Kitabı oku: «Kleine Geschichte deutscher Länder»

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Ulrich March

Kleine Geschichte
deutscher Länder

Regionen · Staaten · Bundesländer


Umschlagbild: Westermann Weltatlas 1928

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Cornelsen Verlag: Deutschlandkarten Nr. III, IV und VI.

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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 3-902475-30-7

ISBN 978-3-902475-30-5

eISBN 978-3-990810-60-6

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© Copyright by Ares Verlag, Graz, 2. Auflage 2018

Inhalt

I.Einführung

II.Stammesstaaten (bis 1180)

1.Die Stämme, das Königtum und das Imperium

2.Länderübersicht

3.Ausgewählte Länder und Regionen

A. Norddeutscher Aufbruch (Herzogtum Sachsen)

B. Kirche des Nordens (Erzbistum Hamburg – Bremen)

C. „Straße der Romanik“ (Erzbistum Magdeburg)

D. Für Kirche und Reich (Erzbistümer Köln, Mainz und Trier)

E. Königsland am Rhein (Nördliche Oberrhein-Region)

F. „Reben und Messegeläut“ (Franken, Reichsabtei Fulda)

G. Territoriale Basis für große Politik (Herzogtum Schwaben)

H. „Block in der deutschen Geschichte“ (Herzogtum Bayern)

I.Kirche und Kultur im Alpenrandraum (Reichsabteien St. Gallen und Reichenau, Erzbistum Salzburg)

III.Territorien (1180–1648)

1.Die deutschen Territorien, das Reich und die frühen Nationalstaaten

2.Länderübersicht

3.Ausgewählte Länder und Regionen

A. „Alle halten sich für adlig“ (Friesische Lande, Republik Dithmarschen, Grafschaft/Herzogtum Holstein)

B. „Buten und binnen – wagen und winnen“ (Lübeck und die Hanse)

C. Schwarz-Weiß als Symbolfarben (Ordensstaat Preußen)

D. Umbruch in der „Pfaffengasse“ (Rheinlande, Hessen)

E. Wiege der Reformation (Kursachsen)

F. „Alte deutsche Freiheit“ (Reichsterritorien in Franken und Schwaben)

G. Der eidgenössische Sonderweg (Schweiz)

H. Brennspiegel des alten Reiches (Freie Reichsstadt Regensburg, Bistum Regensburg, Abteien Emmeram, Ober- und Niedermünster)

I.„Alles Erdreich ist Oesterreich untertan“ (Habsburger Lande)

IV.Souveräne Staaten (1648–1871)

1.Die deutschen Staaten im Spannungsfeld der europäischen Politik

2.Länderübersicht

3.Ausgewählte Länder und Regionen

A. Welfische Renaissance (Kurfürstentum/Königreich Hannover, Herzogtum Braunschweig)

B. „Deutscher Sitte hohe Wacht“ (Herzogtümer Schleswig und Holstein)

C. Preußischer Staat und Staatsgedanke (Königreich Preußen)

D. „Weimar als Symbol der Welt“ (Herzogtum/Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach)

E. Barockkultur an der Elbe (Kurfürstentum Sachsen)

F. Im Schatten der „Grande Nation“ (Rheinlande, Südwestdeutschland)

G. Kaiserhymne und Radetzkymarsch (Donaumonarchie)

V.Reichsländer (1871–1945)

1.Die deutschen Länder, das Reich und die europäischen Großmächte

2.Länderübersicht

3.Ausgewählte Länder und Regionen

A. „Geht fortan in Deutschland auf“ (Königreich/Land Preußen)

B. Glanz und Elend der Reichshauptstadt (Berlin)

C. Kontrapunkt im Norden: Deutschlands „Tor zur Welt“ (Freie und Hansestadt Hamburg)

D. Kontrapunkt im Süden: „München leuchtet“ (Königreich/Freistaat Bayern)

E. Umstrittene Grenzen im Norden und Osten (Schleswig, Ost- und Westpreußen, Posen, Oberschlesien)

F. Zwischen den „Erbfeinden“ (Elsaß-Lothringen, Saargebiet)

VI.Bundesländer (seit 1949)

1.Die Länder, die Bundesrepublik und das werdende Europa

2.Die einzelnen Bundesländer

A. Niederdeutsches Kernland (Niedersachsen)

B. Im Zeichen des Rolands (Bremen)

C. Metropole des Nordens (Hamburg)

D. Zwischen den Meeren (Schleswig-Holstein)

E. Küstenland im Nordosten (Mecklenburg-Vorpommern)

F. Zentralregion an Elbe und Saale (Sachsen-Anhalt)

G. Weltstadt und märkische Heide (Berlin und Brandenburg)

H. Urbaner Verdichtungsraum im Westen (Nordrhein-Westfalen)

I. Weinland an Rhein und Mosel (Rheinland-Pfalz)

J. Grenzland im Wandel (Saarland)

K. „Hessen vorn“ (Hessen)

L. Das „Grüne Herz“ Deutschlands (Thüringen)

M.Freistaat an der Elbe (Sachsen)

N. Schaffendes „Ländle“ (Baden-Württemberg)

O. „Unterm Himmel weiß und blau“ (Bayern)

VII. Exkurs

A. Die Schweiz nach 1648

B. Österreich nach 1866

VIII. Zukunftsperspektiven

XI.Anhang

1.Eckdaten deutscher Landesgeschichte

2.Literaturverzeichnis

3.Orts- und Personenverzeichnis

Geschichte der Bundesländer

Niedersachsen

1.Norddeutscher Aufbruch (10./12. Jahrhundert)

2.„Alle halten sich für adlig“ (bis 15. Jahrhundert)

3.Welfische Renaissance (Ende 17. bis Anfang 19. Jahrhundert)

4.Niederdeutsches Kernland (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Bremen / Hamburg

1.Kirche des Nordens (9.–12. Jahrhundert)

2.„Buten und binnen – wagen und winnen“ (13.–16. Jahrhundert)

3.Kontrapunkt im Norden: Deutschlands „Tor zur Welt“ (19./20. Jahrhundert)

4.Im Zeichen des Rolands (seit Mitte 20. Jahrhundert)

5.Metropole des Nordens (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Schleswig-Holstein

1.„Alle halten sich für adlig“ (bis 16. Jahrhundert)

2.„Buten und binnen – wagen und winnen“ (13.–16. Jahrhundert)

3.„Deutscher Sitte hohe Wacht“ (19. Jahrhundert)

4.Zwischen den Meeren (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Mecklenburg-Vorpommern

1.Norddeutscher Aufbruch (12. Jahrhundert)

2.„Buten und binnen – wagen und winnen (13. – 16. Jahrhundert)

3.Küstenland im Nordosten (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Sachsen-Anhalt

1.„Straße der Romanik“ (10.–12. Jahrhundert)

2.Wiege der Reformation (16. Jahrhundert)

3.Zentralregion an Elbe und Saale (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Berlin/Brandenburg

1.Preußischer Staat und Staatsgedanke (18./19. Jahrhundert)

2.„Geht fortan in Deutschland auf“ (19., Anfang 20. Jahrhundert)

3.Glanz und Elend der Reichshauptstadt (19., erste Hälfte 20. Jahrhundert)

4.Weltstadt und märkische Heide (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Nordrhein-Westfalen

1.Für Kirche und Reich (10.–12. Jahrhundert)

2.Umbruch in der „Pfaffengasse“ (14.–16. Jahrhundert)

3.Urbaner Verdichtungsraum im Westen (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Rheinland-Pfalz

1.Für Kirche und Reich (10.–12. Jahrhundert)

2.Königsland am Rhein (11. Jahrhundert)

3.Umbruch in der „Pfaffengasse“ (14.–16. Jahrhundert)

4.Im Schatten der „Grande Nation“ (17.– 19. Jahrhundert)

5.Weinland an Rhein und Mosel (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Saarland

1.Zwischen den „Erbfeinden“ (19./20. Jahrhundert)

2.Grenzland im Wandel (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Hessen

1.„Reben und Messegeläut“ (8.–12. Jahrhundert)

2.Umbruch in der „Pfaffengasse“ (14.–16. Jahrhundert)

3.„Hessen vorn“ (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Thüringen

1.Wiege der Reformation (16. Jahrhundert)

2.„Weimar als Symbol der Welt“ (Ende 18., Anfang 19. Jahrhundert)

3.Das „Grüne Herz“ Deutschlands (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Sachsen

1.Barockkultur an der Elbe (18. Jahrhundert)

2.Freistaat an der Elbe (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Baden-Württemberg

1.Territoriale Basis für große Politik (12./13. Jahrhundert)

2.Kirche und Kultur im Alpenrandraum (7.–13. Jahrhundert)

3.„Alte deutsche Freiheit“ (13.–18. Jahrhundert)

4.Im Schatten der „Grande Nation“ (17.–19. Jahrhundert)

5.Schaffendes „Ländle“ (seit Mitte 20. Jahrhundert)

Bayern

1.Block in der deutschen Geschichte (6.–12. Jahrhundert)

2.Kirche und Kultur im Alpenrandraum (7.–13. Jahrhundert)

3.„Alte deutsche Freiheit“ (13.–18. Jahrhundert)

4.Brennspiegel des alten Reiches (17./18. Jahrhundert)

5.Im Schatten der „Grande Nation“ (18./19. Jahrhundert)

6.Kontrapunkt im Süden: „München leuchtet“ (19. und Anfang 20. Jahrhundert)

7.„Unterm Himmel weiß und blau“ (seit Mitte 20. Jahrhundert)

I. Einführung

Landesgeschichtsforschung ist wie Mikroskopieren oder Tiefseetauchen: sobald man sich ernsthaft damit beschäftigt, eröffnet sich eine bunte, faszinierende Welt, die einen eigentümlichen Reiz ausübt. Besonders das alte Reich, das nicht ohne Grund als verfassungsrechtliches „Monstrum“ gesehen wurde, weist eine solche Fülle bizarrer, ständig wechselnder Herrschaftsbildungen auf, daß sich der Betrachter wie beim Blick in ein Kaleidoskop vorkommt. Eintausendsiebenhundertneunundachtzig rechtlich selbstständige politische Einheiten sollen es zuletzt gewesen sein: europäische Großmächte wie Preußen oder Österreich, aber auch reichsunmittelbare Städte mit nur einigen hundert Einwohnern, Reichsritterschaften von weniger als einem Quadratkilometer Gesamtfläche und sogar Reichsdörfer mit nur einer Handvoll Bauernstellen. Prachtvolle Residenzen mit luxuriöser Hofhaltung hat es gegeben, etwa Dresden zur Zeit Augusts des Starken, häufiger aber noch Miniaturfürstentümer, deren Herrscher ihren Lebensunterhalt nur in fremden Diensten sicherstellen konnten, beispielsweise der Vater Katharinas der Großen, Fürst Christian August von Anhalt-Zerbst, der bei der Geburt seiner Tochter, der späteren Zarin, preußischer Stadtkommandant von Stettin war.

Bei den geistlichen Fürstentümern, den Freien Reichsstädten und den Bauernrepubliken zeigt sich die gleiche Bandbreite: Auf der einen Seite gab es die mächtigen, kulturell anspruchsvollen Fürstbistümer an Rhein und Main, Städte von hohem wirtschaftlichen und geistigen Rang wie Nürnberg oder Straßburg und reiche, selbstbewußte Marschenrepubliken wie Dithmarschen oder die Friesischen Lande, auf der anderen Seite völlig unbedeutende Reichsabteien, kümmerliche Ackerbürger-Städte oder entlegene „Waldstätten“ wie die drei Schweizer Urkantone.

Diese verwirrend-vielfältige Welt, die sich keine Phantasie farbiger ersinnen könnte, ist konkrete historische Wirklichkeit. Üblicherweise spricht man von Landesgeschichte, wobei dieser Begriff sowohl das regionale Geschehen selbst als auch eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft bezeichnet. Dabei unterscheidet man zwischen der Landesgeschichte einer bestimmten Region, also etwa der des Landes Tirol oder des Elbe-Saale-Raumes, und allgemeiner Landesgeschichte im Sinne von zusammenfassender Regionalgeschichte eines Großraums, etwa der Landesgeschichte Frankreichs oder Deutschlands.

Eine politisch-historische Region wird im Deutschen überwiegend als „Land“ bezeichnet. Der Begriff bezieht sich auf die frühen „Personenverbandsstaaten“ (Gaue, Stammesherzogtümer) ebenso wie auf die späteren Territorien und auf die Gliedstaaten der modernen Föderationen (Reichs- und Bundesländer). Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts unterscheidet man zwischen geistlichen und weltlichen Ländern, ferner zwischen Herzogtümern, Markgrafschaften, Kurfürstentümern, Grafschaften (auch Land- und Pfalzgrafschaften), Fürstentümern und kleineren reichsunmittelbaren Herrschaften, zu denen neben Reichsritterschaften und Reichsstädten auch die Bauernrepubliken des westlichen Alpengebiets und der Nordseeküste gehören.

Alle diese „Länder“ haben ihre eigene Legitimation und ihre eigenen Kompetenzen und spielen grundsätzlich eine doppelte historische Rolle: Sie besitzen einerseits ihre eigene Geschichte, und sie nehmen andererseits teil an der allgemeinen Entwicklung in Deutschland – dies umso mehr, als die politische Vorstellungswelt nahezu ununterbrochen im Zeichen des föderalen Staatsgedankens steht und die einzelnen Länder sich in aller Regel als Teile eines größeren Ganzen empfinden. Deutsche Geschichte verläuft somit prinzipiell zweigleisig, nämlich auf regionaler und nationaler Ebene zugleich, wobei letztere sich keinesfalls mit dem deutschen Siedlungsgebiet zu decken braucht. Aufs Ganze gesehen, ist der regionale Einfluß auf die nationale Entwicklung beträchtlich; vor der Mitte des 10. Jahrhunderts und dann wieder vom 14./15. bis zum 19. Jahrhundert fallen die Entscheidungen überwiegend in den Regionen.

Die Einwirkung der Länder auf die jeweilige Zentrale vollzieht sich in doppelter Weise: Einmal sind die beiden Ebenen institutionell miteinander verklammert; so ist etwa durch den alten Reichstag, das Kurfürstenkollegium oder den heutigen Bundesrat, mehr noch durch den des Bismarckreiches gewährleistet, daß die Länder unmittelbar an der Gestaltung der nationalen Politik beteiligt sind. Zum anderen wird die obere Ebene von der unteren ständig wie aus einem unerschöpflichen Reservoir gespeist, da ununterbrochen geistige und politische Kräfte regionaler Herkunft, verkörpert in einzelnen Personen oder Personengruppen, etwa Angehörigen von Dynastien oder Funktionseliten, in allgemeine Zusammenhänge hineinwachsen und nationale Geltung erlangen.

Im Zeitalter der europäischen Einigung liegt es nun nahe, die Perspektive noch mehr auszuweisen und neben der nationalen auch die kontinentale Ebene ins Auge zu fassen. Wir erkennen heute klarer als frühere Generationen, daß rein nationale Geschichtsbetrachtung häufig zu kurz greift, da die Geschichte der europäischen Völker engstens mit der des gesamten Kontinents verflochten ist. Dessen Entwicklung läßt keine seiner Teilregionen unberührt; umgekehrt ist die Geschichte besonders der großen Völker zum guten Teil auch europäische Geschichte. Soweit also die deutschen Regionen die nationale Geschichte beeinflussen, wirken sie zugleich über diese hinaus.

Daneben entwickeln manche historische Regionen Deutschlands zeitweilig auch direkten Einfluß auf die Geschichte des europäischen Auslands, etwa infolge dynastischer Verwandtschaftsbeziehungen oder staatsrechtlicher Verbindungen wie der hannoversch-englischen, sächsisch-polnischen oder schleswig-holsteinisch-dänischen Personalunion. Jedenfalls haben die deutschen Länder die europäische Geschichte in stärkerem Maße mitgeprägt als etwa manche am Rand gelegenen Kleinstaaten des Kontinents. Deutsche Landesgeschichte hat demnach neben der regionalen und der nationalen noch eine dritte Dimension: die europäische.

Eine knappe Gesamtdarstellung der so verstandenen deutschen Landesgeschichte ist angesichts der kaum überschaubaren Stoffülle nur unter Beschränkung auf bestimmte Schwerpunkte möglich. Bei allem Bemühen, die objektiv wesentlichen Bedeutungszusammenhänge in den Vordergrund zu stellen, lassen sich dabei die Auswahlkriterien naturgemäß nicht völlig von der hier gewählten Betrachtungsperspektive lösen. Wer, um mehr zu erfahren oder diese Perspektive kritisch zu hinterfragen, tiefer in die Materie eindringen möchte, wird weitere landesgeschichtliche Literatur heranziehen müssen, die über das Schriftenverzeichnis erschlossen werden kann.

Die Vielfalt und Komplexität des Materials machen eine klare, übersichtliche Gliederung des Ganzen erforderlich. Die Darstellung ist im großen chronologisch aufgebaut: Jedes der folgenden Kapitel bezieht sich auf eines der historischen Zeitalter, die durch die Epochenjahre 1180, 1648, 1871 und 1945 festgelegt sind (Zeit der Stämme, der Territorien, der souveränen Einzelstaaten, der Länder des Deutschen Reiches und der Bundesrepublik). Die einzelnen Kapitel sind gleichartig aufgebaut: Zunächst werden die Grundzüge der jeweiligen Epoche dargestellt, der Gesamtzusammenhang zwischen regionaler und überregionaler Entwicklung. Es folgt dann – jetzt nicht mehr zeitlich, sondern räumlich geordnet – ein allgemeiner Überblick über die Länder der betreffenden Epoche. Schließlich werden in einer Reihe von Einzelabhandlungen, ebenfalls in geographischer Anordnung, solche Länder und Regionen besonders hervorgehoben, die in der Epoche nationale oder europäische Geltung erlangt haben.

Das Aufbauprinzip der einzelnen Kapitel lehnt sich an die naturräumliche und siedlungsgeographische Gliederung des deutschen Sprachgebietes an, das sich über drei Großregionen erstreckt: über die Norddeutsche Tiefebene, die Mittelgebirgsregion und die Alpen einschließlich ihres nördlichen Vorlandes. Von den sechs „Altstämmen“, aus denen sich das deutsche Volk gebildet hat, besiedeln je zwei eine dieser Großregionen: die Friesen und (Nieder-)Sachsen den Norden, die Franken und Thüringer die Mitte und die Alemannen und Bayern den Süden. Östlich der Siedlungsgebiete dieser Stämme schließt sich das ehemals slawische Neusiedelland jenseits von Elbe, Saale, Bayerischem Wald und Enns an, das im Zuge der Ostsiedlung im Norden bis zur Memel, im mitteldeutschen Bereich bis Oberschlesien und im Süden bis zur Ostgrenze des Burgenlandes ausgedehnt wird.

In allen Kapiteln werden zunächst der Nordraum, dann die Mitte und zum Schluß der Süden behandelt. Innerhalb dieser drei Großregionen schreitet die Darstellung von West nach Ost fort, so daß sich insgesamt folgende Reihenfolge ergibt:

1.Friesische Länder (Küstenregion der Nordsee)

2.Niedersächsische Länder (Nordwestdeutschland einschließlich Westfalen und Sachsen-Anhalt)

3.Länder des nordostdeutschen Neusiedelgebietes (Küstenraum der Ostsee)

4.Fränkische Länder (fränkisches Siedlungsgebiet im weitesten Sinne: rheinische, moselfränkische und rheinfränkische Gebiete, Hessen, Mainfranken)

5.Thüringen

6.Ostmitteldeutsche Länder (Neusiedelgebiet östlich der Saale)

7.Schwäbisch-alemannische Länder (Südwestdeutschland und der angrenzende Alpenraum)

8.Bayern (mittlerer Alpen-Donau-Raum)

9.Österreich (östlicher Alpen-Donau-Raum)

Berücksichtigt ist nur das geschlossene deutsche Sprachgebiet, nicht also das Baltikum und Böhmen, obwohl beide Regionen viele Jahrhunderte lang Anteil an der deutschen Geschichte haben. Selbstständig gewordene oder abgetretene Gebiete bleiben im allgemeinen vom Zeitpunkt ihres Ausscheidens an außerhalb der Betrachtung, doch werden die Geschichte der Schweiz seit 1648 und die Österreichs seit 1866 in einem Exkurs dargestellt.

II. Stammesstaaten (bis 1180)
1. Die Stämme, das Königtum und das Imperium

Vor Mitte des ersten Jahrtausends ist es im heutigen Deutschland zu keinen großräumigen Herrschaftsbildungen gekommen. Zu Beginn unserer Zeitrechnung siedeln hier zahllose germanische Kleinstämme. Eine Zentralgewalt gibt es nicht; die römische Herrschaft endet an Rhein, Limes und Donau. Seit Anfang des dritten Jahrhunderts verschwinden die bisherigen Stammesverbände; an ihre Stelle treten Großstämme, von denen sechs – Friesen, Franken, (Nieder-)Sachsen, Thüringer, Alemannen und Bayern – bis zum heutigen Tag die Teilethnien des deutschen Volkes bilden. Die neuen Stämme organisieren sich als Personenverbände; die wichtigsten politischen Organe sind die Stammesversammlung, der Stammesherzog und – auf unterer Ebene – die Gauversammlungen. Erst mit der Ostexpansion des fränkischen Großreiches, das seinen Schwerpunkt in Nordfrankreich hat, ändern sich die Verhältnisse. Die Franken unterwerfen zunächst die Thüringer, dann die Friesen und die Alemannen, im Zeitalter Karls des Großen (768–814) schließlich auch die Bayern und die Sachsen. Zum ersten Mal gehört alles Land bis zur Slawengrenze an Elbe, Saale und Enns einem gemeinsamen staatlichen Verband an, dessen König über seine Grafen, die Inhaber des Königsbanns auf unterer Ebene, seinen Willen zur Geltung bringt.

Aber wie später noch sooft in der deutschen Geschichte, wie noch während der nationalsozialistischen und kommunistischen Diktatur des 20. Jahrhunderts, sind die regionalen und föderalen Potenzen nur zeitweilig durch die Zentralgewalt überlagert, nicht wirklich beseitigt worden. Sie leben sofort wieder auf, als die spätkarolingischen Könige, durch die Reichsteilung von Verdun (843) geschwächt, bei der Abwehr der gerade damals besonders aggressiven Ungarn, Slawen und Normannen versagen. Es kommt – vom Rhein-Mosel-Gebiet abgesehen – überall zur Renaissance der alten Stammesstaaten, wobei in der Regel ein Angehöriger einer im Abwehrkampf besonders bewährten Familie die Herzogswürde übernimmt und eine regionale Machtstellung erringt, gegenüber der die Zentralgewalt in den Hintergrund tritt.

An dieser machtpolitischen Konstellation ändert sich zunächst auch nach Beginn der eigentlichen deutschen Geschichte noch nichts. Das Deutsche Reich, das sich 911 durch die Wahl des Frankenherzogs Konrad zum König als eigenständiger Nachfolgestaat des Frankenreiches konstituiert, ist eine lockere und äußerst labile Konföderation von Stammesherzogtümern; König Konrad I. (911–919), ohnehin nur „primus inter pares“, kann sich zu keinem Zeitpunkt außerhalb seines eigenen Herzogtums durchsetzen.

So sind also bereits bei Beginn der deutschen Geschichte die politischen Gewichte eindeutig zugunsten der Regionalgewalten verteilt; ein Zerfall der eigentlich nur nominellen königlichen Zentralgewalt und damit langfristig die Balkanisierung Mitteleuropas hätte durchaus im Bereich des historisch Möglichen gelegen.

Daß es anders gekommen ist, verdankt Deutschland dem politischen Wirken einer ganzen Reihe von Königen, unter denen vor allem die beiden ersten Ottonen, Heinrich I. (919–936) und Otto der Große (936–973), der Salier Konrad II. (1024–1039) und der Staufer Friedrich Barbarossa (1152–1190) hervorzuheben sind. Um die Mitte des 10. Jahrhunderts gewinnt das Königtum die politische Prärogative gegenüber den Regionalgewalten und entwickelt auch in der Folgezeit eine so starke Eigendynamik, daß die Stammesstaaten demgegenüber in den Hintergrund treten, fortlaufend schwächer werden und schließlich um 1200 erneut als politische Einheiten verschwinden.

Doch wiederum sind die regionalen Kräfte keinesfalls ausgeschaltet; trotz aller Kaiserherrlichkeit kann von einem Weg in einen wie auch immer gearteten Zentralstaat keine Rede sein. Erben der Stammesherrschaft sind schließlich nicht die Könige und Kaiser, sondern die fürstlichen Landesherren, deren Territorien sich seit dem 10. Jahrhundert sehr stark entwickeln. Ihre Stellung beruht vielfach auf Grundlagen, die das Königtum, um Gegengewichte gegen die Stammesgewalten zu errichten, seit dem 10. Jahrhundert selbst geschaffen hat. Das ist beispielsweise bei den geistlichen Reichsfürsten der Fall, denen seit Otto dem Großen erhebliche politische Befugnisse übertragen worden sind.

Die regionalen und lokalen Machthaber profitieren insbesondere von den großen reichspolitischen Auseinandersetzungen, vor allem vom Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst (1074–1122) und den beiden staufisch-welfischen Bürgerkriegen Mitte des 12. Jahrhunderts und um 1200.

Die Fürsten lassen sich ihre jeweilige Parteinahme durch immer umfassendere politische Privilegien entgelten; wo die Zentralgewalt nicht zu Geltung kommt, entstehen überdies Herrschaften „aus wilder Wurzel“, also ohne reichsrechtliche Legitimation.

Das Königtum hat durchaus versucht, dieser bereits früh einsetzenden Territorialisierung entgegenzuwirken. Erste und wichtigste Machtgrundlage der Zentralgewalt ist dabei das von Otto dem Großen begründete ottonisch-salische Reichs-Kirchen-System. Durch die Übertragung politisch-administrativer Befugnisse an hohe kirchliche Würdenträger wie Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte großer Klöster schafft sich das Königtum eine loyale Gefolgschaft, die sich in der Regel auch deswegen königstreu verhält, da die Geistlichkeit aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt im Hinblick auf die Heidenmission, an einem starken Imperium interessiert ist. Der Vorteil des Systems für das Reich besteht darin, daß, da die Bischöfe keine legitimen Erben haben, ihre Positionen im Todesfall immer wieder mit zuverlässigen Leuten besetzt werden können, häufig mit speziell auf ihre politische Aufgabe vorbereiteten Mitgliedern der Hofkapelle.

Die Hofkapelle dient nämlich nicht nur der gottesdienstlichen Versorgung des Hofes, sondern auch als Nachwuchsschule für hohe Staatsämter. Die wechselseitige Beziehung zwischen Reich und Region, wie sie für das Reichs-Kirchen-System typisch ist, kommt bei dieser Institution besonders deutlich zum Ausdruck. Befähigte junge Adlige aus allen Teilen des Reiches leisten einige Zeit ihren Dienst, bevor sie bei Vakanz eines Bischofsstuhls in die Region zurückversetzt werden und hier – in genauer Kenntnis der Intentionen der jeweiligen königlichen Politik – als Hoheitsträger des Reiches fungieren. Vielfach übernehmen sie darüber hinaus auch zentrale Reichsämter, so stets die der Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, die zu den engsten Ratgebern des Königs gehören und die drei Reichskanzleien – für die Königreiche Deutschland, Italien und Burgund – leiten. In diesen Kanzleien wiederum arbeiten und lernen die jungen Geistlichen der Hofkapelle, so daß eine ständige Verbindung zwischen königlicher Zentralgewalt und regionalem Hochadel besteht. Dieses enge Zusammenwirken von Reich und Region, von königlicher Zentralgewalt und politischen Kräften vor Ort ermöglicht es überhaupt erst, ein so großes Reich ohne technische Kommunikationsmittel zu regieren.

Eine weitere Machtbasis des Königtums bilden die Reichsburgen, die seit Konrad II. (1024–1039) vor allem in Franken, in Südwest- und Mitteldeutschland errichtet und mit Reichsministerialen besetzt werden, ursprünglich unfreien Rittern, die eben deshalb unbedingt loyal sind, den Kern des Reichsheeres stellen und vor Ort die Präsenz der Reichsgewalt verkörpern. Die Staufer (1138–1254) bauen das Netz der Reichsburgen immer mehr aus und ergänzen es durch hunderte von „Freien Reichsstädten“, die für das Königtum aus wirtschaftlichen Gründen und als Gegengewicht gegen die Fürsten von größter Bedeutung sind. In manchen Gegenden häufen sich Königsland, Pfalzen, Reichsburgen und Freie Reichsstädte so stark, daß man von „Reichslandschaften“ spricht. So erstreckt sich ein breiter Gebietsstreifen mit zahlreichen reichsunmittelbaren Herrschaften vom Elsaß über das Bodensee- und Neckargebiet nach Mittel- und Mainfranken und von dort über Nordthüringen und das Harzgebiet bis Sachsen.

Friedrich Barbarossa (1152–1190) und sein Sohn Heinrich VI. (1190–1197) haben zum letzten Mal einen groß angelegten Versuch unternommen, dem längst eingetretenen Territorialisierungsprozeß Einhalt zu gebieten und die Machtstellung des Königtums gegenüber den immer stärker aufkommenden fürstlichen Regionalgewalten zu festigen („staufische Reichsreform“). Durch die systematische Förderung aller reichsunmittelbaren Herrschaften, die Umwandlung der letzten Stammesherzogtümer in kleinere und folglich schwächere „Gebietsherzogtümer“, die geplante Errichtung einer Erbmonarchie anstelle des bestehenden Wahlkönigtums, schließlich durch die Feudalisierung der Reichsverfassung und die dadurch bewirkte persönliche Lehnsbindung der Reichsfürsten an den König hofft man, die Stammesgewalten endgültig auszuschalten und der territorialen Zersplitterung begegnen zu können.

Das erste Ziel wird erreicht, das zweite nicht. Der frühe Tod Heinrichs VI., der wieder aufflammende staufisch-welfische Bürgerkrieg, vollends dann die Katastrophe des staufischen Hauses und der zeitweilige Ausfall der Zentralgewalt („Interregnum“ 1254–1273) lassen die Bedeutung der Regionen immer mehr steigen, die des Königtums immer mehr sinken. Die Erben der Stammesherzöge sind nicht Könige und Kaiser, sondern die Landesherren.

Deutschland ist auf Grund seiner geographischen Zentrallage seit jeher stark in die europäische Gesamtentwicklung involviert, stärker jedenfalls als manche anderen Teile des Kontinents. Von Anfang an haben sich sowohl Könige als auch regionale Machthaber nicht nur mit konkurrierenden Gewalten im Inneren, sondern auch mit auswärtigen Mächten auseinanderzusetzen. Unter Otto dem Großen (936–973) wächst die Reichspolitik ganz in europäische Dimensionen hinein. Otto schiebt die Reichsgrenzen im Osten bis zur Oder vor, vereinigt Deutschland mit Ober- und Mittelitalien, schlägt die Ungarn endgültig in der Schlacht auf dem Lechfeld (955) und befreit damit nicht nur das christliche Abendland von einer ständigen Gefahr, sondern schafft auch die Voraussetzungen für Siedlung und Mission im Südosten und für die Einbeziehung der Ungarn in die europäische Völkerfamilie.

Es entspricht daher der inneren Logik des Geschehens, wenn Otto im Jahre 962 zum römischen Kaiser gekrönt wird und damit das höchste Amt der Christenheit wahrnimmt. Die Deutschen, die sich bis dahin kaum als einheitliche Nation begriffen haben, werden damit in Nachfolge der Römer und der Franken zu Trägern der imperialen Idee, zur Reichsnation. Das Regnum wird zum Imperium, der deutsche König ist als römischer Kaiser Schutzherr der Christenheit, die sich laut Missionsbefehl Christi „in alle Welt“ ausbreiten soll; auch wenn sich die „Welt“ damals noch auf Europa beschränkt, ist das Kaisertum also mit besonderer Verantwortung für den christlichen Glauben und die christliche Kirche verbunden.

Otto der Große hat nicht gezögert, diesen Erwartungen an sein Amt gerecht zu werden. Mit der Eroberung des Elb-Oder-Raumes korrespondiert die Errichtung des Erzbistums Magdeburg, das im Osten ein unbegrenztes Missionsfeld erhält. Die Missionsaufgabe für den Südosten übernimmt das 799 gegründete Erzbistum Salzburg, das erst jetzt, nach der Zurückdrängung der Ungarn, seine volle Wirksamkeit entfalten kann. Für den Norden ist das Erzbistum Hamburg zuständig, das ebenfalls bereits in karolingischer Zeit gegründet worden ist, seine eigentliche Bedeutung aber erst jetzt mit der in großem Stil betriebenen Missionsarbeit in Dänemark, Norwegen, Island, Schweden und im Baltikum gewinnt. Mit welcher Selbstverständlichkeit Otto dabei vom Grundgedanken der Gemeinsamkeit kirchlicher und politischer Expansion ausgeht, zeigt sich daran, daß, wo immer die Möglichkeit dazu besteht, die Missionsarbeit der Reichskirche und die Markenpolitik des Reiches aufeinander abgestimmt sind und Hand in Hand gehen. Auch aus vielen Einzelmaßnahmen ergibt sich die Grundvorstellung des Königs, etwa aus der Tatsache, daß er 948 in Schleswig, Ripen und Aarhus, also außerhalb der deutschen Grenzen, drei neue Bistümer errichten läßt und sie der Hamburger Kirche unterstellt.

Die imperiale Stellung des Reiches hat die von der Geographie vorgegebene Notwendigkeit der Begegnung mit zahlreichen Nachbarn, vom geistigen Austausch bis zur kriegerischen Auseinandersetzung, erheblich ausgeweitet. Durch die Personalunion mit Italien und Burgund treten insbesondere die süddeutschen Stämme in enge Verbindung mit ihren romanischen Nachbarn im Süden und Westen. Durch die Ostsiedlung, an der im Norden vor allem Niederdeutsche, im Süden vor allem Bayern beteiligt sind, eröffnet sich östlich des Altsiedellandes ein viele hundert Kilometer tiefer Begegnungsraum zwischen Deutschen und Slawen. Zahllose Ritter aller deutschen Stämme haben, da die Verbindung nach Rom, dem Ort der Kaiserkrönungen, politisch und militärisch gesichert werden mußte, an den Heerfahrten „über Berg“ nach Italien teilgenommen. Auch zu den Kreuzzügen brechen immer wieder Ritterheere aus allen deutschen Ländern auf; gerade bei diesen Unternehmungen läßt sich das spannungsreiche Mit- und Gegeneinander regionaler, nationaler und europäischer Kräfte besonders klar erkennen.

2. Länderübersicht

Entlang der Nordseeküste – von Sinkfal bei Brügge bis zum Land Wursten östlich der Wesermündung – erstreckt sich das Siedlungsgebiet des friesischen Stammes, hinzu kommt mit der friesischen Besiedlung im frühen Mittelalter noch das im Norden des heutigen Schleswig-Holstein gelegene Nordfriesland mit den Inseln Sylt, Föhr, Amrum, den Halligen und Helgoland. Die Friesen, zunächst wie die anderen Stämme von Herzögen regiert, haben nach dem Zerfall des Fränkischen Reiches kein neues Stammesherzogtum entwickelt. Die Randbezirke ihres Siedlungsgebietes fallen vielmehr an andere Territorien, vor allem an die Grafschaften Seeland, Holland und Geldern, das Bistum Utrecht und das Erzbistum Hamburg-Bremen. Nordfriesland steht – bei lokaler Selbstverwaltung – unter der Oberhoheit der schleswigschen Herzöge und der dänischen Könige.

Im Kernbereich des Stammesgebietes, in Ostfriesland und im später niederländischen Westfriesland, entsteht ein System von „Ländern“, von denen das Jeverland, Harlingen, Ammerland, Butjadingen, Wursten, Stedingen und Rüstringen die bekanntesten sind. Es handelt sich dabei um kleine Bauernrepubliken, deren freiheitlich-genossenschaftliche Verfassung insbesondere durch das große Deichbauwerk um die Jahrtausendwende kräftige Impulse erhält. Sie schließen sich später zu einer lokkeren Konföderation zusammen, dem „Upstalsboomverband“. Einmal im Jahr versammeln sich die Vertreter der „Länder“ am Upstalsbaum bei Aurich, um über gemeinsame Angelegenheiten zu beraten.

Südlich und östlich des friesischen Gebiets erstreckt sich bis 1180 das Stammesherzogtum Sachsen. Es umfasst den gesamten niederdeutschen Raum, von der Eider bis zur hochdeutschen Sprachgrenze, die über das Rothaargebirge, den Kaufunger Wald und den Harz verläuft. Der Stamm umfasst zunächst etwa hundert Gaue, von denen drei, der Holsten-, Stormarn- und Dithmarschengau, nördlich der Elbe gelegen sind („Nordelbingen“). Der Machtschwerpunkt der Stammesherzöge liegt im Osten, wo die verschiedenen Dynastien jeweils beträchtliche Eigengüter besitzen, so die Ottonen vor allem im Harz-Elbe-Raum, die Welfen innerhalb eines von Göttingen bis Hamburg reichenden Gebietsstreifens. Der Welfe Heinrich der Löwe, der als Herzog von Sachsen und Bayern zeitweilig eine königsgleiche Stellung erlangt, bringt überall in rigoroser Weise seine Herrschaft zur Geltung, auch in Teilen des vormals slawischen Neusiedellandes östlich der Elbe. Mit seinem norddeutschen „Einheitsstaat“ nimmt er gleichsam das spätere Preußen vorweg.

Auch in diesem scheinbar noch im 12. Jahrhundert so fest gefügten Stammesstaat hat allerdings bereits seit Otto dem Großen die Territorialisierung eingesetzt. In Westfalen und an der Ems gewinnt das Bistum Münster erheblichen politischen Einfluß, am Teutoburger Wald das Bistum Osnabrück, zwischen unterer Weser und unterer Elbe das Erzbistum Hamburg-Bremen, das hier die frühere Grafschaft Stade beerbt, im südlichen Westfalen das Erzbistum Köln. Geringere Bedeutung haben die Bistümer Paderborn, Minden, Verden, Hildesheim und Halberstadt, in politischer Hinsicht auch das Erzbistum Magdeburg, erst recht die Reichsabteien Corvey, Gandersheim und Quedlinburg.

Die weltlichen Territorien spielen bei weitem noch nicht die Rolle wie nach dem Sturz Heinrichs des Löwen. Wichtig sind zeitweilig die Grafschaften Stade, Arnsberg und Northeim, weniger die Grafschaften Dassel, Wernigerode, Blankenburg, Dannenberg und Schwerin. Überregionale Bedeutung gewinnt die Grafschaft Holstein, in der 1111 die von der mittleren Weser stammenden Schauenburger zur Herrschaft gelangen (bis 1459). Diese Dynastie bricht die Macht der bis dahin nördlich der Elbe tonangebenden alten Gauverbände, gibt den Anstoß zur Ostsiedlung und erobert nicht nur das ehemals slawische Ostholstein, sondern auch das Herzogtum Schleswig, ein dänisches Grenzterritorium, das von der Eider bis zur Königsau reicht und damit auch den südjütischen Teil des heutigen Dänemark umfaßt.

Den Anstoß zu einer planmäßigen Ostmarkenpolitik gibt Lothar von Supplinburg, Herzog von Sachsen, deutscher König (1125–1138) und römischer Kaiser. Er setzt die Schauenburger in Holstein, die Askanier in Brandenburg und die Wettiner in der Mark Meißen ein, wo sie – später als Herzöge und Könige von Sachsen, zeitweilig auch von Polen – bis 1918 regiert haben. Heinrich der Löwe gründet im Slawenland die Grafschaften Ratzeburg und Schwerin und bringt auch die östlich davon gelegenen Küstenregionen unter seine Herrschaft; noch unter Barbarossa werden die slawischen Fürsten von Mecklenburg und Pommern in den deutschen Reichsfürstenstand aufgenommen. Um die gleiche Zeit entstehen auch die Bistümer Lübeck, Ratzeburg, Schwerin, Brandenburg, Havelberg und Kammin, die jedoch allesamt in territorialpolitischer Hinsicht bedeutungslos bleiben.

Den Westen des Reiches nimmt zu Beginn der deutschen Geschichte das Herzogtum Lothringen ein, das sich über die gesamten Rheinlande und das angrenzende französischsprachige Gebiet erstreckt. Es zerfällt allerdings bereits im 10. Jahrhundert, und der Name haftet seither lediglich an dem Territorium, das sich beiderseits der Sprachgrenze an der oberen Mosel bildet. Die Erben der Lothringer Herzöge sind in erster Linie die Erzbischöfe von Köln und Trier, die am Niederrhein und entlang der Mosel geschlossene Herrschaftsgebiete aufbauen, ferner eine große Zahl weltlicher Fürsten, von denen die Grafen von Saarbrücken und die späteren Herzöge von Geldern, Brabant, Luxemburg, Jülich, Kleve und Berg die größte Bedeutung erlangen. Insbesondere in der Eifel und im Hunsrück entstehen viele Klein- und Kleinstterritorien, die jedoch nur eine begrenzte regionale, häufig nur eine lokale Rolle spielen. Größer sind einige geistliche Herrschaften, die sich im Schatten der beiden Erzbistümer entwickeln, vor allem die Bistümer Utrecht und Lüttich sowie die Reichsabtei Prüm.

Das Herzogtum Franken umfaßt nur den östlichen Teil des fränkischen Siedlungsgebietes, nämlich Hessen, Mainfranken und die nördliche Oberrheinregion. Herzog Konrad, der erste deutsche König, kann sich gegenüber den übrigen Stammesherzögen nicht durchsetzen. Auch im weiteren Verlauf des 10. Jahrhunderts erweist sich das Herzogtum Franken als wenig stabil, so daß die politische Prärogative in diesem Raum an andere Gewalten übergeht, in erster Linie an die Erzbischöfe von Mainz, die Bischöfe von Würzburg und in zunehmendem Maße an die Pfalzgrafen bei Rhein, die im Süden des heutigen Bundeslandes Rheinland-Pfalz und am unteren Neckar ihr Territorium ausbilden.

Die Erzbischöfe von Mainz, die als Erzkanzler des Reiches eine herausragende politische Stellung einnehmen, setzen sich nicht nur im Rheingau und am unteren Main fest, sondern greifen auch nach Thüringen aus, wo sie das Gebiet um Erfurt und das Eichsfeld erwerben. Die Bischöfe von Würzburg, deren Herrschaftsgebiet den Kern Mainfrankens einnimmt, erhalten Mitte des 12. Jahrhunderts von König Barbarossa die fränkische Herzogswürde zugesprochen – ein Titel, der freilich angesichts der fortdauernden politischen Zersplitterung Frankens nicht mehr viel besagt. Das Bistum Bamberg, 1008 von König Heinrich II. gegründet, wird zum großen Teil mit Königs- und Reichsgut ausgestattet, das sich gerade in Franken ansammelt, besonders um Frankfurt, Bamberg und Nürnberg. Im Aufstieg begriffen sind außerdem die Grafschaften Hessen und Nassau, während, verglichen mit Mainz, Würzburg und Bamberg, die übrigen geistlichen Herrschaften – die Bistümer Eichstätt, Speyer und Worms und die Reichsabteien Fulda, Hersfeld und Lorch – nur eine begrenzte politische Rolle spielen.

Auch in Thüringen wird in der Zeit des slawischen und ungarischen Drucks das alte, auf die germanische Zeit zurückgehende Stammesherzogtum, das bereits die Merowinger beseitigt hatten, erneuert. Es ist jedoch wesentlich kleiner als das benachbarte Sachsen, unter dessen Einfluß es sich bald auflöst. Zwar haben die Landgrafen von Thüringen wiederholt versucht, die politische Einheit des Landes wiederherzustellen. Sie scheitern jedoch aus drei Gründen: Nordthüringen ist inzwischen wie andere Teile des Harzraums weitgehend Königs- und Reichslandschaft geworden, im Eichsfeld und um Erfurt, also gerade in der Mitte des Landes, behauptet sich das Mainzer Erzstift, und auch die kleineren einheimischen Herrschaften stellen sich dem Anspruch der Landgrafen entgegen, allen voran die Grafschaften Schwarzburg und Weimar-Orlamünde.

Östlich der Saale entstehen im Zuge der politisch-kirchlichen Expansion des ottonischen Reiches auf slawischem Boden die Bistümer und Markgrafschaften Merseburg, Meißen und Zeitz-Naumburg, die – anders als die Marken im Norden des Elb-Oder-Gebiets – ununterbrochen in deutscher Hand bleiben und die auch hier im 12. Jahrhundert einsetzende Ostsiedlung politisch absichern können. Dies gilt auch für die Mark Lausitz (Niederlausitz um Cottbus, Oberlausitz um Bautzen), wo sich jedoch die slawische Bevölkerung länger behauptet, teilweise bis heute.

In Süddeutschland, wo die Ungarngefahr besonders groß ist, kommt es in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts ebenfalls zur Neubildung der von den Franken beseitigten Stammesherzogtümer, deren Grenzen sich – wie in Sachsen und Thüringen – genau mit denen des jeweiligen Siedlungsgebietes decken. Im Südwesten entsteht zwischen Alpenhauptkamm, Vogesen, Lech und alemannisch-fränkischer Sprachgrenze (Hagenauer Forst – Lauter- und Murgtal – Hornisgrinde – Asperg – Hohenberg) das Herzogtum Schwaben, wobei das Elsaß zeitweilig ein eigenes Teilherzogtum bildet.

Schwaben wird zunächst von verschiedenen Dynastien regiert (Burchardinger, Konradiner, Liudolfinger), bevor Kaiser Heinrich IV. 1079 die Herzogwürde an die Staufer überträgt, die sie bis zur Auflösung des Herzogtums im Jahre 1268 behalten. Das Land gewinnt in dieser Zeit große Bedeutung für die Reichspolitik, doch stellen die Staufer keineswegs die einzige politische Macht im Stammesgebiet dar. Den – durchweg sehr alten – Bistümern Straßburg, Basel, Chur, Konstanz und Augsburg werden auch hier seit der Zeit Ottos des Großen weltliche Hoheitsrechte übertragen, in geringerem Umfang auch den in Schwaben besonders zahlreichen Reichsabteien (St. Gallen, Reichenau, Kempten, Beuron, Ottobeuren, Altdorf/Weingarten, Marchtal, Ellwangen, Zwiefalten, Neresheim). Als politische Konkurrenten der Staufer treten jedoch vor allem die Zähringer in Erscheinung, die im Breisgau, im Südschwarzwald, in Burgund und in der Nordschweiz erheblichen Besitz erwerben und die ebenfalls den Herzogstitel führen. 1078 spaltet sich von ihnen die Linie der Markgrafen von Baden ab, neben denen noch die Grafen von Habsburg (Stammsitz: Habichtsburg an der Aare) Bedeutung haben.

Einen beträchtlichen Teil Schwabens nimmt das Reichs- und Königsgut ein, das sich vor allem zwischen Kolmar und Hagenau, um Zürich, im Allgäu-Bodensee-Gebiet und im Lech-Donau-Raum konzentriert und sich nach dem Aussterben der Staufer noch beträchtlich vergrößert. In diesen Gebieten sind die zahlreichen Klein- und Kleinstterritorien entstanden, wie sie für die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte Schwabens typisch sind.

Zum größten und geschlossensten deutschen Stammesstaat entwikkelt sich das Herzogtum Bayern. Die gegen Ende des 9. Jahrhunderts auftretende Dynastie der Luitpoldinger knüpft an die Tradition der Agilolfinger an, die bereits im 8. Jahrhundert das gesamte Stammesgebiet vom Lech bis zum Wienerwald, also auch das heutige Österreich mit Ausnahme des alemannischen Vorarlbergs, beherrscht haben. Otto der Große setzt 947 seinen mit einer Luitpoldingerin verheirateten Bruder Heinrich als Herzog ein, der die bayrische Linie der Ottonen begründet. Der Höhepunkt der bayrischen Machtstellung ist erreicht, als sein gleichnamiger Enkel 1002 zum deutschen König gewählt wird und von Regensburg und Bamberg aus das Reich regiert (Heinrich II., 1002–1024).

Von 1070 bis 1180 herrschen in Bayern die Welfen, die aber während des staufisch-welfischen Bürgerkriegs zeitweilig den Babenbergern weichen müssen. 1156 erhält der Welfe Heinrich der Löwe von seinem Vetter Friedrich Barbarossa das Herzogtum zurückerstattet, vermindert lediglich um die „Mark Ostarrichi“ (heutige Bundesländer Wien und Niederösterreich), mit der die Babenberger abgefunden werden.

Anders als in anderen Stammesherzogtümern können in Bayern regionale Gewalten neben der Herzogsmacht nur schwer aufkommen. Die ausgedehnteste Herrschaftsbildung gelingt den Erzbischöfen von Salzburg, die im gesamten Salzachgebiet, also noch über das heutige Bundesland hinaus, politische Befugnisse ausüben. Demgegenüber ist der Besitz der Bistümer Freising, Brixen, Regensburg und Passau mehr als bescheiden, obgleich letzteres in kirchlicher Hinsicht zeitweilig bis zum Wienerwald reicht. Unter den Abteien des Herzogtums ragen neben den Donauklöstern Weltenburg und Melk vor allem Berchtesgaden und St. Emmeram in Regensburg heraus.

Auch die weltlichen Herren des Landes bleiben den Herzögen gegenüber ziemlich ohnmächtig. Sieht man einmal von der Markgrafschaft Krain, dem zeitweilig von Bayern gelösten Herzogtum Kärnten und der Grafschaft Tirol ab, so entwickeln sich nur kurzzeitig einige kleinere Territorien wie die Grafschaften Andechs, Scheyern-Wittelsbach, Ortenburg, Wasserburg und Burghausen.

Den ersten entscheidenden Schritt zur Loslösung Österreichs aus dem bayerischen Stammesverband stellt die erwähnte Vereinbarung zwischen Heinrich dem Löwen und Barbarossa von 1156 dar. Die damals von Bayern abgetrennte Ostmark, die in ein „Herzogtum Österreich“ umgewandelt wird, ist zwar nur klein, doch gesteht der Kaiser, um den Babenbergern den Verzicht auf das Gesamtherzogtum schmackhaft zu machen, dem neuen Land so weitgehende Hoheitsrechte zu, daß es als „territorium clausum“, als erster Flächenstaat im modernen Sinne, bezeichnet werden kann. Insofern stellt es in der Folgezeit das Vorbild für alle nach „Landesherrschaft“ strebenden Fürsten dar.

Beim Sturz Heinrichs des Löwen im Jahre 1180 werden seine beiden Herzogtümer Sachsen und Bayern zerschlagen; damit geht das Zeitalter der Stammesstaaten endgültig zu Ende. An die Stelle des Stammesherzogtums Bayern treten die neuen „Gebietsherzogtümer“ Bayern, Österreich, Kärnten und Steiermark; damit bahnt sich im Südosten des Reiches die Entwicklung vom „Personenverbandsstaat“ zum „institutionellen Flächenstaat“ an. 1180 stellt auch insofern ein Epochenjahr dar, als damals der größte Teil der heutigen Republik Österreich aus dem bayrischen Stammesverband herausgelöst wird, Bayern und Österreich haben seither jeweils eine eigene politische Entwicklung genommen.

3. Ausgewählte Länder und Regionen
A. Norddeutscher Aufbruch (Herzogtum Sachsen)

Kurz vor seinem Tod bestimmt der erste deutsche König Konrad I., der politisch auf ganzer Linie gescheitert ist, seinen erbittertsten Gegner, Herzog Heinrich von Sachsen, zu seinem Nachfolger – ein bewundernswerter Akt menschlicher Größe und politischer Weitsicht, denn Heinrich ist nicht nur der mächtigste aller Stammesherzöge, sondern auch ein außerordentlich fähiger Herrscher (919–936). Mit seiner Wahl verlagert sich der Schwerpunkt der deutschen Geschichte nach Norddeutschland; zugleich beginnt ein jahrzehntelang anhaltender Aufstieg des Reiches, dessen staatlicher Zusammenhalt soeben noch am seidenen Faden gehangen hat.

Der neue König, von gewinnendem Auftreten, tritt sein Amt zu einem Zeitpunkt an, als das Reich – bedrängt von dem westfränkischen Teilreich, den Slawen und vor allem den Ungarn, zugleich innerlich zerstritten – praktisch nicht mehr handlungsfähig ist. Angesichts dieser Situation betreibt Heinrich von Anfang an eine Politik des Augenmaßes, verbunden mit Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit. So begnügt er sich zunächst mit einer nominellen Anerkennung durch die Bayern und die Schwaben, ohne allerdings noch vorhandene Reichsrechte in Süddeutschland aufzugeben. 925 gewinnt er in einem günstigen Augenblick die an Westfranken verlorengegangenen Rheinlande zurück. 928/29 erobert er die politischen Zentren der Elb-Oder-Slawen, Brandenburg und Meißen. 933 schlägt er die den Zeitgenossen unüberwindbar scheinenden Ungarn bei Riade an der Unstrut und verschafft damit dem Königtum auch in Süddeutschland Respekt und Anerkennung.

Sein Sohn Otto der Große (936–973) kann seine Politik daher von viel sichererer Basis aus betreiben. Er erobert das gesamte Elb-Oder-Gebiet, vereinigt Deutschland und Italien, beseitigt durch seinen Sieg auf dem Lechfeld (955), an dem alle deutschen Stämme beteiligt sind, endgültig die Ungarngefahr, schafft ein funktionsfähiges Regierungssystem, betreibt Missionspolitik in großem Stil und wird schließlich – in der Nachfolge Karls des Großen und der antiken Cäsaren – zum römischen Kaiser gekrönt (962).

Ganz Norddeutschland hat diese politischen Erfolge der heimischen Dynastie, errungen zum guten Teil mit Kräften des Herzogtums Sachsen, als Aufstieg in schwindelnde Höhen erlebt. Nur gut hundert Jahre zuvor war man in einem der längsten und brutalsten Kriege der europäischen Geschichte von Karl dem Großen niedergeworfen und gewaltsam christianisiert worden. Jetzt treten die Besiegten von damals das Erbe des Siegers an und führen einen der Nachfolgestaaten des karolingischen Großreichs zu neuer Blüte.

Die damals besonders im Norden des Reiches herrschende Aufbruchstimmung geht vor allem aus den Schriften Widukinds von Corvey, Roswithas von Gandersheim und Thietmars von Merseburg hervor. In Roswithas Lebensbeschreibung der Königin Mathilde feiert diese ihren Gemahl Heinrich als Errichter eines Reiches des Friedens und der Freiheit. Die Sachsen genössen „gar hohe Ehren – sie, denen niemals zuvor eine so außerordentliche Vorrangstellung beschieden war. O Deutschland!“, fährt die Autorin fort, „Du einst unter das Joch anderer Völker gebeugt, jetzt aber in kaiserlichem Schmuck, liebe den König … und halte beharrlich fest an dem Wunsch, daß Dir nie ein Regent aus jenem Geschlecht fehlen möge!“

Das Wort „kaiserlich“ trifft in der Sache nicht zu, da Heinrich I. niemals Kaiser war; es kennzeichnet aber die subjektive Einschätzung seiner Herrschaft durch die Zeitgenossen. In vergleichbarer Weise läßt Widukind von Corvey, dem die tatsächlichen Zusammenhänge zweifellos bekannt sind, die deutschen Truppen nach der Ungarnschlacht auf dem Lechfeld König Otto zum „Kaiser“ ausrufen, obgleich er diese Würde erst sieben Jahre später in Rom erhält.

Heinrich fühlt sich noch weitgehend als sächsischer Herzog, während Otto, um sich für seine überregionalen Aufgaben zu entlasten, mit der Inthronisierung Hermann Billungs eine neue Herzogsdynastie begründet. Über die Gemahlin und über eine Tochter Lothars von Supplinburg (König von 1125 bis 1138) verbindet sich die neue Dynastie schließlich mit den Welfen, so daß diese die beiden mächtigsten deutschen Stammesherzogtümer, Bayern und Sachsen, unter ihrer Herrschaft vereinigen und damit erstmals eine starke politische Verklammerung zwischen Nord- und Süddeutschland herbeiführen.


Standbild Herzog Heinrichs des Löwen vor seiner Burg Dankwarderode in Braunschweig

Nachdem Norddeutschland vom ausgehenden 10. bis zur Mitte des 12. Jahrhundert eine eher krisenhafte Entwicklung nimmt (erneuter Vorstoß der Slawen bis zur Elbe, Gegensatz zur salischen Dynastie, staufisch-welfischer Bürgerkrieg), gewinnt es unter dem Welfenherzog Heinrich dem Löwen (1142–1180) wieder nationale und europäische Bedeutung. 1156 erhält Heinrich das im Bürgerkrieg zum größten Teil verlorengegangene Herzogtum Bayern zurückerstattet und wird damit der mit Abstand mächtigste Fürst des Reiches. Dank seiner – zunächst von seinem kaiserlichen Vetter Barbarossa tolerierten – rigorosen Machtpolitik steigt er in der Folgezeit zu einer königsgleichen Stellung auf, die schließlich das Machtgefüge des Reiches zu sprengen droht, so daß sein Sturz im Jahre 1180 aus der Sicht Barbarossas unvermeidlich wird.

Heinrich der Löwe hat den Schwerpunkt seiner Herrschaft stets in Norddeutschland gesehen. Bayern ist für ihn zwar erheblich wichtiger als die ausgedehnten welfischen Besitzungen in Schwaben und Italien, aber letztlich doch ein Nebenland. Das liegt unter anderem daran, daß sich damals gerade im Norden für einen machtbewußten Herrscher beträchtliche politische Chancen eröffnen. Von der soeben in Gang kommenden Ostsiedlung begünstigt und zunächst vom Kaiser unterstützt, betreibt Heinrich eine außerordentlich erfolgreiche Expansionspolitik im Ostseeküstenbereich, von der Kieler Förde bis zum Stettiner Haff. Zugleich stellt er überall im sächsischen Stammesgebiet die herzogliche Macht wieder her, vielfach in skrupellos unbekümmertem Zugriff. Er erwirkt von seinem Vetter das Recht der Bistumseinsetzung, das eigentlich zu den königlichen Befugnissen gehört, und macht davon sowohl im Alt- als auch im Neusiedelland ausgiebigen Gebrauch. Schließlich ist er als Gründer zahlreicher Städte hervorgetreten, von denen manche, allen voran Lübeck und München, eine glänzende Entwicklung genommen haben.

Heinrich der Löwe ist nicht nur in der deutschen, sondern auch in der europäischen Politik hervorgetreten, vor allem als wichtigster Mitstreiter Barbarossas bei dessen Italienfeldzügen. Wiederholt spielt das bayrisch-norddeutsche Lehnsaufgebot des führenden deutschen Fürsten eine entscheidende Rolle bei den Fahrten „über Berg“, so im Jahre 1155, als welfische Truppen die Kaiserkrönung Barbarossas militärisch gegen die Römer absichern. Heinrichs eigene politische Verbindungen reichen von England, dessen König sein Schwiegervater ist, bis Palästina, von Italien, wo die Welfen auf Grund ihrer engen verwandtschaftlichen Bindungen zum Haus d’Este über erheblichen Territorialbesitz verfügen, bis Skandinavien. Auf der Insel Gotland gibt es damals einen „Vogt“ Heinrichs des Löwen, über dessen Funktion wir nichts Näheres wissen. Allein die Tatsache zeigt jedoch, daß der Herzog lange vor der Gründung der Hanse die Möglichkeit erkannt hat, die der Ostseeraum in Verbindung mit der Ostsiedlung bietet. Ein weiterer Beweis ist die massive Förderung, die Lübeck durch Heinrich den Löwen erfährt. Eine Stadt, die eigentlich bereits im Jahre 1143 von einem Lehnsmann des Herzogs, Graf Adolf II. von Holstein, angelegt worden war, jetzt jedoch von Heinrich beansprucht und im Jahre 1158 nach einem Großbrand neu gegründet wird.

Die Wegnahme Lübecks kennzeichnet den politischen Stil des Welfen: Wo elementare Interessen auf dem Spiel stehen, wie hier die wirtschaftlichen Zukunftschancen im Ostseeraum, greift er rücksichtslos zu. Er hat auf diese Weise in der norddeutschen Tiefebene einen „Einheitsstaat“ geschaffen, der in mancherlei Hinsicht das spätere Preußen vorwegnimmt.

Dazwischen liegen sechs Jahrhunderte, in denen der Norden Deutschlands nur eine begrenzte Bedeutung für das überregionale Geschehen hat. Das Ziel der Ottonen, Norddeutschland zum Kerngebiet des Reiches zu machen, ist nicht erreicht worden. Das genaue Gegenteil ist eingetreten: Im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit ist das nördliche Deutschland eine reichsferne Region, territorialpolitisch überdies seit dem Sturz Heinrichs des Löwen heillos zersplittert. Die Fürsten und die Freien Reichsstädte sind sich hier weitgehend selbst überlassen, Reichsorgane und Reichsinstitutionen mit überregionalen Befugnissen fehlen gänzlich, Reichsversammlungen und Reichstage finden woanders statt. Während beispielsweise in Regensburg oder in Nürnberg ein Reichstag nach dem anderen tagt, ist Lübeck, eine der bedeutendsten Reichsstädte und lange Zeit die zweitgrößte Stadt Deutschlands, nur von zwei Kaisern besucht worden, von Barbarossa und von Karl IV. Erst mit dem Aufstieg Preußens zur deutschen Führungsmacht, dem Ausscheiden Österreichs aus dem deutschen Staatenverband und der Gründung des preußisch dominierten Deutschen Reiches im Jahre 1871 verlagert sich der Schwerpunkt der deutschen Geschichte wieder eindeutig nach Norddeutschland.

B. Kirche des Nordens (Erzbistum Hamburg-Bremen)

Im Jahre 831 gründet Ludwig der Fromme, der Sohn Karls des Großen, das Bistum Hamburg, das bereits drei Jahre später zum Erzbistum erhoben wird. Damit ist der jungen Kirche an der nördlichen Peripherie des Reiches ihr Ziel gesetzt: die Gründung weiterer Bistümer im Zuge der Christianisierung Skandinaviens und der slawischen Ostseevölker, deren Siedlungsgebiet sich damals bis zur Linie Kieler Förde – Sachsenwald erstreckt, also fast bis an die Tore Hamburgs heranreicht. Ob allerdings dieses Ziel realisierbar ist, muß in der damaligen Gesamtsituation zunächst als recht fraglich erscheinen.

Das neue Erzbistum ist sehr klein. Es umfaßt lediglich einen Teil des norddeutschen Küstengebiets, darunter das noch weitgehend heidnische Nordelbingen (Holsten-, Dithmarschen- und Stormarngau) im Gebiet zwischen Nordsee, Elbe und Eider. Die nahegelegene Lüneburger Heide gehört bereits zum Bistum Verden und damit zum Erzbistum Mainz, das Emsland zum Münsteraner Sprengel des Kölner Erzstifts.

Der Versuch der Hamburger Erzbischöfe, innerhalb dieses eng bemessenen Bezirks ein größeres weltliches Herrschaftsgebiet zu schaffen, scheitert am Widerstand der Dithmarscher, die ihre germanische Gauverfassung erfolgreich verteidigen, und an den Bremer Bürgern, die ebenfalls ihre politische Unabhängigkeit zu wahren wissen. Nach weiteren Rückschlägen im Binnenland behaupten die Erzbischöfe lediglich das Gebiet zwischen unterer Weser und unterer Elbe als eigenes Territorium.

Das Erzbistum weist darüber hinaus strukturelle Schwächen auf, die wesentlich durch seine geographische Lage bedingt sind. Die Reichsgewalt ist hier im äußersten Norden kaum präsent, die kirchliche Organisation für die gottesdienstliche Versorgung der Bevölkerung unzureichend. Beides gilt vor allem für die küstennahen Gebiete und besonders für Nordelbingen, wo die politische Gewalt bis in das 12. Jahrhundert hinein praktisch bei den autochthonen Gauverbänden liegt. Das Netz der Pfarrkirchen ist hier so weitläufig, daß von einer vollen Christianisierung vor der frühen Stauferzeit keine Rede sein kann.

Auf Grund seiner peripheren Lage und der Schwäche der Reichsgewalt wird das Erzstift im 9., im ausgehenden 10. und im 11. Jahrhundert wiederholt von Normannen und Slawen angegriffen, die jeweils die von ihnen erreichten Kirchen zerstören. Schon um die Mitte des 9. Jahrhunderts muß man den Sitz des Erzstifts von Hamburg, das ebenfalls mehrfach zerstört wird, nach Bremen zurücknehmen.

Der Ratzeburger Dom – eine der schönsten Kirchen im Erzstift Hamburg

Wenn die Hamburger Kirche trotz dieser mehr als ungünstigen Voraussetzungen bei der Heidenmission europäische Bedeutung gewinnen sollte, so verdankt sie dies vor allem dem nie erlahmenden Eifer ihrer Erzbischöfe und der Tatsache, daß sich damals die noch heute bestehenden skandinavischen Nationalstaaten konstituieren, deren Königen das Christentum als geistige Klammer für ihre Staatswesen geeignet erscheint. Der als „Apostel des Nordens“ gefeierte erste Hamburger Erzbischof Ansgar hatte schon 826 als Corveyer Mönch im Auftrag Kaiser Ludwigs des Frommen den dänischen König Harald, der das Christentum angenommen hatte, in dessen Land begleitet, um dort die Mission in Gang zu bringen. Er scheitert jedoch ebenso wie bei verschiedenen Missionsreisen, die er während seines Pontifikats unternimmt. Noch behauptet sich sowohl in Skandinavien als auch im Slawenland das Heidentum.

Erst mit dem Erstarken der Reichsgewalt im 10. Jahrhundert setzt eine günstigere Entwicklung für das Erzstift ein. Otto der Große gründet im Jahre 947 die Bistümer Schleswig, Ripen und Aarhus und unterstellt sie dem Erzbistum Hamburg-Bremen, dessen kirchliches Hoheitsgebiet sich damit nach Norden ausweitet. Bemerkenswert erscheint dabei, daß alle drei Bischofssitze außerhalb des deutschen Herrschaftsgebietes liegen. Ein weiteres damals gegründetes, ebenfalls Hamburg-Bremen unterstelltes Bistum, Oldenburg in Holstein, fällt 983 dem großen Slawenaufstand zum Opfer.

Der Durchbruch wird dann unter Erzbischof Adalbert erzielt, der das Pontifikat von 1043 bis 1072 bekleidet und zu den mächtigsten Männern des Reiches zählt, insbesondere zur Zeit seiner Vormundschaft über den jungen König Heinrich IV. Aus einem angesehenen Grafengeschlecht stammend, tatkräftig und politisch begabt, nimmt er die Nordeuropamission erneut in Angriff und erzielt dabei beachtliche Erfolge, über die wir durch die „Hamburger Kirchengeschichte“ seines Zeitgenossen Adam von Bremen gut unterrichtet sind.

1053 erhält er vom Papst als „Legat des Nordens“ die kirchliche Oberherrschaft über ganz Nordeuropa einschließlich der Färöer- und Orkneyinseln und Island sowie über das von hier aus entdeckte Grönland. Zwar scheitert sein Plan, ein „Patriarchat des Nordens“ zu errichten, am Widerspruch des Papstes, doch beeinträchtigt dies die Mission nicht.

Besonders eng ist die Zusammenarbeit mit dem dänischen König Sven Estridson (1047–1074), der seine Herrschaft bewußt auf die Kirche stützt und persönlich mit Adalbert befreundet ist. Das Königreich Dänemark erhält damals eine flächendeckende kirchliche Organisation: Die bereits von Otto dem Großen gegründeten Bistümer werden reorganisiert, in Odense, Roskilde, Vestervig und in dem damals zu Dänemark gehörenden Lund neue Bistumssitze errichtet. Alle diese Bistümer unterstehen dem Erzbistum Hamburg-Bremen.

Auch in Norwegen sind der Aufstieg des Königtums und die Bildung des Gesamtstaats eng mit der Christianisierung verbunden. König Olaf der Heilige schwingt sich 1015 zum Alleinherrscher auf, löst das Land aus der Abhängigkeit von Dänemark und christianisiert es. Der Ausbau der kirchlichen Organisation im Zeitalter König Olaf Kyrres (1067–1093) geht dann ebenfalls vom Erzstift Hamburg-Bremen aus, dem nicht nur das führende Bistum Trondheim, sondern auch alle kleineren Bistümer Norwegens unterstellt sind.

Zweihundert Jahre nach den ersten Missionsbemühungen Ansgars ist der größte Teil der Bevölkerung Schwedens immer noch heidnisch. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts setzt jedoch auch hier die Christianisierung ein, zunächst im Landesteil Götaland, wo König Stenkil (1060–1066) in enger Zusammenarbeit mit dem Erzbistum Hamburg-Bremen das erste schwedische Bistum Skara errichtet – wieder gehen der Aufstieg der Monarchie, der politische Konzentrationsprozeß und die Mission durch die deutsche Reichskirche Hand in Hand. Das gleiche gilt auch für Svealand, das sich seit Ende des 11. Jahrhunderts zum eigentlichen Kerngebiet Schwedens entwickelt. Der Dom von Uppsala, damals anstelle eines uralten heidnischen Heiligtums errichtet, wird schon sehr bald das kirchliche Zentrum des ganzen Landes, wobei das zugehörige Bistum zunächst ebenfalls dem Hamburg-Bremer Erzstift unterstellt bleibt.

Fast ein Jahrhundert später greift die Hamburger Kirche auch auf die östliche Ostseeküste aus. 1180 beginnt der Augustiner-Chorherr Meinard aus Segeberg mit der Mission der Liven, einem kleinen, später in den Letten aufgegangenen Volk an der unteren Düna. Sechs Jahre später wird er zum Bischof von Riga gewählt, das zum kirchlichen Zentrum der gesamten Region wird: bereits um 1200, während des Pontifikats von Erzbischof Albert, werden die Grundlagen der kirchlichen Organisation im Gebiet des heutigen Estland und Lettland geschaffen.

Im 12. Jahrhundert löst sich freilich Skandinavien, im 13. auch das Baltikum von der deutschen Reichskirche. 1104 wird in Lund ein eigenes Erzbistum für Dänemark gegründet, ein halbes Jahrhundert später die neuen Erzbistümer Trondheim (1152) und Uppsala (1164) für Norwegen und Schweden. Damit verfügen – wie Polen und Ungarn bereits seit der Jahrtausendwende – alle drei nordischen Königreiche über eigene Landeskirchen mit direkter Verbindung zum Heiligen Stuhl. Zwar wird die Hamburg-Bremer Kirchenprovinz nach dem Einsetzen der Ostsiedlung durch die neugegründeten Bistümer Lübeck, Ratzeburg und Schwerin noch einmal etwas vergrößert, die große Zeit der Hamburger Kirche ist jedoch mit dem Verlust ihrer nordeuropäischen Gebiete vorbei. Sie sieht sich, nachdem 1255 auch Riga zu einem eigenständigen Erzbistum erhoben wird, fast wieder auf ihre Ausgangslage im 9. Jahrhundert zurückgeworfen.

Die Erfolge der erzbischöflichen Mission vom 10. bis zum 12. Jahrhundert sind gleichwohl bemerkenswert, vor allem in Anbetracht der riesigen Entfernungen und der damaligen Kommunikationsmöglichkeiten. Es stellt sich allerdings die Frage, wie nachhaltig die Christianisierung in Skandinavien und im nördlichen Norddeutschland eigentlich gewirkt hat. Zwar bekennt man sich in der Folgezeit auch im Norden zum Christentum, und die Kirche spielt im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. Von einer so weitgehenden christlichen Durchdringung wie in vielen anderen Teilen Europas kann jedoch keine Rede sein. Die Mission setzt erst spät ein, wenige Jahrhunderte vor der Reformation, die den gesamten Bereich des Erzstifts Hamburg erfasst. Vor allem aber bleibt die kirchliche Infrastruktur, verglichen mit Süddeutschland und Südeuropa, sehr dürftig. Die wenigen Klöster des Mittelalters werden im 16. Jahrhundert aufgehoben, und das Netz der Pfarrkirchen ist bis heute sehr weitmaschig: Während am Rhein, am Main und an der Donau jedes Dorf seine Kirche hat, umfassen die Kirchspiele Frieslands, Holsteins, Mecklenburg und Pommerns oft ein Dutzend oder mehr Ortschaften. Der späten Christianisierung entspricht die frühe Abwendung vom christlichen Glauben, die sich hier seit dem 19. Jahrhundert schneller und umfassender vollzogen hat als anderswo.

C. „Straße der Romanik“

Der Harz-Mittelelbe-Raum weist im hohen Mittelalter eine kulturelle Dichte auf wie wenige andere Regionen Europas; in ottonisch-salischer Zeit ist sie eine, wenn nicht die Kernlandschaft des Reiches. Hier liegen die Eigengüter des sächsischen Herzogshauses, hier bildet sich im Zuge des Aufstiegs der Dynastie ein immer enger werdendes Netz von Burgen und Pfalzen, Domen und Klöstern, von hier gehen entscheidende Impulse für die Reichspolitik aus, vor allem im Zeitalter Heinrichs I. (919–936) und gegen Ende des 10. Jahrhunderts, als das Reich wegen der Unmündigkeit Ottos III. (1002–1024) von den Kaiserwitwen Adelheid und Theophanu gelenkt wird, ferner unter Otto dem Großen (936–973) und auch noch in salischer Zeit. Die steinernen Zeugen dieser reichsgeschichtlichen Tradition erschließt heute die „Straße der Romanik“, eine vom Land Sachsen-Anhalt eingerichtete Touristenroute; hinzukommen die Baudenkmäler im niedersächsischen und thüringischen Teil des Harzes, allen voran die in Goslar und Nordhausen.

Zentrum der Region ist, in unmittelbarer Nähe der slawischen Siedlungsgrenze an einem seit jeher wichtigen Elbübergang gelegen, bis zum heutigen Tag Magdeburg. Der Ort erfreut sich der besonderen Gunst Ottos des Großen, der hier im Jahre 968 das dritte große Missionserzbistum des Reiches (nach Salzburg und Hamburg) errichtet, das nicht nur auf die Christianisierung der Elb-Oder-Slawen, sondern auch auf die der Polen und Russen abzielt. Das Gebiet westlich der mittleren Elbe wird damit zum Ausgangsraum der hochmittelalterlichen Missions-, Marken- und Siedlungspolitik. Symbol dieser Konzeption ist bis heute der Magdeburger Dom, aber auch viele andere Sakralbauten im Alt- und Neusiedelland, etwa die nahezu unverändert gebliebene Gernroder Stiftskirche, in der die sterblichen Überreste des Markgrafen Gero ruhen, des ersten bedeutenden Verfechters ottonischer Ostpolitik.

Stifterfiguren im Naumburger Dom. Markgraf Ekkehard II. von Meißen, rechts: seine Gemahlin Uta

Die reichs- und kirchenpolitische Entwicklung des Harz-Mittelelbe-Gebiets hat dazu geführt, daß die Bautätigkeit in dieser Region während des gesamten Hochmittelalters nicht abgerissen ist. Das Netz der noch aus dem 9. Jahrhundert stammenden Burgen (Querfurt, Allstedt, Magdeburg, Seeburg, Quedlinburg) wird unter Herzog und König Heinrich systematisch ausgebaut, als Wellenbrecher gegen die Ungarn einerseits, zu Regierungs-, Verwaltungs- und Repräsentationszwecken andererseits. Vielfach stellen diese Burgen, so etwa die Harzburg, die Kristallisationskerne für städtische Siedlungen dar. Besonders eindrucksvoll wirkt heute noch der Quedlinburger Burgberg, wo Heinrich eine der wichtigsten Königspfalzen des Reiches errichtet, in der er sich gerne und häufig aufhält. Unmittelbar nach seinem Tod gründet die Königswitwe Mathilde hier das Frauenstift Servatius, das sie in der Folgezeit als Äbtissin leitet; jeden Tag verweilt sie am Sarkophag ihres Gemahls, der in der Stiftskirche seine letzte Ruhe gefunden hat.

Im Zeitalter der Salier (1024–1125), die als Könige und Kaiser zu ihren fränkischen Besitzungen auch das norddeutsche Königsgut erhalten, verlagert sich das Schwergewicht der politischen Aktivität von Quedlinburg nach Goslar, das zum wichtigsten Stützpunkt der Reichsgewalt im Norden wird. Der weitere Ausbau der Harzregion zu einer geschlossenen Reichslandschaft, vor allem von Konrad II. (1024–1039), Heinrich III. (1039–1056) und Heinrich IV. (1066–1106) mit Nachdruck betrieben, stößt jedoch auf zunehmenden Widerstand des einheimischen Adels, zumal die Reichsburgen sehr häufig mit süddeutschen Rittern besetzt waren.

Nach dem Niedergang der Königsmacht, die sich bereits in staufischer Zeit im Norden nicht mehr so stark geltend macht, errichten im Harz und im benachbarten Unstrut- und Saalegebiet zahlreiche regionale Machthaber Burgen, die sich zu Herrschafts- und Verwaltungszentren entwickeln und die mitunter auch kulturgeschichtliche Bedeutung erlangen. So hat auf Burg Falkenstein Eike von Repgow verkehrt, der Verfasser des Sachsenspiegels, auf Neuenburg der Dichter Heinrich von Veldeke.

In Quedlinburg und in dem bereits 852 gegründeten Stift Gandersheim haben fast ein Jahrtausend lang unverheiratete Damen des niedersächsischen Adels gelebt und gewirkt. Die Äbtissinnen bleiben bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts reichsunmittelbare geistliche Fürstinnen, doch haben beide Abteien keine territorialpolitische Bedeutung erlangt. Die Stiftskirche Quedlinburg stellt in ihrer heutigen Form ein Juwel hochromanischer Baukunst dar; sie enthält reichen Bauschmuck, eine Hallenkrypta aus der Zeit um 1100 und eine wertvolle Schatzkammer. Oberitalienischer Einfluß auf die Architektur ist unverkennbar, ebenso wie bei der im nördlichen Harzvorland gelegenen Kirche von Königslutter. Die kaiserliche Italienpolitik hat, wie nicht nur diese beiden Beispiele zeigen, unter anderem auch kunstgeschichtliche Folgen gehabt, die bis Norddeutschland reichen.

Zum Erzbistum Magdeburg gehören die Bistümer Brandenburg, Havelberg, Merseburg, Meißen und Zeitz-Naumburg. Infolgedessen entstehen im gesamten Bereich der mittleren Elbe repräsentative Dombauten. Dies geschieht, auch in Magdeburg, bereits in ottonischer Zeit, doch sind die Vorgängerbauten der heutigen Dome nur bruchstückhaft erhalten.

Die ältere Geschichte des Erzbistums Magdeburg läßt sich nicht anders als im europäischen Zusammenhang darstellen. Anlaß der Gründung ist die Verbreitung des Christentums in Osteuropa; dabei wirken Kräfte nicht nur aus dem Reich, sondern auch aus Westeuropa mit. Der erste Erzbischof Adalbert, ein Mönch von St. Maximin in Trier, gilt nach seiner Ernennung als „Bischof der Russen“, verfügt aber auch über enge Verbindungen nach Frankreich. St. Maximin ist das Mutterinstitut des Magdeburger Benediktinerklosters St. Mauritius, aus dessen Besitz die Grundausstattung des neuen Erzbistums stammt, und die Trierer Mönche unterhalten lebhafte Beziehungen zur Rhôneregion, wo der Kult des heiligen Mauritius besonders gepflegt wird.

Durch den Slawenaufstand des Jahres 983, den zunehmenden Einfluß der von Byzanz ausgehenden orthodoxen Mission in Rußland und schließlich durch den Verlust des ursprünglich zu Magdeburg gehörenden Bistums Posen und die Gründung eines eigenen polnischen Erzbistums im Jahre 1000 verliert das Elbestift seine von Otto dem Großen festgelegte Bestimmung und einen Großteil seiner Bedeutung. Mit dem Beginn der Ostsiedlung im 12. Jahrhundert erlebt es jedoch noch einmal einen beachtlichen Aufschwung als Ausgangspunkt für die Siedlungsbewegung und für zahlreiche Kirchen- und Klostergründungen. Auch der heutige Magdeburger Dom ist damals entstanden, und zwar unter Erzbischof Adalbert II. (1205–1232), der in Paris studiert hat, ein Kenner der frühen französischen Gotik ist und den neuen Baustil nun erstmals in den Bereich der mittleren Elbe überträgt.

Der Prämonstratenserorden, 1120 von Norbert von Xanten gegründet, nimmt seinen Ausgang vom Kloster „Unserer Lieben Frauen“ in Magdeburg. Er sieht seine Aufgabe vor allem in der Slawenmission und verbreitet sich im gesamten östlichen Mitteleuropa. Seine Kirchen haben etwas Burgenartiges: strenge Baugliederung, hoch aufragendes Westwerk, flankierende Türme. Die Klosterkirche von Jerichow und der Havelberger Dom lassen noch heute etwas von der Gesinnung erahnen, die hinter einer solchen Architektur steht.

Die Kulturleistung Ostsachsens und der Harzlandschaft beschränkt sich aber nicht nur auf Religion, Kunst und Architektur. Bedeutsam sind auch die Literatur und die Geschichtsschreibung, in der ein starkes regionales Identitätsbewußtsein zum Ausdruck kommt. Widukind von Corvey und Thietmar von Merseburg, die Chronisten der ottonischen Zeit, schreiben voller Stolz über die politischen Erfolge Sachsens und seiner Dynastie und fühlen sich in diesem Sinne ganz als Norddeutsche, auch wenn ihre Geschichtsschreibung sich auf das gesamte Reich bezieht. Das gleiche gilt für die Nonne und Dichterin Roswitha von Gandersheim. Sie fühlt sich, wie ihr Gedicht „De gestis imperatoris Ottonis I.“ zeigt, ganz ihrer Heimat und deren großem Sohn verbunden. Sie behandelt aber auch, und zwar auf hohem Niveau, in ihren geistlichen Stücken und in sechs Dramen zahlreiche Gegenstände, die sie als Kennerin der europäischen Geschichte und Literatur ausweisen. Roswitha schreibt in lateinischer Sprache und gilt als herausragende literarische Vertreterin der „ottonischen Renaissance“.

Auch nach dem Ende der ottonischen und der salischen Epoche bleibt der Harz-Elbe-Raum eine wichtige Kulturregion. Bemerkenswert ist hier vor allem der Sachsenspiel Eikes von Repgow, der zum ersten Mal das niederdeutsche Gewohnheitsrecht systematisch darstellt. Von überregionaler Bedeutung ist ferner das Magdeburger Stadtrecht, das die bürgerlich-freiheitliche Stadtverfassung Magdeburgs ebenso widerspiegelt wie das Lübische Recht diejenige Lübecks. Während letztes jedoch auf den Küstenraum der Ostsee beschränkt bleibt, breiten sich das Magdeburger Recht und seine ostpreußische Variante, die „Kulmer Handfeste“, bis über die Weichsel nach Osten hin aus. Das Magdeburger Recht ist damit ein bedeutendes Phänomen der europäischen Stadtkultur.

All dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die wirklich große Zeit der Region mit dem Ende der ottonischen Dynastie vorbei ist. Nie wieder sind Orte wie Quedlinburg und Magdeburg die Zentren deutscher und europäischer Politik gewesen, nie wieder werden Rang und Rolle des Magdeburger Erzstifts von den Menschen so hoch eingeschätzt wie in der Zeit Ottos des Großen und des ersten „Bischofs der Russen“. Zwar behält die Stadt Magdeburg als wichtigster Elbübergang für den Handelsverkehr in West-Ost-Richtung große Bedeutung, doch auch damit ist es nach der nahezu totalen Zerstörung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg vorbei. Erst seit dem 18. Jahrhundert gewinnt Magdeburg wieder eine gewisse Bedeutung: als wichtigste Festung im Westen des Königreichs Preußen, als Verwaltungs- und Industriestadt. Heute ist Magdeburg Hauptstadt des wieder errichteten Landes Sachsen-Anhalt, doch ist das alte Stadtbild durch die Zerstörungen des Dreißigjähren Krieges und des Zweiten Weltkrieges unwiderruflich zerstört.

D. Für Kirche und Reich (Erzbistümer Köln, Mainz und Trier)

Christliches Leben hat es in Köln, Mainz und Trier schon in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten gegeben, seit Anfang des 4. Jahrhunderts sind Bischöfe bezeugt. Die Tradition der drei rheinischen Erzbistümer reicht also viel weiter zurück als die der übrigen Erzdiözesen Salzburg, Hamburg-Bremen und Magdeburg. Dies ist der Grund dafür, daß die westdeutschen Kirchenprovinzen während des ganzen Mittelalters eine Vorrangstellung in der Kirchenorganisation des Reiches eingenommen haben.

Alle drei Erzbischöfe sind zunächst einmal Inhaber eines geistlichen Amtes, das sich nicht nur auf die eigene Diözese beschränkt, sondern die untergeordneten Bistümer mit umfaßt. Sie bauen sich zweitens auf der Grundlage der politischen Privilegien, die sie genießen, im Laufe des Hochmittelalters jeweils mittelgroße Territorien auf, sind also zugleich weltliche Herrscher – seit etwa 1200 Landesherren in einem geschlossenen Territorium. Drittens sind sie entscheidend an der Gestaltung der Reichspolitik beteiligt; vor allem der Erzbischof von Mainz ist während des ganzen Hochmittelalters einer der wichtigsten Berater des Königs und damit einer der mächtigsten Männer des Reiches. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts gestalten sie nicht nur die deutsche, sondern die europäische Politik mit.

Als weltliche Herrscher und als Berater in der Reichspolitik verhalten sich die angesehensten deutschen Kirchenfürsten nicht anders als andere Politiker: ehrgeizig und machtbewußt, mitunter skrupellos und intrigant. Wie alle Bischöfe sind sie geistliche Hirten, Waffenträger und oberste Gerichtsherrn zugleich; sie gehören darüber hinaus dem exklusivsten gesellschaftlichen und politischen Führungszirkel an. Dies alles läßt sich damals auch in den Augen der Bevölkerung durchaus mit dem religiösen Auftrag vereinbaren, da die beiden Universalgewalten, Reich und Kirche, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln, dasselbe Ziel anstreben: ein Reich des Friedens und des Evangeliums.

Am ungebrochensten ist die kirchliche Kontinuität vom Altertum zum Mittelalter in Trier, wo die Liste der Bischöfe auch in den turbulenten Zeiten der Völkerwanderung und der fränkischen Landnahme keine Lücken aufweist. Den Trierer Erzbischöfen gelingt es in erstaunlich kurzer Zeit, ein Territorium im Bereich der unteren Mosel zu errichten, dessen Grenzen im Raum Koblenz den Rhein weit nach Osten überschreiten. Aber die Moselstraße hat nicht die Bedeutung der Rheinschiene, und im Vergleich zu Köln und Mainz liegt Trier bereits randlich, nicht weit von der deutsch-französischen Sprachgrenze entfernt. Die wenigen Bistümer der verhältnismäßig kleinen Kirchenprovinz, Metz, Toul und Verdun, befinden sich alle auf französischsprachigem Gebiet.

Dies alles sind Gründe dafür, daß die Erzdiözese Trier nicht ganz mit Köln und Mainz mithalten kann. Gleichwohl ist der Trierer Einfluß auf die Reichspolitik besonders seit der Einbeziehung Burgunds in das Imperium (1033) bedeutend. Den Erzbischöfen von Trier obliegt nämlich die Leitung der Kanzlei für das Königreich Burgund, so daß sie die Politik in diesem Reichsteil maßgeblich mitbestimmen. Mit dem Amt ist außerdem die Nähe zum jeweiligen Herrscher und damit der Einfluß auf die Gesamtpolitik verbunden, auch und besonders bei den Königswahlen. In dem siebenköpfigen Kursfürstenkollegium, das seit 1356 den deutschen König und römischen Kaiser wählt, haben die Trierer Erzbischöfe den dritthöchsten Rang, obwohl die vier Laienfürsten dieses Gremiums über wesentlich größere Territorien gebieten.

Deutlich stärker ist die politische Position der Kölner Erzbischöfe bereits seit Beginn der deutschen Geschichte. Erzbischof Brun (953–965), der jüngste Sohn Heinrichs I., ist seinem Bruder, Kaiser Otto dem Großen, treu ergeben und spielt die entscheidende Rolle bei der Durchsetzung des Reichs-Kirchen-Systems in Westdeutschland. Als Herzog von Lothringen verfügt er über politische Möglichkeiten, die weit über sein Amt und seine Diözese hinausreichen. Er hat diese Möglichkeiten genutzt, um den hohen rheinischen Klerus zur Reichstreue und zur Loyalität gegenüber dem König zu erziehen, und damit wesentliche Grundlagen der künftigen Reichspolitik geschaffen. Der Aufstieg des Kölner Erzstifts hält auch nach Bruns Tode an: 1028 erhalten die Erzbischöfe das Recht der Königskrönung und -salbung, 1031 übernehmen sie die Leitung der Reichskanzlei für Italien, 1180 werden sie Herzöge von Westfalen und damit de iure Nachfolger der Welfen im Westen des alten sächsischen Stammesherzogtums.

Die Königssalbung, die im Aachener Münster, gleichsam in Gegenwart des dort bestatteten Karls des Großen stattfindet, muß man mit den Augen des Mittelalters betrachten, wenn man ihre politische Bedeutung ermessen will. Der Kölner Erzbischof, der diese Zeremonie vornimmt, wird dadurch zu einer „heilsvermittelnden Instanz“ für die Reichspolitik. Durch die Leitung der für Reichsitalien zuständigen Kanzlei gewinnen die Erzbischöfe maßgeblichen Einfluß auf die kaiserliche Rom- und Italienpolitik. Die Erhebung in den Herzogsstand schließlich belohnt die reichstreue Haltung des Stifts, gerade auch in den vorangegangenen Kämpfen mit Heinrich dem Löwen. Sie ist zugleich die Krönung der erzbischöflichen Territorialpolitik, die zunächst zur Herrschaftsbildung in einem linksrheinischen Gebietsstreifen zwischen Neuss und Andernach führt, in staufischer Zeit aber weit darüber hinausreicht, vor allem in den südwestfälischen Raum.

Einige Kölner Erzbischöfe gehören zu den bedeutendsten Köpfen mittelalterlicher Politik, vor allem Anno II. (1056–1075), Rainald von Dassel (1059–1067) und Philipp von Heinsberg (1167–1191). Erzbischof Anno öffnet seine Diözese der von Cluny ausgehenden kirchlichen Reformbewegung und gibt der „Kölner Sakrallandschaft“ durch den Bau oder Umbau zahlreicher Gotteshäuser ihr heutiges Gesicht. Sein Zeitgenosse Adam von Bremen beschreibt die damalige Kölner Kirche wie folgt: „Sie war vorher schon groß gewesen; er machte sie so bedeutend, daß sie über jeden Vergleich mit einer anderen Kirche des Reichs erhaben war.“

Rainald von Dassel (1120–1167), Erzbischof von Köln und Kanzler Kaiser Friedrich Barbarossas (Büste am Drei-Königs-Schrein im Kölner Dom)

In der Reichsgeschichte ist Anno vor allem durch den „Staatsstreich von Kaiserswerth“ bekannt geworden. Im Jahre 1062 läßt er den damals zwölfjährigen späteren Kaiser Heinrich IV. von einem bei der Pfalz Kaiserswerth (nördlich von Düsseldorf) ankernden Schiff entführen und wird auf diese Weise der mächtigste Fürst des Reiches. Zwar muß er diese Stellung bald an seinen Amtsbruder Adalbert von Bremen abtreten, doch beauftragt der junge König ihn 1072 noch einmal mit der Reichsregentschaft. Trotz seiner Sympathie für die cluniazensische Reformbewegung, die zur Machtsteigerung der Kirche und zum Investiturstreit zwischen Papst und Kaiser führt, hat Anno ebenso wie seine Nachfolger in politischer Hinsicht unbeirrt die Interessen des Reichs vertreten – ohne den Rückhalt der rheinischen Erzdiözesen hätten Heinrich IV. und Heinrich V. den Investiturstreit kaum führen können.

In der großen Politik hat Rainald von Dassel die bedeutendste Rolle aller Kölner Erzbischöfe gespielt. Als Leiter der Italien-Kanzlei ist er für die Konzeption und bis zu seinem Tod auch für die praktische Durchführung der Papst- und Rompolitik Barbarossas zuständig. Unter dem Schlagwort „Honor Imperii“ zielt er ebenso konsequent wie kompromißlos auf die Wiederherstellung der im Investiturstreit und im staufisch-welfischen Bürgerkrieg weitgehend verlorengegangenen Hoheit des Kaisers über Reichsitalien, ohne seine Gegner – die Kurie, die oppositionellen Fürsten und die aufblühenden lombardischen Städte – jemals über seine Zielsetzung im Unklaren zu lassen. Schon vor Beginn der eigentlichen Auseinandersetzung steckt er die Fronten klar ab. Auf dem Reichstag von Besançon hat er in seiner Zuständigkeit für Italien eine Grußbotschaft des Papstes verlesen, in der das Reich als „beneficium“ des Heiligen Stuhls bezeichnet wird. Rainald von Dassel übersetzt das Wort mit „Lehen“ – nicht aus zwingenden sprachlichen Gründen, sondern in wohlkalkulierter politischer Absicht: Die Teilnehmer des Reichstags reagieren daraufhin mit äußerster Empörung.

Da die Italienpolitik für Barbarossa einen sehr hohen Stellenwert hat, ist der Erzbischof durch sein Reichsamt dermaßen stark in Anspruch genommen, daß er sich kaum um seine Diözese kümmern kann. Seine bedeutendste Leistung für das Erzstift besteht darin, daß er die Gebeine der Heiligen Drei Könige, die ihm der Kaiser nach der Zerstörung Mailands überläßt, nach Köln bringt. Sie werden bis heute in einem Prunkschrein des Domes aufbewahrt und tragen viele Jahrhunderte lang zur religiösen Bedeutung Kölns bei.

Gleichsam nebenbei errichtet Rainald von Dassel als „Legat für Tuscien“ in der Toskana eine zweite ausgedehnte Herrschaft, kann dieses Werk aber nicht zu Ende führen, da er wie viele Angehörige des deutschen Heeres 1167 vor Rom einer Malariaseuche erliegt. Sein Nachfolger als Erzbischof und Kanzler, Philipp von Heinsberg, ist bei aller Konsequenz im grundsätzlichen politisch flexibler als Rainald und hat maßgeblichen Anteil daran, daß die Hoheit des Reiches über Italien – wenn auch mit gewissen Abstrichen – schließlich mit diplomatischen Mitteln erreicht wird. 1180 erhält der Erzbischof, der zu den wichtigsten Verbündeten des Kaisers im Kampf gegen Heinrich den Löwen gehört, nicht nur den Titel eines Herzogs von Westfalen, sondern auch die Gebiete um Soest und Werl, zu denen später noch die Grafschaft Arnsberg kommt. In den Folgejahren baut er unter enormem finanziellen Aufwand das gesamte Kölner Herrschaftsgebiet zu einem geschlossenen Territorium aus, zahlreiche Burgen werden damals neu errichtet oder modernisiert. Als Philipp 1191 – ein Jahr nach dem ihm stets sehr nahestehenden Kaiser – stirbt, ist er der mächtigste Reichsfürst nördlich der Alpen.

Oberhaupt der Reichskirche, „Primas Germaniae“, ist jedoch nicht der Kölner, sondern der Mainzer Erzbischof. Seine Kirchenprovinz reicht von den Vogesen bis zur Altmühl, von Graubünden bis zur Lüneburger Heide und umfaßt damit den weitaus größten Teil des deutschen Altsiedellandes. Zwölf Diözesen sind dem Mainzer Erzbistum unterstellt, die Mehrzahl der deutschen Bistümer. Auch die territorialpolitischen Ambitionen der Mainzer Erzbischöfe sind weiter gespannt als die der meisten anderen geistlichen Fürsten. Das Kerngebiet ihrer Herrschaft stellen alte Besitzungen im Nahe-, Main- und Rheingau dar, die teilweise auf die karolingische Zeit zurückgehen. Zusätzlich erwerben sie im Laufe der Zeit entferntere Gebiete im nordhessisch-thüringischen Raum, unter anderem die Wetterau, das Eichsfeld und die Stadt Erfurt mit Umgebung.

Von spätmerowingischer bis spätstaufischer Zeit, also ein halbes Jahrtausend lang, haben die Mainzer Erzbischöfe eine zentrale, einige von ihnen eine überragende Rolle in der Reichspolitik gespielt. Bonifatius führt zwar noch nicht den Titel eines Erzbischofs, schafft aber mit seiner große Teile Deutschlands erfassenden kirchlichen Organisationsarbeit die Grundlagen für die spätere Entwicklung seines Sprengels. Im Zeitalter des niedergehenden ostfränkischen Reiches reicht die politische Autorität der Mainzer Erzbischöfe an die der schwachen karolingischen Könige heran, besonders während des Pontifikats des Erzbischofs Hatto (891–913).

Im Zusammenhang mit dem Reichs-Kirchen-System bauen die Erzbischöfe ihre politische Stellung weiter aus. Seit 975 üben sie das Amt des Erzkanzlers mit Zuständigkeit für das gesamte deutsche Reich aus. Sie stehen damit an der Spitze der wichtigsten Reichsbehörde, halten sich ständig in der Nähe des Königs auf und üben damit entsprechenden Einfluß aus. Zugleich behaupten sie die Schlüsselstellung, die sie seit der ausgehenden Karolingerzeit bei den Königswahlen haben und die noch in der „Goldenen Bulle“, dem Reichsgrundgesetz von 1356, ausdrücklich bestätigt wird: Der Mainzer Erzbischof, der den höchsten Rang unter den sieben Kurfürsten einnimmt, leitet die Wahl und gibt als erster seine Stimme ab.

Gestützt auf diese Befugnisse, haben die Erzbischöfe von Mainz eine wesentliche Rolle in der deutschen Geschichte des Mittelalters gespielt, auch wenn sie nach der Katastrophe des staufischen Hauses nur noch gelegentlich an ihre alte Bedeutung anknüpfen können. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang vor allem drei Pontifikate des 12. und 13. Jahrhunderts, nämlich die der Erzbischöfe Adalbert (1111–1137), Christian (1167–1183) und Siegfried II. (1200–1230). Adalbert betreibt eine nachhaltige Territorialpolitik und schafft die Voraussetzungen für die spätere erzbischöfliche Landesherrschaft, während sich Christian fast ausschließlich um die Reichspolitik kümmert; nach dem Tod Rainalds von Dassel wird er zum wichtigsten politischen Berater Kaiser Barbarossas. Unter Siegfried II. schließlich erreicht das Erzbistum Mainz den Höhepunkt seiner politischen Geschichte. Er verfügt zwar bei weitem nicht über das größte Territorium des Reiches, gehört aber zu den politisch einflußreichsten Männern seiner Zeit.

E. Königsland am Rhein (Nördliche Oberrhein-Region)

Das Einzugsgebiet des Rheins ist seit jeher eine völkerverbindende Region gewesen, der Strom selbst ist nicht nur im Bewußtsein der unmittelbaren Anwohner tief verankert. Schon in frühgeschichtlicher Zeit bietet sich hier die Möglichkeit, die verkehrsfeindliche Mittelgebirgsschwelle in Nord-Süd-Richtung zu überwinden. Vom Oberlauf des Rheins aus sind die nach Italien führenden Alpenpässe zu erreichen, auf dem Weg über die Burgundische Pforte auch das Rhônetal, das für den Nord-Süd-Verkehr bis heute eine ähnliche Bedeutung hat.

An zwei Stellen, am Nord- und am Südrand des Rheinischen Schiefergebirges, kreuzen bedeutende Ost-West-Verbindungen die Rheinschiene. Es ist kein Zufall, daß die Schwerpunkte bereits der römischen Aktivität im Raum Xanten – Köln einerseits, in Mainz andererseits gelegen haben, von hier aus hat man versucht, lippe- und mainaufwärts in das Innere Germaniens vorzudringen. Später folgen die Fernverbindungen Paris – Metz – Frankfurt – Leipzig und Köln – Hannover – Magdeburg – Berlin diesen Trassen, so daß die Kreuzungspunkte schon aus verkehrsgeographischen Gründen stets ihre Bedeutung behalten haben.

Erben der Römer im nördlichen Oberrheingebiet sind zunächst die Burgunder, die hier zu Beginn des 5. Jahrhunderts ein Reich mit der Hauptstadt Worms errichten. An diese Zeit erinnert noch das Nibelungenlied, dessen erster Teil in Worms spielt. Auch der im zweiten Teil geschilderte Untergang der Burgunder hat insofern einen historischen Kern, als das burgundische Reich 436 dem gemeinsamen Angriff von Römern und Hunnen erliegt. Auch die Bedeutung der Rheinschiene kommt in dem Lied zum Ausdruck: Siegfried, der „Held aus Niederland“, wird als Königssohn in Xanten geboren, und zur Werbung um Brunhild fahren er und König Gunther rheinabwärts zur Nordsee und nach Island.

Der Dom zu Speyer: Größter Sakralbau der Romanik

An die Stelle der Burgunder treten zunächst die Alemannen, die mit den Franken um die Herrschaft im heutigen Frankreich rivalisieren, von diesen aber 496 in die Schranken verwiesen und nach Süden abgedrängt werden. In karolingischer Zeit sind erhebliche Teile des nördlichen Oberrheingebietes fränkisches Königsland, besonders in der Umgebung der hier errichteten Pfalzen von Ingelheim und Tribur, die das System der hessischen Königspfalzen (Fritzlar, Hersfeld, Fulda, Frankfurt, Gelnhausen) nach Süden abrunden. Vor allem in der Pfalz Ingelheim, die wohl in den Jahren um 780 erbaut wird, hat sich Karl der Große gerne aufgehalten; in Tribur finden wiederholt Reichsversammlungen statt.

Nicht weit von der alten Burgunderhauptstadt Worms, wo die Karolinger ebenfalls über erhebliche Besitzungen verfügen, wird 764 ein Benediktinerkloster gegründet, das Karl der Große wenig später nach Lorsch verlegt, zur Reichsabtei erhebt und großzügig ausstattet; die Besitzungen der Abtei reichen später von Utrecht bis Basel. Während des ganzen Hochmittelalters stellt das 1232 an das Mainzer Erzstift, später an die Pfalz gefallene Kloster Lorsch ein Kulturzentrum ersten Ranges dar; die hier besonders gepflegte Reichsgeschichtsschreibung („Lorscher Annalen“) kann sich auf eine der größten Bibliotheken des Abendlandes stützen.

Daß die Gegend seit alters her den Charakter einer Königslandschaft hat, geht auch daraus hervor, daß das Kerngebiet des Erzbistums Mainz, der bedeutendsten Herrschaft dieses Raumes, zum guten Teil auf ehemaligem Königsland liegt. So fällt die Masse des Reichsguts um Rüdesheim, Eltville und Lorsch im Laufe des 9. Jahrhunderts an Mainz, und noch Otto II. vergibt 983 beträchtliche Ländereien um Bingen und im Rheingau an das Erzstift.

Im Zeitalter der Salierkaiser stellt dann das Oberrheingebiet das eigentliche Kernland des Reiches dar, insbesondere der Worms- und der Speyergau. Hier liegen in massiver Konzentration die Hausgüter der salischen Dynastie, die 1024 mit Konrad II. für ein Jahrhundert auf den deutschen Thron gelangt. Als Graf im Speyergau verfügt Konrad in der Region zwischen Kaiserslautern und dem Rheingau über umfangreiche Herrschaftsrechte und ausgedehnten Eigenbesitz, so daß die Region fortan eine wichtige politische Basis für die Reichsgewalt darstellt.

Dies zeigt sich zum Beispiel während des Investiturstreits, als ein großer Teil der Reichsfürsten und des hohen Reichsklerus von Heinrich IV. (1066–1106) abfällt und dieser sich weitgehend auf die Gebiete seiner unmittelbaren Herrschaft stützen muß. Dabei zieht er auch die Bewohner von Worms und Speyer heran, denen er so weitgehende Rechte erteilt, daß sich diese Orte zu den ersten Städten im Rechtssinne entwikkeln können. Am nördlichen Oberrhein wird damit eine neue Epoche der Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte eingeleitet. Die sich damals konstituierende Bürgerschaft der beiden Städte steht jeweils in scharfem politischen Gegensatz zu ihrem bisherigen bischöflichen Herrn, so daß die Allianz zwischen König und Bürgertum im beidseitigen Interesse liegt und infolgedessen über die Regierungszeit Heinrichs IV. hinaus andauert. 1074, 1104 und 1111 erhalten die beiden Städte Privilegien, die ihnen die völlige Emanzipation von ihren Stadtherren und den Aufstieg zu Freien Reichsstädten ermöglichen. Schon in der Salierzeit wird die dann später von den Staufern systematisch betriebene Städtepolitik eingeleitet – der Versuch, das rasch aufsteigende Bürgertum, seine erheblichen finanziellen Ressourcen und die damit verbundenen politischen und militärischen Möglichkeiten für die Reichspolitik zu nutzen.

Im Speyergau, der Wiege der Salierdynastie, wird zwischen 1030 und 1061 auch deren Grabstätte errichtet, der Dom zu Speyer. Es handelt sich um eine gewaltige dreischiffige Basilika mit Querhaus – der größte romanische Kirchenbau Deutschlands und eines der bedeutendsten Baudenkmäler des Abendlandes. Insgesamt acht Könige und Kaiser haben hier ihre letzte Ruhe gefunden, unter ihnen noch Rudolf von Habsburg (1273–1293), der, als er sein Ende kommen fühlt, in bewußter Anknüpfung an die Tradition seiner Vorgänger nach Speyer reitet. Der Dom bringt die Leitvorstellungen des hohen Mittelalters zum Ausdruck: die Majestät Gottes und die gemeinsame Zielsetzung der seinen Heilsplan erfüllenden Universalgewalten Reich und Kirche.

Mehr noch als Bamberg, vergleichbar nur mit dem Aachener Münster, stellt der Dom damit ein zentrales Monument des deutschen Königs- und abendländischen Kaisertums dar. So ist er auch immer verstanden worden, nicht nur im Mittelalter. Als beispielsweise während des Pfälzischen Krieges, also lange vor Aufkommen des nationalen Bewußtseins, französische Truppen den Dom und die Grabkammern plündern (1689), erregen sie damit nicht nur in der betroffenen Region, sondern in ganz Deutschland Abscheu. Umgekehrt ist sich der bayrische König Ludwig I. (1825–1848) allgemeiner Zustimmung sicher, als er den Dom wiederherstellen und um eine Vorhalle erweitern läßt, die zwar nicht dem heutigen Geschmack entspricht, inzwischen aber ebenfalls längst als historisches Monument zu sehen ist.

In staufischer Zeit verlagert sich das Schwergewicht des westdeutschen Reichsterritoriums aus dem Raum Rheingau – Worms – Speyer nach Süden. Den Staufern gelingt es schon früh, sich im Norden des alemannischen Siedlungsgebietes festzusetzen und etwa im Bereich der späteren Reichsstädte Annweiler und Landau die alemannisch-fränkische Stammesgrenze in Richtung Norden zu überschreiten. 1156 überträgt Barbarossa seinem Stiefbruder Konrad von Staufen die damals in der Entstehung befindliche Pfalzgrafschaft bei Rhein mit den Zentren Alzey, Neustadt/Weinstraße und Heidelberg, die spätere pfälzische Hauptstadt. Auch das weiter nördlich gelegene salische Hausgut kommt auf dem Erbwege an die neue Dynastie.

Überragende Bedeutung für die Region hat in der Stauferzeit der Ort Hagenau, der um 1035 in Anlehnung an eine Burg im Hagenauer Forst, dem Grenzwald zwischen Schwaben und Franken, entsteht. Hier errichten die Staufer 1153 eine Reichspfalz, in der bis zum Jahre 1208 die Reichskleinodien, darunter die aus dem 10. Jahrhundert stammende Reichskrone, aufbewahrt werden. Später wird Hagenau Freie Reichsstadt und Verwaltungszentrum für das Reichsgut im gesamten nördlichen Elsaß.

Weit über die Region hinaus reicht auch die Bedeutung der Reichsburg Trifels bei Annweiler, die, 1081 erstmals genannt, als stärkste Festung des Reiches gilt. Aus diesem Grunde werden 1208 die Reichskleinodien hierher gebracht, bevor sie im Zeitalter der luxemburgischen Kaiser auf dem Karlstein bei Prag, nach Ausbruch der Hussitenkriege in der Nürnberger Burg und seit 1805 schließlich in der Schatzkammer der Wiener Hofburg aufbewahrt werden.

Anfang des 13. Jahrhunderts spielt der Trifels sogar eine Rolle in der internationalen Politik. Der König von England, Richard Löwenherz, gerät bei seiner Rückkehr vom dritten Kreuzzug (1189–1192) in die Gefangenschaft seines Intimfeindes, des Herzogs von Österreich, und wird zunächst auf der Burg Dürnstein in der Wachau, danach auf dem Trifels inhaftiert. Nur dadurch, daß er sein Königreich England als Lehen vom Reich nimmt, kann er sich aus der Haft lösen. Die damalige Schwächeperiode des englischen Königtums hat insofern allgemeinhistorische Auswirkungen, als es dem englischen Adel damals gelingt, gegenüber der Krone die „Magna Charta“ durchzusetzen, die am Anfang der freiheitlichen Verfassungsentwicklung Englands und Europas steht.

F. „Reben und Messegeläut“ (Franken, Reichsabtei Fulda)

In Viktor von Scheffels Frankenlied nimmt ein fahrender Scholar „mit Stab und Ordenskleid“ an einer weinseligen Wallfahrt in Oberfranken teil, steigt zum „heiligen Veit von Staffelstein“ empor und sieht von der Höhe aus den „weiten Gottesgarten“ um den oberen Main vor sich liegen:

„Von Bamberg bis zum Grabfeldgau

umrahmen Berg und Hügel

die breite, stromdurchglänzte Au

ich wollt’, mir wüchsen Flügel!“

Der Dreiklang von anmutiger Landschaft, Wein und religiösem Leben, von dem dieses Lied lebt, hat die Mainregion seit jeher geprägt. Franken bedeutet nach einem alten Wort dreierlei: Reben, Messegeläut und Bamberg. Alle drei Merkmale des Landes weisen auf historische Vorgänge: auf die siedlungsmäßige Erschließung und Kultivierung des Landes vom Rhein her, wo der Weinanbau seit Beginn der Römerzeit gepflegt wird, auf die tiefe Verwurzelung des Christentums seit der Missionierung des Gebietes und auf die Bedeutung der Kaiser- und Bischofsstadt Bamberg, des „deutschen Roms“.

Im 6. Jahrhundert stoßen die Franken mainaufwärts vor, drängen die bis dahin hier tonangebenden Thüringer nach Norden und unterwerfen schließlich auch deren Kerngebiet, das heutige Thüringen. Damit öffnet sich das Mainbecken für die rheinfränkische Siedlung und Kultur und entwickelt sich nach der weiteren Expansion des Fränkischen Reiches nach Norddeutschland und Bayern, vollends seit der Ostsiedlung zu einer der bedeutendsten mitteleuropäischen Zentrallandschaften: Es liegt auf halbem Wege zwischen den Alpen und der Norddeutschen Tiefebene, und Thüringen, Sachsen und Böhmen sind ebenfalls gut zu erreichen.

Für die überregionale Ausstrahlung Frankens seien nur zwei Beispiele aus dem Mittelalter angeführt: Das Wirken Bonifatius’, des „Apostels der Deutschen“, und das des mittelhochdeutschen Epikers Wolfram von Eschenbach. Der erste schafft von Hessen und vom Maingebiet aus die Grundlagen der kirchlichen Organisation in großen Teilen des späteren ostfränkisch-deutschen Reiches und gründet im fränkisch-bayrischen Raum die Mehrzahl der bis zum heutigen Tag bestehenden Bistümer. Missionsversuche in Norddeutschland schlagen allerdings fehl: Im Jahre 754 erleidet Bonifatius in Friesland den Märtyrertod. Wolfram von Eschenbach (ca. 1175–ca.1220), ein herausragender Vertreter der „staufischen Klassik“, stammt aus der Gegend von Ansbach, hat aber so gute Beziehungen zum Donauraum, daß er sich sogar als Bayern bezeichnet. Andererseits hat er auch Verbindungen nach Norden. Er hält sich auf der Wartburg auf und trifft dort Walther von der Vogelweide, den berühmtesten deutschen Lyriker des Mittelalters, der aus Südtirol stammt, aber später bei Würzburg lebt, also ebenfalls Beziehungen zu Franken, Bayern und Thüringen hat.

„Messegeläut“ erklingt in Franken seit dem 7. Jahrhundert; iroschottische Mönche sind die ersten Missionare, darunter der heilige Kilian, der Schutzpatron der Winzer. Bonifatius, der als Bischof von Mainz im Auftrag der fränkischen Reichskirche und im Einvernehmen mit dem Heiligen Stuhl tätig ist, gründet im Jahre 741 das Bistum Würzburg, das bis zur Gründung Bambergs in kirchlicher Hinsicht für das ganze Mainfranken zuständig ist, außerdem aber auch im Laufe der Zeit ein verhältnismäßig großes eigenes Territorium entwickelt. Grundlage der weltlichen Macht und der späteren Landesherrschaft der Würzburger Bischöfe bilden reiche Schenkungen aus Reichsbesitz und vielfältige Privilegien der Karolinger und Ottonen. Das Bistum Würzburg tritt auf diese Weise in machtpolitischer Hinsicht mehr und mehr an die Stelle des Herzogtums Franken, das um 900 ganz Main- und Teile Rheinfrankens einschließlich Hessens umfaßt, jedoch bereits im 10. Jahrhundert zerfällt. 1168 werden dem Würzburger Bischof von Barbarossa die Herzogsrechte in Franken ausdrücklich bestätigt.

Bamberg: Rathaus

Das bischöfliche Territorium hat seine Vormachtsstellung in der Mainregion bis zum Ende des alten Reiches behauptet. Die Stadt, seit 1744 im Glanz der fürst-bischöflichen Residenz, ist bis zum heutigen Tag, also seit mehr als 1250 Jahren, die Metropole Mainfrankens geblieben – eine Tradition, die nur kurzfristig einmal für einige Jahre unterbrochen wurde, als sie nach dem verheerenden Bombenangriff gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als „Grab am Main“ galt und die Möglichkeit eines Wiederaufbaus ernstlich bezweifelt wurde.

Das Bistum Würzburg wird, ebenfalls bereits seit zwölfeinhalb Jahrhunderten, im Norden von der Abtei Fulda, im Südosten vom Bistum Eichstätt flankiert. Beide haben bis heute nicht nur regionale Bedeutung: Eichstätt als Sitz der einzigen katholischen Hochschule Deutschlands, Fulda als Tagungsort der deutschen Bischofskonferenz, die sich hier, am Grab des Bonifatius, alljährlich versammelt. Die Abtei Fulda, 744 von dem aus Bayern stammenden Bonifatius-Schüler Sturmi gegründet, wird vom karolingischen Herrscherhaus so nachhaltig gefördert, daß sie schließlich – schwerpunktmäßig in der nahegelegenen Rhön – über mehr als 100.000 Hektar Landbesitz verfügt. Die große Zeit der Reichsabtei ist das 9. und 10. Jahrhundert. Unter Hrabanus Maurus, der zunächst Schulleiter (seit 802), dann Abt (seit 822) ist, entwickelt sie sich zu einem europäischen Kulturzentrum ersten Ranges und stellt insbesondere als Schreibort alle anderen Klöster des Abendlandes in den Schatten. 968 ernennt der Papst den Abt zum „Primas aller Klöster in Gallien und Germanien“ – ein Ehrentitel, der gleichwohl die europaweite Ausstrahlung der Abtei bezeugt.

Die großen Verdienste haben sich die Fuldaer Mönche dadurch erworben, daß sie antike Schriften und althochdeutsche Texte aufbewahrten, kopierten oder übersetzten und somit für die Nachwelt retteten. Unsere Kenntnisse der althochdeutschen Sprache und Literatur wären äußerst lückenhaft, wenn wir nicht die in Fulda gefundenen Handschriften hätten, darunter den „Tatian“, eine ins Deutsche übertragene Evangelienharmonie des zweiten Jahrhunderts, die „Muspilli“-Dichtung, eine althochdeutsche Darstellung des Weltuntergangs, und vor allem das „Hildebrandslied“, das einzige erhaltene Heldenlied in deutscher Sprache. Auch von der frühen römischen Kaiserzeit und den damaligen Verhältnissen im heutigen Deutschland hätten wir nur sehr vage Vorstellungen, wenn in Fulda nicht ein Teil der „Annalen“ und die vollständige „Germania“ des Tacitus die Zeiten überdauert hätten.

Besondere regionale, aber auch überregionale Bedeutung hat schließlich das Bistum Bamberg, das 1007 von Heinrich II., dem letzten Ottonenkaiser, gegründet und von Anfang an verschwenderisch ausgestattet wird. Die Kirchen der Stadt bilden bis heute eine einzigartige Sakrallandschaft, wie es sie nördlich der Alpen sonst nur noch in Köln gibt. Neben dem Dom entsteht 1015 das Benediktinerkloster St. Michael, 1020 das Kollegiatstift St. Stephan, etwa 1060 das Stift St. Gandolf und 1073 das Stift St. Jakob. Am Bau des heutigen, 1237 geweihten Domes beteiligen sich führende Künstler des Oberrheingebiets und Nordfrankreichs; Einflüsse aus Basel, dem Elsaß und Laon lassen sich nachweisen.

Die älteren Bamberger Kirchen bilden im Stadtgrundriß ein lateinisches Kreuz und zeigen damit symbolisch die Bestimmung des Ortes an. Kaiser Heinrich, dessen Hauptresidenz zuvor Regensburg ist, hält sich nach der Errichtung des Bistums häufig in Bamberg auf, das er als eine Art Welthauptstadt, als „deutsches Rom“, ansieht. Tatsächlich hat der Ort in den Augen der Zeitgenossen diese Rolle gespielt. Der Kaiser, im Sinne des christlich-imperialen Gedankens der Herr der Welt, trifft hier in seiner Lieblingspfalz grundlegende deutschland- und europapolitische Entscheidungen, etwa in der Polen- und Italienpolitik. Papst Benedikt VIII. selbst macht ihm hier seine Aufwartung: 1020 weiht er persönlich das Stift St. Stephan – ein Vorgang, der im kirchlichen Bamberg bis heute unvergessen geblieben ist. 1046 ernennt Kaiser Heinrich III. sogar den Bamberger Bischof Suitger zum Papst; dieser nimmt den Namen Klemens II. an und ist der erste einer Reihe von deutschen Päpsten, die den Höhepunkt des ottonisch-salischen Reichs-Kirchen-Systems bezeichnen.

Die enge Bindung Heinrichs II. an Bamberg entspringt nicht einfach der Vorliebe eines Herrschers für einen bestimmten Ort, sondern ist auch Ausdruck persönlicher Heilsvorstellungen. Als sich abzeichnet, daß er und seine Gemahlin Kunigunde kinderlos bleiben, setzt er offiziell Christus zu seinem Erben ein und vermacht der Kirche seinen gesamten fränkischen Eigenbesitz. Darüber hinaus erhält das Bistum auch außerhalb Frankens gelegene Kirchen, Güter und Grundherrschaften, ferner zahlreiche wertvolle Kunstschätze und politische Vergünstigungen – kein Wunder, daß der Kaiser und seine Gemahlin, beide bereits im Mittelalter heilig gesprochen, bei der Bamberger Kirche bis zum heutigen Tag ungewöhnlich großes Ansehen genießen.

Kaiser Heinrich II. hat mit seinen Dotationen die Grundlagen dafür geschaffen, daß sich Bamberg zu einer der schönsten, kulturgeschichtlich reichsten Städte Deutschlands entwickeln konnte. Die Stadt hat überdies das seltene Glück gehabt, ein Jahrtausend lang von kriegsbedingten Zerstörungen weitgehend verschont zu bleiben, auch während des Dreißigjährigen Krieges und des Zweiten Weltkrieges.

G. Territoriale Basis für große Politik (Herzogtum Schwaben)

Die Alemannen sind nach den Friesen, die schon bei Tacitus genannt werden, der älteste deutsche Stamm. Bereits in der Mitte des dritten Jahrhunderts durchbrechen in mehreren Vorstößen germanische Gruppen die römische Grenze und schließen sich zu einem Großverband zusammen, der das Gebiet zwischen Oberrhein, Bodensee und mittlerem Neckar besiedelt. Nach dem endgültigen Zusammenbruch der römischen Verteidigung zählen auch das Elsaß, die deutsche Schweiz, das Gebiet zwischen Iller und Lech und das heutige österreichische Bundesland Vorarlberg dazu. Auch nach Norden dringen die Alemannen vor, werden jedoch 496 von dem Frankenkönig Chlodwig auf eine Linie zurückgedrängt, die bis heute die fränkisch-alemannische Stammesgrenze darstellt (Hagenauer Forst, Lauter- und Murgtal, Hornisgrinde, Asperg, Hohenberg bei Ellwangen). Im frühen und hohen Mittelalter bildet sich die Nordgrenze eines das ganze alemannische Siedlungsgebiet umfassenden Stammesherzogtums, das zeitweilig, zwischen Mitte des 8. und Ende des 9. Jahrhunderts, fest in das Frankenreich eingefügt, davor und danach aber weitgehend selbständig ist.

917 begründet Burchard der Jüngere, Markgraf von Rätien, das jüngere alemannische Stammesherzogtum, das nunmehr die Bezeichnung „Schwaben“ führt und dessen Grenzen sich ebenfalls genau mit den Siedlungsgrenzen des Stammes decken. Es sollte jahrhundertelang eine äußerst wichtige Rolle für die deutsche Geschichte spielen, insbesondere für die Burgund- und Italienpolitik der Ottonen, Salier und Staufer.

Die Gründe dafür ergeben sich aus der geographischen Lage des Herzogtums. Schwaben grenzt sowohl im Süden als auch im Westen an romanisches Sprachgebiet und hat unmittelbaren Zugang zu Lothringen, der Burgundischen Pforte und den Alpenpässen, stellt also die deutsche Nachbarregion Frankreichs und Italiens dar. Schon in merowingischer und karolingischer Zeit haben Kirche, Königtum und Reichsadel hier Fuß zu fassen versucht. Zahlreiche romanische und iro-schottische Missionare haben hier gewirkt, darunter die Mönche Fridolin, Kolumban, Gallus, Pirmin und Magnus, die mit ihren Klostergründungen die Grundlagen des Christentums in dieser Region geschaffen haben. Bereits um 600 wird das Bistum Konstanz errichtet, das für das schwäbische Kerngebiet zuständig ist, während die übrigen Bistümer – Augsburg, Chur, Basel und Straßburg – in den Randgebieten des Stammes liegen.

951 erwirbt Otto der Große Italien, 1034 Konrad II. Burgund. Damit gewinnt Schwaben einen hohen Stellenwert für die deutsche Politik: Es liegt jetzt genau im Schnittpunkt der drei Königreiche des Imperiums, und für die deutschen Könige und Kaiser ergibt sich die Notwendigkeit, das Amt des schwäbischen Herzogs jeweils mit Leuten ihres Vertrauens zu besetzen. Infolgedessen kommen hier immer wieder neue Dynastien zum Zuge, nach den Burchardingern die Konradiner, dann die Liudolfinger, Welfen und Zähringer, schließlich die Staufer. Diese mangelnde dynastische Kontinuität hat sich natürlich auf die innere Struktur des Herzogtums ausgewirkt, das nicht so geschlossen in Erscheinung tritt wie etwa Sachsen oder das benachbarte Bayern. So ist beispielsweise während des Investiturstreits Schwaben tief gespalten, da zahlreiche geistliche und weltliche Herrschaften entschlossen die Sache des Reformpapsttums verfechten, dessen Vorstellungen vor allem von dem Schwarzwaldkloster Hirsau aus verbreitet werden.

Erst mit den Staufern, die von 1079 bis 1268 die Herzogswürde innehaben, tritt dynastische Kontinuität ein, doch setzen die neuen Herren die mit dem Herzogsamt verbundenen Machtmittel in zunehmendem Maße für reichspolitische Zwecke ein. Die innere Bindung an Stamm und Stammesadel tritt angesichts der größeren Aufgaben in den Hintergrund, und die Unterschiede zwischen herzoglichem Besitz und Reichsterritorium verwischen sich.

Dies gilt besonders für die Zeit seit Friedrich Barbarossa (1152–1190), mit dem die Burgund- und Italienpolitik des Reiches eine neue Dimension gewinnt; Schwaben wird immer mehr zur territorialen Basis für große Politik. Deren erstes Ziel ist zunächst die Durchsetzung der tatsächlichen Herrschaft über beide Königreiche, so daß sich die Verbindung Südwestdeutschlands zu den romanischen Nachbargebieten zunehmend vertieft. 1156 heiratet der Kaiser Beatrix von Burgund und gewinnt damit den direkten Zugriff auf die Pfalz- und spätere Freigrafschaft Burgund. 1157 findet in der Hauptstadt Besançon, die 1184 zur Freien Reichsstadt erhoben wird, ein Reichstag statt, der die neue Bedeutung dieses Raums unterstreicht. Auf dem Besançoner Reichstag zeichnen sich auch bereits die Umrisse der Italienpolitik Barbarossas ab („restauratio imperii“ – Wiederherstellung des Reiches), die ein Jahr später mit dem zweiten Italienzug beginnt.

Im Zeitalter Barbarossas und seiner beiden Nachfolger Heinrich VI. (1190–1197) und Friedrich II. (1215–1250), die noch stärker nach Italien ausgerichtet sind, nimmt Schwaben auf Grund seiner geographischen Lage eine Schlüsselstellung ein. Umso ärgerlicher ist es daher für die Staufer, daß mit den Welfen und den Zähringern zwei Dynastien im südwestdeutschen Raum mit ihnen konkurrieren, die ebenfalls den Herzogstitel führen und über weite Landesteile Schwabens gebieten, die Welfen vor allem in der Umgebung von Altdorf/Weingarten, die Zähringer in der Schweiz und im Breisgau. Erst mit dem Aussterben dieser beiden Familien gewinnen die Staufer die uneingeschränkte Führungsstellung in der Region. Ihre Machtmittel setzen sie nun noch stärker – nicht anders als die Reichsterritorien in Franken, in Thüringen oder im Harzraum – für reichspolitische Zwecke ein.

Die einstige staufische Kaiserpfalz in Bad Wimpfen

Der staufische Stammsitz ist zunächst die Burg Büren (Wäschenbeuren), dann die von dem ersten bedeutenden Vertreter des Geschlechts, Friedrich von Büren, erbaute Burg Hohenstaufen in Stauf bei Göppingen. Seine Gemahlin bringt beträchtlichen Besitz aus der Oberrheinebene, vor allem im Raum Schlettstadt, in die Ehe ein; seither fassen die Staufer mehr und mehr im Elsaß Fuß. Nachdem sich bereits die Ottonen hier festzusetzen suchten, dabei aber nicht sehr weit kamen, wird nun eine Burg nach der anderen errichtet. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts ist das Elsaß bereits so gut befestigt, daß der Geschichtsschreiber der Stauferzeit, Otto von Freising, es als militärisches Kerngebiet des Reiches bezeichnet („vis maxima imperii“).

Mit dem Erwerb der salischen Hausgüter im Worms- und Speyergau überschreiten die Staufer die Stammesgrenze nach Norden. Dies geschieht auch an anderen Stellen im Süden des fränkischen Siedlungsgebiets; die Bezeichnung „schwäbisch“, zum Beispiel in dem Ortsnamen „Schwäbisch Hall“, bedeutet hier soviel wie „staufisch“.

Auch durch ihre Ministerialen- und Städtepolitik bauen die Staufer Südwestdeutschland und die angrenzenden Gebiete des Elsaß und der Schweiz immer mehr zu einer Bastion des Kaisertums aus. Zu den bereits vorhandenen Reichsburgen treten ständig neue, vor allem im schwäbischen Kernland, im Elsaß und in dem Gebiet zwischen Main und Oberrhein, aber auch in Mitteldeutschland, etwa in Thüringen und im Vogtland. Diese Burgen werden durchwegs mit zuverlässigen Reichsministerialen besetzt, die vor Ort die Interessen des Reiches wahrnehmen und dessen militärisches Rückgrat darstellen, nicht nur wegen des Festungscharakters ihrer Burgen, sondern auch durch ihre Teilnahme an den Italienfeldzügen. Daß sie nach dem Ende der staufischen Dynastie um die Mitte des 13. Jahrhunderts nicht anders als die Fürsten und Städte ihre eigene Interessenpolitik betreiben, steht auf einem anderen Blatt.

Vorwiegend fiskalischen Zwecken dient der Ausbau des schwäbischen Städtewesens, den die Staufer, zunächst im Wettbewerb mit den Welfen und Zähringern, von Anfang an betreiben; der Südwesten wird in mancher Hinsicht – etwa durch das „Freiburger Stadtrecht“ – zu einem Ausstrahlungsraum für die neue Siedlungs- und Wirtschaftsform. Zu den ältesten Städten der Region gehören neben der zähringischen Gründung Freiburg im Breisgau (1120) unter anderem Hagenau, Breisach, Schwäbisch Gemünd, Bopfingen, Giengen, Ulm, Ravensberg, Memmingen und Überlingen.

Mit dem Erwerb des süditalienischen Normannenreiches durch die Heirat Heinrichs VI. mit Konstanze von Sizilien wird das Stammland der Staufer noch stärker in die europäische Politik einbezogen. In seiner Deutschlandpolitik konzentriert sich beider Sohn, Friedrich II. von Hohenstaufen (1215–1250), stärker noch als seine Vorgänger auf seine unmittelbaren Herrschaftsgebiete und baut daher die politische Machtstellung des Kaisertums gerade in seinem schwäbischen Herzogtum systematisch weiter aus. So werden während seiner Regierungszeit zahlreiche weitere Städte gegründet, darunter Esslingen, Heilbronn, Biberach, Wangen, Lindau, Kaufbeuren, Schaffhausen, Nördlingen, Weil der Stadt, Leutkirch und Reutlingen. Wenn es später in keinem Teil Deutschlands auch nur annähernd so viele Freie Reichsstädte gibt wie im Südwesten, so ist dies im wesentlichen der staufischen Städtepolitik des 12. und 13. Jahrhunderts zu verdanken.

Klar erkennbar ist das Bestreben Friedrichs II., die Verbindungswege von Schwaben nach Italien zu sichern. 1241 erwirbt er deshalb die Grafschaft Allgäu, von wo aus der Fernpaß und der Reschenpaß nach Oberitalien führen, einige Jahre zuvor bereits die Talschaft Uri im Kerngebiet der späteren Schweiz und damit den Zugang zu dem damals eröffneten Gotthardpaß. Auch der Zusammenhang mit Burgund wird aufrechterhalten. Nachdem Hochburgund, die spätere Freigrafschaft, bereits 1189 reichsunmittelbares Territorium geworden ist, erhebt Friedrich II. auch das an der Rhônemündung gelegene Arles in den Rang einer Freien Reichsstadt.

Nach dem Tod des letzten Stauferkönigs Konrad IV. (1250–1254) macht König Alfons von Kastilien, Sohn einer Tochter König Philipps von Schwaben (1198–1208), Erbansprüche geltend, sowohl auf das Reich als auch auf das Herzogtum Schwaben; er kann sich aber nicht durchsetzen. Dagegen erreicht der blutjunge Konradin, der Sohn Konrads IV., beim schwäbischen Adel seine Anerkennung als Herzog. Auf diesen Rückhalt gestützt, versucht er vergeblich, das an das Haus Anjou verlorene Süditalien zurückzugewinnen, stirbt vielmehr im Alter von 16 Jahren durch Henkershand auf dem Marktplatz von Neapel. Damit endet die siebenhundertjährige Geschichte des Herzogtums Schwaben.

H. „Block in der deutschen Geschichte“ (Herzogtum Bayern)

Plötzlich, nach den ältesten, sehr unsicheren Quellen im Jahre 508, sind sie da: eine ethnische Gruppe unbekannter Herkunft und Zusammensetzung, die sich „Baiwari“ nennt. Es spricht einiges dafür, daß es sich um einen gemischten Verband handelt, der sich in Böhmen gebildet hat. Jedenfalls müssen sich die „Baiwari“ vor der Landnahme in der Nähe ostgermanischer Völker aufgehalten haben, da das Bayerische von allen westgermanischen Sprachen dem Ostgermanischen am nächsten steht. Die eigentliche Stammesbildung vollzieht sich erst nach der Einwanderung, vorzugsweise im Raum Regensburg – Ingolstadt – München, wo sich die Neuankömmlinge zu einem erheblichen Anteil mit Alemannen und in ebenfalls beträchtlichem Ausmaß mit Römern, genauer mit romanisierten Kelten, mischen. Auf diese Weise konstituiert sich – zunächst im Bereich der mittleren Donau und im Alpenvorland – eine eigenständige, zukunftsträchtige ethnische Großgruppe, die das historische Geschehen im südlichen Mitteleuropa und darüber hinaus bis heute entscheidend bestimmt hat. Bayern liegt nicht nur „seit 1500 Jahren wie ein Block in der deutschen Geschichte“ (Stadtmüller); der östliche Teil des Stammesgebietes, Österreich, hat darüber hinaus europa- und weltgeschichtliche Bedeutung gewonnen.

Der „Tassilo-Kelch“ (um 768–788)

Bis zum Jahre 1156, also fast 650 Jahre lang, besteht ein gesamtbayrischer Stammesstaat mit der Hauptstadt Regensburg, wo die Herzöge aus dem Haus der Agilolfinger (bis 788) an der „Porta Praetoria“ der Römerstadt „Castra Regina“ ihre Pfalz errichten; noch im 10. Jahrhundert weist die Stadt, die bei der bayrischen Landnahme weder umkämpft noch zerstört wurde, ein römisches Erscheinungsbild auf. Straßenzüge und Gebäude, Handwerks- und Landwirtschaftstechniken bleiben erhalten.

Der bayerische Landeshistoriker Benno Hubensteiner charakterisiert die frühen Bayern wie folgt: „Ein Bauernvolk, gutmütig und jähzornig, sinnenfroh und aufwenderisch, eigensinnig und beharrend wie noch heute.“ In der Tat: Manche der für den Stamm charakteristischen Merkmale treten schon in der Frühzeit und dann im Laufe der bayerischen Geschichte immer wieder in Erscheinung. Sinnenfreude, Realismus und Beharrungsvermögen gehören bis zum heutigen Tag dazu, aber auch Sinn für Natur, Kunst und Religion. Die bis heute weniger positiv in Erscheinung tretenden Stammeseigentümlichkeiten sind ebenfalls bereits früh nachweisbar, die Neigung zum „Rankeln und Raufen“ (Hubensteiner) beispielsweise oder die für Außenstehende manchmal etwas irritierende „Mir-san-Mir“-Mentalität.

Im Laufe des 6. und 7. Jahrhunderts breitet sich der Bayernstamm von den Ausgangsgebieten an der mittleren Donau in alle Himmelsrichtungen aus. Im Westen stößt er auf die Alemannen, und zwar am Lech, der noch heute eine ausgeprägte Sprach- und Mentalitätsgrenze darstellt. Nach Norden hin werden über die Flüsse Vils und Naab die Oberpfalz und der bayerische Nordgau erschlossen. Im Süden dringen die Bayern auf den Alpenhauptkamm vor, den sie stellenweise überschreiten; bereits zu Beginn des 7. Jahrhunderts erreichen sie die Salurner Klause, die seither die Sprachgrenze darstellt. Im Osten folgt die Siedlung dem Donaustrom, kommt für einige Zeit an der Enns zum Stehen, erfaßt dann aber auch Niederösterreich, Kärnten und die Steiermark. Nach schweren Rückschlägen durch die Ungarn, die in den Jahrzehnten um 900 ihre bayerischen Nachbarn in besonderer Weise bedrohen, erreicht die Siedlungsgrenze nach deren Niederlage in der Lechfeld-Schlacht schließlich den Leithafluß und das Leithagebirge, die historische Grenze zwischen Österreich und Ungarn. Im Zusammenhang mit dieser Siedlungsexpansion errichten die Bayern den größten Stammesstaat der deutschen Geschichte, der „von der Eger bis zu Etsch, vom Lech bis zur Leitha“ reicht.

Von Anfang an gewinnt der Stamm überregionale Bedeutung. Fränkische und iro-schottische Mönche und Missionare stellen die Verbindung zum Westen her, Bonifatius schafft die organisatorischen Grundlagen der bayerischen Landeskirche, die ihrerseits früh die Mission bei den ungarischen und slawischen Nachbarn aufnimmt. Als der politische Einfluß des Frankenreichs immer stärker wird, versuchen die Agilolfinger-Herzöge, Rückhalt bei dem ebenfalls durch die Franken gefährdeten Langobardenreich zu gewinnen; es kommt zu politischen und verwandtschaftlichen Verbindungen mit Italien, im Zusammenhang mit der Bistumsorganisation auch zu Kontakten mit dem Heiligen Stuhl.

788 wird Herzog Tassilo, dessen Regierung eine Glanzzeit in der Geschichte Bayerns darstellt, von Karl dem Großen abgesetzt und mitsamt seiner Gemahlin und seinen Kindern in ein Kloster gebracht. Obwohl die Einverleibung in den fränkischen Großstaat zunächst als Katastrophe empfunden wird, nimmt die Bedeutung Bayerns dadurch nicht ab, sondern zu. Bereits der Sohn Karls des Großen, Ludwig der Fromme (813–843), begründet ein bayerisches Unterkönigtum innerhalb der Karolingerdynastie, und dessen Sohn, Ludwig der Deutsche (843–876), der zusammen mit seinen Brüdern 843 die Reichsteilung von Verdun vornimmt, macht Bayern zum Kernland des nunmehrigen ostfränkischen Reiches. Ludwig regiert von Regensburg aus, das er sich bereits in jungen Jahren als Residenz erwählt hat, aber anders als die Agilolfinger ist er nicht nur Herrscher im Stammesstaat, sondern König des ostfränkischen Reiches.

Die Vorrangstellung Bayerns bleibt in der Folgezeit erhalten: Auch die Nachfolger Ludwigs, Karlmann (876–880) und Arnulf von Kärnten, der auf massiven bayerischen Druck hin auf den Schild gehoben wird und dem die versammelten Vertreter der deutschen Stämme in Regensburg huldigen, fühlen sich ganz als Bayern. Als unehelicher Sohn Karlmanns ist Arnulf mütterlicherseits mit führenden bayerischen Adelsfamilien verwandt und ist seiner Heimat ungeachtet seiner reichsweiten Wirksamkeit zeitlebens eng verbunden geblieben.

Was Karl der Große nicht ahnen konnte, wird knapp hundert Jahre nach seinem Tod Wirklichkeit: die Errichtung eines neuen bayerischen Stammesstaats, der in der deutschen und europäischen Geschichte eine große Rolle spielen sollte. Die neue Herzogsdynastie, die Luitpoldinger, ist wie die Agilolfinger einheimischer Herkunft; sie geht auf den im Abwehrkampf gegen die Ungarn bewährten Markgrafen Luitpold zurück. Als dieser in der für Bayern verheerenden Schlacht von Preßburg (907) fällt, die den Stammesstaat das gesamte Neusiedelland östlich der Enns kostet, erneuert sein Sohn Arnulf die bayerische Herzogswürde; er urkundet als „Arnulf, durch Gottes Vorsehung Herzog der Bayern und der angrenzenden Gebiete“.

Daß es sich bei dieser Wendung keineswegs um eine bloße Floskel handelt, macht er sogleich durch seine Außenpolitik deutlich, die nicht nur Ungarn, sondern auch Böhmen und Norditalien im Auge hat. Erstmals greift die damalige bayerische Politik in großem Stil über die Alpen hinweg aus, als Arnulf seinen Sohn Eberhard zum König der Lombardei macht. Zwar kann dieser seine Herrschaft gegenüber dem konkurrierenden Königreich Burgund nicht durchsetzen, die zeitweilige Vision eines Bayern von der Eger bis zum Po sagt jedoch viel über das Selbstverständnis und das politische Selbstbewußtsein des neuen Stammesstaates aus.

Auch in ottonischer Zeit behält Bayern seine starke Stellung. 947 überträgt Otto der Große seinem Bruder Heinrich das Herzogsamt, der in Bayern eine ottonische Nebenlinie begründet. Mit Unterstützung des aufstrebenden deutschen Königtums setzt Heinrich die Expansionspolitik Arnulfs fort: Als er 952 Herzog von Friaul (Istrien, Aquileja, Verona) wird, reicht Bayern im Süden fast bis zur Adria.

Eine europäische Rolle spielen die Bayern in und nach der Lechfeldschlacht des Jahres 955, die den Ungarneinfällen nach Deutschland und Italien ein Ende setzt und die Voraussetzung für die Einbeziehung Ungarns in das christliche Abendland bildet. Die Bayern stellen drei der sieben Heerhaufen des Reichsaufgebots und sperren nach der Schlacht sofort die Rückzugswege der geschlagenen Ungarn. Indem sie die nach Osten zurückflutenden Feinde auf vertrautem Terrain, zwischen Lech und Enns, stellen und vernichten, wird der deutsche Sieg erst perfekt.

Die nach der Schlacht erneut einsetzende Ostsiedlung macht die Bayern am Leithagebirge und im Burgenland zu unmittelbaren Nachbarn der sich nun in der Theiß-Donau-Ebene einrichtenden Ungarn, deren historische Entwicklung sie in der Folgezeit maßgeblich mitbestimmen. Das Erzbistum Salzburg nimmt die Mission auf, deutscher Handel und deutsche Kultur wandern donauabwärts – es sind die Bayern gewesen, die damals die Grundlagen für das bis heute meist gute Verhältnis zwischen Deutschen und Ungarn geschaffen haben.

Die eindeutige Westorientierung der Ungarn, ebenfalls eine historische Konstante, geht auf König Stephan den Heiligen zurück, der das Land von 997 bis 1038 regiert und es durch Gründung des Erzbistums Gran um die Jahrtausendwende in die christliche Kirchenorganisation integriert. 955 heiratet er die bayerische Prinzessin Gisela, die Schwester des späteren Kaisers Heinrich II. Sie hat in den 43 Jahren ihrer Ehe und danach viel für den deutschen Einfluß einerseits, für die Westorientierung Ungarns andererseits getan.

Als mit dem Tod Ottos III. (1002–1024) die ottonische Hauptlinie erlischt, kommt die süddeutsche Nebenlinie zum Zuge. Mit der Wahl Heinrichs II. zum deutschen König (1024–1039) übernimmt erneut ein Bayer die Führung des Reiches. Die Wahl ist Deutschland nicht schlecht bekommen, denn es gelingt dem neuen König, die Schwächeperiode der letzten Jahrzehnte zu überwinden und die Interessen des deutschen König- und Kaisertums gegenüber Polen, Böhmen, Ungarn und dem Heiligen Stuhl zu wahren. Seine größte innenpolitische Leistung, die Gründung und der Ausbau des Bistums Bamberg, ist auch dem Wunsch entsprungen, ein Verbindungsglied zwischen der bayerischen Machtbasis und dem Norden des Reiches zu schaffen.

In dieser Zeit nimmt die Bedeutung Bayerns für die europäische Geschichte erneut stark zu. Der Donauhandel, weitgehend über Regensburg abgewickelt, expandiert; die Stadt gewinnt besondere Bedeutung als Stapelplatz für byzantinische Tuche. In ganz Polen wird mit bayerischen Denaren bezahlt; das Regensburger Kloster St. Emmeram unterhält sogar eine ständige Vertretung in der russischen Hauptstadt Kiew. Auch die Kreuzfahrerheere, soweit sie auf dem Landwege nach Palästina ziehen, versammeln sich regelmäßig in Regensburg. Kunst und Kultur des Ostens, etwa byzantinische Goldschmiede-, Steinmetz- und Buchmalkunst, werden dem Abendland damals weitgehend über Bayern vermittelt.

Eine letzte Glanzepoche erlebt der bayerische Stammesstaat unter den welfischen Herzögen (seit 1070), vor allem unter Heinrich dem Stolzen (1126–1139) und Heinrich dem Löwen (1139–1180). Heinrich der Stolze, der von seinen italienischen Vorfahren her auch über erheblichen Besitz in der Toskana verfügt, gewinnt durch seine Heirat mit Gertrud von Supplinburg, der Erbtochter des deutschen Königs und sächsischen Herzogs Lothar, zu seiner bayerischen auch die sächsische Herzogswürde und ist damit der mächtigste Fürst im Reich. Eben deshalb wird 1138 der schwächere Staufer Konrad III. (1138–1152) zum deutschen König gewählt – das Signal zum staufisch-welfischen Bürgerkrieg, in dessen Verlauf fast zwei Jahrzehnte lang vor allem weite Gebiete Süddeutschlands verheert werden.

1156 kommt es in Regensburg zum Ausgleich zwischen dem neuen König Friedrich Barbarossa und seinem Vetter Heinrich dem Löwen, dem seine beiden Herzogtümer bestätigt werden. Er muß jedoch auf die Mark „Ostarrichi“, etwa das Gebiet des heutigen Bundeslandes Niederösterreich, verzichten. Damit ist die politische Trennung zwischen westlichem und östlichem Stammesgebiet vollzogen.

Obwohl in der Sicht Heinrichs des Löwen Bayern mehr ein Nebenland darstellt, hat das Herzogtum doch erheblich von der königsgleichen Stellung seines Herrschers profitiert. An europaweiten Aktivitäten des Herzogs, etwa an den Italienzügen, sind in erheblichem Anteil auch Angehörige des bayerischen Adels beteiligt. Bayern gewinnt durch seine Lage zwischen Italien und Norddeutschland neue Bedeutung.

Beim Sturz Heinrichs des Löwen wird 1180 sein süddeutsches Herrschaftsgebiet auf die neuen „Regionalherzogtümer“ Österreich, Kärnten, Steiermark und Bayern aufgeteilt. Die über sechshundertjährige Geschichte des bayerischen Stammesstaates ist damit zu Ende. Unter dem „Herzogtum Bayern“ versteht man in der Folgezeit das bayerische Stammesgebiet im Süden und Osten des heutigen Freistaats, ein nur mehr mittelgroßes Territorium, das jedoch für Süddeutschland von Bedeutung bleibt.

I.Kirche und Kultur im Alpenrandraum (Reichsabteien St. Gallen und Reichenau, Erzbistum Salzburg)

Nirgendwo in Mitteleuropa stößt man auf so viele Kirchen, Kapellen, Klöster und Flurheiligtümer, Heiligenfiguren, Kreuzsäulen und Madonnenbilder wie im Donau-Alpen-Raum, besonders in Tirol, Oberschwaben, Ober- und Niederbayern und weiter donauabwärts. Schon rein äußerlich läßt sich erkennen, daß diese Region über viele Jahrhunderte hinweg zutiefst vom christlichen Glauben geprägt worden ist, daß hier kirchliches Leben und kirchliche Kultur fest verankert sind. Die Region wird bereits sehr früh christianisiert, nach ersten Ansätzen in der Römerzeit im wesentlichen zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert, also viele Jahrhunderte vor Nord- und Ostdeutschland. In karolingischer und ottonischer Zeit erweist sich gerade das Gebiet nördlich der Alpen als Ausstrahlungsraum abendländischer Kultur, wobei Klöster und Bistümer die eigentlichen Strahlungszentren darstellen.

Gegen Ende des 6. Jahrhunderts treten hier die ersten fränkischen und iro-schottischen Wanderprediger auf, die teilweise noch an ältere christliche Traditionen anknüpfen können. Reste des antiken Christentums lassen sich vor allem in Regensburg, Augsburg und Salzburg nachweisen. Manche der einwandernden Alemannen und Bayern dürften den christlichen Glauben somit gleich angenommen haben; in Säben (Tirol) bleibt sogar ein römischer Bischofssitz erhalten, der später nach Brixen verlegt wird. Die eigentliche Kirchengeschichte des Nordalpenraumes setzt jedoch erst mit dem Auftreten von Gallus, Kolumban, Fridolin, Pirmin, Magnus, Emmeram, Rupert, Vivilo und Korbinian ein, mit der Gründung der Bistümer Konstanz (um 600) für das alemannische und Regensburg (Anfang des 8. Jahrhunderts) für das bayerische Stammesgebiet und mit der Schaffung der bayerischen Bistumsorganisation durch Bonifatius im Jahre 739 (Einrichtung der Bistümer Passau, Freising und Regensburg sowie des späteren Erzbistums Salzburg).

Gesamteuropäische Bedeutung gewinnt zunächst die Reichsabtei St. Gallen. Im Jahre 612 gründet der heilige Gallus eine Mönchsniederlassung, in der er mit zwölf irischen Gefährten – nach dem Beispiel Christi und der zwölf Apostel – bis zu seinem Tode um die Jahrhundertmitte lebt. Daraus entwickelt sich im Laufe des 8. Jahrhunderts ein Benediktinerkloster, das von den karolingischen Königen besonders gefördert wird und den Status einer Reichsabtei erhält. Vor allem unter Abt Grimalt (841–872), dem Kanzler Ludwigs des Deutschen, ist die Abtei, die inzwischen in der heutigen Ostschweiz große Besitzungen erworben hat, eines der führenden Kulturzentren des Kontinents.

In St. Gallen, das im 9. und 10. Jahrhundert durch seine umfangreiche Bibliothek und seine hochrangige Buchmalerei berühmt ist, herrscht während der gesamten spätkarolingischen und ottonischen Epoche reges geistiges Leben. Aus der großen Zahl der dort tätigen Mönche ist neben dem Historiker und Dichter Ratpert und dem Maler, Architekten und Musiker Tutilo vor allem Notker der Stammler hervorzuheben. „Notker Balbulus“, wie er offiziell heißt, lebt von etwa 840 bis 912 und wirkt in St. Gallen als Lehrer, Bibliotheksleiter, Dichter und Historiker. Außer den „Gesta Caroli magni“, einer Anekdotensammlung zu Karls Leben, hat er rund vierzig Sequenzdichtungen verfaßt; neben Roswitha von Gandersheim gilt er als wichtigster Autor deutscher Literatur in lateinischer Sprache.

Auf der Bodenseeinsel Reichenau, sechs Kilometer westlich von Konstanz, gründet im Jahre 724 der Wanderbischof Pirmin im Zusammenwirken mit dem fränkischen Hausmeier Karl Martell eine Abtei, die sich vor allem dank Unterstützung durch Karl den Großen ebenfalls zu einer der bedeutendsten kulturellen Stätten Europas entwickelt. Von hier gehen insbesondere für Süddeutschland vielfältige geistige Impulse aus, die später unter der Epochenbezeichnung „Karolingische Renaissance“ zusammengefaßt werden. Die Bibliothek erreicht einen Bestand von 4000 Handschriften, die Buchmalerei bewegt sich auf ähnlichem Niveau wie die von St. Gallen, die Monumentalmalerei sucht in der damaligen Zeit ihresgleichen vergeblich. Ein beträchtlicher Teil der damals geschaffenen Wandgemälde ist erhalten geblieben und kann bis zum heutigen Tag in den romanischen Stiftskirchen Peter und Paul (Niederzell) und St. Georg (Mittelzell) besichtigt werden.

Reichenau: Kirche mit ottonischen Wandmalereien

Wenngleich die Abtei bis weit in das Hochmittelalter hinein bedeutsam bleibt, fällt ihre Blütezeit doch in die Karolingerepoche; die berühmtesten Äbte, Haito und Strabo, treten in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts auf. Der letztere, eine hochgebildete Persönlichkeit, ist Gelehrter, Erzieher und Dichter am Aachener Hof und hat unter anderem eine weit verbreitete Abhandlung über den Gartenbau verfaßt („De cultura hortorum“).

Die mittelalterliche Kirchengeschichte Regensburgs beginnt mit der Ankunft des Wanderbischofs Emmeram, der hier um 700 zunächst eine bescheidene Zelle errichtet, aus der sich die große Benediktinerabtei St. Emmeram entwickeln sollte. Hier haben seit der Einbeziehung Bayerns in das Reich, vor allem während der zahlreichen Regensburger Hof- und Reichstage, immer wieder Kaiser und Könige residiert; die Abtei verfügt während des ganzen Mittelalters über umfangreichen Grundbesitz und über vielfältige Beziehungen nach Österreich, Ost- und Südosteuropa.

Bald nach 700 entsteht auf Initiative der Agilolfinger, aber ohne die Mitwirkung Roms oder der Reichskirche in Regensburg ein für ganz Bayern zuständiges Landesbistum, das zunächst von Emmeram, nach dessen Märtyrertod von Bischof Rupert geleitet wird. Auch nach der Reorganisation der bayerischen Kirche durch Bonifatius, jetzt im Einvernehmen mit dem Reich und dem Heiligen Stuhl, wahrt der Bischof von Regensburg, der in der Hauptstadt residiert und sich stets in unmittelbarer Nähe des Herzogs befindet, seinen Vorrang gegenüber seinen Amtsbrüdern in Freising, Passau und Salzburg. In der Blütezeit Bayerns unter Herzog Tassilo III. (748–788) kommt es zu enger Zusammenarbeit zwischen politischer und kirchlicher Führung: Während der Herzog den bayerischen Siedlungsausbau weit nach Osten vorantreibt, bis in die Gegend des Wienerwaldes, bemüht sich der Bischof um die kirchliche Erschließung des Neusiedellandes. Zugleich setzt eine umfangreiche Missionstätigkeit ein; dabei spielen die damals neu gegründeten Klöster Innichen und Kremsmünster eine wichtige Rolle.

Nach dem Sturz Tassilos und dem Ende der agilolfingischen Dynastie tritt Salzburg an die Stelle von Regensburg. Karl der Große hat kein Interesse daran, Hauptstadt und Hauptkirche seines Widersachers zu fördern, stattet dafür aber Salzburg mit umfangreichen Privilegien aus, die später die Bildung eines verhältnismäßig großen Territoriums begünstigen. 798 wird Salzburg zum Erzbistum erhoben und damit Hauptstadt einer Kirchenprovinz, deren Grenzen genau denen des bayerischen Stammesgebietes entsprechen; die Bistümer Säben/Brixen, Regensburg, Freising und Passau werden dem neuen Erzstift unterstellt.

Auch Salzburg hat eine bedeutende überregionale Rolle gespielt. Das Salzburger Becken ist schon in vorgeschichtlicher Zeit und dann unter römischer Herrschaft eine Kulturlandschaft mit vielen Verbindungen in alle Himmelsrichtungen. An der Stelle des heutigen Doms, in der Nähe einer von den Bayern nicht zerstörten römischen Restsiedlung unterhalb des Burgberges, baut der heilige Rupert um die Wende zum achten Jahrhundert die erste Bischofskirche. Zugleich errichtet er das Benediktinerinnenstift Nonnberg, das erste deutsche Frauenkloster überhaupt.

Hauptaufgabe des neuen Erzbistums ist von Anfang an, verstärkt dann seit der Zeit Ottos des Großen, die Mission im Osten. Zielgebiet ist vor allem der Theiß-Donau-Raum, wo die Salzburger Missionare jedoch auf die Konkurrenz des Erzbischofs Methodius stoßen, der von Konstantinopel in diese Region entsandt worden ist. Als die Plünderungsfeldzüge der Ungarn nach Westen einsetzen, kommt die Mission zeitweilig zum Erliegen, und auch die bayerische Mutterkirche nimmt schweren Schaden. Bei der Niederlage von Preßburg im Jahre 907 verliert sie auf einen Schlag drei ihrer fünf Bischöfe, die alle im bayerischen Heer mitgekämpft haben; auch der Salzburger Erzbischof Thremo kommt später beim ersten Kreuzzug um. Nach der siegreichen Schlacht auf dem Lechfeld (955) setzt die Ostmission sofort wieder ein, bei der jetzt vor allem das Bistum Passau, dessen Sprengel im 11. Jahrhundert bis zur Leitha reicht, die führende Rolle spielt. Erst 1072 wird in Gurk ein eigenes Bistum für das Neusiedelland errichtet und ebenfalls dem Erzstift Salzburg unterstellt.

Auch auf dem Feld der Laienkultur hat die frühe bayerische Kirche Wesentliches geleistet. In Freising entsteht als ältestes Buch der deutschen Literaturgeschichte der „Abroganz“, ein deutsch-lateinisches Synonymenlexikon, ferner das Geschichtswerk des Bischofs Otto von Freising, der sich vor allem mit der Stauferzeit befaßt hat und als bedeutendster mittelalterlicher Historiker Süddeutschlands anzusehen ist. Im Kloster Tegernsee wird der „Ruodlieb“ verfaßt, der älteste Roman in deutscher Sprache, am Hof des Bischofs von Passau schließlich um die Wende zum 13. Jahrhundert das „Nibelungenlied“, eines der größten Werke der deutschen Dichtung des Mittelalters.

Daß Passau Entstehungsort des Nibelungenepos ist, erscheint kaum als Zufall. Nicht nur materielle, sondern auch geistige Güter wandern seit jeher donauauf- und abwärts; dieser Austausch kennzeichnet ebenso wie die weit ausgreifende Ostsiedlung, die Ungarn- und Slawenmission und die Kreuzfahrerzüge entlang der Donau die überregionale Bedeutung der bayerischen Stammgeschichte. Bereits der Inhalt des „Nibelungenliedes“ ist typisch für die geographisch-kulturelle Gesamtsituation: Die Nibelungen ziehen, von Worms kommend, donauabwärts, folgen also dem Lauf des Stromes in seinem gesamten mittleren Bereich und damit der bayerischen Siedlungs- und Kulturbewegung, bevor sie im Ungarland, am Hof des Hunnenkönigs Etzel, ihr Schicksal ereilt.

Am Rande sei noch erwähnt, daß Klöster und Stifte im Mittelalter auch Herbergen für Reisende sind und daß die Nordalpenregion als Durchgangsland sowohl für den West-Ost- als auch für den Nord-Süd-Reiseverkehr in dieser Hinsicht viele Jahrhunderte lang große Bedeutung gehabt hat. Für die geistlichen Herren ist es stets eine besondere Ehre, hohe Herrschaften oder gar den königlichen Hof als Gäste empfangen und bewirten zu dürfen – auch wenn sie nach deren Abreise sicher häufig drei Kreuze geschlagen haben.

So groß und vielfältig die Bedeutung der bayerischen Kirche von der Karolinger- bis zur Stauferzeit gewesen ist, so kommt man doch um die Feststellung nicht herum, daß sie ihre weitgesteckten Expansions- und Missionsziele nicht erreicht hat. Im südöstlichen Alpengebiet stoßen die bayerischen Missionare von vornherein auf die Konkurrenz der von Aquileja ausgehenden Mission, und um die Jahrtausendwende tritt Ungarn durch die Gründung des eigenen Erzbistums in direkte Verbindung zum Heiligen Stuhl. Die Aktivität Salzburgs bleibt daher in der Folgezeit – wie die Magdeburgs nach der Gründung des polnischen Erzbistums Gnesen – im wesentlichen auf die Ausgangsregion beschränkt. Die hochgesteckten Ziele Ottos des Großen haben sich nicht verwirklichen lassen: Von den drei Missionserzbistümern des Reiches hat nur Hamburg die ihnen zugedachte übernationale Aufgabe erfüllt und das auch nur bis zum Ende des Hochmittelalters.

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