Kitabı oku: «Die Wiege des Windes»
Ulrich Hefner
Die Wiege des Windes
Kriminalroman

Zum Autor
Ulrich Hefner wurde 1961 in Bad Mergentheim geboren. Er wohnt in Lauda-Königshofen, ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Hefner arbeitet als Polizeibeamter und ist freier Autor und Journalist. Er ist Mitglied in der IGdA (Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren), im DPV (Deutschen Presseverband) und im Syndikat. Weiterhin ist er Gründungsmitglied der Polizei-Poeten. Die Polizei-Poeten veröffentlichten inzwischen vier Bücher, die nicht nur in Polizistenkreisen auf großes Interesse stießen. Neben der Krimiserie um den Ermittler Martin Trevisan, die inzwischen aus sechs Bänden besteht, sind inzwischen auch drei Thriller erschienen, die bereits in mehreren Sprachen übersetzt wurden. www.ulrichhefner.de und www.autorengilde.de.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2020
(Originalausgabe erschienen 2006 im Leda-Verlag)
Herstellung: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer
unter Verwendung eines Fotos von: © uhotti/sstock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6422-5
Widmung
Für Heidi, die Kinder
und die Drachen im Wind
Gedicht
An der Wiege des Windes,
dort wo die Sonne das Wasser berührt,
glutrot und in vibrierender Luft,
strömen die Kraft und die Energie
mitten hinein in die durstige
Seele
Ostfriesland im November 1997
Horst Winterberg stand vor dem Spiegel im Badezimmer und betrachtete sein vom Leben zerfurchtes Gesicht. Die grauen Bartstoppeln wirkten wie ein abgeerntetes Kornfeld im Herbst. Seine grauen, feuchten Augen, umgeben von bläulichen Schatten, wirkten starr und leblos.
Die letzten Tage hatten den Rest an Energie aufgebraucht, die noch in ihm gesteckt hatte. Er fühlte sich alt, abgenutzt und ausgelaugt wie eine leere Batterie, nutzlos und überflüssig. Die Augenblicke vergingen, bis sein Spiegelbild in der feuchtwarmen Luft langsam verblasste. Er öffnete seinen Bademantel, zog ihn aus und legte ihn sauber zusammengefaltet auf den kleinen Hocker neben der Badewanne.
Mit seiner Hand prüfte er das Wasser. Es war heiß, doch er hatte gehört, je heißer das Wasser, umso weniger Schmerzen würde er empfinden. Bevor er in die Wanne stieg, nahm er noch einen kräftigen Schluck aus der schwarzen Flasche. Er hatte schon immer einen Faible für trockenen Sherry gehabt. Die Hausbar in diesem Hotel war gut bestückt, ausgezeichneter Cognac, hochprozentiger Gin, Martini, Magenbitter und sogar Champagner hatte er in dem kleinen Kühlfach vorgefunden. Dennoch hatte er auf das Bewährte zurückgegriffen, und der Sherry war wirklich gut. Ob er auch dafür taugte, die Rezeptoren im Gehirn abzuschalten und ihn vor allzu heftigen Schmerzen zu bewahren, würde sich noch herausstellen.
Er hatte sich entschieden. Er hatte in den letzten Tagen überlegt, welche Auswege ihm noch offen standen, und war zu dem Schluss gekommen, dass es nur noch diesen einen für ihn gab, um seinen Ruf und seine Familie zu schützen. Seine Frau, die in verschiedenen sozialen Organisationen tätig war, seine älteste Tochter Annika, die erst vor kurzem die neue Praxis in der Altstadt eingerichtet hatte, und Hannes, seinen Sohn, der gerade vor dem Aufstieg in der Firma stand.
Nur wenn er, Horst Winterberg, nicht mehr wäre, dann würde über alles der Mantel des Schweigens fallen. Depressionen und Angstzustände waren häufige Gründe, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Und dass es hinterher nach einem solchen Lebensdrama aussehen würde, dafür hatte er gesorgt. Die Polizei würde kommen, würde Fragen stellen und die richtigen Antworten finden. Als junger Mann war er wegen Depressionen in Behandlung gewesen. Das Bild war schlüssig. Also würden die Ermittlungen schnell zu dem gewünschten Ergebnis führen. Er wusste, wovon er sprach, schließlich war er lange genug Beamter. Er wusste, wie diese Sorte Menschen dachte, wie sie agierten und welche Schlüsse sie zogen.
Für ihn gab es keine Zweifel mehr, und kein Zurück. Er hatte sich zu tief in den Dschungel verstrickt, er war zu weit gegangen. Dabei hätte er es sich nie vorstellen können, dass ausgerechnet er in solch eine Situation kommen konnte. Er hatte immer ehrlich und redlich gehandelt, hatte sich nie auf irgendwelche dunklen Geschäfte eingelassen. Bis auf dieses eine Mal.
Der Schweiß rann ihm über die Stirn. Die Hitze machte ihn müde und der Sherry zeigte langsam Wirkung. Der Zeitpunkt war gekommen – wenn er jetzt nicht handelte, dann würde er langsam dahindämmern.
Der Brief lag auf der kleinen Kommode neben dem Waschbecken. »Für Ines«, stand darauf in großen Buchstaben. Er griff noch einmal zur Flasche. Die Flüssigkeit brannte in seiner Kehle und hinterließ ihre Schärfe auf seiner Zungenspitze.
Er nahm das Tapetenmesser, das er in einem Baumarkt gekauft hatte. Längs, nicht quer, sagte er sich. Das ist der Fehler, den die meisten begehen, die hinterher in einem weißen Zimmer auf ein Bett geschnallt aufwachen und mit ihrem Makel zum Weiterleben gezwungen werden. Längs also!
Er setzte das Messer an und schnitt in das Fleisch. Es war, als ob man eine Spritze bekam, ein kurzer, beißender Schmerz zu Beginn der Prozedur, doch als die Klinge durch die Haut in die Fasern eindrang, war es ganz einfach und fast schmerzlos.
Er beobachtete, wie sich das Wasser färbte. Es war der letzte Eindruck, den er wahrnahm, bevor sich das rote Leben im weißen Schaum verlor.
Drei Wochen später …
Seit vierundzwanzig Stunden hatte er nicht mehr geschlafen. Seine Hände zitterten vor Kälte, dennoch presste er das Fernglas fest an seine brennenden Augen. Der kleine Kreuzer mit dem rostroten Anstrich ankerte nun schon seit einer Stunde westlich der Nordergründe.
Sie hatten dort drüben etwas an einer Winsch heruntergelassen. Das straff gespannte Seil dehnte sich im Wellengang. Die Männer drüben auf dem Schiff schienen im unruhigen Wasser nach etwas zu suchen. Doch was war so interessant hier draußen?
Was am Ende des Seiles schwamm, konnte Larsen nicht erkennen, dazu waren sie zu weit entfernt. Dennoch vermied er es, Corde anzuweisen, näher heranzufahren.
NH-C 210 war die Kennung des Kreuzers. Eine schwedische Fahne wehte am Mast. Schon als das Schiff vor zehn Stunden Wilhelmshaven verlassen hatte, war er sicher gewesen, dass etwas nicht stimmte. Er hatte Erkundigungen über Schiff und Besatzung eingeholt: eine russische Forschungsgesellschaft, die ein Projekt zur Erforschung des Wattenmeers und seine Auswirkungen auf die klimatischen Verhältnisse durchführte. Aber da musste etwas anderes dahinterstecken.
»Wie lange willst du noch Löcher in die Luft starren, mein Junge«, riss ihn Corde aus seinen Gedanken. »Es kommt Sturm auf, wir sollten nicht zu lange warten, der Himmel gefällt mir heute nicht.«
Larsen warf Corde einen geringschätzigen Blick zu. »Du machst dir zu viele Sorgen. Wir bleiben so lange wie die da drüben. Ich muss wissen, was hier vorgeht.«
Der Alte wandte sich um und ging mit langsamen Schritten auf das Ruderhaus zu. Larsen nahm das Fernglas wieder vor die Augen. Auf dem Kreuzer herrschte noch immer hektische Betriebsamkeit. Männer in gelbem Ölzeug beugten sich über die Reling und starrten ins Wasser. Larsens Fernglas streifte ihre Gesichter. Plötzlich erstarrte er mitten in der Bewegung und sein Blick verharrte auf einer Gestalt, die abgesetzt von den anderen am Vormast stand. Der große und stämmige Mann mit dem dichten, schwarzen Vollbart trug eine dunkelblaue Daunenjacke mit Fellbesatz und hatte eine schwarze Wollmütze tief in das Gesicht gezogen. Vor seinen Augen lag ebenfalls ein Fernglas, das genau auf Larsen gerichtet war. Larsen zuckte zusammen. Es schien fast, als ob der Riese ihn hämisch anlächelte. Dann formte der Mann mit seiner rechten Hand eine imaginäre Pistole, indem er mit dem Zeigefinger auf Larsen zeigte und den Daumen wie einen Abzugshahn aufrichtete. Larsen blickte gespannt zu. Plötzlich ließ der Riese seinen Daumen nach vorne schnellen. Larsen hastete zum Ruderhaus und öffnete die Tür. »Wir müssen hier weg!«
Warme Luft strömte ihm entgegen. Corde saß hinter dem Ruder und blätterte in einem alten, zerschlissenen Anglermagazin. Er blickte auf. »Was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.«
Larsen schloss die Tür. »Sie haben uns bemerkt. Es ist besser, wenn wir verschwinden.«
Mit einem Seufzer richtete sich der alte Corde auf. Behäbig startete er den Motor des alten Kutters. Als der Motor nach einem gurgelnden Grollen ansprang, atmete Larsen tief ein. Der riesige Mann auf dem fremden Schiff machte ihm Angst. Auf dem rostroten Kreuzer stimmte etwas nicht, und er würde herausfinden, was die Kerle dort draußen im Roten Sand im Schilde führten. Noch heute Nacht.
»Holt dich Rike am Hafen ab, mein Junge?«, durchbrach Corde nach einer Weile das dröhnende Schweigen im Ruderhaus.
»Rike? Nein, ich fahre nicht mit in den Hafen. Bring mich nach Langeoog und wenn dich jemand nach mir fragt, dann hast du mich nicht gesehen, verstanden!«
Corde musterte ihn skeptisch. Larsen sah fast noch aus wie ein sommersprossiger Teenager, obwohl er Mitte dreißig war. Die strohgelben Haare hingen wirr in das bleiche Gesicht und die Pupillen der wässrig blauen Augen flatterten nervös hin und her.
»Ihr habt doch nicht wieder etwas angestellt?«
Larsen schüttelte den Kopf. »Nicht viel, nur ein paar Reifen platt gemacht und zwei, drei Briefe geschrieben. Jemand muss es diesen korrupten Schweinen doch mal zeigen. Sie sollen wissen, dass ihnen jemand auf die Finger sieht und sich wehrt.«
Der Alte verzog das Gesicht. »Du hast dich erwischen lassen? Sie suchen dich?«
Larsen druckste herum. »Sind wohl ein paar Fingerabdrücke auf dem Kuvert. Aber es steht nichts Schlimmes drin.«
»An wen hast du die Briefe geschrieben?«
»Einen nach Hannover und die anderen nach Oldenburg«, antwortete Larsen. »Sie sollen die Hände vom Wattenmeer lassen, sonst …«
»… sonst?«
Larsen seufzte. »… sonst sollen sie schon mal eine Seebestattung buchen.«
Corde schüttelte den Kopf. »Ich habe deiner Mutter am Sterbebett versprochen, auf dich Acht zu geben, aber du reitest dich immer wieder selbst in die Scheiße. Ein Jahr hinter Gittern war wohl nicht genug?«
Betreten blickte Larsen zu Boden. »Sie haben schon wieder die Fahrrinne am Borkumgrund vertieft. Schau dir die Küste an. Das Watt ist mittlerweile löchrig wie ein Käse. Bald fahren sie mit den großen Fähren zu den Inseln. Zweimal so groß wie die von Frisia. Im Sommer tummeln sich die Bootsausflügler an den Sandbänken und das Robbensterben hält noch immer an.«
»Trotzdem hast du nicht das Recht, sie zu bedrohen«, sagte Corde. »Du musst sie überzeugen, aber in der Sache und nicht mit Gewalt.«
»Es geht nur um Profit, das ist ihre einzige Religion«, erwiderte Larsen. »Hast du nicht selbst gesagt, man muss für seine Überzeugungen einstehen, auch wenn’s manchmal weh tut?«
Corde lächelte. »Ja, genau das habe ich gesagt, mein Junge, aber das ist doch etwas ganz anderes.«
»Was ist daran anders? Diese Welt geht langsam aber sicher vor die Hunde. Da kann ich nicht einfach zuschauen. Das ist meine Überzeugung, verstehst du?«
Der Alte nickte. »Du bist wie dein Vater«, sagte er sanft.
Den Rest des Weges schwiegen beide. Als der Kutter in den Hafen von Langeoog einfuhr, peitschte der starke Wind die Wellen auf. Noch bevor Corde mit Larsens Hilfe sein Schiff vertäut hatte, lief der rostrote Kreuzer durch das Hafentor in das ruhigere Hafenwasser ein.
Corde richtete sich überrascht auf. »Hast du davon gewusst?«, fragte er Larsen, der gerade das starke Schiffstau um den Poller legte.
Ein Lächeln huschte über Larsens Lippen. »Sie haben sich gestern ein paar Zimmer im Hotel Flörke bestellt«, antwortete er, bevor er die Kapuze seines Parkas tief ins Gesicht zog.
*
Nachdem der rostrote Kreuzer im Hafen von Langeoog vertäut war, stiegen die Männer von Bord und gingen zum kleinen Bahnhof hinüber, wo ein Zug der Langeoogbahn auf die Versorgungsfähre der Frisia-Fährgesellschaft wartete. Auch der Riese war unter ihnen. Es dauerte beinahe eine Stunde, bis die kleine rote Bahn mit der Besatzung des Kreuzers hinüber in das Dorf fuhr.
Larsen atmete auf, als die Männer in den Zug gestiegen waren. Corde brühte einen Tee auf, während Larsen ungeduldig wartete, bis der Zug hinter der nächsten Biegung verschwand. Als die Nacht über die Insel hereinbrach, ging er von Bord des Kutters und verschwand im Dämmerlicht.
Corde hatte es sich im Ruderhaus bequem gemacht und schreckte kurz vor Mitternacht auf, als jemand ans Fenster pochte. »Verdammt, was soll das denn?« Im schwachen Licht erkannte er Larsen. »Du spinnst wohl, Junge, wo kommst du her?«
Larsen reichte ihm einen Brief in einem braunen Umschlag. »Versteck ihn gut. Gib ihn Rike, wenn sie wieder zurück ist. Aber sei vorsichtig. Es ist am besten, wenn du gleich aufbrichst.«
Der Alte schaute den Brief ungläubig an. »Junge, ich will mit deinen Machenschaften nichts zu tun haben.«
»Dafür ist es zu spät. Du steckst schon mitten drin. Es ist wichtig, dass du gleich ausläufst«, sagte Larsen eindringlich. »Und du weißt nicht, wo ich bin und du hast mich schon lange nicht mehr gesehen.«
Ehe Corde noch etwas erwidern konnte, verschwand Larsen in der Dunkelheit. Eine halbe Stunde später legte Corde ab.
*
Corde vertäute den Kutter im Hafen von Greetsiel und fuhr in seinem alten, klapprigen Wagen nach Hause. Drei Tage waren inzwischen vergangen. Weder Rike noch Larsen hatten sich bei ihm gemeldet. Es war auch besser so. Der Junge zog das Unheil an wie an heißen Sommertagen der Süßmost die Wespen. Dabei war er überhaupt nicht schlecht, er war nicht kriminell. Er war nur rebellisch, ein wenig halsstarrig und rebellisch. Corde schaltete das Licht am Wagen ein. Die Dämmerung war hereingebrochen und die dicken Wolken verhießen nichts Gutes. Hoffentlich würde er es noch vor dem Regen nach Hause schaffen. Mit seinen knapp siebzig Jahren war er froh, wenn er seinen Wagen noch bei Tageslicht in seinem kleinen Hof hinter dem Deich abstellen konnte. Den Kutter über die See zu steuern, war etwas ganz anderes. Das machte er seit frühester Kindheit.
Einen Kilometer hinter der Abzweigung nach Hauen lenkte er den alten VW in den schmalen Feldweg zu seinem Haus, das einsam etwas außerhalb des Ortes lag. Nach wenigen hundert Metern tauchte das von zwei hohen Birken flankierte Häuschen hinter den braunen Hecken auf. Corde steuerte seinen Wagen auf den geschotterten Hof.
Schon als er auf die Haustür zuging, fiel ihm auf, dass etwas nicht stimmte. Sie stand einen Spalt breit offen und in dem kleinen Rechteck oberhalb der Klinke, wo sich normalerweise eine in einem Holzrahmen eingefasste Glasscheibe befand, gähnte ein schwarzes Loch. Er blieb stehen und schaute sich um. Die Stille wirkte beängstigend, nur der aufkommende Wind raschelte in den wenigen welken Blättern der Birken.
Corde überlegte. Er war alleine und die nächste Ansiedlung über einen Kilometer entfernt. Was, wenn der Einbrecher noch im Haus war – oder hier irgendwo auf ihn lauerte?
Er hatte das Haus noch nicht erreicht, als plötzlich ein Schatten auf ihn zu flog. Corde erschrak und wich aus. Er strauchelte, der Schotter knirschte unter seinen festen Schuhen, dann verlor er den Halt und stürzte rücklings zu Boden. Er schloss die Augen und erwartete den Schmerz.
Der Schmerz kam, doch nicht so, wie er erwartet hatte. Nur ein Stechen im Arm, auf den er gefallen war. Er öffnete die Augen und sah gerade noch, wie der Schatten mit einem heiseren Krächzen in den Ästen einer Birke verschwand.
1
Der Raum war zu warm. Die trockene Heizungsluft und der Zigarrenrauch reizten ihre Augen und Schleimhäute, dennoch blieben die Fenster verschlossen. Niemand durfte von dieser Unterredung wissen. Zu viel stand auf dem Spiel.
»Die Zeit rinnt uns durch die Finger«, sagte der dunkel gekleidete, untersetzte und kahlköpfige Mann an der Stirnseite des Tisches. Er rollte das »r« in seinen Worten, als ob der Nachklang nie enden sollte. Die drei anderen Männer, in teuren Anzügen, gepflegt und distinguiert, nickten, ehe sie reumütig ihre Häupter senkten.
Der schwarzhaarige, drahtige Aufpasser, der abseits des Tisches neben der Tür saß, betrachtete ungerührt seine Fingernägel.
»Und wenn wir die Sache einfach stoppen?«, fragte einer am Tisch.
Der Kahlköpfige blickte ihn ungläubig an. Sogar der Mann an der Tür hob kurz seinen Kopf. Eine Weile herrschte düsteres Schweigen.
Plötzlich brach der Kahlköpfige in herzhaftes Lachen aus. Sein Bauch hüpfte auf und ab wie eine Jolle in schwerer See. »Natürlich. Wir packen einfach zusammen und gehen alle nach Hause. Das Geld spielt keine Rolle. Es ist ja nur bunt bedrucktes Papier.« Das Lachen erfror in eisiger Kälte. »Wir haben einen Kontrakt, meine Herren, und wir haben einen Weg gemeinsam zu gehen. Und wir werden ihn gehen, bis zum Ende.«
Ein dumpfes Hämmern an der Tür. Der Drahtige schnellte in die Höhe. Mit der rechten Hand fasste er unter seine Jacke. »Da?«, fragte er.
Unterdrücktes Gemurmel drang in den Raum. Der Wächter entspannte sich und drehte den Schlüssel herum. Durch den Türspalt schob sich ein stämmiger Mann in einem Nadelstreifenanzug aus den frühen Siebzigern in das Zimmer. Er verbeugte sich vor dem Kahlen, als wäre er zu nichts anderem als zum Dienen geboren.
»Es … es … gibt … Probleme!«, stammelte er unterwürfig.
Gemurmel erfüllte den Raum. Der Kahlköpfige schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Die Gespräche verstummten.
»Probleme?« Die Stimme des Kahlköpfigen klang noch eine Spur gefährlicher als zuvor.
*
Larsen ließ sich mit einem Seufzer auf dem zerschlissenen Sofa nieder und starrte an die Decke. Der Raum war schmuddelig und düster. Die beiden kleinen Fenster ließen nur wenig Licht herein. Zudem türmten sich dunkle Wolken am Himmel.
»Es wird bald schneien.« Töngen saß in einem fleckigen, rosafarbenen Ohrensessel. Er hielt Larsen seinen Tabaksbeutel hin. »Willst du auch eine? Der Stoff ist direkt aus Delfzijl.«
Larsen schüttelte den Kopf. »Ich brauche klare Gedanken. Sie sind wieder draußen, aber ich weiß nicht, was sie suchen.«
»Es muss wichtig sein, wenn sie bei diesem Schietwetter hinausfahren.« Töngen fuhr mit der Zunge über den Klebestreifen des Zigarettenpapiers. »Was ist mit Rike?«
»Rike spinnt«, erwiderte Larsen. »Sie ist wieder im Camp und bereitet sich auf eine Aktion vor. Wir hatten Zoff. Sie meint noch immer, es reicht, ein paar Plakate in die Höhe zu halten. Wir müssen die Kerle da treffen, wo es wirklich weh tut. Nur dann können wir etwas bewirken.«
»Darüber hast du früher auch anders gedacht.«
Larsen seufzte und schaute dem Rauch nach, den Töngen in die Luft blies. Schließlich griff er nach dem Tabaksbeutel auf dem Tisch. »Und wohin hat uns das gebracht?« Der Beutel fiel ihm aus der Hand und klatschte auf den staubigen Boden. Ein Teil des Inhalts krümelte über die wurmstichigen Holzbohlen.
»Mensch, pass doch auf, das Zeug ist teuer!«, fauchte Töngen.
»Schon gut. Hast du nichts Stärkeres?« Larsen kniete sich auf den Boden und klaubte den Inhalt des Beutels wieder zusammen.
»Wie soll ich das bezahlen? Außerdem brauchst du doch einen klaren Kopf, dachte ich, oder?«
Larsen betrachtete seine schmutzigen Hände. »Du könntest ruhig mal sauber machen.«
Töngen lächelte. »Ist doch egal, ob wir ein bisschen Dreck mitrauchen. Ist sowieso nur Verschnitt. Der Markt ist wie leergefegt.«
Larsen setzte sich wieder auf das Sofa und drehte sich eine Zigarette.
»Die Holländer haben Lieferprobleme«, sagte Töngen. »Immer mehr Bullen tummeln sich auf Booten und in den Häfen, seit sie an den Grenzen nichts mehr zu tun haben. Drei Lieferungen haben sie letzten Monat abgefangen. Es wird langsam eng.«
Larsen zündete seine Zigarette an. Er legte den Kopf zurück und entspannte sich. Sie schwiegen eine Weile und rauchten.
»Du hast gesagt, es sind Russen?« Töngen schnippte die Asche auf den Boden.
»Russen, Schweden, Chinesen, wo ist der Unterschied?«
»Na, die Russen sind mittlerweile für alles gut, Gift oder Uran, Plutonium …« Töngen blies den blauen Rauch stoßweise in die Luft. »Vielleicht liegen da draußen ein paar Container voller bunter Träume im Wasser und die suchen danach.«
»Du spinnst.«
»Wieso, was würdest du tun, wenn ein Zollboot auf dich zuhält, um dir dein schönes Pulver abzujagen?«
»Es sind Forscher«, antwortete Larsen. »Sie haben ein Boot mit allem technischen Schnickschnack und sie lassen etwas ins Wasser …«
»… und sie haben eine Genehmigung von ganz oben. Die fahren doch winkend an jeder Streife vorbei.«
»Aber die Computer an Bord und die Sonargeräte?«, wandte Larsen ein.
»Mit was würdest du rausfahren, wenn du offiziell Studien machen willst? Mit ’ner Jolle? Mensch, denk doch nach, Junge«, entgegnete Töngen. »Wie viel bezahlen wir heutzutage für die Unze? Zwanzig, fünfundzwanzig Mark. Die schicken das Zeug tonnenweise, da fallen doch die Miete für so ein Boot und die paar Kröten für das Schmieren einiger Beamter gar nicht ins Gewicht.«
Larsen zerdrückte seine Zigarette im Aschenbecher. Er ging zum Fenster und warf einen Blick nach draußen. Noch hielten die dunklen Wolken ihre kalte Fracht zurück.
Er nahm seine graue Daunenjacke vom Haken. »Wo steht dein Fahrrad?«
»Was hast du vor?«
»Ich fahre ins Dorf. Ich muss etwas überprüfen«, antwortete Larsen.
»Bring ein paar Flaschen Bier mit. Ich sitze schon seit gestern auf dem Trockenen und mir ist es zu kalt, um ins Dorf zu fahren.«
»Hast du Geld?«
»Keinen Pfennig«, entgegnete Töngen grinsend.
Larsen öffnete die Tür. Ein Schwall eiskalter Luft ergoss sich in das Zimmer.
»Pass auf dich auf! Mit Russen ist nicht zu spaßen.«
Larsen nickte und trat hinaus in die Kälte.
*
»Das ist der Preis dafür, dass man hier draußen in aller Ruhe wohnt«, sagte der Polizist und nahm die Kamera vors Gesicht.
Das Blitzlicht schmerzte in Cordes Augen. Mit einem Kopfschütteln besah er sich das Zimmer. Die Schubladen der beiden Schränke waren herausgerissen und mit dem Inhalt auf dem Boden verteilt. Die alte Stehlampe lag in der Ecke, der Tiffanyschirm war zerbrochen. Corde atmete tief ein. Die Stehlampe bedeutete ihm viel. Es war die einzige Hinterlassenschaft eines verstorbenen Freundes.
Die Einbrecher hatten ganze Arbeit geleistet und sogar den Stoffbezug des Sofas mit einem Messer aufgeschnitten. Die wenigen Bücher aus dem Regal lagen zerfleddert daneben. Corde fuhr sich mit der linken Hand durch die Haare. Die rechte Hand steckte in einem dicken Gipsverband.
»Oben sieht es genauso aus«, sagte er. »Ich frage mich, wer so etwas macht? Haben die etwas Bestimmtes gesucht?«
»Da gibt es genug, die dafür in Frage kommen«, antwortete der Polizist und fotografierte erneut. »Und die suchen immer nach etwas Bestimmten. Geld und Wertsachen. Da gibt es die tollsten Verstecke. Und Ihnen fehlt wirklich nichts, sagen Sie?«
Hilko Corde schüttelte den Kopf. »Ich besitze nichts und ich vermisse auch nichts. Schauen Sie sich das Haus an. Sieht es aus, als ob hier drinnen Reichtümer verborgen wären?«
Der Polizist nickte verlegen. »Das kann man nie wissen. Und Junkies geben sich auch mit wenig zufrieden. Hauptsache, das Geld für den nächsten Schuss springt heraus.«
Cordes Handy klingelte. »Entschuldigung«, murmelte er und ging in den Flur. Er drückte umständlich den grünen Knopf mit dem Telefonsymbol und meldete sich.
»Hallo, Hilko, ich bin es«, drang Larsens Stimme aus dem Lautsprecher. »Ich habe nur wenig Geld. War Rike schon bei dir? Hast du ihr den Brief gegeben?«
»Rike? Mensch, Junge, ich habe andere Sorgen. Bei mir ist gerade eingebrochen worden. Alles durchwühlt. Sogar das Sofa haben die Kerle aufgeschnitten.«
»Hast du überhaupt schon mit ihr gesprochen?«
»Junge, ich sagte doch, ich habe gerade andere Sorgen.«
Ein greller Signalton unterbrach Corde. Er schaute ratlos auf das Display. Das Gespräch war abgebrochen. Corde ging kopfschüttelnd zurück in das Zimmer.
Der Polizist packte den Fotoapparat wieder ein. »Sie gehen mit der Zeit und haben ein Handy«, stellte er überrascht fest.
Corde lächelte. »Ich mache im Sommer Kutterausflüge ins Watt und wenn der Herbst kommt, fahre ich Gesellschaften oder einzelne Fahrgäste, manchmal auch Waren hinaus auf die Inseln. Ein Handy ist da Gold wert. Ich bin nicht oft hier zu Hause.«
Der Polizist deutete mit dem Kopf an die Decke. »Dann werde ich mich jetzt mal um das Chaos dort oben kümmern. Aber ich will Ihnen keine Hoffnungen machen. Spuren habe ich nicht gefunden. Wahrscheinlich trugen sie Handschuhe.«
Corde nickte und griff sich an den rechten Arm. Die Schmerzen kehrten langsam zurück.
*
Larsen legte nachdenklich den Hörer zurück auf die Gabel. Hatte er richtig gehört? Hatte Onkel Hilko wirklich gesagt, dass bei ihm eingebrochen worden war? Larsen suchte nach Kleingeld, doch außer einem Zehnmarkschein in der Hosentasche hatte er nichts bei sich. Er musste unbedingt zurück aufs Festland, aber die Frachtfähre würde erst morgen früh wieder anlegen. Und das auch nur, wenn sich das Wetter nicht wieder verschlechterte.
Er rieb mit den Fingern über den Zehnmarkschein. Hing der Einbruch bei Corde mit dem angeblichen Forschungsschiff zusammen?
Er überlegte, ob er das Geld wechseln sollte. Er wollte mit Rike telefonieren. Larsen ging zu dem kleinen Laden an der Ecke. Im Sommer tummelten sich in dieser Straße die Touristen, da gab es nicht einmal Sitzplätze in den Straßencafés. Jetzt wirkte das Dorf wie ausgestorben.
Hatte Töngen Recht? Suchten die Kerle im Boot tatsächlich nach ein paar versenkten Containern mit Rauschgift oder sogar nach radioaktivem Material? Wenn die Russenmafia dahintersteckte, hätten die längst herausgefunden, wem der Kutter gehörte, von dem sie dort draußen abseits des Mellumer Fahrwassers im Roten Sand beobachtet worden waren. Schließlich stand der Name Molly in großen Lettern am Bug. Wenn sie in Hilkos Haus eingebrochen waren, dann hatten sie sich bestimmt auch schon den Kutter vorgenommen. Ob sie das Versteck gefunden hatten? Er schüttelte den Kopf. Nein, das Versteck auf dem Kutter war einfach zu gut, nicht einmal Hilko selbst würde es entdecken. Die Beute seines nächtlichen Besuches auf dem Kreuzer musste ja sehr wichtig für die Kerle sein, wenn sie danach suchten. Welches Geheimnis verbarg sich dahinter? Wenn ihm jemand helfen konnte, dann war es Rike. Doch die trieb sich in dem Greenpeace-Camp rum und spielte Umweltaktivistin.
Manchmal fand er sie naiv. Sie glaubte noch immer, dass man mit Sprüchen und Protestaktionen die Welt verändern konnte. Doch auf der anderen Seite war sie intelligent. Und stark. Er erinnerte sich noch daran, wie sie einem aufdringlichen Verehrer mit ihren fernöstlichen Kampfkünsten fast den Arm gebrochen hatte. Du frigide Zicke, hatte der Kerl sie angebrüllt, als er in der schlammigen Pfütze lag, nachdem sie ihn mit einem eleganten Fußfeger zu Boden gebracht hatte. Rike war weder frigide noch war sie ein Mannweib, wie die anderen Kerle aus der Gruppe damals behauptet hatten. Sie wusste, was sie wollte. Vielleicht fehlte sie ihm auch deshalb so sehr. Er musste unbedingt mit ihr reden.
Die Ladenglocke bimmelte zweimal, der Verkaufsraum war leer. Bier und etwas zu essen brauchte er jetzt. Dafür genügte sein Zehnmarkschein, aber wenn er danach noch mit Rikes Handyanschluss telefonieren wollte, würde es kaum für ein »Hallo, wie geht’s dir« reichen. Sinnlos.
Morgen würde er diese Insel verlassen. Er musste in Erfahrung bringen, was es mit diesem ominösen Einbruch auf sich hatte. Vielleicht war alles nur ein dummer Zufall.
2
Sie kamen im Schutz der Dunkelheit. Seit Stunden hatten sie das schäbige Haus in der Ahrstraße belauert, wo der ehemals weiße Putz graue Ränder trug und von der Wand bröckelte.
Die hölzerne Eingangstür war unverschlossen. So wie an jedem Tag. Sie waren gestern schon einmal hier gewesen. Ihn hatten sie nicht angetroffen. Er blieb verschwunden, als wüsste er, dass sie nach ihm suchten.
Die Treppen knarrten, als sie ungesehen die vier Stockwerke nach oben gingen. Er hatte unter dem Dach ein kleines Zimmer mit einer Dusche und einer Kochnische. Zu mehr hatte er es nicht gebracht. Ein Versager, ein Niemand. Er hatte noch nichts in diesem Leben geleistet. Er hatte die Zeit, die ihm gegeben war, damit zugebracht, Farbbeutel gegen Wände zu werfen und Leuten auf die Nerven zu fallen. Das alles wussten sie, denn sie hatten sich über ihn erkundigt. Sie hatten ihre Quellen, und es gab keinen Zweifel: Niemand würde ihn vermissen.
Die altersschwache, gelb gefleckte Holztür war kein Hindernis. Sie brauchten knapp dreißig Sekunden, bis das Schloss aufsprang. Abgestandene und modrige Luft empfing sie. Das Zimmer lag im Dunkeln. Direkt neben dem Eingang war das Bad, gegenüber die Garderobe, an der zwei schäbige Jacken hingen. Der Strahl ihrer Taschenlampen huschte kurz darüber. Einer von ihnen durchwühlte die Taschen, die anderen machten sich über das Zimmer her. Bedächtig öffneten sie die Schubladen, vorsichtig durchsuchten sie die Schränke und den Schreibtisch. Niemand sollte bemerken, dass sie hier gewesen waren.
In der rechten Ecke stand ein alter Mahagonischreibtisch. Viel zu wuchtig für den kleinen Raum, in dem sich noch die Kochnische, das Bett und eine Couch befanden.
»Schau dir das an!« Der Größere deutete auf eine Weltkarte über dem Schreibtisch. Mit einem roten Stift waren Markierungen und Daten eingezeichnet. In der Arktis und Antarktis, in Südamerika, im Persischen Golf, in Russland und an der Nordseeküste befanden sich solche roten Punkte, die bei genauer Betrachtung einem Totenkopf ähnelten.
Der Kräftige zog einen Packen Papiere mit aufgeklebten Zeitungsartikeln aus einem Regal und überflog die Überschriften. Es waren Artikel über Abholzungen im Regenwald und Ölbohrungen in der Arktis. Mörder hatte jemand mit krakeliger Handschrift unter die einzelnen Artikel geschrieben. »Ein Spinner.«
Der Großgewachsene lächelte verächtlich und fuhr damit fort, die Schubladen des Schreibtisches zu durchsuchen.
Unerwartet pfiff der Kräftige leise durch die Zähne. »Schau mal, das ist ein ganz schönes Früchtchen.« Er hielt dem Großen mit seinen von Latexhandschuhen überzogenen Fingern ein Blatt Papier unter die Nase.
»Was soll das, du weißt, was wir suchen.« Der Große widmete sich dem Computer auf dem Schreibtisch.
»Es ist nicht hier, ich habe alles auf den Kopf gestellt«, sagte der Kräftige nach einer Weile.
»Sonst etwas Brauchbares?«
»Ein paar nicht ganz jugendfreie Briefe von seiner Freundin.«
»Mit Absender?«
»Ja.«
Der Hüne griff in seine Jackentasche und zog ein Handy hervor. »Sie ist also seine Freundin, so etwas«, flüsterte er, als er die Ziffern wählte.
*
Larsen schlief schlecht. Alpträume plagten ihn. Immer wieder erschien der dunkle Riese und krümmte den Zeigefinger. Plötzlich war die Hand des Hünen nicht mehr leer. Eine großkalibrige Pistole lag darin. Kurz bevor der Riese abdrücken konnte, erwachte Larsen schweißgebadet.
Er schaute auf seine Armbanduhr. Kurz nach fünf. Er ging ins Bad und wusch sich das Gesicht. Dann setzte er sich auf die Couch und lauschte Töngens Schnarchen. Er verwarf den Gedanken, ihn zu wecken, zog seinen dicken Parka über und verließ das Haus.
Die Fähre lief gegen sieben Uhr in den menschenleeren Hafen ein. Larsen hatte den Weg zu Fuß zurückgelegt und im Schutz des Bahnhofsgebäudes beim spärlichen Licht der wenigen Hafenlaternen gewartet. Der erwartete Schnee war zum Glück ausgeblieben. Es war nicht mehr so kalt wie am Tag zuvor und der Wind hatte nachgelassen.
Er kannte den Kapitän. Gut eine Stunde später lief die Fähre in Richtung Norden wieder aus. Larsen stand an Bord und blickte über die Reling. Er war der einzige Passagier. Kein Wunder im November.
Es war gut so. Larsen fühlte sich so sicherer. Cordes Anruf hatte ihn aufgewühlt. Larsen hatte Angst. Ein lähmendes Gefühl kroch auf seine Mitte zu. Er musste unbedingt mit Corde reden. Er griff in die Hosentasche. Noch ganze drei Mark und fünfundzwanzig Pfennig hatte er bei sich. Von der Bank hatte er ebenfalls nichts mehr zu erwarten. Er war pleite.
Rike hatte ihm oft Geld gegeben. Jetzt war sie weg. Sie waren im Streit auseinander gegangen. Nach vier Jahren war sie einfach fort und er hatte das Gefühl, dass sie es diesmal ernst mit der Trennung meinte.
Nachdem die Fähre im Hafen von Norddeich festgemacht hatte, suchte er drüben am Kutterhafen nach Holm, einem Kapitän, dem er schon ein paar Mal geholfen hatte und der ihn bestimmt nach Greetsiel fahren würde. Doch der Kutter war nicht an seinem Liegeplatz. Fluchend ging er über die weite Wiese. Im Reif der kalten Nacht hinterließ er seine Spuren. Bis in die Stadt hinein konnte er laufen, aber wie kam er nach Greetsiel?
Ein Polizeiwagen bog um die Ecke. Larsen zog den Kragen hoch. Die Bullen konnte er jetzt am wenigsten gebrauchen. Bestimmt stand er schon wieder auf der Fahndungsliste. Die Briefe, die er vor kurzem an die Ämter abgeschickt hatte, wurden ihm garantiert übel genommen, da verstanden sie keinen Spaß, diese ignoranten Nichtstuer in den Verwaltungsbüros. Beamte nannten sie sich, aber Ahnung hatten sie keine. Da waren alle gleich. Auch die Gelbbäuche in den grün-weißen Autos gehörten zu dieser Sorte. Er bog in einen Hinterhof ein und wartete, bis der Streifenwagen vorbeigefahren war.
*
»Wir haben ihn nicht gefunden«, drang die kehlige Stimme aus dem Telefon.
»Hinweise?«
»Eine Freundin, mehr nicht.«
»Das ist doch schon was«, erwiderte der Kahle. »Ihr müsst ihn finden, um jeden Preis.«
»Da ist noch etwas. Er hat Probleme mit den Behörden. Er gehört zu diesen linken Chaoten und ist so was wie ein Umweltschützer. So ein Spinner, der sich an Bahngleise kettet.«
Der Kahle erhob sich. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft. Ein Umweltschützer, auch das noch. Diese Typen meinten immer, sie müssten hinter jedem herschnüffeln. Stets auf einem Kreuzzug, wie diese bornierten Beamten in den Ämtern. Dabei war es gerade in dieser Phase wichtig, dass es keine Auffälligkeiten gab. Zwischenfälle konnten sie sich nicht leisten.
»Findet ihn!«, sagte der Kahle, und beendete das Gespräch.
*
Der dritte Wagen, den Larsen auf der Landstraße von Norddeich in die Westermarsch anzuhalten versuchte, war der Milchlaster. Der Fahrer nahm ihn mit nach Greetsiel. An der Straße nach Pewsum ließ er Larsen aussteigen. Es war kurz nach acht und die Dämmerung erhellte langsam den Himmel, als Larsen den Weg in das malerische Dorf einschlug.
Hier draußen war der Wind stärker als in Norden. Larsen zog den Reißverschluss seiner Jacke höher. Ob Corde schon auf dem Kutter war?
Als er über den leeren Parkplatz ging, auf dem sich im Sommer Wagen an Wagen reihte, fielen die ersten Schneeflocken aus den grauen Wolken. Sein Freund Töngen hatte also doch Recht behalten. Obwohl dessen Gehirn vom vielen Bier, den Kurzen und den Joints bestimmt schon zerfressen war, hatte er noch immer ein Gespür für das Wetter. Damals, als sie in dem kleinen, altersschwachen Boot zwischen den Sandbänken herumgefahren waren und die pelzigen grauen Körper gezählt hatten, die leblos im feuchten Sand lagen, hatte er immer vorausgesagt, wenn das Wetter umschlug. Nur einmal waren sie in einen Sturm geraten. Das war im Nordland gewesen und Töngen vollgekifft wie ein Bus jamaikanischer Reggae-Musiker. Doch sie hatten überlebt. Überlebt, um die Zahl der toten Körper dieses Tages ins Forschungszentrum zu melden. Und wofür?
Er hatte gedacht, dass es besser werde, wenn Esser den Chefposten der Naturschutzbehörde übernehmen würde. Doch es blieb alles beim Alten. Die Schutzzonenverordnung war ein stumpfes Schwert. Noch immer warfen die Kapitäne ihren Unrat über Bord oder spülten ihre Tanks mit Nordseewasser aus, um es voller Öl und Schmiere wieder zurück ins Meer zu pumpen. Worte, nichts als Worte. Und er hatte für diese Farce sein Leben und seine Gesundheit riskiert. Nie wieder würde er so blauäugig sein.
Larsen ging über die Brücke und bog in den Weg zum Hafen ein. Der Schneefall wurde stärker. Die weißen Flocken tanzten wild im Wind. Hinter der Mauer tauchten die Masten der Kutter auf, die an der Mole vertäut lagen. Die Molly schaukelte friedlich im seichten Auf und Ab des Hafenbeckens. Corde war nicht hinausgefahren. Larsen atmete auf.
Töngens Worte kamen ihm noch einmal in den Sinn. Container mit bunten Träumen. Vielleicht lag da draußen wirklich irgendetwas auf dem Grund des Meeres. Wertvoll musste es sein, sonst würde sich der Aufwand nicht lohnen. Zumindest musste es etwas sein, das man nicht gerne dem Zoll offenbarte. Drogen, Diamanten für Rotterdam, Gold, Falschgeld, radioaktives Material für irgendwelche arabische Extremisten. Vielleicht war die Ladung gar nicht für Deutschland bestimmt. Zwar lag die Stelle, an der er das rote Schiff ausgemacht hatte, im Roten Sand, aber immer noch außerhalb der Drei-Meilen-Zone und abseits der viel befahrenen Schifffahrtsrouten.
Larsen blieb an der Mauer stehen. Von Corde keine Spur. Aber der würde bestimmt noch kommen. Er war jeden Tag auf seinem Kutter, selbst wenn er nicht hinausfuhr. Es gab immer jemanden hier, mit dem er reden konnte. Anders als in der Abgeschiedenheit seines Gehöftes.
Larsen ging auf die Treppe zum Anleger zu.
»Da bist du ja endlich!«, ertönte eine Stimme hinter ihm.
Die Worte trafen ihn wie ein Peitschenhieb. Langsam drehte sich Larsen um. Sein Gesicht war starr vor Schrecken.
»Eine schöne Überraschung«, sagte der blasse junge Mann, der sich wie ein Schatten von der roten Hauswand gelöst hatte. »Du dachtest wohl, ich finde dich nicht?«
Larsen schluckte seine Angst herunter, trotzdem klang seine Stimme belegt. »Du! Ich habe nicht …«
»Dienstag war Zahltag«, fiel ihm der andere ins Wort. »Und jetzt steht schon das Wochenende vor der Tür. Ich will mein Geld.«
»Ich hatte Probleme. Ich brauch noch etwas Zeit.«
Der Blasse baute sich breitbeinig vor ihm auf. »Zeit? Noch einmal eine Woche?«
Larsen nickte.
Die Faust traf ihn nur Millimeter unterhalb der Nase auf der Oberlippe. Trotz des lauten Klatschens hörte Larsen ein Knirschen aus seinem Mund. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn. Das Wasser schoss ihm in die Augen und fast gleichzeitig schmeckte er das Blut, das ihm über die Zunge rann. Dann schlug er die Hände vors Gesicht.
»Heute bezahlst du, Larsen!«, sagte der andere.
Larsen spuckte den abgebrochenen Teil seines Schneidezahnes in die Wiese. Vom Schmerz war er immer noch benommen.
*
Der frostige November ging und ein nasskalter und trüber Dezember hielt Einzug. Dennoch wurden die Schaufenster der Läden von einem hellen Glanz erfasst, Nikoläuse und Weihnachtsmänner lösten die herbstlichen Drachendekorationen ab und das Jahr trieb unaufhaltsam auf das Weihnachtsfest zu.
3
Der Postbote trug wie jeden Werktag eine große, gelbe Kiste durch die Drehtür des gläsernen Bürohauses am Theodor-Tantzen-Platz. Heute etwas schneller als sonst, denn es goss in Strömen. Über das Wochenende hatte eine milde Brise die Temperaturen auf zwei Grad Plus ansteigen lassen. Glatteis und eine Serie von Verkehrsunfällen in der vergangenen Nacht waren die Folge gewesen. Nun spülte der Regen die grauen Schneehaufen durch die Straßen. Die Kanalisation wurde von den Wassermassen überfordert und überall verteilten sich riesige Lachen in den Asphalttälern der Stadt.
»Moin!«, rief ihm der Pförtner hinter seinem Tresen zu. »Sauwetter, was?«
Der Postbote nickte, eilte den dunklen Gang entlang und verschwand hinter einer Glastür mit der Aufschrift Poststelle.
»Guten Morgen«, grüßte die blonde junge Frau ihn freundlich. Ihre dunkelhaarige Kollegin saß hinter ihrem Schreibtisch und leerte einen feuchten Karton auf die Tischplatte.
»Weiß nicht, was an dem Morgen gut sein soll«, knurrte der Postbote. »Draußen ist die Hölle los. Überall kracht es. Auf der Hindenburgstraße ist ein Stau bis raus nach Wechloy. Ein Laster ist gegen drei geparkte Autos gerutscht. Ich musste fast eine Stunde warten.«
Die ältere Kollegin schaute auf die Wanduhr über der Tür. Es war kurz nach neun. »Stimmt, du bist spät dran.«
»Spät ist gar kein Ausdruck. Heute wird’s mindestens drei, bis ich überall durch bin. Dabei habe ich zu Hause noch so viel zu tun.« Der Postbote lächelte verschwörerisch. »Das Kinderzimmer ist immer noch nicht fertig.«
»Wann ist es denn so weit?«, fragte die Blonde.
»Ich hoffe, dass die beiden bis Mittwoch nach Hause dürfen.« Der Postbeamte nahm seine gelbe Kiste vom Tresen. »Ich freu mich so auf meinen Sohn, ich kann’s kaum erwarten.«
»Mal sehen, was du sagst, wenn dich der Kleine mitten in der Nacht aus dem Tiefschlaf schreit«, unkte sie.
»Na hör mal, der schreit nicht. Der geht nach mir und weiß, was sich gehört.«
»Ähhh … – was ist denn das für eine Schweinerei!« Die schwarzhaarige Kollegin sprang auf. Sie rieb sich die Hände und blickte voller Ekel auf den großen, grauen Umschlag, den sie auf den Schreibtisch geworfen hatte. Die grüne Schreibunterlage war von einem hellen Pulverfilm überzogen. Aus einem kleinen Spalt des Kuverts rieselten noch immer kleine Kristalle.
Der Postbote fuhr vorsichtig mit dem Finger über die Tischplatte. Dann hob er ihn unter die Nase. »Das riecht irgendwie … chemisch.« Er schaute auf das Kuvert. Neben einem maschinengeschriebenen Adressatenaufkleber prangten drei Briefmarken. Ein Absenderfeld fehlte. Vorsichtig schob er den grauen Briefumschlag zu sich heran. Drei kleine blaue Delfine waren links oben neben der Falz zu erkennen. »Woher stammt das?«
Die Dunkelhaarige schaute ihn entgeistert an. »Ich habe das Kuvert heute Morgen aus unserem Hausbriefkasten geholt.«
»Das ist komisch«, sagte der Mann nachdenklich. »Es sind Briefmarken drauf, aber kein Poststempel. Also, von uns ist es nicht.« Der Brief war an den stellvertretenden Direktor der Bezirksregierung Doktor Thomas Esser gerichtet. Persönlich war unter dem Namen zu lesen.
»Sollen wir Esser anrufen?«, fragte die Blonde.
»Ich denke, ihr solltet besser die Polizei anrufen«, entgegnete der Postbote.
Betroffen schaute die dunkelhaarige Frau auf. »Du meinst, das könnte eine Bombe sein?«
Der Postbote zuckte mit den Schultern.
*
Rike hielt sich mit aller Kraft an den Seilen fest, während ihr Schlauchboot in halsbrecherischer Fahrt über die Wellen schoss. Der große Walfänger blieb unbeeindruckt von der rauen See. Bald würden die grauschwarzen Körper wieder durch den tiefblauen Vorhang aus Wasser an die Oberfläche stoßen. Der Walfänger befand sich in Schussweite. Das zweite Schlauchboot hatte Position vor seinem Bug bezogen und versuchte den Steuermann zu ständigen Kursänderungen zu nötigen, damit der Kanonier an der Bugharpune keinen gezielten Schuss anbringen konnte.
Gestern hatten sie das japanische Walfangschiff südlich der Kerguelen-Inseln ausgemacht und die Verfolgung aufgenommen. Die Arctic Sunrise war ein ehemaliger Robbenfänger und eigens für den Zweck umgebaut, Walfänger südlich des 40. Breitengrades ausfindig und ihnen ihren Fang so schwer wie möglich zu machen. Die Japaner waren gestern Abend auf eine Gruppe Minkwale gestoßen, die westwärts auf die Südatlantische Schwelle zuhielten. Den ersten Abschussversuch heute Morgen hatten die Männer und Frauen an Bord der Schlauchboote noch verhindern können, aber der Walfänger hatte die gemächlich nach Westen schwimmende Gruppe Wale bald wieder eingeholt. Nun setzte er erneut zum Abschuss an und wieder riskierten die Umweltschützer in den wendigen Schlauchbooten ihr Leben.
Rike hatte beinahe zwei Wochen im Camp bei Bremen für diesen Einsatz geübt, bevor sie vor einer Woche in Perth an Bord der Arctic Sunrise gegangen war, doch dass es so hart werden würde, hatte sie nicht gedacht.
»Come on, closer!«, rief Bob, der aus Wellington stammte und schon zum achten Mal mit von der Partie war. Bob führte das Boot, das sich zwischen den Walfänger und die Tiere schieben sollte, falls die anderen den Japaner nicht zur Kursänderung zwingen konnten.
Jean, ein Belgier aus Gent, hielt mit beiden Händen das Ruder des 240 PS starken Außenbordmotors umklammert. Harry aus dem amerikanischen Newport und Rike stabilisierten das Boot. Sie hatten sich angeleint und versuchten, nicht über Bord zu fallen. Das alleine war schon schwierig genug. Plötzlich durchstießen direkt neben ihnen die grauen Körper der Minks die Oberfläche.
»Slow down … slow down!«
Eiskaltes Wasser spritzte in Rikes Gesicht. Jetzt war der Walfänger direkt hinter ihnen. Die aufgewirbelte Gischt nahm ihr zeitweise die Sicht. Dann ertönte ein Donnern. Ein Rauschen überlagerte den gedrosselten Motorenlärm, doch es war nicht das Rauschen der Wellen. Es steigerte sich zu einem immer höher werdenden Sirren, dann schoss der Pfeil an ihnen vorbei und bohrte sich mit einem lauten Klatschen in den Leib eines Tiers. Der Luftzug des Seiles klang wie ein hilfloser Aufschrei.
Rike schlug die Hände vors Gesicht. Die Schaumkronen der Wellen verfärbten sich rot.
»This crazy guy!«, fluchte Bob.
Im Todeskampf peitschte die mächtige Schwanzflosse des zehn Meter langen Tieres durch die Luft. Jean riss das Ruder herum und Bob fiel nach vorne. Rike erwischte ein Stück seiner Jacke. Bobs Oberkörper hing im eiskalten Wasser, doch Rike verhinderte, dass er über den glatten Wulst in die Fluten stürzte.
Jean drosselte den Motor und Harry hechtete zum Bug, um Rike und Bob zu helfen. Gemeinsam zogen sie den Neuseeländer zurück ins Boot. Er fluchte und schüttelte seine Faust, als der Walfänger nur wenige Meter entfernt an ihnen vorüberfuhr. Die Wale waren wieder abgetaucht. Alle, bis auf einen.
»Manchmal glaube ich, Larsen hat Recht«, murmelte Rike, während sie in einiger Entfernung zusahen, wie der Walfänger seinen mittlerweile leblosen Fang längsseits zog. »Es reicht nicht, sie abzudrängen. Versenkt müssten sie werden.«
»Was meinst du?«, fragte Jean mit französischem Akzent.
»Ach, nichts … Ich dachte gerade nur an einen Freund von mir«, antwortete Rike.
»Okay, there’s nothing more to do, let’s go back«, sagte Bob.
Mit feuchten Augen wandte sich Rike ab. Die Arctic Sunrise wartete auf sie.
*
Dr. Thomas Esser, stellvertretender Direktor der Bezirksregierung Weser-Ems, war Landtagsabgeordneter der Grünen gewesen, bis er bei der letzten Wahl seinen Sitz verlor und an seinen Schreibtisch nach Oldenburg zurückkehren musste. Er hatte noch immer sein Parteibuch und war von den Programmen seiner Partei überzeugt. Vor allem lag ihm der Schutz der Küste und des Wattenmeers am Herzen. Nun stand er der Nationalparkverwaltung Wattenmeer in Wilhelmshaven vor. Vielleicht, so dachte er oft, war es ein Wink des Schicksals, dass er seinen Platz im Landtag hatte aufgeben müssen. Als verantwortlicher Leiter der Nationalparkverwaltung konnte er viel mehr für die Umwelt und seine Überzeugungen tun.
Obwohl es seit dem gestrigen Abend in Oldenburg regnete, war er wie jeden Tag mit seinem Fahrrad von Bürgerfelde zur Arbeit gefahren. Wenn es auch kalt und ungemütlich war, diesen aktiven Beitrag zum Schutz der Umwelt ließ er sich nicht nehmen. Den Bus benutzte er nur, wenn die geschlossene Schneedecke das Radfahren nicht mehr zuließ.
Vor vielen Jahren, als er noch jung und ungebunden gewesen war, mit langen Haaren und mit grünem Parka, hatte er Stunden im Wind und im Regen zugebracht. In Camps, in wilden Lagern und Zelten. Vor Gorleben, an der Startbahn West bei Frankfurt oder im Hamburger Freihafen, er hatte keine Gelegenheit ausgelassen, den Regierenden sein klares »Nein« zu ihren Entscheidungen entgegenzuschreien.
Vielleicht war er reifer geworden – oder vielleicht resultierte die Verlagerung seiner Aktivitäten aus einem längeren Gespräch mit seinem Vater, der ihm unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er kein Geld mehr erhalten werde, wenn er sich nicht endlich selbst um seine Zukunft kümmerte. Natürlich hatte zunächst der Rebell in ihm gesiegt, schließlich gehörte sein Vater als erfolgreicher Zahnarzt dem Establishment an, das er damals zutiefst verachtete. Letztlich siegten die Einsicht, der Hunger und die Vernunft.
Er hatte Jura studiert – denn »Biologie hat keine Zukunft!«, hatte sein Vater getönt – und gelernt, seine Ideologien in demokratischer und konstruktiver Form zu vertreten. Er heiratete, tauschte den grünen Parka mit einem dunklen Anzug. Machte sein Praktikum am Amtsgericht in Oldenburg, knüpfte Kontakte und begann seine Karriere bei der Bezirksregierung. Und nach dem kurzen Ausflug in die Landespolitik hatte ihm nun der Bezirksdirektor die Aufsicht über die Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer in Wilhelmshaven übertragen. Eine Aufgabe, die er mit Freude übernahm.
Sein Dienstsitz blieb in Oldenburg, doch jetzt hatte er endlich das Gefühl, in seine Vergangenheit zurückgekehrt zu sein. Er war seinen Überzeugungen und seinen Prinzipien wieder ganz nahe.
Doktor Thomas Esser fuhr mit seinem Rad über den freien Platz, vorbei am schmucklosen Tannenbaum mit den hellen Glühbirnen, der in aller Eile aufgestellt worden war, und wunderte sich, dass vor dem Haupteingang zwei Streifenwagen und ein grauer Audi standen. Was war hier passiert?
*
»Da ist er ja endlich!« Horst Liebler zeigte auf den hageren Hünen, der die Halle durch die Glastür betrat und auf die Aufzüge zuging.
Kriminaloberrat Kirner wandte sich um. »Das ist Doktor Esser?«, fragte er den Verwaltungsbeamten.
Liebler nickte und hielt Esser auf. »Stell dir vor, was passiert ist! Sie haben eine Briefbombe in der Post gefunden. Wir mussten alle unseren Arbeitsplatz räumen, bis das Kuvert abtransportiert war. Alles war in heller Aufregung.«
»Guten Morgen, Herr Doktor Esser.« Kirner streckte dem Leiter der Nationalparkverwaltung seinen Dienstausweis entgegen. »Mein Name ist Kirner, ich bin vom Landeskriminalamt. Ist es möglich, dass wir uns irgendwo ungestört unterhalten?«
Mit dem Aufzug fuhren sie in den zweiten Stock, dort befand sich Essers Büro.
»Kann ich erfahren, was genau passiert ist?«, fragte Esser.
»Eine Mitarbeiterin Ihrer Poststelle hat in der Tagespost ein Kuvert entdeckt, aus dem ein helles, kristallines Pulver gerieselt ist«, erklärte Kirner, nachdem beide Platz genommen hatten. »Ihr kam das verdächtig vor, deshalb hat sie die Polizei verständigt. Tatsächlich handelt es sich bei dem Pulver um Kaliumchlorat, einen leicht entzündlichen Stoff, der schon bei geringsten Verunreinigungen oder Berührungen reagieren kann. Da es sich hier um eine staatliche Organisation handelt, wurden wir hinzugezogen. Unsere Spezialisten haben bestätigt, dass es sich um eine Briefbombe handelt. In einem innen liegenden zweiten Kuvert befindet sich offenbar eine weitere Substanz. Über eine kleine Knopfzelle, ein Blitzlicht ohne Abdeckung und eine elektrische Schaltung sollte das Päckchen gezündet werden. Ich hoffe, dass wir das Paket entschärfen können und nicht sprengen müssen. Dann gibt es vielleicht einige Spuren, die uns weiterhelfen.«
Esser sank sichtlich erschüttert in seinem Stuhl zurück. »Wer sollte die Bombe öffnen?«
»Der Brief war ausdrücklich an Sie persönlich adressiert.«
Aus Essers Gesicht wich allmählich die Farbe und machte einem Grauton Platz. »Ich … wieso ich …?«
»Können Sie sich irgendeinen Grund vorstellen?«
Esser schüttelte den Kopf. »Was wäre passiert, wenn …«
»… wenn Sie den Umschlag geöffnet hätten?«, fiel ihm Kirner ins Wort. »Ersten Schätzungen nach dürften sich etwa fünfzig Gramm Sprengstoff im Inneren des zweiten Kuverts befunden haben. Das hätte eine ordentliche Explosion gegeben.«
Esser schluckte. »Ich glaube, mir wird schlecht.« Er erhob sich und ging an einen Aktenschrank, öffnete die untere Schranktür und holte eine Flasche Cognac hervor. Er schenkte ein Glas voll und leerte es in einem Zug.
»Haben Sie Feinde?«
»Natürlich macht man sich Feinde, wenn man einen solchen Posten ausfüllt«, erklärte Esser. »Fischer, die gerne in manchen Schutzzonen fischen würden, Umweltfanatiker, denen unsere Verordnungen nicht weit genug gehen. Es gibt da eine große Zahl von Leuten, denen man hier und da auf die Füße treten muss. Aber deswegen eine Briefbombe?«
»Gab es in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches, wurden Sie bedroht?«
Esser öffnete eine Schreibtischschublade, nahm ein Bündel Briefe heraus und warf sie auf den Tisch. »Wer etwas tut, schafft sich automatisch Gegner. Nur wenn Sie still sind und sich aus allem heraushalten, dann passiert so was nicht.«
Kirner starrte wie gebannt auf ein großes, graues Kuvert mit drei kleinen, blauen Delfinen in der linken oberen Ecke. »Woher haben Sie das?«
»Der kam vor drei Wochen mit der Post.« Esser wollte nach dem Umschlag greifen, doch Kirner sprang auf und packte ihn an der Hand.
»Von wem?«
»So eine Umweltschützerin. Darin befand sich eine lange Studie, über die negativen Auswirkungen des zunehmenden Tourismus auf die Flora und Fauna des Wattenmeers. Wieso ist das so wichtig?«
Kirner griff in seine Jackentasche und holte ein Polaroidfoto heraus, das die Briefbombe mit den gleichen kleinen Delfinen auf dem Kuvert zeigte. Kommentarlos reichte er es Esser.
4
Das Haus schwieg. Im Flur, im Wohnzimmer, in den Zimmern im Obergeschoss und vor allem im Kinderzimmer, überall nur lastende Stille. Trevisan saß in seinem Ohrensessel und hielt die Augen geschlossen. Sie waren feucht. Alles um ihn herum erschien sinnlos, dem Tod näher als dem Leben. Grit hatte sich von ihm getrennt. Sie hatte Paula mitgenommen. Paula, die ihm alles bedeutete. Vor einem Monat war sie elf Jahre alt geworden. Er hatte sie angerufen und danach hatte er sich sinnlos betrunken. Sie fehlte ihm. Er fühlte sich einsam und verlassen.
Der Heilige Abend war angebrochen, doch in diesem Jahr zog kein Bratenduft durch den Flur, kein Weihnachtsbaum schmückte das Wohnzimmer, kein Kinderlachen erfüllte die Stille. Niemand fragte ungeduldig, wann es denn endlich die Geschenke gäbe.
Trevisan öffnete die Augen und schaute auf die Uhr. Es war kurz nach acht. Draußen fielen dicke, weiße Flocken und bedeckten die noch unvollendete Terrasse. Er griff zu seinem Weinglas und leerte es in einem Zug. Seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit und wollten sie festhalten, das Lächeln seiner Tochter, die liebevollen Umarmungen, doch nur die Kälte eines leeren Hauses blieb. Grit hatte die Koffer gepackt und war einfach weggefahren. Weg aus Sande, zurück nach Kiel. Sie hatte sich bei einer Freundin eingenistet. Vorerst, so lange, bis sie etwas Passendes gefunden hatte. Die Endgültigkeit sprach aus diesen Worten. Hart und unnachgiebig. Dabei hatte er sich bemüht, hatte ihre Launen über sich ergehen lassen, hatte still gehalten, wo er am liebsten widersprochen hätte.
An diesen verfluchten Feiertagen, wenn er sich nicht mit Arbeit ablenken konnte, war seine Sehnsucht unerträglich. Er schaute auf den Tisch. Dort lag das Telefon, in greifbarer Nähe, damit er keine Sekunde versäumte, falls Paula doch noch anrufen würde. Doch der Apparat schwieg ihn eisern an.
Das Schicksal war in den letzten Wochen hart mit Martin Trevisan ins Gericht gegangen. Kurz nach Grits Auszug hatte er seinen Vater beerdigen müssen. Ein Schlaganfall. Grit war noch nicht einmal zur Beerdigung gekommen. Als er sie am Telefon gebeten hatte, wenigstens Paula zu schicken, hatte sie geantwortet: »Du kannst sie ja abholen und am Abend wieder vorbeibringen.« Das hatte ihn schwer getroffen. Wie hätte er das bewerkstelligen sollen? Schließlich lagen alle Vorbereitungen zur Bestattung seines Vaters bei ihm. Niemand aus der Familie konnte ihm dabei helfen. Doch er hatte nichts gesagt. Er hatte einfach aufgelegt.
Trevisan goss sein Glas voll. Der Wein machte ihn müde und würde helfen, auch diesen Tag zu überstehen. Er hob seinen schweren Kopf. Es war mittlerweile zehn Uhr. Jetzt würde ihn Paula bestimmt nicht mehr anrufen. Er dachte daran, was sie wohl gerade tat, und ob sie sich über das Barbie-Puppenhaus, das er ihr geschickt hatte, auch wirklich freute. Falls Grit es überhaupt unter den Weihnachtsbaum gestellt hatte.
Seine Gedanken zerflossen in einer dumpfen und trägen Dunkelheit. Er leerte das Glas, erhob sich und schwankte nach oben. Das schnurlose Telefon hielt er fest umklammert in seiner Hand.
*
Kriminaloberrat Kirner vom Staatsschutzdezernat saß in der Schützenstraße in seinem Büro im dritten Stock und schaute hinaus in den Innenhof. Dort waren drei Mechaniker damit beschäftigt, einen zerbeulten Streifenwagen von einem Abschleppwagen zu hieven. Sie hatten alle Hände voll zu tun, denn die Räder an dem zerknautschten Opel Omega waren nicht mehr rollfähig und der Kran am Abschleppwagen konnte die Last offenbar nicht heben.
»Ich glaube nicht, dass Esser die Explosion überlebt hätte«, sagte Köster, ein Mitarbeiter der Kriminaltechnikabteilung.
»Und die Technik?«
Köster grinste. »Banal, eine Negativschaltung. Sobald die Alufolie keinen Kontakt mehr hat, ist der Widerstand abgeschaltet und der Strom kann fließen. Lernt man in den ersten beiden Wochen Elektrotechnik am Berufskolleg.«
»Das heißt also, es waren keine Profis?«
»Es gehört viel Konzentration und Feingefühl dazu, mit Kaliumchlorat und Thermit zu hantieren. Aber die technischen Kenntnisse, die man braucht, sind eher bescheiden. Die Bediensteten hatten Glück, dass es draußen kalt und feucht war und der Brief wohl schon einige Zeit im Briefkasten heruntergekühlt worden war. Als wir das Zeug im Labor hatten, war es schon äußerst aggressiv.«
»Was habt ihr über den Briefumschlag herausgefunden?«
Köster griff nach seiner Akte und blätterte in den Seiten. »Die Umschläge sind aus Umweltpapier. Sie werden in Dänemark hergestellt und in Dritte-Welt-Läden vertrieben. Nicht gerade Massenware, aber weit verbreitet. Die Briefmarken waren interessanter. Sie reichen nicht für die Umschlaggröße und das Gewicht und waren nicht abgestempelt. Wir gehen davon aus, dass der Brief nicht mit der Post geliefert wurde. Wir haben sie abgelöst und hoffen, darauf DNA-Spuren zu finden. Außerdem wird der Innenumschlag, in dem sich das Thermit befand, gerade im Labor bedampft. Offenbar sind Fingerabdrücke darauf.«
Mittlerweile hatten die Mechaniker den Wagen frei baumelnd am Kran aufgehängt. Das Auto schwankte bedrohlich.
»Wann ist mit ersten Ergebnissen zu rechnen?«
»Gemach, gemach«, antwortete Köster. »Die Hälfte der Abteilung hat zwischen den Jahren Urlaub und das Erkältungswetter hat die übrige Hälfte stark dezimiert. Frühestens in drei Wochen haben wir eine DNA-Analyse auf dem Tisch. Vorher geht nicht viel. Wir haben auch noch den Mordanschlag auf die Kollegen in Osnabrück.«
Kirner lächelte verächtlich. »Ich richte dem Mörder aus, dass wir wegen Neujahr geschlossen haben.«
»Gibt es denn sonst keine Hinweise?«
»Eine ganze Menge«, antwortete Kirner. »Das ist es ja gerade, was mich stutzig macht.«
*
Das Flugzeug landete mit zwei Stunden Verspätung. Rike war froh, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Der Flug von Perth nach Frankfurt am Main hatte über fünfzehn Stunden gedauert. Zum Glück war die Zugverbindung zwischen Frankfurt und Bremen so gut ausgebaut, dass sie trotz der Verspätung noch heute einen Zug erwischen konnte. Von Bremen würde sie schon irgendwie nach Wilhelmshaven kommen. Sie war müde, ihre Beine schmerzten und außerdem hatte sie kaum mehr als fünfundzwanzig Mark und ein paar australische Dollars in ihrer Geldbörse. Im Flugzeug hatte sie sich kurz vor der Landung noch einmal satt gegessen. Die Zugfahrkarte war bereits bezahlt und von Bremen konnte sie auch trampen. Sie war kein ängstlicher Typ. Und sie würde sich zu wehren wissen, sollte jemand zudringlich werden. Schließlich war sie Trägerin des schwarzen Gurtes in Karate.
Rike war achtundzwanzig Jahre alt und als einziges Kind eines reichen Kieler Kaufmanns, der sich innig einen Sohn gewünscht hatte, wie ein Junge aufgewachsen. Puppen und schöne Kleidchen waren tabu gewesen. Sie hatte schon im Kindergarten so manchen Zwist mit ihren männlichen Artgenossen ausgetragen. Und meist war sie die Siegerin geblieben. Eine Amazone eben, hatten die Freunde der Familie lächelnd gesagt. Sie hatte Leichtathletik betrieben und Kampfsport erlernt und später in den Fitnesscentern die Hantelbank der Sonnenbank vorgezogen. So war sie eine kräftige und schlagfertige junge Dame geworden. Ihr Aussehen mit der schwarzen Bubikopffrisur hatte oft dazu geführt, dass sie für einen Jungen gehalten wurde. Für sie war es eine Bestätigung. Nur ihrer Mutter missfiel es von Zeit zu Zeit. Du bist ein Mädchen, lass dir doch mal deine Haare lang wachsen, hatte die Mutter oft gesagt, doch Rike hatte nur den Kopf geschüttelt und war in die Arme ihres Vaters geflüchtet, den sie abgöttisch liebte und der viel zu früh sterben musste.
Später hatte sie Meeresbiologie in Kiel studiert und ihren Abschluss mit Bestnote gemacht. Rike war in allen Dingen, die ihr wichtig erschienen, ehrgeizig.
Vielleicht hatte sie deshalb vor fünf Wochen diesen heftigen Streit mit Larsen gehabt. In letzter Zeit hatte er sich verändert. Und Rike wusste, dass es an diesem Gift lag. Es machte ihn nicht nur abhängig, sondern auch habgierig. Wenn er kam, um sich von ihr Geld zu borgen – Geld, das er sowieso nicht mehr zurückzahlen konnte – kam sie sich nur noch ausgenutzt vor. Als er ihr dann auch noch die Reise nach Australien mit allerlei fadenscheinigen Gründen madig machen wollte, um sie eine Atempause später um dreitausend Mark anzupumpen, hatte sie ihn hinausgeworfen.
Jetzt, nach diesen Wochen in der Kälte der Antarktis, tat es ihr fast ein wenig leid. Im Grunde genommen hatte Larsen Recht gehabt. Acht Rettungseinsätze für die Wale waren sie gefahren, doch nur ein einziges Mal war es ihnen gelungen, die Jäger von ihrem Vorhaben abzubringen. Der Preis dafür war hoch gewesen. Ein zerstörtes Schlauchboot, Knochenbrüche, Prellungen – und beinahe hätte Bob sogar mit seinem Leben dafür bezahlt.
Nachdem Rike die Passkontrolle hinter sich gebracht und ihren Koffer am Zoll geöffnet hatte, fuhr sie auf den Rolltreppen hinunter zu den Bahngleisen. Die unzähligen Menschen in der Ankunftshalle flößten ihr Unbehagen ein. Sie wäre jetzt am liebsten alleine gewesen. Vielleicht sollte sie noch mal mit Larsen reden. Auch wenn er sich seit Wochen nicht mehr bei ihr gemeldet hatte.
Ein einsamer Weihnachtsbaum stand neben der Rolltreppe. Einige seiner Glühbirnen waren bereits defekt. Achtlos ging Rike vorüber auf dem Weg zu ihrem Zug.
*
Der Kahle saß zusammengesunken auf dem Rand der Badewanne seiner Hotelsuite in Bremen und strich sich mit fahrigen Fingern über die Glatze. Es war mitten in der Nacht, draußen stürmte es. Ihm liefen kleine Schweißperlen über die Stirn. Irgendjemandem schien es eine infernalische Freude zu bereiten, ihm ständig Steine in den Weg zu rollen. Zum ersten Mal in seinem Leben empfand er so etwas wie Angst. Selbst als Kind war ihm nie so jämmerlich zumute gewesen. Das kam dabei heraus, wenn man sich mit den Falschen einließ. Er wusste, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing. Keine seiner Erklärungen würde die anderen daran hindern, das mit ihm zu tun, was auch er mit einem Betrüger tun würde. Selbst wenn er jetzt einfach in ein Flugzeug stieg, sie würden ihn in jedem Winkel der Erde finden. Nur wenn alles gut vorbereitet war, hatte er vielleicht den Hauch einer Chance. Er würde sich darum kümmern müssen. In den nächsten Tagen schon. Es war nur ein klitzekleiner Schritt zwischen einem kalten Grab draußen auf See und einer sicheren Zukunft, irgendwo in der Karibik, am blauen Meer, unter Palmen und mit allem, was ein Mann sich erträumte.
Schon oft in seinem Leben hatte er vor einem Abgrund gestanden, war er gestrauchelt, aber nie gestürzt. Doch seit einigen Tagen sah es danach aus, als könnte ihm das passieren. Dieser Mikrokosmos, in dem er lebte und den er lenkte, schien stillzustehen. Und Stillstand war das Letzte, was er jetzt brauchen konnte. Nur noch einen einzigen Trumpf hielt er in den Händen. Es wurde langsam Zeit, ihn auszuspielen.
»Liebling, kommst du?«, ertönte die helle Frauenstimme aus dem Schlafzimmer.
Der Kahle erhob sich, legte das Telefon auf das Waschbecken und schaute in den Spiegel.
»Wir warten auf dich!« Diesmal war das Timbre dunkler als zuvor.
Er stützte sich auf das Becken und schaute in den Spiegel. Er sah schrecklich aus. Vielleicht war es besser, die beiden Nutten einfach an die Luft zu setzen. Seine Stimmung war sowieso auf den Nullpunkt abgesackt. Er wandte sich zur Tür. Doch dann überlegte er es sich anders. Einsamkeit konnte er jetzt am wenigsten brauchen. Er drehte den Wasserhahn auf und ließ das kalte Wasser über seine Hände rinnen. Schließlich hielt er seinen Kopf unter den Wasserstrahl.
5
Trevisan lag quer im Doppelbett. Die Decke war verrutscht und sein Körper entblößt. Er schnarchte leise. Der grelle Ton des Telefons zerschnitt die morgendliche Stille. Trevisan öffnete die Augen. Schlaftrunken suchte er nach der Nachttischlampe. Es dauerte eine Weile, bis er den Schalter fand. Sein Blick streifte den Radiowecker. Es war kurz nach sieben Uhr. Erwartungsvoll folgte er den Tonintervallen, doch er fand den kleinen schwarzen Handapparat nicht und fluchte. Endlich entdeckte er das Mobilteil in dem kleinen Graben, der die beiden Matratzen voneinander trennte. Mit zitternden Fingern griff er danach. Oh, Gott, dachte er, lass es jetzt bloß nicht aufhören.
Er drückte mit fahrigen Fingern auf die kleine grüne Taste. Noch bevor sich der Teilnehmer meldete, raunte er ein fragendes »Paula?« in das Mikro.
»Bitte?«, drang die Stimme eines Mannes aus dem Lautsprecher. »Martin, bist du es?«
Trevisan schluckte. »Wer denn sonst. Bist du das, Johannes?« Sein Kopf schmerzte, als ob eine Horde Hummeln darin ein Wettfliegen veranstaltete.
»Ja. Ich habe eine schlechte Nachricht. Draußen im Hafen treibt eine Leiche und wir beide haben Bereitschaft. Wir treffen uns in einer halben Stunde im Büro.«
Johannes Hagemann gehörte schon seit einer Ewigkeit zum 1. Fachkommissariat. Nach dem Unfalltod von Lutger Bornemann oblag ihm als Ältesten die Leitung, bis Bornemanns Nachfolger bestimmt war. Hagemann trieb es trotz seiner achtundfünfzig Jahre noch immer auf die Straße. Einen Posten im Innendienst hatte er nie angestrebt. »Weißt du, ich halte es wie die alten Cowboys, ich will auch in meinen Stiefeln sterben«, hatte er immer gesagt, wenn man ihn fragte, warum er sich in seinem Alter den Stress des Ermittlungsdienstes antat. Wie ernst dieser lockere Spruch gemeint war, hatte damals niemand geahnt. Doch seit ein paar Monaten war es traurige Gewissheit. Johannes hatte Krebs. Unheilbar. Alle Versuche der Kollegen ihn zu schonen hatte er abgelehnt. Er wollte nicht zu Hause oder an einem Schreibtisch in der Direktion auf sein Ende warten. Er gehörte noch immer zum Team des ersten Fachkommissariats.
Und das war gut so, denn üppig war die Personalsituation in diesen Tagen nicht. Neben Johannes Hagemann gab es nur noch den kauzigen Dietmar Petermann und Markus Sauter, der sich zu Höherem berufen fühlte und die Aufnahmeprüfung für das Studium an der Polizeihochschule bestanden hatte. Spätestens im Februar würde der seine Koffer packen. Zwar hatte Kriminalrat Beck, der Leiter der Kriminalpolizei, Besserung in Aussicht gestellt, doch den Termin für Zuversetzungen hatte er wie immer offen gelassen. »Sie müssen jetzt erst einmal so zurechtkommen.«
Also blieb Trevisan nichts übrig, als sich aus dem Bett zu erheben, obwohl er sich am liebsten krank gemeldet hätte. In der Küche schaltete er den Wasserkocher ein, ohne einen starken Kaffee würde er den Vormittag nicht überstehen. Dann verschwand er ins Bad. Eine halbe Stunde, hatte Johannes gesagt. Als Trevisan in den Spiegel schaute, wusste er, dass auch eine oder zwei Stunden nicht reichen würden, um aus ihm wieder einen ansehnlichen Menschen zu machen. Seine dunkelblonden Haare standen wirr zu Berge und seine faltige Haut hatte eine Farbe wie vergilbtes Papier. Er stieg unter die Dusche. Das eiskalte Wasser schmerzte auf seinem Rücken.
*
Rikes Heimfahrt hatte sich zu einer wahren Tortur entwickelt. Der Zug von Frankfurt war zwar fast planmäßig um 17.54 Uhr auf dem Bremer Hauptbahnhof angekommen, aber jetzt ärgerte sie sich darüber, dass sie ihre Euroscheckkarte zu Hause gelassen hatte. Welcher Busfahrer akzeptierte schon American Express? Zu allem Überfluss wusste sie ihren PIN-Code nicht mehr genau und brach nach dem zweiten Fehlversuch am Geldautomaten lieber den Vorgang ab. Sie konnte sich Codes nicht merken, deswegen schrieb sie die Zahlen meist als Telefonnummern oder kleines Zahlenrätsel auf. Doch ausgerechnet diesen Zettel hatte sie verloren.
Mit ihren fünfundzwanzig Mark kam sie mit dem Regionalzug bis nach Oldenburg und versuchte sich von dort aus als Anhalterin. An der Autobahnauffahrt hielt nach kurzer Zeit ein dänischer Laster, mit dem sie nach Wilhelmshaven fahren konnte. Obwohl Rike in Marienhafe, also quasi auf der gegenüberliegenden Seite der ostfriesischen Halbinsel, wohnte, war ihr damit erst einmal gedient. Larsen würde ihr schon von Wilhelmshaven aus weiterhelfen können. Hoffentlich war er überhaupt zu Hause und trieb sich nicht in den Spelunken oder bei Corde herum.
Sie stieg in der Peterstraße aus und ging zu Fuß in die Ahrstraße. Es war kurz nach neun Uhr, als sie auf die obere Klingel ohne Namensschild drückte. Es kam, wie sie befürchtet hatte: Niemand öffnete. Larsen lag entweder im Vollrausch oder zugekifft bis an die Oberkante in seiner Bude oder war wieder mal auf Achse. Nach dem siebten Versuch gab sie auf.
Sie hatte jetzt noch vier Mark und siebenunddreißig Pfennige in ihrer Geldbörse. Die Nacht war frostig kalt und weit und breit gab es keine Telefonzelle. Also machte sie sich wieder auf den Weg in Richtung City. Vor der Nordseepassage fand sie eine Zelle mit einem Münzapparat und telefonierte die Liste ihrer Bekannten durch, bis sie schließlich Maike erreichte. Maike wohnte in Schortens. Sie war Kindergärtnerin, alleinstehend und lesbisch, doch Rike hatte keine Berührungsängste. Das Terrain war schon vor Jahren abgesteckt worden. Maike war nicht begeistert, bei diesem Wetter und dazu am Heiligen Abend nach Wilhelmshaven fahren zu müssen. Doch schließlich stimmte sie zu.
Als Rike endlich in das warme Auto einstieg, begannen ihre gefrorenen Hände wild zu kribbeln.
»Sag mal, was ist denn in dich gefahren?«, fragte Maike. Die Begrüßung schenkte sie sich. »Was treibst du um diese Zeit in Wilhelmshaven?«
Rike rieb sich ihre kalten Finger. »Ich bin gerade aus Australien zurückgekommen und hatte nicht genug Geld für die Rückfahrt dabei.«
»Aus Australien? Ach, deswegen war Larsen bei mir.« Maike lächelte grimmig. »Ich hab mich fast erschrocken, als er vor mir stand. Das ist jetzt knapp drei Wochen her. Der Typ ist ja ganz schön runtergekommen. Bist du noch mit ihm zusammen?«
Rike starrte gedankenverloren durch die Windschutzscheibe. Die bleichen Häuserfassaden flogen im Scheinwerferlicht an ihr vorbei. »Wir hatten Streit. Was wollte er von dir?«
»Was schon. Er wollte, dass ich ihm vierhundert Mark borge. Er sei da an einer großen Sache dran. Aber ich habe ihn weggeschickt. Wenn du mich fragst, ist der ganz schön drauf.«
»Drauf …?«
»Der wirft Pillen ein, oder? Lass ihn sausen, der ist nichts für dich.«
»Wohin fahren wir eigentlich?«, fragte Rike, als sie sah, dass sie auf der Straße nach Schortens waren.
»Zu mir, wohin sonst. Du glaubst doch nicht, dass ich dich jetzt nach Marienhafe fahre. Ich habe zwar Besuch, aber du kannst in der Küche auf der Eckbank schlafen, wenn es dich nicht stört.«
Rike verzog das Gesicht. »Kannst du mir zweihundert Mark borgen? Dann nehme ich mir ein Taxi.«
Maike lachte. »Mensch Mädchen, heute ist Heiligabend. Ich glaube nicht, dass du jetzt noch ein Taxi findest. Na gut, dann fahre ich dich halt in Gottes Namen rüber.«
Rike entspannte sich. »Ich gebe dir einen Hunni. Und jetzt stört es dich wohl nicht, wenn ich ein wenig schlafe.«
»Geritzt«, erwiderte Maike und trat auf das Gaspedal ihres altersschwachen Fiats.
*
Als Rike weit nach Mitternacht ihre gemütliche kleine Drei-Zimmer-Wohnung über der Immobilienvermittlung am Markt von Marienhafe betrat, konnte sie nur noch mühsam ihre Augen offen halten. Sie stellte ihren Koffer in den Flur, ging ins Badezimmer und knipste das Licht an. Schlaftrunken schaute sie in den Spiegel. Ihr Gesicht war weiß und sah aus wie ein faltiges Tuch. Sie drehte den Wasserhahn auf und temperierte den Wasserstrahl. Ein schaler Geschmack erfüllte ihren Mund. Sie griff nach der Zahncreme im Regalschrank. Plötzlich stutzte sie. Der blaue Plastikbecher mit der Zahnbürste stand nicht am gewohnten Platz. Er war in die Ecke verschoben. Schon mehr als hundert Mal hatte sie in der Vergangenheit Krach mit Larsen gehabt, weil er nie etwas an seinen Platz zurückstellte und man ihm ständig hinterherräumen musste. Es gab nicht viele Gewohnheiten in ihrem Leben. Der Kaffee zur Morgenzeitung, die weiten Nachthemden und ihre Utensilien im Badezimmer. Wenn sie sich morgens wusch und mit nassen Händen über das Waschbecken gebeugt nach der Zahnbürste tastete, dann brauchte sie nicht den Kopf zu drehen. Blind wusste sie, wo alles stand. Und dieser Zahnputzbecher stand nicht an seinem Platz.
War Larsen während ihrer Abwesenheit in der Wohnung gewesen? Nein, sie hatte ihm nach der Auseinandersetzung den Wohnungsschlüssel abgenommen. Und dass er einen Zweitschlüssel angefertigt hatte, daran glaubte sie nicht. Konnte trotzdem jemand in ihrer Wohnung gewesen sein? Ein Einbrecher?
Ihre Nackenhaare richteten sich auf. Mit einem Mal war sie hellwach. Sie nahm Kampfhaltung an. Vorbereitet auf das Unerwartete durchsuchte sie Zimmer um Zimmer. Nirgends gab es Spuren einer Veränderung. Nichts deutete darauf hin, dass ein Fremder in der Wohnung gewesen war, wäre da nicht der verschobene Zahnputzbecher im Bad gewesen. Sie schaute sich die Eingangstür noch einmal genau an. Keine Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens.
Sicherheitshalber schloss sie zweimal ab und legte den Sperrriegel vor. Sie ging ins Wohnzimmer und warf einen Blick aus dem Fenster. Es war kurz nach ein Uhr, mitten in der Nacht. Der Marktplatz von Marienhafe schlummerte friedlich im gelben Licht der Gasdampflampen. Drüben stand Störtebeker auf seiner Empore und blickte die Rosenstraße hinunter.
Plötzlich zuckte sie zusammen: Auf dem Parkplatz gegenüber stand in den ansonsten leeren Parkbuchten ein einzelner dunkler Wagen. Ein gelbes Nummernschild und schwarze Buchstaben, aber die Zahlen- und Buchstabenkombination unterschied sich von der des Nachbarlandes Holland. Wahrscheinlich französisch, dachte sie.
In unregelmäßigen Intervallen glühte ein orangerotes Licht im Wageninnern auf. Wie das Auge eines Raubtiers. Sie hielt den Atem an.
Dann hörte sie das Kratzen an ihrer Tür.
*
Trevisan beeilte sich. Das kalte Wasser hatte seinen Kreislauf in Schwung gebracht und die Kopfschmerzen vertrieben. Er zog seinen dunklen Anzug an und suchte den warmen Parka mit dem Teddyfutter und der Kapuze in seinem Kleiderschrank. Er fand ihn nicht gleich und warf die anderen Jacken achtlos auf den Boden. Nur eine hielt er erst ein paar Sekunden gedankenverloren in der Hand. Es war die Jacke seines Hochzeitsanzuges. Endlich fand er den Parka und zog ihn über. Als er das Haus verließ, blies ihm der kalte Wind ins Gesicht. Er kämpfte sich gegen die Böen zur Garage vor.
Die Straßen waren an diesem Morgen leer, kaum fünfzehn Minuten später parkte er im Areal des Dienstgebäudes in der Peterstraße.
»Da bist du ja endlich«, empfing ihn Johannes Hagemann, als Trevisan durch die Glastür in den langen Gang des zweiten Stocks trat. Johannes trug seinen Anglerparka, eine grüne, dicke Hose und Gummistiefel. Die obligatorische Mütze hing wie immer schief auf seinem Kopf. »Auf geht’s. KW-Brücke, Nordufer.«
»Eine Wasserleiche?«
»Eine ganz hässliche sogar«, antwortete Johannes Hagemann.
»Wer ist draußen?«
»Die Feuerwehr und zwei Streifen. Fährst du?« Hagemann warf ihm den Autoschlüssel zu.
Trevisan parkte den grauen Opel Omega unterhalb der Kaiser-Wilhelm-Brücke. Zwei Wagen der Feuerwehr, ein Rettungswagen und zwei Streifenwagen standen auf dem Feldweg. Davor parkte der weiße Mercedes-Bus der Spurensicherung. In einem schwarzen Schlauchboot, das nahe dem Ufer an den alten Poldern trieb, saßen drei Feuerwehrmänner in signalroten Einsatzjacken und ertasteten mit langen Sondierstangen den Grund des Hafens. Ein Taucher saß in Decken eingehüllt auf dem Trittbrett des Rettungswagens und ließ sich von einem Sanitäter eine dampfende Tasse Tee reichen.
Mittlerweile hatten die Kollegen der Streifenpolizei den Uferbereich mit rot-weißem Absperrband markiert. Inmitten des kleinen abgegrenzten Platzes sah Trevisan eine schwarze Plastikplane. Er konnte sich denken, was er darunter vorfinden würde.
Einer der Polizisten drehte sich zu ihnen um. Trevisan kannte den Oberkommissar vom 1. Revier.
»Moin«, grüßte der Beamte. »Leider ein unappetitlicher Anblick.«
Trevisan beobachtete, wie Horst Kleinschmidt von der Spurensicherung mit einem jungen Kollegen auf die schwarze Plane zuging. Nur kurz hob er die Plastikfolie an, dann ließ er sie wieder sinken. Der Jüngere wandte den Kopf ab.
»Ein Selbstmörder?«, fragte Hagemann.
Der Oberkommissar schüttelte den Kopf. »Eher nicht, dem Toten sind die Hände auf dem Rücken zusammengebunden.«
»Also dann raus mit der Sprache.«
Der Kollege verzog den Mundwinkel. »Gut, in Kurzform also«, erwiderte er angekratzt. »Heute Morgen gegen sieben erhielten wir von einem Angler einen Notruf. Er hatte im Schein seiner Taschenlampe die Leiche noch halb unter Wasser treibend entdeckt. Wir haben die Feuerwehr informiert. Die zogen ihn raus. Hatte sich offenbar in den Schlingpflanzen verfangen und bekam jetzt durch den Fäulnisprozess Auftrieb. Ein Mann zwischen zwanzig und fünfzig. Lag bestimmt schon über einer Woche in der Suppe, wahrscheinlich sogar länger. Das kalte Wasser konserviert.«
»Gibt es Hinweise auf seine Identität?«
»Schwer zu sagen. Wo normalerweise der Kopf sitzt, ist jetzt nur noch Hackfleisch. Wahrscheinlich die Schiffsschraube eines Außenborders. Er trägt eine zerschlissene Jeans und einen dunklen Pullover. Die Hosentaschen sind leer.«
»Eine unbekannte männliche Leiche«, resümierte Hagemann. »Also dann, frohe Weihnachten.«
»Der Taucher hat die Umgebung des Fundortes unter Wasser abgesucht«, fuhr der Oberkommissar fort. »Er fand in der Nähe einen Rucksack. Aber es ist alles sehr dunkel dort unten. Jetzt suchen die Feuerwehrmänner mit ihren Stangen weiter. Für den Taucher ist es bei den Wassertemperaturen nach zehn Minuten vorbei.«
Trevisan nickte. »Habt ihr den Rucksack untersucht?«
»Wir fanden darin eine Regenjacke, eine leere Geldbörse mit ein paar unidentifizierbaren Papieren und die Plastikkarte einer Bücherei in Würzburg. Das liegt im Norden von Baden Württemberg. Die Karte ist ausgestellt auf einen gewissen Peter Luksch. Aber es gibt kein Bild und kein Geburtsdatum, nur eine Mitgliedsnummer.«
»Bayern«, antwortete Trevisan.
»Was?«, fragte der Kollege erstaunt.
»Würzburg liegt in Bayern«, erklärte Trevisan und ließ ihn stehen.
6
Rike schlich sich zur Wohnungstür und horchte angestrengt ins Treppenhaus. Zwar hatte das Schaben aufgehört, dennoch spürte sie instinktiv, dass sich auf der anderen Seite der Tür ein Mensch befand. Vielleicht Larsen? Er war in letzter Zeit oft in krumme Geschäfte verwickelt gewesen. Konnte sein, dass er nicht gesehen werden wollte. Aber warum klopfte er dann nicht?
Oder kam der Einbrecher zurück? Aber warum? Hier gab es nicht viel zu holen. Die Einrichtung war zwar nicht von schlechten Eltern, doch von den 7500 Mark, die sie im Bad hinter einer Kachel versteckt hatte, konnte nicht einmal Larsen etwas wissen. Draußen knackte es erneut. Rike erschrak. Sie beobachtete die Türklinke, doch nichts tat sich. Wie war der Kerl nur ins Haus gekommen? Außer ihr bewohnte niemand das Gebäude, und das Immobilienbüro hatte schon seit Wochen geschlossen. Einen Augenblick lang überlegte sie, die Polizei zu rufen, doch sie verwarf den Gedanken. Seit sie vor knapp einem Jahr in Hamburg nach der Demo gegen die fortschreitende Globalisierung und die immer himmelschreiender werdende Armut in den Ländern Afrikas einem Polizisten das Nasenbein gebrochen hatte, war ihr Verhältnis zu den Ordnungshütern gespalten. Eigentlich war es Notwehr gewesen, weil der Polizist sie begrabscht hatte. Er hatte sie angefasst, obwohl sie nur friedlich auf dem Boden gesessen und sich bei ihren Mitstreitern eingehakt hatte. Der Richter hatte über ihre Einwände nur gelacht und sie verurteilt. Achttausend Mark hatte sie der Spaß gekostet.
Das Knacken wiederholte sich. Rike legte vorsichtig die Hand an die Türklinke. Hochkonzentriert lauschte sie in die Stille. Dann hörte sie leise Schritte, die sich entfernten. Es knackte erneut, weiter weg diesmal. Zweifellos knarrte die dritte Stufe der alten Holztreppe. Jemand ging die Stufen hinunter.
Sie rannte in das Wohnzimmer, immer bedacht darauf, keinen Lärm zu verursachen. Verborgen hinter dem Vorhang beobachtete sie die Straße, die im Schimmer der Laternen unter ihr lag. Ein Mann, dunkel gekleidet, etwa einen Kopf größer als sie und muskulös, ging auf den BMW zu. Auf der Beifahrerseite blieb er kurz stehen und schaute in ihre Richtung. Erschrocken zog sie den Kopf zurück. Das Gesicht des Mannes lag im Dunkeln, aber im Widerschein der Straßenlaternen und einer Weihnachtsgirlande am Geschäft gegenüber hatte sie ein glänzendes Brillengestell erkannt.
Sie ließ sich zu Boden gleiten und spähte erneut aus dem Fenster. Der Mann stieg in den Wagen. Das Auto fuhr unter ihrem Fenster vorbei und bog in Richtung Kirche ab. Sie hatte vergebens gehofft, einen Blick auf die Gesichter zu erhaschen.
Verdammt, was sind das nur für Typen, fragte sie sich. Sie überlegte fieberhaft. Es blieb nur eine Erklärung: Larsen. Bestimmt waren sie hinter ihm her. Sie wusste, dass er sich nicht nur mit Gras und Shit begnügte, sondern auch diesem synthetischen Zeug verfallen war, diesem Dreck aus den Labors der neuen Dealergeneration. Deswegen hatte er sich verändert und deswegen hatten sie in letzter Zeit oft Streit gehabt. Sie dachte an Maikes Worte. Eine große Sache, was mochte das sein? Schuldete er den Männern Geld? Das wäre typisch für ihn. Zwei Mann in einem großen BMW mit ausländischem Kennzeichen – diese Typen wollten nicht nur reden, die würden auch handeln.
Sie würde keine Minute länger in dieser Wohnung bleiben. Und sie musste unbedingt Larsen finden, jetzt.
Ihre Müdigkeit war verflogen. Fünf Minuten später verließ sie die Wohnung. Heimlich schlich sie sich durch die Hintertür. Sie nahm ihr altes Fahrrad und fuhr den Alten Postweg hinauf. Der BMW war verschwunden.
*
Kriminaloberrat Kirner war an diesem Tag früh im Büro. Der Feiertag war deutlich zu spüren. An den Ampeln hatte er nicht lange warten müssen und Parkplätze gab es in Hülle und Fülle. Es kam ihm vor, als wäre er der Einzige, der zum Dienst musste. Eigentlich kam ihm die Arbeit gerade recht. Es war Tradition im Hause Kirner, dass am ersten Feiertag die Verwandten zu Besuch kamen. Und zu seiner Schwiegermutter, dieser launischen und immerzu nörgelnden alten Dame, hatte er ein ausgesprochen angespanntes Verhältnis.
Köster war es tatsächlich gelungen, Fingerprints auf dem Briefumschlag zu sichern. Er hatte sie noch am gestrigen Abend in das automatische Fingerabdrucksystem des Bundeskriminalamtes eingespeist. Sollten dort bereits Vergleichsabdrücke gespeichert sein, war es nur eine Frage von Stunden, bis ein Tatverdächtiger ermittelt war. Schließlich ging es bei diesem Fall um ein Kapitaldelikt und die Kollegen vom Streifendienst, die vor Essers Haus Wache hielten, wären sicherlich an einer schnellen Aufklärung und ihrer Ablösung interessiert. Doch leider hatte der Computer noch nichts ausgespuckt. Auch das BKA in Wiesbaden war wegen der Festtage unterbesetzt.
Dennoch kam Kirner nicht ganz vergebens. Die Registratur hatte den Strafregisterauszug von Friederike van Deeren geliefert, der Umweltschützerin, die ihre Studie in der gleichen Sorte Umschlag an Esser geschickt hatte, in der auch die Briefbombe gesteckt hatte. Kirner nahm die Akte zur Hand. Eine typische militante Umweltaktivistin. Farbanschläge auf Boote eines Yachtclubs, Beteiligung an einem Brandanschlag auf ein Baggerschiff, Einbruch, Landfriedensbruch, Nötigung, Beleidigung und – Kirner musste schmunzeln, als er den Tatvorwurf las – tätlicher Angriff auf einen Polizeibeamten in Tateinheit mit Körperverletzung. Trotzdem hatte der Richter im letzten Fall von einer Haftstrafe abgesehen. Alle Delikte standen im Zusammenhang mit ihrer Überzeugung. Nur bei dem Polizeibeamten in Hamburg hatte sie sich offenbar von ihrer Wut verführen lassen. Und jetzt einen Briefbombenanschlag auf den stellvertretenden Leiter der Nationalparkverwaltung Wattenmeer? Für Kirner passte das nicht zusammen. Dabei hatte er genügend Indizien in der Hand, sie als Hauptverdächtige anzusehen.
Sogar das Motiv hatte sie Esser ein paar Wochen zuvor mitgeteilt. Kirner legte die Akte beiseite und nahm die knapp zweihundertfünfzig Seiten starke Dokumentation zur Hand. Die Auswirkungen der Überbeanspruchung von Schutzzonen auf die Natur und Umwelt. Kirner las die ersten Zeilen. Die Überschriften legten dar, welche Themen von ihr untersucht worden waren. Sanfter Tourismus und dessen Auswirkungen auf die küstennahen Zonen. Ökonomische Nutzung des Wattenmeers in Betracht auf Flora und Fauna. Einfluss von Industrieanlagen auf die Hellerwiesen und die Marsch. Die Schifffahrtsrouten und das Robbensterben. Das Ausbleiben der Seehundpopulation im Roten Sand und die Auswirkungen der Felderbewirtschaftung auf den Bewuchs im Küstengebiet. Offenbar hatte sie sich große Mühe bei ihren Forschungsarbeiten gegeben. Eine intelligente und gescheite Frau. Sie hatte ihr Studium mit einer Traumnote abgeschlossen. Bestimmt war nur ihr zwielichtiges Privatleben daran schuld, dass sie nicht bereits bei irgendeiner staatlichen Stelle oder einem renommierten Labor arbeitete.
Besonders die letzte Seite ihrer Ausarbeitung war ein gefundenes Fressen für die Staatsanwaltschaft. Denn dort warf sie der Nationalparkverwaltung schwere Versäumnisse und falsche Entscheidungen vor, die in absehbarer Zeit die Natur irreparabel schädigen würden. Als Beispiel führte sie die Genehmigung des Ausbaus der Schifffahrtswege in der Alten Weser an, die ungeahnte Auswirkungen auf den Vogelbestand auf Mellum hätten. Aber auch die Rückstufung einiger Flachwassergebiete von der Schutzzone II in die Kategorie IV und die damit verbundene Zulässigkeit einer eingeschränkten wirtschaftlichen Nutzung sowie die Aufhebung einiger Verbote, die noch aus der Zeit des großen Robbensterbens Ende der achtziger Jahre stammten, wirkten sich nachteilig auf die Robbenpopulationen im Wattenmeer aus. Zu guter Letzt machte sie eine verfehlte Politik für das Desaster verantwortlich und forderte ultimativ die Rücknahme sämtlicher in den letzten Jahren getroffener falscher Entscheidungen. Unterschrift: Friederike van Deeren.
Sollten jetzt auch noch ihre Fingerabdrücke oder DNA-Spuren auf dem Briefbomben-Kuvert zu finden sein, dann wäre alles andere als eine Verurteilung ein Wunder. Bereits jetzt hätte das Material für einen Haftbefehl ausgereicht. Doch angeblich war Friederike van Deeren in Australien. Selbst wenn dieses Alibi stimmen sollte, konnten Komplizen das Kuvert zugestellt haben. Das würden die Ermittlungen schon noch ergeben. Dennoch zögerte Kirner. Bei jedem anderen Fall hätte er bereits mit dem Staatsanwalt telefoniert, einen Haftbefehl erwirkt und die Frau zur Fahndung ausgeschrieben, doch sein Gefühl sagte ihm, dass er noch warten sollte.
*
»Sauter hat abgesagt?!« Trevisan schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich glaube, ich spinne! Hat abgesagt, der feine Herr. So wie man ein Kaffeekränzchen absagt oder nicht zum Kurkonzert erscheint. Der hält sich wohl für etwas Besseres! Er ist aber noch nicht versetzt und gehört nach wie vor zu unserer Abteilung. Verdammt noch mal, wir haben da draußen eine Leiche!«
Johannes Hagemann schaute Trevisan unterwürfig an. »Was will ich machen?«
»Lutger ist tot und du bist jetzt der Chef«, antwortete Trevisan ungehalten. »Du wirst ihn jetzt noch einmal anrufen und ihn herzitieren.«
Johannes Hagemann schüttelte verlegen den Kopf. »Das ist nichts für mich. Ich bin kein Chef. Und nur weil ich der Älteste bin, schon zweimal nicht.«
»Verdammt, Johannes! Seit Monaten tanzt der schon aus der Reihe. Jetzt reicht es ein für alle Mal. Ich werde mir den Kerl zur Brust nehmen.« Trevisan ging zum Telefon.
»Aber denk doch an die Folgen«, hielt ihn Johannes zurück. »Bald geht er auf diese Schule und dann kommt er am Ende noch als dein Chef zurück. Und sein Onkel ist Staatssekretär.«
»Und wenn er Kaiser von China wäre! Das lassen wir uns nicht gefallen. Jeder von uns hätte heute Termine. Es ist schließlich Weihnachten.«
Die Tür wurde aufgestoßen und Dietmar Petermann betrat das Zimmer, im dunklen Anzug und einem weißen, mit Rüschen besetzten Hemd. Dazu trug er eine orange-grün gemusterte Krawatte. Er blickte griesgrämig drein. »Verdammt, ausgerechnet heute! Dabei hätte ich einen kleinen Solopart zu singen. Das macht jetzt Frieder. Wofür habe ich wochenlang geübt?«
»Tut mir leid«, antwortete Johannes. »Aber wir brauchen jeden Mann. Wir haben eine männliche Leiche.«
»Und die Suche nach seiner Identität wird schwierig«, warf Trevisan ein. »Der gute Mann hat nämlich keinen Kopf mehr.«
»Enthauptet?«
»Nicht direkt«, erklärte Hagemann. »Ein Bootsmotor hat ihm den halben Kopf zermatscht. Da ist nicht mehr viel übrig.«
»Absichtlich?«
»Das sollten wir seinen Mörder fragen«, erwiderte Trevisan.
»Die Obduktion ist um elf«, sagte Hagemann. »Ich werde mit Trevisan hingehen. Du kümmerst dich bitte um die Vermisstendateien und machst eine Überprüfung in Würzburg.« Hagemann erzählte Dietmar die weiteren Umstände des Leichenfundes und informierte ihn über den aufgefundenen Rucksack.
Dietmar Petermann sah sich fragend um. »Und wo ist Markus?«
»Der hat abgesagt«, antwortete Trevisan schnippisch. »Bereitet sich wohl schon auf seine Tage als Polizeidirektor vor. Und du weißt doch, wer führen will, muss frei sein – vor allem von Arbeit.«
»Der und Polizeidirektor«, entgegnete Petermann. »Da machen sie doch auch nur wieder den Bock zum Gärtner. Wenn sein lieber Onkel nicht wäre, würde der immer noch die Parkplätze am Bahnhof bewachen.«
Ein Hustenanfall schüttelte Johannes. Es schien, als ob er keine Luft mehr bekäme. Trevisan klopfte ihm auf den Rücken, während Dietmar Petermann ein Glas Wasser einschenkte.
Als sich Johannes wieder beruhigt hatte und zusammengesunken auf dem Stuhl saß, musterte ihn Trevisan. »Wäre es nicht besser, wenn ich mit Dietmar zur Obduktion ginge und du würdest dich um die Vermisstenfälle kümmern?«
Hagemann schüttelte vehement den Kopf. »Du weißt, dass ich Computer hasse. Das geht schon, lasst mich nur ein paar Minuten ruhig hier sitzen. Noch lebe ich.«
7
Das Telefon klingelte mitten in der Nacht. Alexander Romanow wälzte seinen üppigen Körper auf die rechte Bettseite und suchte schlaftrunken nach der Nachttischlampe. Er war entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten alleine im Bett. Griesgrämig griff er nach dem Telefon auf dem Nachttisch. Ein krächzendes »Ja«, mehr hatte er für den Anrufer nicht übrig.
Das Gespräch dauerte nicht lange, dennoch war Romanow eine Spur zuversichtlicher, als er den Hörer zurück auf die Gabel legte. Er fuhr sich mit der Hand über den kahlen Schädel. Endlich kam die lang ersehnte Bewegung in die Sache. Vor zwölf Stunden hatte er fast geglaubt, es wäre alles verloren, sein Leben keinen Pfifferling mehr wert, doch nun strahlte seine Miene wieder Zuversicht aus, wenngleich Folgen der allzu kurzen Nacht in seinem Gesicht Furchen hinterlassen hatten.
Wenn nur erst einmal wieder die Daten in Sicherheit wären, dann könnte man sich getrost um den zweiten Schritt kümmern.
Damals, als er das Geschäft eingefädelt und die Investoren der Laufzeit zugestimmt hatten, war er glücklich gewesen wie ein kleines Kind. Er hatte die Hoffnung gehabt, endlich seine Träume realisieren zu können.
Vor mehr als zwanzig Jahren, als er hinter den roten Mauern im Kreml Akten und Geschäftsbriefe unterschrieben hatte, die das Papier nicht wert waren, auf dem man sie gedruckt hatte, hatte er hinter dem Bild von Breschnew eine Postkarte versteckt, die einen Sandstrand auf Mauritius zeigte. Vor nicht ganz zwei Jahren hatte er sich in den Westen aufgemacht, um seinen Traum zu verwirklichen. Und es hatte lange Zeit ausgesehen, als wäre alles nur noch eine Frage der Zeit. Doch dann kam die schicksalhafte Wendung, die ihn weit zurückgeworfen hatte. Und nun … Geld lagerte genug auf den schwarzen Konten, doch es gehörte nicht ihm. Wenn er sich daran vergriff, musste es gut vorbereitet sein, denn das Risiko war hoch. Er wusste, mit wem er sich eingelassen hatte und wie wenig Spaß die verstanden, wenn es um ein gebrochenes Versprechen ging. Erst wenn alles verloren war und er keine andere Möglichkeit mehr sah, würde er seinen Plan B in die Tat umsetzen.
Alles war ganz anders gekommen, als er es sich vorgestellt hatte. Sein perfektes Geschäft hing an einem seidenen Faden. Nicht nur die Steine, die ihm dauernd in den Weg gelegt wurden, auch das Versagen seiner Männer in letzter Zeit setzten ihm zu. Deshalb hatte er ein ultimatives Zeichen setzen müssen. Er hatte keine andere Wahl gehabt. Aber nur ein paar Tage später hatten seine Vertrauten schon wieder einen unsäglichen Fehler begangen. Dazu noch dieses verrückte Land, dieser Bananenstaat, bei dem Nein – Ja hieß und jawohl – vielleicht. Mit dieser Schildbürgeradministration hatte er nicht gerechnet. Im Osten war Deutschland der Inbegriff von Zivilisation und Wohlstand gewesen, von Rechtsstaatlichkeit und funktionierendem Sicherheitsgefüge. Inzwischen wusste er es besser. Dieses Land war unberechenbar und eigentlich auch unregierbar. Und wenn man eine Erlaubnis in den Händen hielt, dann war die heute genauso viel wert wie damals die Akten im Kreml.
Aber jetzt war doch noch Bewegung in die Sache gekommen. Und irgendwann mussten diese ewigen Fehlschläge ein Ende haben. Er konnte nicht sein ganzes Leben nur noch vom Pech verfolgt werden.
Er knipste das Licht aus und kuschelte sich in seine Bettdecke. Das Rauschen, das gedämpft durch das geschlossene Fenster ins Innere drang, war der Regen, der dem Wetterbericht nach eigentlich längst zu Schnee hätte werden müssen. Doch nicht einmal den Meteorologen konnte man in diesem Land trauen.
*
Rike hatte sich im Schutz der Dunkelheit über das Nachbargrundstück geschlichen und das Fahrrad über den Zaun gehoben. Den BMW hatte sie nicht mehr gesehen. Am ersten Feldweg war sie links in Richtung Neue Welt abgebogen. Die feuchte Kälte fraß sich langsam durch ihre schwarze Daunenjacke. In der Antarktis war es um ein Vielfaches kälter, aber das war eine für den Körper leichter erträgliche Kälte. Sie ärgerte sich, dass sie in der Eile vergessen hatte, ihre Thermowäsche anzuziehen. Wer dachte in so einer Situation schon an Unterwäsche.
Sie schaltete ihr Fahrradlicht nicht ein. Trotzdem erkannte sie im fahlen Mondschein den Weg. Sie warf des Öfteren einen Blick zurück. Diese Kerle hatten ihr einen gewaltigen Schrecken eingejagt. Der Mann vor ihrer Wohnungstür hatte einen Körperbau wie der Rausschmeißer einer Bar auf Sankt Pauli. Verdammt, in was für einen Schlammassel hatte Larsen sie gebracht?
Corde war der Einzige, der wissen konnte, was hier vorging. Er würde vielleicht auch wissen, wo Larsen steckte. Sollte der den Kerlen Geld schulden, dann würde sie es in Gottes Namen bezahlen, damit sie ihre Ruhe hatte.
Beim Leybuchtpolder bog sie in Richtung Greetsiel ab. Mittlerweile spürte sie ihre Finger nicht mehr und war gottfroh, als sie endlich kurz vor Hauen in den kleinen Feldweg einbog. Bald würde sie in eine warme Decke gewickelt auf Cordes Couch sitzen und eine heiße Tasse Tee trinken.
Plötzlich zerriss ein Schrei die Stille der Nacht. Rike fuhr zusammen. Ein Schuss dröhnte durch die Dunkelheit. Instinktiv zog sie den Kopf ein und lenkte das Rad in den Straßengraben. Sie fing den Sturz mit ihren Händen ab und kauerte sich auf den feuchten Boden.
»Verschwindet, ihr Hunde!«, dröhnte eine Stimme durch die Dunkelheit. »Ich habe noch genug Munition in meinem Lauf!«
»Verdammt, Corde«, murmelte Rike. Sie hob den Kopf und schrie: »Corde! Hör auf zu schießen! Ich bin es, Rike. Bist du verrückt geworden?«
»Bist du alleine?«
»Nein, ich habe hundert Mann bei mir«, schrie sie erbost zurück.
»Dann komm heraus!«
Rike richtete sich langsam auf und griff nach ihrem Fahrrad. Von weitem erkannte sie neben der Eingangstür die schattenhafte Gestalt eines Mannes, der ein Gewehr in der Hand hielt. Die andere Hand steckte in einem dicken weißen Handschuh. Er zielte auf sie.
»Mensch, Corde, nimm das Gewehr runter, bevor noch was passiert!«
Der Schatten entspannte sich.
*
Trevisan fröstelte, als er mit Johannes Hagemann den langen, weiß gekachelten Gang im Keller des Rechtsmedizinischen Instituts entlang schritt. Der Ort, wo den Toten die letzten Geheimnisse entrissen wurden, verlangte ihm viel ab. Schließlich lag auf dem kalten Aluminiumtisch ein Mensch. Und wenn er jetzt auch tot war, hatte er doch einmal gelebt, geliebt und gefühlt.
Hagemann klopfte an die Tür mit der Aufschrift Raum 1. Der Chefpathologe Doktor Mühlbauer öffnete. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Hallo, meine Herren. Sie sind ein paar Minuten zu früh. Aber kommen Sie nur herein.«
Trevisans Herzschlag beschleunigte sich. Er spürte das Pulsieren des Blutes in seinen Schläfen.
»Keine angenehme Sache«, sagte Mühlbauer. »Ausgerechnet heute und so kurz vor dem Essen. Bei uns gibt es in der Kantine Gans mit Knödeln und Rotkohl.«
Er lotste die beiden Kripobeamten durch eine weitere Tür in den Obduktionsraum. Der Tote lag mit einem weißen Leichentuch bedeckt auf dem Seziertisch in der Mitte des Raumes, einer einfachen Bahre mit Aluminiumoberfläche. Darüber verströmte eine Arbeitsleuchte aus starken Neonstrahlern ein helles und unnatürlich abweisendes Licht.
»Eine Wasserleiche ist immer eine ganz besondere Sache«, erörterte Mühlbauer mit einem deplatzierten Lächeln. »Vor allem, wenn sie ein paar Wochen alt ist. Also, wenn jemandem schlecht wird, dort ist die Toilette.« Er deutete auf eine Tür am Ende des Raumes.
Trevisan nickte. Er kannte sich hier aus.
Doktor Mühlbauer fuhr den kleinen Rollwagen mit seinen Instrumenten neben die Bahre und aktivierte das Mikrophon, das über ihm schwebte. Nach einem kleinen Funktionstest griff er nach dem Tuch und zog es in einem Ruck von dem Toten.
Die Leiche war aufgedunsen, die Haut bleich, fast schon alabasterfarben. Auf dem Oberkörper waren Striemen und Schnitte zu sehen, die unter dem Schein der Lampe violett erschienen. Vom Kopf war nur eine fleischige Masse übrig.
Trevisan wandte den Blick ab.
»Also, die Identifizierung wird nicht leicht«, erklärte Doktor Mühlbauer. »Mit dem Zahnschema kommen wir da nicht weiter. Auch mit den Fingerabdrücken sieht es nicht gut aus. Das wird wohl auf einen DNA-Test hinauslaufen. Und so viel ist auch sicher: Die Wunden am Kopf wurden weit nach seinem Tod zugefügt. Die Ränder sind ohne Einblutungen.«
Trevisan sah sich um. In der Ecke standen drei Plastikstühle. Er legte Johannes Hagemann die Hand auf die Schulter und deutete auf die Stühle.
»Nein, ich bleib hier stehen«, sagte Hagemann. »Aber setz dich nur. Du versäumst nichts. Auch da drüben wird es bald furchtbar stinken.«
Doktor Mühlbauer fuhr mit seiner Arbeit fort. »Obduktion einer männlichen Leiche zwischen 20 und 50 Jahre. Fundort: Großer Hafen, Nordufer. Die Hände sind auf dem Rücken mit einem Hanfstrick zusammengebunden. Oberflächliche Schnittwunden befinden sich auf der Brust, dem Oberkörper und dem Oberbauch …«
Mühlbauer hob die Leiche an und drehte sie auf die Seite. Trevisan erkannte einen Teil des Gebisses und eine leere Augenhöhle. Er wandte den Blick ab.
»… und auf dem Rücken«, beendete Mühlbauer den Satz. Dann stoppte er die Bandaufzeichnung. »Er ist kurz vor seinem Tod mit einem Messer malträtiert worden. Wirkt wie die Spuren einer Folterung.«
Die nächsten beiden Stunden waren für Trevisan eine Tortur. Zuerst stank es nach verfaultem Fleisch, dann roch es nach Urin, und als Mühlbauer mit einem spitzen Gegenstand vorsichtig in den Bauchraum stach, entwichen die Gase aus dem Leichnam und Trevisan würgte. Einen Augenblick lang hielt er es für angebracht, die Toilette aufzusuchen, doch er bekam sich wieder in den Griff.
Als Doktor Mühlbauer nach zwei Stunden die Säge zur Seite legte und die Handschuhe abstreifte, wussten die Ermittler, dass der Tote an die dreißig Jahre alt und seit etwas mehr als drei Wochen tot und zuvor mit teils tiefen Schnitten, ausgeführt mit einem extrem scharfen Messer oder Dolch, gefoltert worden war. Gestorben war er an in seine Lungen eindringendem Wasser, er war ertrunken. Die schweren Kopfverletzungen stammten von der Schraube eines Schiffsmotors.
Das passte in das Bild, das sie sich bereits am Tatort gemacht hatten. Der Körper hatte sich in den Wasserpflanzen auf dem Grund des Hafens verfangen und war, nachdem sich bei gerade mal vier Grad Wassertemperatur nur langsam die Fäulnisgase im Bauchraum gebildet hatten, Richtung Oberfläche getrieben. Erst dabei hatte vermutlich der Kopf des Toten Kontakt mit der Schiffschraube eines Außenbordmotors gehabt. Die restlichen um die Beine gewickelten Schlingpflanzen hatten die Leiche immer noch unter Wasser festgehalten. Erst als sich der Angelhaken des Fischers in ihrer Kleidung verfangen hatte und kräftig an der Angelschnur gezogen wurde, konnte der Tote im brackigen und trüben Wasser entdeckt werden.
Die Schiffsschraube hatte eine Identifizierung anhand eines Zahnschemas unmöglich gemacht. Darin lag das Problem. Ohne die Personalien des Toten waren weitere Ermittlungen äußerst schwierig.
*
Die Auswertung der Fingerabdrücke traf um 14 Uhr beim Landeskriminalamt in Hannover ein. Kriminaloberrat Helmut Kirner war nicht überrascht. Die Fingerabdrücke auf dem Kuvert der Briefbombe waren in den Dateien des BKA gespeichert. Sie gehörten Friederike van Deeren.
Das Dossier, das mögliche Motiv, der Umschlag und jetzt auch noch die Fingerprints, nun konnte er nicht mehr anders. Jetzt ließ es sich trotz des Feiertags nicht vermeiden, den Bereitschaftsstaatsanwalt ins Amt zu rufen, um einen Haftbefehl und eine Öffentlichkeitsfahndung zu erwirken. Der Tatvorwurf war eindeutig: Mordversuch in Tateinheit mit einem Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz. Kirners Erfahrung nach bedeutete das mindestens zehn Jahre Haft für die junge Frau.
Er legte das Fax auf seinen Schreibtisch und griff zum Telefon.
8
»Ihr seid wohl alle verrückt geworden!«, brüllte Rike den alten Mann an, der in seinem Schaukelstuhl saß und mit müden Augen zum Fenster starrte.
»Ich habe nur in die Luft geschossen«, entgegnete Corde. »Ich wollte niemanden verletzen. Aber hier draußen schleichen seit Tagen irgendwelche Kerle herum. Ich habe sie gesehen. Ich bin nicht verrückt.«
Rike dachte an ihren Zahnputzbecher und die Männer im dunklen BMW. Erschöpft fuhr sie sich mit der Hand über ihre nasse Stirn. So aufgelöst hatte sie Corde noch nie gesehen. Er war kein ängstlicher Mensch, sie kannte ihn als lebensfroh und fand ihn manchmal, zumindest auf See, auch waghalsig.
Corde hatte Rike erzählt, dass bei ihm eingebrochen worden war, dass die Täter alles durchwühlt hatten und nichts heil geblieben war.
»Ich glaube dir«, erwiderte sie. »Ich glaube, sie waren auch bei mir in der Wohnung.«
Corde blickte auf. »Sie suchen nach Larsen, stimmt’s? Was hat der Junge bloß angestellt? Du hast mich nie gesehen, hat er zu mir gesagt. Dann ist er verschwunden. Er blieb auf Langeoog. Dort, wo auch das Schiff festgemacht hatte.«
»Meinst du, das Schiff steht damit in Verbindung?«
Corde griff nach der Teetasse. »Es war nicht das erste Mal da draußen. Ich habe es auch schon im letzten Jahr vor der Küste gesehen. Es kreuzte im Roten Sand. Das sind Forscher. Schweden oder Dänen.«
»Forscher?«
Corde stellte die Tasse zurück auf den Tisch. »Das hat Larsen gesagt. Er hat Erkundigungen eingeholt. Aber frag ihn doch selbst. Der ist bestimmt bei diesem nichtsnutzigen Säufer auf der Insel.«
»Bei Töngen?« Rike überlegte. »Hat Larsen sonst noch etwas über das Schiff gesagt?«
Corde schüttelte den Kopf. »Wir legten im Hafen an und kurz darauf kam auch der rote Kutter hereingeschippert. Es sah nach Sturm aus. Dann ist Larsen verschwunden. Mitten in der Nacht kam er wieder und sagte so etwas Ähnliches wie: Er wäre da an einer großen Sache dran. Ich solle sagen, dass ich nichts von ihm weiß und ihn nicht gesehen habe. Er verlangte, dass ich sofort auslaufen sollte. Larsen blieb auf der Insel. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.« Corde ließ sich erschöpft in den Schaukelstuhl sinken. Er schien sichtlich bedrückt. »Ich glaube, er hat sich da in etwas hineingeritten.«
»Was heißt das? Hat er eine Andeutung gemacht?« Rike hätte platzen können vor Wut. »Jetzt erzähl mir schon alles!«
»Er sagte, er habe einige Briefe verschickt«, erwiderte Corde. »Es müsse endlich jemand handeln. Ich glaube, der Junge steckt in ernsten Schwierigkeiten und ist untergetaucht. Bestimmt weiß der Trunkenbold mehr darüber.«
Rike sog die Luft tief in ihre Lungen. Für einen Augenblick schwieg sie. »Was wurde eigentlich bei dem Einbruch gestohlen?«, fragte sie nach einer Weile.
»Das ist es ja gerade«, sagte Corde leise. »Es fehlt nichts.«
»Nicht einmal dein Videorecorder«, murmelte Rike nachdenklich und schaute auf den flachen, schwarzen Kasten, der unter dem Fernseher in der Phonobar stand.
Corde nickte.
*
Nachdem Martin Trevisan zusammen mit Johannes Hagemann die Pathologie verlassen hatte, saßen sie eine Weile schweigend nebeneinander im Wagen.
»Tut es sehr weh?«, fragte Johannes schließlich.
Trevisans Augen wurden feucht, als er nickte.
»Du weißt, du kannst immer zu mir kommen«, versicherte Johannes.
»Es ist komisch«, sagte Trevisan. »Es sind jetzt bald zwei Monate. Als sie damals auszog, nach all dem Gezanke und diesen ewigen Streitereien, da war ich eigentlich ganz froh, endlich Ruhe zu haben. Aber nach ein paar Tagen beginnt sie einem zu fehlen und man stürzt in ein tiefes Loch. Irgendetwas in einem sagt, hol sie wieder zurück, doch immer, wenn man miteinander redet, kommt alles wieder hoch, und so etwas wie Trotz stellt sich ein. Am meisten fehlt mir Paula.«
»Glaubst du, dass ihr wieder zusammenkommt, du und Grit?«
Trevisan schüttelte den Kopf.
»Und wann hast du deine Tochter das letzte Mal gesehen?«
Trevisan fuhr sich durch die Haare. »Ende November. Zweimal war ich bei ihr, dann war das mit meinem Vater und ich konnte nicht mehr. Kiel ist verdammt weit weg.«
»Lässt sie dich deine Tochter sehen?«
»Ja, aber du weißt doch, Bereitschaftsdienst am Wochenende und die Arbeit unter der Woche. Da ist nicht mehr drin als ein-, zweimal im Monat.«
»Wenn du zwischen den Jahren zu ihr willst, dann nimm dir ein paar Tage frei, ich werde es Beck erklären.«
Trevisan schaute Johannes Hagemann dankbar an. Den Rest des Weges fuhren sie schweigend zurück zur Dienststelle.
Dietmar Petermann saß hinter seinem Schreibtisch und telefonierte, als sie sein Büro betraten. Er hob den Arm zum Zeichen, dass er Ruhe brauchte. Trevisan und Hagemann warteten, bis er aufgelegt hatte.
»Die Kollegen in Würzburg waren schnell«, erzählte er. »Nachdem ich ihnen erklärte, dass wir den Büchereiausweis in einem Rucksack neben einem unbekannten Toten aus dem Hafen gefischt haben, haben die tatsächlich jemanden aufgetrieben, der an den Computer der Bibliothek kommt. Aber in Würzburg wohnt kein Peter Luksch. Na ja, zumindest haben wir seinen Namen.«
Trevisan verdrehte die Augen. »Den hatten wir schon, nachdem wir den Rucksack fanden. Gibt es sonst noch etwas?«
»Ich habe mich nicht abspeisen lassen und es hat sich gelohnt. Peter Luksch ist sechsundzwanzig Jahre alt und Student. Er studiert offenbar in Würzburg und wohnt außerhalb. Der Ort heißt Gerchsheim und liegt knapp zehn Kilometer von Würzburg entfernt. Das ist aber schon Baden-Württemberg.«
Trevisan riss der Geduldsfaden. »Wohnt er dort noch, ist er am Leben?« Seine Stimme war lauter geworden.
Dietmar griff nach seinem Notizblock. »Also, die Kollegen aus Würzburg haben die Kollegen aus Tauberbischofsheim benachrichtigt und von dort aus fuhr eine Streife an die Wohnadresse. Das ist ein Mehrfamilienhaus, aber Luksch stand nicht auf den Klingeln. Sie haben dann jemanden aus dem Haus gefragt. Von dort bekamen sie die Auskunft, dass mal bis zum Sommer ein junger Mann unter dem Dach wohnte, doch der ist ausgezogen.«
»Und das war Luksch?«, fragte Johannes Hagemann.
»Vermutlich.«
»Mensch Dietmar, bring mich nicht auf die Palme …«, warnte Trevisan.
»Mehr lässt sich heute nicht feststellen, die Ämter haben zu und die Hauseigentümer sind auf den Kanaren. Ich kann nichts dafür, dass die Baden-Württemberger keinen Zugriff auf die Datenbanken der Einwohnermeldeämter haben. Vom Alter her könnte es passen.«
Trevisan ließ sich auf den Stuhl fallen. »Nur vom Alter oder haben wir eine Beschreibung?«
»Oh, das habe ich vergessen zu fragen«, antwortete Dietmar Petermann kleinlaut.
»Dann wird’s Zeit!« Johannes Hagemann deutete auf das Telefon.
*
Gut zweihundert Kilometer entfernt saß zum gleichen Zeitpunkt Kriminaloberrat Kirner hinter seinem Schreibtisch und spielte geistesabwesend mit einem Bleistift. Seine Mitarbeiter wussten, dass Kirner die Kurzfassung, die reinen Fakten liebte. Er brauchte Zuträger, die funktionierten, sonst fanden sie sich schneller in einer anderen Abteilung, als ihnen lieb war. Die Bewertung ihrer Erkenntnisse war alleine seine Sache. Teamarbeit war nicht sein Metier. Er war der Kopf, der Denker, und genau deswegen saß er nachdenklich auf seinem Stuhl. Die Fahndung nach Friederike van Deeren war angelaufen. Da es in ihrer Akte einen vagen Hinweis auf einen Bekannten in Deventer gab, waren auch die holländischen Behörden informiert. Sie war die Hauptverdächtige, doch den Brief konnte sie nicht selbst überbracht haben. Das Flugzeug mit der Flugnummer AQ 4227 war erst um 15 Uhr in Frankfurt gelandet. Laut Passagierliste hatte sie sich an Bord dieser Maschine befunden.
Inzwischen waren weitere Informationen auf seinem Tisch gelandet. Demnach hatte Friederike van Deeren ab 17. November an einem Training in einem Greenpeace-Aktiv-Camp bei Bremen teilgenommen. Danach war sie drei Wochen in Australien gewesen, um auf der Arctic Sunrise, einem Greenpeace-Schiff, gegen japanische Walfänger zu protestieren. Zumindest hatte sie am 3. Dezember in Frankfurt nach Perth eingecheckt.
Dennoch konnte sie an dem Anschlag beteiligt gewesen sein. Zwei Namen waren in ihrem Strafregister unter der Rubrik Tatgenossen ständig aufgetaucht. Möglicherweise war sie Mitglied einer kleinen Aktivistenzelle, zu der auch Björn Larsen aus Wilhelmshaven und ein gewisser Uwe Töngen gehörten. Larsen schien, so hatten seine Mitarbeiter herausgefunden, untergetaucht zu sein – ein Indiz für seine Beteiligung oder Täterschaft? Uwe Töngen lebte auf Langeoog und hütete Schafe. Ihn würde er sich vornehmen, gleich morgen früh.
Die Ungereimtheiten in dem zunächst so scheinbar klaren Fall raubten ihm die Ruhe. Warum war der Brief an die Behörde und nicht zu Esser nach Hause geschickt worden, und warum ausgerechnet einen Tag vor Weihnachten, wo doch viele in Urlaub waren? Das Risiko eines Fehlschlages war viel zu groß gewesen. Oder hatte der Überbringer gewusst, dass Esser an diesem Tag aus dem Urlaub zurückkehren würde? Woher beziehungsweise von wem?
Kirner schaute auf die Uhr. Es war kurz vor vier. Wind war aufgekommen und verfing sich in den Zweigen der großen Tanne, die vor seinem Fenster als Weihnachtsbaum aufgestellt worden war. Einige der Glühbirnen in den Ästen leuchteten in das triste Grau der anbrechenden Dämmerung, doch die meisten waren längst der Nässe der vergangenen Tage zum Opfer gefallen. Kirner erhob sich und griff nach seinem Mantel.
*
Der dunkle BMW parkte am Ortsende von Greetsiel abseits auf einem Parkplatz. Ein Gebüsch versperrte die Sicht auf den Wagen. Die Männer darin hielten den Feldweg im Auge, der zum Haus des Alten führte.
Als Rike am frühen Morgen in Cordes Auto auf die Straße nach Norddeich einbog, fuhr sie ahnungslos am BMW vorüber. Einen Augenblick später setzte sich der Wagen in Bewegung.
9
Das Boot der Küstenwache wartete wie versprochen um 9 Uhr im Großen Hafen. Die Wasserschutzpolizisten stutzten, als Kirner alleine an Bord kam, doch er erklärte ihnen, dass es nur um eine Routinebefragung ginge und er deswegen keinem Kollegen den zweiten Weihnachtstag vermiesen wollte. Eine Viertelstunde später verließ das Boot den Hafen und fuhr mit halber Kraft den Jadebusen hinauf in Richtung Schillighörn.
Nach all den trüben Tagen schien es heute trocken und schön werden zu wollen. Kirner lehnte an der Reling und schaute in den wolkenlosen Himmel.
Die Kollegen in Aurich hatten ihm den Weg zu Töngens Gehöft beschrieben. Sie hätten auf Langeoog auch für seine Abholung gesorgt, aber als Kirner erfahren hatte, dass Töngens Anwesen kaum einen Kilometer vom Hafen entfernt war und ein Fußweg entlang den Schienen der Inselbahn direkt zu seinem Haus führte, hatte er das Angebot abgelehnt. Ein Fußmarsch nach all den Festtagsbraten würde nicht schaden.
Die Auricher hatten schon öfter mit Töngen zu tun gehabt. Er hatte so manche Nacht in ihrer Ausnüchterungszelle verbracht und wegen seines Rauschgiftkonsums vor kaum einem Vierteljahr seinen Bootsführerschein eingebüßt. Ansonsten schien der Mann eher zu den gemütlichen Typen zu gehören. Seit der Verurteilung war es ruhig um ihn geworden. Vielleicht auch deshalb, weil er wegen eines Rauschgiftvergehens eine Bewährungsstrafe erhalten hatte.
Doch Kirner interessierte sich nur für Friederike van Deeren und Björn Larsen. Er war nach dem Aktenstudium und reiflicher Überlegung zu dem Schluss gelangt, dass Larsen hinter dem Briefbombenanschlag stecken musste. Vielleicht hatte seine Freundin noch nicht einmal davon gewusst.
Als der kleine Kreuzer im Hafen von Langeoog festmachte, vereinbarte Kirner mit dem Kapitän, dass er in drei Stunden wieder abgeholt werden sollte. Dann machte er sich auf den Weg zu dem Anwesen. Der Feldweg entpuppte sich als morastiger Trampelpfad, doch Kirner war gut gerüstet. Das Wandern war eine seiner liebsten Freizeitbeschäftigungen. Er brauchte gerade mal eine halbe Stunde, bis er das einsame Gehöft westlich des Dorfes erreichte. Das Gebäude erschien verwahrlost. Der Lattenzaun davor wies etliche Lücken auf, und der windschiefe Stall links neben dem Hauptgebäude verstärkte den Eindruck, dass Töngen sich wenig um sein Hab und Gut kümmerte. Das braune Gras wucherte im Hof. In der Ferne hörte Kirner das Blöken einiger Schafe, die trotz der Kälte im Freien standen.
Eine Klingel suchte Kirner an der altersschwachen Haustür vergebens, also klopfte er mit der Faust dagegen. Er lauschte, doch außer dem leisen Rauschen des Windes in den dürren Ästen der Pappeln direkt neben dem Haus war nichts zu hören. Noch einmal klopfte Kirner. Er wartete vergeblich. Niemand schien zu Hause zu sein.
Plötzlich sah er eine Bewegung abseits der Scheune. Ein Mann stand neben dem Stall. Das trockene Hämmern von Metall auf Holz drang zu Kirner herüber. Der Mann trug einen langen, olivgrünen Parka, eine blaue Arbeitshose und schwarze Gummistiefel. Seine langen verfilzten Haare schwangen im Rhythmus der Schläge durch die Luft.
»Töngen?«, rief ihm Kirner zu.
Der Schlag des Mannes erfror in der Luft. Er hob den Kopf und blickte den Fremden, der auf ihn zukam, misstrauisch an. »Und wer will das wissen?«
Kirner zeigte seinen Dienstausweis.
»Was ist nun wieder los, wollt ihr noch mal mein Haus durchsuchen?«
Kirner schüttelte den Kopf. »Friederike van Deeren. Wissen Sie, wo ich sie finden kann?«
Argwöhnisch beäugte Töngen den Kriminalbeamten. »Rike? Hab ich schon lange nicht mehr gesehen.«
»Und Larsen?«
»Den auch nicht.«
Kirner lächelte. »Erzählen Sie mir von Friederike.«
»Was soll ich da erzählen«, erwiderte Töngen. »Rike ist anständig. Die tut niemandem was. Was wollt ihr von ihr?«
»War Rike denn nicht auf großer Fahrt?«
»Weiß nichts davon.« Töngen erhob den Hammer und schlug weiter auf den dicken Pfahl ein.
»Sie sind derzeit auf Bewährung?«, rief ihm Kirner zu.
Töngen ließ den Hammer sinken. »Was hat das mit Rike zu tun?«
»Ich kann Sie auch vorladen«, versuchte Kirner Töngens Auskunftsfreudigkeit zu erhöhen. »Also noch einmal: War Rike in letzter Zeit im Ausland?«
Töngen legte seinen Hammer zur Seite und setzte sich auf die Holzbank vor der Scheune. Er kramte seinen Tabak aus der Tasche. Gelassen drehte er sich eine Zigarette. »Hören Sie«, sagte Töngen und fuhr mit der Zunge über den Klebestreifen des Zigarettenpapiers. »Ich habe Bewährung, das ist richtig. Ich habe nichts mehr mit diesen Dingen zu tun. Ich rauche ab und zu ein bisschen Shit, das ist alles. Also spielen wir mit offenen Karten, ich habe nämlich keine Lust mehr auf Ärger.«
Kirner setzte sich neben ihn auf die Bank. »Ich bin vom Landeskriminalamt. Ich ermittle in einem Mordversuch und ich glaube, dass Rike in die Sache verwickelt ist, ohne dass sie etwas dafür kann. Es ist besser, wenn ich mit ihr spreche. Das fällt nicht mehr unter ›grober Unfug‹, so was gibt zehn Jahre und mehr.«
»Ein Bulle, der helfen will«, antwortete Töngen sarkastisch.
Kirner entschloss sich, ihm die ganze Geschichte zu erzählen.
»Vor drei Tagen wurde auf den stellvertretenden Bezirksdirektor Esser ein Briefbombenanschlag verübt. Das Kuvert war beschädigt, deshalb konnte der Anschlag vereitelt werden. Unsere Spurensicherung hat Fingerabdrücke entdeckt. Sie gehören Friederike van Deeren. Außerdem hatte sie ein paar Wochen zuvor ein Dossier an Esser geschickt und die gleiche Art Kuvert verwendet. Würden Sie ihr so was zutrauen?«
Töngen schaute Kirner entgeistert an. »Das ist absoluter Blödsinn. Rike lehnt jede Form von Gewalt ab.«
»So, tut sie das? Vor knapp einem Jahr hat sie einem Kollegen von mir das Nasenbein gebrochen.«
Töngen lächelte. »Sie weiß sich zu wehren und der Bulle hat sie angegrabscht.«
»Und was ist mit dem Brandanschlag auf das Baggerschiff?«
»Sie liebt diese Küste und würde alles dafür tun. Aber Rike würde niemals Menschenleben aufs Spiel setzen.«
»Und Larsen?«
Töngen zog an seiner Zigarette und blies den blauen Rauch in die Luft. »Larsen und Rike waren zusammen«, murmelte er und schnippte die Zigarettenkippe ins Gras. »Aber sie hatten Zoff. Vor Wochen schon. Seitdem habe ich weder von ihm noch von Rike was gehört.«
»Wann haben Sie Rike das letzte Mal gesehen?«
Töngen überlegte. »Das ist mindestens zwei Monate her. Ich hörte nur, sie wäre in irgend so einem Greenpeace-Camp.«
»Von wem haben Sie das gehört?«
Töngen schien um die Antwort verlegen.
»Von Larsen?«, nahm ihm Kirner die Last von der Seele.
Töngen nickte. »Das war vor einem Monat. Er kam mitten in der Nacht zu mir. Er sagte etwas von einem Schiff, dem er draußen begegnet ist.« Töngen wies mit dem Kopf in Richtung Meer. »Er sagte, dass die da draußen was suchen.«
Kirner runzelte die Stirn. »Ein Schiff? Was suchen die denn?«
Töngen druckste unschlüssig herum. »Na ja, er sagte mir nur, dass er an einer großen Sache dran ist.« Er gab sich einen Ruck. »Ich glaube, es ging um Gift.«
»Giftmüll?«
Töngen schüttelte den Kopf. »Shit, Koks, Drugs, Pills oder ›H‹. Rauschgift. Wäre möglich.«
»Wollte Larsen in das Geschäft einsteigen?«, fragte Kirner. Der Fall schien eine andere Wendung zu nehmen als erwartet.
»Larsen ist ein Smoker«, erwiderte Töngen, der sich nicht wohl in seiner Haut fühlte. »Er raucht ab und zu eine, so wie ich. Aber er ist kein Dealer. Überhaupt nicht der Typ dafür.«
»Dann schon eher eine Briefbombe, was?«
Töngen erhob sich. »Ich weiß nichts von Larsen. Wir haben früher mal zusammen für eine bessere Umwelt gekämpft und sind für unsere Überzeugungen eingetreten, auch wenn es aussichtslos schien. Mehr nicht. Ich habe ihn seit einem Monat nicht gesehen. Schäfer ist ein Full-Time-Job. Ich bin raus aus der Szene und ich vermisse niemanden. Und jetzt muss ich wieder an die Arbeit.« Töngen nahm seinen Hammer und ging wieder hinüber zu dem Pfahl, der noch immer weit aus dem Boden ragte.
»Eine letzte Sache noch.« Kirner legte eine Visitenkarte auf die Bank. »Wenn Larsen oder Friederike van Deeren auftauchen, dann rufen Sie mich an.«
»Ich habe kein Telefon«, erwiderte Töngen.
»Dann sagen Sie ihnen, dass sie sich bei mir melden sollen, bevor alles nur noch schlimmer wird. Ein Mordanschlag ist eine böse Sache.«
Kirner wusste, dass Töngen die beiden informieren würde, aber auf einen Anruf von Larsen würde er wohl umsonst warten. Für ihn war die Sache klar: Larsen steckte hinter dem Briefbombenattentat. Trotzdem musste er die Fahndung nach Friederike van Deeren aufrechterhalten, und die Untersuchungshaft würde ihr wohl auch nicht erspart bleiben.
Auf die Sache mit dem Schiff, von der Töngen geredet hatte, konnte Kirner sich keinen Reim machen. Den Gedanken, den Schäfer überwachen zu lassen, verwarf er. Er glaubte dem Mann. Vielleicht, aber auch nur, weil es in dieser Jahreshälfte nicht ganz so einfach war, hinaus auf die Inseln zu kommen.
Er hielt inne und schaute sich um. Der Hafen war in Sicht und das Wasser glitzerte im Sonnenlicht. Eine Frage hatte sich aus seinen Überlegungen ergeben, die ihn nicht mehr losließ. Er schaute auf die Uhr, es war fast eins. Sollte er noch einmal umdrehen und zurück zu Töngen gehen?
Ein schrilles Pfeifen riss ihn aus seinen Gedanken. Eine rot lackierte Lok mit drei kleinen Waggons fuhr in Richtung Dorf an ihm vorbei. Er wunderte sich darüber, doch dann erblickte er im Hafen die kleine Fähre, die abgelegt hatte und sich langsam in Richtung des Hafentors schob.
Damit war seine Frage schon beantwortet.
*
Rike hatte Cordes Wagen auf dem großen Parkplatz vor dem Bahnhof abgestellt und in dem Glasgebäude gewartet, bis ein Bediensteter der Fährgesellschaft erschien. Von ihm erfuhr sie, dass die Versorgungsfähre für Langeoog um die Mittagszeit auslaufen würde. Sie setzte sich auf eine Bank und freute sich über die Sonne, deren Strahlen durch das Glas verstärkt ihren Rücken wärmten. Nach einer Weile war ein verliebtes Pärchen in winterfester Kleidung und mit Rucksack erschienen. Kurz darauf betraten eine Frau und vier Jugendliche das Gebäude. Es gab auch im Winter Passagiere, die eine Überfahrt auf eine der Inseln buchten. Urlauber, Familienangehörige oder auch nur Besucher der Insulaner. Als es schließlich Mittag wurde, hatten sich drei weitere Fahrgäste eingefunden, ein alter Mann und zwei Frauen. Eine davon trug Nonnentracht.
Rike genoss den Tag. Der blaue, wolkenlose Himmel erhellte ihre Stimmung. Trotzdem blickte sie sich ab und zu um und suchte mit wachem Blick den Parkplatz ab. Der dunkle BMW ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.
Schließlich ertönte eine grelle Glocke und eine Frauenstimme forderte die Passagiere für Langeoog auf, die Fähre über den Landungssteg 2 aufzusuchen. Rike reihte sich in die Personengruppe ein. Noch einmal schaute sie sich suchend um. Plötzlich lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Auf der Fähre stand ein Mann an der Reling, ein muskelbepackter Kerl mit Brille. Es war der Mann aus dem BMW, der mitten in der Nacht an ihrer Tür gewesen war. Rike überlegte fieberhaft, was sie tun konnte. Die Menschen gingen an ihr vorbei und strebten auf den gläsernen Steg zu. Sollte sie umkehren?
Wenn der Kerl schon an Bord war, wusste er auch, welche Insel sie ansteuerte. Die Fähren nach Norderney und Baltrum waren längst abgefahren, sie konnte nur nach Langeoog wollen. Aber wusste der Kerl auch von Töngen? Aus den Augenwinkeln musterte sie den Mann. Er hatte eine auffallend bleiche Haut und wirkte ein wenig einfältig, daran änderte auch die viel zu protzige Brille nichts. Er verbarg seine Hände in den Taschen seiner Jacke. Wahrscheinlich steckte darunter sogar eine Waffe.
Zögernd ging Rike an Bord, immer darauf bedacht, dem Fremden keinen allzu auffälligen Blick zu schenken. Offenbar war der Mann sich sicher, dass ihn Rike nicht erkennen würde, denn er blieb direkt neben dem Zugang stehen. Ein lautes Hupen zerriss die Stille. Rike fuhr zusammen. Das Zeichen zum Ablegen. Noch bevor die Landungsbrücke zurückgezogen worden war, kam ein weiterer Passagier an Bord. Ein Mann um die vierzig, groß und mit einem dunklen Kinnbart. Er ging an ihr vorüber und nickte ihr dabei freundlich zu.
Rike wartete noch eine Weile, bevor sie unter Deck ging und inmitten der Sitzbänke einen Platz belegte. Der Mann mit der Brille folgte ihr und setzte sich am Eingang auf eine Holzbank. Einen Augenblick später erschien der Bärtige und ging wortlos an dem Mann mit der Brille vorbei, um sich am anderen Ende auf eine Bank zu setzen. Rike atmete auf. Sie hatte schon befürchtet, die beiden Männer gehörten zusammen.
*
Martin Trevisan stand unter der Dusche, als das Telefon klingelte. Der auf- und abschwellende Ton wollte kein Ende nehmen. Anscheinend war der Anruf dringend. Also drehte er den Wasserhahn zu, trocknete sich notdürftig mit einem Handtuch ab, griff zum Bademantel und spurtete in den Flur. »Trevisan«, krächzte er in den Hörer.
»Hier auch«, vernahm er Grits Stimme. »Du kommst heute wohl gar nicht aus den Federn. Na ja, jetzt bist du zumindest wach.«
»Ich stand unter der Dusche«, antwortete Trevisan entschuldigend, »ich muss noch ins Büro.«
»Das ist typisch. Du und dein Büro. Heute ist Weihnachten.«
Trevisan zerbiss einen Fluch. »Was willst du?«, fragte er verschnupft.
»Paula kommt am Sonntag zu dir«, entgegnete Grit. »Dörte wird sie bringen. Ich muss nach Stockholm und komme erst am 2. Januar zurück. Hol sie um 16.03 Uhr am Bahnhof ab. Sei pünktlich! Dörte muss den Anschlusszug nach Hannover kriegen.«
Trevisan war perplex. »Was ist?!«
»Ich habe einen Job bei der Scan-Line in Aussicht und muss mich dort vorstellen«, antwortete Grit. »Sei froh, dass ich arbeiten gehe. Sonst hättest du noch weniger im Geldbeutel.«
Trevisan trat ans Fenster. Sonnenstrahlen fingen sich im matten Lack des alterschwachen Opel Corsa. Den BMW hatte Grit mitgenommen. Als Ausgleichszahlung und dafür, dass er das Haus behalten konnte, hatte sie gesagt.
»Wie stellst du dir das vor?«, erwiderte Trevisan. »Ich habe einen Job und wir sind mitten in einem Mordfall.«
»Ihr seid immer mitten in irgendwas. Tante Klara ist doch auch noch da. Du bist schließlich Paulas Vater.«
»Aber ich …«
»Immer dieses Hin und Her mit dir«, schnauzte Grit. »Ich bin es leid. Es ist so, wie es ist. Kümmere dich um sie. Ich muss dringend weg.«
Trevisan überlegte. Mit Tante Klaras Hilfe, die ein Haus weiter wohnte, könnte es klappen. Paula war schon früher oft bei ihr und Onkel Hans zu Gast gewesen. »Gut, wann soll ich sie abholen?«
»Schreib es dir auf, sonst vergisst du es wieder, so wie du oft die Sachen vergisst, wenn es um die Familie geht.«
Trevisan riss sich zusammen und unterdrückte seine Wut. »Wie geht es euch?«, fragte er, um die Spannung aus dem Gespräch zu nehmen. Ein Fehler – Grit durchschaute sein Ablenkungsmanöver.
»Wie es uns geht?«, antwortete sie schnippisch. »Das hat dich doch noch nie interessiert. Aber ich kann dich beruhigen, deiner Tochter geht es gut. Und noch etwas: In den nächsten Tagen erhältst du Post von meinem Anwalt. Ich rate dir, ebenfalls schnell einen zu suchen. Ich will es endlich hinter mir haben, verstehst du?«
»Kann ich mit Paula reden?«, fragte Trevisan.
»Du hast bald genug Gelegenheit, mit ihr zu sprechen«, erhielt er zur Antwort. Dann beendete Grit das Gespräch.
Trevisan stand noch einen Augenblick mit dem Telefonhörer am Ohr tropfend und frierend im Flur. Dann legte er den Apparat auf den kleinen Tisch. Ein Kapitel seines Lebens neigte sich dem Ende zu. Seine Augen füllten sich mit Tränen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.