Kitabı oku: «Motte und Co Band 4: Die Insel der Drogenbande»

Yazı tipi:

Ulrich Renz

Die Insel der Drogenbande



Sefa Verlag Lübeck

„Die Insel der Drogenbande“ ist der vierte Band der Kinderkrimi-Serie „Motte & Co“, www.motte-und-co.de

Weitere Bände der Reihe:

 Band 1: „Auf der Spur der Erpresser“

 Band 2: „Auf der Jagd nach Giant Blue“

 Band 3: „Blutspur“

1. Auflage September 2020

© 2020 by Sefa Verlag, Lübeck, www.sefa-verlag.de

Umschlaggestaltung: Ponke Grabo, Berlin,

www.ponkegrabo.de

Font Coverlogo „Motte & Co“: „Refurbished“,

© Billy Argel, verwendet mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Der Refrain des von den „Jüngern der weichen Welle“ gesungenen Liedes stammt aus dem Song „Das weiche Wasser“ der Gruppe Bots (Musik: Hans Sanders)

ISBN 978-3-945090-54-1

Steckbriefe
Motte & Co

Name: Moritz Blohm,

genannt Motte

Alter: 13

Besondere Kennzeichen:

eigentlich keine

(wie er selber meint)

Name: Simon Böttcher

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: verträumter Naturfreak, Schwarm aller Mädchen, kleines Sprachproblem

Name: Mariekje Marienhoff, genannt MM

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: meerblaue Augen, Mathegenie und Computerfreak

Name: Jochen, genannt JoJo

Alter: 13

Besondere Kennzeichen: Großmaul mit Übergewicht. Was Kleidung und Frisuren angeht „dem Trend immer einen Schritt voraus“

Name: Ute Blohm

Alter: gerade 12 geworden

Besondere Kennzeichen: Schwester von Motte. Ziemlich frühreif, steht gerne vor dem Spiegel, quasselt alle an die Wand.


Steckbrief Autor

Name: Ulrich Renz, genannt U

Alter: mittelalt

Besondere Kennzeichen: liebt schwäbische Spätzle, hat einen Zwillingsbruder, macht gerne Musik, war einmal Arzt, schreibt jetzt Bücher für Kinder und Erwachsene.

Mehr unter www.ulrichrenz.de

Inhalt

Steckbriefe Motte & Co

„Das glaubt uns doch sowieso niemand“

Wie alles anfing

Wunder geschehen auch heute noch

Sonne, Sand und Hängematte

Die Strammscheitel

Schuss ins Schwarze

Überdosis

Das Riesenbaby

Hiermit erkläre ich …

Nur eine Rettungsübung

Die Razzia

Der Junkie

Die Abrechnung

Ein Altbekannter

Eis unter der Erde

Der tote Briefkasten

Im Strandcafé

Hausarrest

Das Haifischparadies

Voll entspannt im Aquapark

Die Fahrt auf der Banane

Der richtige Schluss

Wie im Krimi

Abschied

„Ich hab‘s ja gesagt, das glaubt uns sowieso keiner“

Mehr Motte ...

„Das glaubt uns doch sowieso niemand“,

sagte MM mit einem breiten Grinsen.

„Und Siegwart schon gar nicht“, sagte Motte. Auch er hatte ein Grinsen im Gesicht, genauso wie Simon, der aber kein Wort verlor, sondern sich nur die blonde Mähne aus dem Gesicht schüttelte und weiter mit den Füßen schlenkerte.

JoJo war der einzige, der die gute Laune seiner Freunde nicht zu teilen schien. „Was Siegwart meint, ist mir doch egal! Es ist schließlich so passiert, ob er's glaubt oder nicht“, brummte er und strich sich durch die Haare, die er neuerdings wachsen ließ. Von seinem Ziel, sie oben zu einem Knoten zusammenzudrehen, war er aber noch ziemlich weit entfernt. Wenn man ihn fragte, warum er sich gerade diese Frisur ausgedacht hatte, bekam man keine klare Antwort, aber seine Freunde lagen mit der Vermutung, dass es etwas mit dem coolen Surflehrer vom Ferienclub zu tun hatte, sicher nicht falsch. Chrissy, wie ihn alle genannt hatten, war von so ziemlich allen Mädchen heiß umschwärmt gewesen, ganz besonders natürlich von Mottes Schwester Ute. Das lag aber nicht nur an seiner angesagten Frisur, sondern auch an seinem Körperbau. Und da war JoJo, klein und dick wie er war, von vorneherein auf verlorenem Posten.

Die vier Freunde saßen nebeneinander auf dem Geländer in einer Ecke des Parkplatzes vor dem Supermarkt, wo sie nach der Schule immer eine kleine Pause einlegten, bevor sich jeder auf seinen Nachhauseweg machte.

„Jetzt krieg dich doch ein“, sagte Motte zu JoJo, „wart doch erstmal ab, wie Siegwart reagiert.“

„Klar denkt er, wir hätten uns das alles zusammen ausgedacht“, sagte MM. „Kann schon sein, dass er uns dafür ein paar Punkte abzieht, er ist ja so darauf rumgeritten, dass wir einen Tatsachenbericht schreiben sollen und keine Fantasiegeschichte …“

„Und dass ihr mir bloß nichts dazuerfindet, meine Damen und Herren“, äffte Motte den Deutschlehrer in dessen merkwürdigem Singsang nach. „Das Thema heißt: Ein unvergessliches Ferienerlebnis, jeder schreibt drei Seiten Minimum.“

„Ich werde ihm dann schon klarmachen, dass es nun mal genau so passiert ist, ob's ihm passt oder nicht!“, platzte es aus JoJo heraus. „Schließlich gibt es ja auch Beweise.“ Mit beleidigtem Gesicht fügte er hinzu: „Als ob ich es nötig hätte, mit irgendwelchen erfundenen Geschichten anzugeben“, und zwirbelte wieder an seinen Haaren herum.

„Ist doch logisch“, beschwichtigte ihn Motte, „wir schreiben alles genau so, wie es passiert ist …“

„Aber …“, unterbrach ihn MM, „eins ist doch wohl klar: kein Wort zu dem, was am Schluss passiert ist, ja?“

„Was denkst du denn?! Abgemacht ist abgemacht“, gab Motte zurück.

„Wollte das nur noch mal für uns alle klarstellen“, sagte MM und zwinkerte dabei JoJo zu. „Nicht, dass jemandem der Stift durchgeht. Bei der Banane ist Schluss, okay?“

„Klar, bei der Banane ist Schluss“, sagte Motte.

„Logo, bei der Banane ist Schluss“, brummte JoJo.

„Banane … Schluss“, murmelte jetzt auch Simon.

MM sprang von der Stange. „Ich muss los.“ Sie umarmte die Jungs einen nach dem anderen, Motte erst ganz am Schluss, dafür ein bisschen länger. „Also dann, viel Spaß beim Schreiben!“

Sie setzte sich auf ihr Fahrrad. Im Wegfahren drehte sie sich noch zu JoJo um: „Und nichts dazu dichten – es reicht auch so für einen Herzinfarkt von Siegwart …“

„Hör mal … kennst mich doch …“

„Ja, eben.“

***

Zwei Stunden später lag Motte in seinem Zimmer auf seinem Lieblingsplatz, dem weißen flauschigen Teppich unter dem Hochbett, und starrte auf das leere Heft, das aufgeschlagen vor ihm lag. Er wusste einfach nicht, wie er anfangen sollte. Und das ging jetzt schon eine ganze Stunde so.

Bisher hatte er nur seinen Namen links oben auf die Seite gekritzelt, aber das war auch schon alles. „Moritz Blohm, Klasse 7 c“. Wie immer kam es ihm ein bisschen komisch vor, seinen offiziellen Vornamen vor sich zu haben. Seit Menschengedenken nannten ihn nun mal alle nur Motte.

Gut, Siegwart hatte ihnen eine ganze Woche Zeit gegeben, er war also nicht wirklich unter Druck, aber irgendwann sollte er schon mal in die Gänge kommen. Die anderen hatten bestimmt schon ein paar Seiten geschafft, zumindest MM, und Simon sicher auch. Bei JoJo hatte er allerdings seine Zweifel, der saß jetzt vermutlich eher an seinem Spiel vor der Playstation und zog sich dazu einen Döner rein. JoJo hatte einfach zu viel Ablenkung, um sich mit Hausaufgaben zu beschäftigen. Und wenn seine Mutter abends nach Hause kam, hatte sie anderes zu tun als die Schularbeiten ihres Sohnes zu kontrollieren. Am Ende würde es wie immer auf eine seiner berühmten „Last-minute-Hausaufgaben“ hinauslaufen, kurz vor der Deutschstunde würde er die von Siegwart geforderten „drei Seiten Minimum“ hinklecksen und sich mit dem üblichen „ausreichend“ zufriedengeben.

Motte stöhnte. Er hatte ja selber noch keinen Buchstaben zustande gebracht, und jetzt zog er über JoJo her ... Das Problem war nicht, dass ihm nichts eingefallen wäre – genau das Gegenteil war der Fall. Sobald er an den Urlaub dachte, drängelten sich tausend Bilder und Erinnerungen gleichzeitig in seinen Kopf, er konnte einfach nichts dagegen machen. Es fühlte sich fast so an, als ob er immer noch auf der Insel wäre.

Er spürte die Sonne auf der Haut, den warmen Sand unter den Fußsohlen, fühlte den Wind in den Haaren, und meinte sogar, das Meer zu riechen. Er sah den Campingplatz vor sich, wo sie sich ihr Lager eingerichtet hatten, mit den vier Hängematten zwischen den Kiefern. Es war ihm, als läge er in einer von ihnen und hörte die Wellen rauschen. Er dachte an die Bucht mit dem türkisgrünen Wasser, in das sie immer von den Felsen aus reingesprungen waren.

Aber zwischen all den schönen Bildern tauchten dann unweigerlich auch die anderen auf: der fiese Leutnant mit der Narbe an der Stelle, wo das Ohr sein sollte. Das Waffenlager hinter dem Stahlgitter. Die Fahrt auf der Banane. Und dann unweigerlich auch das, was am Ende auf der Yacht passiert war.

Motte spürte sein Herz klopfen. Was für ein Wahnsinnsglück sie gehabt hatten, dass sie da heil wieder rausgekommen waren!

Seinen Eltern hatte er von der Sache auf der Yacht nur das Allernötigste erzählt, in einer harmlosen, aber fantasievollen Fassung. Aber das hatte schon für einen Nervenzusammenbruch von Mama gereicht. Und Papa hatte gar nicht mehr aufgehört, ihm Vorträge über das Verantwortungsbewusstsein zu halten. Dass man auch als Kind seine Grenzen kennen müsse. Er hatte ihn mal wieder als „Rückfalltäter“ bezeichnet, und, na ja, ganz unrecht hatte er ja nicht. Er wusste selber nicht, warum er immer wieder in solche gefährlichen Sachen hineingeriet ...

Motte seufzte. Jetzt war er in Gedanken schon am Schluss der Geschichte angekommen – und hatte immer noch nicht die geringste Idee, wie er anfangen sollte. Vielleicht könnte er zumindest mal die Überschrift hinschreiben, dann war das Blatt nicht mehr so weiß.

Er hatte gerade den Stift angesetzt, als mit einem Rums die Tür aufging.

Ute, wer sonst. Anklopfen war unter ihrer Würde.

„Na, Brüderchen?“

Ihrem Gesicht nach zu urteilen, kam sie gerade von ihrer Freundin Melanie und hatte mit ihr den Nachmittag vor ihrem aktuellen Lieblingskanal auf YouTube verbracht, „Coole Styling Tipps für coole Girls“, und den ganzen Kram natürlich gleich ausprobiert: kiloweise Mascara um die Augen, dazu lila Lippenstift. Sie sah zum Fürchten aus. Dazu trug sie die gelben Leggins und ein Oberteil mit extra krassem Ausschnitt. Und Turnschuhe. Offenbar hatte sie sich schon fürs Abendprogramm auf ihrem Hometrainer zurechtgemacht, den sie Oma Biene zu Weihnachten aus den Rippen geleiert hatte. Sie musste schon für die Wochenenden im Freibad an ihrer „Bikini-Figur“ arbeiten. Auch das unter Anleitung einer megaangesagten YouTuberin, der sie mit Melanie „followte“. Mit zwölf schon auf dem Gipfel der Pubertät zu sein, musste weh tun. Jedenfalls tat es das bei denen, die mit dabei sein mussten.

„Wir sollen einen Aufsatz über unsere Ferien schreiben, bei Frau Linowitzki in Deutsch“, platzte sie schon in der Tür heraus.

„Ach, wie originell …“, gähnte er.

„Hab vorhin in der Mensa schon angefangen, flutscht richtig, hab schon zwei Seiten, hat richtig Spaß gemacht! Irre, was wir da erlebt haben, ich kann's immer noch nicht fassen. Aber die glaubt’s ja sowieso nicht … Aber egal. Heute Abend krieg ich das fertig.“

„Aber untersteh dich! Du weißt, was wir ausgemacht haben. Bei der Banane ist Schluss, dass das klar ist.“

„Ach, muss Brüderchen sich mal wieder aufregen? Für wen hältst du mich eigentlich? Ich bin vielleicht jünger als du, aber deshalb noch lange nicht bescheuert. Und danke für die Unterstellung, dass ich mich nicht an Abmachungen halte …“

Mit einem lässigen „Schön abregen, Brüderchen“ war sie wieder draußen.

Motte atmete tief durch. Wenn nur ihre Parfümwolke auch mit verduftet wäre.

Er beugte sich wieder über sein Heft.

Aber sobald er die leeren Seiten vor sich hatte, ging wieder das Kopfkino los: Das zerfurchte Gesicht des Rastamanns tauchte auf, der bleiche Junge mit der orangenen Badehose auf der Trage, das flackernde Blaulicht der Polizeiwagen …

Mottes Gedanken wurden von einem Klopfen an der Tür unterbrochen. So leise klopfte nur Mama. Und die hatte ihm jetzt gerade noch gefehlt. Mit einem gut vernehmbaren Stöhnen ließ er ein „Herein“ hören. Sie würde ja sowieso nicht lockerlassen.

„Ich will ja nicht stören, aber …“ Ihr Blick hatte schon das leere Heft erfasst. „... wollte doch mal schauen, wie du mit der Hausaufgabe von Siegwart zurechtkommst. Ich mach mir nämlich ein bisschen Sorgen …“

Mama mit ihren Sorgen. Es schien ihr Lebensinhalt zu sein, sich Sorgen um ihre Kinder zu machen.

Er ließ ein genervtes „Ja?“ hören. „Ich wollte jetzt eigentlich endlich mal anfangen …“

„Du, vielleicht ist es ja ganz gut, dass du noch nicht angefangen hast … Weißt du, ich hab mir überlegt … diese ganze Sache mit den Drogen … und dieser Bande … Willst du wirklich darüber schreiben? Ich meine … es ist jetzt alles noch so frisch, du hattest noch gar keine Zeit, das richtig zu verarbeiten. Weißt du, du bist jetzt in so einer sensiblen Phase, so am Anfang der Pubertät, auch für Jungs ist das keine leichte Zeit …“

Mama wieder mit ihrer Pubertät, definitiv ihre Lieblingssorge. „Ach Mama, es ist nun mal so passiert, und ich bin schließlich kein kleines Kind mehr.“

„Natürlich nicht, aber was ihr da durchgemacht habt, wäre auch für einen Erwachsenen eine große Belastung. Lass doch das mit der Drogenbande weg, ihr habt doch auch sonst so viel erlebt. Und so viel Schönes! Du könntest zum Beispiel über diesen netten Ausflug in das Städtchen schreiben, wo wir diese Stadtführung gemacht haben, das war doch so schön, weißt du noch, …“

„Mama …“

„... wie wir dann am Abend noch am Hafen in diesem Eiscafé gesessen haben und die Griechen so wunderbare Musik gemacht haben? Und dann dieser Sonnenuntergang …“

„Mama, wen interessiert das denn?“

Sie schaute Motte mitleidsvoll an, wie wenn er schlimm krank sei. „Weißt du, es war einfach zu heftig. Wenn du willst, schreibe ich dir eine Entschuldigung, dass du die Hausaufgaben nicht machen konntest.“

„Mama, ich schreibe über diese Ferien, und zwar so, wie sie waren.“

Sie hatte offenbar verstanden – und auch seinen Blick zur Tür richtig interpretiert. „Vielleicht hast du ja recht. Wahrscheinlich weißt du selber am besten, was dir guttut. Vielleicht hilft dir gerade das Schreiben dabei, alles zu verarbeiten.“ Sie ging zur Tür. „Dann will ich dich jetzt nicht länger stören.“

Im Hinausgehen warf sie noch einmal einen Blick auf das leere Heft. „Weißt du, wenn man ein bisschen durcheinander ist, hilft es manchmal, wenn man alles stur der Reihe nach sortiert. Einfach ganz am Anfang anfangen und dann eins nach dem anderen, stur der Reihe nach.“ Sie machte die Tür leise hinter sich zu.

Vielleicht hatte Mama ja recht. Stur der Reihe nach.

Er zog das Heft zu sich heran, nahm den Stift in die Hand und schrieb mit großen Buchstaben: „EIN UNVERGESSLICHES FERIENERLEBNIS“

1. KAPITEL

Wie alles anfing

Eigentlich hat alles schon lange vor den Ferien angefangen, ich kann mich noch genau an den Moment erinnern. Es war kurz nach Ostern, wir saßen abends am Tisch und waren gerade mit dem Abendessen fertig. Ich erinnere mich sogar noch, was es gegeben hatte, einen Kartoffel-Zucchini-Auflauf aus Mamas neuester Koch-Zeitschrift „Volles Rohr Öko“. Der Auflauf sollte, wie Mama uns vor dem Essen vorlas, „eine neue Epoche des Geschmackserlebnisses einleiten“. Wo in anderen Familien ein Tischgebet gesprochen wird, werden bei uns Rezepte verlesen, und zwar mindestens genauso feierlich. Das versprochene Geschmackserlebnis fand ich persönlich aber nicht so umwerfend. Wegen mir musste eigentlich keine neue Epoche anfangen.

Wir saßen also nach dem Abendessen am Tisch und ich wartete schon auf den Startschuss zum Aufstehen. Der kommt bei uns immer von Papa, er murmelt dann ein kaum hörbares „Also dann …“, und schon ist er zur Tür raus. Diesmal blieb Papa aber einfach sitzen und sagte gar nichts. Irgendwas war da merkwürdig. Ich schaute zu Mama – sie hatte eine geheimnisvolle Miene aufgesetzt und rutschte auf ihrem Stuhl herum.

„Und jetzt lasst uns mal den Sommerurlaub planen“, sagte sie unvermittelt. So verschwörerisch wie sie dabei Papa anschaute, war schon klar, dass die beiden sich etwas ganz Besonderes ausgedacht hatten. Sommerferien, das hieß bei uns so lange ich denken kann: drei Wochen in dem hellblauen Ferienhäuschen am Staffelsee. Nicht, dass ich jetzt meckern wollte, wir hatten es immer schön am See, aber ich habe mir schon manchmal gedacht, dass wir auch mal ganz woanders hin gehen könnten, irgendwo weiter weg. Besonders dann, wenn meine Mitschüler nach den Ferien in der Klasse von Safaris in Afrika, Trekking-Touren durch Nepal und Schnorcheln im Roten Meer erzählten und auf den Handys die Bilder dazu zeigten.

„Wir haben uns gedacht …“ Mama schaute wieder zu Papa und machte eine Pause. Wahrscheinlich wollte sie es damit extra spannend machen. „Sag du, Reinhard!“

„Nein du, Solvejg, du hast das doch alles so schön ausgesucht.“

„Also wir dachten, dass wir mal in den Süden fahren könnten …“

Süden, das klang schon mal gut. Obwohl der Staffelsee ja eigentlich auch im Süden lag.

„... ans Mittelmeer …“

Das klang jetzt schon viel besser.

„... nach Griechenland – da scheint jeden Tag die Sonne.“

„Und vor allem“, übernahm Papa mit einem beglückten Gesichtsausdruck, „gibt es dort Kulturschätze ohne Ende zu besichtigen. Griechenland ist die Wiege der europäischen Kultur – das habt ihr doch bestimmt schon im Geschichtsunterricht gehabt. Und ihr habt bestimmt schon von der Akropolis gehört – und dem Parthenon-Tempel. Und vom Hephaistos-Tempel und dem Tempel der Aphrodite.“ Er konnte gar nicht mehr aufhören mit seinen Tempeln.

„Ich will keine Tempel besichtigen, ich will chillen!“

Klar musste das jetzt von Ute kommen. Chillen war ihr neuestes Lieblingswort, neben „krasser Shit“ und „voll heftig“. Vermutlich hatte sie das von ihren YouTuberinnen. Da wir zuhause keine Smartphones oder sonstigen elektronischen Medien benutzen dürfen, weil Mama Angst vor der Strahlung und vor allem um unsere geistige Entwicklung hat, verbrachte Ute jetzt jede freie Minute mit Melanie und deren Smartphone, das natürlich voll heftig und krasser Shit und alles war. Bei dem, was bei ihr vom Verblödungsfaktor her rausgekommen war, musste man Mama eigentlich Recht geben.

„Aber natürlich darfst du auch ausspannen, Ute“, sagte Mama, „die Ferien sind ja dazu da, wieder richtig Energie zu tanken, gerade in der Pubertät ist das besonders wichtig.“

„Pubertät, von lateinisch pubertas, Geschlechtsreife“, murmelte Papa. Er hat diesen Tick, dass er jedes Fremdwort erklären muss.

Mama hatte jetzt einen bunten Prospekt in der Hand und faltete ihn feierlich auf.

„Wir haben da was ausgesucht, auf einer Insel, die soll eine der schönsten von ganz Griechenland sein. Eine Ferienanlage mit einem ganz neuartigen Konzept.“ Sie las vor: „Eine Kombination von Entspannung und Aktivurlaub. Die großzügig gestaltete Anlage liegt mitten in unberührter Natur.“ Sie legte den Prospekt auf den Tisch und strahlte uns an. „Schaut euch das mal an!“

Die Bilder sahen wirklich super aus: Auf der Luftaufnahme waren nette weiße Häuschen zu sehen, die sich um zwei türkisgrüne Swimmingpools gruppierten, ganz in der Nähe lag das Meer mit einem weiten Sandstrand.

„Und jetzt kommt’s“, fuhr Mama fort. „Für den kostenbewussten Urlauber ist ein wunderschöner Campingplatz angeschlossen.“

„Ich will nicht auf den Campingplatz“, heulte Ute los, „ich verbring doch meinen Urlaub nicht irgendwo auf dem Acker! Ich will auch am Pool chillen und schick essen gehen!“

„Das ist ja gerade das Tolle“, sagte Mama geduldig, „wir können alles nutzen, was die Anlage zu bieten hat, Swimmingpool, Cafés und das Restaurant. Aber wir müssen nicht in den teuren Appartements wohnen. Das könnten wir uns einfach nicht leisten, die Flüge kosten ja schon ein Vermögen.“

Gelegenheit für Papa, seine altbekannte Botschaft loszuwerden, dass wir „den Gürtel nun mal enger schnallen“ müssten, weil wir doch noch unser Haus abzubezahlen hätten. „Und das kostet uns jeden Monat fast tausend Euro.“ Eigentlich eine traurige Botschaft, aber er machte dabei einen ganz vergnügten Eindruck. Sparen ist sowas wie sein Lieblingssport.

„Alles steht uns offen“, fuhr Mama fort, „und natürlich dürfen wir auch den Strand nutzen. Und abends essen wir in diesem tollen Restaurant, da gibt es sogar Bio-Essen!“ Sie blätterte weiter. „Und hört euch das an, es gibt da auch ein Clubprogramm: ‚Für die aktive Freizeitgestaltung für alle Altersgruppen ist gesorgt, von Aerobic, Bogenschießen über Surfen, Schminkkurs bis Yoga und Zumba! Und jeden Abend ein buntes Unterhaltungsprogramm für Jung und Alt mit internationalen Stars in lockerer Atmosphäre‘.“

„Muss man aber nicht hingehen“, murmelte Papa. Party ist nicht sein Ding.

Ute dagegen schien die Sache mit dem Clubprogramm wieder versöhnlicher zu stimmen. „Schminkkurs“ war wahrscheinlich das Zauberwort gewesen. Jedenfalls hörte das Gemaule auf.

„Und dann haben wir uns noch was anderes überlegt …“ Mama hatte offenbar noch was im Köcher, ihrem bedeutungsvollen Blick nach zu urteilen. „Weil ihr beiden ja gerade nicht so viel miteinander anfangen könnt – es ist eben eine schwierige Phase so am Anfang der Pubertät …“

Sie kann es einfach nicht lassen.

„Wollt ihr nicht jeder einen Freund oder Freundin mitnehmen?“

„Melanie!“, platzte Ute gleich raus.

„Dann bleib ich zu Hause“, entfuhr es mir, obwohl ich eigentlich von Glückshormonen überschwemmt war. Aber Ute und Melanie, das ist für einen normalen Menschen einfach nicht auszuhalten.

Natürlich hatte ich mich jetzt der Majestätsbeleidigung schuldig gemacht. Ute sprang auf und rannte raus, nicht ohne die Tür so hinter sich zuzuschlagen, dass es ein mittelschweres Erdbeben gab.

Mama nahm mich ins Gebet und war sofort wieder bei ihrem Lieblingsthema. „Du weißt doch, Motte, dass die Pubertät vor allem für Mädchen eine schwierige Zeit ist, in der die Umgebung viel Feingefühl aufbringen muss.“

„Also gut.“ Das mit dem Feingefühl hatte mich auf eine Idee gebracht. „Klar darf sie Melanie mitnehmen, aber ich bin nun mal auch in der Pubertät, jedenfalls so gut wie. Ich bring es einfach nicht übers Herz, von meinen Freunden nur einen mitzunehmen. Sollen die anderen denn zu Hause bleiben? Wenn, dann müssen alle mit.“

„Aber meinst du denn wirklich, dass Mariekje …“

Gut, da hatte sie wahrscheinlich recht, MMs Mutter würde ihre Tochter nie und nimmer zusammen mit Jungs verreisen lassen. „Aber Simon und JoJo auf jeden Fall!“

Mama schaute zu Papa. „Was meinst du? Ist doch eigentlich ein vernünftiger Vorschlag, Reinhard, oder?“ Damit war die Sache eigentlich schon geritzt. Es kommt bei uns nicht so oft vor, dass Papa anderer Meinung ist als Mama.

In dem Moment kam Ute wieder ins Zimmer gestürmt, in Tränen aufgelöst. Sie hängte sich Mama an den Hals, als ob sie am Ertrinken wäre. „Melanie kann nicht mitkommen, ihre Eltern lassen sie nicht!“ Mehr konnte sie vor lauter Schluchzen nicht sagen.

„Aber weißt du was, Ute?“, sagte Papa mit einem Augenzwinkern, das offenbar tröstend gemeint war. „Vielleicht kommt ja Simon mit.“

Böser Fehler. Er hatte es offenbar noch nicht mitgekriegt oder wieder vergessen. Mama schaute ihn beschwörend an und gab ihm einen Stoß in die Rippen.

„Simon ist mir so was von egal!“, brach es auch schon aus Ute heraus. Und schon hing sie wieder schluchzend an Mamas Hals.

Das Aus für Utes heiße Liebe zu Simon war gerade ein paar Wochen her. Und war, ich muss es gestehen, ganz und gar meine Schuld. Ich hatte es einfach nicht mehr mit ansehen können, wie der arme Simon von Ute regelrecht verfolgt wurde, er tat mir echt leid. Aber auch mit Ute konnte es so nicht weitergehen. Sie hatte nichts anderes mehr im Kopf als ihren „Saisai“, es war einfach nicht mehr normal. An einem schönen Sonntagabend sagte ich ihr dann klipp und klar, dass ihr Saisai rein gar nichts von ihr wolle und nur zu lieb sei, ihr das offen ins Gesicht zu sagen. „Merkst du denn nicht, dass du ihn nur nervst? Jetzt komm mal auf den Teppich!“ – So ungefähr. Es hatte jedenfalls gewirkt. Und zwar schlagartig. Drei Tage lang verkroch sie sich in ihrem Zimmer und hatte vermutlich pausenlos Melanie am Telefon, dann kam sie mit der Mitteilung wieder heraus, dass sie sich Simon „aus dem Herz gerissen“ hätte, und dass da jetzt eine große Wunde klaffte, die sich wohl nie, nie, nie wieder schließen würde und dass Simon für immer und ewig die „Liebe ihres Lebens“ bleiben würde, und sie auf ihn warten würde – lebenslänglich! – bis er so weit sei. Bis dahin würde sie keinen – wirklich keinen! – anderen „Mann“ auch nur mit dem Arsch anschauen, sondern geduldig warten, bis sie in ihrer gemeinsamen Liebe vereint seien. So sprach sie ein paar Tage lang. Mama war schon so verzweifelt, dass sie Ute zum Psychologen schleppen wollte. Aber dann wurde sie langsam wieder normal – soweit man bei einem Mädchen, das viel zu früh in den Strudel der Pubertät gezogen wurde, von normal sprechen kann.

Ute war inzwischen auf Mamas Schoß eingeschlafen. Mama streichelte ihr durchs Haar. „Große Ereignisse werfen nun mal ihre Schatten voraus“, sagte sie und schaute lächelnd von Papa zu mir: „Das wird ein Traumurlaub!“

2. KAPITEL

Wunder geschehen auch heute noch

Tja, und ein paar Wochen später fing der Traumurlaub tatsächlich an – und zwar in der absoluten Traumbesetzung: ohne Melanie, dafür mit allen meinen Freunden. Und zwar wirklich allen, MM inklusive. Ja, Wunder geschehen auch heute noch.

Das MM-Wunder hatte allerdings ein Weilchen auf sich warten lassen. „Das erlaubt meine Mutter niemals“, hatte MM sofort gesagt, als ich ihr zum ersten Mal von unseren Ferienplänen erzählte. Und damit natürlich recht gehabt. „Du hast wohl einen Vogel! Mit drei Jungs!“, beschied ihr ihre Mutter kurz und knapp. Jungs sind für sie etwas, von dem Mädchen unbedingt fernzuhalten waren. Ganz besonders ihre Tochter. Sie stellt sich was weiß ich vor, was sonst passieren würde.

Die Rettung kam von Tati – so nennt MM ihren Papa. Genauer gesagt von der Tatsache, dass er so was wie ein halber Grieche ist; sein geliebter Großvater „Babu“ stammt nämlich aus Griechenland. Er ist vor Urzeiten nach Deutschland gekommen, als Tati noch ein kleiner Junge war. Tati spricht sogar noch ein bisschen Griechisch, so erzählte mir MM einmal.

Tatis rettende Idee war: „Wir könnten doch alle zusammen mit den Blohms fahren!“ Sie traf bei seiner Frau aber wohl nicht auf Gegenliebe. „Auf einen Campingplatz? Im Ernst? Urlaub im Schmodder?“ Ihre Welt ist eher die der Sterne-Hotels, was von der Inhaberin einer Mode-Boutique vielleicht auch nicht anders zu erwarten ist.

Tati ließ aber nicht locker. Es folgten tagelange Ausein-andersetzungen zwischen MMs Eltern, bei denen es wohl ziemlich hoch herging, wie MM berichtete. Am Ende einigten sie sich aber, und zwar auf die denkbar beste Lösung: Tati würde zusammen mit MM mit uns in den Urlaub kommen, und Frau Marienhoff würde zu Hause bei ihrer Boutique bleiben. Ich habe es ja schon gesagt, Wunder geschehen auch heute noch. Tati musste natürlich hoch und heilig versprechen, dass er immer ein wachsames Auge auf MM haben würde. „Vor allem, dass mir die Kleine um Punkt zehn im Bett ist!“

Bei JoJo war die Sache dagegen reibungslos gelaufen. Als ich ihm den Ferienplan vorstellte, konnte er sich gar nicht mehr einkriegen vor Freude. Er ist seit den Jahren, als sein Vater noch bei der Familie gelebt hatte, nur ein einziges Mal im Urlaub gewesen – als seine Mutter in irgendeinem Preisausschreiben eine Woche Urlaub auf Mallorca gewonnen hatte. Auf meine Frage, ob seine Mutter denn einverstanden sei, dass er mit uns kommt, zuckte er bloß mit den Achseln. So wie MM überbehütet ist, so ist er unterbehütet.

JoJo machte sich gleich begeistert und kompromisslos an die Urlaubsvorbereitungen. Er recherchierte im Internet nach allem, was – seiner Meinung nach – für so einen Urlaub wissenswert sein konnte. Als Weltexperte für alles, der er ja ohnehin schon ist, wurde er dann bald auch Weltexperte für Fluglinien, Wetterstatistiken und griechische Inseln.

Simons Eltern hatten, ganz wie erwartet, keinerlei Einwände. Simons einziges Problem waren seine Tiere. Er hat zuhause im Garten so etwas wie ein Tierkrankenhaus, in dem er alle möglichen Tiere aufpäppelt und versorgt: ausgesetzte Kätzchen, angefahrene Igel und Vögel mit gebrochenen Flügeln. Und dann natürlich das Rehkitz Nala, das auf drei Beinen durch die Welt hoppelt, weil es als ganz Kleines in einen Mähdrescher geraten ist. Wer sollte die Tiere in Simons Abwesenheit versorgen? Seine drei kleinen Schwestern waren zwar sofort Feuer und Flamme, aber er hatte mit deren Tierliebe schon schlechte Erfahrungen gemacht. Die kleine Judith hatte einmal ihre ganzen Süßigkeiten an Nala verfüttert und sie damit fast ins Jenseits befördert. Simons Mutter versprach ihm dann aber hoch und heilig, sich „mit den Mädchen zusammen“ um die Tiere zu kümmern.

Es konnte also losgehen mit unserem Traumurlaub.

3. KAPITEL

Sonne, Sand und Hängematte

„Sieht voll aus wie im Prospekt“, war JoJos erster Kommentar, als wir mit dem Bus vom Flughafen an der Ferienanlage angekommen waren.

Er hatte recht. Vor uns lagen blendend weiß gestrichene Häuschen, die sich um einen weitläufigen, mit roten Terracotta-Ziegeln belegten Platz gruppierten, der von Palmenbäumen beschattet wurde. In der Mitte waren zwei große türkisgrüne Swimmingpools, im Hintergrund glitzerte das Meer, und über allem lachte die Sonne vom blauen Himmel.

„Und, habe ich zu viel versprochen?“, sagte Mama mit einem glücklichen Seufzer und blinzelte mit den Augen.

Nachdem wir in der Empfangshalle eingecheckt hatten, wären wir am liebsten gleich zum Strand gezogen, aber nein – „Erst werden die Zelte aufgebaut!“, kam die Ansage von Papa.

Der Campingplatz lag etwas abseits vom Feriendorf auf einer Anhöhe über dem Meer. Man konnte ihn über einen gepflasterten Fußweg erreichen. Obwohl es nur zwei- oder dreihundert Meter waren, kamen wir in der Nachmittagshitze doch ziemlich ins Schwitzen. Papa zog eine Art Gestell mit zwei Rädern hinter sich her, auf das er das Monster-Zelt gespannt hatte, das es bei Aldi im Angebot gegeben hatte. Ich war ja mal gespannt, was da nachher zum Vorschein kommen würde. Angeblich ließ sich darin sogar ein Raum für Ute abtrennen. Das Zelt bestand laut Beschreibung aus „Hightech-Leichtbau-Materialien“, aber gefühlt wog es immer noch eine halbe Tonne.

Simon hatte auch ganz gut zu schleppen: er trug das Familienzelt, das uns die Böttgers netterweise geliehen hatten, und dazu noch vier Hängematten, die ebenfalls von Simons Familie stammten.

MM hatte nur eine Sporttasche dabei. Die meisten ihrer Sachen waren in Tatis großem Koffer, mit dem er in sein superschickes Appartement mit Balkon abgezogen war. In dem wohnte ja offiziell auch MM. Sie hatte Tati aber angebettelt, sie mit uns auf dem Campingplatz wohnen zu lassen, und er hatte tatsächlich zugestimmt – und dabei einen Finger auf den Mund gelegt.

Ute zog einen Rollkoffer in Pink hinter sich her, den sie sich von Melanie ausgeliehen hatte, und nörgelte über die Hitze.

JoJo hatte einen Rucksack auf, der mindestens so groß war wie er selber. Und genauso breit. Um den Inhalt machte er ein großes Geheimnis. „Meine Ausrüstung“ – mehr wollte er nicht verraten. Na ja, wir würden ja bald sehen.

Der Campingplatz bestand aus einer ziemlich vertrockneten Wiese, auf der einzelne Kiefern standen. Ich hatte eigentlich erwartet, dass er voll mit Zelten wäre, aber mehr als zehn waren nicht zu sehen, dazu zwei oder drei Wohnwagen und ein verrosteter VW-Bus. Offenbar war unser Finanzproblem nicht so weit verbreitet.

Wir wurden von einem dicken Griechen in Badelatschen in Empfang genommen, der so was wie der Platzwart sein musste. Er war ungefähr in Papas Alter und hatte keine Haare auf dem Kopf, dafür umso mehr in den Ohren. Er strahlte übers ganze Gesicht und bedeutete uns mit vielen Worten und Gesten, dass wir uns selber einen Platz aussuchen konnten.

Mama und Papa wollten ihren „Wohntempel“ (wie Papa das Aldi-Monster inzwischen getauft hatte) in der Nähe des Waschhauses aufbauen. Er lag originalverpackt zwischen den Kiefernzapfen. Papa suchte schon hektisch nach der Aufbauanleitung. Die Sache mit dem Wohntempel konnte aber noch ein bisschen dauern, Aufbauanleitung hin oder her. Papa ist nicht gerade für seine praktischen Fähigkeiten berühmt. Jedenfalls war das erste Problem, wie man das Zelt überhaupt aus der Verpackung rausbekam, noch lange nicht gelöst.

Ute saß maulend auf ihrem pinken Koffer und fand es „megabescheuert“, dass sie bei den Eltern schlafen sollte. „Die Jungs und MM haben ihr eigenes Lager und ich bin wieder die Kleine“, jammerte sie. „Bist du ja auch“, tröstete ich sie. Was ich mir aber besser verkniffen hätte. Sie konnte sich kaum mehr einkriegen.

Wir ließen sie zetern und machten uns auf die Suche nach einem guten Lagerplatz. Möglichst weit weg, soviel war schon einmal klar. Man braucht schließlich ein bisschen Privatleben, gerade in den Ferien.

„Hier und nirgendwo anders“, sagte JoJo, als wir am äußersten Ende angekommen waren, wo die Felsen anfingen, hinter denen das Meer lag. Es war wirklich der perfekte Platz: Auf der einen Seite hatten wir die Aussicht aufs Meer und zum Campingplatz hin waren wir durch eine Gruppe von Bäumchen und Gebüsch vor neugierigen Blicken geschützt.

Beim Aufbauen unseres Zelts war JoJo mal wieder ganz in seinem Element. Nicht etwa, dass er wirklich mit angepackt hätte – zu solchen niederen Tätigkeiten ließ er sich nicht herab. Nein, er musste Regie führen. Als Weltexperte für alles war er natürlich auch Weltexperte fürs Zelten.

„Vor allem muss man wissen, wo der Wind herkommt. Nichts ist in diesen Breiten fataler, als wenn man vergisst, die Windseite durch zusätzliche Heringe zu sichern.“

Als das Zelt stand, fing er an, in seinem Rucksack zu kramen, und brachte einen zusammenklappbaren Spaten hervor. Er bestand darauf, dass wir um das Zelt einen Graben ziehen. „Damit leiten wir das Wasser ab, wenn ein Wolkenbruch kommt. In diesen Breiten muss man mit allem rechnen.“

„So ein Spaten ist auf Expeditionen ein absolutes Muss“, dozierte er weiter. „Nicht nur für Wassergräben – auch wenn mal einer in der freien Natur muss. Man darf das nicht einfach liegenlassen, das zieht die wilden Tiere an. Die kommen in diesen Breiten zu Wasser, zu Land und zu Luft.“

„In diesen Breiten“ hatte es ihm offenbar angetan, keine Ahnung, woher er das hatte.

Als nächstes holte er einen Kompass hervor, mit dem er den Stand des Zeltes überprüfte. „Ausrichtung Ost-Nord-Ost, perfekt!“ Was er damit sagen wollte, ließ er aber offen.

Nach und nach kam dann zum Vorschein, was JoJo sonst noch im Rucksack hatte: ein Fernglas mit zwanzigfacher Vergrößerung, ein dreißigteiliges Multifunktionstool, und eine Taschenlampe, deren Kaliber vermuten ließ, dass man damit 300 Meter weit leuchten konnte. Alles vom Feinsten und Teuersten.

Ich bin einer der wenigen, die wissen, wo JoJo das Geld herhat. Jedenfalls nicht von irgendwelchen „erfolgreichen Aktienspekulationen“, mit denen er immer angibt, sondern von seinem Vater. Der war nach der Trennung von JoJos Mutter schon vor vielen Jahren mit einer anderen Frau nach Hamburg gezogen und JoJo hat ihn seither nicht wiedergesehen. Von Zeit zu Zeit schickt er einen Brief, in dem er sich in den immer gleichen Worten nach JoJo erkundigt und klagt, wie wenig Zeit er hat, dass er aber JoJo besuchen kommen wird, sobald er sein aktuelles Projekt abgeschlossen hat. Aber statt des Besuchs kommt dann immer dasselbe: eine wortreiche Entschuldigung und Geld. Viel Geld.

Wir waren, mit Ausnahme von JoJo, schweißgebadet, aber stolz, als unser Zelt endlich stand. Mit den Hängematten drum rum, die wir zwischen den Bäumchen aufgespannt hatten, sah es aus wie ein echtes Indianerlager.

JoJo sicherte den Eingang des Zelts mit mehreren Vorhängeschlössern, dann sagten wir unserem Lager Tschüss und zogen los, um bei Mama und Papa vorbeizuschauen.

Kaum zu glauben, der Tempel war aufgebaut! In voller Pracht, quietschgrün und noch größer und leider auch hässlicher, als ich gedacht hatte.

Im Schatten des Vordachs saß Papa auf einem Campingstuhl und schaute uns unglücklich an. Um seine rechte Hand hatte er einen dicken Verband. „Ich bin mit dem Zelt nicht ganz klargekommen“, sagte er mit einem matten Lächeln.

„Er wollte die Heringe mit einem Steinbrocken einklopfen. Beim ersten ist es passiert …“, seufzte Mama.

Offenbar hatte sie es ganz gut allein geschafft, das Zelt aufzubauen.

Nach einem kleinen Snack mit Wassermelonenschnitzen, die der nette Platzwart vorbeigebracht hatte, wollten wir uns gleich mal das „Dorf“ anschauen – so wurde die Ferienanlage im Prospekt genannt. Auf Mamas Befehl mussten wir Ute mitnehmen. Die verschwand erst einmal im Zelt, um sich mit ihrem Schminkköfferchen stadtfein zu machen. Und auch JoJo war noch nicht bereit. „Keine Expedition ohne geeignete Ausrüstung“, sagte er und stapfte zurück zu unserem Lager.

Als er wiederkam, war er kaum mehr wiederzuerkennen. MM stupste mich an und zischte mir „Nichts sagen!“ zu.

JoJo trug einen Ganzkörperanzug in Tarnfarbe, der voller Reißverschlüsse, Taschen und Schlaufen war, an denen Karabinerhaken und alle möglichen Gerätschaften befestigt waren. Auf dem Kopf hatte er einen überdimensionierten Sonnenhut mit Moskitonetz vorne über dem Gesicht und Nackenschutz hinten. Vor seinem Bauch baumelte das Riesenfernglas. Mit der Sonnenbrille mit blau metallic verspiegelten Gläsern, die unter dem Moskitovorhang hervorstrahlten, sah er aus wie ein durchgeknallter Außerirdischer.

Als dann auch Ute endlich wieder aufgetaucht war, in voller Kriegsbemalung, konnten wir uns auf den Weg ins Dorf machen. Alles war hübsch und nett und picobello sauber. Um die Pools saßen und lagen Leute auf ihren Liegestühlen, drum rum waren Restaurants, Bars und Cafés mit leuchtend blauen Sonnenschirmen davor. Es wimmelte von Kellnern und Kellnerinnen in weißer Uniform, die sogar Gäste auf den Liegestühlen am Schwimmbad mit Säften und Cocktails versorgten. MM hatte uns erzählt, dass die Clubgäste mit den gelben Bändern am Handgelenk alles „inklusive“ bekämen, also für Frühstück, Mittagessen und Abendessen und alle Getränke nicht extra bezahlen müssten. Aber am Urlaubsende dafür eine dicke Rechnung bekämen. Wir vom Campingplatz hatten beim Einchecken grüne Bändchen erhalten, mit denen wir abends im Restaurant so viel essen durften wie wir wollten. MM und Tati hatten blaue Bändchen und bekamen damit Frühstück, Abendessen und Getränke in den Cafés und Bars. Und was das Genialste war: Die mit den blauen Bändchen durften sich jederzeit an der Eistruhe bedienen, die im Eingangsbereich der Cocktailbar stand.

Und genau dort standen wir nun und hatten ein Problem.

„Ich kann da doch nicht einfach reingehen und mir fünf Packungen Eis nehmen“, sagte MM mit einem gequälten Lächeln.

„Kommt sicher nicht so gut“, sagte Simon und grinste.

JoJo meinte großspurig „Wo ist das Problem?“, aber mir wäre es auch peinlich gewesen. Leider hatten wir keine Chance, MMs blaues Bändchen reihum weiterzugeben, denn es war an ihrem Handgelenk fest verplombt.

In dem Moment winkte uns der Barkeeper zu sich heran und zwinkerte uns freundlich an. Offenbar hatte er unser Problem erkannt. In einem lustigen Kauderwelsch sagte er zu MM: „Is sich nullo Problemo, kannst du nehmen auch für deine Freunde – bei Luigi is Eistruhe immer voll!“ Er gab uns der Reihe nach die Hand und sagte dabei „Ich Luigi“. Er war ganz in Weiß gekleidet, sein Hemd war vorne offen bis zum Bauchnabel und zeigte eine Behaarung, die einem Orang-Utan alle Ehre gemacht hätte.

Wir zogen, jeder mit seinem Eis in der Hand, weiter zu den Swimmingpools. Einer davon war für die Nichtschwimmer, die Kleinen quiekten und kreischten um die Wette. Im großen Pool spielte eine Großfamilie Ball, alle trugen orangene Badeklamotten. Ich meinte, sie vorhin schon auf dem Campingplatz gesehen zu haben. Ihr Zelt war nicht weit von unserem Wohntempel. Ihrer lustigen Sprache nach waren es wohl Holländer.

„Sieh mal einer an, die Billigtouristen vom Campingplatz!“, war plötzlich eine Stimme neben uns zu hören. Sie kam von einem Jugendlichen, der vielleicht achtzehn war, braungebrannt und blond, mit einem strammen Seitenscheitel. Er hatte ein Cocktailglas in der Hand, am Handgelenk ein gelbes Bändchen.

Er grinste und wieherte in die Runde seiner Freunde, die sich um ihn herum auf ihren Liegen fläzten. Alle wieherten mit. Sie waren zu fünft, ungefähr so alt wie der Strammscheitel und ebenso braungebrannt. Und alle hatten das gleiche fiese Grinsen im Gesicht. Nur einer beteiligte sich nicht am allgemeinen Gelächter, sondern starrte mit offenem Mund Ute an. Er war deutlich jünger als die anderen und sah mit seinem Bubi-Gesicht voller Sommersprossen eigentlich ganz nett aus.

„Schaut euch mal die Bleichgesichter an, sind ja noch ganz frisch!“, fing der Strammscheitel wieder an. Er war offenbar der Anführer. Und auf Ärger aus.

„Na Dicker, biste auf Tropenexpedition?“, sagte er in Richtung JoJo.

Von den anderen kam wieder Gewieher.

Wir hatten uns mit ein paar Blicken verständigt. Die Botschaft war: besser weiterziehen.

Es war sowieso höchste Zeit zum Abendessen. Mama und Papa wollten uns um sieben am Restaurant treffen.

Als wir ankamen, warteten sie schon, und auch Tati war mit von der Partie. Das Restaurant wurde im Prospekt als „kulinarische Wohlfühl-Oase“ angepriesen, und es war tatsächlich wie eine Oase gestaltet: In der Mitte war ein Springbrunnen, um den herum kleine Palmen in Kübeln standen, darüber war eine Glaskuppel. Auf zwei Seiten war das Buffet aufgebaut, hinter dem Bedienstete in weißer Uniform wirbelten oder Würstchen und Frikadellen brieten. Es war wie im Schlaraffenland. Man konnte sich nach Herzenslust bedienen und ging dann mit seinem Teller zurück an seinen Platz. Mama konnte Ute nur mit Mühe daran hindern, ausschließlich vom Nachtisch-Buffet zu nehmen. Es gab Törtchen und Obstpyramiden, Pralinen auf silbernen Tabletts und das Tollste überhaupt: einen Schokoladenbrunnen. Papa taufte die kulinarische Oase feierlich in „Fresstempel“ um. Sein Kopf war eben voller Tempel.

Nur Mama machte ein unglückliches Gesicht. „Die haben doch was von Bio-Essen geschrieben!?“ Sie machte sich auf die Suche, kam aber bald darauf enttäuscht zurück.

Ich konnte ganz gut ohne Körnersalat auskommen und meinen Freunden ging es nicht anders. Es gab Pommes, so viel man wollte, und wir hatten sogar einen eigenen Tisch nur für uns Kinder. Man muss den Erwachsenen ja auch mal ein bisschen Ruhe gönnen.

Nach dem Abendessen schlossen wir uns den Leuten an, die zum „Show-Event-Platz“ pilgerten, der gleich neben dem Fresstempel lag. Dort war eine Bühne aufgebaut, vor der Stühle und Tische standen. Wir fanden einen Tisch, an dem wir alle zusammen Platz hatten.

„Aber wir bleiben nicht lange“, sagte Mama gleich. „Es ist unser erster Tag, wir sind alle hundemüde.“

„Und wir bestellen nichts!“, schärfte uns Papa ein. „Mit den grünen Bändchen kostet hier alles extra.“

Aber wir hatten Glück. Für unseren Tisch war ausgerechnet Luigi zuständig. Er hatte wie alle Kellner jetzt nicht mehr die weiße Uniform an, sondern ein lustiges Kostüm. Er kam gleich vergnügt zwinkernd auf uns zu.

Tati bestellte etwas auf Griechisch, was wie „Retsina“ klang, er hatte ja auch ein blaues Bändchen. Papa sagte schnell: „Für uns nichts.“

Luigi lächelte ihn nett an: „Ich immer da, falls Sie anders überlegen.“ Dann zwinkerte er MM zu: „Und die Dame? Bestellt wieder für Herren mit?“ Bevor MM antworten konnte, kam JoJo ihr zuvor: „Klar, Cola für alle, on the rocks!“

On the rocks, er musste mal wieder den Eingeweihten raushängen. Mal sehen, was Luigi da anschleppen würde.

„Für mich ein Bitter Lemon, bitte“, kam es von Ute.

Ich dachte, ich höre nicht richtig. Bitter Lemon ist nämlich das absolute Lieblingsgetränk von Papa, Ute kann es eigentlich nicht ausstehen.

Als Luigi uns die Getränke brachte, reichte Ute ihr Bitter Lemon an Papa weiter. So ist sie dann auch wieder. Manchmal finde ich meine Schwester richtig klasse.

Tatis „Retsina“ stellte sich als Weißwein heraus, der in einem riesigen Krug serviert wurde. Tati bot Papa und Mama davon an, die aber ablehnten. Dann schenkte er sich selber ein, nahm einen großen Schluck und sagte selig: „Retsina, der Geschmack von Griechenland!“ Und schenkte sich gleich wieder nach.

Ich fing einen misstrauischen Blick von Mama auf. Alkohol ist nicht so ihr Ding. Aber besser Tati trinkt Retsina, finde ich, als dass er sich mit der Erziehung seiner Tochter beschäftigt.

JoJos „on the rocks“ bedeutete offenbar nichts anderes, als dass die Cola Gläser voller Eiswürfel waren. Ich finde Cola aber ohne Eiswürfel besser, die brennen immer so an den Lippen. Außerdem hat man mehr Cola, wenn das Glas nicht voller Eiswürfel ist.

Das „bunte Showprogramm“ startete mit der Kinderdisco. Eine junge Frau mit vielen bunt umwickelten Zöpfchen und riesigen Ohrringen wurde von erwartungsvollen Kindern umringt, die offenbar schon wussten, wie der Hase läuft. Sie stellte sich als Tanja vor und gehörte zum Team der Animateure, wohl so eine Mischung aus Sportlehrern und Stimmungskanonen.

Und dann dröhnte das „Clublied“ aus allen Lautsprechern, viele Gäste sangen mit und die Kinder und die Animateurin tanzten im Kreis. Anfangs sah das noch nach einer Vorführung aus, artete dann aber in ein wildes Gehopse aus.

Ein paar Tische von uns entfernt saßen die Typen mit den Seitenscheiteln und tranken Bier. Sie lästerten laut über alles und jeden, bis sie von einem Herrn im Anzug zurechtgewiesen wurden, der offenbar der Manager war. Wieder fiel mir der kleine Sommersprossige auf, der sich in der grölenden Gesellschaft sichtlich unwohl fühlte. Er schaute immer wieder verschämt zu Ute rüber.

Aber die hatte nur Augen für das, was sich jetzt auf der Bühne abspielte. Dort waren mehrere junge Männer und Frauen in coolen Sportklamotten aufgetaucht. Mit einem Lächeln wie aus der Zahnpasta-Werbung stellte einer von ihnen sich als „Chrissy“ vor, „euer Surflehrer“. Er war braungebrannt und muskulös, hatte knallblaue Augen und die langen blonden Haare über dem Kopf hochgeknotet.

Ute konnte gar nicht mehr aufhören, ihn mit offenem Mund anzustarren. Sie musste fast gewaltsam von ihrem Stuhl gezerrt werden, als Papa und Mama jetzt zurück zum Campingplatz wollten.

„Ab morgen dürft ihr abends mitmachen“, sagte Mama, „aber jetzt ab ins Bett, das war ein langer Tag heute.“

Wir verabschiedeten uns von Tati, der mit seinem Retsina ganz glücklich schien, und zuckelten zum Campingplatz hinauf.

Papa, Mama und Ute verschwanden im Wohntempel. Und MM, JoJo, Simon und ich zogen weiter zu unserem Indianer-Lager. Wir standen einen Moment unschlüssig vor unserem Zelt, bis Simon mit der genialen Idee kam: „Wir schlafen Hängematte!“

„In der Hängematte, Alter“, sagte MM und puffte Simon in die Seite. „Siegwart könnte dir mal richtiges Deutsch beibringen …“

Simon grinste bloß. Perfektes Deutsch war nicht sein Ehrgeiz. Auch jetzt, wo er schon ein ganzes Jahr aus Amerika zurück war, produzierte er seine berühmten Ami-Fehler noch in Serie.

Schon bald lagen wir alle in unseren Hängematten. Um uns rum zirpten die Grillen, am Himmel waren Unmengen an Sternen. Keiner sagte ein Wort.

Wir waren erst einen Tag im Urlaub, ging mir noch durch den Kopf, aber es fühlte sich an, als ob es schon eine Ewigkeit wäre. Und damit war ich auch schon eingeschlafen.

4. KAPITEL

Die Strammscheitel

In den nächsten Tagen groovten wir uns dann vollends ein ins Ferienleben. Unsere Hautfarbe ging schon Richtung Dunkelbraun, außer bei JoJo, der sich nicht von seiner Ganzkörpermontur trennen konnte. In MMs braunem Gesicht leuchteten ihre meerblauen Augen so, dass ich gar nicht mehr hinschauen konnte. Es war jedes Mal so, als ob ich einen leichten Stromschlag bekäme. Aber das musste sie ja nicht wissen. Sie hatte wahrscheinlich recht, dass es besser war, wenn wir „normale Freunde“ blieben.

Inzwischen hatten wir mit sämtlichen Bewohnern auf dem Campingplatz Bekanntschaft gemacht. Die meisten waren Deutsche oder Österreicher, mit Ausnahme der holländischen Familie, die wir schon am ersten Tag im Swimmingpool gesehen hatten. Die Kinder waren wie die Orgelpfeifen, das kleinste noch ein Baby, das älteste ein Junge von vielleicht 16 Jahren. Auch außerhalb des Pools hatten sie immer Sachen in orange an – der holländischen Nationalfarbe, wie uns JoJo aufklärte („Weiß doch jeder, der Fußball guckt“). Zu allem Überfluss hatten alle acht auch noch orangene Haare, ungefärbt. Die ganze Familie sah aus, wie man sich eben Holländer so vorstellt: Die Mama, Britta, hatte blonde Haare und eine Stupsnase, der Papa war zwei Meter groß. Eines der Mädchen hieß Leonie und lief mit einem Eimerchen rum, in dem sie einen toten Fisch herumtrug, den sie jedem zeigen musste. „Fisch slaapt!“, sagte sie dazu.

Papa war inzwischen seinen Verband los und hatte nur noch ein Pflaster um den Daumen. Er hatte sich mit dem Platzwart angefreundet, der sich mit dem Namen „Evangelos“ vorgestellt hatte und in dem hellblau gestrichenen Häuschen gleich neben dem Eingangstor zur Straße wohnte. Wir hatten ihn „Koala“ getauft, wegen den Haarbüscheln in den Ohren. Papa und der Koala unterhielten sich in einer merkwürdigen Mischung aus Altgriechisch und Englisch, vor allem aber mit Händen und Füßen. Papa war ganz beglückt, über den Koala einen „authentischen Einblick ins Leben der Griechen“ zu gewinnen, wie er sich ausdrückte. „Authentisch, von griechisch authentikos, echt“, kam natürlich gleich noch hinterher.

Der abgefahrenste Typ auf dem ganzen Campingplatz aber war der „Rastamann“.

So nannten wir den zerzausten Hippie, der in einem verrosteten VW-Bus hauste, der keine Räder mehr hatte, sondern auf Steinen aufgebockt war. Seine Rasta-Mähne ging bis über die Schultern, dazu hatte er einen ebenso verfilzten, schon grauen Bart, den er auf beiden Seiten des Kinns zu Zöpfchen geflochten hatte. Es war schwer zu sagen, wie alt er war, aber bestimmt war er älter als Papa und Mama, jedenfalls hatte er tiefe Furchen im Gesicht. Außer einer langen bunten Stoffhose hatte er nie etwas an, auch keine Schuhe. Auf der Schulter und auf beiden Unterarmen hatte er Tattoos mit merkwürdigen Mustern und Schriftzeichen und an allen Fingern trug er breite Silberringe.

Meistens saß er im Schneidersitz vor seinem Bus und bastelte Schmuck aus Messing, bunten Steinen und Lederbändchen, den er am Strand den Touristen verkaufte.

Wie sich herausstellte, war er Deutscher. Er hatte uns gleich am ersten Morgen angesprochen, als wir auf dem Weg zum Wohntempel bei ihm vorbeikamen. Am Anfang war er mir, ehrlich gesagt, etwas unheimlich, und den anderen ging es wohl genauso. Aber als wir dann so miteinander sprachen, legte sich das. Er hatte eine warme Stimme und grüne, offene Augen. Er wollte von jedem von uns den Namen wissen, fand „MM“ ziemlich lustig und wollte wissen, wie man zu so einem Namen kommt.

„Wenn man eigentlich Mariekje Marienhoff heißt und die Leute einen Knoten in die Zunge bekommen“, erklärte MM, und wir anderen hielten natürlich die Klappe. Schließlich musste nicht jeder wissen, dass MM am Anfang eigentlich mal für „Mathe Mausi“ gestanden hatte, als MM neu in unsere Klasse gekommen war und wir alle sie für eine Streberin hielten, weil sie schon zwei Klassen übersprungen hatte.

Der Rastamann hieß eigentlich Erwin. Er lebte schon seit Ewigkeiten auf der Insel. Warum er denn nicht zurückgegangen sei, wollte JoJo wissen.

„Ich habe hier doch alles, was ich brauche“, war seine Antwort, „Luft, Sonne, Freiheit.“ Dabei schaute er uns lächelnd an, aber irgendwie wirkte er auch ein bisschen traurig.

„Was wollte denn dieser Hippie von euch?“, fragte Mama mich, als wir am Wohntempel ankamen. Der Frühstückstisch unter dem Vordach war schon gedeckt.

„Nichts, wir haben uns nur ein bisschen unterhalten.“

„Man soll ja nicht nach dem Äußeren gehen, aber ehrlich gesagt, der sieht aus wie ein Junkie.“

„Ein was?“

„Ein Junkie, so sagt man zu Rauschgiftsüchtigen. Also Leuten, die Drogen nehmen, …“

Von Papa kam dazu automatisch: „Junkie von englisch junk, Müll, Abfall.“

Mir war nicht ganz klar, was Drogen mit Müll zu tun haben sollten.

„… also seid besser ein bisschen vorsichtig“, sagte Mama.

„Ja klar. Mach dir keine Sorgen.“ Was soll man sonst sagen zu einer Mama, die sich hauptberuflich Sorgen macht?

Wir machten uns über die Wassermelonenstücke, Pfirsiche und Weintrauben her, die Mama von einem Bauern gekauft hatte, der seinen Stand auf dem Parkplatz vor der Ferienanlage hatte. Außerdem gab es superleckeren griechischen Sahnejoghurt. Das Campingtischchen brach fast unter der Last zusammen.

Als wir schon fast fertig waren, trudelte auch noch Tati ein. Im Lauf der Ferien kam er jeden Tag ein bisschen später, und jeden Tag sah er ein bisschen verwilderter aus. Seit er griechischen Boden betreten hatte, war er kaum noch wiederzuerkennen. Professor Marienhoff, den man eigentlich nur in Anzug und Krawatte kannte, hatte jetzt eine Fischermütze auf dem Kopf, das Hemd vorne offen und einen wilden Stoppelbart im Gesicht. Und in den Fingern ein kleines Kettchen aus Perlen, an dem er ständig rumspielte. Zum typischen Griechen fehlte nur noch, dass er das Rauchen anfing.

Zu Hause hatte er wohl noch davon geschwärmt, dass er im Urlaub endlich mal in Ruhe arbeiten könne, und den Koffer mit Laptop, Festplatten und sogar einem Drucker vollgepackt. Nun lebte er hier entspannt in den Tag hinein: Nach dem Frühstück machte er es sich erst einmal mit einer Zeitung im Café auf dem „Dorfplatz“ (wie sie hier den zentralen Platz nannten) gemütlich. Nachmittags fuhr er meistens mit dem Bus in das Städtchen, das so eine halbe Stunde entfernt war. Er hatte sich dort mit den Fischern angefreundet, ganz besonders mit einem, den er „Zweistein“ nannte. Auf die Frage, woher er den Namen hatte, kam die Antwort: „Weil er mit seiner weißen Wuschelmähne aussieht wie Einstein – der zweite Einstein, also Zweistein, logisch.“ Was daran logisch sein sollte, war mir allerdings nicht ganz einsichtig.

Nach dem Frühstück war es jeden Tag meine Aufgabe, das Geschirr abzuspülen. Mamas Erziehungsprogramm ging natürlich auch im Urlaub weiter. Ihre größte Befürchtung ist ja, dass aus mir so was Schlimmes wie ein „Macho“ wird. Das ist wohl jemand, der zu Hause die Füße hochlegt, während seine Frau für ihn arbeitet.

Das Abspülen war aber gar nicht so wild, die anderen waren ja mit von der Partie. Im Waschhaus war so ein langer Schlauch, mit dem wir nicht nur das Geschirr, sondern uns auch gegenseitig abspritzten. Leider hatte auch der Koala einmal eine kalte Dusche abgekriegt, was der nur so mäßig komisch fand.

Nach dem Abwaschen machten wir uns alle zusammen auf den Weg ins Dorf, nur Papa blieb meistens noch auf seinem Campingstuhl sitzen und vertiefte sich in seinen Schmöker mit der griechischen Kulturgeschichte oder philosophierte mit dem Koala.

Mama dagegen fuhr voll auf das „Clubprogramm“ ab. Gleich nach dem Frühstück zog sie los, meistens zusammen mit Britta, unserer holländischen Nachbarin, mit der sie sich angefreundet hatte. Erst zur Morgengymnastik, dann zum Yoga oder Batiken oder was weiß ich. Am Nachmittag war dann ihr heiß geliebtes Zumba dran. Darunter muss man sich einen Tanz vorstellen, bei dem alle mit dem Arsch wackeln. Schien aber echt anstrengend zu sein. Mama hatte sich schon zu einer richtigen Zumba-Queen entwickelt und trug jetzt auch außerhalb der Trainingsstunden ein leuchtendes rosa Tuch um die Stirn, was super aussah.

Wir erholten uns erstmal bei Luigi von den Strapazen des Abspülens. Wir hatten sein Café inzwischen in „Eis-Tanke“ umgetauft. Dann liefen wir im Dorf herum, dort kannten wir inzwischen jeden Weg wie unsere Westentasche. Früher oder später landeten wir am Strand. Den konnte man ewig entlanggehen und überall bestens baden. Ich spüre noch heute den feinen Sand unter den Füßen, wie er zwischen den Zehen rausquillt. JoJo sorgte mit seinem abgefahrenen Ganzkörperanzug natürlich für viel Aufmerksamkeit. Zum Schwimmen zog er einen blauen Thermoanzug an, der ihn vor irgendwelchen Killerfischen schützen sollte, die es „in diesen Breiten“ angeblich in Massen gab. Er sah aus wie das Sams höchstpersönlich.

Zum Glück hatten wir Ute nicht an der Backe, sie hatte nämlich beim Schminkkurs jede Menge Tussen kennengelernt, von denen eine auch Melanie hieß. Wenn sie nicht im Schminkkurs waren, saßen sie zusammen am Pool. Die anderen waren noch ein bisschen jünger, und Ute war der absolute Mittelpunkt. In ihrem pinken Bikini saß sie auf der Liege und hatte ein Glas Fruchtsaft-Cocktail mit Strohhalm in der Hand, an dem sie von Zeit zu Zeit vornehm nippte. Das hatte sie vermutlich aus irgendeiner ihrer Serien, die sie mit der anderen Melanie anschaute. Es war natürlich nicht irgendein Cocktail, sondern einer der angesagten XXL-Cocktails mit Mango und Papaya, von Luigi frisch gemixt, sechs Euro das Glas. Der Trick, wie sie ohne Geld und ohne gelbes Bändchen zu ihren Cocktails kam, hieß Benni. So hieß der sommersprossige Kleine von der Strammscheitel-Bande. Er litt ganz offensichtlich an einem schweren Fall von Verliebtheit und tat nichts lieber als sie von vorne bis hinten zu bedienen.

Ute fand es megaaufregend, so umschwärmt zu werden, aber viel lieber wäre sie natürlich im Surfkurs bei ihrem Chrissy gewesen – der war aber ausgebucht, weil alle Mädchen bei Chrissy surfen lernen wollten. Ute war aber auf der Warteliste und rückte jeden Tag weiter ihrem Traum entgegen. Wahrscheinlich musste sich der arme Sommersprossenknabe ihr ganzes Chrissy-Verliebtheitsgestöhne anhören. Aber gut, er machte es schließlich freiwillig.

Durch Ute waren wir über die Strammscheitel so ziemlich auf dem Laufenden. Sie hatte jedenfalls immer viel zu erzählen, wenn wir uns mittags alle vor dem Wohntempel zum Picknick trafen. Benni war wohl der jüngere Bruder von Wulfius, dem Blonden mit der Brille. Und eigentlich hatte er gar nicht mit nach Griechenland gewollt, aber seine Eltern hatten ihn kurzerhand dazu verdonnert, mit seinem Bruder zu fahren. Sie mussten nämlich unbedingt nach San Francisco düsen, um auf der Ausstellung irgendeines unglaublich angesagten Künstlers ein paar Bilder zu kaufen, für ein paar Zehntausender das Stück.

„Der arme Benni“, seufzte Ute immer wieder. Man konnte sich fragen, ob sie jetzt vielleicht auch noch in den Kleinen verknallt war. „Er tut mir so leid. Und diese Typen sind wirklich nicht nett zu ihm. Das Großmaul, das bei denen offenbar den Ton angibt, heißt übrigens Attila. Habt ihr so einen Namen schon mal gehört? Die Typen haben gerade Abitur gemacht, an irgend so einem piekfeinen Privatinternat, und haben von ihren Eltern zur Belohnung diese Reise geschenkt bekommen. Ihr glaubt gar nicht, was das kostet. Eine Riesenwohnung haben die, mit ner Dachterrasse, da machen sie die ganze Nacht Party …“

Sie hörte gar nicht mehr auf zu erzählen. Dass es schon ein paarmal Ärger mit den Nachbarn gegeben habe, und sie deshalb vom Manager schon verwarnt worden seien. Und dass Benni sich Sorgen mache, dass sein Bruder so viel trinkt. Im Internat durften die Schüler wohl überhaupt keinen Alkohol trinken und auch sonst keinerlei Drogen nehmen, sonst wären sie sofort von der Schule geflogen. Und jetzt wollten sie hier so richtig die Sau rauslassen und mal „alles Mögliche ausprobieren“.

„Und die sind wirklich schon 18?“, fragte Mama. „Also ich finde das eine Schande, dass die hier so viel Alkohol ausschenken. Wo es hier so leckere Kräuter gibt, und Honig, daraus könnte man die tollsten Drinks machen!“

„Doofe gibt es immer“, sagte Papa, „man muss ihnen nur aus dem Weg gehen.“

Das versuchten wir, so gut wir konnten.

Nur einmal gelang es uns nicht. Und das hatte mit dem Quallenalarm zu tun. Es muss am vierten oder fünften Tag gewesen sein, da war der Strand plötzlich mit roten Bändern abgesperrt und überall standen Warnschilder, dass das Meer voller Feuerquallen sei. Die Tiere hatten sich wohl wegen der Hitze wahnsinnig vermehrt, und dann hatte der Wind gedreht und sie zum Strand getrieben. „Die Berührung mit den Tieren kann extrem schmerzhaft sein. Es wird dringend davon abgeraten, ins Wasser zu gehen.“

„Da seht ihr, warum ich meinen Schutzanzug dabeihabe. Man muss in diesen Breiten mit allem rechnen.“ JoJo war jetzt natürlich sehr zufrieden mit sich, aber ganz alleine wollte er dann doch nicht schwimmen gehen.

Also landeten wir am Pool. Dort war es ziemlich voll, weil ja die anderen Strandgänger irgendwo baden wollten. Wie durch ein Wunder hatten wir aber trotzdem einen der besten Plätze ergattert, nämlich zwei Liegen nebeneinander direkt am Pool, im Schatten der Palmen. Genialer ging es nicht, und bald hatten wir unseren Rhythmus gefunden: Rein ins Wasser – raus zur Eis-Tanke – wieder rein ins Wasser und so weiter. Meistens machten wir Reiterkämpfe bis zum Umfallen.

Und jetzt wollten wir uns auf unseren Liegen erholen.

Auf denen saßen aber, feixend und johlend, die Strammscheitel, mit ihren Biergläsern in der Hand.

„Da sind ja wieder unsere Billig-Campis!“, wurden wir von Attila begrüßt. „Das war wirklich artig von euch, uns die Liegen freizuhalten!“ Die anderen prosteten ihm begeistert zu. Er machte eine lässige Handbewegung in unsere Richtung. „Ihr könnt euch jetzt trollen, falls ihr keinen Ärger wollt.“

Mein Herz pochte wie wahnsinnig. „Ihr könnt den Leuten doch nicht einfach ihre Plätze wegnehmen!“, kam es trotzdem aus mir raus.

Attila grinste mich höhnisch an und zeigte auf sein gelbes Bändchen „Können wir doch! Schließlich haben wir ja auch bezahlt, im Gegensatz zu euch Billig-Touris. Ihr könnt euch ja ne Liege auf eurem Campingplatz aufstellen.“

Seine Bande brüllte vor Lachen.

„Und falls ihr jetzt nicht abzieht, können wir ja ein bisschen nachhelfen.“ Er stand auf, nahm unsere Badetücher und warf sie in hohem Bogen in den Pool.

Während ich noch nach Luft schnappte, hörte ich auf einmal Tatis Stimme hinter mir. Ich wusste gar nicht, dass er so laut werden konnte. „Hol die Sachen wieder raus, und zwar sofort! Und wehe, ihr lasst die Kinder nicht Ruhe!“

Das Gebrüll zeigte Wirkung. Attila fischte die Badetücher aus dem Wasser und warf sie auf unsere Liegen. Bevor er mit seiner Bande abzog, hörte ich ihn noch zischen: „Wir sehen uns wieder!“

5. KAPITEL

Schuss ins Schwarze

Und das taten wir. Und zwar ziemlich bald.

Wegen des Quallenalarms war der Strand auch noch nach dem Mittagessen gesperrt, und am Pool war es inzwischen so voll, dass uns die Lust vergangen war. Außerdem, um ehrlich zu sein, hatten wir auch ein bisschen Angst vor den Strammscheiteln. Tati war längst bei seinem Zweistein und den anderen Fischer-Freunden in der Stadt.

Wir saßen also nach dem Mittagspicknick etwas unschlüssig vor dem Wohntempel rum und wussten nicht so recht, was wir mit dem Rest des Tages anfangen sollten. „Lasst uns doch eine Exkursion zu den Ausgrabungen in Alexandros machen, die haben da eine Kultstätte aus der mykenischen Zeit entdeckt.“ Papa hatte wieder mal unstillbaren Durst auf Tempel.

Zum Glück wurde die Idee von Mama sofort beerdigt. „Ach Reinhard, es ist doch viel zu heiß. So was muss man früh morgens machen.“

Womit aber die Frage noch nicht beantwortet war, was wir jetzt machen sollten.

„Wir könnten ja mal das Animationsprogramm checken“, meinte JoJo.

Seit wir hier auf der Insel waren, lag er uns mit dem Animationsprogramm in den Ohren. Er stellte sich offensichtlich was weiß ich was vor, was ganz Großartiges jedenfalls. Wir anderen fanden das nicht so prickelnd, aber JoJo ließ nicht locker. „Warum sollen wir das nicht mal ausprobieren? Ich finde, wenn man schon mal in so einem Ferienclub ist, muss man auch die Möglichkeiten nutzen, die da geboten werden!“

Da keinem von uns etwas Besseres einfiel, machten wir uns also auf den Weg ins Dorf. Samt Ute, die wahrscheinlich von der stillen Hoffnung getrieben war, irgendwo ihren Chrissy zu treffen.

Neben dem Fresstempel gab es eine Schautafel, auf der das Programm mit den Freizeitaktivitäten angeschlagen war, daneben war das Häuschen der Animateure. Wir wurden gleich von einer netten Blonden mit Pferdeschwanz in Empfang genommen, die sich als Lulu vorstellte. Leider sei der Andrang diesen Nachmittag so groß, dass schon alle Kurse voll belegt seien, außer „Mathe für Mädchen“. Und Bogenschießen. Aber das sei doch auch super cool und voll krass und fett und bei der Hitze gerade das Richtige. Der Schießplatz sei „absolut Hightech“, und außerdem – das sagte sie mit einem Augenzwinkern – seien die angesagtesten Animateure überhaupt dabei, nämlich die legendäre Lulu und der supercoole Christoph.

Worauf Ute einen hysterischen Schrei von sich gab: „Chrissy!!!“

Lulu schenkte Ute ein verständnisvolles Lächeln. „Fängt gleich an, ich freu mich auf euch!“

Also Bogenschießen. Ich hatte ja eigentlich schon Lust, aber …

„Simon, du wirst dich zu Tode langweilen“, vollendete MM den Gedanken, der gerade in meinen Kopf gekommen war. Sie schaute Simon voller Mitleid an.

„Ach Leute“, sagte Simon mit seinem gewohnten leisen Lächeln, „keine Sorgen wegen mich … wirklich, ist vielleicht mal ganz nett, ein anderes Bogen zu probieren.“

Wer Simons Bogen zu Hause kennt, weiß, dass es für ihn alles andere als „nett“ sein konnte, mit irgendwelchen Spielzeugbögen auf eine Pille-Palle-Zielscheibe in zwanzig Meter Entfernung zu schießen. Im Bogenschießen ist Simon der absolute Vollprofi. Zuhause in seinem Sportclub trainiert er in achtzig Meter Entfernung. Ein paar Mal habe ich ihn zum Training begleitet. Dass man auf so eine Distanz überhaupt eine Zielscheibe treffen kann, ist für mich schon ein Wunder, aber dass man dann auch noch voll in die Mitte trifft, ist schlicht übermenschlich, finde ich.

Lulu hatte sich schon auf den Weg gemacht, wir trotteten ihr hinterher. Der „Hightech-Schießplatz“ sah auf den ersten Blick nach allem anderen als nach Hightech aus: eine Bretterbude auf einer vertrockneten Wiese, dazu drei bunte Schießscheiben mit einer Wand aus Stroh dahinter, für die verirrten Pfeile.

Chrissy wartete schon und nahm uns sehr nett in Empfang. Ute hatte rote Flecken am Hals und klimperte so wild mit ihren Wimpern, dass Chrissy sie besorgt fragte, ob sie was in die Augen bekommen hätte. JoJo prustete darauf so heftig los, dass er Schluckauf bekam. Das konnte ja heiter werden.

Außer uns war noch die ganze holländische Familie da, wie immer alle orange angezogen, auch das Baby, und noch ein paar Leute, die ich nicht kannte.

Leider waren das aber noch nicht alle. Vom Dorf her kam jetzt nämlich eine Gruppe anmarschiert, deren Gegröle schon von Weitem zu hören war. Mein Herz machte einen kleinen Stolperer, und ich schaute unwillkürlich zu den anderen. Auch ihnen stand ein kleiner Adrenalinstoß ins Gesicht geschrieben.

„Shit happens“, sagte Simon.

„Machen wir das Beste draus“, flüsterte MM.

„Ute!“ Der kleine Benni hatte offenbar Ute entdeckt und kam auf sie zu geflitzt. Die Großen kamen langsam hinterher, mit einem merkwürdig schwankenden Gang.

„Bestimmt besoffen“, sagte MM.

Sie hatten uns natürlich sofort erkannt. „Na, die Billigcamper, ich sagte doch, wir treffen uns wieder!“, warf uns Attila mit seinem fiesen Grinsen zu.

Ich war froh, dass die supercoole Lulu gerade in dem Moment alle an der Bretterbude zusammenrief und mit einem kleinen Einführungskurs anfing: wie man die Bögen zu halten hatte, die Pfeile auf die Sehne setzte, die Sehne spannte und so weiter. Wir schauten dabei immer wieder verstohlen Simon an. Der ließ sich aber nichts anmerken.

Jeder bekam so eine Art Fingerhandschuh und einen Unterarmschutz („damit ihr euch nicht mit der Sehne verletzt, die kann die Haut richtig aufratschen“). Dann verteilte man sich auf die Schießplätze und durfte alles ausprobieren, was sie uns gezeigt hatten.

Nach den ersten Katastrophen-Schüssen fing es an, mir richtig Spaß zu machen, und meine Trefferquote war schon ganz passabel. MM entpuppte sich als ziemlich talentiert, sie war die beste von uns – Simon hielt sich immer noch vornehm zurück. „Habe Ferien …“, lächelte er uns an. JoJo versenkte die meisten Pfeile in der Strohwand, was er auf die „miese Qualität der Pfeile“ zurückführte. Ute hatte noch keinen einzigen Pfeil abgeschossen bekommen, wahrscheinlich stellte sie sich extra blöd an, damit Chrissy ihr zu Hilfe kam. Und tatsächlich tat er das einmal: er stellte sich hinter sie, nahm die Arme um sie, um ihre Hand zu führen. Sie war kurz vor der Ohnmacht. Danach war sie völlig durch den Wind und kriegte den Pfeil noch nicht mal angelegt.

Die Strammscheitel tummelten sich zum Glück an einer der anderen Scheiben, aber selbst aus der Ferne war ihr Gegröle kaum auszuhalten. Nur Benni war bei uns, er wich Ute keinen Schritt von der Seite.

„Liebe Sportschützen!“, kam nun über Lautsprecher die Stimme von Lulu. „Um die Sache etwas sportlicher zu gestalten und ein bisschen Spannung reinzubringen, haben wir uns was Supercooles ausgedacht. Ein Mannschaftsturnier, bei dem es was richtig Geiles zu gewinnen gibt! Nämlich“, – sie machte eine lange Spannungspause –, „für jeden aus der Siegermannschaft eines von unseren supercoolen Club-Caps!“ Sie wedelte wie wild mit ihrem Cap rum. „Und wer will, kriegt sogar noch ein Autogramm von Chrissy drauf.“ Das hatte sie bestimmt nur wegen Ute gesagt.

„Okay Jungs, holen wir uns die blöden Caps!“, hörte ich von den Strammscheiteln. Sie klatschten sich grölend ab. Von Benni wussten wir, dass sie in ihrem schicken Internat Bogenschießen als Unterrichtsfach hatten, zusammen mit Fechten und Reiten.

Lulu machte weiter und erklärte nun die Regeln. Es sollten sich Mannschaften von je fünf Leuten zusammentun, und an jeder Scheibe sollten zwei Mannschaften gegeneinander antreten. „Jedes Team hat 15 Schuss, jeder darf also dreimal schießen, und zwar alle drei Schüsse hintereinander. Der äußerste Ring zählt 10 Punkte, der zweitäußerste 20, der dritte 30, und so weiter. Der kleine schwarze Kreis ganz innen bringt 150 Punkte.“

Sie deutete auf eine Anzeigetafel an der Wand der Bretterbude: „Hier wird der Punktestand für jede Mannschaft angezeigt, die Treffer werden nämlich per Funk direkt von der Zielscheibe hier auf das Display übertragen.“

Aha, das war also die Sache mit der „Hightech“.

Jede Mannschaft sollte sich jetzt einen Namen ausdenken, mit dem sie auf der Anzeigetafel stehen wollte. JoJo war nur mit Mühe von „Die Meisterdetektive“ abzubringen. „Wir haben schließlich Ferien“, meinte Simon. Das mit den Ferien hatte es ihm offenbar angetan. Am Ende einigten wir uns auf „Eistanker“. Ute sollte anfangen, Benni war der Schlussmann. Simon hatte weiterhin Ferien.

Die Suche nach einem Mannschaftsnamen hatte uns so beschäftigt, dass wir gar nicht gemerkt hatten, dass sich die Strammscheitel zu uns gesellt hatten. Offenbar hatten die Animateure sie unserer Scheibe zugeteilt.

„Da haben wir ja die Arschkarte gezogen, mit den Billigheimern vom Campingplatz“, ätzte Attila gleich los. Wir versuchten wegzuhören. Was aber gar nicht so leicht war, denn es blubberte nur so aus ihm raus. „Gestern Abend bei Luigi … Alter, war das geil … is sowas von abgegangen … aber is ja nichts für euch Kleinen, ihr macht ja noch in die Pampers …“

Ich war froh, als Lulu ankam und meinte, wir könnten doch eigentlich loslegen.

„Wir machen die so was von platt“, musste Attila noch loswerden, worauf Lulu trocken zurückgab: „Mit dem Mundwerk auf jeden Fall.“

Mit einem Münzwurf wurde ausgelost, dass die „Masters of the Universe“ – wie sich die Strammscheitel offenbar genannt hatten – anfangen sollten.

Ihr erster Schütze war Bennis Bruder Wulfius, nach seinen drei Schüssen standen 150 Punkte auf der Tafel.

Bei uns war JoJo der Erste. Zwei Pfeile gingen daneben, immerhin traf der Dritte, wenn auch nur knapp.

„Glückstreffer, Dicker!“, höhnten die Strammscheitel.

Der zweite von ihnen erhöhte das Konto der Masters of the Universe auf 320, und damit lagen sie auch in der Gesamtwertung in Führung, an zweiter Stelle kam „Oranje“. Das konnten nur die Holländer sein, die an der anderen Zielscheibe gegen ein paar ältere Leutchen antraten, die sich „Rentnerkanonen“ nannten.

Bei uns kam als zweite Ute dran. Wie erwartet vermasselte sie alle Schüsse, was ihr aber nichts auszumachen schien, denn von Chrissy kam ein „Gut gemacht, Ute!“ Darüber freute sie sich so heftig, dass ihr die Tränen runterliefen.

Von den Strammscheiteln kam nichts als höhnisches Gelächter. Und der Kommentar „Selber schuld, wenn ihr Pussies mitmachen lasst.“

Nach dem dritten Scheitel-Typen hatten sie ihren Vorsprung auf 450 Punkte ausgebaut, und klatschten sich ab, als ob sie eine Olympiamedaille gewonnen hätten.

MM hatte leider eine Pechsträhne und blieb weit unter ihren Möglichkeiten. Immerhin schaffte sie 140 Punkte.

Und dann kam ich dran. Als ich den Bogen nahm, brachen die Strammscheitel in Buh-Rufe aus. Um mich zu verunsichern hätte aber auch ein Blick an die Tafel gereicht. Wir standen an letzter Stelle, mit über 300 Punkten Rückstand zu den führenden Masters.

Leider war auch mir keine Glanzleistung vergönnt. Der erste Pfeil ging daneben, die beiden anderen trafen ganz knapp.

Von den Strammscheiteln kam das übliche Gefeixe. Deren Schlussmann war Attila höchstpersönlich.

„Jetzt könnt ihr mal sehen, wie ein richtiger Könner das macht.“ Und dann schoss er immerhin 80, 80 und 70. Und wurde natürlich gefeiert wie ein Weltstar. Die anderen klopften ihm minutenlang auf den Rücken und wälzten sich johlend mit ihrem Superhelden auf dem Boden.

Benni schaute betreten weg.

„Völlig durchgeknallt“, sagte MM neben mir, „wie wenn sie Drogen genommen hätten.“ Genau das war mir gerade auch durch den Kopf gegangen.

Als sie sich wieder eingekriegt hatten, kam Attila auf uns zu. „Na, Pampers-Kiddies, ihr seid ja voll am Abkacken … voll die Letzten, und jede Wette, das seid ihr auch am Schluss.“

„Nö, erste.“

Das kam von Simon.

Attila hatte es offenbar die Sprache verschlagen. Er schaute irritiert zu seinen Freunden.

Simon hatte schon einen Bogen in der Hand. Sein Gesicht war unbewegt, aber ich konnte spüren, wie empört er war.

„Ich dachte, du hast Ferien?“, flüsterte ich ihm zu.

Simon schien das nicht gehört zu haben. Er war in Gedanken weit weg. Ganz ruhig ging er die paar Schritte zu dem Eimer mit den Pfeilen und suchte sich drei Pfeile aus. Dann ging er ebenso ruhig zur Linie.

„Erste – hahahaha, habt ihr das gehört?!“ Attila hatte offenbar seine Stimme wiedergefunden. „Wir sind 350 Punkte vor euch!“

„Also, um was wetten wir?“, fragte JoJo.

„Eine Packung von dem geilen Zeug von Luigi“, grinste Attila.

„Dass ihr uns für den Rest des Urlaubs in Ruhe lasst. Und uns am Pool die Liegen nicht mehr wegnehmt“, sagte JoJo.

„Okay Dicker, geht klar!“

Simon stand schon an der Linie und legte den ersten Pfeil an. Ganz langsam hob er den Bogen und spannte ihn. Und schon zischte der Pfeil los.

Schwarz. Mehr Mitte ging nicht. Von der Anzeigetafel kam eine kleine Fanfare, die offenbar einprogrammiert war, wenn die innere Scheibe getroffen wurde.

„Glückstreffer!“, grölten die Strammscheitel. Das Hohngelächter klang aber etwas angestrengt.

Simon hatte schon wieder angelegt. Losgelassen. Wieder die Fanfare.

Von den Attilas kein Ton.

Simon nahm nun den dritten Pfeil. Ganz langsam, wie in Zeitlupe, setzte er ihn an, und genauso langsam hob er den Bogen, richtete ihn in voller Spannung aus, verharrte noch einen Moment unbewegt. Und dann: Zisch!

Der Pfeil steckte im Schwarzen.

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