Kitabı oku: «Das Haus in den Dünen»
Ulrich Hefner
Das Haus in den Dünen
Ostfrieslandkrimi

Zum Autor
Ulrich Hefner wurde 1961 in Bad Mergentheim geboren. Er wohnt in Lauda-Königshofen, ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Hefner arbeitet als Polizeibeamter und ist freier Autor und Journalist. Er ist Mitglied in der IGdA (Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren), im DPV (Deutschen Presseverband) und im Syndikat. Weiterhin ist er Gründungsmitglied der Polizei-Poeten. Die Polizei-Poeten veröffentlichten inzwischen vier Bücher, die nicht nur in Polizistenkreisen auf großes Interesse stießen. Neben der Krimiserie um den Ermittler Martin Trevisan, die inzwischen aus sechs Bänden besteht, sind inzwischen auch drei Thriller erschienen, die bereits in mehrere Sprachen übersetzt wurden. www.ulrichhefner.de und www.autorengilde.de.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2020
(Originalausgabe erschienen 2008 im Leda-Verlag)
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer
unter Verwendung eines Fotos von: © DR pics / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6504-8
Widmung
Gewidmet all meinen Kolleginnen und Kollegen,
die mich unterstützen –
insbesondere
dem Polizeirevier Tauberbischofsheim
und der Dienstgruppe »C«.
Das Haus in den Dünen
Hinter den Dünen, weit draußen in der Dunkelheit,
umgeben vom Sand
steht ein einsames Haus,
in der Stille.
Die Schreie verebbten,
im Tosen des Sturms,
hallten unhörbar wider
in der Einsamkeit der
verwundeten Seele.
Spiekeroog, Mai 1981:
Der kühle Wind strich über seine heißen Wangen. In der Ferne flimmerte der glühend rote Horizont und helle Schwaden stiegen dem dunklen Himmel entgegen. Der Geruch von Feuer und Rauch bedeckte das zarte Sanddornaroma und durchsetzte die salzig frische Luft mit einer beißenden Schärfe. Im flackernden Licht tanzten die Gräser auf den Dünen und bogen sich im Wind. Die Kraft des reinigenden Feuers. Er liebte diesen Anblick. Er brachte ihm eine tiefe innere Zufriedenheit. Die gelben Flammen schlugen aus dem riedgrasgedeckten Dach und kleine glühende Flammenteufel tanzten beflügelt von der Hitze in die schwarze Höhe. Das Feuer vertilgte die Schreie der Dämmerung und eine friedliche Ruhe legte sich über den Strand.
Feuer, Wasser, Luft und Erde. Die Elemente allen Daseins. Feuer bedeutete Wärme und Reinheit zugleich. Es war vielleicht nicht das maßgebliche aller Elemente, aber für ihn war es das wichtigste, denn es hatte die Macht, alle Sünden und alle Schuld zu tilgen.
Einst wurden die Hexen der reinigenden Kraft des Feuers übergeben, weil das Böse, das in ihnen wohnte, nur durch die Kraft der Reinheit besiegt werden konnte. Er hatte aufgepasst, als dieses Kapitel in der Schulstunde behandelt wurde. Ein dunkles Kapitel der Kirche, hatte der Lehrer damals gesagt. Aberglaube, übersteigerte Phantasien, Produkte einer unaufgeklärten und mystischen Zeit voller Angst und Misstrauen. Der Lehrer hatte keine Ahnung, er machte sich überhaupt keine Vorstellung von der Macht der Flammen. Waren es nicht Ezechiel und Gabriel, die ein flammendes Schwert mit sich geführt hatten, um gegen die Ausgeburten der Hölle gefeit zu sein?
Prometheus hatte den Menschen einst das Feuer gebracht und damit ihr Leben bereichert. Zeus, der Gott aller Götter, hatte ihn dafür zur Strafe an einen Felsen schmieden lassen. Gefesselt und zu keiner Bewegung fähig ertrug Prometheus sein Schicksal. Nacht um Nacht kamen die Adler vom Olymp und labten sich an seiner Leber, während er sich unter Schmerzen wand. Feuer war eine göttliche Gabe, ein Geschenk an die Menschen, der Opferbereitschaft eines göttlichen Schöpfers der Menschheit zu verdanken, der nun tagaus, tagein für sein Tun leiden muss, bis in alle Ewigkeit. Feuer, Gottes Gabe in jeder Mythologie. Lehrer, was wussten die schon vom Leben.
… denn der Herr, dein Gott, ist ein verzehrendes Feuer …
Er horchte auf. Stimmen, lautes Rufen überlagerte das Knistern der Flammen. Sie kamen über den Dünenweg, doch es war zu spät, sie würden das fressende und wütende Feuer nicht mehr aufhalten können. Krachend stürzte das Dachgebälk in die Mauern. Funken stoben dem Himmel entgegen. Wie ein Feuerwerk erhellten sie den Strand.
Schon huschten die ersten Gestalten durch die sandige Mondlandschaft. Sie hasteten auf das Haus in den Dünen zu, das nur noch ein gleißender Feuerball war.
Er erhob sich, die abendliche Vorstellung hatte ihren Höhepunkt erreicht und es wäre unklug, sich hier draußen erwischen zu lassen. Er stolperte den Dünenabhang hinab und wandte sich in Richtung Osten, während im Hintergrund der Horizont im Feuerschein erglühte.
Jahre später, im Süden …
Die Taschen wogen schwer. Es war Freitag, der Nachmittag war angebrochen und Regenwolken lagen über der Stadt. Früher war sie öfter in die Stadt gegangen, doch in der letzten Zeit empfand sie eine tiefe Müdigkeit und musste sich zwingen, den beschwerlichen Weg auf sich zu nehmen. In einer Stunde würde Veronika in die kleine Dreizimmerwohnung im Osten der Stadt zurückkommen, und Veronika würde hungrig sein. So wie immer, wenn sie nach ihrer harten Arbeit nach Hause kam. Und nach dem Essen würde Veronika auf ihrem Zimmer verschwinden, sich auf das Bett legen und den kleinen Fernseher einschalten. Das hatte sie sich verdient, schließlich ernährte sie die Familie oder das, was von ihr übrig geblieben war.
Paps lag schon seit Jahren in seinem kühlen Grab auf dem Westfriedhof und ruhte sich von einem harten und arbeitsreichen Leben aus. Und Thomas lag nicht weit entfernt davon. Der arme Junge, viel zu früh aus dem Leben gerissen.
Ein Verkehrsunfall, hatte die Polizei damals gesagt. Er war auf gerader Strecke mit seinem Wagen von der Fahrbahn abgekommen und hatte einen Brückenpfeiler gerammt. Der Wagen war in Flammen aufgegangen. Die Polizisten waren in Begleitung eines Pfarrers gekommen und hatten versucht, Trost zu spenden. Und wissen wollen, was für ein Leben Thomas geführt hatte, ob es Probleme gegeben und ob er Tabletten genommen hatte. Unter Tränen hatte sie den Kopf geschüttelt. Es war ihr nicht schwergefallen, überrascht und fassungslos zu wirken. Auch wenn man eigentlich weiß, was geschehen wird, ist es erschütternd, wenn die Vorahnung von der Wirklichkeit eingeholt wird. Denn von diesem Zeitpunkt an ist alles Hoffen und Beten vergebens.
Die Polizisten hatten sich in seinem Zimmer umgeschaut. Ein aufgeräumtes Zimmer. Thomas hatte Schlamperei gehasst und war mit seinen Sachen stets penibel umgegangen. Sie hatten den Brief nicht gefunden, wie auch. Er war längst in der Schublade des Wohnzimmerschrankes verschwunden. Dort lag er noch heute. Sie hatte ihn nie mehr hervorgeholt.
Jetzt waren sie nur noch zu dritt.
Sie überquerte die Fahrbahn und ging den Gehweg der Frankfurter Straße entlang. Die Stofftaschen wogen immer schwerer. Sie atmete tief. Schließlich brachen die Wolken und der Regen ergoss sich über die Stadt. Jetzt hätte sie den Schirm gut gebrauchen können, den ihr Veronika, ihre Tochter, vor einer Woche mitgebracht hatte. Ein Werbegeschenk, hatte sie gesagt. Veronika brachte oft Dinge mit nach Hause, die ihr von einem Vertreter geschenkt worden waren. Die Werbeaufdrucke störten nicht weiter, die Funktionalität stand im Vordergrund. Und wenn es umsonst war, umso besser. So dachte die alte Frau nun mal. Sie gehörte einer Generation an, die noch den Kampf ums Überleben führen musste. Während des Krieges hatte sie oft genug gehungert und wäre froh gewesen, wenn ihr jemand ein Stück Brot zugesteckt hätte. Doch das war ein ganzes Leben her. Ihre Generation starb langsam aus und die jungen Leute von heute wussten nicht, wie es ist, wenn man hungert und wenn man friert.
Sie hatte den leichten Anstieg hinter sich gebracht und ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Bestimmt würde Veronika wieder mit ihr schimpfen, weil sie so viel eingekauft und nun so schwer zu tragen hatte. Trotzdem würde sie sich auch am nächsten Freitag wieder auf den Weg machen. Sie hasste die großen Supermärkte, in denen sich die Menschen zwischen den Regalen anrempelten. Diese Menschentrauben, die sich rücksichtslos durch die Gänge wälzten und lange Schlangen vor den Discounterkassen bildeten. Sie kaufte in dem kleinen Laden unten in der Stadt. Da konnte sie in Ruhe aussuchen und überdies auch noch ein kleines Schwätzchen halten.
Ach, wenn doch Veronika nur einen Mann gefunden, geheiratet und Kinder bekommen hätte, so wie es sich für eine junge Frau gehörte! Dann würde sie jetzt mit den Enkeln spielen können und alles wäre um so vieles einfacher.
Aber zu Hause, im Zimmer, vor dem Fernseher, würde Veronika nie einen Mann finden. Sie bemühte sich ja nicht einmal.
Der Regen nahm zu, doch es war ein warmer und angenehmer Sommerregen, der ihr Kopftuch durchnässte. Zu Hause würde sie sich einen Tee kochen und ihre Haare abtrocknen. Sie hatte noch ein wenig Zeit.
An der nächsten Straßenecke verschnaufte sie eine kurze Weile, ehe sie auf die Straße trat. Plötzlich ertönte ein lautes Hupen. Reifen quietschten. Ihr blieb keine Zeit mehr für den Schreck, noch nicht einmal den Schmerz nahm sie wahr, als ihr Körper unter dem Lastwagen verschwand. Ihr letzter Gedanke galt Lucia, ihrer weiteren Tochter. Dann überkam sie eine tiefe Schwärze.
*
»Sie musste nicht leiden, sie war sofort tot«, sagte der Polizist und bemühte sich, seiner Stimme ein gehöriges Maß an Anteilnahme zu verleihen. Fassungslos blickte Veronika auf das Foto des Ausweises, der vor ihr auf dem Tisch lag.
»Wir könnten einen Pfarrer …«
»Nein!«, wehrte Veronika vehement ab. »Ich brauche niemand.«
Sie hatte keine Tränen. Sie wusste, dass sie nüchtern und gefasst wirkte, wenngleich sie innerlich auch zitterte und bebte.
Und dabei hätte ihre Mutter gar nicht in die Stadt zum Einkaufen gehen müssen. Wie oft hatte sie ihr schon gesagt, dass sie warten sollte. Der nächste Supermarkt war nicht einmal fünf Fahrminuten von der Wohnung entfernt.
»Ich werde Sie jetzt alleine lassen«, sagte der Polizist. »Soll ich wirklich niemand rufen lassen? Verwandte, Bekannte, einen Arzt?«
Veronika schüttelte den Kopf. Der Polizist erhob sich und legte eine Visitenkarte auf den Tisch. »Falls Sie noch Fragen haben.«
Sie versuchte ein Lächeln, das ihr jedoch gründlich misslang.
Nachdem der Polizist gegangen war, verließ auch sie die Wohnung. Das leise Stöhnen aus dem Zimmer neben dem Bad nahm sie dabei nicht wahr.
Mit einer Taschenlampe bewaffnet ging sie in den Keller hinunter. Ein modriger Geruch schlug ihr entgegen, als sie die Tür öffnete. Das schummrige Licht erhellte den in mehrere Parzellen unterteilten Raum nur unzulänglich. Die Holzgittertüren waren mit Bügelschlössern gesichert, die Verschläge vollgepfropft mit allerlei Kram aus dem Leben der Hausbewohner. Spielsachen aus der Kindheit, Fotoalben aus der Jugendzeit, Liebesbriefe längst vergessener Verehrer, Tagebücher mit all den Hochs und Tiefs einer rastlosen und längst vergangenen Zeit. Dinge, die nicht mehr gebraucht wurden, die zu Geschichte geworden waren, zu wertvoll, um sie einfach wegzuwerfen.
Vor der Holzgittertür mit der Nummer 4 blieb sie stehen. Sie öffnete das Bügelschloss. Knarrend und ächzend schwang die Tür auf. Es war Jahre her, dass sie das letzte Mal hier unten gewesen war. Staub bedeckte die Regale. Das Licht blieb draußen zurück. Im Schein der Taschenlampe suchte sie den Verschlag ab. Im Lichtkegel erschienen zwei Kartons, einer schmutzig weiß, der andere rot wie Blut. Veronika schob den Deckel des roten auf. Sie musste eine Weile im Karton suchen, ehe ihr das kleine lederne Buch mit dem rot eingefassten Buchrücken in die Hände fiel.
Der Staub der Vergangenheit war bis in die feinsten Ritzen vorgedrungen, sogar das kleine Tagebuch war nicht davon verschont geblieben.
1
Wilhelmshaven, 22. August 2000:
Dichter weißer Qualm stieg in den blauen Morgenhimmel über dem Südwestkai. Die letzten Flammen verendeten in einem Schwall aus Wasser und Gischt. Nach vier Stunden war der Brand gelöscht, der die Feuerwehrmänner in Atem gehalten hatte. Es war fünf Uhr und bald würde auch abseits des Hafens, wo die Menschen in dieser Nacht keine Ruhe hatten finden können, die Stadt wieder zum Leben erwachen. Monika Sander warf ihrem Kollegen Dietmar einen erleichterten Blick zu und griff nach ihrer Schreibkladde, die sie auf die Motorhaube des Dienstwagens gelegt hatte.
»Hast du Kleinschmidt irgendwo gesehen?«, fragte sie und schlenderte gemächlich in Richtung der qualmenden Ruine.
»Wir werden entsetzlich stinken.« Dietmar Petermann zupfte ein Stück verkohlter Asche von seiner hellen Jacke.
Ein Feuerwehrmann in orangeroter Schutzjacke kam zielstrebig auf sie zu. Die Eins auf der Vorderseite seines Helms zeigte an, dass es sich um den Kommandanten handelte. Sein Gesicht war rußgeschwärzt.
»Sie können jetzt ran«, krächzte er. »Aber nicht zu nah, es ist stellenweise noch verdammt heiß.«
Monika umrundete die Feuerwehrwagen, stieg über die am Boden verlegten Schläuche und blieb schließlich bei einer Gruppe Feuerwehrmänner stehen. Dietmar folgte ihr und rümpfte die Nase. Nicht weit von den Männern entfernt lag ein schwarzes Tuch über den Boden ausgebreitet. Darunter waren die Konturen eines menschlichen Körpers zu erkennen.
»Monika!«
Sie wandte sich um und sah Martin Trevisan zusammen mit Till Schreier hinter dem Tanklöschwagen auftauchen. »Was ist hier passiert?«, fragte er atemlos.
Trevisan machte einen verschlafenen Eindruck. Sein Gesicht war zerknittert und die Haare hingen ihm wirr in die Stirn. Er war erst vor zwei Tagen aus dem Urlaub zurückgekehrt. Ein Urlaub, den er sich redlich verdient hatte, nachdem er einem Serienmörder das Handwerk legen konnte. Und prompt lag schon der nächste Fall auf dem Schreibtisch.
»Ein toter Mann.« Monika Sander wies in Richtung der schwarzen Plastikplane. »Wahrscheinlich ein Landstreicher, der sich die alte Lagerhalle als Übernachtungsmöglichkeit ausgesucht hat. Ist kein schöner Anblick mehr.«
»Habt ihr seinen Namen?«
»Wir fanden einen angekohlten Rucksack, in dem Papiere steckten. Alles deutet darauf hin, dass es sich um Brandstiftung handelt. Wir warten noch auf Kleinschmidt.«
»Brandstiftung?«, murmelte Trevisan.
»Es sieht so aus, als ob der Feuerteufel wieder zugeschlagen hat«, antwortete Monika Sander. »Zumindest trägt der Brand seine Handschrift. Beck meint, das es jetzt unser Fall ist.«
Sie reichte Trevisan eine Plastiktüte aus ihrer Schreibkladde, in der ein Bogen Papier steckte.
Trevisan las den Spruch, der auf dem Bogen stand: »Der Unreine aber, auf dem sich alles Übel zeigt, soll verbrannt werden, denn es ist ein bösartiger Aussatz, den er trägt, als Zeichen seiner Ruchlosigkeit!«
»Das lag mit einem Stein beschwert auf dem Feldweg, der zum Gebäude führt. Feuerwehrmänner haben es gefunden.«
»Der Feuerteufel?«
»Der Feuerteufel vom Wangerland«, bestätigte Monika. »Das ist bereits Brand Nummer elf. Und immer lässt er ein Bibelzitat zurück. Das geht schon seit Juli so, aber in Griechenland hast du davon wohl nichts mitgekriegt.«
Kleinschmidt schob sich wortlos durch die kleine Gruppe der Feuerwehrleute und kniete neben dem Toten nieder. Er warf einen Blick unter die Leichendecke und schaute griesgrämig drein, als er sich wieder erhob. »Das gibt wieder mal eine ganz besondere Leichenidentifizierung«, murmelte er.
»Über die Fingerabdrücke müsste etwas zu machen sein«, erwiderte Monika Sander. »Wir haben einen Ausweis gefunden. Demnach heißt der Tote Jens Baschwitz und ist schon mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten. Seine Fingerabdrücke müssten gespeichert sein. Ein Wohnsitzloser, der sich mit Diebereien über Wasser hielt. Wahrscheinlich ein Zufallsopfer. Hat sich den falschen Platz zum Übernachten ausgesucht.«
Kleinschmidt füllte seine Pfeife mit Tabak. »Dann können wir froh sein, dass die Feuerwehr schnell genug war, um zu verhindern, dass auch noch seine rechte Hand verkohlte. Aber mit Spuren kann ich dir leider nicht dienen. Da ist nichts mehr übrig, wenn fünfzig Mann durch das Gelände stapfen.«
»Für heute reicht mir schon, wenn du mir definitiv sagen kannst, dass der Tote wirklich Jens Baschwitz ist«, sagte Trevisan. »Ich muss mich erst einmal in die Akten einlesen. Bei elf Brandstiftungen wird doch wohl ein Ansatzpunkt für uns hängengeblieben sein. Und was soll das mit diesen Bibelzitaten?«
»Das ist jetzt das fünfte Mal in den letzten vier Wochen, dass ich mitten in der Nacht zu einem Brand gerufen werde«, klagte Kleinschmidt. »Wir haben jedes Mal die gesamte Umgebung abgesucht, aber nie einen Hinweis gefunden, den wir dem Täter zuordnen können. Außer den Zitaten aus dem Alten Testament. Er schreibt sie auf DIN-A5-Format und schweißt sie in Folie ein. Er sucht sich einsame Gebäude aus, die leicht entflammbar sind. Legt an allen Ecken Feuer und verwendet Benzin als Brandbeschleuniger. Mehr wissen wir bislang nicht. Es ist das erste Mal, dass es eine Leiche gab. Aber rede mit Schneider, der wird gottfroh sein, wenn er den Fall endlich vom Tisch hat.«
Trevisan seufzte. »Wieder so ein Spinner, der im Namen des Herrn einen heiligen Auftrag erfüllt. Nimmt das denn überhaupt kein Ende?«
»Schaut euch doch nur einmal draußen in der Welt um«, antwortete Dietmar Petermann. »Die heutige Generation hat längst den Blick für die Mitmenschen verloren. Sie vergraben sich in ihren dunklen Kammern und sind nur noch fähig, über den Cyberspace miteinander zu kommunizieren. Sie schlüpfen in ihre programmierten Heldenrollen und mischen das ganze Universum auf, aber außerhalb ihrer künstlichen Welt sind sie hilflos wie kleine Kinder. Sie sind nicht einmal mehr in der Lage, einen einfachen Satz zu formulieren, geschweige denn Kontakte herzustellen und zu pflegen. Die Welt wird ärmer und die Menschen immer schwachsinniger. Kein Wunder, dass es immer mehr Idioten gibt, die ein Computerprogramm nicht mehr von der realen Welt unterscheiden können.«
Schweigend blickte Trevisan auf den Leichnam. Wenn es auch nicht oft geschah: Manchmal traf sogar Dietmar den Nagel auf den Kopf.
Kleinschmidt entzündete seine Pfeife und blies den Rauch in den Morgenhimmel. »Ich mach mich jetzt an die Arbeit, die Gerichtsmedizin ist verständigt. Ich fahre dann gleich rüber, damit wir die Identifizierung so schnell wie möglich vornehmen können. Ich lasse Hanselmann hier. Er soll sich ein wenig umsehen, wenn die Feuerwehr das Feld geräumt hat.«
Trevisan nickte. Er ließ Kleinschmidt mit der Leiche zurück und machte sich auf die Suche nach Till Schreier, der den Feuerwehrmann vernahm, der die Leiche aus dem brennenden Schuppen geborgen hatte.
Jetzt war Trevisan gerade mal seit einem Tag wieder im Dienst und schon wartete wieder ein Serientäter auf ihn. Der Fall des Wangerlandmörders war vor ein paar Wochen erst abgeschlossen worden, und jetzt hatte Trevisan das Gefühl, das ganze Spiel ging von vorne los. Wie fing man einen Brandstifter?
»Hey, Martin!«, riss ihn Till aus den Gedanken. »Ich suche nach dir. Dietmar hat einen Zeitungsausträger ausfindig gemacht, der kurz vor Brandausbruch einen Wagen über die Jachmannbrücke davonbrausen sah. Er vernimmt ihn gerade.«
Hoffnung keimte in Trevisan auf. Sollte es doch einen Ansatzpunkt geben?
*
Er stand auf der Kaiser-Wilhelm-Brücke und beobachtete aus sicherer Entfernung die Szenerie. Die zuckenden Blaulichter der Feuerwehrwagen spiegelten sich im Lack des großen, weißen Frachters, der am Südwestkai festgemacht hatte. Am Horizont durchbrach die Sonne allmählich die weißen Schwaden, die der Wind dorthin blies, wo die hohen Kräne am Kai ihre Hälse dem Himmel entgegenreckten.
Seine Gefühle waren zweigeteilt. Auf der einen Seite eine tiefe Zufriedenheit, auf der anderen Seite war er schockiert. Es hatte einen Toten gegeben.
Die anderen Schaulustigen, die über das Geländer gelehnt gebannt das Treiben am Kai beobachteten, schienen noch nicht genug Sensation eingesaugt zu haben. Ihm jedoch reichte diese Prise Nervenkitzel für den heutigen Tag. Die Männer in ihren orangeroten Jacken, mit ihren feuerfesten Handschuhen und den cremefarbenen Helmen auf ihren Häuptern hatten die Schlacht gegen das Feuer verloren. Von dem alten Lagerschuppen war nicht viel mehr als die Grundmauern übrig geblieben. Die verzehrende Kraft des Feuers. Er wandte sich ab und humpelte in Richtung des Fliegerdamms davon.
*
Sie hatten sich wie immer nach der Tatortarbeit im Konferenzraum der Dienststelle versammelt. Monika kochte Kaffee, während Dietmar seine Jacke mit einem Deodorant besprühte.
»Muss das sein?« Till Schreier hielt sich die Nase zu. »Hier stinkt es schlimmer als in einem Puff.«
»Ich finde es toll, wenn sich der Duft von Frühlingsblumen mit dem Aroma von frischem Hochlandkaffee und dem Gestank von verkohlten Holzbalken mischt«, unkte Monika. »Es hat so etwas Exotisches.«
Trevisan war in die Akte vertieft, die Schneider vom 3. Fachkommissariat kommentarlos in seinem Büro hinterlassen hatte. Kleinschmidt hatte recht behalten, den Kollegen vom 3. konnte es gar nicht schnell genug gehen, sie wollten die Akte vom Schreibtisch haben. Der Grund dafür war offensichtlich: Bislang gab es keinerlei Ansatzpunkte. Elf Brände waren gelegt worden, den heutigen eingeschlossen. Meist war nur Sachschaden an leerstehenden oder abbruchreifen Gebäuden entstanden. Die Serie hatte am 26. Juli draußen in Voslapp begonnen, an der Deponie war ein alter Lagerschuppen angezündet worden. Der oder die Täter hatten Benzin als Brandbeschleuniger benutzt und an allen vier Seiten des Gebäudes Feuer gelegt. Offenbar um sicherzugehen, war zusätzlich ein Molotowcocktail durch ein eingeschlagenes Fenster geworfen worden.
Am aufgeschnittenen Zaun, der zu dem abgebrannten Schuppen in Voslapp führte, hatte der erste laminierte Bibelspruch gehangen: … er vertrieb den Menschen und stellte östlich des Gartens von Eden die Cherubim auf und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten …
Ein Spruch aus der Schöpfungsgeschichte, Genesis 3, der Fall des Menschen, nachdem Gott Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben hatte. Doch welcher Sinn steckte dahinter? Gab es überhaupt einen Sinn? Oder ging es nur darum, ein Feuer zu entfachen? War hier ein verrückter Pyromane am Werk, der sich an der Hitze der Flammen labte, oder übte der Brandleger eine ganz eigentümliche Art der Rache?
Till Schreier überflog eine Auflistung der Taten. »Am 26. Juli in Voslapp, drei Tage später der Schuppen am Kanalhafen. Am 2. August zündet er eine Garage in Coldewei an, dann sind sieben Tage Pause, bevor in Wehlens eine Scheune brennt. Am 12. in Breddewarden, am 14. eine Lagerhalle am Friesendamm, am 16. August ein Schuppen in Westerhausen, zwei Tage später ein leerstehendes Wohnhaus in Schaar, einen Tag darauf die Lagerhalle im Industriegebiet West, vor zwei Tagen eine Gartenlaube in Roffhausen und heute Morgen der Schuppen am Südwestkai. Der Junge ist ganz schön aktiv.«
»Ein Junge?«, fragte Trevisan.
»Na ja«, antwortete Till Schreier. »Zumindest glaube ich, dass es ein Einzeltäter ist. Kein politisches Motiv, keine wirtschaftlichen Interessen, offenbar eine rein willkürliche Vorgehensweise ohne System. Keine Hinweise, außer Bibelzitate, die sich mit dem heiligen Feuer beschäftigen. Entweder will er Feuer sehen oder es gefällt ihm, wenn die großen, roten Feuerwehrautos mit Blaulicht und Signalhorn durch die Gegend brausen.«
»In den Akten vom FK 3 ist ein Gutachten eines Brandsachverständigen«, sagte Trevisan. »Der attestiert unserem Feuerteufel ein großes Maß an Insiderwissen.«
»So ein Blödsinn«, antwortete Dietmar. »Man gießt Benzin aus und zündet es an. Und schon hat man einen Brand.«
»Da irrst du dich gewaltig«, konterte Till. »Wir hatten damals bei der Freiwillen Feuerwehr einen Lehrgang über die Brandausbreitung. Es ist gar nicht einfach, ein Gebäude so anzustecken, dass am Ende nichts mehr davon übrig bleibt. Außer den Grundmauern natürlich.«
»Du warst bei der Feuerwehr?!«, warf Dietmar hämisch ein.
Monika Sander schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. »Wusstet ihr eigentlich, dass in fast fünfundfünfzig Prozent aller Brandstiftungen der Täter ein Feuerwehrmann ist?«
»Dann sollten wir den Jungs vielleicht mal auf den Zahn fühlen«, antwortete Dietmar und wandte sich Till zu. »Und mit dir haben wir schon unseren ersten Verdächtigen.«
»Weißt du, wie viele Feuerwehrleute es in Wilhelmshaven und der Umgebung gibt?«, fragte Monika.
»Wieso Wilhelmshaven?«, entgegnete Trevisan. »Auch in Wehlens, in Westerhausen und in Roffhausen hat es gebrannt.«
»Mittwoch, Samstag, Mittwoch, Mittwoch, Samstag, Montag, Mittwoch, Freitag, Samstag, Sonntag und Dienstag«, las Till laut von der Auflistung ab. »Er hat bislang an jedem Wochentag zugeschlagen. Das heißt, er hat eine Menge Zeit.«
»Und er ist aus dieser Gegend und kennt sich gut hier aus«, bestätigte Trevisan. »Die Zeiten des Brandausbruchs sind ebenso unregelmäßig. Sie liegen sowohl vor Mitternacht als auch danach. Wie lässt sich das mit einem Job vereinbaren?«
Dietmar war mit der Reinigung seiner Jacke am Ende und hängte sie vor ein offenes Fenster. »Der Zeitungsausträger hat einen dunklen Kleinwagen beobachtet, der kurz nach drei Uhr die Jachmannstraße in Richtung Ebertstraße davongerast ist. Zu diesem Zeitpunkt ist ihm aber nichts Besonderes aufgefallen. Der Brand wurde erst eine halbe Stunde später von einem Hafenarbeiter entdeckt, der zur Schicht gefahren ist. Der Wagen könnte also mit der Sache in Verbindung stehen, muss aber nicht.«
»Noch etwas?«, fragte Trevisan.
»Er kann keine nähere Beschreibung abgeben«, antwortete Dietmar. »Es kam ihm bloß ungewöhnlich vor, weil der Wagen sehr schnell fuhr und mit quietschenden Reifen abgebogen ist. So als wäre der Fahrer auf der Flucht.«
»Weiß inzwischen jemand, woher das heutige Zitat stammt?«, fragte Trevisan.
»Na, aus der Bibel«, antwortete Dietmar ernsthaft.
»Danke, da wäre ich alleine nicht draufgekommen«, entgegnete Trevisan sauer.
»Es ist ein Spruch aus dem Alten Testament«, erklärte Monika Sander. »Genauer gesagt aus dem Levitikus, dem dritten Buch Mose, Vers 13.«
»Levitikus? Ist das nicht das Kapitel, in dem es um Regeln für den Umgang mit Gott geht?«
»Das muss aber nichts bedeuten«, mischte sich Till Schreier ein. »Die anderen Sprüche findet man in anderen Teilen der Bibel, egal ob in der Genesis oder im Buch Exodus. Es sind einfach nur Zitate aus dem Alten Testament. Ich glaube nicht, dass ein tieferer Sinn dahintersteht, sie sind wahllos ausgesucht.«
»Ich hoffe, dass du damit recht behältst und er nicht mittlerweile der Auffassung ist, dass zu Opfergaben aus Holz und Kunststoff auch Fleisch und Blut gehören.«
Trevisan erhob sich und trat vor die große Tafel an der Stirnseite des Tisches. Er nahm Kreide und schrieb Feuerwehrmann, möglicherweise arbeitslos, Religion, Bibelsprüche, Pyromane, aus der Gegend, dunkler Kleinwagen auf den grünen Untergrund. Bevor er fertig war, wurde die Tür zum Konferenzraum geöffnet und ein junges, blasses Mädchen mit einem langen blonden Zopf trat schüchtern ein. Trevisan warf ihr einen überraschten Blick zu.
»Hallo, Anne«, begrüßte Monika sie. »Wir sind schon mitten in der Arbeit.«
Ihr leises »Guten Morgen« ging im Gemurmel unter.
Monika wies auf Trevisan. »Das ist übrigens unser Chef. Martin Trevisan.«
Das Mädchen reichte ihm die Hand.
»Anne Jensen ist uns seit dem 1. August als Praktikantin zugeteilt«, erklärte Monika. »Sie kommt übrigens aus Sande, so wie du.«
Trevisan musterte das Mädchen. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor. »So, Praktikantin«, wiederholte er. »Das ist gar nicht schlecht, dann sind wir schon zu fünft im 1. FK. Wir können jede Hilfe gebrauchen. Heute Nacht ist ein Lagerschuppen am Südwestkai abgebrannt. Ein Wohnsitzloser ist dabei ums Leben gekommen. Es war offensichtlich Brandstiftung. Das heißt, wir haben es mit einem Verbrechen zu tun, vielleicht sogar mit Mord.«
»Mord?«, mischte sich Dietmar ein. »Wie kommst du auf Mord, dafür gibt es doch überhaupt keine Anhaltspunkte?«
Trevisan lächelte. »Haben wir seit dem letzten Fall nicht beschlossen, erst einmal offen an die Sache heranzugehen und uns nicht wieder frühzeitig festzulegen? Wir können nicht ausschließen, dass dieser Baschwitz Opfer eines gezielten Mordanschlages wurde. Vielleicht reichte es dem Brandstifter nicht mehr, nur Häuser brennen zu sehen, oder es gab einen Streit unter Pennbrüdern. Und es ist auch gar nicht so abwegig, den Brandstifter vielleicht sogar in diesem Milieu zu vermuten. Die Brandorte liegen in der Einsamkeit und kämen alle auch als Übernachtungsplätze für Wohnsitzlose in Betracht.«
Dietmar schüttelte den Kopf. »Ein Penner fährt aber keinen Kleinwagen.«
»Der Kleinwagen muss nicht mit dem Fall in Verbindung stehen«, konterte Trevisan. »Dazu gibt es bislang noch keine ausreichenden Indizien.«
»Trevisan hat recht«, bestätigte Monika Sander. »Also, wie gehen wir vor?«
Trevisan wies auf einen freien Stuhl und wartete, bis sich Anne gesetzt hatte. »Ich werde mich um die Obduktion und zusammen mit Kleinschmidt um die Identifizierung kümmern. Dietmar und Till nehmen sich den Lebenslauf des Toten vor, vielleicht ergeben sich daraus irgendwelche Anhaltspunkte. Und du überprüfst mit Anne die Feuerwehrmänner.«
»Das hat Schneider auch schon gemacht«, wandte Monika ein.
»Aber nur hier in Wilhelmshaven«, widersprach Trevisan. »Es gibt noch mehr Wehren. Vor allem die Freiwilligen. Wir suchen einen Mann, zwischen achtzehn und vierzig Jahren alt, der zurzeit keinen Job hat und möglicherweise einen dunklen Kleinwagen fährt.«
»Und wo soll ich anfangen?«
»Die Stadtverwaltungen haben doch Listen. Du wirst eben die Computer befragen müssen. Ich helfe euch, sobald wir definitiv wissen, wer der Tote ist und wie er starb.«
*
Und er ließ seinen Sohn durchs Feuer gehen und achtete auf Vogelschreie und Zeichen und hielt Geisterbeschwörer und Zeichendeuter; so tat er viel von dem, was dem Herrn missfiel, um ihn zu erzürnen …
Als er in Richtung des Bontekais schlenderte, dachte er daran, wie die Männer in orangeroten Overalls die Leiche aus dem brennenden Gebäude getragen hatten. Ihn beschlich ein eigenartiges Gefühl, ein flaues und gleichzeitig befriedigtes, ein abstoßendes und zugleich prickelndes, ein erschreckendes und am Ende doch berauschendes Gefühl. Es war lange her, dass er zum letzten Mal dieses unheimliche Kribbeln in der Magengegend empfunden hatte – Jahrzehnte schon. Die reinigende Kraft des Feuers, so wie es geschrieben stand, im großen Buch der Vermächtnisse, von dem ihm Josef so viel erzählt hatte.
Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz und wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Ihre Glut ist feurig und eine Flamme des Herrn …
2
Trevisan nahm den Weg über die Ebertstraße zum Rechtsmedizinischen Institut. Kleinschmidt war schon bei der Arbeit, hatte Fingerabdrücke von der rechten Hand der Leiche abgenommen, sie digitalisiert und das automatische Vergleichsprogramm am Computer gestartet. Spätestens bis zum nächsten Morgen würde das Ergebnis vorliegen. Vorausgesetzt, es lagen identische Prints des Toten im Zentralcomputer des BKA vor. Doktor Mühlbauer, der Chefpathologe, hatte die Obduktion für den Mittag angesetzt. Obwohl ihm bereits der Magen knurrte, ließ Trevisan das Mittagessen ausfallen. Eine Leichenöffnung führte bei ihm immer noch zu einem lästigen Magendruck. Es gab Dinge, an die würde er sich nie gewöhnen.
Das rote Backsteingebäude lag im gleißend hellen Sonnenschein eines herrlichen Sommertages. Ein nahezu wolkenloser Himmel und Temperaturen um die dreißig Grad brachten selbst Trevisan, der gerade aus seinem Urlaub im heißen Griechenland zurückgekehrt war, ins Schwitzen. Nach einem stürmischen und verregneten Frühling war der Sommer nun doch noch ins Wangerland eingekehrt. Trevisan ließ seine dunkle Stoffjacke im Wagen zurück und ging den von Büschen und Sträuchern gesäumten Fußweg entlang.
»Ach, wenn das nicht unser Stammgast der letzten Monate ist«, begrüßte ihn Doktor Mühlbauer, der neben dem Eingang auf einem Gartenstuhl Platz genommen hatte und sein Gesicht der Sonne zuwandte. »Setzen Sie sich ein paar Minuten zu mir und erfreuen Sie sich am Sonnenschein. Ich habe noch zehn Minuten Mittagspause. Vielleicht bekomme ich etwas Farbe, bevor ich mich wieder in meinen dunklen Keller begebe. Waren Sie nicht in Urlaub?«
»In Griechenland, drei Wochen. War eine tolle Zeit. Und vor allem gab es keine Leichen.«
»Ah, Griechenland. Athen, Akropolis, die Ägäis, Kreta, auf den Spuren der Antike«, stöhnte Doktor Mühlbauer. »Da war ich vor zwei Jahren. In diesem Jahr will meine Familie nach Polen.«
»Polen?«, erwiderte Trevisan erstaunt. »Warum Polen?«
»Die Wurzeln der Familie meiner Frau liegen in Masuren. Vor ein paar Monaten lief darüber ein Filmbericht im Fernsehen, jetzt hat sich meine Frau in den Kopf gesetzt, auf den Spuren ihrer Vorfahren zu wandeln. Ausgerechnet jetzt, wo ich den Segelschein gemacht habe.«
Trevisan lächelte. »Und Sie können ihr das nicht ausreden?«
Doktor Mühlbauer erhob sich. »Frauen …!«, bemerkte er abfällig.
Trevisan fröstelte. Der lange, gekachelte Flur, der zu den Obduktionsräumen führte, war ausgefüllt von grellem Neonlicht. Er bemerkte eine Veränderung: Zwei überdimensionale Bilder zierten jetzt die Wand. Abstrakte Kunst in blau-rotem Farbengewirr.
»Hat mir meine Tochter geschenkt«, erklärte der Chefpathologe. »Sie studiert Kunst. Sie meinte, ich solle mir die Schinken in mein Büro hängen. Aber ich denke, hier unten sind sie besser aufgehoben. Und die Toten stören sich nicht daran.«
»Und was sagt Ihre Tochter dazu?«
Mühlbauer zog grinsend den Schlüssel aus seiner Hosentasche. »Gott behüte, wenn sie es erfährt. Aber da kann ich ganz beruhigt sein. Das hier wäre der letzte Ort, an dem sie auftauchen würde. Sie kann nämlich kein Blut sehen.«
Als Trevisan den dunklen Sezierraum betrat, spürte er wieder das beklemmende Gefühl in seiner Magengegend, das ihn von jeher in diesen Räumen begleitete. Vielleicht war es wie das Lampenfieber, vor dem auch erfahrene Schauspieler nach der hundertsten Aufführung nicht gefeit waren. Richtig mulmig wurde es Trevisan erst, als Doktor Mühlbauer in voller Montur im Sezierraum auftauchte und das weiße Laken zurückschlug, unter dem der Tote auf dem Seziertisch lag.
»Viel ist nicht mehr übrig.« Der Doktor betrachtete die Leiche. »Kopf, Oberkörper und die linke Körperhälfte sind verkohlt. Er war offenbar starker Hitze ausgesetzt. Die rechte Körperhälfte ab dem Musculus rectus abdominis ist bis zur Fußspitze angeschwärzt, aber weitestgehend erhalten. Und, für die Polizei sehr hilfreich, auch der rechte Arm weist nur leichte Verbrennungen auf. Wenn Sie mich fragen, dann ist er unter einen brennenden Balken geraten und wurde eingeklemmt.«
»Wir müssen wissen, wodurch er starb«, erklärte Trevisan. »Vielleicht wurde der Brand zur Verschleierung der wahren Todesursache gelegt.«
»Dann wollen wir einmal in die Materie vordringen.« Der Chefpathologe griff zur Säge.
»Es macht Ihnen wohl nichts aus, wenn ich mich da drüben auf einen Stuhl setze.«
Doktor Mühlbauer schüttelte den Kopf. »Wo die Toiletten sind, brauche ich ja nicht zu sagen.«
Die Autopsie dauerte über eine Stunde. Trevisan vermied allzu tiefe Atemzüge, der Geruch wurde beinahe unerträglich. Als Doktor Mühlbauer die Handschuhe abstreifte, erhob sich Trevisan und eilte zur Tür. »Ich warte draußen.«
»Ja, ja, gehen Sie nur. Ich komme gleich nach. Genießen wir noch etwas die Sonne und befreien wir uns von dem Geruch.«
Als Trevisan durch die gläserne Schwingtür hinaus ins Tageslicht trat, atmete er erst einmal tief durch. Er setzte sich auf einen der Gartenstühle neben dem Treppenaufgang und wartete. Es dauerte nicht lange, bis sich Doktor Mühlbauer mit einem Seufzer auf dem freien Stuhl niederließ.
»Zu neunundneunzig Prozent ein Opfer der Flammen und des Rauches«, sagte er. »Rauchgasvergiftung, Ohnmacht, Verbrennungen, das war der Gang der Dinge. Zwar müssen wir noch auf das toxikologische Gutachten warten, aber es würde mich wundern, wenn sich da eine andere Diagnose einstellt. Nein, Trevisan, Sie können davon ausgehen, dass der Tote ein klassisches Brandopfer ist.«
»Eigentlich habe ich das nicht anders erwartet«, murmelte Trevisan.
»Tut mir leid, dass ich keinen anderen Befund liefern kann«, entschuldigte sich Doktor Mühlbauer. »Ein Projektil oder so etwas hätte vielleicht ein wertvoller Hinweis sein können. In diesem Fall: Fehlanzeige.«
Trevisan seufzte. Es gab neben all den Zufällen und den möglichen Zeugenbeobachtungen im Prinzip zwei Schlüssel zur Lösung eines Falles. Der eine führte über das Opfer selbst, seine Persönlichkeit, seine Geschichte und seine Beziehungen. Der zweite Schlüssel führte über die Tat. Über die Art und Weise der Begehung, über die Vorgehensweise des Täters und über Spuren, die der Täter hinterlassen hatte. Im Fall Baschwitz gab es keine verwertbaren Spuren. Trevisan wusste, dass viel Arbeit vor ihm und seinem Team lag.
*
Monika Sander war der Verzweiflung nahe. Sie saß zusammen mit Anne Jensen im Verwaltungsbüro der Stadtverwaltung.
»Wir haben die Freiwilligen Wehren aus den einzelnen Stadtteilen«, sagte der Sachbearbeiter, »dann kommen da noch die Hafenfeuerwehr und einige Werksfeuerwehren hinzu. Weiterhin müssen wir unterscheiden zwischen Mitgliedern und aktiven Wehrmännern. Und vergessen Sie nicht, in den umliegenden Gemeinden sind ebenfalls Frauen und Männer in freiwilligen Verbänden organisiert. Natürlich können wir Ihnen die Listen für Wilhelmshaven besorgen, aber das wird eine Weile dauern. Um die Betriebsfeuerwehren und die Hafenwehr, die Bundeswehreinheiten, die sich mit Brandbekämpfung beschäftigen, und die Freiwilligen Feuerwehren der Umlandgemeinden müssen Sie sich selbst kümmern, da kann ich leider nicht behilflich sein.«
»Was glauben Sie, wie viele Personen kommen da zusammen?«, fragte Monika.
Der Sachbearbeiter wiegte zögernd den Kopf. »Grob 350 Mann bei den Aktiven, und etwa tausend sonstige Mitglieder. Musikkapellen, Fördervereine, und so weiter. Aus dem Umland, damit meine ich den engen Kreis, kommen wohl noch einmal 250 Mann hinzu. Wenn Sie alle überprüfen müssen, dann haben Sie eine Menge Arbeit vor sich.«
Monika Sander zog ihre Stirn kraus. Mit dieser ungeheuren Zahl hatte sie nicht gerechnet. »Bis wann können Sie mir eine Liste für Wilhelmshaven zusenden?«
Der Sachbearbeiter schaute auf den Kalender, der neben ihm an der Wand hing. »Vor drei, vier Wochen war schon einmal ein Kollege von Ihnen hier. Es müsste noch eine Auflistung im Computer gespeichert sein. Ihr Kollege fragte aber nur nach der Kernstadt. Für eine Gesamtzusammenstellung brauche ich mindestens eine Woche. Wobei ich einen offiziellen Antrag benötige. Ich bin mir nämlich nicht ganz sicher, ob ich die Daten so einfach weitergeben darf.«
»Und wenn es um Totschlag oder Mord geht?«, erwiderte Monika Sander.
»Sie meinen wegen des Toten heute Morgen am Südwestkai?«
Monika Sander nickte.
»Unter uns gesagt, hat dieser Brandstifter bislang nützliche Arbeit geleistet«, flüsterte der Sachbearbeiter. »Verstehen Sie mich nicht falsch, nicht, dass ich die Sache gutheiße – und seit es einen Toten gab, sieht es sowieso ganz anders aus. Aber aus städteplanerischer Sicht war er mitunter ganz hilfreich. Die meisten Gebäude, an denen er sich vergriff, waren von maroder Bausubstanz und hätten früher oder später abgerissen werden müssen. Sie glauben gar nicht, auf welchen Widerstand wir stoßen, wenn wir mit Firmen in Kontakt treten und die Sanierung eines Gebäudes fordern. Plötzlich wird aus einer Ruine wieder ein wertvolles Lagergebäude.«
»Das heißt aber nicht, dass wir auch noch eine Liste der Bediensteten des Rathauses brauchen …?«, unkte Monika.
Abwehrend hob der Verwaltungsbeamte die Hände. »Selbstverständlich nicht. Ich werde Ihnen die Liste baldmöglichst übersenden.«
Monika erhob sich lächelnd und reichte dem Mann die Hand. »Ich verlasse mich auf Sie.«
Sie ging mit Anne zu ihrem Dienstwagen zurück und stieg ein. »Das heißt«, sagte sie, während sie den Gurt anlegte, »dass wir uns noch um die Umlandgemeinden und die Firmen kümmern müssen, die Betriebsfeuerwehren unterhalten. Bei all der Arbeit, die vor uns liegt, hoffe ich nur, dass wir auf dem richtigen Weg sind.«
»Das klingt allerdings nicht nach einer schnellen Lösung«, antwortete Anne.
»Nein, ganz bestimmt nicht. Und wenn wir die Listen haben, müssen wir sie erst auswerten. Viele der aktiven Feuerwehrmänner sind zwischen achtzehn und vierzig Jahre alt. Ich frage mich, ob unser Netz nicht zu grob ist.«
»Also, irgendwie klingt das alles nicht sehr erfolgversprechend«, bemerkte Anne.
»Hast du eine andere Idee?«
*
»Jens Baschwitz, geboren am 2. März 1971 in Cuxhaven, geschieden und seit knapp fünf Jahren wohnsitzlos. Er hat noch Familienangehörige in Emden. Seine Exfrau und zwei Söhne.« Dietmar blätterte die Computerausdrucke durch. »Diebstähle, Beleidigungen, Schlägereien und sogar ein Raub unter Tippelbrüdern.«
»Ein Raubüberfall?«, fragte Till Schreier.
»Er hat gemeinsam mit einem Komplizen vor acht Wochen einen Zechbruder um seine Tageseinnahmen aus der Fußgängerzone erleichtert. Angeblich hatte der Beraubte Schulden bei ihm und der Fall war nicht so ganz eindeutig, weil alle Beteiligten alkoholisiert waren. Deswegen wurde das Verfahren eingestellt. Gesessen hat er auch schon. Von April 1996 bis Juli 1997 verbüßte er eine Freiheitsstrafe wegen wiederholter Körperverletzung. Ein ganz übler Bruder offenbar.«
»Kann das vielleicht ein Motiv sein?«
Dietmar warf die Aufzeichnungen auf den Schreibtisch. »Glaube ich nicht. Ich bin sicher, er ist nur zufällig zum Opfer geworden. Wahrscheinlich war er besoffen und hat gar nicht bemerkt, wie die Bude langsam über ihm abfackelte.«
»Wer war damals der Beraubte, beziehungsweise der Komplize von Baschwitz?«
Dietmar durchsuchte die Papiere auf dem Schreibtisch. »Der Komplize heißt … Moment … hier hab ich’s … Schmitt, ganz einfach Schmitt, Vorname Uwe. Auch so ein Penner, genauso wie der Überfallene. Das Opfer war ein DDRler, Karl Ammann ist sein Name, auch ohne festen Wohnsitz.«
»Die DDR gibt es nicht mehr«, erwiderte Till. »Dann machen wir uns mal auf den Weg.«
»Wohin willst du?«, fragte Dietmar überrascht.
»In die Stadt, in die Fußgängerzone. Heute ist ein schöner Tag, da werden wir schon ein paar von ihnen in den Straßen finden.«
»Du willst wirklich nach den Tippelbrüdern suchen?«
Till verzog genervt das Gesicht. »Natürlich. Wir sollen alle Möglichkeiten ausloten, bevor wir uns allzu schnell auf eine Version stürzen.«
»Aber bei den Pennern …!« Dietmar schüttelte den Kopf. »Da kriegen wir doch nie was raus.«
Till zuckte die Schultern. »Sagen wir mal so: Es kommt immer darauf an, wie man fragt.«
*
Hans Kropp schlug die Plane zurück und befestigte den Lederriemen in der Schlaufe der Bordwand. Zufrieden streifte er die Arbeitshandschuhe ab und warf sie in die Fahrgastzelle seines LKW. Es war kurz vor siebzehn Uhr. Die Hitze des Tages trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Dreißig Grad zeigte das Thermometer an der Frachthalle und es war nahezu windstill.
Er kontrollierte noch einmal die Ladepapiere. Dann schwang er sich in seinen Laster und rangierte ihn geschickt in den Schatten des Verwaltungsgebäudes. Für heute hatte er genug. Seine Kehle war ausgetrocknet und sein rotes Muskelshirt vollgesogen wie ein Schwamm.
Als er hinüber zur Werkstatt schlenderte, befiel ihn ein eigenartiges Gefühl. So, als würden sich die Blicke lauernder Augen in seinen Rücken bohren. Er wandte sich um und schaute über den Betriebshof, doch keine Menschenseele war zu sehen. Wie eine Glocke lag die flirrende Hitze über dem Asphalt und brachte jede Bewegung im Industriegebiet zum Erliegen.
Zögerlich ging er weiter. Bevor er die Werkstatt betrat, blickte er sich noch einmal um, doch niemand war zu sehen.
»Hallo, Hans«, begrüßte ihn der Mechaniker, der in der Werkstatthalle an einem offenen Getriebe arbeitete. »Deine Kiste schon beladen?«
Hans Kropp nickte und ging hinüber zum Waschbecken. »Alles klar.«
»Wenn du von deiner Tour wieder zurück bist, dann ist dein Laster dran. Die Inspektion ist fällig.«
»Das wird eine Weile dauern«, erwiderte Kropp. »Bis Donnerstag in einer Woche werde ich schon brauchen. Der Weg nach Barcelona ist lang.«
Der Mechaniker folgte ihm und wischte seine öligen Finger an einem noch öligeren Lappen ab. »Gehst du ins Stadion?«
»Wenn Barca spielt, dann bin ich dabei, das ist doch klar.«
Neidisch lächelte der Mechaniker. »Das nächste Mal will ich auch mit«, sagte er. »Trinken wir noch ein Bier?«
Kropp schaute auf die Uhr mit dem Pepsi-Cola-Schriftzug, die über dem Waschbecken hing. »Eins geht immer. Ich fahr erst morgen früh.«
Es wurden drei Flaschen, bevor Hans Kropp kurz nach neunzehn Uhr nach Heppens aufbrach. Bevor er in den Wagen stieg, schaute er sich noch einmal um. Das sonderbare Gefühl, das ihn vor einer Stunde draußen im Betriebshof überfallen hatte, war zurückgekehrt.
3
Als Trevisan nach Dienstschluss nach Hause zurückkehrte, ließ er sich erschöpft in den Liegestuhl auf der neu gefliesten Terrasse sinken. Die Temperatur lag noch immer weit über zwanzig Grad, und der Himmel war wolkenlos.
»Was hat er denn, mein kleiner Kommissar?«, begrüßte ihn Angela, die noch ein paar Tage Resturlaub bei ihm verbrachte. »Stress im Büro?«
»Ich dachte, ich hätte es hinter mir«, erwiderte Trevisan. »Aber kaum ist der eine Spinner unter der Erde, taucht schon der Nächste auf.«
Angela lächelte. »Die Welt ist voller Spinner, das solltest du doch am besten wissen.«
Trevisan knöpfte das Hemd auf. »Vielleicht hast du recht, vielleicht ist das Ende der Welt bald in Sicht und alles ist nur noch eine Frage der Zeit. Wie sagte der Fernsehpfarrer unlängst in einem Interview: ›Eine Gesellschaft, die ihre Grundwerte verliert, wird früher oder später untergehen.‹«
»Na, jetzt hörst du dich aber an wie zu den Zeugen Jehovas konvertiert. Die sagen auch jedes Jahr den Weltuntergang voraus.«
»Nein, ich bin nur ein kleiner Kriminalbeamter, der als Erster hautnah den Verfall der Gesellschaft zu spüren bekommt«, erwiderte Trevisan. »Schau dich doch um – immer mehr Verrückte laufen herum. Manchmal denke ich, man kann diese Welt nur noch ertragen, wenn man irgendwo eine Macke hat. Politiker, die sich selbst bedienen und im Gegenzug das Hohelied der Moralapostel singen. Manager, die sich die Taschen füllen und im gleichen Atemzug Betriebe an die Wand fahren. Immer mehr Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, die ihren Frust im Alkohol ertränken. Man muss schon ein bisschen schizophren sein, um das alles noch zu kapieren.«
Angela setzte sich neben ihn und legte ihm zärtlich die Hand auf die Brust. »Und du hast dich jetzt wohl zum Kreuzritter ernannt und bist angetreten, das letzte Stück Paradies auf Erden zu retten?«
»Nein, ich bin angetreten, um einen irren Pyromanen zu finden, der Häuser ansteckt, in denen sich Menschen zum Schlafen niedergelegt haben.«
»Mord?« Ihre Finger fuhren über seine Brusthaare.
»Mord, Totschlag, Zufall, nenne es, wie du willst«, entgegnete Trevisan. »Auf alle Fälle ist der Kerl bibelfest. Zumindest hinterlässt er Zitate aus dem Buch der Bücher.«
»Der Papst kann es nicht sein«, unkte Angela. »Der ist vor ein paar Stunden in Südamerika gelandet.«
»Und wie ist es mit dir?« Trevisan schlang seine Arme um ihre Schultern und zog sie zu sich heran.
»Vielleicht solltet ihr damit warten, bis es dunkel ist.«
Trevisan ließ seine Arme sinken und wandte den Kopf. Paula stand auf der Terrasse und schleckte an einem Eis.
»Ich glaube, Paula hat recht«, sagte er. »Heute Nacht ist noch genug Zeit, um die Welt zu retten. Jetzt habe ich erst einmal Hunger.«
Angela sprang auf. »Verdammt! Jetzt ist die Pizza bestimmt schon schwarz.«
»Und im Anfang war das Feuer«, zitierte Trevisan.
»Das ist, soviel ich weiß, aber nicht aus der Bibel«, rief ihm Angela zu, als sie durch die Terrassentür im Haus verschwand.
»Nein, aber aus einem verdammt guten Film.«
*
»Die Penner wissen zumindest nichts von einem Streit«, sagte Till Schreier. »Aber der Tod von Baschwitz erschüttert sie nur wenig. Ich glaube nicht, dass er viele Freunde hatte. Nach allem, was wir erfahren haben, muss er ein ganz unangenehmer Zeitgenosse gewesen sein.«
»Und diese beiden Wohnsitzlosen?«, fragte Trevisan. »Der Beraubte und der Mittäter?«
»Wie vom Erdboden verschwunden. Die Fahndung läuft.«
»Die sollen sich nach der Geschichte aus Wilhelmshaven verzogen haben«, erläuterte Dietmar, während er seine Hände knetete, damit die Feuchtigkeitscreme einziehen konnte. »Sie sind schon seit Wochen nicht mehr hier gesehen worden.«
»Fakt ist, dass die hiesigen Penner Baschwitz gemieden haben wie die Pest«, ergänzte Till. »Sie machten wegen seiner plötzlichen Gewaltausbrüche einen großen Bogen um ihn.«
»Und ich dachte, man ist schon ganz unten, wenn man seine Arbeit und seine Bleibe verloren hat, aber offenbar kann man immer noch tiefer sinken«, murmelte Trevisan. »Eure Erkenntnisse unterstützen nur die Theorie, dass es möglicherweise doch eine gezielte Tat im Milieu gewesen sein könnte. Wir müssen diese beiden Pennerkollegen, diesen Schmitt und diesen Ammann, ausfindig machen. Ich denke, wir schreiben sie umgehend zur Aufenthaltsermittlung aus.«
Till Schreier erhob sich. »Dann mache ich mich mal an die Arbeit.«
»Und wie läuft es bei euch?«, fragte Trevisan Monika Sander.
»Das wird eine langwierige Sache. Wir sind Schneiders Liste noch einmal durchgegangen. Zusätzlich waren wir inzwischen bei zwei Firmen, die eine Betriebsfeuerwehr unterhalten. Wir haben bereits über zwanzig Verdächtige, die ins Muster passen würden.«
»Denkt bitte daran, dass der Kerl zurzeit kein Feuerwehrmann mehr sein muss. Es wäre möglich, dass er rausgeworfen wurde oder aus irgendeinem Frust heraus von selbst gegangen ist.«
»Das haben wir bereits in Erwägung gezogen«, antwortete Monika. »Ich habe um neun einen Termin mit dem Kommandanten der Betriebsfeuerwehr vom Ölhafen. Du könntest mich begleiten, während Anne am Computer das Umfeld unserer Verdächtigen abcheckt.«
»Jetzt, nachdem feststeht, dass der Tote zweifelsfrei dieser Baschwitz ist, habe ich Zeit. Komm bei mir vorbei, wenn du losfährst. Es kann nur sein, dass du ein paar Minuten warten musst, Beck will mit mir reden.«
»Den treibt schon wieder die Angst vor schlechter Publicity an«, witzelte Dietmar Petermann.
»Kann man es ihm verübeln, so kurz nach den Serienmorden im Frühjahr?«, entgegnete Trevisan. »Er steht schließlich in der Verantwortung.«
»Dann könnte er sich doch auch ein paar Namen von unserer Liste vornehmen und überprüfen.«
»Lass mal«, sagte Trevisan mit einem Lächeln. »Ich möchte mich auf das Ergebnis der Überprüfungen schon verlassen können.«
*
»Ah, Trevisan.« Kriminaldirektor Beck erhob sich hinter seinem Schreibtisch. »Gut, dass Sie gekommen sind. Wie kommen Sie voran?«
Beck trug trotz der Hitze im Büro einen grauen Anzug und hatte die Fenster geschlossen. Die Luft schmeckte abgestanden und Trevisan betrat nur unwillig das Zimmer unter dem Dach.
»Wir stecken mitten in den Ermittlungen«, antwortete er und schlenderte zum Stuhl vor Becks Schreibtisch.
»Brauchen Sie noch Leute?«
»Könnte nicht schaden. Alex Uhlenbruch und Tina Harloff sind noch bis Ende der Woche im Urlaub und es stehen eine Menge Überprüfungen an.«
Trevisan spürte, dass die unausgesprochene Befürchtung in der Luft lag, Wilhelmshaven könne erneut von einem Serientäter heimgesucht werden, so wie im Frühsommer des Jahres. Er hatte noch immer die Schlagzeilen vor Augen, die von einer überforderten und unfähigen Polizei berichteten, die der Lage nicht Herr werden konnte.
Auf Becks Stirn zeichnete sich ein dünner Schweißfilm ab. »Wir können uns einen zweiten Amoklauf in unserer Gegend nicht leisten«, sprach er Trevisans Gedanken aus. »Jetzt, wo sich die Touristen in unserem schönen Landstrich aufhalten, müssen wir umsichtig und schnell handeln. Ich habe Schneider und das 3. Fachkommissariat informiert. Er wird euch unterstützen. Die Streifen sind informiert und fahren Sonderschichten in den entlegenen Gebieten. Sie wissen, wie schnell wir wieder eine negative Presse bekommen, wenn es uns nicht gelingt, den Mann zu fassen, bevor er noch weiteres Unheil anrichtet.«
Trevisan schmunzelte. »Schneider hat den Fall schon seit sechs Wochen auf dem Tisch, aber bislang ergab sich noch kein Ansatzpunkt. Wir können auch nicht hexen.«
»Bislang hatte der Brandstifter aber auch nur marode Buden angezündet«, entgegnete Beck. »Jetzt ist ein Mensch zu Schaden gekommen, das ist etwas anderes. Wir müssen den Kontrolldruck und gleichzeitig die Ermittlungsaktivitäten verstärken, dann werden sich schon Ansatzpunkte ergeben.«
»In der Theorie hört sich alles ganz einfach an«, widersprach Trevisan. »Doch in der Realität hat die Sache einen Haken: Unsere Kunden halten sich nicht an unsere schönen Polizeistrategien, die unsere Cheftheoretiker in ihren feinen Büros entwerfen.«
Beck winkte ab. »Mensch, Trevisan, das weiß ich doch selbst. Ich bin auch nicht von gestern, aber unsere Direktorin lebt nun einmal in ihrer theoretischen Zahlenwelt. Also, machen wir ein paar Aktionen und hoffen darauf, dass uns der Zufall hilft.«
»Ich will damit ja auch nicht sagen, dass Sonderstreifen Blödsinn sind. Natürlich erhöhen wir durch mehr Leute auf der Straße die Möglichkeit, dass er uns in die Arme läuft. Ich will bloß nicht, dass der Eindruck entsteht, es wäre ein Kinderspiel. Wir werden Zeit, wir werden Geduld und wir werden ein dickes Fell brauchen, bis wir ihn haben.«
Beck nickte. »Ich weiß, aber ich bezweifele, dass uns genügend Zeit bleibt. Nach diesem verflixten Frühjahr liegen die Nerven einiger Verantwortlicher noch immer blank.«
*
Es war kurz vor Mittag und das Thermometer war auf 28 Grad Celsius geklettert. In den Schwimmbädern am Fliegerdeich lagen die gecremten Körper der Badegäste dicht an dicht.
Trevisan und Monika Sander fuhren über den Friesendamm hinaus zum Heppenser Groden. Der Ölhafen lag direkt an der Küste und die riesigen, weißen Tanks glänzten im Sonnenlicht. Trevisan hatte die Fensterscheibe ein Stück heruntergekurbelt und streckte seine Hand in den Fahrtwind.
»Dein Urlaub muss schön gewesen sein«, sagte Monika und bog in die kleine Straße zum Ölhafen ein. »Man konnte es an deiner Karte merken.«
»Ich wünschte, er hätte nie geendet.« Trevisan seufzte. »Angela übernimmt möglicherweise die Chefredaktion eines neuen Magazins.«
Monika bremste den Wagen vor dem großen Werkstor ab. »Ein neues Magazin?«
»Reisen, Essen, Glamour und Lifestyle«, antwortete Trevisan. »Alles für die Frau aus der gehobenen Schicht. Ein Exklusivmagazin für Neureiche.«
»Und das geht?«
»Die Marketingabteilung des Verlages meint, das ist genau die Marktlücke, die sie bedienen sollten. Ein potentieller Kundenkreis mit viel Geld und viel Freizeit.«
Monika schüttelte den Kopf. »Da gehöre ich nicht dazu. Außer meiner Fernsehzeitung lese ich keine Illustrierten. Ein gutes Buch, das ist schon eher etwas für mich.«
»Krimis?«
»Gott behüte. Davon habe ich genug im Büro.«
Ein Wachmann öffnete das Tor und kam auf sie zu. Tankwagen donnerten auf einer eigens eingerichteten Fahrspur vorbei. Monika Sander öffnete die Seitenscheibe und zeigte ihre Kripomarke. »Wir haben einen Termin bei Herrn Borowski.«
Der Wachmann nickte und erklärte ihr den Weg.
Der Kommandant der Betriebsfeuerwehr war fast zwei Meter groß und hätte einen fabelhaften Ringer abgegeben. Trevisan schätzte ihn auf Anfang fünfzig. Er saß in einem klimatisierten Büro mit Blick auf die riesige Abfüllanlage und trug wider Erwarten keine Uniform, sondern eine kurze Hose und ein grünes T-Shirt mit der Aufschrift Wilhelmshaven, die Perle am Jadebusen.
»Insgesamt sind wir dreißig Mann stark«, erklärte Borowski. »Aber jeder hier hat einen normalen Job. Egal ob Mechaniker, Chemiker, Kontrolleur oder ob man an einem der Befüller arbeitet – wenn es brennt, dann ziehen unsere Leute ihre Montur über und begeben sich unverzüglich an den Einsatzort.«
»Das heißt, es gibt eigentlich keine ausschließlichen Feuerwehrmänner hier in dieser Firma«, folgerte Monika Sander.
»Nicht das, was Sie landläufig unter einer Feuerwehr verstehen«, erklärte der Kommandant. »Im Brandfall ist der Unterschied zu den Freiwilligen Wehren nicht groß. Außer, dass wir ausgesprochene Spezialisten in unseren Reihen haben, wenn es um Ölunfälle oder Gefahrgutunfälle geht. Unsere Ausbildung ist intensiver als bei den Freiwilligen Wehren. Bei uns hat jedes Mitglied einen Atemschutzlehrgang oder ist mit den modernen Brandbekämpfungsmethoden vertraut. Meine Männer fahren den Tanklöschzug oder auch den Leiterwagen. Wir unterstützen oft die örtlichen Wehren bei Großlagen und werden auch in Alarmierungsfällen von der Feuerwehrleitstelle angefordert.«
Monika Sander schaute Trevisan fragend an. »Das heißt aber, jeder Feuerwehrmann hat in der Firma einen festen Job.«
Borowski nickte, und Trevisan fragte: »Haben Sie in den letzten Monaten einen Mann entlassen?«
»Aha, daher weht der Wind«, schmunzelte der Kommandant. »Sie suchen diesen Brandstifter und meinen, es ist ein Feuerwehrmann. Glaubt ihr noch immer an dieses alte Klischee?«
»Immerhin werden über fünfzig Prozent aller Brandstiftungen von …«
»… Feuerwehrmännern begangen, die enttäuscht wurden, weil sie nicht befördert werden oder einfach nur geil auf Feuer sind und gerne mit Blaulicht und Horn durch die Straßen pfeifen«, vervollständigte Borowski Monikas begonnenen Satz. »Bei uns liegen Sie falsch. Für meine Männer lege ich die Hände ins Feuer und Entlassungen gab es schon seit Jahren keine. Wir könnten sogar noch ein paar Leute brauchen, aber vielen ist die Bezahlung zu schlecht, die Arbeit zu schwer und das Stundensoll zu hoch.«
»Wie sind denn die Arbeitszeiten?«
»Wir stehen hier jeden Tag unter Strom«, erklärte der Kommandant und nahm den Schichtplan der vergangenen Tage von der Pinnwand. »Wir fangen mit der ersten Schicht ab fünf Uhr an. Die Männer arbeiten bis drei, die zweite Schicht übernimmt dann bis zweiundzwanzig Uhr. Auch am Wochenende haben wir Sonderschichten laufen, da kommen die Dampfer rein und löschen ihre Ladung. In den letzten Wochen mussten wir wegen des hohen Aufkommens sogar weitere Sonderschichten fahren. Da wird bei uns jeder Mann gebraucht. Da bleibt keine Zeit für Sperenzchen, das können Sie mir glauben.«
Nachdem Trevisan einen Blick auf den Schichtplan der letzten Wochen geworfen hatte, erhob er sich und reichte Borowski die Hand. »Vielen Dank, Sie haben uns sehr geholfen.«
»Und was ist mit der Liste?«, fragte Monika Sander, als sie wieder im Wagen saßen.
Trevisan winkte ab und legte den Gurt an. »Denk an die Zeiten der Brandstiftungen. Die Schichtzeiten decken sich nicht mit unserem Zeitschema. Die Jungs vom Hafen können wir bedenkenlos streichen. Wer steht noch auf deiner Liste?«
Monika ließ den Wagen an. »Dann fahren wir jetzt hinüber nach Roffhausen.«
*
Die nächsten sieben Tage überprüfte Trevisans Ermittlungsteam Stadtverwaltungen, Betriebsfeuerwehren und Hafenbehörden. Sogar die Marinesoldaten am Arsenalhafen wurden nicht ausgelassen, denn auch dort gab es eine Betriebsfeuerwehr. Einige der verantwortlichen Ressortleiter verhielten sich kooperativ, andere murrten und lehnten zuerst ihre Mitarbeit unter Hinweis auf den Datenschutz ab. Am Ende hatten sie fast vierhundert Personen überprüft und alle bis auf vierzig ausgeschieden. Vierzig Männer im Alter zwischen achtzehn und vierzig Jahren, alle arbeitslos, in der Gegend ansässig und – zumindest laut Eintragung im Register der Zulassungsstelle – im Besitz eines dunklen Kleinwagens. Vierzig Überprüfungen, vierzig Ansatzpunkte, vierzigmal Hoffnungsschimmer. Und vierzigmal anschließende Ernüchterung.
Trevisan betete, dass der Feuerteufel vom Wangerland in der Zwischenzeit keine weiteren Bibelzitate neben verkohlten Leichen hinterlassen würde.
Am Abend des 27. belud Angela ihren Wagen. Ihr Urlaub war zu Ende und ihre neue Aufgabe führte sie für die nächste Woche nach Hamburg. Zum Wochenende wollte sie wieder zurückkehren. Als ihr Wagen die Straße hinunterfuhr und hinter der nächsten Biegung verschwand, fühlte sich Trevisan schlecht. Er hatte die letzten Tage mit Angela genossen, und mehr als einmal war ihm durch den Kopf gegangen, sie zum Bleiben zu überreden. Er ließ es, denn er wusste, dass ihre Antwort längst feststand. Darüber hatten sie in der Vergangenheit schon öfter gesprochen. Angela liebte ihre Arbeit und er wusste, wie wichtig ihre Karriere für sie war.
In dieser Nacht schlief Trevisan schlecht, und das änderte sich auch in den folgenden Nächten nicht.
Im Büro entspannte sich nach der Rückkehr von Alex Uhlenbruch und Tina Harloff die Situation. Gemeinsam mit den Kollegen des 3. Fachkommissariats überprüften sie weitere Tatverdächtige. Auch die Sonderstreifen der Kollegen vom Streifendienst schienen ihre Wirkung nicht zu verfehlen. In Wilhelmshaven und im Wangerland blieb es ruhig. Die nächtlichen Kontrollen führten zu diversen Beschlagnahmen von Führerscheinen betrunkener Autofahrer und in Altengroden konnte sogar ein steckbrieflich gesuchter Ausbrecher wieder dingfest gemacht werden, doch den Brandstifter erwischten sie nicht.
Das Wetter blieb heiß und schwül und es schien, als ob die Luft über der Küste wie unter einer Glocke festgehalten wurde. Der Wind blies nur mäßig. Sieben Tage herrschte Ruhe, bis sich in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, dem letzten Tag im August, über Wilhelmshaven ein kräftiges Gewitter entlud. Auch in dieser Nacht fand Trevisan wenig Schlaf. Zuvor hatte er fast zwei Stunden mit Angela telefoniert. Sie fehlte ihm.
4
… ein paar Tage später …
Er war kurz hinter Osnabrück, als die tiefschwarzen Wolken ihre Last über dem flachen Land abluden. Mit dem Regen brach viel zu früh die Dunkelheit an. Es ging teilweise nur noch in Schrittgeschwindigkeit voran. Kropp blickte fluchend auf die Uhr im Armaturenbrett. Der Sechszylinder seines Volvos schnurrte brav und trieb das schwere Gefährt durch die über und über mit Wasser bedeckten Spurrillen der Autobahn. Er war nur noch einen Katzensprung von seinem Ziel entfernt. Nach siebentägigem Aufenthalt in Spanien war er froh, endlich wieder nach Hause zu kommen. Das einzig Positive an seiner Spanientour war das Spiel von Barcelona gegen Real Valladolid gewesen, das Barca mit 3:1 gewonnen hatte. Ansonsten hatte er auf dieser Reise nur Schwierigkeiten gehabt. Zuerst hatten sich die Bremsen seines Aufliegers festgefressen, und als er nach dem Spiel am vergangenen Sonntag noch die sündige Meile der Millionenstadt an der katalonischen Küste besucht hatte, war er in eine Schlägerei geraten und hätte beinahe mit einem Stilett Bekanntschaft gemacht. Er war froh, dass er wieder nahe der Heimat war, und freute sich auf die bevorstehenden freien Tage, in denen er ausspannen, ein paar Bier trinken und den gut gewachsenen Mädchen am Fliegerdeich beim Baden zusehen wollte.
Der Regen machte seinem Zeitplan einen dicken Strich durch die Rechnung. Bei Oldenburg wechselte er auf die A 29. Sturmböen strichen über das Land und grelle Blitze zuckten durch die beginnende Nacht. Mit vierzig Stundenkilometern kroch er die Straße entlang. Überholt wurde er dennoch nicht. Nur wenige Wagen waren an diesem Donnerstagabend unterwegs und viele Kollegen hatten bereits Rastplätze angefahren, um das Ende des Sturms abzuwarten. Hans Kropp kämpfte sich mit seinem Lastwagen durch das Unwetter. Hin und wieder strich er sich mit der Handfläche über seine müden Augen. Fast zwölf Stunden saß er nun schon – mit kurzen Unterbrechungen – hinter dem Lenkrad. Als er endlich bei Sande die Autobahn verließ und über die Bunsenstraße das Industriegelände oberhalb des Sander Watts ansteuerte, atmete er auf.
Es war kurz vor dreiundzwanzig Uhr und über der Stadt am Jadebusen tobte ein heftiges Gewitter. Die Bäume an der Straße bogen sich im Sturm und hier und da hatte der heftige Wind schon schwache Äste und dünne Zweige aus den Baumkronen gerissen und über die Fahrbahn verteilt. Als er in die Planckstraße einbog, knirschte ein dicker Ast unter seinen Reifen und schlug ihm gegen den Unterfahrschutz. Hans Kropp fluchte.
Er war erleichtert, als er die fahle Laterne erkannte, die oberhalb des Betriebstores im Wind hin und her schwang. Er stoppte. Bevor er den LKW verließ, warf er sich seine gelbe Öljacke über die muskulösen Schultern. Er hatte die Fahrt in kurzer Turnhose und T-Shirt zurückgelegt, für das üble Wetter war er denkbar schlecht gekleidet. Nur die Schnürstiefel taugten für den Regen, und die trug er nur, weil er erst vor ein paar Wochen bei einer Polizeikontrolle eine saftige Strafe dafür gezahlt hatte, dass er in Sandalen gefahren war. Vorschrift, hatte der Polizist gesagt. Dieses Land wimmelte vor unnützen Vorschriften. Er öffnete die Fahrertür und kämpfte dabei gegen den orkanartigen Wind, der kräftig für Gegendruck sorgte.
Das Tor war verschlossen und das Firmengelände lag einsam und verlassen im schummrigen Licht der wenigen Bogenlampen. Hans Kropp hatte einen Schlüssel, so wie jeder Fahrer der Firma, der große Touren bis ins Ausland fuhr. Neben dem Tor stand ein Pfosten, an dem ein Schloss installiert war. Das Schließsystem war erst im vergangenen Jahr eingerichtet worden und Hans Kropp hatte geflucht, weil der Firmenchef entgegen der Forderung der Fahrer keine Fernbedienung für das Tor angeschafft hatte. Er steckte seinen Schlüssel in das Schloss. Sekunden später setzte sich das Tor lärmend in Bewegung. Eine gelbe Rundumleuchte blinkte. Hans Kropp ging zurück zu seinem LKW. Bevor er einstieg, verharrte er kurz und schaute sich um. Das eigenartige Gefühl war zurückgekehrt. Es war, als ob ihn fremde Augen fixierten und ihn nicht mehr losließen. Er schüttelte den Kopf. Alles nur Einbildung, sagte er sich, als er sich in das Führerhaus schwang und den Lastwagen durch das Tor in den Schatten des Verwaltungsgebäudes manövrierte. Wenige Minuten später hatte er den Lastzug geparkt. Bevor er das Führerhaus verließ, füllte er noch das interne Fahrtenbuch aus, das zur Abrechnung der Tour mit dem Disponenten wichtig war. 22.41 Uhr trug er in der Spalte Rückkehr/Datum und Uhrzeit ein. Anschließend kletterte er aus dem Wagen und verschloss die Tür. Für heute war Feierabend, den Rest konnte er morgen erledigen, ehe er sich in das verlängerte Wochenende verabschiedete.
Kaum hatte er seinen Wagen umrundet, keimte erneut dieses Gefühl in ihm auf. Die Gänsehaut auf seinen Armen kam nicht alleine von der Kälte.
Seinen PKW hatte er neben der Werkstatt geparkt. Als er im Schein einer Peitschenlampe darauf zuging, hörte er plötzlich ein Scheppern. Ein Blitz zuckte durch die Nacht und ein lauter Donner folgte.
»Ist da wer?«, rief er in die Dunkelheit. Er wandte sich um und lief zurück zu seinem Lastwagen. Es bestand kein Zweifel mehr für ihn, er war nicht alleine auf dem Gelände.
»Los, herauskommen!«, rief er. »Sonst passiert etwas.«
Er hatte seinen Lastwagen erreicht. Auf der Beifahrerseite, vor der Hinterachse, befand sich der Werkzeugkasten. Eine Axt lag darin. Es schadete nicht, wenn er seinem unheimlichen Gegenüber etwas entgegenzusetzen hatte.
Hans Kropp hatte ein Gespür für Gefahr. In Barcelona hatte es ihn davor bewahrt, mit einem Stilett im Rücken zu enden. Er hatte die Gefahr gewittert und sich rechtzeitig herumgedreht, um das Billardqueue auf die Messerhand seines Angreifers zu schlagen.
Mit dem Beil in der Hand fühlte er sich sicher. Er spähte hinaus in die Dunkelheit. Das Scheppern war von der Frachthalle gekommen. Vielleicht waren dort Einbrecher am Werk, die das Unwetter für einen nächtlichen Besuch in der Firma ausnutzten, und vielleicht waren sie schon damals bei seiner Abfahrt in der Nähe gewesen, um das Gelände auszubaldowern. Vielleicht hatten sie erst heute Nacht die richtige Gelegenheit gefunden – bei schönem Wetter verirrten sich nachts öfters mal verliebte Paare in diese Gegend, um sich im Wagen etwas näherzukommen.
Genauso musste es sein, ein paar Einbrecher, dreiste Halunken, die es auf die Getränkekasse und die Automaten abgesehen hatten. Sollte er zur Fahrzeughalle hinübergehen? Er zögerte.
Erneut zuckte ein Blitz durch die Nacht. Doch diesmal, so hatte er den Eindruck, war der Donnerhall vor dem Blitz gekommen. Ein heftiger Schmerz durchfuhr seinen Körper. Bevor er überhaupt begriff, was geschehen war, blitzte es erneut. Doch der Blitz zuckte nicht aus den tiefen Wolken, er zuckte hinter den abgestellten Containern hervor und züngelte direkt auf ihn zu. Ein zweiter Schlag traf seinen Körper. Diesmal ungleich heftiger. Er stürzte zu Boden. Was war nur passiert?
Er sah die Laterne, die am Verwaltungsgebäude befestigt war, wie durch einen roten Schleier. Plötzlich verdeckte ein dunkler Schatten das Licht.
»… nein … was soll …«, stammelte er.
Es waren seine letzten Worte, bevor sein Leben in einem lauten Knall zerbrach.
*
»Der Mechaniker, ein gewisser Dragan Vukovic, hat ihn heute früh so gegen fünf neben seinem LKW gefunden und sofort die Kollegen vom Revier verständigt«, erklärte Dietmar Petermann und zog seinen Mantelkragen höher.
Es war frisch am heutigen Morgen, und nachdem die Sonne aufgegangen war, stiegen milchige Schwaden vom Boden auf. Kleine, schwarze Schildchen mit weißen Zahlen standen scheinbar wahllos aufgereiht auf dem grauen und feuchten Asphalt im Betriebshof der Intertrans im Industriegebiet West.
»Weiß man schon, wer er ist?«, fragte Trevisan und wischte einen Schweißtropfen von seiner Stirn. Er hatte sich nach dem Anruf am frühen Morgen beeilt.
»Hans Kropp, Fernfahrer«, antwortete Dietmar. »Ist wohl heute Nacht von einer Tour aus Spanien zurückgekommen. Drei Schüsse. Einer traf ihn im rechten Oberschenkel, der andere in der Nierengegend. Das hat dem Täter offenbar nicht gereicht, da hat er ihm auch noch ein Stück von seinem Kopf weggeschossen. Aus nächster Nähe, meint Kleinschmidt.«
»Und woher kennt er die Reihenfolge der Schüsse?«
»Zweimal Gewehr und einmal eine Pistole.«
Trevisan nickte. Der Polizeifotograf war noch damit beschäftigt, Bilder vom näheren Tatort aufzunehmen. Direkt neben dem Toten lag eine Axt.
»Hat Kleinschmidt eine Vermutung?«, fragte Trevisan seinen Kollegen.
»Er sucht noch nach der Stelle, von wo aus geschossen worden ist«, entgegnete Dietmar. »Es wäre möglich, dass Kropp ein paar Einbrecher überrascht hat.«
»Einbrecher mit Gewehren und Pistolen?«
»Nicht ganz handelsüblich, was?«
Kleinschmidt tauchte hinter einem Container an der Nordwestseite eines langgestreckten Gebäudes auf und marschierte auf den Zaun zu, der das Betriebgelände umgab. Trevisan beeilte sich, den Chef der Spurensicherung einzuholen. »Moin, Horst.«
Kleinschmidt tastete mit suchenden Blicken den Boden ab, als könne ihm der Asphalt verraten, was in der Nacht hier geschehen war. »Jetzt auch noch das«, knirschte er knurrig. »Als ich angerufen wurde, dachte ich, es hätte wieder mal gebrannt. Und jetzt liegt hier eine Leiche. Das ist vielleicht ein beschissenes Jahr.«
»Dietmar sagte etwas von einem Einbruch?«
Kleinschmidt winkte ab. »Das war seine Theorie. Für mich sieht das eher so aus, als ob der Täter dem Opfer aufgelauert hat.«
»Aufgelauert?«
»Dort hinten gibt es einen recht frischen Schlitz im Zaun. Mit einer Metallschere gemacht. Ansonsten wurde nichts aufgebrochen. Noch nicht einmal Ansatzspuren für einen Versuch sind vorhanden, obwohl es genügend ungesicherte Fenster als Einstiegsmöglichkeiten gibt. Nein, hier hinter dem Container saß jemand und hat in aller Seelenruhe abgewartet, bis der Fernfahrer aufgetaucht ist. Dann hat er ihn mit einer Flinte bewegungslos geschossen und anschließend mit einem Schuss in die Schläfe hingerichtet. Das deutet nicht unbedingt auf einen Einbruch hin, oder?«
Trevisan nickte stumm.
»Ich habe drei Hülsen gefunden«, fuhr Kleinschmidt fort. »Zwei lagen neben dem Container, eine in der Nähe des Toten. Linksauswerfer, wenn du mich fragst. Selbstladepistole und Jagdgewehr. Zumindest dem Kaliber nach. Die Pistole 7,65 mm und die Gewehrgeschosse dürften 9,3 mm haben. Ich schätze auf 9,3 x74. Ein handelsübliches Format für jagdbares Wild aller Art, Menschen eingeschlossen.«
»Sonst noch etwas?«
»Ja, aber das ist komisch. Neben der linken Hand des Toten lag ein Hemdknopf. Ein ganz normaler Knopf ohne Verzierungen. Dutzendware. Der Tote trägt aber ein T-Shirt, eine kurze Sporthose und eine Regenjacke mit Reißverschluss. Der Knopf könnte also vom Täter stammen.«
»Spuren eines Kampfes?«
»Nein, überhaupt nicht. Wenn der Knopf zum Täter gehört, dann ist er wohl aus Altersschwäche abgefallen. Das Opfer, obwohl der Mann ein ordentliches Kraftpaket gewesen ist, hatte keine Chance. Ich glaube, bevor der wirklich kapierte, was los ist, war er schon tot.«
Trevisan ging hinüber zu den Containern und schaute in Richtung der Leiche. Aufmerksam musterte er das Gelände. Kleinschmidt hatte recht. Ein idealer Ort, um jemandem aufzulauern. Die Entfernung zum Leichnam betrug knapp fünfzig Meter. Er schaute auf das gegenüberliegende Verwaltungsgebäude und sah die Laterne, die auf dem Dach montiert war. Sogar für Büchsenlicht hatte man gesorgt.
»Hallo, Martin!«
Trevisan fuhr herum. Monika Sander und Tina Harloff standen vor ihm.
»Ich dachte, ihr seid mit dem Mechaniker beschäftigt?«, sagte Trevisan überrascht.
»Das machen Alex und Till.« Tina Harloff wies auf die beiden PKW, die neben dem dritten Gebäude standen. »Wir haben uns den Wagen des Ermordeten vorgenommen. Der rote Ford gehört ihm, der andere Wagen dem Mechaniker.«
»Habt ihr etwas gefunden?«
Monika Sander reichte Trevisan einen Fetzen Papier, der in einer Plastiktüte steckte.
… dazu rate ich dir sonst zien wir dir das fell über die Ohren. Versuc…
Die Schrift, mit blauer Tinte auf ein normales, liniertes Papier geschrieben, wirkte krakelig und unbeholfen. Der Rest der Mitteilung war abgerissen und fehlte.
»Das ist sehr interessant.« Trevisan zeigte Kleinschmidt den Zettel. »Gibt es sonst noch was?«
»Ordentlich scheint er nicht gewesen zu sein«, entgegnete Monika Sander. »Der Wagen gleicht einer Müllkippe. Bierdosen, Zigarettenstummel und allerlei zerknülltes Papier. Aber nichts mehr, das uns weiterhelfen könnte. Der Fetzen lag auf der Mittelkonsole.«
»Sag ich doch«, mischte sich Kleinschmidt ein und wies auf die Container neben der Halle. »Ein idealer Platz, um jemandem aufzulauern.«
»Ich denke, wir sollten herausfinden, was für ein Leben der Tote führte«, überlegte Trevisan. »Es scheint, dass er nicht nur Freunde hatte.«
*
Dragan Vukovic war ein blasser und hagerer Mann mit einem kantigen Gesicht und dichten schwarzen Haaren. Nervös saß er auf seinem Stuhl im kleinen Aufenthaltsraum neben der Werkstatt und kaute an seinen Fingernägeln.
»Hans arbeitete schon seit zwei Jahren bei uns«, sagte Vukovic. »Er ist vor sieben Tagen mit Druckmaschinen nach Spanien gefahren und kam in der Nacht mit Kunststoffteilen aus Pamplona zurück.«
Till Schreier hatte neben ihm Platz genommen, während sich Alex Uhlenbruch an die große Scheibe lehnte, die den Blick in die Werkstatt ermöglichte. Vukovic zitterte.
Till führte das Gespräch und hatte einen Notizblock vor sich liegen. Das kleine, silberne Bandgerät stand hochkant auf dem Tisch, das Mikro auf Vukovic gerichtet.
»Waren Sie mit ihm befreundet?«
»Befreundet ist zu viel gesagt. Wir waren Arbeitskollegen. Manchmal tranken wir zusammen ein Bier.«
»War es eigentlich normal, dass Kropp seinen Wagen einfach so im Hof abstellte, wenn er mit Fracht beladen war?«
»Wenn der Fahrer spät zurückkehrt, dann ist das nicht ungewöhnlich. Unsere Fahrer haben einen Schlüssel für das Tor. Sie stellen den Wagen ab und entladen ihn am nächsten Morgen. Das ist ganz normal.«
Till Schreier nahm das blaue Heft in die Hand und blätterte es auf. »Hier steht als Fahrtende 22.41 Uhr. Ist das die Handschrift von Hans Kropp?«
Er zeigte Vukovic das Fahrtenbuch, das sie im Führerhaus des LKW gefunden hatten.
»Wird er wohl gewesen sein«, erklärte der. »Die Fahrer füllen es aus, wenn sie ihren Bock hier parken. Ist für die Spesenabrechnung. Gestern hat es stark geregnet. Eigentlich wollte er bis neun zurück sein. Aber das kann ein Fahrer nie genau kalkulieren.«
»Lebte Kropp allein?«, mischte sich Alex ein.
Vukovic nickte. »Er ist geschieden und hat nur Ärger damit. War ein paar Jahre drüben im Osten. Dort hat er eine Zeit lang gearbeitet. Ist für eine Spedition nach Polen gefahren und erzählte manchmal darüber. War nicht immer alles legal. Schmuggelte Zigaretten und so. Ich weiß aber nicht, ob das stimmt. Hans hat gerne Geschichten erzählt, wenn er ordentlich geladen hatte.«
»Hatte er sonst irgendwelche Freunde oder Bekannte?«
Vukovic schüttelte den Kopf.
»Und Feinde?«
Vukovic lächelte verbissen. »Er hat mir mal erzählt, dass ihm seine beiden Schwäger die Hölle heiß machen, weil er keinen Unterhalt für seine Ex und den Bengel zahlte. Aber ich weiß nicht, ob das stimmt. Er war schon ein bisschen … ungewöhnlich.«
»Ungewöhnlich?«
»Ich glaube, dass er nur so herumgelungert hat, wenn er frei hatte. Das Drumherum war ihm manchmal scheißegal, wenn Sie wissen, was ich meine. Er lebte so in den Tag und war zufrieden, wenn er Bier und Zigaretten hatte. Wenn es ihm danach war, dann hat er diese Nummern angerufen, die in der Bildzeitung stehen. Aber ich glaube nicht, dass er viele Freunde hatte.«
»Seine Exfrau und diese Schwäger, Sie wissen nicht zufällig, wie die heißen und wo sie wohnen?«
»Nein. Die müssen noch immer im Osten sein. Ich glaube, seine Alte hieß Jenny oder so. Aber mehr weiß ich nicht darüber. Mein Gott, wir haben manchmal zusammen ein Bier getrunken, mehr nicht. Wir waren auch ganz unterschiedliche Typen, verstehen Sie. Es ist doch ganz normal, dass man sich auf der Arbeit über dies und das unterhält und manchmal nach Feierabend zusammensitzt. Mehr nicht. Ich habe ihn doch nur gefunden.«
»Und warum waren Sie schon so früh in der Firma?«
Vukovic wies auf einen roten Lastwagen, der über einer Grube in der Werkstatt stand. »Der soll heute Mittag auf Tour nach Italien. Hat noch immer Probleme mit dem Getriebe. Ich wollte ihn fertig machen und mich dann um den Wagen von Hans kümmern. Die Inspektion vorbereiten. Weil ich dachte, es wird heute wieder heiß, und weil Wochenende ist, wollte ich bis drei Uhr fertig sein, damit ich noch etwas an den Fliegerdeich kann.«
Till Schreier warf Alex Uhlenbruch einen Blick zu und erhob sich.
»Eine Frage noch«, sagte Alex. »Gab es in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches, einen Vorfall im Zusammenhang mit Hans Kropp?«
Vukovic schaute fragend drein, dann schüttelte er den Kopf. Die beiden Kripobeamten bedankten sich. Bevor sie den Aufenthaltsraum verließen, meldete sich Vukovic noch einmal zu Wort. »Doch, da war etwas. An dem Tag, als er losfuhr. Er meinte irgendjemanden gesehen zu haben. Er erzählte von einem Gefühl.«
»Was meinen Sie damit?«
»Na ja, jetzt, wo ich es mir recht überlege … Er glaubte, dass ihn jemand beobachtet. So ein Gefühl eben.«
»Wer sollte das gewesen sein?«
»Ich weiß nicht, er sagte nur, dass er ein komisches Gefühl habe. So etwas wie Angst, glaube ich, obwohl er einen ordentlichen Schlag hatte und Kräfte wie ein Büffel. Aber er sagte öfters so seltsame Dinge. Einmal behauptete er, er habe die Gabe des zweiten Gesichts. Was immer das auch bedeutet.«
5
Draußen heizte die Mittagssonne die Mauern und den Asphalt auf, so dass die Luft vibrierte. Vom reinigenden Gewitter der letzten Nacht war nichts mehr zu spüren.
Im großen Konferenzraum der Wilhelmshavener Kriminalinspektion in der Peterstraße stand die Luft unbeweglich. Neben Kleinschmidt, Beck und Trevisan hatten sich die Mitarbeiter des FK 1 und die zugeordneten Kollegen aus dem dritten Fachkommissariat um den großen Tisch versammelt. An der Tafel prangten die ersten Tatortbilder der vergangenen Nacht.
»Wir müssen von einem gezielten Anschlag auf den Fernfahrer ausgehen«, referierte Trevisan und wies auf die Tafel. »Nach dem festgestellten Spurenbild hat der Täter oder eine Tätergruppe hinter den Containern an der Westseite des Areals auf den LKW-Fahrer gelauert. Wir gehen davon aus, dass der Fahrer seinen LKW gegen 22.41 Uhr dort abstellte, nachdem er von einer Tour aus Spanien zurückgekommen ist. Seine Rückkehrzeit war in der Firma nicht genau bekannt, aber er wurde für den gestrigen Abend erwartet. In der Firma galt Kropp als zuverlässig, wenn auch ein wenig eigenbrötlerisch. Niemand unterhielt einen engeren Kontakt zu ihm und von Bekannten oder Freunden ist keinem in der Firma etwas bekannt. Weiterhin müssen wir davon ausgehen, dass Kropp Drohbriefe erhielt.«
»Und in die Firma wurde nicht eingebrochen?«, unterbrach Dietmar Petermann Trevisans Vortrag.
»Es gibt dafür nicht die geringsten Anhaltspunkte«, antwortete Kleinschmidt. »Wir haben alles untersucht und fanden keinerlei Spuren. Weder an Fenstern noch an Türen.«
»Gibt es denn etwas Wertvolles in der Firma zu holen?«, fragte Monika Sander.
Trevisan zuckte die Schulter. »Kommt darauf an. In einer Spedition werden zeitweise teure Elektroartikel oder Fernsehapparate gelagert. Kropp transportierte Maschinen nach Spanien und brachte Kunststoffmuffen auf seiner Rückfahrt mit.«
»Wer braucht schon fünfzehn Tonnen Kunststoffmuffen?«, kommentierte Dietmar lächelnd.
Kleinschmidt räusperte sich. »Kollegen, wenn ich euch sage, dass es keine Aufbruchspuren an den Türen gibt, dann ist es so. Und wer bricht in eine Firma ein und trägt ein Gewehr über seinen Schultern? Man wollte Kropp umbringen, davon bin ich überzeugt. Sonst hänge ich morgen meinen Job an den Nagel.«
Monika nickte. »Das glaube ich auch.«
»Was wissen wir über den Toten?«, meldete sich Kriminaloberrat Beck zu Wort.
Trevisan blätterte in seinem Aktenordner. »Hans Kropp, geboren am 14. August 1964 in Werdum. Alleinstehend. Hat eine Stiefschwester in Dornum. Er ist geschieden, seine Frau wohnt in der Gegend um Pasewalk im Osten. Dort arbeitete er von 1995 bis 1998, bis er wieder nach Wilhelmshaven zurückkehrte. Er hat einen Sohn, der bei der Mutter lebt. Offenbar kam es damals in der Ehe zu Handgreiflichkeiten. Zumindest steht das so in seinen Akten. Er ist bereits mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten. Zweimal wegen Körperverletzung, unter anderem hat er seine Exfrau krankenhausreif geschlagen. Auch damals hat er im Osten für eine Spedition gearbeitet und ist Touren nach Polen und in die Tschechei gefahren. Zweimal wurde er wegen gewerbsmäßigem Zigarettenschmuggels angezeigt. Aktuell liegt eine Anzeige wegen Verstoßes gegen die Unterhaltspflicht vor, aber die Ermittlungen liegen auf Eis. Warum auch immer. Er zahlt zwar für seinen Sohn, aber den Unterhalt für die Frau spart er sich.«
Dietmar trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. »Dann gibt es also Motive genug.«
Trevisan nickte. »Ich denke, wir sollten bei seinen Familienverhältnissen beginnen. Es soll Schwierigkeiten mit den Brüdern seiner Exfrau gegeben haben, berichten der Mechaniker und der Disponent der Firma. Ich denke, das ist ein guter Ansatzpunkt.«
Beck nickte. »Das sieht mir eindeutig nach einer Beziehungstat aus. Meiner Meinung nach ist der Fall mit ein paar gezielten Recherchen der Pasewalker Kollegen schnell aufgeklärt, wir dürfen nämlich nicht den Brandstifter vergessen. Der Serientäter hat Vorrang, dass wir uns da klar verstehen.«
Trevisan hob beschwichtigend die Hand. »Wir putzen den Fisch erst, wenn wir ihn im Netz haben. Aber ich denke, Beck hat recht, der Brandstifter ist immer noch da draußen unterwegs und wir wissen nicht, ob er mittlerweile Gefallen am Tod von Menschen gefunden hat. Ich schlage deswegen vor, dass wir uns aufteilen. Ich kümmere mich mit Tina und Alex um Kropp und ihr sucht weiter nach dem Brandstifter.«
Dietmar räusperte sich. »Wir zahlen aber kein Essen, wenn ihr euren Mörder zuerst gefasst habt«, sagte er scherzend.
Trevisan schaute in die Runde und bemerkte Becks zufriedenen Blick. »Gibt es sonst noch etwas?«
Die Männer und Frauen des FK 1 schüttelten die Köpfe.
»Also dann, ran an die Arbeit!«
*
Der September begann mit einem weiteren heißen Tag. Am Himmel zogen kleine, weiße Wölkchen vor einem leuchtend blauen Himmel ihre Bahn.
Er atmete tief ein.
Sie war wieder zurück. Seit zwei Wochen schon. Zurückgekehrt, nach Hause gekommen, heimgekehrt – gescheitert.
Er war mit ihr aufgewachsen. Sie hatten zusammen gespielt, gelacht und sich manchmal gestritten. Sie gehörten zusammen wie der Wind und die Wolken, damals zumindest, als Jugendliche. Er hatte ihre weiche Haut geliebt, ihren Duft, der ein wenig an eine Blumenwiese erinnerte. Er hatte sich gewünscht, die Zeit würde nie enden. Doch die Tage waren viel zu schnell vergangen.
Einmal, als er ihr von Gott und dem reinigenden Feuer erzählte, hatte sie geantwortet: »Du bist schon ein sonderbarer Kauz. Und zu oft mit dem alten Josef zusammen. Der macht dich mit seinen Geschichten und seinen Sprüchen noch ganz wirr im Kopf.«
Sie hatte gelächelt und er hatte gewusst, er liebte sie. Er hatte ihr von seinem Traum erzählt, von dem gemeinsamen Leben, von Kindern.
»Du glaubst doch nicht, dass ich mein ganzes Leben hier in diesem gottverdammten Nest verbringen will und den lieben langen Tag deine Kinder hüten«, hatte sie geantwortet. »Ich will etwas erleben. Und ich will die Welt sehen, bevor ich hier noch ersticke.«
Sie war zu einer schönen jungen Frau geworden, hatte ihr Abitur gemacht und sich um einen Studienplatz in Hamburg beworben. Er hatte zu Gott gebetet und inständig gehofft, dass sie bleiben würde, doch Gott hatte nicht auf ihn gehört. Als sie damals gegangen war, hatte er geweint.
Er würde nie aufhören, sie zu lieben. Aber sie war nur selten in den Ort zurückgekommen.
»Das Studium ist hart, ich bin den ganzen Tag nur am Lernen«, hatte sie zu ihm gesagt. Sie hatte sich zusammen mit ein paar Freundinnen eine kleine Studentenwohnung in der Nähe von Hamburg gemietet. Er hatte ihr jede Woche geschrieben. Anfänglich hatte sie die Briefe noch beantwortet und manchmal, wenn sie nach Wochen wieder nach Hause gekommen war, hatten sie sich getroffen und gequatscht. Doch er hatte gemerkt, dass er sie langsam verlor. Dennoch hoffte er, dass irgendwann alles wieder so werden würde wie früher.
Er hatte nicht aufgehört, ihr zu schreiben, bis ihm dieser tragische Unfall widerfuhr. Danach hatten sie sich nur noch ein einziges Mal getroffen.
»Ich bitte dich, schreib mir keine Briefe mehr«, hatte sie gesagt. »Ich habe einen festen Freund. Es ist etwas Ernstes. Ich will nicht, dass er die Sache missversteht.«
Er hatte genickt und seine Tränen zurückgehalten.
»Wenn wir unser Studium beendet haben, dann werden Joe und ich zusammen nach Amerika gehen«, hatte sie erzählt. »Computerfachleute werden dort immer gesucht.«
Es war das letzte Mal gewesen, dass sie mit ihm gesprochen hatte. Er hatte sie nicht mehr wiedergesehen, trotzdem stand ihm ihr Bild heute wie damals vor Augen. Das war eine Ewigkeit her.
Als er gestern den Weg entlanggegangen war und das kleine Mädchen im Sand hatte spielen sehen, war ihm der Atem gestockt.
»Swantje«, hatte er gestammelt und das blond gelockte Kind angestarrt.
Später hatte er erfahren, dass Swantje mit ihrer kleinen Tochter nach Hause zurückgekehrt war – seit zwei Wochen war sie wieder hier und er hatte es nicht einmal bemerkt.
Am Abend hatte er den alten Onno getroffen. Der wusste alles, was im Dorf und der Umgebung vor sich ging. Und er wusste auch, warum Swantje wieder zurückgekommen war. Ihr schöner großer Plan, die Welt zu erobern, war gescheitert. Ihr Freund hatte das Studium geschmissen, sich eine andere geangelt und sie verlassen. Sie selbst hatte ihr Studium wegen der Schwangerschaft unterbrochen. Amerika würde warten müssen, Swantje war nach Hause zu ihren Eltern zurückgekehrt.
Er wusste nicht, ob er Mitleid mit ihr haben oder sich freuen sollte. Liebte er sie noch, oder liebte er nur das Bild von ihr, das damals in ihm zurückgeblieben war?
Wenn er an die Vergangenheit dachte, sah er das kleine blond gelockte Kind wieder vor seinen Augen. Es war ein Kind der Sünde.
So tötet nun alles, was männlich ist unter den Kindern, und alle Frauen, die nicht mehr Jungfrauen sind; aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben.
*
Monika Sander warf den Aktenordner wütend zurück auf den Tisch.
»Ich weiß nicht, was ihr die ganze Zeit über gemacht habt, aber saubere Ermittlungsarbeit stelle ich mir anders vor. Die Informationen sind das Papier nicht wert. Ich muss ganz von vorne anfangen.«
Schneider rümpfte beleidigt die Nase. »Jetzt mach aber mal halblang, Monika. Du glaubst wohl, wir ruhen uns den ganzen Tag im Büro auf der faulen Haut aus. Ich habe vier Mann in meinem Dezernat. Sieben Juweliere wurden in den letzten fünf Monaten in der Gegend überfallen, eine Einbrecherbande leert einen Elektromarkt nach dem anderen und immer wieder verschwinden Nobelkarossen von den Parkplätzen. Wir haben eine Bande aus dem ehemaligen Jugoslawien in Verdacht, aber bislang konnten wir ihnen noch nichts nachweisen. Und jetzt kommst du daher und machst Theater, bloß weil wir diesen Spinner nicht dingfest gemacht haben.«
»Er hat bislang elf Brände gelegt«, konterte Monika.
»Er hat elf alte und leer stehende Ruinen angezündet, die früher oder später sowieso abgerissen worden wären«, fiel ihr Schneider ins Wort. »Eigentlich hat er mehr genützt als geschadet.«
»Aber jetzt haben wir einen Toten«, widersprach Monika. »Und alles nur, weil ihr nicht richtig ermittelt habt.«
Schneider fuhr auf. »Wirf mir nicht vor, dass wir nichts unternommen hätten!«, schnaubte er. »Wir haben alles versucht, was möglich war. Aber wir sind hier nicht im FK 1 und können aus dem Vollen schöpfen, so wie ihr. Als ihr hinter dem Wangerlandmörder her gewesen seid, mussten einige von uns euer Kommissariat verstärken, wenn du dich noch erinnerst. Uns wird in solchen Fällen kein Zucker in den Hintern geblasen. Wir sind das ganze lange Jahr auf uns alleine gestellt. Und wirf mir nicht vor, dass ich eine Raubserie diesem Spinner vorziehe, der alte Hütten in Brand steckt.«
Monika Sander griff nach dem Aktenordner und stürmte aus dem Büro.
»Wenn du nicht weiterkommst, kannst du ja zur Alten gehen und die Einrichtung einer Sonderkommission vorschlagen«, rief ihr Schneider nach. »Ihr Zuckerpüppchen vom 1. FK habt doch bei der einen Stein im Brett oder irre ich mich?«
Lautstark warf Monika die Tür ins Schloss. Auf dem Gang blieb sie stehen und atmete tief durch.
Was bildete sich Schneider nur ein?
Sie mochte ihren Kollegen vom 3. Fachkommissariat nicht. Schneider war überheblich, selbstherrlich und arrogant. Er mochte keine Frauen, vor allem nicht bei der Polizei. Doch was sollte sie tun? Sich über ihn bei der Direktorin oder bei Beck beschweren? Nein, diese Blöße würde sie sich nicht geben.
Tills Stimme hinter ihr riss sie aus den Gedanken. »Wo steckst du nur? Ich habe dich schon überall gesucht!«
Sie wandte sich um. »Was ist los?«
»Ich bin den ganzen Vormittag die Bibelzitate noch einmal durchgegangen. Sie stammen alle aus den fünf Büchern Mose.«
»Und was bedeutet das?«
Till zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es noch nicht. Aber ich denke, es muss eine Bedeutung haben.«
»Unser Brandstifter ist eben ein sehr gläubiger Mensch.«
»Das alleine ist es nicht«, entgegnete Till. »Wenn er einfach nur wahllos etwas über Feuer, Opfergaben und Sühne aus der Bibel abschreiben würde, warum dann nur aus den Büchern Mose? Ich kann nicht glauben, dass es Zufall ist. Es gibt weitaus populärere Sprüche.«
»Beginnt das Alte Testament, beziehungsweise die Bibel, nicht mit den Büchern Mose?«, fragte Monika. »Vielleicht hat er schlichtweg vorn angefangen und geht kapitelweise vor.«
»Das dachte ich zuerst auch«, entgegnete Till. »Und die Zitate haben tatsächlich eine chronologische Reihenfolge. Nach Genesis folgte Exodus, das zweite Buch Mose, und dann Levitikus, Buch Nummer drei. Trotzdem glaube ich, dass er ganz bewusst nur Sprüche aus den Überlieferungen von Moses aussucht. Ich habe nur noch keine Ahnung, welche Bedeutung sich dahinter verbirgt. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass uns die Zitate direkt zu ihm führen werden.«
Monika runzelte die Stirn. »Hast du mit Trevisan schon darüber geredet?«
Till schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wo er steckt. Bislang hat ihn noch niemand gesehen.«
Monika nickte und wandte sich um.
»Da ist noch etwas«, hielt Till sie zurück. »Aus Bremen kam die Nachricht, dass Ammann und Schmitt bei den Kollegen aufgelaufen sind, die beiden Penner, die eine Zeitlang mit Baschwitz herumgezogen waren, unserem Brandopfer. Sie haben für die Brandnacht ein hervorragendes Alibi: Sie saßen in Aurich in einer Ausnüchterungszelle, weil sie in der Fußgängerzone total besoffen randaliert hatten. Die Kollegen in Aurich haben mir das telefonisch bestätigt. Die beiden wurden um 17.52 Uhr in Ausnüchterungsgewahrsam genommen und am nächsten Morgen um sieben wieder freigelassen. Du kannst sie von der Liste der Verdächtigen streichen.«
Monika seufzte. »Zurzeit streiche ich nur noch Namen von irgendwelchen Listen, ich habe die Befürchtung, dass am Ende niemand mehr übrig bleibt.«
Till verzog das Gesicht. »Wir kriegen ihn, wir brauchen nur Geduld.«
»Deinen Optimismus möchte ich haben.«
»Im Grunde genommen glauben der Pessimist und der Optimist an das Gleiche, nur ist der Optimist dabei glücklicher«, entgegnete Till lächelnd.
6
Miriam Kleese bewohnte ein kleines Einfamilienhaus am Rande von Dornum, im Schatten der Norderburg. Trevisan hatte seinen Wagen unter einer Reihe von Bäumen geparkt und hoffte, dass es im Innenraum des PKW trotz der dreißig Grad Außentemperatur einigermaßen erträglich bleiben würde, bis er zurückkehrte. Miriam Kleese war über den Tod ihres Halbbruders von der örtlichen Polizei informiert worden. Nach Trevisans Informationen hatte sie die Nachricht ohne sichtliche Bestürzung hingenommen. Im Gegenteil, sie hatte geantwortet, dass man sie in Ruhe lassen solle. Sie habe keinen Kontakt zu ihrem Stiefbruder mehr gehabt.
Den Rest des Weges zum Anwesen von Miriam Kleese ging Trevisan zu Fuß. Trotz der Hitze war er froh, der Enge der Dienststelle entkommen zu sein. Er war noch immer nicht richtig im Alltagstrott angekommen.
Das Wohngebiet lag im Osten Dornums. Kleine, verklinkerte Häuser erstreckten sich entlang der Straße zum Sportgelände. Trevisan lief den Gehweg entlang und suchte nach dem Haus mit der Nummer acht.
»Ihr glaubt wohl, ich bin auf der Welt, um euch den ganzen lieben langen Tag eure Sachen hinterherzuräumen!«, kreischte eine Frauenstimme. Trevisans Blick erfasste die Frau, die im Vorgarten des Anwesens Nummer acht stand und einen Ball in ihren Händen hielt. »Entschuldigung, sind Sie Frau Kleese?«
»Wer will das wissen?«, fragte sie abweisend. Sie mochte etwa an die dreißig Jahre alt sein, trug eine blau gemusterte Schürze und hatte ihre braunen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der die Strenge in ihrem Gesicht unterstrich.
»Mein Name ist Martin Trevisan, ich bin Kriminalbeamter und möchte mich mit Ihnen über Ihren Stiefbruder unterhalten.«
Die Frau warf den Ball achtlos in die Ecke. Ein kleiner Junge, wohl um die zehn Jahre, lief über den Rasen und krallte sich das runde Leder.
»Wenn er noch mal mitten im Weg liegt, dann hole ich das Beil und hacke ihn auseinander«, drohte Frau Kleese, ehe der Junge um die Hausecke bog. »Als ob man nicht schon genug zu tun hätte«, murmelte sie, ehe sie zur der Gartentür ging.
»Können Sie mir etwas über das Leben Ihres Stiefbruders erzählen?«, hakte Trevisan noch einmal nach.
»Ich sagte doch schon, die Sache geht mich nichts an«, fuhr sie Trevisan an. »Ich habe den Kerl beinahe zwei Jahre nicht mehr gesehen. Und das ist gut so. Er taugte nicht viel.«
»Er wurde ermordet«, erwiderte Trevisan.
»Wahrscheinlich hat er nur gekriegt, was er verdiente«, entgegnete Frau Kleese. »Er war ein Teufel.«
»Er war Ihr Stiefbruder.«
Frau Kleese verzog das Gesicht zu einem bissigen Lächeln. »Nur weil wir einen gemeinsamen Vater hatten, macht ihn das noch lange nicht zu meinem Verwandten. Da gehört mehr dazu. Hans war ein Schwein. Er hat alle ausgenutzt und nur an sich gedacht.«
»Wer könnte ihn umgebracht haben?«, fragte Trevisan.
Frau Kleese lachte laut auf. »Fragen Sie lieber anders herum: Wer mochte ihn überhaupt? Wenn Sie nach Leuten suchen, die Gründe hätten, ihm Gift zu geben, dann schreiben Sie mich ruhig auf Ihre Liste. Aber ich sage es Ihnen gleich, es wird ein langes Stück Papier.«
»Gehen Sie nicht ein wenig zu hart mit ihm ins Gericht?«, fragte Trevisan.
»Sie haben ihn nicht gekannt«, entgegnete Miriam Kleese barsch. »Er hat meine Mutter auf dem Gewissen.«
»Das verstehe ich nicht«, antwortete Trevisan. Eine Schweißperle lief über seine Stirn.
Die Frau überlegte. »Na ja, eigentlich habe ich überhaupt keine Zeit, aber wenn Sie jetzt schon mal hier sind und bevor wir noch länger in der Sonne stehen: Kommen Sie herein.«
Sie ging voran und führte Trevisan durch den Flur in die Küche. Die Wohnung war aufgeräumt und ordentlich. Farbenfrohe Kinderzeichnungen von Schiffen und dem Meer hingen an den weißen Türen des Küchenschrankes, liebevoll angeordnet und mit Klebstreifen befestigt. Vielleicht war ihre Strenge nur Fassade.
»Ihr Junge zeichnet anscheinend gerne?« Trevisan setzte sich auf den angebotenen Platz auf der Eckbank.
»Ich habe drei Kinder«, erwiderte die Frau. »Zwei Mädchen, eine sieben, die andere zwölf, und Tommy. Er ist zehn und manchmal ganz schön wild.«
Trevisan zeigte auf die Bilder. »Die Kinder lieben wohl das Meer.«
»Das will ich meinen«, entgegnete die Frau. »Ihr Vater ist Steuermann auf einem Frachter. Wenn er zu Hause ist, nimmt er die Kinder manchmal mit in den Hafen.«
»Ist er denn zu Hause?«, fragte Trevisan trocken.
Miriam Kleese musterte Trevisan nachdenklich.
»Ha, einmal Polizist, immer Polizist«, antwortete sie. »Aber ich muss Sie leider enttäuschen. Helge dürfte sich gerade irgendwo im Indischen Ozean befinden. Die Ocean Queen läuft in drei Tagen in den Hafen von Hongkong ein. Da müsste er schon zaubern können, wenn er etwas mit dem Tod von Hans zu tun hätte. Obwohl er ebenso viele Gründe hätte wie ich, es diesem Kerl heimzuzahlen. Aber das wissen Sie doch bereits. Sie haben sich ja sicherlich gut auf Ihren Besuch vorbereitet.«
Trevisan schüttelte den Kopf. »Ich kam her, um mir ein Bild vom Ermordeten machen zu können. Ich hatte keine Hintergedanken, das können Sie mir ruhig glauben.«
Miriam Kleese stellte ein Glas Wasser vor Trevisan auf den Tisch, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich.
»Dann will ich Ihnen mal meinen Stiefbruder beschreiben, damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben«, antwortete sie schnippisch. »Ich sagte bereits, er war ein Teufel. Meine Mutter heiratete seinen Vater, als Hans gerade mal fünf war. Sein Vater brachte ihn mit in die Ehe. Ich wurde kaum ein Jahr später geboren.«
»Was war mit seiner leiblichen Mutter?«, frage Trevisan.
»Sie ist ins Wasser gegangen, da war er vier«, antwortete Miriam Kleese bissig. »Was soll man mit zwei solchen Halunken zu Hause schon anderes machen. Sein Vater war nämlich keinen Deut besser als er.«
»Lebt sein Vater noch?«
Miriam Kleese lächelte kalt. »Hat sich den Kragen abgesoffen. War kaum zwei Jahre mit meiner Mutter zusammen, da ließ er den Balg zurück und türmte. Verschwand einfach, zahlte nichts und blieb wie vom Erdboden verschluckt. Ich war damals erst ein paar Jahre alt. Wir erfuhren erst durch die Polizei, dass er sich nach Hamburg fortgemacht hatte und dort in einem Wohnheim für Penner gestorben ist. Und da meinten die Behörden noch, meine Mutter sollte für die Beerdigung aufkommen. Denen haben wir was gepfiffen.«
»Und Hans Kropp?«
»Meine Mutter kümmerte sich um ihn, aber es gab nur Probleme«, fuhr Miriam Kleese fort. »Er klaute, rauchte schon als Vierzehnjähriger und soff heimlich. Einmal habe ich ihn beim Biertrinken erwischt, da schlug er mich grün und blau und drohte, mir den Hals umzudrehen, wenn ich ihn bei Mutter verpfeife. Aber sie wurde sowieso nicht mit ihm fertig. Wir wohnten damals in Norden. Mutter schaltete das Jugendamt ein, aber von dort hieß es immer nur, dass sie die Verantwortung für ihn trägt, weil sie sich mit seinem Vater eingelassen hatte.«
»Hatte sie ihn denn adoptiert?«
»Adoptiert, danach hat doch keiner gefragt«, erwiderte Frau Kleese bissig. »Einmal haben die vom Jugendamt ihn auf Bitten meiner Mutter für sechs Wochen zu einer Ferienfreizeit für Schwererziehbare nach Spiekeroog mitgenommen, aber nach kaum vier Wochen schickten sie ihn wieder zurück. Er störe den Ablauf und terrorisiere die anderen Jugendlichen, sagten die Leute vom Jugendamt. Na ja, wenigstens haben sie meiner Mutter dann ein paar Kröten dafür bezahlt, dass sie sich weiter um ihn kümmert.«
Trevisan blickte aus dem Fenster. Eine dunkle Wolke schob sich von Westen über den Himmel voran. Sollten die Wetterfrösche recht behalten und es doch noch Gewitter geben?
»Wir zogen dann nach Dornum. Ich war froh, als er die Schule abgeschlossen hatte und in Norden eine Ausbildung als Kraftfahrzeugmechaniker begann. Zumindest die Woche über war er weg und wohnte in einem kleinen Zimmer bei einer Bekannten von Mutter. Aber für Mutter war es zu spät, sie hatte keine Nerven mehr. Sie starb, als ich zwanzig war. Er war daran schuld.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Trevisan.
»Er hat ihr die letzten Nerven geraubt und war durch und durch schlecht. Er wurde schon als schlechter Mensch geboren.«
»Niemand wird als schlechter Mensch geboren«, widersprach Trevisan. »Meist ist es das Umfeld oder widrige Umstände, die jemanden in seiner normalen Entwicklung aus der Bahn werfen.«
»Hört, hört«, witzelte Miriam Kleese. »Kein Wunder, dass es tagtäglich schlimmer wird mit Mord und Totschlag, wenn schon die Ordnungshüter nach Entschuldigungen für diese missratenen Kerle suchen. Aber ich weiß, wovon ich spreche. Der alte Kropp war abgrundtief schlecht und sein Sprössling war keinen Deut besser.«
»Haben Sie ihn in der letzten Zeit mal gesehen?«, unterbrach Trevisan ihren Vortrag über Gut und Böse.
»Ich sagte schon, es ist etwa zwei Jahren her.«
»Wo trafen Sie ihn?«
»Er kam hierher.«
Trevisan spürte, dass die Frau nicht darüber sprechen wollte. Er neigte den Kopf und schaute sie fragend an. »Was ist geschehen?«
Miriam Kleese zögerte.
»Jetzt haben Sie mir bereits den gesamten Lebenslauf Ihres Stiefbruders erzählt, nun können Sie mir ruhig noch den Rest erzählen.«
Miriam Kleese fuhr sich durch die Haare. »Sie werden es ja sowieso erfahren«, seufzte sie. »Nachdem Mutter gestorben war, verschwand er wie sein Vater. Ich hörte nur, dass er irgendwann in den Osten ging und dort geheiratet hat. Die arme Frau, dachte ich mir.«
»Und was war vor zwei Jahren?«
»Er muss irgendwie meine Adresse erfahren haben. Er tauchte kurz vor Anbruch der Dunkelheit auf. Ich war wie vor den Kopf geschlagen.«
»Was wollte er?«
»Er brauchte Geld, aber ich habe ihn nicht ins Haus gelassen«, sagte Miriam Kleese. Ihre Nervosität war nicht zu übersehen.
»Ist er gegangen?«
Sie starrte durch das Küchenfenster. Draußen verdunkelte sich der Himmel. Eine Träne bahnte sich den Weg über ihre Wange.
»Was hat er getan?«, fragte Trevisan leise.
Eine zweite Träne folgte. Miriam Kleese schlug die Hände vor die Augen. Ein lauter Donnerschlag drang durch das Haus.
»Was?«, fragte Trevisan eindringlich. Dicke Regentropfen prasselten gegen das Fenster.
»Er hat versucht, mich zu vergewaltigen«, flüsterte Miriam Kleese.
Eine Weile schwiegen beide, nur das Gewitter und der Regen füllten die Stille.
»Er hat es versucht?«, fragte Trevisan.
Sie nickte. »Mein Nachbar kam zufällig nach Hause. Er hat wohl gemerkt, dass etwas nicht stimmte, und kam mir zu Hilfe.«
»Und was geschah dann?«
»Er ist abgehauen. Er hat sich nie mehr blicken lassen.«
»Haben Sie ihn angezeigt?«
Miriam Kleese schüttelte den Kopf.
»Weiß Ihr Mann davon?«
Sie nickte. »Ich habe es ihm erzählt, als er von seiner Tour zurückkam. Helge ist kein Schwächling. Er hat herausgefunden, wo er ihn finden kann. Er hat ihn abgepasst und ordentlich vermöbelt. Seither haben wir nichts mehr von ihm gehört. Das ist jetzt fast zwei Jahre her.«
Trevisan atmete tief ein. »Hat Ihr Mann ein Gewehr?«
Miriam Kleese trocknete ihre Tränen. »Er hat ihn nicht umgebracht, er ist gar nicht hier.«
»Entschuldigen Sie, aber ich muss Ihnen diese Fragen stellen«, entgegnete Trevisan. »Gibt es ein Gewehr im Haus?«
»Nein«, antwortete Miriam Kleese. »Sie können nachschauen, wenn es Sie interessiert.«
Trevisan wechselte das Thema. »Wissen Sie etwas über seine Ehefrau?«
Ein lauter Donnerschlag ließ das Haus erzittern.
»Ich weiß nichts über ihn, und ich will auch nichts wissen. Ich bin froh, dass er nicht mehr am Leben ist. Endlich ist Ruhe und er hat bekommen, was er schon lange verdient. Irgendwann muss eben jeder seine Zeche bezahlen. Und jetzt gehen Sie bitte, ich will alleine sein.«
Trevisan nickte und erhob sich. Wortlos ging er auf die Tür zu.
»Wie ist er überhaupt gestorben?«, fragte sie, noch immer am Tisch sitzend und aus dem Fenster starrend.
»Er wurde erschossen«, antwortete Trevisan, bevor er das Haus verließ und ihn der warme Gewitterregen empfing.
*
Das kleine Mietshaus lag abseits der Hauptstraße in einem Wohngebiet in Heppens. Efeu rankte sich an der Hauswand in die Höhe und reichte fast schon unter das Dach.
Hans Kropp hatte hier beinahe zwei Jahre eine kleine Einliegerwohnung im Erdgeschoss bewohnt. Sein Vermieter, ein wortkarger Rentner, ließ Alex und Tina ins Haus, nachdem sie sich ausgewiesen hatten.
Er beschrieb Kropp als ruhigen Mieter, der ab und an einen über den Durst getrunken, aber ansonsten eher ruhig und zurückgezogen gelebt hatte. Die Miete hatte er in letzter Zeit pünktlich bezahlt und Besuch hatte er nie empfangen. Nur einmal, vor einem Jahr etwa, hatte es einen Zwischenfall gegeben. Eine Frau war aufgetaucht und mit Hans Kropp in die Wohnung gegangen. Ein paar Stunden darauf hatte es einen heftigen Streit gegeben. Die Frau sei wie eine Furie aus der Wohnung gestürmt und seither nie wieder da gewesen. Alles in allem könne er nicht verstehen, warum man Hans Kropp umgebracht habe.
Er öffnete mit einem Zweitschlüssel bereitwillig die Wohnung des Ermordeten.
Alex blickte sich verwundert darin um. Er hatte eine typisch unordentliche Junggesellenbude erwartet. Aber obwohl die Wohnung nur aus einem großen Zimmer mit einer Schlafcouch, einer Kochnische und einem Badezimmer mit WC bestand, war sie durchaus ordentlich und aufgeräumt.
In einem Vitrinenschrank aus Kiefer waren auf den drei Einlegeböden unzählige kleine Figuren aus Überraschungseiern verteilt. Oben auf dem Schrank lag neben einem Bild von Hans Kropp, das ihn neben seinem Lastwagen zeigte, eine Plastikrose, eine Trophäe aus einer Jahrmarktsschießbude. Das Bett war ordentlich hergerichtet und die Kissen aufgeschüttelt. Auf dem Tisch lagen zwei Fernbedienungen, die zum Fernseher und der kleinen Stereoanlage auf dem Phonowagen neben der Badtür gehörten.
Alex begann, die Schrankschubladen zu öffnen. »Sieht so aus, als ob er Wert auf Ordnung legte«, sagte er und kramte weiter.
Tina durchsuchte in der Kochnische die beiden Schränke, die über der Koch- und Kühlkombination hingen. Selbst das Geschirr war sauber und akkurat eingeordnet. »Wenn wir nicht wüssten, dass er zu Lebzeiten ein ganz schöner Rabauke war, könnte man meinen, wir hätten es mit einem wertvollen Mitglied unser Gesellschaft zu tun«, antwortete sie.
Alex öffnete eine Schranktür und fand fein säuberlich aufgereihte Aktenordner. »Versicherungen, Kaufverträge, Lebenshaltung«, murmelte er. Schließlich stieß er auf einen Packen Briefe, die mit einer Schnur zusammengehalten wurden. Er löste den Knoten und begann zu lesen, während Tina im Badezimmer verschwand.
Alex ließ sich auf einem der beiden Sessel nieder. Nach einer kurzen Weile pfiff er durch die Zähne.
»… wir werden dich finden, egal wo du dich verkriechst. Du kommst uns nicht davon …«, las er laut vor.
Tina kam aus dem Badezimmer und lehnte sich gegen die Wand.
»Auf die Gerichte ist kein Verlass«, fuhr Alex fort, »deshalb werden wir selbst tun, was zu tun ist. Jenny hat das nicht verdient. Du wirst dich an jeden einzelnen Schlag erinnern. Mach dich auf etwas gefasst.«
»Was hast du da?«, fragte Tina.
Alex atmete tief ein. »Ein Sammelsurium an Drohbriefen, alle aus diesem Jahr.«
»Hast du auch den Absender?«
»Sie sind an eine Postfachadresse gerichtet, Empfänger ist Hans Kropp. Der Absender heißt Günter Basedow und wohnt in Stolzenburg, der Postleitzahl nach liegt das im Osten.«
»Ich bin gespannt, was Trevisan davon hält«, sagte Tina.
7
Trevisan saß in seinem Büro und beobachtete die Regentropfen, die in feinen Rinnsalen am Fenster entlangliefen. Die Birken vor der Dienststelle wiegten sich im Wind. Die Gewitterfront hatte Wilhelmshaven erreicht, und es wurde mitten am Tag so finster, dass man die Neonleuchten einschalten musste, wollte man in den Akten lesen oder Bilder vom Tatort betrachten. Seine leichte Sommerjacke hatte er über dem Waschbecken zum Trocknen aufgehängt. Auf dem Weg von Miriam Kleeses Haus zurück zu seinem Wagen war er in einen Wolkenbruch geraten.
Schon als er seinen Audi in der Garage abgestellt hatte, war ihm aufgefallen, dass der Opel und auch der VW Passat fehlten. So war er nicht verwundert gewesen, dass alle Büros verwaist waren, als er durch den langen Gang des Dienstgebäudes in sein Büro gegangen war. Lediglich Frau Reupsch, die Schreibzimmerdame, saß vor ihrer Tastatur und hackte ellenlange Berichte in den Computer. Sie trug einen Kopfhörer und hatte Trevisan nicht bemerkt.
Hans Kropp war regelrecht hingerichtet worden. Wie viel Hass und Verachtung musste jemand für einen anderen Menschen empfinden, wenn er ihn zunächst fluchtunfähig machte, um ihm anschließend aus nächster Nähe in den Kopf zu schießen. Nach allem, was er von Kropps Halbschwester Miriam Kleese erfahren hatte, war das Mordopfer ein Mensch, dem es nichts ausmachte, wenn andere unter ihm litten. Im Gegenteil, er hatte es offenbar genossen. Hatte sein Mörder auch Kropps Tod genossen?
Auf jeden Fall war das Motiv für die Tat offensichtlich, denn schon die Tatausführung sprach für sich: grenzenloser Hass.
Trevisans Gedanken schweiften ab, er dachte an Griechenland, an das warme Wasser, das Rauschen der Wellen und an Angela. Es würde wohl noch eine Weile dauern, bis ihn der Alltag vollends wiederhatte und er seine volle Konzentration seiner Arbeit widmen konnte. Und ausgerechnet jetzt hatte sein Kommissariat zwei Todesfälle zu bearbeiten. Ein Glück nur, dass alle Kollegen bereits aus dem Urlaub zurückgekehrt waren.
Der Regen draußen ließ nach. Trevisan wandte sich wieder der Akte Kropp zu. Die Brüder der Exfrau standen ganz oben auf der Liste der Verdächtigen.
Die Sache mit dem Brandstifter war da weitaus verzwickter. In diesem Fall standen sie noch immer mit leeren Händen da. Er vertraute Monika und wusste, wie viel Energie sie in ihre Arbeit steckte. Überhaupt war ihm, seit er dem Wangerlandmörder das Handwerk gelegt hatte, klar geworden, dass er sich uneingeschränkt auf seine Kollegen verlassen konnte. Sogar der manchmal ein bisschen naive und schrullige Dietmar war zu einem ganz brauchbaren und verlässlichen Mitarbeiter geworden, auch wenn es gelegentlich ein paar Reibungspunkte gab.
Am meisten fehlte ihm Johannes Hagemann, sein alter väterlicher Kollege, der vor zwei Jahren gestorben war. In letzter Zeit war er nur wenig dazu gekommen, Johannes’ Grab auf dem Friedhof hinter dem Villenviertel zu besuchen.
Es klopfte.
»Herein!«, rief Trevisan.
Till Schreier steckte seinen Kopf durch die Tür. »Ah, da bist du ja endlich«, sagte er.
»Ich dachte, ihr seid alle ausgeflogen«, antwortete Trevisan.
»Dietmar, die Neue und Monika sind unterwegs und überprüfen Feuerwehrmänner, und Alex ist mit Tina nach Heppens gefahren«, erklärte Till. »Ich war oben im Computerraum und habe im Internet recherchiert.«
»Setz dich!«, forderte ihn Trevisan auf. »Wo drückt der Schuh?«
Till ließ sich mit einem Seufzer in den Stuhl vor Trevisans Schreibtisch fallen. »Ich habe die Bibelzitate überprüft, die der Brandstifter an den Tatorten hinterlassen hat. Ich glaube, ich bin da auf etwas gestoßen.«
Trevisan nickte. »Dann schieß mal los!«
»Ich glaube, der Täter geht chronologisch vor. Er verwendet ausschließlich Sprüche aus den Büchern Mose, beginnt bei Genesis und geht über Exodus zu den anderen Büchern. Der jüngste Spruch stammt aus dem Buch Levitikus.«
Trevisan hatte den Kopf auf seine Hände gestützt. »Bevor du mir einen langen Vortrag über Bibelkunde hältst: Ergibt sich aus deinen Recherchen ein neuer Ansatzpunkt?«
»Ich glaube schon«, antwortete Till. »Er ist bibelfest, hat es mit Schuld und Sühne, und das Alte Testament spielt im evangelischen Glauben eine untergeordnete Rolle.«
»Also könnte der Brandstifter Katholik sein«, folgerte Trevisan.
»Katholik oder Jude«, entgegnete Till. »Die katholische Kirche ist dem zeitgeistlichen Wandel unterworfen und hat mit der Verehrung Jesu als Gottes Sohn und seiner Mutter, der heiligen Maria, mittlerweile ebenfalls die neutestamentlichen Lehren in den Mittelpunkt gerückt. Der jüdische Glaube ist trotz seiner zweitausendjährigen Geschichte noch immer stark in den Traditionen des Tanach verwurzelt. Die Thora, beziehungsweise der Tanach hat für das Judentum zentrale Bedeutung. Die Bücher Mose stehen am Anfang. Sie heißen Bereschir, Schemar, Wajikra, Bemidbar und Debarim und entsprechen in etwa dem ersten Kapitel des Alten Testaments. Der einzige Unterschied ist, dass die Juden Gott als Jhwh oder Jahwe oder Jehova bezeichnen.«
»Und auf den Hinterlassenschaften des Brandstifters ist von Gott die Rede«, schob Trevisan ein.
»Ja, aber das kann auch daran liegen, dass sich bei den hier lebenden Juden das Sprachverständnis gewandelt hat.«
Trevisan kratzte sich an der Nase. »Du meinst also, dass unser gesuchter Brandstifter Jude sein könnte. Gibt es denn bei uns noch jüdische Gemeinden?«
»Die nächste aktive jüdische Gemeinde gibt es in Oldenburg«, entgegnete Till. »Aber das muss ja nicht zwangsläufig bedeuten, dass unser Täter in Oldenburg wohnt. Es gibt zum Beispiel in Neustadtgödens eine Synagoge, auch wenn das heute eine Galerie ist. Bestimmt wohnen auch in unserem Zuständigkeitsbereich noch oder wieder Menschen, die jüdischen Glaubens sind.«
»Da hast du recht«, stimmte Trevisan zögernd zu. »Ich hatte mal einen Bekannten in Sande, der sich um den Jüdischen Friedhof kümmerte. Ich glaube, er musste zum Gottesdienst eine längere Strecke fahren, obwohl es doch auch bei uns Synagogen gibt.«
»Die meisten Synagogen auf der ostfriesischen Halbinsel sind in der Pogromnacht zerstört worden, bis auf zwei oder drei. An die anderen erinnern bestenfalls Gedenktafeln.«
»Das heißt, es gibt bei uns Menschen jüdischen Glaubens, die nach Oldenburg zu ihren Gottesdiensten fahren müssen.«
»So ist es«, bestätigte Till. »Wenn wir über die Standesämter gehen, dann erfahren wir auch die Religionszugehörigkeit. Wir haben zwar bislang noch keine großartigen Anhaltspunkte, aber mit dem Kleinwagen und der vagen Beschreibung könnten wir den möglichen Täterkreis ganz gehörig einengen. Zumindest blieben erheblich weniger Überprüfungen hängen, wenn wir das Raster enger fassen könnten, als wenn man sich ausschließlich auf Feuerwehrmänner versteift.«
»Du solltest das mit Monika besprechen«, antwortete Trevisan. »Es könnte etwas dran sein. Aber vergiss nicht, es ist nur eine Annahme. Wenn wir uns zu schnell verrennen, dann stehen wir am Ende mit leeren Händen da.«
»Ich wollte ja mit Monika darüber sprechen, aber sie hat mich zu dir geschickt. Ich glaube, sie ist in letzter Zeit schlecht drauf.«
Trevisan überlegte. Eigentlich hatte er die Ermittlungsarbeit an den beiden Fällen unter den Kollegen aufgeteilt.
»Monika ist davon überzeugt, dass wir es mit einem Feuerwehrmann zu tun haben«, warf Till ein. »Ich glaube nicht, dass sie meine Theorie ernst nimmt.«
»Und jetzt soll ich mit ihr sprechen?«
»Ich dachte nur, schließlich bist du Kommissariatsleiter.«
Trevisan fuhr sich über das Kinn. »Wie lange wirst du für die Überprüfung brauchen?«
»Ein, zwei Tage, bis ich alle Standesämter abtelefoniert habe.«
Trevisan räusperte sich. »Also gut, leg los! Ich werde mit Monika reden. Vielleicht finden wir auf deiner Liste sogar einen Feuerwehrmann. Warum sollten wir nicht ein bisschen Glück haben.«
Es pochte an der Tür.
»Ja«, rief Trevisan.
Alex stürmte in das Büro. »Wer sollte ein bisschen Glück haben?«, fragte er mit einem Lächeln. Tina folgte im Schlepptau und legte einen Packen Briefe auf Trevisans Schreibtisch.
»Was ist das?«, fragte er verdutzt.
»Ein kleines bisschen Glück, würde ich sagen«, antwortete Alex.
*
Er bereitete sich vor. Es war alles ganz einfach. Das Benzin entnahm er mit einem langen Schlauch dem Tank seines Wagens. Er hatte sein neues Ziel ausgewählt.
Und du wirst tappen am Mittag, wie ein Blinder tappt im Dunkeln, und wirst auf deinem Wege kein Glück haben und wirst Gewalt und Unrecht leiden müssen dein Leben lang, und niemand wird dir helfen.
Das Wochenende stand bevor. In der Gegend fand der alljährliche Bockhorner Markt statt. Vielleicht würde er morgen ein paar Stunden dort zubringen, das ein oder andere Bier trinken und dazu frische Krabbenbrötchen essen. Aber zuerst musste er alles für den morgigen Tag vorbereiten.
Ob Swantje auch auf den Bockhorner Markt gehen würde? Vielleicht würde er sie sogar treffen und ein paar Worte mit ihr wechseln. Bockhorn war zwar nicht Amerika, aber immerhin war es jedes Jahr ein schöner, gemütlicher Markt, der sich rund um die Straßen und Plätze der Stadt formierte.
Du sollst fröhlich sein über alles Gut, das der Herr, dein Gott, dir und deinem Hause gegeben hat.
»Hast du die Scheune aufgeräumt?«, riss ihn die Frage seiner Mutter aus den Gedanken. »Den ganzen Tag schraubst du an deiner alten Karre herum und alles andere bleibt liegen. Wenn doch noch Vater hier wäre, der würde dir die Hammelbeine schon lang ziehen. Aber ich alte, schwache Frau …«
»Ich mache es gleich, wenn ich hier fertig bin«, beeilte er sich zu sagen. »Es dauert nur noch ein paar Minuten.«
Den Benzinkanister schob er mit dem Fuß zur Seite, so dass er hinter dem Wagen aus dem Blickfeld der Mutter verschwand.
»Das will ich auch hoffen«, antwortete sie. »In ein paar Stunden kommt Hilko und will seinen Wohnwagen unterstellen. Ich habe es ihm versprochen. Also sieh zu, dass du endlich fertig wirst.«
Er nickte eifrig, bevor die Mutter hinter dem Haus verschwand. Innerlich zerbiss er einen Fluch. Den ganzen Tag nörgelte sie an ihm herum. Kaum war er aufgestanden, schon erteilte sie ihm Aufträge. Tu dies, tu das, mach schnell, werde endlich fertig, sei nicht so lahm, beeil dich, er hatte es satt, gründlich satt. Bald würde der Tag kommen, an dem dieses andauernde Kommandieren ein Ende hätte. Schließlich war Mutter schon vierundsiebzig. Aber sie hatte ein starkes Herz und eine Konstitution wie ein Ochse. Ihr Leben in Arbeit, jahraus, jahrein an der frischen Luft, hatte sie gestählt. Damals, als Vater Geld dazuverdienen musste und in einem Betrieb arbeitete, hatte sie alleine den Hof bewirtschaftet.
In den vergangenen Jahren hatte sich viel verändert. Auf einem Drittel der Felder standen jetzt Windkrafträder und mit jeder Umdrehung floss Geld in die heimische Kasse. Kein Vermögen, aber genug für ein sorgenfreies Leben. Dennoch, es gab immer etwas zu tun. Aber das war nicht das Problem. Nein, es war diese verdammte Einsamkeit.
Er schraubte den Kanister zu und legte ihn in den Wagen.
Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen …
*
Monika Sander war an diesem Freitag spät auf die Dienststelle zurückgekehrt. Ihre Ermittlungen waren wieder einmal nicht vorangekommen. Unterdessen hatte sich Trevisan mit Alex und Tina abgesprochen. Sie konzentrierten sich auf die Brüder der Exfrau von Hans Kropp. Die hatten über zwanzig Briefe geschrieben, in denen sie Hans Kropp drohten, von ihm Geld forderten und ihm Prügel, ja sogar den Tod in Aussicht stellten. Ein besserer Ansatz für ein Motiv war schwerlich zu finden. Trevisan hoffte, am Ende der nächsten Woche zwei Verhaftungen vornehmen und den Fall abschließen zu können.
Aber damit war Monika nur wenig geholfen. Sie trat auf der Stelle. Noch immer suchte sie vergeblich nach Hinweisen und jedem war klar: Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Brandstifter wieder zuschlagen würde. Würde es diesmal wieder einen Toten geben? Hatte der Feuerteufel inzwischen Gefallen am Töten gefunden?
Als Trevisan sie mit verschränkten Armen und starrem Blick an ihrem Schreibtisch sitzen sah, betrat er leise das Büro, stellte sich hinter sie und massierte ihr den Rücken. Monika seufzte.
»Und, bist du weitergekommen?«, fragte er leise.
Monika richtete sich auf. »Sinnlose Befragungen, unendliche Listen von Verdächtigen«, klagte sie. »Wir sind noch genauso schlau wie zuvor. Und Schneider ist ein überhebliches und arrogantes Arschloch. Er hat gar nichts getan. Nun reibt er sich die Hände und ich kann mir die Hacken ablaufen.«
»Ich habe von deinem Disput mit Schneider schon gehört«, erwiderte Trevisan. »Er war vor Jahren einmal der Karrierebeamte innerhalb unserer Direktion. Immer präsent, wenn es darauf ankam, und in aller Munde. Wusste alles, schaffte alles und war sich für nichts zu schade. Damals hätte ich darauf gewettet, dass er der neue Inspektionsleiter wird.«
Monika schaute verwundert. »Und warum ist er heute nur Leiter des FK 3?«
»Der Suff«, antwortete Trevisan. »Sein Erfolg war ihm wohl zu Kopf gestiegen. Da ein kleines Bierchen im Dienst, dort ein Likörchen. Am Ende stolpert der Hochmut über seine eigenen Beine.«
»Er wurde erwischt?«
»Er fuhr nach Hause und erwischte an der ersten Kreuzung den Ampelmast«, erklärte Trevisan. »Er ist weitergefahren, allerdings auf der Felge. Die Kollegen von der Streifenpolizei haben ihn im Jadeviertel gestellt. Man erzählt, er sei großkotzig ausgestiegen und habe sich gleich als neuer Inspektionsleiter präsentiert. Als das nichts nutzte, bot er ihnen Geld. Es gab ein großes Verfahren. Er bekam eine saftige Geldstrafe und war zehn Monate seinen Führerschein los.«
»Aber er blieb im Dienst und ist jetzt Leiter des FK 3.«
»Die Zeit verging und irgendwann ist jeder einmal dran. Und jetzt macht er nur noch seinen Job. Karriere ade.«
»Er ruht sich im Büro aus«, widersprach Monika kratzbürstig. »Das nennst du seinen Job machen?«
»Er macht seinen Job«, wiederholte Trevisan. »Ich habe nicht gesagt, dass er ihn gut oder engagiert macht. Er macht ihn halt, weil er hier sein Geld verdient. Er hat nichts anderes gelernt.«
»So wie es viele machen«, resignierte Monika. »Sie eröffnen ein Verfahren, sie ermitteln, wie sie gerade lustig sind, und schließen es irgendwann ab. Und ihnen ist scheißegal, ob sie einen Täter ermitteln oder die Sache im Sande verläuft. Hauptsache, das Gehalt fließt und sie haben ihre Ruhe.«
»Genau, deswegen brauchen wir das Leistungsprinzip im Berufsbeamtentum«, antwortete Trevisan spöttisch. »Beurteilungen, Beförderungen, Stellenbesetzung. Alles wird jetzt besser, wir arbeiten nach den Methoden der freien Wirtschaft.«
»Und daran glaubst du wirklich?«
»Hat schon einmal jemand beim Pferderennen versucht, mit einem Maulesel den Großen Preis von Bahrenfeld zu gewinnen?«
Monika lächelte und schüttelte den Kopf.
»Und ebenso wenig wird das Berufsbeamtentum die vorderen Plätze in der Wirtschaftswoche belegen. Und jetzt lass uns gehen. Genieß das Wochenende, wir machen am Montag weiter.«
Monika seufzte, schließlich nickte sie und erhob sich.
»Ach, bevor ich es vergesse«, sagte Trevisan, als sie gemeinsam die Dienststelle verließen. »Till ist da auf etwas gestoßen. Er hat, glaube ich, schon mit dir darüber zu reden versucht. Du hast ihn zu mir geschickt.«
»Stimmt«, antwortete Monika. »Er hat mir auf dem Gang etwas über die Bibelzitate gesagt, aber ich kam gerade von Schneider und war noch geladen.«
»Ich habe ihm zwei Tage gegeben. Mal sehen, was dabei herauskommt. Natürlich nur, wenn du nichts dagegen hast. Schließlich gehört er zu deinem Team.«
»Schon okay«, sagte Monika. »Bis Montag dann.«
»Wir sehen uns.«
8
Trevisan stand vor dem Spiegel im Badezimmer und betrachtete sein müdes Gesicht. An den neu hinzugekommenen Falten war unschwer zu erkennen, dass die Jahre unbarmherzig ins Land zogen. Dabei fühlte er sich überhaupt nicht alt. Vierundvierzig war ja auch kein Alter, obwohl natürlich in seiner Jugendzeit ein Vierzigjähriger schon fast als Opa gegolten hatte. Nein, er fühlte sich noch immer jung.
Er dachte an seinen ersten Tag im Polizeidienst, an die Ausbildung, an die vielen Freundschaften, die er geschlossen hatte und die leider im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten waren, weil sich die Wege trennten. Er dachte an Grit, seine Exfrau, die ihm vor zwei Jahren davongelaufen war und Paula zurückgelassen hatte, um Karriere zu machen. Er erinnerte sich an den Tag, als er Angela kennengelernt hatte. Er erinnerte sich daran, als wäre es gestern gewesen.
Er grinste sein Spiegelbild an. Es war schön, nach Hause zu kommen, wenn jemand auf einen wartete. Angela war gestern Abend aus Hamburg zurückgekehrt und betätigte sich gerade als Hausfrau. Er wünschte, es würde ewig so bleiben, doch irgendwie hatte er dabei ein komisches Gefühl. Erst vorgestern, als sie miteinander telefoniert hatten, hatte er ihr gesagt, wie wundervoll die Wochen für ihn gewesen waren, als sie beinahe wie eine richtige Familie zusammengelebt hatten. Angela hatte nur gelacht und geantwortet, dass sie sich ein Leben als Hausfrau überhaupt nicht vorstellen könne, ihr würde bestimmt schon nach kurzer Zeit die Decke auf den Kopf fallen. Er hatte schnell das Thema gewechselt. Es war müßig, darüber nachzudenken, wie das Leben aussehen könnte. Es war nun einmal, wie es war, und damit musste er sich zufriedengeben.
Er legte die Haarbürste zurück auf den Schrank und verließ das Badezimmer.
»Hast du Hunger?«, empfing ihn Angela im Flur.
»Wo ist Paula?«, erwiderte er.
Angela deutete nach oben. »In ihrem Zimmer, ihre Freundin Anja ist bei ihr. Sie will hier schlafen. Ihre Mutter hat nichts dagegen. Morgen wollen sie mit dem Zug nach Oldenburg zum Shoppen.«
Trevisan verzog das Gesicht. »Das geht wieder ganz schön ins Geld.«
»Lass sie. Man ist nur einmal jung. Was ist jetzt, hast du Hunger?«
Trevisan lächelte. »Wie ein Wolf.«
»Dann kannst du dir aussuchen, ob wir zum Italiener gehen oder thailändisch speisen.«
»Und Paula?«
Monika lächelte. »Sie haben schon eine Pizza verdrückt.«
Trevisan zuckte die Schulter. »Na, wenn das so ist. Ich hätte Lust auf etwas Antipasti von mediterranem Gemüse in Olivenöl-Balsamico-Marinade mit gebratenen Gambas in frischem Basilikumpesto …«
»Schon gut, also zum Italiener«, unterbrach Angela Trevisans Schwärmerei. »Ins Vesuvio oder zu Fazios?«
Trevisan überlegte. »Lass uns in die Ebertstraße gehen, ich hätte heute Lust darauf.«
Das Fazios lag unmittelbar neben der Nordseepassage im City Hotel Valois. Das Lokal war gut besucht, dennoch fanden Angela und Trevisan einen Tisch für zwei Personen in einer kuscheligen Ecke. Trevisan trug seinen leichten Sommeranzug und ein weißes T-Shirt, während Angela ein schwarzes Trägerkleid angezogen und die Haare hochgesteckt hatte. Das Fazios war ein Restaurant von gehobenem Ambiente. Trevisan bestellte ein Carpaccio vom Rind mit Zitrone als Vorspeise, dazu eine Flasche Amarone Della Valpolicella. Der Kellner nickte freundlich.
»Hast du heute etwas zu feiern?«, fragte Angela, als der Kellner um die Ecke verschwunden war.
»Wie kommst du darauf?«
»Das Fazios, Vorspeise, ein Rotwein um die dreißig Mark. Bist du befördert worden?«
»Ich hätte es zumindest bald verdient«, entgegnete Trevisan.
Angela lächelte.
»Was hast du heute gemacht?«, wechselte er das Thema.
»Ich habe heute lange geschlafen. Das Telefon hat mich geweckt.«
»Du Arme.«
Angela schüttelte den Kopf. »Es war ein wichtiger Anruf.«
»Unser Versicherungsagent, die Lottogesellschaft oder eine Meinungsumfrage?«, scherzte Trevisan.
»Weder noch«, erklärte Angela. »Du erinnerst dich doch, dass ich dir von diesem Verlag aus München erzählt habe.«
Trevisans Lächeln erfror. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber es gelang ihm nicht.
»Was hast du?«, fragte Angela besorgt.
»Nichts«, erwiderte Trevisan eilig. »Was war mit dem Anruf?«
»Ich habe gute Chancen, den Job zu kriegen«, fuhr Angela fort. »Die Chefredaktion, verstehst du?«
Trevisan schaute aus dem Fenster.
»Ich weiß genau, was du jetzt denkst«, holte ihn Angela aus seinen düsteren Gedanken zurück. »Ich bin keine Hausfrau, das habe ich dir immer gesagt. Schon, als wir das erste Mal zusammen waren.«
»Aber München«, wandte Trevisan ein.
»Hamburg, Westerwerde, München, wo ist der Unterschied?«, fragte Angela irritiert.
»Sagen wir, rund achthundert Kilometer«, entgegnete Trevisan trocken.
»Du hast immer gewusst, dass ich meinen Beruf sehr ernst nehme. Ich sagte dir ständig, die Karriere ist mir wichtig. Ich würde sie nie aufgeben.«
»Ich dachte, dir gefällt es, wenn wir zusammen sind, du und ich und Paula …«
»Das hat damit gar nichts zu tun«, erwiderte Angela streng. »Kündige doch deinen Job und geh mit mir nach München. Der Mann hat nicht automatisch mehr Rechte, nur weil er in der Steinzeit für die Verköstigung der Familie sorgte. Wir leben im 21. Jahrhundert. Und es gibt Flugzeuge und einen ICE, der fast stündlich verkehrt. Es würde sich nichts ändern.«
Trevisan nickte. »Eben, es würde sich nichts ändern.«
»Du kennst doch meine Devise, die eigene Zukunft …«
»… finden, heißt auch, auf eigenen Beinen zu stehen«, vervollständigte Trevisan. Er hatte diesen Ausspruch schon oft gehört, dennoch versetzte er ihm immer wieder einen Stich mitten ins Herz. »Angela, ich liebe dich. Ich möchte mit dir zusammen sein. Ich will nicht, dass du nach München gehst.«
Der Kellner näherte sich.
»Ich liebe dich ebenso, aber ich kann kein Leben in einem goldenen Käfig führen«, erwiderte Angela. »Ich will all meine freie Zeit mit dir und Paula verbringen. Aber das Leben besteht aus mehr als aus Liebe und Gemeinsamkeit. Wenn ich keine Aufgabe hätte, keine Herausforderung mehr spüre, kein Ziel mehr verfolgen dürfte, ich würde … ich wüsste nicht … Bitte zwing mich nicht, zwischen dir und meinem Beruf eine Entscheidung zu treffen. Es wäre, als wenn du mich zwingst, ein Teil von mir herauszuschneiden. Und egal, wie ich mich entscheiden würde, zurückbleiben würde nur der Schmerz und ich wüsste genau, irgendetwas würde mir fehlen. Entweder das eine oder das andere. Es geht nicht darum, was mir wichtiger im Leben ist, es geht nur darum, dass man sich nicht selbst innerlich zerreißt, das habe ich schon einmal durchgemacht und es hat unendlich wehgetan, verstehst du?«
Angelas flehendes Flüstern verstummte, als der Kellner den Wein auf dem Tisch platzierte.
Trevisan wusste genau, was sie meinte. Nur seine Gefühlswelt kam damit nicht klar.
Der Kellner servierte das Carpaccio.
Angela schwieg, bis der Kellner wieder verschwand.
»Lass uns morgen darüber reden«, sagte sie. »Wir sind hierher gekommen, um zu essen. Ich …«
»Schon gut, ich verstehe, was du mir sagen willst«, entgegnete Trevisan. »Es ist nur nicht leicht für mich, es zu akzeptieren. Ich brauche Zeit, um damit klarzukommen.«
Trevisan aß, aber der Appetit war ihm vergangen.
*
Der flackernde Schein des Feuers erhellte die Nacht. Er hatte sich auf einen Baumstumpf in der Nähe niedergesetzt und genoss den züngelnden Tanz der Flammen. Immer höher schoss die Flammensäule in den Nachthimmel. Funken stoben hervor und verglühten nach einem kurzen Flug in der Dunkelheit. Eine graue Rauchsäule wuchs in den Himmel. Zufrieden seufzte er. Noch war der Brand in seiner Ausbreitungsphase, noch hatten die Flammen nicht jeden Punkt des Gebäudes erreicht. Dennoch wusste er, der Lichtschein war weit hinaus zu sehen. Am liebsten würde er bleiben, bis das letzte Leben in seinem Kind erloschen war, doch er wusste, dass er gehen musste. Er erhob sich, und verstaute seine Utensilien im Rucksack. Niemand durfte ihn in der Nähe sehen, niemand durfte sich auch nur einen vagen Eindruck von ihm verschaffen. Dennoch würde er in der Nähe bleiben, bis das letzte Licht erlosch.
Irgendwie war es gespenstisch. Im flackernden Licht erschien es, als ob die Bäume rund herum zum Leben erwacht wären. Er griff nach dem schwarzen Kanister, dann machte er sich auf den Weg. Der kleine, ausgetretene Trampelpfad führte durch den Wald. Niemand war um diese Zeit hier unterwegs. Er warf einen letzten Blick zurück. Das Feuer hatte nun das ganze Gebäude erfasst. Kurz blieb er stehen. Seine Augen glänzten. Schließlich stürzte das Dach unter lautem Donnern ein. Der Höhepunkt war erreicht. Er ging weiter. Auch wenn es bereits nach Mitternacht war, konnte er nicht ausschließen, dass jemand das Feuer entdeckt hatte. Es gab immer ein paar Augenpaare, die keine Ruhe in der Nacht fanden, egal wie spät es war.
Er beeilte sich, aber er rannte nicht, er hatte sein Tempo gefunden. Es nutzte nichts, wenn er über einen Baumstumpf stolperte und sich ein Bein brach. Seine Aufgabe hier in dieser Welt war längst noch nicht erfüllt. Für den Rest des Pfades, der durch eine kleine Schonung mit Jährlingen führte, nahm er sich Zeit. Hier war das Gelände noch unwegsamer als zuvor.
Dahinter lag die Straße. Dort hatte er verdeckt auf einem Waldparkplatz seinen Wagen abgestellt. Er überwand mit traumwandlerischer Sicherheit die letzte Hürde. Als er sich ins Auto setzte, atmete er erst einmal durch. Dann ließ er den Motor an, legte den ersten Gang ein und fuhr langsam hinaus auf die Landstraße nach Friedeburg. Zuvor schaute er sich noch einmal um, weit und breit war niemand zu sehen. Und das Feuer des Herrn brach mitten unter ihnen aus und griff am Rande des Lagers um sich. In ihrer Angst wandten sie sich an den Propheten und er betete für sie. Siehe da, das Feuer erlosch und von nun an hieß dieser Ort Tabera. Und er ward ihnen heilig.
*
02.37 Uhr zeigten die roten Ziffern des Radioweckers, als das Klingeln des Telefons Monika aus dem Schlaf schreckte.
Der Feuerteufel hatte wieder zugeschlagen. Er hatte eine Waldhütte bei Schoost angesteckt. Monika war sofort hellwach. »Wurde jemand getötet?«
»Bislang wissen wir es noch nicht«, erwiderte der Kollege vom Bereitschaftsdienst. »Die Feuerwehr ist noch zugange.«
»Ich komme«, beeilte sie sich zu sagen und legte auf.
Kleinschmidt schimpfte wie ein Rohrspatz, als Monika zusammen mit Dietmar Petermann am Brandort eintraf.
»Schöne Scheiße, das hier! Eine einfache Waldhütte und kein Mensch weit und breit. Dafür holt man mich aus dem Bett und ich kann mir hier die Nacht um die Ohren schlagen. Dabei feiert meine Schwester heute ihren Sechzigsten. Wir sind alle eingeladen. Um zehn treffen wir uns bei ihr, dann gehen wir in ein Gasthaus zum Essen. Aber das kann ich jetzt vergessen.«
»Es ist erst vier Uhr«, antwortete Dietmar Petermann sarkastisch. »Wenn du dich beeilst, dann kommst du zumindest rechtzeitig zum Geburtstagsmenü.«
Kleinschmidt winkte ab. »Die Feuerwehr braucht noch etwas Zeit, bevor wir ran können.«
»Wie sieht es aus?«, fragte Monika und schaute auf den qualmenden Schuttberg, der sich vor ihr im Licht einiger Scheinwerfer zeigte. Zwei Tanklöschwagen standen auf dem Feldweg und mindestens zwanzig Feuerwehrleute waren mit Löscharbeiten beschäftigt.
»Er hat sich diesmal ein ganz entlegenes Objekt ausgesucht«, entgegnete Kleinschmidt. »Ich denke nicht, dass wir eine Leiche finden werden. Es ist eine Hütte der Forstbehörde. Ein Lagerraum für Werkzeug.«
»Und woher weißt du, dass es der Feuerteufel war?«
Kleinschmidt ging zum Wagen, den er auf dem Feldweg abgestellt hatte. Als er zurückkehrte, streckte er Monika eine Tüte entgegen. »Das lag auf dem Baumstumpf dort hinten.«
Es war ein Din-A4-Blatt. Monika las laut: »Und das Feuer des Herrn brach mitten unter ihnen aus und griff am Rande des Lagers um sich. In ihrer Angst wandten sie sich an den Propheten und er betete für sie. Siehe da, das Feuer erlosch und von nun an hieß dieser Ort Tabera. Und er ward ihnen heilig.«
Ein Feuerwehrmann kam auf die Gruppe Kriminalbeamter zu. »Wir sind jetzt durch. Ich kann definitiv sagen, dass da keiner drinnen war.«
»Dann war die Sache am Hafen wohl doch nur Zufall«, mutmaßte Dietmar.
»Wir machen uns jetzt an die Spurensicherung«, erklärte Kleinschmidt. »Die Feuerwehr unterstützt uns. Aber ich sehe nicht viel Hoffnung. Den äußeren Bereich haben wir schon oberflächlich abgesucht und falls es Reifenspuren auf dem Weg gab, haben die schweren Laster sie überrollt.«
»Dann könnten wir ja praktisch wieder nach Hause«, sagte Dietmar.
»Wir bleiben hier«, entschied Monika. »Horst wird bei der Spurensuche jede Hilfe gebrauchen können.«
Dietmar verzog das Gesicht. »Na gut, und wo fangen wir an?«
Kleinschmidt deutete in Richtung des südlichen Waldstückes. »Du nimmst vier Mann und suchst das Wäldchen dort unten ab. Die Feuerwehrmänner haben Taschenlampen und starke Scheinwerfer dabei.«
»Sollten wir nicht warten, bis es hell geworden ist?«, fragte Dietmar.
Kleinschmidt schaute in den sternenlosen Himmel. »Es ist bewölkt, wir können nicht ausschließen, dass es regnet. Erinnere dich an die goldenen Regeln der Spurensicherung, oder liegt dein Lehrgang schon zu lange zurück?«
Dietmar schniefte. »Schon gut.«
»Ich werde mich mit Hanselmann um den Brandort kümmern, nehmt ihr euch die Umgebung vor. Es sind zwei Wehrleute aus Schoost dabei, die kennen sich hier gut aus. Ich werde sie zu euch schicken.«
Monika warf einen Blick auf ihre Schuhe.
Kleinschmidt bemerkte es. »Ich habe Gummistiefel im Wagen, die müssten dir passen.«
»Also los, dann an die Arbeit, Dietmar. Vielleicht reicht es dann wirklich noch zum Geburtstagsessen«, entgegnete Monika.
9
Trevisan hatte ein schreckliches Wochenende hinter sich. Er hatte schlecht geschlafen und immerzu an Angelas Worte denken müssen. Am Sonntagnachmittag hatten sie noch einmal miteinander geredet, doch das Gespräch hatte sich nur im Kreis gedreht. Er wollte, dass sie blieb, aber die Chefredaktion eines Magazins, das vollkommen neu aufgelegt wurde, war Angelas lang ersehnte Aussicht zur beruflichen Selbstverwirklichung.
Angela hatte noch einmal bekräftigt, dass sich nichts an ihrer Beziehung änderte, auch wenn ihr Arbeitsplatz künftig in München liegen würde. Am Abend war sie dann zurück nach Hamburg gefahren.
München, ausgerechnet München. Hunderte von Kilometern entfernt.
Paula hatte von alledem nichts mitbekommen, sie hatte das Wochenende mit ihrer Freundin Anja verbracht.
In der Nacht zum Montag hielt Trevisan ein Alptraum in Atem. Er sah Angela als gefeierte Chefredakteurin, umworben von Münchens männlicher Schickeria. Als er erwachte, war er schweißgebadet. Er trank einen Schluck Wasser und legte sich wieder ins Bett, doch er fand nicht mehr in den Schlaf und dämmerte vor sich hin, bis der Wecker klingelte.
Als er schließlich über den langen Gang zu seinem Büro schlich, schlecht frisiert und bleich wie eine gekalkte Wand, begegnete ihm Monika Sander. Sie sah ebenfalls etwas übernächtigt aus.
»Hast du schon gehört? Der Feuerteufel hat eine Waldhütte bei Schoost in Brand gesteckt.«
Trevisan blieb stehen. »Was sagst du?«, antwortete er abwesend.
Sie betrachtete ihn verdutzt. »Du siehst ja vollkommen fertig aus. Ich denke, du brauchst erst einmal einen starken Kaffee.«
Trevisan kniff die Augen zusammen und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. »Ich habe schlecht geschlafen.«
»Hattest du Ärger?«, fragte sie und lotste Trevisan in ihr Büro. Er ließ sich mit einem Seufzer auf dem Stuhl nieder. Kaffeeduft strömte in seine Nase.
»Ich fühle mich wie gerädert. Mein Kopf brummt und im Magen ist mir ganz flau. Vielleicht sollte ich mich krank melden.«
»Du siehst wirklich krank aus.« Monika schenkte aus der Isolierkanne eine dampfende Tasse Kaffee ein.
Nachdenklich lehnte sich Trevisan zurück. »Sag mal, wie ist es eigentlich in deiner Beziehung? Kommt dein Mann damit klar, dass du arbeitest?«
Sie reichte Trevisan die Kaffeetasse mit einem erstaunten Blick. »Wie kommst du ausgerechnet darauf?«
»Ich meine ja nur«, erwiderte Trevisan. »Du bist tagsüber im Büro und manchmal kommst du erst spät nach Hause. Jedes dritte Wochenende hast du Bereitschaft und musst mit einem Einsatz rechnen und manchmal klingeln sie dich sogar nachts aus dem Bett. Hast du da überhaupt noch ein intaktes Familienleben?«
Monika setzte sich hinter den Schreibtisch. »Was ist bloß in dich gefahren? Wieso fragst du mich so etwas?«
Trevisan seufzte. »Angela nimmt einen Job in München an.«
Die Erkenntnis breitete sich langsam in Monikas Gesicht aus. »Jetzt wird mir so manches klar. Deswegen siehst du heute auch aus wie der leibhaftige Tod.«
Trevisan nickte. »Ich habe so gut wie nicht geschlafen.«
»Du willst, dass sie bleibt?«
»Ich will, dass wir zusammenleben. So wie Mann und Frau, wie eine Familie.«
»Du willst, dass sie ihr Leben aufgibt und sich nur noch damit beschäftigt, deines zu bereichern.«
Trevisan schüttelte den Kopf. »Nein, ich will eine Familie haben, jemand, der da ist …«
»Der kocht, putzt, den Abwasch macht und den Staubsauger bedient«, fiel ihm Monika ins Wort. »Oh, Mann, ihr Kerle seid doch alle gleich. Wie oft habe ich mit Richard diese Diskussion schon geführt …« Sie schüttelte den Kopf. »Wir leben aber nicht mehr in der Steinzeit. Die Frauen haben sich emanzipiert und es war ein langer Kampf. Ihr Männer müsst einfach umdenken. Wenn ihr jemanden braucht, der euch zwischen eurer Arbeit und der Freizeitgestaltung mit euren Kumpels die Zeit vertreibt, dann haltet euch einen Hund. Und wenn jemand den Haushalt führen soll, dafür gibt es Haushälterinnen. Nein, ein für alle Mal, auch die Frauen haben ein Recht auf Karriere und sie sind es leid, sich dieses Recht Tag um Tag neu erkämpfen zu müssen. Wenn Angela sich ein Ziel gesteckt hat und du sie liebst, dann solltest du sie unterstützen, anstatt dich ihr in den Weg zu stellen.«
»Aber das alles läuft doch auf eine Wochenendbeziehung hinaus«, wandte Trevisan ein. »Und das ist nicht das Leben, das ich auf Dauer führen will.«
»Dann kündige doch und geh mit ihr. München ist eine schöne Stadt und vielleicht braucht man dort sogar noch einen guten und erfahrenen Polizisten.«
Es klopfte an der Tür. »Was ist?«, rief sie ungehalten.
Alex schaute durch den Türspalt herein. »Hallo, Monika, hast du Martin gesehen?«, fragte er, dann fiel sein Blick auf seinen Vorgesetzten. »Ich suche dich schon überall. Es gibt Neuigkeiten aus Mecklenburg-Vorpommern.«
Trevisan wandte sich um. »Die Anfrage ist schon beantwortet?«
»Die Kollegen aus Pasewalk haben offenbar eine dicke Akte über Hans Kropp und die damaligen Vorgänge.«
»Nun komm rein, und dann schieß mal los!«, forderte Trevisan ihn auf.
»Offenbar hatten die Kollegen von der Streifenpolizei damals mehrere Einsätze wegen häuslicher Gewalt«, erzählte Alex. »Hans Kropps Exfrau heißt Jenny Kropp, geborene Basedow. Sie bewohnten zusammen mit ihrem Sohn ein Mehrfamilienhaus in Dargitz. Am Ende mussten die Kollegen drei, vier Mal im Monat zur Wohnung, weil Kropp seine Frau vertrimmt hat. Sie war sogar zweimal für längere Zeit im Krankenhaus. Kropp war oft betrunken und äußerst aggressiv. Er hat so manche Nacht in der Ausnüchterungszelle verbracht. Vor zwei Jahren hatte die Frau dann genug. Er hatte sie wieder krankenhausreif geschlagen, und sie ist nicht mehr zu ihm zurückgegangen, sondern bei einem ihrer Brüder untergekommen, der einen Schrottplatz betreibt. Als Kropp davon erfuhr, ist er hingefahren und hat Günter Basedow das Nasenbein gebrochen und ihm ein paar Zähne ausgeschlagen. Basedows Bruder eilte zu Hilfe, und gemeinsam konnten sie Kropp vertreiben. Der ist ein paar Wochen später wieder nach Wilhelmshaven gezogen. Er zahlte zwar Unterhalt für seinen Sohn, aber nicht für seine Exfrau. Es gelang ihm, glaubhaft zu machen, dass sie auf dem Schrottplatz arbeitet, deshalb wurde ihre Klage zunächst abgewiesen. Das ganze Verfahren zieht sich bis zum heutigen Tage hin.«
»Zusammen mit den Drohbriefen ergibt das eine geschlossene Indizienkette«, sagte Trevisan. »Aber zu einem Beweis reicht es noch lange nicht.«
Alex lächelte. »Thorsten Basedow war übrigens NVA-Soldat. Er war sogar Offizier und diente in einer Infanterieeinheit.«
»Waren das nicht viele?«, antwortete Trevisan.
»Aber nur wenige unter ihnen sind ausgebildete Scharfschützen«, erwiderte Alex Uhlenbruch.
*
Sie saß am Strand, hielt ihre Augen geschlossen und lauschte den sanften Wellen, die sich an der sandigen Küste brachen. Tief saugte sie die frische und salzige Seeluft in ihre Lungen. Sie genoss den Augenblick und schob alle aufkeimenden Gedanken einfach zur Seite. An nichts denken zu müssen, für niemanden die Verantwortung zu tragen, sich um niemanden kümmern zu müssen, sich einfach nur treiben zu lassen; sie hatte lange gebraucht, um es zu lernen. Zu Anfang, wenn sie die Augen schloss und einfach die Zeit an sich vorbeiziehen ließ, hatte sich ein Schatten in ihr ausgebreitet. Diesen Schatten zu besiegen, Herr über ihn zu werden, ihm einfach keine Beachtung mehr zu schenken, hatte enorme Kraft gekostet. Aber sie hatte es gelernt, all die langen Jahre hindurch, in denen sie – von einem einzigen Gedanken beseelt – durch einen öden und unerfüllten Alltag gedriftet war, immer nur ein einziges Ziel vor Augen. Ein Ziel, ein Versprechen, ein Schwur, für den sie lebte und dessen Erfüllung nun nichts mehr im Wege stand.
Der Schatten war verbannt. In ihr war etwas erwacht, das sie selbst die »Andere Welt« nannte. Ruhe, Geborgenheit, Wärme, all das gab es dort und sie genoss es in vollen Zügen, auch wenn es schien, als säße sie nur bewegungslos da, die Augen geschlossen. Bewegungslos in der Gegenwart, aber stetig in Bewegung in der »Anderen Welt«, kein Gefühl auslassend, keinem Geruch verschlossen, kein Geräusch überhörend, alles in sich aufsaugend, das ganze Leben und noch viel, viel mehr – diese Auszeit vom Alltag brachte ihr den Frieden zurück, den sie im Diesseits längst verloren hatte. Ein einziger Tag hatte ausgereicht, eine leere, fleischige Hülle aus ihr zu machen, die Gefühle und Gedanken nur noch wie eine Schauspielerin darbot. Insgeheim war nichts davon wirklich von ihr, so wie von Lucia nur ein Organismus zurückgeblieben war, der vor sich hinvegetierte.
Rechnungen wurden bezahlt, früher oder später, mit der unabweisbaren Sicherheit, mit der der Tag die Nacht vertrieb.
Das Rauschen des Wassers vermischte sich mit dem Brummen eines Motors. Sie öffnete die Augen. Ein kleines Motorboot sprang über die Wellentäler. Sie war wieder zurück aus der »Anderen Welt«. Aber es war keine Heimkehr, es war die Fremde, die sie erwartete. Eine eisige, mitleidlose Kälte. Sie erhob sich und blickte sich suchend um. Der Sanddorn und das Dünengras wiegten sich auf dem Dünenkamm.
Sie machte sich auf den Weg zurück in das kleine Dorf. Sie hatte viel zu tun, noch lag ihr Ziel weit entfernt. Aber sie hatte Zeit. Und wenn es ihr im Diesseits zu viel wurde, dann schloss sie einfach ihre Augen und tauchte tief hinein in die »Andere Welt«.
*
Alex saß bei offener Tür an seinem Schreibtisch, Tina hatte sich über ihn gebeugt und schaute ihm über die Schulter. Sie studierten gemeinsam die Akte Kropp.
Trevisan schlenderte den Flur entlang und lehnte sich an die Tür. »Ich habe mit dem Staatsanwalt telefoniert. Ich hoffe, ihr habt für den Rest der Woche nichts vor. Wir fahren in den Osten. Ich habe meine Tochter schon bei der Tante einquartiert.«
Die Köpfe der beiden ruckten herum. »Wir schnappen uns die Basedow-Brüder?«, fragte Tina.
»Zuerst durchsuchen wir die Wohnung und den Schrottplatz, dann werden wir sie zur Vernehmung mitnehmen. Nach den Briefen, die ihr in Kropps Wohnung gefunden habt, ist der dringende Tatverdacht nicht mehr von der Hand zu weisen.«
Alex räusperte sich. »Ich bin in den Briefen auf etwas gestoßen, das von Bedeutung sein könnte. Offenbar forderten die Basedow-Brüder Geld von Kropp.«
»Unterhalt«, antwortete Trevisan.
Alex schüttelte den Kopf. »Ich glaube, dass die Sache mit dem Unterhalt nur vorgeschoben ist. Ich habe die Akte Kropp mit der Erkenntnisanfrage nach den Basedow-Brüdern verglichen. Dabei ist mir aufgefallen, dass Kropp 1996 zweimal wegen Zigarettenschmuggels verurteilt wurde. Beim ersten Mal hat er vierhundert Stangen in der Ladung versteckt. Das war nicht besonders originell, oder?«
»Und beim zweiten Mal?«
»Da war er schon professioneller. Er hat den Anhänger mit einem doppelten Boden präpariert. Kropp hatte beinahe achtzehnhundert Stangen dabei, als er erwischt wurde. Und Basedow hatte ein Jahr zuvor den Schrottplatz übernommen, als der alte Mann starb, für den er dort gearbeitet hatte. Irgendwo muss der Laster präpariert worden sein – was eignet sich da besser als ein Schrottplatz?«
»Kropp hat seine Hintermänner nie verraten«, schob Tina ein. »Er hat alle Schuld auf sich genommen und über die Details geschwiegen.«
»Ihr meint also, Kropp hat den Schmuggel mit den Basedow-Brüdern durchgezogen?«, fragte Trevisan.
Alex nickte. »Und wer weiß, wie viele Fahrten Kropp bereits unternommen hatte, bevor er zum zweiten Mal erwischt wurde. Eine Stange geschmuggelte Zigaretten bringt etwa fünfzehn Mark. Bei achtzehnhundert wären das siebenundzwanzigtausend Mark pro Tour. Wenn Kropp nur zehn Mal gefahren ist, bevor er erwischt wurde, dann geht es schon um eine riesige Summe. Und er war oft in Polen und der Tschechei.«
Trevisan warf den beiden einen anerkennenden Blick zu. »Vielleicht hat er seine Geschäftspartner über den Tisch gezogen und es ging gar nicht um die paar Kröten Unterhalt. Wir müssen das bei der Durchsuchung und den Vernehmungen zumindest in Betracht ziehen.« Trevisan schaute auf die Uhr. »Ich gehe jetzt zu Beck und anschließend rufe ich in Pasewalk an und informiere die Kollegen dort. Wir brauchen außerdem ein paar Zimmer.«
»Wie lange, schätzt du, werden wir drüben bleiben?«, fragte Alex.
Trevisan zuckte mit der Schulter. »Das kommt ganz darauf an, wie schnell wir vorwärtskommen und was wir auf dem Schrottplatz alles finden.«
Tina seufzte. »Ich stelle es mir nicht gerade einfach vor, einen Schrottplatz zu durchsuchen.«
10
Trevisan wählte mit Bedacht die lange Telefonnummer des Kriminalkommissariats Pasewalk und warf einen skeptischen Blick auf das Display seines Telefons, als sein Gegenüber sich meldete, denn der Kollege antwortete im breiten bayrischen Dialekt. Noch ehe Trevisan Zeit fand zu prüfen, ob er sich verwählt hatte, wurde er barsch aufgefordert, zu sprechen.
»Mein Name ist Martin Trevisan«, antwortete er verdutzt. »Ich bin von der Kripo aus Wilhelmshaven und möchte gerne den Leiter der Mordkommission in Pasewalk sprechen.«
»Hauptkommissar Zierl am Apparat«, bekam er zur Antwort. »Sie sprechen genau mit dem, den Sie suchen.«
Zögernd erklärte Trevisan den Grund seines Anrufes.
»Gell, Sie wundern sich, einen waschechten Bayer mitten unter den Preußen anzutreffen«, entgegnete Hauptkommissar Zierl, nachdem Trevisan zum Ende seiner Geschichte gekommen war. »Schicken Sie mir einfach mal alles, was Sie haben, per Fax. Ich rufe morgen früh zurück.«
»Moment, wir haben einen Durchsuchungsbefehl von der Staatsanwaltschaft Oldenburg«, sagte Trevisan. »Ich dachte eigentlich, dass wir morgen …«
»So schnell schießen die Preußen nicht«, fiel ihm Zierl ins Wort. »Zuerst muss ich mal sehen, um was es geht. Außerdem bedarf die Durchsuchung eines Schrottplatzes gewisser Vorbereitungen. Ich gebe morgen früh wieder Bescheid, wenn ich das Material heute noch in den Händen halte. Ansonsten müssen wir den Dienstweg einhalten, werter Kollege. Und das kann dauern.«
Zähneknirschend stimmte Trevisan zu. Er wusste, wie langwierig der Dienstweg werden konnte, wenn die andere Seite nicht mitspielte. Also setzte er sich an seinen Computer und tippte einen zusammenfassenden Vorbericht. Zusammen mit dem Durchsuchungsbeschluss und einer Auflistung der Fakten schickte er ihn durch das Faxgerät, das im Flur in einer Nische neben dem Kopierer stand.
Das letzte Blatt war noch nicht gesendet, als Monika Sander und Till Schreier den Flur entlanghasteten. Till warf sich in aller Eile die Jacke über.
»Hey, was ist denn mit euch los«, rief ihnen Trevisan zu. »Gibt es schon wieder einen Brand?«
»Nein, aber wir haben einen Verdächtigen!«, rief Monika zurück und blieb kurz stehen. »Einen in Ungnade gefallenen Feuerwehrmann aus Hooksiel. Er entspricht unserem Profil: fährt einen Kleinwagen, war lange Zeit bei der Feuerwehr und hat keinen Job. Man hat ihn vor die Tür gesetzt, als er sich während einer Übung an den Spinden seiner Kollegen zu schaffen machte.«
»Gratuliere«, entgegnete Trevisan. »Übrigens, Alex, Tina und ich fahren in den nächsten Tagen nach Pasewalk in den Osten. Ihr seid dann alleine.«
Monika Sander nickte und hetzte weiter. »Schon gut, wir müssen los … Dietmar steht alleine vor seinem Haus und der Kerl ist andauernd auf Achse.«
»Viel Glück!«, rief ihr Trevisan nach, doch schon waren Monika und Till durch die Tür verschwunden.
Trevisan seufzte. Er griff nach den Blättern im Faxgerät. Hoffentlich war auch sein Bemühen von einem baldigen Erfolg gekrönt und der bayrische Kollege im Osten ließ den Amtsschimmel nicht allzu kräftig wiehern. Schließlich kam Angela am Wochenende wieder. Trevisan hatte Angst davor, sie irgendwann ganz an München zu verlieren.
*
Willo Brunken manövrierte seinen großen Tanklastzug zwischen die beiden riesigen Öltanks des Wilhelmshavener Ölhafens im Heppenser Groden und warf einen Blick auf die Uhr. Er fuhr sich durch die blonden langen Haare und lächelte. Es war kurz nach fünf, früh genug, das Training seiner Fußballmannschaft zu besuchen. Seit er den neuen Job angetreten hatte, nachdem die Werkstatt in Mariensiel geschlossen worden war, hatte er das allzu oft versäumt.
Trotzdem, er hatte Glück gehabt, wenn es auch beileibe kein Traumberuf war. Den ganzen Tag auf dem Laster quer durch Ostfriesland zu fahren, um die örtlichen Tankstellen mit Sprit und Diesel zu versorgen, konnte manchmal ganz schön nerven. Aber jetzt, wo Martina schwanger war, brauchte er das Geld. An seinen früheren Lohn als Kraftfahrzeugmechaniker kam das Salär zwar bei weitem nicht heran, aber wenn er sich anstrengte und seine Arbeit ordentlich erledigte, dann würde das Gehalt schon steigen. Und langsam bekam er Routine im neuen Job, wusste, wie er schneller den Tank leer bekam, um Zeit zu sparen. Er hatte einen festen Tourenplan und seinem Disponenten war es egal, was er mit der eingesparten Zeit anfing. Wenn der Sattelzug nach der Tour zum Befüllen wieder im Lager abgestellt war, konnte er nach Hause gehen. Und heute hatte er bereits eine ganze Stunde herausgefahren. Martina war noch unterwegs, die Arztpraxis schloss erst um acht. Bis sie nach Hause kam, wäre es bald neun Uhr. Sein Training beim SV Viktoria Wilhelmshaven begann um sieben.
Willo schloss seinen Volvo ab und ging zur kleinen Baracke jenseits der Öltanks.
»Schon Feierabend?«, fragte der alte Reimers, der sich als Platzwart ein paar Mark zu seiner schmalen Rente hinzuverdiente.
»Meine Tour ist zu Ende«, entgegnete Willo. »Der Tank ist leer bis auf den Boden.«
»Na, denn«, sagte Reimers und widmete sich wieder der Zeitschrift.
Willo verstaute seinen blauen Overall und die Sicherheitsschuhe in seinem Spind und hängte den Schlüssel seines Lastzuges an das Schlüsselbrett im kleinen Büro. »Bis morgen«, sagte er, als er die Holzbaracke verließ und zu seinem Wagen ging.
*
»Er ist vor zwei Stunden gekommen«, sagte Dietmar Petermann.
»Du bist sicher, dass er zu Hause ist?«, fragte Monika.
Dietmar zeigte auf den schwarzen VW Polo in der Einfahrt des kleinen, verwahrlosten Hauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
»Ist er alleine?«
»Es war niemand bei ihm und laut dem Einwohnermeldeamt lebt nur er hier.«
Monika sah sich um. Das Haus lag außerhalb des Ortes in der Nähe von Schmidtshörn. Wild wucherndes Buschwerk verwehrte den Blick auf die Eingangstür. Das nächste Haus war ein ganzes Stück entfernt.
»Ich gehe mit Alex an die Tür«, beschloss Monika. »Pass du auf, dass er nicht durch die Hintertür verschwindet.«
»Da hinten sind nur matschige Wiesen«, wandte Dietmar ein.
Monika nickte. »Eben.«
Erst als Dietmar auf dem kleinen Weg in Richtung des Südlichen Verbindungstiefs verschwunden war, einem Entwässerungsgraben, der sich westlich von Hooksiel bis zu Schmidtshörn erstreckte, gingen Monika und Till zum Haus. Vor der Gartentür verharrten sie und überprüften den Zustand ihrer Pistolen.
»Meine ist durchgeladen«, sagte Till. »Glaubst du, er wird Schwierigkeiten machen?«
»Man weiß nie, wie so ein Kerl reagiert, wenn er sich in die Enge gedrängt fühlt.«
»Er hat noch keine Einträge«, erklärte Till. »Ich glaube nicht, dass wir die Waffen brauchen werden. Aber wir müssen damit rechnen, dass er uns die Tür vor der Nase zuschlägt und durch die Hintertür flüchtet.«
»Dann ist Dietmar am Zug. Ich hoffe, er hat sich richtig postiert und scheut sich nicht wieder, seine Schuhe dreckig zu machen. – Also, los!«, gab Monika das Signal. Die kleine Gartentür quietschte, als Till sie öffnete. Auf dem kleinen, ausgetretenen Fußweg wucherte das Unkraut. Vor der Haustür blieben sie stehen.
»Siehst du eine Klingel?« Monika schaute sich suchend um.
Till schüttelte den Kopf. »Dann klopfen wir eben.« Er schlug mit der Faust gegen die altersschwache Tür. »Herr Petrich!«, rief er laut. »Bitte öffnen Sie, wir müssen mit Ihnen reden.«
Sie lauschten angestrengt, doch im Haus blieb es still.
»Herr Petrich, machen Sie auf!«, schrie Monika. Sie hörten schlurfende Schritte aus dem Haus. »Er kommt«, flüsterte sie.
Till ging einen Schritt zurück und postierte sich seitlich neben der Tür.
Schließlich knackte das Schloss und die Tür wurde einen Spalt geöffnet. Ein blasses, verknittertes Gesicht erschien.
»Was wollen Sie?«, krächzte der Mann und fixierte Monika mit seinen feuchten Augen.
»Sind Sie Herr Petrich?«, fragte sie.
»Und wer sind Sie?«
Monika griff in ihre Jackentasche und zog ihre Kripomarke hervor. »Kriminalpolizei Wilhelmshaven, mein Name ist Monika Sander. Ich habe ein paar Fragen an Sie.«
»Polizei?«, entgegnete der Mann verwundert. Es schien, als wolle er öffnen, aber plötzlich schlug er die Tür mit voller Wucht zu. Till fing sie mit der Schulter ab, bevor sie ins Schloss fallen konnte. Sie flog auf und gab den Blick in den Flur frei. Till sah gerade noch, wie Petrich in einem Zimmer verschwand und die Tür zuzog. Es knackte laut.
»Er schließt ab!«, rief Monika.
Till hetzte den dunklen Flur entlang und sprang über ein paar Kisten, die den Weg versperrten. Er drückte die Klinke, doch die Tür blieb verschlossen. »Verdammt! Und jetzt?«
Plötzlich hörten sie Glas splittern, dann laute Schreie. Till trat ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf und stürzte sich gegen die Tür. Es krachte, Holz splitterte, doch sie hielt. Erst beim zweiten Versuch sprang sie auf.
Es war das Badezimmer. Till zog seine Waffe und ging hinein. Oberhalb der grauen, schmutzigen Wanne war die Glasscheibe des offen stehenden Fensters zerbrochen. Scherben lagen verstreut auf dem Wannenboden. Von draußen drang lautes Rufen herein. Till sprang auf den Rand der Wanne.
»Pass auf, die Scherben!«, rief Monika, doch er kletterte auf das Fensterbrett und schwang sich nach draußen. Verdutzt blieb sie stehen. Schließlich wandte sie sich um und rannte in den Vorgarten. Till bog bereits um die Hausecke, Petrich folgte ihm mit einigem Abstand, die Hände hinter dem Rücken. Dietmar lief hinter ihm. Seine Kleidung war unordentlich und seine graue Jacke vollkommen verdreckt.
»Dieser Kerl hat mich einfach umgerannt«, beklagte er sich.
Vor Monika blieben die drei stehen. Petrich schaute betreten zu Boden.
»Herr Petrich«, sagte Monika. »Sie sind festgenommen. – Bringt ihn auf die Dienststelle.«
Till nickte und schob den Gefangenen an Monika vorbei. »Er hat auf alle Fälle etwas zu verbergen«, flüsterte er ihr im Vorübergehen zu.
Nachdem Till neben Petrich im Fond des Dienstwagens Platz genommen hatte und der Wagen langsam davonfuhr, rief Monika Sander auf der Dienststelle an. Durch den Fluchtversuch des Mannes hatte sie genügend Indizien, um eine Hausdurchsuchung rechtfertigen zu können.
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