Kitabı oku: «Meine Freundin sieht das anders»
Unni Drougge
Meine Freundin sieht das anders
Roman
Saga
Für Niclas.
Du kamst, Du sahst, Du siegtest.
Danke für Deinen männlichen Mut.
Auf Annies Anrufbeantworter,
7. März, 02:50, dumpfe Stimme
»Hallo, hier ist Hillevi. Hör mal, Annie ... Ich will keinen mann! (Langes Seufzen) Aber ich habe nun mal einen. Bis dann!«
Telefongespräch zwischen Annie und Hillevi, 7. März, 11:45
»Hallo, du undankbare Trine! Hier ist Annie. Letzte Nacht hast du dich bei meinem Anrufbeantworter über dein Luxusproblem beklagt. Daß du einen Mann hast.«
»Jaaa! Im Moment beneide ich dich wirklich, schließlich brauchst du dich nicht mit einer besseren Hälfte herumzuschlagen ... Stiiiiillll, Kinder! Ich telefoniere. Meine Güte, Kinder verkneifen sich wirklich nichts...«
»Ja, und ich auch nicht. Ich habe mir schon mehrere Abende in dieser Woche nichts verkniffen. Bin durch die Gemeinde gezogen. Zuletzt diese Nacht. Und nicht ein einziges brauchbares Männchen hab ich erlegen können. Die Wüste der Sünde scheint total ausgedörrt zu sein. Kannst du dir vorstellen, wie lange ich jetzt schon unberührt bin? Ein halbes Jahr bald, seit der Katastrophe mit diesem deutschen Trübsalbläser, du weißt schon.«
»Das war der mit den Klorollen?«
»Ja, im Volksmund auch Kloheini genannt. Seine stundenlangen Exzesse im Badezimmer hätten mich fast um den Verstand gebracht. Wie manisch hat er aus den Klopapierrollen im Regal ganz sorgfältig immer neue Formationen gebaut, und jedesmal, wenn ich hineinwollte, hab ich eine Ladung davon auf die Birne gekriegt...«
»Ja, das hast du mir alles ausführlich erzählt.«
»Und nicht mal vögeln konnte er richtig...«
»Nein, ich weiß noch, wie du erzählt hast, daß er die Menge der Stöße pro Minute mit festem Blick auf den Wekker gezählt hat, wir brauchen das nicht noch mal durchzugehen. Aber du landest ja immer bei so schrillen Typen!«
»Ich lande? Es sind doch nur schrille Typen im Umlauf. Und die landen bei mir! Wann hast du zuletzt eine Botanisierrunde gemacht? Aber du hast das ja nicht nötig. Dein Märchenprinz bleibt zu Haus bei Weib und Kind. Also, halt du die Klappe. Was ein Single von siebenunddreißig Jahren sich bieten lassen muß, sind die Trottel, die vor die Tür gesetzt worden oder übriggeblieben sind.«
»Ach was. Du weißt offenbar nicht, was Ich mir bieten lassen muß. Ich wäre sogar froh, wenn er nicht so oft zu Hause wäre. Denk doch nur an die Abendzeitungen. Darin vergräbt er sich, hält sie sich als Schild gegen die Umwelt vor, während ich Essen koche. Ich hasse die Abendpresse! Ich würde ihm diese bescheuerten Zeitungen schrecklich gern wie eine Narrenkappe um den Schädel wickeln, der gerade kahl wird. Und nach dem Essen kommt die Fernbedienung an die Reihe. Die hält er dann den ganzen Abend krampfhaft fest. Und er zappt wie besessen zwischen den Sendern herum, ich habe richtig Lust, die Satellitenschüssel abzumontieren und wie einen Riesenfrisbee über den See segeln zu lassen.«
»Hmm, ja, sicher. Jetzt weiß ich auch wieder, wie es war, verheiratet zu sein. Aber immerhin ist dir das Vögeln garantiert.«
»Das ist doch gerade das Schlimme. Wenn ER will. Ich kann es kaum ertragen, daß er mich anfaßt. Ich kriege eine Gänsehaut, wenn seine Hand unter der Decke angeschlichen kommt. Nein, sei froh, daß dir das erspart bleibt.«
»Das sagst du nur, weil du weißt, daß du es kriegen kannst, wenn du willst.«
»Aber ich will nicht. Nicht mit ihm. Du dagegen kannst doch zulangen, wann immer du Lust hast. Du hast ein ganzes Büfett zur Auswahl!«
»Jetzt geht das wieder los. Ein Büfett aus alten Resten, bei dem andere schon munter abgeräumt haben. Oder unreife Primeursorten, bei denen sich einem der Magen zusammenzieht. Die Wichser schwirren mit flackerndem Blick herum und riechen nicht mal gut. Ich würde so gerne Lust verspüren, Hillevi. Aber ich komme mir vor wie ein trockener Fussel. Ich will, daß mein Fleisch wieder pulsiert.«
»Du willst ein Problem, gib es doch zu. Dein Leben gleitet zu glatt dahin.«
»Na gut. Ich habe einen tollen Job, meine Kinder sind brav, und meine Wohnung gefällt mir. Aber abends spät, wenn die Kinder in ihren Bettchen schlummern, dann kommt die große Frage: Soll das alles gewesen sein? Neihein! Ich will abgelenkt werden! Ich will mich verlieben!«
»Dir geht es zu gut, Herzchen.«
»Du bist hier diejenige, der es zu gut geht.«
(Keuchen) »Mückchen zündet gerade die Vorhänge an, und Kuschel hab ich seit einer Stunde nicht mehr gesehen, ich muß das Feuer löschen und nachsehen, ob Kuschel nicht ins Wasser gefallen ist. Bis demnächst, tschüs!«
»Ja, ja, selber tschüs!« (Seufzen)
Telefongespräch zwischen Annie und Hillevi, 8. März, 10:03
»Hallöchen, Big Mama!«
»Öööh, Momentchen. Kuschel sitzt auf dem Pott, und ich muß ihm den Hintern abwischen. (Pause mit Kindergeschrei und laufendem Wasserhahn) Unfug ... so. Verdammt, jetzt hat er wieder Durchfall. Sind sicher diese Grippesorten und die antibiotikaresistenten Streptokokken, mit denen die Kindergartenkinder heute um sich werfen. Oder kann es von den Pralinen kommen, die John gestern abend mitgebracht hat? Weintrauben ... Ist dir das übrigens schon mal aufgefallen, Annie? Wenn Kinder Weintrauben essen, dann kommen die als Rosinen wieder zum Vorschein. Aber wenn man ihnen Rosinen gibt, verwandeln die sich in Trauben. Als ich neulich Kuschel den Hintern abgewischt habe, lagen echte Trauben im Topf.«
»Bitte, erspar mir die Details! Ich sitze hier bei der fünften Tasse Kaffee auf nüchternen Magen und möchte mich mit meinem sauren Mageninhalt ebensowenig bekannt machen wie mit den Abfallprodukten deines Sohnes. Weißt du, was heute für ein Tag ist, oder ist dir die Kinderkacke zu Kopf gestiegen?«
»Was heute für ein Tag ist? Ein normaler Montag, nehme ich an. Ich hab noch nicht mal das Frühstücksgeschirr weggeräumt. Müüüüückchen! Nicht mit der Butter rumschmieren! Ooooh, jetzt muß ich mit ihr ins Badezimmer, sonst stinkt sie nach ranziger Butter, und dann will John sie nicht auf den Schoß nehmen, wenn er von seiner Golfrunde zurückkommt...«
»Aber Hillevi! Reiß dich zusammen, zum Teufel. Du bist doch total eingebacken in diese banale Soße...«
»Nicht nur eingebacken. Sondern auch eingelegt. Ich hab gestern alle Pralinen gefressen, die die Kinder übriggelassen hatten, und das waren viele, das kann ich dir sagen. Wenn ich jetzt auf die Waage gehe, bricht die garantiert zuammen. Kannst du begreifen, daß man von einer einzigen Schachtel Pralinen drei Kilo zunehmen kann? Das ist mir letzte Woche passiert, als...«
»Stöööhn! Heute ist der 8. März, genauer gesagt, der internationale Frauentag. Je davon gehört? Oder sind deine Fettzellen zu einer einzigen großen Gefängniszelle geworden? Erinnerst du dich nicht mehr an unsere muntere Jugend, als wir am 8. März zu Demos gegangen sind und gefordert haben, daß...«
»Wir wollten keine Krümel, sondern die ganze verdammte Bäckerei! Ja, seufz. Aber die habe ich ja gekriegt. Eine Bäckerei, in der ich jeden Tag herummampfe. Heute morgen habe ich schon drei Croissants gefressen ... Nein! Ich habe ein Blech Zimtbrötchen im Backofen vergessen, bleib mal einen Moment dran! (Pause, Stöhnen) Das ist zum Teufel gegangen. Die Brötchen kann ich jetzt als Grillkohle verwenden. Typisch!«
»Wie gut, Hillevi, dann brauchst du dir doch keine weiteren Kalorien einzutrichtern! Ich wollte dich fragen, ob du Lust hast, dir eine ungeheuer interessante britische Feministin anzuhören, die heute abend...«
»Wann denn? Aia baia, Kuschel! Rühr die brötchen nicht an! Ach, übrigens ... ist Kohle nicht gut gegen Durchfall? Wo waren wir noch gleich ... Ja, sicher, ja, wann spricht diese Feministin? (Schrilles Geschrei im Hintergrund) O nein, jetzt hat er sich verbrannt. Kann ich dich zurückrufen?«
»Vergiß es. Vergiß, daß ich überhaupt gefragt habe, ob du dich vom heimischen Herd losreißen kannst. Bis dann.«
E-Mail von Annie an Hillevi, 13. März, 15:28
Liebes Housewife!
Hast du je daran gedacht, deine Kinder in eine Krippe zu schicken? Wir können doch fast nie ein Gespräch führen, das nicht unterbrochen wird. Obwohl ich mit dir über jede Menge reden will, wo wir uns doch schon so lange kennen. Deshalb finde ich, wir sollten ab jetzt mailen. Dann lesen und schreiben wir, wenn wir gerade ungestört sind.
Und jetzt, Hillevi ... jetzt habe ich es immerhin geschafft. Du weißt schon, diese Diesel-Kampagne, die ich mitgestaltet habe, die mit ihrer brutalen Ironie solches Aufsehen erregt hat und die ich im Fernsehen und in der Presse verteidigen mußte. Diese Kampagne ist bei den jungen Leuten seit ihrer Absetzung Kult geworden. Und eben hatten wir mit dem ganzen Büro eine Konferenz. Eine schwimmende Konferenz auf der Finnlandfähre, weil Jalle, der Chef, du weißt schon, alles Volkstümliche toll findet. Aber egal, da saßen wir also nach dem Essen in der Bar, und mir fielen zwei junge Dachse in den Zwanzigern auf, die uns in immer engeren Runden umkreisten, bis einer sich dann endlich ein Herz faßte und fragte, ob ich ich sei, sozusagen, und das mußte ich ja zugeben. Also lud ich sie ein, sich zu uns zu setzen; zu mir und Jalle und einem Projektleiter aus dem Büro. Ich bestellte für jeden der Jungen einen Drink, und sie wollten über die Diesel-Kampagne sprechen, die sie einfach suuuuupergeil fanden. Ich hatte schon einen sitzen und beschloß, mich geschmeichelt zu fühlen, und deshalb habe ich die jungen Kavaliere einfach auf die Tanzfläche gezerrt. Sie waren so niedlich, Hillevi! Der eine war blond und der andere schwarz, und ich war für sie sozusagen ein Star. Sie waren meine Groupies, und die ganze Kiste war natürlich total bescheuert. Jalle faßte sich an die Stirn, als ich mit den Knaben im Schlepptau in meine Kabine abgezogen bin.
Da habe ich dem Leckerbissen befohlen, sich auszuziehen. Der Blonde war einfach süß: durchtrainiert, tätowiert und an den Brustwarzen gepierct. Nicht ein Haar auf der Brust. Der Schwarze war schlaksig und behaart, mit kakaofarbenem Teint, und beide hatten einen stehen. Ich zog sie ins Bett, und sie schälten mich ungeschickt aber hungrig aus meinem Vivienne Westwood-Kostüm. Dann wollten sie geküßt werden, und ich mußte den Verkehr ein wenig regeln; einen oberhalb des Nabels, einen unterhalb. Es wurde ein bißchen anstrengend, als sie versuchten, beide zugleich zum Zug zu kommen, und ich war reichlich beschwipst. Aber trotz des doppelten Fangs kam doch nur Gehampel dabei heraus. Der eine feuerte seine Salve schon ab, ehe er ihn reingekriegt hatte, und der andere hatte einen so kleinen Schniedelwutz, daß es für mich keine Rolle spielte, ob er den nun drinnen hatte oder nicht. Ich habe geschrien wie eine gesengte Sau, er sollte doch glauben, ich sei soweit, damit wir den Akt beenden konnten, aber da fragte er erschrocken, ob es weh tue. Weh? Mit einem so winzigen Piephahn? Ich konnte nur noch lachen, und da kam er mit spastischen Bewegungen, die mich an einen Tollwutanfall erinnerten, und danach sind wir eingeschlafen. Aber wir könnten das Ganze als Vorübung zu kommenden genitalen Aktivitäten betrachten.
Morgens rief Jalle an und teilte mit, er erwarte mich zum Frühstücksbüfett, und ich kam mir ja so mies vor, als ich mich von Max und Moritz verabschiedete. Ich jagte sie aus dem Bett, reichte jedem einen Finger, und dann mußten sie abziehen. Mit etwas Phantasie könnte man sagen, ich hätte die Röhre gereinigt, Hillevi, aber das Problem bleibt bestehen. Ich bin nicht verliebt, was an sich ja auch eine Katastrophe gewesen wäre. Sich in zwei zwanzigjährige Knaben zu verknallen. Annie liebt Bull und Bill, in einem gezeichneten Herzen... wie sähe das wohl aus?
Knutschies,
Annie.
E-Mail von Hillevi an Annie, 15. März, 05:12
Annie, du muntere kleine Möse! Hast du in der Zeitung über die britische Feministin gelesen, die am internationalen Frauentag Stockholm besucht hat, ich kann mich an ihren Namen nicht erinnern, aber es war etwas mit G am Anfang. Sie hat von einer großen Frauengemeinschaft in Australien erzählt, die von Männern ganz und gar unabhängig ist. Wenn sie sich vermehren wollen, suchen sie sich einen passenden Zuchtbullen, und um die Kinder kümmern sie sich gemeinsam. Sex ist kein Problem, denn um ihre Stadt streichen so viele Männchen herum, daß sie einfach nur die Hand nach einer passenden Beute auszustrekken brauchen. Wenn der Sexsklave im Lager sein Gastspiel gegeben hat, muß er pro Samenerguß einen Tag arbeiten, und wenn eine der Frauen sich verliebt, wird sie sofort in ein Entwöhnungsprogramm gesteckt, das ihr Selbstbewußtsein stärkt, denn sie glauben, daß Frauen nur aus Mangel an Selbstbewußtsein bereit sind, einem Mann zu folgen. Deshalb werden die Frauen in diesem Kollektiv ja gerade so umworben: Die Typen geben sich alle Mühe, um zu beweisen, daß sie Zuneigung und Aufopferung verdient haben, aber das gelingt ihnen nicht. Der Frust bei der Männergesellschaft wurde am Ende so massiv, daß die Frauen aus dem Kollektiv daraus eine überaus vorteilhafte Verhandlungsposition entwickeln konnten, und inzwischen sind sie an die Börse gegangen. Sie entwickeln und produzieren frauenfreundliche Technik und Software, und ihr Einfluß wird immer größer. Und das liegt daran, daß sie in ihrem Privatleben von Männern ganz und gar unabhängig sind.
Weißt du, wozu ich Lust hätte, zumindest im Moment? Abzuhauen. Eine Tasche zu packen und mich nach Australien abzusetzen. Ich habe heute nacht nicht eine Sekunde geschlafen. John kam um halb zwei nach Hause. Sturzbesoffen. Wühlte eine Weile im Schrank herum und fischte seine alte E-Klampfe und seinen ramponierten Verstärker heraus. Schaltete das Ding ein und machte einen solchen Lärm, daß das Dach abhob. Wie ein Scheißteenie. Die Kinder wurden wach, und ich ging nach unten, um die Lautstärke runterzudrehen. Da ist er ausgerastet. Schrie, unser Haus sei ein Gefängnis. Dann versuch doch mal einen Ausbruchsversuch, sagte ich. Dann wirst du schon sehen, daß du frei bist. Aber glaubst du, das hätte er gemacht? Nichts da. Er beschimpfte mich als selbstgerecht und jammerte, er sei überarbeitet und niemand sei lieb zu ihm und ich sei frigide. Da saß ich also auf dem Sofa, und er kläffte wie ein Kettenhund. Total absurd. Am Ende torkelte er ins Schlafzimmer und fiel ins Bett. Er stank nach Bier und schnarchte und furzte, und ich stellte mir wirklich vor, wie ich ihm ein Kissen aufs Gesicht lege und mich mit meinem dicken Hintern darauf setze, bis er nicht mehr atmet. Verstehst du? Ich mußte aufstehen und mir einen Kamillentee kochen, und jetzt sitze ich in meiner kleinen Schreibecke. Dreiunddreißig Jahre alt, drei Kinder am Hals und einen Freak zum Mann. Aber jetzt will ich wenigstens abnehmen. Das ist doch krankhaft, Annie. Je mehr John heimlich säuft, um so mehr fresse ich. Gestern habe ich eine ganze Packung Hob Nobs aufgeknabbert. Danach habe ich mich über die Samstagssüßigkeiten der Kinder hergemacht. John muß ja immer Überstunden machen, und deshalb macht er am Wochenende fast einen kompletten Einkaufswagen mit Süßigkeiten und Limo und Kartoffelchips voll. Ich habe seine Plastikkarte versteckt, die überzieht er nämlich immer. Keine zehn Minuten vergingen gestern, ohne daß ich mir etwas in die Fresse gestopft hätte, aber alles hat nur nach Pappe geschmeckt. Ich habe fast das Gefühl, nicht zu leben, Annie. Die Kinder waren doch immer mein Lebensinhalt, aber ich weiß nicht ... ich habe vor ihren Bedürfnissen kapituliert und komme mir vor wie ein Gewächshaus. Das Problem ist vielleicht, daß ich mich nicht weiter vermehren möchte, und deshalb bin ich plötzlich ganz leer. Ich habe damals eine Entscheidung getroffen. Ich wollte den Kindern einen guten Start geben. Aber jetzt. Es ist neun Jahre her, daß ich bei Bonniers aufgehört habe. Neun Jahre Haushalt, Rotz, Kacke, Kinderkrankheiten, Stoffwindeln, Vollkornbrei und Ökogemüse. Neun Jahre Bedürfnisse. Die der anderen. Neun Jahre unsichtbare Arbeit. Neun Jahre im Mikrokosmos, einer organischen Einheit, bei der alles ineinander übergeht, bei der sich Resultat und Entwicklung jedoch nicht messen lassen. Ich habe in einem einzigen großen Nahrungsmittelschmelzprozeß gelebt. Der Abfall kommt in den Kompost und wird in den Nährboden eingepflügt, und dann geht es rund, rund, wie die Jahreszeiten. Aber nebenan passiert etwas. Außerhalb von allem hier. Die Kinder werden größer, das kann ich messen. Ich werde größer, auch das kann ich messen, leider vor allem um meine Taille. Die ganze Kernfamilie scheint ein Stadium der Verwesung erreicht zu haben und sollte ebenfalls in den Boden eingepflügt werden. Keine chemischen Reaktionen mit anderem Material. Du tauschst immerhin mit Bill und Bull, oder wie du diese süßen Schnuffel von der Finnlandfähre genannt hast, Körperflüssigkeiten aus. Du befruchtest dein Leben mit Arbeit und beruflicher Erfahrung. Aber fehlen dir deine Kinder nicht? Wann siehst du die eigentlich?
Ach, ach. Jetzt ist Kuschel aufgewacht. Und John wird an diesem ganzen verdammten Sonntag in der Hölle halbtot sein.
Wir sprechen uns bald (oder mailen),
Hillevi.
E-Mail von Annie an Hillevi, 16. März, 23:08
O verdammt, Hillevi. Diese Montage, nachdem die Kinder übers Wochenende bei ihrem Papa waren, wenn der Alltag ertragen werden muß, sind immer schrecklich. Ich führe ein Doppelleben. Jedes zweite Wochenende muß ich die vernachlässigten Laster und Gelüste pflegen, und an diesem Wochenende war ich noch dazu nach der Finnlandfähre die pure ausgeschissene Rosine. Die Kinder waren müde und unerträglich, da ihr Schlappschwanz von Vater sie abends so lange aufbleiben läßt, wie sie wollen. Außerdem sind sie von Süßigkeiten, Spielzeug, Videos und Computerspielen absolut überstimuliert. Ich habe heute morgen mit meinem Seelenklempner darüber geredet. Und weißt du, was der sagt? Er sagt das, was auch alle anderen immer meinen. Daß ich dafür dankbar sein sollte, daß ich ein so reiches Leben habe. Mit den Kindern. Als könnte das erwachsenen Menschen ihre Bedürfnisse ersetzen. Ich lebe wie diese Frauen in dem australischen Kollektiv, das du erwähnt hast, mit dem Unterschied, daß ich alles selber mache. Können wir nicht dahin auswandern? Ich bin es so satt, eine einsame Lokomotive zu sein, die nirgendwo anhalten darf. Die einzige Treibstoffzufuhr, die ich bekomme, besteht aus Spermasätzen, die mir noch weitere Waggons anhängen wollen, wenn ich nicht aufpasse. Der eine von diesen verdammten Minicharmeuren von der Fähre hat leichtsinnig seinen Saatvorrat in meinen Fortpflanzungsapparat abgefeuert, und jetzt muß ich Angst haben, bis es der roten Woche paßt, meine Sorge zu beheben, ich müßte mich auf die Abtreibungspritsche fallen lassen. Mehr Nachkommenschaft will ich nun wirklich nicht haben.
Als ich heute vom Einkaufen kam, fragten die Kinder, was es zum Essen geben würde. Hähnchen in Curry, sagte ich. Iiiii, wie scheußlich, riefen sie wie aus einem Mund. Ich änderte die Speisekarte deshalb in Hähnchen in Zitrone um, aber trotzdem stocherten sie nur im Essen herum. Und ich habe doch eine Fettphobie und muß meinen siebenunddreißigjährigen Körper anorektisch getrimmt halten und würgte deshalb eine Wagenladung Salat runter. Danach mußte ich fast ein ganzes Hühnchen in den Kühlschrank stellen, und ich weiß, daß ich mich hinter meinem Rücken daran vergreifen werde. Ich werde fettarmen Geflügelsalat machen. Wenn ich einen Kerl im Haus hätte, dann hätte der die Herrlichkeit verputzt! (Über den Vater der Kinder kannst du sagen, was du willst, aber jeglichen Fraß, den ich ihm vorgesetzt habe, hat er bereitwillig verschlungen.) Als ich dann aufgeräumt und meine Lieblingsmusik ausgestellt hatte, weil die Kids immer »leiser« schrien und sich über meinen Musikgeschmack lustig machten, habe ich mich vor den neuen schweineteuren Großbildfernseher gesetzt, aber im selben Moment wollte die Dreizehnjährige in Geschichte abgehört werden, weil sie morgen einen Test schreiben muß. Auf ihrer Penne gibt es keine Lehrbücher, deshalb müssen die Kinder selber kleine Berichte über Krieg und Frieden und Könige und Revolutionen verfassen, und die sind ungeschickt formuliert und verworren und unchronologisch und überhaupt chaotisch. Weshalb ich zwischen den verdammten Jahreszahlen Ordnung schaffen sollte. Inzwischen lief im Fernseher das Cartoon Network. Schließlich mußten die Kinder ins Bett, aber dann kramten sie ihre Formulare und Mitteilungen aus der Schule über Ausflüge und Turnkleidung und Entwicklungsgespräche und Geld für die Klassenkasse und Theaterbesuche heraus, die einfach keinen Menschen froh machen können, schon gar nicht moderne Kinder in einer allgegenwärtigen Disney-Kultur. Mit einem Hagel aus Flüchen über das Schulsystem, das überarbeiteten Eltern mehr und mehr Aufgaben auflädt, schnappte ich mir meinen zerfledderten Filofax, um zwischen den ohnehin schon dichtgedrängten Pflichten eine freie Stelle zu finden. Als das überstanden war, habe ich Wäsche sortiert. Alle Kinderstrümpfe hatten Löcher, die Große forderte neue Klamotten und meckerte über meine gerade neu gekauften. Sie sagte, ich sei zu alt für trendigen Kram von H & M. Ich sei peinlich und doof und überhaupt nicht wie andere Mütter. Das Alter, dachte ich. Ihr Alter, meine ich. In dem Alter ist es normal, auf den Eltern herumzuhacken. Also biß ich unter diesem Gewitter aus Unzufriedenheit über meine gesamte Existenz die Zähne zusammen. Aber die kleine Kuh fand am Ende doch noch den Auslöser, den Knopf, der das Faß zum Überlaufen brachte. Sie fragte, ob ich schwanger sei, da mein mit Gemüse gemästeter Bauch hervorquillt. Ich schrie, sie solle zu ihrem Scheißvater fahren und lieber auf dem herumhakken, und eines Tages würde ich verschwunden sein, wenn sie nach Hause kommen, und dann würden sie ja sehen, wer ihnen wirklich fehlt, ja, ich habe alles gesagt, was man zu Kindern nicht sagen darf, und ich habe sie ins Bett gejagt und mir ein großes Glas Wein eingeschenkt und das in der Küche geleert, und dabei habe ich Sophie Zelmanie gehört. Ruhe, schrie es aus den Zimmern dieser minderjährigen Terrortruppe. Mein Leben ist ein Gefängnis, Hillevi. Obwohl ich eine freie Frau bin. Früher wurde ich von einem Mann unterdrückt. Jetzt werde ich von meiner Nachkommenschaft unterdrückt. Und dann wird mir noch erzählt, ich hätte ein reiches Leben... lick my dick!
Ansonsten finde ich, daß dein Kerl zuviel säuft, dieser Esel.
Knutsch, Annie.
E-Mail von Hillevi an Annie, 18. März, 11:44
Annie!
Ich bin so glücklich! John war ein Engel, als er gestern nach Hause gekommen ist. Nach dem Essen hat er Mückchen Märchen vorgelesen und mit ihr geschmust, obwohl sie nach ranziger Butter stank. Ich begreife nicht, warum sie sich immer wieder mit Butter vollschmiert, sie hat doch ein sorgfältiges Reinlichkeitstraining hinter sich. Als die Kinder eingeschlafen waren, haben John und ich den ganzen Abend ausführlich und offen miteinander geredet. Er hat erzählt, wie gestreßt er im Moment bei der Arbeit ist und wie sehr er mich und die Kinder liebt und wie begeistert seine Chefs von seiner harten Arbeit sind. Und jetzt hat er versprochen, einen Monat lang nichts zu trinken. Wir haben in alten Fotoalben geblättert und unsere alte Lieblingsmusik gehört, Ebba Grön, U2 und David Bowie. Nostalgie ist wirklich der beste Kitt auf der Welt, und in meiner und Johns Ehe müssen nur die Fugen ein wenig gedichtet werden. Das Gebäude an sich ist in bestem Zustand. Ich übertreibe nur alles, und jetzt schäme ich mich, weil ich ihn so schlecht gemacht habe. Er ist doch nur ein Mann, und wir beurteilen die armen Wichte oft zu hart. Es ist doch auch nicht leicht, sich draußen mit dem harten Markt herumschlagen zu müssen. Draußen ist Krieg, hat John mir erklärt. Ich bin eine Soldatenfrau, und eigentlich bin ich sehr stolz auf meinen tapferen Krieger. Als wir ins Bett gegangen waren, habe ich dann tatsächlich die Beine ein wenig breit gemacht, und er hat wie ein Hundebaby mit dem Schwanz gewedelt, weil ich ihn rangelassen habe. Wenn ich jetzt nur nicht schwanger werde. Aber andererseits ... so ein kleines Baby wäre doch wunderbar. John möchte gern noch mehr Kinder. Im Herbst kommt Mückchen ja schon in die Schule, und dann wird Kuschel sehr allein sein. Cilla sehen wir ja fast nur von hinten. Sie ist die typische Neunjährige, die die ganze Zeit mit ihren Freundinnen unterwegs ist.
Heute morgen hat John mir das Frühstück ans Bett gebracht. Das hat zwar meine Diät ruiniert, da meine gesamte Kalorienmenge für einen Tag durch Heißwekken, Briebrote und Milchkaffee abgedeckt wurde. Hast du dir schon mal überlegt, wie fett normale Vollmilch wirklich ist? Aber John mag keine Magermilch. Orangensaft enthält übrigens auch haufenweise Kalorien. Aber ich sollte vielleicht umdenken, was diesen Diätkram angeht. Warum dürfen Frauen eigentlich nicht mollig und weich sein? John sagt, daß er meine runden Formen liebt. Er findet magersüchtige Stäbchenschnecken geschlechtslos und meint, statt mit so einer Sex zu haben, könnte er seinen Schniedel auch gleich in ein Astloch stecken.
Peace.
Hillevi.
E-Mail von Annie an Hillevi, 18. März, 16:39
Hillevi, zum teufel! Wach endlich auf!
Wie leichtgläubig kann frau denn überhaupt sein? Hat dein trauliches Heim-und-Herd-Dasein dich schon in die zweite Kindheit übergehen lassen? John sagt, John findet ... Göttin! Krieg das nun endlich in die Birne, ehe deine beginnende Hirnatrophie das finale Stadium erreicht:
1 Laß dich sterilisieren. John will dir pausenlos einen dicken Bauch machen, damit du sitzen bleibst, wo du jetzt sitzt, und dich nicht einmal um Topflappenlänge vom Herd entfernen kannst.
2 Näh dir den Mund zu, wenn du auf andere Weise dein Übergewicht nicht loswerden kannst. John will dich fett und häßlich haben, aus demselben Grund, aus dem du dauernd schwanger sein sollst.
3 Stopf dir Oropax in die Ohren, damit du dir sein Gefasel nicht anhören mußt. Wenn er nett zu dir ist, dann, weil er sein schlechtes Gewissen beruhigen will, vielleicht, weil er erst kürzlich hinter einem magersüchtigen Astloch hergesabbert hat.
Ich gebe bald alle Hoffnung für dich auf, Hillevi.
Reiß dich zusammen!
Annie (dünn wie ein Zweig und weiterhin fähig, die Pfoten zu bewegen, weg von männlichen Mißgeburten).
Telefongespräch zwischen Hillevi und Annie, 22. März, 16:22
»Annie! Es ist alles so schrecklich!« (Schniefen)
»Aber Himmel, was ist denn passiert?«
»Am Freitag haben wir uns gestritten. John kam reichlich zugedröhnt von der Arbeit. Er hatte auf dem ganzen Weg gesoffen und trotzdem noch beim Einkaufszentrum angehalten und noch mehr Alk gekauft und den ganzen Wagen mit Chips und Limo und Plätzchen und Scheiß gefüllt, um sein schwarzes Gewissen aufzuhellen. Er hatte auch zwei Videos ausgeliehen, und vor allem die haben mich hochgehen lassen. Wir haben schon drei längst überfällige Videos herumliegen, die er immer zurückzubringen vergißt. Ich bin vor Wut einfach komplett ausgerastet. Er habe mit seinen Arbeitskollegen gefeiert, hat er gesagt. Diese verdammte Internetfirma habe die Konkurrenz abgehängt, und da sei es ja wohl kein Wunder, meinte er, daß sie drauf mal richtig angestoßen hätten. Er war so blau, daß er torkelte und nicht mehr klar gucken konnte.«
»Das alte Lied also...«
»Nein, denn diesmal ist er einfach wieder abgehauen. Er schnappte sich die überfälligen Videos und knurrte in der Diele herum, weil er nicht mal zu einer fröhlichen Familie nach Hause kommen kann, nachdem er sich den Arsch abgeschuftet hat, um uns glücklich zu machen. Er riß eine Sektflasche so heftig auf, daß es sprudelte wie aus einem Feuerlöscher, und die Kinder wurden naß. Er trank aus der Flasche und stellte sie so hin, daß noch mehr Sekt heraussprudelte, und ich sagte, er solle sich zum Teufel scheren, und es sei doch besser für uns alle, wenn wir ihn nicht sehen müßten, denn nur seine Abwesenheit könne uns glücklich machen. Worauf er einfach abgehauen ist. Und (Schluchzen) ... er ist noch nicht nach Hause gekommen, und jetzt ist schon Sonntagnachmittag.«
»Hast du seine Kollegen angerufen?«
»Nein. Wie soll ich denen das denn erklären, ohne zu verraten, in welcher Hölle wir leben? Und dann erfahren das alle und...«
»Meinst du denn, die wüßten das nicht schon längst?«
»Nein, John behält seine Maske auf. Bei seiner Arbeit ahnt niemand etwas.«
»Das glaubst du, ja.«
»Aber überleg doch mal, wenn ihm etwas passiert ist? Ich habe alle Krankenhäuser angerufen, aber da ist niemand mit seinem Namen eingeliefert worden.«
»Wahrscheinlich schläft er irgendwo seinen Rausch aus.«
»Ich habe mich heute morgen so geschämt, daß ich bis in die Zehennägel rot geworden bin, als ein Nachbar nach dem Wagenheber fragte, den John sich vor zwei Wochen geliehen hat. Er wollte an meinem kleinen Hyundai einen Reifen reparieren und brauchte dazu einen Wagenheber. Und so steht der Wagen jetzt seit vierzehn Tagen da. Und ich mußte dem Nachbarn sagen, er könne in die Garage gehen und sich den Wagenheber holen, wenn er ihn sofort brauche, und er wollte wissen, wo John sei, und ich mußte mir eine Geschichte aus den Fingern saugen, er sei nach Värmdö gefahren, um am Boot herumzubasteln. Der Nachbar schien nur sauer zu sein, und ich sah ein, daß ich ins Förmchen geschissen hatte, als er zur Auffahrt hinüberschielte, wo Johns Dodge stand. Da schien bei ihm der Groschen zu fallen, und er nickte mir mitleidig zu. Und jetzt weiß wohl die ganze Nachbarschaft, was Sache ist. Was soll ich bloß machen?«
»Einen Kurs.«
»Einen Kurs? Gibt es Kurse, in denen man lernt, die Psyche eines Typen umzuprogrammieren?«
»Nein, aber es gibt noch andere Programmierkünste. Vor allem solltest du John aus deiner eigenen Psyche herausprogrammieren. Saug soviel Geld wie möglich aus ihm heraus und frisch deine Kenntnisse auf. Du mußt das wieder drauf kriegen, was du gekonnt hast, ehe du an diesen Heini geraten bist. Aber mit IT. Sonst schaffst du den Wiedereinstieg nicht.«
»Das kann John mir doch beibringen.«
»Stöhn! Hör jetzt endlich auf, dich um sein Arschloch zu drehen. Mach selber etwas. Du sitzt in einer Frauenfalle, Hillevi.«
»Soll ich mir etwa an dir ein Vorbild nehmen, oder was?«
»Hab ich das gesagt? Du lebst doch ein Luxusleben, zum Henker, also hör mit dem Gejammer auf. Pfeif drauf, was John macht, solange er dich versorgt. Ich an deiner Stelle würde die Zeit nutzen, um mein Schäfchen ins trockene zu bringen. Danach kannst du dich entscheiden.«
»Eigentlich hast du nicht unrecht. Ich habe seit fast einem Jahrzehnt nicht eine Krone mehr verdient. Aber die Kinder brauchen so viel Zeit.«
»Dann steck sie in den Kindergarten! Na los! Kuschel ist fast vier. Du kannst dich nicht hinter ihnen verstecken, bis du eine alte Vettel geworden bist.«
»Seufz. Dann verrate ich doch all meine Ideale.«
»Ideale ändern sich. Willst du lieber dich selber verraten?«
»Was für ein Klischee! Wir leben doch mit anderen zusammen. Wir können uns nicht nur um uns selber kümmern.«
»Nein, aber du kümmerst dich im Moment um gar nichts, und das wirst du eines Tages bereuen, wenn das Haus zusammenbricht. Glaub mir. Ich hab das auch erlebt...«
»Huch, jetzt wird Kuschel wach. Er hat Fieber. Ich muß mich um ihn kümmern. Bis dann.«
»Vergiß nicht, was ich gesagt habe. Wechsele auf dein eigenes Leben über und leb es. Ein für allemal! Bis dann.«
E-Mail von Annie an Hillevi, 26. März, 20:03
Hillevi, hallo! Was macht ihr denn so? Kein Mensch geht ans Telefon. Ist John Amok gelaufen und hat euch allesamt abgemurkst? Ich selber wurde nach einem Umtrunk im Büro, bei dem die neue Spendrup-Kampagne vorstellt werden sollte, aufs Schärfste ans männliche Grobian-Gen erinnert. Es waren nur Leute aus der Branche da, unter anderem Leo Larsson, der für das wichtige Resumé schreibt. Ich bin ihm um den Bart gegangen, damit er nett über uns schreibt, und er trank sich methodisch auf Bekenntnisniveau hinunter. Er liegt im Scheidungsgraben, wie sich herausstellte. Er sei bei seiner Alten seit drei Jahren nicht mehr zum Schuß gekommen, sagte er, was aber leicht übertrieben ist, da sein jüngstes Kind gerade mal ein Jahr alt ist, aber er triefte nur so vor Selbstmitleid, und ich habe ein bißchen mitgejammert, obwohl ich seine Frau sehr gut verstehen kann. Der Arsch ist doch einfach zu fett für einen Fick. Als ich nach Hause wollte, fingen die Probleme an. Der Kerl kam mit mir auf die Straße, weil er sich davon überzeugen wollte, sagte er, daß ich sicher nach Hause käme. Wie fürsorglich, was? Ohne zu fragen parkte er seine angeschwollene Leibesfülle im Taxi neben mir, und als wir bei mir angekommen waren, stieg auch er aus. Was blieb mir also anderes übrig, als ihn für einen Moment hereinzubitten, aber er sollte leise sein, weil die Kinder schliefen. Ich holte eine Flasche Wein und füllte zwei Schalen mit Chips und Nüssen, und dann setzten wir uns an den Couchtisch. Und dann ging mir auf, daß ich Mr. Bean zu Besuch hatte. Noch dazu einen stockbesoffenen Mr. Bean. Mit einer einzigen Handbewegung hatte dieser Mistkerl die Weinflasche umgeworfen, ein Weinglas zerbrochen, dem anderen den Fuß abgehauen und die Nußschale umgestoßen. Und als er aufstand, folgte der Couchtisch den halben Weg mit, und alles, was noch darauf war, ging zu Boden. Er hob nicht mal den Arsch, um einen Lappen zu holen – o nein – er war aufgestanden, um pinkeln zu gehen, und ich rief »Vorsicht, die Vase« und »Nicht das Bild anfassen, das ist ein Vermögen wert«, aber als er gegen das Bücherregal knallte und dann in den Fernseher zu segeln drohte, wurde ich eiskalt und rational. Ich führte ihn in die Diele, denn jetzt wollte ich diesen Marodeur ganz schnell aus der Bude schaffen, aber da wollte dieses Drecksgerät nun auch noch einen Kuß! Einen Kuß! Ich stieß ihn weg, worauf er sich einen von meinen Igelkleiderbügeln schnappte, die mit Kleidern und Taschen der Kinder vollgeladen sind. Die Garderobe ist an einer Betonwand festgeschraubt und war bisher so sicher wie das Amen in der Kirche, aber nun fiel die ganze Pracht herunter, und Leo Larsson schloß sich an, war danach unter einem Kleiderhaufen begraben und schnaufte wie ein Auto im Schneegestöber. Mir war schon längst egal, was er vielleicht in seiner Zeitschrift schreiben und woran er sich von diesem Katastrophenbesuch noch erinnern würde, ich wollte ihn nur so schnell wie möglich loswerden, und deshalb habe ich dieses Ungeheuer über die Schwelle geschoben und gezerrt, und dann konnte ich endlich die Tür zumachen und zweimal abschließen. Worauf dieser Trottel durch den Briefschlitz brüllte, und ich mußte für die dadurch geweckten Kinder eine Erklärung finden und eine noch bessere für das Überfallkommando, das bestimmt bald anrücken würde. Und Leo torkelte in den Fahrstuhl, und mir gegenüber stand die Nachbarin und glotzte durch den Türspalt.
Am nächsten Tag ruft Leo an und bittet um Entschuldigung. Er stehe draußen im Sveaväg, sagt er. Seine Alte hat ihn auf die Straße gesetzt, und das ist ja wohl kein Wunder; als er nach Hause kam, hat er sicher weiterhin so einen Höllenlärm gemacht, diese verdammte Untergangsmaschine. Ich hatte gute Miene zum ekelhaften Spiel gemacht und ungeheuer viel über die Spendrups-Kampagne erzählt, damit er den Wink begreift. Kerle, dachte ich, wozu sind die schon gut? Aber dann kam mein Nachbar, der Schreiner ist, und hat die Garderobe wieder angebracht, und er war so nett und freundlich und ehrlich und reizend und natürlich höflich.
Du hüllst dich aber wirklich in Schweigen, was? Laß endlich von dir hören!
Annie.
Postkarte von Hillevi an Annie, abgestempelt am 27. März in Phuket
Tching, tchong, Annie! Das ist einfach zu toll. John hat uns mit einer Reise nach Thailand überrascht. Ich genieße jede Sekunde. Habe noch nie so viele Farben gesehen. Und billig ist es hier auch. Wir liegen den ganzen Tag am Pool und trinken Eiskaffee. Ja, und Bier wie blöd. Im Schatten einer Palme sehe ich das Leben von seiner lichten Seite. Ich werde fast geblendet.
Knutschis, Hillevi.
Telefongespräch zwischen Hillevi und Annie, 4. April, 17:47
»Hiiiiiimmel ...«
»Ach was, endlich zurück auf den Breitengraden des Anstands?«
»Ja, zurück, das kannst du wohl sagen. Das mit dem Anstand ist allerdings so eine Sache. John war gestern halbtot, als wir nach Hause gekommen sind, und bisher sind alle Wiederbelebungsversuche gescheitert.«
»Malaria, Typhus oder Ruhr?«
»Suff ist die übliche Bezeichnung. Oder Kater. Aber es sieht eher nach Koma aus. Und dabei hat es so schön angefangen.«
»Ja, auf deiner Postkarte hat es immerhin so ausgesehen.«
»Hmmm. Postkarten sind ein Sonnenscheingenre.«
»Und das Leben auf der lichten Seite verschwand in der Dunkelheit des Briefkastens?«
»John hat Bier gepichelt wie ein Kamel, und ich konnte ja nicht gut etwas dagegen sagen, wo er doch diese tolle Reise spendiert hatte.«
»Sicher hat der Windhauch seines schlechten Gewissens euch bis nach Asien getragen.«
»Schlechtes Gewissen?«
»Ja, als wir zuletzt miteinander gesprochen haben, war er doch verschüttgegangen.«
»Ach ja, das hätte ich fast vergessen.«
»Verdrängt. Wann ist er denn wieder aufgetaucht, und welche Erklärung hat er sich aus den Fingern gesogen?«
»Er hat mit den Kollegen weitergesoffen und bei einem von ihnen auf dem Sofa geschlafen, und das bis Sonntagabend.«
»Und auf diesem Sofa hatte er nicht zufällig weibliche Gesellschaft?«
»John? Jetzt reiß dich aber zusammen. In dem Zustand schafft er nicht mal den Weg zum Klo.«
»Blödsinn. Ein Ehemann, der aushäusig übernachtet, hat immer seine guten Gründe. Gründe, die sich rhythmisch rein und raus bewegen.«
»Hör auf! Auf diese Idee würde John niemals kommen. So ist er nicht veranlagt.«
»Sexuelle Veranlagung ist doch alles, was die Kerle haben.«
»Hör jetzt auf. Er kam mit einer Kubiktonne Reue im Gepäck nach Hause, und dann hat er sofort die Reise gebucht, und wir sind losgezogen. Und die ersten Tage waren wirklich herrlich. Aber dann kamen der Schnaps und der ganze Suffzirkus, und wir haben es kaum zum Flughafen geschafft, als es an die Rückreise ging. John hatte fast das Delirium und sah so jämmerlich aus mit seinem Sonnenhut und seiner knallroten Nase. Und ich bin wieder in das schwarze Loch gefallen. Das Haßloch. Ich verachte ihn dermaßen, Annie.«
»Willkommen im Klub.«
»Aber das Schlimmste ist, als das Flugzeug gerade gestartet war, da hat es in der Luft sozusagen eine Vollbremsung gemacht, und dann ist offenbar ein Triebwerk krepiert, und das Flugzeug verlor an Höhe. Ich hatte panische Angst. Wir standen kurz vor dem Absturz, so kam mir das vor, und John war weit weg, und ich konnte niemanden an der Hand halten, und die Kinder sahen total verängstigt aus, und ich hatte einen akuten Gehirnstillstand. Das dauerte mehrere Minuten, und ich konnte mir alles überlegen.«
»Was hast du dir überlegt?«
»Ich habe gedacht... ja, daß ... daß mir jemand eine lange Nase zu drehen schien. Daß ich niemals ... hochkommen würde. Und daß ich auch niemals oben gewesen war.«
»Du weißt doch, was das bedeutet?«
»Daß ich eine Depression habe?«
»So ungefähr. Das war sicher eine Warnung. Mach jetzt was aus deinem Leben, Hillevi. Ehe es wirklich zu spät ist. Du bist fast vierunddreißig, Bald bist du ein Fossil auf dem Arbeitsmarkt.«
»Seufz! Du denkst nur an die Karriere!«
»Ja, woran denn sonst? Was gibt es denn sonst noch außer der Karriere? Und den Kindern, natürlich. Im Lebensstrom gibt es nur Platz für zwei große Schätze. Wenn du versuchst, mit einem dritten an Land zu rudern, dann sinkt der Kahn. Kinder, Mann und Karriere lassen sich nicht vereinbaren. Das siehst du selber. Eine Partie mußt du abstoßen.«
»Aber was ist mit dir? Du jammerst doch dauernd über Männermangel.«
»Ja, ja. Über irgendwas muß ich doch jammern. Aber das hier ist besser als mein Leben damals, als ich verheiratet war.«
»Du hast die Suche also aufgegeben?«
»Im Moment habe ich das Gefühl, das ganze Terrain abgegrast zu haben. Am Donnerstag war ich auf einem tollen Fest, bei dem ein neues mondänes Monatsmagazin gefeiert werden sollte, mit Leuten aus Werbung, Mode, Kunst und Kultur. Ich stand also an einem Tisch und schlürfte mein drittes Glas Bizzelwasser, und da kam ein Kerl, der mich schon eine Weile angestarrt hatte, so was merke ich doch. Er hieß Daniel und sah saugut aus. Dunkle lange Haare, schlank. Cordhose und Lammwollpullover. Unglaublich schöne Augen, wie zum Lutschen, so wie Lakritzpastillen. Er ist siebenunddreißig, so wie ich, und seine Frau hat ihn kürzlich verlassen. Und dann hat er von seinem Beruf erzählt. Er ist Poet. Und ich stöhnte innerlich ... ich hasse Poesie. Hab ich noch nie kapiert. Aber er war doch so niedlich, also standen wir da und soffen uns einen an, und er wollte wissen, ob ich gern noch weitere Kinder hätte. Was für eine Frage. Er sagte wirklich ganz offen, was er wollte. Der Abend verschwand dann im Sektnebel, aber auf jeden Fall haben wir noch Visitenkarten ausgetauscht, ehe ich auf meinen neuen Stöckelschuhen nach Hause gewankt bin. Am nächsten Tag rief er an und wollte sich mit mir verabreden. Na gut, sagte ich. Bei ihm zu Hause, schlug er vor. In seiner Scheidungswohnung in der Birger Jarlsgatan. Gesagt, getan. Ich habe für die Kinder Fischstäbchen gemacht und bin losgezogen. Als er die Tür öffnete, hielt er mir ein Glas Rotwein hin und entschuldigte sich für den Bratenfettgestank, der wohl von einem Nachbarn stammte, wie er annahm, den in Wirklichkeit aber meine Haare abgaben. Die Wohnung war altmodisch und sorgfältig, aber spartanisch eingerichtet, so, wie Kulturmenschen das für richtig halten. Du weißt, Designerleuchter, Parkettboden ohne Teppiche, Punktstrahler und alles sauber, sauber, sauber. Sicher hatte er sich schon den ganzen Tag auf mein Kommen vorbereitet. Nicht ein Staubkorn lag an der falschen Stelle, und der CD-Player lieferte sanfte einlullende Musik. Auf dem Tisch lagen dicke Bücher über so interessante Themen wie Wein und Architektur und Mythologie und so, du weißt schon. Auf der Anrichte lagen die hipsten englischen Zeitschriften, arrangiert wie ein Fächer. Der Aschenbecher war blank poliert, die Rotweinplörre gab es in mundgeblasenen Gläsern, und ich hatte schon bald das immer stärker werdende Gefühl, daß das trotz allem doch keine so gute Idee gewesen sei. Unser Gespräch zog sich etwas verkrampft dahin, und natürlich kamen die Makel zum Vorschein, wie das ja immer der Fall ist, wenn wir ein männliches Wesen besuchen. Der Makel war in diesem Fall eine Dichterlesung. Ich durchlitt diese viertelstündige Darbietung, die Texte stammten aus seinem letzten Werk und waren ganz und gar unbegreiflich, und ich nickte und lachte und litt, und meine Kopfhaut juckte, und ich kam mir fettig und nach Fischstäbchen riechend und in diesem museumsähnlichen Haus schrecklich banal vor. Die Gedichte handelten von der Kunst, eine Leiche zu zerstückeln, was mit seinem Weltbild nur gar zu sehr übereinstimmte. Von einem Tisch in einem Obduktionssaal aus gesehen, wo alles ebenso steril und klinisch ist. My God! Als seine Lesung endlich zu Ende war, lobte ich die lange Kunstpause in der Mitte, die er mit einem Piepser beendet hatte. Ich hatte gedacht, das gehöre zu seiner Performance, aber er sagte, ihm sei etwas im Hals steckengeblieben und es sei durchaus keine Absicht gewesen. Ich stand auf und ging auf seine desinfizierte und manisch geschrubbte Toilette, und als ich wieder zum Vorschein kam, lag er so auf der Lauer, daß ich geradewegs in seine Umarmung hineinwandern mußte. Das hatte er bestimmt genau geplant, und da standen wir nun, und er wollte mich küssen, und ich hatte das Gefühl, einen gegrillten Truthahnhintern zu küssen. Ohne Salz. Als wir dann wieder auf dem Sofa saßen, ließ dieser Dreckspoet seine Hose sinken. Ich behauptete, ich hätte meine Tage. Aber er wickelte trotzdem seinen halbweichen Rüssel aus und machte sich daran zu schaffen, ohne Ergebnis, der blieb schlaff.«
»Wie furchtbar!«
»Nein, nicht einmal das. Es war alles so blöd und unpassend, und vielleicht fühlte er sich ja zum Weitermachen gezwungen, denn er zog und zerrte an seinem armen Apparat, bis ich aufsprang und die Flucht ergriff. Als ich wieder auf der Straße stand, brüllte er durchs Fenster, ich solle anrufen. Ich rief zurück, daß diese Szene von eben nie geschehen sei, und sprang ins erstbeste Taxi, und als ich nach Hause kam, mußte ich losheulen, und die Kinder wurden wach, und ich konnte noch nicht einmal mir selber erklären, warum ich so traurig war.«
»Du hast dich sicher einsam gefühlt.«
»Ja. Aber lieber das, als zu erleben, was Männer zu bieten haben.«
»Huch! Jetzt kommt John die Treppe heruntergepoltert. Ich muß auflegen. Bis bald.«
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.