Kitabı oku: «Und die Titanic fährt doch»
Land
Und die Titanic fährt doch
Nordatlantik-Krimi mit Rezepten

Ulrich Land
Und die Titanic fährt doch
Nordatlantik-Krimi mit Rezepten

Haftungsausschluss: Die Rezepte dieses Buchs wurden von Verlag und
Herausgeber sorgfältig erwogen und geprüft. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Die Haftung des Verlags bzw. des Herausgebers für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
© 2011 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des
Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
www.oktoberverlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz: MV-Verlag
Umschlag: Thorsten Hartmann und Roland Tauber
Rezepte: Ulrich Land
Herstellung: Monsenstein und Vannerdat
ISBN: 978-3-941895-18-8
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
1
Die Tür, wieso scheppert jetzt auf einmal das Türschloss? Was wollen die denn noch von mir? Sollen mich doch schmoren lassen hier unten in dieser verdammten Zelle, zu der sie extra für mich die Ausnüchterungskabine der Krankenstation umfunktioniert haben. Sollen mich doch meinen Gedanken nachhängen lassen, bis wir mit dem angeschlagenen Kahn vor Nova Scotia ankern, in Halifax, Boston, was weiß ich – wenn die überhaupt hinreichend große Liegeplätze zu bieten haben. Oder bis wir direkt in New York gelandet sind.
Aha, der Alte steht auf der Schwelle, ›Master next God‹, welche Ehre!
»Sir?«
Während ich es mit einiger Mühe noch hinbekomme aufzustehn, den Rücken durchzudrücken und den Zeigefinger zur Stirn zu heben, verzichtet Captain Smith mit offenbar auch nicht eben wenig Mühe darauf, meinen Gruß zu erwidern.
»Murdoch, ich muss Sie bitten ...«
»Ja?« Kurze Frage, kleine Chance, es dem Chef nicht ganz so leicht zu machen.
»Ich muss Sie bitten, Ihre Uniformjacke abzulegen und mir auszuhändigen.«
Wortlos ziehe ich die Jacke aus und leg sie ihm über den hingehaltenen Arm. Wortlos winkelt er den Arm enger an und schlüpft mit den Fingern in die Knopfleiste seiner Uniform. Wer war das noch, der alte Fritz oder Napoleon? Jedenfalls eine Geste, die er bei irgendeinem Potentaten geklaut hat. – Nicht zu fassen, dass ich es in dieser ernsten, bitterernsten Situation geregelt kriege, mir so idiotisch belanglose Gedanken zu machen.
Aber noch verblüffender zu hören, wie ich hinter dem abziehenden Captain herrede: »Immerhin hab‘ ich dafür gesorgt, Sir, dass Sie gestern Nacht nicht zum ersten und zum letzten Mal in Ihrer Kapitänslaufbahn den Satz der Sätze vom Stapel lassen mussten: ›Now it‘s every man for himself!‹«
Rette sich, wer kann, geht‘s mir durch den Kopf, als ich Smith nachsehe, der verbissen schweigend hinaus in den Flur tritt und die Nurse von der Krankenstation meine Tür wieder verschließen lässt. In dieser einen Nacht ist er zu einem alten Mann geworden. Was Jahrzehnten seiner an dramatischen Erlebnissen nicht armen Seefahrtskarriere versagt geblieben ist, diese eine Schreckensminute hat es fertiggebracht, ihn niederzuwerfen.
Vielleicht geht es in meinem Schädel selbst in diesem Moment trostloser Erniedrigung deshalb so drunter und drüber, vielleicht quasseln meine Gedanken deshalb wie ein Bilderbuch, statt sich in deprimiertes Schweigen zu hüllen, weil ich mir trotz allem sicher bin, alles richtig gemacht zu haben. Trotz dieses ungeheuren, dieses markerschütternden Schlags. Absolut sicher. Und genauso absolut sicher bin ich mir, dass man mir genau daraus den Strick drehen wird. Eigentlich hätte mir das klar sein müssen. Aber es war mir nicht klar. Weil ich nämlich über die Konsequenzen überhaupt nicht nachgedacht habe. Weil ich nämlich überhaupt nicht gedacht habe.
Weil ich nämlich überhaupt nicht dazu gekommen bin nachzudenken. Weil ich nämlich gehandelt habe. Einfach nur so. Ohne Gedanken. Instinktiv, intuitiv, aber richtig. Absolut richtig.
Dieses Schiff war nur so zu retten.
Ich wusste es in dem Moment nicht, aber ich weiß es jetzt: Mein Manöver war das einzig richtige. Und je mehr diese Gewissheit wächst, wächst die Ungewissheit, ob ich das irgendeinem Außenstehenden werde klarmachen können. Ganz im Gegenteil. Fahrlässige Tötung, man wird mir fahrlässige Tötung in soundso vielen Fällen vorwerfen. Ich weiß es nicht genau, keiner hat mir die genauen Zahlen genannt, drei Dutzend, vier Dutzend Tote und etliche Verletzte. Die Nacht der Nächte. Geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie denn auch?! Schicksalsnacht. Bitterkalt und glasklar. Neumond. Rabenschwarz der Himmel, aber übersät mit winzigen weißen Punkten. Steuerbord schräg voraus vergilbte soeben der lindgrüne, leise schwingende Seidenvorhang eines Nordlichts, bevor er sich endgültig wieder in der Finsternis auflöste, aus der er sich gerade erst vor ein paar Minuten entfaltet hatte. Und plötzlich – plötzlich baute sich dieser schwarze Brocken vor uns auf! Obwohl, eigentlich war er natürlich weiß. Aber nachts sind alle Katzen grau und alle Eisberge schwarz. Zumal dann, wenn sie wie offensichtlich dieser hier schon mal gekentert sind. Von einem Wasserfilm überzogen, spiegelglatt und glasig-blau, sind sie in der Dunkelheit praktisch unsichtbar. Stehen schwarz im schwarzen Wasser vorm schwarzen Himmel. Fallen vor allem dadurch auf, dass man da, wo sie rumdümpeln, die Sterne nicht sieht. Wie ausgestanzt, ein Loch im Sternenhimmel. Genau im Umriss dieses zwanzig, was weiß ich, dreißig Meter hohen Ungetüms. Kommt einem vor, als läge vor uns volle Breitseite ein Windjammer unter Segeln, unter vollen Segeln, unter anthrazitfarbenen Segeln, ein Totenschiff – und würde sich keinen Millimeter vorwärtsbewegen. Denn der Wind schafft es nicht mal, die Segel zu blähen. Das schwere Segelleinen wirft tausend Falten. Und oben in der Mitte läuft der Koloss nadelspitz zu, wirft sich auf zu einem scharf-alpinen Zinken. Fehlt nur das Gipfelkreuz.
Dann der gigantische Knall! Ein kurzes Zittern erfasste den pechschwarzen eisweißen Klotz. Mich überkam eine Höllenangst, das Ding könnte kippen, könnte durch die Kollision mit unserem Vorsteven einen senkrechten Riss abbekommen haben, könnte sich in der Mitte spalten und umklappen. Könnte Hals über Kopf aufs Vordeck schlagen und zerschellen. Aber hielt, die Drecksau. Gott sei Dank. Paar Zähne abgebrochen, aber der Kern hielt zusammen und stand da mit stoisch stupidem Gleichmut. Schien kurz zu überlegen, soll er steuerbord, soll er backbord sich vorbeitrollen an unserm Rumpf. Er entschied sich für Stehnbleiben. Taumelte leicht, aber blieb eisern eisig stehn vor unserer Nase. Erst als die Schrauben endlich packten, die ich auf volle Kraft zurück hatte stellen lassen, als das Schiff langsam, unendlich langsam die zerquetschte Bugspitze vom Eisberg zurückzog und sich vom umgelegten Ruderblatt überzeugen ließ, über Backbord abzudrehen, da schob der Koloss sich gemächlich nach achtern. Längs unserer Steuerbordflanke. Eckte hier und da kurz an, aber schon war er – schwarzblau jetzt, nass und glibberig glitzernd von dem bisschen Licht, das ihm die Lampen des Schiffs hinterherwarfen – verschwunden. Irgendwo. In der Finsternis. Achteraus und auf Nimmerwiedersehn. Ich weiß nicht, fünf Minuten vielleicht, vielleicht hat er sechs, sieben Minuten gebraucht, um bei der geringen Fahrt, die wir jetzt machten, an den zweihundertsiebzig Metern Schiff längs zu ziehn. Eine Hand voll Minuten, dann war er vorbei. Und alles war vorbei.
Und ich wischte mir die Schweißlachen von der Stirn und ließ erst mal die Maschinen stoppen.
Wo, wo mag das verdammte Biest jetzt sein? Was gäb ich drum, seiner habhaft zu werden. Einfangen, festnageln, eine Antwort auf die Frage aus ihm rausprügeln, was er sich dabei gedacht hat! Und wie sich‘s als Eisberg lebt mit diesem pechschwarzen Gewissen, einen britischen Luxusdampfer ramponiert zu haben. Obwohl, die Hinrichtung des Eisbrockens übernehmen ja ohne jedes weitere Dazutun von dritter Seite die Temperaturen der gemäßigteren Breiten, wo er sich jetzt, vom Labradorstrom erfasst, allmählich, ganz allmählich, aber unweigerlich hinbegibt. Kann ich getrost die Hände in den Schoß legen. Gott sei Dank.
Ich weiß nicht, ob die zwei im Krähennest vorne eingenickt waren, wäre bei der Kälte eher verwunderlich, oder ob die und wenn ja, über was die geredet haben in dieser Nacht unterm schwarzen Lichtpunktfirmament, ob die gerade den Kopf gesenkt hatten und sich die Hände vors Gesicht hielten, um sich eine Zigarette anzuzünden. Jedenfalls kam die Alarmglocke verdammt spät. Aber ich will die andern nicht, will keinen dafür verantwortlich machen. Will die Schuld nicht abschieben. Weil ich selbst keine Schuld habe. Kein Gran. Im Gegenteil. Man müsste mich eigentlich feiern als den Retter. Als einen Held der christlichen Seefahrt. Hätte ich nicht gehandelt, wie ich gehandelt habe, das Schiff wäre abgesoffen mit Mann und Maus und Mokka. Gut, bräuchte ich mir jetzt keine Gedanken mehr zu machen. Bräuchte sich niemand mehr Gedanken zu machen. Auch eine Lösung. Aber ich hab‘ eben gehandelt und also, was weiß ich, an die zweitausend Leben gerettet. Um den Preis von fünfzig, achtzig, ich weiß es nicht, hundertfünfzig Leben. Ohne Opfer war die Rettung nicht zu haben, definitiv nicht.
Aber darum geht‘s mir nicht, ich muss nicht auf irgendeinen Heldensockel gehoben werden. Ich hab‘ bloß getan, was ich tun musste. Bin nichts als ein einfacher Offizier zur See. Okay, Erster Offizier hier an Bord. Aber mehr auch nicht. Ich will gar nicht in die Annalen der Seefahrtgeschichte eingehen, aber ich will verdammt noch mal auch nicht eingebuchtet werden. Hab‘ noch längst nicht jeden Winkel der Weltmeere gesehn, noch nicht jedem Orkan ins Auge geblickt, nicht jeden weißen Fleck der Ozeanatlanten vermessen. Ich habe noch so viel vor. Also – also lasst mich raus hier, lasst mich hier raus! Ihr habt den Falschen eingesperrt. Nein, niemand, es gehört niemand eingesperrt für diese Nacht. Nicht mal der verdammte Eisberg. Konnte schließlich nichts dafür, dass wir seinen Weg kreuzten. Auch der war von Mordgelüsten nicht beseelt. Auch der war vom Donnerschlag gerührt, von diesem Schuss vorn Bug überrascht. Überraschter noch als wir.
Dieser Augenblick, dieser eine Augenblick!
Wir waren genau auf Reisegeschwindigkeit. Endlich. Endlich machten wir die vorgesehenen 22,4 Knoten. Volle Fahrt voraus, westlicher Kurs.
Position: 41°46‘ Nord, 50°14‘ West.
23:40 Uhr Bordzeit.
Am Morgen hatte in der Offiziersmesse für ein paar handverlesene Passagiere der ersten Klasse und Crewmitglieder der Sonntagsgottesdienst stattgefunden. Die letzten Worte des Chorals: »Denen in Gefahr auf See.« Worte, die jetzt natürlich einen völlig neuen Klang haben. Aber davon wusste ich bis 23:39 Uhr nichts. An diesem späten Sonntagabend schien alles ganz normal zu sein. Alles lief präzise nach Plan. Und plötzlich aus heiterem schwarzklaren Himmel ist alles anders. Nichts ist normal. Die Alarmglocke! Aber ich hatte den Eisklotztitan vorher schon gesehn: gradeaus voraus. Blinzle kurz, da trifft mich der Schlag. Kurz bevor er das Schiff trifft. Ich weiß nur eins: Ich hab‘s in der Hand. Ich allein habe es in diesem Augenblick in der Hand. Das ganze Schiff. Mit Mann und Maus und Mokka. 1308 Passagiere, 898 Mann Besatzung. Und eine Entscheidung. Die Entscheidung des Ersten Nautischen Offiziers William McMaster Murdoch.
In diesen Sekundenbruchteilen. In den Augenblicken zwischen dem Augenblick, als Fleet oben im Krähennest ins Telefon »Iceberg right ahead!« kreischte und Moody »Iceberg right ahead!« nach draußen Richtung offene Brücke brüllte, wo ich stand und starrte, längst mit meilenweit aufgerissenen Augen auf den schwarzblauen Höllenfels starrte, der da langsam, aber erbarmungslos auf uns zu geschwommen kam, right ahead. Und right heißt hier nicht rechts, sondern recht. Recht voraus. Genau gradeaus. Hoffentlich ist das einem Richter begreiflich zu machen. Na ja, da das Verfahren erst mal beim Seegericht landen wird, dürfte das ja wohl klarzustellen sein. Das Biest ist jedenfalls frontal vorm Vorsteven, so frontal, wie‘s nur frontal sein kann. Noch 450 Meter liegen zwischen Eisen und Eis! Keine zwei Schiffslängen. 450 Meter oder 40 Sekunden. Bei unserem Tempo. Zweiundzwanzig Knoten, das bedeutet elf Meter fünfzig pro Sekunde. Also.
Also gab ich nach einem kurzen Moment des Zögerns »Volle Kraft zurück!« über den Maschinentelegraphen durch und wusste doch, dass allein das Umschalten der Maschinen auf Gegenschub 20 Sekunden frisst. Plus ein gigantisches Mehr an Zeit, bevor überhaupt eine spürbare Geschwindigkeitsdrosselung eintritt. Reine Kosmetik, dieses Kommando. Ein Beruhigungsmanöver für uns selbst, um uns das Gefühl zu geben, dass wir überhaupt was getan haben, nicht einfach kampflos aufgegeben haben.
Auf alle Fälle den Befehl, das Ruder rumzureißen – na ja, was heißt bei so einem schwimmenden Dinosaurier schon ›Ruder rumreißen‹! – und die linke Schraube ›volle Kraft zurück‹, die rechte ›volle Kraft voraus‹ laufen zu lassen, diesen Befehl hab‘ ich nicht gegeben. Anfängerlektion der nautischen Grundausbildung: Das Schiff einfach auf Linkskurs zu steuern, bedeutet, dass wir den Bug vielleicht grade noch rechtzeitig werden wegziehen können, dass aber das Heck mit Sicherheit genau in den Eisberg hineingedreht wird. Also müsste ich an der entscheidenden Scharnierstelle, an einem ganz bestimmten Punkt wieder nach rechts steuern, um nach dem Bug dann auch das Heck vom Eis fernzuhalten. Aber: Sonnenklar, für ein solches Porting-Around-Manöver mit auch nur einer Spur von Aussicht auf Erfolg, da reichte die Zeit einfach nicht! Hinten und vorne nicht, im wahrsten Sinne des Wortes. Völlig hoffnungslos.
Das alles schoss mir durch den Schädel, blitzte zwischen den Zeilen dieser winzigen Zeit auf, zwischen dem Ticken des Sekundenzeigers, schoss hin, schoss her, mal hü, mal hott. Ohne dass es wirklich zu einem einigermaßen klaren Gedanken gereift wäre. Aber ich wusste, ich muss mich entscheiden; jedes Zaudern ist tödlich, jede Sekunde, die du ungenutzt verstreichen lässt, kostet soundso viele Menschen das Leben. Ich gab also den Befehl zum Ausweichmanöver nicht! Mit der unausweichlichen Folge, dass ...
Aber dann spürte ich auf einmal trotzdem, obwohl ich mir absolut sicher war, nichts von Ausweichen gesagt zu haben, spürte ich in den Fußsohlen, dass sich das Schiff einen Hauch Richtung Backbord drehte, millimeterweise, aber das reichte schon; ich musste gar nicht erst zum Rudergänger rübersehn, um zu wissen, was Sache war. Drei Sätze, und ich war direkt neben Hichens. Der sah mich überhaupt nicht an, wandte den Blick keine Sekunde vom Eisberg, starrte ihn gradezu fasziniert an. Ein unglaublicher Magnetismus. Instinktiv drehte er das Steuerrad nach Backbord. Der Mann wollte nur eins: dran vorbei an dem Saustück! Ich sprach ihn an: Er hörte mich nicht. Ich schrie »Mittschiffs«: Nicht mal ein Lidschlag. Ich brüllte, das sei ein Befehl, er solle das Ruder sofort wieder in Geradeausstellung bringen: Er reagierte nicht. Ich rempelte ihn mit den Schultern an, um ihm klarzumachen, dass er hier nichts mehr zu suchen hatte. Aber er hielt sich krampfhaft am Steuerrad fest und wich keinen Zentimeter. Ein guter Rudergänger lässt erst los, wenn er … aber ich kann den Mann doch nicht einfach so … doch, blieb mir nichts andres übrig. Ich schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Ich hatte noch nie jemandem ins Gesicht … irgendwo hatte ich mal gelesen, wenn ins Gesicht, dann immer mit viel mehr Kraft, als man eigentlich will, als man eigentlich kann.
Hichens blutete aus Nase und Mund, hatte die schreckgeweiteten Augen immer noch starr an den Eisberg geheftet und … und hielt das Steuer. Mit einer Hartnäckigkeit, die eigentlich einen Orden verdient hätte. Ich dröhnte ihm meinen Ellenbogen mit voller Wucht in die Nieren. Er knickte saftkraftlos seitwärts ein, und das reichte mir, um seine schweißnassen Hände vom Steuerrad zu schieben. Das alles spielte sich in Sekundenbruchteilen ab. Ich hatte keinen Blick dafür, wie Hichens jetzt vollends in sich zusammensackte. Ich griff in die Speichen: einen Hauch nach Steuerbord, damit die Nase wieder grade nach vorn kommt. So. Wieder 0° auf der Ruderlageanzeige.
Und da … da war er, dieser Schlag, auf den ich gewartet hatte … ich sah den Göschstock wegknicken wie ‘n Streichholz! Der Rückschlag warf mich aufs Steuerrad, die Brust dröhnte, stechender Schmerz in den Rippen. Ich konnte mich mit Mühe aufrecht halten, während der willenlos nach vorn rutschende Hichens dem inzwischen dazugekommenen, völlig konsternierten Lightoller die Beine wegriss.
Nicht selten wird eine Wende des Schicksals von einem Rums eingeleitet. Und dann fängt‘s an, interessant zu werden. Dieser Rums hier hatte sich gewaschen! Sechzigtausend Tonnen Stahl krachten frontal auf dreihunderttausend Tonnen Eis. Eins zu fünf. Eigentlich war gar nicht der Knall das Erschütternde. Nicht das grausige Heulen und Knistern der wie Stanniolpapier nachgebenden Stahlplatten, das Knirschen der Eisenträger, das wie Hammerschläge dröhnende Aufspringen der kindskopfgroßen Nieten der Außenhautplatten, nicht das Wimmern der zerknüllten Spanten und Wrangen im Bug, das knarrende Holz, das Zersplittern der Glaskuppel überm A-Deck-Foyer, nicht das Gurgeln und Rauschen der in die beiden vorderen Rumpfkammern einschießenden Wasserfontänen, nein, das Erschütternde war die Stille nach dem Knall. Als das Schiff stand und auf den Eisfels starrte. Diese brüllende Stille.
Mit einem Schlag liegt der Titanic-Traum in Trümmern, ist zum Trauma geworden.
- . -
2
Keine große Kunst, sich auszumalen, wie‘s da unten zuging, im Salon der verlorenen Seelen. Wo sich zu nachmitternächtlicher Stunde immer ein paar versprengte Figuren einfanden, die an Schlafstörungen litten. Nichts schöner, als sich dort ab und zu an einen abgelegenen Ecktisch zu pflanzen und diesen seltsamen Vögeln beim Zwitschern zuzuhören. Schade, dass ich in der vergangenen Nacht Wache auf der Brücke hatte. Aber, wie gesagt, ich kann‘s mir lebhaft ausmalen, wie sich da unten das übliche harmlos-ahnungslose Geplänkel angelassen hatte. Da, mitten drin im Pott, wo man vom Wellengang selbst dann nichts hört, wenn‘s nicht so mucksmäuschenstill zugeht wie letzte Nacht. Mit Sicherheit einer der sichersten Punkte auf dem ganzen Dampfer, oder besser gesagt: einer der Punkte, wo man sich am sichersten fühlt. Eben: mittendrin. Und stabil. Denn da ist wahrhaftig die Mitte. Konnten die Konstrukteure der Harland & Wolff-Werft natürlich nicht ahnen, dass dorthin, nur ein paar Meter vom Massenschwerpunkt entfernt, wo man den Seegang deshalb so wenig spürt, weil hier der Mittelpunkt der Achse ist, über die sich das Schiff dreht, wenn‘s hoch hergeht, dass also die Nachteulen dorthin, ausgerechnet in die Messe für Butler und Zofen retirieren würden. Direkt überm Speisesaal der ersten Klasse. Und konnten noch weniger ahnen, dass diese graugesichtigen, tränensackbeladenen Gestalten sich regelmäßig erdreisten würden, den vorderen Teil der Butlermesse in einen Rauchsalon für späte, für sehr späte Stunden umzumodeln.
»Hier, wo selbst das Motorengeräusch so verhalten ist, dass man beim besten Willen nicht auf die Idee kommt, man könnte mitten im Atlantik sitzen«, wie diese Brünette jeden zweiten Abend zu sagen pflegt, die attraktive Mittoder meinetwegen Endzwanzigerin, die sich während der fünf Tage, die die Reise bis zum großen Schlag währte, keine Nacht vor vier Uhr in ihre Kajüte zurückzieht. Trotz ihres jugendlichen Alters aber sieht sie jetzt – in der Nacht danach – mit einem Mal so unglaublich schal aus, so blutleer, irgendwie erheblich älter. Falbe, welke Haut. Lichtleere Haut. Ein schattenloses Gesicht ohne jede Kontur. Bei allen Figuren übrigens hier in diesem Panoptikum! Einfach nur eigenartig. So, dass ich auf keinen Fall hinsehn will, aber ich kriege den Blick nicht losgeeist.
»Aayyyh! Bringen Sie das grässliche Tier zur Strecke!«, schreit die Schöne mir plötzlich ins Ohr! Wie, in drei Teufels Namen, kommt ihr Schrei hierher zu mir in die Haftkabine? Was will die mir sagen? Wieso ist die mit einem Mal vollkommen nüchtern?! Und diese Stimme! Die Stimme hört sich an, als wäre ihr Kehlkopf mindestens hundertzwanzig Jahre alt.
Der Steward baut sich an ihrem Tisch auf, um ihren spitzen Schrei mit dem Bassbaritonbrustton der Überzeugung zu parieren: »Sie befinden sich hier an Bord eines Luxus-Restdampfers. In unserm Laboratorium gibt‘s keine ...«
Während die Hübsche gar nicht daran denkt, ihm zuzuhören, sondern vom Stuhl hochschnellt und durch die Gegend kreischt: »Da vorne, unter die Anrichte gehuscht, das Vieh, hat eine, seltsam, eine Hutnadel, größer als es selbst, hinter sich hergezerrt. Tun Sie, machen Sie was!«
»Wir befinden uns hier an die zweitausend Meter unter der Meeresoberfläche, Lady. Und ich darf Sie daran erinnern, wir haben uns seinerzeit vor, ich weiß es nicht, vielleicht hundert Jahren auf der Jungfernfahrt befunden, und innerhalb der hundert Stunden, die diese währte, bevor … nun, wir haben ja vereinbart, das kleine Malheur nicht mehr beim Namen zu nennen, jedenfalls innerhalb so kurzer Frist nisten sich keine Tiere, auch nicht so wollige drollige, im guten Salon ein.« Der Steward unterbricht seine Expertise kurz, ganz kurz, um den Kragen seines Livrees zurechtzuzupfen und sich bei der Gelegenheit mit flatternden Fingern ein paar aufdringliche Schuppen von der Schulter zu wedeln. »Und sollte tatsächlich eine Maus zwischen den Mehlsäcken an Bord gelangt sein, so dauert‘s eine halbe Ewigkeit, bis das Geschöpf aus den Vorratskammern, die sich bekanntlich ganz hinten im Heck befinden, bis hier rübergewandert ist. Aber, schöne Lady, bis zum Verstreichen dieser halben Ewigkeit waren die Heckräume längst feucht geworden, komplett geflutet. Und schließlich weggebrochen. Hier gibt‘s keine Tiere!«
»Aber Mäuse«, zischt die verdammt, verdammt gut aussehende Brünette, bei der man eigentlich so eine gestelzte Empfindlichkeit gegenüber Kleinnagern gar nicht vermutet hätte.
Russel, der hagere Bestatter, der drüben auf der anderen Seite des großen Teichs nicht nur seine kärglichen Verhältnisse abschütteln, sondern auch die Profession wechseln und endgültig zum Lyra-Virtuosen und rechtmäßigen Nachfolger des himmlischen Hermes mutieren will, dieser Russel also gibt eines seiner selbstgestrickten Meisterwerke moderner Lyrik zum Besten:
»die Toten die Untoten fressen
die schwarzen Wellen
der sieben Weltmeere
spiegelglatt«
Mme Godot wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel, während Heizer Hart sich auf die Lippen beißt, um nicht loszuprusten, und der Bordanimateur namens Batman sein Fledermauslachen frank und frei durch die betretene Stille gackert. Indes die junge Schönheit mit dem alten Gesicht und der uralten Stimme bleibt – lyrische Höhen hin, atlantische Tiefen her – bei ihren irdischen Problemen: »Eine Maus! Hab‘ ich mit meinen ureigenen Augen gesehn!«
Aha, verdammt, jetzt – so ganz langsam – kapiere ich, das sind meine eigenen Gespinstgespenster, die mich da in der wasseraufgeweichten Hand haben. Die Hirnwindungen verknäulen sich, Lug und Trug, wilde Schimären gehn mit mir durch! Die rauben mir das Zeitgefühl, lassen alles anfangen zu schwimmen, zerreißen mir die Klarheit des Nautikerbewusstseins, lassen‘s zerfasern, ausfransen und schicken immer wieder irgendwelche ungerufenen Bilder daher. Lassen von jetzt auf gleich alle Farben wegtauchen, alles in Hell und Dunkel, Licht und Schatten sich verwandeln. Lassen die Figuren so eigenwillig schwammige, wellenförmige Bewegungen vollführen, und erwecken in meinem Schädel bei jedem Wort, das diese Untoten da unten über die Lippen stoßen, den Eindruck, als stiegen blubbernde Luftblasen auf.
Wie‘s aussieht, spielen meine Traum- und Trugbilder hundert Jahre danach und gehen einfach mal eben davon aus, dass der Kahn in der Nacht der Nächte denn doch abgesoffen ist. Wahrscheinlich weil ich Idiot dem Eisberg doch ausgewichen bin, besser: versucht hab, ihm auszuweichen, worauf aber das Saustück uns die Steuerbordseite aufgeschlitzt hat. Völlig anderes Szenario: Der Stoff, aus dem die Alpträume sind. Touché! Stahl schrammt über Eis, ein Geräusch wie klirrende Ketten, die Außenhautnieten fitschen weg, als wären‘s Büroklammern, schäumende grüne Wasser strömen hektoliterweise ein.
Während man auf dem Luxusdeck zunächst mal nur ein leises Klirren der Kristallgläser wahrnimmt und einen Lufthauch, als gaukle ein schwarzer Engel durch den Salon. Ein, zwei Stunden später sind schätzungsweise die Hälfte der Passagiere und die Hälfte der Crew tot. Vielleicht. Womöglich gibt‘s auch bloß neun- oder sogar nur achthundert Gerettete. Obwohl, selbst das nur dann, wenn wir mal davon ausgehen, dass die Rettungsboote rechtzeitig zu Wasser gelassen werden und das Manöver diszipliniert vonstatten geht.
Und, um in diesem Fantasiegemälde zu bleiben, nur zwei, drei Rumpfkammern mittschiffs – glorioserweise samt Kessel und Notstromaggregat – sind nicht geflutet worden. Darinnen eine Hand voll Menschlein, die nicht in Panik an Deck gestrauchelt sind, sondern tumb oder willig oder beides ihr Schicksal entgegengenommen und sich in den Tiefen des Salons der Nachtschattengewächse verschanzt haben. Und also ihre bizarre Vorstellung hegen und pflegen, der Kahn sei abgenippelt und auseinandergebrochen. Ein Drittel davon dümple nun mit seinen paar wenigen luft- und wasserdichten Räumen in den Tiefen des Atlantiks einher und sei auch nach diesem elend langsam verstrichenen Jahrhundert noch nicht zur Ruhe gekommen. Wie eine Art U-Boot ohne Antrieb. Von dem eingeschlossenen Luftpaket grade eben in der Schwebe gehalten. Und die paar Gestalten hier wollen nicht nur überlebt haben, sondern über die Jahre unsterblich geworden sein! Wer weiß, vielleicht vom in der verbliebenen Luft stetig sinkenden Sauerstoffgehalt, was bekanntlich den Verwesungsprozess ausbremst.
Klar, ihr Denkfiguren, klar, dass ihr unsterblich seid. Zum Spintisieren braucht man keinen Körper. Zum Spuken erst recht nicht. Da ist er eher hinderlich. Ballast. Aber denkt dran, manch einer, der abgehoben, ohne Leib, aber dafür mit reiner, reinster Vernunft vor sich hingedacht hat, ist schwer ins Stolpern geraten! Einer soll dabei sogar in einen tiefen Brunnen gefallen sein und – Thales, war das Thales? – musste sich das Hohngelächter seiner Hausmagd anhören. Woll‘n mal sehn, ihr knorzigen Kobolde da unten, wer von uns am besten lacht! Und eins ist schon mal klar: Wer am lautesten lacht, lacht noch lange nicht am besten.
»Hurra, unsere Leichen leben noch, lächeln noch. Dead man walking. – Kpow!«, grunzt dieser Batman.
Zentraler Treffpunkt der wässrigen Sippschaft: nach wie vor die zum Rauchsalon ausgerufene Ecke des Speiseraums für Butler und Zofen. Oder wahlweise der Palmenhof. Aber um dorthin zu gelangen, muss man die Unannehmlichkeit in Kauf nehmen, durch das kalte Wasser zu tauchen, das auf Grund der vor vier, fünf Jahrzehnten doch noch eingedrückten Fenster in den Rauchsalon erster Klasse eingedrungen ist. Diese Kaltwasserpassage aber ist nur was für Tage, an denen die Heizung mal wieder überfeuert ist und nicht auf ein erträgliches Maß runtergeregelt werden kann, weil Manfred Hart das defekte Steuerelement nicht in die Gänge bekommt. Tage also, an denen die untoten Titanen das Gefühl nicht loswerden, sie würden doch in der Hölle schmoren und dringend eine Abkühlung gebrauchen können. Jedenfalls: Man trifft sich und plaudert über die alten Zeiten. Wir schreiben das Jahr 2012, den 15. April, die hundertste Jubiläumsnacht, um die keiner weiß, weil sämtliche Uhren stehn geblieben, alle Kalender abgelaufen sind und die Versuche, die Tage mitzuzählen, aufgegeben wurden.
Während also die Schönste aller Brünetten die Sichtung des grauen, kaum radiergummigroßen blinden Passagiers beschwört und der Steward das Gegenteil, schaltet sich jener zigarillorauchende Lackaffe ein, bei dem man wegen seiner leiblichen Größe unweigerlich geneigt ist, sich Sorgen zu machen, ob die Luft, die er dort oben einatmet, nicht zu dünn und also der geistigen Brillanz abträglich ist. Ein ewiglanges Elend, das, wie gesagt, darauf insistiert, Batman genannt zu werden. Überhaupt muss man den Kerl, will man seinem kraftstrotzenden Gehabe Glauben schenken, für einen verirrten, aber maßlos von sich selbst überzeugten Vollender und Vollstrecker halten, der der Titanengalerie entsprungen ist. Auch wenn er mit seinem ausgesprochen winzigen, aus einem überbordenden Muskelberg stechenden Kopf, geziert von rund geblähten, vorm Wind segelnden Ohren, jedem antiken Heldenmythos Hohn spricht. Titan Sorte »seltendämlich«. Jetzt springt der Bursche mit einem Satz auf den Tisch, bückt sich, um sich den kleinen Schädel an der niedrigen Decke des Salons nicht noch kleiner zu stoßen, und verkündet, voll wie eine Haubitze, aber präzise die Stimmlage eines frisch erleuchteten Predigerpaters treffend: »Fledermäuse sind keine Nagetiere! Wow. – Batman steht zu Diensten.«
Was die verzweifelte Braunholde zu der vielleicht etwas dünn und adrenalinverzerrt vorgetragenen Aufforderung verleitet: »Dann voran!«
»Krrrh! – Leidenschaft brennt. – Bratta Bratta. – Brennt eiskalt«, dröhnt Batman von seiner wackligen Kanzel herab und stößt sich jetzt doch den Hinterkopf an einem der Deckenträger.
»Kannz doch sowieso keiner Maus watt zu Leid tun. Ma ehrlich!« Das ist unverkennbar Hart, einziger überlebender Heizer und, wie er jedem, der‘s wissen will, und jedem, der nicht, mit wachsender Begeisterung erzählt, ehedem Abbausteiger auf Zeche Auguste Victoria im deutschen Kohlenrevier an der Ruhr. Mit Leib und Seele Bergmann, aber er musste weg aus Deutschland, führte kein Weg dran vorbei. So jedenfalls die Sachlage aus seiner Sicht. Hat die Flucht ergriffen angesichts der martialischen Aufrüstung von Kaiser, Volk und Vaterland. Weichling oder Pazifist. Das kriege ich aus seinem Palaver nicht so richtig rausgehört, aber die fidele Aufmüpfigkeit der Sprüche, die er sich selbst bei niedrigem Alkoholpegel rausdreht, spricht eher für die zweite Variante. Aus politischen Gründen also seit hundert Jahren auf dem Weg in die Neue Welt. Bis jetzt indes noch nicht angekommen.
»Ein graupelziger Herold! Endlich«, schwärmt Angélique Godot, klappert wieder unentwegt mit der Mokkatasse, die sie auf der Untertasse balanciert, und starrt diesen Fledermaushünen an, der sich soeben anschickt, seine unbequeme Position unter der Decke aufzugeben und vom Tisch übern Stuhl die rettenden Gestade der Salonplanken aufzusuchen. »Endlich ein Bote im Boot. Von oben, von draußen. Ein Kassiber meines Mannes!«
»Ihres Mannes? Madame Godot, ich versteh überhaupt nichts mehr«, gesteht Russel. »Ihr Mann? Den gibt‘s doch längst nicht mehr. Godot ist tot. Um des hohen Himmels Willen, den hab‘ ich doch nicht retten können, hab‘ ich doch schon zigmal zugegeben. Müssen Sie mich denn immer an dieses traurige Kapitel erinnern!«
»Godot lebt«, entgegnet Angélique Godot dem konsternierten Bestatter und ergeht sich in Sehnsuchtsverzückungen – ihre Methode, die endlose Zeit totzuschlagen. »Das Leben gibt es noch! Mein Mann sieht von irgendwo herüber zu mir, sieht mich hier auf dieser Endlosreise und hat ein Wohlgefallen. Und schickt mir zum Zeichen diese Maus. Eine Maus als Lebenszeichen.«
»Unsinn!«, der Steward ist dabei, den letzten Rest Contenance fahren zu lassen, »Unsinn! Von außen kann sie schon gar nicht kommen. Sie wäre längst ertrunken auf dem Weg hierher. Wir sind umgeben von einer 82 Millionen Quadratkilometer großen Wasserfläche. Und wollen Sie mir vielleicht mal sagen, wie eine Maus, wenn sie denn bis hierher zu unserem Schiff durchs Wasser gesprattelt wäre, wie sie durch die Rumpfwände unserer Unterseetitanic eindringen soll?! Sie wollen mir ja wohl nicht weismachen, dass sie die Abflussfontänen unserer beiden Pumpen aufwärts geschwommen ist. Das dürfte selbst für den stärksten und hartnäckigsten der Lachse ein Ding der Unmöglichkeit sein.«
»Na ja«, knurrt Hart, »sind ja noch ganz andre Sachen eingedrungen. Damals. Aber Schwamm drüber.«
»Ich hab‘ sie da unter der Anrichte verschwinden sehn, wenn ich‘s Ihnen doch sage!«, stammelt die schöne Brünette mit immer noch schreckgeweiteten Augen.
Und Mme Godot zirpt: »Solange nur eine Maus lebt, lebt auch mein Mann noch, hat er noch nicht die Sterne von der Stirn gestrichen. Gott weiß wo, aber er lebt.«
»Aber Sie wissen, wissen doch«, stolpert der Totengräber über seine eigene Zunge, »Sie haben doch höchstpersönlich miterlebt, wie er mir aus dem Arm – da können Sie doch jetzt nicht allen Ernstes glauben, dass Godot sich aus dem Jenseits bei uns hier unten meldet, einen Herold aus Fleisch und Blut und Pelz auftreten lässt vor versammelter Mannschaft!«
»Melde: Besatzung des Salons der einsamen Herzen vollzählig zum Mitternachtsappell angetreten: die brünett Gelockte, die auch nach diesen hundert Jahren anonym bleiben möchte; rechts davon Madame Angélique Godot; Heizer Manfred Hart; Mister Ronald Russell, schreibender Bestatter; Bruce Wayne alias Batman; Ernest Steel, Steward im dunklen Livree mit stets frisch gestärktem Kragen. Und meine Wenigkeit: Jonathan Phillips, Erster Funker auf der Titanic, Seiner Majestät King Georges treuester Diener im Endlosruhestand. All on board.«
»Sehen Sie«, rasselt Russell und hustet, als wäre er auf dem besten Weg, sein eigener Kunde zu werden, »Ihr Mann ist nicht dabei, Mme Godot. Eine Tragödie sondergleichen! Aber ich drehe mich im Kreis. Die Worte, mir gehen die Worte aus.«
»Schlecht, Rüssel, verdammt schlecht, für‘s Gedichtedichten. Un für‘s Verschaufeln erst recht!«, grinst Hart. »Aber gezz lass die gute alte Frau Godot doch Jenseitsgeflüster von ihrn Gatterich hören, so viel wie sie will. Macht do nix.«
»So einfach ist das nun auch wieder nicht«, braust der sonst so bedächtige Phillips auf, »die treibt mich zur Weißglut, wissen Sie? Zur Weißglut! Ständig mit dieser scheppernden, klappernden Mokkatasse immer! Ich bin Funker, Himmel noch mal, und Funker haben nun mal ein sensibles Gehör.«
Und damit herrscht erst mal Ruhe im Karton. Jeder hier unten weiß genau, mit dem Funker darf man sich‘s nicht verscherzen; Phillips ist der Einzige, der einem noch wenigstens halbwegs berechtigte Hoffnung machen kann, dass man hier aus diesem hundertjährigen U-Boot heraus jemals wieder Kontakt mit der Außenwelt bekommt. Aus rein dramaturgischen Gründen wäre es natürlich hervorragend gewesen, wenn jetzt, genau jetzt mitten in die Stille aus Anlass des einhundertsten Jubiläums eine Rekonstruktion des Rums geplatzt wäre. In diese Lücke, genau in diese vielsagende sprachlose Lücke hinein der Donnerschlag des Eisbergs, oder im Fall der unsterblichen Titanicbewohner hier, wohl besser: das Knirschen der Eismesser und -meißel, das Schnarren der Raspeln aus Eisgrus, das Kreischen der aufgeschlitzten Rumpfplatten. Quasi als akustisches Erinnerungsspektakel zur Feier des Tages.
Aber wieso, zum Teufel, wieso interessiert mich eigentlich, was in hundert Jahren hier unten im Schiffsbauch los sein mag!? Wo doch verdammt noch mal mein Hier und Jetzt schon reichlich Sprengstoff zu bieten hat. Wahrscheinlich grade deshalb! Weil die Gegenwart, weil dieses Schmoren in der schwimmenden Zelle hier einfach nicht zu ertragen ist.
- . -
3
Was ist das jetzt wieder? Ich schrecke aus traumlosem Schlaf.
»Aah, besten Dank«, stammle ich. Die wirklich verdammt nicht schlecht aussehende Nurse von der Krankenstation hier – dass ich für so was schon wieder einen Blick habe! He he, warte mal, kommt mir so bekannt vor, die mit ihrem brünetten Haar, traumhaft weich fallende Locken rahmen das bildschöne Gesicht ein, kristallblauer Blick, der unter absolut grade gezogenen Augenbrauen hervor glitzert. Als hätte ich sie schon zigmal gesehen. Ich weiß es nicht, aber … die Nurse gibt mir einen klobigen Becher, und ich, durstig wie nach sieben Wochen Sahara, lege sofort die Lippen ans Porzellan und … und trete eilends den Rückzug an: Heiß! Glühend heiß, der Tee. »Bevor ich mir das Maul verbrenne, Miss, sagen Sie mir doch um Himmels Willen mal endlich, um wie viele Opfer es sich eigentlich handelt!«
»Ich darf nicht mit Ihnen sprechen.«
Ja! Die Stimme kenne ich. Nur viel jünger die hier, wie‘s scheint, mindestens hundert Jahre jünger. Seltsam. Aber egal jetzt.
»Jetzt stellen Sie sich doch bitte mal vor, was sich in meinem Schädel für ein Rodeo abspielt. Ich will wissen, verdammt noch mal, was ich für eine Tragödie hinterlassen habe. Begreifen Sie das nicht?«
»93.«
»93 was?«
»Tote. 93 Tote und 434 Verletzte«, flüstert sie und schleicht zur Tür hinaus.
Grauenhaft. Doch so viele Tote. Und über 400 Verletzte. Und da reservieren Smith und meine wackeren Offizierskollegen auch noch eine von den paar wenigen Krankenstationskabinen, um mich aus dem Verkehr zu ziehen! Muss man sich mal vorstellen.
Lag ich also mit meiner Vermutung deutlich drunter: fast hundert Tote! Ich meine, sicher, war schon gewaltig, der Schlag. Oben auf der Brücke, obwohl wir es da oben ja haben auf uns zukommen sehn, genau wussten, woher der Stoß kam – trotzdem hat uns die Wucht umgehauen. Wie mag‘s da erst in den Salons drunter und drüber gegangen sein! War ja noch vor Mitternacht, da wird noch so einiges an Betrieb gewesen sein. Am wenigsten Opfer wahrscheinlich in den Kabinen. Vor allem in der dritten Klasse, wo ja um 22:00 Uhr das Licht gelöscht wird und die allermeisten wahrscheinlich brav in den Betten liegen. Trotzdem, es wird natürlich schon einige aus den Betten geholt haben: nicht schnell genug aus dem Schlaf geschreckt, über die Kojenbegrenzung gerollt, dem Sturz auf den Kabinenboden nichts entgegenzusetzen. Wohl dem, der in den Etagenbetten nicht oben liegt. In erster Linie natürlich wird es, Nachtruhe hin, Nachtruhe her, die Passagiere in den Kabinen ganz vorne im Bug erwischt haben; da also dann doch die dritte Klasse. Und eine Menge Besatzungsmitglieder, die noch weiter vorn, in der zweiten Rumpfkammer ihre Kojen haben, oder sagen wir: hatten. Aber, Moment mal – Schnitt durchs Gestern, zurück ins Heute: ein Geräusch … was ist das für ein Geräusch?
Hört sich an, als ob … ein Motorengeräusch. Aber nicht unseres. Definitiv nicht. Das kommt von draußen – da ist ein anderes Schiff im Anmarsch! Ohne Zweifel. Mein Gott, wie haben wir uns das gestern Nacht herbeigesehnt! Vor allem für die Verletzten. Und für all die Leute, die, ein Schleudertrauma im Nacken und von Irrsinnspanik ergriffen, keinen Meter mehr, auf den Tod keinen Meter mehr an Bord der angeschlagenen Titanic weiterfahren wollten. Letztlich blieb ihnen ja nichts anderes übrig, aber wahrscheinlich gibt es unter den Passagieren kaum einen, der nicht von dieser Angst besessen ist, dass der Kahn im Bug noch mehr vollläuft, schließlich den Schnabel unter Wasser steckt und dann irgendwann denn doch noch absäuft. Da kann man noch so oft predigen, das Schiff sei unsinkbar. Das glaubt den Herrn Offizieren jetzt eh keiner mehr, und dem Ismay, unserm White Star-Zeus, und seinem Chefkonstrukteur Andrews noch viel weniger. Aber Letzterer bramarbasiert auch schon längst nicht mehr mit der grandiosen Technik, hat das Wort Unsinkbarkeit vom ersten Rums an schon nicht mehr in den Mund genommen. Der Ruf der Titanic ist ruiniert. Den hab‘ ich auf dem Gewissen. Obwohl ich ja eigentlich genau das Gegenteil bewiesen hab, dass nämlich der Pott noch schwimmfähig bleibt, selbst wenn er einen ordentlichen Schlag abgekriegt hat! Auf alle Fälle müssen die zu Tode erschreckten Passagiere ja auch irgendwie wieder aufgerichtet werden, und da wäre letzte Nacht ein zu Hilfe eilendes Schiff wahrhaftig ein Segen gewesen.
Sicher, hab‘ ich ja nicht mitbekommen, die Panik nach dem Eisbergschlag, da war ich ja schon hier unten weggesperrt. Aber was sich auf dem Flur vor meiner Haftkabine abspielt, das hab‘ ich natürlich registriert. Das Hin- und Hergerenne, das Heulen, das Schreien. Das sind nicht alles nur Schmerzensschreie. Da sind nicht wenige, die schreien gegen ihre Alpträume an! Mein Gott, wie gut wäre es gewesen, wenn wir wenigstens die schwersten Fälle a tempo einem anderen Schiff hätten überantworten können! Aber nichts. Hatte nicht wer anderthalb Stunden nach dem Crash durch den Gang gerufen, man habe am Horizont die Californian ausgemacht?! Aber auch Stunden später, Stunden nach Phillips Havarie-Funksprüchen kreuzt sie nicht auf. Im Gegenteil, ich hab‘ von meinem Bullauge aus mit eigenen Augen gesehn, wie ihre Lichter hinterm Horizont verschwanden. Nicht zu begreifen. Partout nicht zu begreifen, aber genauso passiert.
Aber jetzt das da vorne, das kann nicht mehr einfach abdrehen, das ist auch nicht nur ein Lichtschimmer am Horizont, das ist ein Schiff mit Schloten und Planken, mit Steven und Gösch, mit nicht zu überhörendem Typhon und vor allem mit Ladekränen und mit Gangways, die man nach dem Andocken rüberschieben kann. Das hier ist die Rettung nach sechzehn langen Stunden auf einem elend tuckernden Todeskutter!
Der Name ist beim besten Willen von hier aus nicht zu lesen. Könnte, wie‘s aussieht, ja, könnte die – das ist die, muss die Olympic sein. Auf dem Weg nach Europa. Von der hatte Phillips doch ein Antwortsignal auf unser SOS aufgeschnappt. Wenn es wirklich unser Schwesterschiff ist, und ich bin mir ziemlich sicher, dann müssen die jetzt eine Kehrtwende machen. Einen Teil unserer Leute übernehmen und zurück marsch marsch. Denn der Weg nach Amerika ist von hier aus erheblich kürzer als der nach England. Nach dem Havarieschock jetzt also die Aussicht auf New York in vielleicht anderthalb Tagen! Daher auch der Applaus, das Gekreische und Gejohle auf unserm Promenadendeck, oder von wo das hier herunterschallt.
Langsam drehen sie bei, unendlich langsam, legen sich längsseits neben uns. Ich hör schon die ersten Taue durch die Luft sirren. Sie holen ein, während an der Bordwand noch die Fender in freudiger Erwartung der tonnenschweren Stöße, die sie aufzufangen haben, herabgelassen werden. Unglaublich: die beiden teuersten und größten und fast baugleichen Ozeangiganten – jeder für zweieinhalb Millionen Pfund Sterling von Harland & Wolff, der weltbesten Werft, im Auftrag der White Star Line erbaut – auf offener See direkt nebeneinander! Vielleicht noch zwei, anderthalb, noch ein Meter Atlantik dazwischen.
Jetzt – jetzt ist gar nichts mehr zu sehn von hier aus. Nur die Bordwand gegenüber. Die beiden Riesenrümpfe verschieben sich noch ein paar Meter, voraus, achtern, voraus, dann sitzt die Chose. Und mein Bullauge – das ist ja hochinteressant: Mein Bullauge gibt den Blick jetzt frei direkt und gradeaus in die Empfangshalle der Olympic! Also wenn wir mal davon ausgehn, dass es sich dabei um die Olympic handelt.
Jedenfalls ist mir der direkte Blick aufs Passagiergewimmel gegönnt! Und, ja tatsächlich, die Gesichter kenne ich. Die sind von der Titanic. Erste-Klasse-Herrschaften, die jetzt da drüben verdattert rumstehn, mit schwammigen Knien, mit ungläubigen noch, aber zunehmend freudestrahlenden Gesichtern. Bis wenige Minuten vor dem Crash noch hatten sie an Bord Squash gespielt, gepflegt bei Kerzenlicht ein Zwölf-Gänge-Dinner vertilgt, sich im türkischen Bad verwöhnen lassen, hatten im Swimmingpool ein paar wohltemperierte Bahnen gezogen, im eichengetäfelten Salon einen nach Leder, Karamell und Rauch schmeckenden Whisky zu sich genommen und dem Offenbachschen Gondellied gelauscht, das Wallace Hartley und seine Jungs dahinplätschern ließen. Und jetzt, sechzehneinhalb Stunden und ein paar gehörige Portionen Angst später, wissen ihre hochwohlgeborenen Damen nicht, wohin mit sich, stöckeln auf dem Parkett der Empfangshalle des fremden Schiffs von einem Fuß auf den andern und sehen ihren Männchen entgeistert zu, wie diese umgehend wieder Haltung angenommen haben und unterm zitternden Zylinder wild gestikulierend den nächstbesten Steward anraunzen, er möge jetzt sofort und zwar auf der Stelle directement das Gepäck von diesem elenden todgeweihten Äppelkahn herüberschaffen. Allez allez! Man gedenke nicht, eine einzige weitere Nacht, geschweige denn einen weiteren Tag ohne die Leuten ihres Standes zustehenden Annehmlichkeiten zu verbringen. Was wisse er denn schon, welche Schätze und Kleinodien in den Koffern der gnädigsten Gattin ruhten! Er glaube doch wohl nicht, dass er mit seinem kümmerlichen Stewardsalär dafür werde aufkommen können, wenn all die unschätzbaren Werte an Bord dieser bleiernen schwarzen Ente mit eingedrücktem Schnabel in den Fluten versinken würden. Nein, diese Dinge hätten ja wohl Vorrang vorm dreisten Geplärr irgendwelcher runtergekommenen Jammergestalten und Auswanderergrüppchen aus der dritten Klasse.
Natürlich kann ich kein Wort verstehen, aber man braucht die Gesten nur eins zu eins zu übersetzen. Merkwürdig, Bilder ohne Ton, das verstärkt die Wirkung enorm.
Erste Klasse, Frauen und Kinder aus der zweiten Klasse, und wenn dann noch Platz ist auf der Olympic, ein paar von der dritten – aber, he, was ist mit den Verletzten? Ist doch die Hauptsache, dass die – aber nichts da! Hier von der Krankenstation jedenfalls holen sie offenbar keinen hoch, um ihn an Bord des rettenden Dampfers zu verbringen. Würde ich doch mitbekommen. Logisch, auch so eine Olympic hat nur begrenzte Kapazitäten – zumal man die Erste-Klasse-Leute ja unmöglich, ganz und gar unmöglich in die Schlafräume der dritten Klasse abschieben kann –, angesichts dessen sind die Lebenden wichtiger als die Halbtoten. Versteht sich. Jedenfalls herrscht hier unten auf den Fluren tödliche Stille. Keine hektischen Schritte, kein Türenknallen, Tragbahrenangeecke, Nurse-Gemecker. Oder man hat, verdammt, hat man die Verletzten schon nach oben gebracht, als ich geschlafen hab? Dass ich die beim Luchsen in die Olympic-Empfangshalle nicht zu sehn kriege, sagt natürlich gar nichts. Die können sich eh nicht auf den Beinen halten, haben andere Sorgen als die Diademe ihrer Dame, müssen keine Stewards anpöbeln. Die werden direkt durchgereicht. Vermutlich in Kabinen gestopft, die Leute von der Crew räumen mussten. Egal, aber das heißt ja dann wohl – das heißt, ich – bin ich längst allein hier unten? Alle Kabinen drumrum ausgestorben? He! Hallo!! Ich will hier nicht als Einziger – das könnt ihr nicht machen! Ich bin Offizier, William McMaster Murdoch, Erster Offizier der Titanic! Gewesen. Aber trotzdem. Ihr könnt mich hier nicht mutterseelenallein versauern lassen!
Allein mit diesen Idioten, die da immer wieder durch meinen Schädel flitzen, mich runterziehn in zweitausend Meter Tiefe und hundert Jahre nach vorne katapultieren. – He, Batman, halt einfach die Fresse!
»Das wüsst‘ ich aber. Dafür bin ich schließlich hier. Yeah. Gekürt als der unsterbliche Titan, der die Genossen Leidensgenossen bei Laune hält. Und also werd‘ ich genau das perfekt besorgen. Kpow, Power ohne Ende.«
Dann kümmer dich gefälligst um deine Leidens- und Zeitgenossen und lass mich in Ruhe mit deinem Schwachsinn!
Und schon hör ich mich wieder »raus hier, ich muss raus hier« schreien. Aber, nichts! Keiner reagiert. Da kann ich mir die Pfoten wund bollern an der Tür. Rührt sich nichts da draußen auf dem Flur, kein Mucks. Die haben mich tatsächlich hier abgeschrieben. – He he!! – Hört mich denn keiner?! – Nein, Murdoch, dich hört keiner. – Verdammt und zugenäht, aber ich muss raus hier! Ich hab‘ keine Schuld. Ihr solltet mir vielmehr auf Knien danken, dass der Nachen die Nase noch überm Wasser hat. Stattdessen – mein Gott, ich krieg die Panik hier, das weiß doch jeder. Ich bin nicht gemacht für die Einsamkeit. War immer unter Menschen – allein hier rumsitzen und aufs Verstreichen der Zeit warten, da werd ich verrückt! Wahrscheinlich ist der halbe Schiffsbauch leer, vielleicht schon drei Viertel! Bloß noch ein paar handverlesene Leutchen, die notwendig sind, damit der Betrieb hier aufrechterhalten werden kann, notdürftig. Nur noch die Allernötigsten. Vierzig Heizer, fünfzehn Trimmer, eine Hand voll Ingenieure. Und die außer mir noch verbliebenen sieben Führungsoffiziere. Man darf gespannt sein, ob wenigstens die die Courage haben, nicht wie die Ratten das sinkende Schiff zu verlassen. Jedenfalls einstweilen nicht. – Mich hier verfaulen lassen als den letzten der Mohikaner, das könnt ihr doch nicht machen. Ich muss raus hier!
Am Bullauge, da muss doch was zu machen sein. Durchs Bullauge raus, und drüben einfach das Tau von diesem Fender hoch zum Bootsdeck. Und ob die mich in dem Trubel da drüben als Titanicoffizier Murdoch erkennen – höchst unwahrscheinlich, so ohne Uniformjacke und alles. Kann ich mich garantiert unter die Zweite-Klasse-Passagiere mischen: verschüchterter Handlungsreisender in Sachen nautische Navigationsgerätschaften oder so was, irgendwas, wovon ich was verstehe. Bloß dass diese Schraubknebel vom Bullaugenglas, die sind so was von knochenhart angezogen! Ohne Werkzeug keine Chance. Ein Stuhlbein, wenn ich hier in der guten Stube wenigstens einen Stuhl hätte. Nur der Toilettenstuhl, und der ist aus Eisenrohr, alles steif und fest verschweißt. Das Bett ist verschraubt und in die Kabinenwand eingelassen, und die Waschschüssel gibt auch keine Brechstange her. Die – ja, das müsste gehn – die Schublade von der Spiegelkommode, die Rahmenlatten oder wie die Dinger heißen, bin schließlich kein Tischler. Trotzdem, das Zerlegen einer Schublade sollte mir gelingen. Rausreißen, zwei, drei satte Fußtritte, auseinanderzerren: stabiles Buchenholz! Wer sagt‘s denn. Bloß ein bisschen zu dick für die Öse des Knebels. Muss also doch die Waschschüssel dran glauben. Das Geschepper, Geklirre hört ja sowieso niemand. Wenn keiner da ist, kann auch keiner was hören. So, jetzt die größte Scherbe vom Rand, die mit der handschmeichelnden Wulst. Haha. Im Vergleich dazu kann man auf jedem Schnitzmesser, Stechbeitel, was weiß ich, nach Rom reiten! Einen halben Zentimeter von der Latte runterschaben; ja, halber Zentimeter müsste reichen.
»Never, junger Mann, das hält nie und nimmer! Wenn Ihr geneigtes Gehör für einen Ratschlag aus den Tiefen des Nordatlantiks zugänglich ist.«
Ein ganz entschiedenes: Nein! Und jetzt halt mich nicht auf, Blödmann ...
»Batman ist mein Name, wenn‘s recht ist.«
Lass mich einfach in Ruhe, ich hab‘ zu tun, muss mich ranhalten! – Du könntest mal mit anpacken, dämliches Hirngespinst, aber dafür bist du ja nicht zu gebrauchen. ›Power ohne Ende‹, dass ich nicht lache.
Das gibt‘s doch nicht, was ist denn das für ‘n Holz? Mein Gott, ist doch alles nagelneu, müsste doch eigentlich … tut mir den Gefallen aber nicht. Ist die Schubladenlatte offenbar doch nicht als verlängerte Fensterklinke gedacht. Aber zwei, zwei von der Sorte! Zwei Latten parallel neben den Knauf legen und dann festknoten, hätte man Hebelwirkung genug. Sind zwar kürzer, die beiden Seitenlatten, aber dafür ja dann doppelt. – Jau, siehste! Man muss nur erfinderisch … meine Güte, ist die Luft kalt. Wunderbare Meeresluft, aber saukalt. Jetzt hör auf zu palavern! Das Fendertau – verdammt noch mal, wieso ist das so weit auf Abstand? War doch eben höchstens ein Meter oder zwei! Der, der wird größer, der Abstand, die legt grade ab – dieser Scheiß-Batman hat‘s doch geschafft, mich auszubremsen –, die Olympic legt ab. Hat schon abgelegt.
- . -
4
Unsere Turbine läuft. Läuft wacker. Unüberhörbar. Wir tuckern elend langsam, aber tuckern vorwärts. Sechs Knoten, schätze ich mal. Etwas mehr als ein Viertel der Dienstgeschwindigkeit. Na ja, immerhin. Dann, warte, ja, dann dürften wir New York in sechs, eher sieben Tagen erreichen.
Glutrote Wolkenbänder am Abendhimmel, orangefarbene Hochnebellaken ausgelegt zum Bleichen, Federn aus einem geplatzten Wolkenkissen haben sich planmäßig verteilt und sind zur Ruhe gekommen. Hier und da taumeln immer noch ein paar versprengte Eisbrocken im Wasser, warten träge auf ihr trauriges Ende. Ein breit auseinandergezogenes Trümmerfeld aus zerschlagenen Eisschollen. Verschnitt- und Versatzstücke in allen Größen und allen Weiß-türkis-grau-Schattierungen heben sich nur undeutlich vom grünen Wasser ab, das ansonsten immer noch wie mit einem Abzieher glattgezogen daliegt und dort, wo es nicht von Eiskadavern gestört wird, das selbstvergessene Farbenspiel der Dämmerung verdoppelt. Stille meilenweit. Jetzt schon seit Tagen. Fragt sich, wo sind die Nordmeerstürme hin? Das Wellengetöse, die Wolkentürme? Brauen die, zurückgezogen in irgendeine Teufelsküche, das nächste mordsgefährliche Süppchen zusammen?
In Thule? Das muss doch irgendwo hier sein, da, noch ein Stück weiter den Globus aufwärts. Hinterm Horizont, wo das Brucheis immer dichter wird, wo schmutzigweiße Fladen und Scheiben von Rissen durchzogen eine gellende Nänie anstimmen, wo kreuz und quer verkantete Restklötze sich aufrichten zu Grabsteinen. Im traurigen Gedenken an die todgeweihten Eiskälber, die sich soeben gen Süden auf den Weg machen zu ihrem eigenen Verzehren und Verderben. Hier, wo mit Sicherheit, mit ziemlicher Sicherheit auch der Eisberg herstammt, der unserm Kahn ans Fell gegangen ist. Gekalbt von einer, was weiß ich, 80 Meter hohen Gletscherwand. Hat garantiert drei Jahre gebraucht, der Eisblock, um sich bis in die gottverdammten Gewässer treiben zu lassen, wo er uns dann an den Kragen gegangen ist. Hat sich also losgerissen und auf die Reise gemacht, als die drüben in Belfast bei Harland & Wolff grade mit dem Bau der Titanic angefangen haben. Aber 15.000 Jahre vorher ist er Eis geworden, der Bursche. Hoch oben, irgendwo auf dem grönländischen Buckel. Und hat sich als zäher Eisstrom allmählich, ganz allmählich abwärts geschoben zur Westküste. Durchzogen von einem Labyrinth aus sommerlichen Schmelzrissen, das die spätere Form von unserm Eistrümmerklotz schon vor Jahrtausenden vorgezeichnet hat. Und also, 14.997 Jahre später, kommt er an in Thule, bricht aus seiner Gletscherfront und lässt sich ins Wasser plumpsen. Kracht da in diesen zerklüfteten Friedhof mit offen liegenden Eisskeletten, halsbrecherischen Stapeln weißer Särge, ungeordneten Reihen baufälliger Marmormausoleen. Wo auf allem diese undurchdringbare Grabesstille lastet.
Allmählich verliert das Licht sein Orange. Nur noch ein Schimmer im Westen, dort wo Amerika uns erwartet: das Schiff und die letzten Aufrechten, die die Stellung auf den morbiden Planken halten. Jetzt versickert auch der westliche Lichtstreifen. Das Nachtschwarz fängt an, seinen bleischweren Mantel auszubreiten, während dieser schleunigst schon mal die ersten gelb leuchtenden Knöpfe aufblitzen lässt und, so weich er fällt, doch eine düstre Ahnung davon an den Horizont malt, wozu er fähig ist, wenn man ihn nur machen lässt. Aber niemand will den Mantel der Nacht in Wallung versetzen. Noch nicht. Die vielbeschworene Ruhe vor dem Sturm? Der verschüchterte Mond jedenfalls zeigt sich immer noch nicht. Nicht als noch so dünne Sichel. Obwohl das Himmelsschwarz glasklar ist. Keine Dunstflecken vor den Sternen, die Nebelbänke verflogen, die Wolkenschafe im Stall. Oder? Oder da, huschen da nicht doch feine schwarze Tücher dem Firmament übers Anthrazitantlitz, wirbeln da nicht finstre Flecken einen röchelnden Totentanz durch die Lüfte?
»Position: 67°27‘ Nord, 50°14‘ West«, verzeichnet Phillips mit ausgetrocknetem Füller – in den hundert langen Unterseejahren kein Wunder – mit kratztrockenem Füller im Logbuch, »Strömungsverhältnisse: anhaltende Norddrift. Prognose: Zielposition unterm Nordpol kann in wenigen Tagen erreicht sein.«
»Eine von denen hier, genauso eine«, Madame Godot hat den kleinen Finger wie üblich abgespreizt, während sie sich das dünne Porzellangebilde vor Augen führt, »war jedenfalls eine Mokkatasse. Und die kam damals auf halbem Weg zum Mund plötzlich nicht mehr weiter. Wie in der Luft festgeklebt. Grauenhaft. Die Hand mit der Mokkatasse. War plötzlich ...«
Das lange Laster mit den spitzen Ohren legt ihr irgendwie väterlich den Arm um die Schultern: »Angy, hörn Sie auf zu jammern. Ich bin hier. Batman, Herr der Dunkelheit, Herold des Guten hinterm Schatten, Arm der Titanen. Batman forever! – Pow! Und nun lassen Sie die Vergangenheit und die beschissene Mokkatasse ruhen!«
So ganz dämlich ist der nicht, dieser Batman, muss man zugeben. Scheint begriffen zu haben, dass die Erinnerung nur dann weiterbringt, wenn sie sich auf die Kunst des Vergessens versteht. Komplettes Aufbewahren, totales Konservieren, ständiges Abrufen der Erinnerungen ist ein Akt von Grausamkeit. Vergessen dagegen eine Sache der Würde. Aber Würde hin, Würde her, das Vergessen huscht nie nach hinten weg, ohne Spuren zu hinterlassen. Immer bleibt irgendwo irgendwas. Grausam, wie gesagt, grausam und unnachgiebig.
Damit jedenfalls, dass er des Mokkatassenklagelieds überdrüssig ist, steht der untote Fledermaustitan an Bord meines blauen Zukunfts-U-Bootes keineswegs alleine da. Selbst aus dem Totengräber – ansonsten ausgestattet mit dem Gemüt eines Schaukelpferds – bricht es heraus: »Hätten Sie nicht einmal in all den Jahren, muss einen ja wahnsinnig machen, hätten Sie in all den Jahren dies Mokkatässchen nicht mal irgendwo abstellen können! Stehn lassen. Vergessen. – Jeden Morgen als erstes dies verfluchte Gerappel. Das dröhnende Geklimper von dieser ...«
Womit er allerdings der von ihrer eigenen Gemütsverfassung aufgescheuchten Madame Godot bloß ein dankbares Stichwort geliefert hätte: »Ich meine, das Klirren kennt man ja, dies leise Klirren, wie die Tassen tanzen auf ihren Untertassen, um Bruchteile von Millimetern, ständiger Wegbegleiter auf einer Dampferreise, kennt man ja«, murmelt sie selbstvergessen und stiert auf den auch nach all den Jahren immer noch glitzernden Goldrand des Tässchens in ihrer Hand, »aber wie dieses Klirren plötzlich, urplötzlich anschwoll, ausartete zu rasendem Lärm! Und genau dieses Getöse war … war der erste Ruf von unten aus der Tiefe.«
»Aber trotzdem, Madame«, Russel ballt die rechte Faust und lässt sie doch auf halbem Weg Richtung Tischplatte in der Luft hängen, »noch lange kein Grund, dieses brüllende Klirren die ganze Zeit mit sich rumzutragen, hundert Jahre. Womöglich ein ganzes Jahrhundert. Mittlerweile. Wenn Phillips Zeitschätzung stimmt.«
»Ich übernehme keine Garantie.«
»Meine Güte, Mme Godot, hören Sie endlich auf, auf Ihren Gatten zu warten! Sie können ihm mit keiner noch so klanggewaltigen Mokkatasse ein Lebenszeichen rübermorsen, so leid‘s mir tut. – Eine Bibel, hat keiner eine Bibel zur Hand?«, stammelt Russel weiter, und Madame klappert weiter.
»Kpow«, bellt Batman und knallt eine bleischwere Schwarte auf den Tisch des Hauses.
Und Russel legt mit der seiner Profession gemäßen Würde die Hand aufs Buch der Bücher, stellt sich betont grade hin und intoniert: »Ich schwöre, dass ich Ihnen, wenn Sie nicht sofort … dass ich Ihnen Ihre eigene Hutnadel in Ihre eigene Haut ...«
»Eine Hutnadel?«, schreckt die Brünette auf. »Die Maus, die tödlich spitze Hutnadel, die Anrichte ...«
»Kronch! – Hold me. Thrill me. Kiss me. Kill me.«
»Ich weiß genau«, gesteht Russell, »wie jeder andere hier, wo Sie Ihren Hut abzulegen pflegen. Und so eine graue Haut wie Ihre schreit geradezu nach Verzierung! Wenn Sie nicht ein für alle Male diese Mokkatasse zum Schweigen bringen, dann ich Sie! Darauf heb ich umstandslos drei Finger zum Eide.«
»Sie meinen, Sie wollen mir sagen, Sie wollen mich ...«, mit lautem Klirren geht die Mokkatasse zu Boden und zerspringt in tausend Gedenksteine, »wollen mich ... meuchelmörderisch, rücklings, mit meiner eignen Hutnadel ...«
»In den Nacken. Treffsicher, todsicher. Von Haut versteh ich was, und von finalen Akupunkturpunkten. Sie sind sofort tot! Ohne Schmerzen. Spüren Sie nichts von, garantiere ich Ihnen. Aber, im Namen aller satanischen Heerscharen, Sie werden mich nicht weitere hundert Jahre mit dem Tassengeklimper an die grauenhafte Schmach erinnern, dass ich Godot nicht hab‘ retten können. Dann lieber beide Godots aus den Augen, aus den Ohren, aus dem Sinn.«
»Aber – aber ...«, Mme Godot sieht Russel mit starrem Blick in die ebenso starren Augen und zieht sich, ohne den Blick abzuwenden, eine neue Mokkatasse rüber, hebt sie auf der Untertasse hoch und lässt sie wie gehabt klirren.
Worauf Russel die Hände zum Himmel reckt: »Madame Godot, hören Sie auf mit diesem Geklirr! Wer auf Island zischt ein Bier, wird zur Elfe im Geysir.«
»Flitzkacke nomma«, mischt sich der Heizer ein, »nu hört doch, kehrmanney, hört doch auf! Godotin. Der meintet ernst, unser schreibender Totengräber. Der macht euch platt, so wat von platt, bloß wegen dat bekloppte Geklimper. Un dann liegt er uns in die Ohren wegen sein schlechtet Gewissen dauernd.«
»Sie sollen das – lassen Sie das Geklimper sein. Die Mokkatasse! Ich vergesse mich!« Die feinsinnige Contenance des Poeten jedenfalls scheint er schon vergessen zu haben.
»Nich ‘n Funken Dankbarkeit in Leib! He, Godotin, verdorri nomma, könnt vorn Totengräber Rüssel auffe Knie rumrutschen vor lauter Dankbarkeit, datter Euch vor hundert un sowienoch Jahren dem Deibel vonne Schippe geschubst hat. Wie er Euch runter int Türkische Bad geschleift hat. Dahin, wo er mitgekriegt hatte, datt die Schotten funktionierten, wo dat Schiffsken oder wenigstens dat Stück Schiffsplauze hier dicht un einigermaßen trocken ...«
»Hat er, hat er, als es so richtig eng wurde, das muss man ihm lassen. Wenn einer geistesgegenwärtig war, dann ...«, Phillips beißt seinem eigenen Satz den Schwanz ab, er hat scheint‘s die richtige Seite im Logbuch gefunden, streicht sie glatt, stellt sich steif und stramm hin und zitiert: »00:15 Uhr. CQD. Mayday. SOS. MGY. Position: 41°46‘ Nord, 50°14‘ West. SOS.« Damit schlägt er das Logbuch zu, rekapituliert jedoch weiter, ohne seine stramme Haltung zu lockern: »15. April 1912. Schnelldampfer Titanic, unsinkbar, Flaggschiff der White Star Line, auf Jungfernfahrt vor Neufundland havariert. Platten- und Plankenverbund steuerbordseitig vom Fuß eines Eisbergs zerstört. 2:20 Uhr Schiffszeit: Titanic nach nochmaligem senkrechten Aufbäumen endgültig ...«
»Moment mal, es ist nach unseren Statuten strengstens untersagt, das Missgeschick direkt anzusprechen, geschweige irgendwelche Details auszuplaudern!«, geht der Steward dazwischen, ohne jedoch irgendwas ausrichten zu können gegen den einmal in Fahrt gekommenen Funker.
»... nach nochmaligem senkrechten Aufbäumen endgültig gesunken. Dank selbstlosen Einsatzes seitens des Dritter-Klasse-Passagiers Rod Russell konnten noch im Verlauf des Sinkvorgangs drei Rumpfkammern trotz angeschlagener Schotten vor dem Ozeanzugriff bewahrt werden.«
»Unser Rüssel«, übersetzt Manfred Hart, »unser Rüssel versteht sich nämmich nich nur auffet Dichten, sondern auch auffet Abdichten.« Ein Scherz am Rande, über den er als Einziger zu lachen weiß, dafür aber umso schallender, womit er das betretene Schweigen der anderen mehr als kompensiert. Eins ist jedenfalls sicher: Diese Phantomfiguren hier haben was völlig anderes hinter sich als die Wirklichkeit, die ich erlebt und zu verantworten hab. Die sind tatsächlich abgesoffen. Oder tun zumindest so.
Aber Phillips scharrt mit den Hufen, um seinen Rapport fortzusetzen: »Abgeschotteter Rumpfstumpf des Wracks wird auf halber Höhe über Meeresgrund exakt in der Schwebe gehalten. 1870 Meter unter Normalnull. Willenlos Meeresströmungen ausgeliefert, da zwar ein Heizkessel inklusive Notstromgenerator nicht geflutet, aber die Schraubenwelle zerschlagen. Alle anderen Maschinenräume geflutet oder verschollen, aber Türkisches Bad und die Messe für Butler und Zofen samt Pantry trocken!«
»Die angesoffene Titanic lebt! Wow!«, zieht Batman einen Strich drunter und schüttelt rasselnd seine Fledermausflügel, um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen.
»Un nu seht zu, Madame, datt er Euch nich tatsächlich in ‘nen faltigen Nacken ‘ne Nadel setzt!« Hart zieht sich die schwarze, öl- und rußverschmierte Jacke an, was ein nicht zu übersehendes Naserümpfen auf Seiten der selbstredend auf olfaktorische Etikette bedachten Mme Godot hervorruft.
Während Rod Russel die Wände rauf- und runtergeht. »Dass Sie die Mokkatasse schon wieder und immer noch … ein Stich mit spitzer Nadel, um des Himmels Willen, und Sie klappen zusammen wie ein Taschenmesser.«
»Und ab durch die Abfallschleuse ins Wasser! Seebestattung erster Klasse, 2000 Meter tief«, die Zipfel von Batmans Elefantenohren zittern vor Vergnügen, »gurgel glurgh. – Letzte Ehre, wem Ehre gebühret.«
»Ja Scheiße, die Madame tassenklimpert wahrhaftig weiter un weiter un weiter! Un erinnert uns ständig anne ganzen armen Seelen, die von uns gegangen sind. Damals. Fünfzehnhundertdreizehn anne Zahl. Aber Stücker sechs hat der gute Rassel gerettet. Un die Godotsche mitter Mokkatasse is mittenmang dabei. – Un gezz entschuldigt mich«, sagt Hart, stellt mit Befriedigung fest, dass er beim letzten Knopf seiner Jacke angekommen ist, begutachtet noch einmal, ob er sich nicht verknöpft hat, und nuschelt etwas von wegen, er habe im Übrigen was Bessres zu tun, als sich hier an diesem blödsinnigen, ewig gestrigen Schwadronieren zu beteiligen. Seine Maloche erledige sich schließlich nicht von selbst. Worauf er mit seinen abgeschabten Heizerstiefeln ein paar schwere Schritte aufs Parkett dröhnt und den Salon samt Insassen sich selbst überlässt. Und mir.
Aber nichts da! Ich muss jetzt mich erst mal damit befassen, die Spuren meiner unseligen Olympic-Flucht oder – Mist – meines Fluchtversuchs aus dem Weg zu schaffen. Nicht ganz einfach, die gottlob unversehrt gebliebene Vorderseite der auseinandergepflückten Schublade wieder in die Spiegelkommode einzupassen, damit die die Fassade wahren kann und nicht zu erkennen gibt, dass es sich bei dem Schubfach um ein Potemkinsches Dorf handelt. Doch, funktioniert so leidlich. Der restliche Holzschrott am besten unter die Koje!
- . -
5
»Herein«, brülle ich mitten hinein in dieses verschüchterte Klopfen.
Die Tür geht auf, und auf der Schwelle zu meiner Haftkabine nimmt eine Gestalt zögerlich Haltung an. Ich kann beim besten Willen nicht ausmachen, um wen es sich handelt. Das verblassende Licht der Abenddämmerung hat meinen Fantasieausflügen in die submarine Hundertjahreszukunft gereicht, und also hab‘ ich überhaupt nicht gemerkt, dass ich mal langsam das Licht anmachen könnte. Erst jetzt, wo ich diese Schattenfigur im Gegenlicht des hellen Flurs im Türrahmen stehn sehe, fällt mir auf, wie finster es in meiner Kabine schon ist.
»Treten Sie ein«, sage ich noch mal, in der Hoffnung, dass ich ihn erkennen könnte, würde er erst mal ein paar Schritte aus dem Flurlicht heraus auf mich zukommen.
Der Schattenriss-Seppel kommt der Aufforderung nach, und erwartungsgemäß entpuppt er sich, als er die Flurtür hinter sich zugezogen hat. Weniger erwartungsgemäß allerdings: als Lightoller.
Damit erklärt sich auch das zurückgenommene Verhalten, das ewig lange Verharren auf der Schwelle. Muss ihm reichlich peinlich sein, hier seinen direkten Vorgesetzten in einer so erniedrigenden Lage vorzufinden: degradiert, seiner Uniform, seiner Ehrenzeichen, seiner Identität beraubt. Von der Schlaflosigkeit der letzten Nacht und den Grübeleien des Tages gezeichnet.
Auch wenn bezüglich des Debakels keine Schuld auf Lightollers Schultern lastet – er hatte mir 40 Minuten vor der Eisbergkollision die Wache übergeben –, er also von Gewissensbissen ungetrübt hier stehen kann, fühlt er sich tief unter der Schädeldecke wahrscheinlich trotzdem irgendwie mitverantwortlich. Auch er hatte schließlich der sträflichen Missachtung sämtlicher Eiswarnungen, derer der Alte sich schuldig gemacht hatte, nicht widersprochen, sondern mir bei der Wachübergabe auch Captain Smiths Befehl, ohne auch nur das leiseste Fragezeichen hinzuzufügen, weitergegeben, dass wir nur bei Sichtverschlechterung die Geschwindigkeit zu drosseln hätten, also nur im Falle, dass es neblig oder diesig würde.
Lightoller wagt nicht, mir in die Augen zu sehn. Und ich finde irgendwie Spaß daran, meinerseits aus zusammengekniffenen Augenschlitzen giftige Stacheln in seine Pupillen zu bohren, die mit zitternden Ausweichmanövern befasst sind, um meinen eisernen Blicken zu entkommen. Völlig verdattert steht der arme Kerl in der Mitte meiner … ja, soll man sagen: Zelle? Und schweigt. Weniger beharrlich, wie‘s aussieht, als ratlos.
Irgendwann, nachdem er geraume Zeit das böse Spiel meiner Blicktorpedos ertragen hat, scheint er sich wieder darauf zu besinnen, mit welchem Auftrag er eigentlich hierher entsandt worden ist. Jedenfalls greift er von plötzlicher Entschlossenheit erfasst ins Innere seiner Uniformjacke und zieht einen Metallgegenstand heraus, den ich aus dem Augenwinkel nicht identifizieren kann. Während ich mit offen zur Schau getragenem Triumph begutachte, wie ihm die Schamesröte ins Gesicht steigt, legt er das Ding schweigend auf das winzige Wandregal neben meinem Bett, ohne dass ich die Waffen meiner Pupillen auch nur für eine Sekunde milde gestimmter Gnade von seinen Augäpfeln abgezogen hätte. Erst als er zum zweiten Mal in die Innentasche seiner Jacke greift und diesmal mit spitzen Fingern einen kleinen Gegenstand zu Tage fördert, lasse ich mich dazu herab hinzusehn und … und werde bleich: ein Projektil! Eine Kugel. Im gleichen Moment hefte ich meine Augen auf das Regal. Folgerichtig: ein Revolver.
In meinem Schädel schlagen die Gedanken Kapriolen. Lightoller, Kollege und ohne Frage mein bester Freund hier an Bord, immer gewitzt und witzig, immer verständig und verständnisvoll, blitzgescheit und trinkfest, immer moralisch, nie moralisierend, der legt mir einen Revolver und eine Kugel vor die Nase! Offensichtlich im Auftrag des Captains.
Hinter der Stirn ein einziger brausender Tumult, aus dem sich partout kein klarer Gedanke destillieren lässt. Ich bin erschlagen! Vollkommen erschlagen angesichts der Tatsache, dass Smith und Lightoller trotz des nahenden Sturms für solche Manöver … Sturm? Wieso das? Wie kommt jetzt ein Sturm in meinen Kopf? Ja, stimmt, der Blick aus dem Bullauge ins letzte Licht des Tages verrät mir, dass die Wolkenbänder der Morgendämmerung nur zum Schein so gerade und flach gezogen sind. Da ganz hinten überm Horizont im Nordwesten, das sieht gar nicht gut aus! … dass die beiden also trotzdem noch den Kopf frei haben für solche Spielchen!
Plötzlich ein ohrenbetäubendes Klirren. Die Seifenschale ist zu Boden gegangen. Zumindest reißt das meine Blicke vom Revolver und seiner lüsternen Kugel los und fegt den Irrläufergedanken weg, Revolver und Kugel gleich jetzt zusammenzubringen, schneller, als unser guter Lightoller sich träumen lässt, und schneller, als der Unversehrtheit seines Leibes zuträglich wäre. Ich starre den Scherbenhaufen an. Noch nicht lange her, da flogen hier schon einmal unzählige Porzellanscherben auf dem Boden rum.
Charles steht da mit entsetztem Blick, Setzrisse in der Schädeldecke und Schlaglöcher in der Seele. Nach geraumer Zeit löst er sich langsam aus der Schockstarre, geht in die Knie und beginnt, nach wie vor schweigend, die Scherben aufzusammeln. Wohlwissend natürlich, dass die Seifenschale nicht zufällig vom Waschtisch gerutscht ist. Und genauso schweigend geht er zum Bullauge, verschließt es und hämmert den Schraubknebel knüppelhart zu, bis die Schraube in allen Fugen ächzt.
Im Herausgehen bekommt er dann doch noch die Zähne auseinander: »Hier kommt erst wieder einer rein – auch die Nurse, die dir das Essen bringt, kommt erst wieder rein, wenn ein Schuss gefallen ...«
»Ja, wie?«, gehe ich dazwischen. »Wollt ihr mich verhungern lassen?«
»Das wird nicht nötig sein, sagt der Chef, ähm, der Commodore. Und ich soll dir außerdem von ihm ausrichten, du möchtest, ähm, Sie möchten sich dessen gewiss sein, dass es Ihrer seemännischen Loyalität keineswegs trefflich zu Gesichte stehe, sollte sich der Schuss unverrichteter Dinge in der Holzvertäfelung der Kabine hier verirren oder etwa gar nicht aus dem Lauf lösen!«
Damit fällt die Tür ins Schloss. Und ich bin allein mit Pistole und Patrone.
Eine winzige Bewegung, und ich wäre den ganzen Scheißdreck los. Wie so ein Gerät funktioniert, ist mir durchaus geläufig – Waffenlehrgang. Daher kenne ich schließlich den Alten: unser Ausbilder in Sachen »nautische Offiziershaltung bei der Waffenanwendung«. Auch wenn ich bis heute nicht begriffen habe wieso, aber noch Jahre nach dem Lehrgang hat er für mich bei der White Star Line ein gutes Wort eingelegt. Ein so gutes Wort offenbar, dass sie mich vom Fleck weg eingestellt haben.
Also tun, was zu tun ist: Die verdammte Kugel ihrer Bestimmung zuführen. Einlegen, anlegen, direkt an die Schläfe, oder noch sicherer: an den Gaumen. Und … abdrücken. Und aus und vorbei. Sollen sie doch sehn, wie sie hier die Karre aus dem Dreck, den Kahn aus den kalten Fluten ziehn! Sollen sie den Stab über mich brechen, Gutachterkommission, Untersuchungsausschuss, Seegericht, Strafgericht – lässt sich das ganze Prozedere auf das Angenehmste in Maß und Grenzen halten. Keine Sperrigkeit der Materie, kein Widerspruch in der Sache, kein widerspenstiger Angeklagter. Könnte ich mich wenigstens, was die Kosten der Nachwehen angeht, noch nützlich machen für Reederei und Werft. Ich meine, man munkelt ja, dass die White Star Line sowieso finanziell mit dem Rücken an der Wand steht. Wenn nicht schon hinter der Wand. Also! Kann ich mit diesem einen einzigen winzigen Rotationskörper hier zwischen meinen Fingern ein ordentliches Scherflein beitragen zur Kostenersparnis, zur Zukunft der Reederei und der ganzen christlichen Seefahrt.
Und ich für meine Person wäre auch aus dem Schneider. Muss mich nicht vor der Welt verantworten. Und vor Gott und Poseidon nicht. Muss den ganzen Torfnasen nicht versuchen, begreiflich zu machen, warum in dieser Sekunde vor dem Crash und Clash nicht anders zu handeln war. Dass andernfalls die Katastrophe gradezu apokalyptische Dimensionen angenommen hätte. Dass mindestens die Hälfte unserer Schutzbefohlenen den Bach runtergegangen wäre. Dass nicht zuletzt auch die White Star Line und Harland & Wolff aufs Schafott der in diesen Zeiten von Funk und Telegrafie über den ganzen Globus hinweg operierenden Moralinstanzen getragen worden wären. Dass nach den fallbeilscharfen Kommentaren der Tagespresse und den paar ersten Wochen der Trauer um die Opfer der Untergang dieser Krone der technischen Schöpfung allemal Stoff für Jahrhunderte währende Häme, für kitschige Liebessagas und ausufernde Romane geliefert hätte.
Könnte ich mir diese ganzen Rechtfertigungsarien sparen. Und das schweigend Ertragen-Müssen irgendwelcher steilen Thesen von selbsternannten Granden der Schiffsbaukunst, irgendwelcher abenteuerlicher Expertisen aus dem höchst berufenen Munde von Manöverkritikastern, Beckmessern, Weisheitslöffelfressern, von geldgeimpften Füllfederhaltern aller Art. Die Mühe, noch die verschlungensten Pfade der elend knarrenden Mühlen der Rechtsprechung zu durchschauen, die Begriffsstutzigkeit abgehalfterter Advokaten einerseits und die sibyllinisch abgezirkelten Winkelzüge ausgekochter Rechtsverdreher andererseits. Das Geseiche weißgewandeter Seelenbeschauer, die meine Zurechnungsfähigkeit in Frage stellen beziehungsweise unter Beweis stellen wollen, je nachdem von welcher Seite sie entlohnt werden. Mal ganz zu schweigen von der Brut neunmalkluger Katastrophenreporter, Tratschpoeten, Groschenromanciers.
Also!
Nicht mal mehr vor Lightoller müsste ich noch gradestehn für meine Entscheidung. Ich meine, das war doch unverkennbar eben, wie sein rechtes Augenlid, wie das immer wieder ganz leicht, ganz kurz, aber zigmal hintereinander zuckte. Wie er mit seinen Zweifeln gekämpft hat, ob er noch auf meiner Seite stehen kann. Sich gefragt hat, wie er sich einrichten soll zwischen den Stühlen der Loyalität zu Captain und Reederei einerseits und der während der letzten Tage in der Offiziersmesse aufgefrischten, aber eigentlich schon Jahre zuvor angebahnten Freundschaft zum, sagen wir: Delinquenten andererseits.
Natürlich hat Charles mein Handeln verstanden, hat vielleicht sogar begriffen, dass es die einzige Chance war, und hätte doch selber niemals so gehandelt. Wusste natürlich genau wie ich, dass in den vorderen Rumpfkammern etliche von den Leuten aus der Crew nichts ahnend in ihren Kojen lagen, Matrosen, Heizer und Trimmer. Hätte er nicht, hätte er nie übers Herz gebracht, deren Leben aufs Spiel zu setzen. Auch wenn er tausendmal gewusst hätte, dass das der einzige Weg wäre, um das Schiff und den Großteil der Passagiere zu retten. Die anstehenden Endlosdebatten mit Lightoller würde ich mir also auch mit einer schnellen Bewegung meines Zeigefingers sparen können.
Also!
Verdammt noch mal, ist so ‘n Revolver schwer! Bleischwer. Aber, mein Gott, ich werd doch noch ein Kilo Eisen bis zur Schläfe heben können! Und kalt, eiskalt, ist Eisen kalt!
Ich … ich meine, vielleicht später. Geht ja später auch noch. Wer zwingt mich denn, wer hätte denn das Recht, mich zu zwingen, das jetzt, genau jetzt zu erledigen? Okay, friemel ich die Kugel einstweilen wieder raus. Leg den Revolver wieder aufs Regal, die Kugel – aufreizend wie sie ist – daneben. Soll mich das Metall doch anblitzen, angiften, anschreien! So leicht dreht ein Murdoch, Erster Offizier zur See, nicht bei. Nein, der stellt sich der Auseinandersetzung! Breitbeinig dastehend auf den Planken seines vermutlich letzten Schiffes.
- . -
6
In der Mittagspause vor dem Crash, mir will beim besten Willen nicht einfallen, was wir da gegessen haben. Mit Lightoller, ich weiß, dass ich mit Lightoller in der Messe gesessen hab. Schräg vorne an dem begehrten Fenstertisch. Und ich weiß, dass wir übers Blaue Band geredet haben. Um nicht zu sagen: gestritten haben.
»Nein«, sagte ich neunmalklug, »nein, ich persönlich, also wenn du mich persönlich fragst, mir ist es mit Verlaub schnurzegal, ob wir ein paar Minuten früher in New York auf der Matte stehen beziehungsweise am Ambrose-Feuerschiff unsere Ankunft betuten oder nicht.«
»Aber?«
»Aber weder ich noch du, keiner von uns hat hier das Sagen.«
»Du willst sagen ...?«
»Lieber Himmel, du weißt doch, was dieser lächerliche Wettstreit um die schnellste Überquerung des Teichs – seit, ja, seit wann eigentlich? Seit zwei, drei Jahrzehnten allemal –, was dieser Wettlauf für eine verrückte Bedeutung gewonnen hat. Sieht fast so aus, als würden Wohl und Wehe der Krone selbst und ganz Großbritanniens davon abhängen. Immerhin sind unsere Schiffe, was das ›Blaue Band‹ angeht, die unerreichten Champions.«
»Prestige, Prestige! Weiß ich, brauchst du mir nicht zu erzählen«, brummte Lightoller.
»Ich hab‘ das sofort gesehn, als Smith rauskam, aus dem Teesalon, wo er mit Ismay und unserm Werft-Lord gesessen hatte. Ich war ausdrücklich ausgeladen. Sämtliche Offiziere! Du auch, nur du hast es nicht mitbekommen. Die haben den Salon zum Chambre séparée gemacht. Nur die drei. ›Eine Art Strategiebesprechung‹, hatte der Alte mir gesagt, darum ginge es. Und wie er rauskommt, hat er diesen stieren Blick. Und da wusste ich: Der hat das ›Blue Ribbon of the Atlanic‹ im Visier. Wie ein Esel die Möhre, die vor seiner Nase an der Angel baumelt.«
»Sind doch alles wüste Spekulationen! Wieso«, setzte Lightoller nach, »wieso wissen wir nichts davon? Warum sollte man uns das vorenthalten haben?«
Ich blieb die Antwort einstweilen schuldig. Der Steward näherte sich soeben unserem Tisch und servierte den, ich schätze mal: dritten Gang. Wir strichen unsere Servietten auf dem Schoß glatt, nahmen Messer und Gabel in die Hand und beugten uns über die Teller. Unsere Blicke trafen sich. Lightollers Gabel mit dem fasrigen Stück Lammhüfte – richtig, Lammhüfte, Lammhüfte an Minzsauce, wobei wir, natürlich ohne es zu ahnen, so was wie die Vorkoster für eins der nächsten Erste-Klasse-Menüs waren –, Lightollers Gabel blieb in der Luft hängen.
Ich bohrte ihm meinen Blick in die Augen. »Die Titanic ist doch für so eine Rekordfahrt technisch überhaupt nicht geeignet!«
»Sag ich doch«, kam es von Lightoller, »also bitte!«
»Ja. Und eigentlich gilt, wie du weißt, auch das Augenmerk der White Star schon längst nicht mehr Temporekorden, sondern Pünktlichkeit und Komfort. Und stattlichen Passagierzahlen.«
»Du sagst es«, Lightoller grinste oberwasserglücklich, »wann war das, ‘90 oder so was, 1891/92, wenn mich nicht alles täuscht, da hat die Teutonic zum letzten Mal das ›Blaue Band‹ für die White Star Line geholt. Und anschließend hatten die auf gut Deutsch die Schnauze voll. Hat sich die Reedereidirektion aus diesem irrsinnig teuren Vergnügen zurückgezogen. Schluss mit der Jagd gegen die Zeit.«
»Und ich sag dir: trotzdem! Wir sind trotzdem auf Kurs ›Blaues Band‹! Die müssen doch sehn, wie sie den Kahn wieder flottkriegen.«
»Welchen?«
»Na, die Reederei. Die Gerüchte dürften doch wohl nicht spurlos an dir vorübergegangen sein, dass die White Star kurz vorm Bankrott steht. Haben sich schon mit der Brittanic und der Olympic finanziell ordentlich überhoben, wie viel weniger hier mit diesem Äppelkahn. Und nicht mal die Jungfernfahrt jetzt ist ausgebucht: 1300 Passagiere zu wenig! Die müssen ganz dringend was an ihrem Image tun. Also versuchen sie‘s jetzt doch noch mal mit dem ›Blauen Band‹. Könnt‘ ich mir vorstellen. Auf jeden Fall: Smith. Der will das Ding holen. Ich hab‘ seinen Blick gesehn. Und Werft und Reederei, vorneweg natürlich Lord Pirrie und Ismay, kannst du Gift drauf nehmen, die würden nichts dagegen haben.«
»Seit fünf Jahren, Will, das ist jetzt fünf Jahre her, wo genau diese beiden Herren der Schöpfung das neue Konzept ausgebrütet haben: neue Größenmaßstäbe unter Beibehaltung bewährter Technik.«
»Stimmt auffallend. Woran du sehen magst, dass es nach wie vor um Rekorde geht. Vielleicht nicht mehr Geschwindigkeit, aber: größer, länger, schöner. Rekorde um der Rekorde Willen. Aber was in den Augen von Commodore Smith zu lesen war, als er von diesem konspirativen Treffen mit unsern beiden Leithammeln kam, das war eindeutig das Flirren der Geschwindigkeit. Ich meine, er heißt ja nicht von ungefähr der ›Sturmkönig‹, drosselt so gut wie nie die Geschwindigkeit wegen irgendwelcher Witterungsbedingungen. Kann durchaus sein, dass die drei Herren über die sieben Weltmeere beschlossen haben, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen, also Größenrekord – der war unsrer Titanic ja nun mal gewiss, das hatten schon sämtliche Zeichentische versprochen – Größenrekord zu verbinden mit Geschwindigkeitsrekord!«
»Aber das wäre ja mörderisch, diesen Riesenpott hier ständig am Limit fahren zu lassen. Noch dazu mitten im Eismeer.«
»Wäre es, Lightoller, wäre es. Ist es!«
Wir mussten die Lautstärke drosseln, wir waren längst nicht mehr die Einzigen in der Offiziersmesse. Und als schließlich Pitman und Boxhall am Nachbartisch Platz nahmen, wechselten wir zum Lieblingsthema aller Seeleute, weil es am weitesten weg ist: Frauen. Aber was haben wir, verdammt, mir fällt partout nicht mehr ein, was wir außer diesem, na ja, sagen wir‘s vornehm: zähen Luder von einer Lammhüfte gegessen haben.
Ich hab‘ Kohldampf, Leute, ich brauch was zu essen!
- . -
7
Das waren noch andere Zeiten. Ganz andere. Wie wir – tja, wann war das? Drei Tage nach dem Stapellauf und acht Tage vorm Auslauftermin, müsste es also am zweiten gewesen sein, 2. April, ja, im North Channel, Belfast war fast die ganze Zeit in Sichtweite –, wie wir also die offizielle Probefahrt absolvierten. Acht Stunden waren dafür angesetzt, acht Stunden und keine Minute mehr! Kärglich, gradezu lächerlich knapp bemessen fürs Überprüfen von Tausenden von Maschinen, Apparaten, Stationen, Schaltstellen und Knotenpunkten, sowohl einzeln als auch im zuverlässigen Zusammenspiel. Wie wollte man allen Ernstes in acht Stunden das größte Schiff der Welt in allen entscheidenden Details auf Funktionstüchtigkeit, Betriebssicherheit, auf Herz und auf Nieren prüfen?! Ein Witz!
Aber alle waren sich vollkommen sicher, dass Kontrolle und Übergabe so was von reibungslos über die Bühne gehen würden, nachdem ja schon Monate vor der Inbetriebnahme die gesamte Fachpresse euphorische Lobgesänge auf die gigantischen Dimensionen, den Fahr- und Reisekomfort und grade auch auf die den üblichen Standards genügende Sicherheitstechnik angestimmt hatte. Fünfzehn Schotten inklusive zwölf bei einströmendem Wasser automatisch schließender Schutztüren auf dem Tank-Top-Deck trennen den Dampfer in sechzehn wasserdichte Abteilungen – was will man mehr! Immerhin garantiert diese Konstruktion den Zwei-Kammern-Standard, also die Tatsache, dass bei Flutung von zwei nebeneinanderliegenden, in etlichen Fällen sogar von drei nebeneinanderliegenden Rumpfkammern die Schwimmfähigkeit nicht gefährdet ist. Ein Standard, den die Titanic, wie die Konstrukteure gebetsmühlenartig immer wieder beteuerten, um ein Mehrfaches überflügle. Und damit nicht genug: Im Heckbereich würde uns das Wasser selbst dann noch nur bis Oberkante Unterlippe stehn, wenn die hintersten vier Abteilungen vollgelaufen sind. Zumindest würden wir uns etliche Stunden über Wasser halten und Passagiere und Mannschaften geordnet evakuieren können. Sofern nicht auch noch Sturm dazukommt.
Im Übrigen bestehen die Schotten aus dreieinhalb bis sechs Zentimeter dicken Stahlplatten und die Kammerwände und Türsysteme sind auf eine Notfallbelastung von vierzehnhundert Zentnern Druck pro Quadratmeter ausgelegt. Kann doch einfach nur halten! Außerdem, ich meine, wir hatten ja alle dieses grandiose Vorbild vor Augen: unsere Olympic. Fast baugleich und seit einem Dreivierteljahr auf See unterwegs. Und mit allen Wassern gewaschen. Immerhin war sie bereits bei ihren ersten Fahrten vom Pech verfolgt: Zuerst verliert sie ein Schraubenblatt, und dann, letztes Jahr im September, kollidiert sie mit dem Kreuzer Hawke. Die anschließende dreimonatige Reparatur hat ja auch die Fertigstellung der Titanic verzögert. Aber bei all dem zeigte sich doch immer: Die Olympic hält und schwimmt! Also müssen beim Schwesterschiff acht Stunden ja wohl satt und genug sein, um die Controllettis und uns von der Seetauglichkeit des Nachens zu überzeugen.
In Wahrheit war in der Kürze der Zeit, wie gesagt, ein gründliches Austesten der Manövrierfähigkeit, geschweige denn des Verhaltens der Maschinen unter Volllast überhaupt nicht zu machen. Und um mal wenigstens ein Manöver ansatzweise durchzuführen, gab der Alte den Befehl, ein paar wenige Rettungsboote auszuschwingen. Grade man zwei davon wurden sozusagen spaßeshalber mit einer Hand voll Leute besetzt und bis knapp über die Wasseroberfläche abgefiert. Kein Feuerlöschmanöver, kein Bootsmanöver! Warum auch? Man hatte ja die Bootszertifikate der Werft. Musste Sicherheit genug sein. Gut nur, dass die Rettungsboote bei unserer Havarie gestern nicht wirklich zum Einsatz kamen und ihre erste Bewährungsprobe nicht gleich im Ernstfall bestehen mussten.
Es gibt jedenfalls kein Vertun: Ein ausgewachsenes Rettungsmanöver mit der gesamten Besatzung auf offener See wäre absolut unerlässlich gewesen. Wie bei andern Schiffen dieser Größenordnung auch hätte eine Seeerprobung von vier bis sechs Tagen angestanden. Und nicht so ein Acht-Stunden-Durchmarsch im Hochgalopp. Und eigentlich hätten, schon um den üblichen Gepflogenheiten Genüge zu tun, Harland & Wolff vor der Übergabe und White Star vor der Übernahme unangekündigte, mindestens stichprobenartige Zusatzprüfungen durchführen müssen, um den Leuten – vom ersten Ingenieur bis zum letzten Schweißer – auf die Finger zu gucken. Aber nichts da. Handelte sich schließlich um das Nonplusultra der Schiffsbaukunst.
Und ich hab‘ damals ja auch die Schnauze nicht aufgemacht. Auch ich war todsicher, dass die Titanic todsicher ist. Und wie‘s aussieht, nach dem Klatsch vor den Eisberg, stimmt‘s ja auch. Zumindest gibt es zunächst mal, zunächst mal keinen Grund, vom Gegenteil auszugehn. Selbst nach dieser schweren Frontalkollision liegt sie ja noch einigermaßen im Wasser, dümpelt zwar wie eine kopflastige Weihnachtsgans, aber kommt vorwärts.
Ich war mir jedenfalls an diesem 2. April todsicher. Bis zu jenem Zeitpunkt, als wir – aber das war dann schon nach dem offiziellen Teil der Prüfung; Smith, Ismay und die andern hohen Herren waren schon abgezogen, um ihr wohlverdientes Arbeitsessen einzunehmen –, als Lightoller, Andrews und ich uns noch einmal in den Schiffsbauch begaben. Und Andrews als Chefkonstrukteur wies uns mit stolzgeschwellter Brust darauf hin, dass man es sich sogar habe leisten können, mittschiffs und vorschiffs teilweise auf Vollschotten zu verzichten. Was selbstredend eine nicht unerhebliche Kostenersparnis eingebracht habe.
»Da vorne zum Beispiel«, schwärmte er, »vor allem die Schotten zwischen den Kesselräumen mussten nicht ganz bis oben zum Hauptdeck hochgezogen werden. Und sind trotzdem sicher! Und grade für die Erste-Klasse-Passagiere – im Kabinentrakt, der Empfangshalle und ihrem Speisesaal – konnten wir auf diese Weise erreichen, dass sie nicht am weit ausholenden Defilieren gehindert werden.«
Lightoller und ich nickten begeistert. Und Andrews war in seinem Element. Er lotste uns zu den Frachträumen ganz unten zwischen Vorpiek und Kesselraum 6 und zeigte uns, dass nachträglich – also über die ursprünglichen Baupläne hinaus – unter Frachtraum 2 und 3, direkt überm Doppelboden, ein Betriebsgang eingezogen worden war, der sogenannte Heizertunnel.
»Eine gravierende Verbesserung gegenüber der Olympic«, wie Andrews betonte, »denn so können die Heizer, die Kohlenzieher, die Schmierer, was für Dreckspatzen auch immer, von den Passagieren ungesehen von ihren Logis im Vorschiff zum Einsatzort in den Kesselräumen gelangen. Und vor allem zurück. Schmuddelig, wie sie sind.«
»Aber«, fragte Lightoller erstaunt, »aber geht der Heizertunnel dann nicht durch mindestens zwei Rumpfkammern? Wie vereinbart sich das denn dann mit der Abschottung?«
Andrews winkte lässig ab und verwies darauf, dass der ganze Bugbereich ja eh so stabil sei, dass im Falle eines Falles mehrere Abteilungen gleichzeitig ordentlich Wasser schlucken könnten, ohne dass das Schiff davon Magenschmerzen bekäme.
Als ich nach dem nun also doch noch lang gewordenen Tag von Bord ging, verspürte ich trotzdem ein diffuses Grummeln in der Magengegend. Verzicht auf Vollschotten in zentralen Bereichen des Rumpfes? Ein Heizertunnel, der nicht bündig ans Schottenverschlusssystem gekoppelt war?
Es ließ mir keine Ruhe, und als ich mir zwei Tage später ein Herz fasste und Smith darauf ansprach, bedeutete mir dieser, er wisse selbstverständlich um diesen Umstand. Aber die Abnahme sei ja nun durch, ohne Beanstandungen, und er habe jüngst noch mal diesen Artikel nachgelesen, dort stehe es schwarz auf weiß: Die Titanic sei unsinkbar. Also. Oder wolle er, Murdoch, es den Erste-Klasse-Reisenden zumuten, dass ihnen bei jedem Schichtwechsel die schweißverklebten, schwarzverrußten Leiber der Heizer übern Weg laufen, wenn diese nach getaner Tat zu ihren Kojen zurückkriechen!
Ich zeigte mich beruhigt. Ob ich wirklich beruhigt war, weiß ich nicht genau. Jedenfalls schwieg ich. Und irgendwann bei der ganzen Aufregung um den bevorstehenden Aufbruch zur Jungfernfahrt vergaß ich die Sache wohl auch. Schob sie jedenfalls so weit in mein Hinterstübchen, dass sie mir nicht mehr in die Quere kam.
Jetzt aber, in der Situation jetzt, verdammt, kann die Sache durchaus brenzlig werden. Wenn der Alte sich erinnert, dass ich mich zumindest mit dem Verdacht rumgetragen habe, das Sicherheitssystem des Kahns könnte Schwachstellen aufweisen, dann weiß er, dass ich ihm und den andern hohen Herren gefährlich werden könnte. Und dann wird‘s für mich gefährlich! Und zwar hochgradig. Werde ich mir sozusagen selbst gefährlich.
Schließlich geht es um wahre Unsummen von Geld und einen gigantischen Imageschaden. Wenn ich mich nicht selbst gleich hier an Bord aus dem Leben schieße, dann werde ich wohl jede noch so überzogene Wette drauf halten können, dass ich noch vor dem ersten Anhörungstermin der Untersuchungskommission aus dem Weg geräumt sein werde. Von den Helfershelfern der Figuren, die ein fulminantes Interesse daran haben, dass ich keine, aber auch gar keine Aussage zum Schottsystem der Titanic mache! Nicht dass die ganze Chose der Werft, der Reederei und den amtlichen Schiffskontrolleuren auf die Spreiz-, Senk- und Plattfüße fällt!
- . -
8
Das ist … das fühlt sich an wie … wieso knistert da … das ist Papier. Was hat ein Papier in der Brusttasche meines frisch gebügelten, grade auseinandergezupften Hemds verloren? Wer hat das da reingesteckt und wie? Ich jedenfalls nicht. Wüsste ich. Müsste ich doch wissen. Ich stecke mir doch keinen Zettel ins Hemd, wenn‘s grade aus der Bügelstube … eine von den Büglerinnen? Jedenfalls eine Frauenschrift auf der Rückseite des säuberlich zusammengefalteten Blattes: »Mr Murdoch persönlich«. Na ja, aber sicher doch, das Postgeheimnis ist uns heilig. Wir befinden uns schließlich an Bord eines Royal Mail Ships. Haha, sehr witzig, William. Jedenfalls handelt es sich bei dem Wisch nicht um einen Geheimbrief an den Gefangenen Murdoch. Ziemlich sicher, dass das Ding vor der Havarie, und also bevor sie mich festgesetzt haben, in meiner Hemdtasche landete. Danach hat bloß noch Lightoller den Hemdenstapel in der Hand gehabt, als er nach der Festnahme meine sieben Sachen zusammenraffte und mir hier runter in die Haftkabine brachte. Aber Lightoller hat keine Frauenschrift.
Was also will eine Büglerin mir stecken? Kann mir mal einer sagen, wieso die ihren Namen nicht nennt?! Zur Besatzung gehören, wenn ich recht informiert bin, dreiundzwanzig Frauen. Keine Ahnung, welche Tätigkeitsfelder die beackern. Bügeln, nehm ich mal schwer an. Und absolut keine Ahnung, welche von denen jetzt noch an Bord sind und welche inzwischen mit der Olympic unterwegs sind. Richtung Festland.
Dorothy. Das war unter Garantie diese immer breiter grinsende Dorothy – ist die nicht die Vorarbeiterin der Waschfrauen und Büglerinnen? Jedenfalls kein Kunststück für so eine, meinem Hemd einen Zettel unterzujubeln. Aber, bei aller Liebe zum Personal, was hab‘ ich mit denen zu schaffen? Anmaßend, natürlich, eine Frechheit, ich meine, ich leg ja nicht sonderlich Wert auf Standesgrenzen, Sitten und Dings, aber alles was recht ist, also ein bisschen Contenance kann nicht verkehrt sein. Ich meine, ich gehöre, gehörte immerhin zu den höchsten Offizieren. Master next Master next God. Oder die Stenotypistin, ist das deren Schrift?
»... jedesmal wenn ich Sie zufällig auf Deck oder über den Gang gehen sehe, bleibt mir das Herz stehen ...« He, holla, das nenn ich geraderaus! Die hat Mumm, Mann. Für eine Frau ordentlich Mumm! Und dann noch als Waschweib, na ja, gehobenes Waschweib. Und keinen Rechtschreibfehler. Also vielleicht doch Tippse oder was. »... und es kam in den letzten paar Tagen gar nicht so selten vor, dass ich Sie in Ihrer stattlichen Uniform und mit durchgedrücktem Rücken ...« Dacht‘ ich‘s mir doch, das ist es. Das Übliche. Eine Uniform ist für ein Weibsbild einfach ein Magnet und bleibt einer. Manchmal glaubt man nicht, wie einfach die Welt gestrickt ist. Ein anonymer Schmachtbrief an den Träger einer schmucken Uniform. Vielleicht ist der einsame Seebär mit steifem Kragen und geschniegeltem Revers ja noch zu haben. Am Hungertuche jedenfalls wird die Verehrerin, so sie ihn an Land gezogen bekommt, nicht nagen. Und auch dass der alte Nörgelfritze 80% seines Lebens unterwegs auf den Tümpeln dieser Welt ist, muss ja nicht unbedingt von Nachteil sein. Kann die Frau ihr Leben leben und keiner redet ihr rein. Aber jetzt, wo sie jetzt weiß, der Angebetete, Mister Murdoch hockt auf seiner Haftpritsche und starrt in den Spiegel der Einsamkeit, arrestiert, um sich Gedanken zu machen über die Geschicke der christlichen Seefahrt, festgesetzt, damit er ein ums andre Mal die Havariesekunden Revue passieren lässt und sich das Hirn zermartert, unter dieser Voraussetzung würde die holde Verehrerin sich wahrscheinlich am liebsten ein Monogramm in den Hintern beißen wegen ihrer forschen Avancen. Schließlich hätte sie für einen Häftling unter zigfachem Tötungsverdacht garantiert keine Anstrengung unternommen, sich ranzuschmeicheln, ranzuschmeißen, ein noch so winziges Zettelchen in seine Haftkabine zu schmuggeln. Schon den Bleistift in Bewegung zu setzen, wäre zu viel des Guten. Verlorene Liebesmüh.
Wobei, der eigentliche Skandal, alter Bursche, ist ja, dass du Blödmann nichts gemerkt hast. Vielleicht, ich mein, weiß man doch nicht, hätte doch schön sein können. Je nachdem welches Exemplar von den dreiundzwanzig Evastöchtern an Bord es nun war. Hätte man sich die eine oder andre Schichtpause ein bisschen versüßen können. Nur weil sie den Büglerinnen auf die Finger schaut oder den Stenostift übers Papier jagen lässt, muss man sie ja nicht gleich von der Bettkante schubsen. Vielleicht, wenn sie, womöglich, ihrem Schädel nichts Wesentliches zu entlocken weiß, dann weiß sie vielleicht, wie man die Schenkel in Bewegung setzt. Womöglich.
Aber du Idiot hattest nur einen Blick für Miss Titanic.
Und? Hat sich‘s gelohnt?
- . -
9
Ein Schrei! Ein unglaublich schriller Schrei. Draußen, direkt vor meiner Tür. Eine Frau, die ihrem Schlächter begegnet ist. Mindestens. Was weiß ich, was sich da draußen im Gang für ein Gesindel rumtreibt. Wieso eigentlich Frau? Hab‘ ich nicht grade noch von den dreiundzwanzig Kutterfrauenzimmern gesprochen? Also wenn‘s eine Frau war, dann war der Schlächter eine Maus.
Klatsch, die Tür geht auf, schlägt gegen die Holzvertäfelung, fliegt federnd ein Stück zurück, aber da hat die Nurse schon ihren Fuß in der Tür. Beziehungsweise ihren nun wahrlich hübsch anzusehenden Leib. Steht mit schreckverzerrtem Gesicht auf der Schwelle, reißt die Augen auf und ringt um Luft. Ein traumatischer Schock eingraviert auf dieser süßen weichen Stirn. Es kann nur eine Maus gewesen sein.
»Sie, Sie ...«, stammelt sie.
»Sie dürfen überhaupt nicht hier reinkommen«, gebe ich barsch zurück, »und mit mir sprechen schon gar nicht.«
»Könnten Sie mal nachsehn, da … da war eine ...!«
»Eine Maus?«
Ihr »Fürwahr« fällt dann schon wieder als Schrei aus. »Ein Riesenbiest«, kreischt sie, »aber … aber woher wissen Sie?«
»Und was soll ich da jetzt gegen unternehmen?«
»Wegmachen, töten, vernichten – ich weiß es nicht.«
»Das ist doch die gute Seele hier auf dem Gang.«
»Was, wie, Sie kennen die?«
Bevor es noch absurder wird, nehme ich ihre Hand, ziehe sie in meine Kabine und lege die Tür ins Schloss. Ich meine, wann hat man als Strafgefangener unter der Obhut des Gott- und Majestätsvertreters zur See schon mal Gelegenheit, eine weibliche Schönheit in seiner Haftkabine verschüchtert von einem Bein aufs andre treten zu sehen! Und das bei derart schlanken Fesseln, traumhaft zart geschwungenen Fußknöcheln. Ich weiß auch nicht wieso, aber ist nun mal meine Obsession: der Blick auf die, sagen wir: Fußtaille. Es gibt nichts Eleganteres als gertenschlanke Untergestelle. Und andersrum: Fällt der Anfang der Beine am Boden schon plump aus, dann kann man getrost davon ausgehen, dass der Rest als Stempel durchgeht. Diese Exemplare hier jedenfalls sind edel!
»Ich darf doch gar nicht«, immerhin bekommt sie wieder Luft, »darf doch gar nicht hier reinkommen.«
»Wo ist denn das arme Wesen?«, komme ich zurück auf des Übels Grund.
»Armes Wesen, armes Wesen!! Was weiß ich. Bin ich die Hüterin der Fauna hier an Bord?! Der ungebetenen Gäste, blinden Passagiere, sämtlichen hergelaufenen Kroppzeugs?!«
»Wenn Sie mich so direkt fragen: Ich nehme mal an, dass nein.«
»Ja, machen Sie sich bloß lustig!«
»Nie! Das würde ich in so einem ernsten Fall nie tun. Aber eines ist man sicher: Commodore Smith würde das unerlaubte Erscheinen einer Maus im Gang vor meiner Haftkabine vermutlich eher nicht als Grund dafür akzeptieren, dass jemand – sei‘s Männlein oder Weiblein – das strenge Verbot, meine Kabine zu betreten, im wahrsten Sinne des Wortes: umgeht! Ich bin bekanntlich mindestens eine Persona non grata, wenn nicht ein längst überfälliger Knastbruder, und meine Zelle ist verbotenes Terrain, solange nicht der Schuss der Schüsse gefallen ist. Wenn ich Sie daran erinnern darf.«
»Was für ein Schuss?«, die Nurse reißt die Augen auf. »Von einem Schuss weiß ich nichts, ich weiß nur, dass ich hier nicht ...«
Sie verstummt mitten im Wort. Ihr Blick ist hängen geblieben am immer noch aufreizend auf dem Regal neben meinem Bett liegenden Revolver. Und man kann zusehn, wie sich ihr schönes Köpfchen seinen Reim macht auf die danebenliegende Patrone. Sie weicht zurück, zieht, während ihre Blicke zwischen der Pistole und mir hin- und hergeistern, ganz leise ganz langsam ihre Sohlen über den Boden, als wolle sie ihre Rückschritte auf keinen Fall erkennen lassen. Keine Bewegung, fast keine. Als würde sie ohne ihr Zutun von unsichtbarer Hand allmählich aus der Gefahrenzone gezogen. Nach hinten weg. Erst, als sie sich auf der Schwelle weiß, wendet sie den Blick ab, dreht eine halbe Pirouette, so schnell, dass ihr braunes Haar wie eine Wolke dunkler Lichtlocken durch die Luft wirbelt. Sie will gerade raus in den Flur trippeln, raus aus der Hölle des Löwen in die Höhle voller wimmelnder Plagegeister, voller piepsender Wollknäule mit großen Ohren, Knopfaugen und frisch gespitztem, durch die Luft kreisendem Dreizack, als mich, ja, als mich ein Dämon der übelsten Sorte reitet.
Ich kann nicht anders, ich muss, ich krieg meine Fußspitze einfach nicht mehr rechtzeitig zurückgezogen, bevor sie der schönen, der bildschönen Nurse in die Fluchtschritte fährt. Ihren wohlgeformten linken Knöchel trifft, gerade eben, der Hauch einer Berührung. Aber Hauch genug, um das linke dem rechten Bein in die Quere kommen und die Schöne der Länge nach hinschlagen zu lassen. Ich spüre, wie mir ein Grinsen durchs Gesicht huscht, gezeichnet von der puren, der reinen Lust am Schabernack. Ich weiß auch nicht, vielleicht war‘s dieser lächerliche Anlass, der die Madame zu mir hereingeweht hatte und dem ich jetzt bei ihrem Rückzug die Krone aufsetzen wollte. Aber verstehn, eigentlich verstehn tu ich‘s nicht.
Sie scheint es nicht mal gemerkt zu haben. In ihrer Panik, entweder auf Captain Smith oder auf die Maus zu treffen – wobei noch nicht ausgemacht ist, welche Begegnung die schlimmere sein würde. Die Attacke meiner Fußspitze jedenfalls hat sie augenscheinlich nicht registriert, bedenkt mich keines wütenden Worts, keines stechenden Blicks, rappelt sich stumm auf und zieht meine Tür hinter sich zu. Ich höre ihre Schritte auf dem Gang. Nach hinten weg. Weg.
Ich könnte mich ohrfeigen.
Stattdessen verbanne ich den Revolver einstweilen in die noch intakte Konsolenschublade.
- . -
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.