Kitabı oku: «Einstürzende Gedankengänge»
Land
Einstürzende Gedankengänge
Eifel/Island-Krimi mit Rezepten

Ulrich Land
Einstürzende Gedankengänge
Eifel/Island-Krimi mit Rezepten

Haftungsausschluss: Die Rezepte dieses Buchs wurden von Verlag und Herausgeber sorgfältig erwogen und geprüft. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Die Haftung des Verlags bzw. des Herausgebers für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
© 2010 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des
Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
www.oktoberverlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz: Claudia Rüthschilling
Umschlag: Tom van Endert
unter Verwendung eines Fotos von LP12inch/photocase.com
Rezepte: Ulrich Land
Herstellung: Monsenstein und Vannerdat
ISBN 978-3-938568-41-5
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
1
Stammt das Geschrei, das dich da aus diesem schwarzen Traum reißt, von deinem verfluchten Wecker oder vom nicht weniger verfluchten Handy? Heh Mann, du bist auf Island. Warst die ganze Nacht auf Island. Mal wieder mit dem größten Gletscher da gekämpft. Und hast nicht gesiegt. – Okay okay, du sattelst ja schon die Hühner. Knallst mit deiner frisch ausgebeulten, aber immerhin metallic-blau nachgespritzten Blechpocke durch die Schluchten der Steinwüste längs der Saarstraße. Merkwürdig, dass deine Hände das Steuer irgendwie treffsicher einschlagen, während du immer noch deinem Islandschocktraum nachsinnst und deine Augen bloß diese verdammt hohe, verdammt harte, kalte Eiswand im Visier haben. Im Visier haben wollen. Wer, verflucht, besitzt die Frechheit, an den Marionettenfäden zu ziehen, die an deinen Kopf und die Schultern geknotet sind? Du kannst machen, was du willst, du funktionierst einfach. Wer weiß, vielleicht liegt es auch bloß daran, dass der CD-Player in deiner Karre mal wieder genau die richtige Musik zu bieten hat. »Wir fordern etwas Abwechslung in uns’rer Umlaufbahn, endgültige Befreiung von Newtons Schwerkraftwahn, keine Gravitätlichkeiten, fliegen fällt sonst schwer«, singruft Blixa Bargeld zu Schrottschlagwerk und mit dem Bogen gequälter E-Gitarre, bevor der Punkchor loslegt, »nur was nicht ist, ist möglich.« Okay okay: Röntgenstraße. Röntgen Ecke Goethe. Bin schon unterwegs.
»Hier, Sheriff, kommen Sie hier durch«, natürlich die blecherne Stimme der Mahnemannschen, »hier hinten!«
»Wie kommt das eigentlich, verdammt und zugenäht, dass Sie grundsätzlich vor mir an Ort und Stelle sind? Aber auch jedes Mal!«, rufst du ihr vorsorglich schon mal zu, während du dich durch das emsige Kellertreiben der Kollegen nach vorne durchruderst.
Unversehens stehst du in einem hell erleuchteten Kellerraum. Du hältst die Hand vor die Augen, um das gleißende Scheinwerferlicht wenigstens ein bisschen abzumildern. Das erste, was du siehst, als du wieder was siehst, ist: das Kind. Spätestens jetzt ist Island restlos verschwunden, der Traum zu Ende.
Du musst, musst einfach woanders hinsehn. Tust so, als würdest du dich rasend für die Arbeit der Spurensicherung interessieren, der Kamera beim Blitzen zusehn, den Schritten beim Durcheinanderrennen zuhören. Du willst alles, nur jetzt nicht kotzen müssen! Das nicht, nicht das. Jetzt. Vor der Mahnemannschen und der versammelten Mannschaft. Also redest du, redest auf Deibel komm raus.
»Scheiße«, sagst du und weißt, wie recht, wie verflucht recht du hast. »Ich war ja auf allerhand gefasst, aber das ...!«
Muss man mal vor seinem inneren Auge durchspielen: Da stehst du also im Keller eines ganz gewöhnlichen Mietshauses. Offenbar wenig frequentiert. Seit keine Kohlen und Kartoffeln mehr eingelagert werden, geht man eh nur noch einmal im Vierteljahr runter. Ziemlich verwaist, der ganze Keller. Trotzdem alles akkurat und ordentlich, die Türen brav in Reih und Glied, die Flurwände in makellosem, wenn auch schon etwas vergilbtem ... Nur der Putzdienst, der scheint seit Monaten nicht mehr ... obwohl einer der Mieter mit beamtischer Akribie einen Plan fabriziert und an die Kellerflurtür ... Dran angebunden ein speerspitzer Bleistift. Auf dem Putzplan erkennst du zwar ein paar Häkchen und Namenskürzel, aber das letzte Mal scheint da vor mehreren hundert Jahren einer was eingetragen zu haben. Wahrscheinlich ist der Putzkalenderbeamte längst ... Und du findest dich also am Ende des Flurs in diesem Keller hier wieder. Die Tür von den Kollegen aufgebrochen. Der Leichengestank könnte zwar deutlich penetranter ausfallen, reicht aber allemal, dir den Atem zu verschlagen. Du trittst noch einen Schritt vor und siehst an der Mahnemannschen vorbei und ... Scheiße! Du warst ja auf allerhand gefasst, aber das – ...!
Das kleine Gesicht eingefallen, die Wangenknochen hervorgetreten. Unter der schlaff herabhängenden Kleidung zeichnet sich kantig der hagere Körper ab. Etliche Fingernägel gesplissen, teilweise bis zum Nagelbett abgebrochen. Passend zu den Kratzspuren am Holzverschlag des Kellerraums und an diesem Vorkriegsküchenschrank. Das Haar büschelweise ausgerissen und im ganzen Raum verteilt. Ansonsten keine Wundmerkmale erkennbar. Der Körper zusammengekrümmt auf dem staubgrauen Kellerboden. Arme, Beine angewinkelt, der Rücken rund. Die rechte Hand zwischen schwerem Kopf und kaltem Boden, die linke aufs Gesicht gelegt. Wie zur Abschirmung gegen das grelle Licht der Dunkelheit.
»Ist Ihnen nicht gut, Herr Kommissar?«, was Intelligenteres konnte die Mahnefrau wahrhaftig nicht fragen. Nein. Dir ist nicht gut. Dir ist überhaupt nicht gut.
»Bühren nimmt an, dass der Kleine rasend hohes Fieber gehabt haben muss und dass er schon vier, fünf Tage ...«, setzt sie an.
»Und das da, dieser halbleere Napf, das war wahrscheinlich das Letzte, wovon er gegessen hat«, sagst du, um was gesagt zu haben. Und plötzlich merkst du: Die Routine trägt so was wie den Sieg davon und sorgt dafür, dass allmählich, so ganz allmählich die Blutversorgung des Gesichts wieder in Gang kommt. Und als wolltest du genau das unterstreichen, greifst du in den Werkzeugkoffer mit Sprechblasen: »Bloß noch Haut und Knochen, das Kerlchen.«
Jetzt weißt du auch endlich, wieso du so plötzlich die Fassung wiedergefunden hast: Der kleine Bursche hier hat die Augen zu. Als würde er schlafen, friedlich schlafen. Verflucht noch mal, ist das gut! Du dankst Gott oder wem auf Knien, dass der Junge die Augen noch rechtzeitig hat schließen können. Vielleicht ist das grundsätzlich so bei Kindern, die sterben, schießt es dir durch den Kopf, dass sie, weil sie nicht wirklich begreifen, was da auf sie zukommt, dass sie also, sobald der Tod im Anmarsch ist, merken, da passiert irgendwas, irgendwas Besonderes, wovor man Angst haben muss – oder doch müsste –, dass sie dann sozusagen reflexartig die Augen zumachen, die Flucht ins Dunkel ergreifen und in tiefen Schlaf sinken. Dass sie also hinüberschlafen, der Horror selbst sie gar nicht mehr erwischt. Und also musst du jetzt die Todesqual im letzten Blick von dem Jungen nicht mit ansehn. Jedenfalls vermutest du mal, dass sich die Qual in den Augen abzeichnet. Vor allem in den Augen!
Die Mahnemannsche scheint aus deiner zurückgekehrten Gesichtsfarbe geschlossen zu haben, dass du wieder einigermaßen zurechnungsfähig bist.
»Und der Wassernapf«, quasselt sie auf dich ein, »da drüben, sehn Sie, da ist nur noch eine Pfütze drin. Und zwar genau so tief, wie ein Kind mit der Zunge kommt, wenn’s das Gesicht auf den Rand presst. Wahrscheinlich hatte der Kleine am Ende gar nicht mehr die Kraft, den Pott zum Trinken anzuheben.«
Bevor die Farbe wieder aus deinem Gesicht weicht, gehst du schleunigst dazwischen: »Mahnemannsche, das will ich mir überhaupt nicht so genau ausmalen.«
Verflucht noch mal, das willst du dir nun wirklich nicht so genau ausmalen. Gibt keinen grausameren Anblick als den eines elend umgekommenen Kindes, und zwar nicht in den Blechhüttenfavelas von Sao Paulo, sondern mitten in der Wohlstandsgesellschaft, im Keller der Wohlstandsgesellschaft. Die Mahnemannsche weist dich zu allem Überfluss noch auf die Beißspuren an der Innenkante der Kellertür hin; er hatte offenbar versucht, sich durchzu... Jetzt ... Bühren zeigt auf den Rücken des Jungen ... da, durch das zerschlissene Hemd leuchtet ein sattes Hämatom durch. Bühren schiebt das Hemd hoch ... Es trifft dich der Schlag! Du kannst genau die fünf Finger der Hand erkennen, die man dem kleinen Kerl auf den Rücken geprügelt hat, mit solcher Kraft, dass ... dass er die Schnauze hält, dass er definitiv die Schnauze hält.
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2
Du siehst sie fallen. Obwohl du sie beim Fallen überhaupt nicht gesehn hast, definitiv nicht! Warst viel zu sehr mit dir selbst beschäftigt. Du siehst, wie sie strauchelt, stürzt. Runter im freien Fall. Immer weiter, immer tiefer. Ins Bodenlose. Du hasst diese Träume. Aber sie kommen hartnäckig wieder.
Ständig schleicht sich diese brutal kahle Steinwelt ins Traumbild. Schon immer das Land deiner Träume. Als Knirps schon. Du wolltest, obwohl es natürlich vollkommen utopisch war, unbedingt nach Island. Dabei – was wusstest du als Siebenjähriger schon von Island! Wahrscheinlich waren’s die Filmbilder, die verfangen hatten. Brünhilds Herkunftsland, in diesem Uralt-Nibelungenfilm, war das noch Schwarz-Weiß oder schon Farbe? Wenn, dann blutarm blassbleiche Farben. Aber für Island, jedenfalls für vier Fünftel der Insel, macht’s ja eh kaum einen Unterschied. Steine sind eben grau, die allermeisten jedenfalls, auch auf Island, abgesehn von den schwefelgelbroten Vulkanausblühungen hier und da. Und Eis und Schnee sind eben weiß. Mehr oder weniger. Wenn sich nicht schwarzer Vulkanstaub reingefressen hat.
Aber: Zurück auf Los! Wie ihr beide also tatsächlich da hochgeklettert seid. Da, wo’s keine Zerrissenheit gibt, nicht hin, nicht her, nur vorwärts. Keine andere Besessenheit. Wo der Kampf nur dem Gletscher gilt. Woher jetzt dieses Irrsinns-Krachen? – Da drüben! Nein, kein Donner, viel zu nah. Da wird ein Eisstück abgebrochen sein und abgestürzt, die Gletscherzunge runtergeschlittert. Schlittenfahrt ohne Schlitten. Aber jetzt die Eiswand hier über der Gletscherzunge, die ist nicht zu schaffen. Kaum der Aufstieg, und schon umkehren? Zurück. Nicht zu schaffen. Ihr werdet aufgeben müssen.
Oder nein, vielleicht doch nicht. Es funktioniert doch einigermaßen. Weiter.
Deine Tochter macht mal wieder eine verflucht gute Figur. Kondition und Hartnäckigkeit, ohne verbissen zu sein. Sie will einfach nur hoch da. Ganz einfach. Also. Und du? Dir gerät der Atem kurz und kürzer. Aber du machst einigermaßen gute Miene zum bösen Spiel. Bloß nichts anmerken lassen. Schon gar nicht die verfluchte Angst, die du immer wieder um die Tochter hast, mit ihren siebzehn Lenzen. Dass die einen Abgang machen könnte. Immer diese Irrsinnsangst. Da kann die noch so sicher sein! Fragt sich doch verdammt noch mal, warum du dann überhaupt mit ihr hierher ... aber die Frage lässt du nicht zu. Sowieso zu spät.
Also: weiter steigen, klettern, der Tochter hinterher. Weiter. Acht, vielleicht neun Meter, die Hälfte der Eiswand hast du. Der Schritt steht. Während Marina ein Stück weiter oben den nächsten Stand baut. Drüben, die erste Sonne wirft ihr Altgold auf die bizarren Schnee-Eishänge.
Der Felsbrocken, vorne, über euch, der aus der Eiswand ragt, wenn ihr den schafft, habt ihr erst mal wieder festen Boden untern Füßen.
Und plötzlich – schwarz!
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3
Da sticht er sofort wieder in die Augen, der Blick auf diese Fels-, Eis- und Aschewüste. Krallt sich fest hinter der Stirn. Während ihr, die Mahnemannsche, der halbe Tross der Spurensicherung und du, während ihr mehr schlecht als recht verrichteter Dinge die Kellertreppe wieder raufsteigt. Im Eingangsbereich des Treppenhauses angekommen, verfliegt sämtlicher Tatendrang wieder, der dich die letzten ein, zwei Stunden hat überstehen lassen, der sich völlig automatisch abspulte, sämtliche Kreuz- und Quergedanken ausschaltete, dich perfekt funktionieren ließ – alles weg. Nur noch die eine Frage im Kopf: Und was jetzt? Was jetzt als Nächstes? Einer wie der andre blicken die Kollegen dich ratlos an. Schließlich bist du der Boss hier. Aber du, Mann, du weißt doch am allerwenigsten, wo’s langgeht. Sämtliche Gedanken wie festgefroren, angefroren von innen an der Schädeldecke. Eisern eisig. Stillstand.
Genau in dem Augenblick, als die bleierne Ratlosigkeit unerträglich wird, hörst du plötzlich, wie mit einem Schlüssel im Schloss der Haustür rumgestochert wird. Ihr steht stumm wie die Ölgötzen da und starrt die Frau an, die jetzt den Hausflur betritt, euch mindestens ebenso konsterniert anstarrt und mit der geistesabwesenden Mechanik einer Gliederpuppe ihren Briefkasten öffnet, dessen Klappe unter herzerweichendem Kreischen nachgibt.
»Was ist denn hier los?«, nörgelt die junge Frau und meint damit nicht etwa die vier, fünf Kuverts und die farblose Broschüre der Arbeitsagentur, die ihr durch die aufgeklappte Briefkastentür entgegenpurzeln.
»Kerstin Engelsberg?« Aha, eine Stimme hast du also noch. Wenigstens das.
»Und mit wem hab ich das Vergnügen?«, kontert sie, während sie auf den Knien rutschend ihre Briefkastenschätze aufklaubt.
»Hauptkommissar Dollinger, Trierer Mordkommission.« Und wieder, jedes Mal aufs Neue bist du überrascht über die Wirkung dieser Visitenkarte.
»Mordkommission?«
»Und das ist meine Kollegin Barbara Mahnemann.«
Worauf die sofort den Staffelstab übernimmt: »Sie sind die Mutter des fünfjährigen Johannes?«
»Ich, ähm ...«
»Ja?«, gehst du in die Lücke, um der Frau die Luft für irgendwelche Ausflüchte zu nehmen.
»Ich such ihn wie verrückt, die ganze Zeit.« Man kann zusehn, wie sie die bislang in Anschlag gebrachte Unnahbarkeit tauscht gegen eine deutlich, ausgesprochen deutlich sichtbare Betroffenheit. »Haben Sie was von ihm gehört? Ist er ... er ist doch nicht ... doch nicht etwa ...«
»Doch, Frau Engelsberg, ich muss Ihnen leider mitteilen«, stichst du erbarmungslos in die bereitwillig hingehaltene Wunde – wobei du ihr nicht mal die wirklich abnimmst, stinkt doch gen Himmel alles, da ist verdammt was faul. »Frau Engelsberg, wir haben Ihren Sohn tot im Keller gefunden.«
»Nachbarn war der Geruch aufgefallen«, assistiert die Mahnemannsche.
»Das ähm, nein nicht, tot, mein kleiner, mein winziger ...! Im Keller, das ist doch nicht zu glauben! Da wär ich als Allerletztes drauf gekommen. War ich schon ewig nicht mehr, im Keller.«
»Aber irgendwer muss ihn da unten versorgt haben. Mehr schlecht als recht. Aber immerhin«, baut die Mahnemann ihr noch eine goldene Brücke, die du natürlich sofort wieder einreißt: »Und schließlich dann irgendwann nicht mal mehr das! Jedenfalls nicht so, wie ein fieberkrankes Kind das braucht.«
»Fieber? Wieso denn Fieber?«, und endlich hält diese Kerstin Engelsberg den Zeitpunkt für gekommen, in Tränen auszubrechen. »Er ist also elend zugrunde gegangen?«, resümiert sie stammelnd und schluchzt noch einmal herzzerreißend.
Aber du bist noch nicht zufrieden, willst noch mehr aus dieser Situation rausholen. Du weißt genau, so waidwund kriegst du diese – ja, soll man sagen: Mutter? – nie wieder vor die Flinte. »Kann es sein, Frau Engelsberg, dass Sie sich mit Ihrem Sohn überfordert fühlten? So jung, wie Sie sind.«
»Was soll denn das heißen?« Augenblicklich ist das Gejammer verstummt, und sie blitzt dich mit nadelspitzem Blick an. Ein Blick, mit dem sie wahrscheinlich jeden bedient, der sich ihr von Amts wegen auf weniger als zehn Meter nähert. Hartz-IV-Sozialarbeiter, Jugendamtsmenschen, Familienberatungsstelle – du musst unbedingt rauskriegen, wer sich schon alles in den Vorgang Engelsberg eingeklinkt hatte. Aber das kommt später. Jetzt zückst du erst mal die Handschellen und ...
»Moment mal!«
Es gibt Momente, da könntest du deine Kollegin so was von an die Wand quacken! Wieso jetzt »Moment mal«? Die Mahnemannsche nimmt dich zur Seite und lispelt dir irgendwas von wegen beileibe nicht ausreichendem Anfangsverdacht ins Ohr. Bloß weil die Engelsberg die Mutter sei, heiße das ja noch lange nicht ... reiche auf alle Fälle nicht, sie mir nichts, dir nichts in U-Haft zu stecken ... sei doch zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig spekulativ, dass die Frau am Hungertod des Kleinen beteiligt sein könnte.
»Beteiligt, was heißt denn hier beteiligt?!«, willst du grade lospoltern, als die Mahnefrau dir auf den Fuß tritt und den mahnenden Zeigefinger zu den Lippen führt. Ja, ist ja schon gut, du flüsterst ja schon. Aber das heißt noch lange nicht ... obwohl, doch, sieht verdammt so aus, als wär’ dein Widerstand schon gebrochen. Du merkst, wie von deinen Einsichten und Argumenten nur noch Fransen übrig bleiben, nichts als blinder Zorn.
Du begibst dich also zähneknirschend zurück in die Arena und brummst dieser Frau zu, die dreist genug ist, sich Mutter zu nennen: »Ich muss Sie bitten, sich zu unserer Verfügung zu halten. Bitte verlassen Sie in den nächsten Tagen auf keinen Fall die Stadt!«
»Wieso, warum?«, geht die Engelsberg hoch. Und im gleichen Moment bereust du wie der Bischof von Trier seine schlimmste Sünde, dass du da grade so butterweich eingeknickt bist.
»Nun beruhigen Sie sich erst mal«, springt die Mahnemannsche in die Alleinerziehenden-Bresche, »sollen wir Ihnen fürs Erste einen Kollegen hierlassen?«
»Oder eine Kollegin?«, schwenkst du ein, »Frau Mahnemann könnte Ihnen sicher ...«
»Nein nein, geht schon.«
Sie dreht sich auf dem Absatz rum und stiefelt die Treppe hoch, nicht ohne unterwegs noch mal den einen oder andern Schluchzer abzusondern. Du glaubst ihrem Geheule kein Wort. Um etwas wenigstens einigermaßen Plausibles zu tun, gibst du der Mahnemann zu verstehn, dass dich hier nichts mehr, aber auch absolut überhaupt gar nichts mehr hält. Du legst die Hände auf die Schultern deiner Kollegin und schiebst sie mit einem Druck, der keinen Widerspruch duldet, nach draußen.
»Mist«, sagst du, was Geistreicheres fällt dir nicht ein, »ein Mist, ein verdammter. Können Sie mir vielleicht mal sagen, wieso ich Ihnen auf einmal so lammfromm nachgebe?!«
Von der Mahnemannschen kommt kein Kommentar. Aber damit war ja nun auch nicht zu rechnen. Sie scheint das alles weniger eindeutig zu sehn; hat eben nicht deinen geschärften, erfahrungsgeschulten Blick. – Du Erfahrungen? Mit weggesperrten Kindern? Was für Erfahrungen? Wo und wann denn? Will dir partout nicht einfallen. Komisch, wie kommst du darauf, du hättest Erfahrungen mit so was?
»Tja, Sheriff, und was wird jetzt aus unserm Essen heute Abend?«
»Ist mir im Moment nicht nach.«
»Im Moment. Im Moment mir auch nicht. Aber bis heute Abend ist ja noch einiges Wasser die Mosel hinabge...«
»Ist mir unbegreiflich«, weil’s dir einfach unbegreiflich ist, beim besten Willen unbegreiflich, »wie Sie, grade als Frau, ich meine – keine Ahnung, versteh ich nicht, wie Sie jetzt ans Essen denken können.«
»Heh, Moment mal, Sie sind doch sonst auch nicht grade zartbesaitet. Im Übrigen ist das ja nun wahrlich nicht unser erster ungemütlicher Fall, Herr Dollinger. Erinnern Sie sich noch an das ›Allerweltsmotto‹, wie Sie’s nannten, das ich mir, als ich als Greenhorn in Ihre Dienste trat, in solchen Fällen immer zuflüstern sollte: Das Leben geht weiter!«
»Na ja, vielleicht ... vielleicht haben Sie ja recht. Außerdem – ich hab immerhin Sauerbraten in der Röhre. Vom Eifeler Hirschkalb, ich sag’s Ihnen! Rezept von meiner Großmutter, Gott hab sie selig.«
Du wirfst dich in deine Blechpocke, drückst erst mal eine andere CD in den Schlitz, Volume bis zum Anschlag, bevor du dem Tier unter der Motorhaube Zunder gibst. Es gibt Tage, da sind Triers Straßen einfach zu klein, zu eckig, zu gewunden. Du hebst ab mit den Flügeln dieser messerscharfen Stimme auf grobgehauenen Klängen: »Halber Me-ensch. Halber Me-ensch, geh weiter, in jede Richtung. Halber Me-ensch!« Wieso eigentlich halber? Und die zweite Hälfte, was ist mit der? Wo ist die zweite Hälfte hin?
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4
Black-out. Sturz.
Muss wohl, wird wohl. Das begreifst du erst jetzt, wo das Licht zurückkehrt, punktweise, Lichtflocken durch deinen Kopf tanzen lässt. Lichtspieltheater isländisch. Fast wie die Sonne, die in den Frühlingstagen deiner Kindheit durch die Baumkronen des Mattheiser Walds gegenüber sickerte und ein Lichtschattenlichtspiel auf den Boden der Küche zauberte.
Scheiße, das Kinn, ein einziger brennender Schmerz. Aber als du’s vorsichtig am Ärmel vorbeistreichen lässt, siehst du, dass es kaum blutet. Und die Zähne, jetzt merkst du erst, dass der ganze Kiefer schmerzt, die Schneidezähne, als hätte dir einer mit dem Hammer unter’n Unterkiefer gezimmert. Du hast keine Ahnung, aber allzu viele Zähne können nicht mehr fest in ihrer Verankerung sitzen. Du tastest sie vorsichtig mit der Zunge ab und jaulst bei jeder Berührung auf. Eins ist klar: Es hat dich richtig übel erwischt. Dein ganzer Kopf rumort. Und dann wird dir übel, dir wird speiübel, so was von ...
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5
»Die Fingerabdrücke am Trinknapf des Jungen, das stimmt alles. Und die Umrisse des blauen Flecks auf seinem Rücken decken sich genau mit der Hand der Mutter.«
Deine Assistentin redet und redet. Textet sämtliche Löcher in deinem Kopf zu. Der Redeschwall genau deckungsgleich mit den Löchern in diesem Schweizer Käse, der sich Hirn nennt. Da redet eine auf dich ein, quasselt, als wenn sie’s bezahlt be... Redet, redet, und du hast alle Mühe, deinen Gedanken von grade festzuhalten. Dass der dir nicht zerfleddert, wo du dabei bist. Und je mehr du deinen Gedankenfaden festhalten willst, je dichter du dich für das Gequatsche deines Gegenübers machst, desto mehr öffnet sich deine Faust und lässt den roten Faden rauskauen. – Erst sind sie festgefroren, die Gedanken, durchstochen von glasscharfen Kristallen, kleben unter der Schädeldecke wie Eiszapfen und knirschen eiskalt. Und wenn du sie anpacken willst, zu fassen versuchst, gehen sie dir durch die Lappen, schmelzen weg, lösen sich auf, sind plötzlich Luft, heiße Luft. War da nicht was, worüber du dich tierisch aufgeregt hast? Zwei Tage her vielleicht. Irgendwas, wo dir die Mahnemann in die Parade gefahren ist, dich irgendwie vollstoff ausgebremst hat. Und dir ist, als hättest du mal wieder recht gehabt, so was von recht gehabt, aber ... aber du weißt verdammt nicht mehr, worum es ...
»In welchem Film sind Sie grade, Sheriff? Wissen Sie, wovon ich rede? Ich meine das tote Kellerkind von vorgestern. Sie hatten mir doch aufgetragen, ich soll noch mal hin zu der Mutter. Fingerabdrücke, Speichelprobe, das ganze Programm. Gesagt, getan. Und die im Labor sind jetzt durch damit. Die Indizienlage ist ziemlich eindeutig. Und die Todesurache ist jetzt auch klar: Lungenentzündung.«
»Hab ich’s doch gewusst«, antwortest du und kommst zurück ins Hier und Jetzt gestolpert, »hab ich die ganze Zeit gesagt, dass es diese so genannte Mutter war. Dass die ihr Kind auf dem Gewissen hat. Mord durch unterlassene Hilfeleistung. Aber wollten Sie ja nichts von wissen, Sie mit Ihrer braven Beamtenvorsicht.«
»Aber ...«
»Sei’s drum; Ei drüber. Also – dann müssen wir die ja jetzt bloß noch bisschen in die Enge treiben und zugucken, wie das Geständnis aus ihr raussprudelt.«
»Gehe ich verschärft von aus«, nickt Kollegin Mahnemann eifrig, offenbar froh, dass der ermittelnde Hauptkommissar Dollinger doch nicht so ganz neben der Kapp’ steht und außerdem nicht sonderlich nachtragend ist, »die endgültige Überführung dürfte für Sie bloß ’n Kinderspiel sein.«
»Was für Kinder?«
»Kinder?«
»Mir war, als hätten Sie grade was von Kindern gesagt.«
Die hat doch was von Kindern gesagt. Scheiße, dir war tatsächlich, als habe die Mahnemann grade irgendwas von Kindern erzählt.
»Sheriff, Sie kommen mir irgendwie so durch ’n Wind vor.«
Und da ist er wieder. Plötzlich ist der Gedanke wieder da und das Pack-Ende. Jetzt bloß nicht wieder aus den Fingern gleiten lassen!
»Ach, bloß Kopfschmerzen, Barbara. Rasende Kopfschmerzen, die werd ich nicht mehr los. Seit, was weiß ich, zwei vollen Tagen mindestens.«
»Seit wir an dem neuen Fall dran sind, kann das sein?«
»Kann hinkommen. Verflucht, ja, da können Sie wahrhaftig recht haben. Seit diesem jämmerlich umgekommenen Knirps. – Mahnemannsche, hab ich schon gesagt, wie wir jetzt hier weitermachen?«
»Nee.«
»Aha.«
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6
»Kopfschmerzen, als wenn mir einer mit der Brechstange die Schädeldecke aufhebeln wollte, ganz langsam. Und der gibt immer mehr Druck drauf. Das lähmt einen; ein Irrsinn ist das.«
»Wie war noch mal Ihr Name?«
»Dollinger. Tom Dollinger.«
»Eine Namensamnesie also noch nicht.«
»Eine was?«
»Wenn Sie also mal ganz tief in sich hineinhorchen, was richtet das alles in Ihnen an?«
»Sag ich ja, ich kriege überhaupt keine Entscheidung mehr hin, von der ich auch nach drei Minuten noch überzeugt bin. Was das für meinen Job bedeutet, brauch ich Ihnen ja wohl nicht auseinanderzuklamüsern.«
Und du brauchst ja wohl noch weniger auseinanderzuklamüsern, was das für eine Überwindung kostet, überhaupt auf die Idee zu kommen, dich an einen Seelenklempner ... das erste Mal in deinem Leben, dass du zu diesem Strohhalm greifst. Muss es dir schon verflucht scheiße gehn, wenn du dich zu so was ... Gut nur, dass es hier so ’ne Trulla vor Ort gibt. Seit ein paar Jahren hier im Präsidium. Und trotzdem kennt die dich kaum. Gut so.
Aber jetzt weiter im Text. Wenn du dich schon mal drauf eingelassen hast, dann musst du da auch durch. Also gib ihr Text: »Außerdem tauchen im Tagesablauf immer wieder so total merkwürdige Zeitlöcher auf.«
Sofort regnet ein warmer Regen auf dich herab. Zephirleise gesäuselte Sätze flattern mit Schmetterlingsflügeln von der Kanzel herab, lassen sich bassbaritonweich irgendwo in deinen Gehörgängen nieder. – Achtung, alter Knabe, aufgepasst, dass die dich nicht um ’n Finger wickelt, dich nicht bei Hammelbeinen kriegt, von deren Existenz du gar nichts weißt, nichts wusstest, woran du aber auf jeden Fall nicht gepackt werden willst. Entscheidend ist, dass DU derjenige bist und bleibst, der die eigenen Marionettenfäden in der Hand hält. DU und kein anderer. Und keine andere schon gar nicht.
»Zeitlöcher, als würden einzelne Minuten, manchmal auch Stunden oder sogar halbe Tage von einem kosmischen Black-Hole verschluckt«, rieselt es verständnisvoll auf dich herab.
»Halbe Tage nicht, so weit ist es noch nicht.«
»›So weit ist es noch nicht‹, Sie glauben also, Herr Dollinger, es könnte durchaus so weit kommen!«
»Außerdem ist da ewig diese Angst, ich könnte irgendwie nicht mehr funktionieren können. Das ist Terror!« Genauso Terror wie diese beknackte Couch, auf der du’s dir hast »gemütlich« machen sollen. Gemütlich, das ist ja wohl ’n Witz. Du hast schon lang nicht mehr auf so’m ungemütlichen Ding gelegen. Erinnert dich verdammt an deinen Urologen. Der hat auch so ’n knochenhartes Teil, da aber dann noch strafverschärfend mit Kunstleder überzogen. Dass man’s anschließend, wenn einer bei der Untersuchungsprozedur nicht ganz dicht gehalten hat, problemlos abwischen kann. Da lob ich mir doch hier den Baumwollstoff, oder was das ist. Aber von der gemütlich einfühlsamen Sorte jedenfalls ist das Ding nun wahrlich nicht. Meilenweit entfernt von einer Knautsch-Couch. Vielleicht ist das Gerät auch aus gutem Grund nicht so ganz der Gipfel der Bequemlichkeit. Damit nicht einer auf die Idee kommt, sich wirklich gemütlich darauf einzurichten. Damit man’s flugs hinter sich bringen will und nicht vergisst: Das hier ist Arbeit. Das Verfertigen der Gedanken beim Reden erleben und erleiden, ist alles andre als ein Kinkerlitzchen. Das ist ernst hier, so richtig ernst, Dollinger, hier geht’s um deinen verdammten verqueren Schädel, Mann! Hier geht’s um deinen Arsch.
Wie dem auch immer sei, es hilft alles nichts, du musst was vorlegen, musst dem Tiger was anbieten zum Zerfleischen. »Diese Angst, ich weiß nicht, dass man die Abläufe nicht mehr hinkriegt, den Tagesablauf, die Ermittlungsabläufe, egal was, also das ist wie eine Prügelstrafe, ohne dass ich wüsste, was ich ausgefressen hab.«
»Aber dass Sie was ausgefressen haben, das scheint Ihnen plausibel. Dass die Strafe also nicht ganz unberechtigt ist, auch wenn Sie nicht wissen weshalb.«
»Ganz die Psychologin!«, konterst du und bist total überrascht, dass du doch noch fähig bist, einen senkrechten Gedanken zu fassen. Und dein aufmüpfiges Maul ist auch noch nicht ganz verstummt. Grund zum Jubeln, findest du.
»Was lachen Sie?«, ist die Wernigge gleich wieder zur Stelle.
»Sorry. Dabei ist mir nicht im Entferntesten nach Lachen zu Mute. Ein einziger Horror, mein Leben zur Zeit, alles enorm anstrengend, jeder Tag, jede Stunde. Und keine halbe Woche her, da war alles noch ganz klipp und ganz klar strukturiert, alles hatte hieb- und stichfeste Konturen. Ich war ein verflucht guter Polizist, wissen Sie.«
»Und jetzt gerät alles ins Schwimmen. Nicht wahr?«
Das gerät jetzt alles … Dir gerät jetzt alles irgendwie ins Schwimmen.
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7
Wie ihr – du warst sechs, vielleicht auch erst fünf, wahrscheinlich fünf, in der Schule jedenfalls warst du noch nicht, definitiv nicht – wie deine Eltern und du also mit diesem beigefarbenen Käfer ... du erinnerst dich noch genau an den Geruch, wirst du dein Leben lang in der Nase haben, hast nie wieder in einem Auto gesessen, dessen rostbraun feuchtigkeitsfleckiger Himmel einen derart warmen, derart heimeligen Geruch verströmte ... wie ihr im Käfer durch die Nacht gefahren seid. Dir wollten die Augen ständig zufallen. Der aufs Blech prasselnde Regen und der monoton vor sich hin jaulende Scheibenwischer taten ein Übriges. Das Einzige, was dich wach hielt, war das permanente Gezeter deiner Eltern. Aber auch wieder nicht permanent genug, um dich in den Schlaf zu singen. Mal flüsterten sie fast, und im nächsten Moment schlugen die Wellen hoch, brandeten mit wüstem Getöse gegen die Windschutzscheibe, wurden von dort zurückgeworfen und erwischten dich volle Breitseite, während du mutterseelenallein auf der Rückbank kauertest.
»Kannst du vielleicht mal ’n bisschen mehr auf die Tube drücken? Ist ja zum Kotzen, die Kriecherei«, mokierte sich deine Mutter.
»Kannst du vielleicht mal nicht wegen jedem Scheiß sofort diesen Ätzton anschlagen!«, rumpelte dein Vater zurück. Aber da war das Maß schon voll. Du spürtest dieses irgendwie rote Britzeln unter den Augenlidern, das dich unweigerlich zwang zu zwinkern, diesen salzigen Geschmack, der langsam aus irgendeiner Mundhöhle oder was oder wo angekrochen kam, den ganzen Mundraum ausfüllte und sich pelzig auf der Zunge niederließ, bevor dich endlich die Tränen überrollten, die dann schon wie eine Erlösung wirkten und sich mit den immer neu rüberschwappenden pechschwarzen Elternstreitwellen mischten. Um das Ungemach nicht noch zu vergrößern, versuchtest du, möglichst leise zu wimmern. Am liebsten ganz klein sein, am liebsten gar nicht da sein.
»Und dann noch vor Tom! Musst du mich vor dem Kind so bescheuert runtermachen? Außerdem, falls du’s noch nicht bemerkt haben solltest, es regnet! Und hier ist Tempo 70 bei Nässe«, sagte dein Vater mit beschwörend leiser Stimme.
»Mann Dollinger, du bist einfach ’n Zwangscharakter. Mitten in stockdustrer Nacht und hier oben in der Pampa, am Arsch der Welt, hier ist doch kein Schwein unterwegs um die Zeit. Geschweige denn ein Bullenkommando. Himmel noch mal, protestantisches Beamtensöhnchen! Du bist genau einer von der Sorte, die vor der Revolution dem Straßenbauamt Schadensersatz dafür anbieten, dass der Demonstrationszug beim Vorüberlatschen die Pflastersteine abnutzen wird. Anstatt die Dinger einfach rauszureißen. Spießig bis dorthinaus. Revisionistisch!«
Das reichte. Reichte deinem Vater. Voll und ganz. An deinem eigenen Wimmern vorbei hörtest du, wie mit einem Mal der Motor des guten alten Käfers aufheulte, lauter als du selbst. Und du bekamst mit, natürlich bekamst du mit, wie es auf einmal ganz anders ruckelte, wie deine Sitzbank anfing zu zittern und zu beben, wie’s unter deinen Fußsohlen rumorte. Wie ein Brecher Spritzwasser nach dem andern gegen die Karosserie schlug, wie die Reifen auf der regennassen Fahrbahn schlitterten.
Deine Mutter sagte nichts mehr. Dein Vater sowieso nicht, der bohrte den Blick durch die Windschutzscheibe in die schwarze Nacht, verfolgte mit hin und her wiegendem Kopf den Straßenverlauf. Und drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch.
Wie sich plötzlich das Schlittern völlig anders anhörte. Du wusstest nicht wieso, aber irgendwie hörte dein Wimmern auf, die Tränen flossen noch, aber deine Stimme – einfach weg. Vom Erdboden versch... – die Reifen hatten das Jaulen übernommen – jetzt war auch, jetzt war auf einmal auch das Motorgetöse stumm – und das Jaulen fing an zu heulen – und alles, alles, jetzt kam alles durcheinander, alles drehte sich, wirbelte im Kopf. Dann nur noch dieses Krachen! Und der endlose Radau danach. Blechgebrüll um die Ohren, untern Füßen dumpfes Dröhnen, klirrende Glassplitter tanzten durch die Luft. Dann war es genauso plötzlich still. Eine ewige Sekunde lang totenstill. Du hörtest nur deine Stimme, die ohne Kraft und ohne Anstrengung einfach nur vor sich hin brabbelte, irgendwas, sinnlose Wörter wimmerte, die Tränen zählte, die mit den Regentropfen zusammen herabrannen: die einen das Gesicht runter, die andern das Seitenfenster.
Wie sich irgendwann mitten in die irgendwie fremde Jammermusik, die aus dir hervorquoll, die Stimme deines Vaters einblendete. Ganz langsam, ganz leise, von weit weg: »Tom?«
Aber du konntest nicht antworten. Nicht mal ein Ja brachtest du raus. Deine Stimme konnte die Jammermusik einfach nicht abstellen. War der seidene Faden, an dem dein Leben hing. Jede noch so winzige Unterbrechung hätte bedeutet, der Faden ist gekappt. Hast deine Stimme also weitermachen lassen, hast sie tränengurgelnd winseln lassen – ganz automatisch, hast nichts dazu beisteuern müssen.
Und wie du plötzlich wieder so ’n blechernen Radau hörtest. Drehtest den Kopf ein paar Millimeter, bis es anfing wehzutun im Hals; aber’s reichte, um aus den Augenwinkeln zu sehn, wie sich dein Vater ächzend und unter Aufbietung aller ihm zu Gebote stehenden Kräfte gegen die verkeilte Fahrertür warf. Wie er drückte, presste, schob und zog ... und tatsächlich, irgendwann sprang die Tür knarzend auf, und dein Vater schob sich mit seiner blutenden Schulter zuerst aus dem unförmigen Blechknoten, zu dem euer Käfer zusammengeschrumpft war.
Kaum war dein Vater durch den engen Schlitz geschlüpft, den die Tür widerwillig freigab, da hörtest du diese Eulenrufe. Richtig laut, ganz nah. Der eine Scheinwerfer, der noch funktionierte, starrte, starrte wie blöde die Tannen hinter der zersplitterten Windschutzscheibe an. In völlig bizarrem Winkel, von ganz unten nach hoch oben.
Dann klappte die Rückenlehne des Fahrersitzes nach vorne und direkt neben deinem Kopf tauchte das blutige Gesicht des Vaters auf, das im schräg von den regennassen Bäumen reflektierten Scheinwerferlicht glassplitterglitzerte.
»Heh, Tom, alter Bursche.«
Du meintest, ein etwas schwerfälliges, aber immerhin ein Lächeln im Gesicht deines Vaters ausmachen zu können.
»Was ein Indianer ist, der lässt sich so leicht nicht unterkriegen, was? Mann Mann Mann. Aber bei dir scheint ja soweit noch alles einigermaßen im Lot zu sein. Ne? Also, du musst jetzt ganz stark sein. Ich renn mal los und hol Hilfe, und bis die Mama wieder aufwacht, bin ich längst wieder da. Okay?«
»Nein, Papa, nicht weggehn!«, sagtest du leise und wundertest dich, dass sich aus deinem Gejaule doch wieder richtige Worte gelöst hatten. Das gab dir plötzlich wieder Kraft, und du schicktest deinem Vater noch ein verzweifeltes »Nicht weggehn!« hinterher.
»Ich bin ganz schnell wieder da«, sagte er mit bemüht sanfter Stimme. »Und du bleibst hier sitzen und rührst dich nicht vom Fleck!«
Und wie er dann die blechkreischende Tür wieder zudrückte. Von außen.
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8
Das Eis auf Island – du hast wahrhaftig schon schöneres Eis gesehn. Hier ist das immer irgendwie dreckig. Graugrieselige Flecken, Streifen, ausufernde Anthrazitflächen immer wieder zwischen dem glasigen Weiß. Oder wenn du bei einer Spalte, einer Abrisskante tief hineinsiehst in die Eisabgründe: Das sonst so fantastische Eistürkis ist kein Türkis. Auf Island nicht. Das Eis kann sich, wie der Himmel hier, nicht festlegen auf eine Farbe, auf eine dezidierte, auf ein klares Weiß, glitzerndes Silber, tiefes Blaugrün. Ständig ist grad irgendwo ein Vulkan ausgebrochen, schickt seine Aschewolken auf die Reise, lässt den Schnee schwarz werden und das Eis altersgrau. Dabei musst du den Blick gar nicht in die Ferne schweifen lassen, der Hvannadalshnúkur selbst ist schließlich auch nicht von schlechten Eltern. Bewacht hier oben die 5 km breite Caldera, diesen riesigen Vulkankessel, der bis zum Kragen angefüllt ist mit einem uralten Gletscher. Und darüber eben diese sieben Zähne, wovon der Hvannadalshnúkur der höchste ist. Haben die armen Isländer schon reichlich in Angst und Schrecken versetzt, die Vulkane des Öræfajökullmassivs. 14. Jahrhundert oder wann, da hat ein Ausbruch die blühende Landschaft da unten von jetzt auf gleich wegradiert. Kubikkilometerweise Asche runtergeschmissen, so dass die Höfe und Dörfer zu Füßen des Öræfajökulls einen halben Meter hoch im schwarzen Modder standen. Und dann kam das Wasser! Die wahnsinnigen Schmelzwässer, die die heiße Lava aus dem Eis gekocht hatte, Sturzbäche, Fluten, die auf breiter Front vorgerückt sind und plattwalzten, was ihnen vor den Bug kam – alles komplett überschwemmt, weggeschwemmt. Und 400 Jahre später noch mal das gleiche Spiel. Daher ja auch der Name: »Einödsgletscher«. Und irgendwo da mittendrin im Vatnajökull, keine 50, 60 Kilometer von hier, genau Nord-Ost: der Grimsvötn. Heute noch aktiv. Da kann’s jederzeit hoch hergehn. Da drüben, da hinten.
Wegen all des Vulkandrecks im Eis hier gehen die Nunatakkr oft fast unter, stechen nicht wie anderswo felsschwarz aus dem Schneeschneeweißeis. Auf Island sind die vermeintlichen Felszacken im Eis oft genug unwillkommener Anlass für einen fatalen Irrtum. Da oben, wenn du den Fels da oben erreichst, dann ... und wenn du endlich da bist, geklettert bist wie ’n Berserker, dann erweist sich die Chose als alles, bloß nicht als rettendes Festland. Bloß eine Aschenkappe, die in einen vorwitzigen Eishöcker eingeschmolzen ist. Nicht im Entferntesten fester Boden untern Füßen.
Und selbst wenn der nächste Schnee weiß sein sollte, wenn weit und breit grad kein Vulkan in Aktion tritt, selbst wenn’s also schneit, wie sich’s gehört, stößt der Anthrazitzahn paar Minuten später wieder durch. Weil der Wind nicht Ruhe halten kann, keine Sekunde schweigt auf Island und im Handumdrehn den schwarzen Brackmann wieder freigelegt hat, bloß um den nächsten Eisläufer an der kalten Nase rumzuführen.
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9
Du stehst immer noch neben dir. Hast die Mahnemannsche das alles hier organisieren lassen; und so steht ihr jetzt mit dieser Hand voll Kollegen im Treppenhaus. Röntgenstraße Ecke Goethestraße. Zweite Etage. Vor der Wohnungstür von Kerstin Engelsberg – ja, Kerstin heißt sie. Oder? Die Mahnemann hat den Daumen auf der Klingel. Schellt permanentpenetrant, aber nichts tut sich. Vor der Tür nicht – ihr wartet schweigend – und dahinter auch nicht.
Bis du dir ein Herz nimmst und losbrüllst: »Frau Engelsberg! Frau En-gelsbe-erg!!«
Dann schiebst du den Daumen von der Mahnemannschen zur Seite und hämmerst selbst wie wild auf dem unschuldigen Knopf rum. Mal ätzendes Dauerschellen, mal ein kaum weniger erträglicher Rhythmus, der jeden Techno-Rave in Schwung gebracht hätte.
»Frau Engelsberg, wenn Sie jetzt nicht aufmachen, dann machen wir auf!«, brüllst du. Und noch mal Schellen und noch mal Schweigen.
Plötzlich bist du die Ruhe selbst, wie in alten Tagen, als du noch in jedem Moment genau wusstest, was zu tun war: »Rolf, walte deines Amtes!«
Der Kollege geht auf dem Treppenabsatz ein paar Schritte zurück, nimmt Anlauf und – krach, die Tür fliegt auf, wie allwöchentlich im ›Tatort‹ zu bewundern. Während sich der Rolf noch die Schulter reibt, stehst du schon in der Wohnung. Kurz die Lage peilen. Aber: Ruhe im Karton. Die Mahnemann und die drei andern rücken nach. Ihr verteilt euch in alle Himmelsrichtungen und inspiziert die Zimmer.
»Nichts«, ruft Rolf aus dem Badezimmer, »hier ist nichts. Alles in Butter.«
Und dann hörst du eine weitere Tür krachen.
»Hier ist überhaupt gar nichts in Butter«, schreit die Mahnefrau.
Du siehst zu, dass du auf den Flur kommst, aber kannst sie beim besten Willen nicht orten.
»Was wo?«
»Hinter der Küche«, schallt es zurück.
Aus sämtlichen Winkeln der Wohnung kommen die Kollegen angestürmt und gehen in der Küche in Stellung, wo die Mahnemann vor der aufgebrochenen Vorratskammer steht. Die Hände vors Gesicht gepresst. – Deshalb war sie auch nicht zu verstehn; aber als du näher trittst, verstehst du sie sehr gut!
»Scheiße.«
»Kann man wohl sagen«, nuschelt sie durch ihren verkrampften Fingerfächer.
Noch nicht lange her das hier, verdammt noch mal. Wenn du, statt dir das Psychostündchen zu gönnen, direkt losgefahren wärst, um die Frau festzunehmen, würde sie jetzt wahrscheinlich noch ... Mal ganz davon zu schweigen, wie lebendig die Frau jetzt wäre, wenn die Mahnemann dir’s nicht vermasselt hätte, sie stante pede sofort festzunehmen. Würd’ sie die Welt zwar durch schwedische Gardinen betrachten, aber putzmunter wär’ sie ... Stattdessen ... Stattdessen hockt sie da in der Vorratskammer ihrer Küche. Mit einer klaffenden Wunde am Hinterkopf. Die Hände mit Stricken gefesselt, die Füße mit Handschellen.
»Erschlagen, eingesperrt, gefesselt! Da wollte jemand ganz sicher gehn.«
»Na ja«, fährst du der Mahnemannschen übers Maul, »es handelt sich immerhin um eine Kindsmörderin.«
»Und so eine muss man dermaßen festzurren?«
»Brutalität mit Brutalität beantwortet«, sagst du möglichst lakonisch. Aufgeregtheit zeigen in deinem Beruf, das war noch nie sonderlich, wie heißt das: zielführend.
Aber die Mahnemann macht’s dir nicht leicht. »Hört sich glatt so an, Sheriff, als hätten Sie Verständnis für den Mörder!«
Und hat dich prompt völlig aus dem Konzept gebracht. Dir bleibt die Luft weg. »Ich weiß nicht«, stammelst du, mit Irrsinnspausen zwischen den Wörtern, als müsstest du nach jedem einzelnen in den abgelegensten Dunkelkammern deines Hirnkastens fahnden. »Ähm, Barbara«, flüsterst du ihr zu, »was, ich meine, was müssen wir denn jetzt als nächstes machen?«
»Die Spurensicherung herbeizitieren.«
»Klar. Die Spurensicherung.«
Und als wär nichts gewesen, gibt die Mahnemann über die Schulter weg Rolf zu verstehn, dass er mal eben bei den Kollegen anrufen soll. Und dann funkelt sie dich wieder an: »Haben Sie gesehn, Sheriff, die Handschellen da?«
»Sicher, hab ich«, sagst du und merkst, wie langsam, ganz allmählich, Gott oder wem sei’s gelobt, das Ganze wieder den Charakter einer Routineübung annimmt und wie du die Knie endlich einigermaßen vernünftig durchdrücken kannst. »Handschellen um die Füße, das haut auch nur bei so dünnen Beinen hin.«
Aber die Mahnemann meint was andres, offenbar. »Da sind genau so Kratzer drauf wie bei Ihren. Wo Sie mit den Dingern im Parkhaus die Treppe runter geflogen sind, als wir hinter diesem Zuhälter her waren.«
»Kratzer – scheint ein weit verbreitetes Leiden bei Handschellen zu sein«, versuchst du den Kopf aus der Schlinge zu ziehn.
Aber wie gesagt, so einfach geht das bei der nicht. »Wo, wo sind eigentlich Ihre? An Ihrem Hosenbund jedenfalls nicht.«
»Die Handschellen?« Du fasst dir instinktiv an die Hüfte – und, und greifst ins Leere! »Stimmt! Sack und Asche, wo sind die Handschellen? Wo sind verflucht noch mal meine Handschellen?«
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10
»Aber ich weiß von nichts!«
Es bleibt dir nichts andres übrig, als dich wieder in diesem schauerlich kargen Bürozimmer, oder muss man sagen: Behandlungszimmer auf die knüttelharte Couch zu legen.
»Das heißt«, schließt die Wernigge messerscharf und blitzgescheit, »Sie fühlen sich ganz grundlegend verunsichert? In allen Sachen, die Sie so anpacken.«
»Nein, ganz konkret.«
Verflucht und zugenäht. Versuch sich doch mal einer, in diese Lage hineinzuversetzen! Du bist an einem Fall dran, wo erst eine Mutter total grausam ihr Kind und ein paar Tage später irgendwer diese Mutter umbringt, kaum weniger grausam. Und dann darfst du feststellen, dass die Frau mit deinen, mit deinen eigenen Handschellen ... das muss man sich mal reintun!
»Ich weiß nur eins, ich hab die Frau nicht umgebracht und auch nicht gefesselt. Schon gar nicht erschlagen! Im Leben nicht! Kann ich überhaupt nicht, würde ich nie bringen.« Aber dann schiebst du doch viel kleinlauter, als du wolltest, hinterher: »Jedenfalls weiß ich nichts davon. Überhaupt nichts.«
»Haben Sie denn ein Alibi für die fragliche Zeit?«
Ein Königreich für eine wenigstens einigermaßen schlaue Therapeutin mit wenigstens einigermaßen schlauen Fragen! »Nein.«
Du weißt, wenn du ehrlich bist, ja selbst nicht mal, wo du zur Tatzeit warst.
»Wo waren Sie denn da?«
»Ich weiß nur, dass das über die Bühne gegangen sein muss ungefähr, ungefähr eine Stunde vor meinem Beratungstermin hier bei Ihnen. Aber wo ich in der Zeit war, Sie können mich totschlagen ...«
»Das hab ich nicht vor.«
Hach, wie witzig. Madame Wernigge belieben zu scherzen. Als du aber nicht mitlachst, schluckt sie ihr Giggeln runter und kommt gleich wieder zu scharfen Schlüssen. »Wir haben’s also da mit einer von diesen Zeitlücken zu tun, von denen Sie bei unserer letzten Sitzung gesprochen haben.«
»Ich weiß es nicht.« Du weißt es einfach nicht.
»Das heißt, Sie haben den Verdacht, Sie könnten selbst der Mörder sein, den Sie jagen.«
»Ich weiß es nicht, verflucht noch mal!« Soll dir mal einer verübeln, dass du jetzt endgültig aus der Haut fährst, dass du brüllst, bis an der Wand die zwei jämmerlichen Fotos von irgendeiner Eifeldatscha oder was wackeln. »Das ist doch der Wahnsinn. Die Indizien sprechen ’ne ziemlich klare Sprache, und in jedem andern Fall würden Sie sich die Finger lecken nach so einer deutlichen Spur, aber hier ... ich sag ja, das ist Terror. Wenn Sie wüssten, was im Moment für ’n Rodeo abgeht in meinem Kopf!« Und am Ende deiner Einlassung ist aus dem Löwenbrüllen längst das Maunzen eines epileptischen Katers geworden.
»Dass die Indizienlage sich auf Sie fokussiert«, die Wernigge ist die Ruhe selbst, »das macht Sie so fertig?«
»Nach dem Motto: ›teilnehmendes Verstehen‹, oder wie? Typisch Psychotante!«
»Nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung, wie?«, kommt die Retourkutsche. »Aber zurück zur Mordsache Engelsberg: Gäbe es denn irgendein Motiv?«
»Ich war natürlich entsetzt, total entsetzt. Der Tod des kleinen Jungen in diesem Kellerverschlag, das hat mich umgehauen wie selten ein Fall. Aber ist das ein Motiv für einen Mord?«
»›Umgehauen wie selten ein Fall‹, mhm«, meditiert die Guteste, »versetzen Sie sich noch mal zurück in die Situation, als Sie im Keller vor dem toten Kind standen!«
»Nein, bloß nicht. Nein!« Dir steht sofort der Schweiß auf der Stirn. Wer zum Teufel will denn ständig an so was erinnert werden?
»Könnte es sein, dass da ein kindliches Trauma bei Ihnen selbst im Untergrund rumort?«
Das reicht jetzt wieder! »Mir geht das auf den Sack hier, dieses Seelsorgergeseiche!«, brüllst du und hievst dich hoch aus der bekloppten Hilflosigkeitsposition auf dieser Knochenkur-Couch. Jetzt weißt du jedenfalls definitiv und unumstößlich, weshalb du so was nie gewollt hast, so Therapien und so ’n Bohei.
»Sie bleiben bitte liegen«, raunzt sie dich an, »unsere Sitzung ist noch nicht zu Ende. Aber Ihre Reaktion zeigt mir, dass wir da irgendwo einen wunden Punkt erwischt haben müssen. Wenn Sie da allerdings noch nicht ran können, bleiben wir erst mal ...«
»Was soll dass denn nun wieder heißen? Dass ich ›da noch nicht ran kann‹!« Du denkst überhaupt nicht dran, dich wieder hinzulegen! So nicht. Nicht mit dir.
»... bleiben wir erst mal im Hier und Jetzt. Sind Ihnen seit unserer ersten Sitzung außer den Löchern im Tagesablauf noch andere ungewöhnliche Dinge aufgefallen?«
Na gut, du legst dich wieder hin. »Seit gestern oder vorgestern außer den Kopfschmerzen auch Angstschweiß, schießt mir wie ’n Springbrunnen aus den Poren, und ich krieg das Zeug nicht gebändigt. Auf ’n Tod nicht.« Aber ist auch kein Wunder: Du siehst dich gezwungen, dich mal eben selbst unter Mordverdacht zu stellen – ist ja nun nicht ganz ohne! Und dann als Kripomensch! Da soll einem nicht der Schweiß in Strömen … Da soll man nicht meschugge … Klar, dass einem da die Gedanken vorkommen wie aufgespießt und festgenagelt von Eiszapfen, nein, warte mal, man wünscht sich gradezu, die Gedanken wären festgefroren, ein fetter Gletscher drübergezogen, und wer weiß, nach Jahrtausenden kämen sie wieder zum Vorschein. In ’ner halben Ewigkeit. Wenn’s dich längst nicht mehr gibt. Gerne gerne, jedenfalls hättest du sie dann jetzt erst mal aus den Füßen. Und trotzdem würden sie festgehalten, vom Eis.
Vorher allerdings nimmt die Wernigge dich noch ’n bisschen in die Mangel: »Und Magenkrämpfe und Essstörungen.«
»Woher wissen ... Sie?«, fragst du entgeistert.
»Psychotante eben. – Hatten Sie in letzter Zeit den Eindruck, Sie würden immer mehr von Tagträumen entführt?«
»Tags oder nachts, völlig egal. Jedenfalls oft, verdammt oft Träume, die ich hasse wie die Pest. Wie meine Tochter auf Island ... Island, so lang ich denken kann meine Traumwelt, und ausgerechnet da ... aber, aber nicht nur Island; vor allen Dingen sind’s Träume, die weit zurück in die Vergangenheit ... ich bin ein Knirps noch, und was ich da erlebe, das tut mir verflucht nicht gut.«
»Wie gesagt, da kommen wir noch zu«, bremst die Seelenwringwernigge dich aus, »erst mal: Gibt es weitere Dinge im Alltag, die Ihnen irgendwie spanisch vorkommen?«
»Na ja, nee, eigentlich – obwohl – diese Zettel.«
»Ja?«
»Okay«, du staunst nicht schlecht, dass du das alles hier so ausplauderst, »im Büro, da ist man das ja gewohnt, da fliegen immer auch mal fremde Zettel von wer weiß wem auf’m Schreibtisch rum, aber zu Hause?!«
Das ist doch nun wahrhaftig ein, wie sagt man: unglaublicher Vorgang! Auf dem eignen Schreibtisch zu Haus: Notizzettel mit ’ner Handschrift, die du überhaupt, die du überhaupt nicht ... Mitten im Stapel von Papieren, die nun wirklich deine Privatklamotten sind! Wo keiner außer dir selbst drin rumfingert! Zettel, die du nie vorher gesehn hast, auf die du dir beim besten Willen keinen Reim ... in einer Schrift, die du überhaupt nicht kennst. Überhaupt nicht.
»So, und jetzt sagen Sie mir«, sagst du, nachdem sie also auch das aus dir rausgequetscht hat, »sagen Sie mir, was ich hab, verflucht noch mal!«
»Dissoziative Identitätsstörung!«
»Wie bitte was?«
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11
Erst der Black-out. Und dann der Sturz! Das ist die Reihenfolge, die total verrückte Reihenfolge. Nicht andersrum. Kann nur so gewesen sein.
Absturz, Katastrophe, und da muss dein Schädel sofort den schwarzen Vorhang zugezogen haben. Und zwar rückwirkend. Hat auch noch die Sekunden vor dem Absturz zugezogen. Denn du kannst dich beim besten Willen nicht mehr dran erinnern, wie du ins Straucheln gekommen bist, wie du die Eiswand, wenigstens ein Stück von der Eiswand an dir hast vorbeifliegen sehn. Zeitbruch im Kopf, stundenlang. Du musst, keine Ahnung, du musst seit Stunden hier hängen, zwischen Fels und Eis. Obwohl aber – verflucht, komisch das – obwohl der Arm, der dich hält, an dem du hängst, mit deinem ganzen Gewicht, obwohl der Arm schmerzt, als hätte er dich schon eine Ewigkeit halten müssen, ist die Sonne kein noch so winziges Stück weitergekommen. Steht immer noch genau an dem Fleck, wo du sie zuletzt gesehn hast: lugt so grade eben übern Snæfellgipfel und bohrt sich durch dessen Nebel-Halskrause. Und die Wolken, die Wolkenbilder, obwohl die auf Island bekanntlich immer rasend schnell wechseln, sind noch genau so, wie sie sich bei deinem letzten Blick eingebrannt haben in die Schädeldecke. Keinen Millimeter verändert. Kann also nur ein paar Minuten, höchstens ein paar Minuten ... obwohl der Arm ... wenn bloß der Arm nicht ... dass der Arm, die Hand so höllisch ... das schreit alles wie am Spieß.
Plötzlich ... wie schnell das geht! ... Von jetzt auf gleich, zack, war diese Schwärze über die gleißende Weiße des Neuschnees geworfen.
Der Rest ist Rekonstruktion: Während du also nicht ohne Stolz beobachtet hast, wie oben deine Tochter sich in die Eiswand krallte, absolut fachmännisch mit dem Pickel den Ansatz für die Eisschraube freihackte – da sahst du, siehst du, dass du überhaupt nichts mehr siehst. Außer eben dieses Schwarz. Du musst im freien Fall die Eiswand runtergeschossen und bei der Gelegenheit irgendwie irgendwo mit dem Kinn aufgeschlagen sein. Die Zähne gegeneinandergeschlagen, dass dein Kopf nicht mehr wusste, wo unten, wo oben, wo er mit dem ganzen Dröhnen hin soll. Und die Unterlippe zerbissen dabei, dass sie runterhängt wie ’n rot triefender Waschlappen.
Wahrscheinlich ist diese ganze Eisschuppe da aus der Wand gebrochen, als du mit dem Pickel reingehämmert hast, um Halt zu ... Eben nicht! Du hast eben keinen Halt gefunden. Im Gegenteil. Ein ordentliches Stück von der Eiswand muss dir entgegengekommen sein. Noch schneller runter als du. Und ohne irgendwas zu sehn, im Zustand, tatsächlich, im Zustand geistiger Umnachtung und gleichzeitig absoluter Geistesgegenwart, ohne dich jedenfalls dran erinnern zu können, musst du eine von deinen Expressschlingen über den letzten Haken geworfen ... und der hält, was für ’n Wahnsinn, der hält! Und du musst im gleichen Atemzug zugepackt haben. Mit einer, mit dieser einen Hand, die jetzt so verflucht, so verflucht ... Wird wohl, muss wohl. Aber wissen, wissen tust du’s nicht.
Was ist in Wahrheit geschehn? Was hast du gesehn in dieser winzigen, dieser rasenden Zwischenzeit? Welcher Horror, von dem du nichts mehr weißt, haust unter deinem Schädeldach und dröhnt so durchdringend? Und wo ist das geblieben, was du mitten im Sturz dachtest? Der bittre Geschmack von geschmolzenem Eis auf der Zunge. Wo ist, was du hörtest, rochst, spürtest? In welcher Dunkelkammer? – Zutritt verboten.
Du bist älter geworden.
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12
»Ja, das ist alles nicht ohne«, murmelt die Mahnemannsche und nimmt zwei Treppenstufen auf einmal. Sie hat eine irgendwie unnachahmliche Art drauf, diese Endlostreppen im Präsidium tapptippentapp hinter sich zu bringen, das musst du neidlos anerkennen. Dieser rasante Rhythmus, mit dem sie die Füße todesmutig abwärtsschiebt und zwei Treppenstufen tiefer schlafwandlerisch sicher wieder aufsetzt, wahrhaftig beeindruckend! Ein Gletscherabstieg ist nichts dagegen. Bleibt dir nur, hinter ihr her zu stolpern, um nicht ganz abgehängt zu werden. Als sie begreift, dass der Abstand so groß geworden ist, dass du sie kaum noch verstehen kannst, stoppt sie und dreht sich fast mitleidig zu dir um. »Im Labor, die haben festgestellt, da waren jede Menge Fingerabdrücke von Ihnen drauf.«
»Auf meinen Handschellen?«, grinst du überlegen. »Logisch sind da meine Fingerabdrücke drauf.«
»Etliche waren ziemlich verwischt. Und außerdem hat sich an einigen Stellen Talkumpuder abgesetzt. Von Latexhandschuhen. Was dafür spricht«, salbadert sie weiter, »dass Ihre Handschellen beim letzten Einsatz nicht mit bloßen Händen benutzt worden sind.«
»Was? Das müsste ich doch wissen!«
»Das ist ja – ohne Ihnen zu nah treten zu wollen – ist ja nicht das Einzige, das Sie nicht mehr wissen.«
Ihr seid inzwischen im ersten Stock gelandet und absolviert den langen Marsch durch die Flure. 1-214. Du stößt stumm die Tür auf, huschst rein und willst eben die Tür rücklings hinter dir zuziehn, als du einen Widerstand spürst: einen der schlankranken Mahnefraufüße! »Sheriff, das ist, das hat kein’ Zweck ...«, raunt sie dir in den Nacken.
Was soll keinen Zweck haben? Der Kollege von der Materialausgabe wirkt auch schon leicht verstört und guckt deine aufgeregte Assistentin mit schiefgestelltem Kopf an.
»Kollege, ich brauch neue Handschellen!«, preschst du vor, »aber bitte von der neuen Liefe...«
»Moment bitte!«, geht die Mahnemannsche dazwischen, »Mann, Sheriff, hat Ihnen der Chef denn nicht gesagt ...«, sie zieht dich wieder auf den Flur, was du willenlos wie ein Kieselstein am Grunde der Moldau geschehen lässt, »... hat Ihnen der Chef nicht gesagt, dass Ihnen der Fall entzogen wurde und ...«
»Wie bitte was?«
»... und dass Sie beurlaubt sind. Fürs Erste. Erst mal nur fürs Erste.«
»Aha, nur fürs Erste erst mal.«
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13
Du drückst die Klinke runter, schiebst mir nichts, dir nichts die Tür auf und setzt schwungvoll an hineinzumarschieren ... Du hast dir nicht die geringsten Gedanken darüber gemacht, was du womöglich vorfinden würdest, – sowieso alles egal –, aber der Anblick, der sich dir jetzt bietet, lässt dich, zumindest für einen Augenblick, dann doch zur Salzsäule gefrieren. Sie liegt fakirgleich auf dieser knorpelharten Couch, unbequem ist, wie gesagt, gar kein Ausdruck, hat den offenbar grade aus den Traumtiefen eines wohligen Nickerchens gerissenen Schädel vom schräggestellten Kopfteil gehoben und starrt mit schreckgeweitetem Blick zur Tür, auf deren Schwelle du immer noch rumstehst wie eine unentschiedene Mischung aus Falschgeld und Django.
»Herr Dollinger?«
»Ich, das muss sofort ... also ...«
»Auch ich hab irgendwann mal Mittagspause«, mault sie mit einer Kälte in der Stimme, die du ihr nie zugetraut hättest. Ausgesprochen untherapeutisch. Aber davon kannst du dich jetzt beim besten Willen nicht beeindrucken lassen.
»Sie müssen mir helfen, sofort«, stammelst du, »ich kann jetzt beim besten Willen nicht mehr auf irgendwelche Mittagspausen oder Analysen oder was warten. Sie müssen mich wieder grade rücken!« Und zwar sofort, schiebst du in Gedanken nach, ohne es freilich auszusprechen. Besser, sagst du dir, besser, du erklärst dich wenigstens einigermaßen nachvollziehbar. »Die haben mich abgezogen von dem Fall, und ich garantiere Ihnen, die wollen mich über kurz oder lang vom Dienst suspendieren. Und vorher muss ich mich selbst wegen Mordverdacht in U-Haft stecken. Sobald die die letzten Spuren ausgewertet haben. Scheiße, ich bin mir überhaupt keiner Schuld bewusst.«
»Aber«, sagt sie mit allmählich wieder therapeutischweichgespülter Stimme, rappelt sich auf und setzt sich mit einer unbeholfenen Körperdrehung auf die Kante ihrer Knochenfolter-Couch, »aber Sie können es auch nicht ausschließen, dass Sie’s nicht vielleicht doch getan haben könnten.«
Du glaubst, du spinnst! »Was? Ich glaub, ich spinne! Was reden Sie denn da!« Aber schließlich geht dein aufmüpfiger Tonfall doch baden und du murmelst kleinlaut: »Sie glauben also auch, könnte sein, dass ich ... Verfluchte Scheiße, das müsste ich doch wissen! Ich bin doch nicht völlig panne. Frau Wernigge, Sie müssen mir ganz schnell wieder die Möbel grade setzen im Kopf. Ich will jetzt hier gleich rausgehn und zum Chef stratzen und ihm sagen: Hier bin ich, bei mir ist alles klar im Dachstübchen, und der Fall ist wieder meiner. Okay? Also machen Sie, tun Sie was!«
Die Wernigge zupft sich die Bluse zurecht, drückt die Beine durch, setzt die Füße mit Schwung auf den Boden und lässt die Couchkante weit hinter sich.
Generalstabsmäßigen Schritts geht sie rüber zu ihrem ebenfalls kargen, aber wenigstens gepolsterten Therapeutenstuhl und setzt sich. »Vielleicht, Herr Dollinger, vielleicht waren’s ja tatsächlich nicht Sie ...«
Das schlägt dem Fass den Boden aus. »Vielleicht?!«, donnerst du sie an.
Aber sie fährt völlig unbeirrt in ihrem Programm fort: »... sondern Ihre zweite Person.«
»Meine zweite was? Sagen Sie, bin ich hier bekloppt oder wer?«
Kaum richtig Platz genommen, erhebt sie sich wieder und schreitet in ausladenden Kreisen durch den Raum. Offenbar ist, was jetzt kommt, zu gewichtig, als dass sie es im Sitzen würde zum Vortrag bringen wollen. »Ich hab jetzt nicht viel Zeit, gleich nach der Mittagspause hab ich die nächste Sitzung. Also nur so viel: Die Symptomatik der dissoziativen Identitätsstörung nimmt sich in der Regel so aus, dass ...«
Ist wahrlich nicht ganz ohne, einen psychotherapeutischen Fachvortrag über sich ergehen zu lassen, während man dermaßen auf heißen Kohlen hockt, dass einem ... immerhin geht’s ja um keinen andern als um dich! Aber du zwingst dich, Aufmerksamkeit zu heucheln. Schließlich hast du den Kopf so richtig in der Schlinge, und diese Frau, die ist die einzige, die den wieder ... Vielleicht.
»Die Ausbildung multipler Persönlichkeiten«, doziert sie und verschränkt die Hände überm Steiß, während du dich auf dem asketischen Liegemöbel der Selbsterkenntnis niederlässt, »ist ein äußerst effektives Abwehrsystem für Menschen, die im Kindesalter eine grausame, anhaltend traumatisierende Erfahrung machen mussten. In Ihrem Fall ist das primäre, das im Alltag dominante System die Person des korrekten, perfekten und erfolgreichen Ordnungshüters.«
»Und die andere Person?«, versuchst du mehr schlecht als recht mitzudenken.
»In Ihrem Fall der Loser, der ständig vom Damoklesschwert seiner früher erlittenen physischen und psychischen Schmerzen eingeholt wird. In ihrer ungezügelten Aggressivität erfüllt diese Persönlichkeit sich ihre Bestimmung, indem sie schwere Straftaten begeht, nicht nur aus brutaler Rache, sondern auch, um die Strafe, die der Tat auf dem Fuße folgt, als gerechte Selbststrafe zu erleben.«
Wenn dir bislang noch nicht heiß und kalt war, dann jetzt. »Von was reden Sie da, von was für früheren Schmerzen?«
»Tja«, die Wernigge ist stehen geblieben und stützt die Hände in die Hüften, »das, Herr Dollinger, wird unsre nächste Aufgabe sein, das rauszukriegen. Ihre zweite Persönlichkeit lebt jedenfalls genau die Potenziale aus, die sie in ihrem Primärsystem als Kommissar täglich bekämpfen. Und deshalb müssen Sie Ihre brutale Seite verdrängen und tabuisieren.«
Verdrängen und tabuisieren … Heh, Moment mal, wenn du jetzt eins und eins zusammenzählst, dann ...
dann dürfte das ja wohl heißen. dass du deinen Zweitdollinger vor dir selbst totschweigst, dass du glaubst, überhaupt nichts davon zu wissen, dass du all das komplett wegklickst … dass das alles bloß ein Rettungsmanöver ist, um deinen Alltag heil über die Bühne zu bringen. Oder wie?
»Dabei muss uns keineswegs irritieren, dass Ihr mit krimineller Energie aufgeladenes sekundäres Persönlichkeitssystem jetzt zum Ausbruch kommt, dass es in den letzten Jahren vielleicht sogar völlig verstummt war. Immerhin waren Sie ja während Ihrer Polizeiausbildung und auch in Ihrer bisherigen Berufspraxis höchst erfolgsverwöhnt.« Die Wernigge ist voll in ihrem Element, stürzt sich mit krakenhaftem Elan in dein Kauderwelsch im Schädel. Ihre Mittagspause hat sie, wie’s aussieht, völlig vergessen, so gut gefällt ihr augenscheinlich dein Krankheitsbild. »Jetzt aber, den aufzuklärenden Kindesmisshandlungsfall vor der Brust, könnte das im Untergrund nach wie vor rumorende abgespaltene Persönlichkeitssystem wieder ›scharf‹ geworden sein. Und da, Herr Kommissar, sind Sie alles andre als ein Einzelfall. Das alles entspricht gradezu bilderbuchmäßig dem bekannten Symptomkomplex. Wir gehen da von bestimmten Auslösungsreizen aus, so genannten ›Triggers‹, die den Wechsel von einer Persönlichkeit zur anderen hervorrufen und die abgespaltenen Systeme abwechselnd auf den Plan rufen.«
Mr. Jekyll und Dr. Hyde, schießt’s dir durch den Kopf. Oder hieß der Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Das hast du dir noch nie merken können.
»Und jetzt«, murrt die Wernigge, die inzwischen bedrohlich nah an deiner Couch Stellung bezogen hat, »jetzt gönnen Sie mir den winzigen Rest meiner Mittagspause! Wir sehn uns morgen.«
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