Kitabı oku: «Motte und Co Band 2: Auf der Jagd nach Giant Blue»

Yazı tipi:

Ulrich Renz


Auf der Jagd nach Giant Blue


Sefa Verlag Lübeck

„Auf der Jagd nach Giant Blue“ ist der zweite Band der Kinderkrimi-Serie „Motte & Co“.

www.motte-und-co.de

Weitere Bände der Reihe:

- Band 1: „Auf der Spur der Erpresser“

- Band 3: „Blutspur“

- Band 4: „Die Insel der Drogenbande“

Die Originalausgabe von "Auf der Jagd nach Giant Blue" erschien 2008 bei Bloomsbury Kinder- und Jugendbücher, Berlin. Bei der vorliegenden Ausgabe handelt es sich um eine überarbeitete Neufassung.

Copyright dieser Ausgabe © 2014 by Sefa Verlag, Lübeck

www.sefa-verlag.de

Umschlaggestaltung: Ponke Grabo, Berlin, www.ponkegrabo.de. Font Coverlogo „Motte & Co“: „Refurbished“, © Billy Argel, verwendet mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.

ISBN 978-3-945090-13-8

Steckbriefe Motte & Co

Name: Moritz Blohm, genannt Motte

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: eigentlich keine (wie er selber meint)

Name: Simon Böttcher

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: verträumter Naturfreak, Schwarm aller Mädchen, kleines Sprachproblem

Name: Mariekje Marienhoff, genannt MM

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: meerblaue Augen, Mathegenie und Computerfreak

Name: Jochen, genannt JoJo

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: Großmaul mit Übergewicht. Was Kleidung und Frisuren angeht „dem Trend immer einen Schritt voraus“

Name: Ute Blohm

Alter: gerade 12 geworden

Besondere Kennzeichen: Schwester von Motte. Ziemlich frühreif, steht gerne vor dem Spiegel, quasselt alle an die Wand.


Steckbrief Autor

Name: Ulrich Renz, genannt U

Alter: mittelalt

Besondere Kennzeichen: liebt schwäbische Spätzle, hat einen Zwillingsbruder, macht gerne Musik, war einmal Arzt, schreibt jetzt Bücher für Kinder und Erwachsene.

Mehr unter www.ulrichrenz.de

Inhalt

Inhaltsverzeichnis Steckbriefe Motte & Co Der blaue Riese Die Mafia Der Meister Nudeln, Marlboro und Nutrimax Der schwarze Panther Kein Fall für Kinder Grafen und Kleingärtner Das Mäppchen Das Quietscheentchen Die Beerdigung Schatten im Mondlicht Ein Verräter In die Nacht Aktion Schöner Wohnen Unter der Erde Vermisst Die Falle Der Baumann-Kick Der Zweikampf Der Ausreißer Nikos Geheimnis Mehr Motte …

1. KAPITEL

Der blaue Riese

„Absolut profimäßig ...“ JoJo nahm die Brille ab, wie immer, wenn er etwas ganz Wichtiges zu sagen hatte. Mit der anderen Hand rückte er sich die rotgrün karierte Schottenmütze zurecht, ohne die er seit dem Beginn seiner Inspektor-Hamilton-Phase nicht mehr unter die Leute ging. „Alarmanlage überlistet, alles ausgeräumt, keine Spuren hinterlassen. Absolut profimäßiger Einbruch. So macht man das, Gentlemen!“ Seine Augen funkelten.

MM fand JoJos Überschwang ziemlich daneben. Unruhig rutschte sie auf ihrem Fahrradsattel herum. „Umso schlimmer, wenn es Profis waren“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu ihren drei Freunden, die vor ihr wie die Hühner auf der Stange auf dem Parkplatzgeländer vor dem Supermarkt hockten. JoJo hatte wie immer den Platz in der Mitte und wirkte neben Motte und Simon, die ihn um mindestens einen Kopf überragten, ein bisschen wie ein aufgeplustertes Küken. Normalerweise würde sie jetzt außen neben Motte sitzen, aber heute hatte sie sich nicht einmal die Zeit genommen, vom Fahrrad zu steigen. Sie hatte keine Sekunde warten können, um alles loszuwerden.

„Vollprofis, absolute Vollprofis ...“ JoJo konnte sich gar nicht mehr einkriegen. Als Weltexperte für alles war er natürlich auch Weltexperte für Einbrüche. „Ich hab mal von einem Einbruch gelesen, da sind die Täter am helllichten Tag mit dem Lieferwagen vorgefahren, als Umzugsunternehmen getarnt, und haben seelenruhig alles rausgetragen. Am Schluss haben sie sich die Arbeitszeit vom Pförtner quittieren lassen und sogar noch ein Trinkgeld kassiert ...“

Während JoJo mit wachsender Begeisterung seine Geschichten von den „coolsten Einbrüchen der Welt“ servierte, sah MM wieder ihren Vater vor sich, wie er nach dem Mittagessen plötzlich zu Hause aufgetaucht war, in seinem zerknitterten Hemd, das über dem Bauch spannte, und der verrutschten lila Fliege. Sie hatte sofort gewusst, dass etwas Schlimmes passiert war. Wortlos ließ er sich in den Sessel plumpsen. Eine endlose Weile starrte er die Decke an.

„Alles weg“, sagte er endlich.

„Was ... weg?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort schon wusste.

„Alles ... alles gestohlen.“

„Auch Giant Blue?“ Sie hielt den Atem an.

Er schloss nur die Augen und nickte langsam. Sein Gesicht war kreidebleich.

„Wer?“, fragte sie hilflos, aber was für eine Antwort sollte sie schon bekommen?

„Ach Tati ...“ Sie wollte irgendetwas Tröstendes sagen, aber ihr fiel nichts ein.

Aus der Küche kam Mamas Stimme: „Jetzt mach dir mal keinen Kopf, Robert, das zahlt doch alles die Versicherung!“ Sie kam mit einer Schale Kekse. „Wir sind übrigens heute Abend bei Professor Arnold eingeladen. Hast du daran gedacht? Sieh mal zu, dass du was Schickes anziehst, ja? Und lass um Himmels willen die ewige Fliege zu Hause!“

Wie schon Tausende Male vorher wurde MM von der Erkenntnis gestreift, dass ihre Eltern nicht vom selben Planeten kamen. Die Forschungsarbeiten, die für Tati das Leben bedeuteten, waren für Mama Spielereien. Mama wusste nicht einmal, dass er gerade den schnellsten Computer der Welt gebaut hatte – Giant Blue, den blauen Riesen.

Für sie zählten nur die Klamotten in ihrem Schickimicki-Laden. Mit dem Vorwurf „So läuft doch kein Professor rum!“ kam sie immer wieder mit Stapeln von Hemden, Anzügen und Krawatten an, für die er sich jedes Mal mit einem freundlichen Lächeln und einem gottergebenen Seufzer bedankte, ohne freilich irgendetwas an seiner Garderobe zu ändern, die seit Jahr und Tag aus einer ausgebeulten schwarzen Hose mit Hosenträgern, einem meist nicht mehr ganz blütenweißen Hemd und der unvermeidlichen lila Fliege bestand. Für solche Nebensächlichkeiten wie Klamotten fehlte ihm schlichtweg die Zeit. Für ihn gab es nur Giant Blue – und die Swinging Einsteins, seinen Jazzchor, der ausschließlich aus grauhaarigen oder glatzköpfigen Professoren bestand, die sich jeden Donnerstagabend zum Proben trafen.

„Ach, Tati ...“ Wieder kam MM nicht weiter. Tati ... irgendwie hieß er für sie schon seit den Zeiten so, als es für sie keinen größeren Spaß gab, als auf seinem dicken Bauch herumzuturnen und „Tati, Tati!“ zu brüllen, angeblich vor allem sonntags, wenn er gerade seinen Mittagsschlaf machen wollte. Den Namen hatte sie aus ihrem damaligen Lieblingsbuch, das „Tati, die Wildsau“ hieß.

Ihr Vater musste sich schon damals mit seinem Supercomputer beschäftigt haben, der zu der Zeit noch seinen deutschen Namen hatte, „Blauer Riese“. Ihr hatte es immer ein bisschen Angst gemacht, wenn von ihm die Rede war – ein blauer Riese war sicher sehr gefährlich.

Heute, wo sie auf die vierzehn zuging und sich selber mit Computern auskannte, hatte sie zwar keine Angst mehr vor dem Monsterrechner, aber er flößte ihr immer noch Respekt ein. Giant Blue war fast tausendmal schneller als alle bisherigen Superrechner. Sein Geheimnis bestand in den Chips, die ihn antrieben. Was genau das Besondere an ihnen war, hatte MM noch nicht in allen Einzelheiten verstanden, offenbar hatte es aber etwas mit einem Material zu tun, das Tati entdeckt hatte und „XXI“ nannte. Das Wunderbare an diesem XXI war, dass es Strom ganz ohne Widerstand leiten konnte, wie ein Metall, das auf den absoluten Nullpunkt heruntergekühlt wurde. Im Gegensatz zu allen bisherigen Superrechnern kam Giant Blue deshalb ohne die sonst notwendigen tonnenschweren Apparate aus, die die Chips auf so extreme Tieftemperaturen brachten.

Seit vorletzter Woche war endgültig klar, dass die XXI-Chips in Giant Blue wirklich einwandfrei funktionierten. Sie erinnerte sich noch, wie Tati nach dem ersten gelungenen Testlauf abends nach Hause gekommen war und erst einmal einen Freudentanz aufgeführt hatte. Er streckte die Arme in die Höhe, stellte sich auf die Zehenspitzen und bewegte die Hüften und den Bauch zu irgendeiner Musik in seinem Kopf, erst langsam, dann immer schneller und schneller. An diesem Abend konnte er kaum damit aufhören, obwohl Mama den Kopf schüttelte, wie immer, wenn er diesen Tanz aufführte, den er als Kind von „Babu“, seinem geliebten griechischen Opa, gelernt hatte. Nach dem Abendessen holte er eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank. „Das muss begossen werden!“, strahlte er und ließ den Korken so heftig knallen, dass die halbe Flasche auf das Tischtuch schäumte. Beim Einschenken ging auch noch mal ordentlich was daneben, und was dann noch übrig war, schwappte beim Anstoßen über sein Hemd – was ihn aber genauso wenig störte wie die missbilligenden Blicke seiner Frau. Auch ohne Sekt war er einfach glücklich, und MM mit ihm.

Und jetzt saß er wie ein Häuflein Elend in seinem Sessel. MM merkte, dass er mit den Tränen kämpfte.

„Sie wussten genau, wo was zu finden ist“, sagte er, „und wie man die Alarmanlage ausschaltet.“ Tatis Bauch hob und senkte sich. „Die Schlösser sind nicht aufgebrochen worden, auch die Fenster nicht. Typisch Vollprofis, sagt die Polizei. Oder sie haben einen Helfershelfer unter meinen Mitarbeitern. Niko haben sie gleich zum Verhör auf die Wache bestellt. Er ist neben mir der Einzige, der einen Schlüssel hat. Ich habe ihnen gesagt, dass ich für Niko die Hand ins Feuer lege. Sie verhören ihn natürlich trotzdem.“

Ausgerechnet Niko! Wie konnte einer auf die Idee kommen, jemandem wie Niko eine solche Gemeinheit zuzutrauen! Niko, der immer so hilfsbereit und zuverlässig war. Seit MM denken konnte, hatte er für Tati gearbeitet – und eigentlich war er sogar ihre erste Liebe gewesen. Schon als Erstklässlerin hatte sie in seiner Anwesenheit Herzklopfen bekommen, wenn sie Tati im Institut besuchte. Für sie sah Niko genauso aus wie der Winnetou aus dem Film, den sie einmal im Fernsehen gesehen hatte: groß, schlank, braun gebrannt, die langen dunkelbraunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Und wie Winnetou hatte auch er etwas Geheimnisvolles an sich. Er redete mit einer ruhigen tiefen Stimme und rollte dabei das „R“ auf eine seltsame Art. Früher meinte sie immer, er würde das mit Absicht machen und bewunderte ihn umso mehr dafür. Inzwischen wusste sie von Tati, dass dieses „R“ daher kam, dass er eine andere Muttersprache hatte und erst als Zwölfjähriger nach Deutschland gekommen war, woher, wusste sie nicht mehr. Geheimnisvoll war auch die Narbe, die seine linke Augenbraue spaltete. Sie hatte ihn nie danach gefragt, aber als sie noch klein war, stand für sie fest, dass sie von der Büffeljagd stammen musste.

Als sie dann mit acht anfing, sich für Computer zu interessieren, brachte ihr Niko geduldig die ersten Schritte bei. Er konnte wunderbar erklären – ganz im Gegensatz zu Tati, der zwar durchaus willig war, aber sobald es um Computer ging, nur noch ein unverständliches Kauderwelsch hervorbrachte. Er redete dann von Teraflops, Booleschen Operatoren und artifizieller Akzeleration, als ob man das heute alles schon im Kindergarten lernen würde. Niko dagegen konnte ihr auch die kompliziertesten Sachen so erklären, dass sie sie kapierte. Unter seiner Anleitung durfte sie manchmal an ausgedienten Computern herumbasteln. Mit der Zeit hatte sie sich so viel Wissen angeeignet, dass sie vor einem Jahr ihren eigenen Computer zusammengebaut hatte, den sie in Anlehnung an Giant Blue „Quick Blue“ taufte. Quick Blue konnte natürlich nicht im Entferntesten mit Tatis Superrechner mithalten, aber er war trotzdem immer noch schneller als alles, was man in einem normalen Computerladen kaufen konnte. Tati hatte ihr Chips und Prozessoren besorgt, die noch gar nicht auf dem Markt waren.

„Kein Verbrechen ohne Motiv, Gentlemen!“ JoJos Stimme holte sie wieder zurück auf den Parkplatz. „Wenn man weiß, was die Täter antreibt, ergibt sich der Rest von selber.“

„Vielleicht geht es denen ja bloß ums Geld? Und sie verkaufen die Sachen irgendwo auf dem Schwarzmarkt weiter?“, sagte Motte. Er saß wie immer leicht zusammengekauert da und hatte seinen Strubbelkopf auf die Hände gestützt.

„Ich glaub nicht, dass sich das verkaufen lässt“, sagte MM. „Giant Blue sieht von außen aus wie ein kaputter Kühlschrank, voller Kabel und Chips und Platinen.“ Ganz abgesehen davon waren immer noch überall die blauen Blümchen drauf, mit denen sie ihn als kleines Kind „verziert“ hatte.

„Oder Wissenschaftsspionage“, sagte Motte, „vielleicht gibt es ja irgendwelche anderen Forscher, die auch an einem Superrechner arbeiten und unbedingt die Ersten sein wollen? Oder irgendwelche Firmen? Stellt euch vor, ein Rechner, der tausendmal schneller ist als alle anderen, was sich da für ein Schweinegeld mit machen lässt!“

JoJo räusperte sich, womit klar war, dass er dringend einen Geistesblitz loswerden musste. „Die Mafia“, sagte er ernst. Mehr Worte schien er nicht für nötig zu halten. Aber der Griff an die Brille zeigte, dass es sich um eine endgültige Antwort handelte.

MM konnte sich nicht recht vorstellen, was die Mafia mit einem Supercomputer anfangen sollte. Unter Mafia stellte sie sich finstere Typen mit Sonnenbrillen und Pistolen in den Anzugstaschen vor.

Als ob er ihre Gedanken erraten hätte, sagte JoJo: „Schießereien und der ganze Sonnenbrillenkram, das ist alles Schnee von gestern. Das richtige Geschäft wird heute am Computer gemacht: Passwörter knacken, Konten plündern, geheime Daten entschlüsseln, die man dann schön an andere Kriminelle weiterverkaufen kann.“

MM wurde schlagartig klar, dass es sich nicht um eine von JoJos üblichen Übertreibungen handelte. Sie musste schlucken. Tatis Rechner in den Händen von Schwerverbrechern, die damit unschuldigen Menschen schaden wollten?

„Ich glaube auch an die Mafia“, kam jetzt von Simon, und alle drehten sich zu ihm. Er redete so wenig, dass die anderen immer wieder ein bisschen überrascht waren, wenn er etwas von sich gab. Wie immer schlenkerte er mit den Beinen, als sei er in Gedanken irgendwo ganz weit weg. Er schüttelte sich die blonde Mähne aus dem Gesicht und grinste: „War das wieder falsch?“

„Nein, ganz perfekt“, sagte Motte. Simons Deutsch war schon deutlich besser geworden, dank der konsequenten Nachhilfe seiner Kumpel, die ihn immer sofort verbesserten, wenn er einen Fehler machte. Aber trotzdem hatten die vielen Jahre, die er mit seiner Familie in Amerika verbracht hatte, natürlich ihre Spuren hinterlassen.

„Ja, ja, absolut perfekt“, sagte auch MM – auch wenn sie fand, dass man sich darüber streiten konnte, ob ein Satz wie „Ich glaube an die Mafia“ wirklich perfekt genannt werden konnte.

Lange Zeit sagte keiner etwas. MM war in Gedanken wieder bei Tati, und ihr wurde schwer ums Herz.

„Gentlemen!“ JoJo sprang mit einem Satz von der Stange, den man ihm bei seiner Körperfülle (wie er sein Übergewicht selber zu bezeichnen pflegte) gar nicht zugetraut hätte. „Eins ist klar: Wir müssen uns um die Sache kümmern. Das ist was für Profis.“

Obwohl JoJos Profigetue sie nervte, fiel MM ein Stein vom Herzen. Nicht etwa, weil sie ernsthaft daran glaubte, dass sie Giant Blue oder die Einbrecher finden würden. Aber sie hätte es schlichtweg nicht ausgehalten, nichts zu tun.

„Was ist mit Ute?“, fragte Motte etwas verzagt, „sollen wir sie nicht mitmachen lassen?“

Wer Mottes „kleine“ Schwester kannte, wusste, dass die Frage eigentlich umsonst war. Sie würden es ohnehin nicht verhindern können, dass sie mitmachte. Ute war nun mal so: Wenn sie etwas wollte, bekam sie es auch.

„Sag ihr, dass wir uns wahnsinnig freuen, wenn sie wieder dabei ist“, grinste JoJo. Dann stellte er sich hin wie ein Soldat, der Haltung annimmt. Jeder ahnte schon, dass eine seiner berühmten Ansprachen fällig war.

„Mach’s kurz, ich muss zum Abendessen“, brummte Motte. Wenn ihre berüchtigten Bio-Spezialitäten auf den Tisch kamen, verstand seine Mutter keinen Spaß.

JoJo schaute ihn strafend an und nahm die Brille ab. „Gentlemen ...“ Mit einem Blick auf MM ergänzte er: „Ähm ... und Ladies ...“ Dann überlegte er lange. So richtig schien er nicht zu wissen, wie das mit dem Kurzmachen ging. Dann sagte er sehr feierlich: „Hiermit erkläre ich unseren zweiten Fall für eröffnet.“

2. KAPITEL

Die Mafia

„Weiß Simon schon, dass ich mitmache?“, lautete Utes erste Frage. Und sogleich bereute es Motte, dass er seine Schwester eingeweiht hatte.

„Ja, klar, er hat vor lauter Begeisterung zwei Minuten lang die Augen verdreht.“

Ute kreischte los: „Du bist gemein! Sag, dass das nicht stimmt!“

„Natürlich nicht. Er hat die Augen überhaupt nicht verdreht, sondern mich ganz groß angeschaut: Ute, wer ist denn das?“

Das war zu viel für sie – mit einem Schrei stürzte sie sich auf Motte und prügelte wie besessen auf ihn ein. Er fühlte sich mal wieder schmerzhaft daran erinnert, dass zwölfjährige Mädchen von Natur aus unzurechnungsfähig waren. Bei seiner Schwester kam noch erschwerend hinzu, dass sie sich gerade im schlimmsten Hormonrausch der Pubertät befand, die bei ihr leider viel zu früh eingesetzt und ihren Verstand vollends benebelt hatte. „Sieht aus wie sechzehn, ist im Kopf aber acht“, war seine Standardantwort, wenn jemand Genaueres über seine Schwester wissen wollte.

An der Wand über ihrem Bett hatte sie Poster von irgendwelchen merkwürdig frisierten Typen mit E-Gitarren hängen, aber zum eigentlichen Opfer ihrer Schmachtanfälle hatte sie sich Simon auserkoren. Neuerdings nannte sie ihn „Sisi“ – „Saisai“ ausgesprochen, weil sie das so sweeet fand und vor allem amerikanisch. Sie ging davon aus, dass das Saisai-Gesäusel ihn an die alten Zeiten in Amerika erinnerte, denen er immer noch ein bisschen nachtrauerte. Er war nur genervt.

Als sie sich wieder einigermaßen eingekriegt hatte, war die alte Platte mit dem Handy dran. „Aber diesmal will ich auch so ein Handy wie ihr!“ Damals, bei der Sache mit der Millionenerpressung, hatte JoJo die ganze Bande mit Tophandys ausgerüstet, mit Konferenzschaltung und allem Schnickschnack. Zur Frage, wo er das Geld dafür her hatte, gab es verschiedene Versionen; Motte war der einzige, dem er die ganze Wahrheit anvertraut hatte.

„Und was meinst du, was Mama dazu sagen würde, wenn du plötzlich mit einem Handy daherkommst?“ Für ihre Mutter waren Handys Teufelszeug. Sie war überzeugt, dass die Strahlen krank machten. Er hatte seines nur unter der Bedingung behalten dürfen, dass er es „nur im Notfall“ gebrauchte – wobei er einen Notfall natürlich etwas anders interpretierte als seine Mutter. Notfall war, wenn das Handy klingelte. Vorsorglich hatte er es immer nur auf Vibrationsalarm gestellt. Mama hatte schon längst vergessen, dass er überhaupt ein Handy besaß.

„Sei froh, dass du überhaupt mitmachen darfst“, wimmelte er Ute ab – was für sie eine solche Majestätsbeleidigung war, dass sie den Rest des Tages kein Wort mehr mit ihm redete.

Dafür umso mehr mit ihrer besten Freundin Melanie, bei der sie sich telefonisch über ihren schrecklichen Bruder ausweinte. Melanie und Ute waren der Wahnsinn im Doppelpack. Wenn die beiden nicht am Telefon hingen, verbrachten sie ihre Zeit bei H&M vor dem Spiegel, oder zu Hause, ebenfalls vor dem Spiegel, und probierten Klamotten und Schminksachen aus. Dabei kicherten sie pausenlos, obwohl das Ergebnis eigentlich Anlass zu Tränen gegeben hätte.

„Wenn Melanie nur ein Sterbenswörtchen von unserem Fall erfährt, drehe ich dir den Hals um“, stellte er vorsorglich klar. Worauf sie nur mit der Achsel zuckte und ihr ewiges „Ach, Brüderchen ...“ von sich gab.

Motte war nicht besonders unglücklich, dass Ute bei der von JoJo einberufenen „strategischen Lagebesprechung“ am nächsten Tag nicht dabei war, weil sie einen Termin beim Kieferorthopäden hatte. Sie hatte ihre Zahnspange „aus Versehen“ im Klo runtergespült; in Wirklichkeit hatte ihr wahrscheinlich die Farbe nicht mehr gepasst. Auch Simon war nicht wirklich geknickt. Er balgte sich mit Motte, der ihn mit „Hallo, Saisai“ begrüßt und dazu Utes Augenaufschlag nachgemacht hatte. Worauf Simon ihm eine Ladung Wasser aus seiner Wasserflasche verpasst hatte.

Sie hatten sich wie üblich am Parkplatz vor dem Supermarkt verabredet, neben dem Häuschen für die Einkaufswagen. Nicht gerade das gemütlichste Plätzchen – keiner wusste eigentlich, warum sie sich gerade hier trafen, wo ein ständiges Kommen und Gehen war und die Einkaufswagen vorbeirumpelten. Irgendwie war es eben ihr Platz. Hier saßen sie nach der Schule immer noch ein bisschen zusammen oder trafen sich, wenn es etwas zu besprechen gab – oder einfach nur so.

JoJo hatte alle Hände voll zu tun, dem Herumalbern ein Ende zu setzen. Er musste sich mehrmals räuspern, bis alle endlich ruhig auf der Stange saßen.

„Gentlemen“, fing er an und ließ eine kleine Kunstpause folgen. „Gentlemen, es ist mir eine Ehre, die hellsten Köpfe Großbritanniens um mich versammelt zu wissen.“

Motte schaute sich verstohlen zu MM um, was er aber besser nicht getan hätte, denn als sich ihre Blicke trafen, mussten beide gleichzeitig losprusten. „Die hellsten Köpfe ...“

„... Großbritanniens!“

„... Wo hast du denn das her?“

„Ich weiß gar nicht, was ihr habt“, brummte JoJo.

Als sich sein Publikum wieder beruhigt hatte, fing er von vorne an. Diesmal begrüßte er sie als „die hellsten Köpfe der Welt“. Und jetzt schaute Motte auch nicht mehr zu MM, sondern konzentrierte sich auf den Hundehaufen neben dem Häuschen mit den Einkaufswagen.

Natürlich wusste Motte, wem sie „die hellsten Köpfe Großbritanniens“ zu verdanken hatten: Sir Leslie Hamilton, Inspektor seiner Majestät der Queen, der vor zwei Monaten in Form von 20 DVDs in JoJos Leben getreten war.

JoJo selber behauptete, er hätte die englische Krimiserie auf dem Sankt-Ägidien-Flohmarkt aufgetrieben – was Motte aber für eher unwahrscheinlich hielt, und das nicht nur, weil es sich dabei um den jährlichen Flohmarkt des städtischen Altenheims handelte. Dichtung und Wahrheit waren bei JoJo nicht immer ganz deckungsgleich. Motte vermutete eher, dass die Filme zur Hinterlassenschaft seines Vaters gehörten, der vor über fünf Jahren mit einer anderen Frau nach Hamburg gezogen war. JoJo sprach nie davon, aber Motte wusste, wie sehr es ihm zu schaffen machte, dass sein Vater ihn seither nicht ein einziges Mal besucht hatte. Vielleicht war es ja seine Art, mit der Trennung umzugehen, dass er jetzt die Lieblingsfilme seines Vaters hervorholte.

Seine auffälligsten Spuren hatte der Inspektor auf JoJos Kopf hinterlassen. JoJo hatte die Schottenmütze irgendwo im Internet aufgetrieben. Er war wohl auch schon an einem Trenchcoat dran gewesen, dem anderen Markenzeichen des Inspektors, der aber in seiner Größe einfach nicht zu kriegen war. So war er also in seinem Kleidungsstil notgedrungen seiner bisherigen Mischung treu geblieben, die dem Motto folgte: Wozu gibt es Farben, wenn man sie nicht trägt? Ob sie zueinander passten, war eins der Probleme, mit denen sich JoJo ganz offensichtlich nicht belastete. Heute hatte er wieder seine geliebten gelben Bowlingschuhe zusammen mit seiner hellblau metallic glänzenden Hose an. Die lila gefärbten Haare passten dazu wie Senf aufs Marmeladenbrot.

JoJos Umgangsformen hatte der Inspektor jedenfalls von Grund auf umgekrempelt. Er warf jetzt mit englischen Adelstiteln nur noch so um sich. Den Deutschlehrer redete er neuerdings mit „Lord Siegwart“ an, den Mathelehrer Freudenthaler mit „Duke“. Selbst das Fußvolk, wie etwa Busfahrer, Verkäuferinnen oder ganz normale Passanten, wurden nur noch mit „Sir“ oder „Lady“ tituliert. Nachmittags lud er jetzt gern zur „Tea time“ ein, bei der er dann aber mangels Tee den berühmt-berüchtigten „Matsch“ servierte, sein Leib- und Magengetränk. Dabei handelte es sich um eine süße Eispampe, die aus einer Maschine in seinem Zimmer kam. Es gab sie in Knallrot, Lila, Giftgrün und Grellgelb.

Nachdem er die Begrüßungszeremonie zu einem glücklichen Ende gebracht hatte, kam JoJo zu Tagesordnungspunkt Nummer eins, dem „aktuellen Stand der Ermittlungen“, der schnell abgehakt war. Wie MM von ihrem Vater erfahren hatte, tappte die Polizei noch vollkommen im Dunkeln.

Tagesordnungspunkt Nummer zwei lautete „Observierungsnotwendigkeit von Sir Niko“, womit JoJo meinte, dass sie Niko genauer unter die Lupe nehmen sollten. Motte wusste, dass es vollkommen aussichtslos war, JoJo seine geschraubte Sprache abzugewöhnen. Wenn es um Ermittlungen ging, rutschte er unweigerlich und unbeirrbar in diese hochoffizielle Bürokratensprache. Aus einem einfachen Treffen wurde dann eine „strategische Lagebesprechung“ und aus einem Handy ein „elektronisches Kommunikationsmittel“. Sie ließen ihm seinen Spaß.

„Niko ist der netteste Mensch der Welt“, protestierte MM, „es ist doch völlig abwegig, ihn zu verdächtigen!“

JoJo ließ sich nicht abbringen „Vielleicht hat er sich das Vertrauen deines Vaters ja nur erschlichen, um umso unauffälliger seinen Machenschaften nachzugehen? Wir müssen jeder Spur folgen. So machen das die Profis.“

JoJo mit seinen Profis. Aber vielleicht hatte er ja recht, ging es Motte durch den Kopf. Immerhin hatte Niko ja auch schon den Verdacht der Polizei erregt.

„Dann jagt ihr mal einen Unschuldigen“, sagte MM scharf. „Mir ist meine Zeit dafür zu schade!“

Motte war froh, dass sie trotzdem sitzen blieb.

Unbeirrt rief JoJo Tagesordnungspunkt Nummer drei auf – „Möglichkeit weiterer Einbrüche.“

Weitere Einbrüche? Was sich JoJo jetzt wohl wieder ausgedacht hatte?

JoJo machte es mal wieder spannend. Er putzte erst einmal ausgiebig seine Brille, bevor er weiterredete. „Gentlemen, ich habe ins Wasser geschaut.“

JoJo hatte offenbar mit den Worten seines Londoner Helden gesprochen, der sich zur Lösung besonders kniffliger Fälle gerne ans Geländer der Tower Bridge stellte, sein Pfeifchen rauchte und seinen Gedanken freien Lauf ließ, während er auf die Themse schaute. Wie die anderen auch, hatte Motte sämtliche zwanzig Hamilton-DVDs schon mehrfach mehr oder weniger freiwillig angeschaut.

„Die Einbrecher werden wiederkommen.“ JoJo schaute sich um und schien die Fragezeichen auf den Gesichtern seiner Freunde sichtlich zu genießen. Nach einer längeren Kunstpause fuhr er fort: „Gentlemen, die Einbrecher haben zwar Giant Blue, aber sie haben nicht sein Geheimnis. Wenn es sich um die Mafia handelt – und davon bin ich überzeugt – geht es ihnen gar nicht so sehr um den Besitz von Giant Blue, sondern sie wollen selber solche Superrechner bauen. Und dazu brauchen sie die Baupläne. Und vor allem brauchen sie XXI. Im Grunde geht es denen um die Formel von XXI.“

Motte musste zugeben, dass an JoJos Überlegungen etwas dran war. Hätten die Diebe es nur auf Giant Blue abgesehen, warum hatten sie dann in Tatis Institut alles auf den Kopf gestellt? Warum sonst hatten sie versucht, den Tresor aufzubrechen, in dem die wichtigsten Sicherheitskopien, Quellcodes und Passwörter aufgehoben wurden – und sicher auch die Formel von XXI? Es war reiner Zufall gewesen, dass es ihnen nicht gelungen war, das Schloss aufzusprengen. Offenbar hatten sie sich bei der Wahl des Sprengstoffs vertan.

„Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder zuschlagen, Gentlemen“, sagte JoJo. Wie er sich dabei die Hände rieb, ließ fast auf eine gewisse Vorfreude schließen.

„Tati hat mir erzählt, dass die Polizei auch schon darüber diskutiert hat“, sagte MM. „Sie glauben aber eher nicht, dass sie wiederkommen, die Gefahr, erwischt zu werden, sei zu groß. Trotzdem haben sie Tati geraten, die ganzen Unterlagen erst einmal woanders zu bunkern, an einem geheimen sicheren Ort.“

„Am besten ein Banktresor“, meinte JoJo fachmännisch.

Als Motte nach der Lagebesprechung nach Hause kam, ließ ihm Ute keine Ruhe, bis er ihr alles haarklein erzählt hatte. Am meisten interessierte sie natürlich, was ihr verehrter Saisai gesagt, getan und vor allem, was er angehabt hatte. „Seine ausgefransten Jeans? Wie sweeet!“ Motte konnte sich nicht erinnern, dass Simon jemals eine andere Hose getragen hatte. „Und den gelben Pulli?“ Er musste sie enttäuschen – er hatte irgendwas Braunes angehabt. „Ach, das Kapuzenshirt! Ist das nicht sweeet?“

Was konnte seine Schwester nerven! „Jetzt krieg dich mal wieder ein mit deiner Saisai-Macke!“

„Du hast eben keine Ahnung, was echte Liebe ist, unterentwickelt wie du bist!“, giftete sie zurück.

Als er sich endlich an die Hausaufgaben setzte, war es schon kurz vor sechs. Zum Glück hatten sie heute nichts in Mathe auf. Dafür umso mehr Horstmann-Schwachsinn – Englisch eben.

Horsti hatte sich was ganz Besonderes einfallen lassen. Jeder hatte von ihm irgendeine alte Nummer aus seiner Sammlung von Herald Tribune-Zeitungen bekommen und sollte sich daraus drei Artikel vorknöpfen („aber mindestens hundert Zeilen lang“) und zusammenfassen. In drei Sätzen, und auf Englisch selbstverständlich. Wahrscheinlich war der eigentliche Zweck der Aktion, dass er die alten Zeitungen nicht selbst zum Altpapier bringen musste.

Motte schlug die Zeitung auf und fing lustlos an zu blättern. Simon würde sein Geschreibsel am nächsten Morgen ohnehin aufpolieren, er musste sich also keinen abbrechen. Finanzkrise in Ungarn, Minenunglück in Kasachstan, Flugzeugabsturz in Mexiko. Er wollte gerade weiterblättern, als es ihn plötzlich durchfuhr wie bei einem Stromstoß.

Mafia on Track of Supercomputers

Sein Auge klebte an der Überschrift links unten auf der Seite. Die Mafia auf der Spur der Supercomputer. Handelte es sich etwa um den Einbruch bei MMs Vater? Hatte die Polizei nicht eine Nachrichtensperre verhängt, „aus ermittlungstaktischen Gründen“, wie es hieß? Er schaute noch mal auf das Datum. Unsinn, die Zeitung war mehr als drei Wochen alt. Hastig begann er zu lesen.

Modern computer technology increasingly seems to be becoming the target of internationally operating criminal activities.

Computer ... criminal ... international ... Zum ersten Mal verfluchte Motte, dass er im Englischunterricht immer so faul gewesen war. Tapfer kämpfte er sich weiter. Police ... top secret ... burglary ... Adelaide ... internet ... encryption ... Mit einem Kopfschütteln griff er zum Handy und wählte Simons Nummer.

„Ihr Gesprächspartner ist momentan leider nicht erreichbar. Versuchen Sie es bitte später noch einmal.“

Ausgerechnet jetzt! Simon war offenbar auf dem Wolfshof und damit mitten im Funkloch. Seit auf der Wiese neben seinem Elternhaus gebaut wurde, hatte er zwei seiner vierbeinigen Sorgenkinder auf den heruntergekommenen Hof unten am Müllerbach umgesiedelt: Kolja, den Ackergaul, den er vor dem Schlachthof gerettet hatte, und dessen unzertrennlichen Gefährten, den Esel Mischa, der auf ein langes Leben im Zirkus Renz zurückblicken konnte. Schon lange vor den beiden hatte Simons geliebter Schah, von dem niemand so recht wusste, ob es sich nun eigentlich um einen Hund oder einen Wolf handelte, dort seine Heimat gefunden. Die Tiere lebten unter der Obhut von zwei schwerhörigen alten Leutchen, die Simon seit je Tante Elswig und Onkel Wilhelm nannte, obwohl er mit ihnen gar nicht verwandt war. Neuerdings verbrachte Simon wieder mehr Zeit auf dem Wolfshof. Seit er aus seinem komischen Bogenschützenverein ausgetreten war, trainierte er regelmäßig mit seinem amerikanischen Rosenholz-Jagdbogen auf der Wiese hinter der Scheune.

Motte wählte MMs Nummer. Sie hatte in Englisch genauso wie in allen anderen Fächern noch nie was anderes als eine Eins gehabt.

„Was sagst du da?“, fragte sie ihn ungläubig. „Die Mafia auf der Spur der Supercomputer?“

Keine fünf Minuten später war sie bei ihm. Sofort arbeitete sie sich leise murmelnd durch den Text:

Moderne Computertechnologie scheint zunehmend ins Visier international operierender Verbrecherbanden zu geraten. In den letzten Jahren registriert die Polizei eine besorgniserregende Zunahme von Straftaten, die mit dem Ziel verübt werden, in den Besitz von entsprechendem Wissen und Know-How zu kommen.

Wie eine internationale Expertengruppe der Polizei Interpol auf einem Kongress in Adelaide in Australien verlauten ließ, stehen insbesondere superschnelle Großrechner im Visier internationaler Verbrecherbanden. Mit ihrer Hilfe ist es möglich, im Internet an hochgeheime, verschlüsselte Daten zu gelangen, wie sie etwa für den Bau von Atombomben notwendig sind. Es wird befürchtet, dass solche Informationen auf diesem Weg in die Hände von Terroristen gelangen könnten.

MM schaute ihn mit großen Augen an. Für kurze Zeit vergaß er alles, was er gerade gehört hatte, und sah nur diese blaugrünen Meeraugen. Er konnte es immer noch nicht gut ertragen. Er hatte zwar verstanden, dass sie mit ihm einfach nur befreundet sein wollte, aber Gefühle ließen sich eben nicht so leicht abstellen. Er war froh, als sie sich wieder über die Zeitung beugte.

Nach Angaben der Polizei häufen sich Einbrüche in Forschungslabors von Hightechfirmen und Universitäten. Besonders spektakulär war der Coup einer Einbrecherbande in Osaka (Japan), bei dem ein ganzes Institut leergeräumt wurde, ohne dass irgendwelche Spuren hinterlassen wurden. Ein Einbruchsversuch in einer Firma in Finnland, die an einer vielversprechenden Technik arbeitet, um Prozessoren zu beschleunigen, konnte vom werkseigenen Wachdienst in letzter Minute vereitelt werden. Die Täter konnten zwar festgenommen werden, die Hintermänner sind jedoch bis heute nicht ermittelt worden. Bei einem weiteren Einbruch bei National Semiconductor in Kalifornien wurden geheime Pläne für Spezialchips entwendet, bei denen erstmals eine neu entwickelte Beschleunigungstechnik zum Einsatz kam. Auch hier von den Tätern keine Spur.

Wie bei uns, dachte Motte.

„Wie bei uns“, sagte MM leise.

3. KAPITEL

Der Meister

MM stürmte die Treppe hoch. Zum Glück war Tati schon da. Sie drückte ihm die Zeitung in die Hand. „Unten links.“

Die Furchen auf Tatis Stirn wurden immer tiefer, je weiter er las. „Wo hast du das denn her?“, murmelte er, ohne den Blick von der Zeitung zu nehmen.

„Horsti, Englischhausaufgaben.“

„Das muss unbedingt die Polizei erfahren!“, sagte er, als er fertig war. „Und der Direx genauso!“ Er blickte auf die Uhr. „Der wollte sowieso gleich noch vorbeikommen.“

In dem Moment klingelte es an der Tür, und kurz darauf stand der Universitätsdirektor vor ihnen. Mit seinen zwei Metern, dem zerzausten Blondschopf und den Sommersprossen im Gesicht sah er aus wie ein großer Junge. „Hallo, Marienhoff!“ Er strahlte Tati mit einem breiten Lächeln an und fasste ihn freundschaftlich an die Schulter.

Seit MM denken konnte, sprach der Direx Tati mit dem Nachnamen an, obwohl sie eigentlich per Du waren. Tati nannte ihn immer „Direx“, was sicher auch damit zu tun hatte, dass er mit Nachnamen Pullermann und mit Vornamen Erwin hieß.

Wortlos hielt Tati ihm den Artikel hin.

Der Direx schüttelte beim Lesen immer wieder fassungslos den Kopf. Am Ende sagte er „Das muss gleich die Polizei erfahren! Wo hast du das her?“

Tati deutete auf MM.

„Wie, du hast das ausgegraben?“

„Nein. Ein Freund aus der Klasse ist drauf gestoßen, durch Zufall – Horsti ... ähm ... Herr Horstmann ... hat uns für die Hausaufgaben seine alten Herald Tribune-Nummern ausgeteilt.“

„Kann ich die Zeitung mitnehmen, für die Polizei?“

„Ähm – dann könnte Motte ein bisschen Schwierigkeiten kriegen, er hat noch nicht mal angefangen ...“

„Ach, lass mich mal machen, ich ruf Herrn Horstmann an, das kriegen wir schon geregelt“, sagte er mit einem verschmitzten Lächeln, bevor er mit Tati in dessen Arbeitszimmer verschwand. Der Direx gehörte zu den Menschen, die man einfach sympathisch finden musste. Er strahlte eine Natürlichkeit aus, die man von einem hohen Tier wie ihm nicht erwartet hätte. Er fuhr immer noch den alten klapprigen VW Käfer aus seinen Studententagen. „Ich habe mir damals geschworen, nicht abzuheben“, hatte er Tati einmal erzählt, und das war ihm offenbar gelungen. Er steckte sein Geld lieber in die Kunst. Er hatte immer eine Schar mehr oder weniger brotloser Künstler um sich herum, für die er hingebungsvoll Ausstellungen und Lesungen organisierte, und denen er, wenn nötig, auch finanziell unter die Arme griff, indem er ihnen Kunstwerke abkaufte oder Geld zukommen ließ. In seinem Haus in der Glockengießer Straße sah es aus wie in einem Museum. Selbst sein Wochenendhäuschen in der Kleingartensiedlung hatte der Direx noch mit Skulpturen vollgepackt. MM erinnerte sich an eine Statue, die ihr als Kind immer Angst gemacht hatte, wenn Tati sie zu den Grillpartys mitgenommen hatte, die der Direx gerne mit seinen Künstlern veranstaltete: ein riesige bleiche Figur aus Marmor, die anstelle von Armen zwei merkwürdige Rüssel hatte.

„Und? Hat er gesagt, wie weit die Polizei bei ihren Ermittlungen ist?“, fragte MM, als der Direktor aus dem Haus war.

„Nichts“, sagte Tati mit einem Seufzer. „,Wir sind gerade noch bei der Auswertung der Spuren‘, hieß es bei der Polizei – was so viel bedeutet, wie dass sie nicht die geringste Spur haben. Keine Fingerabdrücke, keine Zigarettenkippen, nichts. Sie haben eine Belohnung von zehntausend Euro ausgesetzt, vielleicht bringt das ja den Durchbruch.“

„Und Niko?“, fragte sie vorsichtig. „Was ist bei dem Verhör rausgekommen?“

„Nichts – wie ich es ja von Anfang an gesagt habe.“ Er machte eine Pause. „Weißt du, ich kenne ihn jetzt fast schon länger, als ich dich kenne – und ein bisschen Menschenkenntnis hab ich ja auch.“

„Aber meine Freunde denken alle ...“, rutschte es ihr heraus.

Tati schaute sie von der Seite an. „Ihr seid doch nicht etwa wieder am Ermitteln? Du weißt, dass Mama ...“

„Ja, ich weiß.“ Damals, nach der Sache mit der Erpressung, hatte sie Mama hoch und heilig versprechen müssen, sich nie wieder in solch eine Gefahr zu begeben.

„Überlasst das besser der Polizei, die ist dafür da.“

„Ja“, sagte sie, so leise, dass er es bestimmt nicht gehört hatte. Eigentlich überließen sie ja auch alles der Polizei. Nur dass sie sich eben auch noch ihre eigenen Gedanken machten.

Woher war sich Tati eigentlich so sicher, dass Niko nichts mit der Sache zu tun hatte?, ging es ihr an diesem Abend immer wieder durch den Kopf, während sie über ihrer täglichen Ration Japanischvokabeln saß. Seine Menschenkenntnis, schön und gut. Aber was wusste er eigentlich wirklich über Niko? Klar, Tati schätzte ihn, weil er ein hochintelligenter, fleißiger und zuverlässiger Mitarbeiter war. Aber woher sollte er wissen, was Niko außerhalb seiner Arbeit trieb? Tati war viel zu zurückhaltend, um sich für das Privatleben seiner Mitarbeiter zu interessieren. Vielleicht war es doch gar nicht so schlecht, dass die Jungs ihn etwas näher unter die Lupe nahmen.

Besonders viel hatten sie bei ihrer großspurigen „Observierungsaktion“ allerdings noch nicht herausbekommen. Irgendwie schien sich Niko immer wieder in Luft aufzulösen – behaupteten sie jedenfalls. Vielleicht stellten sie sich auch nur etwas ungeschickt an. Das erste Mal war er ihnen auf seinem Fahrrad jedenfalls schlichtweg davongefahren, als sie ihn auf dem Heimweg von der Uni beschatten wollten. Selbst Simon musste nach ein paar hundert Metern die Segel streichen.

„Wie um alles in der Welt kann ein Computerfritze so fit sein?“, beklagte sich JoJo in der Lagebesprechung. Besonders ärgerlich fanden die Jungs es, dass Nikos „Fortbewegungsmittel“ ein halb verrostetes Vorkriegsmodell von einem Fahrrad war, dessen modernster Bestandteil in einem gelben Quietscheentchen bestand, das Niko als Klingel benutzte. („Alles Tarnung“, war sich JoJo gleich sicher, wobei er offen ließ, was ein Kinderspielzeug an einem altersschwachen Fahrrad mit Tarnung zu tun haben sollte.) Immerhin hatten die Jungs inzwischen herausgefunden, dass Niko irgendwo in der Bornkamp-Siedlung wohnte, wo er ein einfaches Zimmer bei einer älteren Dame gemietet hatte (auch dahinter witterte JoJo natürlich eine Tarnung).

Warum war sie eigentlich nicht schon vorher darauf gekommen?, durchfuhr es MM plötzlich. Sie schmiss ihr Japanischbuch in die Ecke und schaltete Quick Blue an. Ungeduldig starrte sie auf den Bildschirm, bis der Rechner hochgefahren war, dann hämmerte sie „Niko Baumann“ in die Tasten. Als die Trefferliste erschien, musste sie sich erst einmal die Augen reiben – 15470 Treffer!

Automatisch klickte sie den ersten an.

Niko Baumann zum dritten Mal Meister im TINJAKU TJADô DôKô.

TINJAKU TJADô DôKô? Dass es sich bei dem Meister wirklich um ihren Niko handelte, sah sie sofort auf dem Bild: zwei Männer in weißen Judo-Anzügen, einer davon mit Pferdeschwanz, unverkennbar Niko.

Hastig klickte sie den nächsten Eintrag an.

Niko Baumann überlegener Gewinner des TINJAKU TJADô DôKô-Turniers in Gelsenkirchen

Auch bei den nächsten Stellen ging es um irgendwelche Turniersiege, die Niko errungen hatte. Mit wachsender Erregung tippte sie „TINJAKU TJADô DôKô“ ein.

TINJAKU TJADô DôKô gehört zu den härtesten asiatischen Kampfsportarten. Der Name stammt aus einem alten nordkoreanischen Dialekt und bedeutet „kräftiger Wind“. Dabei kommen die verschiedensten Schlag-, Stoß-, Wurf- und Tritttechniken zum Einsatz. TINJAKU TJADô DôKô gehört zu den sogenannten „realistischen Verteidigungstechniken“ – also den Kampfsportarten, bei denen der Gegner im Ernstfall wirklich außer Gefecht gesetzt werden soll. Dabei kommt es jedoch nicht so sehr auf den Einsatz von Kraft an als auf die absolute Präzision der Bewegungsabläufe.

In dem Moment klingelte das Handy. JoJo, wie sie mit einem Blick auf das Display feststellte.

„Sag mal, weißt du, was TINJAKU TJADô DôKô ist?“, fragte er atemlos. Im Hintergrund hörte sie Mottes aufgeregte Stimme: „Mit so merkwürdigen Dächern auf dem O.“ Die Jungs hatten bei ihrer Observation also doch noch etwas herausgekriegt.

„Wie kommt ihr denn auf dieses Tinjaku?“

„Das führt jetzt zu weit“, sagte JoJo geheimnisvoll. „Die Observation des Observationsobjektes ... ähm ... von Niko zeigt die gewünschten Resultate. Es ist uns ... ähm Simon ... gelungen, dranzubleiben.“

MM konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, während sie sich weiter durch das Netz klickte.

„Niko trifft sich da mit irgendwelchen Typen, in der Seydlitzstraße, irgendwo unten in einem Keller, lauter Männer mit schweren Umhängetaschen. Irgendwas hecken die da aus. Und auf dem Klingelschild steht dieses Tinjaku-Dingsda ...“

„TINJAKU TJADô DôKô“, murmelten jetzt alle drei. Es klang wie die Boygroup eines buddhistischen Klosters.

„Sieht verdammt nach Geheimsprache aus“, bemerkte Motte.

„Klarer Fall von einem Tarnnamen, wie die Mafia sie verwendet“, wusste JoJo.

MM biss sich auf die Lippen. So ernst sie konnte, sagte sie: „Alter nordkoreanischer Dialekt. Heißt ‚kräftiger Wind‘.“

Auf der anderen Seite herrschte ehrfurchtsvolles Schweigen.

„Und was soll das sein?“, fragte JoJo endlich.

„Sport. Die Typen machen Sport.“

„Sport?“ Die Enttäuschung war JoJo anzuhören.

„Na ja, kein ganz normaler Sport, ein Kampfsport.“ Sie las den Jungs den Artikel auf ihrem Bildschirm vor.

„Das klingt doch hochverdächtig, Gentlemen“, platzte es aus JoJo heraus. „Wozu muss ein Computerfreak wissen, wie man Leute k.o. schlägt? Gentlemen ...“

Sie ließ ihn nicht aussprechen, denn im selben Augenblick war sie schon auf einen anderen Artikel gestoßen.

„Ich hab da was! Niko ist so etwas wie der Star der Szene, er ist sogar mal Weltmeister gewesen, vor drei Jahren ...“

Im Finale in Los Angeles schlug Niko Baumann den hoch favorisierten Japaner Mitsushi, der seit zehn Jahren keinen einzigen Kampf verloren hatte. Dieses Duell ist in die Geschichte des TINJAKU TJADô DôKô eingegangen, wegen einer völlig neuen Technik, die Niko Baumann angewandt hat. Sie ist als „Baumann-Kick“ berühmt geworden – es handelt sich dabei um einen Hechtsprung knapp am Gegner vorbei, bei dem dieser durch einen Kick mit der Hacke in den Bauch und einem gleichzeitigen Handkantenschlag in den Nacken außer Gefecht gesetzt wird.

„Hochverdächtig, Gentlemen“, grummelte JoJo wieder.

„Was soll daran eigentlich so verdächtig sein?“, fragte MM. „Jeder Mensch hat irgendein Hobby, und Nikos Hobby ist eben dieses Tinjaku. Tausende von Menschen treiben irgendeinen Kampfsport, macht sie das etwa zu Verbrechern?“ Aber noch während sie redete, merkte sie, wie sie Zweifel an ihren eigenen Worten beschlichen. Tinjaku war alles andere als ein normaler Sport, und vielleicht war auch Niko anders, als sie bisher hatte wahrhaben wollen.

4. KAPITEL

Nudeln, Marlboro und Nutrimax

Niko mochte ein gewalttätiges Hobby haben – sein Alltagsleben stellte sich allerdings als denkbar harmlos heraus, und daran konnte auch eine weitere Woche harter Beschattungsarbeit nichts ändern. Meistens war er bis spät abends im Institut, wo der Wiederaufbau bereits auf Hochtouren lief. An drei Abenden die Woche trainierte er in seinem Kampfsportverein, ansonsten blieb er brav zu Hause. Ein einziges Mal ging er abends mit einer Frau ins Kino, die sich als die Nachbarin von schräg gegenüber herausstellte. In dem Film ging es um das Leben der Pinguine.

Langsam schienen sogar JoJo Zweifel zu kommen, ob Niko wirklich der Bösewicht war, für den sie ihn gehalten hatten. Auf einer denkwürdigen Lagebesprechung wurde das „Projekt Niko“ dann offiziell beerdigt.

„Eigentlich können wir die ganzen Ermittlungen gleich mit beerdigen, Gentlemen“, grummelte JoJo und trommelte mit den Hacken ärgerlich gegen die Geländerstange. „Wir haben nicht die geringste Spur. Und ohne Spur keine Ermittlung.“ Seine Hände spielten mit der Hamilton-Mütze, als ob er drauf und dran sei, sie wegzuwerfen. „Immerhin hat auch die Polizei keinen Schimmer“, fügte er trotzig hinzu. Motte fand das einen schwachen Trost.

„Verbrecher können sich doch nicht einfach so in Luft auflösen“, erregte sich Ute so lautstark, dass ein paar Passanten sie erschrocken anschauten. Dann saßen sie nur noch schweigend auf dem Geländer, jeder in seine Gedanken versunken.

Motte ging wieder der Zeitungsartikel durch den Kopf. Auch bei den anderen Einbrüchen waren die Täter nie gefunden worden. Sollte sich jetzt das Gleiche wiederholen?

JoJos Vorschlag, „die Ermittlungsaktivitäten bis auf Weiteres auszusetzen“, wurde einstimmig angenommen, von Utes Gegenstimme einmal abgesehen. Für sie waren die Ermittlungen ohnehin nur ein Vorwand, in der Nähe von Simon zu sein.

Am nächsten Tag saß Motte mit seiner Familie beim heiligen Abendessen, Mama hatte Tofu-Würstchen mit Selleriegemüse aus ihrer Lieblingszeitschrift „Kochen, aber gesund“ serviert. Mit von der Partie war heute ein ganz besonderer Gast: JoJo. Sie hatten zusammen das Referat über die mittelalterliche Stadt vorbereitet, das sie in Geschichte halten sollten. Und danach war er zum Essen geblieben – zur größten Freude von Mama. JoJo war immer so etwas wie ihr Sorgenkind gewesen. Er tat ihr furchtbar leid, weil er keine „richtige Familie“ hatte. Sie sah ihn als ein armes, vernachlässigtes Kind, das den Verlockungen der modernen Zeit schutzlos ausgeliefert war: Fernsehen, Video, Computerspielen. Und natürlich dem ungesunden Essen. Seit Motte ihr einmal in einem unbedachten Moment von JoJos Matschmaschine erzählt hatte, war sie überzeugt, dass er nicht mehr lange zu leben hätte, wenn er nicht bald auf den Pfad der Bioernährung finden würde. Aber so oft sie ihn auch einlud, immer hatte er die schönsten Ausreden parat.

Heute jedoch hatte er sofort angenommen und seinem Dank mit den Worten „Lady, ich bin Ihren Kochkünsten schon längst hilflos verfallen“ Ausdruck verliehen. Den Spruch hatte er offenbar aus dem dritten Hamilton-Film, in dem der Kommissar der Mutter des Mörders mit ebendiesen Worten schmeichelt, um mehr über ihren Sohn zu erfahren.

Mama konnte natürlich nicht wissen, dass JoJos plötzliche Begeisterung weniger mit ihren Tofu-Würstchen und schon gar nicht mit dem Sellerie-Gemüse zu tun hatte als vielmehr mit der Projektwoche „Leben ohne Drogen“, die sie gerade in der Klasse hatten. Dabei ging es nicht nur um Drogen, sondern um den Umgang mit Süchten aller Art, zu denen auch Spielsucht, Fernsehsucht oder die Sucht nach Süßigkeiten gehörten. Heute in der sechsten Stunde hatte die Projektwoche mit den feierlichen Gelöbnissen ihren Höhepunkt erreicht. Jeder Schüler musste sich vor der Klasse verpflichten, zwei Wochen lang auf irgendeine der vielen Versuchungen zu verzichten.

Die Gelübde hatten sie ausgerechnet vor Siegwart abgeben müssen, der schon öfter gesichtet worden war, wie er des Nachts durch die Straßen torkelte. Er hatte eine Ansprache gehalten, in der er noch einmal weitschweifig den Sinn der ganzen Projektwoche erklärt und zum guten Schluss seiner Hoffnung Ausdruck verliehen hatte, „dass ihr dadurch auf ein Leben mit Drogen vorbereitet werdet ... ähm ... ich meine ... ohne Drogen.“ Die meisten bemerkten den Versprecher gar nicht, weil sie schon eingeschlafen waren.

Nur JoJo war zu Mottes großer Überraschung und zur Freude von Lord Siegwart ganz bei der Sache. Als er an der Reihe war, gelobte er mit fester Stimme, „zwei Wochen lang keine Erzeugnisse der Fastfoodindustrie“ zu sich zu nehmen. Wie immer, wenn JoJo feierlich zumute war, wurde er auch umständlich. Natürlich konnte er es auch nicht lassen, sein Gelöbnis mit den Worten „Ich danke Ihnen, Gentlemen!“ zu beenden.

Nun saß er vor Mamas Sellerie-Eintopf, als ob er nie etwas anderes gegessen hätte. Dazu schlürfte er genüsslich ungesüßten Holunderbeersaft. Entweder es schmeckte ihm wirklich oder er war ein genialer Schauspieler.

Das Gespräch bei Tisch wurde mal wieder von Ute beherrscht. Es ging um ihren Geburtstag, genauer gesagt, um ihre Geburtstagswünsche. Dass es bis zu dem freudigen Ereignis noch acht Monate hin war, störte sie nicht im Geringsten. Geburtstagsgeschenke waren nun mal schon immer ihr Lieblingsthema gewesen. Ganz nach ihrem Motto „mein Thema ist dein Thema“ überlegte sie munter hin und her, ob sie sich das „supergeile“ D&C-Top lieber in Pink oder in Malve wünschen sollte. Während Mama ernsthaft darauf einging (oder zumindest so tat), kam von Papa nur die Bemerkung „Hauptsache wasserdicht“. Dass der Beitrag wie so oft in keinerlei Zusammenhang mit dem aktuellen Thema stand, nahm ihm niemand übel. Er war eben wie immer irgendwo in seinen Gedanken, und es war seine Art zu signalisieren, dass er dem Gespräch durchaus zu folgen versuchte.

Utes Monolog war gerade zum nächsten ihrer dringenden Probleme übergegangen, das mit einem der Typen auf ihren Bravo-Postern zu tun hatte, als Motte das wohlbekannte Vibrieren in seiner Hosentasche spürte. Das Handy, ausgerechnet jetzt, wo er nicht die geringste Chance hatte, ranzugehen. Während er noch überlegte, sprang JoJo neben ihm auf wie ein Flummi, aller Augen ruhten auf ihm. Offensichtlich hatte er dasselbe Problem in seiner Hosentasche, woraus Motte schloss, dass es sich um einen Rundruf handeln musste. MM? Simon?

JoJo wusste offenbar, dass Handys im Hause Blohm verpönt waren. Er legte einen betretenen Gesichtsausdruck an den Tag, trat von einem Bein auf das andere, räusperte sich und hüstelte: „Ladies und Gentlemen, ich weiß, es ist der denkbar unglücklichste Zeitpunkt, aber ... ähm ... es ist mir sehr unangenehm, aber ... ähm ... die Natur ruft“, und schon war er, so elegant es seine Körperfülle erlaubte, durch die Tür gehuscht.

„Die Natur ruft“, äffte ihn Ute nach. „Kann er nicht einfach sagen, dass er aufs Klo muss?“ Sie verdrehte die Augen. „Wenn Jungs in die Pubertät kommen ...“

„Pubertät von lateinisch pubertas, Geschlechtsreife ...“ Papa fühlte sich offenbar wieder zu einem Beitrag berufen. Er hatte diesen Tick, dass er ständig Fremdwörter erklären musste.

Als JoJo wieder auftauchte, war Motte sofort klar, dass etwas passiert sein musste, was wichtiger war als die Tofu-Würstchen, die er noch auf seinem Teller hatte.

Eine Viertelstunde später saßen sie alle auf dem Geländer am Parkplatz. Wie sie es geschafft hatten, sich von Mamas heiligem Mahl loszueisen, war mal wieder Spitzenklasse gewesen. JoJo hatte bei seiner Rückkehr von der Toilette verkündet, dass ihm auf dem Klo etwas eingefallen sei. („Ach, und ich dachte, du seist in der Natur gewesen“, musste Ute natürlich stänkern).

Er erzählte irgendetwas von einer Mahnwache vor MacDonalds, bei der gegen die Fastfoodindustrie demonstriert werden sollte. „Die findet jetzt doch jeden Tag statt. Ich hab das voll verpeilt, dass wir heute ... ähm ... Motte und ich ... die Schicht von ...“ Er schaute auf die Uhr, „... 19.25 bis 20.25 Uhr übernommen haben. So leid es mir tut, aber wir müssen sofort los!“

Mama war von der Sache mit der Mahnwache schlichtweg hingerissen und packte schnell noch ein paar Tofu-Würstchen als Proviant ein. Ute hatte natürlich sofort kapiert, was gespielt wurde, und verlauten lassen, dass sie sich selbstverständlich auch an der Mahnwache beteiligen würde. Mama fand das wunderbar. Motte konnte sie kaum mehr davon abhalten, selber mitzukommen.

„Jetzt sag schon!“ JoJo konnte sich vor Ungeduld kaum auf dem Geländer halten.

„Es gibt was Neues von der Polizei”, sagte MM. “Tati hat es mir gesteckt ... Ermittlungsgeheimnis, ihr habt das also alles nicht gehört. Der Hausmeister der Uni hat im Gebüsch einen Zettel gefunden, genau da, wo der Lieferwagen gestanden hat, als sie Tatis Institut ausgeräumt haben.“

„Warum sie den jetzt erst entdeckt haben, ist mir ja ein Rätsel“, schimpfte JoJo. „Echte Profis kämmen alles sofort systematisch durch ...“

„Ist ja gut, JoJo“, unterbrach ihn MM. „Die Polizei meint, es könne sich um einen Einkaufszettel handeln, der den Einbrechern vielleicht aus der Tasche gefallen ist.“

„Und was steht da drauf?“, fragte Motte.

„Nudeln, Marlboro und was ganz Merkwürdiges.“ Sie schaute auf ihre Handfläche und las ab: „Nutrimax forte für Baghira.“

„Nutrimax forte für Baghira? Was soll denn das?“, fragte JoJo. „Klingt nach ’ner Bohrmaschine, extrastark. Gentlemen, sicher wollten sie damit den Tresor aufbohren ...“

„Nutrimax forte ist ein ganz speziales Hundefutter – für Kleinhunde.“ Alle wandten sich Simon zu.

„Welpenfutter?“

„Ja. Sehr teures Welpenfutter“, bestätigte Simon. Wenn es um Tiere ging, wusste er einfach alles. Bei sich zu Hause im Garten hatte er eine Art Tierlazarett, wo er alle möglichen kranken oder ausgesetzten Tiere pflegte, die er irgendwo gefunden hatte oder die ihm von Nachbarn oder Freunden gebracht wurden. Das Rehkitz Nala zum Beispiel hatte ein Bein durch einen Mähdrescher verloren, Simon hatte es gesund gepflegt und mit der Flasche groß gezogen. Der aktuellste Neuzugang war der Spatz Kutschulu, dem er einen gebrochenen Flügel geschient hatte und den er nun mühsam aufpeppelte, bis er wieder fliegen konnte.

„Hmmm, und Baghira? Das ist doch der schwarze Panther aus dem Dschungelbuch, oder?“, fragte Motte.

„Verbrecher mit einem Hundebaby? Irgendwie komisch ...“, sagte MM.

„Aber könnte tatsächlich weiterführen“, sagte JoJo.

„Wenn der Zettel wirklich von den Einbrechern stammt“, wandte MM ein.

„Ist bestimmt schwarz, der Hundebaby“, murmelte Simon.

Es war nicht viel, aber immerhin hatten sie eine Spur.

Eine heiße Spur, wie sich schon bald herausstellen sollte.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.