Kitabı oku: «Anaconda 0.2»

Yazı tipi:

An einer politischen Demo wird Leo, ein junger Mann von zwanzig Jahren, von einem Hartgummigeschoss der Polizei so schwer getroffen, dass er ins Koma fällt und stirbt. In ihrer Trauer schlagen die ­Eltern ganz unterschiedliche Wege ein. Während die Mutter einen Verein für ­Persönlichkeitsrechte gründet und mit dessen Hilfe den Untersuchungsbericht der Polizei attackiert, versucht der Vater herauszufinden, was für ein Leben sein Sohn geführt hat, seit er vor einem Jahr von zu Hause ausgezogen ist.

Bei der Räumung des ehemaligen Kinderzimmers findet er eine seltsame, alte Spieluhr, die sich als geplante Paketbombe entpuppt. Auf der Suche nach den Per­sonen, die mit seinem Sohn in Kontakt standen, dringt er immer tiefer in den ­digitalen Kampf zwischen Big-Data-Konzernen und Antiglobalisierern vor, an dem sich Leo als Hacker beteiligt hatte. Als der Vater sich von seiner Frau zunehmend zu entfremden droht und gleich­zeitig feststellen muss, dass er in Leos digitalem Krieg längst seine eigene Rolle hat, fasst er einen Entschluss.


Urs Richle, geboren 1965 im Toggenburg, lebt mit ­seiner Familie in Genf. Er ist ­diplomierter Medien­ingenieur und veröffentlichte in den Neunzigerjahren eine Reihe von Romanen (u. a. «Das Loch in der ­Decke der Stube», «Mall oder das ­Verschwinden der Berge», «Fado Fantas­tico»), die in mehrere Sprachen übersetzt und mit Preisen ausgezeichnet wurden. Neben dem Schreiben arbeitet Urs Richle in Forschungsprojekten an der Univer­sität Genf und als Dozent am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel.

www.ursrichle.ch

Urs Richle

Anaconda 0.2

Roman

Limmat Verlag

Zürich

Language is a virus

William S. Burroughs /

Laurie Anderson

Flashball
1

Sie waren fünf-, dann zwölf-, dann zwanzigtausend. Die Fäuste aus den Taschen geholt, trugen sie die Wut auf ihren Zungen, mischten Wörter auf, verknoteten sie, formten Protestwolken und ließen Verurteilungen und Forderungen ha­geln. Mehr und mehr Leute strömten durch die Straßen der Innenstadt, drängten an den Schaufenstern der Kaufhäuser vorbei vor zu den Ordnungshütern, die den Verkehr zu deren eigenen Sicherheit blockierten. Einige hatten sich vermummt, andere begaben sich mit offenem Gesicht in die Konfrontation mit der Polizei.

Es war die Zeit der Börsencrashs, der einstürzenden Banken und kollabierenden Staaten, die Zeit des leichten Geldes für die einen und der schleichenden Misere für die andern. Wir klebten an den Bildschirmen, verfolgten die Nachrichten und stellten uns in die Startlöcher, um unsere kleinen Ersparnisse in jedem Augenblick ins Trockene zu bringen. Nur wo das sein sollte, wussten wir nicht.

Sie aber hatten die Straße gewählt, den Protest. Sie hatten Schilder gemalt, Sprachrohre organisiert, Parolen ausgedacht. Nachdem die Demonstration offiziell verboten worden war, hatte sich die Organisation in den Untergrund der Mobiltelefone und sozialen Netzwerke verschoben, weder Kopf noch Schwanz, eine große, wachsende Qualle, die sich durch die Stadt bewegte, bereit, mit ihren ständig sich wandelnden Nesselzellen jeden beliebigen Ort zu verbrennen.

Leo hatte sich unter die Demonstranten gemischt, sich ins Zentrum der Menge gedrängt, ohne Maske, weder Kappe noch Brille. Er war nicht der Typ, sich zu verstecken, nahm kein Blatt vor den Mund, war immer einer von denen, die sich die Hände schmutzig machten. Er trug ein Schild, gebaut aus einem großen, grauen Karton, den er auf einen Holzstab genagelt hatte. Auf den von der Polizei geschossenen Fotos kann man noch den Slogan lesen: Hast du Hunger? Friss einen Bankster! In roter Dispersion hatte er die Buchstaben mit einem großen chinesischen Kalligrafiepinsel auf sein Schild gemalt, überzeugt davon, dass dieses Instrument von nun an nur noch auf diese Weise verwendet werden würde, dass die Zeit der dekorativen Unterhaltung endgültig überwunden sei und dass die Sprache, nach so vielen Jahren der Dekadenz und der Verachtung der Moral, nun wieder einen Sinn erhalten, einen Vertrag bilden sollte zwischen dem, der sendet, und jenem, der empfängt. Ein Wort auf ein Schild malen und dieses mit erhobenem Haupt durch die Straßen tragen war für Leo, als würde er zum Messer greifen oder einen terroristischen Akt begehen. Die sechsundzwanzig Buchstaben des Alphabets waren seine Munition; die Zunge, die Schilder, die Manifeste seine Waffen. Da war er, mitten unter den Empörten, schrie sich die Lunge aus dem Leib, schrie bis zur Erschöpfung, klammerte sich an seinem Schild fest, das die Polizisten sofort als Feind identifiziert hatten, als Bedrohung der öffentlichen Ordnung, das musste Leo gespürt haben, er wird es in ihren Blicken erkannt haben, die durch Schutzbrillen drangen. Leo hatte keine Angst. Er drängte sich so nah wie möglich an die Polizisten heran, er wollte sie sehen. Er wollte, dass die Ordnungshüter seine Präsenz physisch erlebten wie eine Macht, gegen die es kein Mittel mehr gibt.

Da war er, an der Front des Umzugs, blockiert durch ei­ne lange Reihe vermummter Polizisten mit Schlagstöcken und großen Kautschukpistolen. Hinter dieser Front standen Trup­pen in den benachbarten Straßen bereit, hockten in den vergitterten Lieferwagen, kamen aus anderen Quartieren heranmarschiert, bereit, den Abszess aufzustechen, die Fangarme dieses Monsters der unbotmäßigen Jugend abzuschneiden.

Hinter Leo war die Menschenmasse weiter angewachsen. Der zunehmende Druck verringerte den Raum zwischen den Leuten, drängte Leo gegen die Polizisten, ließ ihn den Atem dieser schweigenden, stoischen Männer in ihren Rüstungen spüren, junge Männer, kaum älter als er selbst.

Eingezwängt zwischen Demonstranten und Polizisten musste er die Kraft der Masse in sich gespürt haben, die Wut, die auch die seine war, die Schreie der Empörung, seine Empörung. Ich stelle ihn mir glücklich vor in diesem Augenblick, glücklich wie er es wohl noch selten gewesen war in seinem kurzen, neunzehnjährigen Leben. Bestimmt hatte er ein Gefühl der Befriedigung empfunden, als er den Druck all der Leute hinter sich spürte, die ihre Ängste und nutzlos gewordenen Werte über Bord geworfen hatten, all die kleinen Privilegien und Gewohnheiten, seine Mitstreiter, die die Dinge wieder in die eigenen Hände und die Wörter in den eigenen Mund nahmen.

Seine Finger hatten sich am Holzstab des Schildes festgeklammert. Wie ein großes Segel wehte der bemalte Karton über seinem Kopf, sein Mund wohl trocken, die Kehle rau.

Der Augenblick, als alles außer Kontrolle geriet, ist nie geklärt worden. Vielleicht verlor ein Demonstrant die Nerven, vielleicht machte ein Polizist eine unüberlegte Bewegung. Kein Video, keine einzige Fotografie existiert, außer die Polizei habe sie verschwinden lassen, nichts, was den Anfang dokumentieren würde. Es gibt die Aussagen, natürlich, aber der Versionen sind unzählige.

Von Zeugenaussagen wissen wir, dass Leo sich von der Menge hatte mittragen lassen. Einige berichteten, er habe wie hypnotisiert gewirkt von allem, was rund um ihn herum geschah. Aber wer glaubt schon nachträglichen Erzählungen, diese von der einen oder anderen Meinung verdrehten Geschichten dessen, was geschah auf der Kreuzung der Hauptverkehrsader der Stadt?

Was wir hingegen wissen: Leo ist irgendwann umgefallen. Das Chaos war total, Demoschilder krachten auf die Schutzschilder der Polizisten nieder, Fäuste platzten auf Metallhelme, auf Panzerwesten und Plexiglasscheiben, hinter denen sich große mit Kautschukpatronen geladene Pistolen verbargen, die Flashball. Leo kannte diese Pistole, er hatte sich informiert, hatte Bilder im Internet betrachtet, und nun stand er vor ihr, konnte sie beinahe anfassen. Aber plötzlich trafen ihn Schläge, die Stöcke und Schilder prasselten von der anderen Seite auf die Demonstranten nieder, auf Schultern und Beine, Rücken und Köpfe. Die Schläge waren so heftig, dass mehrere Rippen brachen, Arme und Nasen. Das Blut der Demonstranten floss wie Öl ins Feuer der Proteste.

Leo zog sein Segel ein, wechselte den Griff seiner Hände am Stock des Schildes und begann auf die Helme und auf die Schutzschilder einzuschlagen, holte aus und schlug ein auf die Mauer, die sich rund um ihn herum gebildet hatte. Der Karton mit den leuchtenden Worten zerriss wie ein Papiertaschentuch in der Schlacht des Debakels, Wortfetzen flogen durch die Luft, und Leo schlug auf alles ein, was sich um ihn herum bewegte, als ob die Schläge die verflogenen Wor­te wieder zurückgeben würden, seine Stimme, die er in diesem Schlamassel verloren hatte.

Die Demonstranten waren gezwungen, sich langsam zurückzuziehen. Die Plexiglasschilder und schwarzen Schlagstöcke drangen vor, ohne zwischen Demonstranten und Schaulustigen zu unterscheiden. Panzerwagen und Kleinbusse rollten auf die Masse zu. Wasserwerfer streckten ei­nen um den anderen zu Boden. Und dann, nachdem sich zwischen den Demonstranten und den Polizisten endlich ein Abstand gebildet hatte, gab ein Schuss das Signal zur großen Panik. Alle begannen zu rennen, zu stoßen, zu schreien, zu heulen. Einige rissen an Haaren, an Kleidern, an Beinen und Armen. Nichts machte mehr Sinn, die Welt explodierte, überschwemmt von unterbrochenen Geschichten und frisch getöteten Hoffnungen.

Im Innern dieses Bildes hatte Leo innegehalten, den Stock in der Hand, die Nase gebrochen, das Blut floss ihm über die Lippe auf das Hemd, auf die Hose, auf den Asphalt.

Niemand weiß, ob Leo in diesem Augenblick, als er seinen Stock wie ein Krieger in die Luft streckte, den Blick des Polizisten kreuzte, der seine Flashball-Pistole auf ihn gerichtet hatte. Niemand weiß, ob Leo wusste, dass die Kautschukkugel, die daraus geschossen kam, für ihn bestimmt war und für niemand anderen. Das Einzige, was Leo wohl gespürt haben musste, war ein ungeheurer Schlag auf seine Brust, ein Schlag von einer solchen Stärke, dass er nach hinten geworfen wurde, den Kopf in die Höhe gestreckt, und im Geist voller Erstaunen über die Explosion, welche die Welt für einen Sekundenbruchteil hell aufleuchten ließ, um dann gleich wieder zu erlöschen wie eine Kerze in einem luftleeren Raum.

2

Als wir im Krankenhaus ankamen, war Leo bereits in den Operationssaal gebracht worden. Wir hatten Zugang bis vor die letzte Tür: Hände desinfizieren, grüner Kittel, gelbe Kappe auf den Kopf, durchsichtige Plastikhüllen über die Schuhe — Heuschrecken in einem sterilen Kühlhaus. Die Krankenschwester war freundlich und besänftigend, ließ jedoch nicht von uns ab, bis wir vorschriftsgemäss gekleidet waren. Mona war außer sich, marschierte den Korridor rauf und runter, entlud ihre Wut an einem Stuhl, am Wasserverteiler.

— Was machen die denn? Was tun sie ihm an? Ich will ihn sehen! Ich habe ein Recht darauf! David, unternimm doch was!

Was konnte ich schon tun? An die Tür klopfen? Sie öffnen? Die Sicherheitszone übertreten und einen Alarm auslösen? Und was hätte das unserem Sohn gebracht? Die Ärzte mussten wissen, was sie taten. Mona riss mir die olivgrüne Schürze vom Leib, schlug mir mit ihren beiden Fäusten auf die Brust, stieß mich rückwärts, bis ich in einen Leder bezogenen Sessel fiel.

— Warum informieren sie uns nicht? Was soll dieses Schweigen? Was ist ihm zugestoßen?

Man hatte uns nur gesagt: Herr Conda? Sind Sie Leos Vater? Ihr Sohn ... Lange Pause ... ein Unfall während der De­monstration. Das war ­alles, und die Adresse des Krankenhauses, der Name des ­behandelnden Arztes, Polane, und die Bitte, so schnell wie möglich zu kommen.

Es war mitten am Nachmittag. Ich musste ein Stück Code unfertig stehen lassen und einige Arbeitsberichte auf später verschieben, ich hätte mir einen anderen Grund gewünscht, um mich mitten am Nachmittag von der Arbeit fortzustehlen.

Ich schwang mich auf mein Fahrrad, raste durch die Stadt und erreichte das Krankenhaus vor Mona, die von zu Hause mit dem Auto losgefahren war. Und dann standen wir vor der großen Tür des Operationssaals, ohne Nachricht seit über einer Stunde. Jede Minute, die verstrich, verschlechterte den Fall unseres Sohnes, nagte an unserer Zuversicht, jede Sekunde fraß ein Stück unserer Hoffnung. Als die Krankenschwester uns vom anderen Flurende her endlich ein Zeichen machte, war von der Revolte, der Wut, dem Protest gegen die unerträglichen Umstände nur noch eine matte Erschlagenheit übriggeblieben.

— Ihr Sohn ist in ein Zimmer gebracht worden. Der Arzt möchte Sie sprechen. Bitte folgen Sie mir.

Eine einladende Geste. Noch ein Lug, noch ein Betrug. Während wir unseren Sohn vor uns hinter der Tür auf dem Operationstisch glaubten, war er in Wahrheit in diesem Labyrinth der chirurgischen Humanmechanik längst weitertransferiert worden.

— Lebt er?, fragte Mona, unfähig, sich zu erheben.

— Ja, er lebt. Kommen Sie.

Ich nahm sie unter den Armen wie ein Kind und zog sie zu mir hoch. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. Das Warten hatte sie um einige Jahre altern lassen.

Der Arzt knöpfte seinen Kittel auf, streckte uns die Hand entgegen. Leo war versteckt unter den Decken und Laken, zwischen Schläuchen und Maschinen. Ich musste mich zum Kissen hinunterbeugen, um seinen Kopf zu sehen. Man hatte ihm die Haare abrasiert, ich sah Blutspuren, hörte die künstliche Beatmung, die über einen durchsichtigen Schlauch durch die Nase zugeführt wurde. Mona klammerte sich an meinen Arm.

— Wir haben unser Bestes getan, erklärte der Arzt, aber sein Zustand bleibt kritisch. Wir können nichts versprechen.

Dann erklärte uns der Chefchirurg Polane die Situation im Detail. Ich sah die Bewegungen seines Mundes, betrachtete den Berg an Kissen und Maschinen, der unser Sohn sein sollte. Die Worte des Arztes waren Nebengeräusche, Kulissen eines makabren, absurden Films.

Leo war im Koma, so viel hatten wir verstanden, eine Tatsache, gegen die weder unser Wille noch unsere Imagination etwas konnte, so wie er dalag, unter diesem weißen Kissenberg.

— Ich komme später wieder, sagte Doktor Polane noch, bevor er das Zimmer verließ, vor unserer Taubheit kapitulierend. Und dann, als er die Zimmertür hinter sich zugezogen hatte, nahm ich das regelmäßige Ticken der Maschine wahr, die Leos Herzrhythmus aufzeichnete.

— Hörst du das?

Mona hatte sich neben dem Bett auf einen Stuhl gesetzt. Wir durften die Kabel, Röhren und Schläuche nicht berühren; Haltung bewahren, sich nicht gehen lassen. Ich betrach­tete dieses elektronisch angetriebene, hydraulische System und vergaß Leo dabei, als wäre er noch an der Demo, irgendwo auf der Straße mit seinen Freunden, und käme später nach Hause in die Küche an den Tisch.

— Erzähl keinen Unsinn, keine falschen Hoffnungen!

— Das sind keine falschen Hoffnungen. Sie haben ihn operiert. Schau, Mona, man sieht die Vernähung an seinem Kopf, alles wird gut werden.

Die Schnittwunden an Leos Hinterkopf entflammten Monas Verzweiflung, zerschnitten ihre Sprache.

Das Signal von Leos Herzschlag erklang in einem zügigen, konstanten Rhythmus, und wir klammerten uns an dieses einzige noch gebliebene Lebenszeichen unseres Sohnes. Wir waren allein, zum Glück, nur wir und unsere Katastrophe, die in unsere Welt eingeschlagen war.

Zwei Stunden später kam Doktor Polane zurück, und diesmal hörten wir ihm zu: Er sagte Kunststoffgeschoss, er sagte Flashball, er nahm Wörter wie Benützungsvorschriften und Waffenhersteller in den Mund. Er verwies uns auf Polizei­reglemente und Bedienungsanleitungen und zitierte die Minimaldistanz von fünf Metern daraus. Die Kugel hatte Leo vorschriftsgemäß auf die Brust getroffen. Aber die Schlagkraft der Kugel war so stark gewesen, dass der Aufprall auf Leos Brust einen kurzen Herzstillstand provoziert haben musste. Für einige wenige Sekunden hatte er wohl das Bewusstsein verlor. Er fiel nach hinten, stürzte und prallte mit dem Hinterkopf auf die Bordsteinkante des Trottoirs. Der Schlag auf den Stein verursachte eine Hirnblutung. Aus diesem Grund musste notfallmäßig operiert werden.

So viel zu den Erklärungen.

— Alles hängt nun davon ab, ob die Blutung hat gestoppt werden können oder nicht und welche Bereiche des Hirns verletzt worden sind. Im Augenblick kann ich noch nichts sagen.

Doktor Polane wandte sich zur Tür, und damit ließ er uns allein.

Man brachte uns zwei Klappbetten, das Zimmer war groß genug, um uns alle drei zu beherbergen. Nadine rief an und fragte nach Leo. Sie hatte Selma von der Schule abgeholt.

— Ist was zu essen da? Kann ich uns eine Pizza holen? Wie lange muss ich Selma hüten?

Ich beschrieb ihr den Kissenberg vor uns und beruhigte sie.

— Er ist operiert worden. Alles ist gut. Mach dir keine Sorgen.

— Warum? Sollte ich mir denn Sorgen machen? Was haben sie operiert?

— Nichts, meine Liebe, nichts. Hol dir eine Pizza.

Beim Wort Pizza schrie Selma im Hintergrund auf vor Freude. Aber den Abend über riefen Nadine und Selma immer wieder an, wollten Neues wissen, wollten herkommen, wollten Leo sehen.

Die Krankenschwester stellte das Herzsignal leiser, zuerst auf null, aber Mona wollte es hören, und ich auch. Dieses kleine Geräusch beruhigte uns, das einzige Zeichen unseres Sohnes, der im Schlund von Panik und Angst verschwunden war, wir wollten es hören wie damals, als es sich auf dem Monitor des Ultraschallgerätes zum ersten Mal angekündigt hatte, unfassbar wie jetzt.

Es war um vier Uhr sechsunddreißig, ich konnte es beim Erwachen auf dem kleinen Radiowecker auf dem Nachttisch sehen, als Leos Herzschlag den Rhythmus wechselte. Mona saß auf einem Stuhl neben dem Bett.

— Wie kannst du schlafen!

— Was ist los?

Die Krankenschwester kam in zu schnellen Schritten und zu nervös ins Zimmer, als dass uns das hätte beruhigen können. Ohne ein Wort ging sie an die Maschine, tippte auf Knöpfe, druckte Resultate auf einem kassenzettelgroßen, fast durchsichtigen Papier aus, rief den Arzt um Hilfe und bat uns, vom Bett Abstand zu nehmen.

— Bleiben Sie da, bitte, man wird Sie abholen!, schnippte sie und schob das Bett mitsamt den Kissen und Schläuchen und Geräten an uns vorbei zur Tür hinaus.

— Was ist los, David? Was machen sie mit ihm?

Und schon war der Materialberg, den wir nun ganz für unseren Sohn nahmen, in den Gängen des chirurgischen Labyrinths verschwunden. Zwischen unseren beiden Klapp­betten hingen Kabel da und dort herunter wie abgerissene, ausgetrocknete Nabelschnüre.

— Wo haben Sie ihn hingebracht? Was passiert mit ihm?, schrie Mona, als die Nachtschwester zurückkam, um die unnütz gewordenen Apparaturen aufzuräumen.

— Beruhigen Sie sich, Frau Conda, die Ärzte machen ihr Bestes, Ihr Sohn ist in guten Händen.

— Aber was ist mit ihm?

— Ihr Sohn hat einen Rückfall. Die Hirnblutung konnte gestoppt werden, aber sein allgemeiner Zustand hat sich verschlechtert. Sie haben wahrscheinlich auch gehört, wie sein Herzrhythmus plötzlich unregelmäßig wurde. Ich will Ihnen keine falschen Hoffnungen machen, Frau Conda, aber glauben Sie mir, Herr Polane ist ein sehr guter Arzt. Er weiß, was er zu tun hat, und er macht seine Sache sehr gut.

Sie bat uns, das Zimmer zu verlassen, ihr durch die verlassenen Gänge zu folgen, über Treppen und Lifte und weitere Flure. Sie brachte uns in ein Büro in einem anderen Gebäude, bat uns, dort wiederum zu warten, Geduld zu haben, bot uns Kaffee und Tee an, trockene Brötchen des Vortages, aber weder ich noch Mona konnte etwas anderes schlucken als Wasser, als wäre jegliche Nahrungsaufnahme ein Verrat an der Zeit, die wir hatten stillstehen lassen, als hätten wir kein Recht darauf, weiterzuleben, bevor Leo nicht wieder aus diesem Schlund der Unterwelt entkommen und nach Hause zurückgekehrt war.

Dann ließ sie uns allein in diesem von Ordnern und administrativem Kram überfüllten Raum, Formulare auf den Tischen, Ferienpostkarten an den Wänden. Die Geräusche der Schritte auf dem Linoleum draußen im Gang ließen uns regelmäßig aufschrecken. Aber niemals kamen sie bis zu uns in das Büro, niemals brachten sie Erklärungen und Lösungen. Die Ärzte hatten uns aufgegeben, die Krankenschwes­tern vergessen. Polane war vom Erdboden verschwunden.

Gegen halb sechs rief Nadine an, um nach Leo zu fragen.

— Ihr seid nicht mal nach Hause gekommen! Sie war um fünf aufgewacht und konnte nicht mehr einschlafen, wollte ins Krankenhaus kommen. Du musst Selma zur Schule bringen, und du selbst hast heute auch Kurs. Mach, was du zu machen hast!

Aber eine Stunde später, als bereits alles vorüber war, kamen die beiden trotzdem ins Krankenhaus, angetrieben vom schwesterlichen Instinkt, mit Recht befürchtend, dass man ihnen die letzte Stunde mit ihrem Bruder stehlen könnte. Sie wollten ihn sehen, wollten sein Gesicht berühren, seine Hände, seinen entspannten Mund, seine bleichen, grauen Lippen. Selma blieb wie versteinert neben dem Bett stehen. Ihr Gesicht war fahl und leer geworden. Nadine nahm Leos Hand, wie wir es vor ihr getan hatten, nachdem Herr Polane endlich gekommen war, um uns mitzuteilen, was wir bereits wussten, aber nicht wahrhaben wollten:

— Frau Conda, Herr Conda, es tut mir sehr leid, wir haben unser Möglichstes getan.

3

Die folgenden Tage verbrachten wir unter türkisblauem Herbsthimmel. Die Kastanienbäume verfärbten sich gelb, die Pappeln vor dem Wohnzimmerfenster leuchteten orange und rot, und die kleine Topfrebe, die den Sommer über das Geländer des Balkons überwuchert hatte, verlor bereits die Blätter.

Die ersten drei Tage waren wir alle vier zu Hause geblieben, schweigsam in der Stille, jeder mit seinen Gedanken und seiner Traurigkeit. Nicht nur die kleine Selma, auch Nadine mit ihren fünfzehn Jahren und bereits größer als Mona, kroch zu uns ins Bett zum Schlafen, zwischen uns beide, zwischen Mama und Papa, klammerte sich an meinen Arm, schmiegte sich an Monas Rücken.

Erst nach Leos Beerdigung spülte der Regen das Gesicht der Stadt und unsere Gefühle auf. Wir ließen die Traurigkeit in die feuchte Atmosphäre entweichen, sich unter die Wolken mischen. Ich nahm die Arbeit wieder auf und war froh, dass niemand kam, um mit mir zu reden. Die administrative Prozedur der Beerdigung hatte mich erschöpft, die Todesan­zeige und die Formulare, die Beileidskarten und Anrufe, die Wünsche und Ratschläge der Freunde, die freundliche Anteilnahme von so vielen Leuten, die weder ich noch Mona aufnehmen konnten. Und dann: wie ein Kind beerdigen, das wir atheistisch nicht getauft hatten? In welchem Rahmen, mit Rede von wem und mit welchem Ritual? Fragen, die wir uns nicht gestellt hatten, Dinge, die nicht Teil unserer Welt gewesen waren, nicht einmal unserer Vorstellung. Die Beerdigung des eigenen Kindes, auch nachdem es passiert ist, bleibt eine Aberration, die Welt auf den Kopf gestellt.

Mona war es, die in ihrer Trauer und ihrer Wut das Nötige unternahm und Anzeige gegen Unbekannt erstattete.

— Was soll das denn?

— Man muss den Mörder finden und vor Gericht bringen!

— Das ändert nichts, das bringt uns Leo auch nicht zurück.

— Ich will ihn sehen, will seinen Namen kennen, ich muss ein verdammtes Gesicht auf diese Katastrophe setzen!

— Auch wenn du einen Schuldigen findest, das ist nicht der Mörder. Im Gegenteil, er wird sich so schlecht fühlen wie wir, vielleicht noch schlechter, stell dir vor: Ein junger Spund, der unter dem Befehl einer übergeordneten Institution einen Menschen tötet. Was gibt es Schlimmeres? Er muss von Reue und Schuldgefühlen zerfressen sein.

— Schuldgefühle? Das sind Mörder und fühlen sich auch noch im Recht. Die muss man zur Rechenschaft ziehen!

— Mir ist es lieber, man lässt mich in Ruhe.

— Dann bleib doch in deiner Ecke, friss alles in dich hinein, und du wirst sehen, wie die verdrängte Wut dich von innen her auffrisst.

— Du kannst dieses ganze System nicht ändern.

— Solche Dinge dürfen nicht passieren! Man muss das Wort ergreifen, die Dinge beim Namen nennen, Recht beanspruchen. Das ist das Mindeste, was wir Leo schuldig sind.

— Missbrauche unseren Sohn nicht für deine eigene Wut! Lass ihn in Ruhe, lass ihn aus dem Spiel!

— Er ist das Zentrum der ganzen Angelegenheit. Wach auf, David! Wach endlich auf!

Unsere Diskussionen waren uferlos und endeten oft in Streit. Seit der Beerdigung hatte Mona eine zunehmende Wut entwickelt. Ihr Schmerz verwandelte sich in Anschuldigungen und Verurteilungen gegen das Verbrechen der Po­lizei an unserem Sohn. Zum tausendsten Mal wiederholte sie den angeblichen Ablauf der Ereignisse, bis ihre Beschreibung ein ritualisiert erzähltes Märchen wurde, eine Version, die alle Hypothesen und Anschuldigungen beinhaltete, eine Erzählung, die ihrer Wut entsprach. Mir war die Version egal, ich wollte sie nicht mehr hören. Leo war tot, so viel zu den Tatsachen, mit denen wir fortan leben mussten.

Mehrere Wochen verstrichen, bis wir die Kraft aufbrachten, um Leos Zimmer in Angriff zu nehmen. Ich hatte mich mit einer Hundertzehn-Liter-Abfalltüte und der Werkzeugkiste bewaffnet, um Möbel auseinanderzuschrauben, Dinge zu zerkleinern. Aber weder Mona noch Nadine noch ich wagten es, die Tür zu diesem eingefrorenen Vermächtnis aufzustoßen. Es war Selma, die an einem Novembermorgen die Tür öffnete. Alle vier blieben wir davor stehen und betrachteten die Projektion unserer Erinnerungen.

Das Zimmer war geblieben, wie Leo es ein paar Tage vor der Demo zum letzten Mal verlassen hatte: das gewohnte Durcheinander, Kleider am Boden, zerschlissene Schuhe, Bü­­cher, zerkratzte Vinyl-Platten. Das aufgebaute Elektropiano eingeschaltet und staubbedeckt, der Schreibtisch von Papieren überladen, das Bett zerwühlt, sein Pyjama noch auf dem Kissen, als würde er gleich nach Hause kommen, als wäre er nur kurz raus zu seinen Freunden, als hörten wir bereits das Klacken der Wohnungstür gefolgt von seiner Stimme, die nach dem Abendessen fragt.

Mona ging voraus und näherte sich langsam dem Bett, beinah, als mache sie etwas Unerlaubtes, setzte sich drauf, ließ ihre Hände über die Matratze gleiten, über das Kissen und über die Decke. Dann nahm sie den Pyjama mit beiden Händen, hob ihn hoch und presste ihn gegen ihr Gesicht. Sie versank in diesem weichen, warmen Stoff, atmete in der Stille seinen Geruch. Und dann plötzlich wurde sie von ei­nem Heulkrampf erfasst, warf sich mit dem Pyjama in den Armen auf das Bett und weinte.

Ich wohnte dieser Geste bei wie einem alten Ritual.

Und dann glitt ich der Wand entlang, am Bürotisch vorbei, um mich in der Mitte des Zimmers auf den Boden zu setzen, zwischen die Schulbücher und die Fahrradutensilien des kleinen Jungen, der er in diesem, seinem Zimmer geblieben war. Bremsklötze, Schrauben, Kugellager und Kettenteile lagen auf dem Boden verstreut. Eines nach dem andern nahm ich in die Hand, fasste nach undefinierbaren Eisenteilen im Regal, diesem kleinen Ersatzteillager, das Leo sich die letzten Jahre hier für seine Rennräder im Keller aufgebaut und bei seinem überstürzten Auszug aus unserem Haus vor mehr als einem Jahr hatte liegen lassen. Wir hatten damals nicht daran geglaubt, dass er bereits auf eigenen Füßen stehen könnte, und ließen sein Zimmer unangetastet, bereit, ihn für die Restzeit seiner Abnabelung wieder aufzunehmen. Außer ein paar Kleidungsstücken hatte er kaum etwas mitgenommen. Als habe er sich auf eine kleine Reise aufgemacht, war er damals, zwei Monate vor seiner Mündigkeit, rot vor Wut und Hass auf Mona und mich mit einem kleinen Sportsack an uns vorbei zur Tür hinaus ins Leben getreten und bis zu seinem Tod nicht mehr nach Hause zurückgekehrt. Hin und wieder suchte er noch Unterschlupf bei uns, wenn er gerade keine Bleibe hatte, auf der Suche nach der nächsten Absteige, der nächsten Etappe seines Zauberlehrlingstrips, tauchte dann unter in dem kleinen Museum seiner Kindheit, wie er sein Zimmer fortan nannte, genoss die letzten Geborgenheitsfetzchen, bettete sich in die welken Federn seiner Pubertät. Aber länger als eine oder zwei Nächte hielt er es nicht mehr aus bei uns, und oft wussten wir nicht, wohin er sich als Nächstes verkroch, mit wem er die Nächte durchsoff, Abende verkiffte und Tage vergeudete.

— Unser kleiner Leo, sagte Mona, unser lieber kleiner Leo! Wir hätten ihn nicht gehen lassen dürfen.

— Ihn etwa einsperren? Anbinden? Meinst du, wir hätten ihn zwingen können, zu Hause zu bleiben?

— Wir hätten niemals akzeptieren dürfen, dass er einfach so geht und sich wie ein Straßenkind durchschlägt. Er war noch ein Kind!

— Ja, ein Kind, ein selbsternanntes Findelkind.

Leos Stolz hatte es ihm verboten, uns auch nur einmal um Geld zu bitten. Zu seinem achtzehnten Geburtstag hatte er von der Bank eine Karte für sein Konto zugeschickt bekommen, die ihm Zugang zu seinem seit seiner Geburt von Großeltern, Tanten, Paten und auch von uns gespiesenen Guthaben erteilte. Es war nicht besonders viel, aber damit konnte er sich einige Monate über Wasser halten. Später erfuhren wir, dass er sich in einem besetzten Industriegebäude am Stadtrand neue Freunde gemacht hatte. Dort wohnte er mit vier Hunden, zwei älteren Punkfrauen und einem Straßenclown in einer Lagerhalle, und nach mehreren Wochen Absenz hatte er die Schule wiederaufgenommen. Wir hatten uns gestritten deswegen, hatten um Marihuana und um Alkohol gefeilscht, um Ausgehzeiten und um Taschengeld. Leo bombardierte uns mit Argumenten und Gegenargumenten, hielt Tiraden über die Konsumgesellschaft der Mittelschicht, fabulierte sich in die Höhen der Verantwortlichkeiten und Anschuldigungen, verweigerte jegliches Ver­söhnungsangebot und führte Krieg gegen uns, gegen die Gesellschaft, gegen die Welt, eine Welt, in der er nicht leben wollte. Als er dann begann, Lehrer für ihre vermeintliche Inkompetenz mit seiner Absenz zu strafen, eskalierte der Konflikt zu einem letzten rhetorischen Bombardement, das in Leos demonstrativem Auszug aus unserem Haus kulminierte.

Seither mussten wir uns mit Leos sporadischen kurzen Besuchen bei uns begnügen, erhielten tropfenweise Informationen über ihn, erfuhren, dass er die Matura doch noch geschafft hatte, knapp zwar, aber immerhin, und schließlich ließ er uns schriftlich mitteilen, dass er sich an der Uni eingeschrieben habe. Viel konnten wir nicht erfahren. Der Krieg war vorüber, aber der Friedensprozess hatte noch nicht eingesetzt. Leo blieb auf Distanz, und wir lebten fortan mit dem Zimmer in unserer Wohnung, dem kleinen Leo-Muse­um, das weder Mona noch ich noch seine Schwestern je betreten hatten.

Ich weiß nicht, wie lange wir in Leos Zimmer blieben. Irgendwann hatte sich die Dunkelheit über uns gelegt. Mona war auf dem Bett eingeschlafen. Auch ich schlief ein wenig, vielleicht sogar mehrere Stunden, denn als ich aufwachte und das Zimmer verließ, war Nadine nach Hause gekommen und in ihr Bett verschwunden. Ich löschte alle Lichter und legte mich zu Mona.

4

Als ich aufwachte, war ich allein. Mona hatte bereits alle Bücher in eine Kiste gelegt, der Schrank stand weit offen, zwei große Koffer davor.

— Ich bringe sie zur Caritas, sagte sie und verschloss den ersten, prallvollen Koffer. Viele T-Shirts, Hosen und Pullover sind noch wie neu. So nützen sie wenigsten jemandem was.

Dann stopfte sie den Rest in den zweiten Koffer.

— Was machen wir mit dem Bett?

— Das können wir für Besucher behalten.

— Und sein Arbeitstisch?

— Schraub den auseinander! Ich will diesen Mist nicht mehr sehen. Ab heute keine nordischen Wegwerfmöbel mehr in unserem Haus!

Diese Entscheidung hatten wir vor ein paar Monaten gemeinsam getroffen, aber es tat gut, sie noch einmal deutlich zu wiederholen. Die Vorstellung, dass die Erinnerungen an unseren Sohn sich in alten Einwegmöbeln verewigen sollten, war unerträglich.

So schlug ich die Werkzeugkiste auf und begann, den Tisch abzuräumen. Papiere, Werk- und Schreibzeug lagen obenauf, cds und Kabel, ein vertrockneter, angebissener Apfel. Ich sah Leos Zahnabdrücke im Fruchtfleisch, roch daran, biss hinein. Dann zog ich die oberste Schublade auf und holte auch dort die Papiere, Hefte und alten Feriensouvenirs heraus. Seit Jahren hatte ich diese Schublade nicht geöffnet. Wir wussten alle, dass Leo hier seine Hefte, in die er hin und wieder Gedichte geschrieben hatte, versteckte, kleine Cannabis-Reste, Liebesbriefe oder Geld, das er zur Seite legte. Ich wusste sehr genau, dass Mona diese Schublade umging, dass sie sich nicht darum kümmern wollte. Mit einem unguten Gefühl stellte ich mir vor, hier auf ein Tagebuch zu stoßen, die schmerzhafte Lektüre der vergangenen Welt, der ich mich stellen müsste. Vielleicht hätte ich es ungelesen in sein Grab gelegt oder verbrannt wie so vieles später, kurz vor Weihnachten, an einem Gedenkabend an Leo. Das schien uns die einzige angemessene Weise, um im Familienkreis von ihm Abschied zu nehmen.

Da gab es Briefe und beschriebene Zettel, von ihm gesammelte Zeitungsartikel, Zigarettenstummel, Korken von einigen guten Flaschen, die er aus meinem Keller geklaut hatte. Ich fand zwei Uhren, die ich ihm gegeben hatte, deren eine das Erbe meines eigenen Vaters war. Dann auch alle Klappmesser, mit denen wir bei Picknicks Pfeile und Bogen geschnitten hatten. Ich fand Muscheln, Steine und Kristalle, die wir aus Ferienorten nach Hause getragen hatten. Und wie erwartet fand ich auch die beiden blauen Notizhefte mit den poetischen Versuchen.

Mona hatte eine Kiste für die brennbaren Dinge und eine zweite Abfalltüte gebracht. Sie hatte damit begonnen, die Bücher in jene zu sortieren, die sie behalten, und jene, die sie zum Trödler bringen wollte. Und mit jedem Objekt, das ich aus der Schublade zog, stand ich vor demselben Dilemma.

— Das ist unsere Aufgabe, David, durch diese Hölle müssen wir.

Mona ließ mir keine andere Wahl, wollte jedoch nicht sehen, was ich aus der Schublade holte, wollte nicht, dass ich auch nur einen Brief öffnete. Sie war damit einverstanden, dass ich die Notizhefte mit den Gedichten und die Uhren behielt, aber nicht die Steine und nicht die Messer. Den Pyjama und die ganze Bettwäsche hatte sie in die Kiste der zu verbrennenden Objekte gelegt. Sie wischte den Staub hinter dem Bett hervor. Als ich die zweite, tiefere Aktenschublade öffnete, fand ich darin keine Hängemappen mit Dokumenten aus Leos Studium, wie ich das erwartet hatte, sondern eine große, graue, von mehreren Gummibändern umwickelte Kartonschachtel. Ich stellte sie auf den Boden. Oben drauf klebte eine Ansichtskarte. Anakonda, einen Kaiman verschlingend stand kleingedruckt hinten drauf neben dem Copyright, und auf der Vorderseite war genau dies fotografisch festgehalten: Eine Riesenschlange, aus deren Rachen der Schwanz eines Krokodils ragte.

Ich entfernte die Gummibänder und riss den Deckel auf. Zerknülltes Zeitungspapier, Stofffetzen holte ich heraus, darunter feines, sehr leichtes Seidenpapier, und legte nach und nach eine alte, durch und durch elfenbeinweiße, mit wilden Stuckaturen verschnörkelte Spieluhr frei. Ich hob sie auf den Schreibtisch. Oben auf dem Abschluss thronte eine weiße Schachkönigin, unten waren mehrere Türchen in den Kasten eingelassen.

Ich betrachtete dieses Kuriosum aus alter Zeit, aus einer anderen Welt, diese Schnörkel und Falten, die leicht angerosteten Scharniere an den Türchen, das Emailzifferblatt mit den in alter Schrift gemalten Zahlen und Zeichen, stumme Nachrichten aus vergangenen Zeiten.

Am hinteren Kastenteil öffnete ich ein erstes Türchen und betrachtete im Innern die Räder und Walzen, die Verzahnungen und Drähte, ein wild organisiertes Durcheinander von vorprogrammierten Befehlen, auszuführenden Bewegungen und Abläufen. Ich öffnete auch die anderen Türchen und fand im Innern zwei Figuren, eine weiße Königin und einen orientalisch gekleideten Mann mit Turban, beide bereit, zur gegebenen Stunde durch die kleinen Öffnungen herauszufahren an einen winzigen Schachtisch und dort ein Spiel vorzuführen. Weit im Innern auf der Hauptwalze mit den eingeritzten Zapfen des programmierten Musikstücks fand ich eine Signatur: jls, in alten, von Hand in das Metall geritzten Lettern. Außer der metallenen Hauptwalze waren auch im Innern alle Räder und Übersetzungen, alle Wellen und Bolzen milchweiß wie gebranntes Porzellan. Aber es war kein Porzellan. Ich klopfte mit ei­nem Gegenstand an den äußeren Kasten, an eine Welle im Innern. Der Ton ließ auf etwas Organisches oder Mineralisches schließen: gehärtetes Holz oder Elfenbein oder Marmor. Ich suchte nach einem Drehschloss, um die Uhr aufzuziehen und spielen zu lassen. Ich fand ein kleines Loch an der linken Seite, das zu einer Dreikantwelle führte, aber der Schlüssel fehlte.

Da ich die Uhr nicht spielen lassen konnte, erforschte ich weiter das Dickicht der Verzahnungen und Übersetzungen. Es war unmöglich, aus dem Räderchaos irgendeinen verstehbaren Sinn abzuleiten. Ich konnte mir vorstellen, dass die beiden im Innern der Spieluhr ausharrenden Figuren ­regelmäßig herausfuhren wie Jacquemarts, um in vorprogrammierten Zügen Schach zu spielen. Ebenfalls konnte ich mir aufgrund der Einritzungen auf der Hauptwalze eine abspielbare Melodie ausmalen. Aber verstehen konnte ich überhaupt nichts.

— Weg damit!, sagte Mona nur und saugte weiter den Staub unter dem Bett hervor.

Ich steckte meine Finger in die Mechanik, äugte noch einmal durch die Räder und Stangen, als ich einen Draht entdeckte, einen in Plastik gefassten Elektrodraht mitten unter den elfenbeinweißen Rädern und Stangen, den kleinen Plat­ten und Gittern, einen Draht aus einer anderen Zeit, der kein mechanisches, sondern ein elektrisches Ziel verfolgte. Von einem Ende der Hauptwalze zog er sich an einer Welle entlang, folgte einem Eckbalken in die Höhe, überquerte den Raum an Zahnrädern vorbei, hangelte sich einer Verbindungsschnur entlang, wurde mittendrin unbegründet rechtwinklig abgezweigt und quer nach links gezogen, verschwand in einem kleinen Loch, schoss drei Zentimeter weiter wieder aus dem weißen Mantel und erreichte eine kleine Leiterplatte, auf der mehrere Transistoren, Kondensatoren und ein zehnfüßiger Chip miteinander verlötet waren. In diesem Augenblick war mir schleierhaft, wie mir diese Leiterplatte hatte entgehen könne. Später stellte ich fest, dass sie von keinem der geöffneten Türchen aus zu ­sehen war. Aber diese Entdeckung warf mich auf den Ursprung des Drahtes zurück: zur linken Querseite der Hauptwalze. Vorsichtig legte ich Daumen und Zeigefinger an das Metall und zog. Tatsächlich ließ sich der Seitendeckel der Walze entfernen. Im Innern der Walze befanden sich weitere dünne Drähte und elektronische Teile. Ich sah mit Klebeband umwickelte, fingerdicke, rote Stäbe, so lang wie die Walze selbst. Ich sah Drähte, die die Stäbe mit winzigen Leiterplatten verbanden. Und als ich endlich begriff, dass ich eine Bombe in den Händen hielt, ließ ich sie beinah fallen.

In dieser Nacht klammerte sich Mona an mich. Noch halb angezogen ließ sie sich zu mir ins Bett fallen, grub ihre Finger in meine Armmuskeln, presste meinen Bauch mit beiden Armen, schlug sie um meinen Hals und fesselte sich an mich, als müsste sie sonst ertrinken. Ich schmeckte das Salz ihrer Tränen auf meinen Lippen. Sie verbiss sich in meinen Arm, zog mich an den Haaren, zerkratze mir den Rücken. Sie schluchzte und hustete und lallte unverständliche, verzweifelte Laute. Sie ließ sich nach hinten auf den Rücken gleiten und wiegte den Kopf hin und her, als wolle sie sich in Trance versetzen. Ich legte ihr ein Kissen unter den Nacken, zog sie ganz aus, bettete ihre Beine auf die Decke und nahm ihre rechte Hand, als säße ich an einem Krankenbett, als begleitete ich sie durch ein unvermeidbares Delirium, das Delirium eines kalten Entzugs. Ihr nackter Körper schien zu glühen, zu leuchten beinahe. Ihre Haut war heiß und trocken. Dieser Körper, den ich seit mehr als zwanzig Jahren kannte und durch alle Stadien der physischen Verwandlungen dreier Schwangerschaften begleitet hatte, versetzte mich immer wieder in Erstaunen. So, wie sie jetzt dalag mit offenem Haar, schweren Schenkeln und willenlos ausgebreiteten Armen, hatte ich sie noch nie gesehen. Dieser Körper erschien mir trotz der jahrelangen Vertrautheit immer wieder neu und unentdeckt, unerschöpflich in seiner Verwandlungsfähigkeit, vertraut und fremd, gewohnt und aufregend zugleich. Ich spürte ihre Schwere in dem heißen, Hilfe suchenden Händedruck. Dann setzte sie sich auf und legte ihren Kopf auf meine Brust, horchte nach meinem Herzschlag. Ich legte mich auf den Rücken nieder und spürte am Rhythmus ihres Atems, wie sie einschlief. Ich löschte das Licht und starrte in die Dunkelheit, lauschte den Geräuschen der Stadt, die durch das Dachfenster in unser Zimmer drangen. Monas Atem. Selma drehte sich in ihrem Bett. Durch die dünne Gipswand hörte ich das leise, vertraute Rumpeln, ein Lebenszeichen unserer Kleinsten, die im Dunkeln der Nacht mit einem Fuß, einem Ellbogen oder gar mit dem Kopf gegen die Wand schlug.

Als ich zwei Stunden später noch immer nicht schlief, schob ich Monas Kopf von meiner Brust und legte die Decke zur Seite. Unten in der Küche löffelte ich einen kühlschrankkalten Joghurt, klatschte mir Wasser ins Gesicht. Ich trat auf den Balkon hinaus und lauschte dem Rauschen, Schnurren und Glucksen der schlafenden Stadt. Diese abgrundtiefe Gleichgültigkeit der Nacht gegenüber der persönlichen Schlaflosigkeit. Auf unserem Küchentisch lag ei­ne als Spieluhr verkleidete Paketbombe, und draußen schlief die Welt.

Liberact
5

Um halb fünf trat ich aus meinem Büro, eine halbe Stunde früher als sonst. Niemand bemerkte mein Weggehen. Der Conda war da, oder er war nicht da, das kam so ziemlich auf dasselbe raus. Das modulare Sicherheitssystem, das ich am hml, dem Human Machine Laboratory, seit einigen Jahren betreute, musste auch ohne mich auskommen: Videoüberwachung, biometrische Schlüssel, automatische Türverriegelungen, Zugangsfilter, Netzwerkbarrieren. Winzige und große Linsen lieferten Bilder von Kunden im Kontinuum an einen Server unseres Instituts, auf dem sie nach drei Monaten und ein paar Stunden automatisch wieder gelöscht wurden. Über hundert solcher Kameras hatte ich in den vergangenen fünfzehn Jahren bei Banken, Versicherungen und Privatleuten installiert, die alle zusammen täglich eine gigantische Menge Bilder produzierten, Bilder der Gefahrenleere, der Kapitalisierungsstatik, der Hochsicherheitsinformatik, mein Kompetenznachweis.

Parallel dazu schrieb ich Algorithmen für neuronale Netzwerke im Bereich der Emotionserkennung für effiziente Entscheidungsfindung, das zweite Spezialgebiet des hml. Produkte und Kommunikationskanäle, Schnittstellen und Bedienungsoberflächen von Werkzeugen und Apparaten wer­den mit sensorischer Intelligenz ausgestattet, um auf Kundenverhalten zu reagieren und effizienter und schließlich gewinnbringender zu agieren. Aber als Forscher interessierten mich die ökonomischen Ziele nicht. Ich konzentrierte mich auf die Funktionen, die kleine Berechnungen und Anweisungen ausführten, und organisierte meinen Code chaotisch, organisch beinah, als handle es sich um eine lose Ansammlung von Gewürzen. Die ständig wachsende Modulbibliothek war meine Küche, in der ich eine gewisse Unordnung so lange als Schutzmechanismus praktizierte, bis ich selbst darin die Übersicht verlor. Das Ganze war so kompliziert geworden, dass nicht vorauszusehen war, was alles passieren würde, wenn das Programm einmal lief. Aber es funktionierte und zeigte Zahlen und Buchstaben an. Das Fenster öffnete sich brav genau so, wie ich es vorgesehen hatte, und präsentierte die absolut unspektakulären Ergebnisse am Bildschirm. Nur ich vermochte sie zu interpretieren und wusste, was im Innern des Computers ablief, sah vor meinem inneren Auge, wie eine Funktion nach der anderen ausgelöst und durchgerechnet wurde, quer durch den wirren Wald der konstruierten Module, der verketteten Objekte, durch die Vernetzungen und Verlinkungen dieses künstlichen Hirns. Ich war der Herrscher und der Beherrschte zugleich. Ich sah und kontrollierte und sah, was ich kontrollierte. Meine Gedankenwelt war die eines Hologramm-Künstlers.

Ich ließ mein Fahrrad auf dem Platz vor dem Institut stehen, stellte mich mit meiner Aktentasche zwei Straßen weiter an die Haltestelle. Der Bus fuhr pünktlich, und 45 Minuten später überquerte ich am anderen Ende der Stadt den weiten, von alten Autos und ausrangierten Lastwagen verstellten Parkplatz. Neben einem lahmen Igluzelt rauchte eine Feuer­stelle, aufgeschlitzte Matratzen lagen davor, zerschlagene Wodkaflaschen, Bierdosen, Reste eines gebratenen Huhns. Ein Hund schoss auf mich zu, bellte, rannte wieder weg. Auf der linken Seite standen riesige, durch ein weites Rohrleitungsnetz verbundene Öltanks, ein Lastwagen fuhr vor und wieder weg, im Schritttempo, schleichend, als wartete er auf bessere Zeiten. Die Lagerhalle lag im hinteren Teil neben dem halbeingestürzten Wachturm. Ich war schon einmal hier gewesen, dann aber auf halbem Weg wieder umgekehrt, weil Leo mir entgegen gekommen war und mir den Zugang verweigerte. Diesmal stieß ich das Blechtor auf und tastete mich durch das Chaos, einen Fuß vor den andern setzend, durch die blinden Flecken meines Sohnes tappend. Die ursprüngliche Einfahrtshalle war in eine große Küche umfunktioniert worden. Mehrere Tische und Stühle standen im Raum verteilt, zwei Sofawracks an der Wand, ein kleiner Kühlschrank in der Ecke. Mitten in der Halle standen ein Gasherd und ein kleiner Arbeitstisch, auf welchem Gemüse vom Vortag lag. Das Geschirr schön sauber gewaschen auf einer Richte an der Wand, daneben der aus einer alten Badewanne gebaute Wassertrog.

Mehrere Türen führten in verschiedene Treppenhäuser, von irgendwoher hörte ich Stimmen, dann Gelächter, Türen schlagen. Der Hund von vorhin schoss wieder heran, sprang an mir hoch. Dann folgte ein großer, junger Mann mit Dreadlocks, die er sich wie einen Turban rund um den Kopf geknotet hatte.

— Was suchst du hier?

— Ich bin Leos Vater.

Der Hund schnüffelte an meinem Knie.

— Leo wohnt nicht mehr hier, schon lange nicht mehr.

— Wo ist er hingezogen?

— Keine Ahnung, raus, in die Stadt, irgendwo ins Zentrum. Mach dir keine Sorgen, irgendwann taucht er schon wieder auf, sobald er Geld braucht, wirst sehen.

Ich schlug dem Hund auf die Schnauze, wimmernd zog er ab.

— Na, mal nicht so aggressiv, Mann! Ist doch nur ein Hund!

— Hat Leo noch Sachen hiergelassen?

— Er ist weg, sag ich, schon seit Monaten. Hier ist nichts mehr. Er hatte ja nicht viel. Wir wussten von Anfang an, dass er hier nicht bleiben würde. Bonzensöhnchen, Anarchotourist, mal ein bisschen den Kitzel des wahren Lebens spüren. Und wenns dann brenzlig wird ... Er machte eine verachtende Handbewegung und streckte die Zunge raus ... gar nichts mehr wissen wollen von neuen Lebensformen! Ein echtes Weichei, dein Sohn, sag ich dir, hat noch viel zu lernen.

Er wandte sich von mir ab, öffnete am anderen Ende des Raumes einen Schrank und begann Kaffee zu kochen.

— Hat er sich noch einmal gemeldet bei euch, nachdem er hier weggezogen ist? Hast du ihn noch einmal gesehen?

— Nein, sag ich doch, er hat sich nicht mehr blicken lassen. Hätte ich ihm auch abgeraten. Aber kürzlich habe ich ihn in der Stadt gesehen, von weitem, mit seiner ehemaligen Freundin. Die war ja auch ein paar Mal hier, wie heißt sie noch gleich?

— Francine?

— Francine, ja, das kann sein. Vielleicht hat er sich an sie rangehängt.

— Weißt du, wo sie wohnt?

— Keine Ahnung, woher soll ich das wissen? Sie ist ein paar Mal hier gewesen, hat kein Wort verloren, wir kennen uns nicht. Und dann hat Leo von ihr auch nichts mehr wissen wollen. Hat sie zum Teufel geschickt.

Er lachte und schüttelte seine Dreadlocks, dass sie erst vorn auf die Brust, dann hinten auf seinen Rücken fielen.

— Er war ja ein echt cooler Kumpel am Anfang, aber dann hat er uns ganz schön eingeheizt mit seinen Ideen und Idealen, mit seinen Monologen und seinen sogenannten sozialen Prinzipien! Scher dich zum Teufel, hab ich zu ihm gesagt. Wir leben doch nicht in einer ungeheizten Lagerhalle, um uns dann von einem Bonzensöhnchen vorschreiben zu lassen, welche Karotten wir essen, wie wir pinkeln und welche Internetseiten wir konsultieren sollen. Für wen hält der sich eigentlich!

— Weißt du, was mit Leo passiert ist?

— Muss ich es noch einmal wiederholen?

Ich erzählte ihm, was passiert war, ohne jedoch die Paketbombe zu erwähnen.

— Tut mir echt leid, Mann, sagte er und nahm den nun kochenden Kaffee vom Herd, schenkte sich ein. Willst du eine Tasse?

Ich verneinte. Der Hund hatte sich auf einem der beiden Sofas breitgemacht und schlief. Von irgendwoher war wieder Gelächter zu hören, leise auch stampfende Rhythmen.

— Gibt es sonst noch jemanden, der vielleicht weiß, wo Leo hingezogen ist?

— Nein, niemand. Die beiden Frauen, mit denen Leo seinen Raum geteilt hatte, sind vor ihm weggezogen. Dann war da noch einer, aber mit dem hatte er kaum Kontakt. Die anderen, die noch hier sind, sind ihm nie begegnet. Er ist von hier abgehauen, wie er aufgetaucht ist: ohne irgendeine Erklärung.

6

Es war eine kleine, von Investoren und Spekulanten noch verschont gebliebene Straße mit Gemüsehändlern, erweiter­ten Zeitungs- und Tabakläden, afrikanischen Friseuren und Korbflechtern. Die Fassaden trugen Patina, und die von Blumen und Gerümpel überbordenden Balkone zeugten vom Übermaß des Lebens, das hier aus allen Nähten platzte.

Ich betrat den Hauseingang Nummer 34. An einem eingedrückten Briefkasten klebte der von Hand auf einen Zettel gekritzelte Name: Francine. Darüber vier andere Namen. Seit über einem Jahr war es aus gewesen zwischen Leo und Francine, und ich hatte sie nur einmal gesehen. Ich klingelte. Ein alter Wilder, verfilztes Haar, ledriges Gesicht, öffnete die Tür.

— Was willst du?

— Ist Francine da?

— Was willst du von ihr?

— Nichts, ich möchte sie nur etwas fragen.

— Also willst du doch was von ihr.

— Ist sie da?

— Hör auf, dich selbst zu belügen, Mann, komm rein.

Ich musste die Füße über Gegenstände heben, in die Hocke gehen, mich drehen und winden, um an den übereinandergestapelten Dingen vorbeizukommen. Francines Zimmer war ganz hinten am Ende des Flurs, direkt neben der Küche. Ich klopfte und sah zwei Typen am Küchentisch, die sich nach mir umdrehten.

— Ich bin Leos Vater, sagte ich, um meiner Erscheinung eine Berechtigung zu geben.

— Wer ist Leo?

— Ein Freund von Francine. Ist sie da?

In diesem Augenblick sprang die Tür auf, und unter dem großen dunkelhaarigen Wuschelkopf sah ich die kleinen, hellen Augen, wie ich sie von ihr noch in Erinnerung hatte. Sie hatte sich nicht verändert.

— Ach, Sie. Kommen Sie rein.

Blumen, indische Tücher, ein kleiner Buddha vor einer Kerze, die Farben Violette und Rot beherrschten den Raum, ein Geruch nach Jasmin und Gewürznelken.

— Setzen Sie sich doch.

Sie schob mir den einzigen Stuhl herüber und setze sich auf den Bettrand.

— Das tut mir wirklich leid wegen Leo, sagte sie mit ei­nem leicht ausweichenden Blick. Ich habe es nicht geschafft, an die Beerdigung zu kommen, nach allem, was passiert ist. Ich kann es noch immer nicht glauben.

In diesem Augenblick sah ich das Foto von Leo hinter dem Buddha, sein breites Lachen und die lange, von der Kerze braun glänzende Haarsträhne im Gesicht.

— Hat er Sie verlassen?

Sie nickte und schaute auf den Boden. Dann zündete sie sich eine Zigarette an.

— Das habe ich nicht verstanden damals, sagte ich.

— Alle Brücken abbrechen, sagte er, neu anfangen, Tabula rasa.

— Aber Sie waren doch ganz auf seiner Seite, warum sind Sie nicht mit ihm mitgezogen?

— Erst wollte er, dass ich mit ihm in die Lagerhalle ziehe. Ich war auch ein paarmal dort. Aber dann wollte er mich plötzlich nicht mehr sehen.

— Hatten Sie später noch Kontakt zu ihm?

— Ich kann es nicht fassen, dass er nicht mehr da sein soll. Ich realisiers einfach nicht. Ich lebe, als könnte ich ihn anrufen und ihn sehen, wann ich will, als sei er nur für einen kurzen Augenblick weg. Als wäre er auf Reisen und käme morgen wieder nach Hause, voller Bilder und Erlebnisse.

— Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?

— Am Tag der Demo.

— Wart ihr wieder zusammen?

— Seit kurzem.

— Seit wann?

— Seit ein paar Wochen.

— Hat er bei Ihnen übernachtet?

— Ja, immer öfter, auch die Nacht vor der Demo.

— Und warum waren Sie nicht mit ihm auf der Straße?

— Ich war dort. Aber wir haben uns ganz am Anfang verloren. Er musste sein Schild tragen, ich habe Freundinnen getroffen. Wir hatten uns für danach im Kreis verabredet.

— Was ist der Kreis?

— Eine Bar hier im Quartier. Aber an dem Abend kam er nicht. Vom Unfall habe ich erst am anderen Tag erfahren, als es bereits zu spät war. Ich war wütend auf ihn, weil ich dachte, er habe mich sitzenlassen. Das schmerzt mich am meisten: dass ich wütend auf ihn war, während er im Sterben lag. Das ist verrückt, eine Beleidigung des eigenen Gewissens. Das ist der Bankrott unseres Informations- und Kommunikationszeitalters. Wenn das wichtigste aller Dinge nicht funktioniert, wie kann dann der ganze Rest funktionieren?

— Machen Sie sich keine Vorwürfe. Wenn wir das gewusst hätten, wären Sie sofort informiert worden. Aber Leo hat uns nichts erzählt, kein Wort über Sie und über eure Versöhnung. Wir wussten nicht einmal, wo er wohnte.

— Ich glaube, diesmal war es seriöser als vorher, am Anfang. Er wollte bei mir einziehen.

— Hier in diese Wohnung?

— Nicht sehr komfortabel, zugegeben, aber wir verstehen uns hier alle ganz gut.

Ich folgte ihrem Blick durch das Zimmer. Das kleine Regal mit den Büchern, den Kerzen, dem Tand. Der mit Papieren überhäufte Schreibtisch, Biskuitpackungen, Zigarettenreste. Das Fenster und die Aussicht auf die gegenüberliegende Hausfassade. Ich schaute ihr beim Rauchen zu. Ihre etwas nervösen Gesten, die flüchtigen Blicke, die sie mir hin und wieder durch ihre dunklen, festen Locken zuwarf. Ich wäre ein stolzer Schwiegervater geworden. Jetzt war ich ein Misstrauen erweckender Beobachter.

— Wissen Sie, wo er die letzten Monate gelebt hat?

— In der Lagerhalle, nehme ich an.

— Ja, eine kurze Zeit lang, aber dann ist er dort wieder weggezogen. Wo hat er dann gelebt, bis er wieder zu Ihnen kam?

— Keine Ahnung. Darüber hat er nie gesprochen.

Sie zog an ihrer Zigarette.

— Warum sind Sie eigentlich hierher gekommen?, fragte sie und aschte in den Aschenbecher.

— Ich möchte Ihnen eine Frage stellen. Aber vielleicht ist das nicht der richtige Augenblick.

— Schießen Sie los, was haben wir denn schon zu verlieren außer ein bisschen Zeit?

— Einverstanden, aber ich will Sie mit meinen Nachforschungen nicht belästigen.

— Nachforschungen?

Ich zog mein Handy aus der Manteltasche, tippte auf den Bildschirm und öffnete ein Foto.

— Was ist das?

— Das ist eine alte Spieluhr.

Ein kleines Video zeigte, wie die Zeiger auf dem Zifferblatt vorrückten und wie darauf der schwarze König und die weiße Dame aus dem Gehäuse fuhren, um eine Schachpartie in Angriff zu nehmen.

— Man nennt sie die Grande Dame. Ein signiertes Unikat aus dem 18. Jahrhundert. Das habe ich in wenigen Klicks im Internet erfahren.

Ich blätterte rückwärts und zeigte ihr weitere Bilder: das signierte Zifferblatt, das Räderwerk, die weißen Innereien der Mechanik.

— Schauen Sie sich das alles genau an. Alle Bestandteile außer der Hauptwalze sind aus demselben weißen Material. Es sieht aus wie Elfenbein oder gehärtetes Holz oder vielleicht sogar ein ganz bestimmter Marmor oder ein lackiertes Metall. Aber es handelt sich um etwas ganz anderes.

Francine nahm mir das Handy aus den Händen und blättert vor und zurück durch die Bilder.

— Diese Spieluhr ist durch und durch aus menschlichen Knochen gebaut.

— Menschliche Knochen? Das ist ja grausig. Wie kommt jemand auf so eine Idee? Und warum zeigen Sie mir das?

— Sagt Ihnen diese Uhr etwas?

— Nein, warum?

— Ich habe sie in Leos Zimmer gefunden. Diese Spieluhr wurde vor ein paar Jahren aus einem kleinen Uhrenmuseum in La Chaux-de-Fonds gestohlen. Steht alles im Internet.

— Hat Leo ein Uhrenmuseum ausgeraubt?

— Das glaube ich nicht.

— Aber wieso haben Sie diese Spieluhr bei ihm gefunden?

— Das möchte ich gerne von Ihnen erfahren. Denn das Er­staunliche dieser Spieluhr ist nicht nur, dass sie aus menschlichen Knochen gebaut ist. Diese Spieluhr ist mehr als eine Spieluhr.

Ich blätterte auf meinem Handy weiter vor und zeigte ihr Fotos von den Rohrbomben, die in der Hauptwalze versteckt waren.

— Das habe ich in der Hauptwalze des Räderwerks ge­funden. Jemand, und vielleicht Leo, hat sie zu einer Bombe umgebaut. Eine Bombe, die per Post an jemanden geschickt werden sollte.

— Eine Paketbombe?

— Sie hat die Stärke, um diese Hauswand in die Luft zu sprengen und nebenher ihre beiden Freunde in der Küche zu töten.

— Das ist ja furchtbar!

— Wissen Sie etwas über diese Bombe? Haben Sie irgend­eine Ahnung, warum er sie in seinem Zimmer aufbewahrt hat? Hat er selbst an solchen Dingen rumgebastelt?

— Ich habe ihn nie an einer Bombe rumbasteln sehen. Auch nicht an einer alten Spieluhr.

— Kannte er Leute, die so etwas konstruieren?

— Terroristen, meinen Sie?

— Die Leute in der besetzten Lagerhalle zum Beispiel? Wer waren seine Freunde, seine Bekannten? Kennen Sie sein Umfeld?

— Ich kenne nicht alle Leute, mit denen Leo in Kontakt ge­standen hat. Aber die Leute in der Lagerhalle bestimmt nicht. Leo wollte dort auch nicht mehr wohnen, weil sie seine politische Haltung nicht teilten. Er war sich sehr schnell bewusst geworden, dass er mit Anarchisten nicht klarkommen konnte. Sie waren ihm zu destruktiv, zu passiv. Von ihnen hat auch niemand an der Demo teilgenommen. Leos Diskurs hatte ein ganz anderes Fundament.

— Aber unter den Leuten, die Sie kennen: Gibt es jemanden, der mit einer selbstgebastelten Bombe irgendetwas zu tun haben könnte? Kennen Sie jemanden, der sich für alte Spieluhren interessiert?

Sie zündete sich eine weitere Zigarette an. Der weiße Stengel zitterte zwischen ihren Fingern. Feine, bleiche Bleistiftfinger.

— Ich bin nicht gekommen, um Sie zu verhören. Sie sind überhaupt nicht verpflichtet, mir zu antworten. Das ist nur mein persönliches Bedürfnis. Als Vater möchte ich verstehen, wie und warum diese als Spieluhr verkleidete Bombe in das Zimmer meines Sohnes gekommen ist.

— Fragen Sie, was Sie fragen wollen. Und ich antworte, so­weit ich kann. Aber ich befürchte, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen.

— Was wissen Sie über Leo?

Sie drückte ihre Zigarette in einer kleinen Keramikschale vor dem Buddha aus. Leo lachte durch die Kerzenflamme.

— Er war Mitglied des Organisationskomitees der Demo. Ich selbst kenne diese Leute nicht. Einmal habe ich einen Typen und ein Mädchen gesehen, das ist alles. Leo wollte mich da nicht mit reinziehen, mehr hat er mir nicht verraten.

— Haben Sie einen Namen, eine Adresse, eine E-Mail-Adresse, ein Facebook-Profil?

— Nein, nichts von alldem.

Sie zündete sich eine weitere Zigarette an, stand auf und ging zum Fenster hinüber.

— Warten Sie, vielleicht habe ich doch etwas.

Ihre Tasche lag neben dem Bett am Boden. Sie holte ihr Handy heraus.

— Ein paar Tage vor der Demo hat Leo mein Telefon benützt, weil seines angeblich keinen Akku mehr hatte. Warten Sie.

Mit ihrem schmalen Daumen tippte sie flink auf die kleinen Tasten, dann streckte sie mir das Handy hin.

— Da, das ist die Nummer. Keine Ahnung, wer das ist. Aber ich bin sicher, dass Leo diese Nummer gewählt hat.

7

Mona stand in der Küche und schnitt Suppengemüse. Nadine kam später, Selma war draußen im Park. Wir waren allein, allein mit der Stille, mit den Tellern und Gläsern, mit unseren Gedanken, ich wich ihren Blicken aus. Wir waren diese Situation nicht mehr gewohnt, nach zwanzig Jahren Familienleben mit Lärm und Neckereien, unaufhörlichen Streitereien zwischen Bruder und Schwestern, blöden Witzen und ernsten Diskussionen über die Lehrer, die Freunde, über das Leben und die tausend Dinge, die gekauft werden sollten. Ich füllte die Stille mit Bildern und mit Dialog­fetzen, die mir in Erinnerung geblieben waren. Ich glaube, Mona tat ebenso, wir redeten nicht darüber. Und schließlich war sie es, die die Stille brach.

— Wir müssen etwas unternehmen, David!

— Was denn?

— Leo ist kein Einzelfall! Ich meine, was wir da erleben, ist keine Ausnahme. Es gibt viele andere Opfer.

— Und was hilft uns das?

— Diese Typen wissen, dass sie nichts riskieren. Sie stehen unter dem Schutz ihres Arbeitgebers, des Staats.

— Ja, genau, eine Klage gegen die Polizei führt niemals zu einer Verurteilung, das weiß jeder, der es einmal versucht hat.

— Wir haben von vornherein verloren, das ist klar. Aber das ist noch kein Grund, gar nichts zu unternehmen.

— Was willst du denn machen? Wir rennen gegen eine Wand, eine Administrationsmauer.

— Ich werde Leute suchen, die etwas Ähnliches erlebt haben wie wir. Leute, die den gleichen Albtraum durchmachen.

— Und dann?

— Treffen, Strategiepapiere entwickeln, Rechtsgrundlagen klären, handeln.

— Leo hatte eine Bombe in seinem Zimmer! Da müssen wir ansetzen.

— David, unser Sohn ist tot. Das ist alles, was wir wissen, und es reicht. Aber ich will das Gesicht des Mörders sehen, und ich will ihn vor Gericht bringen, ich will, dass ihm der Prozess gemacht wird.

— Uns fehlt ein Stück seiner Geschichte. Ein Teil von Leos Leben ist uns völlig entgangen. Wie kannst du damit leben?

— Wie kannst du leben, ohne den Mörder deines eigenen Sohnes zu kennen?

— Der Mörder ist mir völlig egal. Der soll weiter mit seinen Lügen leben oder sich selbst umbringen, ist mir egal. Ich will wissen, was passiert ist, wie es so weit hat kommen kön­nen.

— Die Vergangenheit ist die falsche Fährte, David. Die Erinnerung frisst deine Seele auf. Lass das sein, schau nach vorn, komm mit mir!

Ich ließ den Teller auf dem Tisch stehen und ging in Leos Zimmer hoch. Ich wollte in seinen Sachen wühlen, im Abfalleimer seines Schreibtisches, ich wollte die Briefe aus der Kiste der zu verbrennenden Objekte hervorholen, ich wollte die Bücher durchblättern, die er gelesen hatte, seine Pläne erraten. Aber als ich die Tür aufmachte, stand ich vor gähnender Leere.

— Mona!, schrie ich die Treppe hinunter.

Sogar die Bretter des auseinandergeschraubten Tisches wa­ren weggeräumt.

— Ich habe alles hinuntergebracht, schnippte sie.

— Es gibt Dinge, die wir in einem familiären Ritual verbrennen wollten! Unser Trauerritual!

— Heute ist Mittwoch, Sperrgut. So ist das schon mal weg.

Ich warf mich auf das nackte, harte Bett. Von Leo keine Spur mehr. Ein Hotelzimmer in unserer eigenen Wohnung. Alles, was von unserem Sohn noch übriggeblieben war, befand sich in der Tasche, die ich unten neben die Schuhe gestellt hatte: eine alte Spieluhr mit mehreren Drähten, einigen elektronischen Teilen und zwei an den Enden aufgeschnittenen Metallrohren.

Ich wählte die Nummer, die Francine auf ihrem Telefon ­gefunden hatte. Meine Schritte hallten. Ich wechselte das Handy in die andere Hand. Während einer langen Zeit passierte nichts, außer dem sich wiederholenden Signal in meinem Ohr. Doch dann erschreckte mich die plötzliche, etwas zu hohe Stimme.

— Hallo?

— Ja? Wer ist am Apparat?

— Das frage ich Sie.

— Ich möchte Sie gerne treffen.

— Wer sind Sie?

— Ich bin Leos Vater.

Darauf folgte Stille. Ich hörte ein leises Rauschen, das ich der Welt der drahtlosen Satellitenverbindung zuordnete, ein Stück Weltraum in meinem Ohr. Dann meldete sich die Stimme zurück.

— Es tut mir leid ... ich meine, für Ihren Sohn.

— Wie kann ich Sie treffen?

— Ich weiß nicht, ob das möglich ist.

— Es ist sehr wichtig für mich.

— Ihr Sohn ist tot, das tut mir sehr leid. Aber daran lässt sich nichts ändern. Und ich kann Ihnen nicht weiterhelfen.

Dann wurde die Verbindung gekappt. Wieder meine ei­genen Schritte im hallenden Zimmer.

Plötzlich stürzte Selma herein und wollte, dass ich ihr eine Musik auf den Computer herunterlade. Nadine erschien an der Tür und rief mir etwas zu. Sie schrie noch einmal. Ich antwortete irgendetwas, aber es war nicht das, was sie hören wollte. Sie schlug die Tür hinter sich zu.

— Wir sind nicht da, damit ihr uns ignoriert! Ihr habt uns gewollt!

Dann öffnete sie noch einmal die Zimmertür.

— Seit Leo nicht mehr ist, kümmert ihr euch nur noch um ihn, eure Köpfe sind verseucht von ihm, ihr denkt und redet nur noch mit ihm! Ein toter Bruder ist schlimmer als ein lebender. Aber ich lebe! Mein Leben geht weiter. Man kann nicht mit einem Toten leben.

— Das tut mir leid, Nadine. Aber dein Bruder war nicht der, für den wir ihn gehalten haben.

— Was ist denn bloß mit euch beiden los? Beschert ihr Leo eine zweite Geburt oder was? Ihr seid völlig durchgeknallt!

Sie schlug die Tür hinter sich zu, schloss ab.

Selma hatte sich mit einem Buch in ihr Zimmer verzogen.

Ich wählte noch einmal die Nummer, und diesmal gelang es mir, ein Treffen zu vereinbaren.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
210 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783038550730
Yayıncı:
Telif hakkı:
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