Kitabı oku: «Wenn wir die Masken fallen lassen»
Ulrike Quast
WENN WIR
DIE MASKEN
FALLEN LASSEN
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
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Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
1
Die Tür fiel ins Schloss. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Lena war gefangen. Gefangen in einem endlos langen Gang. Es roch nach abgestandenem Kaffee. Und es war düster. Nur spärliches Licht drang durch die verglasten Türen hindurch. Unzählige Türen, die in unzählige Räume führten. In der Mitte des Gangs stampfte eine riesige Frau über den Korridor. Sie verschwand im gegenüberliegenden Zimmer. Offenbar hatte sie das Mädchen nicht bemerkt. Sonst hätte sie sich darüber wundern müssen, dass Lena seit geraumer Zeit am Eingang stand. Wie eine Säule. Eine Säule, die mit großen Augen vor sich hin stiert.
Äußerlich sah man Lena keine Regung an. Wie sollte man auch? Lena beherrschte die Situation. Vollkommen. Denn sie hatte diese Szene in Gedanken immer wieder durchgespielt. Bestimmt hundertmal. – Sie klopft an die Tür mit der Aufschrift „Hauptkommissarin“. Dann drückt sie die Klinke hinunter und betritt den Raum. Selbstbewusst, cool. Sie schließt die Tür. Mit festem Druck. Die Kommissarin bietet ihr einen Platz an. Doch Lena bleibt vor dem Schreibtisch stehen. „Danke, nein.“ – Ja, so würde es laufen. Lena hält Blickkontakt. Sie sieht von oben auf die Kommissarin herab. Auf keinen Fall schaut sie zu Boden. Magenschmerzen? Nie und nimmer. Hämmerndes Pochen gegen die Schläfen? Keine Spur. Und diese bescheuerten Gedanken? Gedanken, die sie hin und her gewälzt hatte – seit Tagen schon: „Soll ich ….wirklich….?“, „Aber vielleicht doch lieber nicht…“, „Was passiert dann?…. mit ihm…“ – Am besten abschalten. Knopfdruck, graue Zellen aus. Gedankensperre. Für Zweifel war nun ohnehin kein Platz mehr in ihrem Kopf.
„Du tust das Richtige“, hatte ihre Mutter sie gestern noch einmal ermuntert. „Verstehst du? Du musst! Du musst es tun!” Und auf Mutters Stirn vertiefte sich die Falte zwischen den Augenbrauen. Wie ein in die Haut geschnittenes Ausrufezeichen. Das Ausrufezeichen war danach in ein schmerzhaft verzerrtes Gesicht übergegangen. Lenas Mutter bekam Migräne. Ausgerechnet am Abend vor diesem ätzenden Tag. Heute Morgen blieb ihre Mutter im Bett liegen. So war Lena sich selbst überlassen. Wie so oft, wenn Mutters Migräne ausbrach. Und die Migräne kam ohne Vorwarnung. Lena fühlte sich dann jedes Mal irgendwie schuldig. Als ob sie etwas tun müsste, um ihre Mutter zu befreien. Lena, die Retterin. Früher, wenn ihre Mutter manchmal mit geschlossenen Augen leise wimmernd dalag, ließ Lena ihre Handflächen über das Gesicht der Mutter kreisen. Um die bösen Geister zu beschwichtigen. Bis ihre Mutter es bemerkte und sie wegjagte. Nein, nicht ihre Mutter brüllte sie an, sondern die bösen Geister. Damals.
Und heute? Lena glaubt an keine Geister mehr. Trotzdem. Das, was sie heute vorhat, ist sicher nur gerecht. Es ist das Mindeste, was sie tun kann. Was sie für ihre Mutter tun kann. Lena ist es ihr schuldig. Schuldig. „Schuld–ich.“ Und er? Er kann ihr gestohlen bleiben. Sie hasst ihn! Von ganzem Herzen hasst sie ihn! Eigentlich hatte sie ihn aus ihrer Erinnerung ausgelöscht. Er existierte nicht mehr für sie. Auch seinen Namen entfernte sie. Sie warf ihn weg. Zuerst schrieb sie ihn mit dicken schwarzen Buchstaben auf ein großes Blatt Papier. Dann zerfetzte sie es in kleine Schnipsel und ließ sie in den Papierkorb segeln. Ein Schnipsel nach dem andern. Weg.
Doch nun musste Lena ihn wieder hoch holen. Sie musste ihn aus dem Gedächtnis hervorkramen. Eigentlich war es ganz leicht. Sein Bild war sofort da. Er – wie er redete. Wie er Lena in den Arm nahm, wenn sie traurig war. Wie er nachts nebenan wie ein Walross schnarchte und morgens den Espresso überkochen ließ. Und wie er früher Geschichten von stotternden Luftschaukeln und tanzenden Regenschirmen erfand und an ihrem Krankenbett wachte. Manchmal stundenlang. – Schwachsinn. Lena wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Eine Träne der Wut. Der Verachtung. Was sonst?
„Na, nicht so traurig, kleines Fräulein. Wohin willst du denn?“ Plötzlich stand ein dicker Herr vor ihr. Ein Beamter in glattgebügelter Uniform. Er lächelte sie mit schiefem Mund an. Seine Schnurrbarthälften verdrehten sich dabei wie zwei Windmühlenflügel und eines seiner Augen bekam einen Eskimoblick. Lena musste lachen. – „Jetzt lachst du wenigstens. Na, hoffentlich lachst du mich an und nicht etwa aus. Wo sind eigentlich deine Eltern? Sie haben dich doch wohl nicht allein hierher geschickt?“ – „Mutter muss auf meine kleine Schwester aufpassen und Vater ist auf einer Dienstreise“, log Lena. „Cool bleiben“, dachte sie. „Bloß cool bleiben.“ Doch ihr wurde heiß im Gesicht. – „Aber, wer wird denn gleich…?“ – Zum Glück öffnete jemand abrupt eine Tür und rief den Beamten in sein Zimmer. Lena stand wieder allein auf dem Korridor.
Schließlich marschierte sie los. Sie ging von Tür zu Tür. Immer zick zack. Über den Gang und zur nächsten Tür. Die Schilder mit den Aufschriften las sie zweimal durch. Wer konnte schon wissen? – Am Ende übersah sie doch den entscheidenden Namen. So musste sie ihre Odyssee über den Korridor des Polizeiamtes noch einmal von vorn beginnen. – „Umbrecht“. Lena war mit Hauptkommissarin Umbrecht verabredet. Der Name hämmerte gegen ihre Schädelwand: „Umbrecht“, tak-tak-tak, „Umbrecht“. – Wie Unrecht… Endlich! Sie stand vor der gesuchten Tür und klopfte sofort an.
Ohne das „Herein“ abzuwarten, öffnete Lena die Tür. Dann stand sie vor einer jungen Kommissarin mit dick aufgetragenem Wangenrouge. Das dunkelrote, lange Haar floss bis in die riesigen Augen der Beamtin. Grüne Glotzaugen. Auch das noch! Die Kommissarin konnte wahrscheinlich in Lena hineinsehen. Und ihr würde sicher keine falsche Bewegung entgehen. – Ach, was. Lena hatte sich schließlich im Griff. Sie setzte sich aber doch, als ihr die Kommissarin einen Platz anbot. Der Stuhl fühlte sich kalt an. Ganz im Gegensatz zu Lenas Kopf. Lena rückte bis auf die linke vordere Spitze ihres Sitzes. Nur nicht umkippen! Nur nicht umkippen! „Ich bin Lena“, sagte sie leise. „Meine Mutter hat vor einer Woche angerufen.“
„Ich weiß.“ Die Beamtin schaute Lena mit ihren Froschaugen an. Dann ließ sie den Blick an Lena entlang gleiten. Einmal nach unten und danach wieder aufwärts. „Was glotzt sie mich so an?“, dachte Lena. „Gleich geh‘ ich.“ – „Du möchtest also Anzeige erstatten. So. so. Ich weise dich aber jetzt noch mal drauf hin: Unser Gespräch wird auf Tonträger aufgezeichnet. Das hat der Kommissar deiner Mutter ja schon mitgeteilt. Dann bist du also damit einverstanden?“ Lena quetschte ein „Ja“ zwischen den Zähnen hervor. – „Na gut. Deine Mutter hat uns ja bereits informiert. … Die Person, gegen die du etwas vorzubringen hast, ist eine Verwandte. Nicht wahr?“ – „Ein Verwandter“, korrigierte Lena. – „Nun ja. Jedenfalls hättest du das Recht der Zeugnisverweigerung. Willst du trotzdem aussagen?“
Jetzt war der Moment da. Jetzt könnte sie nach einem „Nein“ aufstehen und den Raum verlassen. Und nie, nie wiederkommen. Jetzt hatte sie die letzte Chance. Sie würde gehen und das Ganze auf sich beruhen lassen. Sollte ihre Mutter doch nerven. Sollte sie Lena Vorwürfe machen: „Du hast versagt. … Wie so oft. Ich kann mich einfach nicht auf dich verlassen.“ „Ver-sagt, verlassen, Un-recht“, dröhnte es in Lenas Kopf. – „Hat‘s dir die Sprache verschlagen? … Hm… Möchtest du vielleicht ein Glas Wasser oder einen Tee?“ Die Beamtin blickte etwas freundlicher. Sie holte eine Flasche Mineralwasser und ein Glas aus ihrem Schreibtisch hervor. Dann schenkte sie ein und stellte das Glas vor Lena ab. Lena vergaß, sich zu bedanken. Sie nahm einen tiefen Schluck Wasser und hielt eine ganze Weile lang die Luft an. Schließlich spie sie mit einem Atemzug die Worte hervor: „Ich will aussagen.“
2
Er begegnete ihr. Robert begegnete Katharina. In dem Moment, zu dem Zeitpunkt, als er niemanden kennen lernen wollte. Ein Zufall? Später, als er sich erinnerte, glaubte er nicht mehr daran. Diese Begegnung war vorherbestimmt.
So stand er an jenem späten Vormittag auf dem Bahnsteig in L. Hier hatte er vorerst abgeschlossen. Seine Gastprofessur an der hiesigen Hochschule für Musik war beendet. Vorläufig. Denn Robert wollte wiederkommen. Um die Verlängerung seines Vertrags hatte er bereits gebeten. Nur ein paar Details waren noch zu klären. Doch darum würde er sich später kümmern. Nach dieser Reise. Nach seiner Rückkehr. Roberts kurzer Rückkehr in sein altes Leben. Er hatte sie lange hinausgezögert. Auch noch am Tag zuvor. Die Einladung einiger Musikerfreunde nach seinem Konzert kam ihm da gerade gelegen. Sie feierten bis weit nach Mitternacht. Frühmorgens war er dann zu Fuß in seine Pension gelaufen. Das Packen seiner Reisetasche musste Stunden gedauert haben. Jetzt stand die Tasche neben ihm auf dem Bahnsteig. Obenauf lag der Koffer mit seinem Saxophon. Robert trug alle Dinge bei sich, die er in den nächsten beiden Wochen brauchen würde.
Hier hatte er schon mehrmals gestanden. Hier, auf dem Bahnsteig in L. Genau an dieser Stelle. Am Scheitelpunkt zwischen seinen Welten. An diesem Punkt war er gleichzeitig hier und dort. Dort – in seiner Vergangenheit, in die ihn diese Reise noch einmal führte. Hier – in seiner Zukunft. In seinem neuen Leben, in dem er längst noch nicht angekommen war.
Doch würde er jemals ankommen? Würde er dort wirklich abschließen können? – Fragen. Sie drängten sich auf. Sie schoben sich in Roberts Gedankenwelt. Tag für Tag. Und sie durchbrachen die unruhige Stille der Nacht. Dann fühlst du diesen Stich in der Brust. Als ob es dein Herz durchzuckt. Es spaltet. Er, Robert F., lebte mit einem gespaltenen Herzen. Eine Hälfte schlug in seiner Vergangenheit. Eine Hälfte schlug hier, in seiner Zukunft. Obwohl es einem mitunter so vorkommt, als schlüge das Herz überhaupt nicht mehr. Dann ist da dieses taube Gefühl, dann spürst du gar nichts. Doch wenn er spielte, wenn er seinen Atem hemmungslos in das Saxophon blies, fühlte er sich ganz. Er war eins mit der Musik, eins mit sich selbst. Meistens stellte sich dann dieser Groove in ihm ein. Als taumelten die Sinne vor Glück. Und so pendelte Robert im Auf und Ab seiner Seelenzustände.
„Ich war gestern in Ihrem Abschlusskonzert. Es war großartig! Ich…. bin noch ganz erfüllt von der Musik. Ihrer Musik. Danke.“ – Sie stand plötzlich vor ihm. Hochgewachsen. Hell leuchtende Haare. Mit Augen, die du siehst und nicht vergisst. Augen, die in das Leben eintauchen. In denen sich das Leben widerspiegelt. „Ich bin Katharina“, stellte sie sich vor. Ihr Lächeln war ansteckend. – „Robert. Ja, schön, dass es Ihnen gefallen hat…. Hab ich Sie nicht gesehen? – Ne, wahrscheinlich nicht…. Ich schließe auch meistens die Augen, wenn ich spiele.“
„Sie sahen aus … So … Ich weiß nicht. Na, jedenfalls nicht von dieser Welt.“
„Kennen Sie das? Das ist wie ein Rausch… Aber ich war auch ziemlich gut drauf gestern.“
„Hm, waren Sie…. Und … Ihre Blumen? Sie haben sie wohl vergessen?“
„Welche Blumen? … Ach, die Rosen. Die hab ich meiner Wirtin geschenkt…. Zum Abschied.“
„Kommen Sie denn nicht wieder?“
„Doch…. Ich denk‘ schon.“
Da war es wieder. Ihr Lächeln, das die trüben Gedanken vertrieb. Ein Lächeln – wie eine Morgendämmerung. Oder wie eine rosa Mohnblume. Sind Mohnblumen nicht leuchtend rot?
„Und … was machen Sie so? … Ich meine, wenn Sie nicht gerade auf Bahnsteigen rumstehen.“
„Ich? … Seelen flicken. Jedenfalls …. versuch‘ ich‘s. Ich bin Psychologin…. Oh, kommen Sie. Schnell!“
Der Zug war inzwischen eingefahren. Er stand schon eine Weile lang da. Der Schaffner riss die Wagentür auf und rief Robert und Katharina zu: „Beeilen Sie sich.“ Die beiden stiegen hastig ein. Als sie das Abteil betraten, fuhr der Zug auch schon los. Es gab noch genügend freie Plätze und das wenige Gepäck war schnell verstaut. Robert setzte sich auf einen Fensterplatz. Er saß Katharina gegenüber. So konnte man reden. So konnte man fast gleichzeitig ihre Augen sehen und aus dem Fenster schauen. Draußen ziehen Bilder vorüber: Häuser tauchen auf und rücken in die Ferne. Felder leuchten goldgelb. Weite Rapsfelder, die den Horizont berühren. Ein paar Wolken driften am Himmel vorbei. An den Straßenrändern stehen blühende Bäume. Telefonmasten überbrücken Entfernungen. Wie weit sie wohl reichen?
„Wie weit fahren Sie denn?“, fragte Katharina. – ‚Ob sie Gedanken lesen kann?‘ … „Nach K., in meine alte Heimat.“ – „Aber … Dann geh‘n Sie wohl zurück?“ – „Nein, nur für kurze Zeit. Eigentlich will ich wiederkommen … Jetzt, wo ich Sie kenne…“ – „Aha. Sie kennen mich also. … Das geht aber schnell bei Ihnen.“ – „Manchmal schon…. Und? … Fahren Sie auch nach K.?“ – „Nein. Aber ganz in Ihre Nähe. … Ich mache eine Fortbildung – Hypnosetherapie.“ Robert blickte Katharina irritiert an: „Das ist doch Manipulation, oder?“ – „Manipulation? …. Wie kommen Sie denn darauf.“ – „Na? Und? … Manipulieren Sie nun?“ – „Nein.“ Katharina lachte. „Also, wirklich!…. Sie haben doch nicht etwa Vorurteile?“ – „Na gut. Soll ich ehrlich sein? Ihr Psychologen redet einem doch so lange ein, dass man verrückt ist, bis man‘s selber glaubt. Und ihr könnt Gedanken lesen. …. Oder etwa nicht?“ – „Ich? Natürlich nicht…. Aber … hinter der Fassade … Dort schau‘ ich schon ab und zu mal nach.“
Robert wurde plötzlich still. Die Welt hinter der Fassade. Das andere, das unsichtbare Ich. Er hatte es erfahren. Eines Tages offenbarte es sich. Obwohl es ihm lange verborgen blieb. Weil er es ignorierte. Weil sich das Leben für Robert eher draußen abgespielte. – Seelenpiss. Das war früher nie seine Sache. Bis er sich auf eine Reise nach Innen begab. Unwillkürlich musste er nun an sie denken. Sie, die er begraben hatte. Ganz tief unten im Gedächtnis. Bei den Lebensirrtümern, die man am liebsten ungeschehen macht. Post-phalliatische Amnesie. Oder besser: Man geht an den Ausgangspunkt des Geschehens zurück. Klappe, die zweite. Als ob bereute Lebensentschlüsse mit einem verpatzten Rollenspiel zu vergleichen sind! Oder mit einem Fehlstart.
Obwohl. Es gab Hinweise. Lange schon. Hinweise seiner Freunde. Seine eigenen Bedenken. Signale, die von ihr ausgingen. Die er nicht hätte wegwischen sollen. Ihre allzu kompromisslose Art, die Welt zu betrachten. Ihre Mitmenschen zu verurteilen. Diese Prinzipienreiterei. Und die Heimlichkeiten. Robert hatte manchmal das Gefühl, dass sie ihm etwas verschwieg. Etwas, das mit ihr und ihrer Vergangenheit zu tun hatte. Etwas, das auch ihn anging. All das waren Anzeichen, die er hätte ernst nehmen sollen! Er säße nicht in diesem Zug. Er hätte nicht diese Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, die sein altes, sein gewohntes Leben umstoßen würde. Sein Leben wäre ohnehin ganz anders verlaufen.
Eine Stimme riss Robert aus seinen Gedanken: „Ihre Fahrkarten, bitte.“ Als Katharina dem Schaffner ihre Bahncard reichte, sah Robert ein großes B hinter ihrem Vornamen. B – wie „begegnen“. Robert kramte in seiner Tasche. Schließlich hielt er sein Notizbuch in der Hand und blätterte darin. Dann zeigte er Katharina eine Skizze: Farbige Linien, die zusammentreffen. Die sich in einem Punkt berühren. Ein Moment der Begegnung. Dann strömen die Linien in verschiedene Richtungen auseinander. Darunter waren unleserliche Worte gekritzelt.
„Hier…. Sehen Sie mal. Das sind wir.“ – „Oh, tatsächlich?… Wie deprimierend…Haben Sie mal einen Stift?“ Robert zog für sie einen Bleistift aus der Jackentasche. Katharina nahm ihn und malte zwei Linien, die sich einander nähern. Der Platz in Roberts Notizbuch reichte nicht aus, und sie skizzierte auf der Fensterbank weiter: „So…. Das gefällt mir schon besser… Man trifft sich nämlich immer zweimal im Leben…. Die Dualität der Ereignisse. Wissen Sie?“ Robert nickte vielsagend. „Dass ihr euch im Westen auch damit beschäftigt…“ – „Na, da hoffe ich mal, dass ich Ihr Weltbild nicht erschüttert hab‘. … Aber Sie lächeln ja noch. … Dann… Warte mal. … Ich möchte dir noch was zeigen.“ Es fiel ihm auf, dass er sie plötzlich duzte. Sie schien jedoch nichts dagegen zu haben.
Robert blätterte wieder in seinem Buch. Er wies auf eine mit Bleistift beschriebene Seite: „Hier, sieh mal. Du kannst es gern lesen.“ Die Sätze hatte er erst gestern notiert. Nun schaute er Katharina zu, wie sie las. Es war merkwürdig, dass er einer wildfremden Frau so einfach seine Aufzeichnungen anvertraute.
„Klänge schweben durch den Raum. Sie erzählen Geschichten. Geschichten, die sich, kaum dass sie da sind, wieder verflüchtigen. Manche Klangfolgen erscheinen wieder. Tänzelnd bewegen sie sich aufeinander zu. Im Wechseltakt. Bis sie, eine in die andere, überfließen. Bis sie verschmelzen. – Ein letzter Tanz. Eine letzte Umarmung. Dann strömen sie wieder auseinander. Sie driften davon. Später der Moment des Umkehrens. Plötzlich. Motive steuern erneut aufeinander zu. Sie versinken ineinander. Sie werden eins. Das Weiche, Fließende und das Harte, Abgehackte. Ein Wechselspiel. Immer wieder.“
„…Und das Schöne dabei ist … Du weißt vorher nie, wohin es dich lenkt. Du folgst einfach den Impulsen in dir. Und jeder Impuls führt dich zum nächsten. … In der Musik wie im Leben.“ – „Dann sind wir nur zufällig hier?“ – „Vielleicht… Vielleicht nicht… Da ist ja auch noch die Bestimmung. Die Vorherbestimmung.“ – „Und? Glaubst du an Zufälle?“ – „Na, klar. … Obwohl… Meinst du, dass wir uns heute wirklich nur zufällig begegnet sind?”
3
In K. war der Himmel bewölkt. Schon in den frühen Morgenstunden hing ein Dunstschleier über der Stadt. Der Tag blieb trüb und die Abenddämmerung setzte früher als gewöhnlich ein. Auch im Zimmer brannte kein Licht. Hella hatte die Vorhänge zugezogen. Sie saß im Halbdunkeln. Das tut sie öfter in letzter Zeit. Sie ist dann für keinen zu sprechen. Sie ist scheinbar lautlos und unsichtbar. Ihr Dasein ist ausgelöscht. Sie ist nicht existent. – Einfach ins Nichts eintauchen! Wie in einen Sog gezogen werden und sich auflösen. Nicht da sein, nicht gewesen sein, nicht werden. Weder im Raum noch in der Zeit existieren. Eine Vision, die sie sich gerne ausmalte. Eine Idee, über die sie nachsann. Die Idee von der Nicht-Existenz. Vom Nichtsein.
Doch Hella saß da. Sie saß im Wohnzimmer und hielt diesen Brief in der Hand. Einen Brief von Robert. Nachdem sie ihn wieder und wieder gelesen hatte, zerknüllte sie das Papier. Sie drückte es fest zusammen. Bis ihre Finger zitterten. Die Worte kannte sie längst auswendig: „Ich werde nicht mehr zu dir zurückkommen. Wir haben uns auseinander gelebt und mir ist klar geworden, dass es mir ohne dich besser geht. Meine Entscheidung fühlt sich einfach richtig an. Ich hoffe, du verstehst das. Bitte glaub mir, es tut mir leid. Es tut mir leid um uns und unsere Träume! Robert.“ Er wolle noch diese Woche kommen und seine Sachen abholen.
Das klang endgültig. Unumkehrbar. Ob es ihm wirklich ernst war? Hella schüttelte den Kopf. Sie hatte auf ihn gewartet. Auch dieses Mal. Und sie hatte gehofft. Als er ihr vor einem halben Jahr mitteilte, er würde die Gastprofessur in L. antreten, redete sie ihm zu: „Der Abstand wird uns gut tun.“ Sie gab vor, seinen resignierten Blick nicht zu bemerken. Zwei Tage später fuhr er weg, ohne sich von ihr zu verabschieden. Nur ein Zettel lag auf dem Küchentisch: „Mein Zug geht um 9.28. Du schläfst noch. Ich wecke dich nicht. Mach’s gut. R.“ Früher hätte er sie gebeten, ihn auf den Bahnhof zu begleiten. Früher hätte er sich nicht von ihr losreißen wollen. Wahrscheinlich wäre er nicht einmal für eine solch lange Zeit weggegangen. Früher…
Während er in L. war, hatten sie kaum Kontakt zueinander. Nur seiner Tochter schrieb Robert jede Woche einen langen Brief. Hella öffnete die Briefe immer als Erste. Bis ihre Tochter ihr irgendwann einen Brief aus der Hand riss und tagelang schmollte. Seither erhielt das Mädchen keine Post mehr von ihrem Vater. Weshalb, das war Hellas Geheimnis. Es gab da einen alten Reisekoffer auf dem Dachboden. Ein Koffer der Erinnerungen. Erinnerungsstücke an Robert, die sie aufbewahrte und hin und wieder hervorkramte. Die sie abtastete und betrachtete. Deren erahnten Duft sie einsog und sich dabei an Roberts Worte entsann. Worte, die er vor langer Zeit gesagt hatte. Hella flüsterte sie immer wieder vor sich hin. Sie schrieb sie auf farbige Briefbögen, die sie bündelte. Der alte Reisekoffer verbarg all diese Erinnerungen. Und er hütete ihr Geheimnis. Den verrosteten Schlüssel zum Koffer trug Hella an einer Kette um den Hals.
Auch die Briefe an ihre Tochter verheimlichte Hella. Sie verheimlichte Roberts Worte, die ohnehin an sie, Hella, gerichtet waren. Worte, die aus Roberts tiefstem Innern sprachen und nur ihr galten. Zeichen, die er aussandte. Um eine Brücke zu bauen. Um sich ihr wieder zu nähern. Ja, so musste es sein. Denn ihre Beziehung hatte etwas Einzigartiges. Etwas, das zuallererst nur sie und ihn betraf. Nicht ihre Tochter und auch nicht seine Mutter. Die hatte den letzten Streit zwischen Robert und ihr überhaupt erst verursacht. Ausgerechnet an Hellas Geburtstag musste ihre Schwiegermutter erkranken. Ausgerechnet an ihrem Geburtstag musste Robert seine Mutter besuchen. Das Magengeschwür war in des Wortes wahrstem Sinn bösartig. Denn es wucherte. Es häufte einen hohen Wall zwischen Hella und Robert an. Es vergiftete ihre Liebe. Zum Glück war Roberts Mutter nun tot.
Hella sprang plötzlich auf. Sie lief im dunklen Zimmer umher. Immer auf und ab. Auf und ab. Gedanken und Bilder jagten durch ihren Kopf. Szenen, in denen Robert vorkam. In denen sich real Erlebtes und Fiktion vermischten. „Du hast verloren“, spotteten Stimmen in ihr. „Du hast ihn verloren.“ Hella hielt sich die Ohren zu, doch es höhnte weiter. – „Das werdet ihr büßen! Alle! Du wirst es büßen!“, schrie es aus ihr heraus in das dunkle Zimmer hinein. Die Worte hallten in ihren Ohren wider. Sie verselbständigten sich. Sie sprachen zu ihr. – Sie sollen endlich schweigen! Die Stimmen sollen Ruhe geben! Ruhe! – „Ich mach‘ euch fertig! Dich mach‘ ich fertig!“
Blitzartig ergriff Hella den Telefonhörer und wählte Roberts Handynummer. Eine weibliche Stimme verkündete, dass der Teilnehmer nicht erreichbar sei. – „Das kann nicht dein Ernst sein!“ Hella brüllte in den Hörer. „So einfach kommst du mir nicht davon! So nicht!“ Als sich die Mailbox einschaltete, hatte sie bereits aufgelegt. Nach kurzer Zeit wählte sie erneut. Sie drückte auf die Raute–Taste. Wieder und wieder. Worttiraden brachen aus ihr hervor. Wortschwalle, die Robert irgendwann abhören würde. Bereuen sollte er. Bereuen und sie um Verzeihung bitten. So, wie all die Male zuvor.
Noch einmal wählte sie. Doch die Nummer war besetzt. Hella warf den Hörer gegen die Wand. Das Loch in der Tapete hatte ein Gesicht. Roberts Gesicht, das sie mitleidig anblickte. Hella warf den Telefonhörer in das Gesicht: „Ich mach‘ dich kaputt! So, wie du mich kaputt machst!“ Der Hörer fiel zu Boden und ging entzwei. Sollte doch der Anschluss unterbrochen sein! Sollte doch der letzte Draht zu Robert abgeschnitten sein! …
Hella schaltete das Licht an. Sie zog die Vorhänge beiseite. Die Straßenlampe vor dem Haus leuchtete durch das Fenster. Sie schaute hinaus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hielt ein Taxi. Ein Mann stieg aus. Dann knallte die Autotür zu. Hella wartete nicht, bis sie den Mann im Dunkeln erkennen konnte. Stattdessen lief sie zur Eingangstür und schloss sie zweimal ab. Den Schlüssel ließ sie im Schlüsselloch stecken. Obwohl Robert ohnehin nicht hineinkäme. Einer spontanen Eingebung folgend, hatte Hella am Tag zuvor das Türschloss austauschen lassen. Nur für alle Fälle.
Sie setzte sich ans Fenster und lauschte. Das Taxi fuhr wieder ab. Es klingelte. Sicher hatte der Besucher bemerkt, dass sie zu Hause war. Es klingelte noch einmal. Doch Hella blieb sitzen. Sie zelebrierte ihre Präsenz. Mit allen Sinnen nahm sie wahr, dass sie da war. Ja, sie war anwesend und ließ ihn nicht eintreten. – Ihn da draußen zu wissen! In seiner Ohnmacht. Das fühlte sich göttlich und teuflisch zugleich an. Leise lief sie zur Tür und hielt ihr Ohr daran. Sie konnte seinen Atem hören. Und sie spürte seinen Finger auf dem Klingelknopf, als er ihn erneut drückte. Vergeblich.
Und dennoch. Sie ist da. Und sie bleibt präsent. Präsent für ihn. Wie ein unsichtbarer Verfolger wird sie ihm auf der Spur bleiben. Sie wird sich an sein Dasein heften. Weil sie existiert. Denn es ist unmöglich, nicht zu existieren. Und wie sollte sie auch das, was war und was ist, ungeschehen machen? Ins Nichts umkehren? Nein, das Nichts existiert nicht. Und Raum und Zeit haben beide mindestens drei Dimensionen. Eine davon ist das Morgen. Und das zählt.
4
Geräusche. Ein Presslufthammer dröhnte ununterbrochen. Und die Stimme der alten Dame. Dominant. Monoton. Sie schob sich in Roberts Gehörgang. Sie drängte die Bilder beiseite.
Dabei wollte er den Tagtraum wieder hervorholen. Das Bild der Schaukeln, die unaufhörlich in Bewegung sind. Immer wieder – vor und zurück. Vor und zurück. Du sitzt auf. Du pendelst. Ohne Schwung zu holen. Bis du schwebst. Was für ein befreiendes Gefühl! Angeschoben werden. Aufsteigen. Mit den Füßen nach dem Himmel greifen. Die grenzenlose Weite in sich aufnehmen. Dann der große Augenblick der Wende. Sich fallenlassen. Sich hingeben. Schwerelos sein, aber doch den Boden berühren können. Und erneut aufsteigen. Ganz von selbst. Bis man in die Wolken taucht. Bis man Zeit und Raum vergisst. Eine Vision: Im ganzen Land schwingen Schaukeln. Unzählige Perpetua mobilia. Wer abheben möchte, springt einfach auf. Dann steigt er höher und höher. Dann fliegt er. Ein ganzes Volk im Schwebezustand. – Nicht, wie die Menschen da draußen. Sie stapfen voran. Volle Tragetaschen, um die Freude nach Hause zu schleppen. Schwerstarbeit für ein bisschen Heiterkeit. Dabei wäre es so leicht: Aufsteigen, hochschwingen, schweben. Und loslassen. Alles, was war, hinter sich lassen. Nur der Moment zählt. Gewohntes wird fremd. Und das Geheimnisvolle, das Unvorhersehbare bahnt sich seinen Weg.
„Kalimera.“ Der Kellner des griechischen Restaurants holte Robert in die Realität zurück. „Einen griechischen Kaffee und einen doppelten Ouzo wie immer?… Du lange nicht hier.“ – „Aber ich komme doch immer wieder. Ach, schön dich zu sehen, Kostas. Wie geht`s euch?“ – „Ich haben viel Arbeit. Jeden Tag Gäste. Alexía zu Hause… In Kreta jetzt alles blüht. Schönste Zeit im Jahr.“ – „Ich weiß. Es duftet dann überall so geheimnisvoll.“ Robert lächelte. Er hatte einmal vor Jahren Kostas` Familie besucht. Es war Frühling. Ein Frühling, anders als in Deutschland. Heller und heiterer. Und wärmer. An jenem Abend gab es ein Dorffest. Auf dem Platz vor der Kirche spielte eine Kapelle. Die Dorfbewohner tanzten im Kreis. Ausgelassen. Zügellos. Robert schloss sich ihnen an. Er hüpfte und sprang im Klang der Gitarren und Bouzoukis. Wie ein Zorbas. Wie ein Heros des Sirtakis. Auf dem Heimweg tanzte er weiter. Er tanzte auf der holprigen Dorfstraße und hielt María, Kostas` Schwester, in den Armen. Der Sirtaki dauerte bis in die Morgenstunden.
Robert tanzte von jeher mit Leidenschaft. Er liebte es, sich zu bewegen. Frei und zwanglos. Und er liebte die Momente der Selbstvergessenheit. Aus sich herauszugehen, sich zu öffnen und sich zuzuwenden. „Denn das Tanzen hat mit Nähe zu tun… Und mit Berührung. Wenn man mit einer Frau tanzen kann, kommt man auch mit ihr durchs Leben“, erklärte Robert unlängst seiner Freundin Josi. „Denn… Ist das Leben nicht ein Tanz?“ – „Dann hättest du wohl erst mit Hella tanzen sollen.“ – Er hatte es versucht. Vergeblich. Was Hella fehlte, war die Lebensfreude. Meist schien sie Robert unbeweglich–unbewegt. So musste er von Anfang an mit anderen durchs Leben tanzen. „Weißt du noch?“, fragte er Josie „Die Nacht nach dem Dozentenkonzert? Wir konnten nicht aufhören, uns zu drehen… Mein Gott, ist das lange her. Meinst du, ich hätte damals um dich kämpfen sollen?“ – „Ich sag‘ dir mal was: Es ist schwer, dich zu halten“, entgegnete Josi. Denn Robert suchte die neue Erfahrung. Das Prickeln. Die Spannung. Und die Glut.
Doch mit Hella war das Feuer endgültig erloschen. Vielleicht hatte es nie wirklich in ihm gebrannt. Vor einigen Tagen holte Robert seine letzten Sachen ab. In der Wohnungstür war das Schloss ausgetauscht. Er musste den Schlüsseldienst rufen. Zum Glück war dann niemand zu Hause. Doch der Blick in das leere Kinderzimmer tat weh. Und Robert beschlich in jenem Moment eine Ahnung. Etwas stand ihm bevor. Besorgniserregend. Bedrohlich. Wie Hellas Worte auf seinem Anrufbeantworter. Einen Teil der Nachrichten hatte er gelöscht. Den anderen Teil überspielte er auf ein altes Band. Er bewahrte es auf. Sicher ist sicher. Vielleicht würde er es noch einmal brauchen.
Im Restaurant war es still geworden. Die alte Dame hatte gezahlt und war gegangen. Den Presslufthammer hörte Robert schon eine ganze Weile nicht mehr. – Er schaut aus dem Fenster. Draußen strömt der Fluss dahin. Nebelschwaden verdecken die Sicht. Am gegenüberliegenden Ufer ist der Dom in graue Schleier gehüllt. Sie geben ihm etwas Rätselhaftes. Etwas beinahe Ätherisches. Im Griechischen bedeutet Äther „Weite des Himmels“. Robert taucht seinen Blick in den Nebel. Er taucht ihn in das scheinbar Unsichtbare, die verborgene Weite. In das Unbekannte, das doch erkennbar ist. Für den, der durch schaut, der durchschaut.
Robert lächelte vor sich hin. Er kippte seinen Anisschnaps in den Kaffee. Dann prostete er Kostas von weitem mit der Kaffeetasse zu: „Jia mas.“ – Er würde wiederkommen. Eines Tages. Dann wird er in seinem neuen Leben längst angekommen sein. Ganz bestimmt. Als Robert ging, umarmte er Kostas: „Mach`s gut. Heute ist mein letzter Tag hier. Ich geh‘ weg. Für immer. … Sag María schöne Grüße.“
5
Katharina hatte ihr schönstes Kleid angezogen. Dazu trug sie rote Schuhe. Sie waren ein Geschenk. Ein Geschenk eines verflossenen Verehrers. Er hatte Katharina dann nie in den Schuhen gesehen. „Schenke keine Schuhe, sonst läuft der Träger eines Tages in ihnen davon“, sagte Katharinas Großmutter einmal vor Jahren. Mit einem Augenzwinkern. Doch Katharinas Glaube blieb unerschütterlich. Sie glaubte auch an eine Wiederbegegnung mit Robert. Schon damals, als er sie kurz vor der Ankunft in K. nach ihrer Telefonnummer fragte. Seitdem waren ein paar Wochen vergangen. Wochen einer zögerlichen Annäherung. Allzu zögerlich. Katharina war sich nicht sicher, aber etwas Wesentliches in Roberts Leben blieb ungesagt. Eine andere Frau? Sie musste es herausfinden. Heute Abend noch. Heute Abend nach dem Konzert.
Es war Roberts erstes Konzert nach ihrer Begegnung auf dem Bahnsteig. Die Einladung hatte Katharina erst vorgestern erhalten. „Wirst du kommen? Ich spiele nur für dich“, stand auf einem Zettelchen, das in der gefalteten Eintrittskarte lag. Auf der Karte klebte ein gelblich leuchtender Mondstein. „Mondsteine beeinflussen die weibliche Gefühlswelt und stärken hellsichtige Fähigkeiten“, erfuhr Katharina aus dem Lexikon. Robert hielt also auch am Klischee fest.
„Er befürchtet, ich könnte ihn durchschauen“, erklärte Katharina einmal ihrer Freundin Annette am Telefon. „Wahrscheinlich fühlt er sich nackt. Nackt und mir völlig ausgesetzt … Ohne Geheimnisse.“ – „Ist er denn wenigstens hübsch?“, fragte Annette. „Die Menschen werden ja ohnehin immer hässlicher… Ja, und außerdem: Musiker haben doch nie Geld.“ – “Na und? … Ich brauch‘ doch keine Villa.” – “Wenn du mich fragst … Ich hätte nichts dagegen.” Und so suchte Annette. Pausenlos. Ihre großen, dunklen Augen blickten ständig in die Ferne. Als winkte ihr von dort das Glück zu. Das Glück in Gestalt eines schönen Prinzen im Cabriolet.
Aber war Katharina nicht selbst auf der Suche? Und es kam ihr so vor, als wäre sie bisher nur ein kleines Stück ihres Weges vorangekommen. Nicht, dass es sie ruhelos von Ort zu Ort trieb. Nein, es war eher ein inneres Suchen. Wonach? Das ließ sich schwer beschreiben. Etwas trieb sie um: „Ich glaube, es sind Einsichten. Lebenseinsichten, die ich aufspüren will. Nennen wir sie doch einfach Erfahrungen“, stand in Katharinas Schreibbuch. „Archetypen von Erfahrungen. Wie es sie in den Märchen und Mythen gibt.“
Katharina schrieb hin und wieder selbst Geschichten. Auch für Robert hatte sie vor einigen Tagen ein Märchen geschrieben. Über einen armen Flötenspieler, der eine Prinzessin seine Kunst lehrt. Am Ende befreit er sie von ihrem Hochmut und ihrer Kälte. Robert gefiel das Märchen. Katharina musste es ihm zweimal vorlesen. „Ich höre dir gern zu“, sagte er. „Deine Stimme klingt wie das Rascheln eines Seidentuchs.“ Katharina versuchte danach vergeblich, sich das Geräusch eines Seidentuchs vorzustellen. „Weil du eben nicht Ohren wie eine Fledermaus hast“, erklärte Robert. „Fledermäuse haben nämlich ein ganz sensibles Gehör.“ – Ohren wie eine Fledermaus! Bei dieser Vorstellung konnte sich Katharina nicht mehr halten vor Lachen.
So, wie in dem Moment, als sie sich daran erinnerte. Sie saß in der Aula der Musikhochschule und fing an loszuprusten. Keiner beachtete sie. Denn es war ohnehin ziemlich laut um sie herum. Alle fieberten Roberts Auftritt entgegen. Und Katharina fieberte mit. Sie saß gleich in der ersten Reihe. Ihr sollte kein Ton entgehen. Kein Ton und keine Nuance seiner Mimik. Und sie wollte Roberts Händen zuschauen. Seinen Fingern, wie sie die Klappen des Saxophons berührten. Katharina zupfte an ihrem Kleid herum. Dann blickte sie auf ihre Schuhe. Rot war Roberts Lieblingsfarbe. Einmal würde er sicher zu ihr herüber blicken. Einmal mindestens.
Als Robert, begleitet von einer jungen Pianistin, die Bühne betrat, wurde es beinahe lautlos im Zuschauerraum. Nur ganz hinten hüstelte jemand verhalten. Dann begann jemand zu klatschen. Andere schlossen sich an, bis der ganze Saal bebte. Die beiden Musiker verbeugten sich. Erst, nachdem der erste Ton erklungen war, verebbte der Beifallssturm.
Katharina schließt die Augen und lauscht. Hin und wieder blickt sie auf. Sie schaut zu, wie Klänge erschaffen werden. Wie vier Hände Musik erzeugen. Aus dem Impuls des Augenblicks. Musik – sie erfüllt den Raum. Auch Katharina ist erfüllt von ihr. Und sie nimmt wahr. Sie fühlt sich ein. Sie spürt, wie die Künstler harmonieren. Zwei völlig ungleiche Interpreten, die im perfekten Einklang sind. Katharina hat längst die Musik ausgeblendet. Sie stellt ihre Sinne ganz auf das Betrachten ein. Auf das Sehen und die Einsicht.
Stunden später, als sie längst zu Hause war, schrieb sie in ihr Schreibbuch: „Musik. Zaghaft beginnt der Ton. Dann stirbt er ab. Er verendet lautlos, wie er gekommen ist. Ein zweiter erklingt – lockend, einschmeichelnd. Behutsam greift die junge Frau in die Tasten. Dann lauscht sie dem Echo, dessen Timbre sie ausgelöst hat. Das Klavier wird ihre Partnerin. Es spricht aus, was sie ihm einflüstert. Sie streichelt die Tasten. Zaghaft und verhalten. Als erahne sie nur die Dynamik, die in den Rhythmen und Tönen ruht. – Schrill setzt er ein, aufreizend. Es folgt eine Salve exzentrischer Töne. Sein Saxophon kreischt und ächzt. Es donnert und grunzt. Dann heult es auf und bricht jäh ab. So, als wäre es erschrocken, zu viel gewagt zu haben.
Sie lauscht, bäumt sich auf. Und wieder setzt sie an. Sie lässt die Tasten reagieren. Sie lässt sie loshämmern. Abgehackte Töne, die ganz am Ende in schwebende Klänge übergehen. – Wieder hakt sein Saxophon ein. Es zwängt sich dazwischen. Fordernd und einfühlsam, aufstachelnd und zurückhaltend, drängend und beschwichtigend. Wie ein Meister der Verführungskunst.
Die Instrumente treiben ein duales Spiel. Sie suchen ihren Ausdruck im Jetzt, das gerade war und im nächsten Moment entrückt. Klänge werden zum Gleichnis für Geist und Instinkt. Sie bahnen sich ihren Weg. Spielerisch-ringend: Harmonisch und dissonant, regelhaft und anarchisch, zukunftsweisend und dekadent. Ein musikalisches Liebesspiel. Bis es in ekstatischer Stille verklingt.“
Katharina hatte das Konzert vorzeitig verlassen. Mitten in der Aufführung. Es lag nicht an der Musik. Denn Roberts Art zu spielen, zu improvisieren, hatte etwas beinahe Magisches. – Und doch. Es war anders. Dieses Mal war es anders. Eine neue Facette kam hinzu. Eine neue Spielart. Etwas Intimes. Zuwendung, von der sie, Katharina, ausgeschlossen war. Blicke, die nicht ihr galten. Nicht ein einziges Mal.
„Musik ist wie eine Beziehung…. Oder wie ein Liebesakt“, hatte Robert ihr vor kurzem erklärt. „Man umgarnt sie. Man schmeichelt ihr. Bis sie sich öffnet und dir hingibt. Als Rhythmus. … Als Klang. … Oder Harmonie. Es ist, als ob man verschmilzt: Musiker und Musik.“
Katharina war fast den ganzen Weg zu ihrer Wohnung barfuß gelaufen. Nein, nicht gelaufen, gerannt war sie. Ihre Füße brannten. Sie schmerzten bis zum Kopf. Als sie an einem Papierkorb vorbeikam, warf sie ihre Schuhe hinein. Nun war sie wieder in ihnen davongerannt. Zum letzten Mal. Als Katharina zu Hause ankam, klingelte das Telefon. Hastig lief sie ins Wohnzimmer und ergriff den Hörer. Doch der Anrufer hatte bereits aufgelegt.
6
Lena fror. Sie stand in der Küche und rührte. Draußen tobte der erste Sommersturm. Hin und wieder ließ er das angekippte Küchenfenster zuknallen. Dann zuckte Lena zusammen. Sie lauschte. Dorthin, woher er kommen musste. Doch die herbeigesehnten Schritte blieben aus. Später blendeten sich die Raumgeräusche wieder ein. Vordergründig. Sie drückten auf die Ohren. Lena wollte das so. Die Teller im Geschirrspüler klapperten. Auf dem Herd kochte zischend das Wasser über. Die Stimme im Radio – sie ging im Rauschen unter.
Lena horchte und rührte. Sie rührte einen Pfannkuchenteig. Einen Teig, wie ihn ihr Vater immer zubereitete. Lena quirlte die klumpige Masse wie besessen und bekam Schluckauf dabei. „Schluckauf kriegst du immer, wenn jemand intensiv an dich denkt“, hatte ihr Großvater öfter zu ihr gesagt. Vor Jahren, als er noch lebte. Dabei lag dann so etwas Merkwürdiges in seinem Blick. Etwas Geheimnisvolles. Selbst die alte Küchenuhr tickte plötzlich auf rätselhafte Weise.
Jemand dachte also an Lena. Ihr Freund Markus? Mutter? Nein, dann doch lieber Vater. Vater. Wie sehr sie ihn vermisste. Seine Arbeit in L. musste eigentlich längst abgeschlossen sein. Doch sie hatte schon seit längerem nichts mehr von ihm gehört. Obwohl sie ihm ein paar Mal geschrieben hatte. – Keine Antwort. Das tat weh. ‚Vielleicht hat Mutter… Ach, was. So etwas würde sie niemals tun!‘ – Neulich erzählte Markus, dass sein Vater ihn jeden zweiten Sonntag zu sich holte. In sein neues Zuhause. Das teilte er mit einer sehr jungen Frau. Markus mochte sie. „Und dein Vater?“ Ruft er dich an?“ – „Ja, erst gestern“ log Lena und fühlte sich schlecht dabei.
‚Ach, Vater. Wo steckst du eigentlich? Und warum meldest du dich nicht mehr bei mir? – Aber sicher wird er bald wieder da sein. Bisher ist er doch immer wiedergekommen. Auch wenn Mutter und er gestritten hatten.‘ Und die beiden stritten oft. Meistens gleichzeitig. Jeder drängte sich vor, um sich zu behaupten. Mit Worten, die man später bereut. Hauptsache lautstark und eindringlich. Lena stand dann zwischen den beiden. Sie hielt sich die Ohren zu. Sie drückte so fest, dass ihre Ohren rauschten. Lena tat das, um die Worte abzubremsen. Damit sie nicht eindrangen. Damit sie sich nicht ausbreiteten. Nicht ausbreiteten bis an ihr Herz. Manchmal ließ sie auch das Radio dröhnen. So wie heute.
Meistens hörte ihr Vater dann auf zu streiten. Entweder fand er die Worte, die Lenas Mutter beschwichtigten, oder er ging. Tür zu. Weg war er. Auch tagelang. Doch wenn er zurückkam, buk er fast jedes Mal Pfannkuchen. Leckere Pfannkuchen. Mit viel Zucker. Der spülte den bitteren Geschmack des Kummers weg.
Lena durfte beim Backen immer zusehen. Manchmal half sie auch dabei. Dann rührten sie gemeinsam. Und sie lachten. Sie lachten viel. Lenas Vater war einfach cool. Der lustigste Pfannkuchen-Bäcker auf der ganzen Welt. Er machte eine Show für Lena. Eine Pfannkuchen-Jonglier-Show. Er warf den halbgaren Kuchen in die Luft. Eine Drehung. Und der Kuchen landete wieder mitten in der Pfanne. Mit der gebackenen Seite nach oben. Jedes Mal: Wurf – Drehung – Landung. Lenas Vater war ein Meister darin. Ein Meister der Umkehrung. Er stellte die Dinge vom Kopf auf die Füße und andersherum. Mit einem einzigen Wurf.
Lena musste dann Beifall klatschen. Das tat sie gern. Ihr Vater war eben genial. Ein genialer Verdreher. Anders als ihre Mutter. Für die müssen die Dinge so bleiben, wie sie sind. Einmal angefangen, wird eine Sache zu Ende geführt. Ohne Kompromiss. Auch wenn es so ungerecht ist. – Die Stimme ihrer Mutter drängte sich abrupt in Lenas Gedanken. Sie durchbrach die Geräuschkulisse: „… Frauen haben ihren Stolz. Mädchen auch. Sie kommen ohne Männer aus. Und ohne Väter…. Vor allem, wenn die Väter ihre Töchter sowieso nicht wollen …. Jetzt lass doch mal diese alberne Backerei. Das bringt ihn auch nicht zurück.“ – „Das ist nicht wahr! Ich glaub dir gar nichts! Du lügst!“
Lena stürmte aus der Küche und schlug die Tür hinter sich zu. Sie verkroch sich in ihrem Zimmer. Eine Ewigkeit lang. Ihre Tränen schmeckten süß. Süß wie Vaters Pfannkuchen. Sie glaubte fest daran. Ganz fest. – Plötzlich zog Brandgeruch durch die Ritzen der Tür. Lena sprang auf und stürmte in die Küche. Sie schaltete den Herd ab und warf den verkohlten Kuchen in den Müll. Dann starrte sie auf die Herdplatte. Auf die leere Herdplatte. Was fehlte, war Vaters Jonglier-Show. Und es fehlte der Wurf. Der großartige Wurf, der alles umkehrte.
Doch weshalb musste Lenas Vater die Dinge dauernd ändern? Er wollte verdrehen. Umformen und umgestalten. Er baut auf und wirft um. Ständig. Aufbauen, umwerfen. Aufbauen, umwerfen. ‚Vater zerstört. Er ist ein Zerstörer. Deshalb ist er jetzt weg.‘ Was bleibt, liegt verkohlt im Müll. – ‚Diese verdammten Pfannkuchen! Sie von einer Seite zu backen, hätte auch genügt.‘
7
Sie verbrachten ein langes Wochenende im Norden. Robert hatte Katharina zu dem Urlaub eingeladen. Er kannte die Gegend gut. Sie war wie eine Heimat für ihn. Ein vertrauter Ort, wohin es ihn hin und wieder zog: das kleine, stille Dorf am Haff. Robert liebte diese Landschaft. Die weite Ebene, die sich vor ihm ausbreitete. Den Bodden am Horizont. Und die verlassenen Fischerhäuser mit ihren reetgedeckten Dächern. Im Sommer war es am schönsten hier oben. Wenn das Korn reifte. Wenn an den Feldrainen die Mohnblumen und die Gräser blühten. Und wenn sich die Abenddämmerung über das Land legte und den Himmel färbte.
Robert suchte an diesem Ort die Einsamkeit. Hier oben kam er zu sich selbst. Und er hatte die Ruhe und Muße, die er in der Stadt nicht fand. Oft saß er am Wasser. Er schaute auf die Wellen, die leise wippten, und lauschte. Er hörte den Möwen zu und dem Schilf im Sommerwind. Und er lauschte in sich hinein. In seinem Innern schuf er Musik. Harmonien und Dissonanzen. Stimmungen, die auftraten und sich verflüchtigten. Je nach den Launen der Natur. Und seinen eigenen. Meistens zog Robert Stifte und Papier hervor und schrieb. Oder er malte. Um die Klänge festzuhalten. Um sich zu Hause zu erinnern. So schuf er Landschaften auf seine Weise. Bildhafte Lautpoesie. Klangbilder aus Punkten, Linien, Kreuzen und Spiralen. Dazwischen setzte er farbige Worte. Spontan. Aus einem jähen Impuls heraus: Muscheln, Salz, Ostinato, Blau. Und in seiner Vorstellung sangen die Instrumente. Ihre Klänge schwollen an und verebbten wieder. So wie das Meer. Das Meer, das manchmal still und manchmal tosend ist.
Doch dieses Mal kam Robert nicht allein. Er wollte Katharina diesen Landstrich zeigen. Sie teilhaben lassen an der Langsamkeit. Und sie sollte bei ihm sein. Damit sie mit ihm gemeinsam die Zeit vergaß. „Hier oben braucht man nämlich keine Uhr“, erklärte er nach ihrer Ankunft. – „Was? Ich soll ohne Uhr durch‘s Leben geh‘n? … Nie und nimmer!“ – „Hey, nur dieses Wochenende. Versuch`s doch mal…. Komm…. Gib sie schon her. Deine Zeit ist bei mir gut aufgehoben.“ Robert hatte Katharina tatsächlich noch nie ohne Uhr gesehen. Selbst nachts behielt sie sie am Handgelenk. Als ihr einziges Kleidungsstück, wie sie es nannte. „Das gibt mir so ein Gefühl von Sicherheit“, meinte sie, als sie das erste Mal über Nacht bei ihm blieb.
Aber Robert war auf der Suche nach der Zeitlosigkeit. Wenn er ihr begegnete, zelebrierte er sie. Er gab sich ihr hin. Wie einem Ritus. Einer Zeremonie. – Es gab da eine einsame Stelle: Ein unscheinbarer Aussichtspunkt am Fluss in K. Dorthin war er früher öfter gefahren. Fast jeden zweiten Tag. Er setzte sich auf die alte, morsche Bank und schloss die Augen. Dann lauschte er dem Rauschen des Stadtverkehrs, das aus der Ferne tönte. Er saß da – eine Ewigkeit lang. Wie in der Trance. Verharrend und in sich ruhend. Wie damals – der Marokkaner.
Robert sah einmal auf einer Reise diesen alten Mann. Mitten in der Einöde. Im Nirgendwo. Der Mann saß auf einem Felsblock – bewegungslos – und schaute in die Ferne. Vielleicht blickte er aber auch in sich hinein. – „Dieses Bild … Ich hab’s nie vergessen. Kennst du das? Einfach abschalten. Du kümmerst dich um nichts….. Bis du wieder auftauchst… Und auf einmal siehst du die Welt … Du siehst sie mit ganz anderen Augen.“ – „Ja, das ist schön… Wie eine Reise. Eine Reise nach Innen.“ – „Aber man muss es auch wollen.“ – „…Und wagen…Ich glaube, viele haben Angst vor sich selbst.“ – „Wir nicht … Vor uns selbst nicht … und auch nicht vor dem andern.“
Sie schlugen ihr Zelt an einer schmalen Badestelle auf. Als es draußen kühl und dämmerig wurde, machten sie ein Feuer. Sie hörten dem Knacken des Holzes zu. Und sie lauschten den Geräuschen des Abends und der einbrechenden Nacht. Die beiden wärmten ihre Hände am Feuer und blickten in die Glut. Die Flammen warfen Schatten auf ihre Gesichter. Sie machten sie fremd und geheimnisvoll. Robert und Katharina redeten und träumten: Wie sie auf den Wellen schaukeln. Wie sie sich treiben lassen. „Ohne Ziel?“ – „Wofür? … Wir werden schon ankommen. … Irgendwo.“
Denn manchmal fühlt sich Robert wie ein Blatt im Wind. Das sich davontragen lässt. Tänzelnd und schwebend. Bis der Wind es nicht weiterträgt. Dann kommt der große Moment. Der Augenblick, der endlos wird. Das Blatt gleitet langsam hinab. Bis es landet. An einem geheimnisvollen Ort. Und irgendwann fliegt es weiter. – „Aber jetzt ist‘s anders. Mit dir, Katharina … Ich hab das Gefühl, dass ich angekommen bin … Das erste Mal.“ – Katharina sah ihn fragend an. – „He, glaubst mir etwa nicht?“ – „Vielleicht… Vielleicht auch nicht ….Es gibt da so ein Sprichwort … Warte mal … Ah, jetzt fällt’s mir wieder ein: Wer vor der Versuchung flieht, hofft heimlich, dass sie ihn einholt.“ – „Ich? Ich fliehe doch nicht! … Na, sagen wir: nicht mehr. Und … Was mal war, hab ich vergessen. Alles weg … Meine ganze Vergangenheit.“– „Meinst du, das geht? … Ne, ehrlich. Das ist ja illusorisch. Völlig illusorisch.“
Robert zögert. Die Gegenwärtigkeit gerät ins Wanken. Eine Sekunde lang. Für einen Moment, der alles umkehren kann. Doch Robert greift nach dem Augenblick. Er hält ihn fest. Fest umklammert. Und die Worte – die vertrauten Worte – kommen wie von selbst: „Du bist schön. Schöner als die Sterne da oben. … Hast du schon mal unter freiem Himmel geschlafen?“
***
Am nächsten Morgen nieselte es. Robert und Katharina liehen sich Räder und fuhren ins Nachbardorf. Sie hielten am kleinen Hafen an. Ein paar Boote waren am Steg befestigt. Sie lagen da – fast regungslos. Neben der Anlegestelle stand ein einsames Künstlerhaus. Es war in dünne Nebelschleier getaucht. Robert und Katharina liefen über den Bootssteg. Sie schauten dem Nieselregen zu, wie er malte. Wie er auf der Wasseroberfläche Kreise zog. Das Dach des Hauses spiegelte sich im Brackwasser wider. Es bewegte sich auf und ab, als der Regen stärker wurde. Weiter draußen wiegte sich das Schilf im leichten Wind. Robert und Katharina schauten in die Ferne. Dorthin, wo das Wasser und der Himmel ineinander übergehen. Wo sie verschmelzen. – „Komm, Katharina. Du musst unbedingt jemanden kennen lernen.“
Sie liefen durch das nasse Gras. Bis sie auf den Hof des Künstlerhauses. Dort schauten sie sich um. Ein Schild wies zum Eingang des Nebengelasses. Seine Aufschrift – grau und verblichen: Atelierhaus heute offen. Robert klopfte an die Fensterscheibe. Drinnen bellte ein Hund. Ein bärtiger Mann im bunt bemalten Kittel erschien in der Tür. „Robert! …. Mit dir hab‘ ich nicht gerechnet…. Ist tatsächlich schon wieder ein Jahr rum? Lass dich umarmen, mein Freund.“ – „Katharina, das ist Thomas. Und das ist Katharina….. Na, nun lass sie mal wieder los.“ – „Schön, dass wir uns endlich kennen lernen. Robert hat mir schon von Ihnen erzählt… Übrigens sind Sie seine erste Frau, die ich zu sehen bekomme. Und? Gefällt‘s Ihnen bei uns?“ – „Ja, sehr. Ich genieße die Ruhe. Und die Weite. … Wenn’s nicht grad‘ nebelig ist. … Sie haben sich wirklich ein schönes Fleckchen Erde ausgesucht.“ – „Ich bin vor Jahren hierher gezogen. Gleich zur Wende. Nach einem Urlaub. … Da bin ich einfach dageblieben. … Aber kommt doch rein. Wenn euch das Chaos nichts ausmacht.“
Sie gingen in das Atelier. Ein riesiger Raum mit Blick auf das Haff. Ein paar Sonnenstrahlen schienen durch die schmutzigen Fensterscheiben. Es hatte inzwischen aufgehört zu regnen. In der Mitte des Ateliers stand ein langer Tisch. Ein struppiger Hund hatte sich darunter ausgestreckt. Er schnarchte. Auf dem Tisch lagen bunte Aquarelle. „Seht mal, das haben meine Studenten gemacht… Letztes Jahr….. In der Sommerakademie…. Aber schaut euch doch um. Ich freue mich immer, wenn sich jemand für meine Bilder interessiert.“ Sie füllten den Raum. In Stapeln lagen sie übereinander. Andere lehnten einfach an der Wand: Leinwände mit Bildern und Ölgemälden. Zeichnungen und Skizzen. Sie enthielten bizarre Strukturen. Eigenwillige Formen. Ansichten, denen der Betrachter eine ureigene Bedeutung verleiht. Einen eigenen Sinn.
„Schön“, sagte Robert. „Und heute wirken sie auf einmal ganz anders auf mich. Völlig anders als letztes Jahr.“ – „Du bist ja auch ein anderer geworden… Was ist schon absolut? … Nicht mal die Wahrheit. “ – „Ihr könnt ja richtig philosophisch sein.“ Thomas lachte und zündete sich eine Zigarre an. Der Qualm kroch durch den Raum. „Wollt ihr auch eine?“ Die beiden verneinten. „Echte Havanna. Mein Onkel hat sie mir vererbt…Hm, wie sie duften! Na, willst du doch?“ Aber Robert hatte sich das Rauchen abgewöhnt. Erst unlängst. Er wusste nicht, zum wievielten Mal. „Mensch, Junge, weißt du noch? Damals, als wir Studenten waren? Wir haben geraucht und gesoffen… Fast jede Nacht… Tja, wir sind älter geworden…. Und jedes Mal, wenn du kommst, ist schon wieder ein Jahr vorbei.“ – „Irgendwie hab ich das Gefühl… Also, die Zeit … Sie vergeht immer schneller. Deshalb bin ich ja da. Dass sie mal still steht. … Ich glaube, bei euch haben die Uhren keine Zeiger.“ – „Doch. Meine schon…Und sie tickt. Ständig. … Und laut.“
Es schlug zwei, als Robert und Katharina gingen. Im Atelier war die Luft inzwischen stickig geworden. Eine Wolke aus dickem Qualm schwebte im Raum. Der Aschenbecher quoll über. Ein paar Zigarrenstummel waren auf dem Boden verstreut. Es stank nach abgestandenem Rauch. Als Thomas die Tür öffnete, stürmte der Hund ins Freie. „Warte, Dicker. So warte doch. … Er holt mich nämlich hier raus… Ohne ihn wäre ich ständig am Malen.“ Thomas rannte dem Tier nach. Bevor er hinter dem Schilf verschwand, rief er Robert und Katharina noch einmal zu: „Ciao, macht`s gut. Und kommt bald mal wieder… Spätestens in einem Jahr.“ Am Ausgang wies Robert auf ein schwarz-rotes Bild: „Sieh mal. Das hat Thomas gemalt, als wir noch Studenten waren: das Zeichen für Yin und Yang…. Aber die Worte sind neu. Er muss sie erst vor kurzem geschrieben haben.“ – Leben – jetzt. Und etwas schaffen, was bleibt. – „Er hatte einen Tumor letztes Jahr. Die Ärzte meinen, er sei ausgeheilt… Doch man weiß ja nie…“
Auf dem Rückweg hing jeder seinen Gedanken nach. An einem abgeernteten Kornfeld hielt Robert an. „Warte mal, Katharina.“ Er pflückte eine Mohnblume am Feldrain und steckte sie in Katharinas Haar. „Eine Blume – schöner als die andere.“ Lachend fuhren die beiden weiter. Sie radelten an Wiesen und Kornfeldern vorbei. Ihre Räder holperten über den steinigen Pfad. Ganz am Ende bog der Weg in einen alten Gutshof ab. Ein paar Kinder tobten auf dem Gelände umher. Die Wirtin stand in der Tür und wartete. Als Robert und Katharina den Hof betraten, lief sie auf die beiden zu. Sie reichte Robert die Hand: „Moin-moin… Ich kenn‘ Sie doch. Sie waren schon mal hier.“ – „Ich komme jedes Jahr. Weil’s so schön ist hier oben.“ – „Die Gäste bleiben uns treu. Zum Glück! Aber die jungen Leute … Die gehen weg von hier … Meine Kinder sind alle woanders.“ – „Vielleicht kommen sie wieder. Vielleicht zieht‘s sie irgendwann hierher zurück.“ – „Dann gibt‘s dieses Dorf längst nicht mehr. Schau‘n Sie sich doch mal um: Hier wohnen ja nur noch alte Leute. … Haben Sie Kinder?“
Sie klingen nach. Drei Worte. Nur drei Worte. Und die Zeit dreht sich zurück. Was gestern war, versinkt im Jetzt und im Danach. Du kannst ihm nicht entkommen. Es ist ein Teil von dir. Ein Stück gelebtes Leben. Deine Vergangenheit – du trägst sie mit dir. Sie ist dein stummer Schatten. Deine Identität. …
Die Antwort lag wie Blei auf Roberts Lippen. Doch seine Worte klangen, als seinen sie leicht dahingesagt: „Doch. Ich hab‘ ein Kind … Sie heißt Lena. Meine Tochter ist dreizehn Jahre alt … Komm Katharina. Geh‘n wir rein…. Ich glaub, ich muss dir viel erzählen…“
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