Kitabı oku: «Motte und Co Band 1: Auf der Spur der Erpresser»

Yazı tipi:


Ulrich Renz
Auf der Spur der Erpresser


„Auf der Spur der Erpresser“ ist der erste Band der Kinderkrimi-Serie „Motte & Co“

www.motte-und-co.de

Weitere Bände der Reihe:

 Band 2: „Auf der Jagd nach Giant Blue“

 Band 3: „Blutspur“

 Band 4: „Die Insel der Drogenbande“

Ebenfalls erhältlich:

Ulrich Renz: Auf der Spur der Erpresser – in Einfacher Sprache ISBN 978-3-945090-09-1 108 S., ca. 30 Abbildungen Band 1 der Serie „Motte & Co“ in leicht verständlicher Sprache und leicht lesbarem Schriftbild. Für den differenzierenden Unterricht geeignet.

Stefanie Wolf und Irina Bäcker:

Unterrichtsmaterialien zu: Auf der Spur der Erpresser von Ulrich Renz ISBN 978-3-945090-46-6 120 S., ca. 60 Abbildungen Vorschläge zur Unterrichtsgestaltung. Mit Kopiervorlagen und Klassenarbeit. Für den differenzierenden Unterricht geeignet.

Die Originalausgabe erschien 2005 im Verlag Herder, Freiburg im Breisgau.

Bei der vorliegenden Ausgabe handelt es sich um eine überarbeitete Neufassung.

2. Auflage August 2016 © 2014 by Sefa Verlag, Lübeck, www.sefa-verlag.de

Umschlaggestaltung: Ponke Grabo, Berlin, www.ponkegrabo.de

Font Coverlogo „Motte & Co“: „Refurbished“, © Billy Argel, verwendet mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

ISBN 978-3-945090-11-4

Steckbriefe Motte & Co

Name: Moritz Blohm, genannt Motte

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: eigentlich keine (wie er selber meint)

Name: Simon Böttcher

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: verträumter Naturfreak, Schwarm aller Mädchen, kleines Sprachproblem

Name: Mariekje Marienhoff, genannt MM

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: meerblaue Augen, Mathegenie und Computerfreak

Name: Jochen, genannt JoJo

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: Großmaul mit Übergewicht. Was Kleidung und Frisuren angeht „dem Trend immer einen Schritt voraus“

Name: Ute Blohm

Alter: gerade 12 geworden

Besondere Kennzeichen: Schwester von Motte. Ziemlich frühreif, steht gerne vor dem Spiegel, quasselt alle an die Wand.


Steckbrief Autor

Name: Ulrich Renz, genannt U

Alter: mittelalt

Besondere Kennzeichen: liebt schwäbische Spätzle, hat einen Zwillingsbruder, macht gerne Musik, war einmal Arzt, schreibt jetzt Bücher für Kinder und Erwachsene.

Mehr unter www.ulrichrenz.de

Inhaltsverzeichnis

Steckbriefe

Der Anruf

Die Million

Die Freunde

Die Lagebesprechung

Die Spur

Der Biertrinker

Das Bild

Der Boss

Der Plan

Die Kammer

Die Stimme

Das Rätsel

Der Koffer

Der Verdacht

Die Drohung

Die Tiefgarage

Die Zugfahrt

Der Schlüssel im Schloss

Die Botschaft

Der Notruf

Der Schuss

Das Ende

Noch ein Ende

Mehr Motte ...

Impressum

1. KAPITEL
Der Anruf

Was für ein Pisswetter. Motte schimpfte leise vor sich hin, während er wie ein begossener Pudel die Stufen zur Haustür hochstapfte. Mit triefnassen Fingern steckte er den Schlüssel in das Schloss. Angeblich war es ja Sommer, aber seit Wochen hatten sie nichts als Regen.

Im Flur streifte er die Turnschuhe ab, hängte die durchweichte Jacke an den Garderobenhaken und ging in sein Zimmer. Dort arbeitete er sich aus seinen nassen Sachen und kramte im Schrank nach trockenen neuen. Er entschied sich für weiße Socken, eine hellbraune Hose und das dunkel-blaue Sweatshirt. Eigentlich genau das gleiche, was er gerade ausgezogen hatte, stellte er beim Anziehen fest. Wahrscheinlich würde seine Schwester Ute wieder ihren Lieblingsspruch ablassen. „Mit diesen verschnarchten Klamotten brauchst du dich nicht zu wundern, dass sich immer noch kein Mädchen für dich interessiert.“ Ute interessierte sich sehr für Jungs und verbrachte ihre Nachmittage damit, in den verschiedensten Geschäften Klamotten an- und auszuziehen.

Motte wusste ja, dass er nicht zu den spektakulärsten Erscheinungen der neueren Geschichte gehörte. Er war weder besonders groß, noch hatte er irgendwelche Ähnlichkeiten mit den Filmstars auf den Postern in Utes Zimmer. Aber egal, er fand sich ganz in Ordnung – von seinen Haaren vielleicht einmal abgesehen. Schon seit er denken konnte, waren sie so struppig und verwuschelt gewesen, dass er mit Kamm und Bürste erst gar nicht anzufangen brauchte. Ein paarmal hatte er es mit Haargel versucht, aber jedes Mal ausgesehen wie Dracula. Jetzt gelte er nur die Haare vorne ein, sodass sie über der Stirn etwas vorstanden. „Frisur mit eingebautem Regenschirm“, zog sein Vater ihn immer auf, „nimm doch Beton, der hält länger!“ Na ja. Papa sollte sich mal lieber seine eigene Frisur anschauen.

Motte machte es sich auf dem weichen Teppich unter seinem Hochbett gemütlich. Es war einfach obercool, dass die Doppelstunde Deutsch ausgefallen war. Wahrscheinlich war Siegwart nach einer seiner nächtlichen Sauftouren mal wieder nicht in die Gänge gekommen. Jetzt konnte er in Ruhe die Mathehausaufgaben erledigen und dann vielleicht noch sein Buch weiterlesen, einen superspannenden Krimi über eine Erpresserbande. Um halb zwei würde Mama nach Hause kommen, und erfahrungsgemäß ging dann wieder die Hektik los – „Kannst du mal den Tisch decken? ... Die Spülmaschine ausräumen? ... Noch schnell den Müll runterbringen?“ Wenn sie schon mit ihrem „Kannst du mal ...“ anfing, wusste er, dass er die nächsten paar Stunden abschreiben konnte.

Er holte das neue Matheheft aus der Schultasche, das er auf dem Nachhauseweg gekauft hatte. Als er es mit „Moritz Blohm, Klasse 7 c“ beschriftete, musste er unwillkürlich grinsen. „Moritz“, das klang so merkwürdig. Seit er denken konnte, nannten ihn alle „Motte“.


Er hatte gerade mit der ersten Aufgabe angefangen, als die Wohnungstür quietschte. Motte entfuhr ein unterdrücktes Knurren. Konnte man in diesem Haus denn keine Minute Ruhe haben? Sicher war bei Ute auch etwas ausgefallen. Natürlich würde sie sich wie immer sofort ans Telefon hängen, und dann durfte er sich wieder Ewigkeiten das Getratsche mit ihren Freundinnen anhören, und zwar volle Lautstärke. Ihr Mundwerk konnte offensichtlich nicht anders. Meist ging es um diese dämlichen Typen aus der Bravo oder irgendwelche Jungs aus der Parallelklasse. Und Klamotten natürlich, ein anderes Thema gab es nicht mehr. Seit sie vor kurzem zwölf geworden war, benahm sie sich, als wäre sie ihrem Bruder in Sachen Lebenserfahrung meilenweit voraus.

Motte wollte gerade schon zur Zimmertür starten, um sie demonstrativ zuzuknallen, als er im Türspalt Vaters weiße Mähne vorbeihuschen sah. – Was? Papa jetzt schon zu Hause? Sonst kam er nie vor vier Uhr nachmittags heim. Motte kam die Erinnerung an das Frühstück hoch, bei dem Papa elend schlecht gelaunt gewesen war, noch schlechter als er es in letzter Zeit sowieso schon war. Er hatte eine Szene gemacht, weil sich Motte angeblich zu viel Marmelade aufs Brot geschaufelt hatte. Nein, Motte hatte keine Lust auf eine Fortsetzung und beschloss, erst einmal auf Tauchstation zu bleiben.

Er saß gerade über der zweiten Matheaufgabe, als das Telefon ging. Schon nach dem ersten Klingeln hatte Papa abgenommen. Als ob er auf den Anruf gewartet hätte, ging es Motte durch den Kopf. Sonst ließ er das Telefon immer ewig klingeln – wenn er überhaupt dranging.

„Hallo! Hier Blohm ...“ Das Zittern in Papas Stimme ließ Motte aufhorchen. Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. Auf dem Flur hörte er Papa unruhig auf und ab gehen. Ansonsten war lange Zeit gar nichts zu hören.

„Du bist ja wahnsinnig geworden, Peter!“, ging es dann plötzlich los. Es klang wie eine Explosion. „Du bist der Abschaum der Menschheit! Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich verachte!“

Darauf folgte wieder eine lange Stille.

Ganz leise drang es dann zu Motte: „Ja, ich habe die E-Mail erhalten. Aber schneller geht es nun mal nicht. Meinst du, ich kann mal kurz so viel Geld lockermachen, und das alles, ohne dass meine Familie etwas mitkriegt?“

Wieder eine längere Pause.

Dann hörte er wie aus weiter Ferne: „Gut ... Du kriegst die Million ... in vier Wochen.“

2. KAPITEL
Die Million

Mottes Herz fing an zu pochen. Angestrengt lauschte er in die Stille. Aber auf dem Flur waren nur noch Vaters Schritte zu hören, die sich langsam entfernten. Mit einem lauten Schlag fiel die Haustür ins Schloss.

Motte saß wie vom Donner gerührt auf seinem Teppich. Immer wieder ging ihm dieser eine Satz durch den Kopf: „Ja, du kriegst die Million.“ – Eine Million? Um was für eine Million ging es da? Wer war dieser Peter? Was hatte er mit Papa zu tun? Und warum sollte der ihm Geld geben? Wie wollte er überhaupt an so viel Geld kommen? Er hatte als Leiter der Stadtbibliothek sicher kein schlechtes Gehalt, und auch Mama verdiente mit ihrem Halbtagsjob im Bioladen noch etwas dazu, aber eine Million? Daran war doch nicht im Traum zu denken! Sie hatten sich gerade erst vor zwei Jahren dieses Ökohaus gebaut und Motte wusste, dass sie immer noch jeden Monat Geld an die Bank zahlen mussten. Jedenfalls war das Papas Lieblingsargument bei den Taschengeldverhandlungen, die Ute regelmäßig anzettelte, wenn sie neue Klamotten und neuerdings auch Schminksachen brauchte. „Wir alle müssen jetzt ein Weilchen den Gürtel enger schnallen“, sagte er dann immer, mit einem munteren Lächeln, mit dem er wohl zeigen wollte, was für einen Spaß Sparen machen kann.

Und jetzt wollte er kurz mal eine Million auftreiben und sie diesem Peter geben? Da war etwas faul. Nein, megafaul.

Jetzt war auch klar, warum Papa die ganze letzte Zeit so komisch gewesen war. Er war ständig schlechter Laune, an allem hatte er etwas auszusetzen. Die gemeinsamen Fernseh- oder Spieleabende gehörten der Vergangenheit an. Jetzt hieß es nach dem Abendbrot immer gleich „Ab ins Bett!“, und zwar in einem Ton, der jede weitere Diskussion überflüssig machte. Motte merkte es Mama an, wie sehr auch sie unter der schlechten Stimmung litt.

Es war, als ob Papa ein anderer Mensch geworden wäre. Eigentlich war er immer ausgesprochen gutmütig und umgänglich gewesen. Er konnte sogar richtig witzig sein, wenn auch manchmal ein bisschen unfreiwillig. Vor allem aber war auf ihn immer Verlass.

Natürlich hatte er auch seine Macken (er nannte sie „Erziehungsprinzipien“). Und leider war sein Geschmack in manchen Dingen ziemlich eigenartig. Beim Fernsehprogramm zum Beispiel: Fußball war so ziemlich das einzige, worauf man sich mit ihm einigen konnte. Ansonsten schaute er sich am liebsten die Kultursendungen auf Arte an. Ein James Bond war in seinen Augen schon ein Gewaltfilm, der verboten gehörte.

Mit Musik war es ähnlich. Alles, was nach den Beatles kam, war für ihn „Krawallmusik“. Papa hörte nur Musik mit Einschlafgarantie: Klassik, Kirchenmusik, allenfalls mal seine alten Hippieschinken.

Er war einfach in den 70er Jahren stehen geblieben, auch in seinem Äußeren. Er trug die Haare fast schulterlang – zumindest die paar, die er noch hatte. Sie waren schneeweiß, schon so lange Motte zurückdenken konnte. „Ein richtiger Späthippie“, sagte Mottes Freund JoJo immer, und das traf den Nagel auf den Kopf. Es hätte bloß noch gefehlt, dass er sich lila Latzhosen und Jesuslatschen angezogen hätte, und man hätte ihn ins Museum stellen können.

Motte stand auf. Unruhig ging er im Zimmer hin und her und blieb vor dem Fenster stehen. Still und traurig nieselte es draußen vor sich hin. Ihn fröstelte. Was sollte er bloß tun? Alles Mama erzählen? – Nein!, schoss es ihm sofort durch den Kopf. Seine Eltern waren immer ein Herz und eine Seele gewesen. Papa musste einen Grund haben, weshalb er die Sache vor Mama geheim hielt.

Sollte er vielleicht mit Ute sprechen? Er verwarf den Gedanken, so schnell er ihm gekommen war. Sie konnte einfach den Mund nicht halten. Am Ende würden alle ihre zwanzig Freundinnen miträtseln.

Während er in den Regen starrte, wurde ihm plötzlich klar, was zu tun war. Wozu hatte man eigentlich Freunde?

3. KAPITEL
Die Freunde

Bleib mal locker. Das kriegen wir in den Griff!“ Als wollte er seine Aussage bekräftigen, nahm JoJo sehr zackig seine Brille ab und attackierte die Gläser mit dem Hemdzipfel.

Von Simon kam ein leichtes Nicken. Er war – ganz im Gegensatz zu JoJo – kein Freund der großen Worte. Er sagte, was es zu sagen gab, aber auch kein Wort mehr.

Der ewige Regen hatte eine Pause eingelegt. Motte und seine Freunde hockten auf dem Geländer des Parkplatzes am Supermarkt, wo ihr gemeinsamer Nachhauseweg von der Schule endete. Hier, neben dem Häuschen mit den Einkaufswagen, saßen sie immer noch ein bisschen zusammen, bevor jeder die letzten Meter zu sich nach Hause ging. Es war nicht gerade das gemütlichste Plätzchen, das man sich als Treffpunkt denken konnte. Einkaufswagen ratterten, kleine Kinder quengelten, Autos parkten ein und aus, und vom Getränkemarkt kam das Geschepper der leeren Kisten. Aber dafür beachtete sie hier keiner groß.


Motte hatte seinen Freunden alles erzählt – die Sache mit dem Anruf, Vaters miese Laune, die schlechte Stimmung zu Hause. Er hatte sich alles von der Seele geredet und war nun so erleichtert, dass er den beiden am liebsten um den Hals gefallen wäre.

JoJo und Simon waren seine besten, genauer gesagt: seine einzigen Freunde. Manchmal wunderte er sich selber, wie er mit zwei so unterschiedlichen Typen befreundet sein konnte. Schon auf den ersten Blick war ein größerer Gegensatz kaum vorstellbar: JoJo war deutlich kleiner als Simon, dafür aber auch deutlich dicker. Eigentlich hieß er Jochen. Böse Zungen behaupteten, dass sein Spitzname etwas mit seiner Körperform zu tun hätte: klein und rund – wie das gleichnamige Spielzeug eben. Die Ursachen für seine Korpulenz (wie er selbst seine Leibesfülle zu bezeichnen pflegte) waren alles andere als rätselhaft. Sein Speisezettel bestand ausschließlich aus Fast Food. Alles andere betrachtete er mit Misstrauen („da könnte ja sonst was drin sein“). Wenn er bei Motte zu Besuch war und dessen Mutter ihre unvermeidliche Biokost auftischte, machte er jedes Mal ein Gesicht, als ob man ihn vergiften wollte. Sein Lieblingsgetränk war der berühmte „Matsch“. Dabei handelte es sich um eine süße Eispampe, die man mit Strohhalmen aus Bechern trank. Es gab sie in knallrot, lila, giftgrün und grellgelb. Das Ganze kam aus einer Maschine in JoJos Zimmer, die seine Mutter ihm gekauft hatte. Er hatte das Zeug einmal im Urlaub auf Mallorca getrunken und danach erklärt, ohne Matsch könne er keine Hausaufgaben mehr machen.

In Sachen Essen und Trinken war JoJo kompletter Selbstversorger. Seine Mutter war nachmittags bei der Arbeit und kam erst spät abends nach Hause, und auch morgens bekam JoJo sie nur selten zu Gesicht, weil sie noch schlief. Sein Vater war sowieso nie da. Er sei zur See, erzählte JoJo herum, aber Motte wusste von seinen Eltern, dass JoJos Vater vor fünf Jahren mit einer anderen Frau nach Hamburg gezogen und seither nicht mehr aufgetaucht war.

Klarer Fall von Erpressung!“, verkündete JoJo jetzt so laut, dass eine vornehme alte Dame, die gerade mit ihrem Einkaufswagen vorbeikam, ihn ganz erschrocken anblickte und dann hastig weitertrippelte.

Etwas leiser fuhr er fort: „Dieser Peter soll sich mal nicht zu früh freuen. Jetzt kriegt er es mit Profis zu tun!“ Er strich sich mit der Hand zärtlich über die gebleichten Spitzen seiner Igelfrisur. Mit seiner Haartracht war JoJo immer „dem Trend voraus“, wie er sagte. Dasselbe galt selbstverständlich auch für seine Klamotten. Da ging der künftige Trend offenbar zu überweiten Jogginghosen, himmelblauen Sneakers und T-Shirts oder Sweatshirts mit irgendwelchen abgefahrenen Sprüchen drauf. Gerade war Ich könnte es dir erklären, aber will dich lieber nicht überfordern dran. JoJo war das geborene Großmaul. Was aber nichts daran änderte, dass er ein richtig guter Kumpel war.

„Ja, JoJo hat recht“, meldete sich Simon mit seiner sanften Stimme zu Wort. Er biss in einen Apfel und kaute erst einmal in aller Seelenruhe, den Blick irgendwo in die Ferne gerichtet.

Seinem braun gebrannten Gesicht war anzusehen, dass er viel draußen war. Es war von langen strohblonden Haaren eingerahmt, die ihm vorne bis in die dunklen Augen fielen. Simon war der Schwarm aller Mädchen in der Klasse, was er neben seinem Aussehen hauptsächlich seinem schüchternen Lächeln Marke Brad Pitt verdankte. Vor allem die schöne Renate – die sie wegen ihrer großzügig bemessenen und ebenso freizügig gezeigten Oberweite untereinander immer Granate nannten –, himmelte ihn richtig an, was er aber gar nicht zu bemerken schien. Ihm waren Mädchen „total egal“, wie er zu Motte einmal gesagt hatte.

Simon warf den Apfelrest mit einem gekonnten Weitwurf in den Papierkorb. „JoJo hat recht, die Sache sieht ganz nach einer Verpressung aus!“

„Erpressung“, korrigierte ihn Motte.

Simons Deutsch war ziemlich aus den Fugen geraten. Sechs Jahre hatte er mit seiner Familie in Texas gelebt, wo sein Vater als Kinderarzt gearbeitet hatte. In den drei Monaten seit ihrer Rückkehr hatte er zwar schon Fortschritte gemacht, steuerte aber in Deutsch trotzdem auf eine Sechs zu – die aber zum Glück für die Versetzung nicht zählte. Die Regelung galt aber nur für das laufende Schuljahr, weshalb Simon seine Freunde gebeten hatte, ihn bei jedem Fehler zu verbessern.

Simon lächelte. „Ja, Erpressung ... Nur, wie kommen wir an die Erbrecher?“

„Verbrecher ...“ Motte musste sich das Lachen verkneifen.

„Als erstes müssen wir diese Mail checken, von der die Rede war“, sagte JoJo. Er hörte sich an wie der Polizeiboss in den Fernsehserien. „Meine Erfahrung sagt mir, dass uns die weiterbringt.“

„Und sagt dir deine Erfahrung auch, wie wir da dran kommen?“, fragte Motte. „Ich mache jede Wette, dass Papas Laptop mit einem Passwort geschützt ist.“

JoJo wischte den Einwand mit einer Handbewegung weg. „Cool bleiben, Mann.“ Er machte eine kleine Kunstpause. „Ich kenne da jemanden, der uns vielleicht helfen kann.“

„Und wer soll das sein?“, fragte Motte misstrauisch.

JoJo ließ ein Räuspern vernehmen, und blickte konzentriert auf seine Schuhspitzen.

„Jetzt rück schon raus!“

JoJo kratzte sich hinter dem Ohr. „MM.“

Motte schaute JoJo prüfend an. Bei ihm wusste man nie. Aber es schien sein voller Ernst zu sein.

MM hieß eigentlich Mariekje Marienhoff, aber da man dabei einen Knoten in die Zunge bekam, nannten sie alle in der Klasse nur „MM“. Manche behaupteten auch, dass MM für „Mathemausi“ stand, seit sie Herrn Freudenthaler einmal vorgerechnet hatte, dass er bei der Umwandlung eines Bruches an der fünften Stelle hinter dem Komma einen Fehler gemacht hatte. MM war die absolute Überfliegerin, nicht nur in Mathe. Motte konnte sich nicht erinnern, dass sie einmal etwas anderes geschrieben hatte als eine Eins. Aber ansonsten wusste eigentlich keiner etwas von ihr. Sie war nach den Sommerferien in die Klasse gekommen, weil sie eine Klasse übersprungen hatte. Keiner hatte bisher ein Wort mit ihr gewechselt. Nicht, dass sie nicht sprechen konnte – wurde sie aufgerufen, kam die Antwort immer wie aus der Pistole geschossen. Aber von sich aus sagte sie nichts. Sie saß einfach nur brav auf ihrem Platz in der ersten Reihe und lauschte den goldenen Worten des Lehrers. In der Pause stand sie alleine herum. Und natürlich spielte sie Geige im Schulorchester.

Motte konnte es noch immer nicht fassen. „Willst du uns verarschen?“

„Nein, Mann. Aber die könnte uns echt weiterhelfen.“

„Wie kommst du denn da drauf?“

JoJo beschäftigte sich wieder mit seinen Schuhspitzen. „Ich hab sie mal angesprochen ...“

„Angesprochen?“ Simon wirkte richtig aus der Bahn geworfen. „Krass.“

JoJo war es sichtlich unangenehm. Er trat von einem Bein auf das andere, als ob er aufs Klo müsste.

„Ich hatte da mal ein Problem mit meinem Computer ... Und da ihr Vater ja so ein Supercrack ist, dachte ich ...“

Jetzt war der Fall klar. Bei der Vorstellung, ein paar Tage ohne Spiele und Internet zu verbringen, war er durchgedreht und hatte Mathemausi angerufen. Ihr Vater war Professor an der Universität. In der Zeitung hatte es einmal einen Artikel über ihn gegeben. Angeblich war er dabei, den schnellsten Computer der Welt zu bauen.

„Selbst die Leute im Computerladen wussten nicht mehr weiter. Also dachte ich, ich versuch es mal bei MM, vielleicht kann sie ja ihren Vater fragen.“ JoJo hatte ganz rote Ohren bekommen. „Sie meinte nur ganz cool: ,Das krieg ich selber hin. Bring die Kiste mal vorbei.‘ Sie hat dann nur kurz reingeschaut und ein Teil ausgetauscht. Ich sag euch, das ist eine richtige Hackertante.“

„Cool“, sagte Simon, „eine Hacktante können wir gut verbrauchen.“

„Gebrauchen“, verbesserte ihn Motte. „Aber ... die ist doch voll komisch, oder?“

JoJo zuckte nur mit den Achseln. „Ist doch egal, wir brauchen sie jedenfalls. Ich check mal, ob sie mitmacht. Wir sollten uns dann alle heute Nachmittag um drei bei dir treffen, zur strategischen Lagebesprechung.“

„Zur was?“ fragte Motte.

„Nun ja ... so heißt das eben bei den Profis.“ Mehr Erklärung hielt JoJo offenbar nicht für nötig.

„Ich muss los“, sagte Simon. „Nala wartet mich.“

Simon mit seiner Nala. Seit er das dreibeinige Rehkitz vor ein paar Tagen auf einem seiner Streifzüge durch die Natur aufgegabelt hatte, entwickelte er richtige Muttergefühle. Er hantierte mit Milchflaschen und Wärmedecken und schlug sich die Nächte um die Ohren, um das verunglückte Tierchen durchzubringen.

Motte schaute auf die Uhr. „Ich muss auch los!“ – Es war höchste Zeit. Beim Mittagessen ließ Mama nicht mit sich spaßen. „Willst du nicht mit zum Essen kommen?“, fragte er JoJo im Gehen.

JoJo machte ein Gesicht, als ob er eine Einladung zum Zahnarzt erhalten hätte. Erschrocken stammelte er: „Ach, lass mal ... ich bin auf Diät.“


4. KAPITEL
Die Lagebesprechung

Was immer JoJo befürchtet haben mochte – es kam noch viel schlimmer. Eine echte Sternstunde des Familienlebens, ging es Motte durch den Kopf, als er zu Hause am Mittagstisch saß. Mama hatte eine ihrer berüchtigten Ökospezialitäten aufgefahren: Grünkernauflauf mit Sellerie, dazu Rettich mit Magerquark. Schon seit Jahren kochte sie nur noch vegetarisch. Fleisch machte ihrer Ansicht nach krank und dumm, und Zucker war das pure Gift. Die Regel war einfach: Je besser etwas schmeckte, umso giftiger war es.

Heute war das Essen ganz besonders gesund. Und als Beilage gab es dazu Vaters schlechte Laune. Während des ganzen Essens kam kein einziges Wort über seine Lippen. Nur ab und zu ließ er ein leises Brummen hören, mit dem er wohl den Anschein erwecken wollte, dass er sich am Gespräch beteiligte. Aber in Wirklichkeit war er weit weg.

Dafür quasselte Ute ununterbrochen. Sie schien gar nicht zu bemerken, wie gedrückt die Stimmung um sie herum war. Munter plauderte sie über ihre Lieblingsthemen: wer in ihrer Klasse in wen verknallt war, und welche Jungs sie süß fand, und was ihre Freundin Melanie wieder für tolle Sachen angehabt hatte und wo die her waren und wie viel sie gekostet hatten. Irgendwann kam natürlich auch wieder ihr Posterboy aus der Bravo dran – was für ein geiles Video sie von ihm entdeckt und wie schwer er es jetzt hätte, wo seine Tussi einen anderen geküsst hatte. Als Motte eine ironische Bemerkung dazu machte, geriet sie völlig außer sich: „Du hast ja keine Ahnung, wie sehr er jetzt leidet!“

Der krönende, aber vorhersehbare Abschluss des Mittagessens war dann, dass Mama ihn zum Tischabräumen verdonnerte. Und das hieß natürlich, dass er vorher noch die Spülmaschine ausräumen durfte. Und den Tisch abwischen. Das volle Programm eben. Er protestierte zaghaft, seiner Meinung konnte eigentlich auch Ute einmal Hand anlegen, aber im Grunde wusste er schon, dass es mal wieder zwecklos war. „Ute hat heute so viele Hausaufgaben.“ Als ob er nichts aufhätte. Das Problem war, dass Mama auf dem Emanzentrip war. Mit regelmäßiger Hausarbeit wollte sie ihn vor dem schlimmsten Schicksal eines Mannes bewahren: ein Macho zu werden. Sie war schon immer schwer in Sorge gewesen, weil er nur mit Jungs befreundet war. Ihrer Ansicht nach drohten die „weiblichen Anteile“ in ihm zu verkümmern.

Aber sonst war Mama ganz in Ordnung. Vor allem konnte sie über sich selber lachen. „Ich weiß ja, dass ich mir zu viele Sorgen um dich mache. Aber du bist nun mal mein einziger Sohn, da darf man das doch, oder?“

Motte war gerade mit dem Tischabräumen fertig, als JoJo und Simon erschienen. Alle drei verschwanden sie schnell in Mottes Zimmer. Simon hatte in der einen Hand ein langes Etwas aus dunkelrotem Frotteestoff, das aussah wie eine überdimensionierte Socke, in der anderen eine Korbtasche, aus der zwei braune Öhrchen herausschauten.

„Was bringst du denn da mit?“, fragte ihn Motte und beugte sich über die Tasche. „Ist das Nala?“

Zwei große schwarze Augen schauten ihn an und ein feuchtes Schnäuzchen reckte sich über den Rand der Tasche und witterte vorsichtig.

„Ja. Ich wollte ihr nicht allein lassen ... sie hat mich zur Mutter gewählt. Wenn ich weggehe, ist sie immer so traurig!“

„Und was hast du mit dem Bogen vor?“ Motte deutete auf die Riesensocke. „Willst du Jagd auf diesen Peter machen?“

„Nee, ich gehe nachher noch zu das Schießplatz.“

Seit seiner Zeit in Amerika war Simon begeisterter Bogenschütze. Er trainierte zwei oder drei Mal die Woche auf dem Schießplatz des Sportclubs Niederhausen, meist am Nachmittag, wenn er sicher sein konnte, dass niemand von den bierbäuchigen Vereinsleuten zuschaute, die trotz ihrer Hightechbögen mit Flaschenzügen und Zielautomatik nicht annähernd so gut trafen wie er. Den Jagdbogen aus Rosenholz hatte er aus Amerika mitgebracht. „80 Pfund Zuggewicht“, hatte er Motte mit einem hintergründigen Lächeln erklärt, als der ihn einmal zum Training begleitet hatte. So sehr Motte sich auch anstrengte, er konnte die Sehne keine fünf Zentimeter spannen. Simon dagegen zog daran, als ob es Butter wäre und erzählte dabei, dass Leute mit solchen Bögen in Amerika auf Bärenjagd gingen. Er traf mit einer unglaublichen Präzision. Jedes Mal, wenn er den Pfeil in der Mitte der Scheibe versenkte, schüttelte er sich nur kurz die Haare aus der Stirn, als ob so ein Treffer überhaupt nicht der Rede wert wäre.


„Und? Macht MM mit?“, wandte sich Motte an JoJo.

„Klar, Mann. Sie kommt aber ein bisschen später, sie hat noch irgendwas zu tun ...“

„Bestimmt büffelt sie für Bio“, warf Motte ein.

Die Jungs machten es sich auf dem Teppich unter dem Hochbett bequem. Motte erzählte seinen Freunden haarklein das ganze Horror-Mittagessen.

„Echt krass“, seufzte JoJo. „Magerquark wäre mein Ende gewesen.“

Simons einziger Kommentar war: „Beerdigung.“ Es sollte wohl so etwas wie Beileid bedeuten.

Nala hatte sich in seine Arme gekuschelt und musterte mit ihren dunklen Augen aufmerksam die Umgebung. Ab und zu rappelte sie sich auf und hoppelte ein paar Schritte auf ihren drei Beinchen herum, um sich dann schnell wieder in Simons Arme zu flüchten.

Um halb vier war MM immer noch nicht erschienen. Sie hatten gerade beschlossen, sie anzurufen, als die Zimmertür aufging. Motte hatte es schon fast erwartet: Vor ihnen stand Ute – aufgedonnert bis zum Anschlag, mit grell rot angemalten Lippen und Lidschatten kiloweise. Offenbar hatte sie die Zeit, die Motte in der Küche geschuftet hatte, mit ihrem Schminkarsenal im Badezimmer verbracht.

„Na Brüderchen, hast du Besuch?“, fragte sie in Mottes Richtung, ohne ihn jedoch eines Blickes zu würdigen. Simon dagegen schenkte sie ihr allersüßestes Lächeln, oder zumindest das, was sie dafür hielt. Es sah aus, als ob ihr jemand auf den Fuß getreten wäre.

Dann wandte sie sich wieder Motte zu: „Da ist übrigens so eine Tusse, die dich sprechen will. Wusste gar nicht, dass das mit den Mädchen bei dir schon losgegangen ist, Brüderchen!“ Natürlich wusste sie, wie sehr ihm dieses Getue mit dem „Brüderchen“ auf die Nerven ging.

Hinter Ute tauchte ein schlankes Mädchen mit schwarzen, mittellangen Haaren in der Tür auf. Auf den ersten Blick hätte Motte sie fast nicht erkannt. MM sah irgendwie anders aus als in der Schule. Vielleicht lag es auch daran, dass er sie in der Schule immer nur von hinten sah. Sie lächelte zaghaft. Wahrscheinlich war sie etwas eingeschüchtert von Utes Auftritt.

Der jedoch noch keineswegs beendet war: „Was habt ihr denn Wichtiges vor, wenn man fragen darf?“ Die Frage sollte wohl beiläufig klingen. Dabei kam ihr die Neugier fast zu den Ohren heraus.

Motte freute sich, dass er seine Schwester mal so richtig abblitzen lassen konnte: „Was geht dich das eigentlich an?“

Ute setzte ein gekünsteltes Lächeln auf und säuselte „Aha ... Brüderchen hat doch nicht etwa Geheimnisse vor seiner Schwester? Nur keine Sorge, ich krieg das schon noch raus!“ Und mit einem Blick wie ein Donnerkeil zu Motte und einem Augenaufschlag für Simon war sie verschwunden. Zurück blieb eine dicke Parfümwolke.

„Oh Mann ...“ JoJo blickte Motte voller Mitleid an.

Von Simon kam nur ein leises „voll amimäßig“. Seit er aus Amerika zurück war, war das sein Lieblingsschimpfwort. Nicht, dass es ihm in Amerika nicht gefallen hätte, im Gegenteil. Die wilde und unberührte Natur hatte ihn begeistert. Von seinen einsamen Ausritten auf dem schwarzen Hengst „Liberty“ schwärmte er immer noch. Aber in seiner Klasse in der Middleschool war er immer ein Außenseiter geblieben – genauso wie seine ganze Familie, die einfach nicht so recht reinpassen wollte in die Welt der meisten Texaner, in der sich alles um Autos und TV-Shows drehte. Für seine Mitschüler spielte sich das Leben außerhalb der Schule vor allem vor dem Bildschirm ab – und dazu fiel Simon nichts mehr ein. Außer eben: „voll amimäßig“. Bei den Böttchers gab es im ganzen Haus weder Fernseher noch Computer. Sie lebten ungefähr wie vor hundert Jahren. JoJo nannte sie immer die „Kelly-Family“, weil die Mädchen und auch die Mutter immer mit langen Röcken und Zöpfen herumliefen. Abends sangen sie mehrstimmig zur Gitarre, die der Vater spielte. An den Wochenenden gingen sie alle zusammen wandern. Motte konnte nicht richtig nachvollziehen, wie man freiwillig wandern gehen konnte, und das auch noch mit einer halben Tonne Gepäck auf dem Rücken. Aber für Simon gab es nichts Schöneres, er war nun einmal ein Naturfreak.

MM hatte neben Motte Platz genommen. „Deine Schwester hat ja ganz schön Power“, sagte sie mit einem leichten Lächeln.

„Ja, das kann man wohl sagen“, stöhnte Motte und rollte mit den Augen.

„Tut mir leid, dass ich zu spät komme“, sagte MM. „Ich war noch Gassi gehen ...“

Offenbar hatte sie die irritierten Mienen der Jungs bemerkt. „Ich meine ... Gassi gehen mit den Hunden aus der Nachbarschaft, das mach ich jeden Tag. Sechs frisierte Schoßhündchen mit Schleifchen und Stammbaum. Komplett abartig. Aber super bezahlt, fünfzig Euro im Monat.“

Motte war ganz von ihren Augen in Bann gezogen. Klar wie Meerwasser, irgendwo zwischen Hellblau und Türkisgrün. Vielleicht war es auch nur der Kontrast zu den schwarzen Haaren, er hatte jedenfalls noch nie so helle Augen gesehen.

JoJo dagegen schien sich mehr für die finanzielle Seite ihrer Ausführungen zu interessieren. „Wow! Fünfzig Euro? Ich empfehle ja immer Siemens-Aktien“, sagte er eifrig.

JoJo mit seinen Aktien! Auf so ein abgedrehtes Hobby konnte nur er kommen. Bei ihm zu Hause liefen auf dem Bildschirm ständig die aktuellen Aktienkurse. Auch in der Schule hatte er „die Hand am Puls des Marktes“, wie er sich ausdrückte – wobei der Puls des Marktes das Handy unter der Schulbank war.

MM lächelte. „Kein Bedarf an Siemens. Ich gebe das Geld immer gleich für Computerteile aus.“

Motte wusste von JoJo, dass MM einen eigenen Computer zusammengebaut hatte, den sie Quick Blue nannte. Er war angeblich so schnell, dass er es mit manchem Großrechner aufnehmen konnte. Sie hatte darin superschnelle Prozessoren eingebaut, die noch gar nicht auf dem Markt waren, und die sie über ihren Vater bekommen hatte.

MM hatte noch gar nicht bemerkt, dass Nala hinter ihr stand und an ihren Haaren schnüffelte. Als das Rehkitz anfing, ihr am Ohr zu knabbern, drehte sie sich erschrocken um. „Was bist denn du für eines?“

Simon musste wieder einmal die ganze Geschichte erzählen. „Sie hat seinen Bein in die Mähmaschine gekriegt. Sie war halb abgestorben, als ich sie gefunden habe. Ihre Mama hat sie schon abgegeben ...“

„Aufgegeben ...“ JoJo räusperte sich ungeduldig. „Lasst uns loslegen!“ In der Hand hatte er sein Smartphone und begann zu tippen. „Ein paar Stichwörter für‘s Protokoll“, sagte er mit wichtiger Miene, und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. In feierlichem Tonfall verkündete er dann: „Nachdem wir jetzt vollzählig sind, eröffne ich hiermit die erste strategische Lagebesprechung unserer Einsatzgruppe.“

Motte schaute JoJo prüfend an. Er schien es mit seinem hochoffiziellen Ton tatsächlich ernst zu meinen. Er blickte in die Runde wie ein General, der seine Truppen inspiziert.

„Fangen wir mit dem Wichtigsten an“, fuhr JoJo fort, „den Kommunikationsmitteln.“ Er kramte in seinem Rucksack. Zum Vorschein kamen drei nagelneue Smartphones, genau vom selben Typ wie sein eigenes, das er seit zwei Wochen neu hatte.

„Was willst du denn mit den ganzen Handys? Reicht dir deins nicht mehr?“, fragte Motte.

„Nein, die sind für euch. Wir müssen auf dem neuesten Stand der Kommunikationstechnik sein. Und dazu brauchen wir vernünftige Handys, mit Konferenzschaltung, Diktierfunktion, Internet und allem drum und dran, ist doch logisch.“

Motte fand es nicht ganz so logisch. „Was stellst du dir vor, was meine Mutter sagt, wenn ich mit so einem Ding ankomme?“ Gar nichts würde sie wahrscheinlich sagen – weil es ihr nämlich die Sprache verschlagen hätte. Mama war überzeugt, dass man von der Handystrahlung Krebs bekommt. Die ganze Familie hatte striktes Handyverbot, Papa eingeschlossen.

„Du brauchst es ihr ja nicht zu zeigen, oder?“, gab JoJo zu bedenken. „Du stellst es einfach immer auf Vibrationsalarm ein. Und wenn es losgeht, musst du eben aufs Klo oder sonst wohin, wo du reden kannst.“

Motte stellte sich vor, wie es munter in seiner Hose vibrierte, während er am Abendbrottisch saß. Er fand es zwar vollkommen übertrieben, dass sie jetzt alle mit Top-Handys rumlaufen sollten, aber die Vorstellung, so ein Ding zu haben, war eigentlich ziemlich verlockend. „Also gib her, wird schon schiefgehen“, sagte er zu JoJo.

„Aber wir können doch nicht so viel Geld spenden?“, kam nun Simons Einwand.

„Ausgeben, meinst du ...“

„Mach dir mal keinen Kopf“, sagte JoJo. „Ich habe ein paar Siemens-Aktien verkauft. Die stehen gerade auf 64,76, da kann man gut mal Kasse machen.“ Er wandte sich an MM: „Hast du schon einen Plan, wie wir an die Datei rankommen?“

„Ja, ich habe einen Plan“, gab sie lächelnd zurück. Sie wandte sich an Motte: „Wann kannst du den Laptop denn mal ausleihen?“

„Am besten vormittags, wenn Papa in seiner Bibliothek ist und Mama im Bioladen. Und Ute in der Schule ...“

„Das Problem ist nur, dass wir da auch in die Schule sind“, sagte Simon.

„Probleme sind dazu da, gelöst zu werden.“ JoJo machte sich wieder mit großer Geste an seiner Brille zu schaffen. „Und ich weiß auch schon, wie.“

„Und?“

„Es wird uns schlecht.“

„Was?“

„Es wird uns allen schlecht. Morgen nach der Zweiten ...“

5. KAPITEL
Die Spur

„Es kann losgehen!“ Motte stellte den Laptop auf JoJos Schreibtisch, klappte den Deckel auf und drückte auf den EIN-Schalter. Die Maschine begann sanft zu surren. Vier Augenpaare starrten gebannt auf den Bildschirm.

Dafür, dass sie noch vor einer Stunde unter heftigen Bauchkrämpfen gelitten hatten, sahen Motte und seine Freunde ganz munter aus. In der Deutschstunde waren sie wie verabredet von einer schweren Magen-Darm-Grippe heimgesucht worden. JoJo hatte sich mit graugrünem Gesicht und verdrehten Augen gemeldet („Kleiner Trick“, erzählte er hinterher, „habe da mit Kreide ein bisschen nachgeholfen“). Der alte Siegwart war kaum mehr davon abzuhalten, den Notarzt zu rufen. Simon murmelte irgendetwas von „fürchterbarem Abfall“, womit er wahrscheinlich seinen schlimmen Durchfall meinte. Zu Mottes Überraschung schluckte Siegwart ihre Erklärung ohne weiteres, dass sie sich am Magerquark seiner Mutter den Magen verdorben hätten. Der Arme sah selber so aus, als ob er eine Kloschüssel gebrauchen könnte. Offenbar hatte er wieder einmal eine durchzechte Nacht hinter sich.

Unter den Schulkameraden sorgte die Magerquarkaktion für ziemliche Aufregung – vor allem deshalb, weil MM mit von der Partie war. „Wahrscheinlich kriegen die Mathenachhilfe von ihr“, konnte Motte von irgendwoher hören. Im Hinausgehen fing er einen Blick von Renate auf, der Bände sprach, so etwa wie: „Mich lässt Simon immer abblitzen, und diese Streber-Tussi gehört jetzt zu seiner Clique ...“

Motte war dann schnell nach Hause gerast, hatte den Laptop seines Vaters eingepackt und zu JoJo gebracht, wo die anderen schon ungeduldig auf ihn warteten. Es dauerte eine Weile, bis JoJo einen Platz für das Gerät freigeschaufelt hatte. Sein Zimmer war mal wieder am Ende seines Fassungsvermögens angelangt. Überall standen irgendwelche Geräte herum: Fernseher, Video, DVD-Player, Stereoanlage, X-Box, Playstation, Computer. Nicht zu vergessen die Matsch-Maschine. Dazwischen lagen Stapel von Comic-Heften, alte Pizzaschachteln, Plastikbecher, Klamotten und alle möglichen Computerspiele herum.

JoJo saß mit einer Pobacke auf der Schreibtischkante und beugte sich über den Laptop. Mit großer Geste drückte er auf den EIN-Knopf

„Der will tatsächlich ein Passwort haben“, murmelte er. Seine Stimme klang leicht beleidigt.

„Und jetzt?“ fragte Motte besorgt.

„Jetzt mach dir mal nicht ins Hemd.“ Mit einem belustigten Lächeln nahm MM den Laptop auf den Schoß und machte sich über die Tastatur her. Während die Tasten klickten und klapperten sagte sie: „Dein Vater scheint ja nicht gerade viel Ahnung von Computern zu haben.“

„Stimmt!“ Motte musste lachen. Vater und Technik ... ein einziges Trauerspiel. Ihn mit dem Schraubenzieher in der Hand anzutreffen hieß, dass das Haus jetzt besser evakuiert werden sollte. Die Bohrmaschine hielt Mama unter Verschluss, seit er damit einmal die Gasleitung angebohrt hatte. Zu trauriger Berühmtheit hatte es auch die Sache mit dem Fernseher gebracht. Er hatte versucht, einen Videorecorder anzuschließen, worauf die Kiste in die Luft geflogen war. Selbst mit dem Telefonieren wollte es bei ihm nicht so recht klappen. Seit sie das schnurlose Telefon hatten, sah man ihn immer wieder mit der Fernbedienung des Fernsehers am Ohr.

Und seit zwei Monaten hatte er jetzt diesen Computer. Er war zu der Anschaffung mehr oder weniger genötigt worden, nachdem die ganze Bibliothek auf Computertechnik umgestellt hatte. Im Grunde trauerte er immer noch seiner alten Schreibmaschine nach.

Während MM die Tasten bearbeitete, herrschte atemlose Stille.

Es dauerte nicht lange, bis von MM ein erlösendes „O.K.“ kam. „Ich bin drin!“ Nach ein paar weiteren Klicks sagte sie: „Das Stichwort „Peter“ kommt in zwei Dateien vor. Die erste ist eine E-Mail von Mottes Vater an Peter ... Hier, schaut euch das mal an!“

Ich brauche dir nicht zu sagen, was ich von dir halte. Du weißt, was das alles für mich bedeutet – und für meine Familie. Natürlich hast du mich in der Hand. Aber ich kann nur darauf hoffen, dass du einen Funken Ehrgefühl in dir hast und es dir noch mal überlegst. Peter, wenn du Geldsorgen hast, können wir uns doch zusammensetzen und gemeinsam eine Lösung finden.

Motte hatte kaum zu Ende gelesen, als MM schon den nächsten Brief auf den Bildschirm zauberte.

„Von Peter an deinen Vater ... Das muss die E-Mail sein, von der in dem Telefonat die Rede war.“

Es ist zwecklos. Mit der Mitleidsmasche verschwendest du nur deine Zeit. Ich brauche das Geld bis spätestens in vier Wochen und Punkt. Wann genau und wie du es mir zu übergeben hast, teile ich dir noch mit. Aber eins ist klar: Ich habe keinen Bock mehr, mich von dir hinhalten zu lassen. Du weißt, dass es alte Chevys nun mal nicht umsonst gibt. Und noch mal zur Erinnerung: Lass die Bullen aus dem Spiel. Wenn ich nur den leisesten Verdacht habe, dass du falsch spielst, lass ich alles auffliegen.

Peter.

Lange Zeit sagte keiner ein Wort. Motte ballte die Fäuste vor ohnmächtiger Wut.

„So ein Fiesling“, sagte MM mit zitternder Stimme.

JoJo sagte zunächst gar nichts. Er ging im Zimmer auf und ab, ganz in seine Gedanken versunken. „Da soll mal einer draus schlau werden“, murmelte er. Dann setzte er sich plötzlich wieder hin. „Lasst uns mal alle Fakten zusammentragen. Brainstorming nennt man das bei den Profis.“ – Er blickte in die Runde, ganz begeistert von seinem Vorschlag. „Also gut, was wissen wir?“

„Wir wissen, dass wir nichts wissen“, gab Motte zurück, etwas genervt von JoJos Großspurigkeit.

MM schien das „Brainstorming“ ernster zu nehmen. „Also, klar ist schon mal, dass Mottes Vater erpresst wird ...“

„... von einem Typ, der Peter heißt ...“, machte JoJo weiter.

„... und eine Million von ihm will“, kam es von Simon.

„... und zwar bis zum ersten September“, beteiligte sich jetzt auch Motte.

„Und dieser Typ ist mit deinem Vater offenbar per Du“, sagte JoJo. „Er muss ihn also ganz gut kennen. Ein Freund vielleicht.“

„Wenn du jemanden einen Freund nennst, der dir eine Million wegnehmen will“, warf MM trocken ein.

„Gut, ein Ex-Freund ...“

„Und zwar einer, der scharf auf „alte Chevys“ ist. Was immer das sein mag“, sagte Motte.

JoJo schaute ihn entgeistert an: „Noch nie was von Chevys gehört? Damit sind Chevrolets gemeint!“

„Chevrolets?“, fragte MM.

Jetzt schien JoJo vollends die Fassung zu verlieren. „Sag bloß, du weißt nicht, was ein Chevrolet ist?“

„Nein, weiß ich tatsächlich nicht“, gab sie zurück. „Muss ich mich jetzt schämen?“

JoJo bemühte sich demonstrativ um Fassung und erklärte ihr betont umständlich, dass Chevrolet eine amerikanische Automarke sei, und dass alte Chevys bei Oldtimer-Fans hoch im Kurs stünden. „Sieht ganz so aus, als ob er die Dinger sammelt.“


Es entstand eine längere Pause, während der JoJo ungeduldig auf der Matsch-Maschine herumklopfte.

„Die ganze Sache ist ziemlich merkwürdig“, begann er. „Normalerweise tun Erpresser alles, damit bloß nicht herauskommt, wer sie sind. Sie geben sich die größte Mühe, keine Spuren zu hinterlassen. Dieser Peter scheint jedoch nicht das geringste Problem damit zu haben, dass dein Vater weiß, wer er ist.“

„Und scheint nicht einmal Angst zu haben, dass Mottes Vater zur Polizei geht“, sagte MM.

„Und dafür muss er einen Grund haben. Und zwar einen ziemlich triftigen“, sagte JoJo.

„Ja, da liegt das eigentliche Rätsel“, sagte Motte beklommen. Er hatte ein ganz merkwürdiges Gefühl im Bauch. Irgendetwas stimmte an der ganzen Sache nicht. Warum ging Papa nicht einfach zur Polizei und zeigte diesen Peter an? Hatte er am Ende etwa selbst Angst vor der Polizei?

„Wenn dein Vater nicht zahlt, will Peter „alles auffliegen lassen“, wie er schreibt“, hörte er MM sagen.

„Hmmm ... Aber was soll er denn auffliegen lassen?“ fragte Simon.

„Ich weiß auch nicht“, sagte JoJo, „dieser Peter muss einen Trumpf in der Hand haben. Offenbar kennt er irgendein Geheimnis ... irgendwas, was auf keinen Fall rauskommen darf, um keinen Preis, auch nicht um den Preis von einer Million.“

So sehr sie sich auch anstrengten, sie kamen einfach nicht weiter. Jede Frage führte nur zu noch mehr Fragen.

Schweigend saßen sie da, jeder in seine Gedanken versunken.

„Wie ist denn seine E-Mail-Adresse?“, fragte JoJo in die Stille.

„572391250@hotmail.com“, las MM vor.

„Hmm ... auch nicht gerade aufschlussreich.“

Motte musste schlucken. Jetzt hatten sie zwar eine Spur, aber sie führte schlichtweg ins Nirgendwo. Nicht einmal den Nachnamen des Erpressers kannten sie. Was nutzte es ihnen, dass sie seinen Brief aufgespürt hatten, wenn sie nicht an ihn selber rankommen konnten?

Alle starrten vor sich hin, während es vor dem Fenster leise vor sich hin tröpfelte.

Plötzlich sprang JoJo auf: „Ich weiß, wie wir ihn kriegen!“

6. KAPITEL
Der Biertrinker

JoJo putzte erst einmal sorgfältig die Brillengläser.

„Jetzt rück schon raus!“, sagte Motte ungeduldig.

Aber bevor JoJo dem Drängen des Publikums nachgab, musste er sich noch ausgiebig räuspern und die Brille prüfend gegen das Licht halten, um sie dann mit großer Geste wieder aufzusetzen.

„Also ... ich denke, wir sollten Peter einfach mal schreiben. Und ihn einladen.“

Wollte JoJo sich über sie lustig machen?

JoJo ließ Motte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. „Wir kennen die E-Mail-Adresse von Peter. Und wir wissen noch etwas anderes: Er interessiert sich für alte Chevys. Und genau darüber können wir ihn kriegen. Wir schreiben ihm unter irgendeinem Pseudonym – so sagen die Profis für Deckname – am besten irgendwas Adliges, das kommt immer gut, und geben uns als Sammler aus, die ihm irgendein super Angebot machen wollen. Dazu laden wir ihn zu einem ganz persönlichen Treffen ein, in irgendein Lokal. Nur dass da dann natürlich kein blaublütiger Oldtimer-Fan auf ihn wartet, sondern ein leerer Tisch ...“

JoJo unterbrach sich und schaute in die Ferne wie ein Redner, der der Menge erst einmal Gelegenheit für Beifallsstürme geben will. Aber es herrschte betretene Stille.

„Und was haben wir davon? Sollen wir uns auf ihn stürzen?“, fragte MM.

„Natürlich nicht. Wir schauen uns den Typen erst mal gründlich an, z.B. vom Nachbartisch aus. Und wenn er dann wieder abzieht, wollen wir mal sehen, wo er hingeht.“

„Du meinst, wir beschatten ihn?“

„Genau ... observieren heißt das übrigens bei den Profis.“ JoJo konnte wirklich keine Gelegenheit zum Angeben auslassen.

„Und wenn er nicht kommen will?“, warf MM ein.

„Er wird kommen. Er ist doch so scharf auf die Dinger, dass er dafür nicht einmal vor einer Erpressung zurückschreckt. Wir müssen ihn nur richtig heiß machen. Wir bieten ihm ein extrem seltenes Modell an, so Baujahr 50 oder so.“

„Sag bloß, du kennst dich mit Oldtimern aus?“, fragte Motte. Bei JoJo war heiße Luft und Realität immer schwer auseinanderzuhalten.

JoJo zuckte mit den Schultern. „Nein, überhaupt nicht. Aber ich kenne so einen Oldtimer-Freak, und den werde ich mal ein bisschen ausfragen.“

Vielleicht war JoJos Vorschlag gar nicht so schlecht, fand Motte. Es war auf jeden Fall einen Versuch wert. Er schaute zu MM. Auch sie hatte sich mit der Idee offenbar angefreundet, nach dem Leuchten ihrer Augen zu urteilen.

JoJo schien seinen Triumph zu genießen. Er saß lässig auf der Sofalehne und strich sich über die Igelhaare, mit dem abgeklärten Gesichtsausdruck des Genies, das es gewohnt ist, von seinen Zeitgenossen erst einmal verkannt zu werden, um dann am Ende doch recht zu behalten.

Die nächsten beiden Tage hatten sie alle Hände voll zu tun, um das Treffen vorzubereiten. JoJo ließ sich von seinem Experten über die tollsten und gesuchtesten Chevy-Modelle aufklären.

Als nächstes musste eine neue E-Mailadresse angemeldet und ein wirkungsvolles Pseudonym gefunden werden. Sie entschieden sich für „Alfredo Baron von und zu Hohenburg-Drachenfels“. Es musste ehrfurchtgebietend klingen.

Dann galt es, einen geeigneten Treffpunkt zu finden. Ihre Wahl fiel auf das italienische Restaurant Adamo am Marktplatz. Es war seriös genug, dass man als Adliger darin verkehren konnte, aber auch nicht zu gediegen, dass sie als Kinder auffallen würden. Sie statteten dem Lokal nach der Schule einen kurzen Besuch ab, um die richtigen Tische auszusuchen. Den einen reservierte MM dann telefonisch für den Herrn Baron, den anderen JoJo für sich und seine Freunde.

Und dann musste die Mail formuliert werden – ein hartes Stück Arbeit, das sie einen ganzen Abend kostete. Der alte Siegwart hatte sie nicht darauf vorbereitet, Briefe an Erpresser zu verfassen. Am Ende hatten sie aber ein, wie JoJo meinte, „absolut unwiderstehliches“ Angebot formuliert. Besonders stolz waren sie auf die Schlussformel: „Es wird mir, mein sehr verehrter Herr, zur höchsten Ehre gereichen, Sie am Freitag persönlich kennenlernen zu dürfen. Ihr Alfredo Baron von und zu Hohenburg-Drachenfels.“

Um 15 Uhr 32 am nächsten Tag ging Peters Antwort auf ihre Einladung ein. Er könne den Zufall kaum fassen, dass ihm der 53er Bel Air Convertable jetzt über den Weg laufe, nachdem er schon Jahre hinter dem Modell her sei, et cetera. Er war offenbar so heiß auf das Angebot des Barons, dass er sich nicht einmal Gedanken zu machen schien, wie der denn wohl ausgerechnet auf ihn gekommen war ...

Am Tag der Beschattungsaktion war das Wetter zum ersten Mal seit langem wieder schön. Die Sonne strahlte vom Himmel, als hätte sie während der vielen Regentage Kraft gesammelt. Als Motte pünktlich um 16 Uhr 30 am Brunnen auf dem großen Platz ankam, waren seine Freunde schon dort versammelt. Er hätte sie allerdings fast nicht erkannt – alle hatten sie dicke Sonnenbrillen auf der Nase. Wie er selbst auch. Sie hatten JoJos Anweisung, dass sie sich „ein bisschen tarnen“ sollten, offenbar alle sehr ernst genommen. Sie sahen aus wie die Versammlung eines Mafiaclans in einem zweitklassigen Gangsterfilm. Selbst Simon wirkte mit seiner metallisch spiegelnden Brille und der umgekehrt aufgesetzten Schirmmütze wie ein Schwerverbrecher.

„Wenn wir so bei Adamo auftauchen, wählt er sofort die 110“, kicherte MM. „Vielleicht lassen wir das mit den Sonnenbrillen besser, oder?“

„Gut, weg mit den Teilen ... Und dann lasst uns mal die Bude entern!“ JoJo übernahm das Kommando. „Hast du dein Handy an, Motte?“

„Ja, klar. Ihr könnt mir ja dann erzählen, wie die Pizza schmeckt. Ich könnte jetzt auch eine vertragen, zum Mittagessen hat es mal wieder irgend so ein Unkraut gegeben, dazu Gerstengrütze.“

„Beerdigung“, murmelte Simon.

„Du meinst Beileid“, kam die Verbesserung von Motte.

„Ja, Beleidigung ...“

„Wir werden an dich denken, Motte!“ MM lächelte ihm aufmunternd zu. In ihrem hellblauen Kleid und dem Strohhut sah sie richtig toll aus, fand Motte.

Nachdem seine Freunde im Restaurant verschwunden waren, setzte sich Motte auf den Rand des Brunnens. Von hier aus hatte er die Eingangstür bestens im Blick. Schon nach einer halben Minute war JoJo am Telefon. „Alles klar da draußen?“

„Alles klar!“

„Bei uns auch ... der Kellner kommt schon zum Bestellen ... ich melde mich dann gleich wieder ... hau rein!“

„Hau rein!“

Jetzt konnte Motte zuhören, wie seine Freunde Cola und Pizza bestellten. Danach wurde es immer stiller an ihrem Tisch. Ab und zu meldete sich JoJo mit dem neuesten Stand der Dinge, der immer derselbe war: nichts los am Tisch der „Zielperson“, wie er Peter getauft hatte.

Motte fing an, sich Sorgen zu machen. Hatte Peter etwa Verdacht geschöpft?

„Hallo Brüderchen!“

Motte zuckte zusammen. Die Stimme war direkt hinter ihm. Auf diese Überraschung hätte er gerne verzichtet. Er drehte sich um und versuchte ein alltägliches Gesicht aufzusetzen – was ihm aber genauso misslang, wie sein Handy unauffällig verschwinden zu lassen. Ute sah aus wie ein Geier im Beuteanflug.

„Jetzt darfst du mir mal erklären, wo du dieses Handy her hast.“

„Jetzt reg dich ab. Ich habe es von JoJo ausgeliehen.“

„Und mit wem telefonierst du da?“ Sie triefte vor Neugier.

„Ähm ... mit ... ähm ...“ Ihm fiel einfach nichts ein.

Während er krampfhaft überlegte, erschien auf dem Gesicht seiner Schwester plötzlich ein triumphierendes Lächeln. „Aha, jetzt ist mir alles klar! Du flirtest mit deiner neuen Süßen!“

Motte wollte schon aufbrausen, hielt sich aber gerade noch zurück. Er hatte nun einmal keine bessere Ausrede. „Wir haben nur über die Hausaufgaben gesprochen. Wenn du das flirten nennst ...“

„Brüderchen, mir kannst du nichts vormachen. In Sachen Liebe kenne ich mich nämlich aus.“ Ute stieß einen tiefen Seufzer aus. Gleich darauf nahm ihr Gesicht einen ganz verzückten Ausdruck an. „Weißt du, ich hatte schon neulich, als diese Mariekje bei uns aufgetaucht ist, das Gefühl, dass es zwischen euch gefunkt hat. Wie süß! Ich freu mich wahnsinnig für dich!“

Motte spürte, dass Widerstand jetzt nicht angebracht war. Er lächelte matt und deutete auf das Handy.

Ute schien verstanden zu haben. „Dann will ich euch mal nicht weiter stören“, sagte sie grinsend und stöckelte davon. Motte hörte noch ihren Schlachtruf: „Das muss ich gleich mal Melanie erzählen!“

Sobald sie außer Hörweite war, nahm Motte mit einem Stoßseufzer der Erleichterung das Handy wieder ans Ohr. Offenbar gerade noch rechtzeitig.

„Warum meldest du dich denn nicht?“, hörte er JoJos Stimme, „Peter ist da!“

Au weia, der war ihm ja voll durch die Lappen gegangen.

JoJo fuhr im Flüsterton fort: „Er hat sich gerade ein Bier bestellt. Ich beschreibe ihn dir mal: Nicht besonders groß, hat eine braune Lederjacke an. Sieht irgendwie ungesund aus, hat so eine rote Säufervisage, fettige Haare, Halbglatze, Goldkettchen. Ein ziemlich schmieriger Typ. Sobald ich ihn unauffällig fotografieren kann, schick ich dir ein Bildchen.“


Damit ging für Motte das große Warten weiter. Die Minuten kamen ihm wie Stunden vor. Zwischendurch kam das versprochene Foto an. Es war zwar etwas verschwommen, aber so viel war klar: Der Typ war wirklich kein Sympathieträger, und „schmierig“ war genau der richtige Ausdruck. Für einen Augenblick war es Motte, als ob er das Gesicht schon einmal gesehen hätte. Aber er schob den Gedanken zur Seite, es konnte einfach nicht sein.

Nach einer halben Ewigkeit war JoJo wieder dran. „Er ist gerade am Zahlen, er taucht gleich draußen auf!“

Eine Minute später erschien Peter in der Tür. Der Ärger stand ihm ins Gesicht geschrieben. Der Baron hatte es sich mit ihm offensichtlich gründlich verscherzt. Auch seinem Gang war die Wut anzumerken. Fast im Lauftempo überquerte er den Platz Richtung Innenstadt. Motte folgte ihm in gebührendem Abstand auf seinem Mountainbike, das Handy am Ohr.

„Er biegt in die Kreuzgasse ein“, gab er durch.

„Bleib ihm auf den Fersen, wir sind gleich bei dir! Müssen bloß noch zahlen!“, kam es von JoJo zurück.

Der Mann mit dem Goldkettchen schien es eilig zu haben. Er bog in die Seydlitzstraße ein und ging dann ohne nach rechts oder links zu blicken am Kino vorbei Richtung Baumarkt. Zielstrebig hielt er auf den Parkplatz zu, und steuerte einen roten Sportwagen mit offenem Verdeck an. Motte postierte sich so, dass der Wagen direkt an ihm vorbeikommen musste, wenn er den Parkplatz verließ.

Er hörte den Motor aufheulen. Der schien genauso wütend wie sein Fahrer. Mit Karacho stieß das Auto aus der Parklücke und raste auf die Ausfahrt zu. Mottes Augen klebten am Nummernschild. Atemlos gab er die Buchstaben und Zahlen an JoJo durch. Als der Wagen fast auf seiner Höhe war, sprang Mottes Blick zum Fahrer – und im Bruchteil einer Sekunde war ihm klar: Doch, irgendwoher kannte er diesen Mann!

Mit quietschenden Reifen bog der Wagen auf die Hauptstraße und entfernte sich Richtung Claudius-Ring. Motte überlegte noch kurz, ob er ihm folgen sollte, aber da war der Wagen schon verschwunden.

„Geile Knarre!“, hörte er Simons Stimme.

„Karre“, verbesserte Motte automatisch.

Simon, MM und JoJo machten mit ihren Rädern bei ihm halt.

„Ihr habt doch bestimmt noch mehr Bilder gemacht, oder?“, fragte er gleich.

“Klar, Mann, und wie!“ Mit großer Geste reichte JoJo ihm sein Handy hin. „Das hier ist das Beste.“ Er zoomte so lange, bis Peters Kopf das Display ausfüllte. Motte betrachtete ihn schweigend. Er hatte diesen Mann schon einmal gesehen, so viel war sicher.

Als er wenig später zu Hause die Treppe hochrannte, wusste er schlagartig, wo: im Fotoalbum seiner Eltern.

7. KAPITEL
Das Bild

Motte hatte das Bild vage vor Augen: Zwei Männer nebeneinander, einer davon war Papa, der andere Peter. Wenn er sich richtig erinnerte, standen sie auf einem Boot. Aber er konnte sich auch täuschen. Jedenfalls war die Aufnahme schon ziemlich alt – Papa hatte noch dichtes braunes Haar.

Motte musste sich Gewissheit verschaffen, und zwar sofort. Mama war zum Glück in der Küche mit der Vorbereitung des Abendbrots beschäftigt. Von Papa war nichts zu sehen und zu hören, er hatte sich bestimmt wieder in sein Arbeitszimmer verkrochen. Auch von Ute keine Spur. Motte schlich zum Bücherbord im Wohnzimmer und zog die drei Familienalben aus dem Regal. Schnell schlüpfte er damit in sein Zimmer und kletterte auf das Hochbett. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, seine Schuhe auszuziehen, sondern fing sofort an zu blättern.

Es dauerte nicht lange, bis er auf das Bild gestoßen war: Zwei junge Männer, lässig an die Reling eines Segelschiffes gelehnt, beide nach der Mode der 70er oder 80er Jahre gekleidet: Vater in Jeanshose und Jeansjacke, Peter in einer braunen Cordhose mit weitem Schlag, dazu einem weinroten Hemd mit breitem Kragen. Er hatte noch keinen Bierbauch, auch noch keine Halbglatze, aber schon damals waren seine Haare fettig. Auf dem Foto sahen die beiden aus wie zwei Freunde auf einem netten Ausflug.

Motte blätterte hastig weiter. Immer mehr Bilder entdeckte er, auf denen sein Vater mit Peter zu sehen war. Auch eines, wo Mama mit drauf war. Also musste auch sie ihn kennen ...

„Motte, kommst du den Tisch decken!“, hörte er Mamas Stimme durch die Tür.

Obwohl er wusste, dass es nichts nützen würde, brüllte er zurück: „Heute ist aber Ute dran!“

Nun, was hätte anderes zurückkommen können als: „Sie hat heute so viele Hausaufgaben!“

Motte fügte sich in sein Schicksal und kletterte aus dem Bett. Bevor er in die Küche marschierte, brachte er die Alben unauffällig an ihren Platz zurück.

Das Abendessen war mal wieder von der ganz besonderen Art. Motte dachte neidvoll an JoJo, der jetzt wahrscheinlich alleine vor seinen Burgern oder Fritten saß, in einem Comic blätterte und nebenher noch Fernsehen guckte. Während er mit Kohlrabiauflauf und Buttermilch kämpfte und dazu noch die bedeutungsvollen Blicke ertragen musste, die ihm Ute zuwarf. Bestimmt würde sie jetzt gleich mit der brandheißen Neuigkeit rüberkommen, dass er so gut wie verheiratet war.

Vater war mit seinen Gedanken offensichtlich weit weg. Er saß ganz in sich gekehrt da, sein Gesicht sah alt und zerfurcht aus. Motte konnte förmlich die Last spüren, die auf ihm ruhte. Am liebsten hätte er sich neben ihn gesetzt und ihm den Arm um die Schultern gelegt. „Mach dir keine Sorgen wegen diesem Peter. Mit dem werden wir schon fertig!“

„Mit dem werden wir schon fertig“ – genau das hatte Papa zu ihm selber einmal gesagt. Damals, bei der Sache mit Kevin.

Motte war gerade elf geworden, und Kevin damals noch eine Klasse über ihm gewesen. Er und seine Bande trugen immer diese Jacken mit der Aufschrift „Kanackenfeind“. Eines Tages standen sie auf dem Nachhauseweg vor Motte, im Mund ganz cool die Zigarette, in der Hand ihre Springmesser. „Musst nur einen Fünfer abdrücken, dann lassen wir dich in Ruhe!“ Motte hatte so eine Angst, dass er das Geld herausrückte, und beim nächsten Mal wieder. So lange, bis er kein Geld mehr in der Spardose hatte. Dann fing er an, bei seinem Vater Geld aus der Brieftasche zu nehmen, bis der ihn eines Tages dabei erwischte. Anstatt ihn zu bestrafen, schaute Papa ihn nur mit ernstem Gesicht an. „Ich weiß, dass du mich nie beklauen würdest, wenn du nicht richtig in der Klemme wärst. Sag mir, was los ist.“ Obwohl Motte die Angst vor Kevin im Nacken saß, am Ende sagte er doch die Wahrheit. „Mit dem werden wir schon fertig, wirst sehen“, tröstete Papa ihn. Was er unternommen hatte, wusste Motte bis heute nicht. Jedenfalls hatte Kevin von einem Tag auf den nächsten von ihm abgelassen.

Nachdem das Abendessen mit ungesüßtem Rhabarberkompott seinen Höhepunkt erreicht hatte, fasste Motte sich ein Herz. „Papa, können wir nicht mal die Fotos von früher anschauen?“

„Was für Fotos denn?“, kam es missmutig zurück.

„Die in dem Fotoalbum von früher.“

„Hmm ... Wie kommst du denn auf die Idee?“

„Wir haben gerade in Kunst was über Popstil und Hippies und die ganze Zeit der Anti-Atom- und Friedensbewegung ... Und da meinte Frau Bertz, wir sollten uns doch mal Bilder aus der Zeit anschauen, wie man damals rumgelaufen ist, die Mode, Frisuren, Autos und so. Ich dachte, du kannst mir ein bisschen was erklären.“

Mama war gleich Feuer und Flamme. „Au ja, Reinhard, lass uns doch mal wieder die alten Bilder anschauen. Wir haben das schon so lange nicht mehr gemacht!“

Motte stellte zufrieden fest, dass sein Schachzug funktionierte. Er hatte auch lange genug daran herum überlegt.

Papa sah zwar nicht so aus, als ob er sich jetzt unbedingt mit den alten Zeiten befassen wollte, aber vor Mamas Begeisterung musste er kapitulieren. Wortlos holte er die Alben.

Sie machten es sich alle auf dem Sofa bequem. Es dauerte nicht lange, bis das Bild mit Peter kam.


„Wer ist denn dieser Typ?“, fragte Motte mit klopfendem Herzen.

„Ach, der Peter ...“

Den Bruchteil einer Sekunde meinte Motte ein Zittern in Papas Stimme zu bemerken, das aber gleich wieder verschwunden war. „Der Peter war ein Kommilitone von mir.“ Er hielt kurz inne. „Unter uns Lateinern: kommilitare, zusammen streiten – Mitstreiter also, so nennt man Leute, die zusammen zur Universität gehen.“

Papa hatte diesen Tick, dass er immer alle Fremdwörter erklären musste. Dafür, dass dieser „Mitstreiter“ dabei war, ihn zu ruinieren, schauspielerte er ziemlich gut, das musste man ihm lassen. „Wir waren mal ganz gut befreundet“, fügte er hinzu.

„Und jetzt?“ Motte musste sich Mühe geben, sich seine Aufregung nicht anmerken zu lassen.

„Ooch ... wir haben uns aus den Augen verloren. Wie das eben so ist, wenn man dann im Berufsleben steht“, sagte Papa mit der allergrößten Beiläufigkeit.

„Wo arbeitet er denn?“ Motte versuchte seine Frage ebenso beiläufig klingen zu lassen.

„Keine Ahnung, was er jetzt macht.“ Er blickte Motte mit einem Stirnrunzeln an. „Warum interessierst du dich eigentlich so für ihn?“

Weil ich wissen will, weshalb er dir eine Million wegnehmen will, hätte Motte am liebsten geantwortet. Stattdessen stammelte er: „Oh ... ähm ... weil er wie so ein Hippie-Typ aussieht, mit seinen Koteletten und so. Ich dachte mir, Frau Bertz will sicher wissen, was aus so einem geworden ist. So nach dem Motto „Was sie waren – was sie wurden.“

Papa sagte nichts, aber an seiner hochgezogenen Augenbraue war zu erkennen, dass er Mottes Antwort doch etwas merkwürdig fand.

Zum Glück schaltete sich jetzt Mama ein. „Reinhard, das ist mir ja schon fast entfallen, dass ihr mal so dick befreundet wart. Weißt du noch, vor Amerika? Da wart ihr doch ständig zusammen. Ich war schon richtig eifersüchtig.“

Ute war ganz elektrisiert. „Was, ihr wart mal in Amerika?“, fragte sie mit ihrer Kreischstimme. „Das wusste ich noch gar nicht!“ Es war natürlich ein Skandal, wenn sie etwas nicht wusste.

„Ach, das ist schon lange her. Bestimmt ... lass mal überlegen ... zwanzig Jahre oder so. Stimmt doch, oder, Reinhard?“

„Ja, zwanzig Jahre, das dürfte hinkommen. Irgendwann im Oktober, kam es von Papa zurück.

„Habt ihr denn keine Fotos davon?“, wollte Ute wissen.

„Doch, klar“, sagte Mama, „die sind aber in einem anderen Album.“

„Die will ich unbedingt sehen!“, unterbrach sie Ute aufgeregt.

Mutter stand auf und kam mit einem kleinen blauen Album zurück. Sie schlug die erste Seite auf. „Hier, New York, World Trade Center.“

„Krass ... da seid ihr gewesen!“ Ute war richtig in Ekstase.

„Und hier: Boston ...“

Auf dem Foto waren Papa und Mama vor einer Statue mit einem streng blickenden Herrn zu sehen.

„Wow, was ihr damals jung wart! Und gar nicht so schlecht gestylt, find ich.“

Motte rollte mit den Augen.

„Und wie schlank du warst! Eine richtige Model-Figur. Sieht toll aus!“ Ute mit ihren ewigen Gewichtsproblemen war hingerissen.

Motte fand allerdings, dass Mama gar nicht toll aussah. Sie schien nur aus Haut und Knochen zu bestehen. „Hast du nicht genug Ökofutter gekriegt?“, fragte er und versuchte ein Augenzwinkern.

Von Mama kam keine Antwort. Motte sah, wie sich seine Eltern anschauten. In ihrem Blick lag etwas, was Motte nicht verstand.

Niemand sagte ein Wort. Schließlich brach Mama das Schweigen und sagte leise: „Ich war damals krank. Es ging mir eine Zeitlang nicht gut ... damals.“

Jetzt fiel es Motte wieder ein. Mama hatte ihm einmal erzählt, dass sie eine schwere Krankheit gehabt hatte, noch bevor er auf die Welt gekommen war. Eine Art Blutkrebs, wenn er sich richtig erinnerte.

„Ich glaube, ich habe es euch schon mal erzählt. Es war eine bösartige Erkrankung, und nur in Amerika gab es damals eine Behandlung dagegen.“

„Und, hat sie geholfen? Bist du jetzt für immer gesund oder kann das wiederkommen?“, fragte Ute besorgt. Sie schien von Mamas Krankheit noch nie etwas gehört zu haben.

„Nein, ich bin für immer geheilt, Ute ...“ Dann wandte sie sich Vater zu: „Es hätte aber auch anders ausgehen können.“ Ihr Blick war voller Zärtlichkeit. „Weißt du, ich denke so oft an deine Tante Mina, irgendwie ist sie der Schutzengel meines Lebens.“

„Wieso?“, wollte Ute wissen.

„Sie hat Papa eine große Erbschaft hinterlassen. Ohne das Geld von Tante Mina hätten wir uns die Reise und die Behandlung gar nicht leisten können.“

So, jetzt aber ab ins Bett!“, unterbrach Vater abrupt.

Motte hatte nichts dagegen einzuwenden. Er hatte herausgekriegt, was er herauskriegen wollte. Und außerdem war er wirklich hundemüde.

Als er im Bett lag, fand Motte trotzdem keinen Schlaf. Immer wieder hatte er Peters Gesicht vor Augen. Kaum zu glauben, dass er wirklich einmal ein enger Freund von Papa gewesen war. Irgendetwas musste dann vorgefallen sein ...

Wieder kroch dieses beklemmende Gefühl in ihm hoch. So sehr er sich auch bemühte, er konnte es nicht abschütteln. Klarer denn je stand ihm vor Augen, dass etwas nicht stimmte, und zwar mit Vater nicht stimmte. Warum bloß ging er nicht zur Polizei? Wo wollte er überhaupt die Million hernehmen, die er Peter zahlen musste? Warum vertraute er sich nicht einmal Mama an? Hatte er irgendwas mit einer Geliebten? – Unsinn, das war keine Million wert. Es musste etwas weitaus Schlimmeres sein. Hatte Papa etwa ein Verbrechen auf dem Gewissen??? Der Gedanke traf ihn wie ein Schlag. Vielleicht war Papa ganz anders als er bisher gedacht hatte?

Plötzlich stieg Wut in ihm hoch. Vater war in krumme Dinge verwickelt, und dann ließ er auch noch die ganze Familie darunter leiden. Mama hatte in letzter Zeit so oft verheulte Augen. Wenn sie wüsste, mit was für einem Mann sie verheiratet ist! Am liebsten wäre er sofort zu Mama gegangen und hätte ihr alles erzählt.

Aber sein Zorn war schnell wieder verraucht. Er schüttelte den Kopf. Papa ein Verbrecher? Nein! Es konnte einfach nicht sein. Motte drehte sich um, und zog die Decke über beide Ohren. Aber der nagende Zweifel stieg von neuem in ihm auf.

Er lag noch lange wach.

8. KAPITEL
Der Boss

Am nächsten Morgen wachte Motte wie gerädert auf. Er hatte irgendeinen wilden Traum geträumt, an den er sich aber nicht mehr richtig erinnern konnte. Er wusste nur noch, dass darin ein rotes Auto vorgekommen war und das World Trade Center und Vater als Gangster mit Sonnenbrille. Lustlos brachte er das Frühstück hinter sich. Von Samstagen war nichts Gutes zu erwarten. Er musste sich an den Familienaufgaben beteiligen, wie seine Mutter das nannte – er selber nannte es Sklavendienst: Einkaufen, Altglas und Altpapier wegbringen, sein Zimmer aufräumen, im Garten Unkraut jäten oder den Rasen mähen oder beides. Alles, damit nur kein Macho aus ihm würde.

Motte wollte sich gerade zum Einkaufengehen aufraffen, als das Handy in seiner Hosentasche losrüttelte. Ein Blick auf das Display zeigte ihm, dass es MM war.

„Hallo Motte!“ Schon an ihrer Stimme war zu hören, dass etwas passiert war. „Wir müssen sofort eine Konferenzschaltung machen! Es ist dringend!“

„Was ist denn los?“

„Gleich ... jetzt mach schon!“

Er fingerte an der Tastatur herum. Wie ging das noch mal mit der Konferenzschaltung? Vor lauter Aufregung konnte er sich nicht mehr an die Tasten erinnern.

Nach einigem Herumprobieren hatte er es endlich geschafft. Sobald Simon und JoJo in der Leitung waren, platzte es aus MM heraus: „Ich habe Peter gesehen!“

„Wo?“, fragte JoJo militärisch knapp.

„Gleich bei mir um die Ecke! Ich gehe mit meinen Hündchen die Eschenburger Straße runter, da kommt mir plötzlich dieses rote Geschoss entgegen. Und was macht es? Parkt genau da ein, wo ich gerade stehe. Ich denke, mich trifft der Schlag. Ich drehe mich schnell um, damit er mein Gesicht nicht erkennt, und gehe unauffällig auf die andere Straßenseite. Ich sehe gerade noch, wie Peter im Eingangstor dieser gelben Villa dort verschwindet.“

„Welche Hausnummer?“, fragte JoJo.

„Zehn.“

„Vielleicht wohnt er da?“, warf Motte ein.

„Sicher nicht, sonst hätte ich sein Auto schon früher bemerkt. Ich komme da doch jeden Tag vorbei!“

„Ist er jetzt noch drin?“, fragte JoJo.

„Sieht ganz so aus. Sein Auto steht jedenfalls noch hier. Ihr müsst sofort kommen und übernehmen, ich muss dringend die Hunde zurückbringen!“


„Das ist unsere Chance!“, rief JoJo begeistert. „Ich hab für solche Fälle schon einen Einsatzplan bereitliegen!“

Motte rollte mit den Augen. JoJo mit seinen Einsatzplänen ...

„Also, hört her!“ JoJo war nicht zu bremsen. Motte sah ihn im Geiste vor sich, wie er jetzt die Brille abnahm. Nach dem obligatorischen Räuspern legte er los: „Einsatzzeit: sofort. Einsatzort: die gelbe Villa in der Eschenburger Straße. Einsatzkleidung: möglichst unauffällig.“ Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Keine Sonnenbrillen. Ziel des Einsatzes: Observierung des Grundstückes sowie der Zielperson. Dokumentation aller Auffälligkeiten durch geeignete fotografische Maßnahmen. Ständige Kontakthaltung über Handy. Wir treffen uns an der Ecke Eschenburger zu Gutenbergstraße. Wer als erstes eintrifft, löst MM ab. Nach der Aktion treffen wir uns dann bei MM!“

Sofort stürmte Motte zum Haus hinaus – genau in seine Schwester hinein.

„Was hast du es denn so eilig?“, fragte sie mit einem misstrauischen Stirnrunzeln.

„Ooch, ich muss bloß kurz mal weg.“ Er versuchte so auszusehen, als ob es das normalste der Welt wäre, dass er im Hundertmeter-Sprinttempo aus dem Haus rannte an einem Samstagmorgen, an dem noch nicht einmal der Einkauf im Supermarkt erledigt war.

„Soso. Wo musst du denn hin?“

„Ähm ...“ Immer wenn es um gute Ausreden ging, fiel bei ihm der Strom aus. Aber noch während er herumstotterte, erschien ein vielsagendes Lächeln auf Utes Gesicht. „Aha, ich verstehe ...“

Sie kreischte ganz aufgeregt, damit es auch noch die ganze Nachbarschaft mitkriegen konnte: „Ich freu mich ja so für dich, dass du verliebt bist. Man sieht es dir richtig an, wie glücklich du bist!“

„Jaja ...“ Mehr fiel ihm nicht ein. Hauptsache, er war jetzt seine Schwester los. Mit einem Stoßseufzer der Erleichterung sprang er auf sein Fahrrad.

Als er am vereinbarten Treffpunkt ankam, wartete dort schon Simon.

„MM ist schon zurück, ihre Hunden zu bringen.“

„Du meinst, sie ist los, um ihre Hunde zurückzubringen, oder?“

„Ja, los, sie umzubringen.“

„Jaa ...“ Es war jetzt nicht der Zeitpunkt für eine Deutschstunde.

Simon deutete auf einen hohen Baum, der in dem kleinen Park gegenüber der gelben Villa stand. „Von da oben drauf hat man den besten Herunterblick.“

Er hatte wohl recht. Nur, wie sollte man da raufkommen? Der unterste Ast war mindestens drei Meter über dem Boden.

„Ich geh da hoch.“ Er sagte das, wie wenn er sagen würde, dass er mal kurz aufs Klo ginge.

„Und wie, wenn man fragen darf?“

„Das lass mal mir über“, sagte Simon mit einem Lächeln. Und schon war er weg.

Ein paar Minuten später war seine Stimme im Handy zu hören. „Toller Herunterblick. Von mir aus kann er jetzt rauskommen. Wo ist eigentlich JoJo?“

„Der arbeitet bestimmt noch am Einsatzplan“, sagte Motte.

„Haha!“, war plötzlich JoJo zu hören. „Ich bin schon unterwegs. Ich musste nur noch was besorgen.“

„Bei McDonalds?“, fragte Motte.

„Witzig“, kam es leicht gekränkt zurück.

In diesem Moment sah ihn Motte auch schon auftauchen. Er hatte sich mit seiner „unauffälligen Einsatzkleidung“ offenbar viel Mühe gegeben. Er sah aus wie ein Rocker von den Hells Angels mit schwarzer Jacke und einem roten Halstuch auf dem Kopf. Nur seine Körperproportionen waren unzweifelhaft JoJo. Gemütlich schlenderte er den Gehweg entlang.

Als er an dem Eingangstor der gelben Villa vorbeikam, war es Motte, als ob JoJo anhielt. Wollte er etwa klingeln? JoJo war alles zuzutrauen. Aber schon ging er wieder ruhigen Schrittes weiter. Er hatte sich nur kurz gebückt, wahrscheinlich um irgendetwas aufzuheben.

„Es geht los!“, meldete sich Simon, „drei Typen kommen aus das Tür raus, einer davon ist Peter!“

Von seinem Platz aus konnte Motte wegen der hohen Hecke niemanden erkennen.

„Sie stehen vor das Haustür rum und reden miteinander. Ich nehme Bilder ...“

JoJo war inzwischen bei Motte angekommen. Er sah wirklich abenteuerlich aus. „Wo steckt Simon eigentlich?“

Motte deutete auf den Baum.

„Ah, optimal!“ JoJo sah sehr zufrieden aus.

In dem Moment meldete sich Simon wieder. „Die drei sind jetzt an den Tor unten und streiten sich. Der eine sieht jedenfalls so aus, wie wenn er Peter gleich abessen würde.“

„Aufessen?“

„Mach Bilder davon, das will ich sehen!“, sagte JoJo.

„Klar Mann ... Sie scheinen jetzt aber wieder ruhig zu bekommen. Sie müssten gleich rauskommen!“

In diesem Augenblick sah auch Motte, wie die Männer auf die Straße traten. Peter ging zu seinem Auto, während die beiden anderen noch einen Moment zusammenstanden und dann auf einen silbergrauen Mercedes zusteuerten.

Kaum waren die Autos verschwunden, kam auch schon Simon auf seine Freunde zu. Er fuchtelte mit seinem Handy herum. „Ich hab sie eingekistet. Wollt ihr sie sehen?“

„Lass uns lieber zu MM gehen und sie dort anschauen“, sagte Motte. „Sie wartet bestimmt schon.“

„O.K., geht ihr schon mal los, ich komm gleich nach. Muss nur noch kurz was holen gehen“, sagte JoJo mit wichtiger Miene.

Motte und Simon sahen ihm nach, wie er die Eschenburger Straße zurück zum Eingang der gelben Villa ging.

Kurz darauf saßen sie alle bei Mariekje zusammen. Ihr Zimmer war mindestens dreimal so groß wie das von Motte. Vor den hohen Fenstern standen große Sperrholzplatten auf Tapezierböcken, darauf befanden sich in wildem Durcheinander aufgeschraubte Computer, Bildschirme, Platinen, Kabel und Werkzeuge.

JoJo hatte sein Smartphone zum Protokollieren gezückt. „Die kleinste Einzelheit ist wichtig.“

„Muss ich dir auch erzählen, wann ich gepupst habe?“, fragte Motte.

JoJo ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „So läuft das eben bei Profis.“

„Jetzt lasst uns doch erst mal die Bildern nachschauen!“ Simon konnte es anscheinend kaum erwarten.

MM hatte schon das erste Bild von Simons Handy auf einen ihrer Computer geladen: Drei Männer, die aus einer Tür herauskamen. Der eine war unverkennbar Peter. Der andere ein schlanker, vornehm wirkender Herr mit grauen Schläfen und einem ebenfalls grauen, gepflegten Schnauzbart. Er trug einen eleganten dunkelblauen Anzug und eine weinrote Krawatte. Neben ihm wirkte der Dritte wie die Ausgeburt an Plumpheit, groß und breit wie er war, mit kahl rasiertem Schädel und einer Sonnenbrille auf der eingedrückten Nase.

„Sieht aus wie ein Gorilla“, fand Motte.

„Ziemlich Mafia-mäßig“, sagte Simon.

MM machte sich sofort an der Tastatur zu schaffen. „Eschenburger Straße 10“, sagte sie mit dem Blick auf den Bildschirm, „in der Adressdatenbank ist da ein gewisser Dr. Joachim Ohlow eingetragen, und eine Firma namens Happy Home Immobilien GmbH. Sonst niemand.“

„Hmmm ... wahrscheinlich ist Peter nur dort gewesen, um ein Haus zu kaufen“, warf Motte ein. „Er ist ja in freudiger Erwartung seiner Million, und die muss er ja irgendwie anlegen. Wenn das mit dem Oldtimer schon nichts geworden ist.“

„Nein“, gab Simon zurück, „die müssen sich schon länger kennen. Peter wurde nicht wie ein Kunde behandelt, sondern eher wie ein Klumpe.“

„Kumpel“, sprang ihm Motte bei. „Aber die Typen können sich ja auch einfach so kennen, aus dem Sportverein oder so. Wir haben keinerlei Hinweis, dass die beiden anderen irgendwie mit drinstecken.“

„Vielleicht aber doch ...“

Alle Gesichter drehten sich zu JoJo um. Er hatte sein Lächeln Marke Pokerface aufgesetzt und machte es mal wieder extra spannend. Ohne ein Wort zu sagen, kramte er umständlich in seinen Jackentaschen, erst in der einen, dann in der anderen, dann in der Innentasche. Schließlich zog er sein Handy hervor. „Ich wollte, dass uns die goldenen Worte der Herrschaften nicht verloren gehen. Habe deshalb dieses Gerätchen vorübergehend am Tor platziert und die Diktierfunktion eingeschaltet. Einfach, aber effektiv“, sagte er mit einer leichten Verbeugung.

Deshalb hatte sich JoJo also an dem Tor zu schaffen gemacht, ging es Motte durch den Kopf.

JoJo stöpselte einen von Mariekjes Computerlautsprechern an das Gerät, schaltete es an und lehnte sich genüsslich zurück.

Zunächst hörte man nur Rauschen, dann ganz leises unverständliches Gemurmel, wie aus weiter Ferne. Dann war deutlich eine raue tiefe Stimme zu vernehmen: „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du deinen Wagen nicht hier vor dem Haus parken sollst! Muss denn jeder Idiot wissen, dass wir das Ding zusammen drehen? Als ob es nicht genug Parkplätze hier in der Nähe gäbe! Wenn du irgendeine unauffällige Null-Acht-Fünfzehn-Karre hättest, aber mit diesem Schlitten, den man auf einen Kilometer erkennt ...“

„Das muss das Gorilla sein“, sagte Simon leise.

„Ja, ist ja gut, Micky, es war eben kein anderer Platz zum Parken da.“

„Peter“, flüsterte MM.

Seine Stimme war irgendwie ausgeleiert. Der Mann, der dann zu hören war, klang dagegen geradezu angenehm, wenn auch sein Tonfall schneidend war: „Dann lass dir das jetzt ein für alle Mal gesagt sein, ja? Ich will dieses Auto nicht mehr vor meinem Haus sehen! Schließlich bin ich hier der Boss!“

9. KAPITEL
Der Plan

Als Motte gegen halb vier nach Hause radelte, war er schon auf Ärger eingestellt. – Zurecht, wie sich ziemlich schnell herausstellte. Noch auf der Treppe wurde er von seiner Mutter abgefangen. An ihrem Gesichtsausdruck konnte Motte die Schwere seines Vergehens ablesen: Er hatte die heiligen Samstagspflichten vernachlässigt, es lag also ein schwerer Fall von Fahnenflucht vor. Das Kreuzverhör begann unverzüglich.

„Wo kommst du her, Motte?“, fragte sie betont ruhig. Motte war klar, dass es die Ruhe vor dem Sturm war.

„Ähm ... von MM“, stotterte er. Ihm fiel schlichtweg nichts Besseres ein als die Wahrheit.

„Und wer ist dieser MM?“, fragte Mama. Ihre ängstliche Miene verriet, dass sie sich mindestens einen Drogendealer vorstellte.

„Ooch, eine aus meiner Klasse, Mariekje Marienhoff.“ Im Blick seiner Mutter war deutlich zu lesen, dass sie sich von solchen plumpen Ausreden nicht aufs Glatteis führen lassen würde. Ihr Sohn bei einem Mädchen, wenn er ihr schon mit solchen Geschichten kam, musste sich dahinter etwas wirklich Schlimmes verbergen. Also doch Drogen ...

„Und deine Freunde, waren die etwa auch bei dieser MM?“

Aha, offenbar hatte Mama bei Simon und JoJo zu Hause angerufen und erfahren, dass auch da die Vögel ausgeflogen waren.

„Ja, die waren auch da“, gab Motte zu.

Motte spürte, wie sich seine Mutter nun ein Herz fasste, um der Wahrheit ins Auge zu blicken. Sie holte tief Luft: „Und was habt ihr da gemacht?“

„Naja, eben ...“ Er wollte gerade „Hausaufgaben“ sagen, als ihm klar wurde, dass das keine brillante Ausrede war.

„Komm mir jetzt nur nicht mit Hausaufgaben!“, fiel ihm seine Mutter auch schon ins Wort.

„Nein, wir haben ...“ – Drogen genommen, war er plötzlich versucht zu sagen, und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Ähm ... wir haben ... ähm ... nichts Besonderes gemacht.“ Verdammt, Ausreden waren wirklich nicht seine Stärke.

„Und deswegen lässt du deine Familienaufgaben im Stich, um bei dieser Mariekje Marienhoff angeblich ,nichts Besonderes‘ zu machen!“ Mama kam langsam in Fahrt.

In diesem Augenblick bemerkte er, dass Ute in der Tür stand, den Mund zu einem breiten Grinsen verzogen. Ihr Gesicht sah aus wie ein Farbkasten; bestimmt hatte sie mit Melanie wieder Schminken geübt.

„Aber Mama, jetzt reg dich doch nicht auf. Was ist schon dabei, dass er jetzt ’ne Freundin hat? Und diese Mariekje ist wirklich ’ne ganz Süße. Nicht wahr, Brüderchen?“ Sie sah sehr zufrieden mit ihrem Auftritt aus.

Motte wusste nicht recht, ob er seine Schwester ohrfeigen oder umarmen sollte. Mama war jedenfalls erst einmal außer Gefecht gesetzt. Sie stand da mit heruntergeklapptem Unterkiefer und brachte kein Wort mehr heraus.

„Ach Motte“, sagte sie, als sie sich wieder erholt hatte. Es war ihr anzusehen, dass ihr ein Stein vom Herzen gefallen war. Mehr noch, sie sah richtig glücklich aus. „Ich freu mich so für dich!“

Alle schienen sich für ihn zu freuen.

Die angebliche Freundin tauchte auch seine Verfehlungen in ein milderes Licht. „Du kannst den Rasen ja dann nächstes Wochenende mit deiner Freundin zusammen mähen“, sagte Mama und zwinkerte ihm zu.

Dass sie ihm jetzt eine Freundin andichteten, ließ sich verschmerzen, fand Motte, nachdem er sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte. Die Aktion hatte sich vollkommen gelohnt. Sie wussten jetzt, dass Peter mit den beiden Typen aus der gelben Villa unter einer Decke steckte. Und dass der grauhaarige Gentleman offenbar der Chef der Bande war. Vielleicht würde ja MM etwas über die beiden herausbekommen. Sie hatte versprochen, übers Wochenende „ein paar Nachforschungen anzustellen“.

Am Montag musste die übliche Besprechungsrunde in der großen Pause ohne Simon stattfinden. Er war zu Hause mit Nala beschäftigt. Seine vierjährige Schwester Judith hatte sie mit Schokolade gefüttert und Nala hatte davon so starken Durchfall bekommen, dass sie nur noch teilnahmslos dalag und sogar die Milch aus der Flasche verweigerte. Simon musste ihr Wasser mit dem Löffel einflößen.

Motte, JoJo und MM saßen auf der ramponierten Tischtennisplatte aus Beton, unter dem Kastanienbaum am Rand des Pausenhofes. Von den Klassenkameraden wurden sie aufmerksam beäugt. Dass MM jetzt zu ihrer Clique gehörte, war die Sensation.

Wie üblich eröffnete JoJo die Besprechung, indem er sein Smartphone zum Protokollieren zückte. Er wandte sich an MM: „Na, was hast du rausgekriegt?“

„Ein bisschen was“, antwortete sie mit einem zurückhaltenden Lächeln. Wenn MM „ein bisschen was“ sagte, musste es eine ganze Menge sein.

„Schieß schon los!“, sagte JoJo ungeduldig und strich sich über die Haare. Er hatte neuerdings einen Mittelstreifen in Pink.

„Gut, ich hab mir als Erstes mal die Türklingel angeschaut. Auf den Schildern steht tatsächlich dieser Dr. Ohlow und die Happy Home-Gesellschaft. Die Firma scheint eine ganz normale Immobilien-Agentur zu sein, und ihr Inhaber ist unser Krawattenmann. Er wohnt in der unteren Wohnung, die Firma ist darüber, im ersten Stock. Der Gorilla heißt in Wirklichkeit Michael Sokolow und wohnt im Bergwiesen-Viertel.“

„Wie hast du denn das rausgekriegt?“, fragte Motte erstaunt.

„Tja ... ich hab mich mal bei den Damen umgehört, deren Fiffis ich immer ausführe. Und die machen ja nichts lieber als einem die Ohren abquatschen. Und dabei hat sich rausgestellt, dass die Putzfrau der einen auch bei unserem Doktor putzt. Eine echte Nervensäge. Sie tätschelt mir immer die Wange und sagt, ich würde so schön frisch aussehen. Und dann gibt sie mir immer ein Kärtchen mit „Jesus liebt dich“ drauf.“

„Voll krass“, entfuhr es JoJo.

„Ja, und als ich sie nach unserem Krawattenheini gefragt hab, hat sie ganz leuchtende Augen bekommen: „So ein netter Mann, der Herr Doktor, der hat noch Manieren!“ Sie scheint richtig in ihn verschossen zu sein ...“

Sie wurde von der Pausenklingel unterbrochen. Die drei sahen sich fragend an. Bei Siegwart kam es auf die eine oder andere Minute nicht so an. Sollten sie oder sollten sie nicht?

MM machte ihrer stummen Diskussion ein Ende, indem sie seelenruhig weiterredete: „Das Wichtigste habe ich noch gar nicht erwähnt: Er hat einen Computer.“

JoJo tat so als ob er gähnen müsste und fragte betont gelangweilt: „Soso, er hat einen Computer. Interessanter wäre eigentlich, wenn er keinen Computer hätte – dann wäre er nämlich der einzige Immobilienfritze ohne Computer.“

„Klar steht die Firma voller Computer, aber er hat auch unten bei sich einen“, gab MM zurück. „Und ich weiß auch, wo er steht.“

Obwohl sie keine Miene verzog, dämmerte Motte plötzlich, auf was sie hinauswollte. Unwillig schüttelte er den Kopf. „Du meinst doch nicht etwa, dass wir ...“

„Doch, genau das meine ich.“

„... da einbrechen sollen, nur um an diesen Computer zu kommen?“

„Hast du dir überlegt, wie weit wir gekommen wären, wenn wir uns nicht den Computer deines Vaters vorgenommen hätten?“, gab sie zurück.

„MM hat recht“, meldete sich JoJo zu Wort. „Wenn einer heutzutage irgendwelche Geheimnisse versteckt, dann auf dem Computer – meiner Erfahrung nach.“ Er war Feuer und Flamme. „Das ziehen wir voll profimäßig auf ... Wie kommen wir in das Haus rein?“, wandte er sich an MM.

„Das lass mal meine Sorge sein.“ Sie hatte schon wieder dieses schelmische Lächeln um die Mundwinkel, das Mottes Bild von der artigen, schüchternen MM langsam zu erschüttern drohte. Die brave Oberstreberin, die sie erst zum Schuleschwänzen und dann kurzerhand noch zu einem Einbruch überredete ...

10. KAPITEL
Die Kammer


Zwei Tage später, am Mittwoch, konnte die „Aktion Hausbesichtigung“, wie JoJo sie getauft hatte, starten. Die vier Freunde hatten sich an ihrem Lieblingsplatz vor dem Supermarkt versammelt.

„So, hier ist der Einsatzplan!“ JoJo hatte wieder seinen großen Auftritt. Die anderen hockten auf dem Geländer und hörten weg. Sie hatten alles schon bis zum Abwinken durchdiskutiert.

Eine alte Omi mit einem hellblauen Handtäschchen kam mit ihrem Einkaufswagen vorbeigeschlurft. Sie musste einen kleinen Bogen um die Riesensocke machen, die Simon, der mit seinem Bogen direkt vom Schießplatz gekommen war, gegen das Geländer gelehnt hatte. Die Oma warf den Jungs einen mürrischen Blick zu. Ihre Gedanken standen ihr ins Gesicht geschrieben: Die Jugend von heute ... anstatt Hausaufgaben zu machen oder ihren Eltern zu helfen wie wir früher, lungern sie nutzlos rum. – Nein, liebe Lady, hätte Motte ihr am liebsten geantwortet, wir sind da eine rühmliche Ausnahme. Wir bereiten bloß unseren nächsten Einbruch vor ...

Aber im Grunde war Motte nicht nach Scherzen zumute. Ihm war nicht wohl bei der ganzen Sache. Sie waren dabei, in ein fremdes Haus einzubrechen, und das hieß, wie man es auch drehte und wendete, eine Straftat zu begehen. Das Wort „kriminell“ schoss ihm durch den Kopf, und gleich dazu die Stimme seines Vaters: „Kriminell, von lateinisch crimen, Verbrechen.“ Andererseits – wie sollten sie ohne diesen Computer weiterkommen? Viel Zeit blieb ihnen nicht mehr. „Spätestens in vier Wochen“ musste Papa das Geld übergeben haben, so hatte es in der Mail von Peter gestanden. Und von diesen vier Wochen war jetzt schon mehr als die Hälfte verstrichen.

„O.K., dann kann es losgehen!“ JoJo hatte offenbar ein Ende gefunden. Die vier Freunde sprangen vom Geländer.

„Noch was“, sagte JoJo, als sie auf ihren Rädern saßen, „für den Fall, dass wir fliehen müssen und nicht zusammenbleiben können, Treffpunkt ist bei Motte.“

Ihr Weg führte durch die Kopernikusstraße. Sie hatten beschlossen, diesen Umweg zu nehmen, um nicht an MMs Haus vorbeizukommen. Offiziell war sie nämlich bei der Probe des Schulorchesters.

An der Kreuzung zur Gutenbergstraße stellten sie die Räder ab. Von hier wollten sie zu Fuß weitergehen – Simon zu „seinem“ Baum, auf dem er wieder Schmiere stehen sollte, die anderen zur gelben Villa.

MM hatte eine Lücke in der Hecke ausgekundschaftet, durch die sie in den Garten gelangen konnten. Die größte Schwierigkeit bestand darin, JoJo dort hindurch zu bugsieren. Auf leisen Sohlen gingen sie um das Haus und erreichten den Wintergarten.

„MM, bist du sicher, dass die beiden nicht da sind?“, fragte Motte flüsternd.

Sie lächelte ihm zu: „Brauchst keine Angst zu haben. Die spielen jeden Mittwoch um 17 Uhr zusammen Tennis. Außerdem habe ich sicherheitshalber im Verein angerufen, und da ist wirklich ein Dr. Ohlow eingetragen.“

„Bist ein Schlauchen.“

„Schön, dass du das auch schon gemerkt hast“, gab sie trocken zurück.

„Ich schon längst“, kam es aus Mottes Handy, das er wie die anderen am Gürtel befestigt hatte.

Simon! Er hatte ihn ganz vergessen. „Na, wie sieht es da oben aus?“

„Guter Herunterblick“, antwortete Simon.

„Ist die Luft rein?“

„Ja.“

„Gut, Simon, wir schauen uns die Bude mal von innen an“, sagte Motte betont munter, obwohl ihm immer noch ziemlich mulmig war. Wie sie da hineinkommen sollten, war ihm allerdings ein Rätsel.

MM schien in verschlossenen Türen jedoch keine Schwierigkeit zu sehen. Ohne zu zögern ging sie auf die Wintergartentür zu. Motte staunte nicht schlecht, als sie plötzlich einen Schlüssel in der Hand hatte und aufschloss.

„Wo hast du denn den Schlüssel her?“

„Hat was mit der frommen Putzfrau zu tun“, gab sie mit einem leisen Lächeln zurück.

Durch den Wintergarten gelangten sie in einen großen Saal mit hohen Stuckdecken und einem verschnörkelten Kachelofen. Der Raum war stilvoll und – wie Motte schon auf den ersten Blick erkennen konnte – teuer eingerichtet. An den Wänden hingen Ölgemälde.

MM ging zielstrebig auf eine Flügeltür zu. Es wirkte fast so, als ob sie sich hier auskannte. Durch die Flügeltür ging es in einen breiten Flur und weiter in ein großes helles Zimmer, das zur Straße ging.

„Dachte ich‘s mir doch, das Arbeitszimmer“, wisperte MM. „Die Wohnung ist genau gleich aufgeteilt wie unsere. Die Häuser in diesem Viertel stammen alle vom gleichen Architekten.“

Auch hier war alles super edel. Mitten im Zimmer stand auf einem schweren Eichentisch ein hypermoderner Computer mit Designerbildschirm. MM war sofort bei ihm. Ihre Finger huschten über die Tastatur. „Kann ein bisschen dauern, bis ich das Passwort geknackt habe“, murmelte sie vor sich hin.

Während sich MM am Computer zu schaffen machte, erkundeten Motte und JoJo die Wohnung. Gleich neben dem Büro befand sich die Küche. Sie sah aus, als ob sie noch nie benutzt worden wäre. Es glänzte und funkelte nur so vor lauter Chrom und Marmor. „Wird wahrscheinlich jeden Tag von der frommen Putzfrau poliert“, flüsterte JoJo. Neben der Eingangstür befand sich die Treppe zum ersten Stock.

„Lass uns doch mal kurz hochgehen, ein kleiner Blick kann nicht schaden“, schlug JoJo vor. Sie stiegen die Treppe hoch. Oben standen alle Türen offen, die Jungs konnten die Räumlichkeiten in aller Ruhe inspizieren.

Als sie in das Zimmer kamen, das zur Straße lag, zuckten sie plötzlich zusammen. „Ich seh euch!“, plärrte Simons Stimme aus dem Handy. Durch die Glasfront konnten sie den Baum sehen, in dem Simon irgendwo versteckt sein musste. Von ihm selbst war keine Spur. Aber dann winkte die Riesensocke.

„Bei euch alles O.K.?“

„Ja“, sagte Motte, als er sich von seinem Schreck erholt hatte, „wir gehen jetzt wieder runter.“

Unten im Büro war MM ganz in ihre Arbeit am Computer versunken.

„Dauert noch ein bisschen ... zwei Minuten ...“, murmelte sie, während ihre Finger die Tasten bearbeiteten.

Motte und JoJo schauten sich so lange im Saal um. Motte hatte jedoch kein Auge für die Gemälde und Kostbarkeiten. Unruhig ging er auf dem knarzenden Parkett hin und her. Aus MMs „zwei Minuten“ waren schon längst zehn oder noch mehr geworden. Es musste sich nur einer der beiden Tennisspieler den Knöchel verstaucht haben ..., ging es ihm durch den Kopf.

„Fertig!“, kam endlich MMs Stimme aus dem Büro nebenan.

„Na, Simon, ist die Luft rein?“, fragte Motte in sein Handy, während er zu MM eilte. Aber er bekam keine Antwort. Er schaute auf das Display. Verdammt, die Verbindung war abgerissen! So etwas konnte bei diesen dicken Altbauwänden ja schon mal vorkommen. Plötzlich begann sein Herz zu klopfen. Was, wenn Simon sie schon die ganze Zeit hatte warnen wollen?

Er konnte den Gedanken nicht zu Ende denken. Von der Haustür drang ein Geräusch zu ihm, das ihn auf der Stelle erstarren ließ: Ein Schlüssel, der sich im Schloss drehte. Entsetzt wandte er sich seinen Freunden zu. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich blanke Angst.

Vom Flur drangen gedämpfte Stimmen. Er erkannte sie sofort.

Plötzlich ging alles ganz schnell. MM packte ihn an der Hand und zog ihn zusammen mit JoJo durch die offenstehende Flügeltür zur Küche. Sie steuerte auf eine kleine Tür im Flur zu, und öffnete sie leise.

Einen Moment später hockte Motte in der Stockfinsternis einer kleinen Kammer, eingepfercht zwischen MM und JoJo. „Früher war hier der Lastenaufzug drin“, flüsterte MM. Heute wurde der Raum offenbar als Besenkammer genutzt, nach den Gerätschaften zu urteilen, die Motte im Rücken spürte.

Er fing an zu schwitzen. Links wurde er von JoJos Bauch bedrängt, auf der anderen Seite drückte sich MMs warmer Körper an ihn. Erstaunlich deutlich war zu hören, was draußen vor sich ging. Die Stimmen der beiden Männer kamen zunächst aus dem Flur. Kurz darauf waren sie im Arbeitszimmer nebenan. Dann hörte Motte Schritte vor der Kammertür. Einer der beiden schien sich in der Küche zu schaffen zu machen.

„Willst du einen Cognac, Tito?“, war die raue Stimme Mickys zu hören.

„Wie oft muss ich dir sagen, dass du mich nicht Tito nennen sollst! Bist du denn wahnsinnig!“, fauchte die Stimme des Doktors.

„Verzeih“, kam es leise von Micky zurück.

Nach den Schritten auf dem Parkett zu urteilen, hielt sich der Boss im Büro auf.

Plötzlich hörten sie seinen Schrei: „Micky!“

Mickys schwere Schritte stampften über den Boden.

„Hier ist etwas faul.“ Die Stimme des Bosses war gefährlich leise. „Irgendjemand war am Computer.“ Motte meinte das gedämpfte Klappern der Tastatur zu hören „Letzter Zugriff 18 Uhr 27 ... also vor zwei Minuten ... weißt du, was das bedeutet?“

„Ja“, kam es von Micky zurück, „dass hier jemand rumgeschnüffelt hat.“

„Und sich vielleicht immer noch hier rumtreibt“, sagte der Boss. In der Stimme lag etwas, was Motte das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Will ich ihm allerdings nicht geraten haben“, kam es von Micky. Seine Schritte knarzten wie eine Dampfwalze über das Parkett. Auch wenn er ihn nicht sehen konnte, hatte Motte den massigen Körper deutlich vor Augen. Er konnte nicht wissen, dass in dem Bild ein Detail fehlte: Micky hatte einen Revolver in der Hand.

„Ich schau mal oben nach! Bleib du hier unten! Schließ alle Türen ab! Der Typ entwischt uns nicht!“ Mickys Schritte trampelten die Treppe hoch.

Aus. Das Spiel war aus. Mehr konnte Motte nicht denken. Neben sich hörte er MM flüstern: „Mist ...“

Erst jetzt spürte er in seiner Hand einen leichten Druck. Mariekjes Hand hatte die ganze Zeit in seiner gelegen.

Von JoJo kam kein Ton.

Micky kam wieder die Treppe heruntergepoltert. „Da oben ist niemand! Er muss sich hier unten versteckt haben!“

Motte meinte, das Pochen seines Herzens müsste bis in den letzten Winkel des Hauses zu hören sein.

Von draußen drang das Geräusch hektischer Schritte in die Kammer. Türen wurden aufgerissen und wieder geschlossen, erst im Büro, dann in der Küche. Die Geräusche kamen näher. Motte wagte nicht mehr zu atmen. Die Schritte waren jetzt direkt vor der Kammer. Motte spürte, wie Mariekjes Hand sich in seiner zusammenkrampfte.

Plötzlich gab es einen ohrenbetäubenden Lärm, ein Klirren und Rumpeln, das aus dem oberen Stockwerk kam. Es folgte eine Stille, in der man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

„Das ist er! Sofort hoch!“, drang der gedämpfte Ausruf des Bosses in die Kammer. Gleich darauf war das Getrampel der beiden auf der Treppe zu hören.

Im selben Augenblick hatten die Kinder die Tür aufgerissen. „Los, hier rüber, zum Fenster!“, zischte MM.

Wie sie es durch das Fenster geschafft hatten, wusste Motte hinterher nicht mehr. Er erinnerte sich nur noch, dass er in einem Rosenstrauch gelandet war, an dessen Dornen er sich Hemd und Hose aufriss. Und dass sie gerannt waren, als ob es um ihr Leben ginge.

11. KAPITEL
Die Stimme

„Das war knapp“, japste MM, als sie an Mottes Haus angekommen waren. Sie ließ sich neben Motte auf die Steinstufen vor der Haustür fallen.

„Verdammt knapp.“ Mehr konnte er nicht sagen. Er zitterte am ganzen Leib. Jetzt, wo alles überstanden war, fuhr ihm erst so richtig die Angst in die Glieder. Seine Arme waren blutverschmiert von der unsanften Landung im Rosenbeet.

Zwei Minuten später kam JoJo auf seinem Fahrrad angehechelt. Er ließ es einfach in der Einfahrt fallen und stolperte zu seinen Freunden auf die Treppe. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte er nach Luft. Seine Frisur sah ziemlich renovierungsbedürftig aus. Immer wieder schüttelte er fassungslos den hochroten Kopf. Zwischen zwei Atemzügen presste er etwas hervor, das klang wie ein Hilfeschrei: „Jetzt ein Becher Matsch!“ Dann sagte er erst einmal gar nichts mehr.

„Ich kann es immer noch nicht fassen“, sagte MM und schüttelte den Kopf. „Was ist da eigentlich passiert? Es war, als ob da oben eine Bombe hochgegangen wäre.“

„Vielleicht ist ein Bildschirm explodiert?“, keuchte JoJo.

In diesem Augenblick kam ein Fahrrad um die Ecke gebogen.


„Simon!“, riefen sie alle gleichzeitig.

Er stellte sein Fahrrad ab und schlenderte ohne Eile auf seine Freunde zu. In der Hand hielt er seinen Bogen, die Socke war lose um seine Hüfte geschlungen. So hatte sich Motte immer Robin Hood vorgestellt.

Plötzlich ging ihm ein Licht auf. „Hast du etwa ...“

„... die Scheibe eingeschossen?“, ergänzte MM.

Von Simon kam nur ein breites Grinsen.

„Kommt, lasst uns lieber zu mir raufgehen“, sagte Motte zu seinen Freunden, „da sind wir ungestört.“

Kurz darauf saßen die vier, erhitzt und zerzaust wie sie waren, unter Mottes Hochbett. „Jetzt erzähl endlich!“, wandte sich JoJo an Simon.

„Ja, die Verbindung“, fing er an, „die Verbindung war irgendwann durchgerissen. Ich habe geprobt, euch anzurufen, aber es ging einfach nicht. Immer keine Verbindung. Und dann kommt plötzlich die Mercedes-Kutsche die Straße herunter ... Immer noch kein Verbindung, während unten die Typen im Haus reinspazieren. Eine Minute später dann das Gorilla oben im Zimmer, da war klar, er sucht euch. Und da kam mir eine Idee.“

Die drei hingen an seinen Lippen.

„Ich hab einen Pfeil oben in diesen großen Fenster reingeschissen ...“

„... geschossen ...“

„Ja, geschossen, zur Ablenkung. Ich dachte, es kann nicht schaden.“

„Nein, es hat wirklich nicht geschadet.“ Noch jetzt schauderte Motte bei dem Gedanken an die Schritte vor der dunklen Kammer.

„Aber jetzt müsst ihr erzählen!“, sagte Simon.

JoJo hatte sich inzwischen so weit erholt, dass er die Berichterstattung höchstselbst übernehmen konnte.

Als er geendet hatte, fragte Simon: „Und was war im Computer drin?“

„Nichts“, sagte MM gleichmütig.

„Was?“, kam ein empörter Aufschrei von JoJo. „Was hast du denn dann die ganze Zeit an dem Computer gemacht?“

Auf Mariekjes Mund erschien der Anflug eines Lächelns. „Ich habe einen Trojaner installiert.“

„Einen was?“, fragten die drei Jungs gleichzeitig.

„Ein Trojanisches Pferd.“ Sie lächelte die Jungs vergnügt an. „Ihr habt wohl im Unterricht mal wieder nicht aufgepasst. Also lasst euch das mal von eurer Streberin erklären.“

„Was heißt hier Streberin?“, brummelte JoJo.

„Jetzt tut mal nicht so. Ich weiß doch, wie ihr immer über mich geredet habt“, sagte sie.

Die drei Jungs starrten konzentriert auf den Teppich. Keiner sagte etwas.

„Also, ein Trojanisches Pferd“, fuhr MM fort, „ihr kennt doch die Geschichte von Troja? Nachdem die alten Griechen Troja jahrelang vergeblich belagert hatten, haben sie doch dieses riesige Pferd aus Holz zusammengebastelt. Sie haben das dann vor den Mauern stehenlassen und sind abgezogen. Und die dummen Trojaner? – Meinen, es wäre ein Geschenk der Besiegten und führen es im Triumphzug in die Stadt. Und in der Nacht dann, als alle erschöpft und besoffen von der Siegesfeier eingeschlafen sind, kommen die Athener aus dem Bauch des Pferdes gekrochen und machen die Trojaner platt.“

„Und was hat das jetzt mit dem Computer zu tun?“, wollte JoJo wissen.

„Schlaue Frage! Ihr werdet mir doch nicht etwa auch noch zu Strebern?“

Motte war wieder einmal überrascht, wie fies die brave MM sein konnte.

„Also, ein Trojanisches Pferd ist ein kleines Programm, das auf der Festplatte rumspioniert. Wenn ich mit ihm über das Internet Verbindung aufnehme, kann ich mir alles anschauen, was auf dem Rechner drauf ist.“

„Genial!“, kam es von JoJo.

„Krass!“, von Simon.

„Aber kriegen die das nicht raus, dass da jetzt so ein Dingsbums auf ihrem Computer sitzt?“, fragte Motte.

„Nein, das Dingsbums kann sich perfekt verbergen. Es müssten schon EDV-mäßige Superprofis sein, wenn sie es finden würden.“

JoJo hielt es kaum mehr auf seinem Platz. „Dann lass uns sofort nachschauen!“ Geduld gehörte nicht zu seinen Stärken.

„Das geht nur von meinem Rechner zu Hause“, gab MM zurück.

„Dann lass uns gleich los!“

„Nein, ihr wisst doch, wie meine Mutter drauf ist. Sie meint immer, sie muss ihre Tochter beschützen. Und zwar ganz besonders vor Jungs.“

„Du kannst ja sagen, du bringst uns aus dem Orchester mit.“

Sie musterte ihre zerschrammten und verbeulten Freunde der Reihe nach. „Vor allem, weil ihr so ausseht, als ob ihr gerade im Orchester gespielt hättet.“ Sie erhob sich. „Ich fürchte, ihr müsst mich die Sache mit dem Pferdchen allein machen lassen“, sagte sie im Hinausgehen.

„Mal ’ne ganz andere Frage“, sagte Motte, nachdem MM weg war. „Was ist eigentlich, wenn die Typen die Polizei holen?“

JoJo wischte das Problem mit einer lässigen Handbewegung weg. „Meinst du, die sind scharf darauf, es mit der Polizei zu tun zu kriegen?“

Aber Motte ließ nicht locker. „Na ja, sie wissen jetzt, dass ihnen jemand auf der Spur ist.“

„Aber noch lange nicht, wer. Die haben doch nicht die geringste Ahnung von uns vier.“

„Uns fünf!“

Die Stimme kam direkt von oben, aus dem Hochbett. Und Motte wusste sofort, zu wem sie gehörte.

JoJo entfuhr ein unterdrücktes „Sch...“ Von Simon war der übliche Stoßseufzer zu hören: „Beerdigung ...“

Die Jungs schauten sich mit offenen Mündern an, während über ihnen die Bettdecke raschelte, die Latten quietschten und Ute sich seelenruhig aus ihrem Versteck schälte. Mit einem schiefen Grinsen kam sie ganz langsam die Leiter herunter.


„Na, Brüderchen?“ Sie kam auf Motte zu und baute sich vor ihm auf, die Hände lässig in die Seiten gestemmt. „Ich hab dir ja gesagt, dass ich dir auf die Schliche komme. Nicht nett von dir, vor deiner Schwester Geheimnisse zu haben.“

Motte hätte sie am liebsten mit bloßen Händen erwürgt. „Zieh Leine!“, zischte er sie an.

Ute schien wenig beeindruckt. „Jetzt halt mal die Luft an, Brüderchen ... ich wäre an deiner Stelle schön brav, sonst wissen nämlich Papa und Mama in fünf Minuten Bescheid, dass ihr in fremden Häusern herumschnüffelt.“ Sie setzte ein zuckersüßes Lächeln auf. „Oder ihr seid vernünftig und lasst mich mitmachen.“ Sie ging jetzt im Zimmer hin und her. „Wenn ihr meint, ihr könnt mich behandeln wie ‘ne kleine Dumme, habt ihr euch gewaltig verschätzt! Glaubst du vielleicht, ich hätte nicht gemerkt, dass ihr da irgendein Ding zusammen dreht? Und dass das mit Papa zu tun hat? Meinst du denn, ich hätte nicht geschnallt, dass er in letzter Zeit völlig von der Rolle ist? Und meinst du etwa, das lässt mich kalt?“ Sie ging zur Tür. „Ihr habt die Wahl. Ich komme in fünf Minuten wieder, und dann sagt ihr mir, wie ihr euch entschieden habt.“

Mit einem lauten Rums fiel die Türe ins Schloss.

„Junge, Junge, das ist ja der Hammer!“, fing JoJo nach einer Weile an.

„Wir sind verratzt“, kam es von Motte.

„Voll amimäßig“, stöhnte Simon.

Dann herrschte ratloses Schweigen.

Die Stille wurde von der schrillen Melodie aus JoJos Handy unterbrochen.

„MM“, sagte JoJo nach einem kurzen Blick auf das Display. Sofort hatten alle drei ihre Handys am Ohr.

„Es klappt! Das Pferdchen liefert“, sprudelte es aus MM heraus. Sie schien genau in der entgegengesetzten Gemütsverfassung wie die Jungs. „Ich hab mich schon ein bisschen umgeschaut. Fast alles Geschäftssachen, Immobilienkram und so. Viele Fotos von irgendwelchen Häusern. Ich sag’s euch, dem Typen gehört die halbe Stadt, sogar ein richtiges Schloss ist dabei. Aber dann gibt’s da noch ein paar Dateien, die mir verdächtig vorkommen ...“

„Warum?“, fragte JoJo.

„Weil sie verschlüsselt sind. Und wer etwas verschlüsselt, hat etwas zu verbergen. Oder?“

„Aber kriegst du die Dateien denn geknackt?“

„Mach dir mal keinen Kopf. Am besten, ihr lasst mich einfach mal ein Weilchen rumprobieren. Und zwar ungestört. Falls ich morgen nicht in der Schule auftauche, bin ich krank, Windpocken oder so. Ich ruf euch an, sobald ich was rausgekriegt habe.“

„Du, hör mal“, machte Motte einen Anlauf, ihr von der Sache mit Ute zu berichten.

„Was ist denn los?“, fragte sie.

„Die absolute Katastrophe ...“ Motte erzählte ihr in knappen Worten, was passiert war.

Ihre ganze Antwort war jedoch: „Und, wo ist das Problem?“

Die Jungen schauten sich irritiert an.

Entrüstet sagte Motte: „Aber jeder weiß doch, dass sie überall rumquatscht.“

„Soso, jeder“, gab MM zurück, „so wie jeder weiß, dass ich eine Streberin bin. Mit der man bloß nichts zu tun haben sollte. Gebt ihr doch eine Chance, sie will uns doch helfen. Außerdem“ – Motte meinte einen amüsierten Unterton in ihrer Stimme auszumachen –, „ein bisschen Frauenpower kann nicht schaden.“

Motte fand zwar, dass Frauenpower so ziemlich das Letzte war, was ihnen fehlte, aber was für eine Wahl hatten sie schon? Von nun an waren sie zu fünft.

12. KAPITEL
Das Rätsel

Zwei lange Tage vergingen mit Warten. Motte fühlte sich wie ein Tiger im Käfig. Er konnte nicht das Geringste tun, nur hoffen, dass es MM gelingen würde, die Dateien zu entschlüsseln. Am liebsten hätte er ihr bei der Arbeit zugeschaut, dann wäre er wenigstens beschäftigt gewesen.

Am Mittwochabend hatte MM die Freunde per Rundruf informiert, dass die Entschlüsselung noch ein Weilchen dauern könnte. „Der Schlüssel, den sie verwenden, ist verdammt gut.“ Geduldig erklärte sie ihren Freunden das Problem: „Ein Schlüssel ist nichts anderes als eine Art Codewort, mit dem man die durcheinander geratenen Buchstaben wieder in die richtige Reihenfolge bringt. Der Computer sucht nun den richtigen Schlüssel, indem er einfach ein Codewort nach dem anderen durchprobiert. Je besser der Schlüssel ist, umso länger das Codewort, und umso länger braucht Quick Blue, um es zu knacken.“

Am Donnerstag tauchte MM dann tatsächlich nicht in der Schule auf. Wie verabredet setzten die Jungs das Gerücht in die Welt, sie sei an Windpocken erkrankt.

Für den ohnehin ungeduldigen JoJo war das Warten besonders schwer zu ertragen. Nur um die Zeit totzuschlagen, ging er am Donnerstagabend fast so weit, sein Zimmer aufzuräumen. „Und um ein Haar hätte ich es auch getan“, erzählte er Motte missmutig am Telefon, „wenn nicht in dem Augenblick meine Mutter gesagt hätte: ‚Jetzt räum mal endlich dein Zimmer auf!‘“

Simon wiederum hatte ganz andere Sorgen. Er war wieder rund um die Uhr mit Nala beschäftigt. Sie war gerade dabei gewesen, sich von Judiths Schokolade zu erholen, da hatte seine andere kleine Schwester, Leonie, ihr Pfefferminzbonbons zu fressen gegeben – „um die arme Nala wieder gesund zu machen“. Die „Medizin“ hatte sie von ihrem Taschengeld in der Apotheke gekauft. Und nun hatte Nala zu ihrem Durchfall auch noch Magenkrämpfe. Sie lag zitternd in ihrem Körbchen und war zu schwach zum Aufstehen. Simon war am Ende mit den Nerven.

Die einzige, die gut gelaunt war, war Ute. Der gelungene Coup schien auf sie wie ein Aufputschmittel zu wirken. Motte hatte sie in jedes Detail der Erpressungsgeschichte einweihen müssen. Besonders gerne hörte sie die Geschichte von Simons rettendem Schuss, sie konnte nicht genug davon kriegen.

Mit Begeisterung nahm sie sich der Aufgabe an, die JoJo ihr zugeteilt hatte: Vaters Arbeitszimmer zu überwachen, ob dort vielleicht irgendwelche Hinweise auf den Tag X (wie JoJo den Tag der Übergabe getauft hatte) oder sonst irgendetwas Auffälliges auftauchte.

Etwas enttäuscht war sie jedoch darüber, dass sich die Liebesgeschichte zwischen ihrem großen Bruder und MM als Luftnummer entpuppte. „Aber ein bisschen was läuft doch zwischen euch“, beharrte sie trotzdem, „da könnt ihr mir nichts vormachen!“

Der erlösende Anruf kam am nächsten Tag. Mitten in der Deutschstunde rüttelte es in Mottes Hosentasche. Sein Banknachbar Simon hatte offenbar dasselbe Problem, nach dessen hilflosem Gesichtsausdruck zu urteilen. Während Motte noch überlegte, wie sie unauffällig verschwinden könnten, hatte sich JoJo schon gemeldet. Er erzählte dem verdutzten Siegwart, dass er, Simon und Motte jetzt einen Termin bei Frau Schmidt-Weber, der Schulpsychologin, hätten, bei der sie wegen vormittäglicher Schlafstörungen in Behandlung seien. Bevor der arme Siegwart den Mund wieder zuklappen konnte, waren sie schon zur Tür hinaus und hatten die Handys an den Ohren. „Erzähl schon!“

„Ich hab den Schlüssel rausgekriegt“, sagte MM. Es klang so selbstverständlich, als ob es um die normalste Sache der Welt ginge.

Umso mehr Begeisterung löste die Nachricht bei den Jungs aus. „Wow ... Cool ... Du bist ein Genie!“, redeten sie wild durcheinander.

„Das heißt, du hast die verschlüsselten Dateien geknackt?“, fragte JoJo.

„Noch nicht alle. Aber immerhin zwei. Eine fehlt mir noch.“

„Die packst du auch“, sagte JoJo großzügig. „Aber jetzt erzähl schon!“

„Besser ich zeig euch alles direkt am Computer. Ich sag euch, es ist der Hammer.“

„O.K., wir sind sofort bei dir!“, sagte JoJo hastig.

„Nein“, wehrte sie ab, „meine Mutter kann jederzeit nach Hause kommen. Treffen wir uns lieber bei dir. Ich bin in einer halben Stunde da.“

Kurz darauf saßen die Jungs bei Matsch und Pizza in JoJos Zimmer und warteten auf MM. Sie hatten ihr Gelage gerade beendet, als es klingelte.

„Das nenne ich Timing“, sagte JoJo und öffnete die Tür. Da stand – Ute.

Ohne ein Wort stampfte sie an JoJo vorbei in das Zimmer. Sie war so zornig, dass sie nicht einmal ein Lächeln für Simon hatte. „Wenn ihr meint, ihr könnt mich einfach ausschließen, habt ihr euch geschnitten!“, legte sie los. „Es reicht schon, dass ihr glaubt, mir kein Handy geben zu müssen, aber mich einfach so auszubooten! Wenn das noch ein Mal vorkommt ...“

„Du hattest ja Unterricht, wie hätten wir dir da Bescheid sagen können?“, unterbrach sie Motte.

„Jetzt komm bloß nicht mit faulen Ausreden“, schoss sie zurück. „Ihr meint wohl, ich bin zu blöd zu merken, dass plötzlich eure Fahrräder weg sind!“ Sie wollte sich gar nicht mehr beruhigen – bis Simon sich einschaltete und ihr mit seiner sanften Stimme zuredete: „Den nächsten Mal hole ich dich raus aus der Klasse.“ Schlagartig entspannten sich ihre Gesichtszüge. Ihre Augen begannen zu glänzen. Motte konnte sich vorstellen, welcher Film jetzt in ihrem Kopf ablief: Simon als Tarzan, der sie auf seinen Armen hinausträgt, vor den Augen ihrer Freundinnen ...

In dem Augenblick kam MM zur Tür herein. Man sah ihr an, dass sie nicht viel geschlafen hatte. Sie suchte erst gar nicht nach einem Sitzplatz, sondern nahm gleich ihren Rucksack ab und holte eine CD heraus. Schnurstracks steuerte sie auf JoJos Rechner zu und legte die Scheibe ein. „Jetzt haltet euch fest ...“

Alle drängten sich um den Monitor.

„Vom Boss an Micky“, kommentierte MM und drückte ein paar Tasten.

Hier der derzeitige Stand der Planungen in der Blohm-Sache. Übergabe in der 33. Kalenderwoche auf dem Roggenkamp-Gelände, vor Baracke 3. Mitteilung des genauen Zeitpunktes an Blohm so kurzfristig wie möglich, auf absolut sicherem Weg. Peter soll Blohm noch einmal nachdrücklich davor warnen, die Polizei einzuschalten.

JoJo ließ einen Pfiff durch die Zähne hören. „Wow, da hat sich die Hausbesichtigung ja gelohnt.“ Er tippte auf dem Terminkalender seines Smartphones herum.

„33. Kalenderwoche“, murmelte er. „Wir sind jetzt in der 31. Woche. Die 33. Woche beginnt am 1. September ... also in genau neun Tagen!“

„Kennt ihr dieses Roggenkamp-Gelände?“, fragte Ute.

„Und ob wir das kennen“, antwortete Motte mit einem Blick zu Simon. „Es liegt hinter dem Bahnhof, früher war da einmal eine Kaserne der Amerikaner. Es sind noch ein paar halb zerfallene Baracken übrig. Sonst gibt es nur Schutthaufen und Brombeergestrüpp.“

„Und ein paar Bunkern, und den alten Hubschrauberlandeplatz“, sagte Simon.

„Wir haben da früher manchmal gespielt. Aber Mama hat es uns dann verboten. Sie meinte, dass da vielleicht noch irgendwelche Granaten rumliegen.“

„Und wie kommt man da rein?“, fragte JoJo.

„Der Haupteingang ist direkt an der Bundesstraße Richtung Autobahn. Ein verrostetes Tor mit Stacheldraht drauf. Aber man kommt eigentlich von überall auf das Gelände, die Mauer drum rum ist schon halb eingefallen.“

„Und wisst ihr, wo diese Baracke 3 ist?“, fragte JoJo.

„Nicht weit vom Eingang. Sie ist noch recht gut erhalten. Davor ist ein größeres Brachland, auf dem ziemlich viel Schutt rumliegt.“

„Und da soll also die Übergabe stattfinden ... interessant“, murmelte JoJo.

„Aber das Interessanteste kommt erst noch“, sagte MM und bearbeitete die Tastatur. „Noch ein Brief vom Oberboss an Micky.“

„Die beigefügte Datei enthält alle Infos zur Übergabe. Ich habe zur Sicherheit alles extra verschlüsselt. Der Schlüssel ist im Schloss.“

Alle schauten sich ratlos an.

„Versteht ihr das?“, fragte MM.

Schweigen ringsum.

„Es klingt fast wie ein Rätsel, oder? Der Schlüssel ist im Schloss“, wiederholte Motte.

„Hast du schon versucht, die Datei zu entschlüsseln?“, wandte sich JoJo an MM.

„Was denkst denn du? Aber es war einfach nichts zu machen. Es scheint tatsächlich so, als ob man dafür einen zusätzlichen Schlüssel brauchen würde.“

„Und der ist im Schloss“, ergänzte Motte.

„Wenn ihr mich fragt, klingt das nach gehobenem Schwachsinn“, ereiferte sich Ute.

„Voll amimäßig“, war von Simon zu hören.

JoJo war immer noch ganz in seinen Gedanken. „Eine extra gut verschlüsselte Botschaft ist eine extra wichtige Botschaft. Wir müssen da unbedingt drankommen! Ein Genie wie du müsste das doch schaffen.“

„Sehr witzig“, gab MM zurück. Mit einem Ernst, der Motte überraschte, fügte sie hinzu: „Ich mag das nicht, diese Wunderkind-Nummer.“ Und damit nahm sie ihren Rucksack und war verschwunden.

13. KAPITEL
Der Koffer


Das Wochenende, das nun folgte, war eine echte Geduldsprobe für Motte. MM hatte sich eingebunkert, um die rätselhafte Datei zu knacken. Und so viel war klar: Sie würde erst wieder auftauchen, wenn das Geheimnis gelüftet war.

Simon war wie immer am Wochenende mit seiner Familie irgendwo in der Natur und schleppte Rucksäcke durch die Gegend. Diesmal hatte er auch noch Nala mit dabei. Sie war zwar schon auf dem Weg der Besserung, aber er konnte sie noch nicht allein lassen. Er trug sie wie ein Baby in einem Tragetuch vor dem Bauch.

Zu Mottes Glück war wenigstens JoJo greifbar. Mit ihm hatte er sich für Samstagnachmittag verabredet – auch wenn seine Eltern es nicht gern sahen, wenn er zu JoJo ging. Mama war überzeugt davon, dass er einen schlechten Einfluss auf Motte hatte. Am allermeisten war ihr natürlich JoJos Ernährung ein Dorn im Auge. Und die Computerspiele. Motte musste seiner Mutter immer hoch und heilig versprechen, dass sie keine „Gewaltspiele“ spielten. Dabei fasste er den Begriff Gewalt allerdings etwas lockerer als seine Mutter, sonst wäre aus JoJos Arsenal rein gar nichts infrage gekommen.

Als Motte nach seinem samstäglichen Sklavendienst endlich bei JoJo eintraf, hatte der jedoch keine Lust auf Spielen. Genauer gesagt, hatte er zu gar nichts Lust. JoJo war so schlecht gelaunt, dass Motte mit dem Gedanken spielte, gleich wieder nach Hause zu gehen.

„Was ist denn los mit dir?“, fragte Motte.

„Ach, nichts ... es ist bloß diese Hitze ...“

Es war wirklich brütend heiß bei JoJo. Den ganzen Tag hatte die Sonne auf die Fenster geknallt und das kleine Zimmer wie eine Sauna aufgeheizt. Motte ging zum Fenster und öffnete es weit. Ein wohltuender Luftzug blähte die Gardinen. JoJo betätigte unterdessen die Matschmaschine und kam mit zwei Riesenbechern zurück. Wortlos setzten sie sich auf das Sofa. – Ja, auf das Sofa! Zu Mottes größter Verwunderung war es komplett leergeräumt. Auch auf dem Tisch war das Chaos gelichtet. Was war nur mit JoJo los?

Schweigend sogen sie an ihren Strohhalmen. Richtige Abkühlung brachte das jedoch nicht, im Gegenteil: Nach ein paar Schlucken fühlte sich Mottes Mund wie verbrannt an. Und sein Bauch begann zu rebellieren.

„Warum meldet sie sich denn nicht?“, sagte JoJo aus heiterem Himmel. Seine Stimme klang ärgerlich. „Sie könnte wenigstens mal anrufen, wenn sie uns schon nicht mitmachen lässt. Aber wir sind ihr wahrscheinlich nicht gut genug. Sie tut immer so, wie wenn nur sie den Durchblick hätte und alle anderen blöde wären.“

Offenbar ging es um MM. Was war bloß in JoJo gefahren?

„Und wie sie immer raushängt, wie hochbegabt sie ist und so! Wahrscheinlich sollen wir ihr die Füße küssen.“

Jetzt wurde es Motte zu viel. „Das ist doch totaler Schwachsinn, was du da erzählst – das weißt du wahrscheinlich selber. Du bist voll ungerecht. Sie hilft uns, wo sie kann, und du beschimpfst sie dafür!“

Eine Zeitlang sagten beide nichts.

„Hast ja recht“, sagte JoJo leise, „ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Heute ist irgendwie nicht mein Tag.“ Er blickte gedankenverloren auf den Boden.

Als er das Schweigen nicht mehr länger aushielt, fragte Motte: „Na, wie stehen die Aktien?“ Vielleicht ließ sich sein Freund ja mit diesem Thema aufmuntern.

„Schlecht“, brummte JoJo.

„Ich dachte, du gewinnst immer“, sagte Motte scherzhaft.

„Das sieht bloß so aus“, antwortete JoJo müde. „Natürlich gewinne ich auch mal, aber genauso oft verliere ich auch. Ich weiß selber nicht, warum ich das mache.“ Er nahm einen großen Schluck aus seinem Matschbecher. „Vielleicht, weil alle es so toll finden. JoJo, der an der Börse spekuliert, wie die Großen. JoJo, der ganz wichtige Geschäfte macht.“ Seine Stimme wurde noch leiser. „Wer würde sich denn sonst überhaupt für mich interessieren?“

Nach einer Weile fügte er hinzu: „Meinst du, ich merk‘ nicht, was sich abspielt? Ute ist hinter Simon her, und MM ... na ja, man spürt ja, dass du ihr alles andere als egal bist. Aber ich? Bin eben der lustige Kumpel. Dick, aber witzig.“ Er stockte. „Wahrscheinlich mach ich dieses Gezocke an der Börse nur, um das Gefühl zu haben, dass ich das ganze Geld selber verdient habe, das mir mein Vater immer gibt.“

„Dein Vater gibt dir Geld?“

„Nein, er schickt es mir. Er lässt sich ja nie blicken. Zum Geburtstag und zu Weihnachten kommt dann immer ein dicker Scheck. Er ist irgendein hohes Tier in einer Firma in Hamburg und hat Geld ohne Ende.“ JoJo lächelte bitter. „Er ist jetzt schon fünf Jahre weg. Dass er gegangen ist, finde ich gar nicht so schlimm. Vorher war es schlimmer, die beiden haben sich ständig gestritten. Aber dass er noch kein einziges Mal gekommen ist, um mich zu besuchen, obwohl er es mir immer wieder versprochen hat ...“ Er schluckte. „Ich bekomme immer nur Geld von ihm. Zu meinem Geburtstag übernächste Woche hat er mir wieder mal versprochen, mich zu besuchen. Habe deshalb sogar schon angefangen aufzuräumen ... Aber vorhin hat er angerufen: Es klappt leider doch nicht.“ Motte sah, dass sein Freund mit den Tränen kämpfte. „Und übermorgen kommt dann bestimmt wieder ein Scheck ...“ Er konnte nicht weitersprechen.

Nach einer langen Pause fuhr er mit belegter Stimme fort. „Weißt du, deshalb ist mir die Sache mit deinem Vater auch so wichtig. Ich finde ihn so nett, und man spürt, wie wichtig er für dich ist und wie wichtig du ihm bist und alles. Ich will, dass das immer so bleibt und nicht in die Luft fliegt wie bei mir.“

Motte war überwältigt vom Gefühl der Freundschaft zu JoJo. Am liebsten hätte er ihn in den Arm genommen. „Ich bin froh, dass du mein Freund bist, Alter“, sagte er zaghaft.

Lange Zeit sagte keiner der beiden etwas.

Dann fasste sich Motte ein Herz. „Mein Vater ...“ Er brachte den Satz nicht zu Ende.

„Was ist mit deinem Vater?“

„Mein Vater ... ich weiß nicht ... ich wollte dich mal was fragen.“

„Was denn?“

„Glaubst du, dass mein Vater ...“ Es half nichts, es musste raus, „... ein Verbrecher ist?“

„Ein was?“ JoJo sah Motte mit einem Blick an, der Zweifel an dessen Zurechnungsfähigkeit andeutete.

„Ich meine, dass er in ein Verbrechen verwickelt ist oder so.“

„Wie kommst du denn da drauf?“

Motte erzählte JoJo alles von dem Verdacht, der ihn schon so lange quälte – dass sein Vater vielleicht ganz anders war, als er ihn kannte. „Was könnte ihn sonst daran hindern, zur Polizei zu gehen? Er muss doch etwas zu verbergen haben!“

JoJo schaute Motte aufmerksam an. „Jetzt hör mal zu. Du kennst deinen Vater seit dreizehn Jahren. Und du hast ihm immer vertraut. Und er hat dich nie hängen lassen, stimmt’s?“

Motte nickte.

„Weißt du noch die Sache mit Kevin?“

Motte blickte zu Boden. „Klar.“

„Und du glaubst wirklich, er könnte etwas Schlimmes getan haben? Glaubst du das wirklich?“

Motte schaute JoJo an. Er sagte nichts, aber er spürte eine unendliche Erleichterung.

„Komm, lass uns spielen “, sagten beide fast gleichzeitig.

Als sie gerade mit Tschin Chen Reloaded losgelegt hatten, klingelte es an der Tür.

„Shit!“, entfuhr es JoJo, „wir kriegen Ärger. Das ist bestimmt Ute, die sich wieder ausgeschlossen fühlt.“

Motte beruhigte ihn. „Ich habe mich ordnungsgemäß abgemeldet.“

Aber es war tatsächlich Ute. Trotz seines reinen Gewissens hielt Motte den Atem an.

„Ist Simon nicht hier?“, fragte sie als erstes.

„Nein, der ist doch mit Ariane zelten gegangen“, antwortete JoJo mit Unschuldsmiene.

Ute war der Schock anzusehen. „Mit Ariane“, hauchte sie. Es klang, als ob sie der Welt für immer entsagen wollte. „Ariane ... ach so ...“ Sie blickte ihren Bruder aus tränenerfüllten Augen hilflos an.

Er konnte es nicht mehr mit ansehen. „JoJo macht doch nur Quatsch! Simon ist mit seiner Familie weg. Und Ariane ist doch sein Hamster.“

Man konnte regelrecht hören, wie ein Stein von ihrem Herzen plumpste. Sie atmete tief durch und ging dann mit geballten Fäusten auf den lachenden JoJo los. „Du Arsch mit Ohren! Wie kannst du mir das antun???“

Als sie sich wieder beruhigt hatte, fragte Motte: „Jetzt sag schon, weshalb du hier bist. Oder bist du bloß wegen Simon gekommen?“

Sie wurde knallrot. „Nein, es gibt was Neues. Der Geldkoffer ist aufgetaucht.“

„Welcher Geldkoffer?“, fragte Motte.

„Welcher wohl? Der natürlich, mit dem Vater das Geld übergeben soll. Ich habe ihn gerade gefunden ... im weißen Wandschrank in seinem Zimmer.“

Motte hätte nicht gedacht, dass Ute ihre Aufgabe so ernst nehmen würde. Sie hatte wirklich Power, das musste man ihr lassen.

„Wie sieht er aus?“, fragte JoJo knapp.

„So ein Fotografenkoffer aus Alu.“

„Mit Zahlenschloss?“

„Nein, ein ganz normales Schloss. Den Schlüssel hat er in der Schreibtischschublade versteckt.“

„Und, hast du mal reingeschaut?“

„Klar!“ Sie war stolz wie Oskar. „Er ist vollgepackt mit Geldbündeln, lauter Fünfhunderter.“

„Und sonst? Hast du wirklich das ganze Zimmer durchsucht? Kein Hinweis auf den Übergabetermin?“

„Nein, nichts. Nur so einen Wisch von einer Lebensversicherung, dass das Geld jetzt überwiesen worden sei, 250 Tausend. Und dann ein paar Schreiben von Banken, wegen irgendwelchen Krediten.“

„Er hat alle Reserven locker gemacht“, murmelte JoJo. „Es wird also ernst. Und wir wissen immer noch nicht, wann die Sache genau läuft. Bis zur 33. Woche sind es gerade noch acht Tage ...“ Er nahm einen großen Schluck aus seinem Becher.

14. KAPITEL
Der Verdacht

Am Montagmorgen trafen sie sich alle vor dem Supermarkt. Auch MM war da, obwohl es ihr schwergefallen war, sich von Quick Blue zu trennen. Die rätselhafte Datei war immer noch nicht entschlüsselt.

JoJo hatte die strategische Lagebesprechung am Sonntagabend per Rundruf einberufen. Er wollte einen Plan „verkünden“ – natürlich nicht irgendeinen, sondern einen „hypergenialen“ Plan. Einen JoJo-Plan eben.

Jetzt stand er in der gewohnten Feldherrenpose vor ihnen und machte es wieder einmal spannend.

„Komm, mach schon, ich will wieder zu Quick Blue“, drängelte MM. Sie sah müde aus.

JoJo würdigte sie keines Blickes, sondern putzte in Ruhe seine Brille fertig. Nach einem Räuspern hub er an.

„Nachdem das Behältnis mit dem Geld ...“

„Sag doch einfach Koffer“, unterbrach ihn MM und verdrehte die Augen.

„... aufgetaucht ist, ist es an der Zeit, uns auf die Übergabe vorzubereiten – auch wenn wir deren genauen Termin bedauerlicherweise noch nicht kennen.“ Er räusperte sich. „Unser Plan sieht nun folgendermaßen aus.“ Er legte eine kleine Kunstpause ein. „Wir kaufen einen identischen Koffer. – Simon, kannst du das übernehmen? Vielleicht zusammen mit ...“

„Mir!“, fiel ihm Ute ins Wort. Sie strahlte Simon an. Der Arme sah dagegen ziemlich betreten aus.

„Und dann veranstalten wir einen Bastelabend.“

„Einen was?“, fragte Simon.

„Einen Bastelabend, und zwar bei mir zu Hause. Da steht seit vorgestern ein kleiner Farbkopierer, und mit dem machen wir unser eigenes Geld. Ute muss dazu ein Bündel von den echten Scheinen mitbringen, wir legen sie dann nebeneinander und kopieren sie auf A4-Papier, erst die Vorderseite, dann die Rückseite, schneiden sie dann mit der Schneidemaschine auseinander, bündeln sie und verstauen sie in unserem Koffer.“

Jetzt dämmerte Motte, worauf JoJo hinauswollte „Aha ... Und diesen Koffer vertauschen wir dann mit dem echten, oder? Papa nimmt also das kopierte Geld mit zur Übergabe.“

„Da denkt einer mit! Das Wichtigste habe ich aber noch gar nicht gesagt.“JoJo senkte seine Stimme, weil ein paar Leute mit ihren Einkaufswagen vorbeikamen. „Unter das ganze Geld legen wir einen Brief an die Herren Erpresser. Ich habe schon mal einen kleinen Entwurf gemacht. Etwa so ...“ Er räusperte sich ausgiebig.

„Sehr geehrter Peter, sehr geehrter Herr Doktor Ohlow, sehr geehrter Micky, inzwischen dürften Sie bemerkt haben, dass es sich bei den Scheinen um Falschgeld handelt. Um es gleich vorweg zu sagen, Herr Blohm hat damit nicht das Mindeste zu tun. Sie haben einfach das Pech, dass sich ein paar anständige Menschen in Ihre schmutzigen Geschäfte eingemischt haben – Namen brauchen Sie in diesem Zusammenhang nicht zu interessieren. Sie können der beigefügten Dokumentation entnehmen, dass wir über eine lückenlose Beweiskette verfügen, mit der wir Sie bei Bedarf jederzeit überführen können.“

JoJo unterbrach sich und blickte in die Runde: „Ich meine damit alle E-Mails, Fotos und entschlüsselten Dateien. Wir legen alles als Kopien bei, um denen zu zeigen, dass sie in der Falle sitzen.“

Dann wandte er sich wieder seinem Brief zu: „Sollten Sie Herrn Blohm in Zukunft weiter belästigen, werden diese Beweise umgehend der Polizei übergeben. Gezeichnet Ihr Alfredo Baron von und zu Hohenburg-Drachenfels.“

„Na, wie findet ihr das?“ JoJo strahlte über beide Ohren. „Ich würde ja gerne mal die Visage von Peter sehen, wenn er den Brief liest“, sagte er und rieb sich die Hände.

„Und wenn am Schluss dieser Baron auftaucht!“, fiel MM lachend ein. „Wahrscheinlich fängt er noch an, an Geister zu glauben.“

„Und wir schreiben auf den Briefumschlag Wer wird Millionär?, wie findet ihr das?“, rief Motte aufgeregt.

Ihre Stimmung wurde immer ausgelassener. Alle redeten und lachten durcheinander.

Plötzlich sprang Ute vom Geländer und starrte Simon mit weit aufgerissenen Augen an. Das Gelächter erstarb schlagartig.

„Mensch, Simon! Der Pfeil!“, sagte sie atemlos.

„Welcher Pfeil?“

„Der Pfeil, den du da reingeschossen hast!“

„Was soll damit sein?“, fragte Motte. Warum musste sich seine Schwester immer so wichtigmachen?

„Damit können sie uns auf die Spur kommen!“

„Wer soll uns auf die Spur kommen?“, fragte Motte ärgerlich.

„Wer schon?“, blaffte Ute zurück. „Die Erpresserbande natürlich! Simons Pfeil muss ja noch irgendwo rumliegen, oder meinst du, der hat sich in Luft aufgelöst?“

„Und wo ist das Problem?“, fragte Motte.

Ohne auf ihren Bruder einzugehen, wandte sie sich an Simon. „Du verwendest doch ganz besondere Pfeile, oder?“

„Ja, die 3710er Carbon-Aluminium, die sind gut für meine Jagdbogen.“

„Und so viele Bogenschützen wird es hier auch nicht geben, die gerade solche Pfeile verwenden, oder?“

Simon schüttelte belustigt den Kopf.

„Ja, schön und gut“, warf Motte ein. „Selbst wenn sie rauskriegen, dass der Pfeil von Simon kommt, dann wissen sie noch lange nicht, dass das irgendwas mit der Erpressung zu tun hat. Und woher sollen sie überhaupt wissen, dass Simon was mit uns zu tun hat?“

„Dazu müssen sie nur rauskriegen, in welche Schule Simon geht. Und in welche Klasse du gehst, wissen sie sowieso schon lange, darauf wette ich. Und dann brauchen sie nur noch eins und eins zusammenzuzählen. Die sind ja auch nicht doof.“

„Du spinnst doch!“, fiel ihr Motte ins Wort. „Meinst du, die machen sich wegen einem Pfeil in die Hose?“


Aber auf dem Nachhauseweg war er sich plötzlich nicht mehr so sicher. Tief in ihm regte sich das Gefühl, dass Ute vielleicht doch Recht haben könnte. Unwillkürlich schaltete er einen Gang höher. Und ertappte sich dabei, wie er sich umdrehte.

15. KAPITEL
Die Drohung

Schon zwei Stunden später war klar, dass Ute mit ihren Befürchtungen Recht gehabt hatte.

Motte saß gerade an den Hausaufgaben, als es an der Tür klingelte – Simon. In der einen Hand hatte er die Riesensocke, in der anderen die Tragetasche mit Nala. Sein Gesicht zeigte keine Spur von dem netten Lächeln, mit dem er sonst immer seine Mitmenschen begrüßte.

„Die Band ist her hinter uns!“, sagte er noch während er die Treppe hochhastete.

„Psst!“, musste Motte ihn erinnern.

„Die Bande ist hinter uns her?“, fragte Motte nach, sobald sie in seinem Zimmer waren.

„Ja.“ Simon fing an zu erzählen. Er war beim Training von einem der Sofarambos – wie er die Vereinskollegen mit den automatischen Bögen nannte – angesprochen worden. „Na, hat sich der Herr Schönhuber schon bei dir gemeldet?“ Simon verstand nur Bahnhof. Daraufhin erzählte ihm der Sofarambo, wie am letzten Donnerstag ein „ziemlich großgewachsener breitschultriger Herr“ mit einem Pfeil in der Hand beim Training aufgetaucht sei. „Ich habe da einen Pfeil gefunden“, hätte er gesagt, „und habe mir gedacht, ich bringe ihn am besten mal im Schießverein vorbei, vielleicht vermisst ihn da ja jemand.“ Dann wollte er noch wissen, ob denn alle Sportler im Verein solche Pfeile verwendeten. Worauf ihn der Kollege aufklärte, dass nur einer einen Jagdbogen verwendete – Simon. „Ach, das trifft sich aber gut“, sagte der Herr Schönhuber, „ich habe nämlich einen schönen Jagdbogen geerbt, den ich gerne in guten Händen wüsste. Natürlich ganz umsonst, versteht sich.“ Er habe dann um Simons Name und Adresse gebeten – und diese auch erhalten.

„Verdammt!“, entfuhr es Motte. „Die sind wirklich hinter uns her.“ Er wollte gerade zum Handy greifen, um JoJo und MM zu alarmieren, als das Gerät auch schon von selber losging. Es war MM.

„Sie sind uns auf der Spur“, sagte sie atemlos.

Kurz darauf waren alle unter Mottes Hochbett versammelt. Nala, die aus ihrer Tasche ausgebüxt war, machte übermütige Sprünge durch das Zimmer. Aber keiner nahm Notiz von ihr.

Simon wiederholte kurz seinen Bericht.

Dann war MM dran. „Ich habe drei E-Mails abgefangen und entschlüsselt.“ Sie holte ein paar Zettel aus ihrem Rucksack. „Der erste Brief ist vom Gorilla an den Boss.“

„Der Pfeil kommt von einem 13-Jährigen namens Simon Böttcher. Er wohnt in der Beethovenstr. 43, Eltern Herbert Böttcher, Kinderarzt, und Kirsten Böttcher, Hebamme. Geht in die Kopernikus-Schule Klasse 7 c. Ca. 165 cm groß, blondes langes Haar, braune Augen.

Es gab also keinen Zweifel mehr. Der „großgewachsene breitschultrige Herr“ im Sportverein war der Gorilla gewesen, dachte Motte. Und wenn er wusste, wie Simon aussah, musste er ihn auch schon beschattet haben ...

„Er muss dich beschattet haben, Simon“, sagte JoJo, als hätte er Mottes Gedanken gelesen. „Hast du irgendetwas Auffälliges bemerkt?“

„Nein, ich weiß ja nicht einmal, was für einen Auto er befährt.“

MM hatte schon den nächsten Zettel in der Hand. „Die Antwort vom Boss!“

„Die Frage ist, wie der dazu kommt, uns einen Pfeil in die Bude zu schießen. Als erstes müssen wir wissen, ob das wirklich etwas mit der Blohm-Sache zu tun hat. Nimm auf jeden Fall mal diesen Simon in die Mangel, sobald du ihn erwischst. Er wird dann schon auspacken, falls er was weiß. Und wenn nicht – von ein paar blauen Flecken ist noch keiner gestorben. Gib sofort Bescheid, wenn es was Neues gibt.“

MM blätterte weiter. „So, und hier gleich die Antwort vom Gorilla.“

O.K., ich knöpfe ihn mir gleich morgen vor, wenn er aus der Schule kommt.

„Siiiiimon!“, kam ein schriller Schrei von Ute. „Die dürfen dir nichts tun!“ Sie hatte Tränen in den Augen. Dann fasste sie sich wieder und sagte entschlossen: „Ich werde dich beschützen!“ Wie um schon einmal zu zeigen, wie sie das meinte, nahm sie Nala, die es sich auf ihrem Schoß bequem gemacht hatte, so fest in den Schwitzkasten, dass ihr die Augen hervorquollen.

JoJo dagegen schien die Drohungen deutlich gelassener zu nehmen. „Nur keine Panik auf der Titanic!“ Ungerührt mampfte er an einem der Chicken Wings, die er auf dem Teppich deponiert hatte. „Immerhin sind wir über ihre Pläne informiert – und die Typen ahnen nichts davon. Also: Cool bleiben, cool aussehen, und den letzten Punkt machen. Die Aktion ist doch eine super Gelegenheit, vielleicht ein bisschen mehr über den Herrn Micky rauszubringen! Zumindest werden ein paar nette Fotos für unsere Dokumentation herausspringen.“ Er strich sich genüsslich durch die Haare, dann fuhr er fort: „Gut, sie kennen jetzt Simon. Und dich, Motte. Und dich, Ute – davon müssen wir jedenfalls ausgehen. Aber sie wissen noch nicht, dass Simon etwas mit euch zu tun hat. Und von MM und mir wissen sie noch überhaupt nichts.“

„Das heißt, wir dürfen uns morgen nach der Schule auf keinen Fall zusammen zeigen“, unterbrach ihn Motte. „Am besten wir mischen uns unters Volk.“

JoJo wandte sich an Simon: „Du könntest dich zum Beispiel ein bisschen um Granate kümmern. Sie hat dich heute die ganze Englischstunde wieder so sehnsüchtig angeschaut.“

„Granate? Wer ist denn das?“, fragte Ute misstrauisch.

„Ähm, ich meine Renate ...“

„Und diese Tusse schaut Simon sehnsüchtig an?!“, zischte Ute.

„Ähm, nein, natürlich nicht ... ich meine, sie hat mich so angeschaut ... ähm ... wahrscheinlich fährt sie auf meine neue Frisur ab ...“ Er zwinkerte Simon zu.

Dann nahm er seine Brille ab und fing mit dem Putzen an. Damit war allen klar, dass die feierliche Verkündigung des Einsatzplanes unmittelbar bevorstand.

„Sollen wir aufstehen?“, fragte Motte in die andächtige Stille.

Die anderen lachten, aber JoJo hatte die feine Ironie gar nicht bemerkt und gab ernst zurück: „Nein, es geht auch so.“ Dann legte er endlich los. „Aktion Beschattung des Beschatters. Einsatzort: vor der Kopernikus-Schule. Einsatzzeit: nach der sechsten Stunde. Einsatzkleidung: wie immer unauffällig (hier musste er dann doch ein bisschen grinsen). Einsatzziel: Dokumentation und Observation von Micky. Einsatztaktik: JoJo steht Schmiere. Ständiger Kontakt aller Einsatzkräfte über Handy. Wichtig: möglichst unauffälliges Benehmen. Exzessive Blickkontakte zur Zielperson vermeiden.“

„Expressive was?“, unterbrach ihn Ute.

„Ihr sollt Micky nicht anstarren, das ist alles“, gab JoJo mürrisch zurück. „Simon macht sich dann allein auf den Heimweg. Sobald der Gorilla ihm folgt, verfolgen wir anderen ihn unauffällig auf den Fahrrädern, aber einzeln. Simon schüttelt ihn dann ab, sobald es geht.“

„Ich gehe einfach mal im Kaufhof rein und geh dann aus das Hintereingang raus“, sagte Simon.

„Super Idee“, sagte JoJo gönnerhaft.

„Und was macht MM? Sie hat doch Windpocken und darf sich an der Schule nicht blicken lassen?“, fragte Ute.

„Ich stehe am Eingang zum Kaufhof Schmiere, O.K.?“

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Motte hätte mit allem gerechnet, nur nicht mit seiner Mutter. Und erst recht nicht damit, dass sie sich sofort auf MM stürzen und ihr feierlich die Hand reichen würde. Als Motte das glückliche Lächeln im Gesicht seiner Mutter sah, dämmerte ihm, was nun kommen sollte.

„Du bist also die neue Freundin von Motte!“, rief sie freudestrahlend. „Ich freue mich so, dich kennenzulernen!“ Sie wollte mit dem Händeschütteln gar nicht mehr aufhören. Motte fing einen irritierten Blick von MM auf. Er hatte nur noch einen Wunsch: weit, weit weg zu sein.

„Ach Mama“, hörte er Ute sagen, und selbst das Kreischen in ihrer Stimme wirkte in diesem Moment wie Balsam auf seine Seele. Sie war aufgestanden und flüsterte Mama etwas ins Ohr, was deren Lächeln schlagartig in ein gequältes Grinsen verwandelte. „Entschuldigung“, sagte sie in Richtung MM, der anzusehen war, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, wofür sich Mottes Mutter bei ihr entschuldigte.

Später, als die Freunde gegangen waren, wandte sich Motte an seine Schwester. „Was hast du eigentlich Mama gesagt, dass sie MM in Ruhe gelassen hat?“

„Tja, Brüderchen ... einen Zauberspruch.“

„Jetzt sag schon!“

„Ich habe ihr einfach gesagt, dass sie die Falsche am Wickel hat – deine richtige Freundin liegt doch zurzeit mit einem gebrochenen Arm im Krankenhaus. Oder?“

Seine Schwester war zwar etwas schrill, fand Motte, aber von ihrer Fantasie hätte er gerne eine Portion abgehabt.

16. KAPITEL
Die Tiefgarage

Am nächsten Tag war es schon am Vormittag brütend heiß. Aber – natürlich – nicht heiß genug für Hitzefrei. Gerüchteweise gab es das erst dann, wenn die Klimaanlage im Büro des Direktors ausfiel. In der letzten Stunde war es so heiß, dass Motte das Gefühl hatte, sein Hirn würde verdampfen.

JoJo war zur letzten Stunde erst gar nicht erschienen. Er wollte „draußen schon mal die Lage peilen“, wie er sagte. Als endlich die Klingel läutete, hatten Motte und Simon sofort die Handys an den Ohren.

„Na, wie sieht‘s aus da draußen?“, fragte Motte.

„Er ist da“, war JoJo zu hören. „Er steht direkt gegenüber vom Hofeingang mit einem Geländemotorrad, ‘ner Wahnsinns-BMW.“

Bevor sie den Schulhof erreichten, trennten sich die beiden Freunde mit einem verschwiegenen Kopfnicken und mischten sich unter ihre Klassenkameraden. Für den Bruchteil einer Sekunde blieb Mottes Blick an dem Mann neben dem Motorrad hängen. Er wagte nicht, ihn direkt anzuschauen, aber aus den Augenwinkeln konnte er erkennen, dass er von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet war: schwarze Stiefel, schwarze Lederkluft, sogar der Helm, der am Lenker baumelte, war schwarz. Wie er das bei dieser Hitze aushalten konnte, war ihm ein Rätsel.

Simon war wie verabredet in ein Gespräch mit Renate vertieft. Sie hing mit einem verzückten Dauerlächeln an seinen Lippen. Ein Glück, dachte Motte, dass Ute das nicht mit ansehen musste, sie wäre wahrscheinlich komplett ausgerastet. Ute war am Morgen mit einer starken Erkältung aufgewacht, und Mama hatte sie nicht in die Schule gelassen, so sehr sie auch bat und bettelte. Ute war anscheinend überzeugt davon, dass Simon ohne sie verloren war.

Renates Glück währte jedoch nicht lange. Simon machte sich mit einem gequälten Lächeln von ihr los und ging auf den Hofausgang zu.

Motte sah ihn hinter dem Tor in die Talstraße abbiegen. Einen Augenblick später heulte Mickys Motorrad auf. Alles verlief also nach Plan. Simon hatte sein Fahrrad heute Morgen am Hinterausgang des Kaufhofs abgestellt – von da würde er dann auf Schleichwegen nach Hause radeln.

„Na, Jungs, ist alles klar?“, hörte Motte MMs Stimme aus dem Handy an seinem Gürtel. „Ich steh beim Kaufhof direkt am Eingang.“

„Simon ist schon unterwegs zu dir. Und Micky ist ihm auf den Fersen.“ Motte bestieg sein Fahrrad und machte sich auf den Weg. Mit etwas Abstand folgte ihm JoJo.


Jetzt meldete sich Simon. „Ist er hinter mir?“

„Ja, er hält ungefähr fünfzig Meter Abstand“, antwortete ihm Motte, „aber schau dich bloß nicht um.“

„Ist doch klar.“

Fünf Minuten später war der Konvoi mit Simon an der Spitze beim Kaufhof angekommen.

„Ich geh jetzt rein“, sagte Simon. Und schon sah ihn Motte durch die große Drehtür verschwinden, vorbei an MM, die dort ganz unauffällig vor dem Schaufenster stand.

„Bin mal gespannt, wie Micky jetzt reagiert“, kam es von JoJo.

Micky schaute sich unschlüssig um. Mit einem Ruck bremste er seine Maschine ab, machte den Motor aus und stieg ab. Er schob das Motorrad auf den Bürgersteig und ließ es vor dem Schaufenster stehen, direkt neben MM. Mit schweren Schritten steuerte er auf die Drehtür zu. In seiner schwarzen Kluft sah er aus wie der dunkle Lord aus Star Wars.

Er war gerade im Eingang verschwunden, als sich Simon über Handy meldete: „Ich geh noch kurz in das Zooabteilung vorbei, Futter für Nala kaufen.“

Motte verschlug es die Sprache. Da war ein Verbrecher hinter ihm her, der ihn grün und blau schlagen wollte, aber Simon hatte nichts anderes im Kopf als seine Tiere.

„Simon, er ist dir auf den Fersen, er ist gerade ins Kaufhaus reingegangen!“, rief Motte in sein Handy.

Aber er bekam keine Antwort. Kurz entschlossen sprang er vom Fahrrad und rannte zum Eingang. Im Vorbeigehen informierte er MM, dann drängte er sich durch die Drehtür. Micky war zum Glück nicht zu übersehen. Wie ein Fels in der Brandung stand er im Gewimmel und schaute sich in alle Richtungen um.

Motte duckte sich hinter einen Kleiderständer mit Damenunterwäsche. Als ihm Micky den Rücken zukehrte, huschte er zum Treppenhaus und rannte die Stufen hoch. Die Zooabteilung war in der sechsten Etage.

Oben angekommen, sah er Simon schon von weitem. Er hatte eine kleine Ratte auf der Hand und redete auf sie ein. „Das ist Lilly“, sagte er zu Motte, als dieser ihn erreicht hatte. Es war offenbar eines von den armen Käfigtieren, denen er regelmäßig nach der Schule einen Besuch abstattete. „Sie haben ja sonst niemand, der sie aufmuntert“, sagte er immer.

Motte raunzte ihn an: „Sag mal, warum hast du eigentlich dein Handy nicht an?“

Simon hob bedauernd die Schulter und deutete auf die Tiere in den Käfigen. „Die sind doch noch so klein. Die Strahlen sind nicht gut für sie.“

„Geht das bei dir jetzt etwa auch los mit diesem Strahlentick? Ich werd noch wahnsinnig ...“ Aber es war nicht die Zeit für Diskussionen. „Micky ist hinter dir her!“

„Oh shit!“, entfuhr es Simon, „wo ist er?“

„Unten, im Erdgeschoss. Und wenn wir Pech haben, taucht er gleich hier auf.“

„Besser wir verschwindern“, sagte Simon.

„Aber nicht zusammen!“

„O.K., ich nehm die Treppe, du den Abzug.“

„Aufzug.“

„O.K.“

„Aber pass unten bloß auf!“, sagte Motte, „und mach dein Handy an!“

Der Aufzug wartete schon abfahrbereit und leer. Während Motte nach unten schwebte, dachte er darüber nach, wie es unten weitergehen sollte. Als erstes musste er unauffällig zum Ausgang kommen. Zusammen mit JoJo und MM brauchten sie dann nur noch aus sicherer Entfernung Mickys Motorrad im Blick zu behalten. Irgendwann musste der ja die Suche nach Simon aufgeben. Im Geiste stellte sich Motte das wütende Gesicht vor, das Micky machen würde. Er musste unwillkürlich grinsen.

In diesem Augenblick ruckelte der Aufzug und hielt an. Die Leuchtziffer über der Tür zeigte die dritte Etage. Die Schiebetür ging auf. Und da sah er es plötzlich direkt vor sich – das Gesicht, das er sich gerade ausgemalt hatte: groß und fleischig, Sonnenbrille auf der Boxernase, kahl rasierter Schädel. Die schwarze Gestalt füllte die ganze Tür aus. Bevor Motte noch einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte sich die Tür schon hinter ihr geschlossen. Motte drückte sich in die hinterste Ecke und schaute auf den Boden. Er wagte kaum zu atmen.

Der Aufzug setzte sich in Bewegung. Motte spürte Mickys Blick auf sich ruhen. Unwillkürlich zog er den Kopf ein. Aus den Augenwinkeln sah er, dass der Gorilla in seiner Jackentasche kramte und etwas herauszog. Motte konnte nicht anders, er musste hinsehen. Sein Blick fiel auf ein zerknittertes Foto. Im Bruchteil einer Sekunde hatte er erkannt, dass der Junge darauf niemand anderes war als er selber. Er blickte wieder starr auf den Boden und hielt den Atem an. Der Gorilla räusperte sich. Langsam steckte er das Bild wieder ein. Danach war nur noch das Summen des Fahrstuhls zu hören. Motte war übel vor Aufregung und Angst.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis sich der Aufzug verlangsamte. Motte wurde wieder etwas wohler. Sobald er hier raus war, konnte ihm nichts mehr passieren. In der Menschenmenge würde er Micky schon irgendwie abgeschüttelt kriegen. Als die Aufzugtür aufging, machte Motte einen schnellen Schritt auf die Türe zu. Aber der Gorilla versperrte ihm mit seinem massigen Körper den Weg. Wie ein Schrank stand er vor der Tür. In Motte stieg Panik auf. Wo waren nur die ganzen Leute, die sich sonst immer in die Aufzüge drängelten? Noch während er überlegte, ob er schreien sollte, hatte sich die Tür wieder geschlossen.


Wortlos drückte Micky den untersten Knopf. Der Aufzug setzte sich in Bewegung. Was wollte er da unten? Motte lief es heiß und kalt über den Rücken. Immer noch sagte die schwarze Gestalt kein Wort. Aber als sich der Aufzug verlangsamte, spürte Motte plötzlich eine Pranke im Nacken. Es fühlte sich an, als wäre er in einen Schraubstock eingespannt. Als die Türe aufging, wurde er einfach hinausgeschoben.

Der Gestank nach Abgasen verschlug Motte den Atem. Sie waren in der Tiefgarage gelandet! Micky schob ihn in den langen Gang zwischen den Autoreihen. Was wollte er von ihm? Motte schoss der Satz durch den Kopf: „Von ein paar blauen Flecken ist noch keiner gestorben ...“

Mickys schwere Schritte hallten von den Wänden wider, sonst war es totenstill. Die Riesenhand krallte sich erbarmungslos in Mottes Nacken. Er hatte solche Schmerzen, dass er außer „Aufhören“ keinen vernünftigen Gedanken fassen konnte. Ganz hinten am Ende des Ganges konnte Motte im Halbdunkel eine Reihe von Betonpfeilern ausmachen. Er spürte, dass dort das Ziel ihres Weges war. Blanke Angst packte ihn. Sein Mund war so ausgetrocknet, dass seine Zunge sich wie ein Kloß anfühlte. Selbst wenn er schreien könnte – hier würde ihn keiner hören.

Plötzlich war es Motte, als ob er aus weiter Ferne jemanden rufen hörte.

„Micky!“

Der Griff des Gorillas wurde noch fester.

„Micky! Micky!“ Die Stimme kam näher.

Micky drehte sich um, und Motte mit ihm. Er sah eine junge Dame auf einem Fahrrad direkt auf sie zuhalten. Sie trug eine Sonnenbrille und ein hellblaues Trägerkleid. Erst im Näherkommen erkannte er sie – MM! Als sie mit ihrem Fahrrad vor ihnen stand, würdigte sie Motte keines Blickes, sondern redete lautstark auf Micky ein.

„Hallo Micky! Ich habe dich überall gesucht! Was machst du denn hier? Und lässt dein Motorrad einfach da oben rumstehen.“

Mickys Griff lockerte sich etwas.

„Du musst sofort hochkommen, da machen welche dran rum!“

„Wo dran rum?“, fragte er mit seiner rauen Stimme.

„Wo wohl, an deiner Maschine!“, sagte sie ganz aufgeregt.

Micky schaute sie misstrauisch an. „Wer bist du eigentlich?“

„Kennst du mich etwa nicht mehr? Wir kennen uns doch vom Tennisverein!“, sagte sie mit einem verführerischen Lächeln.

Motte konnte über ihre Coolness nur staunen.

„Ah ... so ...“ Micky war seine Verwirrung anzusehen. Aber MM ließ ihm keine Zeit, seine Gedanken zu sortieren. „Es sind drei Typen, ich glaub, sie versuchen, das Schloss zu knacken ...“ Sie zog ihr Handy heraus. „Ich ruf schon mal die Polizei! Wie ist noch mal das Kennzeichen?“

Der Hinweis auf die Polizei schien Micky Beine zu machen. Er warf Motte einen Blick zu, der wohl so viel heißen sollte wie „Wart nur, Bürschchen, wir sprechen uns noch!“, und rannte los, Richtung Treppenhaus.

„Nichts wie weg!“, zischte ihm MM zu, sobald er außer Hörweite war. Sie nahm seine Hand und zog ihn zu einer grünen Tür, auf der „Notausgang“ stand.

Motte hätte ihr gerne mit dem Rad geholfen, aber seine Beine wollten ihn selber kaum mehr tragen. Mit schlotternden Knien stieg er hinter MM die Treppe hoch. Als er endlich oben angekommen war, die frische Luft atmete und die Sonne im Gesicht spürte, war ihm, als ob er einem Alptraum entronnen wäre. Mit einem Schlag fiel alles von ihm ab und eine unendliche Leichtigkeit breitete sich in ihm aus.

MM drehte sich zu ihm um, nahm die Sonnenbrille ab und strahlte ihn mit ihren Meeraugen an. Sie sah aus wie der Sommer selbst. Und je länger sie ihn anschaute, umso klarer und tiefer wurde das Meer in ihren Augen. So tief, dass Motte alles um sich herum vergaß. Ohne nachzudenken legte er die Arme um sie und drückte sie fest an sich.

Erst als sich Passanten näherten, lösten sie sich voneinander, nahmen sich an der Hand und grinsten.

„Vielleicht sollten wir mal lieber verschwinden“, meinte Motte.

„Nur keine Sorge“, gab MM zurück, „ich habe das Motorrad mit meinem Fahrradschloss angeschlossen. Es wird ein Weilchen dauern, bis der Gorilla wieder einsatzbereit ist.“

17. KAPITEL
Die Zugfahrt

Die Tage danach nahm die Hitze noch zu. Die Luft war so feucht, dass sie fast nicht mehr richtig durchsichtig war. Abends bauten sich dunkle Gewitterwolken am Himmel auf, die sich jedoch nicht entladen wollten.

Und irgendwo in diesem Dunst lag Micky auf der Lauer.

Die Kinder gingen nun getrennt zur Schule, und nahmen jeden Tag einen anderen Umweg. „So machen das auch die ganzen hohen Tiere, die Anschläge befürchten müssen. Das Wichtigste ist, dass man nicht berechenbar ist“, meinte JoJo, wie immer ganz der Profi.

Aber von Micky keine Spur. Das einzige Lebenszeichen von ihm war eine E-Mail, in der er dem Boss über seine Missgeschicke bei der Observation von Simon berichtete.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieser Simon und der junge Blohm unter einer Decke stecken. Es kann ja kein Zufall sein, dass mir der Blohm über den Weg läuft, als mir der Blonde entwischt ist. Aber was es mit diesem Mädchen auf sich hat, ist mir ein Rätsel. Sie behauptete, dass sie mich aus dem Tennisverein kennt. Und nachher war mein Motorrad angeschlossen, dass ich erst einmal eine Säge besorgen musste. Und weißt du, was passiert, als ich da sitze und säge? – Kommt die Polizei vorbei und meint, dass ich das Motorrad klauen will. Um ein Haar hätten sie mich mitgenommen.“

Am meisten freuten sie sich über die Antwort des Bosses, die kurz, aber deutlich war:

„Du bist ein Idiot.“

Ansonsten hatten sie allerdings wenig zu lachen, dafür waren sie zu nervös. Der Tag X rückte unaufhaltsam heran. Alles war bereit: Der falsche Koffer war präpariert und wartete unter Mottes Schreibtisch gut versteckt auf seinen Einsatz. Auch das Roggenkamp-Gelände hatten sie noch einmal gründlich inspiziert.

Aber noch immer wussten sie nicht, wann genau die Übergabe stattfinden sollte. Wusste Vater es schon? Vielleicht war er schon benachrichtigt worden – und sie hatten es nur nicht mitbekommen? In dem abgefangenen Brief der Erpresser hieß es: Übergabe in der 33. Kalenderwoche. Mitteilung des genauen Zeitpunktes an Blohm so kurzfristig wie möglich, auf absolut sicherem Weg.

Ute gab sich alle erdenkliche Mühe, um irgendwelche versteckten Hinweise zu finden. Sie verlängerte extra ihre Krankheit, um Vaters Arbeitszimmer ungestört auf den Kopf stellen zu können. Aber der Geldkoffer schlummerte nach wie vor im weißen Schrank, und von irgendwelchen Nachrichten gab es nicht die geringste Spur, obwohl sie jeden Zettel umgedreht und auch noch den kleinsten Schnipsel aus dem Papierkorb gefischt hatte. Das einzige, was ihr irgendwie verdächtig vorkam, war ein gelber selbstklebender Zettel in Vaters Notizblock, auf dem er den Namen „Alexander Afschahr“ gekritzelt hatte. Sonst nichts. Auch Vaters Computer, der inzwischen ebenfalls durch ein Trojanisches Pferd unter MMs ständiger Überwachung stand, gab nichts Auffälliges preis.

Am meisten beunruhigte die Freunde jedoch, dass MM mit der rätselhaften Datei nicht voran kam. Tag und Nacht hatte sie sich den Kopf zerbrochen, was es mit dem mysteriösen Satz auf sich haben könnte, den sie in der E-Mail des Bosses gefunden hatten: „Der Schlüssel ist im Schloss.“ Am Donnerstag gab sie frustriert auf. „Es macht keinen Sinn, es weiter zu versuchen. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich noch machen soll. Schlüssel ... Schloss ... Ich kann es nicht mehr hören“, sagte sie müde.

Zu allem Überfluss stand bei den Blohms an diesem Wochenende auch noch die Fahrt zu Oma Biene an. Schon die Vorstellung, bei diesem Wetter fünf Stunden lang im Zug zu sitzen, verursachte Motte Kopfschmerzen – umso mehr, als diesmal ausgerechnet noch seine kleine Cousine Anouk mit dabei sein musste. Anouk war drei oder vier Jahre alt und eine echte Nervensäge. Es war ihm schleierhaft, warum Mama immer so scharf darauf war, sie zu hüten.

Wieder Erwarten war die Fahrt dann doch nicht so schlimm. Und bei Oma Biene war es so wie immer: Sie konnte es mal wieder kaum fassen, wie groß die Kinder geworden waren. „Also Utechen, ich weiß noch wie heute, wie du so klein warst wie das kleine Anoukelchen, und jetzt bist du schon eine richtige Dame“, sagte sie mindestens zehnmal – was sie aber nicht davon abhielt, für sie wie jedes Jahr die Puppenstube vom Speicher zu holen. Für Motte gab es wie immer die Eisenbahn, die er zu seinem fünften Geburtstag von Opa bekommen hatte.

Immerhin kamen sie, was das Essen anging, bei Oma immer voll auf ihre Kosten. Mit Zucker, Fleisch und Sahne ging sie in die Vollen. „Jetzt iss nur, mein Junge, du musst doch noch wachsen.“ Motte ließ sich das nicht zweimal sagen, und Ute sowieso nicht. Nur Mama hielt sich vornehm zurück.

Papa sah sehr mitgenommen aus und Oma machte Mama Vorwürfe, dass sie ihm bestimmt nicht richtig zu essen gäbe. „Ein Mann braucht einmal die Woche ein vernünftiges Steak, alles andere ist Tierquälerei!“ In Sachen Essen war Oma Bienes Weltanschauung simpel.

Zum Abschiedsessen am Sonntag gab es wie immer Mottes Lieblingsgericht, Kartoffelgratin mit Speckbohnen. Sie wollten gerade zum Nachtisch übergehen – Vanilleeis mit heißen Himbeeren – als etwas passierte, was nicht hätte passieren dürfen. Aus Mottes Hosentasche ertönte eine fröhliche Piep-Melodie. Verdammt! Er hatte vergessen, das Handy auf Vibrationsalarm umzustellen.

„Was ist denn das?“, fragte Mutter misstrauisch.

„Ähm ...“ Motte fummelte an seiner Tasche herum und schaltete das Klingeln ab. „Ich weiß auch nicht ... ach so, das Handy“, versuchte er so beiläufig zu sagen, als sei er mit einem Handy in der Tasche auf die Welt gekommen.

„Ein Handy?“ Mama sah aus, als ob sie einen Geist gesehen hätte. „Wie kommst du denn zu einem Handy?“

„Hm... ähm ...“ Danach war erst einmal Sendepause. Er wusste schlichtweg nicht, was er sagen sollte. Hilfesuchend drehte er sich zu Ute um.

„Ach Brüderchen, jetzt mach es doch nicht so geheimnisvoll“, sagte sie ohne mit der Wimper zu zucken.

Nein, nicht schon wieder, ging es Motte durch den Kopf, der ahnte, auf welche Story es hinauslaufen sollte. Konnte sie sich nicht einmal etwas anderes einfallen lassen?

Er seufzte tief.

„MM hat dir doch ihr Handy gegeben, damit sie dich jederzeit erreichen kann ... aus dem Krankenhaus.“

Das war das Stichwort. Motte hatte kapiert. „Sie ist nämlich so schrecklich alleine dieses Wochenende“, sagte er eifrig, „und kann sich kaum bewegen mit ihrem Gipsbein.“

„Ich dachte, sie hat sich den Arm gebrochen?“, unterbrach ihn Mama mit einem argwöhnischen Blick.

Motte wurde von einem Schweißausbruch übermannt. „Ja, das ist es ja gerade – jetzt haben sie festgestellt, dass sie auch noch ein gebrochenes Bein hat, sie haben das zunächst glatt übersehen.“

Er biss sich auf die Lippen. Aber Mama schien seine Erklärung zu schlucken. Sie wandte sich an Oma. „Motte hat nämlich jetzt eine Freundin“, sagte sie mit einem sehr zufriedenen Unterton, etwa wie wenn sie sagen würde „Motte hat eine Eins in Mathe geschrieben.“

Oma teilte ihre Begeisterung nicht ganz. „Ja, wirklich?“, sagte sie zögerlich. „Ist das nicht ein bisschen früh?“

Während Mama Oma darüber aufklärte, wie wichtig das weibliche Element in der Entwicklung eines Jugendlichen sei, zog sich Motte unauffällig auf die Toilette zurück. Auf der Mailbox war JoJo: Er langweile sich fürchterlich und wolle nur mal kurz Hallo sagen.

Die Rückfahrt übertraf Mottes schlimmste Befürchtungen. Der Zug war rammelvoll. Zu allem Überfluss war auch noch die Klimaanlage ausgefallen – die Hitze war fast nicht mehr auszuhalten. Mama hatte Kopfschmerzen und Papa war ohnehin schlecht gelaunt. Dazu hatte die kleine Anouk einen Wutanfall nach dem anderen. Einmal, weil ihr Malstift auf den Boden gefallen war, dann, weil ihn Mama wieder aufgehoben hatte. Ungefähr eine Stunde lang dröhnte sie mit ihrem Gebrüll den ganzen Großraumwagen voll. Als sie endlich vor Erschöpfung in Papas Armen eingeschlafen war, konnte man förmlich hören, wie der ganze Wagen aufatmete.

Motte zog sein Buch aus der Tasche. Er hatte es gerade aufgeschlagen, als eine Stimme aus dem Lautsprecher ertönte: „Achtung, wir bitten Sie um Aufmerksamkeit für folgende Durchsage: Herr Alexander Afschahr wird gebeten, sich im Dienstabteil in Wagen Nummer zehn zu melden. Es liegt eine Nachricht für Sie vor. Ich wiederhole: Herr Alexander Afschahr, bitte kommen Sie zum Dienstabteil im Wagen Nummer zehn. Es liegt eine Nachricht für Sie vor.“

Alexander Afschahr. Er spürte, wie Utes Ellenbogen sich in seine Rippen bohrte. Aber auch ohne diese unsanfte Erinnerung war es Motte sofort klar: Das war er, der „absolut sichere Weg“, auf dem die Botschaft übermittelt werden sollte! In seinem Kopf schossen die Gedanken hin und her. Wie hatte die Bande herausgekriegt, dass sie am Wochenende zu Oma fuhren? Und dass sie gerade in diesem Zug sitzen würden? Hatten sie Papa observiert, als er die Tickets kaufte? Oder hatte Peter es irgendwie von Papa erfahren? Oder hatte die Bande am Ende Zugang zum Zentralrechner der Bahn, über den alle Reservierungen liefen?

Motte schaute zu seinem Vater hinüber. Wenn es noch irgendeinen Zweifel gegeben hätte, dass diese Nachricht etwas mit ihm zu tun hatte, wäre er jetzt endgültig zerstreut. Papa saß stocksteif in seinem Sessel und blickte unruhig um sich. Man sah ihm an, dass er am liebsten sofort aufgesprungen wäre, wenn er nicht die schlafende Anouk im Arm gehabt hätte.

Aber auch Motte hielt es kaum noch auf seinem Platz. Er musste diese Botschaft in die Hände bekommen. Und zwar vor Papa.

Während er fieberhaft nach einer Möglichkeit suchte, machte sein Vater den ersten Schachzug. Er räusperte sich, und wandte sich an seine Frau: „Du, Solvejg, hast du nicht auch Hunger? Ich könnte jetzt ein Sandwich vertragen. Ich geh mal in das Bistro, okay?“

Motte fiel das Herz in die Hose. Aber Mama machte zum Glück einen Strich durch Papas Rechnung: „Oma hat uns doch eine ganze Tasche voll Proviant mitgegeben, auch deinen Lieblingskuchen! Die Sachen sind in der roten Tasche.“

„Nee nee, lass mal.“ Papa lehnte sich zurück und blickte angestrengt zum Fenster hinaus. Motte konnte förmlich spüren, wie es in ihm ratterte. Nach einer Weile war er offensichtlich zu einem Entschluss gekommen: „Was ich jetzt brauche, ist eine Zeitung“, erklärte er. „Die verkaufen sie in der Mitropa-Bar.“

Doch auch dieser Anlauf wurde von Mama vereitelt. „Jetzt warte doch noch ein bisschen, Anouk ist gerade erst eingeschlafen, du siehst doch, dass sie noch ganz unruhig ist. Warum denn so eine Hektik?“, sagte sie genervt. Papa musste sich wohl oder übel fügen.

Motte erkannte seine Chance. Hastig sagte er: „Ich hol dir die Zeitung! Welche willst du denn? Ich muss mir sowieso mal die Beine vertreten.“ Papa war deutlich anzusehen, dass er alles andere als begeistert war.

„Frankfurter Rundschau“, grummelte er.

Motte wischte los. Jetzt hieß es umsichtig sein. Sie waren ziemlich weit hinten in den Zug gestiegen, bis zum Dienstabteil musste er also fast durch den ganzen Zug wandern. Während er sich zwischen Koffern und Reisenden durchzwängte, überlegte er hin und her, wie er an die Botschaft kommen konnte ohne Verdacht zu erregen.

Als er am Dienstabteil ankam, wusste er es.

Er klopfte an die Schiebetür aus Glas. Keine Reaktion.

Motte klopfte noch einmal, diesmal etwas beherzter. Die Tür ging tatsächlich einen Spaltbreit auf. „Was willst du?“, fragte ihn der Schaffner ungeduldig. Er schien es offenbar nicht gern zu haben, beim Dienst gestört zu werden.

„Mein Vater hat mich geschickt, um die Nachricht für ihn abzuholen.“

„Für Herrn Afschahr?“, unterbrach er ihn gleichgültig, und drückte ihm einen Zettel in die Hand. Ohne seine Antwort abzuwarten machte er die Schiebetür wieder zu.

Motte überflog die Nachricht:

Für Herrn Alexander Afschahr – 1. September 20 Uhr.

Das war alles.

Motte klopfte von neuem. Wieder keine Antwort. Beim zweiten Mal kam wieder die unfreundliche Stimme: „Was ist denn jetzt schon wieder?“

„Das muss ein Missverständnis sein – auf dem Zettel hier steht, dass die Nachricht für Herrn Afschahr ist, aber wir heißen Alber. Mein Vater muss das falsch verstanden haben. Wahrscheinlich, weil er auch Alexander mit Vornamen heißt.“ Der Beamte nahm den Zettel ohne ein Wort wieder an sich, zuckte mit den Achseln und zog die Tür zu.

Motte machte sich auf den Weg zurück. 1. September 20 Uhr, sagte er sich in Gedanken immer wieder vor, als ob er die Botschaft sonst vergessen würde. 1. September ... morgen! Der Tag X war morgen! Das Rattern der Eisenbahngleise war nichts gegen das Pochen, das Motte in seiner Brust spürte.

„Na, hast du die Zeitung?“, war Papas erste Frage, als Motte an ihrem Platz angekommen war. Au weia, er sollte ja eine Zeitung mitbringen! Ein Königreich für eine Ausrede!

„Es war wohl nur noch die Bildzeitung da, oder?“, hörte er Ute sagen. Sie war einfach unschlagbar.

„Ja, nur noch die BILD“, sagte Motte und nickte voller Bedauern mit dem Kopf.

Papa reagierte gar nicht.

Kaum hatte sich Motte gesetzt, sagte Papa: „So, jetzt muss ich aber mal aufs Klo, und zwar dringend! Die Kleine schläft ja jetzt tief und fest. Nimmst du sie mal, Motte?“

Und schon hatte er das verschwitzte Kind in den Armen, wo er doch selbst schon in Schweiß gebadet war.

Als Vater weg war, flüsterte er Ute ins Ohr: „Es wird ernst. Morgen 20 Uhr.“

18. KAPITEL
Der Schlüssel im Schloss


Spät am Abend dieses langen Tages lag Motte noch immer wach in seinem Bett. Obwohl es schon auf Mitternacht zuging, war an Schlaf nicht zu denken. Immer und immer wieder musste er an den morgigen Tag denken. Den Tag X. Den Tag der Entscheidung. So lange hatten sie sich darauf vorbereitet, so viel darüber geredet – und jetzt war er da. Es erschien ihm plötzlich unfassbar, dass morgen um diese Zeit schon alles vorbei sein würde. Zum hundertsten Mal ging er den Zeitplan durch: Am Vormittag, wenn Papa und Mama bei der Arbeit waren, würde Ute die Koffer austauschen. Der präparierte Koffer enthielt zweitausend sorgsam kopierte Fünfhundert-Euro-Scheine, die zu Bündeln von je fünfundzwanzig Scheinen zusammengeschnürt waren.

Am Nachmittag würde Papa wie immer kurz nach vier nach Hause kommen. Die Übergabe sollte um 20 Uhr stattfinden. Kein Mensch würde um diese Zeit auf dem Gelände sein.

Motte stellte sich vor, wie Papa mit dem Koffer in der Hand zur Baracke gehen würde. Peter brauchte nur den Koffer in Empfang zu nehmen, die paar Schritte zum Tor zurückzugehen, in seinen roten Flitzer zu steigen, und weg war er. Bis zur Autobahn waren es gerade fünf Minuten.

Wann würde die Bande wohl bemerken, dass sie reingelegt worden war? Wenn er doch bloß Mäuschen spielen könnte, wenn Peter oder einer der beiden anderen den Koffer öffnete. Und erst, wenn sie den Brief lasen ... Motte konnte sich bei dem Gedanken ein Lächeln nicht verkneifen.

Aber mehr als auf alles andere freute er sich auf den Moment, wenn Papa wieder nach Hause kommen würde. Vom Roggenkamp-Gelände würde er nach der Übergabe vielleicht eine halbe Stunde bis nach Hause brauchen. Motte hatte mit seinen Freunden verabredet, dass sie sich alle kurz nach acht bei ihm treffen würden. Wie würden sie die Überraschung inszenieren? Sollten sie den Koffer mit der echten Million einfach auf seinen Schreibtisch stellen? Nein, ein paar Erklärungen mussten sie ihm schon geben. Und außerdem mussten sie aufpassen, dass Mama nichts mitbekam. – Am besten, sie würden Papa in sein Zimmer bitten, ihm den Koffer übergeben und ihm alles erklären. Motte versuchte, sich die Szene vorzustellen ... aber es gelang ihm nicht. Er spürte wieder dieses seltsame Gefühl in sich hochkriechen, das ihn die ganzen letzten Tage begleitet hatte. So sehr er sich auch bemühte, er konnte es einfach nicht loswerden.

„Der Schlüssel ist im Schloss“, hörte er sich plötzlich selber sagen. Es klang wie eine Warnung. Kurz entschlossen knipste er das Licht an und griff zum Handy.

MM war sofort dran. „Motte, bist du’s?“ Ihre Stimme klang müde.

„Ja ... ich wollte mal hören, wie es dir so geht“, sagte Motte. Es hörte sich munterer an, als er sich fühlte. „Ich kann einfach nicht einschlafen.“

„Mir geht’s genauso“, antwortete sie leise.

„Mir geht ständig was im Kopf rum“, sagte Motte.

„Die Sache mit dem Schlüssel und dem Schloss, ich weiß. Mir auch“, kam es zu Mottes Überraschung zurück. „Wir hätten nicht so schnell aufgeben dürfen. Ich hab so ein blödes Gefühl: Da muss was drin stehen, was wir morgen brauchen.“

Bevor Motte noch nachdenken konnte, hörte er sich sagen: „Ich komm zu dir. Wir müssen es noch mal versuchen. Vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam.“

Im Nu hatte er sich angezogen. Er verließ sein Zimmer über den „Notausgang“ – durch das Fenster auf das Garagendach und von dort mit einem Satz in den Garten. Da er keinen Lärm am Fahrradschuppen machen wollte, machte er sich zu Fuß auf den Weg.

Draußen war kein Mensch zu sehen oder zu hören. Das Licht der Laternen erleuchtete die Straßen nur schwach. Aus der Ferne kam das Geräusch der Autobahn herüber, aber sonst hörte Motte nichts außer seinen eigenen Schritten.

Als er bei Mariekjes Haus angekommen war, sah er zwei der hohen Fenster im ersten Stock schon von weitem vom fahlen Schein des Monitors erleuchtet. Die Haustür war wie verabredet angelehnt. Er zog die Schuhe aus und schlich sich die Treppe hoch. Sachte öffnete er die Tür zu ihrem Zimmer.

MM saß müde und mit zerzausten Haaren vor Quick Blue.

„Hast du dir die Haare gerauft?“, fragte Motte und machte die Türe leise hinter sich zu.

„Es ist ja auch zum Haareraufen, oder?“, antwortete sie mit einem angedeuteten Lächeln. „Wir sind schließlich nicht blöder als diese Typen, und trotzdem kriegen wir dieses Rätsel nicht raus. Schau her ...“ Sie nahm einen Zettel zur Hand, auf dem sie irgendetwas notiert hatte. „Zuerst habe ich es mit der 128 Bit-Verschlüsselung versucht, die sie in den anderen Dateien eingesetzt haben. Kein Ergebnis. Dann die 256 Bit-Verschlüsselung. Daran hat Quick Blue immerhin 36 Stunden rumgerechnet, er hat also 10 hoch 75 Möglichkeiten durchprobiert. Das ist eine Eins mit 75 Nullen dran. Ein normaler Computer hätte dafür drei Wochen gebraucht. Und was ist dabei rausgekommen? Nichts! Und nachdem ich das DMA-Chaining und den CodeCache optimiert habe – genausowenig.“

Alles was Motte verstand, war, dass er hier ziemlich fehl am Platz war.

„Tut mir leid“, unterbrach er sie, „ich glaube, ich geh lieber wieder. Ich hab gedacht, ich könnte dir ein bisschen helfen, aber vielleicht ist es besser, ich lass dich in Ruhe arbeiten.“

Sie schaute ihn ernst an. „Nein, Motte, bitte, bleib hier. Es tut mir leid, dass ich dich mit Computerlatein vollgequatscht habe. Ich weiß, dass du mir am Computer nicht helfen kannst. Aber mit Quick Blue kommen wir jetzt sowieso nicht weiter. Ich hab ja schon alles probiert. Das Geheimnis müssen wir in unseren Köpfen lösen.“ Sie ließ sich auf ihr Bett fallen. Motte setzte sich auf den Klappstuhl am Tisch.

„Schlüssel und Schloss ... das muss irgendeine Anspielung sein, irgendeine Doppeldeutigkeit, die nur die beiden verstehen.“

„Wie heißt noch mal die Stelle in der Mail, wo das Rätsel auftaucht?“, fragte Motte.

„Ich habe zur Sicherheit alles extra verschlüsselt. Der Schlüssel ist im Schloss“, zitierte sie auswendig. „Der Satz kommt mir schon zu den Ohren heraus!“

„Gut, wo soll ein Schlüssel sonst sein als im Schloss ...“ Motte machte die Augen zu, um sich besser zu konzentrieren. „Mit Schlüssel ist das Programm gemeint, mit dem wir die Botschaft entschlüsseln können“, sagte er.

„Klar, aber was soll das denn, er ist im Schloss?“

Motte gab keine Antwort. Er war hundemüde, aber in seinem Kopf wollte das Geratter einfach nicht aufhören. Schlüssel ... Schloss ... Schlüssel ... Schloss ... Schlüssel ... – Schloss? Schloss!

Plötzlich war er hellwach. Glasklar lag die Lösung vor seinen Augen. Kein Schloss zum Zu- oder Aufschließen war gemeint, sondern ein Schloss zum drin Wohnen!

„Ich hab‘s!“

„Was hast du?“, kam es langsam von MMs Bett. Sie war tatsächlich schon eingedöst.

„Ich hab’s! Das Schloss!“

„Aber wir suchen doch den Schlüssel“, sagte sie gähnend.

„Ja, das ist es ja gerade, er ist im Schloss!“

MM schaute ihn mitleidig an. „Es ist schon tierisch spät, Motte, und wir sind beide nicht mehr ganz fit.“

„Jetzt hör mir mal zu“, versuchte er es noch einmal. „Die meinen gar kein Schloss, sondern“ – lange Pause – „ein Schloss!“

„Motte ...“

„... zum drin Wohnen!!!“

Es war, als ob MM in eine Steckdose gefasst hätte. Sie saß jetzt senkrecht im Bett. „Das ist es!“, rief sie so laut, dass Motte sie mit einem „Psst!!!“ daran erinnern musste, dass ihre Eltern besser weiterschlafen sollten.

Sie sprang auf und rannte zu Quick Blue. „Das Schloss! Und ich weiß auch, welches gemeint ist!“

„Ich auch“, sagte Motte. Sie hatten immer wieder all die Bilder der Immobilienagentur durchgeschaut, die der Boss auf seinem Computer hatte. Darauf waren die Häuser und Grundstücke abgebildet, die die Firma im Angebot hatte. Und eines davon war ihm gleich zu Anfang aufgefallen – weil es ein richtiges Schloss war. Ein Traumschloss sogar. Was allerdings der Schlüssel mit diesem Schloss zu tun haben sollte, war ihm schleierhaft.

„Der Schlüssel ist in dem Bild versteckt“, klärte ihn MM auf, „genauer gesagt, in der Bilddatei. So ein Bild besteht nämlich aus vielen einzelnen Punkten, die so klein sind, dass man sie einzeln gar nicht sehen kann. Und ein paar dieser Punkte sind verändert worden. Wenn Quick Blue sie aufspürt, haben wir den Schlüssel.“

So richtig hatte Motte die Erklärung nicht verstanden, aber das musste er ja auch nicht.

„Alles was wir tun müssen, ist nun, Quick Blue mit der Bilddatei zu füttern und zu warten, dass er den darin verborgenen Schlüssel ausspuckt. Mit dem lässt sich dann die rätselhafte Botschaft entschlüsseln!“

MM hatte sich bereits am Computer zu schaffen gemacht. Mit rasender Geschwindigkeit glitten ihre Finger über die Tasten. „So, jetzt hat er seine Aufgabe“, sagte sie und lehnte sich zurück.

„Wie lange wird er brauchen?“, fragte Motte vorsichtig.

„Schwer zu sagen. Aber wenn wir Glück haben, müssten wir es bis morgen Abend schaffen.“

Quick Blue tauchte die beiden in sein bleiches Licht.

Mottes Blick fiel auf einen Zettel auf MMs Schreibtisch. Er war übersät mit asiatischen Schriftzeichen. „Lernst du etwa Chinesisch?“

„Nein, Japanisch.“

„Warum denn das?“

„Ach, nur so ... es macht mir einfach Spaß, so eine Sprache zu lernen. Japanisch ist wunderschön.“

Japanisch? Einfach nur so? Motte hatte irgendwo gelesen, dass Japanisch eine der schwersten Sprachen der Welt sein sollte. „Und wie lernst du das? Hast du da irgendeinen Privatlehrer?“

„Nein, ich studiere das an der Universität Hamburg. Ein Fernstudium. Ich bekomme die Unterlagen zugeschickt und lerne dann selber.“

„Was? Du studierst an der Uni?“, fragte Motte fassungslos, „Ich dachte, dazu braucht man Abi?“

„Ja, eigentlich schon. Aber ich habe da ...“ – sie zögerte kurz –, „eine Sondergenehmigung, für Hochbegabte.“

Motte war erstaunt über den sachlichen Tonfall, in dem sie das Wort „Hochbegabte“ aussprach. Er konnte jedenfalls keine Spur von Überheblichkeit heraushören. „Und wie bekommt man so eine Sondergenehmigung?“

„Man muss da einen Test machen, einen Intelligenztest.“

„Und der Test entscheidet dann, ob man hochbegabt ist oder nicht?“

„Ja, hochbegabt ist man, wenn man mehr als 135 Punkte hat.“

„Und wie viele hast du?“

„Das weiß ich nicht, meine Eltern haben mir nur gesagt, dass ich mehr als 135 habe, aber nicht, wie viele.“

„Bist eben doch ein Wunderkind“, sagte Motte mit einem spielerischen Grinsen. Er beeilte sich hinzuzufügen: „Du weißt, dass ich das nicht doof meine.“

„Ich weiß ... und das gefällt mir an dir.“ Sie schaute ihm voll in die Augen. Motte spürte ein angenehmes Gefühl in seinem Bauch, das er kaum aushalten konnte. Er räusperte sich. „In fünf Stunden geht die Schule los ...“

„Das klingt ja fast so, als ob du es kaum erwarten könntest“, sagte MM mit einem Lächeln.

„Nein, so auch nicht gerade“, sagte er mit einem Grinsen. Nach einer langen Pause, fragte er: „Oder gehst du etwa gerne zur Schule?“

MM sagte erst gar nichts. Dann schaute sie ihn an.

„Nein. Oder meinst du, dass ich gerne abseits stehe, während die anderen mit ihren Freunden zusammen sind?“ Sie zögerte eine Weile, dann sagte sie ganz leise: „Ich war immer Außenseiterin. Solange ich mich zurückerinnern kann, bin ich irgendwie für nicht normal gehalten worden. Es hat damit angefangen, dass ich als Fünfjährige zu Hause beim Abendbrot die Medikamente von dem Rezept abgelesen habe, das der Hausarzt für meine Oma ausgeschrieben hat.“

„Was? Die Handschrift des Doktors?“, fragte Motte ungläubig.

„Ja.“

„Und deine Eltern wussten nichts davon, dass du lesen konntest?“

„Nein, ich habe mir das so nebenher aus Büchern angeeignet. Und Schreibschrift hab ich im Atelier meines Opas gelernt, da lagen immer seine Notizblöcke rum, er war damals dabei, seine Memoiren zu verfassen.“

„Und Rechnen?“

„Konnte ich auch schon ganz passabel, jedenfalls mit den Zahlen unter Tausend. Und damit habe ich gleich in der ersten Klasse zu den Außenseitern gehört. Du kannst dir vorstellen, dass ich mich zu Tode gelangweilt habe. Ich habe komplett abgeschaltet, sobald ich in der Schule war. Sie haben mich dann in den Kindergarten zurückgeschickt, weil ich als noch nicht schulreif galt. Und da bin ich dann wieder die Außenseiterin gewesen. Beim zweiten Versuch in der Schule hatte ich dann von Anfang an das Etikett „hochbegabt“ und die Lehrerinnen behandelten mich entsprechend, ich bekam extra Aufgaben und so. Und war wieder die Außenseiterin.“

Sie lächelte matt.

„Und dann hab ich ja zweimal eine Klasse übersprungen. Und in der neuen Klasse war ich dann gleich „die Überfliegerin“, und niemand wollte mehr etwas mit mir zu tun haben. Eine Zeitlang habe ich absichtlich schlechte Noten geschrieben, nur um nicht immer allein dazu stehen.“ Sie starrte irgendwohin in die Ferne. „Das hat aber nicht geholfen. Es ist, als ob man einen Geruch an sich hätte. Auch als ich zu euch in die Klasse gekommen bin, war ich vom ersten Tag an die Streberin. Es kommen alle möglichen Gerüchte in Umlauf, dass man nichts anderes tut als lernen und so – oder dass man sich bei den Lehrern einschleimt.“ Sie blickte Motte an. „Wenn du ehrlich bist, hast du das doch auch alles von mir gedacht.“

Sie schaute wieder starr vor sich hin, durch den Bildschirm hindurch. „Mein Vater ist der einzige, der versteht, wie es mir geht, aber der ist fast nie zu Hause. Er ist auch hochbegabt und hat genauso darunter gelitten. Meine Mutter kannst du vergessen. Für sie bin ich das Wunderkind und sie ist stolz auf mich. Aber sie hat keine Ahnung, wie ich mich fühle.“

Eine Zeitlang schwieg sie. Dann sagte sie ganz leise: „Ich würde so gerne auch mal irgendwo dazugehören. Einfach so akzeptiert werden, mitspielen, mitreden. Und nicht immer als irgendwas abgestempelt werden.“ Motte sah, dass sie Tränen in den Augen hatte. „Bei euch bin ich ja jetzt immerhin schon von der „Streberin“ zum „Wunderkind“ aufgestiegen. Wunderkind – Genie – Superhirn – ich kann es nicht mehr hören!“ Dann brach es aus ihr heraus: „Und wenn ich einfach ein ganz normaler Mensch wäre?“ Sie stützte das Gesicht in die Hände und begann leise zu schluchzen.

Motte hätte ihr am liebsten durchs Haar gestrichen, um sie zu trösten. Aber er traute sich nicht.

„Für mich bist du ein ganz normaler Mensch. Aber trotzdem ganz besonders ...“ Dann fügte er hinzu: „Und ich bin besonders normal. Und das ist auch nicht immer angenehm. Stinknormal ...“

MM hob den Kopf und schaute ihn schniefend an. Plötzlich mussten sie beide grinsen.

19. KAPITEL
Die Botschaft


Als Motte aufwachte, hatte er im ersten Moment keine Ahnung, wo er war. Er spürte jeden einzelnen Knochen. Als er vollends aus dem Halbschlaf aufgetaucht war, war ihm auch sofort klar, warum: Er saß auf einem harten Klappstuhl an einem Schreibtisch. Und offenbar hatte er hier die Nacht verbracht. Er rieb sich die Augen. Sein erster Blick traf auf einen schwarzen Strubbelkopf neben ihm auf der Tischplatte. MM schlummerte seelenruhig auf ihren Armen, und Quick Blue summte leise dazu.

Quick Blue ... das Schloss ... die Botschaft – Motte fuhr hoch. Aber auf dem Bildschirm war alles wie gehabt. Offenbar war Quick Blue immer noch bei der Arbeit. Er schaute auf seine Uhr: fünf Minuten nach sieben. Normalerweise müsste er jetzt beim Frühstück sitzen. Aber was hieß hier „normalerweise“? Heute war kein normaler Tag. Heute war der Tag X.

Motte stand auf und betrachtete die schlafende MM. Ihr Gesicht war entspannt, der Mund leicht geöffnet. Ganz leise konnte er ihren Atem hören. Auf ihren Lippen lag der Anflug eines Lächelns, wie wenn sie von etwas Schönem träumen würde.

Er streichelte ihr vorsichtig über das Haar und flüsterte ihr ins Ohr: „Mariekje ...“ Aber sie wollte offenbar noch nicht wach werden. Sie drehte nur den Kopf um und schlief auf dem anderen Ohr weiter.

Aber Motte ließ nicht locker. Besser sie wachte auf, bevor am Ende noch ihre Mutter auftauchte. Wieder streichelte er ihr behutsam über das Haar.

Plötzlich erstarrte seine Hand. Jemand stand in der Tür. Motte wusste sofort, wer es war. Mariekjes Mutter hatte den Mund weit geöffnet, ohne aber einen Ton hervorzubringen. Es war wie in einem Film, bei dem die Tonspur fehlte.

Dann kam plötzlich der Sound, aber wie: „Mariekje!!!“

Mit dem Schrei hätte sie eine ganze Kompanie wecken können. MM schreckte auf und starrte erst ihre Mutter, und dann Motte mit weit aufgerissenen Augen an.

„Mhhhhhh ...“ Mehr kam erst einmal nicht.

„Kannst du mir mal erklären, was hier vor sich geht?“

„Mhhhhh ...“

Mit einem unwirschen Kopfschütteln wandte sich MMs Mutter an Motte: „Wer bist du?“

„Ähm ... ein Schulkamerad von Mariekje.“ Er wagte nicht, den Blick zu heben.

„So so, ein Schulkamerad. Und seit wann bist du in diesem Zimmer, wenn man fragen darf?“

„Seit ... ähm ... heute Morgen“, würgte Motte hervor.

„Und was hast du hier verloren?“, bellte sie.

Was konnte er nur erzählen? „Ähm ... Hausaufgaben ... Ich helfe Mariekje bei den Hausaufgaben ... in Mathe“, stotterte er und wagte einen kurzen Blick zu Mariekjes Mutter. Ihr Gesichtsausdruck ließ in ihm den sehnlichen Wunsch nach einer Löschtaste für dumme Ausreden aufkommen. „Ich meine, Mariekje hilft mir“, beeilte er sich zu sagen.

„Und schläft dabei!“, knurrte MMs Mutter. Mit düsterer Miene wandte sie sich wieder ihrer Tochter zu: „Mariekje, wir sehen uns in exakt zwei Minuten in meinem Zimmer!“ Sie war schon halb aus der Tür, drehte sich dann aber noch einmal um „Und dein sogenannter Schulkamerad verschwindet, und zwar sofort!“ Mit einem Knall fiel die Tür zu.

Motte war der erste, der die Sprache wiederfand. „Au weia ... wir sitzen ganz schön in der Tinte.“

„Das kann man wohl so sagen“, gab MM zurück.

Die beiden blickten sich trübselig an. Aber je länger sie sich so anschauten, umso mehr hellten sich ihre Gesichter auf. Dann prusteten beide los.

„Das war einfach super“, stieß MM hervor, „du hilfst mir bei den Mathe-Hausaufgaben ... die genialste Antwort seit es Ausreden gibt.“

Als sie sich wieder beruhigt hatten, sagte MM: „Ich fürchte, du musst verduften, Schulkamerad. Und ich muss rüber ins Kreuzverhör. Mal sehen, was mir für Ausreden einfallen. Wir telefonieren miteinander, sobald es geht, ja?“ Sie warf ihm ein komplizenhaftes Lächeln zu.

Motte machte sich auf den Weg. Das flaue Gefühl in seiner Magengegend rührte nicht nur daher, dass er noch nicht gefrühstückt hatte – jetzt durfte er seinen Eltern erklären, warum ihr Sohn morgens um halb acht noch nicht am Frühstückstisch erschienen, geschweige denn überhaupt zu Hause war. Vielleicht hatten sie seine Abwesenheit ja noch gar nicht bemerkt, versuchte er sich einzureden, während er eiligen Schrittes durch die belebten Straßen ging.

Sein Optimismus erhielt jedoch schnell einen Dämpfer, als er in die Straße zu seinem Elternhaus einbog. Schon von weitem sah er seine Mutter in der Haustür stehen.

Das sah nach Ärger aus. Richtigem Ärger.

Wo warst du denn nur?“, fragte sie unter Schluchzen. „Ich dachte schon, du bist entführt worden!“ Während sie still vor sich hin weinte, suchte Motte fieberhaft nach einer Ausrede. Aber er kannte es ja schon: Nichts. Absolut nichts. Es wollte ihm einfach nichts einfallen. Einen Moment wanderten seine Gedanken zu MM, die jetzt wahrscheinlich genauso wie er gegrillt wurde.

„Na, hat es dich heute schon so früh zu deiner Süßen gezogen?“, hörte er da Utes Stimme. Sie war hinter Mama aufgetaucht und zwinkerte ihm unauffällig zu.

Mama stieß einen großen Seufzer der Erleichterung aus. „Ach, du warst bei deiner Freundin!“ Dann schaute sie ihn fragend an: „Lassen die denn so früh schon Besuch rein?“

Jetzt fiel es ihm wieder ein – seine Freundin war ja im Krankenhaus!

„Ja ... ich hab mich selber gewundert“, stammelte er.

Jetzt schaltete sich Ute ein. „Jetzt mach doch nicht gleich so eine Staatsaffäre daraus, Mama. Es klingt fast so, als ob du nie verliebt gewesen wärst.“

Während Ute Mama einer gründlichen Belehrung über die Liebe unterzog, bemerkte Motte, dass Papa im Flur stand. Motte war entsetzt, wie schlecht er aussah.

Motte wurde von unsäglichem Mitleid gepackt. Wenn er ihm doch nur sagen könnte, dass alles gut ausgehen würde! Dass er sich keine Sorgen machen musste, und dass ihn die Verbrecher bald für immer in Ruhe lassen würden!

„Alles wird gut“, hörte er sich plötzlich flüstern. Papa musste es gehört haben, denn er schaute ihn einen Augenblick verblüfft an. Motte wich seinem Blick aus und tat so, als ob nichts gewesen wäre.

„Ich bin froh, dass du wieder da bist“, hörte er seinen Vater sagen. „Wir haben uns ziemlich Sorgen gemacht.“ Er nahm seinen Mantel vom Haken. „Ich muss los.“ An der Tür nahm er Mama in die Arme. Motte spürte, wie viel Verzweiflung in dieser Umarmung lag.

Motte packte seine Schulsachen zusammen und machte sich so schnell wie möglich aus dem Staub. Natürlich hatte er alles andere vor, als zur Schule zu gehen, aber damit wollte er seine Mutter jetzt nicht auch noch belasten. Sobald er außer Sichtweite war, rief er JoJo und Simon an, um sie über den Fortschritt bei der geheimnisvollen Datei zu informieren.

Es klingelte eine ganze Weile, bis sich JoJo meldete. Er kam mitten aus der Englischstunde. Motte hatte seine liebe Mühe, seinem Freund die Sache mit dem Schloss zu erklären.

„Bis wann habt ihr die Botschaft entschlüsselt?“, fragte JoJo ungeduldig.

„Ich weiß nicht ... jederzeit ... aber es kann auch noch bis heute Abend dauern.“

Motte hörte JoJo schlucken. „Ruf an, sobald sich was tut. Ich informiere Simon!“

Motte hatte gerade aufgelegt, als das Handy losrüttelte. Das musste MM sein.

„Na, lebst du noch?“ fragte er.

„Ja. Und du?“

„Na ja, so einigermaßen ... Aber jetzt sag schon, was macht Quick Blue?“

„Rechnet immer noch vor sich hin.“ Nach einer kleinen Pause sagte sie: „Kommst du zu mir?“

„Aber deine Mutter ...“

„... ist aus dem Haus. Brauchst dich nicht zu fürchten.“

Kurz darauf saßen sie beide zusammen vor Quick Blue, der leise surrend vor sich hin arbeitete, unbeeindruckt von der Ungeduld, mit der die beiden ihn anstarrten.

„Na, was hast du deiner Mutter aufgetischt?“, fragte Motte, ohne seinen Blick vom Bildschirm zu wenden.

„Es war gar nicht so einfach. Ich musste dich zu einem zukünftigen Nobelpreisträger machen. Hatte keine andere Wahl.“

„Zu viel der Ehre.“

„Ich habe ihr erzählt, dass du auch einer von diesen hochbegabten Überfliegern bist, und dass wir zusammen ein Computerprogramm entwickeln, das die Menschheit noch nie gesehen hat. Du weißt ja, Mama steht auf diesen ganzen Quatsch.“

Er hörte sie seufzen.

„Du bist natürlich auch an der Uni eingeschrieben.“

„Oh, ja, in welchem Fach denn?“

„Informatik – und da bist du einem ganz heißen Ding auf der Spur. Wie gesagt, Nobelpreis, mindestens.“

„Und diesen Müll hat sie dir abgenommen?“

„Sie war vollkommen beeindruckt. Allerdings will sie dich trotzdem nicht mehr nach 18 Uhr bei mir im Zimmer sehen, sie meinte, du könntest ja sonst was mit mir machen.“

Nach einer Pause, in der beide sehr angestrengt auf den Bildschirm starrten, fragte sie: „Und du, was hast du erzählt?“

„Nicht viel. Eigentlich gar nichts. Ute hat mich mal wieder rausgehauen“, antwortete er ausweichend.

Quick Blue rechnete und rechnete. Und je länger er rechnete, umso einsilbiger wurde das Gespräch. Um 14 Uhr rief Motte zu Hause an, dass er nicht zum Essen kommen könne. Er sei bei JoJo, um für Erdkunde ein Referat über den tropischen Regenwald vorzubereiten.

„Willst du ihn nicht hierhin mitbringen?“, fragte seine Mutter. „Es gibt Kohlrabieintopf mit Hirse.“ Sie sagte das mit diesem optimistischen Schwung in der Stimme, den sie immer hatte, wenn es um ihr Essen ging.

„Nee, lass mal“, sagte er und grinste dabei MM zu.

Um 15 Uhr kam ein Anruf von JoJo. „Na, wie steht’s?“

„Immer noch nichts.“

Um 16 Uhr hatten sie schon lange kein Wort mehr gesagt. Sie saßen nur da und starrten auf den Bildschirm. Und auf die Uhr, die unerbittlich vorwärts tickte. Noch vier Stunden bis zur Übergabe.

Plötzlich kam ein Schrei von MM.

Motte zuckte zusammen. Er musste ein bisschen eingedöst sein.

„Er hat’s!“

Motte riss die Augen auf. Tatsächlich: Auf dem Bildschirm war das ersehnte Fenster erschienen: „Vorgang erfolgreich abgeschlossen.“

„So, den Schlüssel hätten wir also“, sagte MM aufgeregt. In fieberhafter Eile rasten ihre Finger über die Tastatur. „Und damit kriegen wir jetzt ruck zuck die Datei geknackt!“

„Jetzt mach schon, du lahme Ente!“, zischte sie Quick Blue an und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch herum. Es dauerte keine Minute, da war der Text da.

Noch Jahre später, wenn Motte sich an diesen Moment zurückerinnerte, schnürte sich ihm die Kehle zu.

„O.K., Micky, du hältst dich so lange versteckt, bis Blohm den Geldkoffer an Peter übergeben hat. Und dann erledigst du sie beide mit der Neunmillimeter-Pistole. Vergiss den Schalldämpfer nicht. Fahr dann mit dem Koffer auf dem schnellsten Weg zum Flughafen. Die Knarre wirfst du auf dem Rasthof Hammerstedt in den dritten Abfalleimer rechts, ich hole sie nachts ab.


Motte konnte nicht einmal schreien. Hilfesuchend schaute er zu MM. Sie starrte immer noch auf den Bildschirm, die Hände vor den Mund gepresst.

Vor seinem inneren Auge tauchten plötzlich all die Botschaften auf, die sie bisher abgefangen hatten. Wie Schuppen fiel es ihm jetzt von den Augen: Für den Boss war Peter nur eine Marionette gewesen. Und jetzt, wo er sein Ziel erreicht hatte, war er ein unliebsamer Zeuge, den es auszuschalten galt – genauso wie Papa. Wenn die beiden tot waren, würde niemand je erfahren, wer die Fäden im Hintergrund gezogen hatte.

Motte musste sich zusammenreißen, um nicht loszuheulen. Jetzt ging es nicht mehr um eine Million, es ging um Papas Leben!

20. KAPITEL
Der Notruf

In diesem Augenblick klingelte es an der Tür. MM schüttelte den Kopf, als ob sie etwas von sich abschütteln wollte, und ging die Tür öffnen.

Sie kam mit JoJo, Simon und Ute zurück. Ohne ein Wort zu sagen, zeigte sie auf den Monitor.

JoJo war der erste, der seine Fassung wiederfand. „Wir müssen sofort euren Vater warnen!“ Er schaute auf die Uhr. „Kurz vor fünf, er müsste also noch zu Hause sein, ich versuch ihn zu erreichen!“ Schon hatte er das Handy in der Hand. Während er wählte, gab er Befehle. „Fahr du schon mal los, Motte, wir kommen gleich nach! Und du, MM, check doch noch mal, ob vielleicht eine neue Mail vom Boss aufgetaucht ist, sicher ist sicher!“

Motte war schon auf der Treppe. Im Hinunterrennen hörte er noch JoJo rufen: „Sag ihm alles! Er darf auf keinen Fall aus dem Haus!“


Mit einem Satz war er auf dem Fahrrad. Wie besinnungslos trat er in die Pedale.

Als er um die Ecke zu seinem Elternhaus bog, sah er sofort, dass er zu spät kam. Das Auto war weg. Ein schrecklicher Verdacht stieg in ihm auf. Er rannte die Eingangsstufen hoch, schloss die Tür auf und stürmte in Papas Zimmer. Die Schranktür stand offen. Der Platz, an dem der Koffer gestanden hatte, war leer.

Wo um alles in der Welt konnte Papa nur stecken? Konnte es sein, dass er schon auf dem Weg zur Geldübergabe war? Wie ein Verrückter rannte er im Zimmer hin und her. Vielleicht hatte Papa den Koffer ja irgendwo an einem neuen Platz versteckt? Vielleicht war er nur kurz weggefahren, um irgendetwas zu besorgen, eine Zeitung, oder Brötchen fürs Abendbrot vielleicht? Motte spürte, wie ihm Tränen die Wange hinunterrollten.

Zum Glück tauchten in diesem Moment JoJo, MM und Ute auf, er wäre sonst noch durchgedreht. Simon war nicht dabei, aber Motte hatte anderes zu tun, als sich darüber Gedanken zu machen.

„Er ist schon los zur Übergabe!“, platzte es gleich aus MM heraus. „Es gibt eine neue Mail! Sie haben die Übergabe um zwei Stunden vorverlegt, damit Micky einen früheren Flug nehmen kann, Peter muss deinen Vater bei der Arbeit angerufen haben!“ Mit erstickter Stimme setzte sie hinzu: „Ach Motte, ich bin so doof! Ich habe einfach vergessen, ihre Mails zu überwachen, während wir mit dieser Sache mit dem Schloss beschäftigt waren.“

„Er ist also jetzt gerade auf dem Weg zum Kasernengelände“, sagte JoJo langsam. Er schaute auf die Uhr. „17 Uhr 15. Noch 45 Minuten bis zur Übergabe.“ Das Zittern in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Motte riss sein Handy aus der Hosentasche. „Wir müssen die Polizei alarmieren! Sofort!“ Er hämmerte die 110 ein. Es klingelte drei Mal, was Motte wie eine Ewigkeit vorkam. Endlich meldete sich eine Frauenstimme. „Hier der Polizeinotruf. Was ist passiert?“

„Kommen Sie sofort auf das Kasernengelände ... das Roggenkamp-Gelände“, sprudelte es aus Motte heraus. „Dort soll vor der Baracke drei eine Geldübergabe stattfinden. Der eine Erpresser ist bewaffnet und will die beiden anderen umbringen.“

Er wurde von der Beamtin unterbrochen. „Wie heißt du?“, fragte sie. Streng, aber nicht unfreundlich.

„Motte ... Motte Blohm.“

„Lieber Motte, jetzt hör mir mal gut zu.“ Sie redete so, wie wenn sie einem kleinen Kind etwas erklären wollte. „Das hier ist der Notruf der Polizei.“

„Weiß ich doch!“, sagte Motte ungeduldig. „Aber ...“

„Hier gehen jeden Tag fast tausend Anrufe ein, von Menschen, die in Not sind und unsere Hilfe brauchen. Stell dir mal vor, wenn sich alle so einen Scherz erlauben würden! Also bitte, mach das nicht noch einmal.“ Sie hatte immer noch diesen sanften Kindergärtnerinnenton an sich. „Du darfst nicht vergessen, dass es manchmal um Leben und Tod geht.“

Sie hatte aufgelegt.

Die Kinder schauten sich fassungslos an.

„Wir müssen es noch mal versuchen ... schnell!“, sagte MM sofort.

„Lass mich mal machen“, sagte JoJo und griff zum Telefon. „Man muss denen präzise Informationen geben!“ Motte schluckte den Ärger über JoJos Überheblichkeit hinunter.

„Hier Polizeinotruf.“ Diesmal war es eine Männerstimme, die durch den Telefon-Lautsprecher dröhnte.

„Mein Freund hat gerade schon mal angerufen, aber Ihre Kollegin hat es für einen Scherz gehalten ...“

„Was?“

„Auf dem Gelände der Roggenkamp-Kaserne findet um 18 Uhr die Übergabe eines Geldkoffers mit einer Million Euro statt. Der Inhaber des Geldes ist Herr Reinhard Blohm, der Vater meines Freundes. Er ist Opfer einer kriminellen Vereinigung geworden, deren regionale und überregionale Aktivitäten wir aufgedeckt haben ...“

Jetzt war er wieder in seiner Bürokraten-Sprache gelandet, registrierte Motte mit Besorgnis. Er versuchte, JoJo ein Zeichen zu geben, aber der reagierte nicht.

„Wir haben Kenntnis davon, dass Herr Blohm bei der Geldübergabe ermordet werden soll. Der Täter heißt Micky, ist zirka 45 Jahre alt, 1 Meter 90 groß, korpulent und trägt eine Sonnenbrille. Vorsicht! Der Täter ist bewaffnet!“

Er kam nicht weiter.

„Jetzt reicht’s!“, hörte Motte den Polizisten brüllen. „Ich warne euch ... das ist die Notfallnummer der Polizei. Wenn ihr unbedingt Streiche machen wollt, dann woanders. Das nächste Mal bekommt ihr eine Anzeige ... Paragraf 145 Strafgesetzbuch ... Missbrauch von Notrufen und Beeinträchtigung von Unfallverhütungs- und Nothilfemitteln. Dann dürft ihr euren Eltern mal erklären, was ihr so treibt, wenn sie nicht zu Hause sind!“ – Und damit hatte er aufgelegt.

Motte schossen die Tränen in die Augen. Papa war in Lebensgefahr, und die Polizei hielt es nicht einmal für nötig, ihnen richtig zuzuhören! Verzweifelt suchte sein Blick JoJos Uhr: 17 Uhr 25. Noch 35 Minuten.

In diesem Augenblick hörte er neben sich Utes Stimme. „Gib her!“ Schon hatte sie JoJos Handy in der Hand. Als Motte ihren Gesichtsausdruck sah, wusste er, dass sie es schaffen würde. Sie war bleich vor Wut, ihre Augen funkelten angriffslustig.

Als sich der Beamte wieder meldete, holte sie erst einmal tief Luft. Und dann ging es los ...

Was sie alles sagte, bekam Motte nicht genau mit. Er nahm nur wahr, dass es unerhört schnell und unerhört laut war. Einmal hörte er etwas von „Verletzung der Dienstpflicht“, dann den Satz „Ihr Leben lang werden Sie sich Vorwürfe machen!“ Wie ein Racheengel schrie und drohte und zeterte sie. Der Typ hat keine Chance, ging es Motte durch den Kopf.

Auf einmal wurde Utes Stimme gefährlich leise. „So, und jetzt hören Sie mir mal gut zu.“ In kurzen Worten erzählte sie die ganze Geschichte.

„Wie heißen denn die beiden angeblichen Verbrecher?“, ließ sich nun der Beamte vernehmen. Seiner Stimme war anzuhören, dass er immer noch misstrauisch war. Aber immerhin hörte er zu.

„Dr. Joachim Ohlow und Micky ...“ Sie blickte hilfesuchend zu MM.

„Sokolow“, flüsterte sie.

„Sokolow!“, bellte Ute in den Hörer.

Motte hörte das leise Klappern einer Tastatur. Offenbar gab der Beamte die Namen in seinen Computer ein. Es dauerte eine Ewigkeit. Konnte er sich nicht etwas beeilen?

„Nein, nichts ... noch nie straffällig“, hörte er ihn murmeln.

In Utes Gesicht kündigte sich die nächste Explosion an. Aber was half es?, dachte Motte. Es würde auch nichts daran ändern, dass der Polizist ihre Geschichte für ein Märchen hielt. Er schluckte, aber der Kloß in seinem Hals wurde nur noch größer.

Plötzlich geschah etwas Merkwürdiges. Motte konnte es sich selber nicht erklären, aber mit einem Mal sah er sich wieder in der dunklen Kammer in der Villa des Bosses, eingezwängt zwischen MM und JoJo. „Willst du einen Cognac, Tito?“, hörte er Mickys raue Stimme.

Ohne zu überlegen riss er das Handy aus Utes Hand und sagte, nein – schrie hinein: „Ohlow ist nur ein Deckname, in Wirklichkeit heißt er Tito!!!“

Auf der anderen Seite war es mit einem Schlag mucksmäuschenstill. Dann kam es fast drohend zurück: „Was sagst du da? Tito?“

„Ja, Tito!“

Es war, als hätte er eine Zauberformel gesprochen. Am anderen Ende der Leitung brach ein Sturm los, ein Gewirr von Stimmen erhob sich, in dem immer wieder der Name „Tito“ auftauchte. Hektisch wurden Anweisungen gegeben, Befehle schwirrten durch die Luft. Er verstand die Worte „Großalarm“, „fünfundzwanzig Einsatzwagen“, „kugelsichere Westen“ und „Unterstützung aus der Luft“.

Mit erregter Stimme meldete sich der Beamte wieder. „Ihr kennt das Gelände?“

„Ja.“

„Wo seid ihr jetzt?“

„Lessingstraße 16.“

„Stellt euch an die Haustür. Wir sind sofort bei euch.“

21. KAPITEL
Der Schuss

Motte schaute auf die Uhr. Genau halb sechs. Noch dreißig Minuten. Hatten sie überhaupt noch eine Chance?

Zusammen mit seinen Freunden stand er stumm vor der Haustür. In der Ferne waren Martinshörner zu hören, zuerst ganz schwach, dann immer lauter. Kurz darauf kamen fünf oder sechs Einsatzwagen mit Sirenengeheul um die Ecke gerast und stoppten mit quietschenden Reifen vor dem Haus. Die Beifahrertür des ersten Wagens flog auf. Ein Polizist in dunkelblauer Uniform sprang heraus.

„Sondereinsatzkommando“, sagte JoJo betont cool während der Polizist im Laufschritt auf sie zukam.

Der Beamte hielt sich nicht lange mit Grüßen auf. „Wir haben einen Hubschrauber angefordert, er ist in drei Minuten hier!“ Er wies mit dem Kopf zur Straße. Mehrere Polizisten waren schon damit beschäftigt, die Straße mit rot-weißem Band abzusperren. Die Nachbarn standen in Grüppchen zusammen und redeten aufgeregt miteinander. Das Flackern der Blaulichter tauchte die Szenerie in ein unwirkliches Licht.

„Einer von euch muss mit in den Hubschrauber. Die anderen fahren sofort im Streifenwagen los“, sagte der Beamte knapp.

„Am besten, du fliegst mit“, sagte JoJo zu Motte, „du kennst dich auf dem Gelände am besten aus.“

Motte nickte beklommen. Er wandte sich an Ute: „Bleib du bitte hier. Du musst Mama erklären, was los ist ... sie kann jeden Moment nach Hause kommen!“

„O.K.“ Es war ihr anzumerken, wie viel Überwindung sie das kostete.

Sobald JoJo und MM eingestiegen waren, fuhr der Streifenwagen mit Vollgas los. Zwei weitere Wagen folgten ihnen mit Sirenengeheul.

Kaum hatte sich der Lärm der Martinshörner entfernt, war ein Geknatter zu hören, das schnell lauter wurde. Bald war die Luft von einem Beben erfüllt, das Motte am ganzen Körper spüren konnte. Über dem Hausdach tauchte ein Hubschrauber auf und flog mit ohrenbetäubendem Lärm über Mottes Kopf hinweg. Über der Straße stand er einen Moment fast still in der Luft und schwebte dann langsam nieder.


Noch bevor der Helikopter aufgesetzt hatte, zog der Beamte Motte mit sich. Geduckt rannten sie durch den Sturm, der von den Rotorblättern ausging. Als Motte die offene Luke des Hubschraubers erreicht hatte, streckte sich ihm eine Hand entgegen, die ihn in den Laderaum zog.

Motte bekam einen Helm übergestülpt und wurde von einem Beamten, der sich knapp als „Einsatzleiter Hoffmann“ vorstellte, auf dem Sitz neben dem Piloten angeschnallt. Der Helm war eine echte Wohltat. Er dämpfte das unerträgliche Dröhnen des Motors. Durch die eingebauten Lautsprecher konnte Motte das Gespräch der Polizisten mitverfolgen.

„AV 573 an Einsatzzentrale“, war die Stimme des Piloten zu hören. „Haben den Jungen an Bord genommen! Wir starten. Kurs Südwest, Flughöhe 450 Fuß. Over.“

Der Hubschrauber stieg auf und legte sich in die Kurve. Motte hatte das Gefühl, als ob unter ihm die Straße wegkippte. Er sah die Polizeiwagen mit ihrem flackernden Blaulicht und die Menschen, die um die Absperrung herumstanden. Für einen kurzen Moment erhaschte er noch Ute, wie sie auf Mama zulief. Dann waren die beiden auch schon verschwunden.

Plötzlich fragte er sich, wo wohl Simon abgeblieben war. Aber sofort wurde seine Aufmerksamkeit von der Stimme des Einsatzleiters aus dem Helm in Anspruch genommen: „Wir sind in dreieinhalb Minuten am Kasernengelände!“ Der Beamte saß seitlich hinter dem Piloten, eine Karte auf den Knien. „Motte, ich brauche jetzt von dir so viele Informationen wie nur möglich. Wo genau soll die Geldübergabe stattfinden?“

„Auf dem Gelände vor Baracke drei.“

Der Beamte beugte sich über die Karte und gab eine Anweisung an den Piloten.

„Mit wie vielen Tätern müssen wir rechnen?“

„Zwei.“ Motte erzählte hastig, was in der verschlüsselten E-Mail gestanden hatte. Er musste eine genaue Beschreibung von Micky, Peter und seinem Vater geben. „Nicht, dass wir aus Versehen auf den Falschen schießen!“, sagte der Einsatzleiter mit einem Grinsen, das Motte irgendwie fehl am Platz fand. Dann vertiefte er sich wieder in seine Karte.

Motte ließ seinen Blick über die Stadt unter seinen Füßen schweifen. Auf der Ausfallstraße entdeckte er einen ganzen Konvoi von Einsatzwagen mit Blaulicht, die zwischen stehenden Autos Richtung Süden krochen.

„Die Kollegen vom Mobilen Einsatzkommando“, hörte er den Einsatzleiter. „Sie werden es nicht vor sechs Uhr schaffen. Ich fürchte, wir müssen die Arbeit ohne sie erledigen.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Dieser Tito ist ein ganz dicker Fisch. Wir sind ihm seit Jahren auf den Fersen, aber er ist uns immer wieder entwischt. Er ist der Chef einer internationalen Mafia-Bande. Raub, Erpressung, Menschenhandel, die schrecken vor nichts zurück.“ Er beschäftigte sich wieder mit der Karte. Plötzlich wandte er sich mit einem Ruck an Motte: „Weißt du etwa, wo er sich aufhält?“

Motte erzählte von der gelben Villa. Bei dem Wort „Gutenbergstraße 10“ griff der Einsatzleiter blitzschnell zu einem kleinen Mikrofon am Armaturenbrett.

„Einsatzleitung AV 573 an Zentrale: Tito hält sich möglicherweise in der Gutenbergstraße 10 auf! Over.“

„O.K.“, kam es krächzend zurück, „wir setzen die Kräfte des SEK Ost ein. Die Südstadt wird großräumig abgesperrt. Zugriff erfolgt in zirka zehn Minuten. Over.“

Motte sah in der Ferne den Bahnhofsturm auftauchen. Sie konnten nicht mehr weit vom Gelände entfernt sein.

„Ziel wird in einer Minute vierzig Sekunden erreicht“, kam es vom Piloten. „Wir wechseln den Kurs auf 164 Grad. Over.“ Der Hubschrauber machte eine leichte Kurve, die Motte in seiner Magengrube spürte. Sie flogen jetzt direkt auf die Sonne zu, die schon tief über dem Horizont stand. Die ganze Ebene war in dunstiges orangenes Licht getaucht.

Mottes Gedanken waren bei seinem Vater. Wo er wohl in diesem Augenblick war? Saß er vielleicht in einem der Autos da unten? Oder war er schon auf dem Gelände? Motte stellte sich vor, wie er mit seinem leicht gebeugten Gang mit dem Koffer in der Hand auf Baracke Nummer drei zuging, ohne irgendetwas von der Gefahr zu ahnen, in der er sich befand. – Mottes Herz pochte. Wie hatten sie nur so dumm sein können? Sie hatten ein Spiel gespielt, aber nicht kapiert, dass die Spielregeln von jemand anderem gemacht wurden.

In der Ferne tauchte das Kasernengelände auf. Motte konnte sofort den roten Sportwagen vor dem Tor ausmachen. Und daneben – Vaters Auto! Er schloss die Augen und atmete tief durch.

„Bist du ganz sicher, dass die Übergabe vor Baracke drei stattfindet?“, fragte der Einsatzleiter.

Motte nickte. Sagen konnte er nichts, seine Kehle war wie zugeschnürt.

Sie verloren schnell an Höhe. „Wir sind im Landeanflug. Over!“, hörte er den Piloten.

„Sicherheitsabstand von zweihundert Metern einhalten, Gefahr von großkalibrigem Beschuss!“, kam wie zur Antwort die Stimme des Einsatzleiters. „An Besatzung AV 573. Schusswaffen sind freigegeben! Vorbereitung zum Zugriff!“

Motte schaute sich um. Im hinteren Teil des Helikopters saßen auf jeder Seite vier Beamte in blauen Kampfanzügen, über denen sie schwarze kugelsichere Westen trugen. Jeder von ihnen hatte ein kurzes, schwarzes Maschinengewehr in der Hand. Durch die offenen Visiere ihrer Helme konnte Motte die Anspannung in ihren Gesichtern erkennen.

Unten tauchte hinter einer Reihe von hohen Bäumen Baracke drei auf.

Sofort erkannte er die schlohweiße Mähne seines Vaters. Wie erstarrt stand er vor dem halb zerfallenen Gebäude, den Koffer in der Hand. Nur ein paar Schritte weiter – Peter.

„Zwei Personen auf Planquadrat 21 B“, hörte Motte den Einsatzleiter.

Wo war Micky?

Motte hatte noch nicht zu Ende gedacht, als eine schwarze Gestalt um die Ecke der Baracke gestürmt kam. Micky!

Der Helikopter sackte langsam ab. Als er nur noch knapp über dem Boden schwebte, wurde hinter Motte die Luke aufgerissen.

„Absprunghöhe erreicht!“, rief der Einsatzleiter, „Absprung ... jetzt!“

Nacheinander sprangen die Polizisten aus der Luke und rannten geduckt auf die Baracke zu.

Sie würden zu spät kommen. Motte wusste es sofort, als er wieder zu seinem Vater schaute.

Micky rannte auf Papa zu. Zehn Meter vor ihm blieb er stehen, griff in die Innentasche seiner Lederkluft und zog eine schwarze Pistole hervor. Langsam, wie in Zeitlupe, hob er den Arm und zielte auf Papa.

„Nein, nein, nein!!!!!“ Motte merkte gar nicht, dass er selber es war, der geschrien hatte.

Was dann vor seinen Augen geschah, ließ Motte an seinem Verstand zweifeln: Plötzlich flog Mickys Pistole in einem hohen Bogen durch die Luft, als ob sie ihm von einer unsichtbaren Faust aus der Hand geschlagen worden wäre. Weit weg von Micky schlug sie auf und trudelte noch ein paar Meter weiter über den Boden. Einen Augenblick stand Micky reglos da. Dann stürzte er mit einem Satz der Waffe hinterher. Aber noch bevor er sie erreichte, hatten sich drei Polizisten auf ihn geworfen, drückten ihn mit dem Gesicht auf den Boden und rissen ihm die Hände auf den Rücken.

„Zugriff erfolgt!“

Die Stimme des Einsatzleiters ließ Motte zusammenzucken. Hatte er das alles nur geträumt? In seinem Helm dröhnten Stimmen wild durcheinander. Erst jetzt merkte er, dass der Hubschrauber längst gelandet war.

„Motte, willst du nicht deinen Vater begrüßen?“ Der Einsatzleiter schüttelte ihn sachte, befreite ihn von seinem Helm und half ihm beim Aussteigen.

Motte rannte los, auf die Baracke zu. Das Bild, das sich ihm bot, war wie aus dem Film: Auf dem Boden lag Micky, die Hände mit Handschellen auf den Rücken gefesselt. Nicht weit von ihm lag Peter in derselben Haltung. Beide waren von Beamten umstellt, die ihre Waffen im Anschlag hatten. Etwas entfernt stand Vater, noch immer den Koffer in der Hand. Wie jemand, der auf dem Bahnsteig wartet und nicht abgeholt wird, ging es Motte durch den Kopf.

„Papa!“ Motte stürmte los und warf sich seinem Vater in die Arme.

Als sie sich endlich wieder voneinander lösten, fiel Mottes Blick auf jemanden, den er hier ganz und gar nicht erwartet hatte. Er stand lässig an die Wand der Baracke gelehnt und grinste breit.

„Simon!“, schrie Motte auf.

Gemächlich setzte Simon sich in Bewegung und schlenderte auf Motte zu.

Erst als Motte den Bogen in seiner Hand sah, wurde ihm mit einem Schlag klar, was sich gerade abgespielt hatte.

„Hast du etwa ... Micky die Pistole aus der Hand geschossen!?“

Er kam nicht weiter. Das Geheul von Martinshörnern erfüllte die Luft. Der Konvoi der Einsatzwagen musste das Gelände erreicht haben. Im Laufschritt kam ein Pulk Polizisten in Tarnanzügen angejagt. Hinterher hechelten zwei Gestalten, die offenbar nicht so recht mithalten konnten ...

„MM! JoJo! Hier!“, schrie Motte.

Als die Freunde endlich beieinander waren, konnte keiner etwas sagen. Wortlos bildeten sie einen Kreis und legten sich die Arme um die Schultern.

22. KAPITEL
Das Ende

Es war schon nach Mitternacht, als Motte und sein Vater zu Hause ankamen. Sie hatten alle – auch Mottes Freunde – noch mit auf die Wache gemusst, um dort ihre Zeugenaussagen zu machen. Als sie endlich fertig waren, wurden Motte und sein Vater vom Einsatzleiter Hoffmann persönlich in einem dicken Mercedes nach Hause chauffiert, während Simon, JoJo und MM auf dem Weg zu ihren Elternhäusern mit einem einfachen VW-Mannschaftswagen vorlieb nehmen mussten.

Während der Fahrt redete der Einsatzleiter immerzu von dem „großen Fahndungserfolg“, den sie heute errungen hätten.

Die Polizei hatte tatsächlich Tito in der Gutenbergstraße festgenommen. „Nachdem das Haus umstellt war, hat er sich ohne Widerstand ergeben“, sagte Hoffmann sichtlich stolz.

Dann kam er erst richtig in Schwung. „Ohne diesen Pfeil hätte es verdammt schlecht für Sie ausgesehen“, sagte er mit einem munteren Lächeln zu Mottes Vater. „Der hatte schon den Finger am Abzug, und unsere Jungs waren noch nicht in Schussweite. Die 220er Sturmgewehre sind für den Nahkampf gebaut ... Bei über fünfzig Metern Entfernung taugen die nichts.“ Er strahlte wie ein Honigkuchenpferd.

Wie merkwürdig, ging es Motte durch den Kopf, dass Papa sich nicht im Geringsten von Hoffmanns guter Laune anstecken ließ. Er nickte nur hin und wieder abwesend mit dem Kopf, ansonsten war von ihm kein Ton zu hören. Er wirkte völlig unbeteiligt. Was ging bloß in ihm vor? Freute er sich denn gar nicht? Oder stand er noch unter Schock?

Herrn Hoffmann schien Papas Schweigsamkeit kein Kopfzerbrechen zu bereiten. Er plauderte munter weiter. „Ich darf es ja eigentlich gar nicht sagen, aber nach der ersten Vernehmung von diesem Peter ist der Fall eigentlich schon klar. Er hat wohl irgendwo in der Kneipe diesen Micky kennengelernt, und im Suff hat er ihm von seinem Plan erzählt, Sie zu erpressen. Was ihn auf diese Schnapsidee gebracht hat, ist uns noch nicht ganz klar. Wir werden in den nächsten Tagen dazu auch noch Ihre Aussage erbitten.“

„Gerne“, murmelte Papa.

„Micky und sein Boss sind dann auf die nicht unelegante Idee gekommen, Peter auszunehmen. Sie haben ihm gegenüber so getan, als ob sie das Ding mit ihm gemeinsam drehen wollten, aber ihr Plan war von Anfang an, am Ende das Geld einzusacken und Sie und Peter dann als lästige Zeugen auszuschalten.“ Wieder hatte er dieses heitere Grinsen auf den Lippen, als ob es sich um eine urkomische Geschichte handeln würde.

Als sie zu Hause ankamen, wurden sie schon an der Haustür von Mottes Mutter und Ute in Empfang genommen – und nun saß die ganze Familie um den runden Küchentisch, während Motte erzählte.

„Halt!“, wurde er von Mama unterbrochen. „Bevor du weitererzählst – lasst uns erst einmal anstoßen!“ Ungeschickt machte sie sich an einer Flasche Sekt zu schaffen, die sie aus dem Kühlschrank geholt hatte. Endlich flog der Korken an die Decke. „Auf deine Rettung!“, prostete sie Papa mit einem glücklichen Lächeln zu. „Und auf die Retter!“, wandte sie sich dann zu Motte und Ute, die auch jeder ein halbes Gläschen in der Hand hielten.

„Seit wann nimmst du Drogen?“, fragte Motte mit gespielter Entrüstung.

„Ich fang jetzt an“, gab sie zurück, „und zwar gleich richtig!“ Sie zwinkerte ihm zu, setzte das Glas an und trank es in einem Schluck leer.

Papa lächelte gezwungen und nippte an seinem Glas. Seit er zu Hause war, hatte er noch kein Wort gesagt. Motte konnte einfach nicht aus ihm schlau werden. Er hatte heute praktisch eine Million gewonnen – ganz zu schweigen davon, dass er dem sicheren Tod entronnen war. Eigentlich genug Gründe, sich zu freuen. Aber nein – Papa saß nur da, lächelte freundlich, wenn man ihn anschaute, aber ansonsten war er irgendwo weit weg.

Allerdings kam er auch nicht dazu, viel zu erzählen. Nach Mottes Bericht über den Flug im Helikopter hatte Ute das Gespräch übernommen und war nun unerbittlich dabei, ihre Sicht der Dinge zu verbreiten.

Während sie redete wie ein Wasserfall, nahm Motte immer wieder die Blicke wahr, die Mama zu Papa hinüberwarf. Offenbar war auch sie von seinem Verhalten befremdet.

„Jetzt lass doch auch mal Papa erzählen“, sagte sie zu Ute.

„Was, ich?“, kam es von Papa. „Ooch, ich hör das so gerne, wenn die Kinder erzählen ...“

Und schon war Ute wieder am Quasseln.

Sie war gerade bei der Geschichte, wie sie bei Tito eingebrochen waren – dass sie selber nicht dabei gewesen war und sie das alles nur vom Hörensagen kannte, störte sie nicht im Geringsten –, als es an der Haustür klingelte.

Motte schaute in die fragenden Gesichter seiner Mutter und seiner Schwester, dann blickte er hinüber zu seinem Vater. Sein Gesichtsausdruck überraschte ihn: Er sah aus, wie wenn er gerade von einer quälenden Last erlöst worden wäre.

Ute hatte schon aufgemacht. Aus dem Flur kamen Männerstimmen. Motte spürte ein ungutes Gefühl in der Magengegend.

Ute kam zurück. „Papa, die wollen dich sprechen!“

Ohne Zögern stand er auf und ging mit festem Schritt auf die Polizisten zu, die inzwischen in der Küchentür standen.

„Herr Blohm, ich verhafte Sie hiermit im Namen des Gesetzes ...“, sagte einer von ihnen.

Mottes Ohren nahmen die Worte zwar auf, aber sie drangen nicht bis in sein Gehirn vor. Was hatte der Polizist da gesagt? Nein. Das konnte nur ein Irrtum sein!

„... wegen schweren Raubes.“

Wie aus weiter Ferne hörte er Papas Stimme. „Bitte geben Sie mir noch eine halbe Stunde Zeit.“

Der Beamte nickte mit dem Kopf. „Wir warten draußen.“ Im Hinausgehen fügte er hinzu: „Das Haus ist umstellt.“

„Ich werde nicht fliehen“, sagte Papa leise.

Er kam an den Tisch zurück und setzte sich. Eine Minute lang herrschte absolute Stille. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Durch das Fenster flackerte das Blaulicht der Streifenwagen. Endlich fing er an zu sprechen. „Ich bin euch eine Erklärung schuldig. Vor allem dir, Solvejg“, sagte er und blickte Mutter direkt an.


„Ich habe vor zwanzig Jahren eine Bank überfallen. Zusammen mit Peter, der damals mein bester Freund war. Wir haben zwei Millionen – damals D-Mark – erbeutet. Das Geld haben wir uns geteilt. Später dann ist unsere Freundschaft in die Brüche gegangen. Peter ist mit dem vielen Geld nicht zurechtgekommen, hat angefangen zu spielen und zu trinken und hat sein Geld mit teuren Hobbys durchgebracht.“

Papa sprach mit ruhiger Stimme. „Und dieser Peter ist nun vor ein paar Wochen aufgetaucht und wollte von mir eine Million haben – sonst würde er alles auffliegen lassen. Ihm war es egal, dass er dann auch im Gefängnis landen würde. Er hat sowieso nichts zu verlieren.“ Er nahm Mamas Hand. „Ich konnte es dir einfach nicht sagen, die ganzen Jahre über nicht“, sagte er mit leiser und brüchiger Stimme. „Ich hatte Angst, du würdest mir nie verzeihen.“

Mama fing an zu schluchzen. Nach einiger Zeit fragte sie vorsichtig, ohne ihn anzusehen: „Was hast du mit dem ganzen Geld gemacht?“

„Es war das Geld für deine Behandlung in Amerika.“

Mutter schloss die Augen. Tränen liefen über ihre Wangen. „Aber ... du hast doch diese Erbschaft gemacht, von deiner Tante Mina?“

„Meine Tante war so arm wie der Rest der Familie.“

Mama sagte lange Zeit gar nichts. Dann fragte sie leise: „Du hast wirklich eine Bank überfallen?“

„Ja.“ Er holte tief Atem. „Aber es ist dabei niemand verletzt worden.“

Ute platzte rein: „So richtig mit Strumpf überm Kopf und Knarre?“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Ja, Strumpf über dem Kopf schon – aber keine Knarre, und ich dachte auch, dass Peter keine hat. Wir hatten ausgemacht, dass wir auf keinen Fall Gewalt anwenden. Ich hatte so eine umgebaute Fahrradpumpe ... und die Kassiererin muss das irgendwie gemerkt haben. Oder ich hab das Ding falsch rum gehalten, jedenfalls wirkte sie nicht besonders beeindruckt. Bis Peter reingestürmt kommt und anfängt rumzuballern. Eigentlich sollte er nur Schmiere stehen. Dass es eine richtige Pistole war, ist mir erst klargeworden, als die Lampe runterkam. Peter hat wohl geahnt, dass ich die Sache vermasseln würde ...“

Motte schaute zu Mama hinüber. Er war sich nicht sicher, ob sie weinte oder lachte.

„Kinder, lasst uns jetzt einen Augenblick allein“, sagte Papa.

Sie gingen in Mottes Zimmer, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Motte war Ute dankbar, dass sie nichts sagte.

Nach einer Weile wurden sie von Mama gerufen. Als Motte in die Küche kam, war es um seine Fassung geschehen. Er fiel Papa in die Arme. „Ich habe alles falsch gemacht. Es tut mir so leid!“, brach es unter Tränen aus ihm heraus, „wegen mir musst du jetzt ins Gefängnis!“

„Nein, Motte, ihr habt mir das Leben gerettet. Und was auch immer jetzt kommen mag, dafür bin ich dir unendlich dankbar.“ Er drückte ihn fest an sich.

Es dauerte nicht lange, bis es wieder klingelte. Die Stimme des Polizisten war höflich, aber bestimmt: „Herr Blohm, bitte kommen Sie jetzt mit!“ Schweigend ging Papa in den Flur, zog seinen Mantel an und ging mit den Beamten zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um und winkte.

23. KAPITEL
Noch ein Ende

So hätte das Ende der Geschichte aussehen können. Und so hätte es auch ausgesehen, wenn nicht am nächsten Morgen um halb elf bei den Blohms die Türglocke geläutet hätte, als Motte noch im Bett lag und vergeblich mit dem Entschluss kämpfte, aufzustehen. Sein Kopf fühlte sich an wie in Watte gepackt.

Er erreichte die Türe gleichzeitig mit Ute und Mama. Ute sah blass und verheult aus. Mama hatte tiefe Ringe unter den Augen. Wahrscheinlich hatte sie die ganze Nacht kein Auge zugemacht.

Mama machte die Türe auf. Motte glaubte seinen Augen nicht zu trauen: Vor ihnen stand niemand anderes als – Papa! Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht kam er die Stufen zur Türe hoch.

„Papa, was ist denn passiert, ich dachte, du bist im Gefängnis?“, kreischte Ute. Die Lautstärke hätte Tote erwecken können.

„Nein, jetzt bin ich hier“, antwortete er. „Und ich muss da nie wieder hin!“ Er nahm Mama in die Arme.

„Ist das wahr?“, fragte sie ungläubig.

„Ja, so wahr ich Reinhard heiße!“

Jetzt erst schien sie der Sache zu trauen. „Komm rein!“ Sie nahm Papa an der Hand und zog ihn durch den Flur ins Wohnzimmer. Dort drückte sie ihn in den Sessel vor dem Kamin. „Erzähl!“

„Gut“, sagte er und lehnte sich zurück. Aber anstatt zu erzählen, schüttelte er nur den Kopf. „Ich kann es immer noch nicht fassen.“

„Jetzt erzähl doch endlich!“, befahl Ute.

„Also gut. Ich komme also auf der Wache an. Als erstes soll das Protokoll aufgenommen werden.“ Er senkte die Stimme. „Protokoll, von griechisch protokollon, förmliche Niederschrift ... Da sitzt ein Beamter, der eigentlich keinen Bock hat, aber irre wichtig tut, und sich erzählen lässt, wie, wann, was ... In der Ecke sitzt so ein armes Würstchen von Schreiberling und tippt – ich dachte, ich falle vom Glauben ab – auf einer Schreibmaschine!“ Als ob er nicht selber noch vor einem halben Jahr vor so einer Steinzeitmaschine gesessen und sie für den Gipfel des technischen Fortschritts gehalten hätte.

„Ich erzähle also brav die ganze Geschichte von dem Banküberfall.“ Er nahm einen großen Schluck aus der Kaffeetasse, die Mama vor ihn hingestellt hatte. „Als der Polizist fertig ist und rausgegangen ist, sagt der Schreiber: ,Guter Mann, wissen Sie denn nicht, was für ein Datum heute ist?‘ Ich schau ihn an und frag: ,Doch, warum? Der zweite September.‘ Ich dachte, der ist ein bisschen plem-plem. ,Und, was sagten Sie, wann Sie das ausgefressen haben?‘

,Na, vor zwanzig Jahren, das hab ich doch schon alles angegeben. Am ersten September …‘

,Na also! Sie müssten aber doch wissen, dass jede Straftat irgendwann mal verjährt ist! Außer Mord und Totschlag natürlich. Bei Raubüberfall beträgt die Verjährungsfrist zwanzig Jahre, und die sind genau seit gestern rum. Eigentlich hätte man Sie gar nicht verhaften dürfen. Aber hier rechnet ja keiner richtig nach, außer mir. Jetzt warten Sie mal kurz, ich regle das für Sie.‘

Und draußen war er. Ich konnte durch die Scheibe sehen, wie er zu einem Schreibtisch läuft, an dem wohl das Obertier des Reviers sitzt, irgend so ein Polizeiinspektionskriminalobermeister. Ich sehe, wie er mit ihm gestikuliert und dabei immer wieder auf mich deutet und sie zusammen in das Protokoll starren ...“

„Protokoll von griechisch proto ...“, fielen beide Kinder gleichzeitig ein.

„Ja.“ Papa räusperte sich „Wo waren wir?“

„Bei diesem Oberboss“, sagte Motte.

„Genau. Dann kommt also kurz darauf der Beamte, der mich verhört hat, rein und sagt: „Sie können nach Hause gehen.“

Vater lehnte sich zurück. Wieder schüttelte er den Kopf. „Was für einen Dusel ich gehabt habe!“

Er schaute sie nacheinander an. „Diese letzten Wochen waren einfach schrecklich.“

„Nicht nur für dich“, fiel ihm Mama mit einer Schärfe ins Wort, die Motte verblüffte. „Ich weiß, du hast das alles für mich getan, und trotzdem ...“ Sie schluckte. „Du machst dir gar nicht klar, wie sehr wir alle darunter gelitten haben. Wochenlang läufst du rum, ohne ein Wort zu reden! Wie wenn du plötzlich ein anderer Mensch geworden wärst! Hast du dir schon mal überlegt, was es für mich bedeutet, dass du mich nicht ins Vertrauen gezogen hast? Weißt du, wie es sich anfühlt, wenn dir nicht einmal der eigene Mann sein Herz öffnen kann?“ Sie fing an zu schluchzen. „Und stattdessen die eigenen Kinder in Gefahr bringt ... und deren Freunde noch dazu.“

„Du weißt, dass ich das nicht wollte. Wenn ich nur die geringste Ahnung gehabt hätte, ich hätte sofort aufgehört ... sofort.“

Motte sah, wie sich seine Augen mit Tränen füllten. „Wenn ich nur daran denke, was alles hätte passieren können ... Ich weiß nicht, wie ich hätte weiterleben können.“ Sein Blick streifte Motte, dann ging er zu Mama.

Beiden liefen Tränen über die Wangen. Mama legte ihre Hand auf die von Papa. Lange Zeit sagte keiner etwas.

Motte schaute verstohlen zu Ute hinüber. Sie schien denselben Gedanken zu hegen wie er. „Ich geh mal auf mein Zimmer ...“

„Halt, nicht weglaufen“, sagte da Papa. Er wischte sich die Tränen aus den Augen. „Genug geheult für heute. Schließlich seid ihr die Hauptpersonen.“ Er stand auf und kam auf Motte zu. „Und ich habe mich noch nicht einmal richtig bei euch bedankt!“ Er nahm Motte in den Arm und drückte ihn lange. Dann war Ute dran, die vor Rührung zur Abwechslung kein Wort herausbrachte.

„Bei deinen Freunden bedanke ich mich noch. Wie wär’s, wenn wir heute Nachmittag ein Fest für alle veranstalten?“

„Warum nicht jetzt sofort?“, fragte Motte.

„Weil deine Freunde vermutlich in der Schule sind, oder?“

„Ja, Doppelstunde bei Siegwart ... Kein Problem, ich kann sie mal schnell rausklingeln.“

Papas Gesichtsausdruck zeigte, dass er nicht recht verstanden hatte. Ute beeilte sich zu sagen: „Ja, heute Nachmittag, super Idee!“

Unnötig zu sagen, dass dieses Fest alles in den Schatten stellte, was Motte je an Festen erlebt hatte. Unnötig natürlich auch zu sagen, dass in dem ganzen Gerede und Geschnatter, das das Blohmsche Haus erfüllte, vor allem eine Stimme ganz besonders oft und laut zu hören war ...

Zu berichten bliebe jedoch noch, dass irgendwann im Lauf des Abends die Frage durchs Haus hallte: „Wo ist eigentlich Motte?“ Und gleich darauf: „Und MM?“

Wo die beiden waren?

Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. Irgendwie waren sie dort gelandet, als sie dem Trubel der Party entkommen wollten. Leichter Nebel lag über der leeren Asphaltfläche.

Die beiden hingen kichernd und prustend nebeneinander auf dem Geländer. Die Vorstellung von Mottes Vater war mal wieder bühnenreif gewesen. Da er den Schlüssel zum Geldkoffer nicht mehr finden konnte, hatte er den Hammer zu Hilfe genommen – der als erstes auf seinem Daumen und dann in Mamas Himbeertorte gelandet war.


In die Stille nach dem Lachanfall sagte Motte: „Genau an dieser Stelle hier habe ich JoJo und Simon zum ersten Mal von der Sache mit der Million erzählt. Eine Ewigkeit ist das her.“ Er sprang von der Stange und lächelte MM zu. „Damals fand ich es übrigens total abartig, dass JoJo dich mitmachen lassen wollte.“

„Soso, abartig“, sagte sie mit einem gespielten Lächeln. „Und ... bereust du es etwa?“

„Was für eine Frage. Ohne dich hätten wir es nie geschafft.“

„Aber ohne dich und die anderen auch nicht. Weißt du noch deinen Geistesblitz mit dem Schlüssel im Schloss? Und wie Ute den Typen am Telefon an die Wand gequatscht hat? Und dann Simons Schuss?“

Schlagartig wurde ihm wieder klar, in was für eine Gefahr sie sich begeben hatten. An welchem seidenen Faden das Leben seines Vaters gehangen hatte. Dass es der reine Zufall war, dass er noch lebte.

„Dein Vater muss einen Schutzengel gehabt haben“, hörte er aus MMs Mund genau den Gedanken, den er soeben selber gedacht hatte.

Er spürte, wie sich ihr Arm um ihn legte. Und da war es plötzlich um ihn geschehen. Er musste hemmungslos weinen.

MM streichelte ihm durchs Haar. „Jetzt ist alles vorbei“, flüsterte sie in sein Ohr.

Was für ein Glück, ging es ihm durch den Kopf, immer wieder, und je öfter der Gedanke wiederkam, umso weniger hatte er mit seinem Vater zu tun. Er sah nur noch MM vor sich.

„Was für ein Glück ... dass ich dich gefunden hab“, brach es aus ihm heraus. Er hob die Augen und schaute direkt in ihre Meeraugen. Es war, wie wenn er von einer Woge erfasst würde, einer Woge, die ihn unwiderstehlich zu ihr hin trug, immer näher, so nahe, bis er gar nicht mehr anders konnte, als sie zu küssen.

Kennst du schon ...


… die anderen Abenteuer von Motte & Co?

Giant Blue, die geniale Erfindung von MMs Vater, der schnellste Computer der Welt, wurde gestohlen!

Die Polizei tappt im Dunkeln. MM, Motte, JoJo, Simon und Ute ermitteln auf eigene Faust. Als sie endlich eine heiße Spur haben, ist es ausgerechnet eines der Kinder selbst, das sie alle in tödliche Gefahr bringt ...

Krimitipp!

„Auf der Jagd nach Giant Blue“ wurde von der WDR-Kindersendung LILIPUZ als Krimitipp ausgesucht! – Wenn du willst, kannst du dir die Sendung auf www.motte-und-co.de anhören!

Ulrich Renz: Blutspur Sefa Verlag, 2014 Taschenbuch, 178 S., ISBN 9783945090039 E-Book ISBN 9783945090152

Die Website zur Serie:

www.motte-und-co.de


Die Klassenfahrt der 7 c droht ein schlimmes Ende zu nehmen. Ein Mitschüler ist spurlos verschwunden!

Ein Reifenabdruck bringt Motte und seine Freunde auf die richtige Spur. Das Abenteuer, das nun beginnt, verwandelt sich aber schon bald in einen Albtraum …

Ulrich Renz: Blutspur Sefa Verlag, 2014 Taschenbuch, 224 S. ISBN 9783945090039 Auch als E-Book erhältlich

Die Website zur Serie:

www.motte-und-co.de


Endlich Ferien! Sonne, Strand und Hängematte – und Mottes Freunde sind alle mit dabei!

Das traumhafte Leben hat ein jähes Ende, als sich herausstellt, dass im Ferienclub mit Drogen gehandelt wird. Schon bald sind Motte und seine Freunde mittendrin in den Ermittlungen. Sie können nicht ahnen, dass sie der Drogenbande schon bald viel näher kommen werden, als ihnen lieb sein kann …

Ulrich Renz: Blutspur Sefa Verlag, 2020 Taschenbuch, 254 S. ISBN 9783945090510 E-Book ISBN 9783945090541

Die Website zur Serie:

www.motte-und-co.de

"Motte & Co" auf Englisch: "Bo and Friends":


 Bo and the Blackmailers, ISBN 978-3-945090-38-1 (Taschenbuch), 978-3-945090-41-1 (Ebook)

 The Hunt for Giant Blue, ISBN 978-3-945090-39-8 (Taschenbuch)

 On the Trail of the Kidnappers, ISBN 978-3-945090-40-4 (Taschenbuch), 978-3-945090-42-8 (Ebook)

 Website zur Serie: www.bo-and-friends.com

"Motte & Co" im Deutschunterricht


 Ulrich Renz: Auf der Spur der Erpresser – in Einfacher Sprache ISBN 9783945090091, Ebook 9783945090367: Band 1 der Serie „Motte & Co“ in leicht verständlicher Sprache und leicht lesbarem Schriftbild. Für den differenzierenden Unterricht geeignet.

 Stefanie Wolf und Irina Bäcker: Unterrichtsmaterialien zu "Auf der Spur der Erpresser" von Ulrich Renz ISBN 9783945090466, 120 S., ca. 60 Abbildungen: Vorschläge zur Unterrichtsgestaltung. Mit Kopiervorlagen und Klassenarbeit. Für den differenzierenden Unterricht geeignet.

Infos für Lehrer:

www.sefa-verlag.de/schulen/

Und für die kleinen Geschwisterchen ...




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www.sefa-bilingual.com