Kitabı oku: «Der Letzte macht das Licht aus»
Ulrich Land
Der Letzte macht das Licht aus
Norwegen-Krimi mit Rezepten

Ulrich Land
Der Letzte macht das Licht aus
Norwegen-Krimi mit Rezepten

Haftungsausschluss: Die Rezepte dieses Buchs wurden von Verlag und Herausgeber sorgfältig erwogen und geprüft. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Die Haftung des Verlags bzw. des Herausgebers für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
© 2008 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
www.oktoberverlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz: Anh Nguyen
Umschlag: Thorsten Hartmann und Tom van Endert
unter Verwendung eines Fotos von www.photocase.de/hui-buh
Rezepte: Ulrich Land
eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmund www.readbox.net
ISBN: 978-3-938568-42-2
___1.
»Wieso«, lachte Marit, »was bleibt denn von so 'm ollen Kahn, um des Himmels Willen, wenn er hier an der Brustwarze von unsrer Insel ...«
»Brustwarze? Krähenkacke noch mal.« Finn spuckte in hohem Bogen aus und traf die vorwitzig hervorquellende Quarzader, die sich diagonal über den Fels zog. Eine Quarzader, wie sie schöner und glatter kaum hätte sein können, völlig blank poliert von Marits gravitätisch ausladendem Hinterteil. Denn, sofern Wind und Wetter es zuließen, saß sie jede freie Minute hier oben auf ihrem Lieblingsfels und schickte ihre Gedanken hinaus aufs Meer. »Keine Warze, Marit, das ist ein Leuchtturm! Mein Leuchtturm.«
Aber die Alte ließ nicht locker. »Was bleibt von so 'm ollen Kahn, wenn er hier an deiner Brustwarze von unsrer Insel vorbeiöttert? Na? Was bleibt? Will ich dir sagen: 'ne Minute oder zwei das Tuckern in der Luft. Musste schon verflucht schnell hinhörn, dann is' er weg. Schon weg. Verpufft, vertrieben, spurlos, noch schneller als wie die Qualmfetzen von seinem ollen Diesel.«
»Immerhin.« Finn platzierte eine ausgedehnte Kunstpause und warf einen Blick in den späten Augusthimmel, der sich von seiner besten Seite zeigte und ein strahlendes Azurblau an den Tag legte. »Immerhin: eine Erinnerung ist der Äppelkahn. Jedenfalls wär's, wenn wirklich ein Pott vorbei gekommen und nicht bloß dir einer durchs Gehirn gestottert wär.«
»Spurlos vertrieben, sag ich, spurlos, der Rauch, das Kockern, die Erinnerung. Schon weg. Im leichten Wind. Du hast den Kopp voll Spinnkrams, Finn; als wenn dir so 'n oller Kahn, der hier vorbeifährt, als wenn der dir 'ne Erinnerung wert wär. Erzähl mir doch nix! Die Furche von dem Kahn, die er durch die gelangweilte See zieht, die weißen Gischtschnüre hinten dran. Siehstet, schon verschlungen vom Wasser, wieder verschlungen.«
»Nein, seh ich nicht. Nichts seh ich, rabenschwarze Kacke noch mal. Nichts. Hier ist die letzten sieben Stunden nicht eine einzige Schaluppe rübergezogen. Das spielt sich alles bloß in deiner alten Birne ab. Was ja wohl heißt, dass du's eben doch aus deiner Erinnerung hervorkramst, irgend 'ne Nussschale, dass da eben doch was drin ist, in der Erinnerung, ein Kutter zum Beispiel. Dein Schädel ist nicht leer, nicht so leer, wie du immer tust.«
»Du versuchst bloß, meine Laune zu retten, Finn, willst mich festhalten, dass ich nicht in hohem Bogen runterspring und mich krachen lass auf die Felsklötzer da unten, wie sie bis zum Hals im Wasser stecken, dass ich mich nicht einfach absaufen lass Hals über Kopp. Weil ich nicht mehr rauskomm unter meinem Schädeldach.« Die Alte trat Finn auf den rechten Fuß, mit dem er die ganze Zeit unwirsch auf dem Fels herum kramte und ein ums andre Moospolster von den Steinen schabte. »Lass das Grünzeugs in Ruh, Finn, und gib dir mit mir keine Mühe. Hat kein' Zweck, verstehste. Kannst mich nicht vorm Absaufen retten. Mag sein, dass es noch bisschen was dauert, bis ich keine Luft mehr krieg, aber am Wasserschlucken bin ich schon.« Marit erhob sich ächzend von dem Granithöcker, tat ein, zwei Schritte und blieb dann, den Blick aufs Meer gerichtet, abrupt stehen. »Ihr jungen Leut habt gut Reden, Finn, diese Insel, ich werd wahnsinnig, diese winzige Warzeninsel ...«
»Mann oh Mann, krieg dich ein«, murrte Finn, »schließlich hockst du dein ganzes langes Leben hier auf diesem Felsklumpatsch. Also. Was musste auf deine alten Tage so 'n Aufstand machen?«
»Recht haste. Finn, ich bin fertig.« Die Alte setzte sich wieder in Bewegung. Ihre Schritte hatten jede Zögerlichkeit verloren, sie drückte den Rücken durch und marschierte schnurstracks weiter auf dem grau-schuppigen Fels, der vorne einige zehner Meter senkrecht zum Meer abfiel und sich unten im Wasser auflöste in zahllose Granitklötze, die kreuz und quer in der Brandung lagen. Wer hier den Halt verlor, ins Straucheln kam, einen Schritt zu viel machte ... eindeutig die gefährlichste Stelle der ganzen Insel.
Seit langem hatte Finn damit gerechnet, dass es irgendwann nicht mehr damit getan sein würde, auf Marit einzureden wie auf einen kranken Gaul. Trotzdem stockte ihm jetzt, als es endgültig so weit zu sein schien, der Atem. Er hatte die Situation schon zigmal durchgespielt, aber jetzt, im entscheidenden Augenblick hatte er nicht die leiseste Ahnung, was er tun sollte. Die Alte einfach festhalten, anbrüllen? Petter zu Hilfe holen? Aber der war ja selbst ziemlich baufällig, der konnte hier nichts ausrichten. Die Gedanken schossen hinter Finns Stirn hin und her, und das Schlimmste war: er hatte keine Zeit, kein bisschen Zeit zu verlieren. Wenn's irgendwo kurz vor knapp stand, dann hier.
»Doch, Marit, genau!«, brüllte er plötzlich los, ohne dass er wirklich gewusst hätte, wie der Satz weiter, geschweige denn zu Ende gehen sollte. »Du musst auf deine alten Tage noch so 'n Aufstand machen. Schnell noch, jetzt. Bevor's zu spät ist. Walhalla muss sich noch bisschen was gedulden, bis du kommst. Hast noch schnell was zu erledigen. Kann noch 'n Weilchen dauern. Ich brauch dich noch, Marit. Du musst mir helfen. Du bist die Einzige, die mir helfen kann. Wir müssen den Leuchtturm hier retten. Hörst du. Allein krieg ich das nicht hin.«
Die Alte war stehen geblieben und drehte sich langsam um.
»Es wird Herbst, Marit.«
Finn wusste, dass er jetzt so selbstverständlich wie möglich tun musste, sich also um Himmels Willen nicht weiter um sie scheren durfte. Er stand auf und ging den kurzen, aber steilen Weg zum Leuchtturm hinauf, den Blick starr auf seine Füße gerichtet. Obwohl nicht die geringste Gefahr bestand, ins Stolpern zu geraten. Er kannte den Weg mit jedem Knorz und jedem Buckel; tausendmal gegangen in den letzten Jahren. Warum, verdammt noch mal, hatten sie ihn hierhin verfrachtet? An dieses letzte oder vielleicht vorletzte Ende der Welt. Und das direkt nach der Ausbildung. Wenn er als Kandidat aus dem letzten, dem allerletzten Jahrgang der Leuchtturmwärterausbildung überhaupt noch eine Chance haben wolle, in diesem Beruf Fuß zu fassen, bevor man auch noch die letzten Leuchttürme automatisiert haben würde, hatte man ihm bedeutet, dann müsse er die Gelegenheit beim Schopf fassen und die vakant werdende Stelle auf den Vesterålen annehmen. Sein Beruf sei ja bekanntlich ein Auslaufmodell, und da müsse man eben nehmen, was man kriegen könne. Außerdem: so er sich dort oben in dieser zerfaserten Schärenwelt, auf einer der abgelegensten Inseln des Archipels bewähren würde, stünde seiner weiteren Karriere mit Sicherheit nichts mehr im Wege. Jetzt, 1980, waren zwar bereits vier lange Jahre – oder waren's schon fünf? – ins Land gegangen, ohne dass sich karrieremäßig irgendein Sprung nach vorne abgezeichnet hätte, aber gut, ihm selbst machte das ja weiter nichts aus, er hatte sich schließlich diesen Beruf ausgesucht, war im Grunde seines Herzens überglücklich, sich den Traum seiner Kindertage erfüllt zu haben. Und was raue Verhältnisse anlangte, da war er hart im Nehmen.
Das Nordland hier oben war ihm aus frühester Jugend vertraut. Sobald er lesen konnte, war er mindestens einmal im Jahr mit der Hurtigrute zum Großvater nach Alta geschickt worden. Vom Hafen aus ging's dann noch mal drei Stunden mit dem Bus übers Fjell. Eine endlose Fahrt, die er schon als kleiner Kerl allein absolvieren musste. Und wenn man dann endgültig glaubte, hier wäre die Welt zu Ende, dann schleppte sich der Bus knatternd und dieselstinkend über eine letzte Kuppe, und vor einem lag mitten in den ausufernden, lindgrünen Wellen Samilands der winzige Weiler mit seinen drei Gehöften und dieser zusammengestauchten Mischung aus Schule und Kirchlein. Da er seinen Großvater immer im Juni, Juli zu besuchen hatte – damit seine Mutter, die sich mit fortgeschrittenen 30 noch bis auf die Knochen von den 68ern infizieren ließ, ungestört ihren vorwiegend sommerlichen Protestgeschäften nachgehen konnte –, kannte er das samische Dorf nur in weitgehend verwaistem Zustand. Die Rentierzüchterfamilien zogen mit ihren Herden irgendwo auf den Weiden des Hochlands umher. Nur sein Großvater und zwei, drei andere gebrechliche Leute, die er allerdings so gut wie nie zu Gesicht bekam, bevölkerten die kleine Siedlung, die sich da auf ein paar felsigen Hügeln aus den Sümpfen erhob.
Er wusste also, was Einsamkeit war. Aber Brik! – Brik kam immerhin aus Trondheim. Sicher, Trondheim war alles andre als eine Weltmetropole. Aber da währte auch im tiefsten Winter der Tag noch fast fünfeinhalb Stunden. Stunden, in denen das Leben, eingehüllt in aufgeplusterte Daunenjacken, aus den Häusern kam, aus den Autos, die Türen hinter sich zuknallte und durch die Straßen schlenderte, sich das Licht anzusehen. In denen die Leute beim Zeitunglesen über die paar wenigen Stadtplätze flanierten, um keinen noch so dünnen Schimmer Sonnenlicht zu verpassen. Kurze, extrem dichte fünfeinhalb Stunden. Aber hier? Könnten die Wintertage noch so lang sein, würde kein Leben aus dem Haus kommen. Hier musste man das Leben in den Flechten suchen, die sich ängstlich an die harten Felsen krallen. Hier schaffte die Sonne schon im November nur noch eine Handbreit über die Berge am Ufer des Fjords und tauchte die Inselwelt in eine Art Licht. Ein schrill-oranges, kümmerlich kurzes Licht, das dann, paar Tage später völlig abtauchte. Immer wieder, erzählte Brik, habe sie sich die endlose Winternacht oben überm Polarkreis vorgestellt, und immer war mitten in diesem Horror ein Fünkchen Hoffnung aufgeblitzt: dass da Schnee und Eis aus dem bisschen Licht rausholen, was rauszuholen ist. Aber dann baute sich hinter ihrer Stirn sofort die bange Frage auf, ob am Ende der Schnee dort auch schwarz sei! Nein, der Schnee war nicht schwarz hier, aber Brik hatte vom ersten Tag an eine unerfindliche Unruhe in den Knochen. Schon bei der Überfahrt: Je stiller die Inselwelt wurde, desto unruhiger wurde sie. Irgendwie, sie konnte einem fast leidtun. Aber das musste man ihr ja nicht unbedingt zeigen.
___2.
»Das Radar also auch niente! Also Strøm, dann los! Wir müssen, und zwar schnell!«
Das ließ sich Strøm, Steuermann, Funker und Navigationsoffizier in einem, nicht zweimal sagen. Schon gar nicht, wo er genau wusste, wie der Käptn austicken konnte, wenn nicht alles nach Plan lief. Und das hier, das lief kein bisschen nach Plan.
»Radargerät blind wie 'n Maulwurf, okay, das kann vorkommen, bei der Waschküche da draußen kein Wunder, wo sich die ganze Zeit Nieselregen und Schneegriesel abwechseln! Da soll noch ein Radar durchblicken! Okay«, sortierte Strøm in Gedanken die Situation, »aber dass dieses Leuchtfeuer, das wir die ganze Zeit im Blick hatten, dass das auf einmal schlapp macht! Da wird's schon reichlich brenzlig. Und zu allem Überfluss mitten in so 'ner Höllengegend, wo alles voll ist mit Buckeln, ein Inselchen neben dem andern!«
Aber für irgendwelche Zwischenresümees war jetzt keine Zeit. Jetzt war Abspulen angesagt. Jetzt musste alles wie am Schnürchen laufen. Der Käptn ließ die Maschinen stoppen, während Strøm einen ersten Notruf absetzte. Kaum lief der Motor leise vibrierend im Leerlauf, war auf dem Radarmonitor wieder ein Bild. Flimmernd und flackernd, unscharf und immer wieder verschwimmend, aber erkennbar zeichneten sich Konturen ab. Die Fjordufer, landeinwärts allmählich aufeinander zu laufend, und der Küstenverlauf gleich mehrerer Schären und ... und ...
»Scheiße«, schrie der Käptn, »volle Fahrt zurück!«
»Volle Fahrt zurück«, brüllte Strøm nach unten Richtung Maschinendeck.
»Scheiße Scheiße, das reicht nie, wir machen viel zu viel Fahrt voraus, zu spät gestoppt! Aber man sieht ja auch die Hand nicht vor Augen. Meine Fresse, das geht ins Auge!«
Mitten ins beschwörende Flüstern des Käptns hörte man unten die Ventile rappelnd wieder anziehen. Wenn Vollgas gefahren wurde, dröhnte die Maschine bis oben auf die Brücke; bei einem Fischtrawler mit knapp 740 Bruttoregistertonnen kein Wunder. Gott sei Dank waren offenbar alle Mann auf dem Posten. Dass es trotz der leichten See um Leben und Tod ging, das schien noch bis zum letzten Bootsjungen durchgesickert zu sein.
»Das Steuer rum«, zischte Strøm den Käptn an, obwohl er sich selbstverständlich darüber im Klaren war, dass ihm dieser Kommandoton nicht im Entferntesten zustand, »was machen Sie denn da, Chef?! Sie müssen dem ausweichen.«
»Da ist nichts mehr mit Ausweichen, dafür machen wir noch viel zu viel Fahrt. Es dürfte dir ja nun wahrhaftig allmählich klar sein, dass man auch so 'n kleines Badewannenbötchen wie unsers nicht mal eben gebremst kriegt.«
»Aber rumgerissen!«
»Auch nicht rumgerissen. Das ist wie bei der Titanic. Nur dass wir's hier mit einem knallharten knochentrocknen Fels zu tun haben und nicht mit einem dämlich rumdümpelnden Eisberg.«
»Aber, genau, der von der Titanic, der Rudergänger ist doch auch ausgewichen.«
»Hat's versucht, Strøm, versucht. Und du weißt, wie's ausgegangen ist.«
»Verflucht noch mal, Sie halten ja frontal drauf zu! Sie sind des Wahnsinns!«
Strøm wusste nicht mehr, was er tat. Die Wucht seines rechten Hakens traf den Käptn völlig unvorbereitet irgendwo in der Magengegend und schleuderte ihn zur Seite. Er ging in die Knie und kotzte wie ein Reiher. Ohne ihn auch nur eines Seitenblickes zu würdigen, griff Strøm ins Steuer und riss es rum. Das Schiff stöhnte und ächzte in allen Fugen, legte sich mit halsbrecherischer Neigung auf die Seite und drehte seinen Bug einen Hauch mehr nach Steuerbord, um mit zwar langsamer werdendem, aber immer noch gespenstischem Tempo seitwärts auf die Felsinsel zuzufahren.
Plötzlich fuhr ein unglaublicher Schlag durch alle Planken und durchdrang Strøms Knochen wie ein Blitz von unten nach oben. Er hatte das Gefühl, die Halswirbel müssten sich ins Hirn bohren, der Schädel bersten. Ihm wurde schwarz vor Augen, und die Beine versagten ihren Dienst. Dumpf schlug er im Fallen mit dem Brustkorb auf den Kartentisch und warf die Arme reflexartig um die Tischplatte, die inzwischen zwar schon eine bedrohliche Neigung aufwies, dadurch aber, dass der Tisch fest verschraubt war, hielt. Irgendwo in weiter Ferne hörte Strøm den Käptn mit gebrochener Stimme dozieren.
»Wissen Sie, was inzwischen, Jahrzehnte später, die Titanic-Reederei rausgefunden hat, mit Modellversuch und Computersimulation? Der Pott hätte nur eine einzige Chance gehabt, nicht abzusaufen. Eine einzige! Frontal vor den Eisberg zu knallen. Wissenschaftlich erwiesen. Dann hätte's ordentlich gerumst und der Bug wäre komplett demoliert gewesen, aber, rapp zapp, die Schotten runter, und alle bis auf die erste Rumpfkammer wären dicht gewesen. Der Kahn wäre schwimmfähig geblieben, und man hätte in aller Ruhe retten können, was noch zu retten ...«
Allmählich, ganz allmählich wurde es ruhig in der Ecke, aus der die Stimme des Käptns herüber gekrochen war. Verdammt ruhig. Aber Strøm hatte sich jetzt erst mal um sich selbst zu kümmern. Sein Kopf also hatte offensichtlich gehalten. Sonst hätte er den Exequien-Sermon des Käptns schließlich nicht mitgekriegt. Und als die Bilder, die seine Augen dem Gehirn ablieferten, langsam wieder Farbe annahmen und versuchten, sich mit den Gleichgewichtsorganen in Deckung zu bringen, da begriff er, wie schräg der Trawler schon lag. Das ging den Bach runter, keine Frage.
Strøm hatte das Gefühl, in seinem Kopf wär's taghell, alles völlig klar, alle Seitengedanken, Nebenträume, Unterfantasien wie weggeblasen. Sämtliche Hirnwindungen nur auf ein Ziel fokussiert: Wie mit heiler Haut hier rauskommen?! In den wenigen Minuten, vielleicht nur noch Sekunden, die ihm blieben, bis das finstre Wasser der Nacht über ihm zusammenschlagen würde.
Da fiel ihm der Plastikkanister ein. Irgendwie musste man hier, vom Inneren der Brücke aus an diesen Kanister mit dem Spirituswasser zum Auftauen der Sichtscheibe kommen. Irgendwo in der Nähe des Scheibenwischers. Irgendwo. Strøm riss sämtliche Schranktüren, Dach- und Bodenklappen im größeren Umkreis auf. Es blieb nur noch eine Möglichkeit. Und da war sein Kopf plötzlich überhaupt nicht mehr taghell. Es blieb nur der Schrank, an den sich der Käptn für seinen letzten Schlaf gelehnt hatte. Besser gesagt: auf den er gedrückt wurde, weil das Schiff dabei war, kopfüber wegzukippen. Strøm schluckte. Er sah, dass der Käptn mit offenen Augen und abgeknicktem Kopf schlaff dasaß. Das sah nicht gesund aus.
»Der ist, das darf nicht wahr sein, der ist – nein! – tot? Käptn, aufwachen! Chef, wir brauchen Sie. Unser Pott geht baden. Chef!« In irgendeinem Film hatte er mal gesehen, dass man Ohnmächtigen Ohrfeigen verpassen musste, aber er traute sich nicht. Schließlich hatte er dem Käptn grad eben erst eine gepfeffert. Er versuchte es dann doch, setzte eine ganz sanfte Ohrfeige an, und sofort schlug Arndahlens Kopf zur Seite wie eine Kokosnuss auf einem Grashalm, riss in der Seitwärtsbewegung den Körper halb mit in die Schräglage.
Strøm schossen wider Willen die Tränen in die Augen. Seit er denken konnte, vom ersten Tag seiner praktischen Ausbildung an, war er unter Arndahlen zur See gefahren. Und selbst jetzt, nachdem Strøm sich noch vor ein paar Minuten derart daneben benommen und den Käptn zu Boden geschlagen hatte, selbst auf diesem Schlafgesicht mit den weit aufgerissnen Augen lag so etwas wie ein Lächeln. Er schien es ihm jedenfalls nicht krumm genommen zu haben.
»Wieso«, ging es Strøm durch den Kopf, »wieso ist der tot? Ich leb doch auch noch. Wer weiß, vielleicht ist der im Sturz auf einen spitzen Gegenstand gefallen. Auf eine Kante geknallt. Wer weiß.« Strøm nahm all seinen Mut zusammen und schob die Leiche ächzend zur Seite. »Dass so kleine, leichte Männlein wie Arndahlen derart schwer werden, wenn sie tot sind!«
Nachdem der Trawler inzwischen fast senkrecht stand und mit seinen letzten Lichtern wie ein spärlich flackernder Leuchtturm aus dem Wasser ragen mochte, war nichts anderes möglich, als den Käptn unsanft zur Seite zu schieben und rüber auf eine der andern Schranktüren zu hieven. Nein, eine blutende Wunde war nicht zu entdecken.
»Wahrscheinlich sein Magengeschwür. Und ich Wahnsinniger zimmer ihm genau da so 'n Hammerschlag drauf! Ich hab den, den hab ich auf dem Gewissen. Ganz allein: ich! Das ist, das war Mord.«
Strøm hatte mal was gehört von Magengeschwürdurchbruch, aber er hatte keine Ahnung, ob man daran so schnell sterben konnte. Und ob man so was überhaupt von außen, durch einen Schlag in die Magengrube etwa, bewirken konnte. Kam ihm eher unwahrscheinlich vor. Also vielleicht lag es doch an was anderem und er trug nicht die Verantwortung für Arndahlens Tod. Vielleicht.
Egal jetzt, der Käptn musste weg da. Und zwar schnell. Strøm zerrte ihn vollends zur Seite und fand tatsächlich den Kanister. Natürlich viel kleiner, als er gedacht hatte, vielleicht drei, vier Liter Fassungsvermögen, wenn's hoch kam. Aber auch ein seidener Faden war ein Faden! Er zog den Schlauch ab, der aus dem Kanister Richtung Scheibenwischer führte, schüttete das Wasser achtlos in den sperrangelweit offen stehenden Unterschrank und klebte mit Lassoband den Ausfüllstutzen des Kanisters zu, um ihn dann mit dem Deckel zusätzlich zu verschrauben. Würde wohl, musste einfach dicht sein. Strøm sah, dass jetzt das Fjordwasser in dicken Bächen und Fontänen durch die Wandverkleidungen eindrang, und als er aus dem Hauptkabelbaum der Brücke die längste Strippe, die er kriegen konnte, riss, dröhnte hinter ihm ein ohrenbetäubender Knall in den halbgewässerten Raum: die Wand mit Funkgerät, Radarmonitor und was der Navigationsgerätschaften mehr waren, war halb aus der Verankerung gerissen und öffnete einem gewaltigen Sturzbach Tür und Tor. Aber da hatte Strøm das Kabel bereits dem angesichts des Wasserschwalls noch jämmerlicher wirkenden Kanister durch den Griff gesteckt, zu einer Schlaufe gebunden und sich diese unter einem Arm durch um die Brust gelegt. Einzige Überlebenschance, nachdem die Schwimmwesten absolut unerreichbar irgendwo da unten in den Kajüten im Wasser trudeln mochten.
Er suchte mit der linken Hand irgendwo Halt, bückte sich, fuhrwerkte – bis zum Hals im Wasser – mit der Rechten auf der Schranktür unter seinen Füßen herum und förderte tatsächlich den Absperrriegel des Armaturenschranks zutage. Eine schnelle Drehung und der Eisenriegel zertrümmerte mit lautem Getöse die Heckscheibe der Brücke, die – waagerecht jetzt – den Blick in den Himmel freigab. Übersät von Glassplittern und Schnittwunden, zog Strøm sich mit seiner Kanisterschwimmweste am messerscharf glasgespickten Fensterrahmen nach oben. Und, obwohl Klimmzüge noch nie seine Stärke waren, kam er schreiend vor Schmerz und Anstrengung nach oben, bekam einen Stahlbügel zu fassen und konnte ein Bein ums Fensterkreuz schlingen, so dass er sich schließlich auf die Rückwand der Kommandobrücke ziehen und aufrichten konnte.
Wie ein Desperado der sieben Weltmeere stand er breitbeinig auf seiner langsam sinkenden Eiseninsel und blickte in den Nachthimmel. Die Nebel hatten sich verzogen, aber der Himmel war immer noch pechschwarz zugezogen und ließ nicht einen einzigen Stern blinken. Strøm fror. Und von unten stieg ihm allmählich das Wasser entgegen.
___3.
Sack und Asche! Diese Frau, was starrt die mich so an? Ganze Zeit schon. Mein Gott, was die für 'en Blick hat. Augen wie Vulkanseen – komische Idee –, na jedenfalls abgrundtief. Und wie Feuer. Glühend. Brandheiß. Oder? Oder, Mann, stimmt gar nicht, sieht mich nicht an, überhaupt nicht, sieht gradewegs an mir vorbei! Wohin denn? Kann man gar nicht ausmachen, die Richtung, in die die da guckt. Seltsam. Guckt wirklich an allem vorbei. Und ich muss ständig hingucken. Werd ich ja schließlich für bezahlt, hier auf die Bilder von diesem Beckmann, wie der heißt, aufzupassen. Dass keiner von diesen kunstbeflissenen Trotteln dem Pinselstrich zu nah kommt. Wär ja noch schöner, wenn hier was passieren tät. Wenn so Bilder – sind ja 'n Vermögen wert, was man so hört – wenn die sich also im Jahre des Herrn 1975 schon mal einmal in dreitausend Jahren nach Trondheim verlaufen. Da ist es weiß Gott besser, wenn man die unter meine Fittiche gibt, unter die von Gunnar, dem Bootsmann, den diese beschissene losschnarrende Ankerkette vor drei Jahren den Fuß gekostet hat. Wenn man diese sündhaft teuren Schinken von meinen Adleraugen bewachen lässt.
Teuer vielleicht, aber schön? Also alles was recht ist! Du zum Beispiel, Tänzerin oder was du bist, schön? So richtig schön? Eher dunkel. Finster das Gesicht, trotz all der weißen Haut. Sieht aus, als hättste Puder drauf. Und die Lippen viel zu fett rot angemalt, knallrot, am Mundwinkel bisschen verschmiert. Kein Wunder, wenn du so viel drauf machst, zentimeterdick! Und die Augenlider auch geschminkt, schwarz. Da wirken die Augen noch größer. Fast größer als das Gesicht, die Augen. Irgendwie enorm die Augen, wie die gucken und wohin. Schwarzglühend. Aber die Nase bisschen breit, wirft Schatten aufs Gesicht, aufs puderweiße. Und das lange braune Haar fällt dick und schwer und schön und wirft auch düstere Schatten ins Gesicht. Schlagschatten, wie man das nennt, glaub ich.
Dieser Blick, Anblick, diese Frau, es ist der Wahnsinn!
Mist, hält sie diesen Fächer, oder was es ist, vor die Brust. Genau davor, kann man gar nicht sehn, wie viel Holz die hat vor der Tür. Scheinen aber nicht besonders schwer zu sein, die Brüste. Die rechte, da, die gibt der Fächer ja 'n Stück frei, also schwer nicht, nicht sonderlich, kein Kracher, kein Wonnevulkan. Aber passt irgendwie gut, zwischen die Arme, irgendwie genau.
Jetzt stellt sich dieser Kerl, Sack und Asche, genau davor vor die Frau, und ich kann nichts mehr sehn. Stellt sich davor und glotzt se an. Was hat der die anzulinsen?! Spannmichel der! Glubsch woanders hin, Pupillenverrenker, gefälligst! Sonst kriegst du's mit Gunnar zu tun, der hat zwar nur ein' Fuß, aber zur See gefahren ist der, Kraftpaket, sag ich dir, mit dem ist nicht zu spaßen! Also sieh zu, dass du deinen Knick in der Optik auf 'ner andern Alm weiden gehst!
Aber nix da, der glotzt die immer noch an, staksiger Spieritz der, glotzt unmöglich lang, rührt sich nicht vom Fleck, stiert ihr mitten ins Gesicht, untern Fächer auf die Dutten gradzu. Die werden abgenutzt, noch kleiner, unter dem seinen quadratgeilen Schmirgelblicken. Für die eitrigen Tränensäcke untern läufigen Augäpfeln zu dränieren oder was? Steht unverfrorn und stundenlang genau vor dieser Frau. Museumsbesucher sind einfach dreist, sag ich doch. Aber ich will ja nichts sagen, hab ich wenigstens einen Job hier. Aber wenn ich noch den zweiten Fuß noch hätt und anständig auf See – obwohl, dann hätt ich dich ja auch nicht vorm Visier hier.
Du jedenfalls hast dich nicht gerührt. Kein Stück. Lässt dir nichts anmerken. Guckst einfach vorbei an dem Kiebitz, dem dämlichen.
___4.
Finn nestelte nervös am Funkgerät. Aber es war nichts rauszuholen außer diesem undurchdringbaren Rauschen und Knistern. Brik stand in gebührendem Abstand, warf ihr langes flachsgelbes Haar zurück und murmelte irgendwas von wegen neuer Computertechnik, die könne ihm doch verdammt gute Dienste leisten hier auf seinem Leuchtturm. Wenn er bloß nicht so eselsstur wär. Eine Handbewegung Finns brachte sie zum Schweigen.
»Also was ist jetzt, ist er drumrum gekommen?«, knurrte die Alte am andern Ende des Dienstraums über ihren Pfeifenkopf hinweg.
»Wer?«, gab Finn nicht weniger knurrig zurück.
»Der Trawler, wo die Rede von war. Ist er nun auf deine Klippen gekracht oder nicht?«
»Wieso?«, fragte Finn scheinheilig und antwortete: »Natürlich nicht. Kein bisschen.«
»Ein Elend! Wieso ist uns der denn durch die Lappen gegangen? Waren doch beste Bedingungen: ausgewachsenes Sauwetter, 'ne Nacht so schwarz wie die Seele des Satans und das Leuchtfeuer von deiner Boje da draußen wie zufällig ausgefallen, so was von zufällig so was von ausgefallen. Und diese ollen Torfdeppen, die schippern trotzdem drumrum um all unsre kleinfeinen Felsbrocken!«
Finn öffnete bedächtig die schwere Tür zur Galerie, die auf gleicher Höhe wie das Dienstraumdeck außen um den Leuchtturm herumführte. Nicht sonderlich hoch, bloß eine Hand voll Meter, aber auf den Felsen von Stjernholman ragte der Leuchtturm trotzdem allemal fünfzig Meter über den Nordatlantik. Finn trat nach draußen. Schwere gelbgraue Wellen jagten sich gegenseitig, versuchten das winzige Eiland wund zu schlagen und zankten sich mit dem verschüchterten Morgen. Ganz allmählich gewann das milchige Licht die Lufthoheit und ließ am Horizont immer mehr Schären auftauchen, die sich tiefgrau gegen den Himmel absetzten. Finn musste grinsen, stellte sich auf den eiskalten, gischtgeladenen Brechern, die da unten am Ufer die Granitbuckel verprügelten, diese neumodischen Wellenreiter vor, die er gestern Abend in einer Fernsehreportage aus Miami hatte bewundern dürfen, wahnwitzige Wasserläufer, komplett von Sinnen, als wollten sie auf Jesus' Wasserspuren wandeln. Übten sich auf ihren rundgeraspelten Brettern in aufrechter Gangart, knapp unter den überschlagenden Wogen, die ihnen, wie's aussah, gar nicht grimmig genug schnauben konnten. Brik hatte den Mund vor lauter Staunen nicht mehr zubekommen.
»Hier oben, auf 68½° Nord«, murmelte er laut vor sich hin, »die möcht ich sehn, diese Lackaffen, was die für 'ne jämmerliche Figur hier oben vor der Küste der alten Dame Norwegen machen würden, satte 250 km überm Polarkreis!«
In diesem Moment hörte er von drinnen das schrille Geräusch, auf das er schon die ganze Zeit gewartet hatte. Und im gleichen Atemzug krähte auch schon Marit: »Finn, rühr dich! Telefon!«
Als wisse er nicht, was dieses nadelspitze Klingeln zu bedeuten hatte! Marit drückte ihm den Hörer in die Hand, worauf Finn sie eines energischen Seitwärtsnickens bedachte. Zutiefst beleidigt schluffte sie die Treppe runter, brummte: »der hat Geheimnisse vor mir, 'n faules Ei, der Kerl, 'n ziemlich faules«, und warf, unten angekommen, die Tür des Leuchtturms krachend ins Schloss.
Erst jetzt nahm Finn die Hand von der Sprechmuschel und raunzte ein »Ja, Werenskiold« in den Hörer.
• »SOS? Krähenkacke. Nein, ist hier nicht durchgekommen. Mein Gott, wenn ich das hier in der Funkkiste gehabt hätte! Aber kann man sich bei euch ja den Mund fusselig quasseln, wenn man 'n modernes Funkgerät braucht.«
• »Ja ja, die Leier kenn ich, von wegen würde sich nicht mehr lohnen, sowieso nur noch 'ne Frage der Zeit, bis ihr hier bei mir den Laden dicht macht. Ich weiß. Aber ich sag euch, 'n vernünftiges Funkgerät und dann wär ich sofort, wär ich im Handumdrehn da draußen an Ort und Stelle. Bis ihr bei so was draußen seid, da kommt jede Hilfe zu spät. Ist ja auch klar, das dauert eben, bis ihr eure Leute aus den Betten getrommelt habt. Also, könnt ihr euch jedenfalls schon mal 'n Schlachtplan ausdenken, wie ihr das geregelt bekommen wollt, wenn hier statt mir bloß noch 'n Rechner hockt.«
• »Wieso? Doch. Wie viel waren's denn?«
• »Ouh, das ist übel. Also jedenfalls fahr ich sofort raus, mal sehn, wen ich da noch rausgeangelt kriege.«
• »Na ja, wieso denn, ich bin doch immer sofort zur Stelle, wenn's 'ne Havarie gibt? Bin ja nun nicht von der lahmen Truppe. Alles, was recht ist. Sitze schon im Boot, kaum dass ich Wind davon krieg über meine vorsintflutliche Krächzkiste hier – um das noch mal gesagt zu haben.«
• »Fischtrawler aus Stavanger? Kacke.«
• »Sicher, als Allererstes heut Morgen. Das da 'ne Laterne durchgebrannt war oder was, das konnte ich doch an den Kontrollleuchten hier sehn.«
• »Nein, besten Dank. Ist ja nicht die erste Boje, die mir diese Chaoten demolieren, und nicht die erste, die ich repariert hab. Also das krieg ich schon selbst hin. Da geh ich jedenfalls von aus; und wenn's nicht nur an der Leuchte liegt, dann ruf ich noch mal an, dass ihr 'n Techniker rüberschickt. Aber glaub ich nicht, dass das nötig sein wird.«
• »Na ja, was heißt: ›dass ich mir da so sicher bin‹? Also die Devise, nach der ich hier arbeite, ist einfach: erst mal vom kleinsten Übel ausgehn und dann weitersehn. Das dicke Ende kommt sowieso.«
• »Mein Gott, sollte 'n Scherz sein.«
• »Ja sicher, danke. Und nichts für ungut.«
• »Bis die Tage denn.«
Er wartete das Klacken der Hörergabel am andern Ende der Leitung ab, sagte: »Krähenkacke, hätte verdammt nicht gedacht, dass die so auf der Hut sind«, und legte ebenfalls auf.
»Was, wa-was wollen die«, stotterte Brik, der das kalkweiße Gesicht ihres Mannes alles andre als geheuer war, »Marit hat recht, du spielst 'n unsaubres Spielchen, heh, hast mir doch selber noch mitten in der Nacht in den Ohren gelegen von wegen diesem Notruf, der nicht still werden wollte.«
___5.
Schon wieder 'ne Dings, 'ne Führung. Kann man denn hier nicht mal einmal in Ruhe bloß aufpassen, einfach nur sitzen und wachen?! Bei meinem einen mir verbliebnen Fuß! Wenn ich eins hasse, dann sind das Museumsführungen. Irgendso 'ne akademische Trulla – aus Oslo am Ende noch! – brabbelt was von wegen, an dieser Stelle wolle sie Beckmann selbst mal zu Wort kommen lassen: »Möchte gern etwas von dem Zucken, dem magnetischen Zusammenreißen der Geschlechter hineinbringen. Diese immense Pracht der Natur.«
Also dein Pinselschwinger, ehrlich! »Diese immense Pracht der Natur«? Bei all der Hässlichkeit, die der gemalt hat! Bisschen hochgegriffen, Meister Beckmann. Mal ehrlich mal. Aber – »Zucken der Geschlechter«, das schon, muss man zugeben. Sag mal, du, ich meine, kannst du mit diesen Bildern was anfangen, schöne Frau? Also wenn de mich fragst, ich find se zu allererst und fast alle dreckig irgendwie. Also als er noch jung war, dein Beckmänne, so ganz am Anfang, konnt er ja ganz or'ntlich noch malen, dass man auch was erkennen konnt, richtige Gesichter und so und nicht so schlampig, verbeult und verbogen, nicht so falsch. Also, ich weiß ja nicht, ob ich's besser, aber, ich mein, der konnt's doch mal besser! Hat dich doch auch zustandegebracht. Schließlich. Also Brüste malen, das konnt er, satt! Der hat fantastische Dirnenbirnen gemalt, ha, rund und fest und gradaus. Mann, und du? Unterm lila Kleid, hinterm Fächer? Den Fächer, mal ehrlich, könntste mal für 'en Augenblick zur Seite fallen lassen, mal für 'en menschlichen Augenblick nur. Ich mein ja nur.
Und die Schlaubergerin kramt weiter in ihren Beckmann-Karteikärtchen: »Salz leckst du, armer größenwahnsinniger Sklave, und tanzt lieblich und unendlich komisch in der Arena der Unendlichkeit unter dem tosenden Beifall des göttlichen Publikums. Je besser du's machst, um so komischer bist du.«
Also ich kapier gar nichts mehr. »Größenwahnsinniger Sklave«, wen meint dieser Beckmax? Und macht sich lustig und lacht unterm tosenden Beifall des göttlichen Publikums, und ich bin der Dings, der Gelackmeierte oder wer. Göttlich jedenfalls kann ich das Publikum wahrhaftig nicht finden, bei aller Liebe. Die Kunsttante zum Beispiel, wie die ständig ihre Brille auf der Nase zurechtrückt und Beckmannverse predigt: »Am traurigsten der absolute Wollüstling, weil er Pech säuft statt Wasser. – Halten wir uns an die Verachtung.«
Unmöglich, dein Schöpfer, war doch 'n gebildeter Mensch, 'nen Kunstprofessor sogar, denk ich, und dann: Verachtung! Nur weil einer so viel Pech hat.
Kaum ist die Uni-Truppe abgezogen, ist dieser Kiebitzkerl wieder da. Und schielt unter dein lila Kleid. Schamlos. Mann, dass das aber auch so hochgerutscht sein muss, kann der ja bis sonst wohin und geil glotzen. Nur gut, dass du die Beine übernandergeschlagen hast. Der würd dir glatt reinpeilen, direktemang. Der Sphinx spinxen durch 'en Spalt bis zum Blinddarm. Kennt der nix. Gut gut, wahrscheinlich käm er nur bis zum Stoff. Und so 'n Tüllunterrock oder was, wie Balletteusen so anhaben, scheinste ja nicht drunter zu haben. Aber 'ne jungfrauweiße Balletthose.
Würd der garantiert völlig ungeniert hinschielen, ob kein Blutsfleck, kein Ausfluss nicht zu sehn ist. Würd mit seinen verquasten Kiekerlingen nachfahrn den Umriss, wie sich die Balletthose einkerbt, – 'ne Unterhose haste da bestimmt nicht drunter, ist jedenfalls nichts von zu sehn, kein Saumabdruck oder was – würd den feinen Schattenstrich nachfahrn, das Schwein, Ferkel das! Würd der fertig bringen, glatt und ohne rot zu werden. – Gut wirklich, dass du die Beine überkreuzt, bisschen auf Eleganz hältst. Bitter notwendig der Fächer, bitter.
Gunnar, altes Haus, merkst du eigentlich überhaupt nicht, wie diese Frau da grad dabei ist, dich komplett um den Finger zu wickeln. Pass auf, pass bloß auf!
___6.
Nein, das sei absolut hundertprozentig auszuschließen. Man habe die Havariestelle weiträumig abgesucht, habe Taucher eingesetzt und auf der Schäreninsel speziell ausgebildete Suchhunde. Und: nichts! Nein, man müsse jetzt, nachdem ja nun doch auch schon einige Tage ins Land gegangen seien, davon ausgehen, dass er der Einzige gewesen sei, der noch so weit habe schwimmen und sich über die Insel und den Fjordarm bis zum Festland durchschlagen können, dass also außer ihm die gesamte Crew ertrunken sei. Nach den vier Leichen seiner Kollegen habe man nichts Menschliches mehr gefunden und gestern Abend die Suche eingestellt. Vom Käptn und zwei andern Seeleuten keine Spur. Insgesamt sieben Tote, ein Überlebender und ein zerschellter Trawler, das sei die traurige Bilanz dieser Schreckensnacht vorige Woche.
Nun, man könne seine Wut ja bestens verstehen und sein alles andre überlagerndes Bedürfnis, als einziger Überlebender der Katastrophe um alles in der Welt rauszukriegen, wer den Ausfall der Leuchtfeuer zu verantworten habe. Aber, seine unmittelbare Betroffenheit in Ehren, zu ermitteln – das sei seine Aufgabe nicht! Dafür habe er weder die fachliche noch die exekutiv-juristische Kompetenz! Nein nein, da wäre er bestens beraten, wenn er das der amtlichen Küstenwache überlasse. Hier habe man ausgewiesene Spezialisten für so was. Und was die Loyalität des Leuchtturmwärters angehe, da gebe es nach den Erfahrungen der letzten Jahre keinen Anlass zum Zweifel. Aber wenn ihn das beruhige, so sei ihm hiermit versichert, dass man den Leuchtturm von Stjernholman ohnedies ganz besonders im Blick habe, schon zuständigkeitshalber. Man empfehle ihm also, die Staatsorgane machen zu lassen, sich zurück nach Stavanger zu begeben und erst mal richtig Urlaub an der Adria oder wo zu machen. Nachdem er sich selbstredend vorher mit der Versicherung in Verbindung gesetzt und tunlichst einen Rechtsanwalt konsultiert habe, denn da käme doch einiges an Papierkrieg auf ihn zu. Wenn man sich beispielsweise so seine Hände ansehe, da würde ihm doch mit ziemlicher Sicherheit ein anständiges Schmerzensgeld zustehen. Und da könne ein Rechtsbeistand sicherlich ausgesprochen nützlich sein. Wenn er sich also in den nächsten Wochen statt in Arcona partout auf einem Schlachtfeld tummeln wolle, dann bittschön auf diesem. Und zwar in seinem eigenen, seinem ureigensten Interesse. Statt sich hier in dieser unwirtlichen Gegend mit irgendwelchem Ermittlungsgestümper rumzuschlagen. Da könne er sich nur blamieren, unsterblich blamieren. Und seinem Käptn und den Kollegen nützen werde das auch nicht mehr.
Nach dieser Lektion schlug der Chef der Küstenwache die Akte zu und sah seinem Gegenüber fest in die Augen.
___7.
»Mir läuft das Wasser im Mund zusammen! – Finn, was is nu?«
Aber der hatte nur Augen und Ohren fürs Funkgerät. Während er versuchte, im weißen Rauschen irgendwelche verlorenen Silben, Wörter, Meldungen auszumachen, starrte er Löcher in den muffigbraunen Stoff, womit sein Vorgänger die ursprüngliche, vermutlich seit Jahrzehnten verschlissene Bespannung der kleinen Lautsprecherbox ersetzt hatte. Das gesamte technische Equipment hier wirkte wie ein Überbleibsel aus vorchristlichen Jahrhunderten, war vermutlich seit 1912, dem Jahr der Inbetriebnahme des Leuchtturms, nicht ausgetauscht worden. Wenn's hoch kam, mochte das ein oder andere Gerät oberflächlich überholt worden sein, wie die wenigen noch nicht ganz erblindeten Sichtscheiben der Messinginstrumente verrieten.
Schließlich stand Finn langsam auf, ging rüber zum Fenster und richtete den Blick ins Leere, als wolle er seine Gedanken draußen an der Reling des Galerieumlaufs zum Trocknen aufhängen. Während Marit den Dienstraum mit den langen Schritten eines Admirals durchmaß und dabei unverwandt aufs Funkgerät starrte, den stieren Blick nicht mal lockerte, als sie mit dem Fuß den baufälligen Stuhl anrempelte, den Petter gepachtet hatte. »Was meinste, hat er's?«
»Was?«
»Geschafft. Ob der Pott nu mal endlich vor unsre Felsen gerumst ist und schön unten auf'm Meeresgrund rumdümpelt! Stell dich doch nicht dämlicher, als du bist.«
»Keine Ahnung. Wirste schon früh genug merken. Du hast doch die Funkkiste bestens im Blick«, antwortete Finn. Er stand unbeweglich, den andern seinen merkwürdig kurzen Rücken zugewandt, und blickte gebannt aus dem Fenster, als könne er irgendwas erkennen in dieser dumpfen Schwärze da draußen, die regelmäßig vom kreisenden Lichtschweif der Leuchtturmlaterne für kurze Zeit in ein nicht weniger undurchdringbares nebliges Weiß verwandelt wurde. Marit klopfte fahrig an ihrer Pfeife herum, stopfte sie mit ihrem schwarzgelben Zeigefinger und schob sie dann, ohne die Lippen zu öffnen, zwischen die Zähne, um sich augenblicklich wieder daran festzubeißen.
»Will's aber jetzt wissen!« Sie tat zwei kräftige Züge, bis die Glut wieder durchgezogen war und stopfte noch einmal mit dem Finger nach, ohne dass ihr Gesicht auch nur den leisesten Anflug von Schmerz verraten hätte.
»Dann sei still und stell deine Lauscher auf Empfang. Sag ich doch«, kam es vom Fenster.
»Dieser Beowulf damals«, sagte sie gedankenverloren, das sei doch alles hirnverbrannter Unsinn: von wegen Held! Der sei bloß ein unglaublicher Draufgänger gewesen. Und, verdammt noch mal, ein hinterhältiger Dunkelmann, wie's in keinem Buche stehe. »Von wegen Held, von wegen! Nichts da«, raunte sie. Er habe eben nicht, wie die olle Legende erzähle, er habe den Gauten eben nicht ein halbes Jahrhundert Segen, Frieden, Reichtum beschert! Gut, möge ja sein, Reichtum womöglich schon, müsse sie zugeben vielleicht, aber auf wessen Kosten denn?! »Nein nein«, dröhnte sie und biss so fest auf das Mundstück ihrer Pfeife, dass es unter der heißblütigen Attacke vernehmlich ächzte. Die Kiefernmuskeln trieben unter ihrer alten Haut ein ungestümes Spiel, strafften die Wangen und legten sie im selben Moment wieder in tiefgründige Falten. Nein, ganze Generationen von tapferen Gauten habe dieser Raufrüpel über beide Ohren gehauen, habe seine treuesten Gefährten in den Tod gehetzt. »Ein Berserker, das Schwein.«
Niemand nahm Notiz von Marits fuchtiger Philippika.
Man solle sich doch bloß diese Geschichte aus Beowulfs Jugend vorknöpfen! Ihre Zähne knirschten auf der Pfeife, zwei Rauchfahnen stießen wie die eines feurigen Lindwurms durch die Eckzahnlücken. Wie da der Kerl im zarten Knabenalter gemeint habe, sich mit einem gleichaltrigen Burschen aus vornehmem norwegischen Geschlecht messen zu müssen. Wie die beiden sich bei Herbstwind und -wetter in die Fluten gestürzt und schwimmend tagelang mit dem Schwert auf die hochhergehenden Wellen eingedroschen und geharnischte Schläge wider die Gischt, gegen neun gräuliche Meeresungeheuer und andere Windmühlen ausgeteilt hätten! Wie Beowulf schließlich seinen Freund, den irgendeine Strömung erwischte, aus den Augen aus dem Sinn verloren habe und nach sieben Tagen irrwitzigen Gefechts gegen die Ostseestürme aus den Fluten gestapft sei. »Und aus diesem verdammten jugendlichen Leichtsinn machen die 'ne Heldensage!!«, brüllte sie. Müsse man sich vorstellen, die ollen Kelten, Dänen oder wer! Nicht zu fassen. Und übers Schicksal von dem andern armen Kerl, ob er womöglich bei Beowulf seinem Schwertgewirbel gegen irgendwas für Wellen nach unten gezogen worden sei von 'nem Strudel, sich verschluckt habe, mausetot verfangen in tausend Algententakeln oder ob er am Ende einem von Beowulfs fahrigen Schwerthieben selbst zum Opfer gefallen sei, weiß der Deibel, darüber schweige des Sängers verdammte Höflichkeit. Und sie ließ, um ihre Sicht der Dinge zu unterstreichen, ein kurzes, echoloses Husten hören.
»Finn«, zischte sie, »okay, du hast mir wieder 'n Sinn, wieder 'n Ziel gegeben. Und das, das ist das beste, was du in den Jahren, wo du jetzt hier bist, hingekriegt hast. Dass ich wieder weiß, wodrauf ich zusteuer. Zusteuern will. Aber umso mehr will ich jetzt nicht außen vorgelassen werden. Verstehste?! Wenn ich eins hasse, dann sind das Alleingänge, Durchmärsche, ohne nach links und rechts zu sehn, bloß weil einer sich für den Größten, den Allergrößten hält.«
Klatsch. Die zusammengesunkene grauhaarige Gestalt auf dem Stuhl in der finstren Ofenecke hatte sich plötzlich aufgerichtet und sich mit beiden Händen auf die Knie geschlagen. »Halt's Maul! Mal endlich mal. Hat er doch gesagt, sollst das Maul halten. Und wenn hier einer was zu sagen hat, in drei Teufels Namen, dann er. Ist Leuchtturmwärter schließlich. Außerdem macht doch überhaupt keiner 'n Alleingang. Und uns geht's auch nicht besser als dir. Schließlich weiß doch keiner, was Sache ist.«
Petter fiel auf seinem Schemel wieder in sich zusammen, den Kopf zwischen die riesigen rissigen Hände geschoben. Die Alte blieb endlich stehen, maulte zwischen Mundstück und verbissenen Lippen hindurch, dass sie diese elende Warterei satt sei, diese elend endlose Warterei immer, paffte noch zweimal und hüllte sich in Schwaden aus Rauch und Schweigen. Kein Sterbenslaut war zu hören, nur aus dem Ofen dann und wann ein Seufzen, wenn ein Scheit in der Glut riss.
Finn hatte die Hände aus der Tasche gezogen und die Finger auf der Fensterbank gespreizt, die Augen, so dicht es ging, an die schwarze Glasscheibe gepresst.
Bloß die Kerze auf dem Tisch, die Marit immer meinte, anzünden zu müssen, »dass kein Deibel und kein Aas Einzug halten kann«, wie sie sich ausdrückte, die Kerzenflamme ließ sich von einem leisen Lufthauch zu einer winzigen Bewegung hinreißen. Plötzlich ein ohrenbetäubender Krach! Ein Holzklotz im Ofen musste krepiert und in tausend Stücke zersprungen sein, die jetzt wild prasselnd in der Glut tanzten.
»Da. Die olle Kiste. Hat sich gemuckst.«
»Unsinn! Der Ofen.«
»Oder doch?« Finn hatte sich mit einer blitzschnellen Bewegung dem Funkgerät neben der Alten zugewandt. Unter seinen linealgrade gezogenen Brauen glühte es. Gebannt starrte er den braunbespannten Lautsprecher an. »Hast recht, Alte.« Zwei große Schritte und er ging vor dem Gerät in die Knie. Während er schon mit spitzen Fingern an den Schaltern und Drehknöpfen friemelte, zog seine Linke den Hocker an Land, den er eben beim Sturm vom Fenster zum Armaturenpult achtlos beiseite getreten hatte. Ohne die kniende Haltung aufzugeben, stützte er sich mit den Hinterbacken nur grade eben auf die Kante der Sitzfläche. Und als der Hocker wieder nach hinten zu entgleiten drohte, spreizte er die Unterschenkel und keilte die Stuhlbeine ein, während er mit ungebrochenem Eifer an den Reglern des Empfängers fingerte.
Die greise Gestalt am Ofen hatte nichts mehr von einem närrischen Kauz: Die wirren grauen Haare standen steil in die ofenheiße Luft, Petters rotglühendes Gesicht mit der breiten Nase sah plötzlich verblüffend jung aus. Seine Seeadleraugen waren mit derselben Spannkraft, mit der sie ansonsten das Fjordwasser zu durchlöchern pflegten, gradeaus auf Finns Finger gerichtet. »Mensch, kannste aus dem ollen Kasten nicht mal was Hörbares mal rauslocken! Mal ein Sterbenswörtchen mal.«
»Genau.« Die Alte konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, gickelte mitten in die brennende Luft hinein. »Genau: Ein Sterbenswörtchen!«
»Schnauze«, raunte ihr Mann und schraubte wie Finn seinen Blick in den schwarzen Apparat, die darin verborgenen Wortrümpfe ausfindig zu machen. Das Gerät aber brachte einstweilen nur Krächzer und Knackser hervor. Die Finger des Leuchtturmwärters tasteten es behutsam ab, legten Schalter hin und her, bewegten den Sendersuchknopf mit unendlicher Geduld einen knappen Millimeter vor und einen zurück. Das Knarzen wurde lauter. Finns dünner Schnäuzer schien zu zittern, die Augenbrauen warfen die Stirn in Falten.
»Betty Blue is calling you. Betty Blue, Newcastle. Lighthouse Stjernholman, Vesterålen, do you hear me? Betty Blue. One of the lights on Røversvaer-Islands must be out of order. And it's a God damned fog all around here. According to our charts we just have passed a big submarine rock within rather a scanty distance! Fucking fog! Thank God, we managed it. Stjernholman Fyr – do you hear me? Betty Blue, Newcastle. There is one of the lights out of order.«
»Kacke. Kohlrabenschwarze Kacke.«
»Sie haben's! Geschafft. Mit heiler Haut davongekommen. Olle Scheiße noch mal.«
»Schnauze.«
Marit stampfte die knarrende Wendeltreppe runter zum Wohndeck und schepperte den Riesentopf auf den Herd. »Fi-inn«, brüllte sie nach oben, »hast doch nix dagegen, wenn ich mich bisschen was nützlich mach. Ach so, ist übrigens dein vorletztes Paket Reisig, aber macht ja nichts. Vielleicht, wenn de Glück hast, kriegste in Svolvik noch welches. Wenn de Glück hast und nicht der Letzte bist, der sich um Reisig kümmert, im September. Hähähä.«
»Marit«, kam es von oben, »ich hab mich hier grad verdorri noch mal um andre Sachen zu kümmern.«
»Ich mein ja nur.« Die Alte war eingeschnappt. Kurzerhand packte sie auch noch das letzte Reisigbündel und stopfte es energisch mit dem anderen in den Herd, obwohl schon eins mehr als genug war. Das würde Zunder geben! Sollte Finn doch sehen, wie er morgen das Kaffeewasser heiß kriegte.
Mit einem Ruck zog sie die zwei Stockfischpaare aus dem Wasserkübel, in dem sie sich 24 Stunden lang sattgesoffen hatten. Sie stanken höchst appetitlich. Und weich waren sie, geschmeidig; schließlich hatte Marit sie gestern eingehend mit dem Hammer bearbeitet. Jetzt brauchte bloß noch das Wasser kochen, und dann rein damit. Anderthalb Stunden. Aber Zeit hatte sie ja. Da oben würde sich jetzt einstweilen sowieso nichts mehr tun. Also konnte sie auch hier unten dem Stockfisch zusehen, wie er noch mal, ein letztes Mal schwimmen lernte. Und schon mal am Aquavit nippen. Konnte schließlich nicht schaden bei dem vernebelten Sauwetter da draußen.
___8.
Schöne Tänzerin – nicht schön eigentlich, wie gesagt, schön nicht, nicht so richtig. Diese Klotznase, die hat er dir auch zu groß, zu klumpig ins Gesicht gemalt. Könntest schon noch schöner sein. Aber, ich weiß auch nicht – ungeheuer! Irgendwie ungeheuer. Mit deinem schwarzen, pechschwarzen Blick, und den rechten Arm schnurgrad schräg nach unten und angelehnt an die Armlehne von deinem dunkelroten, völlig verbauten Sessel – hat sich dein Beckmann wieder was zusammengepinselt! Die linke Hand wie im Dings, im Ballett fingerzeigend, ja noch mal, zwingt einen sozusagen in die Knie irgendwie, – da steht man und macht nichts mehr. Rein gar nichts.
Hätt nicht gedacht, Gunnar, alter Junge, dass dich eine so aus der Fassung, hartgesotten wie du bist, noch aus der Fassung bringen könnt. Dachte, so was wär mir abhanden gekommen, so diese Aufregung.
Heh Tänzerin, wie alt ist dein Klecksmax geworden? Sechsundsechzig? Hat er grad rechtzeitig den Arsch zugekniffen. Noch nichts mit Rente. Trotzdem, vielleicht hat er sie trotzdem gekannt schon, diese Angst vor diesen Rentnertagen, vor jedem neuen neu diese Angst: Auch der Tag ist wieder ein Idiot. Ich hab sie schon vor Augen gehabt, diese Angst, völlig ungeschminkt. War doch absolut nicht sicher – mit fast 50 ist man schließlich auch nicht mehr der Jüngste, und wo jetzt der Fuß ab war – war absolut nicht sicher, dass ich noch 'ne Arbeit find. Auf See jedenfalls nicht. Dabei guck ich für mein Leben gern, guck raus ins Offene, in die Weite bis zum Horizont, aber Essig! Also gut, da kam mir das mit den Bildern hier grad zupass. Einigermaßen. Konnte ja nicht ahnen, dass mir so eine hier übern Weg laufen würd.
Mann, bei mir, schöne Tänzerin, hättste's verdammt nicht schlecht, würdst nicht dauernd angepeilt von diesen schwachsinnig schwindsüchtigen Linsern mit ihren verranzten Bratäpfeln unter der Stirn. Die müssen dir doch auf den Zwirn gehn, jeden Tag und jeden Tag! Ich weiß überhaupt nicht, ob das wirklich ein Fächer ist, den de dir vor deinen Balköner hältst. Ich meine, wenn ich mir diesen ganzen Bohei hier im Museum – oder Halle ja, Halle von der alten Fischmehlfabrik, die der Kunstforeningen extra für die Ausstellung angemietet hat, jau, weiß ich, also: Halle, – wenn ich mir den Bohei hier in der Fischmehlfabrikhalle angucke, dies ganze Gebrabbel um dich rum, könnt man meinen, dein Max hat gar nicht 'en Fächer, hat vielleicht doch 'ne Narrenklatsche gemeint.
Jedenfalls, sieht man sofort, wie's dich anstrengt, seit zig Jahren so daneben gucken, neben's Gesülze von diesen spitzen Köpfen und Blicken, ins Nichts nach rechts gucken dauernd. Dass du nicht mal einem von diesen Glotzern und Gelehrten mitten ins Gesicht deinen ganzen Spottblick klatschen kannst. Darfst ja schließlich deinem Dings, deinem Schöpfer das Geschäft nicht vermasseln, musst still halten, die Kundschaft nicht verprellen. Bei mir könntste dich mal gehn lassen auch mal.
Warte mal! '25! Jahrgang 1925. Tatsächlich. Bist zwei Jahre älter als ich. Aber zwei Jährchen, was sind schon zwei Jährchen! Außerdem hast du mit den Jahren ja eh nichts am Hut. Gleich mit 28, Tschuldigung, vielleicht auch mit 23 geboren worden, und dann kein eines Jahr mehr verstreichen lassen. Seit 'nem halben Jahrhundert ein und dasselbe Jahr. Obwohl, hast viel verpasst, könntste bei mir nachholen. Könntst mit mir alt werden und jung bleiben. Und würdest endlich aus deiner unsterblichen Langeweile entlassen.
___9.
Petter hatte ihr wieder mal einen Haufen zerfaserter Netze auf den Felsbuckel vorm Haus geworfen. Wieso der alte Esel immer warten musste, bis so 'n riesiger Berg aufgelaufen war?! Musste man's doch mit der Angst zu tun kriegen, wenn man das ganze Zeug vor der Brust hatte. Würde ja nie aufhören! Aber dann zog sie doch das erste Netz vom Stapel und setzte die Nadel an. Sie konnte sich beim besten Willen nicht dran erinnern, wie viel hundert Netze sie in ihrem Leben schon repariert hatte. Sie machte das fast blind, musste immer nur ganz kurz hinsehen und konnte ansonsten den Blick schweifen lassen über die kaltgrauen Inseln im Septemberdämmer. Sah drüben die Lichtpunkte der Siedlungen auf den Inseln, wo die Landstraße – wie eine Allee gesäumt von einer endlosen Staffel gebeugter Straßenlaternen – sich gen Süden davon schlängelte.
»Es ist nicht zu fassen, das ganze Gelichter da drüben! Mittags um halb drei! Oder doch, ist doch zu fassen, ist klar, jetzt, wo's finstrer wird, Tag für Tag die Nächte länger, langsam aber stetig, da ergreifen sie die Flucht nach vorn, krempeln die Ärmel hoch, stapeln Lampen, Lämpchen, Leuchten, Lichtlein in die Einkaufswagen. Zu Tausenden. Was sag ich? Zu Hunderttausenden. Dabei wären die Einzigen, die in Sachen Licht 'n Wörtchen mitzureden hätten, ja wohl Baldur und der olle Loki, wenn Ihr Euch erinnern möchtet, Ihr brustgeschwellten Leuchtegockel Ihr! Muss man sich vorstellen: Für dies flirrend-grelle Geflimmer, Gefunkel, für das Lichtgeprasse von all den armseligen Armleuchtern Land auf Land ab, dafür war der Loki die endlosen Jahre an diesen kargen, an diesen höllischen Felsen festgekettet. Dafür! Hätt er sich verdammt auch nicht träumen lassen.«
Plötzlich, Marit wusste überhaupt nicht, wie ihr geschah, plötzlich standen neben ihr zwei schwarze Hosenbeine. Und als sie langsam, ganz langsam den Blick hob, musste sie feststellen, dass darin ein hochaufgeschossener Kerl steckte. Ein Schrank von einem Kerl. Daran bestand kein Zweifel, auch wenn ihre Perspektive von da unten zu Füßen des Netzgebirges ein Übriges dazu tun mochte, dem von Kopf bis Fuß schwarz gekleideten Mann gradezu Riesendimensionen zu verleihen. Sie war weiß Gott alles andre als ängstlich, aber als sie dem geheimnisvollen Fremden ins Gesicht sah, da ließ sie denn doch einen Schrei fahren, der die verblichenen Urahnen Odins zur neuerlichen Götterdämmerung hätte aufwecken können. Dieses Gesicht, in das sie da eben hatte blicken müssen, war schwarz, pechschwarz! Und wer hatte je auf den Vesterålen ein schwarzes Gesicht gesehen, ein so was von schwarzes Gesicht! Und natürlich hatte sie sofort gesehen, dass ihm aus der Stirn, rechts und links direkt am Haaransatz zwei spitzige Hörner wuchsen, krumm gebogen wie die eines stinkenden Ziegenbocks. Weder wollte sie auch nur eine Sekunde länger in dieses Grauen von einem Gesicht blicken, noch wagte sie es, den Blick zu senken, denn aus dem Augenwinkel hatte sie gesehen, dass der linke Fuß des Mannes von klumpigen Auswüchsen gezeichnet war. Um des hohen Himmels Willen, Marit stierte krampfhaft an dem Kerl vorbei aufs rauchgraue Meer, bekreuzigte sich und stammelte etwas von wegen, dass sie nie wieder an die Götter und Halbgötter, die hier in den hohen Breiten ihr Unwesen trieben, auch nur einen Gedanken verschwenden, sondern ausschließlichst an den einen einzigen Christengott glauben werde. Und heute Nacht noch, gelobte sie stumm, werde sie zwölf, oder ja, zwanzig Ave-Maria vom Stapel lassen. Wenn nur, ja, wenn der Gehörnte so plötzlich und leise, wie er erschienen war, auch wieder verschwinden werde.
»Kennen Sie den Leuchtturmwärter hier, Frau Tideband?«
Im Namen aller heiligen Geschöpfe aus Bestlas, oder nein besser: aus Evas erhabnem Schoß: Der Kerl hatte eine gradezu menschliche Stimme! Perfides Täuschungsmanöver! Und als sie jetzt gezwungen war, doch noch einmal aufzublicken, entdeckte sie, dass sein Gesicht längst nicht mehr so schwarz war, womöglich war nur ein etwas tiefer Schatten drauf gefallen. Und die Hörner – was für Hörner? »Den Leuchtturmwärter? Hier kennt jeder jeden. Aber ...«
»Aber?«
»Aber der Mann hat zu tun.«
»So?«
»Ist draußen irgendwo bei den Leuchtfeuern oder Bojen oder was, gehören ja, ich weiß nicht, etliche zu seinem Bezirk. Muss er irgendwas richten. Was fragen Sie mich denn das? Wer sind Sie überhaupt? Wenn wer Neues auf unser Eiland kommt, der stellt sich erst mal vor, vernünftig. Dass man weiß, wo man dran ist.«
»Dann bestellen Sie dem Leuchtturmwärter mal, er soll sich bei seiner Arbeit nicht stören lassen.«
»Ja, aber ...«
Aber da war der Kerl in Schwarz schon wieder verschwunden, so plötzlich und leise, wie er erschienen war. Huschte mit leichten, mit federleichten Schritten über die Felshöcker, schwebte um die Krüppelbirke drüben und war weg. Einfach weg.
»Deibel noch mal«, entfuhr es Marit, »woher, zum Teufel, weiß der meinen Namen?«
___10.
Der Oktobermorgen war noch jung. Bitterkalt. Das sah Finn beim ersten Blick aus dem schmalen Fenster, das vom winzigen Badezimmer des Leuchtturms Richtung Osten zeigte, rüber zu den Bergen der Insel Grovöya. Ohne dass er es merkte, bremste er seine Zahnbürste und verlor sich dem Anblick der paar wenigen Dächer zu Füßen des Leuchtturms, alle raureifweiß. Auch wie sich langsam die Tür öffnete, bekam er nicht mit. Erst als ihm plötzlich eine weiche Hand in den Schritt fuhr, schreckte er auf.
»Brik, ich putz mir die Zähne – dir ist aber auch nichts heilig.« Der Form halber nahm er das Zähneputzen wieder auf, aber Briks Hand wollte ihre einmal eroberte komfortable Position offensichtlich nicht wieder aufgeben. Was allerdings auch ihren Mann nicht unbeeindruckt ließ. Zwischen Zahnpastaschaum und emsig fuhrwerkender Zahnbürste hindurch säuselte er: »Ja, wenn das so ist. Über so 'ne Störung ließe sich vielleicht verhandeln.«
»Wo du dir grad die Zähne putzt, Mann, ist es nicht so viel Arbeit, an die entscheidenden Gerätschaften dranzukommen«, kicherte Brik.
Finn gurgelte, ob er vielleicht vorher noch ausspucken dürfe.
»Nein«, hauchte sie, »heh, siehste nicht? Der kriegt's auch so hin.«
Jetzt war Finn endgültig nicht mehr Herr der Lage, er wand sich wie eine Kobra, spuckte Schaum und Wasser in hohem Bogen ins winzige Becken, und sein Prusten ging nahtlos in eine Art sonores Schnurren über. Aber plötzlich, als sei er aus heiterem Himmel wieder zur Besinnung gekommen, stoppte er. »Brik, ich muss endlich mal was loswerden: Ich hab keine Ahnung, wie lang das noch gut geht.«
»Was? Wieso?« Brik hatte die Liebesverrichtungen ebenfalls abrupt unterbrochen.
»Mein Job. Die Arbeit, mein Leuchtturm.«
»Wissen wir doch längst.« Sie nahm den Rhythmus langsam wieder auf, aber es gelang ihr nicht, Finn mit auf die Schwingen zu heben.
»Das ist nur noch 'ne Frage der Zeit. Dann ist das zu Ende hier. Die neuen Zeiten, wo du immer so von schwärmst, – die wollen das alles hier automatisieren, verstehst du.«
»Aber das wissen wir, Mann, das haben sie euch doch schon während der Ausbildung unschonend beigebracht. Du wirst schon was Neues finden, heh, wenn das hier zu Ende geht.«
»Ich will aber nicht. Ich will nichts Neues finden. Und vor allen Dingen will ich kein Kind. Nicht so. Nicht wenn ich nicht weiß, was wird.«
»Können wir jetzt mal langsam hier weitermachen?« Brik wollte sich partout nicht aus dem Konzept bringen lassen.
»Krähenkacke noch mal, kann man mit dir vielleicht mal ernsthaft reden?«
»Och nee«, japste sie, »nicht schlapp machen, Finn!«
___11.
Schon am frühen Nachmittag verteilten die Sterne weiße Punkte über die hohe Kuppel. Immerhin war der November schon angebrochen. Es war kälter geworden. Jetzt, wo die Tage kürzer wurden, wo man den schwarzen Wolken beim Nachlaufenspiel um die weißen Häupter der Skanden zusehen konnte und den Möwen beim Flugballett über den schneegescheckten Schären, jetzt war die Zeit weit aufgerissen. Gedanken nachzudenken, zu vergessen, zu erinnern, im Kopf die krudesten Ideen aufstehen, taumeln, aufstehen zu lassen. Dachte er. Und sah weit raus, wo rotgold-kitschig die Sonne noch einen Augenblick auf der kaltglatten See längs kullerte und offensichtlich versuchte, die Gnadenfrist so lange wie möglich rauszuzögern. Bevor sie dann doch versank. Aber schnell noch einen üppigen Lichtvorrat aussandte, der den Horizont in ein sattes Orange tauchte, bonbonfarbene Schlieren an den Himmel zauberte, ein paar violette Federwolken mit einem barocken Goldrahmen einfasste, um dann schließlich in ein erbarmungsloses Blauschwarz auszuwachsen.
Finn spürte, wie die Kälte durch den Pullover kroch. Er steckte die Hände in die Hosentasch und wollte grade von der Galerie wieder in den Dienstraum gehen, um sich seiner Funk- und Schaltzentrale zu widmen, – als er plötzlich stockte. Er drehte bei, ging die paar Schritte zurück und baute sich wieder da auf, wo er eben das Schauspiel der Dämmerung begutachtet hatte. Da war, da fuhr doch – dabei kannte er doch nun wirklich jede Schaluppe, jeden Kahn, jeden alten Schuh, der vor seiner Küste vorbei schaukelte. Aber das, dieses Boot – da würde er seine Hand für ins Feuer legen – das hatte er hier noch nie gesehen. Finn stützte sich auf die Galeriereling, sein Oberkörper war plötzlich dermaßen schwer geworden, bleischwer. Der Kerl da unten hatte den Außenbordmotor ausgestellt und war sichtlich bemüht, lautlos die Ruder ins Abendwasser zu tauchen. Finn ließ das Boot seinem stechenden Blick nicht mehr entkommen, diesem Fernglasblick, den seine Profession mit sich brachte. Mochte der offenbar komplett schwarz gekleidete Kerl noch so sehr versuchen, in der wachsenden Dunkelheit unterzutauchen. Verdammt weit draußen, als er, wie's aussah, glaubte, außerhalb der Sicht- und erst recht außerhalb der Hörweite zu sein, warf der Typ den Motor an und zog mit Vollgas durch den engen Sund zwischen den Felshöckern im äußeren Schärengürtel davon, bis Finn ihn irgendwann endgültig aus dem Blick verlor.
»Kerl«, krähte Marit aus dem Inneren des Leuchtturms, »wo hängste denn wieder rum? Hier ist ja alles aber so was von total verwaist! Dienst ist Dienst, und Gedankenverlieren ist Gedankenverlieren.«
___12.
»Eins ist uns wenigstens noch frei. Hass – Zorn und innerlichen Gehorsam aufkündigen den widerwärtigen, ewig unbekannten Gesetzen, die über uns verhängt sind seit Endlosigkeit in namenloser schauerlicher Unfreiheit des Willens.« Hat er selber noch gesagt. Dein Meister Max Klecksmann. Also los. Mit Zorn und Lust und langen Fingern. Klauen aus diesen Klauen hier. Und soll sich keiner beschweren: Hat er selber gesagt, wie gesagt, nämlich, der Maler selbst. Bei dem einen mir verbliebnen Fuß.
Also runter zum Kollegen vom Objektschutz, in 'n Gespräch verwickeln, vielleicht 'nen Kurzen oder zwei mit ihm heben – jau, in der Tabakdose der Zahnabdruckgummi oder -kunststoff oder was das ist, ist noch weich. Und jetzt, Gunst der Stunde, rüberlangen. Zwei Abdrücke in die Zahnknete, von rechts, von links, und schon hängt der Schlüssel wieder. Und der Kollege ist den Schnaps am wegkramen.
Und dann noch paar Vorsichtstage noch rumkriegen hier. Und nicht auffallen, alter Gunnar, mit diesem ganzen Dings, diesem ganzen Schweiß und dem einen Fuß, dem eiskalten. Was der auf einmal auch so kalt sein muss, ist er doch sonst nicht.
___13.
»Ganz schön anstrengend morgens immer, was? So allein mit mir. Das ganze Frühstück! Eine geschlagne Viertelstunde – mindestens – dich eifrig mit mir unterhalten müssen.«
Brik hatte Frokost gemacht. Ihre große Leidenschaft, wenn sie ausnahmsweise mal rechtzeitig aus dem Bett gekommen waren. Sie trug nach Herzenslust alles zusammen fürs Frühstück, was die Küche hergab. Bis die Tischbeine sich durchbogen. Sämtliche nur erdenklichen Brotsorten, Flatbrød und Knäcke sowieso, Waffelbrot und Finnbrød. Und natürlich Lefse – niemand konnte die Saure-Sahne-Fladen wie sie zubereiten! Dann Blaubeerpfannkuchen und direkt daneben kalten Fisch, heißes Kartoffelpüree und ein ordentlicher Brocken Jarlsberg vom Feinsten, mild und nussig. Finn hatte keine Ahnung, wie sie an einen derart guten Käse kam, beim Supermarkt in Svolvik jedenfalls gab's den nicht, so viel war sicher. Weiß der liebe Himmel, wahrscheinlich ließ sie ihn direkt einfliegen aus dem Süden, irgendwo aus dem Gudbrandsdal oder woher auch immer. Und der Brunost-Käse, den sie immer anschleppte, war auch nicht zu verachten, Zwischending aus Ziege und Karamell, süß, braun und bitter, klebte am Gaumen wie tagelang durchgewalkter Kaugummi. Aber lecker, einfach lecker, würzig süß.
Früher hatte er Brik für diese Frühstücksköstlichkeiten geliebt, und sie ihn, weil er eine Antenne dafür hatte. Aber in den letzten Wochen war ihm der Sinn nicht danach. Und heute schon gar nicht. Er stand unter Strom. Griff eilig, aber so, dass es möglichst nicht danach aussah, in den Topf mit eingelegten Salzheringen und schob sich zwei davon samt Zwiebelscheiben, Dillstrünken und Pfefferkörnern in den Rachen. Dann noch schnell zwei Knackwürstchen und einen Schlag Kartoffelbrei mit brauner Butter. Das musste heute reichen als Frühstück.
»Aber wenn ich dann zur Praxis bin, dann haste ja erst mal so richtig deine Ruhe. Bis Petter seine Fischernacht weggeschlafen hat und Marit in die Gänge gekommen ist. So lange total allein – kommst du da nicht manchmal auf krumme Gedanken?«
»Ich weiß auch nicht, ich bin mir irgendwie selbst genug. Manchmal. Meistens. Aber nicht immer.«
»Kannste ja bloß froh sein, heh, dass du für das Nicht-Immer anständig verheiratet bist. Andernfalls, das würde dich hier oben wahrscheinlich teuer, verdammt teuer zu stehn kommen.« Brik lachte, gab ihm einen kurzen Kuss auf die Nasenspitze, und schon hörte er sie die Treppe runterpoltern. Er wusste, dass sie noch auf der Treppe ihre Arme in die Jacke stopfen, den Mantel anziehen und schließlich Finns alten, ausgebeulten Overall darüber würgen würde. Diese letzte Pelle würde sie dann drüben in Brunøa auf dem Anlegesteg wieder ablegen, ebenfalls im Laufschritt. Jetzt war sie vermutlich unten auf den letzten Treppenstufen angekommen und schlüpfte in die Stiefel. War ihm ein Rätsel und würde ihm, obwohl er's schon so oft beobachtet hatte, immer ein Rätsel bleiben, wie sie es schaffte, die ganzen Klamotten verteilt auf ihre Hände, Arme, Schultern treppab zu befördern und sie dabei – im Hochgalopp – Stück für Stück anzuziehen.
Dann hörte er ihren Außenborder losknattern und davon heulen. Musst du schon verflucht schnell hinhörn, dann is' er weg. Schon weg. Verpufft, vertrieben, spurlos, noch schneller als wie die Qualmfetzen von seinem ollen Sprit. Finn musste grinsen, dass ihm immer morgens, wenn Brik zur Praxis fuhr, Marits zerzauste Worte in den Sinn kamen, die sie losgelassen hatte, als sie zusammen unten auf den Felsen gehockt und in den verblassenden Augusthimmel gegrübelt hatten. Schon weg, im leichten Wind, die Furche, die ihr Boot durchs Wasser zieht, die weißen Gischtschnüre hinten dran. Schon verschlungen vom Wasser, wieder verschlungen.
Finn ging zum Telefon und ließ die Wählscheibe die paar Nummern durchzwirbeln.
• »Tach auch. Werenskiold hier, Stjernholman Fyr. Ich hab bloß noch eine Ersatzleuchte für die B63er Bojen, ihr müsst mir noch mal 'nen Satz Leuchten zurücklegen. Und drei, vier Parabolspiegel auch. Okay?«
• »Ja sicher, weiß ich.«
• »Stimmt, waren auch B63er. Aber kann ich ja nu nichts zu.«
• »Ich geh mal davon aus, dass das auch auf die Kappe von diesen Chaoten aus Svolvik oder wo geht. Hab ich euch ja schon gesteckt, dass ich da 'ne Handvoll militante Vegetarier in Verdacht hab, die was weiß ich was für Fischbestände vorm Untergang retten wollen. Brauchen ja bloß irgendein abgewracktes Boot zu kapern und können von draußen von See aus lustig drauf los schmeißen. Diese leuchtenden Küstenaugen geben doch, Krähenkacke noch mal, 'ne wunderbare Zielscheibe ab. Die Burschen wollen offenbar hier die Runde machen bei mir.«
• »Nee, das nicht. Bloß so 'n Verdacht.«
• »Wieso, ja, seid doch froh, dass ich das rechtzeitig immer mitkriege. Dass sich einer persönlich drum kümmert und an Ort und Stelle ist, wenn's drauf ankommt. Ihr könnt ja mal einen von euern Computerautomatendingern rausschicken, mal gucken, ob so einer was ausrichtet gegen die Steineschmeißer!«
• »Jedenfalls ich schick euch Brik dieser Tage mal vorbei, dass ihr der die Laternen mitgebt. Okay? Und ich geb ihr die zerdepperten mit, dass ihr mal 'n Blick drauf werfen könnt. Und nicht extra einer rauskommen muss.«
• »Ja ja, nichts für ungut.«
Minuten später saß Finn im Boot und fuhr rüber zu seinen Schützlingen direkt vor der Einfahrt zum Håkfjord. Irgendwie wirkte die Strecke heute doppelt lang. Endlich brachte er sein Boot zwanzig, dreißig Meter vor einer der B63er in Stellung und fischte sich ein paar von den Steinen, die er in Marits löchrigem Eimer mitgebracht hatte. Plötzlich aber kam er ins Stocken. Mitten auf der kleinen Schäreninsel, die seine Leuchtbake beherbergte, wirbelte eine Windhose über den Fels und riss den fein zerstäubten Neuschnee, der in den vergangenen Tagen den Winter eingeläutet hatte, fünf Meter hoch ins Licht. Die winzigen Kristalle, tausend Prismen, machten aus den paar wenigen Sonnenstrahlen, die sie erwischten, ein fantastisch wirbelndes Farbenspiel. Ein riesiger, glitzernder Diabolo aus Lichtfunken. Schnell noch ein Lichtspiel, bevor's die Sonne im Dezember dann nicht mehr über den Horizont schaffen und diese Wochen kommen würden, wo die Zeit unglaublich breit wurde. Gefiel ihm, aber irgendwie war es jedes Jahr aufs Neue eine Überraschung, wenn die Sonne sich mit einem letzten Augenzwinkern für vier lange Wochen definitiv verabschiedete.
Finn musste kurz überlegen, was er hier eigentlich zu suchen hatte. Dann spürte er die Steine in seiner Hand und legte los, griff immer wieder in den Eimer und schmiss, was das Zeug hielt. War seit jeher sein Schwachpunkt gewesen. Schon in der Schule. Schlagballwerfen: sein persönlicher Erfolgstöter. Daran hatte sich bis heute wenig geändert. Er musste das Boot ein ordentliches Stück näher heran steuern, dann erst landete er einen Treffer. Das Glas der Bake allerdings hielt der Attacke stand und schleuderte den Stein in hohem Bogen wieder zurück. Hoch elastisch, das Schutzglas, ja, wusste er, aber damit hatte er denn doch nicht gerechnet. Und auch einen zweiten und dritten Treffer quittierte seine B63er getreu der Devise: Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel.
Was blieb ihm anderes, als noch näher heranzufahren. Schließlich suchte er in seinem Vorrat an Wurfmaterial den schwersten und scharfkantigsten Stein aus, stellte sich aufrecht hin und schleuderte ihn mit solchem Nachdruck auf die Bake, dass das Boot von der heftigen Bewegung anfing, wie wild zu schaukeln. Finn sah noch wie die Glasabdeckung des Leuchtfeuers aufriss, wie die Linse darunter in tausend Scherben explodierte und wie, allem Anschein nach, auch die Laterne selbst ihre Glashülle in alle Himmelsrichtungen verspritzte, doch da verblendete sich das Mosaik der umherfliegenden Glassplitter bereits mit einem Zauberbild schwarzer und weißer Wasserfontänen, wüst auseinanderstiebender Spritzer und strudelnder Turbulenzen. Die winzigen Tropfen machten aus den paar wenigen Sonnenstrahlen, die sie erwischten, ein fantastisch wirbelndes Schwarzweißspiel. Ein riesiger, glitzernder Diabolo aus Wasserfunken.
Jetzt erst, als er schon ein ordentliches Stück untergetaucht war, bemerkte Finn, wie saukalt das Wasser war. In extremer Kälte, hatte er mal irgendwo gelesen, hat man, kurz bevor einen der Kältetod holt, überbordend euphorische Gefühle.
»Und der Haifisch, der hat Zähne«, schoss es ihm durch den Kopf, »aber hier, hier hat noch der schärfste Haifischzahn keine Chance. Gegen diese Kälte und diese Finsternis. Nordnacht ist Mordnacht. Und der Mordzahn beißt auf Granit und Grund und gründet tief und knirscht, lässt den Sand zwischen den Zähnen zergehn und auf der Zunge. Komische Gedanken, wirres Zeug im Kopf, von wegen: Euphorie!«
Das einzig Heftige war dieses hämmernde Gefühl, das Herz müsse jeden Augenblick stehen bleiben. Aber dann meldete sich die Lunge, verlangte nach Luft und zwang ihn, sich nicht weiter um den Herzstillstand, sondern um die Aufwärtsbewegung zu kümmern. Kaum hatte er den Kopf über Wasser, sah er, dass es schlimmer kaum hätte kommen können. Das Boot lag kieloben und war ein gehöriges Stück abgetrieben. Die Werkzeugkiste mit allem drum und dran dürfte grade dabei sein, gemächlich zum Meeresboden hinab zu taumeln. Der halbleere Benzinkanister, Riemen und Tampen und Fender und was der Utensilien eines nordnorwegischen Leuchtturmwärters mehr waren, mochten sich ebenfalls irgendwohin auf Reisen begeben haben.
Doch das war noch längst nicht das Schlimmste. Viel aufregender war die Frage, wie er aus dieser Nummer mit einigermaßen heiler Haut rauskommen wollte. Finn musste herzergreifend lachen, so gut man bei diesen gattungsfeindlichen Wassertemperaturen lachen konnte. Aber sein Galgenhumor mischte sich mit durchaus weniger lustigen Gedanken. Eins jedenfalls war klar, er konnte nicht einfach zur Insel von seiner Leuchtbake rüberschwimmen, sich an Land schleppen und auf Rettung warten. Immerhin war nicht grade davon auszugehen, dass innerhalb der nächsten halben Stunde, bevor er bei Minusgraden in den klatschnassen Klamotten denn doch noch den Herzstillstand nachgeholt haben würde, dass also in absehbarer Zeit ein Rettungshubschrauber über dieses völlig abgelegene und, versteht sich, unbewohnte Eiland, über diesen nun wirklich als solchen ausgewiesenen Arsch der Welt fliegen und ihn, Finn, aufgabeln würde. Mal ganz davon abgesehen, dass er, nachdem er sich vor anderthalb Stunden noch bei der Küstenwache bitterlich über die üblen Streiche der Dorfjugend von heute beklagt hatte, nicht eben eine gute Figur machen würde neben dem zerdepperten Leuchtfeuer seiner Bake. Vielleicht hätte er sich bei entsprechendem rhetorischen Einsatz damit rausreden können, er sei auf der Suche nach den Übeltätern gewesen, habe sie auf frischer Tat ertappt, sie hätten daraufhin sein Boot zum Kentern gebracht, er sei nur knapp dem Tod durch Ertrinken entgangen und so weiter und so fort ... Wie auch immer, jedenfalls würde er sich mindestens verdächtig machen. Wo die ihn doch sowieso schon auf dem Kieker hatten.
Und das zweite, was klar war: Hier im Wasser konnte er noch weniger bleiben.
Unter diesen unwirtlichen Umständen waren keine zehn Minuten zu überleben. Wenn's ihm aber gelingen sollte, bis zum Boot zu kommen, und wenn es ihm des weiteren gelingen sollte, das Boot wieder nach oben zu drehen, den gründlich gewässerten Außenbordmotor anzuwerfen oder zumindest die altersschwachen Riemen in die Dollen zu würgen und in einem Wahnsinnsakt mit den klatschnassen Klamotten am Leib die sechs Seemeilen durch die Kälte zurück zu paddeln, wie sollte er Marit und Petter, wie sollte er vor allem Brik klarmachen, wo er gewesen und was ihm widerfahren sei. Sich schon wieder irgendeine Geschichte ausdenken, die ihm keiner – und Brik schon gar nicht – abnehmen würde?
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