Kitabı oku: «Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache»

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Ulrike M. Lüdtke • Ulrich Stitzinger
Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache
Mit 41 Abbildungen und 22 Tabellen
Ernst Reinhardt Verlag München Basel
Prof. Dr. Ulrike M. Lüdtke leitet an der Leibniz Universität Hannover die Abteilung Sprach-Pädagogik und -Therapie sowie das Babylab und die Sprachtherapeutische Ambulanz. Sie ist u.a. Fachbeirätin der Online-Übungssammlung „logopaletti“.
Ulrich Stitzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrkraft für besondere Aufgaben in der Abteilung Sprach-Pädagogik und -Therapie an der Leibniz Universität Hannover.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
UTB-Band-Nr.: 8599
ISBN 978-3-8252-8599-9
© 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München
Dieses Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Printed in Germany
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Satz: ew print & medien service gmbh, Würzburg
Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München
Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: info@reinhardt-verlag.de
Inhalt
Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuches
Einleitung
1 Standortbestimmung
1.1 Wissenschaftstheoretische Grundlagen
1.1.1 Fachliche Positionierung im Bezugsfeld
1.1.2 Wozu Wissenschaftstheorie?
1.1.3 Verbindung von Theorie und Praxis
1.2 Phänomene und Ebenen des Faches
1.2.1 Pädagogik als normative Vorentscheidung
1.2.2 Vielfalt der Praxisphänomene
1.2.3 Ebenen des Faches
1.3 Fachtermini und Paradigmen
1.3.1 Oberflächenphänomene – Wandel der Fachtermini
1.3.2 Tiefenphänomene – Wandel der Paradigmen
1.3.3 Selbstreflexive Haltung
1.4 Zentrale Begriffe
1.4.1 Fachdisziplin
1.4.2 Professionsstrukturen
1.4.3 Gegenstand und Klientel
1.4.4 Aufgabenbereiche und Handlungsfelder
1.4.5 Inklusion
1.4.6 Internationalisierung und Globalisierung
2 Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation als Integrationswissenschaft
2.1 Pädagogik als Leitwissenschaft
2.2 Sprachphilosophische und anthropologische Grundlagen
2.2.1 Der Mensch in seiner Sprachlichkeit als Ausgangsbasis und Zielkategorie
2.2.2 Vulnerabilität und Differenz der Sprachlichkeit als Auftrag und Verantwortung
2 3 Pädagogische Grundlagen
2.3.1 Sprachpädagogik und Sprachdidaktik
2.3.2 Bildung und Erziehung
2.3.3 Pädagogische Matching-Prozesse
3 Forschung
3.1 Forschungsethik
3.1.1 Grundsätze der Forschung am Menschen
3.1.2 Ethische Grundsätze für Forschung mit Entwicklungsländern
3.2 Merkmale und Methoden empirischer Forschung
3.2.1 Quantitative Methoden
3.2.2 Qualitative Methoden
3.3 Grundlagenforschung
3.4 Unterrichtsforschung
3.5 Sprachtherapieforschung
3.6 International vergleichende Forschung
4 Pädagogisches Handeln – Handlungsfelder, Aufgaben, Berufsgruppen, Institutionen
4.1 Überblick über Handlungsfelder des Faches
4.2 Ethik als Grundlage des sprachpädagogischen Handelns
4.3 Krippe – Prävention von Sprachentwicklungsstörungen und sprachliche Frühförderung
4.4 Kindertagesstätte – vorschulische Sprachbildung und Sprachförderung
4.5 Schule – sprachfördernder und sprachtherapeutischer Unterricht, Erziehung und Beratung
4.6 Praxis – Sprachtherapie und Beratung
4.7 Klinik – Sprachtherapie und Rehabilitation
5 Klassifikation
5.1 Übergeordnete Überlegungen zu Klassifikationsmodellen
5.1.1 Deskriptive Klassifikationen
5.1.2 Explikative Klassifikationen
5.1.3 Sichtweise der Funktionsfähigkeit
5.2 Primäre sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen
5.2.1 Sprechstörungen
5.2.2 Sprachstörungen
5.2.3 Stimmstörungen
5.2.4 Redestörungen
5.2.5 Schluckstörungen
5.3 Sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen im Zusammenhang mit anderen (primären) Unterstützungsbedarfen
5.3.1 Sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen bei primärem Unterstützungsbedarf im Hören
5.3.2 Sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen bei primärem Unterstützungsbedarf im Lern- und Leistungsverhalten
5.3.3 Sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen bei primärem Unterstützungsbedarf der emotionalen und sozialen Entwicklung
5.3.4 Sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen bei primärem Unterstützungsbedarf der geistigen Entwicklung
5.3.5 Sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen bei primärem Unterstützungsbedarf der körperlichen und motorischen Entwicklung
6 Sprachdidaktik
6.1 Einführung in die Sprachdidaktik
6.2 Sprachdidaktische Konzepte
6.2.1 Behavioristische Theorien
6.2.2 Nativistische Theorien
6.2.3 Kognitivistische Theorien
6.2.4 Psychoanalytische Theorien.
6.2.5 Kulturhistorisch-tätigkeitstheoretische Theorien
6.2.6 Interaktionistische Theorien
6.2.7 Relationale Theorien
6.3 Sprachdidaktisches Planungs- und Reflexionsmodell
7 Förderung im Kontext sprachlich-kultureller Vielfalt
7.1 Prävention
7.1.1 Primäre Präventionsmaßnahmen
7.1.2 Sekundäre Präventionsmaßnahmen
7.2 Sprachlich-kulturelle Vielfalt im Bildungssystem
7.2.1 Sprach- und kultursensible Leitgedanken in Bildungsund Erziehungsplänen.
7.2.2 Sprachlich-kulturelles mismatch in Bildungseinrichtungen
7.2.3 Potenziale und Ressourcen
7.3 Sprachbildung und Sprachförderung im Kontext sprachlich-kultureller Vielfalt
7.3.1 Sprachförderung im Kontext sprachlich-kultureller Vielfalt auf der Ebene der Kinder
7.3.2 Sprachförderung im Kontext sprachlich-kultureller Vielfalt auf der Ebene der Fachkräfte
8 Inklusion und Unterricht
8.1 Inklusion als aktueller und wachsender Aufgabenbereich des Faches
8.2 Paradigmen des Faches im historischen Wandel zur Inklusion
8.2.1 Separation: Besondere Bildung für „Sprachbehinderte“ und Ausbau der „Sprachheilschule"
8.2.2 Integration: Sprachförderprogramme und Mobile Dienste für Kinder mit Förderbedarf Sprache als Übergangsprozess
8.2.3 Inklusion: Abbau sprachlich-kommunikativer Lernbarrieren zur Sicherung der Bildungsteilhabe
8.3 Inklusive Umgestaltung des Förderschwerpunktes Sprache
8.3.1 Inklusionsdebatte im Unterstützungsschwerpunkt Sprache
8.3.2 Forschungslage zur Inklusion im Unterstützungsschwerpunkt Sprache
8.3.3 Internationaler Vergleich inklusiver Beschulung
8.4 Inklusion im Unterstützungsprofil Sprache und Kommunikation
8.4.1 Leitgedanken und Qualitätsmerkmale eines inklusiven sprachpädagogischen Handelns
8.4.2 Inklusives Unterstützungsprofil Sprache und Kommunikation.
9 Pädagogische Sprachtherapie.
9.1 Pädagogische Sprachtherapie als Variante der Sprachdidaktik
9.2 Sprachtherapeutische und sprach(therapie)didaktische Konzepte
9.2.1 Phoniatrie: Symptombehandlung von Sprechstörungen
9.2.2 Behavioristische Wende: Modifikation gestörten sprachlichen Verhaltens..
9.2.3 Linguistische Wende: Aufbau von Regelwissen bei sprachsystematischen Störungen
9.2.4 Kognitive Wende: Optimierung von Verarbeitungsprozessen bei Spezifischen Sprachentwicklungsstörungen (SSES)
9.2.5 Pragmatische Wende: Aufbau kommunikativer Kompetenz bei Kommunikationsstörungen
9.2.6 Emotive Wende: Intersubjektive Konstruktion sprachlicher Bedeutung bei relationalen Sprachentwicklungsstörungen
9.3 Sprachtherapeutisches Planungs- und Reflexionsmodell
9.3.1 Das Sprachtherapeutische Planungs- und Reflexionsmodell am Beispiel der Therapie des Stotterns
9.3.2 Das Sprachtherapeutische Planungs- und Reflexionsmodell am Beispiel der Therapie des Sprachabbaus bei Demenz
9.4 Inklusive Öffnung des Berufsbildes Akademische Sprachtherapie
9.4.1 Gesetzliche und fachliche Ausgangslage
9.4.2 Sprachpädagogische und sprachdidaktische Aufgabenstellungen
10 Internationalisierung und Globalisierung
10.1 Sondersituation in Deutschland
10.2 Grundlagen der International Vergleichenden Sprachpädagogik und Sprachtherapie
10.3 Blick auf andere Länder
10.3.1 Deutschland, Schweiz und Österreich: Bilinguale Ressourcen in der Sprachtherapie
10.3.2 Deutschland – USA: Sprachtherapeutinnen im inklusiven schulischen Kontext
10.3.3 Deutschland – Tansania: Capacity Building in der Entwicklungszusammenarbeit durch kultursensible Konzeptentwicklung
10.4 Kultursensibilität und Interkulturelle Kompetenz
10.4.1 Ethik individuell und global
10.4.2 Kultursensibilität als wesentlicher Aspekt international vergleichender Forschung und Praxis
10.4.3 Interkulturelle Kompetenz als Notwendigkeit der Ausbildung
10.5 Ausblick: Globales und Nationales als Einheit
11 Perspektiven
11.1 Eröffnung neuer Arbeitsfelder
11.2 Veränderte Ausgangslage sprachlich-kommunikativer Förderund Unterstützungsbedarfe
11.3 Anpassung sprach(therapie)didaktischer Konzepte und Professionskompetenzen
11.4 Forschungsdesiderate
11.5 Neuausrichtung der Ausbildung und Lehre
Serviceseiten
Fachzeitschriften
Deutschland
Österreich
Schweiz
International
Studienorte
Deutschland
Österreich
Schweiz
Lehramt für Sonderpädagogik, Schwerpunkt Sprache, Deutschland
Fachgesellschaften und Berufsverbände
Deutschland
Österreich
Schweiz
International
Selbsthilfe- und Elternverbände
Literatur
Sachregister
Online-Lernmaterial
Hinweise zur Benutzung dieses Lehrbuchs
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Online-Zusatzmaterial
Für Studierende: Die Lösungen zu den Lernfragen und weitere Literaturempfehlungen zu den einzelnen Kapiteln gibt es unter www.utb-shop.de und www.reinhardt-verlag.de.
Für Dozierende: Es gibt eine Präsentation zu jedem Kapitel, die Präsentationen werden auf http://www.utb-shop.de für registrierte DozentInnen zur Verfügung gestellt. Die Präsentationen sind passwortgeschützt, das Passwort zum Öffnen der Dateien finden Sie am Ende des Buches. Wie Sie sich als DozentIn registrieren können, erfahren Sie unter http://www.utb.de/dozenten/zusatzmaterialien/ oder http://www.utb-shop.de/dozenten-downloads.
Einleitung
Einheit von Sprachpädagogik und Sprachtherapie
Wir freuen uns, das Lehrbuch „Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache“ vorlegen zu können. Damit möchten wir Studierenden und Fachkräften eine Konzeptionierung der Sprach(heil)pädagogik und Pädagogischen Sprachtherapie als ein Fach präsentieren. Mit dieser Zusammenführung möchten wir v. a. der heutigen Herausforderung von Spezifizierung, Diversifizierung und steigender Komplexität begegnen. Vor dem Hintergrund aktuell notwendiger Synergiebildungen greifen wir außerdem mit der Position des Zusammendenkens und Vernetzens eine lange gewachsene Tradition der fachlichen Einheit auf und unterbreiten Vorschläge, wie diese innovativ weiterentwickelt werden könnte.
Durch die Verwendung des Begriffs „Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation“ als Fachbezeichnung innerhalb dieses Lehrbuchs möchten wir einen breiten Blick auf den Fachgegenstand „Sprache und Kommunikation“ mit seiner Vielfalt an Praxisphänomenen und seinen facettenreichen, sich überschneidenden Erscheinungsbildern andeuten. Diese Vielfalt wird im Weiteren systematisiert und verknüpft, Praxiskonzepten und Theoriebildungen zugeordnet und aus der pädagogischen Perspektive zusammengefasst. Denn um nachhaltige Wirkungen in der Arbeit mit Menschen mit sprachlichkommunikativen Beeinträchtigungen im lebensweltlichen Kontext erzielen zu können, wird in unserem Buch immer beides zusammen gedacht und entwickelt: Sprachpädagogik und Sprachtherapie.
Inklusion, Internationalisierung und Lebensspanne
Mit der Position der fachlichen Einheit reiht sich dieses Lehrbuch zum einen in die Fachgeschichte ein, die u. a. von der „Pädagogik der Sprachbehinderten“ (Knura / Neumann 1982), den „Sprachstörungen bei Kindern und Jugendlichen“ (Braun 2002), dem „Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie“ (Grohnfeldt 2000–2004) und dem „Enzyklopädischen Handbuch der Behindertenpädagogik – Band Sprache und Kommunikation“ (Braun / Lüdtke 2012) bis hin zum aktuellen „Grundwissen der Sprachheilpädagogik und Sprachtherapie“ (Grohnfeldt 2014a) reicht. Zum anderen weisen derzeitige gesellschaftliche Erscheinungen und Entwicklungen wie Inklusion, Digitalisierung der Kommunikation und Globalisierung den Weg in eine neue fachliche Ära, die eher das Gemeinsame sucht als das Trennende zu verstärken. Ebenso wird das Professionsbild nicht allein auf die klassischen Handlungsbereiche reduziert, sondern erfährt entsprechend unserer Auffassung der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation kooperative Erweiterungen und konstruktive Überschneidungen. So soll sich aus verschiedenen Blickrichtungen nicht nur auf Kinder, Jugendliche und Erwachsene konzentriert werden, sondern die Gesamtheit der Lebensspanne vom Neugeborenen bis hin zum älteren Menschen berücksichtigt werden.
Komplexe sprachlich-kommunikative Erscheinungsbilder
Überdies ergibt sich vor dem Hintergrund, gesellschaftliche Teilhabe und Bildungschancen zu sichern, die Notwendigkeit, das professionelle sprachpädagogische und sprachtherapeutische Handeln über die traditionellen Erscheinungsbilder im Bereich Sprechen, Sprache, Stimme, Rede und Schlucken hinaus auszuweiten. Sprachlich-kommunikative Störungs- und Erscheinungsbilder im Kontext sprachlich-kultureller Vielfalt, auch im Zusammenhang mit anderen (primären) Unterstützungsbedarfen wie beispielsweise des Hörens, des Lern- und Leistungsverhaltens, der emotionalen und sozialen Entwicklung, der geistigen Entwicklung sowie der körperlichen und motorischen Entwicklung, sollten nun ebenso Teil des sprachpädagogischen und -therapeutischen Handelns sein.
Konzeption aus der und für die Lehre
Die Konzeption zu diesem Buch entstand auf der Basis unserer langjährigen Lehrerfahrung in den verschiedensten Studiengängen der Sprachpädagogik und Sprachtherapie. Zielsetzung soll sein, Studierenden in den Bachelor- und Master- Studiengängen mit schulischen wie auch sprachtherapeutischen Ausrichtungen eine Orientierung in der Vielfältigkeit der Fachdisziplin zu geben. Außerdem sind auch langjährig tätige Fachpersonen mit schulischem und sprachtherapeutischem Bezug angesprochen, Theorie und Praxisverknüpfungen erneut zu integrieren. Ferner soll die kompakte Übersicht über die Fachsystematik auch Lehrkräften an Regelschulen, Fachkräften in der Krippe, in der Kindertagesstätte sowie im Hortbereich oder Pflegekräften in klinischen und betreuenden Einrichtungen eine orientierende Hilfe sein. Prüfungsfragen mit online verfügbaren Beispiellösungen zu jedem Kapitel ermöglichen die Selbstkontrolle für Studierende. Dazu erleichtern differenziert ausgearbeitete Powerpoint-Präsentationen analog zu den elf Kapiteln die Seminarvorbereitung für Dozierende.
Falldarstellungen als „roter Faden"
Methodisch ist das Buch nach einem besonderen Vorgehen aufgebaut: Sieben Fallgeschichten ziehen sich im Sinne eines „roten Fadens“ durch alle Kapitel und sollen theoretische Bezüge immer wieder mit Anbindungen an fiktive Personen und Praxisphänomene transparent machen. Diese didaktische Konzeption des Buches bietet sowohl für Lernende im Fach als auch für Lehrende wie z. B. Dozentinnen und Dozenten, Fachleitungen in Studienseminaren sowie Referentinnen und Referenten in Fortbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen eine Grundlage für die inhaltliche Aufbereitung und fachliche Auseinandersetzung. Damit wird auch auf die neuen Bedingungen in der Aus- und Weiterbildung eingegangen, der Perspektive Inklusion und Internationalisierung gerecht zu werden.
Dank
Zu der Fertigstellung dieses Lehrbuches haben viele geschätzte Kolleginnen und Kollegen beigetragen Besonderer Dank gilt Julia Wendel für ihre kreativen Graphikarbeiten und engagierte Zuarbeit Ebenso danken wir Eva Reiling und Christine Wiesenbach aus dem Verlags-Lektorat für ihre hilfreiche Unterstützung und stete Geduld Wir freuen uns und sind dankbar dafür, dass wir aus einem anregenden Klima am Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover Ideen für unser Buch schöpfen konnten. Der Austausch mit Fachkolleginnen und Fachkollegen insbesondere aus der Abteilung Sprach-Pädagogik und -Therapie sowie nicht zuletzt mit den vielen Studierenden schufen eine fruchtbare Basis für die Erstellung des Buches. Auch in Forschung und Lehre, speziell in der Hochschulambulanz wie im BabyLab Hannover, konnten wir immer auf ein gewinnbringendes Netzwerk zurückgreifen Wir hoffen, dass unsere Ideen bei den Leserinnen und Lesern bereits im Studium wie auch in der Praxis anregende Aufnahme finden
Wir widmen dieses Buch Sandra sowie Andrea, Simon, Leon und Paul.
Hannover, Juli 2014
Ulrike Lüdtke und Ulrich Stitzinger
1 Standortbestimmung
Das erste Kapitel dieses Lehrbuches widmet sich der aktuellen Standortbestimmung des Faches Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation. Als erstes werden die wissenschaftstheoretischen Grundlagen geklärt sowie Phänomene, Ebenen und die Entwicklung von Fachtermini vor dem Hintergrund unterschiedlicher Paradigmen dargelegt. Darauf aufbauend werden die zentralen Begriffe des Faches im Überblick erläutert.
Lernzielewissenschaftstheoretische Grundlagen des Faches Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation kennen lernen (Kap. 1.1),Phänomene und Ebenen des Faches überblicken (Kap. 1.2),Fachtermini vor dem Hintergrund unterschiedlicher Paradigmen des Faches einordnen (Kap. 1.3),zentrale Begriffe des Faches kennen und zuordnen (Kap. 1.4).
1.1 Wissenschaftstheoretische Grundlagen
Fachbezeichnungen
In diesem Buch beschäftigen wir uns mit dem Fach „Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation“. Gegenüber Fächerbezeichnungen wie „Medizin“, „Linguistik“ oder „Psychologie“ mag diese Fachbezeichnung manchen umständlich, zu lang, nicht allgemeingültig oder nicht klassisch-traditionell genug erscheinen. Zudem gibt es viele andere Namen, wie „Sprachheilpädagogik“, „Logopädie“, „Sprachtherapiewissenschaft“ oder „Sprache und Sprechen“. Für Studierende und auch für Fachkräfte in der Praxis erscheint manchmal die Vielfalt an existierenden Bezeichnungen für die Fachdisziplin sowie für weitere Phänomene und Strukturen des Faches verwirrend. Damit diese jedoch sicher eingeordnet werden können, gibt dieses Buch eine klare, umfassende und vertiefte Orientierung. Warum hier genau diese Fachbezeichnung gewählt wurde, soll in diesem ersten Kapitel begründet und in allen weiteren Kapiteln inhaltlich ausdifferenziert werden. Dabei werden zunächst folgende Aspekte erörtert:
Positionierung des Faches in seinem Bezugsfeld,
Wissenschaftstheorie als Theorie über Theorie,
Zugangsweisen von der Theorie in die Praxis und von der Praxis in die Theorie.
1.1.1 Fachliche Positionierung im Bezugsfeld
Standortbestimmungen
Im Namen eines Faches spiegelt sich sein Standort wider, d.h. seine wissenschaftliche Positionierung im Bezugsfeld zu einer bestimmten Zeit. Gleichzeitig bringt eine Fachbezeichnung auch zum Ausdruck, was gerade in der Gesellschaft, sowohl regional, national als auch global, als Erwartung an das Fach gerichtet wird. Fachtermini können sich demnach im historischen Verlauf wandeln, und zwar in Abhängigkeit von folgenden Einflussgrößen (Abb. 1):
innere Konstituenten, wie die Interpretation bzw. das Selbstverständnis des Faches durch bestimmte Fachvertreter, Wissenschaftsschulen oder Berufsgruppen,
äußere Konstituenten, wie die Außenperspektive des Faches durch bestimmte Praxisanforderungen, institutionelle Bedarfe sowie gesellschaftliche, ökonomische oder politische Bedingungen und Lösungsaufträge.

Abb. 1: Die Standortbestimmung eines Faches im Bezugsfeld
Die unterschiedlichen Namen von Lehrstühlen oder Studiengängen (Serviceseiten) weisen also auf aktuelle unterschiedliche Standortbestimmungen unseres Faches hin. Mithilfe einer wissenschaftstheoretischen Betrachtung sollen diese verschiedenen Positionierungen und die damit verbundenen fachlichen Konzeptualisierungen analysiert werden.
1.1.2. Wozu Wissenschaftstheorie?
Wissenschaftstheorie
Wie entsteht ein Fach? Wie verändert es sich? Wie, wann und wodurch entstehen unterschiedliche fachliche Konzeptualisierungen? Wie gewinnt ein Fach seine Erkenntnisse? Mit welchen Methoden? Wie generieren sich seine Theorien? Wie werden sie überprüft? Diese und ähnliche Fragen zu beantworten, ist Aufgabe der Wissenschaftstheorie (Abb. 2).

Wissenschaftstheorie ist die Disziplin, die sich mit den Bedingungen, Kontexten und Zielen von Wissenschaft sowie den Methoden ihrer Erkenntnisgewinnung beschäftigt. Sie ist eine Metatheorie (Theorie zweiter Ordnung) zur Analyse anderer Theorien (Theorien erster Ordnung).

Abb. 2: Wissenschaftstheorie als Theorie über Theorie
Eine allgemeine Definition des vorrangigen Ziels einer Wissenschaft könnte beispielsweise sein, überprüfbare Aussagen über einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit zu machen, um ihre Phänomene zu erklären. Für eine metatheoretische Betrachtung der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation als Wissenschaft (Kap. 2) ist deshalb interessant, mit welchen Forschungsmethoden (Kap. 3) sie welche Aussagen generiert und überprüft, welche Konzepte und Theorien sie hieraus ableitet und ob und wie die zuvor genannten inneren oder äußeren Einflussgrößen hierauf einwirken.
1.1.3 Verbindung von Theorie und Praxis
Erkenntnistheorie und Methodologie
Mit der Frage, wie man in einem Fach zu Aussagen über die Wirklichkeit kommt, beschäftigen sich die eng mit der Wissenschaftstheorie zusammenhängenden Disziplinen der Erkenntnistheorie und der Methodologie (Kap. 3).

Erkenntnistheorie ist die Wissenschaft, die sich mit Möglichkeiten und Grenzen von Erkenntnisprozessen und der Generierung von Wissen auseinandersetzt.
Methodologie beschäftigt sich als Metawissenschaft mit der Analyse wissenschaftlicher Methoden der Erkenntnisgewinnung. Sie ist zu unterscheiden von der Methodik als Wissen über konkrete Methoden.
Wie für andere Disziplinen auch, ist es das Ziel unseres Faches, Aussagen über seinen spezifischen Bereich der Wirklichkeit zu machen. Erkenntnistheoretisch und methodologisch türmt sich hier jedoch ein Berg an Fragen und Zweifeln auf, mit dem sich die Wissenschaft und Philosophie in allen Kulturen seit jeher beschäftigt haben:
Gibt es überhaupt eine Wirklichkeit? Gibt es überhaupt eine Wirklichkeit?
Kann ich die Wirklichkeit überhaupt erkennen? Oder ist meine Erkenntnis immer verzerrt?
Gibt es überhaupt wahre Aussagen über die Wirklichkeit?
Was ist mein Erkenntnisinteresse? Verändert sich das zu Erkennende je nach Interesse?
Welchen Teilbereich der Wirklichkeit versuche ich zu erkennen? Kann ich einen Teil aus dem Ganzen isolieren? Verändere ich den Erkenntnisgegenstand dadurch?
Welche Methodik verwende ich zum Erkennen? Verändert jede Methodik den Untersuchungsgegenstand und wenn ja, wie?
Induktion und Deduktion
Neben diesen Fragen, mit denen wir uns im Kapitel zur Forschung intensiver auseinandersetzen werden (Kap.3), bleibt zu klären, wie sich das Verhältnis zwischen speziellen aus der Wirklichkeit gewonnenen Erkenntnissen und allgemeineren Theorien hierüber darstellt. Neben vielen anderen Möglichkeiten haben sich in der abendländischen Philosophie, speziell der Logik, hierzu zwei große Traditionen herauskristallisiert, die für unser Fach derzeit besonders relevant sind: die Induktion und die Deduktion (Abb.3).

Induktion bezeichnet den abstrahierenden Schluss von erkannten speziellen Phänomenen (z.B. gewonnene Daten) auf allgemeine Aussagen, Gesetzmäßigkeiten, Theorien.
Deduktion bezeichnet den ableitenden Schluss von allgemeinen Prämissen (z.B. Aussagen, Gesetzmäßigkeiten, Theorien) auf ein spezielles Phänomen oder einen Einzelfall.

Abb. 3: Der Zusammenhang von Erkenntnisprozessen und Theoriebildung
Die fachliche Entwicklung der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation kann beiden Wegen folgen. Zum einen erforscht sie im Sinne eines induktiven Vorgehens, z. B. mittels empirischer Studien über den Einfluss der sozialen Lebenslage auf die frühe Sprachentwicklung, die Wirklichkeit des Alltags und stellt auf dieser Datenbasis allgemeine Theorien auf: Von der Praxis zur Theorie. Zum anderen leitet sie gemäß einem deduktiven Verfahren von einer aufgestellten Theorie konkrete Handlungskonzepte ab, um sie in der Praxis anzuwenden, z.B. Sprachförderkonzepte von einer Spracherwerbstheorie: Von der Theorie in die Praxis.
Zusammenhang der Zugangsweisen
Beide Zugangsweisen sind jedoch zirkulär miteinander verbunden. Beispielsweise kann die Überprüfung eines Handlungsmodells mittels einer Wirksamkeitsstudie wieder induktiv genutzt werden, indem ihre Ergebnisse den theoretischen Überbau stützen oder ihn verändern. Zugleich basiert die Konzeption weiterer Untersuchungen wieder auf aktualisierten theoretischen Prämissen (Abb. 3).
In der empirischen Studie „Kinder mit spezifischen Spracherwerbsstörungen (Ki.SSES)" (Glück 2011-2014), in der Lehrkräfte mit dem Förderschwerpunkt Sprache bundesweit u.a. zu den Aspekten eines effektiven Unterrichts für Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen befragt wurden, konnten wichtige Kriterien für eine notwendige sprachlich-kommunikative Unterstützung in schulischen Lernprozessen ermittelt werden. Diese Erkenntnisse dienten der weiteren Theoriebildung über sprachlich-kommunikative Rezeptions- und Produktionsvorgänge im Zusammenhang mit fachlichen Unterrichtsgegenständen (Theisel / Glück 2012).
Die aus dieser Studie entwickelten Handlungsmodelle sind hinsichtlich der Wirksamkeit im Unterricht mit Schülerinnen und Schülern im Kontext heterogener sprachlich-kommunikativer Ausgangslagen wiederum zu überprüfen. Dazu kann die Evaluationsforschung die Annahmen förderlicher sprachlich-kommunikativer Unterstützungsfaktoren bestätigen oder widerlegen.

Literaturempfehlungen zu wissenschaftstheoretischen Grundlagen
Opp, K.-D. (2013): Methodologie der Sozialwissenschaften. Einführung in Probleme ihrer Theoriebildung und praktische Anwendung. 7. Aufl. Springer VS, Berlin
Wiltsche, H. A. (2013): Einführung in die Wissenschaftstheorie. Vandenhoeck u. Ruprecht, Göttingen
1.2 Phänomene und Ebenen des Faches
Ausgangspunkt und Fragestellungen
Wie bereits veranschaulicht wurde (Abb. 3), ist der Ausgangspunkt einer jeden Konzeptualisierung unseres Faches diejenige Wirklichkeit, die sie zu analysieren und erklären versucht. Die bisherigen Überlegungen haben in diesem Zusammenhang deutlich gemacht, dass bereits hier erste Vorentscheidungen über eine bestimmte fachliche Positionierung z. B. mit folgenden Fragestellungen getroffen werden:
Welcher spezifische Ausschnitt der Wirklichkeit wird ausgewählt?
Welche anderen Aspekte werden dadurch ausgeklammert?
Welche Phänomene treten damit in den Fokus?
Was ist das leitende Erkenntnisinteresse?
Mit welcher Methodik wird Wissen über die Phänomene generiert?
In welcher Art und Weise beeinflusst die Methodik das Erkennen der Phänomene und das Wissen über sie?
Um einen Überblick über die Phänomene und Ebenen des Faches zu erhalten, werden im Weiteren verschiedene Perspektiven dazu erläutert:
Pädagogik als normative Vorentscheidung,
Vielfalt der Praxisphänomene,
Ebenen des Faches.
1.2.1 Pädagogik als normative Vorentscheidung
Fokus auf personaler Wirksamkeit
Pädagogische Vorentscheidungen sind normativ, d. h. wertend. Sie sind dadurch vorwissenschaftlich, „privat“. Ein adäquater wissenschaftlicher Umgang hiermit verlangt, die spezifischen normativen Vorentscheidungen einer fachlichen Konzeptualisierung offenzulegen und zu reflektieren.
Für dieses Buch heißt das: Die hier erläuterte Konzeptualisierung unseres Faches als Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation trifft ihre normativen Vorentscheidungen aus einer genuin pädagogischen Perspektive (Kap.2). Dies bedeutet zunächst grundlegend, dass sie als relevanten Wirklichkeitsausschnitt die Menschen mit Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation auswählt und sie damit nicht die Störungsbilder an sich, sondern primär ihre personale Wirksamkeit fokussiert (Grohnfeldt 2014e; Lüdtke 2012a).
1.2.2 Vielfalt der Praxisphänomene
Ausschnitt der Wirklichkeit
Um in diesen spezifischen Wirklichkeitsausschnitt einzuführen, soll nun die Vielfalt der Praxisphänomene unseres Faches in Fallbeispielen von Menschen mit Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation in der gesamten Lebensspanne veranschaulicht werden. Diese Praxisphänomene bilden die Ausgangsbasis (Ebene I) unseres Faches (Abb. 4). Selbstverständlich beeinflusst die hier verwendete Methode der ausschnitthaften und exemplarischen schriftlichen Rekonstruktion den Erkenntnisgegenstand. Er würde ganz anders wahrgenommen, wenn beispielsweise methodisch stattdessen autobiographisches Material oder Videographien von Personen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen präsentiert werden würden (Kap. 3). Für das Lesen der Beispiele ist deshalb wichtig, sich bewusst zu sein, dass nicht die Lebenswirklichkeit der einzelnen Personen direkt zugänglich ist, sondern nur indirekt, gefiltert durch die Erkenntnisperspektiven der schildernden Autoren sowie der unterschiedlichen Leserinnen und Leser.
Fallbeispiel 1: Felix
Der zwei Monate alte Felix wird von seiner Mutter mit einer Flaschennahrung gefüttert. Felix wurde nur eine Woche lang nach der Geburt gestillt, da sich dabei große Komplikationen für Mutter und Kind zeigten. Bei Felix liegt das genetische Merkmal einer Trisomie 21 (Down-Syndrom) vor. Das Füttern mit der Flasche erweist sich für die Mutter als etwas weniger belastend. Allerdings bereitet dem Säugling auch diese Situation große Schwierigkeiten. Er verschluckt sich häufig und hustet dabei. So fließt immer wieder ein Teil der Nahrung aus dem Mund. Zudem ist das Saugen schwach und er setzt immer wieder vom Sauger ab. Ebenfalls ist seine Atmung unregelmäßig. Das Füttern ist stets ein langwieriger Vorgang, der Mutter und Kind eine hohe Anstrengung abverlangt.
Fallbeispiel 2: Anna
Auf dem Flur der Kindertagesstätte ist Anna mit anderen Kindern in ein kurzes Rollenspiel vertieft. Es ist noch nicht viel Zeit vergangen, seitdem sie von ihrem Vater an der Gruppentür verabschiedet wurde. Beide sprachen dabei Russisch. Anna wollte ihren Vater eigentlich gar nicht weggehen lassen. Die Familie kam nach Deutschland, als Anna gerade drei Jahre alt war. Heute ist sie fünf. Die Spielkameradinnen haben sich auf dem Flur bewusst gesucht, denn hier unterhalten sie sich teilweise auf Deutsch und teilweise auch auf Russisch. Sie stammen alle aus Familien mit russisch-deutschem Migrationshintergrund. Anna spricht sehr undeutlich und gebraucht nur wenige Wörter, die sie meist in der Grundform ungeordnet aneinanderreiht. Die Schwierigkeiten kann man durchaus in beiden Sprachen erkennen. Nach dem Spiel mit den Freundinnen geht Anna alleine in den Gruppenraum und nimmt Kontakt mit der Erzieherin auf.
Fallbeispiel 3: Bastian
Im Deutschunterricht der zweiten Klasse geben sich jeweils zwei Arbeitspartner mit einem kurzen Lesetext gegenseitige Spielanweisungen. Bastian versucht die Wörter auf seinem Zettel zu entschlüsseln. Er vermag einige der vorkommenden Grapheme nicht korrekt auszusprechen. Er liest einmal bei <Tasche> die Wortgestalt [tass]. Sein gegenüber sitzender Mitschüler zeigt sich irritiert, da er keine ‚Tasse‘ für die spielerische Ausführung der Anweisung zur Verfügung hat. Bastian setzt mehrmals beim Lesen an, kann seine Aussprache allerdings nicht selbstständig korrigieren. Mithilfe eines phonematischen Handzeichens, welches das Merkmal der Lippenvorwölbung herausstellt und von der Lehrkraft in der Situation unterstützend gegeben wird, gelingt die Artikulation so weit, dass Bastians Partner nun das Wort richtig identifizieren kann.
Fallbeispiel 4: Claudia
In der Pause treffen sich Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Klassen auf dem Schulhof des Gymnasiums. In einer Schülergruppe beginnt eine eifrige Diskussion über die Planung des bevorstehenden Schulfestes. Unter den Jugendlichen befindet sich Claudia. Sie ist 16 Jahre alt und weist eine infantile Cerebralparese auf. Ihre Bewegungsstörungen erfordern die Fortbewegung mit einem Elektro-Rollstuhl. Überdies kann Claudia keine verständliche Verbalisierung leisten, da sie ihre Mundmotorik nicht kontrollieren kann. Dennoch ist sie lebhaft an der Diskussion beteiligt. Sie verfügt über einen am Rollstuhl befindlichen Sprachcomputer, den sie mit ihren Augenbewegungen steuert. Dabei ist Claudia in der Bedienung schon gut geübt. Einige Male kommt es allerdings zu längeren Pausen, als sie eine Aussage machen möchte. Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler müssen viel Geduld aufbringen, die Gesprächsunterbrechung abzuwarten. Aber Claudia bringt oft ganz neue Einfälle in die Runde.
Fallbeispiel 5: Torsten
Torsten ist Sachbearbeiter in einer Versicherungsfirma. Er gehört mit seinen 24 Jahren zu den jüngeren Beschäftigten in seiner Abteilung. Seine Kolleginnen und Kollegen sind teilweise schon lange in der Firma tätig und im Metier erfahren. Torsten weiß, dass er sich bei Fragen von ihnen Rat einholen kann. Dennoch kostet es ihn große Überwindung, eine Kollegin eines anderen Sachgebietes um eine Auskunft zu bitten. Seine Anspannung steigert sich beim Betreten des Raumes, seine Atmung wird schneller, sein Puls steigt an. Torsten muss mehrmals ansetzen, um sein Anliegen mitzuteilen, da er seinen Redefluss nicht kontrollieren kann. Er stockt häufig vor Konsonanten am Anfang der Wörter. Torsten hat zwar in der Sprachtherapie Techniken gelernt, seine Sprechblockaden zu umgehen, doch diesmal gelingt es ihm nicht, das Stottern zu verflüssigen. Die Situation entspannt sich etwas, als die beiden den Sachzusammenhang gemeinsam recherchieren und in den Aktenunterlagen blättern.
Fallbeispiel 6: Uwe
Im Supermarkt wird Uwe, ein großer Mann mit 57 Jahren, von einer älteren Frau gebeten, aus dem obersten Regalfach eine gewünschte Ware herauszunehmen und das Haltbarkeitsdatum vorzulesen. Uwe folgt dem Wunsch der Dame und liest mit eigentümlichem Stimmklang das Datum vor. Uwe wendet nach einer tumorbedingten Kehlkopfentfernung (Laryngektomie) eine Speiseröhrenersatzstimme (Ösophagusersatzstimme) an, die er während der Klinikaufenthalte erlernen konnte. Das führt dazu, dass sich die Kundin bei Uwe höflich bedankt und keine weitere Bitte mehr vorbringt. Uwe hat aber auch schon andere Situationen erlebt, in denen die Gesprächspartner interessiert nach seiner Stimme und der besonderen Art zu sprechen nachfragten. Manchmal fühlt er sich dann fast wie ein „Experte und gibt gern Auskunft.
Fallbeispiel 7: Rosa
Rosa, eine ältere Dame im Alter von 83 Jahren, lebt seit vier Jahren im Pflegeheim. Rosa wird von ihrem Sohn besucht. Er erzählt seiner Mutter Neuigkeiten von ihrem früheren Wohnumfeld. Rosa lächelt ihren Sohn freundlich an, doch eine weitere Reaktion ist von ihr nicht zu erkennen. Manchmal wendet sie auch den Blick ab und man erfährt nicht genau, was in ihr vorgeht. Versteht sie die Mitteilungen ihres Sohnes? Erkennt sie ihn überhaupt? Manchmal spricht sie auch etwas, das sich aber nicht auf das Gespräch bezieht. Es sind laute Ausrufe und Sprachfloskeln, die aber für den Gesprächspartner keinen Sinn ergeben. Für den Sohn ist es schwer zu verarbeiten, sich nicht mehr in gewohnter Weise mit seiner Mutter unterhalten zu können und die Veränderung in ihrem Wesen nachzuvollziehen. Das Beratungsgespräch mit einer sprachtherapeutisch qualifizierten Fachkraft aus dem Pflegeheim hilft dem Sohn, mit der Situation besser umzugehen.

Literaturempfehlungen zu Autobiographien von Menschen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen
Bischof-Staub, M. (2009): Schritt für Schritt – zurück ins Leben. Eine Erfolgsgeschichte nach schwerem Hirnschlag, Aphasie und Halbseitenlähmung, 2. rev. Aufl. Books on Demand, Norderstedt
Braam, S. (2011): „Ich habe Alzheimer“. Wie die Krankheit sich anfühlt. Beltz, Weinheim
Eckermann, D. (2010): Aufgeben? Niemals! Schlaganfall, Lähmung, Therapie und Rehabilitation. Biografie einer Schlaganfallpatientin. Schmitz, Egestorf
Jens, T. (2014): Demenz. Abschied von meinem Vater. Goldmann, München
Mellinger, S. (2012): Wenn fremde Anwesenheit verstummen lässt … Leben mit selektivem Mutismus. Books on Demand, Norderstedt
Schreiter, D. (2014). Schattenspringer: Wie es ist, anders zu sein. Panini, Stuttgart
Stelter, M. et al. (2014): Stottern – Oft wussten wir nicht weiter. Eltern stotternder Kinder berichten von ihren Erfahrungen. Stottern u. Selbsthilfe, Köln
Tropp Erblad, I. (2008): Katze fängt mit S an. Aphasie oder der Verlust der Wörter. Fischer, München
1.2.3 Ebenen des Faches
pädagogische Weichenstellungen
Die Konzeptualisierung eines Faches findet basierend auf dem Ausgangspunkt der identifizierten Praxisphänomene (Ebene I) – hier der Menschen mit Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation in der gesamten Lebensspanne – auf vier weiteren Ebenen statt (Lüdtke 2014b):
der konkret realisierten fachlichen Praxis (Ebene II),
den hierfür angebotenen handlungsleitenden Praxiskonzepten (Ebene III),
der zugrunde liegenden Theorie (Ebene IV) und
der Metatheorie als Reflexionsbasis (Ebene V) (Abb. 4).
Diese Ebenen stehen aufgrund der beschriebenen induktiven und deduktiven Konzeptualisierungsprozesse in einem engen inneren Zusammenhang, auch wenn dieser häufig nicht offensichtlich oder aus der Binnenperspektive einer bestimmten Ebene nicht deutlich ist. So ist es beispielsweise anwendenden Fachkräften spezifischer Praxiskonzepte häufig nicht bewusst, welche theoretischen Vorannahmen sie damit implizit übernehmen.
Wie bei der Entscheidung für die Fokussierung eines bestimmten Wirklichkeitsausschnittes und seiner Phänomene fallen auch auf den vorgenannten vier Ebenen fachlicher Konzeptualisierung normative Vorentscheidungen, die eine Gesamtpositionierung des Faches im Feld bestimmen (Abb. 1). Im Konzeptualisierungsrahmen der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation finden sich folgende pädagogische Weichenstellungen (Abb. 4).
Fachpraxis (II)
Die konkreteste Konzeptualisierungsebene bildet die reale Fachpraxis (II). Dies zeigt sich bei vielfältigen sprachpädagogischen und sprachdidaktischen Prozessen in unterschiedlichsten Institutionen des Bildungs- und Gesundheitsbereiches. Die Fachpraxis umfasst die Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation in der gesamten Lebensspanne in Dyaden (Paar-Konstellationen), Gruppen oder Teams. Hierbei finden vielfältige sprachpädagogische und sprachdidaktische Medien und Materialien Anwendung, u.a. Talker, Lernsoftware, Spiele, Arbeitsblätter, Puppen, Handgesten.
Praxiskonzepte (III)
Auf der nächsthöheren Ebene werden den sprachpädagogisch und sprachtherapeutisch tätigen Fachkräften handlungsleitende Praxiskonzepte (III) für ihre tägliche Arbeit angeboten. Meist entworfen von praxiserfahrenen Fachleuten oder praxisorientierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, stellen sie für spezifische sprachpädagogische und sprachdidaktische Aufgaben Modelle zur Umsetzung in die Praxis bereit. Die Vielfalt der Angebote reicht von Konzepten der Diagnostik, Therapie und Beratung für Personen mit bestimmten Sprach-, Sprech-, Rede-, Stimm- oder Schluckstörungen in jedweder Altersspanne bis hin zu Bildungs- oder Förderkonzepten für verschiedene Settings, z.B. im Klassenzimmer oder am Bett in der Akutphase, sowie für unterschiedliche Kontexte, z.B. für inklusiven Unterricht oder die neurologische Rehabilitation.
Theorie (IV)
Eine Abstraktionsebene höher, auf der Ebene der Theorie bzw. der Theoriebildung (IV), wird bei einer Positionierung als Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation die Entscheidung getroffen, dass die Pädagogik bzw. fokussiert die Sprachpädagogik diejenige der möglichen Wissenschaften ist, an der sich die fachliche Konzeptualisierung primär ausrichtet. Relevante Nachbardisziplinen wie z. B. Linguistik, Medizin oder Psychologie werden der Sprachpädagogik als Bezugswissenschaften nachgeordnet (Kap. 2). Derartige normative Vorentscheidungen, welche meist im Rahmen von längeren Konsensprozessen entstehen, an denen die Wissenschaft, verbandliche Einflüsse, Zeitgeistströmungen und viele(s) andere mitwirken, bilden auch die Grundlage, auf der wiederum Praxiskonzepte entwickelt, verglichen und / oder hinsichtlich ihrer Wirksamkeit wissenschaftlich erforscht werden.
Metatheorie (V)
Meist durch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in enger Rückkopplung mit der Praxis und den Fachkräften geführt, finden auf der Metatheorie-Ebene nationale und internationale Diskurse über derartige normative Vorentscheidungen, Positionierungen und Konzeptualisierungen unseres Faches statt. Erkenntnistheoretische und methodologische Fragen werden reflektiert, um die wissenschaftliche Qualität ebenso wie die theoretische – und damit letztlich auch praktische – Weiterentwicklung unseres Faches zu gewährleisten. Hier ist auch der Ort, den Wandel von normativen Orientierungen – z.B. eine Hinwendung zu oder eine Abkehr von einem pädagogischen Konzeptualisierungsrahmen – zu analysieren und historisch einzuordnen.
Reflexion im fachlichen Wandel
Im Rahmen der wissenschaftstheoretischen Betrachtung dieses ersten Kapitels sollten nicht nur die grundsätzlichen normativen Vorentscheidungen für eine pädagogische Konzeptualisierung unseres Faches offengelegt werden. Ebenso wichtig ist es, zu reflektieren, wie sich dies auf die unterschiedlichsten Konkretisierungs- bzw. Abstraktionsebenen auswirkt und die Gründe hierfür zu analysieren. Dazu muss die Reflexion sowohl in einen historischen als auch in einen möglichen prospektiven Rahmen eingeordnet werden (Abb. 5), denn auch für die fachliche Standortbestimmung gilt: „Das einzig Beständige ist der Wandel.“ (Heraklit von Ephesus, ca. 540–480 v. Chr.).

Abb. 4: Konzeptualisierungsebenen der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation
1.3 Fachtermini und Paradigmen
terminologische Vielfalt
Der permanente Wandel unseres Faches springt Studierenden zunächst überall durch die terminologische Vielfalt ins Auge. Zu dieser Vielfalt könnte man auch Unübersichtlichkeit sagen. Die Vielfältigkeit steht mit folgenden strukturellen Erscheinungen im Zusammenhang (Abb. 5):
mit Oberflächenphänomenen des Faches, die in unterschiedlichen Bereichen hinsichtlich der Verwendung von Fachtermini explizit in Erscheinung treten sowie
mit implizit verborgenen Tiefenphänomenen des Faches, die auf die begrifflichen Veränderungen der zugrunde liegenden Paradigmen hinweisen.
1.3.1 Oberflächenphänomene – Wandel der Fachtermini
Bezeichnungen des Faches
Über die Jahrzehnte wechselten beispielsweise die Bezeichnungen für unser Fach u.a. von „Sprachheilpädagogik“ über „Sprachbehindertenpädagogik“ hin zu „Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation“.
Bezeichnungen der Zielgruppen
Eine ähnliche Entwicklung ist in der Bezeichnung der Zielgruppen des Faches zu erkennen. Während beispielsweise eine Person mit Stottersymptomatik früher als „der Stotterer“ bezeichnet wurde, wandelte sich die Bezeichnung zunächst zu „der stotternde Mensch“. Eine Nominalisierung wurde somit zu einem Adjektiv umfunktioniert. Man stellte mit dieser Bezeichnung den Menschen in den Mittelpunkt. Der zeitgemäße Begriff lautet heute „eine Person mit Beeinträchtigung im Bereich des Redeflusses“. Mit dieser Bezeichnung wird die Person bzw. die Persönlichkeit des Menschen und die Tatsache, dass es sich wie bei jedem Menschen um ein individuelles und vollwertiges Mitglied der Gesellschaft handelt, noch mehr betont. Die Störung wird nicht personifiziert, sondern als Ergänzung genannt. Dies entspricht dem inklusiven Geist der aktuellen UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (United Nations 2006) (Kap. 8).
Bezeichnungen von Störungen
Vergleichbare Veränderungen innerhalb der Terminologie sind ebenfalls bei den Störungsbezeichnungen zu beobachten. Im Laufe der Zeit änderten sich die Bezeichnungen, z. B. von „Stammeln“ zu „Dyslalie“ bis hin zu „Aussprachestörungen“ und dann zu „phonetischen bzw. phonologischen Störungen“ (Kap. 5).
Bezeichnungen von Institutionen
Ebenso wechselten die Bezeichnungen für Praxisinstitutionen, z.B. von „Sprachheilschule“ zu „Schule mit dem Förderschwerpunkt Sprache“. Auch Studienstätten wurden umbenannt und weisen eine spezifische Terminologie auf, z.B. „Sprach-Pädagogik und -Therapie“ (Leibniz Universität Hannover) oder „Sprachbehindertenpädagogik in schulischen und außerschulischen Bereichen“ (Universität zu Köln).
Hintergrund terminologischer Vielfalt
Die veränderten Termini finden auch zu jeder Zeit Einzug in Gesetzestexte, in Richtlinien der Krankenkassen, in bildungspolitische Vorgaben sowie in die KMK-Empfehlungen. Wichtig zu wissen ist, dass dieser permanente Wechsel der Fachbegriffe keine Willkür ist. Wie bei einem Eisberg sind die für uns wahrnehmbaren terminologischen Veränderungen an der Oberfläche durch grundsätzliche und für uns zunächst unsichtbare Änderungen in der Tiefe des Faches verursacht (Abb. 5). Erst durch eine wissenschaftstheoretische, metatheoretische Reflexion werden diese erkennbar (Abb. 2).

Abb. 5: Die Spitze des Eisberges: Fachlicher Wandel an der terminologischen Oberfläche in Abhängigkeit von der paradigmatischen Tiefenstruktur
1.3.2 Tiefenphänomene – Wandel der Paradigmen
Paradigma
Die nicht so leicht zugängliche Tiefenstruktur eines Faches wird durch paradigmatische Entscheidungen bestimmt. Hierzu gehören auch die erwähnten normativen Vorentscheidungen.

Ein Paradigma ist ein vorherrschendes wissenschaftliches Denkmuster in einer bestimmten Zeit – eine Art „Brille", durch die alle fachlichen Ebenen (Menschen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen, Praxis, Praxiskonzepte, Theorie, Metatheorie) in einer bestimmten Art und Weise „gefärbt“ gesehen werden.
„Durch-die-Brille-Sehen“
Wie jede andere Wissenschaft, unterliegt auch die Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation jeweils einem zeitgemäßen Paradigma, das alle Ebenen des pädagogischen Handelns beeinflusst (Kap. 6): die Wahrnehmung der Menschen mit Beeinträchtigungen (I), die konkrete Praxis (II), die Praxiskonzepte (III), die Theorie (IV) und die Metatheorie (V). Aus den jeweiligen wissenschaftlichen Annahmen, Vorstellungen und Leitsätzen zu sprachlichkommunikativen Phänomenen und Fragestellungen ergeben sich entsprechend gefärbte Ansätze für die Sprachdidaktik. Mit dieser „Brille“ wird dann sprachpädagogische und sprachtherapeutische Arbeit in der Praxis umgesetzt (Abb. 6).

Abb. 6: „Realität“ des Faches Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation je nach Paradigma
Im Laufe der letzten hundert Jahre brachte das „Durch-die-Brille-Sehen“ verschiedene Sichtweisen hervor, die sich exemplarisch anhand von drei sehr einflussreichen paradigmatischen Ansätzen veranschaulichen lassen (Tab. 1):
medizinisches Paradigma,
behavioristisches Paradigma,
konstruktivistisches Paradigma.
medizinisches Paradigma
Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte das medizinische Paradigma vor (Grohnfeldt 2014b; Lüdtke 2010a, 2010b). Auf der Ebene der Metatheorie (V) bestand die Vorstellung von der menschlichen Entwicklung nach intrinsischen, vorgegebenen Mustern, Regeln und Normen. Die vorherrschendende Auffassung war, dass sich das Sprechen rein auf der Grundlage eines intakten Zustandes der Sprechwerkzeuge vollzieht. Dementsprechend wurde auf der Theorieebene (IV) vorwiegend Forschung über die organische Funktionsfähigkeit des Sprechens betrieben. Mit stark medizinisch orientierten Vorstellungen entstanden Praxiskonzepte (III) mit dem Ziel der Herstellung der Funktionsfähigkeit von Zunge, Lippen, Kiefer, Gaumensegel und Kehlkopf. In der Praxis (II) wurden entsprechende Übungsbehandlungen zum Aufbau fehlender oder sich abweichend entwickelnder Funktionen des Mund-Nasen-Rachenraumes in der Verbindung mit Sprechabläufen verfolgt.

Beispielsweise dienten ausschließlich isolierte Sprechübungen vor einem Therapiespiegel dazu, dem Kind die Bewegungen von Lippen, Zunge und Kiefer im Vollzug des Sprechens zu visualisieren. Das Kind sollte damit ein korrektes Muster für den Sprechablauf übernehmen. Da jedoch dabei wenig das kommunikative und inhaltliche Interesse der kindlichen Auseinandersetzung fokussiert wurde, gelang dem Kind oftmals nicht die Anwendung des Musters in der Alltagssprache (Tab. 1).
behavioristisches Paradigma
In den 1960er Jahren bestimmte das behavioristische Paradigma sprachpädagogische und sprachtherapeutische Denkmuster (Lüdtke 2010a, 2010b). Die Vorstellung auf der Metatheorie (V) bestand darin, dass ein bestimmter Input einen bestimmten Output bei der sprachlichen Entwicklung bewirkt. Man stellte sich vor, dass der Mensch wie eine Maschine funktioniert, die einen einwirkenden Reiz automatisch mit einer Reaktion im Verhalten beantwortet (Mills 2000). So wurden auf der Ebene der Theoriebildung (IV) im Wesentlichen Verhaltensmodifikationen im Bereich der Sprache erforscht. Es wurde der Frage nachgegangen, wie beispielsweise ein Kind auf die sprachliche Ansprache der Eltern mit einer entsprechenden Sprachproduktion reagiert. Die theoretische Vorstellung des Reiz-Reaktions-Prinzips beeinflusste wiederum die Ebene der Praxiskonzepte (III), die sprachtherapeutische Konzeptionen nach diesem Prinzip hervorbrachte. Die Umsetzung auf der Praxisebene (II) folgte ebenso diesem Prinzip. Häufig wurden dabei Verstärker eingesetzt.

Das im Unterricht und in der Sprachtherapie eingesetzte Bild- und Spielmaterial, z.B. bei einem Brettspiel, besaß zuweilen ausschließlich einen illustrierenden Charakter. Bunte Farben und lustige Figuren sollten zur spielerischen Auseinandersetzung motivieren. Die tatsächliche Handlung des Kindes bestand aber oft nur als Nachsprechleistung fester Satzvorgaben. Das Bild wurde dabei nur als Verstärker benutzt (Tab. 1).
konstruktivistisches Paradigma
Heutige Denkmuster der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation orientieren sich häufig am konstruktivistischen Paradigma (Lüdtke 2010a, 2010b). Auf der Ebene der Metatheorie (V) existiert die Vorstellung, dass die Menschen vernetzt mit ihrer Umwelt sind und sich selbst im Austausch mit dem System regulieren. Menschen handeln nicht isoliert nach vorbestimmten Regeln und nicht nach einem einseitigen Input-Output-Modell, sondern strukturell gekoppelt. Die Individuen sind dementsprechend in einer intersubjektiven Konstruktion aufeinander bezogen (Reich 2008). Die Forschungen auf der Theorieebene (IV) beziehen sich dabei auf die Wechselwirkungen der menschlichen Sprache mit dem sozialen System. Konzeptionen auf der Ebene der Praxiskonzepte (III) stellen das Rekonstruieren im sprachlich-kommunikativen Austausch und im Dialog in den Vordergrund. Für die sprachpädagogische und sprachtherapeutische Arbeit in der Praxis (II) bedeutet dies, dass individuelle und relationale Sprachlernzugänge innerhalb intersubjektiver Kontexte, symmetrischer Beziehungsgestaltungen und dialogischer Kommunikationsformen arrangiert werden müssen.

Der Erwerb grammatischer Strukturen wird heute beispielsweise im unterrichtlichen und therapeutischen Setting in multimodalen Zusammenhängen gefördert. Nicht allein das sprachliche Produzieren des Kindes steht im Vordergrund. Im Wechsel von Hören, Verwenden und Reflektieren grammatischer Angebote innerhalb von intersubjektiv bedeutsamer Kommunikationssituationen, z.B. im dialogischen Bilderbuchlesen, werden dem Kind wichtige grammatische Erscheinungen offengelegt, die es im aktiven dialogischen Prozess mit bislang erworbenen Strukturen abgleicht, ergänzt oder neu strukturiert (Tab. 1).

Tab. 1: Einflussreiche fachliche Paradigmen im Vergleich

Literaturempfehlungen zu Paradigmenbildung
Kuhn, T. (i.O. 1967): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt / M., Suhrkamp
Braun, O. (2012): Geschichte. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 19–35
1.3.3 Selbstreflexive Haltung
Reflexion des Individuums
Eine selbstreflexive Haltung ist unerlässlich im sprachpädagogischen und sprachtherapeutischen Bereich. Sie beinhaltet die Reflexion der eigenen Person in ihren professionellen Bezügen und spezifischen Verhaltens- und Arbeitsweisen. Eine selbstreflexive Haltung zu haben bedeutet, immer wieder einen Schritt zurückzutreten, sich selbst und andere zu beobachten, zu analysieren und zu reflektieren, z.B. eine fiktive Unterrichts- oder Therapieplanung hinsichtlich einer Evaluation der realen Durchführung und konkreten Ergebnisse. Hierzu ergeben sich z.B. folgende selbstreflexive Fragen (Abb. 7):
Sind meine Ableitungen aus der diagnostischen Erhebung für sprachpädagogische oder sprachtherapeutische Zielsetzungen präzise hergestellt?
Habe ich die Kompetenzen und Ressourcen aller Beteiligten in der Unterrichts- oder Therapieplanung optimal berücksichtigt?
Sind die von mir geplanten Unterrichts- oder Therapieziele erreicht?
Sind die eingesetzten Methoden adäquat und effektiv für den individuellen Lern- und Entwicklungsprozess?
Reflexion des Faches
Es ist von Bedeutung, dass die Selbstreflexion sowohl vom Individuum als auch vom Fach in seiner Gesamtheit ausgeht, z.B. aus der wissenschaftlichen Perspektive. Selbstreflexive Haltung ist ein Zeichen von Professionalität, die z.B. in Praktikumsberichten, Forschungsprojekten, Praxisstunden in der Ambulanz etc. erkennbar wird.

Professionalität im pädagogischen Handeln bezieht sich erstens auf spezifische Wissensbestände und Erkenntnisse, die in der Aus- und Fortbildung sowie in der Reflexion der Praxis erworben werden. Zweitens handelt es sich auch um die Anwendung des Wissens und der Erkenntnisse in komplexen und spezifischen Situationen der beruflichen Praxis.
Aufgrund der komplexen Aufgaben der pädagogischen Praxis muss Wissen und Handeln auf der Basis einer reflektierten Haltung stetig miteinander abgeglichen und verknüpft sowie weiterentwickelt werden (Schrittesser 2011). Selbstreflexive Fragen der Wissenschaft an das Fach sind z.B. (Abb. 7):
Sind mit diesem erkenntnistheoretischen Zugang Erkenntnisse über die Wirklichkeit zu gewinnen?
Sind mit einer eingesetzten Forschungsmethode neue Aussagen zu generieren?
Eignen sich die entwickelten Theorien dafür, die Qualifizierung und Professionalisierung der Fachkräfte sowie das Lehren und Lernen im Kontext sprachlich-kommunikativer Beeinträchtigungen zu konzeptualisieren?

Abb. 7: Notwendigkeit selbstreflexiver Haltung des Individuums und des Faches
1.4 Zentrale Begriffe
fachliche Grundfragen
Im Folgenden werden weitere zentrale Begriffe unseres Faches im Überblick vorgestellt, die in den nachfolgenden Kapiteln dieses Buches ausführlich und detailliert behandelt werden. Diese Begriffe prägen maßgeblich das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation. Sie charakterisieren die Fachdisziplin und positionieren diese in der Wissenschaft sowie im Beruf. Dazu werden leitende Grundfragen gestellt und beantwortet, die sich besonders bereits zu Beginn des Studiums, aber auch immer wieder in der späteren Praxis stellen. Nachfolgende Fragen sind relevant:
Wie ist das Fach in der Wissenschaft verortet, welche zentralen Bereiche stehen im Fokus und welche Bezüge existieren zu anderen Wissenschaftsdisziplinen?
Welche Professionsstrukturen weist das Fach auf?
Welcher fachliche Gegenstand wird behandelt und wie ist dieser strukturiert? Welche Zielgruppe steht im Fokus?
Welche Aufgabenbereiche stehen im Mittelpunkt des Fachs und in welchen Handlungsfeldern werden diese umgesetzt? Wie wird Inklusion im Fach realisiert?
Welchen Stellenwert haben Globalisierung und Internationalisierung im Fach und wie wird dies konkret gelebt?
1.4.1 Fachdisziplin
Wissenschaftsdisziplin
Das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation versteht sich als wissenschaftliche Disziplin mit wissenschaftlichen und anwendungsbezogenen Bezügen (Schad 2014; Grohnfeldt / Ritterfeld 2005). Dabei wird der Mensch mit seinem individuellen Erscheinungs-, Kompetenz- und Handlungsbild in Bezug zu seinem Umfeld und der Gesellschaft in den Mittelpunkt gestellt (Kap. 2). Aus dieser Sicht heraus wird die Pädagogik bzw. die Erziehungswissenschaft als Leitwissenschaft verstanden. Außerdem ist das Fach interdisziplinär auf verschiedenen Ebenen mit den Bezugswissenschaften der Linguistik, Medizin und Neurowissenschaften sowie der Psychologie, Semiotik (Wissenschaft von den Zeichen), Soziologie und Philosophie verbunden. Das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation gilt somit auch als Integrationswissenschaft für sprachpädagogische und sprachdidaktische Aufgabenstellungen (Kap. 2).
Bereiche
Das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation beinhaltet die Bereiche der Sprachpädagogik sowie der pädagogischen Sprachtherapie. Beide Bereiche zielen innerhalb des Bildungs- und Gesundheitswesens auf Bildungs- und Teilhabeorientierung ab. In der Anwendung des Faches auf der Grundlage sprachdidaktischer und / oder sprachtherapiedidaktischer Ansätze steht in beiden Ausrichtungen der Mensch im Hinblick auf seine persönliche und gesellschaftliche Verwirklichung im Mittelpunkt. Dabei können einerseits stärker sprachliche Lehr-Lern-Prozesse in Bildungskontexten im Schwerpunkt stehen oder andererseits mehr sprachtherapeutisch rehabilitative Prozesse in Einrichtungen des Gesundheitswesens (Grohnfeldt 2014c). Trotz historisch gewachsener und zumeist administrativ-struktureller Schwerpunktsetzungen weisen beide Bereiche immer auch integrierende Anteile des anderen Bereiches auf und schaffen somit eine Grundlage für Synergieeffekte in der Arbeit mit Menschen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen (Kap. 2) – dies gerade auch im Zuge der Inklusion.
1.4.2 Professionsstrukturen
Kontext der Professionsentwicklung
Die Entwicklung der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation in Deutschland führte zu unterschiedlichen Professionsfeldern im schulischen und außerschulischen Kontext. Im historischen Verlauf leitender Menschenbilder, wissenschaftlicher Erkenntnisse, methodologischer Grundlagen, beeinflussender Umwelt-Kontexte, berufsständischer Strömungen, finanzpolitischer Zusammenhänge und administrativ-organisatorischer Rahmenbedingungen formierten sich diverse Berufsgruppen im Zusammenhang mit teils unterschiedlichen und teils einander überschneidenden Aufgaben- und Handlungsbereichen (Grohnfeldt 2014b, 2014d) (Kap.4).
Professionsgruppen
Im Wesentlichen existieren in Deutschland nachfolgende Berufsgruppen, die im Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation tätig sind (Kap. 4):
Förderschullehrerin,
Akademische Sprachtherapeutin ,
Logopädin,
Atem-, Sprech- und Stimmheillehrerin,
Sprachförderfachkraft.
Vielfalt der Professionsstrukturen
Die Berufsgruppen, die mit Menschen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen arbeiten, weisen unterschiedliche Merkmale innerhalb der Professionsstrukturen auf:
Fähigkeiten und Handlungskompetenzen, die eine Fachkraft für spezifische Aufgabenbereiche und Handlungsfelder benötigt,
Ausbildungswege zum Erwerb entsprechender Kompetenzprofile und festgelegter Abschlüsse,
Klientel der Menschen mit sprachlich-kommunikativen professionellen Unterstützungsbedarfen in verschiedenen Lebensphasen,
Organisationseinheiten, in denen entsprechende professionellen Aufgaben ausgeführt werden,
Kostenträger zur Finanzierung der professionellen Tätigkeit.
1.4.3 Gegenstand und Klientel
deskriptive Klassifikation
Der fachliche Gegenstand der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation umfasst eine Vielfalt an Erscheinungsformen. Diese Vielfalt kann nach unterschiedlichen Ordnungskriterien strukturiert werden. Zunächst können die unterschiedlichen Erscheinungsformen deskriptiv erfasst und auf der Symptomebene beschrieben bzw. entsprechend eingeteilt werden, z. B. in Störungen der Aussprache, des Wortschatzes, der Grammatik usw. Ein klassisches Klassifikationsschema folgt der Grob-Unterteilung nach den Aspekten der Sprache, des Sprechens, der Rede, der Stimme und des Schluckens. Somit sind folgende Störungsbereiche grob zu erfassen (Grohnfeldt 2012) (Kap. 5):
Sprachstörungen,
Sprechstörungen,
Redestörungen,
Stimmstörungen,
Schluckstörungen.
ätiologische Klassifikation
Außerdem können Erscheinungen auch ätiologisch systematisiert und auf der Ursachenebene erklärend erfasst werden. Dazu wäre eine Klassifikation nach Ursachen oder Ursachenbündeln von Störungen und Problemfeldern möglich (Braun 2006) (Kap. 5):
entwicklungsbedingt, z.B. Sprachentwicklungsstörung,
organisch bedingt im Bereich der peripheren Funktion, z.B. Zustand nach Lippen-Kiefer-Gaumenspalte oder im Bereich der zentralen Funktion, z.B. Aphasie,
psychisch bedingt, z.B. Sprechangst,
erblich-genetisch bedingt, z.B. sprachliche Erscheinungen im Zusammenhang mit Trisomie 21,
sozio-kulturell bedingt, z.B. durch benachteiligte Lebenslagen.
Möglichkeiten und Grenzen von Klassifikationen
Auf der Basis der vorgenannten Klassifikationsschemata erfolgte früher eher eine quantitative Bestimmung im Sinne des Schweregrades von Störungen. Immer mehr wurde erkannt, dass eine qualitative Sichtweise notwendig ist, um die Erscheinungsvielfalt im Bereich sprachlich-kommunikativer Beeinträchtigungen differenziert erfassen sowie geeignete Interventionsstrategien entwickeln zu können. Allerdings wirft eine Klassifikation immer auch Schwierigkeiten auf, da eine Untergliederung in vermeintlich homogene Gruppen die Individualität der betroffenen Menschen verfälschen kann.
demographischer, sozioökonomischer, technischer Wandel
Unser Fach wird auch weiter in der Perspektive neuer gesellschaftlicher Herausforderungen die Klassifikation von Phänomenen im Bereich der Sprache und Kommunikation anpassen müssen. Im angloamerikanischen Raum widmet sich unser Fach schon seit längerer Zeit neben den klassischen Störungsbildern zusätzlichen Erscheinungsformen (Schraeder 2013, ASHA 2005). Dort reagiert man bereits auf den Trend des demografischen, sozioökonomischen und technischen Wandels. Vor diesem Hintergrund erschließen sich zusätzlich folgende Erscheinungsformen:
Erscheinungen im Kontext von Cultural and Linguistic Diversity (kulturelle und sprachliche Vielfalt),
sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen im Alter,
Sprache und Kommunikation unter Armutsbedingungen,
Sprachentwicklung und Sprachgebrauch im Zusammenhang mit neuen Medien und digitalen Netzwerken.
Identitätsbildung und Partizipation
Darüber hinaus müssen mittlerweile weltweit Anforderung der Inklusion einbezogen werden. So bestehen weitere Überlegungen, die Identitätsbildung der betroffenen Menschen im Zusammenhang mit ihren sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen in den Blick zu nehmen. Ebenso sind nicht nur Erscheinungen oder Störungen des Subjektes, sondern gleichfalls die Partizipationsmöglichkeiten innerhalb der Gesellschaft sowie innerhalb der Bildungschancen in Betracht zu ziehen. Diese neuere Sichtweise erweist sich komplexer und mehrdimensionaler und findet damit Anschluss an eine inklusive Pädagogik. Hierbei werden sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen mit anderen (primären) Unterstützungsbedarfen in Beziehung gesetzt (Kap. 5), nämlich sprachliche Beeinträchtigungen im Kontext von
Beeinträchtigungen des Hörens, z.B. phonetisch-phonologische Störungen im Zusammenhang mit einer Schallleitungsschwerhörigkeit,
Beeinträchtigungen des Lernens, z.B. morphologisch-syntaktische Störungen im Zusammenhang mit dem Schriftsprachlernen,
Beeinträchtigungen der emotionalen und sozialen Entwicklung, z.B. Redeflussstörungen im Zusammenhang mit einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS),
Beeinträchtigungen der geistigen Entwicklung, z.B. Sprachentwicklungsstö-rung im Zusammenhang mit einer Autismus-Spektrum-Störung,
Beeinträchtigungen der körperlichen und motorischen Entwicklung, z.B. zentrale Störungen der Sprechmotorik im Zusammenhang mit einer infantilen Cerebralparese.
1.4.4 Aufgabenbereiche und Handlungsfelder
Aufgaben des Faches
Das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation weist verschiedene Aufgabenbereiche wie auch unterschiedliche Handlungsfelder auf (Lüdtke 2014b; Grohnfeldt 2010). Zu den Aufgabenbereichen zählen:
Diagnostik (Kap. 5),
Prävention (Kap. 7),
Förderung (Kap. 7),
Unterricht(Kap. 6 u. 8),
Therapie (Kap. 6 u. 9),
Beratung (Kap. 8),
Bildung, Erziehung (Kap. 2) und
Evaluation, Innovation (Kap. 3).
adressatenbezogene Handlungsfelder
Handlungsfelder des Faches sind auch hinsichtlich des Adressatenbezuges strukturell zu erfassen. Dabei erfolgen fachliche Aufgaben im Fokus der Menschen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen in unterschiedlichen Lebensphasen. Somit muss auf die besondere Bedürfnislage adäquat eingegangen werden, z.B. in der Arbeit mit Säuglingen, Kleinkindern, Schulkindern, Jugendlichen, Erwachsenen sowie älteren Menschen (Kap. 4).
organisationsbezogene Handlungsfelder
Ferner lassen sich Handlungsfelder des Faches nach den möglichen Organisationseinheiten zur Ausführung oben benannter Aufgaben sowie der Kostenträger zur Finanzierung der professionellen Tätigkeit strukturieren, z.B. Arbeit in Krippe, Kindertagesstätte, Schule, sprachtherapeutischer und logopädischer Praxis, Klinik, Beratungsinstitutionen, wissenschaftlichen Instituten (Kap. 4).
1.4.5 Inklusion
Akzeptanz der Vielfalt
Die Perspektive der vollen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und an hochwertiger Bildung steht seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (United Nations 2006) durch die Bundesregierung im Jahr 2009 besonders im Fokus. Nicht-Aussonderung und Nicht-Diskriminierung wurden zwar auch in Zeiten von Integrationsbestrebungen verfolgt. Allerdings vermag erst der Leitgedanke der Inklusion eine konsequente Umsetzung der Akzeptanz von Vielfalt zu schaffen. So gilt Inklusion als unumgänglicher und zunehmend wichtiger Aufgabenbereich des Faches, um die sprachlich-kommunikativen Verwirklichungsmöglichkeiten aller Menschen zu fördern und zu sichern. Dabei sind folgende Aspekte vertieft zu berücksichtigen (Kap. 8):
Paradigmenwandel der klassischen „Sprachheilpädagogik“ in der Perspektive zur Inklusion,
internationale Bezüge und Vergleiche der Inklusionsbestrebungen,
Klärung der Inklusionsdebatte im Förderschwerpunkt Sprache,
Öffnung des Berufsbildes der Akademischen Sprachtherapie für schulische Zusammenhänge.
1.4.6 Internationalisierung und Globalisierung
national und international
Im Zeichen zunehmender Globalisierung gesellschaftlicher Zusammenhänge ist es von großer Bedeutung, internationale Aufgaben- und Handlungsfelder zu erschließen sowie nationale und internationale Erscheinungen und Vorgänge im Zusammenhang zu verstehen. Daraus ergeben sich auch für das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation relevante Überlegungen (Kap. 10):
Ethik als individuelle und globale Perspektive,
Kultursensibilität als wesentlicher Aspekt der international vergleichenden Forschung,
interkulturelle Kompetenz als Notwendigkeit in der Ausbildung,
Zusammenfassung
Dieses erste Kapitel hat für alle weiterführenden Überlegungen die aktuelle Positionierung des Faches Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation bestimmt. Dazu war eine Einarbeitung in wissenschaftstheoretische Grundlagen notwendig. Von hier aus ist es nun möglich, die vielfältigen Praxisphänomene und Konzeptualisierungsebenen sowie die unterschiedlichen Paradigmen und Terminologien unseres Faches zu reflektieren. Gleichzeitig wurden auch die zentralen Begriffsfelder des Faches umrissen, die nun in den einzelnen weiterführenden Kapiteln ausdifferenziert und im Detail erläutert werden können.
Prüfungsfragen und -antworten zu diesem Kapitel im Online-Zusatzmaterial zu diesem Buch.
2 Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation als Integrationswissenschaft
Im zweiten Kapitel dieses Buches wird der Charakter des Faches Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und Kommunikation als Integrationswissenschaft erläutert. Dazu wird zunächst das Gefüge aus Pädagogik als Leitwissenschaft mitsamt ihren vielfältigen Bezugswissenschaften dargestellt. Anschließend werden sprachphilosophische und anthropologische Grundlagen unter dem Fokus unseres Faches – der Mensch in seiner Sprachlichkeit – erörtert. Abschließend werden pädagogische Grundlagen der Sprachpädagogik und pädagogischen Sprach- und Kommunikationstherapie im Hinblick auf Bildung und Erziehung erklärt.
LernzielePädagogik als Leitwissenschaft für das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation verstehen (Kap. 2.1),sprachphilosophische und anthropologische Grundlagen unseres Faches reflektieren (Kap. 2.2),pädagogische Grundlagen des Faches kennen und daraus relevante Fragestellungen für die Sprachpädagogik und die pädagogische Sprach- und Kommunikationstherapie ableiten (Kap. 2.3).
2.1 Pädagogik als Leitwissenschaft
Das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation wird seit Bestehen stets als Integrationswissenschaft verstanden (Knura 1982). Dazu existieren die Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft als Leitwissenschaft (Kap. 1) und weitere Disziplinen als Bezugswissenschaften, welche von der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation integriert werden (Abb. 8).

Eine Integrationswissenschaft bezeichnet eine Wissenschaftsdisziplin, die unterschiedliche Teilbereiche anderer Wissenschaftsdisziplinen rezipiert. In der Forschungsarbeit werden Erkenntnisse und Ansätze der anderen Wissenschaftsdisziplinen analysiert und unter dem Fokus und Gegenstandsbereich des eigenen Faches adaptiert und integriert. Derartige Integrationswissenschaften werden auch als interdisziplinär ausgerichtete wissenschaftliche Fachrichtungen beschrieben.
Unter Leitwissenschaft ist eine wissenschaftliche Disziplin zu verstehen, die als maßgebliche Orientierung für ein Fach zu sehen ist. Die Denkmuster und Erklärungsansätze einer leitenden Wissenschaftsdisziplin bestimmen primär die
Ausrichtung eines Faches und den Fokus der Analyse, Rezeption, Reflexion, Adaptation und Integration anderer Wissenschaften.
Eine Bezugswissenschaft liefert theoretische Ansätze und Erkenntnisse, die in einer anderen Disziplin als Wissensgrundlage und Erklärungsmuster genutzt werden können. In der Zusammenführung innerhalb einer Integrationswissenschaft können mit dem Wissen mehrerer Bezugswissenschaften spezifische und komplexe Fragestellungen beantwortet werden.

Abb. 8: Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation als Integrationswissenschaft
Komplexität der Praxisphänomene
Warum aber hat unser Fach seit jeher diesen integrativen Charakter? Dies wird deutlich, wenn wir uns die Komplexität unserer fachlichen Aufgabenstellungen auf der Ebene der Praxisphänomene anschauen. Dazu wird eine weitere Situation des Jungen aus dem Fallbeispiel 3 Bastian (Kap. 1) geschildert und im Anschluss daran im Hinblick auf Erkenntnisse der Bezugswissenschaften beleuchtet.

Im Unterricht der zweiten Klasse werden Zeichnungen von den Schülerinnen und Schülern über ihre Wochenenderlebnisse angefertigt. Die Zeichnungen fungieren als Grundlage für anschließende Erzählungen der Kinder. Bastian versucht der Lehrerin seine gezeichnete Figur aus dem Fernsehen näher zu erläutern. Die Lehrkraft kann jedoch den undeutlich ausgesprochenen Namen der Figur nicht verstehen. Bastian wiederholt mehrmals den Namen. Auch auf Nachfrage der Lehrerin und Benennungsversuchen ihrerseits gelingt keine eindeutige Aufl.ösung. Ebenso wenig führen Bastians mimische und gestische Unterstützungen zum Erfolg. Er zeigt sich höchst verunsichert, da er doch genau weiß, wie die Figur heißt. Zudem spricht er auch den Namen der Figur mit ganz besonderer Konzentration aus. Bastian schickt nun Hilfe suchende Blicke an seine Mitschülerinnen und Mitschüler. Es dauert eine Weile und wirkt wie eine Erlösung, als ein Mädchen endlich den rettenden Einfall hat und „Spongebob!“ ruft.
Bezugsdisziplinen des Faches
Das oben geschilderte Fallbeispiel wird im Folgenden vor dem Hintergrund der Bezugsdisziplinen des Faches Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation hinsichtlich einzelner Aspekte analysiert und anschließend pädagogisch zusammengeführt.
Semiotik Soziologie
Der Junge versucht in der Unterrichtssituation mehrmals ein bestimmtes Zielwort – Spongebob – korrekt auszusprechen. Er ist sich dabei über den Inhalt genau im Klaren und möchte darüber etwas erzählen. Er unterstützt sein Sprechen mit den nonverbalen Mitteln der Mimik, Gestik und des Hilfe suchenden Blickkontaktes. Diese vielfältigen kommunikativen Zeichen, die der Junge in der Gesprächssituation auf unterschiedlichen Kommunikationskanälen anwendet, können durch die Wissenschaftsdisziplin der Semiotik erklärt werden.
Soziologie
Weiter zeigt das Fallbeispiel, dass der Schüler sprachlichen Normen, hier der korrekten Aussprache bzw. Artikulation, nicht entsprechen kann. Da Bastian spürt, dass die Lehrerin ihn deshalb nicht versteht, verstärkt sich sein bereits bestehendes Störungsbewusstsein. Auch wenn die Lehrerin ihrerseits alles tut, um Bastians Leidensdruck durch ihre Reaktion auf seine beeinträchtigte Aussprache nicht noch zu verschlimmern, so ist sie wiederum in der Zwickmühle, dass sie sowohl seine mündlichen Unterrichtsbeiträge als auch deren ebenfalls fehlerhaften Verschriftlichungen leistungsmäßig mit Noten beurteilen muss Dieses komplexe Rahmenthema der Vermittlung sprachlicher Normen sowie deren institutioneller, gesellschaftlicher und kultureller Kontext kann mit der Bezugswissenschaft der Soziologie, insbesondere der Sprachsoziologie (Erforschung des Wechselverhältnisses von Sprache und Gesellschaft), reflektiert werden.
der korrekten
Versucht man die nicht-gelingende Kommunikation zwischen Bastian und seiner Lehrerin auf einer noch tiefer liegenden Ebene zu verstehen, so stößt man auf das existenzielle Grundthema aller Personen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen: die Verletzlichkeit bzw. Vulnerabilität der Person in ihrem Kern. Aber auch die Lehrerin ist mit dem Thema Vulnerabilität konfrontiert, und zwar nicht nur mit der des Jungen, sondern auch mit ihrer eigenen, beispielsweise in Form ihrer Ungeduld oder Befremdungsreaktion im Umgang mit Beeinträchtigungen. Mit der Reflexion des individuellen wie gesellschaftlichen Umgangs mit Anders-Sein bzw. sprachlicher Differenz befasst sich die Philosophie, speziell die Sprachphilosophie.
Linguistik, Medizin, Neurowissenschaften
Im Fallbeispiel wird deutlich, dass die Aussprache des Jungen stark beeinträchtigt ist. Dagegen entspricht seine Sprach- und Kommunikationsfähigkeit den Erwartungen, da er die alternativen Benennungsangebote der Lehrerin – „Kung Fu Panda“ und „Star Wars“ – unmissverständlich als falsch zurückweist. Es gilt also herauszufinden, ob Bastians unverständlicher Lautbildungsprozess seine Ursachen beispielsweise in der Mundmotorik, in der auditiven Wahrnehmung oder in der phonematischen Differenzierung hat. Mit den Erkenntnissen der Linguistik, Medizin und Neurowissenschaften können solche Aspekte der Sprachrezeption, Sprachverarbeitung und Sprachproduktion – hier auf Ebene der Phonetik und Phonologie – erklärt werden
Psychologie
Die Situation, nicht verstanden zu werden und damit auch noch unangenehm im Mittelpunkt zu stehen, kann verletzen. Bastians Emotionen und seine Motivation weiterzusprechen werden davon negativ beeinflusst. Erst durch das Verständnis und die Hilfe des Mädchens kann sich sein Selbstwertgefühl wieder stabilisieren. Die wesentliche Rolle solcher relationaler Emotionen im sozial-intersubjektiven Kommunikationskontext kann mit der Bezugswissenschaft der Psychologie, v.a. der Entwicklungspsychologie und Neuropsychologie, analysiert werden
Pädagogik / Erziehungswissenschaft
Wird das Fallbeispiel in der Gesamtheit betrachtet, zeigt sich die pädagogische Dimension: Auswirkungen der sprachlichen Beeinträchtigungen des Jungen zum einen auf den gesamten schulischen Lernprozess, zum anderen auf seine Identitätsbildung, seine Peergroup-Zugehörigkeit und seine gesellschaftlich-kulturelle Teilhabe sind mehr als nur zu erahnen Auch die Lehrerin braucht Unterstützung, den Lernprozess in dieser wie in anderen Situationen günstig zu beeinflussen. Die Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft liefert hierzu Ansätze, die sich mit theoretischen und anwendungsbezogenen Aspekten von Bildung und Erziehung beschäftigen Lehren und Lernen unter besonderen Bedingungen, wie beispielsweise bei sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen, wurde dabei von jeher als „Pädagogik und nichts anderes“ (Moor 1974, 273) verstanden (Lüdtke / Bahr 2005).
Komplexität des Faches
Die interdisziplinäre Analyse des Fallbeispiels macht deutlich, dass Studierende und professionell tätige Personen des Faches Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation auf Erkenntnisse aus den Bezugswissenschaften der Semiotik, Soziologie, Philosophie, Linguistik, Medizin, Neurowissenschaften und Psychologie Bezug nehmen und diese pädagogisch geleitet integrieren müssen, um die vielen sprachpädagogischen und sprachtherapeutischen Aufgaben der Praxis lösen zu können. Diese spezifischen Aufgaben betreffen u.a. Diagnostik (Kap. 5), Prävention und Förderung (Kap. 7), Unterricht (Kap. 6 und 8), Therapie
(Kap. 6 und 9), Beratung (Kap. 8), Bildung und Erziehung (Kap. 2), Evaluation sowie Innovation (Kap. 3).
pädagogische Ganzheit
Die Notwendigkeit, viele einzelne Wissensmomente dabei nicht additiv nebeneinanderzustellen, sondern zu einer pädagogischen Ganzheit zu integrieren, gilt nicht nur für Bastian, sondern für alle Personen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen in der gesamten Lebensspanne vom Säuglingsalter bis hin zum älteren Menschen (Abb. 8).

Literaturempfehlungen zu den Bezugswissenschaften
Ammon, U., Dittmar, N., Mattheier, K. J., Trudgill, P. (Hrsg.) (2005): Soziolinguistik. Ein internationales Handbuch zur Wissenschaft von Sprache und Gesellschaft. 2. Aufl. de Gruyter, Berlin Fiori, A., Deuster, D., Zehnhoff-Dinnesen, A. G. am (2012): Hören und Sprechen. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 277-289 Jaspers, J. (2012): Norm und Differenz. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 49-59 Karnath, H.-O., Thier, P. (Hrsg.) (2012 ): Kognitive Neurowissenschaften. 3.
aktual. u. erw. Aufl. Springer, Berlin Kauschke, C., Huber, W., Domahs, F. (2012): Spracherwerb und Sprachverlust. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 246-276 Klann-Delius, G. (2008): Spracherwerb. 2. aktual. und erw. Aufl. Metzler, Stuttgart
Kristeva, J., Gardou, C. (2012): Behinderung und Vulnerabilität. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 39-48 Newen, A., Schrenk, M. (2008): Einführung in die Sprachphilosophie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt Nöth, W. (2012): Zeichen und Semiose. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 161-176 Nöth, W. (2000): Handbuch der Semiotik. 2. Aufl. Metzler, Stuttgart Rupp, E. (2012): Sprache und Gehirn. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 230-245
Schindelmeiser, J. (2014): Anatomie und Physiologie für Sprachtherapeuten. 3. Aufl. Urban u. Fischer, München
Trevarthen, C. (2012): Intersubjektivität und Kommunikation. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 82-157
2.2 Sprachphilosophische und anthropologische Grundlagen
2.2.1 Der Mensch in seiner Sprachlichkeit als Ausgangsbasis und Zielkategorie
ganzheitlicher Zugang
Zoomt man im unteren Teil der gerade erläuterten graphischen Darstellung unseres Faches als Integrationswissenschaft (Abb. 8). näher auf ihren Aufgaben- und Zielbereich (Abb. 9), so wird deutlich, dass – wie im vorher untersuchten Fallbeispiel in allen Aufgabenstellungen, die sich in unserem Fach ergeben – immer der Mensch in seiner Sprachlichkeit im Mittelpunkt steht (Lüdtke 2012a).

Abb. 9: Mensch in seiner Sprachlichkeit als Ausgangsbasis und Zielkategorie einer pädagogischen Verstehens- und Handlungsperspektive des Faches
Trias Sprachvermögen – Sprache – Sprechen
Die Frage, was Sprache eigentlich ist und was die menschliche Sprach- und Kommunikationsfähigkeit ausmacht, beschäftigt die Menschheit in allen Kulturen seit jeher (Kristeva 1989). In der europäischen Sprachphilosophie und Sprachwissenschaft setzten sich viele Wissenschaftler mit der Entschlüsselung dieses Phänomens auseinander und entwickelten die Vorstellung von einer Dreiteilung (Trias) aus Sprach- und Kommunikationsfähigkeit – Sprache – Sprechen (Abb. 9) (Lüdtke 2012a).
von Humboldt, de Saussure und Chomsky
Wilhelm von Humboldt (1767-1835) unterscheidet bereits ergon (Sprache als Werk) und energeia (Sprache als Tätigkeit). Ferdinand de Saussure (1857-1913) differenziert zwischen der menschlichen Sprachfähigkeit (faculte de langage), der Sprache (langue) und dem Sprechen (parole). Der amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky (geb. 1928) wiederum verwendet die Begriffe Kompetenz (allgemeine Sprachfähigkeit) und Performanz (individuelle Sprachverwendung). Unabhängig von diesen terminologischen Unterschieden ist an dieser Dreiteilung wichtig, dass die Mehrdimensionalität der Sprache wie folgt gefasst werden kann:
1 Sprachlichkeit: Die Komponente „Sprach- und Kommunikationsfähigkeit“ umfasst die personale Dimension der Sprachlichkeit, d.h. die besondere Art und Weise des Menschen als sprechendes Wesen.
2 Sprachsystem: Die Komponente „Sprache“ umfasst die Dimension des Sprachsystems, d.h. die „unsichtbare“ mentale Repräsentation von Sprache sowie ihre Planung und Verarbeitung.
3 Sprachhandlungsvorgang: Die Komponente „Sprechen“ umfasst die Dimension des konkret realisierten Sprachhandlungsvorgangs, d.h. die pragmatische beobachtbare Anwendung.
Diese Dreiteilung ist die Basis jeglicher Diagnostik und Intervention bei Beeinträchtigungen der Sprache und Kommunikation, da durch diese Differenzierung ermittelt werden kann, welche Komponente(n) der Sprache einer Person aufgebaut und verfügbar und welche von Beeinträchtigungen betroffen sind Eine förderdiagnostische Betrachtung unseres Fallbeispiels 3 Bastian (Kap. 1). müsste beispielsweise folgende Aspekte klären (Abb. 10):
1 Ist Bastian in seiner Sprachlichkeit beeinträchtigt? Dies wäre der Fall, wenn sein Störungsbewusstsein so tief und nachhaltig ist, dass seine sprachliche Identität zu zerbrechen droht.
2 Liegt Bastians undeutlicher Aussprache ein Problem auf der Ebene des Sprachsystems zugrunde? Dies könnte dann eine phonologische Sprachentwicklungsstörung z.B. aufgrund einer phonematischen Differenzierungsschwäche sein (Kap. 5).
3 Oder hat seine Aussprachestörung ihre Ursache eher auf der Ebene des Sprechens als Handlungsvorgang? Dann wäre dies ein Hinweis auf eine phonetische Aussprachestörung z.B. aufgrund einer myofunktionell bedingten Artikulationsschwäche (Kap. 5).

Abb. 10: Die Mehrdimensionalität der Sprache in ihrer Ganzheit als Grundlage sprachpädagogischer und sprachtherapeutischer Aufgabenstellungen
Unabhängig davon, welche Komponente(n) der Sprache einer Person beeinträchtigt sind und der Unterstützung bedürfen, muss bei sämtlichen Aufgabenstellungen nicht additiv ein bestimmtes Störungsbild diagnostiziert und eine dazu passende Sprachförderung oder Sprachtherapie geplant werden, sondern es muss zunächst ganzheitlich der Mensch in seiner beeinträchtigten Sprach- und Kommunikationsfähigkeit erfasst werden Der Mensch in seiner Sprachlichkeit ist der unabdingbare Kern unseres durch die Pädagogik geleiteten Faches und damit seine Ausgangsbasis und seine Zielkategorie zugleich (Abb. 9).
Im Folgenden werden wir aus sprachphilosophischer und anthropologischer Perspektive nur die erste Komponente der Sprachlichkeit weiter vertiefen. Den Komponenten von Sprache als System und Sprechen als Sprachhandlungsvollzug wird in Kap. 5 weiter nachgegangen
2.2.2 Vulnerabilität und Differenz der Sprachlichkeit als Auftrag und Verantwortung
Die nachfolgenden Überlegungen gehen der anthropologisch relevanten Frage nach, welche Auswirkungen sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen auf das betroffene Individuum, die Gesellschaft und die Kultur haben und welche Veränderungen daraus resultieren (Lüdtke 2012a). Daraus folgernd werden jeweils (sprach)pädagogische Prämissen skizziert, wie innerhalb pädagogischer Bildungsprozesse mögliche personale Beschädigungen verhindert oder aufgefangen werden können. Die Kernidee, die Vulnerabilität und Differenz der Sprachlichkeit als grundsätzlichen Auftrag und Verantwortung unseres pädagogisch geleiteten Faches zu betrachten, wird im nachfolgenden Unterkapitel über die pädagogischen Grundlagen (Kap 2.3) weiter ausgeführt
Individuum: Integration sprachlicher Identität
Personwerdung: De- und Rekonstruktion des sprachlichen Selbst
Grundsätzlich stellt die Philosophische Anthropologie Überlegungen zur Stellung des Menschen als sprachfähigem Wesen an. Eine erste Bestimmung der Sprachlichkeit des Menschen aus anthropologischer Sicht erfolgt auf der Ebene des Individuums bzw. des Selbst mittels des zentralen Konzeptes der „Sprachlichen Identität“ (Lüdtke 2012a). Diese wird hier postmodern als permanente De- und Rekonstruktion des sprachlichen Selbst zwischen den Achsen Zugehörigkeit / Abgrenzung und Selbstwahrnehmung / Fremdwahrnehmung konzeptualisiert und ist unabdingbare Voraussetzung der Personwerdung (Abb. 11).
Schon in einem Lebensvollzug ohne sprachlich-kommunikative Beeinträchtigungen ist sprachliche Identität das Ergebnis eines inter- und intrapersonalen sozio-emotionalen Balanceaktes und Integrationsprozesses, in dem alltägliche Konflikte, Widersprüche, Divergenzen und Disharmonien zwischen internen und / oder externen sprachspezifischen Fremd- und / oder Selbstbildern aufgelöst werden müssen
Depersonalisierung: Kohärenz-Auflösung und Identitätszerfall
Die auftretende sprachlich-kommunikative Beeinträchtigung eines Menschen führt aber meist zu einem folgenschweren Teufelskreis: Der Mensch verletzt durch seine Beeinträchtigung massiv die gesellschaftlichen Sprachnormen Die Gesellschaft sanktioniert den Affront gegen die kollektiven Spracherwartungen mit Stigmatisierungs- bzw. Ausgrenzungsprozessen. Diese negativ erlebten individuellen oder institutionellen Erfahrungen haben Stigmaqualität, da sie als Bedrohung des sprachlichen Selbst interpretiert werden. Diese Bedrohlichkeit verursacht Irritationen in den Interaktionen, Einschränkungen der verbalen Partizipation und letztlich emotional hoch bedeutsame sprachspezifische Identitätsprobleme Die dadurch erlebte Gefährdung kann die Gefühle der Verlorenheit und KohärenzAufl.ösung bei empfundenem Identitätszerfall hervorrufen und mittelfristig zu einer beschädigten sprachlichen Identität und damit letztlich zu einer Depersonalisierung führen (Abb. 11).
Raum für Rekonstruktion beschädigter Sprachlichkeit
Oberste pädagogische Prämisse zur Verhinderung von Identitätsbeschädigungen bei Menschen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen muss deshalb die Integration sprachlicher Identität sein Raum für eine Rekonstruktion desintegrierter Sprachlichkeit kann von sprachpädagogisch und sprachtherapeutisch tätigen Personen auf drei verschiedenen Wegen ermöglicht werden. Erstens können der sprachlich-kommunikativ beeinträchtigten Person identitätsrekonstruierende Lösungswege über das Erleben der eigenen sprachlichen Kompetenz vermittelt werden, indem z.B. die sprachlich-kommunikativ beeinträchtigte Person einer anderen Person ein Rätsel stellt und sich damit in einer kompetenten, überlegenen Position befindet Zweitens kann sich in Förderung, Unterricht, Therapie oder Beratung statt an einem sprachwissenschaftlich bestimmten normativen Bildungsziel der linguistischen Homogenität zukünftig an einem sprachpädagogisch bestimmten autonomen Bildungsziel der Differenzanerkennung orientiert werden (Lüdtke 2004a, 2004b), indem z.B. eine sprachlich-kommunikativ beeinträchtigte Person bei der Planung des individuellen Förderziels selbst einbezogen wird. Und drittens sollte eine permanente Reflexion möglicher identitätsbeschädigender Akte der sprachpädagogischen bzw. sprachtherapeutischen Fachkraft selbst erfolgen, indem z.B. die Fachkraft das eigene Sprachhandeln und davon ausgelöste Wirkungen wahrnimmt und überprüft (Abb. 11).
Am Fallbeispiel 2 Anna (Kap. 1) wird nachfolgend die Integration sprachlicher Identität durch Akzeptanz der Erstsprache verdeutlicht
Anna, die zu Hause mit ihrer Familie Russisch spricht, sucht sich in der Kindertagesstätte Spielkameradinnen, die ebenfalls Russisch sprechen. Dieser Kontakt und diese Kommunikationsmöglichkeit bedeuten für sie eine Sicherheit im Prozess des täglichen Ankommens, stellt aber auch eine wichtige Basis dar, um sich generell in der neuen zweisprachigen Umgebung zurechtzufinden. Anna fällt der Schritt in die neue Sprache und die veränderten Kommunikationsformen aus einer gefestigten Position heraus leichter. Sie bildet somit allmählich eine zweisprachige Identität aus. Würde man den Kindern verbieten, in der Kindertagesstätte Russisch zu sprechen, dann müsste Anna ihre Erstsprache Russisch sozusagen an der Eingangstür „ablegen". Sie führe dann nur einen Teil ihrer Identität mit. Die Kita mit ihrer wertschätzenden bilingualen Kommunikationskultur sowie der Gebrauch verschiedenster Erstsprachen durch pädagogische Fachkräfte mit Migrationshintergrund unterstützen die sprachpädagogische Prämisse der Integration sprachlicher Identität.
Gesellschaft: Inklusion sprachlicher Heterogenität
Partizipation durch sprachliche Normentsprechung
Die zweite Dimension, durch die sich das Verhältnis Person-Sprache bestimmt, ist die Gesellschaft (Lüdtke 2012a). Maßgeblicher konstitutiver Faktor sind dabei ihre jeweiligen sprachlichen Normen, welche unter den Aspekten ihrer Aufstellung, ihres Austausches und ihrer Vermittlung makro- wie mikrosystemisch in Soziolinguistik und Soziosemiotik (soziologische Teildisziplinen der Sprach- und Zeichenwissenschaften) sowie der Sprachsoziologie konzeptualisiert werden.
In einer soziolinguistischen Perspektive ist beispielsweise relevant, dass sprachliche Normen als Teil übergreifender sozialer Normen Konsens einer bestimmten Sprachgemeinschaft sind (Jaspers 2012). Für die Person, und damit auch sämtliche Menschen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen in der gesamten Lebensspanne, bedeutet dies, dass für die gesellschaftliche Partizipation eine sprachliche Normentsprechung Voraussetzung ist (Abb. 11).
Marginalisierung sprachlicher Defizite
In einem solchen normativen System können Personen, die aufgrund ihrer sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen abweichende, nonkonforme sprachliche Äußerungen oder kommunikative Akte produzieren, wegen ihrer sprachlichen „Defizite" marginalisiert (Abb. 11), d.h. an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Im gesellschaftlich geprägten Bildungs- und Gesundheitssystem kann dies im Rahmen sprachdiagnostischer Prozesse geschehen. Die Klassifizierung bzw. Etikettierung von identifizierten Sprachentwicklungsverzögerungen hat beispielsweise für Schülerinnen und Schüler personale Relevanz, da sie ein präskriptives Normenverständnis impliziert. Die durch Spracherwerbstests festgestellte sprachliche Standardabweichung wird somit als Defizit, als Makel bzw. als schlecht attribuiert. Es kann damit zu einem Attribut werden, das seinem Träger als subjekt-inhärentes Merkmal zugeschrieben wird und sein Person-Sein wie seine Sprachlichkeit defizitär definiert: „der Sprachbehinderte“, „der Stotterer“, „die Schülerin mit Förderbedarf“ (Kap. 1).
Anerkennung sprachlicher Differenz und Einzigartigkeit
Aus pädagogischer Perspektive ist immer zu bedenken, dass die Einführung von vermeintlich objektiven Wertmaßstäben wie der gesellschaftlichen Sprachnorm immer Auswirkungen auf die ganze Person und ihre Sprachlichkeit hat, welche die subjektive Verkörperung des analysierten linguistischen Sachverhaltes, beispielsweise einer Aussprachestörung, ist. Um personale Beschädigungen innerhalb des Bildungsprozesses zu vermeiden, ist eine erste pädagogische Prämisse, Menschen mit Beeinträchtigungen der Sprache und Kommunikation nicht über die Identifikation sprachlich-kommunikativer Defizite – und dazu gehört beispielsweise ein sprachlicher Förder- und Unterstützungsbedarf von Schülerinnen und Schülern – zu stigmatisieren und zu marginalisieren. Vielmehr ist dafür Sorge zu tragen, ihre Einzigartigkeit als sprachliche Differenz anzuerkennen. Damit können sich sprachpädagogische und sprachtherapeutische Fachkräfte auch des utilitaristischen Grundgedankens der sozialen Verwertbarkeit von Sprache entledigen, der letztlich eine Missachtung der Person und ihrer Sprachlichkeit per se darstellt. Diese paradigmatische Wendung vom Defizit- zum Differenzbegriff (Kap. 1) ist Voraussetzung für die wahre Inklusion sprachlicher Heterogenität von Kindern und Jugendlichen mit Förderbedarf (Kap. 8). (Abb. 11).
Am Fallbeispiel 4 Claudia (Kap. 1) wird nachfolgend die Inklusion sprachlicher Heterogenität durch institutionelle Anerkennung sprachlicher Differenz verdeutlicht

Im Gymnasium steht Claudia nicht abseits, im Gegenteil, sie steht manchmal sogar im Mittelpunkt des Geschehens. Aufgrund des Sprachcomputers, den sie mit den Augen steuert, vermag sie ihre Ideen zum Ausdruck zu bringen. Sicherlich bedeutet diese Form der Kommunikation eine hohe Akzeptanz vonseiten der Mitschüler und Mitschülerinnen. Das war nicht von Anfang an der Fall. Als Claudia den Computer noch nicht perfekt bedienen konnte und die Gesamtsituation für die Schule neu war, gab es deutliche Annäherungsschwierigkeiten. Nach außen hin versuchten zwar die meisten Schülerinnen und Schüler, offen auf Claudia zuzugehen, aber tatsächlich stand sie oft allein am Rand. Echte Freundschaften entwickelten sich erst viel später. Die von den Lehrerinnen und Lehrern vielfältig konkretisierte sprachpädagogische Prämisse der Inklusion sprachlicher Heterogenität brauchte die institutionelle und gesellschaftliche Anerkennung sprachlicher Differenz und viel Zeit.
Kultur: Ermöglichung von Bildungsteilhabe
Menschwerdung: Sprachbesitz als Schwelle zur Kultur
Letzter wichtiger Punkt für eine Bestimmung der Sprachlichkeit des Menschen ist, dass anthropologisch der Sprachbesitz als Schwelle zur Kultur angesehen wird. Kulturbesitz markiert damit die semiotische Schwelle zwischen der Welt der Zeichen und der Welt der Kultur auf der einen Seite, und der nicht-zeichenhaften, kulturlosen Welt beispielsweise der Tiere auf der anderen Seite. Der Besitz der Sprache ermöglicht deshalb nicht nur die kulturelle Teilhabe, sondern ist sogar Bedingung der Menschwerdung und des Mensch-Seins (Abb. 11).
verwehrte kulturelle Teilhabe bei beeinträchtigter Kommunikation
Eine derartige kulturelle Bestimmung der Relation Person – Sprache beinhaltet in ihrer Umkehrung, dass mangelnder oder vermeintlich mangelhafter Sprachbesitz nicht nur die kulturelle Teilhabe, sondern letztlich das Mensch-Sein in Frage stellt und Tendenzen der Dehumanisierung (Abb. 11) auslösen kann (Lüdtke 2012a). Natürlich gab es stets die wissenschaftliche Faszination, „wilden Kindern“ wie Kaspar Hauser oder Victor von Aveyron das Erlernen der Kulturgüter, insbesondere der Sprachkompetenz, durch heilpädagogische Methoden beizubringen (Itard 1801). Historisch betrachtet war und ist jedoch daneben die vorherrschende Reaktion auf eine beeinträchtigte Sprach- und Kommunikationsfähigkeit eine negative soziale Bewertung. „Abnorme“, der Norm nicht entsprechende Sprachkompetenz (langue) und Sprachverwendung (parole) gerade auch bei „Behinderten“ wurde und wird stets sanktioniert. Das Spektrum reicht(e) dabei von der tatsächlichen Tötung (Euthanasie / Holocaust) über das Aussetzen, Verbannen oder Wegsperren (Psychiatrie) bis hin zur subtileren Ausstoßung oder Ausgrenzung („Nicht-Bildbarkeit“) aus der Sphäre der Kultur, Zivilisation, Bildung, letztlich dem Mensch-Sein.
Offenheit für Vulnerabilität, sprachlicher Synkretismus
Da jegliche subtile oder offene Ausgrenzungs- oder Dehumanisierungsreaktion zu einer Verletzung der Sprachlichkeit von Menschen mit Beeinträchtigungen der Sprache und Kommunikation führen kann, müssen personale Beschädigungen innerhalb des Bildungsprozesses verhindert oder aufgefangen werden Oberste pädagogische Prämisse muss selbstverständlich die Ermöglichung von Bildungsteilhabe sein Dies kann sprachpädagogisch aber nur über eine Offenheit für sprachlichen Synkretismus, d.h. für sprachliche Brüche und Neuschöpfungen gelingen, und damit für die Vulnerabilität, für die grundsätzliche Verletzlichkeit jedweder Sprachlichkeit (Abb. 11).
Am Fallbeispiel 7 Rosa (Kap. 1) wird nachfolgend die Ermöglichung von sprachlicher Bildungsteilhabe auch am Ende der Lebensspanne verdeutlicht.

Rosas Sohn bemüht sich um eine angemessene Kommunikation mit seiner Mutter. Er versucht sich so mit ihr zu unterhalten, wie er es noch vor einiger Zeit getan hatte. Doch es fällt ihm schwer, das Gespräch aufrechtzuerhalten. Viel zu sehr ist er von dem sprachlich-kommunikativen Verhalten seiner Mutter irritiert. Er findet sie nicht mehr so vor, wie er sie von früher her kennt. Aufgrund der Wesensänderung von Rosa besteht die Gefahr, dass sie in ihrem Umfeld und besonders im Kontext der Pflegeroutine nicht mehr die Würde und Achtung als Mensch erfährt. Kommunikative und emotionale Ansprache droht auszubleiben. Die sprachpädagogische Prämisse der Ermöglichung von sprachlicher Bildungsteilhabe muss aber nicht nur in der vorschulischen und schulischen Bildung, sondern gerade auch am Ende der Lebensspanne umgesetzt werden.

Abb. 11: Vulnerabilität und Differenz der Sprachlichkeit als Auftrag und Verantwortung
Sprache und Sprechen ist ein mehrdimensionales Phänomen, das sich nicht auf bloße sichtbare und hörbare Erscheinungen reduzieren lässt Unter der sprachlichen Oberfläche existieren Schichten, die von außen nicht direkt einsehbar sind, die aber entscheidend den Spracherwerb und den Sprachgebrauch des Menschen bestimmen Außerdem kann Sprache nicht losgelöst von der Individualität einer Person sowie von gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen gesehen werden Entsprechende Ableitungen auf Problembereiche sprachlich-kommunikativer Beeinträchtigungen ermöglichen den im Fach tätigen Personen eine umfassende und differenzierte Sicht auf ein sicheres pädagogisches Handeln Um die Mehrdimensionalität in Theorie- und Praxisverknüpfungen korrekt erfassen zu können, benötigt das Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und Kommunikation eine Integration diverser Bezugswissenschaften, um daraus Orientierungen für die Sprachpädagogik und die pädagogische Sprach- und Kommunikationstherapie schaffen zu können.

Literaturempfehlungen zu sprachphilosophischen und anthropologischen Grundlagen des Faches
Kristeva, J, Gardou, C. (2012): Behinderung und Vulnerabilität. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 39-48
Lüdtke, U. (2012): Person und Sprache. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 61-81
Newen, A., Schrenk, M. (2013): Einführung in die Sprachphilosophie. WBG, Darmstadt
2.3 Pädagogische Grundlagen
Stellenwert der Pädagogik im Fach
Auf einer sprachphilosophischen und anthropologischen Fundierung unseres Faches Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation werden in diesem Unterkapitel dessen pädagogische Grundlagen erörtert Die pädagogische Orientierung steht als Leitperspektive im Vordergrund, da es sich im Aufgabenfeld der Sprachpädagogik und der pädagogischen Sprach- und Kommunikationstherapie immer um Bildungs- und Erziehungsprozesse handelt.
Bildungs- und Erziehungsprozesse der Person in ihrer Sprachlichkeit (Kap. 2.2) sind Voraussetzung für sprachliche Lehr-Lern-Prozesse. Sprachliches Lernen beispielsweise von korrekten Pluralmarkierungen, Verbstellungsregeln oder Schluckmustern kann nicht ohne Bildung der Person mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen gedacht werden.
2.3.1 Sprachpädagogik und Sprachdidaktik
Die klassischen Aufgaben unseres Faches als Pädagogik sind die Themenpaare „Bilden und Erziehen“ sowie „Lehren und Lernen“ (Lüdtke / Bahr 2005, Lüdtke 2014b). Sie ergeben und entfalten sich stets zwischen den drei zentralen Bezugsgrößen (Abb. 12):
Person mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen, SprachpädagogIn, SprachtherapeutIn, LogopädIn, pädagogische Fachkraft etc. und
Sprache und Kommunikation sowie ihre vielfältigen Beeinträchtigungen als Lerngegenstand.
Jedes Themenpaar wird in einer Teildisziplin vertieft behandelt In der konkreten Fachpraxis sind jedoch alle vier Aufgaben stets sternförmig miteinander verschränkt (Abb. 12):

Die Sprachpädagogik stellt Theorien und Handlungsansätze für die Bildung und Erziehung von Menschen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen in der Lebensspanne zur Verfügung.
Als Grundlage dienen klassische pädagogische Grundfragen der Bildung und Erziehung:
Welche Bildungsziele sollen verfolgt werden?
Welche Bildungsinhalte sollen vermittelt werden?
Welche Erziehungsziele sind angemessen?
Welche Erziehungsstile und -mittel sind Erfolg versprechend?
Die Sprachdidaktik befasst sich mit Theorien und Handlungsmodellen der Organisation sprach- und kommunikationsspezifischer Lehr-Lern-Prozesse.
Orientierung bieten hier die klassischen didaktischen Grundfragen des Lehrens und Lernens:
Wie findet Lernen eigentlich statt?
Wie viel Freiheit und wie viel Struktur bzw. Grenzen brauchen die Lernenden?
Wie kann Lehren erfolgreich organisiert werden?
Kann und sollte man Lernzuwachs messen?
Hat Lernen Grenzen?

Abb. 12: Die Verschränkung von Sprachpädagogik und Sprachdidaktik
2.3.2 Bildung und Erziehung
In diesem Kapitel soll die Sprachpädagogik weiter behandelt werden. Spezifische sprachdidaktische Fragen werden dann in Kapitel 6 wieder aufgenommen. Da ja in der pädagogischen Leitorientierung unseres Faches nicht lediglich die Behandlung, Behebung oder Kompensation eines Störungsbildes im Mittelpunkt steht, sondern der Mensch in seiner Sprachlichkeit als Ausgangsbasis und Zielkategorie einer Verstehens- und Handlungsperspektive definiert wurde, steht die Sprachpädagogik unter dem „Primat der Sprachlichkeit“. Die sich daraus ergebenden übergeordneten Aufgaben im Bezugsfeld illustriert das Modell des „sprachpädagogischen Dreiecks“ (Abb. 13). Die zentralen Aufgaben der Sprachpädagogik sind (Abb. 12):
auf der Ebene des Individuums die Integration sprachlicher Identität,
auf der Ebene der Gesellschaft die Inklusion sprachlicher Heterogenität und
auf der Ebene der Kultur die Ermöglichung von sprachlicher Bildungsteilhabe.

Abb. 13: Das sprachpädagogische Dreieck
Diese übergeordneten Aufgaben müssen nun durch Rezeption und Adaptation der genannten klassischen pädagogischen Grundfragen der Bildung und Erziehung (u.a. Gudjons 2012; Raithel 2005; Brezinka 1978) auf Prozesse des Bildens und Erziehens bei Personen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen spezifiziert werden (Abb. 14).
Balance der Interdependenz
Diese vielfältigen Bildungs- und Erziehungsprozesse spalten sich im sprachpädagogischen Feld – dargestellt am pädagogischen Dreieck (Abb. 13) – zwischen den personalen Polen der SprachpädagogIn bzw. der SprachtherapeutIn oder LogopädIn einerseits und der Person mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen andererseits am gemeinsamen Lerngegenstand Sprache und Kommunikation auf. Charakterisiert sind diese Prozesse durch Interdependenz (gegenseitige Abhängigkeit) und Reziprozität (Wechselwirkung) (Abb. 14), die von beiden Polen ausbalanciert werden müssen (Homburg / Lüdtke 2003).

Abb. 14: Interdependente und reziproke Bildungs- und Erziehungsprozesse bei sprachlichkommunikativen Beeinträchtigungen
Es erweist sich als besondere Herausforderung, eine Balance aufrechtzuerhalten, da komplexe Teilaspekte miteinander in permanent sich verändernder Wechselwirkung stehen. Wie diese in ihren Grundzügen charakterisiert werden können, wird im Folgenden anhand der fünf wichtigsten reziproken sprachpädagogischen Prozesse erläutert.
Auftrag und Verantwortung – Bildsamkeit und Bereitschaft
Bildungsauftrag
Zu Beginn eines jeden sprachpädagogischen Bildungs- und Erziehungsprozesses steht die sprachpädagogisch oder sprachtherapeutisch tätige Fachkraft vor der Aufgabe, für die Personen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen einen Bildungsauftrag zu erfüllen und die Verantwortung dafür zu übernehmen (Abb. 14).
Daraus ergeben sich komplexe, sehr grundsätzliche sprachpädagogische Fragestellungen (Lüdtke / Bahr 2005), die von den Fachkräften permanent im Bildungsprozess reflektiert werden müssen (Kap. 1) (Abb. 7):
Inwieweit kann, darf und muss ich die Verantwortung für diesen konkreten sprachpädagogischen Bildungs- und Erziehungsprozess übernehmen? Wo fängt dabei die Eigenverantwortung der Schülerin, der Eltern oder des Patienten an?
Gehört diese spezielle Verantwortlichkeit überhaupt zu meinem Bildungsauftrag? Oder gehe ich zu weit?
Ist diese Person mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen überhaupt mit diesem Bildungsauftrag einverstanden? Oder entzieht sie sich vermeintlich der Mitverantwortung, weil sie mir diesen Auftrag eigentlich nie selbst erteilt hat?
Habe ich angemessene Bildungsangebote gemacht, in denen wir Auftrag und Verantwortlichkeiten gemeinsam klären und vereinbaren konnten?
Bildsamkeit und Bereitschaft
Analog zu dem vorher Gesagten stehen auf der anderen Seite die Personen mit Beeinträchtigungen der Sprache und Kommunikation zu Beginn jedes Therapieoder Förderprozesses ebenso vor einer Grundsatzentscheidung, die sich aus der Prämisse ihrer grundsätzlichen Bildsamkeit ergibt. Sie müssen die Bereitschaft mitbringen, die Bildungsangebote der Lehrenden und therapeutisch Tätigen auch anzunehmen. Sie müssen sich bilden und verändern wollen, denn eine fehlende Bereitschaft hindert den Lernprozess (Abb. 14).
Die Personen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen stehen demnach zu Beginn des Bildungsprozesses ebenfalls vor Fragestellungen, die je nach Beantwortung in ihrer Interdependenz und Reziprozität auf die pädagogisch-therapeutischen Fachkräfte zurückwirken. Die Reflexion dieser Fragen findet meist eigenaktiv beim Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen mit Beeinträchtigung statt. Wo dies nicht selbsttätig geschieht, kann es nötigenfalls auch bei der Person mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen angestoßen werden:
Kommen die Bildungsbemühungen meiner Lehrerin, meiner Sprachtherapeutln oder meiner Logopädin wirklich bei mir an? Oder erreichen sie mich gar nicht, weil sie beispielsweise nicht zu mir passen oder ich mich eigentlich gar nicht ändern will?
Was kann ich tun, um meine Bereitschaft zur Mitarbeit herzustellen? Welche Lernblockaden muss ich zunächst Aufl.ösen? Glaube ich, dass es sich lohnt, mich auf den Bildungsprozess einzulassen?
Übernehme ich Eigenverantwortung für den Bildungsprozess? Oder lasse ich andere „mal machen"?
Ziele und Wagnisse – Bedarf und Bedürfnis
Klare Zielvereinbarungen
Klare Zielvereinbarungen im sprachpädagogischen wie auch im sprachtherapeutischen Prozess helfen, Erfolge im Unterricht und in der Therapie herzustellen und zu sichern. Eine Zielerreichung ist jedoch nicht immer garantiert. Manchmal kann der unterrichtliche oder therapeutische Bildungs- und Veränderungsprozess auch scheitern (Abb. 14). Vielfältige Reflexionsfragen der sprachpädagogisch oder sprachtherapeutisch tätigen Fachkraft helfen, mit dem grundsätzlichen Risiko im Hinblick auf Bildungs- und Erziehungsprozesse umzugehen:
Habe ich mein Bildungsziel verfehlt? Bin ich hier in meiner sprachpädagogischen Tätigkeit gescheitert? Welchen Einfluss hat das auf meine Person? Wie gehe ich mit Erfolglosigkeit um?
Habe ich bei dieser Schülerin oder diesem Patienten zu viel oder zu wenig gewagt?
Waren meine sprachlichen Ziele von Anfang an zum Scheitern verurteilt? Hätte ich alles anders machen müssen?
Habe ich den Mut und das Vertrauen, es in dieser Klasse noch einmal zu wagen?
Sehe ich noch einen Sinn darin, es bei dieser Person mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen mit den gleichen oder anderen sprachlichen bzw. sprachpädagogischen Zielen weiter zu versuchen?
Förderbedarf und -bedürfnis
Ebenso müssen beim sprachpädagogischen Bildungsprozess die Personen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen reflektieren, welcher von außen festgestellte sprachliche Bedarf, welches von außen vorgegebene Ziel und welches innere Bedürfnis zur Veränderung und Zielerreichung vorhanden ist bzw. ob dazu das Wagnis einer Veränderung eingegangen werden soll (Abb. 14) Denn auch wenn ein festgestellter sonderpädagogischer Unterstützungsbedarf im Bereich der Sprache oder ein sprachtherapeutischer Förderbedarf zur Behandlung einer Aussprachestörung vorliegt, so muss der diagnostizierte Bedarf nicht immer dem Bedürfnis der betreffenden Person entsprechen. Eventuell erscheint dem Kind das sprachpädagogische oder sprachtherapeutische Vorhaben nicht bedeutsam, da z. B. ein in Aussicht stehender Kompetenzzuwachs im Bereich der Artikulation gar keine Würdigung im Umfeld erfährt. Die Familie findet z.B. das Lispeln eigentlich sehr „süß“.
Personen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen sollten sich folgende Reflexionsfragen stellen:
Habe ich ein inneres Bedürfnis nach Weiterentwicklung meiner sprachlichkommunikativen Fähigkeiten? Oder fühle ich mich in meiner Sprachlichkeit, in meiner sprachlichen Identität trotz eines von außen festgestellten Förderbedarfes sehr wohl?
Will ich bleiben, wie ich bin? Will ich die „Hilfe“ bzw. „Zuwendung“ der SprachtherapeutIn oder der LogopädIn eigentlich gar nicht?
Stehen gesellschaftliche, staatliche oder elterliche Bildungsziele bzw. Bildungsbedürfnisse“ über meinen persönlichen? Kann ich über mein eigenes sprachliches Lernbedürfnis bestimmen oder zwingt man mir Bildungsziele auf?
Inhalte und Beziehungen – Norm und Freiheit
Beziehungsgestaltung zu Lernenden
Eine weitere Komponente der sprachpädagogischen Bildungs- und Erziehungsprozesse ist die Vermittlung sprachlicher Inhalte im Rahmen einer Beziehungsgestaltung zwischen Lehrenden und Lernenden (Abb. 14). Im Bereich der Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und Kommunikation kann eine Verschränkung der Inhalts- und der Beziehungsebene für den Erwerb sprachspezifischer Kompetenzen genutzt werden. Beispielsweise erhöht eine Therapiesituation mit einer angenehm entspannten Atmosphäre für die sprachtherapeutische Fachkraft wie auch für den Erwachsenen mit einer Stottersymptomatik die Chance, Techniken zur Überwindung der Sprechblockaden zu erlernen. Reflexionsfragen hierzu sind:
Kann ich die interdependente Verschränkung von Inhalts- und Beziehungsebene speziell für das Erlernen meiner aktuellen sprach- und kommunikationsspezifischen Bildungsinhalte nutzen?
Sind in meiner Gestaltung sprachpädagogischer Bildungs- und Erziehungsprozesse beide Ebenen ausgewogen? Oder ist mein Vorgehen zu sach- oder zu beziehungsorientiert?
Besitze ich sowohl genügend Inhalts- als auch genügend Beziehungskompetenz? Oder spiegeln mir meine Schülerinnen und Schüler, meine Patientinnen und Patienten oder meine Kolleginnen und Kollegen, dass ich in einem Bereich an der Professionalisierung meiner Kompetenzen arbeiten muss?
Leidensdruck oder Individualität
Aus der Sicht der Lernenden spielt ferner die Balancierung der Aspekte der Norm und der Freiheit eine große Rolle (Abb. 14). Personen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen weisen zum einen ein hohes Störungsbewusstsein mit einem großen Leidensdruck auf. Zum anderen ist manchen Betroffenen die sprachliche Auffälligkeit überhaupt nicht bewusst oder sie empfinden sie nicht als Problem. Somit besteht im sprachpädagogischen Unterstützungsprozess einerseits die Möglichkeit, die vorhandenen sprachlichen Realisierungsmöglichkeiten als Teil der Individualität und sprachlichen Identität anzuerkennen. Andererseits kann aber Freiheit gerade durch den Erwerb sprachlicher Normen und einer klaren Orientierung an sprachlichen Zielstrukturen entstehen. Um diese Fragen für sich zu klären, gilt es folgende grundsätzliche Fragen zu reflektieren:
Empfinde ich meine Sprache oder Kommunikation eigentlich als „unnormal"? Oder erlebe ich mich trotz meiner Beeinträchtigung als sprachlich frei?
Will ich meine verlorene sprachliche Freiheit dadurch zurückgewinnen, dass ich sprachpädagogische oder sprachtherapeutisch-logopädische Unterstützung annehme, um meine Sprache entsprechend den Normen unserer Sprachgemeinschaft zu „verbessern"?
Reflektiere ich die sprachlichen und gesellschaftlichen Normen, die z.B. durch sprachliche „Zielstrukturen“ an mich als bilinguale Person mit Migrationshintergrund herangetragen werden? Oder werden durch die Be- und Zuschreibung einer sprachlichen „Auffälligkeit", „Abweichung“ oder „Störung“ nicht nur sprachlich-kulturelle Teilhabemöglichkeiten, sondern auch ihre Grenzen an mich transportiert?
Wirklichkeit und Wahrnehmung – Partizipation und Isolation
Grenzen der Perspektivübernahme
Im Bildungs- und Erziehungsprozess existiert auf beiden Seiten und natürlich auch unabhängig davon eine „Wirklichkeit“, die von allen Beteiligten jedoch immer nur durch eine bestimmte „Brille“ wahrgenommen werden kann (Kap. 1). Besonders im sprachpädagogischen Handeln mit beeinträchtigten Menschen ergibt sich die Frage, inwieweit sich die Lehrenden durch Empathie und Perspektivenübernahme tatsächlich in die entsprechende Wirklichkeit des Lebens mit einer sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigung hineinversetzen können. Oder sind nicht eher durch die Bedingungen der eigenen Lebenswelt Grenzen gesetzt? Es ist sicherlich stets eine große Herausforderung, sich beispielsweise die Sprachlichkeit von Anna, Claudia oder Bastian oder von anderen von Sprachentwicklungsstörungen, Laryngektomie (Kehlkopfentfernung) oder Demenz betroffenen Personen vorstellen zu können. Mit regelmäßigen Reflexionen und evtl. auch Gesprächen über die pädagogische Situation kann die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit zumindest ein Stück weit abgebaut werden (Abb. 14):
Für wie „wirklich“ halte ich meine Beobachtung der Bildungswirklichkeit? Bin ich mir bewusst, dass jede / r Beteiligte sie ganz unterschiedlich wahrnehmen kann?
Verständige ich mich genug mit meinen Schülerinnen oder Patienten über ihre Sicht der Dinge? Oder präsentiere ich meine Sichtweise als einzig richtige?
Inwieweit kann ich mich – auch wenn ich mich um Empathie und Perspektivenübernahme bemühe – in die Lebenswirklichkeit eines beispielsweise von Mutismus, Laryngektomie oder Aphasie betroffenen Menschen überhaupt hineinversetzen? Inwieweit sind meiner Erkenntnis durch die Bedingungen meiner eigenen Lebenswelt Grenzen gesetzt?
Grenzen der Partizipation
Auf der anderen Seite des sprachpädagogischen Feldes prägen die Möglichkeiten von Partizipation und Isolation die Lebensbedingungen der Menschen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen. Konkret werden auch der Unterricht oder die Therapie von diesen Optionen beeinflusst. Für den Fall, dass die sprachpädagogischen Bemühungen um Bildungsteilhabe sich nicht verwirklichen lassen und Reste von Isolation bleiben, müssen Stillstand, Rückschritte und Abbauprozesse von den betroffenen Personen genauso wie von den Fachkräften verarbeitet werden. Zudem können sich z.B. Arbeitslosigkeit oder gesellschaftliche Aussonderung negativ auf den sprachpädagogischen oder sprachtherapeutischen Verlauf auswirken. Sowohl für die Fachkräfte wie gerade auch für sprachlichkommunikativ beeinträchtigte Personen ist es notwendig, über Grenzen von Partizipation zu reflektieren (Abb. 14):
Was mache ich, wenn es in meiner Therapie nicht mehr aufwärts- oder nicht mehr vorangeht? Wie gehe ich mit Rückschlägen oder stagnierendem Lernen um?
Wie gehe ich damit um, wenn ich als laryngektomierte Person durch ein Rezidiv vom Tod bedroht bin, wenn ich als Person mit Aphasie einen zweiten Schlaganfall erleide oder wenn ich als Person mit Stottersymptomatik keine Lehrstelle bekomme? Verdränge ich Stillstand, Rückschritte und Abbauprozesse?
Welche Ressourcen brauche ich, um in einer sich schnell verändernden Lebens- und Berufswirklichkeit mit Grenzen von Bildungsteilhabe umzugehen?
2.3.3 Pädagogische Matching-Prozesse
Die Wechselwirkungen zwischen den personalen Polen im Bildungs- und Erziehungsprozess führen im Kontext sprachlich-kommunikativer Beeinträchtigungen auch zu Herausforderungen Folgendes Beispiel verdeutlicht das Wechselwirkungsverhältnis.

Eine Lehrerin ist in einer ersten Klasse mit einer sprachlich-kommunikativ sehr heterogenen Schülerschaft eingesetzt. Viele Kinder sind noch dabei, Deutsch als Zweitsprache zu erwerben und sprechen viele verschiedene Erstsprachen. Viele Schülerinnen und Schüler weisen zudem eine Sprachentwicklungsstörung auf, die sich ungünstig auf die narrativen Fähigkeiten und das Schriftsprachlernen auswirkt. Die Lehrerin bereitet deshalb mit großem Aufwand den Deutschunterricht vor. In der Unterrichtssituation können jedoch nicht alle Kinder die Bildungsangebote und den Arbeitsauftrag verstehen und am Lernprozess teilnehmen. Vielen Kindern bleibt der Unterrichtsinhalt – das Entdecken bestimmter Grapheme auf Arbeitsblättern – verschlossen, so dass sie sich anderen Beschäftigungen zuwenden. Andere beginnen, sich in ihrer Erstsprache zu unterhalten. Die Lehrkraft reagiert verunsichert, da sie mit größter Sorgfalt die Stunde geplant hatte. Leicht kann daraus eine negative Wechselwirkung entstehen.
Wie in diesem Beispiel stellt sich im Fach Pädagogik bei Beeinträchtigungen der Sprache und der Kommunikation stets die Aufgabe, eine genaue sprachpädagogische Passung zwischen den Lehrenden und den Lernenden herzustellen, damit die Ausbalancierung obiger reziproker Bildungs- und Erziehungsprozesse und damit sprachliches Lernen gelingen kann.
sprachpädagogisches Mismatch
Wie in unserem Beispiel ist die Realität aber häufig so, dass sich die Lernenden – hier die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund oder Sprachentwicklungsverzögerungen – sprachlich überfordert fühlen und immer mehr ein Vermeidungsverhalten entwickeln. Die Lehrerin wiederum reagiert hierauf demotiviert Diese Nicht-Passung zwischen den Lehrenden und Lernenden des sprachpädagogischen Dreiecks, welches unzählig viele Ursachen haben kann, nennen wir „sprachpädagogisches Mismatch“ (Licandro / Lüdtke 2012) (Abb. 15).

Abb. 15: Sprachpädagogisches Mismatch
sprachpädagogisches Matching
Wichtigste Voraussetzung für das Gelingen der zentralen sprachpädagogischen Aufgaben – die Integration sprachlicher Identität, die Inklusion sprachlicher Heterogenität sowie die Ermöglichung von sprachlicher Bildungsteilhabe – ist somit das Herstellen eines „sprachpädagogischen Matchings“ Damit ist gemeint, dass es der pädagogisch oder sprachtherapeutisch bzw logopädisch tätigen Person gelingt, eine stimmige Einheit mit den Personen mit sprachlich-kommunikativen Beeinträchtigungen zu bilden (Abb. 16), damit reziproke Bildungs- und Erziehungsprozesse entstehen können

Abb. 16: Sprachpädagogisches Matching
Bezogen auf das Beispiel heißt dies, dass die Lehrerin die heterogene sprachlichkommunikative Ausgangslage der Kinder bei ihrer Unterrichtsplanung stärker im Blick hat und die Bildungsangebote und Aufgabenstellungen besser an die
Bedürfnisse und die Lernmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler anpasst Hierzu kann sie beispielsweise die bilingualen Ressourcen nutzen, indem sie die Arbeitsblätter zur Graphem-Identifizierung mehrsprachig gestaltet.
Hilfen zur mehrsprachigen Gestaltung des Schriftsprachunterrichts (TürkischDeutsch) bieten mittlerweile mehrere Nachschlagewerke (Brachet et al. 2004; Haytaoglu / Büchner 2002; Ünsal / Fox 2002; Yörenc 2002).
Literaturempfehlungen zu pädagogischen Grundlagen des Faches
Lüdtke, U, Bahr, R. (2005): Pädagogik. In: Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Lehrbuch der Sprachheilpädagogik und Logopädie. Bd. 1, 2. überarb. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart, 79-110
Knebel, U. v. (2012): Bildung und Erziehung. In: Braun, O., Lüdtke, U. (Hrsg.): Behinderung, Bildung, Partizipation. Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Bd. 8. Sprache und Kommunikation. Kohlhammer, Stuttgart, 492 —496
Zusammenfassung
Dieses zweite Kapitel hat die pädagogische Konzeptualisierung des Faches sowie ihren Charakter als Integrationswissenschaft ausführlich erläutert. Dazu wurde zunächst das Verhältnis der Leitwissenschaft Pädagogik zu ihren vielfältigen Bezugswissenschaften näher bestimmt. Da der Mensch in seiner Sprachlichkeit Ausgangs- und Zielkategorie einer pädagogischen fachlichen Grundhaltung ist, wurden hiervon ausgehend wesentliche sprachphilosophische und anthropologische Grundlagen unseres Faches dargelegt. Eine abschließende Ausdifferenzierung der pädagogischen Grundlagen des Faches ermöglicht nun in weiteren Kapiteln, verschiedene spezifische Fragestellungen der Sprachpädagogik und pädagogischen Sprach- und Kommunikationstherapie konkret beantworten zu können.
Prüfungsfragen und -antworten zu diesem Kapitel im Online-Zusatzmaterial zu diesem Buch.
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