rad. Ich fühlte mich geschmeichelt, zumal sich der patente Bühnenkünstler wegen der Schauspielerei für mich verwenden wollte. Das haben wir beide dann aber doch lieber gelassen.

Bei dem studentischen Versuch, ein Märchenstück auf die Bühne unserer Aula zu bringen, fühlte ich mich gleich berufen. Trotz professioneller Anleitung verliefen jegliche Bemühungen im Sande und der Theater-Vorhang der Studentenbühne hob sich nie. Als es noch Proben gab, hatte ich dann und wann mit Doktor Fehest zu tun. Er war eine optische Mischung zwischen Stadler aus der Mupped-Show und Woody Allen aus Hollywood, damit eine absolute Augenweide und der Bringer, wenn es mal nichts zu lachen gab. Fehest war kleinwüchsig, leicht untersetzt und verfügte über eine schneidige Rhetorik. Seine abnorm kantige Glatze, die sich spitz nach oben wölbte, zierte schulterlanges Kranzhaar, das seinen markanten Schädel spielerisch umflorte. Und die Nase, mehr Haken als Riechorgan, wurde an der Spitze durch eine fingerhutgroße Warze eindrucksvoll verziert. Mit unaussprechlich gütigen Augen, die so gar nicht ins Gesamtkonzept passen wollten, blickte Herr Doktor Fehest in die schnöde Welt, weshalb ihn die Aura eines Mahatma Gandhi sanft umgab. Zu alldem trug er tagein, tagaus denselben grauen Anzug ohne irgendwelche Schnickschnack-Accessoires. Fehest, dieses Unikum des kosmischen Universums, hatte etwas zu sagen, denn er war der Kulturattaché des hiesigen Colleges. In dieser Eigenschaft und zu meiner größten Verwunderung fragte er mich zu Mittag in der Mensa, ob ich Neigung hätte, in dem Audi-Max-Walhall eine Fest-Gala zu moderieren. Zaghaft sagte ich zu und bekam ab sofort in seinem beklemmend engen Arbeitszimmer Unterricht im Fach „Showauftritt und Bühnenpräsenz mit Effekt“. Zuerst wurde meiner grobschlächtigen Mundart zielstrebig zu Leibe gerückt. Der aus Böhmen vertriebene Impresario rollte mit seinem ostischen „R“ ein sprachliches Lehrbeispiel nach dem anderen in den Äther. Ich musste repetieren und gegen mein thüringisch-sächsisch-anhaltinisches Dialekt-Gebräu so lange ankämpfen, bis es einigermaßen hoffähig und manierlich klang. „…Der gestrenge Staatsanwalt räusperte sich in seiner rabenschwarzen Robe und stirnrunzelnd verlas er im Verlies resolut sein Referat…“, so in etwa gingen der Übungstext und die Diktion. Häufig ermahnte mich der Maître während der Exkurse, die Lektion mit mehr Ernsthaftigkeit zu betreiben, vor allem, wenn ich das Vorgeführte haargenau so wiedergeben sollte. Wenn der promovierte Bajazzo Vollgas gab, fiel es schwer, die Contenance zu wahren. Am tollsten wurde es, wenn der Zeremonienmeister glaubte, er könne Bühnenmotorik professionell vorexerzieren: Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, wurde Doktor Fehest von einem exzessiven Darstellungsdrang bemächtigt. Dann warf sich der kleine Mann in die Brust, reckte sich nach allen Seiten, drehte das markante Haupt um neunzig Grad und mit einem schmiedeeisernen Lachen schlug er das imaginäre Publikum in seinen Bann. Der magische Kontakt war hergestellt. Und nun begann das Männlein raumgreifend auszuschreiten, startete sein militärisch angelegtes Defilee, als gelte es, Herz und Verstand sämtlicher Staatsoberhäupter dieser Welt mit einem Schlage zu erobern. Mit Pathos bellte er salbungsvolle Begrüßungsworte ins nicht vorhandene Auditorium. Nur für mich als Musterbild. Und schon wieder schmetterte er sein „R“ in den kalten Zigarettenmief, als wäre ihm extra dafür ein zusätzliches Preisgeld von mir versprochen worden. „Meine sehrrrrr verrrehrrrten Damen und Herrrrrren, Magnifizenz, liebe Gäste und Studenten, ich frrrrreue mich, sie hierrrrr an jenem würrrdigen Orrrrrt herrrrrzlich begrrrrrüßen zu dürrrrrfen…“ Seine Sekretärin öffnete langsam die Verbindungstür zu ihrem Schreibsalon und blickte verängstigt zu ihrem Herrn und Meister. Ich war begeistert von seinen Büro-Gastspielen. Aber noch viel mehr belustigt.

Der große Abend kam und ich musste zeigen, was ich beim Maestro gelernt hatte. Die Extrovertiertheit von Doktor Fehest in Wort und Bild hatte ich allerdings nur sehr spärlich dosiert übernommen. Und nach dem festlichen Akt offenbarte mein Kunstmeister, er hätte gestaunt und mir das gar nicht zugetraut. Seit diesem Tage rede ich angstfrei vor Publikum, auch, wenn das viele Erdenbürger sind. Danke, Doktor Fehest.

Meine Vorliebe galt sehr früh der Materie, die man formen kann. Als Kind liebte ich bunte Knete, aus der ich ganze Zootier-Kompanien modellierte. Vor kurzem fand ich die bunte Menagerie wieder. Meine Mutter hatte die Figürchen alle sorgsam in einem Schuhkarton verpackt und auf dem Dachboden verwahrt. Brütend heiße Sommer und eiskalte Winter haben die drollige Versammlung über die Jahrzehnte in einen grauen Klumpen verwandelt… Als die langen Semesterferien begannen und ich in E. blieb, beschlich mich Langeweile und die Idee, ein großartiges Monumentalkunstwerk aus Ton zu schaffen. Unser Musentempel war geschlossen und so verschaffte ich mir durch das Fenster unerlaubten Zutritt. Ich hebelte, drückte, bog und würgte am Rahmen der Einstiegsluke, bis die Scheibe riss. Mit jenem hässlichen Geräusch wurde der illegale Weg zur keramischen Kreativabteilung in der Kellerkatakombe frei gegeben. In mehreren Nachtschichten verbaute ich ganze Gebirge von Klumpen aus Ton. Einen nach dem anderen. Bis schließlich das Meisterwerk, ein kolossales Deko-Nashorn, fertig vor mir stand. Ich hatte Unmengen an irdener Masse und Substanz verbraucht. Nun musste der Urian nur noch trocknen und alle würden mich und mein bildhauerisches Werk lobpreisen. Gestaunt hat allerdings hauptsächlich mein Lehrer, der mich in einem ersten Impuls von der Studienanstalt schmeißen wollte. Schließlich hatte ich den gesamten Vorrat an Modelliermasse aufgebraucht, die mühsam von Hand aufbereitet worden war. Das war eine Knochenarbeit. Die kostbaren Brennhilfen, die ihr Gewicht in Gold wert waren, hatte ich für mein Monstrum als stabilisierendes Knochengerüst missbraucht und so in einer gigantischen Materialschlacht restlos vernichtet. Hätte ich mich nicht reumütig vor den Füßen meines erzürnten Meisters im Tonstaub unserer Keramikwerkstatt gewälzt und wohlwollende Fürsprecher gehabt – eine Exmatrikulation oder wenigstens öffentliches Auspeitschen hätte als Vergeltung für meine Dreistigkeit durchaus herausspringen können. Dass niemand auf den Gedanken kam, mich zu fragen, wie ich denn überhaupt Einlass gefunden hatte, war meine eigentliche Rettung. Das zentnerschwere Nashorn begleitete mich ein halbes Leben als Wohnaccessoire, bis es irgendwann zerfiel.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
431 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783942401807
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