Kitabı oku: «Kalteiche»

Yazı tipi:

Ulrich Hefner

Kalteiche

Kriminalroman


Zum Autor

Ulrich Hefner wurde 1961 in Bad Mergentheim geboren. Er wohnt in Lauda-Königshofen, ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Hefner arbeitet als Polizeibeamter und ist freier Autor und Journalist. Er ist Mitglied in der IGdA (Interessengemeinschaft deutschsprachiger Autoren), im DPV (Deutschen Presseverband) und im Syndikat. Weiterhin ist er Gründungsmitglied der Polizei-Poeten. Die Polizei-Poeten veröffentlichten inzwischen vier Bücher, die nicht nur in Polizistenkreisen auf großes Interesse stießen. Neben der Krimiserie um den Ermittler Martin Trevisan, die inzwischen aus sechs Bänden besteht, sind inzwischen auch drei Thriller erschienen, die bereits in mehrere Sprachen übersetzt wurden. www.ulrichhefner.de und www.autorengilde.de.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

(Originalausgabe erschienen 2017 im Leda-Verlag)

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © Studio32/stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6442-3

Widmung

für Robby, wir denken an dich

Gedicht

… es gibt einen Ort, an dem das Grauen lebt,

wo es dich umgibt und festhält,

jede Stunde, jeden Tag, Jahr um Jahr,

umklammert mit eisernen Krallen,

um dich nie wieder loszulassen,

wo es dich gefangen hält

und dich ganz langsam auffrisst,

und nur du weißt, wo dieser Ort ist …

Prolog
Im November 1983

Der Waldboden war mit einer dünnen Schicht aus Reif überzogen und das welke Laub knirschte bei jedem Tritt unter ihren Füßen. Dabei wollten sie still sein, still und unsichtbar. Sie waren dem Ort des Grauens entkommen, aber in Sicherheit waren sie längst noch nicht.

Die Nacht war kalt gewesen und der Morgentau auf den dünnen Scheiben der Scheune gefroren. Nebelschwaden zogen über die Wiesen und umgarnten die dichten Tannen, bevor sie in der Finsternis des Gehölzes verschwanden. Er zog sie an der Hand hinter sich her. Es sollte keine Spuren geben, niemand durfte etwas bemerken, niemand sollte es wissen, bevor die Dämmerung im Licht des tristen Tages versank. Ihr Weg war weit und führte an den blattlosen Buchen vorbei, nach Süden, dort, wo die Grenze lag.

Noch bevor sie der Wald verschluckte, drang das laute und bedrohliche Gebell eines Hundes zu ihnen herüber. Sie begannen zu rennen, hetzten über den ausgetretenen Pfad, sprangen über vertrocknete Äste und hasteten die Böschung hinauf. Sie stürzte, doch er half ihr wieder auf, zog sie mit sich, mit aller Kraft und dem Mut der Verzweiflung. Ihre Füße schmerzten und ihre Herzen pochten ihnen bis zum Hals, doch sie gaben nicht auf, ein einziger Gedanke war in ihren Köpfen und er verlieh ihnen Kraft: Entkommen!

Der Wald wurde dichter und sie verließen den Pfad, hasteten über den gefrorenen Waldboden, schlugen sich in die Büsche und rissen sich blutige Wunden an den Dornen. Mit jedem Schritt entfernten sie sich weiter von diesem furchtbaren Ort, sie waren am Rande ihrer Kräfte, ihr Brustkorb bebte und das Blut rauschte in den Ohren.

Sie liefen eine Anhöhe hinauf und als sie erneut stürzte, beugte er sich zu ihr herab. Sie versuchte ein Lächeln, das ihr misslang. Er fasste sie an der Hand und half ihr auf, bevor sie ihre Flucht fortsetzten und den Hügel erklommen. Er wusste nicht mehr, ob die Richtung stimmte, er wusste nicht mehr, wohin er sich wenden musste. Sie waren umringt von riesigen Bäumen, einem Ring, aus dem es kein Entrinnen gab. Sein Atem ging stoßweise und ein kalter Schweißfilm lag auf seiner Haut, doch jetzt war nicht die Zeit zum Rasten, sie musste weiter, das Gebell des Hundes wurde lauter. Er zog sie mit sich und sie liefen auf der gegenüberliegenden Seite den Hügel hinab, wo sie auf einen Weg stießen. Kurz blieb er stehen, um sich zu orientieren, doch der wolkenverhangene Himmel versteckte die Sonne hinter einem düsteren Gebirge aus Aerosolen und Eiskristallen, fast so, als hätte sogar der Himmel sich gegen sie verschworen.

Er wandte sich nach links, denn dort hatte er das Gefühl, sich weiter zu entfernen, Abstand zu gewinnen. Sie folgten dem Weg, der sie zu einer Lichtung führte, wo sie kurz verharrten, bevor sie erneut im Dämmerlicht des jungen Tages in den finsteren und dichten Wald eintauchten, unsichtbar für ihre Häscher, die ihnen folgten und die längst schon die Spur aufgenommen hatten. Erneut bellte ein Hund, diesmal näher als zuvor. Aus ihren schnellen Schritten wurde eine Hatz, eine erbarmungslose Jagd, und ihre Angst trieb sie voran.

Der Weg schlängelte sich durch wildes Dickicht, führte sie an einer vertrockneten Wiese vorbei, bevor er erneut steil anstieg. Sie konnte nicht mehr, sie taumelte, doch er umklammerte ihr Handgelenk und zog sie mit sich. Als sie den Hügel erklommen hatten, lag ein tiefer Abgrund vor ihnen. Sie verharrten, suchend blickte er sich um, flehentlich suchte er nach einer Möglichkeit, diesen Abgrund zu überwinden, während sie entkräftet zu Boden sank. Ihr Brustkorb bebte.

Er wies auf den Abhang, der steil in die Tiefe führte. Noch bevor er ihr die Stelle zeigen konnte, wo der Abstieg möglich war, schoss wie aus dem Nichts ein großes, schwarzes Ungeheuer auf sie zu, drohend fletschte es die Zähne. Er wusste nicht, was er tun sollte.

»Geh!«, flüsterte sie atemlos. »Hau ab!«

»Aber …«

»Verschwinde, sie schlagen dich sonst tot, wenn sie dich erwischen!«

Er zögerte, doch als das laute Rufen ihrer Verfolger durch den Wald drang, machte er auf dem Absatz kehrt und lief auf den Abhang zu. Dorthin, wo es einen kleinen Felsvorsprung gab. Eilends kletterte er hinab. Der Hund verfolgte ihn und blieb bellend und knurrend am Abhang stehen. Er fasste nach einem Strauch, der ihm Halt bieten sollte, doch sein Griff ging ins Leere, vergeblich versuchte er sich festzuklammern, ehe ihn in die Tiefe verschlang.

*

Stille umgab ihn, als er erwachte, Stille und Finsternis. Sein Kopf, seine Glieder, seine Arme, seine Beine, alles war nur noch ein einziger bohrender und pochender Schmerz. Ein Kauz schrie durch die Nacht und als er sich aufzurichten versuchte, sank er kraftlos zurück. Er seufzte. Er hörte ein Rascheln in seiner Nähe, als ob ein kleines Tier unter welken Blättern verschwand. Es war kalt, doch er spürte nur die Hitze des Schmerzes. Er griff an seine Stirn und eine warme, klebrige Flüssigkeit blieb an seinen Fingern haften. Erneut versuchte er sich aufzurichten, ihm wurde schwindelig, erneut sank er zurück. Er versuchte zu verstehen, was geschehen war, doch seine Gedanken waren wie Wasserfarbe in einem gefüllten Becher, sie verschwammen, vermengten sich, ehe sie sich verdunkelten und zu einer trüben, undurchdringlichen Melange wurden.

Irgendwie schaffte er es dann doch, sich zu erheben. Mit zitternden Beinen stolperte er voran. In der Dunkelheit konnte er kaum die Hände vor den Augen sehen, immer wieder sank er auf die Knie, doch ein unbändiger Wille brachte ihn dazu, sich wieder aufzuraffen und weiterzugehen. Er nahm Gerüche wahr, die ihm ebenso vertraut wie fremd erschienen. Die Kälte der Nacht machte ihm nichts aus, er spürte sie nicht einmal. Etwas trieb ihn voran und er kramte in dieser dunklen Melange aus Erinnerung und Gedanken, doch alles blieb verschwommen, konturlos, nur ab und zu, wie durch eine Nebelwand, formte sich ein Gesicht, das ihn mit flehendem Blick anstarrte. Er versuchte es zu fassen, doch immer wieder löste es sich auf, waberte mit dem Nebel davon.

Erneut ging er zu Boden. Für einen Moment blieb er liegen, seine Hände krallten sich in den weichen Boden. Er schloss die Augen und als er sie wieder öffnete, erfasste ihn gleißende Helligkeit. Er blinzelte, denn das Licht schmerzte in seinen Augen, als es ihn wie ein Kokon umschloss. Er nahm all seine Kraft zusammen und richtete sich auf. Auf unsicheren Beinen stolperte er voran, er wankte, doch das Licht verfolgte ihn auf Schritt und Tritt.

»Stj, policii!«

Die dunkle Stimme klang kalt und gefährlich. Er verharrte, ehe er auf seine Knie fiel und das Licht um ihn erlosch. Er fühlte nur noch Schmerz, bevor er die Besinnung verlor.

1

… dreiunddreißig Jahre später …

Sie wurde am frühen Morgen wach, als es im Haus laut polterte. Dann folgte ein Schrei, wie sie ihn noch nie gehört hatte, so grell und laut, so durchdringend und bedrohlich, so angsterfüllt und panisch, etwas Schreckliches musste geschehen sein. Es war der Schrei einer Frau, der im Schmerz verstummte.

»Mama?«, stammelte sie und sprang aus dem Bett. Barfuß und nur mit einem Nachthemd bekleidet rannte sie durch das kleine Zimmer unter dem Dach, riss die Tür auf und hetzte zur Treppe. Abermals polterte es. Sie hatte kaum drei Stufen hinter sich gebracht, als sie wie vom Donner gerührt stehen blieb. Unterhalb der Treppe vor dem kleinen Verschlag, in dem Vorräte und Werkzeuge aufbewahrt wurden, lag jemand verkrümmt auf dem Rücken. Zuerst sah sie nur die Füße, die in gestrickten braunen Wollsocken steckten. Angsterfüllt ging sie Stufe für Stufe weiter, und aus den Füßen und Beinen wurde ein Körper. Die alte, zerschlissene und schmutzig braune Strickjacke, die schwieligen Hände, vom Schmerz verkrümmt, die ergrauten Haare und der tiefe rote Fleck, der sich am Kopf ausgebreitet hatte und mit dem Teppich verschwamm. Wie in Trance überwand sie die letzten Stufen, bis sie schreckensstarr stehen blieb, die Hände vor Entsetzen an die Wangen gepresst.

»Vater …«

Es war eine Feststellung, keine Frage, ihr Vater lag regungslos an der Treppe und eine Blutlache breitete sich neben seinem Kopf aus.

»Mama … Mama, wo bist du?«, rief sie durch den Flur. Erneut hörte sie ein Poltern, bevor ihr der Tod in der offenstehenden Tür zum Schlafzimmer erschien.

Schwarz gekleidet war er und schwarz war auch sein Gesicht, und es glänzte im Licht. In der Hand hielt er etwas, das bedrohlich blitzte. Sie stieß einen spitzen Schrei aus und rannte durch den Flur zum Badezimmer. Kurz bevor sie es erreicht hatte, wandte sie sich noch einmal um und sah, dass der Tod ihr folgte. Sie schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel herum. Ein kleines Fenster über der Toilette führte nach draußen, doch noch bevor sie den Griff umfasst hatte, rüttelte es an der Tür. Tränen liefen ihr über die Wangen und trübten ihren Blick, doch sie wusste, dass dieses Fenster die einzige Chance zur Flucht war. Der Griff ging schwer, doch es gelang ihr, das Fenster zu öffnen. Aus dem Rütteln an der Tür wurde ein Poltern, dann folgte ein lauter Schlag. Das Holz splitterte. Sie sprang auf den Toilettensitz und schob ihren Oberkörper hinaus. Das Fenster war eng, maß kaum einen halben Meter, doch sie war schlank und auch auf die Gefahr hin, dass sie kopfüber auf die Pflastersteine im Hof stürzte, sie musste aus diesem Haus fliehen. Als es hinter ihr wieder krachte, stieß sie sich mit einem Schwung ab. Noch bevor ihre Hüften über die Zarge geglitten waren, flog die Tür auf und der schwarze Tod sprang in den Raum. Er ergriff ihre Beine und zog sie zurück. Sie zappelte und keilte aus wie ein Wildpferd, doch es nutzte nichts, der Tod war viel kräftiger als sie. Er zog sie zurück in den Raum und sie stürzte neben der Toilette zu Boden.

Sie drehte sich um und rutschte in die Ecke neben dem Waschbecken, wo die Wand ihre sinnlose Flucht beendete. Zitternd starrte sie auf die schwarze Gestalt, die vor ihr stand und sie beobachtete, wie sie über den Boden robbte.

»Nein … nein!«, schrie sie, als sie aufblickte. Regungslos stand er über ihr. Sie sah die weit geöffneten Augen, die durch zwei Schlitze der Maske auf sie herabblickten. Der leibhaftige Tod war über sie gekommen und reckte seine Arme in die Höhe. Ein Beil lag in seinen Händen.

»Nein, um Gottes willen, nicht …«

Das Beil sauste herab und ihr Kopf explodierte im grellen Schmerz. Ein erstickter Seufzer kam über ihre Lippen, als sie der zweite Hieb traf und ihr Blut gegen den Vorhang der Dusche spritzte.

*

Er saß auf einem Steinhaufen in der Nähe der Brücke und sog die Sonnenstrahlen des kalten Frühlingstages in sich auf. Die Luft war kalt, doch der heftige Wind, der in der Nacht von der See über die Küste gefegt hatte, war einer leichten Brise gewichen, die aus Westen über das Land wehte. Die salzige Luft tat gut, denn in seinem Kopf rauschte das Blut und ein heftiger Schmerz pochte in seinen Schläfen.

Er hatte es sich schwieriger vorgestellt, er hatte gedacht, dass er bis zum Äußersten seiner Kräfte gehen musste, doch nur in seinem Kopf breitete sich langsam das Gefühl der Erschöpfung aus. Auf der anderen Seite des Sees fuhr ein Traktor vorbei, doch es störte ihn nicht. Es war vollbracht. Eine lange Suche hatte endlich ihr Ende gefunden. Von seinem Ziel war er allerdings noch weit entfernt. Manchmal ist es, dachte er, als läge noch immer dieser Nebel über dem Land, als wäre noch immer die Wahrheit unter dieser wabernden und milchigen Schicht verborgen, und der Schmerz bohrte sich wie ein Stachel in seinen Kopf. Er hatte gehofft, dass sich der Schmerz legte, doch mit jedem Tag war er stärker geworden und auch jetzt, so kurz nach dieser Befreiung, verschwand er nicht einfach, sondern blieb noch immer dumpf zu spüren.

Zärtlich streichelte er über die goldene Kette mit dem Kreuz als Anhänger, dies war alles, was aus seinem früheren Leben übrig geblieben war. Seit über dreißig Jahren war diese Kette sein einziger Begleiter und er trug sie immer bei sich. Nicht um den Hals, nicht sichtbar, denn von Gott hielt er nicht viel. Gott war nie an seiner Seite gewesen, hatte sich nie um ihn gekümmert, ganz im Gegenteil, Gott hatte ihn einfach vergessen und in seinem Elend zurückgelassen.

Er fuhr sich über seine Handgelenke. Wenn er daran dachte, dann schmerzten noch immer die Fesseln, mit dem sie ihn an das Bett gekettet hatten, damals in diesem grauen, tristen und fensterlosen Zimmer in Zatec, dorthin würde er nie wieder zurückkehren.

Sie fehlte ihm, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde. Er erinnerte sich an ihr Lachen, das er viel zu selten gehört hatte, an ihre Worte, die im Wind verklungen waren, manchmal sogar an ihren Geruch, der für ihn immer ein kleines Stück Geborgenheit in all dem Schrecken der vergangenen Zeit bedeutet hatte. An die Eltern erinnerte er sich nur dunkel. Zweimal war er inzwischen an ihrem Grab gewesen und hatte seinen Frieden mit ihnen gemacht. Er hatte nie verstanden, warum sie weggegangen waren und ihre Kinder einfach ihrem Schicksal überließen, dennoch hatte er Blumen an die Stelle gelegt, an der ein schmuckloser grauer Stein ihre Namen trug. Blumen, die kein Verzeihen bedeuteten, denn es gab nichts zu verzeihen.

Er steckte das Kettchen in die Hosentasche und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Es war Zeit, niemand durfte ihn hier sehen. Er erhob sich und klopfte seine Hose ab, dann ging er zurück zur Straße, schwang sich auf das Fahrrad und fuhr über die menschenleeren Wege davon. Die Sonne schien ihm ins Gesicht und der Fahrtwind kühlte seine Wangen.

*

»Guten Morgen, ich bin Martin Trevisan, ich bin wieder hier.«

Die junge Frau mit den langen blonden, zum Zopf gebundenen Haaren und dem blassen Gesicht, die hinter dem Schreibtisch saß, hieß Thorke Oselich und war seine neue Chefin. Natürlich hatte sich Trevisan vor seiner Bewerbung über die Dienststellenleiterin in Wilhelmshaven informiert. Sie war Ende dreißig und direkt nach ihrem Abitur zur Polizei gegangen. Die Polizeischule hatte sie als Klassenbeste absolviert und nach einem Jahr im Streifendienst war sie zur Ausbildungsabteilung nach Nienburg gewechselt, bevor sie drei Jahre später ihre Ausbildung für den höheren Polizeidienst begann. Anschließend hatte sie im Führungsstab der Polizeidirektion Lüneburg gearbeitet, in Osnabrück und bei der Polizeiakademie, bevor sie vor zwei Jahren die Dienststelle in Wilhelmshaven übernommen hatte. Ihre Karriere war makellos und sie war beinahe alle drei Jahre befördert worden. Doch von echter Polizeiarbeit auf der Straße stand nicht besonders viel in ihrer Vita.

Thorke Oselich war jung, viel zu jung eigentlich, um bereits Chefin dieser Inspektion zu sein, aber diese Reform hatte viel durcheinandergewirbelt. Beck war längst in Pension und auch die ehemalige Direktorin Schulte-Westerbeck gab es nicht mehr. Es gab ein neues Dienstgebäude, in dem es immer noch nach frischer Farbe roch, neue Kolleginnen und Kollegen, die er erst einmal kennenlernen musste, und neue Zuständigkeiten, denn von dem ehemaligen Fachkommissariat war nur noch eine Außenstelle geblieben. Kleinschmidt, mit dem er sich vorgestern ein paar Minuten unterhalten hatte und der seit einem halben Jahr in Pension war, hatte ihn gewarnt. Alles war schlechter geworden. Zu wenig Personal, ein Riesenbezirk, den man zu betreuen hatte, und Vorgesetzte, die Polizeiarbeit auf der Straße nur noch vom Hörensagen kannten und sich ihre goldenen Sterne auf der Schulbank in Nienburg und Hiltrup verdient hatten, ohne jemals auch nur einen Falschparker aufgeschrieben, geschweige denn eine Leiche von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben.

Kleinschmidt war froh darüber gewesen, dass er endlich in Pension gehen konnte, denn auch die Spurensicherung war inzwischen zentralisiert und zur Direktion nach Oldenburg verlegt worden. Nur aufgrund seines Alters hatte er in Wilhelmshaven bleiben können. Wie eine ungeliebte Altlast war er sich vorgekommen. Zwar hatte man ihm staatlicherseits das Gnadenbrot in Wilhelmshaven gegönnt, dennoch hatte ihn stets das Gefühl verfolgt, dass niemand etwas dagegen gehabt hätte, wenn er vorzeitig in Pension gegangen wäre, um einem jungen, dynamischen Kollegen Platz zu machen.

Trevisan hatte nur mit der Schulter gezuckt. In den letzten fünf Jahren, die er bei der Präventionsabteilung in Oldenburg zugebracht und besorgten Bürgern die Vorzüge von Doppelverglasungen und dreifach gesicherten Türen nahegebracht hatte, war die Entwicklung innerhalb der Polizei irgendwie an ihm vorübergegangen. Er war nun selbst über fünfzig und hatte lange überlegt, ob er sich tatsächlich auf die ausgeschriebene Stelle beim Kriminalkommissariat in Wilhelmshaven bewerben sollte. Den Ausschlag hatte die Entfernung nach Oldenburg gegeben, denn seit einem halben Jahr wohnte er wieder an der Küste. Lea, seine Lebensgefährtin, hatte den Peerenhof unweit von Horumersiel gekauft, in den sie sich auf den ersten Blick sofort verliebt hatte. Auf der Suche nach einem neuen Atelier war sie dem Charme und der kreativen Ausstrahlung des alten Gemäuers erlegen. Sechshunderttausend Euro waren kein Pappenstiel, aber schließlich war Lea vermögend. Sie malte nicht nur Bilder und formte Skulpturen, sondern war inzwischen eine anerkannte und hoch gelobte Restauratorin sakraler Kunst, so dass es an Aufträgen nicht mangelte.

»So früh habe ich Sie eigentlich noch gar nicht erwartet«, entgegnete Thorke Oselich und erhob sich. »Nehmen Sie Platz, Herr Trevisan! Schön, dass ich Sie endlich persönlich kennenlerne. Sie waren schon einmal hier auf dieser Dienststelle, hörte ich.«

Trevisan nickte und nahm Platz. »In der Peterstraße, das ist lange her.«

»Ja, sehr lange«, bestätigte die Inspektionsleiterin. »Wie ich erfuhr, sind Sie damals wegen Ihrer Tochter nach Hannover zum Landeskriminalamt gewechselt. Sie musste dort in ärztliche Behandlung.«

Trevisan nickte.

»Wie geht es ihrer Tochter heute?«

Trevisan winkte ab. »Es geht ihr gut, sie arbeitet inzwischen auch hier in Wilhelmshaven.«

»Sie ist auch bei der Polizei?«

»Nein, beim Ozeanographischen Institut am Arsenalhafen. Sie hat Meeresbiologie studiert.«

»Ah, ich verstehe. Sind Sie deswegen wieder zurückgekommen?«

Trevisan lächelte und schüttelte den Kopf. »Paula ist inzwischen erwachsen, wobei Kinder für Eltern natürlich immer Kinder bleiben. Ich glaube kaum, dass sie begeistert wäre, wenn ich mich in ihr Leben mische. Nein, ich wohne inzwischen auf dem Peerenhof bei Horumersiel und nach Oldenburg sind es siebzig Kilometer. Außerdem fehlte mir die Küste. Ich glaube, wenn man an der Wiege des Windes aufgewachsen ist, dann zieht es einen immer wieder hierher zurück. Manchmal fühlte ich mich in den Städten wie ein Fisch auf dem Trockenen.«

»Das kann ich verstehen«, entgegnete Thorke Oselich. »Ich bin aus Schortens.« Die Kriminaldirektorin kramte aus ihrem Postkorb Trevisans Akte hervor und blätterte darin. »Sie waren damals Leiter des 1. Fachkommissariats.«

»Ja, anschließend war ich fünf Jahre beim LKA, dann wurde ich auf eigenen Wunsch nach Oldenburg versetzt.«

»Wie ich sehe, arbeiteten Sie zuerst bei der Koordinierungsstelle für Verbrechensbekämpfung und anschließend bei der Kriminalprävention. Sie sind sich aber im Klaren darüber, dass die ausgeschriebene Stelle des Kommissariatsleiters eine Sachbearbeiterstelle ist?«

»Ich bin mir im Klaren darüber, dass dies auch Außendienst bedeutet, und das kommt mir auch gelegen. Ich habe den Bürodienst satt.«

Thorke Oselich klappte die Akte zu. »Dann ist es ja gut, Herr Trevisan. Ich denke, ich stelle Ihnen nun die Abteilung vor. Allzu viele sind wir ja nicht mehr. Bei größeren Ereignissen unterstützen uns die Kollegen aus Oldenburg. Die Ermittlungen werden nach wie vor durch das Kommissariat geführt, leider sind wir nur dünn besetzt. Auch da unterstützt uns Oldenburg mit den Fachdiensten, wenn es notwendig ist.«

Die Inspektionsleiterin erhob sich, Trevisan folgte ihr. Sie führte ihn den Flur entlang in den Südflügel des Gebäudes, wo im zweiten Stock das Kriminalkommissariat untergebracht war. »Wir haben insgesamt acht Mitarbeiter im Kommissariat. Mit Ihnen sind es neun. Ihr Vorgänger wollte es etwas ruhiger und ist in den Stab nach Oldenburg gewechselt, die Stelle war seither unbesetzt. Frau Sander leitete die Abteilung.«

»Monika Sander?«

Thorke Oselich nickte. »Sie kennen sich?«

»Sie war früher im Fachkommissariat meine Stellvertreterin.«

»Gut, dann müssen Sie sich ja nicht großartig umstellen.«

Vor einer Glastür mit der Aufschrift Kriminalkommissariat blieben sie stehen. Thorke Oselich tippte den Code in den kleinen grauen Kasten neben der Tür und der Summer war deutlich zu vernehmen. Sie schob die Tür auf. »Den Code kennen Sie?«

Trevisan nickte. Es war derselbe, der ihm auch in Oldenburg sämtliche Pforten geöffnet hatte. Offenbar hatte die Polizei überall Schlüssel und Schlösser inzwischen abgeschafft.

Die Chefin führte Trevisan in einen großen Raum, in dem ein langer Tisch und etliche Stühle standen. Auf dem Tisch lagen eine Banane und eine Tupperbox. »Warten Sie hier. Ich rufe alle zusammen, das ist am einfachsten. Schließlich sollten alle wissen, wer ab heute das Zepter in diesen Räumen schwingt.«

Mit einem Lächeln ließ sie Trevisan an der Stirnseite des Tisches zurück, der sich angesichts der Situation ein klein wenig unwohl fühlte.

Tröpfchenweise füllte sich der Raum. Als Monika Sander das Büro im Schlepptau von Thorke Oselich betrat, winkte sie ihm freudig zu. Die Kolleginnen und Kollegen nahmen am Tisch Platz und warfen Trevisan den einen oder anderen abschätzenden Blick zu.

Thorke Oselich trat an seine Seite und brachte das Auditorium mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist Erster Polizeihauptkommissar Martin Trevisan, er wird diese Abteilung übernehmen, nachdem Kollege Bloom endgültig nach Oldenburg umgesetzt wurde. Er war schon einmal hier und leitete das 1. Fachkommissariat.«

Trevisan nickte den Anwesenden zu.

»Martin, schön, dass du wieder hier bist«, begrüßte ihn Monika, die sich in die vordere Reihe gesetzt hatte.

»Jetzt lasse ich Sie am besten alleine, damit Sie Ihre neuen Kolleginnen und Kollegen kennenlernen. Wir haben hier eine Ermittlungsabteilung und die Fahndung, ich denke, Sie werden schnell den Überblick haben. Wenn Sie noch Fragen haben, Sie wissen, wo Sie mich finden. Wir pflegen hier eine offene Kultur des Umganges, mein Büro steht Ihnen jederzeit offen.« Mit einem kurzen Nicken verabschiedete sich die Inspektionsleiterin.

»Soso, Erster Polizeihauptkommissar«, murmelte Monika. »Hier habe ich es leider nicht so weit gebracht, aber wie heißt es immer: Die guten Stellen sind eben bei der Direktion und nicht auf der Straße.«

Trevisan zwinkerte ihr zu. »Genau da komme ich her.«

»Wie geht es Paula?«

»Es geht ihr gut, sie hat mir deine Grüße bestellt.«

»Ja, ich war überrascht, als sie mir erzählte, dass du jetzt auf dem Peerenhof wohnst und noch überraschter war ich, als ich von deiner Bewerbung hörte. Es gibt selten Leute in unseren Reihen, die im Alter wieder zurück auf die Straße wollen.«

»Tja, dann bin ich wohl die Ausnahme. Außerdem fühle ich mich immer noch jung …«

Bevor er weitersprechen konnte, betrat ein uniformierter Kollege den Raum. »Entschuldigen Sie, leider gibt es unangenehme Nachrichten. Auf dem Jakobshof bei Friederikensiel hat der Postbote eine Leiche gefunden, die Kollegen von der Streife sind schon auf Anfahrt. Es sieht nach einem Verbrechen aus.«

Monika Sander erhob sich. »Tja, geht schon gut los, dein erster Arbeitstag. Eigentlich hatten wir es in den letzten Wochen und Monaten sehr ruhig hier. Offenbar ziehst du Mord und Totschlag irgendwie an. Trotzdem, herzlich willkommen in Wilhelmshaven.«

2

Donnerstag

Er war wieder an der Küste und er spürte es deutlich, das Wetter schlug um. Es war kurz nach Mittag und vor die Sonne schoben sich dichte graue Wolken. Der Wind hatte gedreht und blies die Wolkenschirme von Nordost auf das Festland zu. Der sonnige Vormittag sollte wohl nur ein kurzer Ausblick auf den bevorstehenden Frühling gewesen sein. Trevisan zog seinen Jackenkragen höher, als er über den Parkplatz lief und zu Monika Sander in den Wagen stieg. Sie fuhren über die Bismarckstraße aus der Stadt hinaus und schlugen den Weg nach Schortens ein.

»Na, wie ist es dir so ergangen in der großen weiten Welt?«, fragte Monika, als sie die Stadt hinter sich gelassen hatten.

»Große weite Welt ist ganz schön übertrieben«, entgegnete Trevisan. »Wie geht es Peter und den Kindern?«

»Geht so.«

Er zögerte einen Augenblick. »Ich weiß, dass du dich auch auf die Stelle beworben hast, ich hoffe, du hast kein Problem damit, dass ich …«

»Nein, ich bin sogar froh darüber, dass du wieder zurückgekommen bist. Bloom war nicht so ganz mein Fall, er wusste alles besser. Ich hoffe, es wird so wie früher, ich finde, es war eine schöne Zeit.«

»Das hoffe ich auch, wenngleich diese Schreibtischjobs einen anderen Menschen aus dir machen … Da wird man irgendwann zum reinen Bürokraten, der schön brav in der Stube sitzt und den Blick über den Tellerrand meidet, damit er sich nicht immer dafür entschuldigen muss, wie gut es ihm geht.«

»Weshalb bist du zurückgekommen?«, fragte Monika.

»Ehrlich gesagt wegen der Entfernung. Ich wohne inzwischen in Horumersiel …«

»Ich weiß, du hast zusammen mit deiner Lebensgefährtin den Peerenhof gekauft.«

»Ich wollte eigentlich immer wieder zurück, weder in Hannover noch in Oldenburg habe ich mich richtig zu Hause gefühlt. Eigentlich hätte ich schon viel früher zurückkommen sollen, aber es gab keine Stelle.«

»Ist es auch wegen Paula?«

Trevisan hob den Finger vor den Mund. »Wenn du mich nicht verrätst …: Paula ist zwar erwachsen, aber das Loslassen, nach allem, was war, ist nicht so einfach. Ich brauche die Nähe zu ihr. Sicher hat Dänemark etwas damit zu tun … Ich weiß es nicht … Aber ich fühle mich einfach sicherer, wenn ich in ihrer Nähe bin.«

»Das verstehe ich. Mein Junge studiert in Marburg. Ich sehe ihn nur noch selten und Peter ist inzwischen bei einer Firma eingestiegen, die Industrieprojekte plant. Nichts mehr mit dem kleinen Büro im Haus, er ist gerade in Kanada und kommt, wenn es gut geht, Ende des Monats zurück. Tja, so ändern sich die Zeiten.«

»Wo sind eigentlich Tina und Alex abgeblieben?«, fragte Trevisan.

»Tina ist in Emden und Alex ist dir zum LKA gefolgt. Organisierte Kriminalität, da ist er inzwischen eine ganz große Nummer. Dietmar hat es an die Polizeischule gezogen, er unterrichtet Eingriffsrecht in Nienburg.«

»Ich weiß, ich bin ihm dort begegnet, als ich den Präventionslehrgang gemacht habe.«

»Prävention, das klingt … spannend«, entgegnete Monika mit einem Lächeln.

»Tja, unsere Königsdisziplin. Tu was, bevor es passiert, damit es nicht passiert.«

»Ja, ich weiß, ich kenne das Geschwafel, ich habe nebenbei ein Jahr lang die Außenstelle hier betreut.«

Trevisan nickte. »Dann bist du ja bestens im Bilde.«

»Fensterläden, Türschlösser, junge Krakeeler und Altennachmittage, du brauchst mir nichts zu erzählen.«

Bei Hohenkirchen fuhren sie am Wangermeer vorbei, einem künstlichen See, der durch Kleiabbau entstanden und inzwischen zu einer kleinen touristischen Attraktion ausgebaut worden war. Kurz vor Friederikensiel bog Monika links ab und folgte der Straße in Richtung Minsen, bis sie an einen Feldweg kamen, der durch einen Streifenwagen abgesperrt war. Ein Gehöft lag am Ende des Weges, die nächste Siedlung war hunderte von Metern entfernt.

»Der Hof liegt sehr abgeschieden«, murmelte Trevisan.

Monika wandte sich ihm zu. »Ja, recht einsam hier.«

Der Deich war gerade mal einen halben Kilometer entfernt. Monika stoppte den Wagen, als die uniformierte Polizistin mit erhobener Haltekelle hinter dem blau-weißen Passat hervortrat.

»Hallo, Sander, KK Wilhelmshaven«, begrüßte sie die Kollegin, die daraufhin den Weg freigab.

»Na, dann schauen wir mal«, seufzte Trevisan. Zwei Streifen­wagen und zwei Zivilfahrzeuge standen bereits auf dem Areal. Ein gelber Wagen der Post parkte an der Zufahrt zur Scheune. »Wo ist die Spurensicherung?«

»Tja, es hat sich so manches geändert«, entgegnete Monika Sander. »Früher musste sie auf uns warten, jetzt ist es umgekehrt. Die kommen aus Oldenburg und das dauert, das brauche ich dir ja nicht zu erzählen.«

Trevisan stieg aus. Ein großer und kräftiger Kollege in Uniform kam auf ihn zu. Monika umrundete den Wagen, und er begrüßte sie. »Schöner Mist, nicht wahr?«

»Das ist Martin Trevisan, mein alter und neuer Chef«, stellte sie ihren Begleiter vor. »Vielleicht kennst du ihn noch.«

»Klar kenne ich ihn noch, Trevisan vom K1. Wir hatten ein paarmal miteinander zu tun.«

Trevisan musterte den uniformierten Beamten mit der Figur eines Ringers, der Mitte vierzig war. So sehr er sich auch anstrengte, kam ihm keine Idee, woher er den Mann kennen sollte.

»Dieter Kronbaum, Polizeistation Fedderwardengroden. Es ist lange her, damals jagten wir einen Brandstifter, der hier an der Küste sein Unwesen trieb.«

»Ja, ich erinnere mich«, entgegnete Trevisan wahrheits­widrig. »Was gibt es hier?«

»Vier Tote«, entgegnete Kronbaum kalt. »Sieht aus wie in einem Schlachthaus.«

*

Inzwischen waren auch die Spezialisten der Spurensicherung aus Oldenburg eingetroffen. Trevisan ließ bei der Verteilung der Arbeit Monika den Vortritt und hielt sich erst einmal zurück, obwohl ihn längst das alte Fieber wieder ergriffen hatte. Kronbaum war noch immer in seiner Nähe, er kannte die Familie, die hier gelebt hatte und auf bestialische Weise ermordet worden war.

»Habichs bewirtschaften den Hof seit etwa fünf Jahren«, erklärte Kronbaum. »Frauke, das ist die Tote im Schlafzimmer, stammt von hier. Sie ist Ende letzten Jahres fünfzig geworden. Nachdem ihr Mann vor acht Jahren auf See geblieben ist, hat sie Rolf kennengelernt. Das war übers Internet, wie man behauptet. Der stammt ursprünglich aus dem Osten und ist mit seinem Vater hier eingezogen, nachdem sie geheiratet hatten. Die Tochter im Badezimmer heißt Dörte, ist Anfang zwanzig und stammt aus erster Ehe. Sie lebt normalerweise auf Norderney. Sie arbeitet dort in einem Hotel und kommt manchmal zu Besuch auf den Hof.«

»Und der alte Mann in der Scheune?«, fragte Trevisan.

»Das ist Rolfs Vater, er ist um die achtzig und machte sich auf dem Hof nützlich. War ja auch noch recht rüstig, der alte Mann. Die hatten früher auch Landwirtschaft im Osten. Viele hier im Umkreis behaupten, dass es nicht die Liebe war, die Frauke dazu veranlasste, Rolf zu heiraten. Alleine hätte sie den Hof niemals halten können.«

»Gab es Probleme?«

»Probleme?«

»Mit Nachbarn oder im Ort?«

Kronbaum schüttelte den Kopf. »Nein, ganz und gar nicht, absolut ruhige und freundliche Menschen, nur das Sächseln konnten sie nicht lassen.«

Ein kalter Windstoß fegte über den Hof und Trevisan fröstelte. Vier Leichen lagen in diesem Gehöft, ein alter Mann, der Sohn, dessen Ehefrau und ein junges Mädchen. So wie es schien, mit einer Axt erschlagen. Weitere Hinweise gab es bislang nicht. Trevisan würde einiges dafür geben, wenn Kleinschmidt mit von der Partie wäre, auf den hatte er sich damals hundertprozentig verlassen können. Der junge Schnösel, der die Spurensicherungsgruppe aus Oldenburg leitete, war zuerst grußlos an ihm vorübergegangen, was Trevisans Vertrauen in die Fähigkeiten des Mannes nicht sonderlich stärkte. Gerade in so einem Fall, in dem es keine offensichtlichen Spuren und Motive gab, kam es auf eine gründliche Spurensicherung an.

Monika Sander kam auf Trevisan zu, in ihrer Begleitung ein älterer Mann mit Brille und Glatze, der einen dunklen Pilotenkoffer trug. »Das ist Doktor Rüttensberg von der Rechtsmedizin. Martin Trevisan, der neue Leiter unseres KK.«

»Ah, Herr Trevisan.« Rüttensberg reichte ihm die Hand. »Da werden wir wohl in Zukunft öfter miteinander zu tun haben.«

»Können Sie schon etwas sagen?«

»Erst mal die Kurzform … Der alte Mann in der Scheune wurde erschlagen. Im Haus liegen ein Mann mittleren Alters, seine Ehefrau und deren Tochter, ebenfalls erschlagen, teilweise weisen die Leichen zusätzliche Stichverletzungen auf. Als Tatmittel kommen eine Axt sowie ein handelsübliches Küchenmesser mit langer Klinge in Frage. Offenbar wurden die Opfer vom Blutrausch des Täters überrascht. Nur die Tochter versuchte aus dem Badezimmerfenster zu entkommen.«

»Todeszeitpunkt?«

»Tja, Witterung, Temperaturen … Ich würde sagen, heute Morgen zwischen fünf und sieben Uhr. Näheres erfahren Sie nach der Obduktion.«

»Fünf und sieben Uhr«, wiederholte Trevisan. »Das heißt, zwischen Dämmerung und Sonnenaufgang.«

Der Arzt blickte sich um. »Ja, da waren wohl nur wenige Leute unterwegs. Die Frau und die Tochter waren noch im Nachthemd, während die Männer bereits ihre Arbeitskluft trugen. Aber das ist wohl normal, hier gibt es einen Stall voller Milchkühe.«

»Danke, Doktor.« Trevisan schaute ihm nach, bis er in seinen Wagen gestiegen war und über den Feldweg davonfuhr. Er wandte sich Monika zu. »Dann kümmern wir uns jetzt um den Postboten.«

*

Der junge Mann saß auf der Rückbank des VW-Busses der Streifenpolizei, der kurzfristig zum mobilen Vernehmungsraum umfunktioniert worden war, und zitterte am ganzen Körper. Ein Klapptisch in der Mitte ermöglichte, die Schreibkladde für Notizen aufzulegen. Das obligatorische Diktiergerät stand auch dort und zeichnete die Vernehmung auf.

Enno Behrend arbeitete seit fünf Jahren bei der Post in Jever. Sein Bezirk reichte hinüber bis nach Schillig. »Dann erzählen Sie mal!«, forderte Trevisan den Zeugen auf.

»Ich hatte zwei Briefe und ein Paket für die Habichs«, berichtete der Postbote. »Briefe stecke ich üblicherweise in den Briefkasten, aber das Paket musste quittiert werden. Ich bin gar nicht bis zur Haustür gefahren, ich hab vor dem Stall gehalten. Da ist meist offen und der alte Habich ist um diese Zeit im Stall.«

»Wann war das?«, fragte Trevisan.

»So halb zwölf etwa. Ich wusste, dass die Habichs auf das Paket warten. Da ist irgendein Bauteil für den Sicherungskasten drin, deshalb bin ich in den Stall gegangen und da lag er, überall war Blut.«

»Wen haben Sie liegen sehen?«

»Den alten Habich. Da war Blut überall um seinen Kopf. Ich dachte zuerst, er ist auf den Kopf gefallen oder so. Ich hab die Tür zum Haus geöffnet, da lag der Bauer. Auch da war überall Blut.«

»Sie waren auch im Haus?«

Der Postbote schüttelte den Kopf. »Nein, nicht direkt. In der Scheune gibt es eine Tür, die ins Haus führt. Ich hab die Tür aufgestoßen und da lag der Bauer vor mir.«

»Was haben Sie dann getan?«

Er zögerte. »Ich … ich hatte Angst … Die waren alle tot … Ich bin aus dem Stall gelaufen und nichts wie weg. Ich bin zu Dickens gefahren, das ist der nächste Hof.«

»Haben Sie von dort aus angerufen?«

Behrend schüttelte den Kopf. »Nein, mit meinem Handy. Ich bin auf den Dickenshof gefahren und habe gehupt, aber da war niemand. Dann habe ich den Notruf angerufen und man hat mir gesagt, dass ich dort warten soll. Mir war ganz schön mulmig zumute, das können Sie mir glauben.«

»Wegen der Toten?«

»Klar, weswegen denn sonst«, entgegnete der Postbote atemlos. »Als der Bauer da im Treppenhaus lag, wusste ich, dass da was Schlimmes passiert ist, deswegen bin ich auch sofort abgehauen.«

»Die beiden Frauen im Haus haben Sie nicht gesehen?«

Der Zeuge schüttelte den Kopf. »Ich habe gewartet, bis die Polizei gekommen ist, und dann bin ich wieder mit hierher gefahren.«

»Wie lange haben Sie gewartet?«

»Zehn Minuten vielleicht«, erklärte der Postbote.

»Beobachtet haben Sie niemanden, keine Fremden oder Fahrzeuge, die hier nicht her gehören?«

Behrend schüttelte den Kopf.

Trevisan wandte sich Monika zu. »Wer war die erste Streife hier vor Ort?«

»Die war vom PK in Jever. Sie sind von Carolinensiel herübergefahren.«

»Gut, Herr Behrend, das war es vorerst. Wenn es noch Fragen gibt, dann melden wir uns noch einmal bei Ihnen.«

»Dann kann ich jetzt gehen?«

»Ja, und vielen Dank, dass Sie geblieben sind und auf uns gewartet haben.« Trevisan wartete, bis der Postbote den Bus verlassen hatte. »Sind die Kollegen aus Jever noch hier?«

Monika deutete aus dem Fenster auf einen Streifenwagen. »Ocke Braren und seine junge Kollegin Stine Lübbers waren zuerst im Haus. Sie haben die beiden Frauen gefunden.«

»Einbruchspuren?«

»Nein, der Stall ist unverschlossen. Die Tür lässt sich aufschieben. Da gibt es einen Zugang zum Haus, der meist auch unverschlossen ist. Der Täter hatte kein Problem, ins Haus zu kommen. Er hat Fußspuren hinterlassen, deswegen können wir davon ausgehen, dass er den alten Habich im Stall zuerst ermordet hat, bevor er dann das Haus betrat. Die Tochter wollte offenbar noch durch das Badezimmerfenster entkommen, aber der Mörder war schneller.«

Trevisan seufzte. »Vier Menschen, einfach so erschlagen. Der Mörder muss sich in einen Blutrausch gesteigert haben.«

»Und er muss blutbesudelt gewesen sein«, sagte Monika. »Eike und die anderen klappern die Umgebung ab, vielleicht hat ja doch jemand was gesehen.«

»Es dämmerte bereits, das wäre möglich.«

»Ein toller Einstieg auf der neuen Dienststelle, oder?«

Trevisan zuckte mit der Schulter. »Dafür hatte ich es in den letzten Jahren sehr ruhig. Zu ruhig manchmal. Kennst du diesen Krog von der Spurensicherung?«

»Flüchtig«, entgegnete Monika. »War noch nicht oft hier.«

Trevisan räusperte sich. »Dann will ich mal sehen, ob er schon ein paar Neuigkeiten für uns hat.«

3

Paul Krog trug einen weißen Papieranzug über seiner Kleidung. Er stand unweit des weißen Sprinters der Spurensicherung und macht sich Notizen auf einem Schreibbrett. Trevisan trat an seine Seite und schaute ihm über die Schulter. Krog nahm das Schreibbrett zur Seite und blickte ihn fragend an.

»Martin Trevisan, Kripo Wilhelmshaven. Können Sie schon was sagen?«

Der Kollege aus Oldenburg, Trevisan schätzte ihn auf Mitte dreißig, schüttelte den Kopf.

»War es ein Einzeltäter?«

»Es ist noch zu früh, um etwas zu sagen.«

»Unsere Leute von der Fahndung sollten ungefähr wissen, nach was sie suchen«, sagte Trevisan. »Ich denke, wir müssen miteinander sprechen. Oder sollen wir uns einen Logenplatz im Zuschauerraum suchen?«

»Ich habe meine Methoden, Sie haben Ihre.«

Trevisan lächelte. »Na ja, vielleicht können Sie mich ja an Ihren Methoden teilhaben lassen, ich lerne gerne noch dazu.«

Krog wandte sich ihm zu. »Wir sind die Spurensicherung und jeder von uns hat seine Aufgabe. Meine Methode ist es, erst alles zusammenzutragen, bevor wir die Pferde scheu machen, und diese Methode hat sich in den letzten Jahren immer bewährt. Und jetzt entschuldigen Sie mich, wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns.«

Trevisan trat dem jungen Kollegen in den Weg. »Wer ist Ihr Vorgesetzter, Maierling oder Uthof?«

»Wieso interessiert Sie das?«

»Weil ich verdammt noch einmal diese Ermittlungen leite und weil ich es gewohnt bin, über den Sachstand informiert zu werden und vielleicht auch, weil wir keine Sitzplätze für dieses Theater hier bekommen haben«, entgegnete Trevisan trocken. »Auch wenn Sie aus Oldenburg kommen und zu einer anderen Abteilung gehören, dieser Fall wird vom Kriminalkommissariat Wilhelmshaven bearbeitet, also von mir und meiner Dienststelle. Deshalb arbeiten wir nach meinen Methoden. Ich hoffe, Sie haben mich verstanden, oder soll ich zuerst in Oldenburg anrufen?«

Krog blickte Trevisan abschätzend an. Er schluckte ein paarmal, schließlich räusperte er sich. »Vier Leichen, mit einer Axt erschlagen und mit einem Messer attackiert, dazu noch ein erschlagener Hofhund an der Rückseite der Scheune. Tatwaffe könnten eine Axt und ein Messer gewesen sein.«

Trevisan grinste. »Das weiß ich bereits, haben Sie auch etwas Neues für mich?«

»Wir arbeiten daran, aber bislang gibt es nur ein paar grobstollige Stiefelabdrücke, die vermutlich vom Täter stammen. Gummistiefel, würde ich sagen. So wie es aussieht, ein Einzeltäter.«

»Besonderheiten zu den Tatwaffen?«

Krog zuckte mit der Schulter.

»Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte? Wie ging der Täter vor, wie kam er ins Haus, haben sich die Opfer gewehrt oder wurden sie überrascht?«

»Das steht später alles im Bericht«, entgegnete Krog.

»Hören Sie, Herr Kollege, ich habe schon Mörder festgenommen, da lümmelten Sie noch auf der Schulbank in Nienburg herum, also kommen Sie mir nicht mit einem Bericht. Erzählen Sie mir einfach, was Sie bislang herausgefunden haben, diese Methode hat sich über Jahre hin bewährt und es gibt sie schon, seit Menschen gelernt haben, aufrecht zu gehen.«

Krog runzelte die Stirn. »Wie meinen Sie das?«

»Menschen kommunizieren, tauschen sich aus, diskutieren und geben Informationen weiter, das meine ich damit. Was der eine nicht weiß, hat der andere entdeckt. Genau deshalb ist Kommunikation wichtig. Also, reden wir offen miteinander!«

Krog wurde unsicher. »Ich … Wir … Es ist ein großer Tatort, das ganze Haus sieht aus wie ein Schlachtfeld. Wir werden noch eine ganze Weile brauchen, bis wir alles durch haben.«

»Und diese Zeit haben Sie auch, aber es wäre sinnvoll, bevor wir alle hier stundenlang dumm rumstehen, dass Sie Ihr bislang erworbenes Wissen mit mir teilen. Vielleicht ließe sich dann zumindest gezielt nach dem Täter fahnden.«

»Ich habe die Hundestaffel angefordert, wir müssen auch das Umfeld absuchen.«

»Klar«, bestätigte Trevisan. »Und jetzt zu den Details. Auch Vermutungen interessieren mich.«

Krog zeigte ihm das Schreibbrett, auf dem er eine grobe Tatortskizze auf Millimeterpapier erstellt hatte. »Das Wohnhaus und die Scheune sind hälftig zusammengebaut und haben einen gemeinsamen Zugang. Wir gehen davon aus, dass der Täter durch die Scheune in das Haus gelangte. Dort traf er auf den Großvater und erschlug ihn. Einbruchspuren haben wir nicht gefunden, deshalb nehmen wir an, dass die Tür zur Scheune und die Zwischentür zum Wohnhaus unverschlossen waren.«

»Abwehrverletzungen?«

Krog schüttelte den Kopf. »Den Großvater hat es wohl aus heiterem Himmel erwischt. Anschließend öffnete der Täter die Tür zum Haus, dort traf er auf den Bauern, der sich dort seine Stiefel auszog. Auch hier hat er unvermittelt zugeschlagen, außerdem hat er ein Messer benutzt und mindestens drei- bis viermal zugestochen. Da lag das Opfer bereits auf dem Boden. Von dort aus führen blutige Stiefelspuren ins Schlafzimmer, wo er die Ehefrau des Landwirtes mit dem Messer und dem Beil ermordete. So wie es sich darstellt, hat die Tochter des Hauses etwas mitbekommen und kam die Treppe herunter. Als sie merkte, was los war, ist sie in das Badezimmer geflüchtet. Sie wollte dort aus dem Fenster steigen, aber der Täter war schneller. Er hat sie erwischt und erschlagen.«

»Ziemlich sicher ein Einzeltäter?«

»Davon gehen wir nach derzeitiger Spurenlage aus.«

»Seine Kleider müssen voller Blut gewesen sein.«

»Nicht zwangsläufig«, erwiderte Krog. »Im Badezimmer kam es wohl zu einem Kampf. Die junge Frau hatte Abwehrverletzungen, außerdem hielt sie ein Stück Plastikfolie zwischen den Fingern, eine Klarsichtfolie, wie man sie bei einfachen Regencapes findet. Der Täter könnte so etwas getragen haben, um seine Kleider vor dem Blut zu schützen.«

»Hat man eine der Tatwaffen gefunden?«

Krog schüttelte den Kopf. »Deswegen habe ich die Hunde­staffel angefordert. An der Rückseite der Scheune gibt es eine Tür, dort haben wir Fußspuren und Blutanhaftungen festgestellt. Der Täter hat das Areal wohl über diesen Ausgang verlassen und dabei den Hund erschlagen, der dort an einer Hundehütte angeleint war.«

»Dort hinten liegt Friederikensiel«, murmelte Trevisan.

»Zunächst sind dort Felder und Wiesen, dann folgt ein Weg, der zum Wangermeer führt. Wir lassen alles absuchen, vielleicht finden die Hunde eine Spur.«

Trevisan kratzte sich am Kopf. »Vier Menschen und ein Hund, und niemand bekommt etwas davon mit.«

»Mit der Intensität und dem Vernichtungswillen, den der Täter bei der Tatausführung an den Tag legte, dauerte dieses Massaker kaum mehr als ein paar Minuten. Nur bei der Tochter, die ins Badezimmer flüchtete, brauchte er ein klein wenig länger. Die Badezimmertür war kein großes Hindernis, er hat sie einfach mit dem Beil eingeschlagen. Ich würde sagen, der Täter ging mit äußerster Brutalität vor.«

»Das heißt, Hass könnte als Motiv in Frage kommen?«

Krog nickte und wies in den dunklen Himmel. »Ich habe aufgrund der Größe des Tatortes eine zweite Spurensicherungseinheit angefordert, die sind bereits auf dem Weg. Ich hoffe, es bleibt trocken.«

Eine Windböe fegte um das Haus. Trevisan nickte. »Wenn der Wind pfeift, dann treibt er den Regen ins Festland. Wir haben gute Chancen, dass es trocken bleibt.«

Er kehrte zu Monika Sander zurück, die neben dem Dienstwagen stand und sich locker dagegen lehnte. »Abgrundtiefer Hass«, sagte er, als er an ihre Seite trat und ihr ein Lutschbonbon reichte.

»Hass auf die ganze Familie?«

»Möglich. Unbändiger Vernichtungswille, meint der junge Kollege von der Spusi.«

*

Johannes Leußner schaute auf seine Uhr. Es war kurz nach vier. In wenigen Minuten hatte er Feierabend. Er rangierte den LKW in die Parklücke und schaltete den Motor ab. Morgen in aller Frühe würde er mit Maschinenteilen an Bord in den Süden nach Turin fahren. Eine Tour, die inzwischen zweimal im Monat anstand. Seit drei Jahren arbeitete er bereits für die Spedition Vader in der Stellmacherstraße, dem Industriegebiet von Norden, das vor der Stadt direkt an der B 72 lag. Eigentlich war LKW-Fahrer immer sein Traumjob gewesen. Schon als Kind hatte er davon geträumt, wenn die großen Laster wie der G5 oder Jahre später der W50 voll beladen mit Getreide über den Hof donnerten und er das Zittern der Erde spürte. Dann wollte er hinter dem Steuer eines dieser Riesen sitzen und damit in die weite Welt und über alle Grenzen hinweg fahren. Und nun fuhr er so ein Gefährt, viel größer noch als damals, einen Actros Mega­liner mit vierzig Tonnen. Manchmal hinauf bis in den hohen Norden, nach Stockholm oder Kristiansand oder hinunter in den Süden, nach Turin, Rom oder Rijeka. Sogar in Warschau und in Kauna war er schon gewesen.

Doch inzwischen war nicht mehr viel von der Fernfahrerromantik geblieben. Die Elektronik beherrschte das Fahrzeug und der Disponent beherrschte den Fahrer. Zeit war der Faktor, der am meisten störte und inzwischen zum Feind aller Fernfahrer geworden war. Die Räder mussten rollen. Stillstand bedeutete Schmälerung des Gewinns. Außerdem hatte der Verkehr auf den Straßen in einer Intensität zugenommen, dass kilometerlange Staus zur täglichen Realität geworden waren. Der Stress, dem die Fahrer Tag für Tag ausgesetzt waren, brachte viele dazu, vorzeitig den Job zu schmeißen und für weitaus weniger Einkommen als Lagerist, Mechaniker oder in einer Fabrik am Band die Brötchen zu verdienen.

Johannes Leußner war sechsundfünfzig Jahre alt, fühlte sich aber immer noch fit und der Aufgabe gewachsen. In der Firma hielt man große Stücke auf ihn, denn die Fahrer von heute waren oft unzuverlässig und warfen bei den geringsten Schwierigkeiten die Flinte ins Korn. So kam es auch, dass er trotz seiner relativ kurzen Zeit in der Firma bereits einen Schlüssel zum Lager besaß, so dass er selbstständig und nach seinem eigenen Zeitplan den Lastwagen für die Abfahrt vorbereiten konnte.

»Wann fährst du los?«, fragte der Disponent, als Johannes das kleine Büro betrat, um seinen Fahrzeugschlüssel in dem dafür vorgesehenen Fach zu deponieren.

»Ich starte um vier, alles beladen und vollgetankt.«

»Vergiss meine Zigaretten nicht.«

»Ich weiß, MS Rosso, wie immer.«

»Ja, und denk daran, nach der Tour muss der Service gemacht werden, du musst dann auf den MAN umsteigen.«

»Der MAN ist eine alte Klapperkiste.«

»Für Rotterdam wird er reichen.«

»Okay, dann bis nächste Woche.«

Der Disponent nickte. »Gute Fahrt und hetze ihn nicht wieder.«

Johannes Leußner verkniff sich eine Antwort. Der junge Mann hinter dem Schreibtisch, ein Neffe des Juniorchefs, hatte sowieso keine Ahnung. Schließlich gab es inzwischen Regler und Begrenzer in den Fahrzeugen, außerdem lauerte beinahe an jedem Autobahnkreuz der Straßenzoll oder die Polizei. Er verließ das Büro und stieg in seinen Opel. Er musste dringend Farbe kaufen, Jenny wartete auf ihn.

Jenny war keine Frau, keine Freundin oder Lebensgefährtin, sondern ein schlankes, gut motorisiertes Boot, das in einem Bootshaus an der Leybucht auf ihn wartete und das er vorgestern mühsam von der alten Farbe befreit hatte, um ihm für den Frühling einen neuen Anstrich zu gönnen. Johannes Leußner lebte alleine, eine Frau gab es in seinem Leben nicht. Zweimal hatte er kurz davor gestanden, doch beide Male hatte er einen Rückzieher gemacht und nun fühlte er sich zu alt für eine feste Beziehung. Er hatte sein Leben eingerichtet und so sollte es auch bleiben. Auch wenn ihm Helga aus dem Lager immer wieder schöne Augen machte.

Als er in die Wurzeldeicher Straße einbog, hätte er vor lauter Gedanken beinahe einen Radfahrer überfahren, doch er sah ihn noch rechtzeitig und bremste. »Blöder Hund!« Der Radfahrer überquerte unmittelbar vor ihm die Fahrbahn und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Aus dem Radio dudelte leise Shanty-Musik. Johannes Leußner schüttelte den Kopf und legte den ersten Gang ein. Er hatte heute noch viel zu tun.

4

»Ich denke, einen Raub können wir ausschließen«, konstatierte Krog.

Die Spurensicherung im Gebäude war weitgehend abgeschlossen. Krog begleitete Trevisan und Monika Sander bei der Tatortbegehung. Inzwischen war auch Thorke Oselich am Tatort eingetroffen. Die Leichen waren mit Tüchern abgedeckt und die Bestatter warteten geduldig auf dem Hof darauf, dass die Kriminalpolizei den Abtransport in die Gerichtsmedizin nach Oldenburg freigab.

Blut auf dem Boden, Blut an den Wänden, auf den Möbeln, sogar bis an die Decke war das Blut der Opfer gespritzt. »Absoluter Zerstörungswille«, murmelte Trevisan. »Zielstrebig und brutal.«

»Ein gnadenloser Overkill, ein klassischer Fall der Über­tötung«, bestätigte Krog. »Er hat sich nicht lange aufgehalten. Vier Menschen und dennoch hatten sie keine Chance. So wie es aussieht, hat er einfach nur zugeschlagen, mehrfach, ohne sich mit langen Reden aufzuhalten. Dieses Gemetzel dauerte kaum mehr als ein paar Minuten.«

Thorke Oselich schluckte. »Herr Trevisan, jetzt sind Sie kaum hier angekommen und schon passiert so etwas. Sagen Sie mir nur, was Sie brauchen – Material, Leute, ganz egal, diese Sache hat absolute Priorität, wir müssen diesen Irren dingfest machen.«

»Sexuelle Motive vielleicht?«, fragte Monika Sander.

Krog schüttelte den Kopf. »Zwar saß die Kleidung der jungen Frau im Bad nicht mehr ordentlich, sie trug ein Nachthemd und einen Slip, aber das liegt wohl eher an der Auseinandersetzung. Die Frau versuchte, durch das Badezimmerfenster zu entkommen, und der Täter zog sie an ihren Beinen zurück, ehe er sie erschlug. Deswegen würde ich dies eher verneinen.«

»Hass, grenzenloser Hass«, antwortete Trevisan. »Hass führt oft zur Übertötung.«

»Wir richten eine Sonderkommission ein und …«

»Ich denke, zunächst ist es wichtig, möglichst viel über die Toten herauszufinden«, fiel Trevisan seiner Chefin ins Wort. »Wie sie lebten, was sie taten, wem sie dermaßen auf die Füße getreten sind, dass sich der aufgestaute Hass in dieser Grausamkeit entlud. Meist stammen die Täter aus dem Umfeld.«

»Gibt es irgendwelche verwertbaren Spuren?«, fragte Thorke Oselich.

Krog schüttelte den Kopf. »Abdrücke von grobstolligem Profil, ich gehe von Gummistiefeln aus. Größe 44, würde ich sagen. Außerdem haben wir einen Plastikfetzen gefunden, deswegen nehmen wir an, dass der Täter ein Regencape trug. Weitere Spuren haben wir nicht, auch die Tatwaffen, ein Beil und ein Messer, fehlen noch, aber wir suchen derzeit die Umgebung mit Hunden ab.«

»Eike und Lisa befragen die Nachbarschaft, vielleicht hat jemand Beobachtungen gemacht«, erklärte Monika Sander.

»Die Ringfahndung steht«, fügte Trevisan hinzu. »Nur ist es schwer, gezielt nach jemandem zu suchen, wenn man so gut wie nichts über die Opfer weiß.«

»Sollte ein Profiler …«

Trevisan winkte ab und blickte auf seine Armbanduhr. »Wir besprechen uns in einer Stunde auf der Dienststelle und legen unser Vorgehen fest.«

»Gut, Kollege Trevisan«, entgegnete Thorke Oselich. »Sie haben die Erfahrung. Dann sehen wir uns in einer Stunde.«

»Können wir die Leichen freigeben?«, rief einer von Krogs Kollegen der kleinen Gruppe zu, als sie aus dem Gebäude kamen.

Krog warf Trevisan einen fragenden Blick zu.

»Von mir aus schon.«

»Okay, die Leichen können abtransportiert werden«, bestätigte Krog.

Die Polizeidirektorin verabschiedete sich und auch Krog ging wieder seines Weges. Monika Sander und Trevisan blieben alleine im Hof zurück.

»Was hältst du davon, Martin?«

»Wie brauchen Informationen über die Opfer«, entgegnete Trevisan. »Für mich stellt sich die Frage, ob alle Familienangehörigen gemeint waren oder ob der Täter es auf einen gezielt abgesehen hatte und die anderen nur im Weg waren.«

»Was sollen wir deiner Meinung nach tun?«

»Hass entsteht nicht von jetzt auf heute. Er wächst wie eine Pflanze, die austreibt und immer größer wird, deswegen müssen wir das Leben aller Opfer durchleuchten. Wir brauchen eine gründliche Umfeld-Recherche. Du weißt, was die Psychologen sagen, der Auslöser einer solchen Tat kann schon Jahre zurückliegen. Erinnerst du dich noch an Veronika Oberdorf und das Haus in den Dünen?«

Monika Sander überlegte.

»Manchmal dauert es aus irgendwelchen Gründen Jahre, bis sich der Hass entlädt.«

Sie nickte. »Du hast recht, das klingt nach sehr viel Arbeit. Dazu brauchen wir mehr Leute. Habich und sein Großvater stammten aus dem Osten, bevor sie hierher kamen.«

»Die Chefin sagte doch, wir bekommen, was wir brauchen«, entgegnete Trevisan. »Wie ist sie eigentlich so?«

»Oh, sie ist ganz okay, anders als Beck oder die Schulte-Westerbeck. Sie meint wirklich ernst, was sie sagt.«

Ein Wagen fuhr auf den Hof. Eike Brun und Lisa Bohm stiegen aus. Brun wies mit dem Zeigefinger nach Westen. »Die Rohloffs haben einen Hof einen Kilometer entfernt«, berichtete der junge Oberkommissar. »Der alte Rohloff meinte, dass er so gegen halb acht einen roten Kleinwagen auf der Straße gesehen hat, der mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Carolinensiel gebraust ist. Er war gerade draußen, um die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen.«

»Halb acht«, murmelte Trevisan. »Das könnte hinkommen. Kann er etwas zu dem Wagen sagen?«

Brun zuckte mit der Schulter. »Es war noch dunkel. Er kann nichts über das Kennzeichen und zur Marke sagen und über die Insassen schon zweimal nichts.«

»Weiß die Fahndung Bescheid?«

Brun schüttelte den Kopf.

»Dann gebt es bitte durch, vielleicht ist der Wagen ja noch irgendwo aufgefallen. Sonst noch was?«

»Leider nicht, niemand hat etwas gesehen«, entgegnete Lisa Bohm. »Der Hof liegt ja auch ziemlich abgelegen hier vor dem Deich.«

Trevisan nickte. »Wir treffen uns in einer Stunde auf der Dienststelle, seid bitte pünktlich.«

*

Sie hatten Spuren gefunden. Hinter der Scheune, wo der erschlagene Hund lag, führte eine Stiefelspur über das Grundstück zu einer nahe gelegenen Wiese. Der Boden war feucht gewesen, denn in den Nächten waberte der Nebel über das Land. Die Spuren waren gut sichtbar und führten in Richtung Osten. Harro, der Polizeihund, hatte die Witterung aufgenommen und zerrte an der Leine, so dass sein Herrchen kaum noch folgen konnte. Harro war ein Mantrailer und gehörte der Hundestaffel der Direktion Oldenburg an. Er hatte bei Wettbewerben schon den einen oder anderen Preis eingeheimst und wenn er einmal die Witterung aufgenommen hatte, dann ließ er nicht so schnell wieder davon ab. So zog er seinen Hundführer förmlich über die Wiese und den angrenzenden brachliegenden Acker, bis er schließlich auf einen geschotterten Feldweg traf, wo Harro kurz verweilte.

»Such!«, forderte ihn der Hundeführer auf.

Aufgeregt, die Nase tief am Boden, lief Harro hin und her. Mehrmals wechselte er die Richtung, bis er sich schließlich nach Süden wandte und den Weg entlanglief. Drei Polizisten folgten dem Hund und seinem Herrchen.

»Wohin führt uns der Köter?«, fragte einer der Beamten völlig außer Atem und missgestimmt.

Der Kollege zuckte mit der Schulter. Spuren waren längst keine mehr zu sehen, der geschotterte Boden machte es unmöglich. Der Hund zog wie wild und die Beamten hasteten hinterher. Beinahe wäre der missgelaunte Kollege in eine Pfütze getreten, gerade rechtzeitig wich er noch aus, ehe er verharrte.

»Hey, schaut euch das mal an, was ist das?« Er wies auf eine knapp einen Meter lange, direkt durch die Pfütze führende Spur. Der Kollege, der bereits einige Schritte weitergegangen war, kehrte um und betrachtete den schmalen Streifen, der durch das Wasser führte.

»Das ist die Spur von einem Fahrrad.« Er tastete vorsichtig über den Boden. Hier lag nur wenig Schotter und die blanke und weiche Erde war zu sehen. »Verdammt, der ist mit dem Rad abgehauen!«

Der missgelaunte Kollege griff zum Funkgerät und meldete seine Entdeckung an die Einsatzleitung. Er wurde gebeten, an der Stelle zu warten und die Spurensicherer einzuweisen.

Der Kollege schaute dem Hundeführer und dem weiteren Kollegen hinterher. Sie waren beinahe schon einen ganzen Kilometer entfernt. »Ich weiß nicht, was der Hund riecht, aber wenn der Kerl sich tatsächlich ein Rad geschnappt hat, dann kann doch gar keine Spur mehr vorhanden sein, oder glaubst du, der Köter kann einen Menschen auch riechen, wenn der mit dem Rad fährt?«

Eine Antwort unterblieb. Während die beiden Polizisten an der Pfütze zurückblieben, ließ Harro keine Zweifel daran, dass er noch nicht am Ende seines Witterungsvermögens angekommen war. Er zog und zog und hetzte voran, dass seine beiden menschlichen Begleiter immer mehr außer Atem kamen. Beinahe einen weiteren Kilometer ging es noch über den Schotterweg, bis sie an eine Wegegabelung kamen. Der Weg zur Rechten führte nach Altgarmsiel, während ein Weg links vorbei am künstlich angelegten Wangersee nach Hohenkirchen führte. Hier schien Harro mit seinem Latein am Ende. Nach ein paar Runden, die Nase tief am Boden, legte er sich einfach hin und hechelte.

»Was hat er?«, fragte der uniformierte Kollege den Hunde­führer.

»Das ist das Zeichen, dass er die Spur verloren hat.«

»Was glaubst du, rechts oder links?«

Der Hundeführer betrachtete die Umgebung. »Wir schauen mal am See nach.«

Gemeinsam folgten sie dem Weg und gingen am Seeufer entlang, bis der Mantrailer wie aus heiterem Himmel wieder anzog. Der Hundeführer riss ihn zurück und raunte ihm einen Befehl zu.

»Was hat er denn?«, fragte der uniformierte Kollege.

»Er hat wohl wieder die Spur aufgenommen.« Harro zerrte an der Leine und lief am Ufer auf und ab. »Ist dort was?«, fragte der Hundeführer.

Der Uniformierte trat näher und stand beinahe schon im klaren, kalten Wasser, als er auf eine Ecke im Schilf wies. »Da, da liegt was!«

Eine Viertelstunde später traf ein Wagen der Spurensicherung ein. Ein Beamter streifte eine Anglerhose und Gummistiefel über, bevor er langsam in den See stapfte. Als er die Stelle erreichte, an der die Kollegen etwas im Schilf entdeckt hatten, reichte ihm das Wasser bis zum Bauch. Er zog einen schwarzen Plastiksack aus dem Wasser. Sein Begleiter nahm den Fund am Ufer in Empfang.

Auf dem Trockenen öffneten sie den verschnürten Sack. »Das ist ein Volltreffer«, sagte der Spurensicherungsbeamte, als er ein Beil herauszog. Es folgte ein Küchenmesser mit einer beinahe dreißig Zentimeter langen, beidseitig geschliffenen Klinge. Ein Plastikcape und ein paar grüne Gummistiefel Größe 44 waren neben drei schweren Steinen ebenfalls vorhanden. Das Wasser, das auf den geschotterten Boden tropfte, war rot gefärbt.

»Ich informiere Krog.« Der Spurensicherungsbeamte ging zum VW-Bus.

5

Trevisan hatte erst eine Weile suchen müssen, bevor er die Toilette am Ende des langen Flures fand. Mit dem neuen Dienstgebäude musste er sich erst einmal vertraut machen. Als er damals seiner Tochter zuliebe wegging, war alles um ihn herum vertraut gewesen. Aber das alte Dienstgebäude, die Kollegen, sogar das kleine Restaurant gegenüber, in dem er meist sein Mittagessen eingenommen hatte, gehörten der Vergangenheit an. Zwar meinten die Stadtpolitiker, das neue Polizeigebäude sei ins Zentrum gerückt, doch damals in der Ebertstraße war man eben noch ein ganzes Stück zentraler gelegen gewesen und hatte in der Pause einen Abstecher in die Fußgängerzone machen können, was nun nicht mehr ganz so einfach war.

Trevisan wusch sich gerade die Hände, als sein Mobiltelefon klingelte. Er trocknete sich ab und nahm das Gespräch an.

»Hallo, Paps. Ich wollte mal hören, ob du gut angekommen bist.«

Trevisan lächelte. »Klar, mitten in der Arbeit und das am ersten Tag.«

»Ich habe eine Stunde Pause«, sagte Paula. »Wir wollten raus, die Zählung steht an, aber der Seeigel streikt, wahrscheinlich der Motor. Vielleicht könnten wir uns ja bei Sammys auf einen Kaffee treffen, ich hätte Zeit.«

Trevisan warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war kurz nach zwei. »Paula, tut mir wirklich leid, wir stecken mitten in Mordermittlungen.«

»Das ist dein erster Arbeitstag, ich dachte, du wolltest kürzer treten.«

»Arbeitstag, das siehst du richtig und da steckt nun mal das Wort Arbeit drin.«

»Was ist passiert?«

»Eine ganze Familie wurde ausgelöscht, oben an der Küste.«

»Hast du nicht gesagt, du gehst zurück nach Wilhelms­haven, weil es hier ruhiger ist als in Oldenburg?«

»Tja, manchmal kann man sich eben täuschen.«

»Kommst du heute Abend auf einen Sprung vorbei? Peer würde sich freuen.«

»Ich weiß nicht, wie spät es heute wird, ich habe Lea schon Bescheid gesagt, dass ich nicht pünktlich hier wegkomme.«

»Schade, du weißt doch, nächste Woche fahren wir los, dann bin ich erst mal einen Monat weg.«

»Ja, ich weiß. Wir werden uns vorher sicher noch einmal sehen, aber jetzt muss ich los, die anderen warten.«

»Hast du Monika getroffen?«

»Klar, sie arbeitet doch mit mir.«

»Dann richte ihr schöne Grüße aus.«

»Mach ich.« Trevisan steckte sein Handy zurück in die Tasche.

Im Besprechungsraum hatten sich seine Kolleginnen und Kollegen bereits um den langen Konferenztisch versammelt. Auch Thorke Oselich war dabei. Trevisan steuerte den freien Stuhl an der Stirnseite an und setzte sich neben Monika Sander.

Er atmete erst einmal kräftig durch. »Gut … So wie es aussieht, suchen wir einen gewaltbereiten Menschen, der zwar geplant und koordiniert handelt, aber beim Tötungsakt selbst offenbar die Kontrolle verliert. Was haben wir bislang?«

Er wandte sich Monika zu, die sich aufrichtete. »Die Tatwaffen wurden gefunden, Krog hat angerufen. Sie lagen im Wangermeer. Ein Hundeführer, oder besser gesagt sein Hund, hat sie entdeckt.«

»Wie weit ist das vom Tatort entfernt?«

Monika trat vor die Pinnwand mit einer großen Landkarte und zeigte auf darauf. »Etwa einen Kilometer. – Ein Beil und ein Messer. Krog meint, dass es Geräte aus dem Baumarkt sind, die uns nicht viel weiterhelfen werden. Außerdem hatte Krog recht, der Täter trug ein Regencape aus Plastik, so wie es Radfahrer benutzen. Es war voller Blut, deswegen hat es der Hund wohl gerochen.«

Trevisan kratzte sich am Kinn. »Gut, überlassen wir die Spuren den Spezialisten, gehen wir mal chronologisch vor. Der Täter verschafft sich Zugang zum Hof – wobei die Türen der Scheune unverschlossen waren – und tötet zielgerichtet und erbarmungslos. Er erschlägt vier Menschen und den Hofhund, bevor er wieder verschwindet. Er ist vorbereitet, hat Tatwaffen bei sich und trägt ein Regencape, um seine Kleidung vor Blutspritzern zu schützen. Anschließend verschwindet er durch die Hintertür und entsorgt die Tatwaffen in einem See.«

»Er hatte wohl ein Rad bei sich, meint Krog.«

»Okay, als Fluchtmittel nutzte er ein Rad, damit können wir den verdächtigen PKW erst einmal zurückstellen.«

»Wenn es ein geplanter Raub war, der aus dem Ruder lief?«, wandte Eike Brun ein.

Trevisan schüttelte den Kopf. »Falsche Zeit, falsches Objekt, falsches Vorgehen, außerdem wurde offenbar nichts durchwühlt, keine Kommoden und keine Schränke.«

»Weil er gestört wurde und in Panik geriet«, beharrte Eike.

»Das ist ein Bauernhof und von weitem kann man schon erkennen, dass dort Milchvieh gehalten wird. Jeder weiß, dass ein Landwirt am frühen Morgen seine Kühe melkt und selbst wenn er einmal verreist – dann tut es eben ein anderer. Außerdem schlug der Täter unvermittelt zu und war mit Axt, Messer, Regencape und Gummistiefeln entsprechend vorbereitet. Ich denke, Raub können wir ausschließen. – Sonst noch jemand eine Idee?«

»Worauf wollen Sie eigentlich hinaus, Herr Trevisan?«, fragte Thorke Oselich.

Trevisan lächelte. »Mindmapping. Nehmen wir die Tat als solches, sie kann uns viel über den Täter und das Motiv verraten.«

»Ach so, ja … Was denken Sie über die Sache?«

»Das Motiv ist leicht erkennbar«, konstatierte Trevisan. »Rache und zwar Rache an der gesamten Familie, keiner sollte entkommen. Sogar die junge Frau, die noch zu fliehen versuchte, wurde in die Tötungshandlung einbezogen.«

»Was bedeutet das?«, fragte Monika.

»Das sagt uns, dass der Täter grenzenlosen Hass gegen die Familie empfand und niemand überleben sollte, der ihr angehört. Wahrscheinlich ist, dass man ihn im Familienkreis kannte und er enttarnt gewesen wäre, sollte jemand diesem Massaker entkommen. Außerdem wusste er, welche Sauerei es macht, wenn man mit einer Axt und einem Messer tötet. Deshalb hatte er sich entsprechend vorbereitet. Er tötete ohne Vorwarnung, was einen Raub eher unwahrscheinlich erscheinen lässt. Diese Menschen sollten sterben und sie sollten keinen einfachen Tod haben. Er musste seine aufgestauten Aggressionen abreagieren.«

»Das lesen Sie daraus!«, bemerkte Thorke Oselich voller Anerkennung.

»Nicht nur das«, fuhr Trevisan fort. »Täter und Opfer haben sich gekannt. Außerdem wusste er, wann die beste Zeit für die Tatausführung war. Er kam nicht mitten in der Nacht, er nutzte die Dämmerung, und er wusste, wie er ungesehen ins Haus gelangen konnte und über welche Wege er mit welchem Fluchtmittel ungesehen entkommen kann. Außerdem hat er seine Tatwaffen entsorgt, eigentlich sollten wir sie nicht finden. Mit einem Hund hat er wohl nicht gerechnet.«

»Das heißt?«, fragte Lisa Bohm.

»Er hat die Gegend vor der Tat erkundet und er kannte den Tagesrhythmus seiner Opfer.«

Eike Brun fasst sich an den Kopf. »Klar, er war schon mal da.«

Thorke Oselich lächelte. »Wie gehen wir vor?«

»Wir brauchen noch ein paar Leute«, sagte Trevisan. »Wir müssen die ganze Umgebung erkunden und alle dort befragen. Möglicherweise wurde der Täter bei der Ausspähung im Umfeld gesehen. Außerdem sollten wir auch den Fluchtweg gründlich überprüfen. Ich nehme an, er hat irgendwann sein Fluchtmittel gewechselt und drittens müssen wir so viel wie möglich über unsere Opfer herausfinden. Sie müssen in ihrem Leben diesem Mörder dermaßen auf die Füße getreten sein, dass er zu so einer Tat fähig ist.«

»An wie viele Leute denken Sie?«

»Zehn, zwölf … und ich bräuchte jemanden, der sich mit dem Computer und dem Netz auskennt, nicht immer stehen die interessanten Dinge in unseren Dateien. Soziale Netzwerke verraten uns manchmal viel mehr über die Person als das Melderegister.«

»Das könnte ich tun«, meldete sich Eike Brun. »Ich hatte mal eine eigene Community.«

»Gut«, entschied Trevisan. »Monika, du koordinierst hier von der Dienststelle aus und führst alle Erkenntnisse zusammen. Außerdem sollten wir die Tat vor Augen haben.«

Monika zeigte an die Pinnwand. »Ja, klar, die Tatortbilder.«

»Und Bilder unserer Opfer. Bahnhöfe und Bushaltestellen sind wichtig. Vielleicht steht irgendwo ein Fahrrad herum, das niemandem gehört.«

»Und Taxis?«, fragte Monika.

»Und Taxis, klar. Alles so wie früher.«

»Wie früher, geht klar. Schön, dass du wieder da bist.«

Er lächelte. »Ah, ja, hätte ich fast vergessen, ich soll dich von Paula grüßen.«

»Bis wann brauchen Sie die Leute?«, fragte Thorke Oselich.

Trevisan zog die Lippen schmal. »Ehrlich gesagt, bis gestern wäre gut.«

Sie nickte und erhob sich.

»Und wir beiden Hübschen fahren noch einmal die Umgebung um den Tatort ab«, sagte er zu Lisa Bohm.

»Wir haben doch schon die Leute aus der Nachbarschaft befragt«, wandte Eike ein.

»Ihr habt gefragt, ob sie etwas gesehen haben«, entgegnete Trevisan. »Wir wollen wissen, wer unsere Opfer waren. Ich denke, die Antworten auf diese Frage werden anders ausfallen als heute Morgen.«

*

Ein Bus … Ein Bus ist ein großer Personenwagen für einen mehr oder minder komfortablen Transport von Reisenden und Fahrgästen. Ein Bus bringt einen relativ zügig von A nach B, man kann an vielen Haltestellen zu- oder aussteigen, man sitzt im Trockenen und kann die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen. Doch für die Landschaft hatte er keinen Blick, er saß im Fond an der Fensterseite und döste.

Ein Bus hat Vorteile, wesentliche Vorteile sogar. Vor allem für ihn. Die Menschen im Bus sind meist mit sich selbst beschäftigt oder in Gruppen unterwegs und ein Bus kommt fast überall durch und wird so gut wie nie von der Polizei angehalten und kontrolliert.

Die Fahrt führte von Hohenkirchen über Wittmund hin­unter nach Emden, wo er erst einmal wieder zur Ruhe kommen und neue Kraft schöpfen konnte. Er war noch lange nicht am Ziel.

Aus dem Dösen wurde ein leichter Schlaf. Gedanken zogen durch seinen Kopf, bunte Bilder und Szenen, und er erinnerte sich an einen heißen und trockenen Sommer, der lange Zeit zurücklag. Für ihn würde er unvergesslich bleiben, denn es war der letzte fröhliche Sommer, den er erlebt hatte, bevor die trüben Tage heraufgezogen waren und alles überdeckt hatten, was einmal an Leben und Lebensfreude in ihm gesteckt hatten. Er roch das Gras einer grünen und saftigen Wiese, er roch das Wasser des nahen Weihers, an dem sie Stunden verbrachten und an dem der Tag nie enden wollte. Er sah ihr Gesicht, ihr Lachen, ihre roten Wangen, und er schmeckte ihre Tränen, die salzigen und bitteren Tränen. Nur die Kälte einer langen und bohrenden Einsamkeit war ihm geblieben.

Das Gesicht verblasste, löste sich auf, wurde heller und heller, bevor es endgültig die Konturen verlor. Er versuchte es festzuhalten, doch seine Mühe war vergebens, die Schwärze breitete sich aus und er fühlte die Schläge auf seinem Rücken, spürte den Gürtel, der auf seine nackte Haut niedersauste und blutige Striemen hinterließ und er fühlte den Hass, dieses unbändige Verlangen nach Rache, das ihn erstickte und in die Tiefe stürzte.

Er schlug die Augen auf. Sie fuhren an einem Einkaufsmarkt vorbei. Häuser säumten die Straße und er wusste, dass er angekommen war. Der Bus verlangsamte. Nur noch drei Fahrgäste saßen mit ihm im Fond. »Haltestelle Auricher Straße, Philosophenweg«, tönte es aus dem Lautsprecher und der Busfahrer stoppte.

Er griff nach seinem Rucksack und stieg aus. Ein junges Mädchen folgte ihm, schlug aber dann der Weg in das nahe Wohngebiet ein, während er an dem kleinen Wartehäuschen stehen blieb und dem roten Regiobus noch eine Weile nachschaute, bis der im Gewühl der Straßen verschwand.

Sein weiterer Weg führte ihn am Wall entlang, bis er auf eine alte Windmühle stieß. Er folgte dem Weg, vorbei an Tennisplätzen und der Windmühle, entlang des Kanals bis zum Roten Siel. Einen Augenblick blieb er auf der Brücke stehen und blickte in das trübe Wasser, ehe er weiterging und in der nahen Siedlung verschwand.

Ruhe brauchte er, Ruhe und Erholung.

Die alte Frau, die ihm die Tür öffnete, lächelte ihm freundlich zu. »Na, schönen Tag gehabt?«

Er nickte nur, bevor er über die Treppe in sein Zimmer ging, die Tür hinter sich schloss und sich seufzend auf das Bett fallen ließ.

6

Sie hießen Marten und bewirtschafteten den Sophienhof, der Luftlinie kaum mehr als einen Kilometer vom Tatort entfernt lag. Er hieß Onno und seine Frau Rieke. Trevisan schätzte sie nahe siebzig. Sie waren über das erneute Erscheinen der Polizei etwas verwundert, hatten sie doch bereits den Kollegen, die am frühen Morgen bei ihnen gewesen waren, erklärt, dass sie niemanden gesehen, geschweige denn eine verdächtige Wahrnehmung gemacht hätten. Beide hätten bis acht Uhr geschlafen und seien erst durch die Polizei wach geworden. Inzwischen hatte sich herumgesprochen, was auf dem Jakobshof geschehen war, und die Betroffenheit der Martens war unübersehbar. Sie baten Trevisan und seine Kollegin Lisa Bohm in ihre Stube und boten ihnen Platz an.

»Einen Tee, wenn ich fragen darf?«

Lisa schüttelte den Kopf, doch Trevisan stimmte zu, weil er genau wusste, wie man mit älteren Zeugen ins Gespräch kommen konnte und genau das hatte er vor. Denn wenn jemand etwas berichten konnte, das man bei einer Routinebefragung nicht erfuhr, dann war es meist die direkte Nachbarschaft, und das waren die Martens.

Während Rieke Marten in die Küche davoneilte, stopfte sich Onno eine Pfeife. »Das ist furchtbar, was da passiert ist«, nuschelte er. »Diese Welt wird immer grausamer.«

»Sie wohnen hier alleine?«

Er nickte, während er seine Pfeife anzündete. »Mein Sohn ist bei der Marine in Wilhelmshaven. Kommt nur alle paar Wochen. Jetzt kreuzt er mit seiner Fregatte im Mittelmeer, wegen der Flüchtlinge, kommt erst im Winter wieder.«

»Dann kümmern Sie sich alleine um den Hof?«

Der alte Mann zog an seiner Pfeife und blies den Rauch wie eine Lokomotive in die Luft. »Na, ein paar Hühner und ein paar Schweine. Kühe haben wir schon lange nicht mehr. Windräder stehen auf meinem Grund, war Peters Idee, das mit dem Windpark.«

»Und das läuft?«

»Na, bessert die schmale Rente ein wenig auf.«

Rieke Marten kehrte mit einer Kanne Tee und mehreren Tassen auf einem Tablett aus der Küche zurück. Sie nahm Onnos Streichhölzer und zündete die Kerze im Stövchen an, ehe sie die blauviolett geblümte Kanne darauf platzierte. »Das ist eine schlimme Sache mit den Habichs und auch die Dörte, das kann man gar nicht fassen.«

»Kannten Sie die Habichs näher?«

»Na, näher … näher nicht, wir sind Nachbarn. War ein komischer Kauz, der Alte«, seufzte Onno Marten. »Die kamen von drüben. Frauke kennen wir gut, war ’ne lütte Deern und spielte manchmal mit Peter, unseren Söhn. War tragisch, als Hinrich nicht mehr wiederkam. Ist auf See geblieben. War ein Unfall mit dem Kutter. Ging über Bord und ward nie mehr gesehen. Tja, was sich die See holt, dat gibt se nie mehr her.«

»Wie hat Sie ihren Mann eigentlich kennengelernt?«

»Rolf, den Habich?«, fragte Rieke und setzte sich, nachdem sie den Tee eingeschenkt hatte. »Die Lüü sagen, durch den Computer, da kann man andere Leute kennenlernen. War eine harte Zeit, das mit Hinrich. Der Hof, die Kühe und dann auch noch Dörte, das war ja auch nicht immer leicht. Hat lange gedauert, bis Frauke einen fand, der auch was vom Wirtschaften verstand.«

»Gab es in der Zeit auch andere Männer?«, fragte Trevisan.

Rieke schaute ihren Mann an, schließlich schüttelten beide den Kopf. »Nichts Ernstes«, sagte er, »einmal war da einer aus dem Süden, ich glaube, das war ein Schweizer. Drei Monate, dann hatte er die Nase voll, ist einfach weggelaufen und tauchte nie wieder auf.«

»Wie lange lebte Frauke alleine?«

»Ein paar Jahre werden es wohl gewesen sein.«

»Und dann kam Rolf Habich?«

»Ja, wurde auch Zeit. Der Hof, das hat nicht funktioniert. Sie war alleine und das Kind war keine Hilfe. Trieb sich herum, das Luder. Trug immer kurze Röcke und war grell geschminkt, wie ’ne Hafennutte.«

»Onno!«, maßregelte Rieke ihren Mann.

»Wir haben zusammen geholfen«, fuhr er fort. »Aber ging auf Dauer nicht. Ich habe ihr geraten, dass sie verkaufen soll, weg mit den Rindviechern und so, wie wir, da waren noch alle verrückt nach Baugrund für die großen Ventilatoren. Aber Frauke wollte nichts davon wissen. Sie hat weitergeschuftet und dann irgendwie Rolf kennengelernt.«

»Über das Internet.«

»Ja, wie sonst, wenn du Deerten hast, dann geiht dat nich, das du rauskannst, die wollen freten und Milch geben sie auch Tag für Tag.«

»Also war Rolf Habich eine Internet-Bekanntschaft?«

Onno nickte. »Leev war dat nich.«

»Also mehr eine Zweckheirat.«

Rieke nickte. »Von Liebe kann man nicht leben. Rolf war Bauer, früher mal bei den Russen, drüben. Er kannte sich aus mit dem Vieh und Frauke war nicht die schlechteste Partie. Nur Dörte, die war dagegen. Ist dann auch verschwunden. Auf die Inseln, arbeitete in einem Hotel. Zimmermagd und so.«

»Auf Nordeney, hörte ich. Aber jetzt war sie da.«

Onno nickte. »Kam immer mal wieder für ein paar Tage. Jetzt war sie schon zwei Wochen da. Man hört, das Hotel, in dem sie arbeitet, ist bankrott.«

»Ah … Wissen Sie, wo Dörte gearbeitet hat?«

Onno blickte seine Gattin fragend an.

»Dat hieß Seestern oder so ähnlich, hat mir Frauke mal erzählt.«

Trevisan nippte an seinem Tee. »Hatte Dörte einen Freund oder gab es mal jemanden, mit dem sie zusammen war?«

»Sie meinen … jemand, der so etwas tut?«, fragte Rieke.

»Ja, so meine ich das«, bestätigte Trevisan.

Rieke Marten schüttelte den Kopf. »Dörte war ’ne lütte Deern, als sie ihren Vater verlor. Junge Lüü sind in diesem Alter, wie soll ich sagen, steenpöttig. Deerns meist noch schlimmer als Pöökse. Sie hat sich rumgetrieben und nicht auf Frauke gehört. Frauke meinte, dass ihr Dörte beim Hof hilft, aber die dachte gar nicht daran. War wohl die Pubertät. Als Frauke dann mit Rolf zusammenkam, ist sie abgehauen, also nicht weggelaufen, das meine ich nicht. Aber sie wollte nicht zu Hause wohnen bleiben. Frauke hatte ihr nach der Schule einen Ausbildungsplatz als Altenpflegerin in Wittmund besorgt, doch da hat sie hingeschmissen. Sie meinte, das wäre nichts für sie. Die Stelle auf Norderney, da hat sie sich selbst beworben. Frauke war zuerst nicht damit einverstanden, aber schließlich meinte sie, dass Dörte ruhig versuchen sollte, auf eigenen Füßen zu stehen. Kurz nach der Heirat von Frauke ist sie ausgezogen. Anfangs kam sie selten, aber in den letzten Jahren war sie immer für ein paar Tage da. Rolf war gar nicht so schlimm, aber der Grootvadder, dat war nen olt Dodenvagel. Also ob Dörte auf Norderney jemand kennengelernt hat, das … dat weet ick nich.«

»Und Rolf Habich, was war er für ein Mensch?«

Onno zuckte mit der Schulter. »Anfangs redete er nicht viel, aber das … das änderte sich mit der Zeit, war ganz püük, der Keerl. Hat uns ab und zu geholfen, mit dem Trecker, wenn zu mähen war.«

»Kann es sein, dass er Feinde hatte?«

»Fiend?«, wiederholte Onno Marten. »Nee, dat glov ick nich. War ein angenehmer Mensch, wenn man ihn näher kannte. Sein Vater war da anders, wusste alles besser und war dauernd am Dibbern, dat passte nich, dat war mies. Ick ging em aus em Weg.«

»Ja, der Alte, dat war keen Feiner«, bestätigte Rieke.

»Frauke kannten Sie schon seit ihrer Kindheit?«

Rieke nickte. »Ja, ist da aufgewachsen und geblieben, hat immer auf dem Hof mitgearbeitet. Ihre Mutter war oft krank und gebrechlich. Frauke hat gekocht, geputzt und sich auch noch um die Tiere gekümmert. Hinrich war aus Hohenkirchen. Hat immer die Milch geholt mit seinem Laster, so kamen sie zusammen.«

»Und wie war das mit seinem Unfall?«

»Half dem alten Grotje auf dem Kutter, fuhren von Harlingersiel raus auf Krabben«, erzählte Onno. »Hat sich da was zuverdient, konnte ja gut anpacken, der Hinrich. War stürmisch an dem Tag, aber Grotje meinte, dat Schietwetter wird vorbigahn, hat sich getäuscht, der Alte. War vor Mellum am Roten Sand, een himmelhogen Duenung, kam ’ne Bülgen querab und Hinrich ging ins Fohrwater, musst versupen, de Sünner.«

»Sie haben ihn nicht mehr gefunden«, fügte Rieke hinzu. »War ein Unfall, sein Haken war lädiert und hat ihn nicht gehalten.«

»Haken?«, fragte Trevisan.

»Bei Sturm, die Sturmleine, damit man nicht über Bord geht.«

Trevisan griff erneut zur Teetasse. Während seine junge Kollegin nur nippte, nahm er einen kräftigen Schluck. »Warum ist der Skipper bei dem Sturm nicht in den Hafen zurückgekehrt?«

Onno runzelte die Stirn. »Dat ist nich einfach, bei Schietwetter in den Haven inlopen. Wollte abwettern beim Roten Sand.«

Trevisan verstand, was Onno damit meinte. Manchmal war es besser, auf der See zu bleiben, das Schiff richtig zu positionieren und den Sturm einfach abzuwarten. »Gab es damals eine Untersuchung?«

Rieke nickte. »Die Küstenwache ist gekommen, war ein Unfall, der alte Grotje konnte da nichts für. Hat aber nichts genutzt, der Gute ist drei Wochen später gestorben, Herzinfarkt.«

Trevisan stellte die Tasse ab. »Tja, ich glaube auch nicht, dass diese Geschichte etwas mit den Morden auf dem Jakobs­hof zu tun hat. Könnte es sein, dass der alte Mann, Rolf Habichs Vater, sich mit jemandem aus der Gegend überworfen hat?«

Onno lachte und schüttelte den Kopf. »Den ollen Gnadder­kopp nahm eh niemand für voll.«

»Haben Sie in den letzten Tagen jemanden beobachtet, der sich für den Jakobshof interessiert und hier herumschlich, einen fremden Wagen, einen Radfahrer oder einen Touristen?«

Onno schüttelte den Kopf. »Nee, hier war niemand, alles wie immer.«

Trevisans Teetasse war leer und Rieke wollte noch einmal nachschenken, doch er lehnte ab und warf einen Blick auf die Armbanduhr. Es war kurz nach vier. »Tja, es wird Zeit«, sagte er zu seiner Kollegin und erhob sich. »Danke, Sie haben uns sehr geholfen.«

»Keine Ursache«, antwortete Rieke Marten. »Nur, müssen wir uns fürchten, dass der Bekloppte noch hier rumläuft?«

Trevisan lächelte. »Nein, das glaube ich nicht. Wir glauben, dass der Täter gezielt den Jakobshof aufsuchte. Aber trotzdem ist es ratsam, abzuschließen.«

Während Onno auf seinem Sessel sitzen blieb und genüsslich an seiner Pfeife zog, führte Rieke Marten ihre Gäste hinaus. Auf der Schwelle zum Flur wandte Trevisan sich noch einmal um. »Ach – hat Rolf Habich Ihnen erzählt, woher er kommt?«

»Hat er wohl«, bestätigte Onno. »Irgendwo in Sachsen, hab es aber vergessen.«

»Redete er nicht dauernd vom Erzgebirge?«, fragte Rieke.

»Kann sein.«

Trevisan bedankte sich noch einmal für den Tee und verließ zusammen mit Lisa Bohm das Haus.

»Dafür, dass sie eigentlich nicht viel über ihre Nachbarn wissen, haben sie eine ganze Menge über sie erzählt«, bemerkte Lisa, als sie auf dem Beifahrersitz des Dienstwagens Platz nahm.

»Ja, so etwas erfährt man nur, wenn man sich Zeit zum Plaudern nimmt«, bestätigte Trevisan. »Schade nur, dass sie nichts im Vorfeld beobachtet haben, das uns weiterhilft. Aber der Schlüssel zur Lösung des Falles liegt eindeutig im persönlichen Bereich der Opfer.«

»Was tun wir als Nächstes?«

Trevisan startete den Wagen. »Wir haben vier Opfer, jedes kann Auslöser der Tat gewesen sein. Eifersucht und verschmähte Liebe, Neid, abgrundtiefer Hass aus irgendeinem Grund.«

»Sie meinen die Tochter?«

»Ich bin übrigens Martin«, sagte er. »In meinem Team sprechen wir uns mit Vornamen an, schließlich müssen wir gut zusammenarbeiten und ich finde, die lockere Anrede trägt dazu bei.«

»Lisa«, entgegnete die junge Kollegin mit einem Lächeln.

»Also, Lisa, was schlägst du vor?«

Lisa hakte den Sicherheitsgurt ein. »Die Martens haben es schon gesagt, wenn wir mehr über das Mädchen erfahren wollen, dann müssen wir nach Norderney.«

Trevisan nickte. »Ja, aber zuerst fahren wir zurück auf die Dienststelle, die Verstärkung ist da. Monika hat mir eine SMS geschickt.«

7

Zehn Kolleginnen und Kollegen hatte Thorke Oselich in der Eile zusammengetrommelt. Trevisan war überrascht, als er zusammen mit Lisa Bohm den Besprechungsraum im zweiten Stock des Dienstgebäudes betrat. Monika Sander stand wie eine Lehrerin an der Stirnseite vor dem langen Tisch, wo an einer Pinnwand inzwischen Landkarten des Bezirks Skizzen und Tatortfotografien angeheftet waren, und erklärte den Anwesenden, was in den heutigen Morgenstunden auf dem Jakobshof unweit der Küste geschehen war.

»Oh, hallo, Martin«, sagte sie verlegen. »Ich habe schon mal angefangen, damit alle auf dem gleichen Stand sind. Ich hoffe, das ist für dich okay. Ich wollte dir nicht vorgreifen.«

Er lächelte. Mit Monika hatte er lange Jahre zusammengearbeitet und damals war daraus etwas wie eine Freundschaft entstanden. Jeder wusste, dass er sich auf den anderen verlassen konnte, doch die lange Zeit der Abwesenheit hatte Spuren hinterlassen und Monika schien unsicher, wie sie mit seiner Rückkehr auf die Dienststelle umgehen sollte.

Trevisan trat an ihre Seite und tätschelte freundschaftlich ihre Schulter. »Monika, ich bin immer noch der gleiche Kerl, der damals weggegangen ist«, flüsterte er ihr zu. »Und solltest du feststellen, dass ich mich zum Nachteil verändert habe, dann sag es mir bitte.«

Sie nickte. Während sich Trevisan einen Platz am Tisch suchte, fuhr Monika mit der Einweisung der Kolleginnen und Kollegen fort. Zehn Minuten später kam sie zum Ende und erteilte Trevisan das Wort.

»Danke, Monika.« Er erhob sich und trat vor die Pinnwand. »Ich bin Martin Trevisan, heute ist mein erster Arbeitstag auf dieser Dienststelle und offenbar geht es schon gut los.«

Alle schmunzelten.

»Wir bilden zusammen die Sonderkommission Jakobshof und wir haben viel zu tun, denn wir müssen detailliert den Lebensweg der Mordopfer nachvollziehen«, erklärte er. »Irgendwo werden wir, da bin ich mir sicher, auf eine Verbindung zwischen dem Täter und den Opfern stoßen. Allerdings ist das nicht ganz so einfach, denn nur die weiblichen Opfer stammen von hier. Die beiden Männer lebten zuvor in der ehemaligen DDR und sind erst vor fünf Jahren hier in die Gegend gezogen, was uns die Sache erheblich erschwert.«

»Raubmord können wir ausschließen?«, fragte eine junge uniformierte Kollegin, die zum hiesigen Revier gehörte.

Trevisan zeigte auf die Pinnwand. »Definitiv ausschließen können wir leider nichts, aber sagen wir, es gibt eine deutliche Tendenz. Fest steht, es wurde augenscheinlich nichts geraubt und auch nichts entsprechend durchsucht. Die Vorbereitung des Täters deutet eher nicht in diese Richtung. Wir werden uns aufteilen müssen. Eine Gruppe wird sich intensiv der Nachbarschaft, den örtlichen Behörden und den städtischen Einrichtungen widmen, den Vereinen, den Kirchen und der Gemeindeverwaltung. Die andere Gruppe wird dem Lebensweg der Opfer vom Todestag bis zur Geburt folgen. Monika, ich hätte gerne, dass du diese Gruppen von hier aus koordinierst und die Erkenntnisse entsprechend zusammenführst. Eike widmet sich zusammen mit Verena der Netzrecherche, Internet, Facebook, Communitys – eben alle Aktivitäten im Web, soweit diese nachvollziehbar sind.« Es klopfte an der Tür. »Herein!«

Paul Krog von der Spurensicherung betrat den Raum. »Wir sind draußen am Tatort und dem Fundort der Tatwaffen so weit fertig.«

»Und die Computer?«, fragte Trevisan.

»Es gab einen PC im Arbeitszimmer und den Laptop der Tochter. Wir haben alles eingepackt und bringen es der IT-Abteilung zur Auswertung.«

»Alles klar, dann suchen Sie sich einen Platz, Kollege.«

»Aber ich … Wir würden uns jetzt auf den Weg zurück …«

»Nach Oldenburg?«

»Klar.«

Trevisan schüttelte den Kopf. »Ich halte nichts von räumlicher Trennung. Am Ende kriegen wir von euch dann einen Bericht und das war’s … Nein. Ich denke, es ist viel besser, wenn jemand von der Spurensicherung direkt der Sonderkommission angehört, kein Telefonat kann ein persönliches Gespräch ersetzen. Außerdem ist es denkbar, dass wir hin und wieder Ihre Hilfe benötigen, da wäre ein Team vor Ort schon eine Bereicherung, finden Sie nicht auch?«

»Das ist aber so nicht vorgesehen«, entgegnete Krog. »Wir sind fertig hier und machen uns auf unserer Dienststelle an die Auswertung, das ist der normale Weg. Der Rest folgt schriftlich.«

Trevisan atmete tief ein. Von einer solchen Regelung hielt er nicht viel, denn Polizeiarbeit ließ sich nicht auf das Pinseln von Berichten und das Führen von Telefonaten reduzieren. Da sie nicht allein waren, vermied er jedoch eine Auseinandersetzung mit dem jungen Kollegen aus Oldenburg, der ihm seit der ersten Begegnung unsympathisch war. »Okay, dann gute Heimreise erst einmal. Den Rest kläre ich mit Ihrer Dienststelle.«

Krog nickte stumm und wandte sich um. Trevisan wartete, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte.

»Tja, wir hatten eine Reform, schon vergessen?«, seufzte Monika. »Wilhelmshaven ist jetzt nur noch ein kleiner und unbedeutender Ableger vom großen Oldenburg. Wer was werden will, der muss in die Zentrale.«

»Dann sind wir mal froh, dass aus uns schon was geworden ist«, scherzte Trevisan.

Sie waren noch eine ganze Stunde damit beschäftigt, die Teams einzuteilen und die Aufgaben zuzuordnen. Trevisan war froh, dass Monika ohne Murren die Koordination übernahm, denn er wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte. Er selbst nahm sich vor, zusammen mit Lisa Bohm das Leben der männlichen Mordopfer zu durchleuchten, wobei eine Zusammenarbeit mit den Kollegen aus Sachsen wohl unvermeidbar war. Denn wie Monika inzwischen festgestellt hatte, waren Christian und Rolf Habich vor fünf Jahren aus einer kleinen Gemeinde namens Jöhstadt nahe der tschechischen Grenze ins Wangerland gekommen.

»Jöhstadt«, wiederholte Trevisan, als er sich mit Monika auf dem Flur unterhielt. »Habe ich noch nie gehört, wo liegt das?

»Das ist eine kleine Stadt im Erzgebirge, das Polizeirevier von Annaberg-Buchholz ist dafür zuständig.«

»Annaberg habe ich schon mal gehört.«

»Das liegt im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Chemnitz, etwa vierzig Kilometer südlich davon.«

Trevisan kratzte sich am Kinn. »Gut, da rufe ich morgen an. Was wir noch tun könnten, wäre eine Erkenntnisanfrage an alle Landeskriminalämter und das BKA, vielleicht gibt es unaufgeklärte Fälle mit ähnlichem Modus operandi.«

»Gute Idee, mache ich gleich, außerdem müssen wir die Staatsanwaltschaft noch informieren. Ich habe schon mal etwas zusammengeschrieben, du kannst es dir ja anschauen.«

Thorke Oselich trat durch die Schwingtür. »Hallo, Herr Trevisan, auf ein Wort.«

Trevisan entschuldigte sich bei Monika und führte die Direktorin in sein Büro, in dem noch immer seine Kartons mit den persönlichen Utensilien auf dem leeren Schreibtisch standen. Zum Auspacken war er noch nicht gekommen.

»Die Presse macht uns die Hölle heiß«, seufzte Thorke Oselich. »Zuerst waren es nur der Wangerlandbote und die Wilhelmshavener Nachrichten, aber jetzt kommen auch noch Anfragen von Bild und von RTL, die wollen wissen, was da passiert ist.«

Trevisan zuckte mit der Schulter. »Wir schreiben den üblichen Pressebericht und verweisen an die Pressestelle in Oldenburg.«

»Ich fürchte, das wird nicht reichen«, entgegnete die Direktorin. »Der Präsident hat auch schon angerufen und Hamann von der Pressestelle meint, das wäre alleine unsere Sache, er unterstützt uns, aber die Pressekonferenz wäre unsere Angelegenheit. Überdies sitzt mir Oberstaatsanwalt Lüderboom im Nacken, der ist politisch engagiert, das ist nicht so einfach.«

»Politisch, wie soll ich das verstehen?«

»Der kandidiert für den Landtag im nächsten Jahr und will unbedingt Karriere machen, Da kommt ihm ein solcher Fall gerade recht, verstehen Sie.«

»Ja, ich verstehe. Vier Menschen sind heute bestialisch ermordet worden und das soll nicht umsonst gewesen sein. So etwas kann man nutzen, wenn es weiterhilft.«

Thorke Oselich zuckte die Schultern. »Tja, so ist es eben, aber Lüderboom ist eigentlich ganz brauchbar. Hamann schlägt eine Pressekonferenz morgen früh um elf Uhr vor. Sie, ich, Lüderboom und er. Wir sollten uns genau abstimmen, was wir herausgeben können.«

»Okay, dann treffen wir uns morgen um zehn zur Besprechung, schlage ich vor.«

Sie nickte erleichtert. »Zehn Uhr, ich gebe Lüderboom Bescheid und hoffe, dass Ihnen die zusätzlichen Kräfte ausreichen, mehr können wir derzeit nicht abstellen. Wir sind nur eine kleine Dienststelle, ansonsten müsste ich Oldenburg um Unterstützung ersuchen.«

»Danke, ich denke, wir kommen klar«, entgegnete Trevisan. »Eine kleine Sache wäre da allerdings noch. Aufgrund meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es Sinn macht, ein Team der Spurensicherung in die Soko zu integrieren. In der Vergangenheit hatten wir mehrfach Bedarf an Spezialisten und wenn ich dann jedes Mal warten muss, dass jemand aus Oldenburg hier heraufkommt, dann ist das … sagen wir: kontraproduktiv.«

Thorke Oselich fuhr sich durch ihre langen blonden Haare. »Uns ist die volle Unterstützung zugesichert, ich denke, da kann ich etwas für Sie tun.«

An seinem ersten Arbeitstag auf der neuen Dienststelle wurde es spät. Nach dem Bericht an die Staatsanwaltschaft und der Erkenntnisanfrage an das BKA und die anderen Polizeidienststellen verabschiedete sich Trevisan kurz nach zehn Uhr von Monika Sander. Eine halbe Stunde später traf er müde und ausgelaugt auf dem Peerenhof bei Horumersiel ein. Im Atelier brannte noch Licht. Lea war mit einer neuen Skulptur beschäftigt, eine Auftragsarbeit für eine Kirche in Aurich.

»Na, mein Großer«, empfing sie ihn mit farbverschmierten Händen und hauchte ihm einen zärtlichen Kuss auf die Wange. »Dir scheint es auf deiner neuen Dienststelle so gut zu gefallen, dass du gar nicht mehr nach Hause kommen willst.«

Trevisan erzählte ihr von dem Mord an den Bewohnern des Jakobshofes und wies auf die Tür. »Ich fände es gut, wenn du künftig abschließen würdest.«

»Oh, macht er sich Sorgen um mich«, scherzte Lea und wies auf das abstrakte Gebilde. »Wie gefällt dir übriges Lambertus, ist er nicht schön geworden?«

»Wer ist Lambertus?«

»Der Schutzheilige der Lambertikirche.«

»Oh«, brummte Trevisan. »Hätte ich fast nicht wiedererkannt. Bist du schon fertig?«

»In einer halben Stunde.«

»Dann gehe ich jetzt noch kurz mit dem Hund raus und anschließend sollten wir ein Glas Wein zusammen trinken, schließlich bin ich wieder zu Hause, das ist doch ein Grund zum Feiern.«

*

Polizeikommissarin Ohlstedt bremste den Streifenwagen ab und fuhr an den Straßenrand. Ihr Kollege, der auf dem Beifahrersitz gedöst hatte, erwachte und wischte sich die Müdigkeit aus den Augen. In der Dunkelheit sah er sich um.

»Was ist los, wo sind wir?«, fragte er benommen.

»In Hohenkirchen an der Kläranlage«, entgegnete die junge Kollegin.

Er richtete sich auf. »Was ist, weshalb hältst du?«

»Da liegt was.« Sie griff nach ihrer Taschenlampe.

Im Scheinwerferlicht des Streifenwagens erkannte er einen Schutthaufen, der mitten auf einem geschotterten Platz abseits des Feldweges lag. »Warte!« Auch er griff nach seiner Taschenlampe.

Gemeinsam verließen sie den Streifenwagen und gingen auf den Schutthaufen zu. Im Lichtkegel der Taschenlampe reflektierte ein gelbes Licht.

»Das ist ein Fahrrad«, sagte die Kollegin. Hinter dem Schutt vor einem Gebüsch zwischen den angrenzenden Feldern lag ein rotes Damenrad.

»Du hast gute Augen«, lobte der Kollege die junge Beamtin.

»Ich habe es gesehen, als ich um die Kurve gefahren bin.«

»Wenn das nicht das gesuchte Rad dieses Mörders ist«, murmelte der Polizist. Er untersuchte es und fand am unteren Teil des Rahmens eine Nummer. Er vermied es, das Rad zu berühren. »0335572, würde ich sagen.«

»Oder 75 am Ende«, fügte seine Kollegin hinzu.

»Warte kurz, ich frage die Datenstation.« Er ging zurück zum Streifenwagen und griff zum Funkhörer. Einen Augenblick später beugte er sich aus dem Wagen. »Was ist es für eine Marke?«, rief er ihr zu.

»Winora, Domingo, sechsundzwanzig Zoll und eine Ketten­schaltung von Shimano.«

Der Kollege zog sich in den Streifenwagen zurück. Nach kurzer Zeit tauchte er wieder auf. »Bingo. Das Rad wurde vorgestern in Jever gestohlen. Würde mich nicht wundern, wenn es dem Mörder vom Jakobshof gehört.«

»Was machen wir nun?«

»Wir sollen hier warten. Sie schicken jemanden vom Kriminaldauerdienst und einen Bus.«

Es dauerte beinahe eine Stunde, bis die Kollegen eintrafen. Wortlos musterten sie das Fahrrad. Als kurz darauf ein VW-Bus eintraf, beratschlagten sie, was zu tun war.

»Wir nehmen es einfach mit auf die Dienststelle«, schlug einer vor.

»Das wird den Leuten von der Soko gar nicht gefallen.«

»Wieso?«

»Hier könnten überall Spuren sein, auch das Fahrrad ist ein Spurenträger.«

»Was willst du tun?«

»Ich rede mit dem Schichtführer.« Der Kollege vom KDD zog sein Handy hervor. Er ging ein Stück abseits, ehe er nach kurzer Zeit wieder auftauchte. »Großräumig abriegeln und nichts verändern. Die Spurensicherung kommt.«

»Aus Oldenburg?«

»Ja, die brauchen etwa zwei Stunden, bis sie hier sind.«

8

Freitag

Als Trevisan kurz nach acht Uhr auf die Dienstselle kam, saß Monika Sander bereits am Schreibtisch.

»Guten Morgen, Martin. Eine Streife hat in der Nacht ein Fahrrad gefunden. Gerade mal drei Kilometer vom Tatort entfernt. Es wurde vor drei Tagen in Jever vor einem Super­markt gestohlen und könnte vom Täter benutzt worden sein.«

»Wo ist das Rad jetzt?«

»Unten in der Garage. Dein Lieblingskollege von der Spuren­sicherung ist da und kümmert sich darum.«

»Krog?«

Monika lächelte. »Sie haben ihn mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt. Er bleibt jetzt übrigens hier, zumindest für eine Woche, hat er erklärt. Er hält es für besser, wegen der räumlichen Nähe zum Tatort und so, du verstehst.«

»Ah ja, interessant. Gibt es sonst noch was?«

»Ja, da liegt eine Bushaltestelle in Hohenkirchen, nur ein paar hundert Meter entfernt. Ich habe mit dem Verkehrsverbund Ems Jade telefoniert. Die fahren die Linie dreimal am Tag. Ich habe den Namen des Fahrers der Mittagstour. Er ist jetzt erst einmal unterwegs und meldet sich bei uns, sobald seine Tour beendet ist.«

»Gut gemacht, Monika. Wohin fährt der Bus von Hohenkirchen aus?«

»Der fährt von Wilhelmshaven über Jever, Carolinensiel, Wittmund und Aurich hinunter nach Emden.«

Trevisan versuchte sich den Weg bildlich vorzustellen. »Dann könnte der Kerl jetzt überall in der Gegend sein.«

»Ja, das ist wohl wahr. Lisa ist übrigens mit Eike unterwegs. Sie überprüfen da etwas, auf das Eike im Internet gestoßen ist. Und außerdem hat die Gerichtsmedizin schon kurz vor acht angerufen. Die Obduktion der Leichen ist für heute Mittag vorgesehen. Dreizehn Uhr.«

»Gut, das lässt sich einrichten. Die Pressekonferenz wird wohl bis dahin zu Ende sein. Sind die Teams schon unterwegs?«

»Drei Teams klappern die Nachbarschaft ab und ein Team ist unterwegs nach Norderney zu diesem Hotel Seestern.«

»Wen hast du geschickt?«

»Lentje und Olaf von der Fahndung.«

»So wie die Martens gestern andeuteten, könnte die junge Frau ein klein wenig durchtrieben gewesen sein. Da wäre es gut, wenn man sich ihr Leben mal ein klein wenig näher betrachtet.«

»Da kann ich dich beruhigen, Lentje Kaplani ist genau die Richtige dafür.«

»Schön, dann gehe ich mal in mein Büro, vielleicht komme ich heute dazu, meine Habseligkeiten auszupacken.«

»Glaube ich nicht, Thorke Oselich will dich sehen. Sie ist ganz schön nervös wegen der Pressekonferenz.«

»Ach ja«, seufzte Trevisan. »Dann gehe ich mal zu ihr und versuche sie zu beruhigen.«

Er ließ sein Zimmer links liegen und klopfte an die Bürotür der Direktorin.

»Ach, gut, dass Sie da sind, Herr Trevisan, wir sollten besprechen, was wir heute den Journalisten alles sagen.« Sie war sichtlich erleichtert, dass er endlich aufgetaucht war.

»Sollten wir nicht auf den Staatsanwalt warten?«

»Ich möchte mich gerne zuvor mit Ihnen beraten, bevor wir da unterschiedlich auftreten. Wissen Sie, Kollege Trevisan, all zu oft kommt so etwas bei uns nicht vor.«

Trevisan nahm auf dem ihm zugewiesenen Stuhl Platz. Thorke Oselich sah ein klein wenig übernächtigt aus, was ihr überhaupt nicht gut zu Gesicht stand. Wahrscheinlich hatte sie vor lauter Aufregung die halbe Nacht nicht geschlafen. Sie wollte sich das allerdings in keiner Weise anmerken lassen.

Sie entspannte sich erst, als Trevisan ihr durch die Blume Entlastung anbot. »Ich denke, ich sollte als Sachbearbeiter mit der Presse sprechen, denn wir dürfen nicht zu viel preisgeben und müssen eine deutliche Grenze ziehen.«

»Ja, ja … Das … finde ich auch«, erklärte die Direktorin, sichtlich erleichtert.

»Ich will natürlich niemandem die Show stehlen und der Staatsanwalt wird sicherlich auch ein paar Worte zu sagen haben, aber grundsätzlich halte ich das für den gangbaren Weg, bevor Fragen auftauchen, auf die wir keine Antworten geben können.«

»Ja, da haben Sie recht, Kollege Trevisan«, bestätigte die Frau eifrig. »Außerdem ist es an der Zeit, ich denke, und so halte ich es mit allen Mitarbeitern, wir sollten einen offenen Umgang miteinander pflegen. Deswegen bevorzuge ich das Du und die Vornamen, natürlich nur, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich bin Thorke.« Sie streckte ihm die Hand entgegen.

Er ergriff sie. »Martin.«

»Gut, dann ist das ja geklärt. Gibt es Neuigkeiten, ich meine, außer dem Fund des Fahrrades?«

Trevisan lächelte. »Krog von der Spusi hat beschlossen, ein paar Tage hierzubleiben.«

*

Lentje Kaplani war eine wunderschöne Frau mit langen, seidigen pechschwarzen Haaren, die im Wind der wilden See hin und her schwangen. Sie war die Tochter eines iranischen Vaters und einer friesischen Mutter, eine Mischung aus Schönheit und Intelligenz, wie sie selbst immer zu sagen pflegte, und arbeitete seit fünf Jahren bei der Kriminalpolizei in Wilhelmshaven. Ihre vorwiegende Aufgabe waren Kapitaldelikte im sexuellen Bereich wie Vergewaltigungen, sexuelle Nötigungen und Kinderpornographie. Doch diesmal war sie Teil einer Sonderkommission, die den brutalen Mord an einer ganzen Familie aufzuklären hatte. Sie hatte sich akribisch in den Fall eingelesen, denn sie spielte zwar schon lange mit dem Gedanken, ihren Fachbereich zu wechseln, bislang hatte sich aber noch nicht die Möglichkeit ergeben und zu Bloom, Trevisans Vorgänger, hatte sie kein allzu gutes Verhältnis gehabt. Trevisan war eine neue Chance für sie, außerdem eilte ihm ein ausgezeichneter Ruf voraus.

Nachdem die Frisia-Fähre im Hafen von Norderney angelegt hatte, fuhren sie in den Nordteil der Insel, wo sich unweit der Marienhöhe das Hotel Seestern befand. Ein mehrstöckiger weißer Bau mit mehreren Flügeln, der an ein englisches Landhaus erinnerte.

»Dann wollen wir mal!«, sagte Olaf Schönborn, Lentjes Kollege, als er den Dienstwagen auf dem Parkstreifen direkt vor dem Hotel parkte.

An der Rezeption zeigten sie der jungen Frau hinter dem Empfang ihre Dienstausweise. »Wir würden gerne mit dem Geschäftsführer sprechen.«

Die junge Frau reagierte ein klein wenig erschrocken. »Ist es wegen Gavin?«

»Gavin?«, wiederholte Lentje fragend.

»Ja, Gavin Eriksdorf, aber der arbeitet nicht mehr hier.«

»Ja, unter anderem«, entgegnete Lentje, während Olaf ihr einen fragenden Blick zuwarf. »Sie sind später noch hier?«

Die junge Angestellte nickte. »Ich habe gegen zwölf Pause.«

»Alles klar, kann sein, dass wir auch noch mit Ihnen sprechen müssen.«

Ein paar Minuten später wurden Lentje und Olaf so diskret wie möglich in das Büro der Geschäftsleitung geführt. Mia Bröder, Geschäftsführung, stand auf dem Türschild des geräumigen Büros im Erdgeschoss. Einen herrlichen Ausblick auf die Nordsee und den Strand gab es von diesem Zimmer aus. Mia Bröder war eine Frau mittleren Alters mit streng zurückgekämmten Haaren, die zu einem Dutt zusammengesteckt waren. Sie trug ein perfekt sitzendes blaues Kostüm und wirkte auf Lentje wie die Gouvernante eines blaublütigen Herrschaftssitzes.

»Die Polizei«, sagte die Frau erstaunt, nachdem Lentje sich vorstellt hatte. »Wir haben doch schon alles angegeben.«

»Wir sind wegen Dörte Henner hier.«

»Dörte, was ist mit ihr?« Die Geschäftsführerin bot den beiden Polizisten Platz an.

»Es tut mir leid, Dörte Henner ist tot«, entgegnete Lentje. »Sie wurde umgebracht.«

»Von Eriksdorf?«

»Was ist mit Eriksdorf?«

»Na, wegen ihm hat doch der ganze Schlammassel hier angefangen. Wir sind ein gutes Hotel und haben einhundert­achtzig Betten. Die Leute kommen gerne zu uns, aber dass die Polizei bei uns ein- und ausgeht, das ist unmöglich. Unsere Gäste wollen sich erholen und abschalten, sie wollen keine Spürhunde hier herumlaufen sehen.«

Lentje warf ihrem Kollegen einen vielsagenden Blick zu. »Vielleicht sollten Sie uns das einmal von Anfang an erklären.«

»Also gut«, seufzte die Frau und strich sich ihren Rock zurecht. »Eriksdorf war bei uns angestellt. In der Küche. Vor etwa einem Monat tauchten dann Ihre Kollegen bei uns auf. Eriksdorf wurde in Holland festgenommen, wegen Rauschgiftschmuggel, aber er ist dort entkommen, deswegen haben Ihre Kollegen ihn hier gesucht. Sie haben alles auf den Kopf gestellt. Sie glauben gar nicht, wie peinlich uns das war. Wir können nichts für unsere Angestellten. Und dann auch noch dieses Rauschgift bei uns im Haus.«

Lentje horchte auf. »Rauschgift, hier im Hotel?«

»Ja, sie haben es in Dörtes Zimmer gefunden. Das war ein ganzes Paket. Am… Am… Amph…«

»Amphetamin!«

»Ja, genau.«

Lentje zückte ihren Notizblock. »Wie haben Sie reagiert?«

Mia Bröder fasste sich an die Nase. »Ich habe Dörte natürlich zur Rede gestellt, aber sie wollte nichts davon wissen. Ich habe sie selbstverständlich sofort hinausgeworfen. So etwas geht nicht.«

»Wieso wurde das Rauschgift bei ihr im Zimmer gefunden, wenn doch Eriksdorf verdächtigt wird?«, mischte sich Olaf Schönborn ein.

»Na, sie und Eriksdorf waren doch zusammen«, entgegnete Frau Bröder. »Da kann sie mir doch nicht einfach frech ins Gesicht lügen. Natürlich wusste sie Bescheid.«

»Wann war das?«, fragte Lentje.

»Vor vierzehn Tagen, etwa.«

»Und wie hießen unsere Kollegen, die hier bei Ihnen waren?«

Mia Bröder öffnete die Schublade ihres Schreibtisches und kramte darin, ehe sie eine Visitenkarte hervorzog. »Kriminal­hauptkommissar Maier, Landeskriminalamt Hannover, Dezernat 3.« Sie reichte Lentje die Visitenkarte, die die Daten darauf in ihrem Block notierte. »Ich weiß ja, dass Sie nichts dafür können und nur Ihre Arbeit machen. Aber ich versuche hier ein Hotel zu führen und das alleine ist schon schwierig genug.«

»Das war ein ganzes Paket mit Rauschgift?«, fragte Lentje.

Mia Bröder nickte eifrig. »Ja, Ihr Kollege meinte, das kostet zwanzigtausend Euro, das Giftzeugs.«

Lentje runzelte die Stirn. »Er hat Dörte nicht festgenommen?«

»Sie musste mit aufs Festland, aber am Abend war sie wieder hier. Sie sagte, sie hätte nichts damit zu tun, aber das nehme ich ihr nicht ab. Die hat genau gewusst, was ihr sauberer Freund treibt. Ständig ist sie in neuen Klamotten herumgelaufen. Ich weiß, was so etwas kostet. Von dem Gehalt, das sie hier verdiente, konnte sie sich das nicht leisten. Um Gottes willen, nicht, dass wir schlecht bezahlen, aber das war lauter so Designerzeugs, da kostet alleine schon eine Jeans dreihundert Euro. Ich weiß das von meiner Tochter, die hat manchmal auch so komische Ideen. Sie sagt, das ist von Posen oder so ähnlich, irgendein wirrer Schneider, der es mit der Schere zu bunt treibt.«

Olaf warf der Geschäftsführerin einen fragenden Blick zu. »Und dann ist Dörte abgereist?«

Die Frau nickte. »Ja, das ist sie, sie hat geheult, aber das waren bestimmt nur Krokodilstränen. Haben Sie Eriksdorf schon gefasst?«

Lentje schüttelte den Kopf. »Nein, leider nicht, ich dachte, Sie könnten uns weiterhelfen.«

»Ich? Wieso ich? Na ja, wenn er hier in der Saison arbeitete, dann hat er hier gewohnt, im Gästehaus B, so wie alle Angestellten vom Festland, aber eigentlich kommt er aus Emden. Hat er Dörte etwas angetan?«

Olaf winkte ab. »Das wissen wir noch nicht. Wann war er das letzte Mal hier?«

»Vor vier Wochen, dann hatte er eine Woche Urlaub, da ist er nach Rotterdam gefahren und da haben ihn Ihre holländischen Kollegen erwischt, als er das Zeugs im Hafen kaufen wollte. Er ist geflüchtet, wurde uns gesagt.«

»Und seitdem haben Sie ihn nicht mehr gesehen?«

»Richtig.«

»Gut, wenn er auftaucht …«

»Ja, dann soll ich anrufen, das hat mir Ihr Kollege bereits gesagt.«

Nachdem Lentje und Olaf das Zimmer der Geschäftsführerin verlassen hatte, ging Lentje noch einmal auf die junge Frau hinter dem Tresen zu und wartete, bis sie einen Kunden abgefertigt hatte. »Sie wissen über Dörte und Eriksdorf Bescheid?«

»Dass sie zusammen waren, meinen Sie?«

»Kannten Sie Dörte gut?«

»Tja, was man so kennen nennt unter Kollegen. Weshalb fragen Sie?«

»Dörte ist tot, sie wurde umgebracht, gestern im Haus ihrer Eltern.«

Erschrocken schlug die junge Frau die Hände vor das Gesicht. »Das ist ja furchtbar, hat Gavin etwas damit zu tun?«

»Das frage ich Sie.«

Die junge Angestellte blickte zu Boden. Sie wirkte erschüttert. »Nein, das glaube ich nicht, Gavin ist … Ich … Dörte ist an allem schuld. Sie ist eine Hexe. Einmal hat sie gesagt, dass sie nicht ewig den Leuten hinterherräumen will, dass sie eines Tages diejenige sein wird, die sich von vorne bis hinten bedienen lässt. Sie hat Gavin nur ausgenutzt. Er war … Er hat … Er war ein anständiger Kerl.«

»Was macht Sie so sicher?«

»Ich … ich war … Sie … Dieses falsche Luder … Sie hat …«

»Sie waren zuerst mit Gavin zusammen, richtig?«, fiel ihr Lentje ins Wort.

Eine Träne kullerte über die Wange des Mädchens. »Ja«, sagte sie mit erstickter Stimme. »Sie hat ihn mir ausgespannt. Erst dann hat es mit den Drogen angefangen. Sie hat ihn dazu gebracht. Sie hat ihn bestimmt auch nach Holland geschickt, um Nachschub zu kaufen.«

»Das wissen Sie oder das glauben Sie?«

»Ich weiß es«, entgegnete die Angestellte bestimmt.

»Dann wussten Sie auch von dem Drogenhandel?«

»Nein, ich meine natürlich, ich weiß es, weil ich Gavin kenne.«

»Haben Sie noch Kontakt zu ihm?«

Das junge Mädchen schüttelte den Kopf. Irina stand auf dem Namensschild auf ihrer Jacke.

»Könnte es sein, dass Gavin Dörte umgebracht hat?«

»Auf keinen Fall!«, zischte Irina resolut.

»Also gut«, entgegnete Lentje sanftmütig und reichte ihr eine Visitenkarte. »Zumindest steht er unter Verdacht. Und hier geht es nicht mehr um ein paar Gramm Rauschgift, sondern um Mord. Mit jedem Tag, an dem er auf der Flucht ist und sich vor der Polizei versteckt, wird es nur schlimmer. Sagen Sie ihm das, falls er sich zufällig bei Ihnen melden sollte. Er kann mich anrufen, egal ob Tag oder Nacht.«

Ein Hotelgast kam auf das Empfangspult zu.

Irina wischte sich die Tränen von der Wange. »Ich muss … arbeiten.«

»Dann tun Sie das, und vergessen Sie nicht, er soll sich bei uns melden, bevor es für ihn zu spät ist.«

Mit gespieltem Lächeln widmete sich Irina wieder dem Hotelgast, während Lentje zu ihrem Kollegen ging.

»Was hältst du davon?«, fragte Olaf.

»Stoff im Wert von zwanzigtausend Euro, das ist kein Pappenstiel. Das könnte durchaus ein Motiv für einen Mord sein.«

»Ja, das glaube ich auch. Wir sollten mit diesem Maier vom LKA reden, bevor wir Trevisan informieren.«

9

Um sieben Uhr war er losgefahren. Es war ein trockener Tag und er war gut vorangekommen, bis ihn ein Unfall auf der A3 bei Rösrath ausgebremst hatte. Drei Lastwagen und ein Personenwagen waren ineinandergekracht, der Rettungshubschrauber war gelandet und die Strecke für beinahe zwei Stunden total gesperrt. Anschließend wurde der Verkehr einspurig an den Unfallfahrzeugen vorbeigeleitet. Ihn fröstelte, als er an dem vollkommen zerbeulten Wrack des Personenkraftwagens vorbeifuhr. Auf den ersten Blick war nicht mehr zu erkennen, um welche Marke es sich gehandelt hatte. Johannes Leußner bezweifelte, dass noch jemand lebend herausgekommen war.

Beinahe vier Stunden verlor er durch den Stau und kurz vor der deutschen Grenze bei Basel ging es gerade so weiter. Sieben Kilometer Stau in Höhe von Neuenburg meldete der Sprecher im Radio. Gut, es war Freitag, das Wochenende in Sicht und der Verkehr nahm an diesem Tag erfahrungsgemäß zu, denn viele Menschen nutzten die freien Tage, um nach Hause zu fahren oder irgendwo auszuspannen. Es war kurz nach zehn Uhr in der Nacht, als er die Grenze passierte und seinen Laster auf einen Parkplatz kurz hinter Basel manövrierte. Über zwanzig Lastwagen parkten bereits dort, um das nächtliche Fahrverbot abzuwarten.

Er packte seine Vesperbox aus und kramte aus dem Handschuhfach einen Umschlag hervor. Nachdem er sich seiner Schuhe entledigt hatte, zog er sich in die Schlafkabine zurück und nahm die Fotos aus dem Umschlag. Es waren Bilder seiner Yacht, die er im letzten Jahr gekauft hatte und mit der er im Frühjahr eine längere Tour über die Nordsee bis hoch nach Irland plante. Jenny war ein Kajütboot vom Typ Condor, hergestellt von der Rosenheimer Klepperwerft, das er zu einem günstigen Preis vom Yachtclub in Greetsiel erstanden hatte und dessen Renovierung er in den letzten Monaten seine gesamte Freizeit gewidmet hatte. Blau hatte er den schlanken Bootskörper gestrichen, blau und weiß, die Farben des Meeres.

Obwohl er im tiefsten Binnenland, mitten zwischen Wäldern, Hügel und Tälern, aufgewachsen war, hatte es ihn schon seit frühester Kindheit ans Meer gezogen. Früher war es die Ostsee gewesen, wo er mit der Familie oder im Freizeitheim der FDJ auf Rügen seine Ferien verbracht hatte, und nachdem der Staat zerfallen war und die grenzenlose Freiheit Einzug ins Land gehalten hatte, waren es die Kreuzfahrten, die ihn faszinierten. Ob Bergen, Trondheim, Oslo, ob Reykjavik, Paamiut oder die Arktis, ob die Barentssee oder Spitzbergen, keine Strecke war ihm zu weit, wenn er die Dünung des Meeres spürte. Er war alleine, unabhängig, verdiente gut, weil er sich für nichts zu schade war, schruppte Überstunden, sprang ein, wenn Not am Mann war, und sparte jeden Cent, um sich seinen Traum vom eigenen Boot zu erfüllen. Und im letzten Jahr war es dann so weit gewesen, er hatte genau das Boot gefunden, das zu ihm passte. Nicht zu groß, nicht zu klein, gut zu bedienen und motorisiert, wenn ihn einmal der Wind im Stich lassen sollte.

Er blätterte sich durch die Fotos und betrachtete sie lange und eingehend. Er konnte es überhaupt nicht erwarten, dass endlich der Frühling kam und er an Bord seiner Jenny wieder über das Wasser der Nordsee gleiten konnte. Der aufgesparte Urlaub und die Überstunden, alles in allem zwei Monate, würde er nutzen. Die Einsamkeit war er gewohnt, es war nichts anderes als auf dem LKW. Es schaukelte vielleicht ein klein wenig mehr, war gefährlicher, denn das Wetter im hohen Norden neigte dazu, oft stürmisch und wenig freundlich daherzukommen, doch es bedeutete grenzenlose Freiheit und Abenteuer.

Er schob die Bilder zurück in den Umschlag, schüttelte sein Kissen auf und löschte das Licht. Die lange Fahrt und die vielen Staus hatten ihn müde gemacht. Morgen in aller Frühe würde er aufbrechen. Von Basel bis nach Turin würde er noch gut sechs Stunden brauchen und bis zwölf Uhr musste er die Schweiz verlassen haben, um nicht noch eine weitere Pause einlegen zu müssen. Wenn er endlich in Italien war, dann hatte er freie Fahrt. Nach dem großen Sankt-Bernhard-Tunnel und wenn der das Aostatal hinter sich gelassen hatte, war es nur noch ein Katzensprung. Die Firma, bei der er abladen sollte, kannte er gut. Schon das achte Mal fuhr er diese Route, deshalb wusste er, dass der alte Luigi auf ihn warten würde, auch wenn es die eine oder andere Verzögerung gab.

Er dachte an Jenny, die in Norden in einem Schuppen stand und auf ihn wartete, als seine Augen schwerer und schwerer wurden.

*

Trevisan saß in seinem Büro und blickte aus dem Fenster, an dem kleine Wassertropfen herabrannen. Es hatte zu regnen begonnen und eine frische Brise wehte über die See in das Landesinnere. Vor sich hatte er eine Akte ausgebreitet. Monika Sander hatte über das Gemeindeamt von Jöhstadt alles besorgt, was über Christan Habich und seinen Sohn Rolf in Erfahrung zu bringen war. Auch das Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde hatte sie nicht vergessen, in dem ein reichhaltiger Fundus von alten Akten aus der DDR schlummerte. Gerichtsakten, Strafvollzugsakten, aber auch Akten des Ministeriums für Nationale Verteidigung, für Volksbildung oder auch die eine oder andere Akte des Verteidigungsministeriums.

Christian Habich war im Jahr 1936 in Jöhstadt geboren worden. Über seine Kindheit und die Jugend, die in den ersten zehn Jahren mitten in den Wirren des Zweiten Weltkrieges lag, war nur wenig bekannt. Erst im Jahr 1952 tauchte sein Name das erste Mal in den Akten auf. Als Sechzehnjähriger wurde er zum Unterführer in der Freien Deutschen Jugend des Verwaltungsbezirks von Karl-Marx-Stadt gewählt und drei Jahre später absolvierte er bei der neu gegründeten Nationalen Volksarmee die Unteroffiziersschule in Weißkießel, um anschließend bei der 4. Motorisierten Schützen Division in Erfurt zu dienen. Aus dem Jahr 1972 stammte ein Eintrag aus den Akten der SED, in dem Christan Habich als Sprecher der LPG Merxleben tituliert wurde, dem für die herausragenden Leistungen in der Ernteschlacht zum Wohle des Sozialistischen Vaterlandes der Junkerorden von Landwirtschaftsminister Georg Ewald persönlich verliehen wurde.

In den nachfolgenden Jahren tauchte Habichs Name immer mal wieder in Verbindung mit der Landwirtschaft der DDR auf, bis er im Jahr 1979 auf dem Volkseigenen Gut Birkenhof in der Nähe seines Geburtsortes die Funktion des Produktions­leiters übernahm. Einer der wenigen größeren Gutshöfe auf dem Staatsgebiet der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, der nicht der Eingliederung in eine LPG zum Opfer gefallen war und als unabhängiger Betrieb für Pflanzen- und Viehzucht erhalten blieb. Zum damaligen Zeitpunkt lebten und arbeiteten neben den Habichs – Christian Habich war inzwischen verheiratet und sein Sohn Rolf und seine Tochter Gabriele bereits geboren – noch weitere zwei Familien auf dem Areal des VEG, so die offizielle Abkürzung in der damaligen Zeit.

Wiederum klaffte eine Lücke von beinahe zehn Jahren in den Aufzeichnungen. Dem nächsten Eintrag lag ein eher trauriger Anlass zugrunde. Habichs Tochter Gabriele verunglückte im zarten Alter von zwölf Jahren bei Erntearbeiten im Gewann Kalteiche tödlich. Drei weitere Male wurde er in den alten DDR-Akten namentlich erwähnt, denn offensichtlich erwirtschaftete das von ihm geführte Volkseigene Gehöft durchaus erfolgreiche Quoten. So wurden ihm mehrfach Urkunden, Leistungsabzeichen und Auszeichnungen überreicht, unter anderem im Jahr 1983 die Ehrennadel für herausragende Verdienste im sozialistischen Bildungswesen und zuletzt 1985 die Silbermedaille als Sieger der Sozialistischen Landwirtschaft. Zwei Jahre nach der Wende starb seine Ehefrau und er zog zusammen mit seinem Sohn vom Birkenhof nach Jöhstadt um, wo er bis zu seiner Übersiedlung in den Westen lebte.

Trevisan blickte erneut aus dem Fenster in den verregneten Tag. Vor seinen Augen tauchte noch einmal der Jakobshof auf. Er erhob sich und warf einen Blick hinaus in den Flur, doch von Monika war weit und breit nichts zu sehen. Er kehrte auf seinen Stuhl zurück und nahm den nächsten Ordner aus dem Postkorb. Er schlug ihn auf und las.

Rolf Habich, 1962 in Annaberg in einem Krankenhaus geboren, besuchte die Grundschule in Erfurt und wechselte dann, vermutlich bedingt durch das Berufsleben seines Vaters­, an die Polytechnische Oberschule nach Langensalza, und später an die Erweitere Oberschule, wo er 1979 seinen Abschluss machte und anschließend an der Technischen Hochschule in Mittweida Agrarwissenschaften und Maschinen­kunde studierte. Er kehrte 1982 auf den Birkenhof zurück und übernahm dort die Wartung des Maschinenparks. Auch er wurde in einigen Urkunden und Anerkennungen erwähnt und erhielt im Jahr 1987 die Auszeichnung Maschinenwart, als Unterkategorie des Kampfordens für das sozialistische Vaterland. Er war, ebenso wie sein Vater, langjähriges Partei­mitglied der SED und sogar zeitweise Vorsitzender des Verbandes für Jungjunker des Sozialismus im Erzgebirge. Laut den Aufzeichnungen war er nie verheiratet gewesen. Rolf Habich war nach der Wende arbeitslos gemeldet, bis er eine Anstellung bei einem Sägewerk nahe Königswalde fand. Dort arbeitete er bis zu seiner Heirat und seinem Umzug in das Wangerland. Polizeilich waren weder er noch sein Vater in Erscheinung getreten.

»Steht etwas Interessantes in den Akten?«, fragte Monika, die mit zwei dampfenden Kaffeetasse in der Tür stand.

Trevisan schlug den Aktendeckel zu und schüttelte den Kopf. »Nichts, was auf den ersten Blick interessant genug erscheint, um als Motiv für diesen Mord in Frage zu kommen.«

Sie reichte ihm eine Tasse. »Es ist wirklich schön, dass du wieder hier bist.«

Trevisan nickte und schaute hinüber zum Fenster. »Auch wenn das Wetter hier oben manchmal die kalte Schulter zeigt, bin ich froh, wieder hier zu sein. Hannover war … wie soll ich sagen … war mir viel zu hektisch, und Oldenburg ist eben auch nur eine Stadt wie viele, ich habe mich die ganzen Jahre über immer wie auf dem Sprung gefühlt. Erst als Lea und ich den Hof kauften und wir wieder hierher kamen, hatte ich das Gefühl, zu Hause zu sein.«

»Was glaubst du, hinter wem war der Mörder her?«

Er hielt die Akte in die Höhe. »Ich hatte gehofft, hier drinnen etwas zu finden. So etwas wie Stasispitzelei oder Hochverrat, aber offenbar war der alte Habich ein ganz passabler Landwirt. Über seinen Sohn gibt es nur wenige Informationen. Sie waren beide treue Mitglieder in der SED, aber das waren damals wohl alle, wenn man was erreichen wollte.«

»Ich habe noch eine Anfrage beim BStU laufen, aber das dauert eine Weile«, entgegnete Monika.

»BStU?«

»Früher mal Gauck-Behörde. Die Bearbeitungszeit beträgt sieben bis vierzehn Tage, vorher werden wir nichts erfahren, wenn es dort überhaupt eine Akte über die Habichs gibt.«

»Notfalls müssen wir eben eine Dienstreise machen«, entgegnete Trevisan.

Sie zog sich einen Stuhl heran. »Der Birkenhof ist übrigens 1996 in Flammen aufgegangen.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe die Kollegen vom Polizeirevier in Annaberg angerufen.«

»Vier Jahre, nachdem die Habichs den Hof verlassen haben«, murmelte Trevisan nachdenklich. »Konnten die Kollegen Näheres dazu sagen?«

Monika Sander zuckte mit der Schulter. »Offenbar stand der Hof leer, man nimmt an, dass es sich um fahrlässige Brandstiftung handelte und ein Penner dort übernachtet hat, dem wohl ein Missgeschick passiert ist. Auf alle Fälle fand man eine Petroleumlampe, von der wohl das Feuer ausging. Alles ist niedergebrannt. Vier Häuser, drei Hallen und eine große Scheune.«

»Gibt es dort keine Feuerwehr?«

»Der Kollege aus Annaberg sagte, dass das Gehöft mitten in der Wildnis in einem Tal lag, beinahe drei Kilometer von Jöhstadt entfernt. Der Brand muss in den frühen Morgenstunden ausgebrochen sein, deshalb wurde er erst bemerkt, als es bereits zu spät war. Bis die Feuerwehr ausrückte, war alles bis auf die Grundmauern niedergebrannt.«

»So, so, Brandstiftung, sagst du«, wiederholte Trevisan nachdenklich.

»So steht es im Bericht der Annaberger Kollegen.«

»Warum stand das Gehöft leer? Ich meine, da lebten doch Menschen. Drei Familien sollen es gewesen sein. Hat er darüber auch etwas gesagt?«

Monika nickte. »Da gab es offenbar Ärger mit den Besitzrechten. Jemand aus dem Westen hat es zurückgefordert. Es war einmal Privatbesitz und wurde zu DDR-Zeiten zwangsenteignet. Nach der Wende gab es eine Rückforderungswelle von zwangsenteignetem Staatsbesitz in der ehemaligen DDR, und nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts sah es für die Kläger gar nicht schlecht aus. Möglicherweise war das der Grund dafür, weshalb das Gut aufgegeben wurde.«

»Konnte der Kollege auch etwas über die Habichs berichten?«

Sie erhob sich und schüttelte den Kopf. »Leider nein, er kannte sie nicht einmal.«

»Dieses Jöhstadt, gibt es dort eine Polizeidienststelle, eine Station oder einen Posten?«

»Fehlanzeige. Das ist eine Kleinstadt. Zweitausend Einwohner mit allen Gemeinden. Tendenz fallend, Annaberg ist dafür zuständig.«

Auf dem Flur waren eilige Schritte zu hören. Trevisan schaute auf, als jemand klopfte. Thorke Oselich stand im Türrahmen. »Es ist so weit, der Staatsanwalt ist da.«

Trevisan blickte auf seine Armbanduhr. Es war kurz nach zehn und draußen hatte der Himmel alle seine Schleusen geöffnet.

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