Kitabı oku: «Der sanfte Schnitt»
Ulrike Aufderheide
Der sanfte Schnitt
Schonend schneiden im Naturgarten
Obstbäume, Rosen, Wildgehölze und mehr
illustriert von Margret Schneevoigt


Schneiden oder nicht schneiden?
Das ist im Garten oft die Frage. So wenig wie möglich, so viel wie nötig, lautet darauf die Antwort von Ulrike Aufderheide.
Die Naturgartenexpertin plädiert für einen achtsamen Umgang mit Bäumen und Sträuchern. Sie zeigt, wie durch gute Planung weniger Pflegeaufwand nötig wird. Wertvolle Informationen über die Wachtumsregulation und Wundheilung der Pflanzen helfen dabei, schonend zu schneiden, das beste Werkzeug und den richtigen Schnittzeitpunkt auszuwählen.
Rund um das Jahr begleitet das Buch bei der Pflege von Obstbäumen, Beerensträuchern und Weinstöcken, aber auch beim Rückschnitt von Rosen, Ziergehölzen, Kletterpflanzen und Stauden. Profitipps und zahlreiche Abbildungen machen es leicht, nicht nur Fruchtbildung oder Blütenfülle, sondern auch Nahrungsangebote und Quartiere für Vögel, Wildbienen oder Igel gezielt zu fördern. Auch Stockhieb und Heckenknicken werden beschrieben. Durch diese radikal erscheinenden Maßnahmen werden wertvolle Lebensräume für Tiere geschaffen und Sichtschutzhecken erhalten.
Das Buch hilft, Apfelbaum, Duftrose, Clematis & Co. besser zu verstehen, Schnittfehler zu vermeiden und den Garten naturnah zu gestalten.

Inhalt
Cover
Achtsam sein
Pflanzen im Garten: lebende Baustoffe oder Mitbewohner?
Pflanzen von Grund auf verstehen
Die Gestalt der Pflanzen
Wurzeln – oft übersehen und doch so wichtig
Wachstum unter der Rinde
Lebendes Holz und der Werkstoff Holz
Warum die Triebspitzen so wichtig sind
Wuchsformen verstehen
Gärten naturnah planen und pflegen
Grundregeln des sanften Schnitts
Vom richtigen Zeitpunkt
Wenig schneiden dank guter Planung
Grundregeln des Schneidens
Gutes Werkzeug schont Gelenke und Pflanzen
Pflanzen schonen, wenig verletzen
Saftwaage beachten
Wundverschluss ja oder nein?
Kappen ist keine fachgerechte Baumpflege
Ungeordnete Austriebe brechen leicht aus
Die Schnittarbeiten im Jahreslauf
Arbeiten im Spätwinter
Frühjahrsarbeiten
Frühsommer
Schnittarbeiten im Sommer
Hochsommer
Arbeiten im Herbst
Arbeiten im Winter
Schnittgut ist kein Abfall
Totholzhaufen im Schatten und in der Sonne
Gestaltungselemente aus Schnittgut
Wildbienennisthilfen
Schnittgut kompostieren
Wege aus Häckselgut
Pflanzen ohne (strikte) Regeln pflegen
Anhang
Die Autorin
Bezugsquellen
Informationen über Naturgärten und Naturgarten-Fachbetriebe
Zum Weiterlesen
Sachindex
Weitere Bücher
Impressum
Achtsam sein

Dieses Buch ist aus der Praxis entstanden. Eigentlich geht es ja bei den Gartenberatungen, die einen Großteil meiner beruflichen Tätigkeit ausmachen, um die Gestaltung des Gartens und um seine naturnahe Bepflanzung. Bei den meisten Terminen sind aber die Pflege der Pflanzen und insbesondere der Pflanzenschnitt nach kurzer Zeit Hauptthemen des Beratungsgespräches. Vielen erscheint der Pflanzenschnitt als eine hochkomplizierte Geheimwissenschaft, die nur noch alte Obstbauern und eingeweihte Gärtner beherrschen. Meine Kundinnen und Kunden sind dann überrascht und erleichtert, wenn sie erfahren, dass die Grundprinzipien des Pflanzenschnitts auf einfach nachvollziehbaren, biologischen Zusammenhängen beruhen und im Grunde leicht zu erlernen sind.
So wird dann nach kurzer Zeit klar, warum der Apfelbaum, der doch klein bleiben sollte, stark wächst und keine Früchte trägt (siehe Seite 92), wie die Kulturrebe daran gehindert werden kann, ein undurchdringliches Dickicht zu bilden (siehe Seite 99), und warum die hochgelobten alten Rosensorten nicht blühen wollen (siehe Seite 114).
Viele Naturgärtner möchten außerdem die Pflanzen am liebsten ohne Schnitt frei wachsen lassen. Sie möchten der Natur ihr Recht, zumindest im eigenen Garten, zurückgeben. Bei meinen Beratungsgesprächen weise ich besonders darauf hin, dass für die Anlage eines solchen Gartens die richtige Pflanzenauswahl unabdingbar ist. Denn die Voraussetzung ist ja, dass die Ausdehnung, also die Höhe und Breite, die die Pflanzen aufgrund ihrer genetischen Anlage erreichen, zu den Platzverhältnissen vor Ort passt. Dann kann ein Garten Wirklichkeit werden, in dem die Menschen Mitbewohner, aber – abgesehen von der Initialzündung der Anlage – nur noch eingeschränkt Mitgestalter sind.
Andererseits ist es mir auch wichtig aufzuzeigen, dass hierzulande gerade solche Lebensräume am artenreichsten sind, in denen ein moderates Maß an Dynamik herrscht, in denen immer wieder neue Entwicklungen durch eine teilweise Zerstörung von Lebensraumstrukturen ermöglicht werden. Diese Beobachtung der Landschaftsökologen passt nicht mit einem Naturbild zusammen, das in der Natur eine friedvolle ausgeglichene Harmonie sucht. Aber es ist tatsächlich so, dass viele Arten an (scheinbare) Katastrophen, wie sie Windbrüche, Überschwemmungen und Waldbrände oder auch eine Herde großer Pflanzenfresser hervorrufen, angepasst sind. (Deshalb benehmen sich Naturschützer manchmal wie eine Herde Auerochsen …)
Achtsam im Garten mit den Mitbewohnern, also mit Pflanzen und Tieren, umzugehen, hat also drei Aspekte: Als Erstes bedeutet es, den Garten so zu planen, dass nur ein Mindestmaß an Pflege- und Schnittmaßnahmen nötig ist. Als Zweites kann umso schonender geschnitten werden, je besser wir die Pflanzen verstehen und je mehr wir über Wachstumsregulation und Gestaltbildung, aber auch über Wundheilung wissen. Dann können wir so schneiden, dass der schädigende Einfluss des Schnitts so gering wie möglich bleibt und andererseits das Ziel auch erreicht wird (und nicht etwa das Gegenteil eintritt). Zuletzt ist es auch wichtig zu erkennen, dass auch Pflegemaßnahmen, die erst einmal radikal erscheinen, zu einer Verbesserung der Lebensraumqualität für Pflanzen, Tiere und Menschen beitragen können.
Denn das ist das Ziel des naturnahen Gärtnerns: Lebensraumqualität für alle Bewohner des Gartens, also auch für seine Pflanzen und Tiere. Lebensraumqualität ist das Ziel der guten Planung einer frei wachsenden Naturhecke, sodass diese über Jahre nicht oder kaum geschnitten werden muss und die Tiere darin ohne Beunruhigung leben (und wir sie beobachten) können. Lebensraumqualität ist aber auch das Ziel, wenn wir die Hecke nach 10, 15 oder 20 Jahren »knicken«, was erst einmal sehr zerstörerisch aussieht und doch für alle Bewohner des Gartens einen Raum erhält, in dem sie ihr Leben in vollen Zügen genießen können (siehe Seite 172).
Zwei Symbole sollen deshalb in diesem Buch auf besondere Aspekte des achtsamen Umgangs mit Schere und Säge hinweisen:

Der Schmetterling findet sich dort, wo beschrieben wird, wie durch wohlüberlegte Planung Schnittmaßnahmen minimiert werden können.

Die Säge kennzeichnet Passagen, wo (vermeintlich) radikale Maßnahmen beschrieben werden, die doch zum Ziel haben, die Lebensraumqualität des Gartens zu verbessern.
Bei allen anderen Pflegemaßnahmen, die vorgestellt werden, liegt das Hauptaugenmerk darauf, so pflanzenschonend wie möglich zu schneiden und dabei auch Rücksicht auf die Tierwelt zu nehmen.
Pflanzen im Garten: lebende Baustoffe oder Mitbewohner?
Wo Pflanzen wachsen, da leben wir gerne. Wir freuen uns über die ersten Knospen, die sich im Frühjahr entfalten, über die Blüten, die folgen, über die Früchte im Herbst. Unterschwellig wissen wir auch: Nur weil Pflanzen wachsen, können wir leben. Der Sauerstoff, den wir atmen, wird von Pflanzen produziert. Ohne die Fotosynthese der Pflanzen enthielte die Atmosphäre der Erde keinen Sauerstoff. Unser Leben ist eng mit dem der Pflanzen um uns herum verbunden, ja wir sind sogar in unserer ganzen Existenz von ihnen abhängig.
Als Gartenplanerin kann ich Gärtner und ihre Gärten meist nur eine kurze Zeit begleiten, irgendwann heißt es Abschied nehmen, denn neue Projekte warten. Wenn ich dann nach einiger Zeit zu einem älteren Projekt zurückkehre, ist es immer wieder spannend, wie sich der Garten entwickelt hat. Dabei beobachte ich oft: Gärten sind umso schöner, je mehr die Menschen, die in ihnen leben und arbeiten, sich mit den Pflanzen emotional verbinden, einfacher gesagt: je mehr sie ihre Pflanzen lieben.

Gute Gärtnerinnen und Gärtner kennen ihre Pflanzen, manchmal jede einzelne individuell. Sie erkennen, wie gut oder schlecht es ihren Schützlingen geht, sorgen sich um ihre Pflanzen und sorgen für sie. Es ist für sie eine Freude, wenn die jungen Pflänzchen in den Saatschalen wachsen, und sie achten darauf, dass sie gedeihen, so wie sie auch Tierkinder versorgen würden.
Wenn es aber an die regelmäßigen Schnittaktionen im Garten geht, dann könnte man daran zweifeln, ob die Pflanzen im Garten auch wirklich als Lebewesen wahrgenommen werden. Da wird gesägt und geschnitten, was das Zeug hält. Gärtner, die wegen einer eingegangenen Topfpflanze traurig sind, sägen ohne Bedenken ihren Bäumen große Äste ab. Aber vielleicht bleibt da doch ein leiser Zweifel? Eine große Schnittwunde mit Wundverschlussbalsam zu bestreichen, gibt dem Gärtner zumindest ein gutes Gefühl. Ob es auch dem Baum nützt, ist erst mal nicht klar.
Wilde Gärten
Wahrscheinlich fingen die Menschen schon lange vor der Erfindung des Ackerbaus an, Pflanzen zu pflegen und zu nutzen. Wie solche »Wilden Gärten« entstanden, können wir bei den Ureinwohnern Australiens erfahren. Zum Beispiel wurden Grasbäume von den Aborigines als Nahrung und zur Werkzeugherstellung genutzt – aus dem Harz wurde ein Klebstoff gewonnen, der Stein-klingen an Holzträgern befestigte. Die Ureinwohner förderten begehrte Pflanzen unter anderem durch das Legen von Buschfeuern. Nutzpflanzenstandorte wurden in den »Songlines« weitergegeben. Die Frauen der wandernden Gruppe vermehrten auch bewusst bestimmte begehrte Pflanzen, indem sie Samen auslegten oder durch Stecklinge an besonders geeigneten und vielleicht sogar dafür vorbereiteten Stellen einpflanzten. Dabei pflegten sie diese vielleicht ähnlich, wie sie die Kinder der Gruppe pflegten. Die rasche Ausbreitung der Haselnuss nach der letzten Eiszeit bei uns in Mitteleuropa könnte in ähnlicher Weise von mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern gefördert worden sein.
Es gibt Gärtnerinnen und Gärtner, die streicheln ihre Pflanzen, und es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die nachweisen, dass gestreichelte Pflanzen kompakter und widerstandsfähiger wachsen. Trotzdem behandeln wir unsere Pflanzen oft wie eine zwar vermehrungs- und wachstumsfähige, aber doch völlig unserem Willen zu unterwerfende Masse. Wir formen die Pflanzen nach unserem Wunschbild mit Heckenschere und Säge. Ja, es scheint sogar zu den Pflichtaufgaben des Gärtners zu gehören, die Pflanzen zu schneiden.
Ich erinnere mich an einen Garten, in dem eine durch einen Baum»pfleger« völlig verunstaltete Zeder stand. Fast alle Starkäste waren gekappt worden. Als ich die Gartenbesitzerin fragte, warum der Baum so stark beschnitten worden sei, antwortete sie, dass der Baum einer der Gründe gewesen sei, warum sie das Grundstück gekauft hätten. Er sei ja aber noch nie geschnitten worden, deshalb hätten sie sich und dem Baum diese teure Baumpflege geleistet. Und nun musste ich sie darüber informieren, dass der Baum durch die vermeintliche Pflege irreversibel geschädigt worden war, keine schöne Aufgabe!
In unserer Haltung zu Pflanzen und ihrer Pflege scheinen wir also zwischen zwei Extremen zu schwanken: Einmal behandeln wir Pflanzen wie unsere Hausgenossen, wir sorgen für sie wie für ein Haustier. Dann wieder nehmen wir Pflanzen als eine wachsende Masse wahr, die in ihre Schranken gewiesen werden muss, damit sie so wächst, wie wir uns das wünschen. Wir gehen mit den Pflanzen um, als sei ihr Wachstum unendlich, ja vielleicht sogar bedrohlich. Wenn wir Pflanzen so als einen wachsenden Baustoff wahrnehmen, dann gerät aus dem Blick, dass die Pflanzen, die wir schneiden, lebendige Individuen sind, deren Gesundheit wir durch Verletzungen gefährden können.
Jede Pflanze ist ein Lebewesen mit einer eigenen Schönheit. Um diese zu pflegen, das heißt sie zu erhalten und zu entwickeln, ist in erster Linie nicht gutes Werkzeug, sondern sind Verständnis und Einfühlungsvermögen gefragt. Es geht darum, zu verstehen, wo und wie Pflanzen wachsen und wie sie sich entwickeln, wie ihre individuelle Gestalt entsteht. Weiterhin geht es darum, zu verstehen, wie Pflanzen auf Verletzungen reagieren, welche Gefahren für die Pflanzengesundheit mit einer Verletzung verbunden sind und wie Pflanzenwunden heilen.
Es ist aber nicht nur wichtig, die Pflanzen zu verstehen, sondern auch unsere eigenen Bedürfnisse zu kennen. Soll ein Apfelbaum besonders große und süße Früchte tragen, soll ein Zierstrauch dekorativ aussehen und reich blühen oder soll ein Gebüsch entstehen, in dem Vögel sicher brüten können? Die Funktion, die eine Pflanzung erfüllen soll, bestimmt in großem Maße die nötigen Pflegemaßnahmen. Was für die eine Zielsetzung eine richtige Pflegemaßnahme darstellt, kann für eine andere Funktion genau falsch sein: Wenn Blütensträucher einen lockeren und luftigen Aufbau haben, sehen sie dekorativ aus, können aber kaum als Nistgehölz für Vögel dienen. Beerensträucher in einer dichten Vogelschutzhecke tragen das eine oder andere Vogelnest, aber nur wenige und saure Früchte.
Ich möchte Sie einladen, die Pflanzen in Ihrem Garten neu und neugierig zu betrachten. Wir werden verschiedene Perspektiven einnehmen, den distanzierten Blick der Naturwissenschaft, den einfühlsamen Blick des Pflanzenliebhabers, aber auch die kreative Herangehensweise der Gestaltenden. Es geht darum, unseren Umgang mit den Pflanzen nicht nach überkommenen Regeln, seien es die Regeln unseres Nachbarn, unseres Großvaters oder eines Lehrbuches, auszurichten, sondern nach einem Verständnis für die Bedürfnisse aller, die in unserem Garten leben dürfen: wir, die Nutzer des Gartens, die Pflanzen, die uns erfreuen, und die Tiere, die wir in unserem Garten als Mitbewohner willkommen heißen.
Jede Pflanze hat ihre individuelle Gestalt, ein sanfter Schnitt fördert ihre Schönheit. Die Kornelkirsche ist ein Großstrauch, der im Alter zu einem kleinen Baum mit kurzem Stamm und kugeliger Krone heranwächst. Im zeitigen Frühjahr erfreut sie uns und die Bienen mit ihren leuchtenden, gelben Blüten.
Kleine Streicheleinheiten für Pflanzen
Mechanische Reize können im Gartenbau als Alternative zu Stauchungsmitteln eingesetzt werden. Im Gewächshaus wie im Haus tendieren Pflanzen dazu, lange und instabile Triebe zu bilden. Sobald Zimmerpflanzen im Sommer nach draußen gestellt werden, wachsen sie schöner und kompakter und leiden auch weniger an Schädlingen. Neben dem erhöhten Lichtangebot sorgen offensichtlich auch die mechanischen Reize durch Wind und Wetter dafür, dass das Längenwachstum der Zellen gebremst wird, dass dickere, stabilere Triebe und kräftigere Blätter gebildet werden.
Inzwischen wird dieser Effekt auch von einigen Zierpflanzengärtnereien eingesetzt, die »Streichelmaschinen« über ihre Pflanzenbestände fahren lassen und so ein kompaktes Wachstum der Pflanzen erreichen.
Erhöhte Konzentrationen von Pflanzenhormonen, die das Streckungswachstum der Zellen hemmen, konnten in den behandelten Pflanzen nachgewiesen werden.
Pflanzen von Grund auf verstehen

Die Pflanzen in unserem Garten: Sie wachsen und verändern sich im Jahreslauf, aber sie sind unbeweglich wie ein lebloses Material, auch Reaktionen auf Reize können wir an ihnen nicht wahrnehmen. Aber ist das, was wir wahrnehmen, auch die Wirklichkeit?
Bis zum achten Lebensmonat etwa existiert für kleine Menschen nur das, was sie unmittelbar sehen können. Erst danach lernen sie, dass ein Mensch, der aus der Tür gegangen ist, wiederkommen wird, dass ein Bauklotz, der unter einem Tuch liegt, trotzdem noch da ist. Im Laufe unseres Lebens lernen wir, dass das, was wir wahrnehmen, nur ein winziger Teil der Wirklichkeit ist, und dass viele Sinneseindrücke uns auch täuschen. Dennoch werden wir immer wieder von unseren Wahrnehmungen verführt, das, was wir sehen, für die Wirklichkeit zu halten – oder zumindest für den wichtigsten Teil der Wirklichkeit.
Wenn wir Pflanzen danach beurteilen, was wir sehen, dann werden wir einigen Täuschungen aufsitzen. Viele Pflanzen in so manchem Garten haben unter diesen »Fehlwahrnehmungen« zu leiden. Drei Beispiele sollen dies erläutern:
Pflanzen wurden bei einer Versandgärtnerei bestellt. Es werden Töpfe geliefert, in denen nur Erde zu sehen ist, keine Blätter. Also wird davon ausgegangen, dass auch keine Pflanzen geliefert wurden. – Irrtum, auch Töpfe ohne Blätter und Blüten können gesunde Pflanzen enthalten. Wenn wir die Ballen aus den »leeren Töpfen« einpflanzen, erscheinen nach einiger Zeit die »bestellten« Blätter und Blüten (siehe dazu Seite 20).
Bäume auf einer Baustelle sollen geschützt werden. Also wird der Stamm mit einer Manschette versehen und einzelne Äste, die über die Baustraße hängen, werden hochgebunden. Da alle sichtbaren Teile des Baumes geschützt wurden, wird davon ausgegangen, dass der Baum nun sicher ist. – Irrtum, ein so geschützter Baum wird auf einer größeren Baustelle wahrscheinlich schwer geschädigt. Viele nur oberirisch geschützte Bäume beginnen nach den Bauarbeiten »rückwärts zu wachsen«, verlieren immer mehr Äste, werden krank und gehen schließlich ein (siehe dazu Seite 22).
Ein Baum wird stark zurückgeschnitten, auch Äste mit einem Durchmesser von mehr als 5 oder gar 10 Zentimeter werden entfernt. Er treibt daraufhin stark aus und bildet besonders große Blätter. Es sieht so aus, als hätten wir den Baum zu besonders gesundem Wachstum angeregt. – Irrtum, hier versucht ein Lebewesen in einer Notreaktion sein Leben zu retten. An den Schnittstellen bilden sich große Faulstellen, die mächtigen Austriebe brechen nach einigen Jahren herunter, der Baum wird krank und auch er fängt an, »rückwärts zu wachsen«(siehe dazu Seite 85).
Um Pflanzen achtsam pflegen zu können, ist es notwendig, mehr von den Pflanzen zu kennen und zu wissen, als das, was wir sehen.
Die Gestalt der Pflanzen
Schauen Sie einmal, wie sich die Gestalten der verschiedenen Pflanzenarten unterscheiden. Selbst im Winter, wenn die Blätter fehlen, die ja die Bestimmung einer Pflanzenart schnell möglich machen, können wir Gehölzarten oft an ihrer Gestalt erkennen. Da sind die weit ausladenden, breitovalen Kronen der Apfelbäume, die hochovalen, aufstrebenden Kronen der Birnbäume, die lichten Birken, deren dünne Äste sich auch ohne Blätter leicht im Wind bewegen, und die in sich ruhenden, starken und knorrigen Kronen der Eichen.
Aber auch die verschiedenen Arten der Sträucher können im Winter an ihrer Gestalt erkannt werden. Wildrosen wachsen beispielsweise zumeist wie ein Springbrunnen: Junge Zweige wachsen straff aufrecht. Wenn die Zweige älter werden, biegen sie sich an ihren Spitzen immer mehr nach außen und nach unten. Bei anderen Sträuchern bleiben die einzelnen Triebe aufrecht und verzweigen sich nur wenig, wie bei der Hasel oder dem Faulbaum. Dann gibt es auch Sträucher, die eher wie kleine Bäume wachsen, sie bilden kurze Stämme und mehr oder weniger kugelige Kronen. Dazu gehören zum Beispiel die Kornelkirsche oder der Kreuzdorn.
Jede Pflanze hat aber nicht nur eine arttypische, genetisch bedingte Gestalt, sie ist auch ein unverwechselbares Individuum. Ihre Gestalt resultiert aus den Bedingungen, unter denen die Pflanze bis jetzt gewachsen ist, sie erzählt ihre Geschichte. Dazu gehören auch Unfälle wie Rindenverletzungen durch Schubkarren oder Autos und natürlich die Pflegemaßnahmen des Gärtners.
Pflanzen können auch an ihrer arteigenen Gestalt erkannt werden, bei Gehölzen ist das im Winter anhand der Kronenarchitektur besonders gut möglich. Der Apfelbaum (oben) lässt sich mit seiner weit ausladenden, breitovalen Krone deutlich vom Birnbaum (unten), der eine aufstrebende, hochovale Krone ausbildet, unterscheiden.
Wurzeln – oft übersehen und doch so wichtig
Vor allem bei Stauden können wir eine wichtige und oft übersehene Eigenschaft der Pflanzen erkennen: Die Wurzeln sind für das Überleben der meisten Pflanzen wichtiger als die oberirdischen Teile. Wenn wir an die Stauden denken, die im Winter unter der Erde ruhen, sehen wir: Sie kommen ganz gut für einige Zeit ohne Blätter aus. Sehr viele Pflanzen können nach dem vollständigen Verlust der oberirdischen Teile wieder austreiben, abgeschnittene Triebe vertrocknen in der Regel. (Dass sich abgetrennte oberirdische Teile von Pflanzen bewurzeln, kommt – ohne Hilfe des Gärtners, der Stecklinge pflegt oder ein Edelreis auf eine Unterlage pfropft – in der Natur nur selten vor.)
Unglücklicherweise sehen wir aber die Wurzeln nicht. Deshalb sind wir uns nicht darüber im Klaren, wie groß und wichtig die Wurzeln unter der Erdoberfläche für die Integrität des Lebewesens »Pflanze« sind. Einige Forscherinnen und Forscher haben sich die Mühe gemacht, die Wurzelsysteme einzelner Pflanzen freizulegen und sie zu vermessen: Eine einzige Roggenpflanze hat demnach rund 14 Millionen Wurzeln, die zusammen 622 Kilometer lang sind und deren Gewebeoberfläche 237 Quadratmeter beträgt!
Um ein Vielfaches ausgedehnter ist das Wurzelsystem der Bäume. Es ragt weit über die Ausdehnung der Krone hinaus. Die Wurzelspitzen bewegen sich intelligent durch das Erdreich und suchen nach Wasser,
Die Wurzeln ragen weit über die Baumkrone hinaus. Bei der Gartenarbeit, beim Verlegen von Leitungen und bei dem Pflastern von Wegen sollten Verletzungen der Wurzeln vermieden werden, um den Baum nicht dauerhaft zu schädigen.
Nährstoffen und Halt. Sie messen und verarbeiten dabei gleichzeitig bis zu 15 verschiedene Bodeneigenschaften wie Bodenfeuchte, die Konzentrationen verschiedener Nährsalze und die Schwerkraft. Die Wurzeln verbinden sich mit Pilzen, denn so können sie effektiver Nährsalze und Wasser aufnehmen. Im Gegenzug versorgen sie die Pilze mit Nährstoffen. Ohne dieses Zusammenleben mit der sogenannten »Mykorrhiza« können manche Pflanzenarten nur schlecht oder gar nicht leben – das ist zum Beispiel bei den Erdorchideen der Fall.
Vielleicht wäre es daher angemessener, die oberirdischen Teile der Pflanze nur als die Fortpflanzungsorgane eines eigentlich unter der Erde lebenden Wesens aufzufassen. Diese ungewohnte Vorstellung würde uns helfen, die Wurzeln der Pflanzen mit Sorgfalt zu pflegen und vor allem, sie vor Schäden zu schützen.
Wir sollten versuchen, bei jeder Pflanze, die in unserem Garten wächst, auch ihr Wurzelwerk zu »sehen«, also um den Raum zu wissen, den die Wurzeln brauchen. Denn es wachsen in unseren Gärten ja nicht nur Bäume und Sträucher, es werden auch Leitungen verlegt und Wege
gepflastert. Bei Bauarbeiten werden die oberirdischen Teile der Pflanzen oft mit viel Sorgfalt geschützt, die Wurzeln aber vielfältig geschädigt: Gräben werden ausgehoben und Wurzeln dafür durchschnitten. Erde wird abgetragen, Wurzeln werden freigelegt und dem Sonnenlicht (Wurzeln haben keinen UV-Schutz) und austrocknenden Winden ausgesetzt. Der Wurzelbereich wird befahren oder Baumaterialien werden unter Bäumen – im Wurzelbereich – gelagert. Dadurch wird die Erde verdichtet, wodurch der Sauerstoffgehalt des Bodens sinkt. Da auch Wurzeln Sauerstoff zum Leben brauchen, werden sie durch Bodenverdichtung geschädigt und können sogar absterben. Auch wenn im Wurzelbereich Erde aufgetragen wird, sinkt der Bodenluftgehalt, was sogar zum Absterben empfindlicher Arten führen kann. Bei Rotbuchen kann schon ein Bodenauftrag von fünf Zentimeter Höhe zum Absterben des Baumes führen, andere Bäume sind zum Glück widerstandsfähiger, aber für jede Pflanze ist ein Bodenauftrag problematisch.
Wenn abzusehen ist, dass die Wurzeln der Gehölze durch Bauarbeiten Schaden genommen haben, können wir den geschädigten Pflanzen helfen, indem wir die oberirdischen Teile auslichten. Ziel der Schnittmaßnahmen ist es, das Gleichgewicht zwischen der Wurzel- und Blattmasse wiederherzustellen, ähnlich wie das auch beim Pflanzschnitt der Fall ist (siehe Seite 165). Schnittmaßnahmen an vorgeschädigten Pflanzen sollten mit besonderer Sorgfalt durchgeführt werden, bei Unsicherheiten also lieber einen fachkundigen Betrieb beauftragen!
Baumschutz auf der Baustelle
Weil das Wurzelsystem der Bäume weit über die Kronentraufe hinausreicht und sich außerhalb der Kronentraufe auch die meisten Feinwurzeln befinden, ist auf Baustellen um jeden zu erhaltenden Baum ein fester Zaun im Abstand von 1,5 Meter von der Kronentraufe zu errichten (DIN-Norm 18920). Wenn dies nicht möglich ist, dann muss im Bereich des Wurzeltellers eine Schutzlage aus druckverteilendem und luftdurchlässigem Material von mindestens 20 Zentimeter Dicke aufgebracht werden.
Vielfältige Wuchsformen
Gärtner unterscheiden einjährige Pflanzenarten, mehrjährige Stauden und Gehölze. Was ist aber der Unterschied zwischen einer Staude und einem Gehölz?
Bei Gehölzen werden die anfangs weichen Triebe durch die Einlagerung des Holzstoffs (»Lignin«) hart, eben holzig. Gehölze haben auch im Winter über der Erde lebende Teile.
Während einjährige Pflanzen nach Blüte und Samenbildung absterben, treiben Stauden nach der Blüte und Samenbildung wieder aus bodennahen Knospen mit weichen, unverholzten Trieben aus. Im Winter haben sie entweder gar keine Blätter oder nur eine bodennahe Blattrosette.
Blick aufs Wurzelwerk beim Pflanzenkauf
Dass die Pflege der Pflanzen in erster Linie den Wurzeln gilt, wissen Biogärtner schon lange. Sie ernähren mit einer gut geführten Kompostwirtschaft den Boden und fördern so die vielen Lebewesen im Boden, die durch ihre Lebenstätigkeit für ein ausgedehntes und gesundes Wurzelwerk der Pflanzen ideale Bedingungen schaffen. Auf lebendigen Böden wachsen gesunde Pflanzen.
Es ist deshalb auch wichtig, beim Kauf einer Pflanze nicht nur nach gut genährten Blättern und prächtigen Blüten zu schauen, sondern vor allem die Qualität des Wurzelwerks zu kontrollieren. Ist der Ballen gut durchwurzelt? War die Pflanze schon zu lange im Container und schauen Wurzeln aus den Abzugslöchern heraus? Haben sich schon Wurzeln gebildet, die am Boden des Topfes spiralförmig wachsen? Dann wird die Pflanze nur schlecht oder gar nicht anwachsen, weil Wurzeln, die einmal angefangen haben, im Kreis zu wachsen, auch vom Topf befreit weiter spiralförmig wachsen. Es ist beinahe so, als wäre ihnen schwindelig geworden.
Wachstum unter der Rinde
Gehölze können dadurch, dass sie stabiles, verholztes Gewebe bilden, viel höher werden als Stauden. Mit Ausnahme von Palmen und Bambus wachsen Gehölze, indem um den schon vorhandenen Holzkörper außen immer wieder eine neue Schicht gebildet wird. Dieses »sekundäre Dickenwachstum« kann man sich ähnlich vorstellen wie das Zusammensetzen der russischen »Babuschka« oder »Matrjoschka«-Puppen. Jedes Jahr bildet die Pflanze um den gesamten Holzkörper einen neuen Mantel aus holzigem Gewebe. Jahresringe im Holz sind ein Zeichen dieses Wachstums direkt unter der Rinde.
Für die Pflege der Gehölze ist es wichtig zu wissen, dass es nur eine sehr dünne Schicht gibt, in der neues Gewebe gebildet wird: das Kambium. Es liegt zwischen der Borke und dem Holz und bildet nach innen Holz, nach außen eine lebendige Rindenschicht, den Bast.
Im Holzkörper gibt es lang gestreckte Gefäße, in denen Wasser und Nährsalze von den Wurzeln in die oberirdischen Teile der Pflanze transportiert werden. Sie werden aus spezialisierten Zellen, in deren Zellwand Lignin eingelagert wurde und die danach abgestorben sind, gebildet. Andere Zelltypen im Holz sterben nicht ab, beispielsweise Speicherzellen in den Holzstrahlen oder die Zellen in den Harzkanälen.
Im Bast werden Speicherstoffe transportiert. Die Bastgefäße sind ebenfalls lang gestreckt, werden aber aus lebenden Zellen gebildet. Im Frühjahr werden die Speicherstoffe nach oben zu den sich bildenden Blättern transportiert. Im Herbst dreht sich die Transportrichtung um, Zucker und andere Speicherstoffe werden in den Wurzeln oder im Holzkörper eingelagert.
Bei vielen Bäumen wird das Innere des Holzkörpers stillgelegt, die feinen »Rohrleitungen« werden verschlossen. Es werden Stoffe eingelagert, die das Pilzwachstum hemmen. Die noch lebenden Zellen im Innern des Holzkörpers sterben ab. So entsteht das dauerhafte Kernholz der Bäume. Ähnliches geschieht nach außen mit den älteren Jahrgängen des Bastes. Sie werden zur Borke. Auch hier sterben die Zellen ab, auch hier werden vorher die Zellwände durch Einlagerung des hochkomplexen Naturstoffs »Suberin« imprägniert. Suberin bestimmt die Eigenschaften der Rinde und macht sie wasserabweisend und isolierend gegenüber Temperaturschwankungen.
Dieses ausgeklügelte System wird empfindlich getroffen, wenn der innere, stillgelegte Holzkörper von Pilzen befallen wird oder wenn durch Verletzungen Luft in die Leitungsgefäße eindringen kann und damit Pilzen Lebensmöglichkeiten eröffnet werden. Die Gehölze haben in diesen Fällen kaum Möglichkeiten, sich zu wehren.

Nur im Kambium wird neues Gewebe gebildet. Es ist für das Dickenwachstum der Gehölze zuständig.

Wie bei den russischen »Matrjoschka«-Puppen bilden die Gehölze jedes Jahr um den gesamten Holzkörper einen neuen Mantel aus holzigem Gewebe.
Lebendes Holz und der Werkstoff Holz
Ein Gehölz ist ein Lebewesen und kein toter Werkstoff. Oft werden Gehölze aber so behandelt, als seien ihre Eigenschaften dem des Werkstoffes Holz ähnlich. Wenn sich beispielsweise in Astgabeln Wassertaschen bilden, so werden diese angebohrt, damit das Wasser ablaufen kann, weil wir vom Werkstoff Holz wissen, dass feuchtes Holz von Pilzen befallen wird und fault. Dabei kann eine Pflanze nur leben, wenn sie genügend Wasser für die Lebensvorgänge enthält. Lebendes Holz ist feucht und solange die Rinde unverletzt ist, sind Wassertaschen für Bäume auch kein Problem. Das Anbohren allerdings, vor allem, wenn dann auch noch Röhrchen für den Wasserabfluss eingesetzt werden, schafft eine Wunde und damit eine Eintrittspforte für Pilze.
Früher wurden von Baumchirurgen Faulstellen von Bäumen bis ins gesunde Holz ausgeschnitten und mit Holzschutzmitteln behandelt. Diese giftigen Substanzen schädigten die lebenden Holzzellen unmittelbar und führten zu viel größeren Schäden, als vorher vorhanden waren. Heute werden morsche Stellen nicht mehr ausgeschnitten, der Baum kann sich selbst am besten helfen. Die Baumpflege konzentriert sich darauf, ein Gleichgewicht von Wurzel- und Blattmasse zu erhalten, statisch ungünstige Kronenarchitekturen zu korrigieren und Äste, die ein Sicherheitsrisiko darstellen, entweder zu entfernen oder mit Seilen zu sichern.
Warum die Triebspitzen so wichtig sind
Wie die individuelle Gestalt der Pflanzen entsteht, können wir besonders einfach im Winter beobachten, nämlich dort, wo man gut sehen kann, dass ein Ast in der Vergangenheit geschnitten wurde.
An Stellen, an denen ein Schnitt noch nach Jahren gut zu erkennen ist, war die Schnittführung für die Pflanze ungünstig. Eine einfühlsame Schnittmaßnahme ist nach dem Schneiden nicht zu sehen. Sanfte Schnitte stören die Regulationsprozesse in der Pflanze so wenig wie möglich oder nutzen sie geschickt aus.
Ungeordnete Austriebe unterhalb des Aststumpfes zeigen: Hier wurde die Spitze gekappt.
Pflanzenschädigende Schnitte erkennen wir oft an einem Stumpf, der zumeist abgestorben ist. Die Rinde hat sich abgelöst, vielleicht ist eine Faulstelle entstanden. Unterhalb des Stumpfes aber stehen viele Äste. Hier haben sogenannte »schlafende Augen« ausgetrieben. Wenn die Spitze eines Triebes plötzlich fehlt, dann treiben viele darunterliegenden Knospen gleichzeitig aus. Daran können wir sehen: Eine Zweigspitze verhindert das Austreiben der Knospen, die weiter zweigabwärts liegen.
Wie dies geschieht, haben Wissenschaftler durch folgendes Experiment geklärt: Die Spitzen von Bohnenpflanzen wurden abgeschnitten und auf Nährböden (Agar-Agar) gesetzt. Auf die gekappten Triebspitzen der Bohnenpflanzen wurden dann die präparierten Agar-Agar-Stücke, auf denen sich die Endknospen eine Weile befunden hatten, platziert. Die Seitenknospen, die normalerweise nach dem Entfernen der Triebspitze austreiben würden, veränderten sich dadurch nicht. Sie trieben nicht aus. Pflanzenhormone, sogenannte Auxine, verhinderten das Austreiben der schlafenden Knospen (»Augen«). Da es sich um transportable Stoffe handelt, wurden sie an das Nährmedium abgegeben.

Das Bohnenexperiment zeigt, dass die Endknospen von Bohnenpflanzen einen Stoff produzieren, der den Austrieb von weiter abwärts liegenden Knospen verhindert. Normalerweise werden schlafende Knospen zum Austreiben angeregt, wenn die Spitze entfernt wird (Bildmitte). Die Wirkung der Endknospe kann durch ein Agar-Agar-Stückchen, auf dem sich eine abgeschnittene Endknospe eine Weile befunden hat, ersetzt werden (rechts im Bild).
Kurz erklärt: Ein »Auge«
Wie ein Tierembryo im Mutterleib, so schmiegen sich Blätter, Blüten und Triebe in den Knospen aneinander: wohlgeordnet und winzig klein, mit der Lupe oder dem Mikroskop aber schon gut erkennbar. Beinahe sieht es so aus, als warteten sie darauf, ihre Hüllen aus Knospenschuppenblät-tern aufzubrechen, sich zu strecken und dem Licht entgegenzuwachsen. Das Signal zum Austreiben geben die Pflanzenhormone, deren Bildung von Licht und Temperatur gesteuert wird. Aber nicht alle Knospen treiben aus. Manche bleiben im »Tiefschlaf«, sie schwellen nicht und bleiben sehr klein. Oft ist nur eine Vertiefung mit einer kleinen Erhebung in der Mitte erkennbar. Das sieht manchmal wirklich aus wie ein kleines Auge.
Wuchsformen verstehen
Die Gestalt von Pflanzen wird entscheidend davon beeinflusst, wie stark die oberste Triebspitze das Wachstum der darunterliegenden Triebe dominiert. Botaniker nennen das »unterschiedliche Spitzendominanz«.
Da gibt es die Pflanzen, die einen durchgehenden, meist straff aufrecht wachsenden Haupttrieb und kaum oder nur untergeordnete Nebentriebe haben. Die Sonnenblume gehört zu diesen Pflanzen, aber auch Bäume wie Fichte und Tanne. Ihre Haupttriebe verzweigen sich nicht. Wenn der Haupttrieb durch einen Unfall verloren geht, dann werden meist mehrere neue Triebe gebildet, die wie neue eigene Pflanzen auf der alten Pflanze aufsitzen. So kann zum Beispiel aus einer umgefallenen Fichte eine Reihe nebeneinanderstehende Fichten entstehen.
Auf der anderen Seite gibt es die Arten, die sich regelmäßig verzweigen und an denen ein dominierender Trieb kaum oder gar nicht zu erkennen ist. Es entstehen kugelige oder halbkugelige Pflanzengestalten. Die Mistel ist das beste Beispiel für diesen Typ. Aber auch Rhododendron, Latschen, Tagetes oder Thymian wachsen in dieser Art und Weise.
Die meisten Pflanzengestalten liegen zwischen diesen beiden Extremen, wobei sich der Grad der Spitzendominanz auch mit dem Alter der Pflanze ändern kann.
Bei Bäumen ist für die Stammbildung eine Dominanz des Haupt-triebes verantwortlich, für die Bildung der Krone eine relative Gleichberechtigung der verschiedenen Triebspitzen der Seitenäste.
Sträucher können als Gruppe von Trieben mit starker Spitzendominanz wachsen, dazu gehören zum Beispiel die Hasel oder der Holunder. Andere Arten wie die Kornelkirsche wachsen regelmäßiger verzweigt und wirken eher wie ein kleiner Baum ohne Stamm.
Schnittregel Nr. 1: Eine Spitzenknospe bleibt
Beim Schnitt wird die artspezifische Gestalt dann am wenigsten gestört, wenn es nicht zu einem ungeordneten Austrieb schlafender Knospen kommt.
Es wird so geschnitten, dass eine Spitzenknospe erhalten bleibt. So wird die Regulierung der Pflanzengestalt sichergestellt.
Wenn wir eine Pflanze zurückschneiden, dann lassen wir einen jüngeren, weiter unten wachsenden Ast stehen. Wir schneiden den älteren Ast direkt an der Stelle, an der dieser jüngere Ast hervor-wächst, ab.

Beim Schnitt wird auf einen jüngeren Ast abgeleitet. So wird ein ungeordneter Austrieb vermieden.
Gärten naturnah planen und pflegen

Der Winter ist die beste Zeit, einmal zu schauen, ob in unserem Garten die Strukturen und Formen auch den Funktionen dienen. Im Winter haben wir Muße, aber auch genügend Durchblick, denn die Strukturen unseres Gartens sind klar erkennbar.
Wir sehen die Stauden und Wiesenflächen – wo die Stauden des kommenden Sommers in der Erde ruhen – und die Gebüsche, Einzelsträucher und Bäume, die den Garten strukturieren. Ein Garten wird dann als schön empfunden, wenn seine Strukturen den Funktionen der verschiedenen Gartenräume entsprechen. In einem naturnahen Garten versuchen wir zusätzlich jede Fläche so zu gestalten, dass sie nicht nur uns nutzt (z.B. Sichtschutz zum Nachbarn, Obstbaum zum Ernten von Äpfeln, Sitzplatz für das Frühstück im Sommer), sondern auch gleichzeitig ein Lebensraum für viele interessante Tiere und einheimische Wildpflanzen ist.
Wenn wir die Vögel beobachten, die in unserem Garten nach Futter suchen, erkennen wir besonders gut, wo wir Lebensräume für Tiere geschaffen haben und wo es vielleicht noch weitere Möglichkeiten gibt, die wir in unserem Garten im kommenden Jahr umsetzen wollen. Gibt es genügend dichte, stachelige Gebüsche, in denen sich die Rotkehlchen und Zaunkönige zurückziehen können, wenn der Winterwind durch den Garten pfeift, und wo im kommenden Jahr Heckenbraunelle und Mönchsgrasmücke nisten können? Haben die Sträucher in diesen Bereichen viele Astquirle, die zum Nestbau einladen? Gibt es genügend laubbedeckte Staudenflächen, wo Amseln, Buchfinken und Grünfinken ihr Futter finden? Tragen unsere Wildsträucher genügend Beeren für Dompfaff und vielleicht sogar Seidenschwanz? Gibt es auch viele Samenstände der Stauden, wo Stieglitze ihre Winternahrung finden, weil sie Samen picken können, aber auch Meisen, die dort nach überwinternden Insekten suchen? Gibt es darüber hinaus stehendes Totholz, in dem Wildbienen nisten können?
Mag Naturgärten: der Stieglitz
Sehr viele Lebensräume entstehen durch Nichtstun. Naturgärtner haben es ja wirklich einfach: Wer Laub liegen und Hecken frei wachsen lässt, in Staudenbeeten natürliche Dynamik zulässt, der hat weniger Arbeit im Garten. So bleibt mehr Zeit, die vielen Tiere zu entdecken, die gerade wegen der vielen Lebensräume, die durch das Nichtstun und Sein-Lassen entstehen, in unsere Gärten einziehen.
Grundregeln des sanften Schnitts
Naturgärtner beobachten viel lieber, als dass sie sich anstrengen. Das heißt, wir tun nur das, was nötig ist, um die Lebensräume in unserem Garten zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Naturgärtner gehen achtsam mit ihren Mitbewohnern um. Wir achten die Tiere und Pflanzen in unserem Garten. Naturgärtner fühlen sich als »Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will«, wie Albert Schweitzer das einmal gesagt hat.
Wenn wir mit Schere und Säge arbeiten, heißt das auch: so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Es heißt, die Pflanze, die wir schneiden, zu achten. Entscheidend ist immer, die Hauptfunktion einer Pflanzung im Auge zu haben. Denn es gibt nicht »die richtige Schnitttechnik«, die zu allen Zeiten und an allen Orten gilt. Es ist eher so, dass wir entscheiden müssen, was an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit das Wichtigste ist.
Nehmen wir als Beispiel einen Johannisbeerstrauch: Wir können ihn so schneiden, dass er große und möglichst süße Früchte trägt. Er kann aber auch Teil einer frei wachsenden Wildstrauchhecke sein, die wir nicht beernten wollen, wo aber möglichst viele Vögel, Igel und andere Kleintiere ihren Lebensraum finden sollen und die auch noch einen dichten Sichtschutz zum Nachbarn bietet. Im ersten Falle ist eine gute Durchlüftung und Belichtung der Triebe das Ziel unserer Pflegemaßnahmen, Totholz wird als Infektionsherd entfernt. Im zweiten Fall ist das Ziel der Pflege, ein dichtes Gesträuch zu bekommen, das die Funktionen Sichtschutz und Nistplatz optimal erfüllt. Das Totholz in der Hecke und am Boden ist eine zusätzliche Bereicherung des Lebensraumes. Dass die Johannisbeere als Teil einer dichten frei wachsenden Wildstrauchhecke weniger schmackhafte Früchte trägt, ist hier zweitrangig. (Es gibt aber auch einige Obstsorten, die auch bei nur sehr wenig oder gar keiner Pflege und in dichtem Stand noch schmackhafte Früchte tragen. Bezugsquellen sind auf Seite 188 zu finden.)
Grundregeln des Pflanzenschnitts im Naturgarten
Jeder Eingriff in unserem Garten soll das Leben darin fördern.
Grundlage jedes Eingriffs ist ein bestimmtes Entwicklungsziel, es gibt keine starre Regel. Erst wenn wir uns über die Funktion einer Pflanzung im Klaren sind, können wir die Pflegemaßnahmen sinnvoll durchführen.
Wir achten die Pflanzen in unserem Garten als Lebewesen und in ihrer Gestalt.
Wir schneiden so wenig wie möglich.
Vom richtigen Zeitpunkt
Genauso häufig, wie über die richtige Schnitttechnik diskutiert wird, wird auch die Frage des richtigen Zeitpunkts zum Schneiden erörtert. Wir werden in diesem Buch wiederholt feststellen: Auch hierzu gibt es keine starre Regel. Es kommt ganz darauf an, aus welchem Blickwinkel wir diese Frage betrachten und was wir beim Schneiden erreichen möchten. Zudem müssen wir auch verstehen, wie Pflanzen auf Verletzungen reagieren und wie wir die Wundheilung am besten unterstützen können.
Die Tradition des Winterschnitts
Im ausgehenden Winter erwachen die meisten Gärtnerinnen und Gärtner aus dem Winterschlaf und holen Sägen und Scheren aus dem Keller. Wenn die starken Fröste vorbei sind und der Winter auf dem Rückzug ist, dann ist traditionell die Zeit für den Winterschnitt gekommen. Besonders in Obstanbaugebieten und in Gegenden, in denen es noch Streuobstwiesen mit Hochstämmen gibt, sehen wir jetzt die Pflegetrupps ausschwärmen. Dort, wo es noch Kopfweiden gibt, werden Naturschutzgruppen aktiv.
Aber wie ist die Tradition des Winterschnittes eigentlich entstanden und sind die Gründe, die den Winterschnitt früher sinnvoll machten, heute noch relevant?
Im Winter ruhen die Arbeiten auf den Feldern. Jetzt ist die Zeit, »ins Holz zu gehen«. Der Winter ist die beste Zeit, Bäume zu fällen, die später als Bauholz oder Brennholz Verwendung finden. Nur Holz, das zur Zeit der Saftruhe geerntet wird, hat die beste Qualität für anspruchsvolle Verwendungszwecke im Hausbau und bei der Herstellung von Möbeln und Instrumenten. Jetzt, da der »Durchblick« leichter fällt, kann entschieden werden, welcher Baum für einen bestimmten Zweck am besten geeignet ist. Aber auch für die Brennholzernte ist es von Vorteil, dass das Holz nicht im Saft steht und schneller trocknet.
Im Winter ist aber auch das Astgerüst der Obstbäume offensichtlich, es ist leicht zu sehen, wo Äste zu eng stehen, wo sie sich vielleicht sogar reiben, wo es zu einem ungeregelten Austrieb gekommen ist. An einigen Stellen sind Äste vielleicht unter der Last der Früchte gebrochen. Das Fruchtholz ist gut zu erkennen und damit, wie viele Früchte im kommenden Jahr – wenn es keine Wetterkapriolen, Frost, Hagel, Trockenphasen gibt – zu erwarten sind.
Im Winter ist auch die beste Zeit, Korbweiden zu schneiden. Jetzt ist es einfach, die Ruten für die verschiedenen Zwecke zu ernten, zu sortieren. Weil es kühl ist, ist es auch einfach, sie ohne Qualitätsverlust zu lagern. Außerdem gibt es Korbweiden nur dort, wo der Boden feucht ist. Bei Frost sind diese Flächen besonders gut befahrbar.
Hecken wurden früher ebenfalls im Winter gepflegt, denn dann war das Vieh nicht auf den Weiden. Vor der Erfindung des Stacheldrahtes in der Mitte des 19. Jahrhunderts war es ja die Funktion der Hecken, das Vieh auf der Weide zu halten. Im Winter waren die Tiere im Stall, jetzt konnten die Hecken gepflegt werden.
Wir sehen also: Vieles spricht in der traditionellen Landwirtschaft dafür, Bäume und Sträucher im Winter zu schneiden. Es geht jedoch gar nicht um die Frage, ob dies der beste Zeitpunkt für die Pflanzen ist, oder darum, ob im Winter die Pflanzen Verletzungen besonders gut vertragen. Diese Frage steht für den Land- oder Forstwirt ja auch nicht so sehr im Vordergrund. Für den Produzenten ist die Pflanze tatsächlich nachwachsender Rohstoff. Pflanzenbau soll bei möglichst geringem Aufwand einen möglichst hohen Ertrag bringen. Natürlich geht es bei mehrjährigen oder dauerhaften Kulturen auch darum, durch die Pflege den Ertrag vieler Jahre zu sichern, also die Pflanzen nicht so zu schädigen, dass die zukünftige Ernte gefährdet wird. Insofern sorgt – in gewissen Grenzen – auch die traditionelle Landwirtschaft für Bäume und Sträucher. Im Vordergrund stehen aber immer Praktikabilität und Ertrag.

Hecken waren früher natürliche Begrenzungen der Viehweiden. Sie wurden im Winter geschnitten, wenn die Tiere im Stall waren.
Natur der Pflanzen verstehen, Schönheit bewahren
Der Winterschnitt ist seit Generationen üblich. Um zu verstehen, warum dieser Zeitpunkt aus Sicht der Bäume aber oft nicht sinnvoll ist, lade ich Sie ein, etwas tiefer in die Wissenschaft der Pflanzen einzutauchen.
Wir sollten dazu klären: Was passiert, wenn ich eine Pflanze schneide, wie reagiert die Pflanze darauf und was bedeuten diese biologischen Vorgänge für unser Ziel, achtsam mit unseren Pflanzen umzugehen? Denn im Garten, besonders im Naturerlebnisgarten, sind wirtschaftliche Erwägungen unwichtig und in den seltensten Fällen haben Gärtnerinnen und Gärtner im Winter auch wesentlich mehr Zeit für ihr Hobby – auch wenn während des Winters im Nutzgarten kaum etwas getan werden kann.
Stattdessen sollen die Pflanzen die Nutzer des Gartens erfreuen und die ihnen zugedachten Funktionen – wie zum Beispiel Sichtschutz – erfüllen. Im Naturerlebnisgarten haben die Pflanzen eine zusätzliche wichtige Funktion, nämlich Teil eines möglichst vielfältigen Lebensraumes zu sein. Es geht also im Grunde um die Schönheit der Pflanzen. Und es geht um das Verständnis der Natur, also auch der Natur der Pflanzen.
Auf Verletzungen reagieren zu können, ist überlebenswichtig
Um entscheiden zu können, wann Pflanzen am wenigsten durch Schnittmaßnahmen geschädigt werden, müssen wir verstehen, wie Pflanzen auf Verletzungen reagieren.
Alle Organismen sind im Netz des Lebens miteinander verbunden. Jeder Organismus ist Lebensraum und Lebensmittel für andere. Jede Art hat während der Evolution Strategien entwickelt, trotz und wegen dieser Beziehungen die Fortpflanzung sicherzustellen.
Pflanzen sind festgewachsen, sie können sich ungünstigen Bedingungen nicht entziehen. Sie sind aber auch die grundlegenden Lebensmittel auf unserer Erde, sie werden benagt, ausgehöhlt und abgefressen und trotzdem stehen die meisten gesund und prächtig da.
Wenn wir verstehen wollen, wie Pflanzen auf Verletzungen reagieren, denken wir uns einmal in eine Zeit zurück, in der es noch keine Gärtner mit Scheren und Sägen gab.
Was sind die Gefahren, denen Pflanzen seit Jahrmillionen ausgesetzt sind? Das sind einmal Unwetter, Stürme, Hagel, Überschwemmungen, Blitzschlag, Schnee und Frost.
Und es gibt die kleinen und großen Nutzer der Pflanzen. Bakterien, Pilze, Insekten, aber auch kleine und große Säugetiere, wie Mäuse, Wildrinder, Wildpferde, Hirsche, Rehe, Biber, Elefanten, Nashörner und Flusspferde, lebten von den Pflanzen – auch bei uns in Mitteleuropa. So haben die Pflanzen Mechanismen entwickelt, die dafür sorgen, dass diese Nutzung nicht die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt, ihr im Gegenteil vielleicht sogar nützt. (Vögel fressen die Früchte der Pflanzen und säen so die Samen an anderer Stelle wieder aus.)
Pflanzen haben nun verschiedene Strategien, um das Überleben der Art sicherzustellen:
Es gibt Pflanzen, die möglichst schnell möglichst viele Samen produzieren. Je kürzer das Leben ist, desto geringer ist auch die Gefahr eines fatalen Unfalls, insbesondere wenn die Lebensdauer durch das Keimverhalten in eine Jahreszeit gelegt wird, in der es nicht so viele Gefahren gibt. Zu diesen kurzlebigen Pflanzen gehören einjährige Blumen wie Kornblume und Ringelblume.
Dann gibt es Pflanzen, die nach der ersten Samenproduktion nicht absterben, die sich aber in den Zeiten mit »erhöhter Unfallgefahr« klein machen und in den sicheren Boden zurückziehen. Dies sind die mehrjährigen Stauden.
Über den Einjährigen und Stauden gibt es viel Raum, den sich Bäume und Sträucher als Lebensräume erobert haben. Dafür müssen die Triebe statisch verstärkt werden.
Mit der Bildung des holzigen Gewebes haben sich die Gehölze und Bäume den Luftraum, oder besser gesagt den Lichtraum, über der Erde erobert: Die Blätter der Gehölze können das Licht über den Stauden abfangen. Allerdings ist damit ein zusätzliches Problem entstanden: Im Inneren der Stämme und Starkäste der Bäume gibt es oft keine lebenden Zellen mehr, sondern nur noch die dicken und imprägnierten Zellwände des Holzkörpers (siehe dazu auch Seite 39).
Diese Bereiche der Gehölze ohne lebende Zellen können nicht mehr reagieren. Wenn holzabbauende Organismen wie Pilze eindringen, hat das Gehölz keine aktive Möglichkeit, den Holzabbau zu verhindern. So haben Pflanzen eine Vielzahl an Mechanismen entwickelt, den Abbau des Holzkörpers zu erschweren, ihn schwer verdaulich zu machen und möglichst den Zugang von Holz abbauenden Organismen zu verhindern oder wenigstens zu begrenzen.
So schützen sich Bäume vor Verletzungen
Schon das Lignin, als ein Hauptbestandteil des Holzes, ist widerstandsfähig gegenüber den meisten Abbauprozessen. Vor allem die langlebigen Baumarten lagern aber noch zusätzlich Gerbstoffe (Tannine) in den inneren Holzbereich ein, die das Wachstum der Holz abbauenden Pilze behindern. So entsteht das besonders widerstandsfähige Kernholz.
Nach der Verletzung eines Baumes dringt Luft in die geöffneten Zellen und Gefäße ein. Besonders in den langgestreckten Gefäßen des Holzkörpers bewirkt diese »Embolie«, dass jetzt Pilze tief in den Holzkörper eindringen können. Während das Kernholz durch die Imprägnierung und den Verschluss der Gefäße einigermaßen geschützt ist, übernehmen dort, wo die Gefäße Wasser transportieren, lebende Zellen die Reaktion auf die Verletzung.
Bei Nadelbäumen dient das Harz, das in speziellen Harzkanälen im Holzkörper gelagert wird, der Abwehr von Schadorganismen und quasi der Desinfektion von Wunden. Bei Nadelholzarten, die keine Harzkanäle haben, wie Tannen und Eiben, entstehen nach einer Verletzung Zellen, die Harz produzieren.
Im Nadelholz sind die abgestorbenen Gefäßzellen, die Wasser und Nährsalze transportieren, relativ eng und kurz. Wasser kann deshalb in Nadelbäumen auch nur relativ langsam transportiert werden. Bei einer Verletzung hat das aber Vorteile: Einmal kann Luft nicht so tief in den Holzkörper eindringen, zusätzlich gibt es in den Holzgefäßen der Nadelgehölze kleine Ventile, die »Tüpfel«, die sich automatisch schließen, wenn Luft in das Gefäß eingedrungen ist. Nadelbäume haben einen Holzaufbau nach dem Motto »langsam, aber sicher« und sind nach Verletzungen relativ gut vor Fäulnisbildung geschützt.
Bei Laubgehölzen ist das anders. In ihrem Holz gibt es besonders lange – meterlange – und weite Gefäße für den Wassertransport. In ihnen werden Wasser und Nährsalze besonders schnell transportiert. Hier kann aber auch nach einer Verletzung die Luft tief in den Holzkörper eindringen. Laubgehölze leben also nach der Strategie »schnell, aber gefährlich«.
Holzaufbau
Jede Pflanzenzelle bildet um sich herum eine relativ starre Wand, die Zellwand. Bei krautigen Pflanzen besteht sie hauptsächlich aus weicher Zellulose und wird durch den Innendruck der Zelle in Form gehalten. Deshalb verlieren krautige Pflanzen ihre Form, sie welken, wenn sie Wasser verlieren. Wenn das Gewebe verholzt, dann werden die Zellwände verdickt und es wird das enorm druckfeste Lignin eingelagert, dadurch werden die Wände stabil. Im Grunde sind die Zellwände und damit auch Holz ähnlich konstruiert wie Stahlbeton, die Zellulosefasern bewirken Zugfestigkeit, das Lignin die Druckfestigkeit. Holz bleibt formstabil – von Schrump-fungsrissen abgesehen – wenn es Wasser verliert, ein Baum bleibt auch bei Trockenheit aufrecht stehen, selbst wenn er abstirbt. Lignin ist chemisch ein sehr komplexer Stoff, wasserunlöslich und für alle Tiere unverdaulich. Nur manche Pilze können Lignin aufschließen. Holzabbauende Tierarten müssen entweder warten, bis das Holz von Pilzen »vorverdaut« wurde, oder mit diesen in Symbiose zusammen leben. Holz, das von Lignin abbauenden Pilzen befallen ist, in dem also das bräunliche Lignin von den Pilzen abgebaut wurde, verfärbt sich weißlich, es bekommt eine schwammige faserige Konsistenz – »Weißfäule« entsteht. Holz, in dem die Zellulose abgebaut wurde und das Lignin noch vorhanden ist, verliert die Zugfestigkeit, es entsteht ein bräunliches bröseliges Material – »Rotfäule« genannt.

Im Holzkörper sorgen die langen Gefäße mit ihren dicken, nur wenig verholzten Wänden für Zugfestigkeit. Die Holzstrahlen mit stark verholzten Zellwänden sorgen für Druckfestigkeit. Damit ähnelt Holz in seinem Konstruktionsprinzip dem Stahlbeton (oder umgekehrt).
Laubgehölze sind deshalb in besonderem Maße darauf angewiesen, dass sie Wunden auch schnell unschädlich machen können, also heilen können. Relativ dünnwandige und undifferenzierte Zellen, die Parenchymzellen, die sich in der Nähe des Kambiums und in den Holz-strahlen finden, sind dafür wichtig. Sie können sich, ähnlich wie die Stammzellen bei Tieren, zu verschiedenen Zelltypen umwandeln, »differenzieren«. Sie bilden so Gewebe, die den Schaden für die Pflanze, der durch eine Verwundung entstanden ist, begrenzen.

Laubholzarten (links) haben sehr lange und weite Gefäße, in die nach einer Verletzung Luft tief ins Holz eindringen kann. Nadelholz (rechts) hat nur kurze Gefäße und zwischen den Gefäßen ventilartig gebaute Hoftüpfel. Diese verschließen die Gefäße bei Verletzungen. Nadelholzarten sind deshalb bei Verletzungen nicht so fäulnisgefährdet wie Laubholzarten.
Wenn eine Wunde vollständig überwallt ist, können Fäulniserreger im Holz nicht überleben. Im Holz ist die ehemalige Verletzung später nur noch durch eine Dunkelfärbung zu erkennen.
An den Rändern der Wunde vermehren sich diese Zellen und bilden erst einmal einen Haufen weichen Gewebes, den sogenannten »Kallus«. Dieser bildet dann nach außen Rindengewebe und nach innen Holzgewebe. Von allen Seiten wächst das neue Gewebe über die Wunde, vor allem aber von den vertikalen Seiten. Da ja auch der Transport von Nährstoffen in dieser Richtung verläuft, kann das Wundverschlussgewebe an den vertikalen Seiten besonders gut versorgt werden.
Wenn die Wunde nicht zu groß ist, dann ist sie nach einiger Zeit vollständig überwallt, die nach innen wachsenden Wundränder haben sich getroffen. Da jetzt das darunterliegende geschädigte Gewebe von der Luft abgeschlossen ist, sterben Pilze, die es befallen hatten, ab. Die Wunde ist damit ohne Schaden verheilt.
Aber auch innerhalb des Holzkörpers werden diese undifferenzierten Zellen aktiv. Sie verschließen die Gefäße, indem sie hineinwachsen, und bilden Gerbstoffe, die das Wachstum der Pilze behindern. So werden innerhalb des Holzes Barrieren aufgebaut, die die Faulstelle eingrenzen. So lange Luft von außen ins Holz eintritt, kann es den Pilzen gelingen, diese Barrieren zu durchbrechen. Die Pflanze bildet dann weiter innen eine neue Barriere. Im Holz können das abgebaute Holz durch eine Graufärbung und die Barrieren durch Dunkel- oder Braunfärbungen erkannt werden.
Kurz erklärt: »Kallus«
Der Kallus bildet sich an den Rändern einer Wunde aus undifferenzierten Zellen, die noch keine spezielle Form und Funktion haben und die nur die Aufgabe haben, sich dort zu vermehren, wo sie gebraucht werden. Nach einer Weile hören diese Zellen auf, sich zu teilen, und beginnen stattdessen, sich zu Zellen mit einer bestimmten Funktion zu entwickeln. So entstehen spezialisierte Gewebe wie Holz oder Bast und die Wunde kann sich wieder schließen. Wenn die Wunde vollständig über-wallt ist, sterben eingedrungene Fäulniserreger ab.
Was macht die Folie am Baum?
Profi-Gärtner nutzen die Fähigkeit der Kalluszellen, große Wunden zu überwallen, inzwischen bei flachen Rindenschäden an Straßenbäumen, die enstehen, wenn ein Auto einen Baum streift. Denn die undifferenzierten Zellen sind im Holz lebens- und vermehrungsfähig. Sie können, wenn sie nicht austrocknen oder durch UV-Strahlung geschädigt werden, einen Flächenkallus bilden und selbst große Wunden bedecken. Deshalb werden Anfahrschäden heute mit biologisch abbaubaren Folien abgedeckt. Nach einem Jahr hat sich unter der Folie neues Gewebe gebildet, das dann eine neue Rinde bilden kann.
Sollbruchstelle Astansatz
Äste brechen besonders leicht direkt am Stamm aus. Hier ist die schwächste Stelle der Astanbindung, denn die Gefäße führen von unten nach oben in den Ast hinein und halten den Ast nach oben relativ fest. Zwischen den Stammteilen über dem Ast und dem Ast selbst gibt es keine stabilisierenden Fasern. Deshalb brechen Äste meist mit einer herzförmigen, sich nach unten verjüngenden Wunde aus. Je älter und dicker der Ast ist, desto weniger lebende Zellen befinden sich im Zentrum des Astes. Deshalb faulen Astabbrüche oder Schnittwunden immer trichterförmig ein.
Der Astansatz ist also eine natürliche »Sollbruchstelle«. Hier gibt es besonders viele Parenchymzellen, die im Fall des Falles die Wundheilung übernehmen. Von außen ist dieser Bereich bei vielen Gehölzen zu sehen: der sogenannte Astring.
Schnitte sollten immer etwas außerhalb dieses Astrings angesetzt werden, damit genügend Gewebe vorhanden ist, um die Wunde zu überwuchern und Pilze fern zu halten.
Bei manchen Ästen ist kein Astring zu sehen. Sie werden stamm-parallel abgeschnitten, aber nie so, dass die Rindenleiste, die sich in der oberen Achsel befindet, verletzt wird. Das Stammholz darf nicht angeschnitten werden.
Besonders dick und deutlich ist der Astring ausgebildet, wenn der Ast nicht mehr gut versorgt wird oder vielleicht schon abgestorben ist. Dann hat sich schon der sogenannte »Abschiedskragen« gebildet, der einige Zentimeter aus dem Stamm herausragt (siehe Seite 55).
Schnittregel: Astring stehen lassen
Schnitte werden grundsätzlich kurz außerhalb des Astringes geführt.
Der Astring darf beim Schneiden nicht verletzt werden.
Ist kein Astring vorhanden, wird stammparallel außerhalb der Rindenleiste geschnitten ohne das Stammholz zu verletzen.
Nicht zwischen Verzweigungen schneiden! Dort ist keine Wundheilung möglich.

Gute und schlechte Abschotter
Die Fähigkeit, Verletzungen zu heilen, ist bei verschiedenen Arten verschieden gut ausgeprägt. Baumpfleger unterscheiden zwischen guten und schlechten »Abschottern«. Bei den widerstandfähigen Gehölzar-ten können noch Astungswunden verheilen, die bis 10 Zentimeter groß sind, bei den schlechten Abschottern gelingt das den Bäumen nur bei Wunden bis 5 Zentimeter Durchmesser. Damit ist auch klar, dass Äste, deren Durchmesser größer ist, nicht entfernt werden können, ohne die Pflanze irreversibel zu schädigen. Also: Säge weg von dicken Ästen!
Widerstandsfähigkeit der Bäume gegenüber Verletzungen
| Gute Abschottungsfähigkeit: (Wunden bis 10 cm Durchmesser werden vertragen und verheilen in der Regel) | |
| Deutscher Name | Botanischer Name |
| Feldahorn | Acer campestre |
| Buche | Fagus sylvatica |
| Hainbuche | Carpinus betulus |
| Lärche | Larix-Arten |
| Platane | Platanus x hispanica |
| Kiefer | Pinus-Arten |
| Eiche | Quercus-Arten, ohne Roteiche |
| Linde | Tilia-Arten |

Widerstandsfähigkeit der Bäume gegenüber Verletzungen
| Mittlere Abschottungsfähigkeit: (Wunden zwischen 5 bis 10 cm Durchmesser werden in Ausnahmefällen vertragen) | |
| Deutscher Name | Botanischer Name |
| Tanne | Abies-Arten |
| Spitzahorn | Acer platanoides |
| Bergahorn | Acer pseudoplatanus |
| Rosskastanie | Aesculus hippocastanum |
| Zürgelbaum | Celtis-Arten |
| Ginkgo | Ginkgo biloba |
| Amerikanische Gleditschie | Gleditsia triacanthos |
| Apfel | Malus-Arten |
| Birne | Pyrus-Arten |
| Roteiche | Quercus rubra |
| Robinie | Robinia pseudoacacia |
| Mammutbaum | Sequoiadendron giganteum |
| Schnurbaum | Sophora japonica |
| Eberesche | Sorbus aucuparia |
| Ulme | Ulmus-Arten |
| Schlechte Abschottungsfähigkeit: (Wunden über 5 cm Durchmesser führen zu starken Einfaulungen) | |
| Deutscher Name | Botanischer Name |
| Silberahorn | Acer saccharinum |
| Rotblühende Kastanie | Aesculus x carnea |
| Schwarzerle | Alnus glutinosa |
| Birke | Betula pendula |
| Esche | Fraxinus-Arten |
| Walnuss | Juglans regia |
| Tulpenbaum | Liriodendron tulipifera |
| Pappel | Populus-Arten |
| Kirsche, Aprikose, Pfirsich, Pflaume | Prunus-Arten |
| Fichte | Picea abies |
| Weymouth-Kiefer | Pinus strobus |
| Weide | Salix-Arten |
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