Kitabı oku: «Das Gesetz des Wassers»
Aberwitzige Verbrechen in atemberaubender Landschaft – erneut lässt Urs Schaub den charismatischen Tanner auf Spurensuche gehen: Simon Tanner, der vor Jahren den Polizeidienst quittiert hat, stolpert unerwartet in einen komplizierten Mordfall. Ein Japaner stirbt in einem zwielichtigen Etablissement, seine Leiche verschwindet auf rätselhafte Weise. Eine zweite Leiche, eine junge Japanerin, wird nackt in einem Brunnen gefunden. Zeuge dieses Verbrechens ist ein Mann, der in einem dornigen Gebüsch lebt und den Untergang der Stadt prophezeit. Und ehe Tanner sich versieht, ist er in ein Netz von Geschäften und Verbrechen internationalen Ausmaßes verstrickt.

Urs Schaub, geboren 1951, arbeitete lange als Schauspiel-Regisseur und war Schauspiel-Direktor in Darmstadt und Bern. Als Dozent arbeitete er an Theaterhochschulen in Zürich, Berlin und Salzburg. 2003 bis 2008 leitete er das Theater- und Musikhaus Kaserne in Basel, 2006 bis 2010 war er Kritiker im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens. «Das Gesetz des Wassers» ist der zweite von vier Kriminalromanen mit dem charismatischen Ermittler Simon Tanner. Urs Schaub lebt in Basel.
Foto Yvonne Böhler
PROLOG
Einem schlafenden Frauenkörper gleich scheidet der sanfteste aller Hügel mit seinen üppig bewachsenen Formen die Elemente. Nach oben die zitternde Luft des Himmels. Nach unten das schwer liegende Wasser. Spiegelglatte Fläche vor geformtem Grün. Im Norden des Sees gleißt ein beunruhigendes Blau. Im Südwesten nimmt das Wasser eine Türkisfarbe an, deren Intensität von Minute zu Minute wächst. Wo das Tiefblau auf das Türkisblau trifft, trennt eine weiße Linie die beiden Wasser, als ob jemand mit Kreide eine Trennlinie gezogen hätte. Zu allem Überfluss der Farben legt die untergehende Sonne ihre glutrote Straße über den See. Mit einem Saum aus purem Gold.
Das vorbeiziehende Ausflugsschiff durchkreuzt mit weiß schäumender Bugwelle die gespiegelte Sonnenbahn. Das Oberdeck des Schiffes ist übervoll. Dicht gedrängt sitzen Ausflügler. Kinder stehen an der Reling. Sie winken einem schmalen Segelboot zu, das heftig schaukelnd das brodelnde Kielwasser des Schiffes kreuzt.
Die Hitze des Tages, der als der heißeste Tag des Jahrhunderts in die Annalen der Meteorologen eingehen wird, liegt schwer über dem sanften Land. Obwohl die Sonne bereits tief im Westen steht, ist noch kein Anzeichen von Abkühlung zu spüren.
Schon seit Tagen ist das Land unter einer Gluthitze gefangen, die alle gewohnte Emsigkeit zum Erliegen bringt. Der Fleiß, auf den sich die Bewohner des kleinen Landes einiges einbilden, ist arg gefährdet. Dem einen oder andern wird langsam klar, unwillig zwar, dass es für Menschen in heißen Ländern nicht so einfach ist, den ganzen lieben langen Tag tätig und fleißig zu sein. In der Glut des Tages bildet sich in manch einem überhitzten Gehirn ungewohnte Trägheit. Und plötzlich aufflammende wilde Begierde, wo sonst gewohnheitsmäßig Taubheit herrschte.
Einzelne Schulen sind bereits seit einer Woche wegen Hitze geschlossen. Die Nachrichten berichten täglich über zunehmende Wasserknappheit, über eine steigende Sterblichkeitsrate unter alten Menschen und erteilen medizinische Ratschläge. Der Ozongehalt der Luft hat längst alle von den Umweltorganisationen genannten Grenzwerte überschritten. Mittlerweile allerdings auch die von der Industrie akzeptierten Kennziffern. Die Regierung des Landes berät Maßnahmen. Verantwortungsvolle Kreise fordern mindestens autofreie Sonntage. Die großen Lebensmittelketten behalten sich vor, bei anhaltender Hitze die Öffnungszeiten ihrer Läden auf den Abend zu verlegen.
Die Gäste auf dem Schiff sind vorwiegend Japaner. Mitarbeiter eines großen Konzerns. Sie sind auf einer Besichtigungstour europäischer Niederlassungen ihrer Firma. Eine davon hat zu einer Dreiseenfahrt eingeladen. Unter den japanischen Gästen sind auch Mitarbeiter des hiesigen Betriebs. Zum Teil mit ihren Familien, denn die Geschäftsleitung legt großen Wert auf persönlichen Kontakt mit den japanischen Geschäftsfreunden. Den Gästen, die während zweier Wochen ein aberwitziges Besichtigungsprogramm in ganz Europa absolvieren, macht die Hitze offensichtlich nichts aus. Fröhlich lächelnd sitzen sie in bunten, luftigen Kleidern auf den harten Bänken. Nicht zum ersten Mal fragen sich die schwitzenden einheimischen Manager, ob ihre japanischen Geschäftsfreunde vielleicht doch von einem anderen Stern stammen.
Ein riesiger Schwarm Möwen begleitet mit gierigen Schreien das weiße Schiff.
Das Segelboot kämpft immer noch gegen die Wellen. Das kleine Boot mit einem viel zu großen Segel wird heftig hin und her geworfen. Der Baum schlägt wild von einer Seite zur anderen. Die beiden Segler versuchen verzweifelt, die Großschot einzuholen. Offensichtlich hat sich in der Hektik des Manövers das Schot verheddert. Jetzt versucht einer aufzustehen, um den Baum mit seinen Händen festzuhalten. In diesem Moment rammt das Segelboot einen Gegenstand im heftig bewegten Kielwasser des Ausflugsschiffes. Der stehende Segler wird mit Wucht über Bord geworfen. Die Kinder auf dem Schiff schreien aufgeregt. Am Heck des Schiffes entsteht Bewegung. Der zweite Segler hat sich vor Schreck erhoben und wird in diesem Moment durch den wild schlagenden Baum ebenfalls vom Boot gemäht. Für einen Moment sind beide über Bord gefallenen Segler untergetaucht. Das unbemannte Boot driftet jetzt überraschend schnell weg vom Schiff. Immer mehr Gäste drängen sich auf dem Aussichtsdeck des Ausflugsschiffes und halten angestrengt Ausschau nach den beiden Seglern im Wasser. Die Motoren stoppen. Offensichtlich hat die Mannschaft von dem unglücklichen Manöver des Segelbootes Notiz genommen. Die Schraube beginnt nun rückwärts zu drehen, um das Schiff vollends zu stoppen. Das Schiff erschauert, als ob es sich gegen die Umkehr der Fahrtrichtung sträuben würde. Ein anhaltendes Vibrieren durchströmt das Deck. Die Mannschaft öffnet auf der Steuerbordseite die Reling und steht mit Rettungsringen bereit. Zögernd beginnt das Schiff Rückwärtsfahrt aufzunehmen. Aufgeregte Schreie auf dem Oberdeck. Alle starren auf einen wild um sich schlagenden Körper im Wasser. Es ist eine Frau mit langen blonden Haaren. Plötzlich werden ihre Bewegungen ruhiger. Offensichtlich hält sie sich an einem schwimmenden Gegenstand fest. Die Gäste auf dem Schiff können nicht ausmachen, was es ist. Vom anderen Segler fehlt jede Spur. Das Segelboot ist schon weit abgedriftet. Das Ausflugsschiff ist mittlerweile auf der Höhe der Schwimmerin angekommen und der Kapitän spricht beruhigende Worte durch ein Megafon. Die Frau klammert sich mit beiden Händen fest und versucht, rittlings auf einem unterhalb der Wasseroberfläche schwimmenden Objekt zum Sitzen zu kommen. Sie schafft es und winkt zum Schiff. Die Wellen schaukeln sie hoch und jetzt kann man sehen, dass sie lacht. Offensichtlich hat sie noch nicht bemerkt, dass ihr Segelpartner auch über Bord ging. Auf dem Schiff macht die Mannschaft ein Rettungsfloß klar, allerdings schwer behindert durch die Fahrgäste. Plötzlich hört man von der blonden Schwimmerin einen panischen Schrei. Sie lässt sich wieder ins Wasser fallen und krault mit hektischen Schwimmbewegungen weg von ihrem kurzfristigen Rettungsgegenstand. Eine Serie von rollenden Wellen überflutet ihren Blondschopf. Und jetzt kann man nach und nach auch den Gegenstand erkennen, auf dem die Schwimmerin gerade eben noch saß. Zuerst sieht man starre Beine, dann einen ungeheuer aufgeblähten Bauch. Auf dem Schiff herrscht plötzlich Totenstille. Der Körper dreht sich, die Beine verschwinden. Aus dem aufgewirbelten Wasser erhebt sich ein Kopf. Er ist offensichtlich zertrümmert. Aus dem Maul hängt eigenartig verdreht eine bleiche Zunge. Zwei mächtige Hörner glänzen nass im Goldlicht. Beide Ohren sind abgeschnitten. Es ist der mächtige Schädel einer toten Kuh.
EINS
Tanner hält keuchend inne und lehnt sich an den kühlen Sandstein. Trotz der relativ niedrigen Temperatur im Turm ist er schweißgebadet. Was für eine unsinnige Idee, ausgerechnet an diesem heißen Tag die vielen Treppen hinaufzusteigen. Wie vollkommen verlassen wirkt die sonst so geschäftige Stadt. Jeder, der es sich leisten kann, sitzt zu Hause bei geschlossenen Fensterläden und trinkt Eistee oder Bier.
Der historische Platz vor der roten Sandsteinkirche liegt in grellem Sonnenschein. Das Licht lässt ihn, dank der strengen Schattenrisse, noch geometrischer erscheinen. Die gepflegten Häuser aus vergangenen Jahrhunderten wirken als Architekturensemble wie eine scharf ausgeleuchtete Theaterkulisse. Der quadratische Platz neben der Kathedrale mit seinen vierunddreißig mächtigen Kastanien träumt selig von Italien. In regelmäßigen Abständen stehen die alten Bäume, die wohl einen tiefschwarzen Schatten, aber keine Kühle mehr spenden können. Die Hitzeschwaden stehen zwischen den Bäumen geradeso wie in den schmalen Gassen zwischen den Häusern. Das einzig Erfrischende ist das Wasser, das unentwegt in den großen Brunnen plätschert.
Tanner hat seine Arme bis über die Ellbogen ins Wasser gehalten und die beiden steinernen Köpfe betrachtet, die als Wasserspeier dienen und irgendwie an Asterix und Obelix erinnern, bevor er stur seinen Plan ausgeführt hat, den Turm trotz der quälenden Hitze zu besteigen.
Er war vom Bahnhof zu Fuß auf alten Wildwechseln in Richtung Münster gegangen. Seit vielen Jahren ist er das erste Mal wieder in seiner Geburtsstadt. Eine Flut von Erinnerungen begleitete jeden seiner Schritte.
Bei dem alten Kasten in der Nähe des Bahnhofs zum Beispiel, in dem er während des Studiums aushilfsweise unterrichtet hatte.
Was für ein ohrenbetäubender Lärm in seiner Klasse. Die Schüler waren zu Beginn kaum zu bändigen. Die Gelegenheit war günstig. Er hatte nächtelang nicht mehr schlafen können, bis er im Umgang mit der Bande eine halbwegs brauchbare Strategie fand. Er ließ sie sich in Rollenspielen austoben, bis die anderen Lehrer Einspruch erhoben. Nach fünf Wochen hatte er sich geschworen, sein Studiengeld in Zukunft anders zu verdienen.
Er arbeitete in der Folge nachts bei der Bahnpost oder machte für kleine Transportbetriebe die Buchhaltung.
Er musste unwillkürlich lächeln.
Oje, ich und meine Buchhaltervergangenheit!
Er verstand nämlich selber nicht viel davon, aber die ölverschmierten Kleinunternehmer, die alles aus ihren dicken Portmonees bezahlten, die sie aus der Gesäßtasche zogen, egal ob es sich um private oder geschäftliche Ausgaben handelte, verstanden noch weniger von Zahlen als er. Er staunt noch heute über sich, wenn er an die Berge von Rechnungen denkt, die er in dieser Zeit sortierte. Meist saß er in schlecht gelüfteten Wohnungen an Esstischen, die sich unter der Last unbezahlter Rechnungen krümmten. Aber er war süchtig nach den Geschichten der Fahrer, die ihm von ihren Erlebnissen erzählten, von Russland, dem Nahen Osten oder dem hohen Norden. Damals hatte er ein geradezu schmerzhaftes Fernweh.
Um das städtische Theater hat er vorhin bewusst einen weiten Bogen gemacht. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass seine Gedanken während des ganzen Weges um seine Theatersehnsucht kreisten, die ihn einen Großteil seiner Jugend- und Studienzeit fesselte. Dem Ort, in dem sich damals seine Leidenschaft kristallisierte, wollte er heute nicht leibhaftig begegnen. Vielleicht morgen.
Da er den Gang am Theater vorbei vermied, kam er auch nicht am zweitwichtigsten Tatort seiner Jugendzeit vorbei.
In den Augen der Eltern war dieser Ort der Drogenumschlagplatz der Stadt. Womit sie sicher Recht hatten. Er ging heimlich hin. Zeitweise jeden Abend. Drogen interessierten ihn nicht. Aber er war dabei, als Cat Stevens mit seiner Gitarre auftrat, bevor seine Weltkarriere begann. Und er war fasziniert von der schummrigen Atmosphäre des Lokals. Und von der Möglichkeit, Mädchen kennen zu lernen. Das war das Wichtigste. Es spielte sich zwar nur in seiner Phantasie ab, aber immerhin war es sehr aufregend. Er war damals viel zu schüchtern, ein Mädchen anzusprechen.
Einmal lernte er eine Frau kennen. Das heißt, ein Mann sprach ihn im Club an, ob er nicht Lust hätte, einer Freundin ohne männliche Begleitung Gesellschaft zu leisten. Sein Herz schlug bis zum Halse und er brachte kaum ein Wort heraus. Sie hatte pechschwarze Haare, tiefblaue Augen und war etwa dreimal so alt wie er. Nach einer Stunde, in der praktisch nur sie gesprochen hatte, beschloss die kleine Gruppe, in einen Grenzort des Nachbarlandes zu fahren. Man fuhr mit zwei Autos. Schon auf der Fahrt über die nahe Grenze hielt sie irgendwo am Straßenrand, küsste ihn, griff ungeniert nach seinem Schwanz. Kaum hatte sie ihn berührt, machte er auch schon seine Hose nass, was sie in Begeisterung versetzte. Er schämte sich seiner Unerfahrenheit. Nachdem sie zwei Stunden in einem öden Nachtlokal verbracht hatten, fuhr sie ihn nach Hause. Da in dieser Nacht seine Eltern nicht zu Hause waren, gingen sie in die Wohnung. Kaum waren sie in seinem Zimmer, riss sie sich mit dramatischen Bewegungen die Kleider vom Leib. Durch die grünen Holzjalousien der Fensterläden fiel helles Mondlicht auf ihren schlanken Leib. Er wusste nicht recht, was tun. Danach sprachen sie kein Wort. Als sie gegangen war, sah er auf dem Teppich einen Fleck, und so hantierte er mitten in der Nacht mit Teppichschaum und Staubsauger. Seine Mutter bemerkte am nächsten Tag einen fremden Geruch in der Wohnung. Er stellte sich dumm, fühlte aber, wie die Hitze in sein Gesicht strömte, floh in sein Zimmer und versuchte nicht mehr an die Nacht zu denken.
Tanner bog in eine der unzähligen Gassen, die sternförmig von allen Seiten auf das Münster zuführen. Bevor er ins Münster ging, schlenderte er durch den Kreuzgang. Der quadratische Innengarten leuchtete grell hinter den schlanken Säulen.
Im Münster war es vollkommen leer und kühl. Tanner setzte sich eine Weile auf eine der Holzbänke. Es herrschte absolute Stille. Die Sonne brach mit goldenen Lichtfingern in den hohen Raum und ergriff von dem hohen Raum Besitz.
An der Kasse, wo man für die Turmbesteigung bezahlen muss, schlief ein Mann mit offenem Mund. Leise hat Tanner das Geldstück auf die kleine Kassentheke gelegt und ist in die Wendeltreppe eingestiegen.
Endlos ist der Aufstieg. Immer schmaler werden die Treppen und Durchgänge. Die Luft ist zwar verhältnismäßig kühl, aber trocken und muffig. Auf der Höhe des Uhrwerks angekommen, betrachtet er das technische Wunderwerk, die unzähligen Zahnräder, die Unruh, den Schwinger, die Wellen, die Schnecken und die Gestänge mit derselben Faszination wie damals, als er noch ein Kind war.
Als er die letzten Stufen der schmalen Holztreppe erklimmt, die sich an den mächtigen Glocken vorbei in die Höhe windet, und er auf den umlaufenden Balkon des Turmes tritt, trifft ihn die heiße Luft wie ein Schlag ins Gesicht. Als hätte jemand vor seiner Nase eine Backofentür geöffnet. Einen Moment lang kann er kaum mehr atmen. Der Temperaturunterschied beträgt mindestens dreißig Grad, gefühlsmäßig. Er stützt sich schwer atmend auf die Sandsteinbrüstung.
Da liegt sie nun, seine Geburtsstadt.
Verkleinert und perspektivisch zusammengestaucht. Die ineinander gefügten Dächer mit einer Vielzahl von Lukarnen leuchten matt in allen nur denkbaren Rottönen. Es herrscht eine dumpfe Stille. Als ob unsichtbar ein gewaltiges Tier die Stadt niedergerungen und sich rittlings auf ihre Dächer gesetzt hätte und mit heißem Atem alles Lebendige in Schach hielte.
In Richtung Westen liegt der große Strom. Wasser wie Blei, das die Stadt in zwei Teile zerlegt. In nördlicher Richtung erkennt man die Anlagen der chemischen Industrie, in der sein Vater sein Leben lang schuftete. Ohne sie wäre die Stadt nichts. Gar nichts.
Er hatte jahrelang Reagenzgläschen gewaschen, wie er immer wieder stolz betonte. Später musste er nachts die laufenden Versuche in den Labors überwachen. Seine Chefs, die Chemiker und Doktoren, waren seine Götter. Sein Vater musste in dieser Welt das absolute Ideal eines pflegeleichten Arbeiters verkörpert haben. Noch in den ödesten Arbeitsvorgängen hatte er seine Pflicht mit Sorgfalt, Hingabe und absoluter Treue ausgeübt. Für ein lächerliches Entgelt. Und er identifizierte sich mit seiner Firma bis zur Selbstaufgabe. Wehe, es fiel ein kritisches Wort. Noch in den krassesten Momenten der Ausbeutung hatte er Verständnis und verteidigte auch ganz offensichtlich zynische Maßnahmen seiner Firma.
Als man in Westafrika Pflanzenschutzmittel einer chemischen Firma entdeckte, die zu Kriegszwecken verwendet wurden, war sein Vater erbost über die Berichterstattung, nicht über das Verbrechen.
Als er zwei Jahre vor dem Pensionierungsalter in den Ruhestand trat, kürzte man ihm kaltschnäuzig die Rente. Der Vater schluckte es und beschwor seinen Sohn, die Kriegsvorbereitungen gegen die Firma einzustellen. Tanner wusste damals nicht, ob er die Firma oder seinen Vater hassen sollte. Dass die geliebte Firma einen Großteil ihrer Gewinne im Ausland erzielte, auch auf Kosten der Dritten Welt, verdrängte sein Vater immer. Genauso wie er an die Märchen von der starken Landesverteidigung während des Zweiten Weltkrieges glaubte, hatte er auch die Mär vom auserwählten Fleiß des Landes und seiner Bewohner verinnerlicht. Nun ist der Vater schon lange tot und seine geliebte Firma hat sich einen poetischen Namen zugelegt. Tanner beugt sich über die Brüstung und sammelt Speichel in seinem Mund. Er spuckt, verfolgt das scheinbar langsame Fallen. Wie damals als Kind fragt er sich, wie es wohl wäre, selber zu fallen. Wie lange würde der Fall dauern? Würde man den Aufschlag gerade noch spüren und erst danach wäre man tot? Oder fliegt man geräusch- und schmerzlos ins andere Land? Wie durch ein Schlupfloch in der Zeit vielleicht?
Aber die Seele? In welchem Moment wüsste sie, dass sie aus dem Körper herausmuss? Vor dem Augenblick des Aufpralls? Oder schleicht sie sich erst aus dem Körper, wenn er zerschmettert am Boden liegt? Und was macht sie danach? Kehrt sie zurück in Gottes Schoß, wie er es als Kind geglaubt hat? Oder macht sie sich bereit für einen neuen Körper?
Er lacht laut auf.
Mein Gott, jetzt lebe ich schon so lange und bin der Lösung von entscheidenden Fragen noch nicht ein Jota näher.
Im Gegenteil. Damals hatte er noch die tröstende Illusion, dass er irgendwann alles verstehen würde. Wenn er einmal groß und erwachsen wäre. Jetzt ist er groß und erwachsen. Und wo sind sie, die erwarteten Erkenntnisse? Das Schönste, was er über den Tod weiß, sind immer noch die Worte von Hamlet.
… sterben, schlafen/Schlafen, vielleicht auch träumen …
Noch einmal lacht er auf. Eine Taube, die unbemerkt hoch über seinem Kopf in einer Turmnische geschlummert hat, fliegt erschreckt in den heißen Himmel.
Tanner lässt sich erschöpft auf den Boden nieder. Eines ist genauso geblieben wie damals: Nie und nimmer hätte er die Kraft, sich auf diese Brüstung zu stellen und zu springen. Obwohl er heute Gründe hätte.
Ach Elsie, wann wirst du wieder erwachen? Erwachen. Was für ein Glück wäre das!
Lieber Gott, mach, dass sie aufwacht! So hätte er als Kind gebetet. Heute kann er es nicht mehr.
Er fährt sich mit der Hand durch die Haare und muss wieder lachen.
Hat er nicht selber immer lauthals verkündet, dass solche Vorstellungen wie Glück oder Gott eine Erfindung des Menschen sind? Weil der Mensch die Gleichgültigkeit des Lebens nicht ertragen kann.
Ja, das war doch eines seiner Lieblingsthemen. Wie oft hat er damit in Gesellschaft brilliert.
Meine Herrschaften, mit dem Glück verhält es sich wie mit dem Lottospiel. Es folgt nicht Ihren Wünschen. Oh nein! Sie glauben, dass Sie eines Tages das große Los gewinnen? Und zwar, weil es Ihnen zusteht? Und einzig, weil Sie daran glauben, denken Sie, Sie könnten dadurch das Glück in die Knie zwingen? Sie hätten sich durch diesen tagtäglichen, fleißigen Glauben sogar das Recht auf Glück erworben? Lachhaft. Es gibt nur Mathematik. Kühle, emotionslose Mathematik. Es gibt kein persönliches Schicksal. Es gibt kein Glück. Keinen Gott. Das meiste, was einem widerfährt, hat man sich sowieso selber eingebrockt.
Er verscheucht den Gedanken an Elsie.
Wenn man durch die Ritzen der Brüstung schaut, gewinnt man den Eindruck, dass das Leben unter der gewaltigen Hitze eingeschlafen ist, aber es hat sich nur in mehr oder weniger kühle Häuser zurückgezogen.
Wie gut, dass er an so einem Tag auf diesen Turm gestiegen ist. Vielleicht sollte er sein Leben hier oben verbringen. Hier oben sitzen bleiben wie ein Buddha. Oder wie Baudolino. Blieb der nicht so lange auf einer Säule sitzen, bis die Menschen glaubten, er sei ein Heiliger? Sie brachten ihm Essen und Trinken, fragten ihn um Rat, überhäuften ihn schließlich mit Geschenken. Leider hat er vergessen, warum Baudolino jemals wieder von seiner Säule gestiegen ist. Sicher wegen einer Frau. Wahrlich der einzige Grund, um von einer Säule zu steigen, auf der man sonst alles hat.
Wann ist er das letzte Mal mit einer Frau zusammen gewesen? Seit Elsie im Koma liegt, nicht mehr.
Er will den Gedanken nicht zu Ende denken, aber es gelingt nicht ganz. Er zwingt sich aufzustehen und schaut angestrengt über die Stadt, über der jetzt so etwas wie ein Schleier liegt.
Mehr als ein Jahr kein Kontakt zu einer Frau. Wenn ihm das jemand prophezeit hätte! Er hätte nur gelacht.
Mehr als ein Jahr lang pendelte er praktisch nur zwischen seiner Wohnung am See und der Klinik. Er lebte vollkommen zurückgezogen. Gesprochen hatte er in der ganzen Zeit hauptsächlich mit Ärzten. Und natürlich mit Elsie, aber das war sehr einseitig. Und ab und zu mit Ruth und den Kindern. Ach ja, und mit Michel, der sich große Sorgen um ihn machte.
In diesem Augenblick wird die Tür aufgestoßen und drei junge Japanerinnen stolpern kichernd gegen die Balustrade. Ihr Lachen bricht abrupt ab, als sie sehen, dass sie nicht allein auf dem Turm sind.
Tanner nickt ihnen zu. Sie nicken zurück, lehnen sich über die Brüstung und gleich kichern sie von neuem. Sie unterhalten sich schnell, mit hohen Stimmen. Ab und zu werfen sie ihm verstohlene Blicke zu. Wenn er lächelt, drehen sie sich schnell weg und lachen erneut. Alle drei tragen weiße Sommerhütchen. Eng aneinander gepresst, lehnen sie sich an die Brüstung. Aufmerksam studiert Tanner ihre Körper. Ihre Kleidchen sind am Rücken tief ausgeschnitten, zeigen eine makellose Haut. Die Mädchen lassen ihre nackten Arme über die Brüstung baumeln. Die Größte von ihnen hat einen unglaublich runden Po. Tanner schließt seufzend seine Augen. Ungefragt tauchen Bilder von Harumi auf.
Er hatte sie vor langer Zeit in Paris kennen gelernt. Ihre Affäre dauerte leider nur ein paar Wochen. Aber nie hat er ihre Haut vergessen. Und ihre Art der Hingabe.
Seufzend öffnet er die Augen. Die drei Mädchen verschwinden gerade durch die Tür. Die Letzte dreht sich kokett um, winkt ihm zu, lächelt und schließt die Tür.
Na ja, auch gut.
Tanner bleibt noch einen Moment, damit es nicht aussieht, als folge er den drei fernöstlichen Kichererbsen, und beginnt dann gemächlich den Abstieg.
Draußen betrachtet er die Fassade des Münsters. Links sticht der heilige Georg einen kleinen, ziemlich süßen Drachen ab. Rechts teilt der heilige Martin seinen kostbaren Samtmantel.
Zu sehen sind in harmloser Darstellung eine der Kernkompetenzen und eine der Haupttugenden unserer westlichen Zivilisation. Das arrogante Bezwingen der Natur vom hohen Ross aus und das Mitleid. Wobei Ersteres bis zur Vollendung, beziehungsweise Zerstörung, gekonnt ausgeführt wurde und wird. Mitleid hingegen? Mit sich selbst im besten Fall. Aber vielleicht bewegt er sich ja einfach in einem zu schlechten Milieu, so dass er selten dem Mitleid begegnet. Er dreht sich um, geht auf das Eckhaus gegenüber dem Münster zu. In diesem Haus hat er während des Studiums für ein paar Wochen gearbeitet. Früher war hier das Maschinenamt der Stadt untergebracht. Heute nennen die das Finanzen, Controlling, Informatik.
Mensch, haben die früher eine ruhige Kugel geschoben.
Bereits um neun Uhr schickte man ihn los, um umfangreiche Einkäufe für die erste Pause zu tätigen. Nicht selten befand sich auch Schnaps auf seinem Einkaufszettel.
Er liebte diese Gänge. Er konnte ruhig durch die Gassen der Altstadt schlendern und die Auslagen der Geschäfte bewundern. Man erwartete ihn erst wieder gegen zehn Uhr. Dann wurde ausgiebig ein zweites Frühstück verschlungen, gar zu anstrengend waren die ersten zwei Arbeitsstunden gewesen. Danach schleppte sich die Zeit bis gegen Mittag. Pause. Nach dem Essen döste jeder ungestört an seinem Arbeitspult. Nach einer Kaffeepause gegen drei Uhr kam dann eine gewisse Hektik auf, denn es mussten ja doch in Gottes Namen noch einige Dinge erledigt werden, bevor es Feierabend wurde. Ein angenehmes Leben bei festem Gehalt, Ferien und Feiertagen. Aber das ein ganzes Leben lang? Für den jungen Tanner eine Horrorvorstellung. Ach ja, da gab es diese blonde Sekretärin. Sie war fünfunddreißig Jahre alt und eine Grenzgängerin, die bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit ein helles Lachen bereithielt und einen steil aufgerichteten Busen unter ihren hellblauen Pullöverchen zur Schau trug. Regelmäßig streckte sie ihre Arme in die Höhe, räkelte sich mit Inbrunst, gähnte und ordnete genüsslich ihren BH oder das, was er für Geheimnisse barg, mit zärtlich kräftigem Griff. Anschließend pflegte sie nach schräg links zu blicken, wo sie damit rechnen konnte, dass Tanner sie anstarrte wie ein Weltwunder. Dann zwinkerte sie ihm zu und er wurde rot. Er wartete natürlich sehnsüchtig auf diese kleinen Turnübungen, die, dem Himmel sei es gedankt, mit schöner Regelmäßigkeit stattfanden und so den Tag in erträgliche Portionen zerlegten. Ihr Busen stellte das wenige, physikalische Wissen in Frage, das sein Lehrer mühsam in die Tanner’schen Hirnwindungen eingetrichtert hatte.
Eines Tages lud sie ihn zum Nachtessen in ihr kleines Appartement ein. Im Schimmer einer monströsen Kerze mit mehreren Dochten zog sie ihren berühmten hellblauen Pullover und ihren BH aus. Damit war das physikalische Weltbild sogleich wieder im Lot.
Seufzend wendet sich Tanner von dem Hause ab, auch von der Erinnerung, und trottet ziellos in Richtung Innenstadt.
ZWEI
Während Tanners Kindheit gab es um Gustav Adolf Land, seinen Großvater mütterlicherseits, den er nie kennen gelernt hatte, ein großes Geheimnis. Er war drüben aufgewachsen und sei später in den Wirren des Zweiten Weltkrieges verschwunden.
Verschollen.
Was für ein Zauberwort. Es begleitete seine Kinder- und Jugendzeit. Später bezeichnete er ihn gerne als den verschollenen Land. Er freute sich spitzbübisch an der ungewohnten Verbindung vom Wort Land mit dem männlichen Artikel.
Hätte er ihn gekannt, hätte er ihn sicher Großvater oder Großpapa genannt, so aber nannte er ihn einfach Land. Gustav Adolf Land besaß wohl als Einziger in der ganzen Familie eine große und schlanke Statur. Wie er. Seine Mutter sagte es oft genug.
Du wirst genauso groß.
Die beiden Dinge hat er sein Leben lang mit seinem Großvater verbunden. Den Hinweis auf die Größe und das Wort verschollen.
Wie hatte dieses Wort die Phantasie des kleinen Tanner beschäftigt. Er sah Land gegen Schneestürme in Sibirien kämpfen, in den Wüsten Afrikas Goldschätze vergangener Königreiche ausgraben oder in einem Unterseeboot die Weltmeere durchpflügen. Später, mit mehr Kenntnis der Geschichte, dachte er, sein Großvater teile wahrscheinlich das Schicksal vieler Soldaten, die irgendwo in der Welt verscharrt worden waren. Irgendwann dachte er dann nicht mehr an ihn.
Bis Tanners Vater starb. Da erzählte seine Mutter überraschend Fragmente einer neuen Geschichte. Voller Anspielungen. Er sei in einer Fabrik angestellt gewesen und dort sei etwas passiert und man habe ihm die Schuld gegeben. Was dieses etwas gewesen sei, wisse sie nicht mehr. Dann sei er krank geworden, und zwar in der Seele. Seiner Mutter war das Aussprechen dieser Tatsache peinlich. Auch noch sechzig Jahre später. Er sei dann lange Zeit in der psychiatrischen Klinik gewesen. Hier in dieser Stadt. Bis die hiesige Krankenkasse nicht mehr bezahlt habe, da Großvater ja von drüben gewesen sei. Also sei er ganz einfach über die Grenze abgeschoben worden. Ganz einfach? Aus ihrem Mund klang es auf jeden Fall irgendwie selbstverständlich. Und seitdem fehle jede Spur von ihm. Tanner war damals entsetzt über die Geschichte und er löcherte seine Mutter mit Fragen. Aber sie gab vor, nichts zu wissen, sie könne sich an nichts mehr erinnern. Tanner war mit seinen Fragen alleine. Wie konnte man einen kranken Menschen, der eine Familie hatte, einfach über die Grenze abschieben? Wo war sie denn, diese Familie? Wusste sie davon? War das mit dem Einverständnis von Tanners Großmutter geschehen? Wie konnte sie mit so einer Katastrophe weiterleben?
Er muss an das Bild denken, das sich in seine Seele einbrannte, als er sie vor vielen Jahrzehnten zum letzten Mal im Altersheim besuchte.
Sie saß still und schmal auf einem Stuhl vor dem einzigen Fenster ihres kleinen Zimmers. Ihre Hände lagen im Schoß. Die Fingerspitzen berührten sich leicht. Durch den zugezogenen Tüllvorhang erschien die Außenwelt wie aufgelöst. Ohne Konturen. Ein Schwarzweißfoto, das zu lange belichtet wurde. So saß sie während Wochen und Monaten auf ihrem Stuhl, dem letzten Möbelstück, das man ihr gelassen hatte. Jeden Tag.
Wegen ihres Mannes ist Tanner nun in seine Geburtsstadt gekommen. Nach vielen Jahren. Er fand, dass es Zeit wurde, die Wahrheit zu erfahren. Eines Morgens ist er aufgewacht und hat beschlossen, der Frage nach dem Verschwinden seines Großvaters, dem verschollenen Land, auf den Grund zu gehen.
In einer Situation, in der er selber nichts mehr weiß und sich keine Zukunft vorstellen kann, solange Elsie nicht aus ihrem geheimnisvollen Tiefschlaf erwacht, kann er vielleicht wenigstens diese Frage lösen.
Die Wahrheit ist, dass ihm das Warten und der Stillstand den Atem abzuwürgen drohten. Wie ein Taucher, der sich vorgenommen hat, nur noch unter Wasser zu leben, sich aber über seine Sauerstoffreserven Illusionen gemacht hat, taucht er auf. Heftig nach Luft ringend. Begierig von neuem die Vielfalt des Lebens einzuatmen. Zu leben.
Die alte Ruhelosigkeit hat wieder von ihm Besitz ergriffen und jede Faser seines Daseins fordert ungestüm Bewegung. Sein Geist sehnt sich nach neuen Herausforderungen. Er hat sich sogar überlegt, ob er nicht wieder zurück in seinen Beruf soll. Zum Glück sind seine Ersparnisse immer noch nicht aufgebraucht, so dass er sich noch nicht entscheiden muss. Seinen Beruf hat er zwar immer geliebt und sich nie wirklich eine andere Tätigkeit vorstellen können. Aber nach über zwanzig Berufsjahren erträgt er die Innenwelt der Polizei, und besonders die ihr eigenen Werte- und Verhaltenskodexe, kaum mehr. Und schon gar nicht die Hierarchie.
Er hat sich also in den Kopf gesetzt, am äußersten Rand seiner eigenen Geschichte noch einmal von vorn zu beginnen. Morgen wird er über die Grenze fahren. In das Dorf, wo Gustav Adolf Land geboren wurde.
Tanner steht unvermittelt vor dem kleinen Hotel, in dem er ein Zimmer reserviert hat. Das Gepäck hat er am Nachmittag per Taxi ins Hotel liefern lassen. Er trägt sich ein, lässt sich für den nächsten Morgen ein Auto reservieren und stellt sich für eine herrlich lange Zeit unter die kalte Dusche. Als er endlich durch und durch friert, legt er sich, ohne sich abzutrocknen, auf das Kingsizebett. Er fällt sofort in einen traumlosen Tiefschlaf.
Zwei Stunden später fährt er erschrocken hoch. Er ist schweißgebadet. Hat ihn jemand gerufen? Draußen ist es schon dämmrig. Die Hitze hat noch immer kein bisschen nachgelassen. Er stellt sich noch einmal unter die Dusche und überlegt sich dabei genüsslich, wie schnell sich der Lebensrhythmus in diesem Land verändern würde, bliebe es so heiß.
Als er aus dem Badezimmer kommt, bemerkt er einen Briefumschlag, den jemand unter der Tür durchgeschoben hat.
Wer weiß, dass er in diesem Hotel ist? Er setzt sich auf die Bettkante und wiegt den Brief in seiner Hand. Ein Briefumschlag der teuersten Sorte. In schwarzer Tinte gestochen scharf sein Name. Er riecht an dem Umschlag. Kein besonderer Geruch. Für eine Weile genießt er die Spannung. Dann öffnet er den Umschlag. Der Brief ist von seinem alten Schulfreund Richard Bruckner. Stimmt. Tanner hat ihm vor ein paar Tagen angekündigt, dass er wahrscheinlich heute in die Stadt kommen und in diesem Hotel absteigen werde. Er hat den Brief aufs Geratewohl an die Bank geschickt, in die Richard Bruckner nach seinem Studium eingetreten war. Eine der großen Banken, in der auch Tanner seine Ersparnisse angelegt hat.
Schau mal an, er hat sich an das Datum erinnert und er arbeitet immer noch bei derselben Bank.
Eine Tatsache, die für Tanner schier unvorstellbar ist. Die ganze lange Zeit in der gleichen Stadt und an der gleichen Arbeitsstelle!
Lieber Tanner, ich freue mich, dass du dich nach so langer Zeit bei mir meldest. Gibt es was Neues am neuen Hofe, Sir? Wenn du Zeit hast, könnten wir morgen Abend zusammen essen. Am alten Ort, wenn du einverstanden bist. Zwanzig Uhr? Gib bitte meiner Sekretärin Bescheid, falls du nicht kannst. Und um es gleich jetzt schon zu klären: Ich lade dich ein! Verstanden, Herr Tanner? Keine Widerworte. Wir fangen nichts Neues mehr an, auf unsere alten Tage, gell … Bis dann. Bruckner. Telefonnummer.
Der alte Ton, als ob keine Zeit vergangen wäre. Sogar das Shakespeare-Zitat, mit dem sie sich jeweils begrüßten, weiß er noch.
Tatsächlich hatte damals immer sein Freund bezahlt, denn er stammte aus einer reichen Familie. Und er war unglaublich großzügig. Zudem bewunderte Bruckner ihn immer ein wenig. Wofür eigentlich? Oder war es nur Dankbarkeit, dass er sein Freund war, denn er hatte sonst keine Freunde. Bruckner war damals ein schlanker Jüngling mit dichten, relativ kurz gehaltenen Haaren. Hellroten Haaren. Er hatte in seinem Stil etwas bewusst Englisches. Gab sich meist bescheiden und reserviert. Für die anderen war er wahrscheinlich die Arroganz persönlich. Tanner wusste es besser. Bruckner war scheu. Warum? Tanner wusste es nicht. Aber es war eindeutig. Vielleicht war er zu lange auf teuren Internaten gewesen? Und wer weiß, was ihm dort widerfahren war? Bruckner hat nie darüber gesprochen. Ihre Freundschaft war auf jeden Fall klar entschieden, als sie das erste Mal das gemeinsame Klassenzimmer betraten und sich ganz selbstverständlich in die hinterste Schulbank am Fenster setzten. Und, oh Wunder, sie ergänzten sich perfekt in den Schulfächern. Überall, wo Tanner schwach war, war Bruckner besonders gut und umgekehrt. Es war eine Arbeitsgemeinschaft, die vier Jahre bis zur Maturität perfekt harmonierte. Gleichzeitig teilten sie ein leidenschaftliches Interesse fürs Theater.
Die anderen Koalitionen in der Klasse wechselten häufig. Sie waren sich immer gleich nahe und gleich distanziert. Sie verbrachten vier Jahre Seite an Seite in der Schule, siezten sich aus einer Laune heraus die ganze Zeit und gingen zusammen ins Theater. Das heißt, Bruckner arbeitete viele Abende im Theater als Platzanweiser. Er tat dies, um dem Theater näher zu sein. Er besorgte Tanner die Eintrittskarten und nach dem Theater aßen sie häufig bei dem alten Italiener. Immer bezahlte Bruckner. Er hatte Geld. Tanner hatte keins. So einfach war das. Nie lud einer den anderen zu sich nach Hause ein. Irgendwie war das tabu. Sie sprachen auch nie darüber.
Bruckners Vater handelte mit Erdöl. Bei der Geburt jedes seiner Kinder kaufte er das Auto, das gerade en vogue war, und schenkte es dem jeweiligen Kind bei seiner Volljährigkeit.
Eigentlich wusste Tanner wenig über seinen Freund. Bruckner hatte seines Wissens nie eine Freundin gehabt, er hat ihn aber nie gefragt, warum. Tanner hatte viele Freundinnen und Bekanntschaften. Bruckner äußerte sich nie dazu. Ob Bruckner heute verheiratet ist? Er wird es erfahren. Morgen Abend. Nach dreißig Jahren.
Tanner geht an die kleine Hotelbar und bestellt einen Tomatensaft mit Eis. Alkohol ist bei der Hitze nicht angeraten. Ein wahrscheinlich eilig gekaufter Tischventilator verteilt wild entschlossen die Hitze. Die Frau an der Bar, eine blonde Enddreißigerin, nickt ihm zu, bereitet mit betont langsamen Bewegungen seinen Saft zu und betrachtet ihn durch ihre langen Augenwimpern. Ihr dünnes, weißes Kleidchen klebt verschwitzt am Körper. Tanner bemüht sich, nicht ständig auf ihre Brüste zu starren, die durch den transparent gewordenen Stoff auf- und abwippen. Zur Ablenkung blättert er in der Zeitung. Uninteressiert überfliegt er die Schlagzeilen und die mehr oder weniger langweiligen Artikel. Viele beschäftigen sich mit der ungewöhnlichen Hitze. Meteorologen fühlen sich bemüßigt, unnötige Erklärungen abzugeben. Azorenhoch, Winde aus Afrika. Auch sei mit Saharastaub zu rechnen. Der Ozonwert sei noch mal gestiegen. Wenn es so weiterginge, würden die Sommerferien für die Schüler vorgezogen.
Eine Notiz erregt seine Aufmerksamkeit. In dem kleinen See, an dessen Ufer er seit kurzem eine Wohnung besitzt, habe bei einem Unglück ein Segler sein Leben verloren. Gleichzeitig habe man eine tote Kuh im See entdeckt. Seither habe sich das Wasser des Sees rot verfärbt. Einen Zusammenhang gebe es aber zwischen den beiden Ereignissen nicht. Der Segler sei aus noch nicht geklärten Gründen ohne Schwimmweste von Bord gestürzt und ertrunken. Seine Begleiterin, die ebenfalls über Bord gegangen sei, habe sich retten können. Der Tote sei japanischer Nationalität und Mitglied der Geschäftsleitung einer hiesigen Chemiefirma.
Tanner leert sein Glas. Die Blonde blickt ihn fragend an. Sie meint wohl, ob er noch einen Saft möchte.
Tanner nickt. Es ist schön, wenn sie sich bewegt. Zwar bewegt sie sich langsam, aber sie bewegt sich. Als sie ihm den zweiten Saft hinstellt, blättert Tanner weiter in seiner Zeitung. Hält inne bei den Sexanzeigen. Interessiert liest er die verschiedenartigen Angebote. Bei einer kleinen Annonce bleibt er hängen. Schöne Japanerin zu Gast, nur heute und morgen, im Studio Schlaraffenländli. Bei dem Stichwort schöne Japanerin denkt er heute schon zum zweiten Mal an Harumi.
Stichwort Japan genügt – und er sieht die langhaarige Harumi vor sich, mit ihren vollen Lippen. Pawlow’scher Reflex. Kurz entschlossen greift Tanner nach seinem Mobiltelefon. Es meldet sich, nach kurzem außerirdischem Rauschen, eine automatische Ansage mit einer munteren Frauenstimme im breitesten Schwäbisch. Sie nennt sich Claudia und berichtet fröhlich über die Angebote im Schlaraffenländli. Schlaraffenländleee heißt das in ihrer süddeutschen Mundart. Tanner muss unwillkürlich schmunzeln, worauf ihn die Blonde schon wieder fragend anblickt. Sie richtet sich auf und versucht, einen Blick auf Tanners Zeitung zu erhaschen, denn sie hat bemerkt, dass er eine Nummer aus der Zeitung gewählt hat. Aber die Freude gönnt Tanner ihr nicht und legt die Seite um. Enttäuscht schmollt sie und wischt die saubere Theke mit einem schmutzigen Lappen. Ihre Brüste schaukeln entrüstet unter ihrem verschwitzten Kleid. Nachdem er Straße und Hausnummer gehört hat, unterbricht Tanner die eifrige Stimme des Anrufbeantworters. Ob sie bei der Arbeit auch so munter drauflosplaudert? Damit nimmt sie wahrscheinlich jedem Verklemmten sofort alle Hemmungen. Tanner schmunzelt immer noch, verlangt die Rechnung und bittet um ein Taxi. Die Blonde platzt fast vor Neugierde. Tanner gibt ihr ein großzügiges Trinkgeld. Sie bedankt sich mit einem kleinen Knicks und einem großen Augenaufschlag.
Ich bin den ganzen Abend hier!
Das erste Mal hört Tanner ihre Stimme. Beinahe wäre er vom Stuhl gefallen, so überrascht ist er. Ihre Stimme ist tief und aufreizend rau. Wie die einer Jazzsängerin aus vergangenen Zeiten. Eine Stimme, die einen sofort im Bauchfell kitzelt.
Ich komme auch wieder zurück, schließlich schlafe ich ja hier im Hotel.
Tanner sagt es gedankenlos. Erst zu spät realisiert er, dass sie ihm ein Angebot gemacht hat und er mit seinem unüberlegten Satz auf das Angebot eingegangen ist. Sofort schnurrt sie ein zufriedenes Okay und verschränkt gekonnt anmutig die Arme hinter ihrem Rücken. Die Wirkung auf die Topographie ihres Oberkörpers und auf die Spannung des eh schon engen Kleidchens ist enorm. Tanner reißt seinen Blick von ihr los und verlässt eilig die Bar.
In der Hotelhalle ist es etwas kühler. Gleich darauf fährt das Taxi vor. Zum Glück ist es mit einer Klimaanlage ausgerüstet. Tanner nennt Straße und Hausnummer.
Der Taxifahrer grinst frech in den Rückspiegel und meint, die hätten dort auf jeden Fall auch eine Klimaanlage.
Na, dann ist ja alles in Ordnung.
Tanner grinst entwaffnend zurück.
Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, gehen Sie nicht zu Claudia. Die redet Sie in Grund und Boden. Wählen Sie sich Sophie, wenn Sie auf schlanke Frauen stehen, oder Odette, wenn Sie etwas mehr Fleisch zwischen den Händen haben wollen.
Sehr nett, dass Sie sich Sorgen um mein Wohlergehen machen. Danke.
Seufzend schließt Tanner die Augen. Es gibt doch noch zuvorkommende Menschen in diesem Lande. Noch ist nicht alles verloren.
Blind lässt sich Tanner durch die Stadt fahren. Er weiß trotzdem in jedem Augenblick, wo sie gerade sind. Kurz vor dem Ziel öffnet Tanner die Augen. Der Taxifahrer hält vor dem entsprechenden Haus. Tanner zahlt.
Und sagen Sie jetzt bitte nicht viel Vergnügen, ja?
Der junge Mann nickt schweigend. Mit einem Blick auf die Taxikonzession, die am Armaturenbrett festgemacht ist, stellt Tanner fest, dass der Mann Türke ist. Spontan erhöht er das Trinkgeld. Der Mann bedankt sich artig.
Tanner steht vor einem dreigeschossigen, biederen Haus mit hellblauem Anstrich. Aha, das ist also das Schlaraffenländli. Bei sämtlichen Fenstern sind die hellgrünen Rollläden geschlossen. Aus einem Erkerfenster im mittleren Stockwerk grüßt ein Schweizerfähnchen. Was soll jetzt das heißen? Ist es ein Ausdruck schweizerischer Bodenständigkeit, die das Haus seinen Besuchern verheißt, oder signalisiert es einfach, dass die Damen an Deck sind? Auf jeden Fall verfügen sie über Humor, so viel ist schon mal sicher. Entschlossen betritt er den gepflegten Vorgarten. Die Haustür ist offen. An der Wohnungstür im Parterre stehen drei französische Namen, die Freuden in angenehmer Ambiance verheißen.
Er steigt die Treppe hoch. An der Wohnungstür im ersten Stock verkündet ein großes Schild die Gunst des japanischen Gastes. Durch die Tür hört man leise japanische Flötenmusik.
Tanner muss lächeln und klingelt. Auch Harumi liebte diese Musik. Leise trippelnde Schritte, die Tür wird aufgerissen und im Halbdunkel des Flurs begrüßt ihn mit traditioneller Verbeugung eine langhaarige Japanerin. Ihr Gesicht kann Tanner nicht sehen, aber er erschrickt, denn er glaubt, Harumi vor sich zu haben, was ja gar nicht möglich ist. Genauso hat ihn Harumi an ihrer Haustür auch empfangen. Die dunkle Gestalt im Kimono tritt einen Schritt zurück. Sie hält eine Hand vors Gesicht, als ob auch sie erschrocken wäre. In perfektem Deutsch fragt sie, ob sie so hässlich sei, dass er sich erschreckt habe.
Nein, nein. Ich bitte Sie, mich zu entschuldigen, aber ich dachte tatsächlich, Sie seien Harumi, eine Freundin von früher. Im Gegenteil, Sie sind wunderschön. Guten Tag, ich heiße Simon. Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.
Danke, und willkommen im Schlaraffenland. Ich muss Sie enttäuschen, ich heiße nicht Harumi. Mein Name ist Michiko. Ich bin aus Kyoto und lebe schon eine ganze Weile in Frankfurt. Hier bin ich nur zu Gast. Für ein paar Tage. Wollen Sie etwas trinken?
Er bestellt einen grünen Tee und lässt sich von Michiko in die Wohnung führen. Das Zimmer, in das sie ihn bringt, ist angenehm karg eingerichtet. In der Mitte ein großes Bett aus Messing. Ein kleiner Schrank, ein kleiner Sessel mit einem Clubtisch, darauf eine Schale mit Bonbons. Neben dem Bett steht eine Bodenvase aus Kristallglas mit einem großen Strauß frischer Iris. Alles ist sehr sauber und nett, wie man das hier in diesem Land eben erwartet. Noch dazu im Schlaraffenland. Nur dass hier nichts kostenlos ist. Einzig die Lampe, die ein weiches Rotlicht ausstrahlt, ist ein Zugeständnis an das Milieu. Michiko bedeutet ihm wortlos, sich zu setzen. Dann verschwindet sie aus dem Zimmer, wahrscheinlich um den Tee zu holen.
Ob er sich jetzt schon ausziehen soll? Er beschließt zu warten, bis Michiko wiederkommt. Tatsächlich ist es in der Wohnung angenehm kühl, ganz so wie es der türkische Taxifahrer prophezeit hat. Gerade als er sich zu fragen beginnt, was er hier eigentlich tut, öffnet sich die Tür. Michiko serviert ihm anmutig den Tee, lässt souverän ihren Kimono fallen und sagt, dass sie sich jetzt duschen werde. Ob er auch wolle?
Tanner schüttelt den Kopf. Michiko öffnet eine kleine Tapetentür, die Tanner vorher gar nicht aufgefallen ist. Dahinter befindet sich die Dusche. Michiko schließt die Tür nicht und lässt Tanner ungeniert dabei zuschauen, wie sie sich duscht und sorgfältig einseift. Ihre langen Haare hat sie mit einem schnellen Griff hochgesteckt. Tanner guckt stumm.
Gefalle ich Ihnen? Sie sind so schweigsam.
Doch, natürlich, Sie gefallen mir ausgezeichnet, verzeihen Sie, ich bin von der Hitze etwas …
Sie lacht.
Natürlich gefällt sie ihm. Sie hat einen perfekten Körper. Ihre Brüste sind für die Klischeevorstellung von einer Japanerin ziemlich groß und wahrscheinlich nicht natürlich gewachsen, aber immerhin haben sie eine Größe, die mit dem Rest ihres makellosen Körpers gerade noch harmoniert. Bei Tanner stellt sich aber langsam das nämliche Gefühl ein, das er schon bei Harumi hatte und das ihn immer beklommen machte. Ein Körper, der in seiner Perfektion eine Art Unnahbarkeit ausstrahlt, die fast schmerzhaft ist. Ein Körper, dessen Linien und Formen man tagelang anschauen kann, aber immer wird er sich entziehen. Es sind Körper, die durch ihre Schönheit eine unsichtbare, aber perfekte Barriere aufbauen. Körper, die eigentlich nicht erotisch sind, die nicht zum Anfassen einladen oder dazu, sich in ihnen zu verlieren. Einzig ihr kleiner, schwarzer Pelz spricht in seiner frechen Struppigkeit eine andere Sprache. Und auch ihr Lachen bricht für Augenblicke ihre perfekte Körperinszenierung. Tanner ist gespannt auf das, was auf ihn zukommt. Michiko hat sich unterdessen trockengerieben und setzt sich unbekümmert um Tanners Gedankengänge auf seinen Schoß, nimmt seine Hand und legt sie sanft, aber bestimmt auf eine ihrer Brüste. Tatsächlich Silikon. Tanner spürt deutlich, wo Natur und Kunst aufeinander treffen. Er seufzt. Sie nimmt es für aufkeimende Lust.
Langsam, langsam. Zuerst müssen wir über das Geschäftliche reden. Was willst du?
Bevor Michiko zu Ende gesprochen hat, ertönt in der Wohnung ein fürchterlicher Schrei, der sie in ihrer Bewegung zusammenfahren lässt. Ihre Hand umklammert krampfhaft die seine. Ihre Umklammerung zwingt seine Hand so kräftig um ihre Brust, dass er Angst hat, ihr wehzutun. Aber Michiko rührt sich nicht. Er auch nicht. Das war ein Schrei der höchsten Not und Angst. Oder des Entsetzens. Dieser Schrei hat nichts mit Schlaraffenland zu tun, das ist klar. Er stellt Michiko auf die Füße. Sie lässt es geschehen. Seine Hand will sie aber nicht loslassen. So tritt Tanner mit Michiko an der Hand in den Flur. Vor der Tür gegenüber Michikos Raum steht eine üppige Rothaarige, vollkommen nackt, mit unglaublich weißer Haut, den Mund weit geöffnet, die Augen aufgerissen. Nach der Beschreibung des Taxifahrers kann es sich nur um Odette handeln. Offensichtlich war sie es, die geschrien hat. Nun steht sie starr, als ob ihre weiteren Schreie im Hals stecken geblieben wären. Sie ringt nach Luft, das Gesicht schon gerötet, die Augen treten aus den Höhlen. Gleich wird sie blau anlaufen. Tanner sieht das nicht zum ersten Mal. Entschlossen macht er sich von Michikos Hand los, stellt sich vor die junge Frau und spricht sie sehr energisch mit ihrem Namen an, in der Hoffnung, dass ein direktes Ansprechen das offensichtlich unter Schock stehende Mädchen aus ihrem Atemkrampf befreit. Doch ringt sie weiter nach Luft und ihr schönes Gesicht beginnt sich tatsächlich blau zu verfärben.
Tut mir Leid, dann muss ich halt doch!
Er gibt Odette eine kräftige Ohrfeige. Einen Moment lang geschieht gar nichts. Nur Michiko in seinem Rücken, stellvertretend für Odette, stöhnt kurz auf. Odette fixiert ihn erstaunt mit ihren grünen Augen, dann zuckt sie zusammen, lange nach dem Schlag, holt endlich tief Atem und die Tränen schießen aus ihren Augen. Tanner nimmt sie in seine Arme und bittet Michiko um ein Glas Wasser für Odette.
Er ist tot … plötzlich ist er zusammengezuckt … hat geröchelt, um sich geschlagen … und ist zusammengebrochen. Er ist tot … ich habe nichts gemacht, das heißt … er hat mich gerade ge… und kurz vor seinem Höhepunkt … ist es passiert …
Nicht sprechen, ruhig atmen, hören Sie, Odette, ganz ruhig atmen. Sie können nachher erzählen. Dass er sie mit ihrem Vornamen anspricht, wundert sie gar nicht. Sie nickt eifrig, japst nach Luft und spricht sofort weiter.
Er war schon … ein paar Mal hier … er war ein angenehmer Gast … hat immer ein großzügiges Trinkgeld gegeben … er ist in meinen Armen gestorben …
Michiko kommt endlich mit dem Wasser. Ihr ganzer Körper zittert wie Espenlaub. Tanner gibt Odette das Wasser. Michiko ist immer noch nackt, bedeckt jetzt aber schamvoll Schoß und Brüste mit den Armen. Tanner bedeutet ihr, sie solle sich um Odette kümmern. Sie rührt sich nicht. Tanner nimmt ihre Hände, schüttelt sie energisch, bis sie ihn anschaut. Ihre Augen sind voll ungläubigem Abscheu.
Michiko, hören Sie mir zu! Kümmern Sie sich bitte um Odette!
Sie nickt.
Es wird gegen ihre Panik helfen, wenn sie eine Aufgabe hat.
Er geht zur Tür und öffnet sie. Ein muskulöser Mann liegt auf dem Bett. Das Zimmer ist genau gleich eingerichtet wie Michikos Raum, nur dass in der Vase ein Strauß gelber Tulpen steht. Der Mann ist Japaner. Körperbau und Haare verraten es sofort. Tanner fasst vorsichtig mit zwei Fingern an die Halsschlagader. Kein Zweifel, der Mann ist tot. Der Körper ist noch warm. Klar, es ist ja eben erst passiert. Aus seinem Mund rinnt gelber Schleim.
Als sich Tanner wieder aufrichtet, stürmt eine große Frau mit kurzen, blonden Haaren in das Zimmer. In breitestem Schwäbisch erkundigt sie sich, erstaunlich beherrscht, nach dem Geschehen.
Aha, Claudia, denkt Tanner bei sich.
Der Mann ist tot. Soeben gestorben. Ich habe nichts angerührt, bloß seine Halsschlagader angefasst. Überzeugen Sie sich selbst.
Für einen Augenblick fixiert die Blonde ihn scharf. Ihr Gesicht und alles, was man von ihrem Körper sieht – und es ist nicht gerade wenig –, ist übersät mit Sommersprossen.
Mir genügt es, wenn Sie es sagen. Sie sehen aus, als ob Sie etwas davon verstünden. Ich bin die Claudia. Sind Sie Arzt?
Tanner schüttelt den Kopf und nimmt die Hand, die sie ihm entgegenstreckt. Eine äußerst angenehme, kräftige Hand. Claudia ist eine erfrischend natürliche Person mit offenem Blick.
Wenn Sie kein Arzt sind, dann sind Sie Polizist, oder?
Nein, nein. Das heißt, so was Ähnliches. Übrigens, ich heiße Tanner.
Schade, dass wir uns unter solchen Umständen kennen lernen.
Ich gebe Ihnen meine Nummer. Falls die Polizei Fragen hat. Obwohl ich natürlich bis zum Schrei nichts mitbekommen habe. Und jetzt rufen Sie die Polizei, je schneller, desto besser.
Sofort nestelt sie aus ihrem dünnen Kleidchen ein drahtloses Haustelefon und drückt eine Zahl. Offensichtlich hat sie die Nummer der Polizei einprogrammiert. Das ist bei dem Job wahrscheinlich auch sinnvoll. Nach einer Weile hat sie die Verbindung. Claudia, die Beherrschte, gibt in kurzen Worten eine Zusammenfassung von dem, was im Schlaraffenländleee passiert ist.
Okay, die Polizei kommt sofort. Ich schlage vor, Sie verschwinden jetzt besser. Ich nehme nicht an, dass Sie warten wollen, bis die Typen hier sind. Und vielen Dank. Vielleicht ein andermal.
Sie verlassen das Zimmer. Claudia verschließt die Tür und steckt den Schlüssel ein. Draußen im Flur stehen Odette und Michiko. Sie haben sich mittlerweile etwas übergeworfen und sehen wie zwei verschüchterte Schülerinnen aus, die auf ihre Bestrafung warten. Tanner verabschiedet sich von beiden. Michiko presst sich einen Moment an ihn, flüstert etwas in sein Ohr, was er aber nicht versteht. War das japanisch? Er küsst sie auf beide Wangen. Sie riecht nach Pfirsich. Klischees sind manchmal doch ganz schön, denkt Tanner, und drückt Odette die Hand, die sich bei ihm überschwänglich für die Ohrfeige bedankt.
Wenigstens lächelt sie wieder. Es ist sicher nicht gerade angenehm, einen wildfremden Mann in den Armen zu haben, der plötzlich stirbt. Dieses Erlebnis wird sie ohne professionelle Hilfe nicht so schnell wieder los. So etwas bleibt haften. Hoffentlich kümmert sich die Polizei darum.
Draußen auf der Straße holt er zunächst einmal tief Luft. Es ist immer noch heiß. Will es denn heute nicht abkühlen? Er überlegt, ob er nicht trotzdem auf die Polizei warten soll.
Ach, die werden sich sicher melden, wenn sie etwas von mir wissen wollen. Er geht in Richtung Innenstadt.
Also, das ist jetzt sein Ausflug in die Welt der Lust gewesen. Lächelnd schüttelt Tanner den Kopf. Verwundert bleibt er plötzlich stehen. Eigentlich hätte man schon lange die Polizeisirene hören sollen. Sie lieben es doch, in solchen Situationen mit Donner und Gloria einzufahren. Na ja, ist ja eigentlich nicht sein Problem. Wahrscheinlich ist der Mann ein Viagraopfer. Wieso sollte sonst ein kräftiger Mann, kaum älter als fünfundvierzig, während er Sex mit einer Frau hat, plötzlich sterben? Allerdings, der gelbe Schleim. Was hat der wohl zu bedeuten? Waren das Magensäfte?
Tanner beschließt, den Rückweg trotz der Hitze zu Fuß zu machen. Die Luft fühlt sich schwer an. Es erinnert ihn an Marokko. Da waren solche Temperaturen an der Tagesordnung. Jetzt hätte ihn seine damalige Köchin mit ihrer herrlich kalten Suppe erwartet. In diesem Moment realisiert Tanner, dass er furchtbaren Hunger hat. Er winkt sich jetzt doch das Taxi heran, das gerade wie gerufen um die Ecke biegt. Im Taxi ist es erdrückend heiß, zudem pafft der Fahrer ungeniert eine Ekel erregende Villinger. Zum Glück ist die Fahrt nur kurz. Mürrisch bedankt sich der Fahrer für das Trinkgeld und versteht nicht, warum Tanner sich seinerseits für die sehr angenehme Atmosphäre in seinem Taxi bedankt. Einer aus den Bergtälern, der sich in die Stadt verirrt hat und noch immer nicht begriffen hat, dass er im Dienstleistungssektor arbeitet.
In der Innenstadt sucht er sich ein angenehm gekühltes Restaurant und bestellt eine Portion spaghetti alle vongole.
Nachdem er gegessen hat, wandert er gemächlich zu seinem Hotel. Der Portier händigt ihm merkwürdig verschmitzt seine Zimmerschlüssel aus. Die Hotelbar ist zu. Also keine Gewissensentscheidung mehr wegen Alkohol und anderer Sachen …
Merkwürdigerweise ist sein Zimmer nicht abgeschlossen. Hat er es vergessen? Ist eigentlich nicht seine Art. Er verharrt einen Moment vor der Tür. Dann reißt er sie mit einem Schlag auf. Eine kleine Tischlampe brennt. Auf dem Tisch steht, in einem Kühler, eine Flasche Champagner, daneben zwei schlanke Gläser. Im aufgeschlagenen Bett räkelt sich die Blonde von der Bar und schaut ihn verdutzt an. Keiner rührt sich, beide starren sich an. Nach einer Weile lächelt sie und dann kommt der Ton zum Bild. Ihre Wahnsinnsstimme.
Das hat aber lang gedauert, ich bin schon eingeschlafen. Willst du nicht die Tür zumachen?
DREI
Pünktlich um sieben Uhr steht der bestellte Mietwagen vor dem Hotel. Tanner unterschreibt die notwendigen Dokumente. Auch dass er mit dem Auto unter gar keinen Umständen nach Polen fahren werde. Der kleine BMW hat tatsächlich eine Klimaanlage. Das war gestern eigentlich seine einzige Forderung an das Auto gewesen. Es sieht nämlich nicht aus, als würde der neue Tag kühler werden.
Nachdem er die Grenze passiert hat, kann er für eine Weile das Auto austesten. Dann verlässt er die Autobahn und fährt gemächlich über Nebenstraßen durch die Landschaft.
Die Klimaanlage im Auto arbeitet zufrieden stellend, Tanner lehnt sich zurück, lässt die Rebberge und Bauerndörfer, die auffallend sanft in die Hügel eingebettet sind, vorübergleiten.
Ein tiefes Wohlgefühl breitet sich in ihm aus. Die Quelle dieses Wohlbefindens sitzt in seinem Bauch. Die Nacht mit der blonden Barfrau ist von einer überraschenden Zärtlichkeit erfüllt gewesen. Wie ist es möglich, dass sich zwei fremde Menschen einzig durch die Berührung ihrer Körper für einen Augenblick so, äh … berühren können? Ist das ganze Gerede über die Liebe vielleicht doch nur Gewäsch? Vielleicht ist das alles nur von den Hormonen, den Körpersäften und dem Duft abhängig. Sie haben kaum ein Wort gesprochen. Als er zu ihr ins Bett stieg, hat sie ihm mit einer so rührenden Vertraulichkeit ihre schönen Brüste dargeboten, als sei es in ihrem Leben das erste Mal. Sie hob sie mit beiden Händen an, presste sie leicht. Dann blickte sie ihn mit ihren dunklen Augen an, ließ die Brüste los, lehnte sich zurück und spreizte langsam ihre Beine. Diese Bewegung hatte erstaunlicherweise nichts Obszönes. Sie öffnete ganz einfach, ohne Scham, ihren Schoß und bot ihm seinen Anblick. Gemeinsam betrachteten sie das Wunder. Da erfasste ihn eine Leidenschaft, wie er sie lange nicht mehr gespürt hatte. Und sie trug ihn in immer neuen Wellen durch die halbe Nacht. Bevor sie das erste Mal kam, hat sie ihm ihren Namen ins Ohr geflüstert. Und nach seinem Namen gefragt. Als er am Morgen mit einem Gefühl der Ruhe und Dankbarkeit aufwachte, war sie weg.
In diesem Moment wird ihm klar, dass er soeben die Abzweigung verpasst hat. Er wendet und nähert sich langsam dem kleinen Ort.
Das Dorf besteht aus einem heillosen Durcheinander von alten Bauernhöfen und neuen, gesichtslosen Gebäuden. Einzig der kleine Dorfkern in Richtung Kirche lässt etwas von einer vergangenen Harmonie ahnen. Das Rathaus, an dem Rathaus steht, ein pseudohistorisches Gebäude aus der Zeit des Führers, befindet sich gerade im Umbau. Gleich neben der Baustelle sind einige weiße Bürocontainer mit großen Fenstern scheinbar nachlässig aufeinander geschichtet. Hier werden während der Umbauphase die amtlichen Geschäfte getätigt. Die Standesbeamtin arbeite leider heute nicht, erklärt ihm ihre Stellvertreterin, nachdem er sein Anliegen formuliert hat. Da er aber extra aus der Schweiz gekommen sei – sie macht dabei ein so bekümmertes Gesicht, als sei er mindestens aus Übersee angereist – werde sie versuchen, ihm die notwendigen Auskünfte zu erteilen. Kurz darauf erscheint sie mit einem riesigen, altertümlichen Wälzer. Sie beugen sich beide über das stark nach Verfall riechende Buch. Nach kurzer Zeit des Blätterns legt sie, die hilfsbereite Stellvertreterin, mit einem kleinen triumphierenden Lächeln ihre schmale Hand auf eine bestimmte Seite.
Da ist der Geburtseintrag ihres Großvaters Gustav Adolf Land!
Sie lächelt den Mann aus dem fernen Land an. Leider kann er die alte deutsche Schrift nicht lesen. Stolz liest sie ihm die knappen Eintragungen mit fester Stimme vor.
Aha, er ist also tatsächlich geboren.
Etwas irritiert schaut sie ihn an.
Und auch gestorben. Sehen Sie, hier unten an der linken Ecke steht ein Eintrag. Ihr Großvater ist am 1. Juli 1941 in H. gestorben.
Dabei steht auch die Nummer vom Sterbebuch. Alles korrekt eingetragen.
Bevor sie das Buch mit Schwung zuschlagen kann, bittet er sie um eine Kopie. Stirnrunzelnd überlegt sie eine Weile, ob sie dazu befugt ist. Schließlich siegt die Einsicht, dass er ja extra von weit her gekommen sei. Tanner bedankt sich höflich und zückt seine Brieftasche. Sie wehrt sofort ab und meint, nein, nein, wir machen das ganz inoffiziell. Sie lächelt ihn mit einem kleinen verschwörerischen Schmunzeln an. Nachdem sie ihm die Kopie betont verstohlen ausgehändigt hat, zieht sie ihn schnell in ein anderes Büro.
Wir haben hier ein Exemplar des Kirchenbuches, das kürzlich gedruckt wurde. Da können Sie auch noch nachschauen.
Richtig eifrig ist sie nun geworden. Sie legt ihm das Buch auf einen Tisch. Sie verlässt das Zimmer und meint, das könne er nun alleine lesen, es sei ja gedruckt, und zwar in modernen Buchstaben. Lachend schließt sie die Tür.
Tatsächlich findet er sofort den entsprechenden Eintrag. Sein Großvater hatte neun Geschwister. Noch etwas, das er nicht wusste. Und er erfährt, dass praktisch die ganze Familie, mit Ausnahme seines Großvaters, um die Jahrhundertwende nach Amerika ausgewandert ist. Und auch hier steht schwarz auf weiß, dass er 1941 in H. verstorben sei. Aber was heißt H.? Warum weiß das seine Familie bis heute nicht?
Was war so schlimm, dass man nichts davon wissen wollte? Eine Fahrt in seinen Geburtsort und ein Blick in ein Dokument genügen, um an diese einfachen Fakten heranzukommen. Verschollen? Warum verschollen? Er war in H. wohnhaft gewesen und daselbst gestorben! Zehn Jahre, bevor Tanner zur Welt kam. Aber was hatte er in H. gemacht? Die Frage ist auch, wie er ausgerechnet dahin gekommen ist. Ist er wieder gesund geworden und hat dort ein neues Leben angefangen?
Er geht noch mal ins Büro der hilfsbereiten Stellvertreterin und bedankt sich artig. Sie schenkt ihm wieder ein verschwörerisches Lächeln. Das Rot ihrer Lippen ist eindeutig kräftiger als vorher. Bei seinem Eintritt hat sie verschämt etwas in ihre Handtasche gesteckt. Tanner winkt ihr zu und geht eilends aus dem Büroprovisorium.
Am anderen Ende der Dorfstraße leuchtet weiß der schlanke Kirchturm. Auf dem breit geschwungenen Kirchdach hockt rittlings ein großer Korb. Eine Brutaufforderung an Störche. Das Grundgerüst zum Nestbau ist allerdings leer. Wahrscheinlich haben die wenigen Störche heutzutage eine breite Auswahl an Wohnmöglichkeiten. Nein, diesmal gehen wir nicht dahin, werden sie sich gesagt und das nächste Dorf ausgewählt haben. Es ist, als ob der leere Nistplatz die verlorene Seele des Dorfes symbolisiert. Eigentlich ist alles da: die Hügellandschaft, das Licht, einige alte Häuser, die Kirche, der Dorfbach. Neugierig blickt Tanner in den Innenhof eines alten Bauernhofes, dessen Eingangstor an den Eingang einer Burg erinnert. Zwei dickliche Hofhunde preschen plötzlich bellend und keuchend um die Ecke. Tanner geht sofort in die Knie und streckt seine Hand aus. Etwas irritiert stoppen die beiden zähnefletschenden Ungetiere und gucken ihn mit schräg gestelltem Kopf an. Aus der Remisentüre dringt eine scharfe Stimme. Jetzt erscheint die Gestalt zur Stimme, die beruhigend und in sympathisch badischem Dialekt auf die Hunde einredet. Ein groß gewachsener, knochiger Bauer mit weißem, spärlichem Haar begrüßt Tanner. Der erhebt sich, stellt sich vor und fragt den Bauern, ob er die Familie seines Großvaters kenne.
Er streicht sich über den Kopf und meint, dass von dieser Familie ja seit langem niemand mehr hier am Ort lebe. Tanner fragt, ob er wenigstens wisse, wo die Familie gelebt habe, aber er schüttelt den Kopf und beeilt sich wieder zu seiner Arbeit zu gehen. Kaum ist der Bauer in der Remise verschwunden, stehen die beiden Hunde sofort wieder auf und beginnen zu knurren. Tanner tritt den Rückzug an und setzt seinen Gang durchs Dorf fort.
Irgendwie hat er sich seinen Besuch im Geburtsort seines Großvaters etwas anderes vorgestellt. Aber wie? Dass er ihm hier begegnen würde? Nein, aber vielleicht hat er gehofft, ein Dorf anzutreffen, das seit der Zeit unverändert vor sich hin schlummerte, wodurch er sich die damalige Zeit besser hätte vorstellen können.
Hinter der Kirche liegt ein überraschend großer Friedhof. Wenigstens gibt es hier Schatten.
Mal sehen, vielleicht erzählen die Toten mehr als die Lebenden.
Langsam und aufmerksam die eingravierten Namen lesend, schreitet er den vorwiegend in glatt poliertem Dunkel gehaltenen Grabsteinen entlang, als ob er eine Parade abnehmen würde. Nach der Qualität der Steine zu urteilen, muss es sich im Durchschnitt um eine reiche, zumindest gut situierte Gemeinde handeln. Immer wieder fallen gleiche Familiennamen auf. Aber auf Anhieb kann er den Familiennamen seines Großvaters nicht entdecken. Kein Wunder, wenn die meisten schon vor hundert Jahren nach Amerika ausgewandert sind. In einer separaten Abteilung des Friedhofs entdeckt Tanner, gruppiert um ein bronzenes Denkmal, ein regelrechtes Massengrab. Die Opfer eines Grubenunglücks. An die siebzig Opfer bei einem einzigen Unglück. Offensichtlich handelte es sich um ein Kalibergwerk, das Anfang der Siebzigerjahre stillgelegt wurde. Ist mit der Schließung das Leben im Dorf erloschen?
Im Moment, als Tanner sich auf eine Bank setzen will, klingelt sein Mobiltelefon. Zuerst hört er eine Weile nur ein Rauschen, dann von ganz weit weg eine fremde Stimme. Er muss einige Male ins Telefon rufen, bis er den Namen versteht.
Hier ist Michiko … Michiko! Sie haben uns doch Ihre Telefonnummer gegeben. Ich arbeite im Schlaraffenländli. Sie waren bei mir, gestern. Wissen Sie, wer ich bin? Sie waren ja nur ganz kurz bei mir – Tanner unterbricht ihren Redeschwall, den sie leise und keuchend von sich gibt, als ob sie Angst habe, dass jemand sie belauscht. Er sagt ihr, dass er sie nicht so schnell vergessen hätte.
Ja, Entschuldigung, seien Sie mir bitte nicht böse. Ich muss Sie dringend sehen. Ich muss Ihnen etwas ganz Wichtiges sagen! Etwas, das ich unter keinen Umständen am Telefon sagen kann, verstehen Sie? Es ist ganz wichtig. Können Sie heute Nacht kurz vor Mitternacht beim Brunnen am Theater sein, bitte? Wissen Sie, dieser Brunnen mit den lustigen Maschinen …? Der Rest geht im Rauschen einer plötzlichen Störung unter. Dann endet die Verbindung abrupt. Oder hat sie aufgelegt, um ihm die Möglichkeit zu nehmen, Nein zu sagen? Er beschließt, sie zurückzurufen. Ihre Nummer ist jetzt in seinem Telefon gespeichert. Ihre Angst, die er so deutlich gespürt hat, legt sich kalt um sein Herz. Seine Hand zittert leicht, als er ihre Nummer wählt. Viermal ertönt das Zeichen, dann meldet sich eine Automatenstimme. Beunruhigt beendet er seinen Versuch. Er steht immer noch still, unfähig sich zu bewegen.
Auch Michiko ist unfähig, sich zu bewegen. Die kräftigen Hände des Mannes, der hinter ihr steht, umschlingen ihren Hals. Hart stößt er seine Erektion an ihren Körper. Panik steigt in ihr auf. Sie spürt den Atem in ihrem Nacken. Sie kann nicht sprechen und nicht schreien.
Nicht, dass sie keine Luft bekommen hätte, aber die Angst schnürt ihr die Kehle zu. Die Hände betasten beinahe zärtlich ihr Gesicht. Dann umfasst die eine ihre Stirn, die andere wandert zu ihrem Genick. Sie weiß, was die Finger dieser Hand suchen. Eine bestimmte Stelle zwischen ihren oberen Halswirbeln. Und sie weiß, dass er die Stelle finden wird. Diese Hände haben immer alles gefunden, alles bekommen, was sie je suchten. Die Erkenntnis macht sie unvermittelt ruhig. Einst liebte sie diese Hände, die ihren Körper besser kennen als sie selbst. Sie spürt die anderen Männer im Raum, aber sie kann sich nicht umdrehen. Ihr Kopf ist wie im Schraubstock. Sie schließt die Augen. In ihren letzten Sekunden sieht sich als Kind. Sie spielte so gerne am Wasser. In ihren Ohren beginnt es zu rauschen. Dann spürt sie nur noch die Hitze in ihrem Genick.
Tanner steht immer noch starr. Seine Hand umklammert das Telefon.
Was will sie ihm mitteilen? Was kann so schlimm sein, dass sie es nicht am Telefon sagen kann?
Wohl oder übel muss er sich bis zu ihrem Treffen gedulden. Es muss ja irgendwie mit dem Tod des Japaners zusammenhängen. Was sollte sie ihm sonst zu sagen haben? Sie haben sich ja kaum kennen gelernt. Er hat sie zwar nackt gesehen, sie sogar kurz berührt, und zwar genau so lange, um mit Sicherheit sagen zu können, dass ihre herrliche Brust nicht nur aus Natur besteht, aber dann durchschnitt dieser grelle Schrei … und gleich darauf war er auch schon wieder draußen, ausgestoßen aus dem Schlaraffenland. Ohne von den Früchten genossen zu haben.
VIER
Zurück in der Stadt, weckt Tanner auf dem Zivilstandesamt ein paar Beamte auf, die von der übermächtigen Hitze überwältigt, ihre Siesta halten, ihm aber über seinen Großvater nichts, aber rein gar nichts, erzählen können, denn er existiert in ihren Unterlagen nicht. Natürlich, er ist weder in dieser Stadt geboren noch gestorben. Und geheiratet hatte er Tanners Großmutter wahrscheinlich in Deutschland oder in ihrem Geburtsort.
Meine Herren, Sie können wieder in Ihren Dornröschenschlaf zurücksinken … verzeihen Sie die Störung!
Mehr Glück hat Tanner in dem herrlich kühlen Staatsarchiv, über dessen Tor ein denkwürdiger Satz in Goldlettern prangt: Gott lässt seiner nicht spotten.
Interessanter Hinweis, denkt Tanner amüsiert, aber was ist damit gemeint? Ist es eine Feststellung oder eine furchtbare Drohung? Droht der Satz mit dem berühmten Blitzschlag, der denjenigen treffen soll, der sich über Gott lustig macht?
Tanner geht in den Lesesaal im ersten Stock. Nachdem er knapp sein Anliegen dargelegt hat – und zwar flüsternd, denn die Atmosphäre legt Flüstern nahe –, verweist ihn der zuständige Beamte, dessen Gesichtshaut längst die Farbe und Konsistenz von alten vergilbten Dokumenten angenommen hat und der offensichtlich gerade mit seiner Frau telefoniert, mit majestätischer Geste zu einem immensen Bücherbord voller Adressbücher der Stadt und bemerkt lässig, man müsse jede Suche ganz banal im Adressbuch beginnen, alles Weitere ergäbe sich dann schon. Tanner verbeugt sich stumm vor so viel Weisheit und begibt sich zu besagtem Bücherbord. Tatsächlich stößt er nach ein wenig Blättern auf erste Lebensspuren seines Ahnen.s 1924 taucht sein Name das erste Mal in einem Vorort der Stadt auf. Sein Großvater war offenbar Hilfsschreiber. Was ist bitte ein Hilfsschreiber? Hilft er dem Schreiber beim Schreiben? Vielleicht darf der Hilfsschreiber die Bleistifte vom Chefschreiber spitzen oder die Enden von Gänsefedern schärfen? Farbbänder von Schreibmaschinen auswechseln? Im Adressbuch 1927 ändert sich die Berufsbezeichnung. Er ist jetzt Magaziner, nicht mehr Hilfsschreiber. Nach den sehr fragmentarischen Erzählungen seiner Mutter war er tatsächlich ein einfacher Magaziner in einem Familienunternehmen gewesen, das führend auf dem Gebiet Starkstrom war. Die Firma existiert übrigens heute noch, auch wenn sie wahrscheinlich kein Familienunternehmen mehr ist. Um diese Firma wird Tanner sich noch kümmern, denn dort begann die Geschichte der Krankheit seines Großvaters. Nach Aussage seiner Mutter ist dort etwas passiert, woran dieser schuld gewesen sein soll …
Wie auch immer, bis 1936 findet Tanner insgesamt drei Adressen. Dann verschwindet der Name seines Großvaters plötzlich. Stattdessen ist nur noch seine Frau, also Tanners Großmutter, aufgeführt. Zu diesem Zeitpunkt ist wohl klar geworden, dass der Mann krank ist und krank bleiben würde. Flüsternd wendet Tanner sich an den Beamten, der schon wieder, diesmal mit Augenrollen gegen einen unsichtbaren Beamtenhimmel, sein sicher wichtiges Privatgespräch unterbrechen muss. Wie es denn jetzt weitergehe mit seiner Suche, will Tanner bescheiden wissen. Es gehe gar nicht weiter, spricht der Vielbeschäftigte mit wichtiger Miene. Er, Tanner, müsse nun ein schriftliches Gesuch an das Staatsarchiv stellen, denn die weitere Suche würde ein angestellter Forscher übernehmen. Gegen Bezahlung, versteht sich. Und zwar für fünfundneunzig Franken pro Forscherstunde. Es könne ja nicht jeder selber in den Dokumenten wühlen, das sei doch klar, so weit käme man noch, Datenschutz und so.
Aha! Ja so!
Jetzt weiß Tanner endlich Bescheid und der Beamte kann seelenruhig sein Telefongespräch weiterführen. Tanner holt tief Luft und überlegt sich, ob er ausnahmsweise seinen abgelaufenen Dienstausweis zu Hilfe nehmen soll. Die im Lesesaal anwesenden Personen, die bis jetzt allesamt ruhig über ihre jeweiligen Bücher, Akten oder Notizen gebeugt waren, blicken ihn erwartungsvoll an, denn der Beamte hat, um seiner Auskunft Nachdruck zu verleihen, plötzlich die Flüsterebene verlassen und mit Stimme gesprochen. Tanner lächelt einer rothaarigen Frau zu, die ihn ebenso erwartungsvoll fixiert wie alle anderen. Während sie an ihrem Bleistift knabbert, vor sich das größte Buch, das Tanner je gesehen hat, zuckt sie mit den Schultern. Das soll wohl heißen, da kann man nichts machen. Wie gesagt, Tanner lächelt, dreht sich um und verlässt den Raum. Also wird er halt in Gottes Namen untertänigst ein Gesuch schreiben.
Draußen in der Enge der Gasse, die sich zurück zum Münster schlängelt, empfängt ihn wieder die lastende Hitze. Er glaubt zu ersticken. Um Atem ringend hält er sich an einer Mauer fest. Kein Wunder, dass weit und breit niemand zu sehen ist. Schließlich warnen die Behörden ja täglich vor dem viel zu hohen Ozongehalt in der Luft.
Also, Tanner, langsam Luft holen und nicht an der Mauer festwachsen.
Sein nächstes Ziel ist die Redaktion der Stadtzeitung. Eine alte Bekannte aus seiner Schulzeit war dort Redaktorin für Verbrechen, Vermischtes und Todesanzeigen. Wenn er Glück hat, ist sie es noch. Auf der Fahrt vom Geburtsort seines Großvaters in die Stadt hat sich Tanner überlegt, dass es vielleicht sinnvoll wäre, seine Bekannte, die ihn immerhin in der Schule einige Male in brenzligen Situationen hat abschreiben lassen, aufzusuchen. Um sie über den Toten aus dem Schlaraffenländli auszufragen.
Martha Vogel, das pausbäckige Landmädchen mit den knarzenden Schuhen aus einem abgelegenen Kaff im Umland der Stadt. Das Mädchen, das bei jeder Gelegenheit rot anlief wie ein reifer Apfel. Tanner mochte sie irgendwie gern. In der Klasse war sie nicht besonders beliebt. Sie war nicht der Mode entsprechend gekleidet, zudem verwendete sie kein Deo und sie war in allen Fächern schlicht und ergreifend die Beste. Sie hatte ihre Hausaufgaben ausnahmslos immer perfekt gemacht. Wahrscheinlich als Einzige. Die Kombination dieser Eigenschaften machte sie zur Außenseiterin. Vielleicht mochte Tanner sie deswegen. Wahrscheinlicher ist, dass er von der uneingeschränkten Bewunderung dieses Mädchens geschmeichelt war. Die zeigte sie natürlich nicht offen, dazu war sie viel zu schüchtern.
Nur einmal, auf einem Schulausflug in den Bergen, verriet sie sich quasi in aller Öffentlichkeit. Der Lehrer hatte von der einsamen Höhe seiner Weisheit herab angeordnet, dass bei der Überquerung einer steilen, abschüssigen Stelle jedes Mädchen die Hand eines Jungen nehmen sollte. Tanner wollte flugs seine Hand – ihren Rucksack trug er ja schon, zusätzlich zu seinem eigenen – seinem damaligen Schwarm reichen, einem der beiden tschechischen Fräuleinwunder, die nach der Flucht aus dem Ostblock wie exotische Schmetterlinge in ihrer Klasse gelandet waren. Exotisch, weil sie zwei Jahre älter waren als der Durchschnitt der Klasse, weil sie aus der gefährlichen Fremde kamen und – weil sie schon richtige Frauen waren. Tanners Schwarm hatte einen Busen, der das schweizerische Mittelmaß bei weitem überstieg. Und dann trug sie jeden Tag eine dieser blütenweißen Blusen, bei denen gut die Hälfte der Knöpfe nie in Kontakt mit den für sie vorgesehenen Knopflöchern kamen, ja nicht einmal etwas von deren Existenz ahnten, so weit offen trug das arme Flüchtlingskind aus dem bösen Ostblock seine Blusen. In dieser Zeit ging Tanner richtig gern zur Schule. Er organisierte freiwillig eine große Ausstellung über den Einmarsch der russischen Panzer bei den lieben Pragern, nur um seiner Exildame zu gefallen. So erlebte wenigstens Tanner seine Frühlingsgefühle, nachdem der große politische Frühling in Prag platt gewalzt worden war.
Zurück zur abschüssigen, steilen Wegstelle. Tanner wollte also gerade die männlich starke Hand seinem Schwarm reichen, da sprang Martha Vogel mit ihren klobigen Bergschuhen herbei und packte sich besitzergreifend seine Hand. Ihre Hand war klein, fest und – nass vor Schweiß. Ihre blauen Augen leuchteten ihn an und Tanner brachte es nicht übers Herz, die Hand, die ihn so stürmisch ergriff, abzuschütteln. Alles kicherte natürlich. Tanner nahm die Herausforderung an und geleitete die ihm Anvertraute über die gefährliche Stelle. Dafür wurde er dann mit leckeren Käsebroten aus Martha Vogels Rucksack verköstigt. Auch durfte er anschließend in der Schule jederzeit von ihrer fleißigen Arbeit profitieren.
Wenn sie also noch in der Redaktion arbeitet, wird sie ihm sicherlich mit Informationen aushelfen.
Kurze Zeit später steht er schweißüberströmt an der Rezeption des großen Zeitungshauses. Und er hat Glück. Ein dürrer Mensch an der Rezeption gibt ihm näselnd, aber freundlich, im breitesten Stadtidiom, Bescheid. Ja, die Frau Doktrrr Vooogl sei im Hause, er müsse aber noch etwas Geduuuld haben, sie sei gerade in einer Sitzung. Also nimmt Tanner Platz und durchforstet die heutige Zeitung, auf der Suche nach einer Notiz über den toten Mann aus dem Schlaraffenländli. Das müsste doch für die Zeitung ein gefundenes Fressen sein. Ein Toter im Puff. Dazu noch ein Ausländer. Was für ein Schlagzeilenglück im journalistischen Sommerloch.
Tanner findet nichts und beginnt sich gerade zu wundern, als der Dünne mit den Armen fuchtelt und ihm bedeutet, er könne jetzt mit dem Lift in den zweiten Stock fahren, drittes Büro rechts …
Bevor Tanner an die geschlossene Bürotür klopft, holt er tief Luft.
Da niemand antwortet, geht er hinein.
Hallo, Frau Doktor, darf ich eintreten?
Aus der Tiefe eines sich anschließenden Raumes ertönt eine energische Stimme. Er solle einfach hereinkommen, sie sei sofort da. Enttäuscht stellt er fest, dass ihm die Stimme gar nicht bekannt vorkommt. Viel zu energisch und zu bestimmt, als dass sie zu der erinnerten Gestalt passen würde.
Das Büro von Frau Doktor Vogel ist höchst spartanisch eingerichtet. Unschlüssig steht Tanner mitten im Raum. Soll er sich setzen? Die Entscheidung wird ihm durch das Eintreten einer äußerst attraktiven Frau mit kurz geschnittenen, schwarzen Haaren abgenommen. Elegante Hosen und ein dunkelgrüner Pullover aus Kaschmir betonen ihre schlanke Figur. Sie kommt rückwärts gehend in den Raum, stößt die Tür mit dem Schwung ihrer Schultern auf, denn sie trägt einen Stapel Manuskripte in beiden Händen. Jetzt sieht sie den Besucher mit ihren großen blauen Augen an und friert mitten in der Bewegung ein. Tanner hebt die Hand zu einem lässigen Gruß, aber auch seine Bewegung bleibt mitten in der Luft stehen. Kann diese Frau das Landei aus Tanners Erinnerung sein? Diese Augen?
Bevor Tanner seine Erkundung fortsetzen kann, wird die äußere Bürotür, durch die Tanner soeben eingetreten ist, mit lautem Knall aufgestoßen und eine forsche Männerstimme in Baritonlage überschwemmt die angehaltene Zeit und Stille im Raum. Ein mächtiger Körper folgt der raumfüllenden Stimme.
Marthalein, ich habe unter Einsatz meines Leben alle Unterlagen besorgt, die du so dringend … oh, pardon, ich sehe, du bist nicht allein. Guten Tag. Stettler, ich bin hier das Mädchen für alles. Martha, ich bin in meinem Büro, wenn du noch Fragen hast. Hiermit habe ich mir aber ein schönes Nachtessen mit anschließendem Dessert mehr als verdient, oder?
Ohne eine Antwort abzuwarten, schickt er einen ziemlich feuchten Schmatz durch das Zimmer, ungefähr in Richtung von Marthas leicht geöffneten Lippen. Jetzt hat Tanner die Gewissheit, dass es sich um niemand anders als um seine ehemals sehr unscheinbare und sehr schüchterne Schulkollegin Martha Vogel handelt. Denn das stürmische und laute Intermezzo hat ihre Wangen aufs Schönste entflammt. Sicher sehr zu ihrem Leidwesen. Aber sonst! Was für eine Veränderung! Wie weggezaubert sind die leicht gebückte Haltung und die meist schräge Kopfhaltung, an die sich Tanner erinnert. Aufrecht und schlank steht sie vor ihm mit klarem Blick. Ein äußerst erstaunter, kritischer Blick.
Die kurz geschnittenen Haare bringen ihre großen Augen und ihre glatte Stirne wunderbar zur Geltung. Das Alter kann dieser Frau offensichtlich nichts anhaben.
Hallo, Tanner. Du bist doch Tanner, oder? Hat dir der Auftritt von Stettler die Sprache verschlagen. Stettler ist mein Chef. Von wegen Mädchen für alles. Er untertreibt gerne … äh, er übertreibt gerne … also ich meine …
Martha Vogel! Du …! Nicht Stettler, du hast mir die Sprache verschlagen. Ich habe dich kaum wiedererkannt. Das ist ja unglaublich … also, ich meine … also, ich will sagen, du bist so …? Richtig schön bist du geworden.
Ach, jetzt hör doch auf. Fang du nicht auch noch an. Ich hasse es, wenn Männer übertreiben. Zudem werde ich immer noch rot, wie du siehst. Und das hasse ich ganz besonders. Willst du dich nicht setzen? Soll ich uns etwas bestellen? Tee? Wasser? Oder willst du ein Bier?
Sie redet ziemlich schnell, wahrscheinlich um von ihren geröteten Wangen abzulenken. Endlich legt sie den Stapel Manuskripte ab. Sie setzt sich auf ihren Tisch, verschränkt die Arme und lässt die Beine baumeln. Tanner betrachtet bewundernd ihre italienischen Schuhe mit den hohen Absätzen. Nichts mehr von knarzenden Bergschuhen.
Ja, Tanner, viel Zeit ist vergangen. Du bist ja zu keiner Klassenzusammenkunft gekommen. Der Herr Kommissar war ja immer viel zu beschäftigt. Jetzt müssen wir die geballte Ladung unserer Veränderungen auf einmal aushalten. Und dieses erschreckende Gefühl, dass die Zeit schneller vergeht, als wir uns das je vorgestellt haben.
Dann lacht sie unvermittelt ein erstaunlich helles Lachen. Und lässt den Oberkörper auf ihre Schenkel fallen, umfasst mit ihren kleinen, kräftigen Händen beide Fußgelenke. Eine ganze Weile verharrt sie so, auch als das Lachen längst verstummt ist. Tanner schweigt und wartet. Nach einer kleinen Ewigkeit bäumt sich ihr Körper auf, sie springt auf die Füße und geht schnell hinter ihren Schreibtisch. Mit dem Rücken zu Tanner, reibt sie sich die Augen. Als sie sich Tanner zuwendet, schimmern sie immer noch feucht.
Also, Tanner, was verschafft mir die Ehre deines plötzlichen Besuches?
Er seufzt und schaut interessiert an die Decke. Offensichtlich hat sich Martha nach einem Moment der Rührung entschlossen, zu einer Art Förmlichkeit zurückzufinden. Er begreift erst in diesem Moment, dass er den Fall des toten Japaners nicht ansprechen kann, ohne dass offensichtlich wird, dass er selber Besucher dieses Etablissements war. Warum ihn das plötzlich stört, obwohl er sich selber kaum als prüde bezeichnen würde, ist ihm im Augenblick auch klar. Es sind die Augen und das offene Gesicht von Martha.
Tanner, ich habe dich, glaube ich, etwas gefragt. Ich habe leider heute nicht so viel Zeit.
Martha, gestern ist in dieser schönen Stadt ein Mann japanischer Herkunft in einem dieser Etablissements, die offiziell nicht existieren, in den Armen einer sehr existierenden Liebesdienerin gestorben. Die Hitze kann es nicht gewesen sein, die Räumlichkeiten verfügen über Aircondition. Außer, die junge Dame wäre zu hitzig gewesen. Ich meine, für den Herrn. Er sei allerdings ein gut trainierter Mann im besten Alter gewesen. Man hat dann die Polizei gerufen. Was ja in so einem Fall auch vernünftig und normal ist. Was eher nicht so normal scheint, ist die Tatsache, dass in eurer Zeitung nicht die kleinste Information über diese traurige Begebenheit geschrieben steht. Ist das einer ungewöhnlichen journalistischen Diskretion zu verdanken oder wisst ihr nichts davon?
Martha schaut eine Weile schweigend zum Fenster hinaus. Tanner wird in dem Augenblick bewusst, dass er während der Schulzeit vier volle Jahre auf derselben Höhe mit Martha saß, getrennt nur durch einen schmalen Gang. Wie hatte er während dieser ganzen Zeit das Profil von Martha Vogel übersehen können?
Zu seinen Gunsten sagt sich Tanner allerdings, dass er damals, wenn er sie von der Seite ansah, meistens nur zerzauste Haare sah. Heute verstellt keine einzige Haarsträhne den Blick auf die ebenmäßige Linie, die Stirn und Nasenrücken bilden. Freie Sicht auf volle Lippen und auf den frech herausfordernden Schwung der Linie, die unterhalb der Nase die Verbindung zur Oberlippe bildet. Martha blickt ihn einen Moment zögernd an. Hat sie gespürt, wie genau Tanner sie beobachtet? Sie greift energisch zum Telefonhörer. Während sie auf die Verbindung wartet, reibt sie einen imaginären Fleck auf der Tischplatte weg.
Hör mal, wisst ihr was von einem toten Ausländer …? Gestern Abend! Ja, im Milieu …! Nein? Gar nichts? Ach, ich habe nur so ein Gerücht gehört … nein, nein. Danke. War nur aus alter Gewohnheit. Ja … entschuldige die Störung. Danke. Wie? Das mit Stettler …? Das ist auch nur ein Gerücht. Und dazu noch ein ganz blödes. Vergiss es, so weit kommt es noch! Also danke.
Martha legt betont sorgfältig den Hörer auf. Während des kurzen Gesprächs hat sie sich auf ihrem Drehstuhl von Tanner weggedreht. Bei der Erwähnung von Stettler fährt sie sich durch ihr Haar, zwirbelt eine Strähne um ihre Finger und verweilt schließlich bei einem kleinen Muttermal am Hals. Dann dreht sie sich entschlossen wieder zu Tanner.
Also, du hast es ja gehört. Die wissen nichts von deinem Toten.
Tanner gibt sich Mühe, sein unschuldigstes Gesicht zu machen. Denn schon bereut er, überhaupt gefragt zu haben. Es wird ja doch nichts bringen, außer einer Reihe hartnäckiger Nachfragen. Und die, die werden kommen, wie das Amen in der Kirche. Das wäre Tanner auch klar, wenn er nicht das schelmische Funkeln in den Augen von Frau Doktor Vogel bemerken würde. Also geht er zum Angriff über …
Martha, wenn du morgen Abend mit mir essen kommst, erkläre ich dir mit allen Details, was es mit dem Toten auf sich hat und woher ich die Information habe. Was sagst du dazu?
Martha lacht auf und droht ihm mit dem Finger.
Das war jetzt sehr raffiniert. Ich gehe aber nur darauf ein, wenn du versprichst, mir auch zu erklären, was insgesamt in diesem Etablissement passiert ist und was deine Rolle dabei ist. Und zwar auch mit allen Details …
Tanner seufzt und hebt spielerisch seine Hand zum Schwur.
So, und jetzt muss ich dich rausschmeißen, auf mich wartet noch eine Menge Arbeit. Wegen unserer Verabredung, lass uns morgen noch einmal telefonieren, ja?
Ihre Umarmung zum Abschied gestaltet sich etwas linkisch, da nicht so recht klar ist, ob sie sich überhaupt umarmen oder sich nur die Hand reichen sollen. Tanner greift sich, nach einem Moment des beidseitigen Zögerns, die Hand von Martha und zieht sie vielleicht etwas zu stürmisch zu sich heran. Tanner spürt in der Umarmung ihren Körper. Es fällt ihm schwer, Martha nicht auf der Stelle zu küssen, so überwältigt ist er. Sie vermeidet es, Tanner noch einmal in die Augen zu schauen, und schiebt ihn energisch zur Tür hinaus. Dann lehnt sie sich mit dem Rücken an die geschlossene Tür und beißt sich heftig in einen Finger. Das allerdings kriegt Tanner nicht mehr mit.
FÜNF
Erst als Tanner und Bruckner sich über dieses unglaubliche tiramisù vom alten Italiener hermachen, das noch immer das beste ist, was Tanner je gegessen hat, und zwar inklusive aller intensiver Feldforschungen zu diesem Thema in Italien, erzählt er seinem Freund von der Begegnung mit Martha Vogel. Bruckner, als er den Namen Martha hört, zaubert dieses besondere Lächeln auf seine Lippen, das Tanner seit jeher bewundert und das ihn gleichzeitig befremdet hat. Eine Mischung aus Wohlwollen und Amüsement, bei der man nie weiß, ob er sich über den Gegenstand oder über sein Gegenüber lustig macht. Oder über sich selbst? Lächeln als Selbstschutz?
Tanner wollte gleich, als sie sich getroffen haben, von Martha erzählen. Er hat sich dann aber doch beherrschen können, zumal er erst einmal die Begegnung mit Bruckner verkraften musste. Bruckner ist zwar älter geworden, aber in seinem äußeren Erscheinungsbild hat sich praktisch nichts verändert. Und das irritierte Tanner ziemlich. Ein schlanker, großer, äußerst attraktiver Mann, dessen Alter erst aus nächster Nähe abzuschätzen ist. Er trägt exakt dieselbe Frisur wie früher, außer dass sich an den Schläfen ein paar silberne Haare zeigen. Seine roten Haare waren schon immer, Tag für Tag, scheinbar gleich lang gewesen. Bei anderen Menschen sieht man, wenn sie ihre Haare geschnitten haben. Bei Bruckner sah man das nie. Die Kleidung ist wie eh und je perfekt. Und teuer. Klassisches englisches Understatement. Damit fiel Bruckner früher in der Schule natürlich auf, weil er einfach zu jung für diesen Stil war. Jetzt nicht mehr. Bruckner ist quasi in seinen schon früh gewählten Stil hineingewachsen. Er trug früher natürlich nur zu bestimmten Anlässen Anzüge. Im normalen Alltag sah man ihn immer in diesen feinen englischen Hemden, in Kaschmirpullovern und Pullundern, in Wollhosen mit Bügelfalten und Tweedjacken mit den lederverstärkten Ellbogen. Und das in einer Zeit, in der die anderen um nichts in der Welt auf ihre Jeans verzichtet hätten.
Bei der Begrüßung vor gut einer Stunde haben sie sich zu einer herzlichen Umarmung hinreißen lassen. So etwas wäre früher selbstverständlich nie vorgekommen. Im Gegenteil, sie hatten damals beide mit großem Spaß an ihren betont kühlen Umgangsformen herumgefeilt. Hatten sozusagen ihre Beziehung wie ein kleines Kunstwerk ständig inszeniert und verfeinert. Sehr zum Ärger ihrer Klassenkollegen, die einfach nie herausfanden, ob Tanner und Bruckner das ernst meinten oder sich auf Kosten der anderen einen Spaß erlaubten. Wussten sie es selber?
Bruckner hat denselben Tisch reservieren lassen, an dem sie früher gemeinsam viele Stunden verbracht hatten. Und er stellte wie immer das Menu zusammen und schaute nur am Ende der Bestellung Tanner fragend an. Dieser nickte bloß, auch wie immer, und so wurde die umfangreiche Bestellung in die Küche weitergeleitet. Bis der cinque terre bianco, dieser gar nicht so leichte, bernsteinfarbige Weißwein aus Ligurien auf den Tisch kam, der schon immer den Auftakt zu ihren kleinen Gelagen gebildet hatte, sprachen sie kein Wort. Auch dies eine Sitte, die sich die beiden von früher gemerkt hatten.
Als sie schweigend dasaßen, schoss Tanner ein verrückter Gedanke durch den Kopf. Waren die verflossenen Jahre wirklich real gewesen? Die Zeit, die sie sich nicht gesehen hatten, kam ihm plötzlich bloß wie eine kleine Unterbrechung vor. Zum Beispiel so lange, wie es braucht, um auf die Toilette zu gehen. Diese Erkenntnis traf ihn so unvermittelt, dass ihm schwindlig wurde. Er wusste zwar, dass er am Tisch saß, fühlte sich aber plötzlich wie losgelöst von allem. Vom Körperlichen. Vom Stofflichen. Wie frei schwebend. Oder besser noch: frei fallend.
Tanner fragte sich, während er schweigend am Tisch saß, worin eigentlich der Unterschied im Erleben eines Traumes und eines Ereignisses in der alltäglichen Wirklichkeit bestand. Dass man beim Träumen wieder in einer anderen Wirklichkeit aufwachte? Aber wie unterschied sich im Rückblick, in der Erinnerung, Geträumtes und Erlebtes?
Träumen Sie, Tanner? Nein? Worauf sollen wir denn unser Glas erheben? Auf unser Wiedersehen? Das wäre ein bisschen einfallslos, oder?
Bruckner hatte ihm von dem köstlichen Wein eingeschenkt und sein Glas zum Toast erhoben. Tanner überlegte einen Augenblick, dann blickte er Bruckner lächelnd an.
Ich würde vorschlagen, dass wir uns endlich du sagen und damit sozusagen ein Zeichen für eine neue Etappe unserer Freundschaft setzen. Was halten Sie davon, Herr Bruckner?
Herr Tanner, Sie versetzen mich doch immer wieder in Erstaunen! Aber vielleicht haben Sie Recht! Also, ich bin einverstanden. Ich heiße Richard … ha … ha …
Nun überkam Bruckner ein so befreiendes Lachen, dass sich auch Tanner ihm nicht entziehen konnte, zumal auch er ganz förmlich ankündigte, er heiße Simon. Erst nach einiger Zeit hatten sie sich so weit beruhigt, dass sie einen Schluck aus ihren Weingläsern trinken konnten. Mit ihrem Lachen hatte sich einiges von der Nervosität gelöst, die beide natürlich nicht wahrhaben wollten. Immerhin hatten sie sich gut dreißig Jahre nicht mehr gesehen. Warum eigentlich?
Als drei Kellner gleichzeitig aufkreuzten, beladen mit vielen kleinen Platten, Tellern und Schüsselchen, schob Tanner die Fragen erst einmal beiseite.
Die drei Kellner, jeder traditionell in schwarzer Hose, weißem Hemd mit diskret farbiger Krawatte und weißer, gestärkter Kellnerjacke gekleidet, bildeten das perfekte Komikertrio. Wie aus einem alten Schwarzweißfilm. Ein großer Dünner unbestimmten Alters, mit messerscharfem Oberlippenbart, offensichtlich der Chef des Trios; dann ein ganz Kleiner, der das unverzichtbare Dummerle wäre und bei einem Banküberfall höchstens Schmiere stehen und auch dann noch versagen und alle drei ins Unglück stürzen würde; als Dritter im Bund der obligate Dicke, der natürlich in seiner Jugendzeit keine Turnstange hochkam, dafür schon damals die ganze Klasse zum Lachen brachte, indem er sämtliche Lehrer perfekt imitieren konnte. Ein Team, das mit betont ernsten Mienen und elegant eingespielten Bewegungsabläufen dem Gast das Gefühl vermittelt, es gäbe im Moment nichts Wichtigeres auf der Welt als seine Zufriedenheit. Also kurzum, die letzten drei Vertreter einer ausgestorbenen Spezies.
Bruckner und Tanner fühlten sich sauwohl.
Während sie die reichhaltigen antipasti aßen, bestehend aus insalata di mare mit seppie, polpi e vongole, flankiert von übervollen Tellerchen mit prosciutto, fave e fichi mit ravanelli con tonno, diesen herrlich erfrischenden Radieschen mit Thunfisch und dem köstlich duftenden Weißbrot, berichtete Bruckner über sein berufliches Leben. Tanner wäre überrascht gewesen, hätte sein Freund mit dem Privatleben angefangen.
Bruckner arbeitete tatsächlich immer noch bei derselben Großbank, bei der sicher die Hälfte der Bürger dieses Landes ihr Geld lagern, in der Hoffnung, dass es sich fröhlich vermehren werde. Was es auch lange Zeit getan hatte. Das böse Erwachen angesichts der großen Geldvernichtung begann ja erst vor wenigen Jahren. Dafür umso heftiger und nachhaltiger. Bruckner erzählte, dass er mittlerweile die Kontrolle über das gesamte Kulturbudget der Bank habe. Diese Tatsache kommentierte er mit einem äußerst schiefen Lächeln, er habe ja Gott sei Dank nichts mit der schmutzigen Seite des Geldgeschäftes zu tun. Er verwalte und verteile das gute Geld seiner Bank. Das Alibigeld.
Tanner versuchte, matt zu protestieren, indem er von dem einen oder anderen Reichen mit echtem Kunstverstand erzählen wollte. Zum Beispiel habe es diesen Direktor des einen Chemiewerkes gegeben. Dieser knallharte Manager sei ja gleichzeitig Präsident der schweizerischen anthroposophischen Gesellschaft gewesen. Und nicht nur pro forma, sondern der sei wirklich ein Mann des Geistes gewesen. Bei dem Spagat zwischen Beruf und Neigung zwar offensichtlich schizophren veranlagt, aber immerhin.
Ach, hör auf, Simon, komm mir nicht mit einem einzigen, noch dazu mehr als obskuren Beispiel, unterbrach ihn Bruckner lachend und schenkte beide Gläser randvoll, ich habe seit fünfundzwanzig Jahren mit der ganzen Bande zu tun. Es ist allein die Geldgier und Sucht nach immer mehr Macht. Die treibt die Herrschaften an. Und ab und zu verordnet ein gewisser verinnerlichter Mechanismus eine kleine Schamspende an die Kultur. Auch wenn es manchmal große Beträge sind, so scheinen sie doch nur dem Normalverbraucher groß. Für die selber sind das Peanuts.
Bruckner unterbrach die Rede über sein offensichtliches Lieblingsthema, denn das Trio räumte in atemberaubender Choreographie die leeren Teller und Schälchen ab und zauberte neues Besteck für den nächsten Gang hervor. Als sie wieder weg waren, beugte sich Bruckner über den Tisch und in seinen Augen glimmte dieses eindringliche Leuchten, das Tanner schon früher ab und zu bemerkt hatte. Zum Beispiel, wenn er sich von einem der Lehrer ungerecht behandelt vorkam. Wenn es passierte, überkam ihn ein leichtes Zittern, als ob sein Körper fröstelte, und dieses seltsame Leuchten erschien in seinen Augen. Er fixierte dann den Lehrer, sagte aber nie ein Wort. Heute kommt es Tanner vor, als sei dieses Leuchten ein intensiver Abglanz eines ziemlich großen, inneren Feuers, das hinter der kühlen und kultivierten Maske seines Freundes brennt.
Mein größtes Vergnügen besteht darin, das Geld in Projekte zu stecken, die den innersten Interessen meiner Bank möglichst diametral entgegenstehen. Und meine Chefs merken es nicht einmal, solange ich zur Verschleierung dieser Politik immer genügend konventionelle Projekte unterstütze. Mäzenatentum ist wie eine Art modernes Ablassgeschäft. Mit so und so viel Geld, das sie in die Kultur stecken, also in etwas, das aus dem Blickwinkel ihrer Geschäfts- und Geldwelt völlig nutzlos ist, dürfen sie dann wieder eine bestimmte Menge an Dreckgeschäften machen. Die Kunst besteht darin, das alles immer schön in einer gewissen Balance zu halten. Du musst ihnen nur mit allen Mitteln suggerieren, dass es sich um hohe und wichtige, ja besser noch, um unbequeme Kultur handelt, dann erhöht das den Ablasswert, verstehst du?
Die drei Kellner brachten die unverzichtbare pasta, einen neu gefüllten Brotkorb und den köstlichen montepulciano. Bruckner hatte sich heute für Spaghetti alla puttanesca entschieden, eine Spezialität aus den Abruzzen, mit schwarzen Oliven, Sardellen, viel Knoblauch und mindestens noch einem Geheimnis. Eine brisante Mischung, die ihrem Namen mehr als gerecht wird. Nach den ersten Bissen stößt nämlich der Italienliebhaber einen Satz aus, in dem mindestens dreimal das Wort putta vorkommt und ebenso oft madre, und das Ganze mit Vorliebe gen Himmel, während die Hände verzweifelt nach dem Brotkorb tasten. Und wehe, der Brotkorb ist leer …
Die Mahlzeit zum Thema, grinste Bruckner und verschluckte sich fast vor diebischer Freude an seiner These, dass die einen das Geld immer schön am Rande der Legalität entlangscheffeln und die anderen ihnen Absolution verschaffen, indem sie ihnen zeigen, wie sie es sinnvoll ausgeben können. Huren sind wir alle … oh, ist das scharf … madre di …
Seine Worte endeten in einem regelrechten suffocato, und nur das Stück Brot, das Tanner ihm reichte, konnte ihn vor dem sicheren Erstickungstod erretten. Nachdem Bruckner sich erholte hatte und die Tränen getrocknet waren, die ihm die Schärfe des Essens in die Augen getrieben hatte – oder war’s das Vergnügen am Thema? –, meinte er ernsthaft, dass ihm sein Beruf große Freude mache. Da er schon immer gewusst habe, dass er selber über keinerlei künstlerische Fähigkeiten verfüge, sich aber immer leidenschaftlich zur Kunst hingezogen fühlte, sei das für ihn genau die richtige Beschäftigung. Er vermittle zwischen teilweise ignoranten, aber reichen Kulturbanausen und Künstlern, die er, Bruckner, für unterstützungswürdig befinde.
Dann meinte Bruckner unvermittelt, er habe fürs Erste genug erzählt. Jetzt sei Tanner an der Reihe. Bruckner legte prophylaktisch ein Stück Brot neben seinen Teller und drehte sich geschickt eine nächste Portion Spaghetti auf die Gabel. Er tat dies sehr kunstvoll und brauchte dazu auch keinen Löffel. Tanner schwieg, trotz der Aufforderung zu erzählen. Bis Bruckner ihn verwundert ansah.
Ja, Richard, eh … bei mir ist das leider nicht so einfach. Einen Beruf habe ich im Augenblick keinen mehr. Oder sagen wir, ich habe keine Stelle. Will auch keine mehr. Oder wenigstens im Moment nicht. Du siehst, ich stottere. Mh … also, ich war ja lange im Ausland, in Marokko, und das endete leider äußerst … sagen wir mal unglücklich. Nein, unglücklich stimmt nicht, es endete desaströs. Ich kam auf Umwegen in die Schweiz, verfolgte den Fall, um dessentwillen ich aus Marokko geschmissen worden war, in der Schweiz. Ich fand sogar den Mörder. Aber um welchen Preis … verfluchte Schei …
Tanner brach abrupt seinen wirren Bericht ab und legte beide Hände auf sein Gesicht. Bruckner legte seine Gabel behutsam auf den Teller. Erzähl mir das alles später, wenn du magst. Jetzt sag mir doch einmal, was dich in unsere schöne Stadt treibt, die du vor dreißig Jahren fluchtartig verlassen hast und seither gemieden hast, als drohte sich das Erdbeben vom Jahre 1356 zu wiederholen. Sollen wir übrigens auf den nächsten Gang verzichten? Es ist einfach zu heiß, oder? Ich gehe schnell in die Küche und kläre das.
Er warf die Serviette auf den Tisch, sprang auf und verschwand in Richtung Küche.
Diskretion und Takt waren schon immer die großen Stärken von Bruckner gewesen. Auch darin haben sie sich ergänzt, wenn man das ergänzen nennen kann. Das waren ja nun noch nie Tanners Stärken. Im Gegenteil: Bitte, wo geht’s zum nächsten Fettnäpfchen?
Tanner war Bruckner dankbar, dass er ihn alleine am Tisch ließ. Er war von seinem eigenen Gefühlsausbruch völlig überrumpelt. Vielleicht war es die Hitze. Oder weil er den ganzen Tag unterwegs gewesen war. Oder die unvermittelte Begegnung mit seiner Jugendzeit.
Sein Körper zitterte, als ob er fröre. Er spürte aber keine Kälte. Eigentlich spürte er überhaupt nichts. Er hatte nur das Gefühl, unvermittelt in ein großes Loch gefallen zu sein, in dem es keine Geräusche mehr gab. Obwohl er doch mitten in einem Restaurant saß und Menschen um ihn herum waren. Er sah ihre Münder. Sie bewegten sich. Aber er konnte nichts hören. Als ob sich über ihn ein akustisch toter Raum gestülpt hätte. In seinem Innersten zog sich etwas zusammen, wurde immer kleiner, bis es ganz klein war. Etwas, das gleichzeitig sehr schwer, sehr heiß und äußerst schmerzhaft war.
Wenn das jetzt nicht aufhört, schreie ich, hämmerte es in seinem Schädel. Im Moment, wo Tanner glaubte, er würde es nicht mehr ertragen, gab es in seinem Innersten plötzlich ein Geräusch. Eine Art plop. Ein ganz und gar banales Geräusch, für das sich Tanner insgeheim schämte, obwohl er nicht wusste, weshalb. Aber immerhin löste sich Tanners innerer Krampf so schnell, wie er gekommen war. Er holte tief Atem.
So viel zum Thema, ob die vergangene Zeit real gewesen ist. Und zur Frage, was denn der Unterschied zwischen Leben und Traum sei …!
Ach gut, du lachst ja wieder, Tanner. Eh … ich meine, Simon.
Er hatte gar nicht bemerkt, dass Bruckner zurückgekommen war. Tatsächlich lachte er. Auch das bemerkte er erst, als Bruckner ihn darauf ansprach. Warum er lachte, war ihm nicht bewusst.
Tut mir Leid, Richard. Ich hoffe, ich habe dir unser gemeinsames Essen nicht verdorben.
Bruckner winkte ab und lächelte ihn aufmunternd zu.
Ich bin in dieser Stadt, weil ich auf der Suche nach der Geschichte meines Großvaters bin. Ich weiß nicht, ob ich dir früher mal von ihm erzählt habe? Ich habe ihn natürlich nicht gekannt. Es hieß in unserer Familie, dass er verschollen sei. Einfach verschwunden. Er hat sich irgendwie in Luft aufgelöst. Es wurde früher kaum darüber gesprochen.
Das Wort verschollen besaß für mich lange Zeit eine gewisse Magie, wie du dir sicher vorstellen kannst. Bis meine Mutter – übrigens bei der Beerdigung meines Vaters – eine merkwürdige Bemerkung über ihren Vater machte, also über meinen verschollenen Großvater Land. Da begann ich zu ahnen, dass sich hinter dem Wort wahrscheinlich nichts Magisches und auch nichts Poetisches versteckt.
Tanner berichtete von den mageren Resultaten seiner bisherigen Recherche. Bruckner anerbot sich sofort, Tanner zu helfen. Er kenne in dieser Stadt schließlich Gott und die Welt. Beim Stichwort Gott erschien das Kellnertrio und zelebrierte die Ankunft, besser gesagt, die Niederkunft der göttlichen Nachspeise. Dann stellten sich die drei zum Gruppenfoto in taktvollem Abstand zum Tisch und warteten auf die Reaktion ihrer Gäste, ganz wie Mütter sehnsuchtsvoll auf das Bäuerchen ihres Babys warten. Bruckner vollzog mit seinem Löffel, stellvertretend für beide, den ersten Spatenstich ins tiramisù. Schon die Konsistenz, spürbar beim Einstechen mit dem silbernen Löffel in die Masse, verführte Bruckner zu einem leisen Seufzer, den die drei mit einem wissenden Lächeln quittierten. Bruckner führte den vollen Löffel zu seinem Mund, roch plötzlich kritisch an der Ladung und – verzog das Gesicht. Die Kellner schlugen voller Entsetzen die Hände vors Gesicht. Daraufhin lachte Bruckner, steckte sich den Löffel in den Mund und stöhnte voll demonstrativem Entzücken. Die zwei Klügeren vom Trio begriffen sofort, dass sie hereingelegt worden waren, und lachten erleichtert auf, obwohl sie es trotzdem für ein Sakrileg hielten. Man spielt nicht mit dem Essen, und schon gar nicht mit den sensiblen Seelen von Kellnern. Dem dritten mussten sie die Sache auf dem Weg in die Küche erklären.
Jetzt essen sie beide schweigend von der köstlichen Nachspeise. Dann endlich erlaubt sich Tanner seinem Schulfreund von der Begegnung mit ihrer gemeinsamen Schulkollegin Martha Vogel zu berichten. Und Bruckner lächelt sein Lächeln. Nachdem Tanner seine Eindrücke ausführlich geschildert hat, lächelt Bruckner noch immer. Früher hätte ich gesagt, der Befund ist eindeutig. Du hast dich auf der Stelle verliebt. Ich weiß natürlich nicht, ob du heute immer noch so … so leicht entflammbar bist. Bist du?
Richard, hast du dein Auto dabei? Lass uns wie früher eine nächtliche Spritzfahrt machen. Du fährst. Ich sitze neben dir und erzähle dir einige Dinge.
Bruckner nickt und springt auf.
Gute Idee! Ich gehe in die Küche und bezahle beim Alten.
Kurz darauf sitzen sie in Bruckners angenehm kühlem und komfortablem Jaguar und fahren in Richtung Süden, aus der Stadt hinaus, durch das merkwürdig fremde Tal, das schon früher ihre Lieblingsstrecke gewesen ist. Es ist noch nicht ganz dunkel und die Hitze ist immer noch unerträglich.
Vielleicht wird es weiter oben kühler, da, wo sich das Tal verengt, manchmal fast schluchtartig. Erinnerst du dich?
Tanner nickt.
Bis sie die Zementfabrik passiert haben, mit dieser ewig langen, leicht schräg gestellten Röhre, in der Kalk und Ton gebrannt werden und die sich langsam dreht, schweigen sie beide. Man hört nur das leise Schnurren des Jaguars. Ein Motorengeräusch kann man das kaum nennen. Zufriedene Wohllaute einer ausgefeilten Technik. Für ein paar ausgewählte Reiche, zu denen sein Freund ohne Zweifel gehört.
Tanners Augen streifen bewundernd über diese Mischung von Leder, Wurzelholz und digitalen Raffiniertheiten. Bruckner fährt mit großer Gelassenheit und Sicherheit. Liebevoll steuert er den schweren Wagen durch die jetzt schnell hereinbrechende Nacht. Er passt perfekt in das Interieur des Autos. Als wäre das alles für ihn maßgeschneidert worden. Tanner mustert seinen Freund von der Seite und staunt wieder über dessen jugendliche Züge. Und wie früher fragt sich Tanner, wie wohl die dunklen Seiten seines Freundes aussehen. Denn, dass es sie bei jedem Menschen gibt, darüber besteht kein Zweifel. Um den Reichtum hat Tanner ihn früher dann und wann beneidet, aber er hat ihm das viele Geld nie missgönnt, zumal Bruckner die gleiche Leidenschaft für Kunst, Politik und Gerechtigkeit an den Tag legte wie Tanner.
Übrigens, Simon, ich kenne in groben Zügen die Geschichte deiner Taten in Marokko. Ich weiß auch, wie unfair du von der Regierung behandelt worden bist. Wie gesagt, ich kenne Gott und die Welt. Das bringt mein Job so mit sich. Und mit deinem Fahndungserfolg hier in unserem Land vor einiger Zeit waren die Zeitungen ja voll. Ich habe natürlich alles genau verfolgt, wie du dir denken kannst.
Tanner nickt, behält aber seine Verwunderung für sich. Was heißt das: alles genau verfolgt? Spricht er von den oberflächlichen Berichten in der Zeitung, oder besitzt sein Freund andere Informationskanäle? Bruckner schweigt.
Tanner hat keine Lust nachzufragen, streckt seufzend seine Beine ganz aus und überlässt sich der Magie der nächtlichen Fahrt. Bruckner betrachtet mit einem schnellen Seitenblick seinen Freund, macht die Musik an – Mozart, wie eh und je – und drückt aufs Gaspedal. Nach und nach stellt sich bei Tanner die Trance ein. Wie früher.
Der schwere Wagen wiegt sich leise durch die Kurven. Der Körper wird schwerelos. Die Materie löst sich auf. Die kinetische Energie der Bewegung wird scheinbar null. Nicht das Auto fährt, sondern die Landschaft rast und fließt dem Auge entgegen. Das Licht sägt aus dem Dunkel einen Film mit rasch wechselnden Bildern. Das monotone Band der Straße mit seiner weißen, regelmäßig unterbrochenen Linie bildet die stetige Basslinie, den Takt des rasenden Bilderreigens. Der schwarze Asphaltfluss reiht tausend Bildfetzen aneinander. Von grellen Scheinwerfern der schwarzen Nacht entrissen. Kaum geschaut, selten ganz begriffen, blitzen Gegenstände flüchtig auf und werden sofort wieder unwiderruflich in ihre dunkle Existenz entlassen. Zurück in das Nichts. Bäume, Sträucher, Gehsteige, Fragmente von Häusern, Gärten, Brücken, Bäche, nicht zu identifizierende Gegenstände am Straßenrand. Auch die banalsten Gegenstände bekommen durch die rasende Abfolge ihrer kurzfristigen Erscheinung eine neue Bedeutung. Die schnellen Schnitte schaffen neue Zusammenhänge. Ein Verkehrsschild warnt vor Schleudergefahr, ein Fuchs starrt mit seinen diamantenen Augen ins gleißende Licht, das fahl erleuchtete Fenster einer allein stehenden Hütte, der verlorene Kinderschuh am Straßenrand, aus dem offenen Fenster eines am Waldrand parkierten Autos blendet die weiße Haut eines nackten Frauenarms.
Der nackte Frauenarm …
Als er Elsies nackten Arm über den Bettrand hängen sah – das Erste, was er erblickte, als er das letzte Mal in ihr Zimmer trat –, wusste er Bescheid. Sie würde nie mehr erwachen. Sie würde aus dem Koma direkt ins andere, ins ferne Land wechseln. Wie konnte er das an ihrem über den Bettrand hängenden Arm erkennen? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass er es sofort und mit erschreckender Klarheit erkannte. War es dieses schwer fassbare Leuchten, das in den letzten Stunden ihren ganzen Körper umgab? Dreizehn Monate, drei Tage und sieben Stunden dauerte bis zu diesem Zeitpunkt ihr Koma. Seit einem Jahr lebte er wie betäubt in seiner Wohnung am See, die er nach den Ereignissen im Eiskeller bezogen hatte. Er konnte nicht alleine im Haus von Elsie leben, die Kinder waren ja sofort zu Ruth und Karl gezogen. Nach Elsies wahrscheinlichem Tod würden sie die Kinder adoptieren. Er, Tanner, verließ das große Haus am See, dessen obersten Stock er bewohnte, nur dann, wenn er seine stumme Geliebte im Spital besuchte. Sie, Elsie, sie war jetzt plötzlich zum Dornröschen geworden. Und er konnte sie nicht aufwecken. Er war offenbar nicht der Prinz, der über diese Fähigkeit verfügte. So vergrub er sich in dem alten Haus, spielte Tag für Tag stundenlang sinnloses Zeug auf dem alten Flügel, den der Hausbesitzer im unbewohnten Parterre des Hauses hatte stehen lassen.
Elsies Kinder haben sich damals sofort instinktiv an Ruth und Karl geklammert. Und genauso instinktiv haben sie sich von Tanner zurückgezogen, als ob er für ihre armen kleinen Seelen zu stark mit Elsie verknüpft war, oder schlimmer noch: Vielleicht gaben sie ihm unbewusst die Schuld am Zustand ihrer Mutter? Würden sie ihm später auch einmal die Schuld an ihrem Tod geben?
Ich muss dringend wieder einmal Ruth anrufen, denkt Tanner. Dann zuckt er zusammen.
Apropos Anruf … so ein Mist, sagt Tanner unvermittelt laut in die Stille. Wie spät ist es, Richard?
Es ist kurz nach elf. Was hast du denn? Du kannst einen vielleicht erschrecken.
Entschuldige, Richard. Es gibt eine ganz wichtige Sache, die ich beinahe vergessen hätte. Ich muss gegen Mitternacht in der Innenstadt sein. Ich kann dir das jetzt nicht näher erklären. Und schau mich nicht so schief an. Es geht um eine Informationsübergabe. Dreh bitte sofort um, es ist wichtig.
Mehr will Tanner seinem Freund nicht preisgeben. Viel mehr weiß er selbst ja auch nicht. Und über die Umstände, wie er Michiko kennen gelernt hat, will er mit Richard nicht reden. Der ist taktvoll genug, nicht weiter zu fragen. Etwas anderes hat Tanner von ihm auch nicht erwartet.
Warum er das Treffen mit Michiko beinahe vergessen hat, ist ihm schleierhaft. Die ganze Zeit hat es ihn beschäftigt, nur in den letzten paar Stunden war der Gedanke an diese Verabredung wie ausradiert gewesen. Er findet keine Erklärung für diesen Vorgang. Und das beunruhigt ihn.
Nachdem Bruckner das Auto bei der nächsten Gelegenheit gewendet hat, redet sein Freund nur noch über Belangloses. Anekdoten von ehemaligen Schulkollegen und deren beruflicher Entwicklung, über die er ziemlich gut Bescheid weiß. Das schöne Schweigen ist anscheinend nicht mehr möglich und Tanner fühlt sich außerstand, seinem Freund von Elsies Zustand zu erzählen. Es wird sicher eine andere Gelegenheit geben. Bruckner lässt sich nichts anmerken und plaudert munter drauflos. Er lässt Tanner irgendwo in der Nähe der Innenstadt aussteigen. Obwohl Tanner schon zwanzig Minuten zu spät ist, will er die letzten Schritte zu Fuß gehen. Bruckner soll nicht denken, er habe beim Theaterbrunnen ein Rendezvous. Denn der Ort, wo Michiko ihn hinbestellt hat, ist wirklich einer der beliebten Treffpunkte für Liebespaare. Zumindest war es früher so. Sie verabschieden sich etwas steif und förmlich. Trotzdem haben beide das Gefühl, dass der unterbrochene Kontakt wieder geknüpft ist und dass man sich in Zukunft öfter sehen wird. Unter welchen Umständen das sein wird, kann sich noch keiner der beiden vorstellen.
SECHS
Zwanzig Minuten nach zwölf ist der Platz um den Brunnen bereits großräumig abgesperrt. Laut Protokoll meldete sich exakt um Mitternacht bei der Hauptwache der Polizei ein anonymer Anrufer, der stammelnd von einem Toten im Brunnen mit den komischen Maschinen berichtete. Danach habe er sofort das Gespräch beendet. Der Mann habe das Stadtidiom mit einem starken Akzent gesprochen. Bei der Polizei wusste man natürlich sofort, um welchen Brunnen es sich handelte.
An diesem Abend hat Hauptkommissar Schmid von der Mordkommission Dienst. Er ist ein Mann um die sechzig. Mit dürrem und schlaksigem Körper. Seine schütteren Strähnen sind sorgfältig nach rechts gekämmt und mit einer Spur zu viel Gel an die Kopfhaut geklebt. Schmid ist Pessimist. Wer ihn kennt, weiß es aus Erfahrung. Man braucht ihn allerdings nicht erst zu kennen, um es zu wissen. Seine ganze Körperhaltung drückt tiefen Pessimismus aus. Wer in seine Augen blickt, sieht nur Skepsis, Misstrauen und einen bestimmten Ausdruck von beleidigter Trauer.
Hauptkommissar Schmid ahnte schon während des ganzen heißen Tags, den er in seinem geliebten Schrebergarten im aussichtslosen Kampf gegen eine bestimmte Sorte Ungeziefer verbrachte, die seinen selber gezüchteten Mini-Romano-Salat attackierten, dass heute noch etwas Unangenehmes passieren würde.
Kurz vor Mitternacht sagte sein engster Mitarbeiter namens Natter, der ein wortkarger, schwergewichtiger Mann mit einer uralten BMW-Maschine war, die er an seinen freien Tagen liebevoll, geradezu zärtlich pflegte, heute werde wahrscheinlich nichts mehr passieren. Er spüre das im Urin. Schmid räusperte sich nur kurz und sagte nichts, legte aber seinen Kopf in diese alles und jedes bezweifelnde Schieflage.
Schmid hasst diese unnatürliche Hitze. In seiner Gartenanlage darf man schon seit Tagen nicht mehr wässern. Als Mitglied der Polizei und als Vorstandsmitglied im Pflanz- und Gartenverein hat er naturgemäß eine gewisse Vorbildfunktion, also darf er nicht gegen das Bewässerungsverbot verstoßen. Bei seinen kleinsten Setzlingen hat er sich allerdings erlaubt, ein Glas Wasser auszugießen. Er tat so, als ob er selber trinken wollte, worauf er aus gespielter Unachtsamkeit stolperte und das Glas Wasser vergoss. Nur für den Fall, dass ihn jemand beobachtet hätte. Und beobachtet wurde man im Kleingartenverein eigentlich immer. Alle wussten von allen, wer wann wie viel Dünger verwendete oder wie groß die Tomaten wurden. Oder wer seinen ihm anvertrauten Garten vernachlässigte. Nach der unrechtmäßigen Wasseraktion fühlte sich Schmid wie ein Verbrecher. Er konnte also nur noch zuschauen, wie sein Gemüse und seine Salatzüchtungen, die noch nicht vom Ungeziefer befallen waren, langsam verdorrten. Andererseits bestätigte ihm diese klimatische Unbill, dass er mit seiner Neuzüchtung sowieso kein Glück haben würde. Zudem hatte er sich vom ewigen Durchzug im Büro einen Schnupfen eingefangen. Und das mitten im Sommer. Und nur weil die Kollegen ständig die Türen offen ließen.
Eine Minute vor Mitternacht gab er seinen Mitarbeitern das Zeichen für den Aufbruch in die Polizeikantine. Es war Zeit für das »Mittagessen« der Nachtschicht. Und genau in dem Moment, wo sich alle von ihren Stühlen erhoben, auf denen man von der Tageshitze noch in der Nacht festklebte, klingelte das Telefon.
Die nackte Frauenleiche liegt mitten im Brunnenbecken. Da die Maschinen und Objekte nachts abgestellt werden, ist das Wasser still und schwarz. Am Rande des Beckens hat ein Polizist zwar bereits Scheinwerfer auf Stativen bereitgestellt, aber noch ist der Strom nicht eingeschaltet. Man kann ohne Licht nicht genau sehen, ob der hellhäutige Körper im Wasser schwimmt oder auf dem flachen Bassinboden aufliegt.
Hauptkommissar Schmid sitzt zusammengesunken auf einer der Bänke, die in der Nähe des Brunnens aufgestellt sind. Er ist sichtlich verärgert. Um nicht zu sagen: stinksauer. Aber nicht wegen der Leiche. Er findet es eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit. Seine neueste Salatkreation verdorrt und hier in der Stadt läuft den lieben langen Tag das Wasser in unzählige Brunnen. Allein mit dem Wasser, das jetzt das große stille Becken füllt, könnte er seinen Garten drei Wochen lang bewässern.
Dass Natter kommt und ihm schwer atmend berichtet, dass sich auf dem Platz, wo sich viele Schaulustige hinter der Absperrung tummeln, kein Einziger findet, der als Zeuge etwas aussagen kann oder will, verbessert seine Laune auch nicht.
Tanner sitzt etwas abseits hinter der Absperrung auf einer Treppenstufe. Der weiße Stein ist noch warm von der Hitze der Sonneneinstrahlung.
Michiko, es ist etwas mit Michiko passiert, dachte er sofort, als er von weitem die vielen Fahrzeuge der Polizei, das Feuerwehrauto und den Krankenwagen erblickte. Er brauchte nicht zu warten, bis die Polizei die Leiche im Wasser umdrehte. Ein Blick von weitem auf den makellosen, hell schimmernden Körper bestätigte seinen schlimmen Verdacht.
Dass Tanner zu spät gekommen ist, tut eigentlich nichts zur Sache, denn es ist ganz offensichtlich, dass Michiko nicht hier in der Öffentlichkeit umgebracht worden ist. Dass sie tot und nackt hierher gebracht und ins Wasserbecken des berühmtesten Brunnens der Stadt gelegt wurde, stellt eine unglaublich freche Provokation dar. Normalerweise werden Leichen im Wald verscharrt. Oder zerstückelt und in separaten Paketen an verschiedenen Orten versteckt. Oder die Leiche wird in ein tiefes Wasser versenkt. Auf jeden Fall geht es immer um die – meist trügerische – Hoffnung des Verbrechers, dass die Leiche möglichst lange unentdeckt bleibt, und damit auch er selber. Ohne Leiche kein Verbrechen.
In Michikos Fall haben der oder die Mörder es auf eine sofortige Entdeckung geradezu angelegt. Es handelt sich um Kalkül. Aber mit welcher Absicht?
In diesem Moment lassen die Scheinwerfer der Polizei den Brunnen in hellem Licht erstrahlen. Ein Polizist macht von allen vier Seiten Fotos des Leichnams. Dann treten drei Polizisten mit Gummistiefeln über den niedrigen Beckenrand, nähern sich langsam dem reglosen Körper, als ob sie ihn nicht erschrecken wollten, und greifen vorsichtig ins Wasser. Sie tragen ihn auf eine neben dem Becken bereitgestellte Bahre. Bevor sie ihn auf die Bahre niederlassen, sind die drei Polizeibeamten unschlüssig, ob sie den Körper sofort umdrehen oder ob sie ihn zuerst auf den Bauch legen sollen. Die drei verständigen sich stumm durch Blicke und Bewegungen ihrer Köpfe. Sie beschließen, die Leiche sozusagen in der Luft zu drehen. Dazu müssen die drei Polizisten ihre Griffe an dem nassen, wahrscheinlich glitschigen Körper ändern und es entsteht für einen Augenblick eine eigenartige Skulptur von drei sich bückenden Gestalten um den in der Luft schwebenden makellosen Körper von Michiko, mit sechs sich teilweise kreuzenden und ineinander verschlungenen Händen und Armen. Im Moment, wo Michikos Körper auf die Bahre gelegt wird, kommt der Polizeiarzt angerannt und die drei Beamten treten von der Toten zurück. Sie sind sichtlich erleichtert, dass sie ihre schwierige Aufgabe ohne größere Schwierigkeit gemeistert haben. Verstohlen wischen sie die Hände an ihren Hosen trocken.
Tanner ist ratlos. Wenn ihn Michikos Tod etwas angeht, muss er jetzt aufstehen und der Polizei mitteilen, was er weiß. Aber was weiß er denn schon?
Komm, hör auf. Keine billigen Ausflüchte. Du weißt vielleicht nicht viel, aber vermutlich mehr als die Polizei, murmelt Tanner leise zu sich selbst.
Dass der Tod Michikos in irgendeiner Weise im Zusammenhang mit dem Tod des japanischen Kunden im Schlaraffenländli steht, liegt eigentlich auf der Hand. Weil beide Japaner waren? Natürlich nicht. Aber ihr Anruf kann doch nur etwas mit diesem Ereignis zu tun haben. Was sonst hätte sie ihm mitzuteilen gehabt. Der Tod des Japaners und seine zufällige Anwesenheit waren ihre einzige Verbindung. Obwohl er sich darauf noch keinen Reim machen konnte. Es handelte sich ja wahrscheinlich um einen Unfall. Das einzig Seltsame an diesem Unfall ist, dass davon bisher nichts in der Zeitung stand.
Bei ihrem Anruf sprach Michiko unglaublich hastig und ihre Stimme klang, als ob sie unter Druck stehe. Hatte sie Angst? Wusste sie damals schon, dass sie in Gefahr war? Was hatte sie ihm mitteilen wollen? Tanner beginnt sich Vorwürfe zu machen, dass er nicht sofort in die Stadt gefahren ist und versucht hat, Michiko zu finden. Vielleicht hätte er ihren Tod verhindern können.
Es ist ihm natürlich klar, dass er mit der Polizei sprechen muss. Schon allein wegen seiner Telefonnummer, die in Michikos Mobiltelefon gespeichert ist. Falls es von der Polizei gefunden würde, stände er ganz schön blöd da. Er hat aber absolut keine Lust, jetzt aufzustehen, durch die Absperrung zu gehen, sich anschnauzen zu lassen, dass er da nichts zu suchen habe … und so weiter. Er wird einfach später aufs Präsidium gehen, es liegt sowieso ungefähr in Richtung seines Hotels.
Vorerst wird er aber noch auf seinem warmen Stein sitzen bleiben und dem Treiben der Polizei zusehen. Vielleicht kann er später noch selbst die Beckenränder und die Umgebung des Brunnens auf Spuren untersuchen. Schließlich ist der Transport einer toten nackten Frau in ein Brunnenbecken ein aufwändigeres Manöver, als eine Glücksmünze in einen Brunnen zu werfen.
Der Polizeiarzt hat mittlerweile den Leichnam von Michiko zum Abtransport freigegeben. Polizisten und Techniker mit Handschuhen suchen die Umgebung des Brunnens ab. Ab und zu packen sie kleine Gegenstände in Plastiktüten. Hauptkommissar Schmid sitzt immer noch in sich zusammengesunken auf derselben Bank. Dann und wann beugt sich der neben ihm stehende Natter zu ihm hinunter und flüstert ihm etwas zu. Schmid nickt dann bloß oder wiegt skeptisch seinen Schädel. Einmal führt Schmid mit seinem Handy ein kurzes Telefongespräch. Vielleicht mit seiner Frau? Um ihr zu sagen, dass er später als sonst nach Hause kommt? Vielleicht beauftragt er sie, an seiner Stelle in den Garten zu gehen, da er wegen des neuen Falles auch den ganzen Tag über im Dienst bleiben muss.
In der Zwischenzeit hat sich die Menge der Leute hinter der Absperrung verlaufen, denn es gibt nichts Spannendes mehr zu sehen. Einzig Tanner sitzt noch auf seiner Treppenstufe. Die Nachtluft ist endlich angenehm kühl. Still ist es geworden. Die Straßenbahnen fahren nicht mehr und Autos sind nur noch sporadisch zu hören.
Tanner stellt sich die kleine Gedankenaufgabe, wie er es anstellen würde, mitten in der Stadt eine nackte Leiche im Brunnenbecken zu platzieren. Über Motiv oder Tathergang kann er ohne Anhaltspunkte gar nicht nachdenken. Er weiß ja nicht einmal, wie Michiko ermordet wurde. Wegen der Distanz zum Brunnen konnte er weder eine Verletzung noch eine Schusswunde erkennen.
Es müssen auf jeden Fall mehrere Täter gewesen sein. Mindestens drei. Für eine professionelle Nachtaktion mitten in der Stadt wären vier oder fünf Männer besser. Die Männer kommen mit einem Auto – wahrscheinlich mit einem Lieferwagen – und fahren so nahe wie möglich zum Brunnenbecken. Es gibt zwei Stellen, wo ein Auto unweit des Brunnens relativ unverdächtig anhalten könnte. Wenn die Polizei weg ist, wird Tanner aufstehen und beide Stellen überprüfen. Also, bei der einen oder anderen Stelle hält ein Lieferwagen. Drei bis fünf Männer sitzen im Auto. Sie kurbeln die Fenster runter und beobachten ruhig den Brunnen und die Umgebung. Wahrscheinlich flanieren noch ein paar Leute beim Brunnen. Das eine oder andere Paar sitzt auf dem Beckenrand, küsst sich und hält sich liebevoll umschlungen. Die Männer im Auto haben Zeit und Geduld. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da ist plötzlich die Luft rein. Blitzschnell steigen sie aus dem Auto. Zwei behalten weiterhin die Umgebung scharf im Auge. Die beiden anderen packen die leblose Michiko, die wahrscheinlich in ein dunkles Tuch gehüllt ist – oder in einem großen Behältnis oder Wäschekorb liegt – und tragen sie ruhig zum Brunnen. Schwer war Michiko ja nicht. Tanner erinnert sich an den Moment, wo sie auf seinen Knien saß. Nach einer weiteren Sicherheitsüberprüfung steigen die zwei Träger in den Brunnen und legen die Leiche ins Wasser. Die ganze Aktion könnte nach Tanners Berechnung in neunzig Sekunden erledigt gewesen sein. Die zwei Träger, die in das flache Brunnenbecken steigen mussten, haben jetzt nasse Schuhe. Oder sie haben Stiefel getragen. Das Tuch, in das Michiko gehüllt war – oder der Transportbehälter, in dem sie lag – wird zurück ins Auto getragen. Alle steigen wieder ein – der Fahrer ist wahrscheinlich sowieso im Auto sitzen geblieben – und weg sind sie.
Wie auch immer, auf jeden Fall deutet alles darauf hin, dass es sich um professionelle und skrupellose Täter handelt. Professionelle Täter handeln zwar – nach Lehrbuch – im Verborgenen und versuchen, so wenige Spuren wie möglich zu hinterlassen. Trotzdem kann man sich die Aktion, die hier stattgefunden haben muss, nicht von Amateuren ausgeführt vorstellen. Dass die Leiche Michikos in einen öffentlichen Brunnen mitten in der Stadt gelegt wurde, ist eine Botschaft. Aber an wen ist sie gerichtet? Auf jeden Fall müssen sich die Täter oder ihre Auftraggeber geradezu unverschämt sicher fühlen.
Die Scheinwerfer erlöschen. Die Polizei hat ihre Untersuchung beendet. Eine Untersuchung, die für Tanners Geschmack etwas oberflächlich war und vor allem ziemlich schnell abgebrochen wurde. Zum Beispiel wurde das Brunnenbecken nicht methodisch und gründlich abgesucht. Tanner hätte auf jeden Fall das Wasser abgelassen und filtriert, um zu schauen, ob im Wasser irgendetwas zum Vorschein gekommen wäre, was Rückschlüsse auf die Täter oder das Opfer erlaubt hätte.
Ja, ja, du! Du hättest … du bist aber nicht mehr im Dienst, und gerade mit solchen Aktionen, wie zum Beispiel hier mitten in der Nacht das Wasser des ganzen Beckens abzulassen, hast du dich nicht gerade beliebt gemacht …
Tanner lacht über seine eigenen Gedanken. Und zuckt einen Augenblick später zusammen, als plötzlich eine hohe Fistelstimme spricht. Lach nur! Lach! Dir wird das Lachen schon noch vergehen, wenn der Gerechte kommt und dich packt.
Die Stimme kommt aus einem Gebüsch dicht unterhalb der Brunnenanlage. Es sind mehrere mannshohe, dornige Büsche, die zusammen ein undurchdringliches Gebüsch bilden. Nach kurzer Pause spricht die Stimme weiter.
Die Stadt lebt in Sünde. Die Menschen dieser Stadt sind alle zum Sterben bestimmt. Zuerst kommt der Tod leise. Als Mahnung und Vorwarnung. Dann, wenn sich die Tage erfüllt haben, kommt ein brausendes Feuer vom Himmel mit großem Lärm über die Stadt.
Tanner steht auf und geht näher an den sprechenden Busch heran.
Wir wissen, dass wer von Gott geboren ist, der sündigt nicht, sondern wer von Gott geboren ist, der bewahrt sich, und der Arge wird ihn nicht antasten. Erstes Buch Johannes, Kapitel fünf, Vers achtzehn …
Die Stimme schweigt. In der Stille hört Tanner ein leises Rascheln. Es klingt, als würde jemand in Plastiktüten wühlen. Dann wird eine Flasche entkorkt. Gleich darauf hört man deutlich Trinkgeräusche. Jetzt spricht sie wieder, die Stimme aus dem Busch.
Was ist das Größre vor dem Herrn? Ein ausgespiener Apfelkern, ein Hund, ein Kind, ein Halm im Wind oder die Reue einer Dirne?
Schweigen. Dann wieder Trinkgeräusche.
Prost! Auf Ihre Gesundheit! Darf ich Sie kurz stören?
Kaum hat Tanner gesprochen, wird es sofort wieder still im Gebüsch. Tanner versucht, durch die Zweige ins Innere des Gestrüpps zu sehen, aber es ist einfach zu dunkel. Dann wieder die Fistelstimme.
Hau ab, Mensch, sündiger. Du störst. Wenn du beichten willst, komm morgen wieder. Verschwinde, sonst jag ich meine Hunde auf dich … Und wie zur Bestätigung hört man das Knurren mehrerer Hunde. Es klingt, als ob es große Hunde wären. Tanner beschließt sich zurückzuziehen.
Also gut, ich komme morgen wieder. Abgemacht?
Die Antwort ist ein Knurren. Man kann nicht sagen, ob es der Laut eines Menschen oder der eines Tieres ist. Tanner nimmt es als Bestätigung und zieht sich zurück.
Ein seltsamer Wohnort. Mitten in der Stadt und trotzdem unsichtbar. Tanner ist gespannt, was für ein Wesen sich hier sein Nest gebaut hat. Er hat schon Penner und Clochards in Kartonschachteln gesehen, in Abfallcontainern, in ausgebrannten Autos, unter Brücken, in Berge von Zeitungen eingehüllt, in umgestürzten Telefonkabinen. Aber in einem Busch, einem schier undurchdringbaren Gestrüpp … das ist neu. Und wie geht er rein und raus? Das Rätsel wird sich im Tageslicht lösen. Abhauen wird er ja bis morgen nicht. Möglicherweise hat das Wesen im Busch etwas von den nächtlichen Vorgängen beobachtet.
Tanner inspiziert die beiden Stellen, die er in seinem Gedankenspiel vorhin als mögliche Halteorte für das Auto der Verbrecher eruiert hat. Aber er findet nichts. Keinen einzigen Anhaltspunkt.
Enttäuscht und aufgewühlt geht er in Richtung Innenstadt. In Richtung des breiten Stroms. Der Fluss teilt die Stadt in einen größeren, älteren Teil, in dem sich Tanner zur Zeit befindet, der traditionell immer der reichere, gebildete, bürgerliche Teil der Stadt war; und in einen kleineren Teil, auf den früher die Bewohner des größeren Stadtteils naserümpfend hinunterblickten. Nur in dem kleinen Stadtteil war früher das Laster angesiedelt. Heute hat sich alles und jedes auf beide Stadtteile verteilt.
Die Straßen sind wie ausgestorben. Durch die andauernde Hitze der letzten Tage hat die Stadt einen ganz fremden Geruch angenommen. Einen mediterranen goût. Beinahe riecht sie schon wie eine Stadt im Süden. Eine weiße Stadt im Nahen Osten vielleicht. Es ist diese schwer zu definierende Duftmischung aus heiß gewordenem Asphalt, Abgasen, überreifen Früchten, die schon bald vergären, und Abfällen, die zu lange der Tageshitze ausgeliefert waren. Es fehlt nur der Salzgeschmack eines nahe gelegenen Meeres.
Er muss an Michikos Schicksal denken. Er hat sie ja nicht eigentlich kennen gelernt. Er hat bloß ihren makellosen Köper gesehen und ihn einmal kurz berührt. Und dann hat er ihren Schrecken beim Angstschrei ihrer Kollegin gespürt. Da verwandelte sich die unnahbar kühle Schönheit in das kleine Mädchen, das sie hinter der professionellen Maske geblieben war. Ob sie Verwandte in Europa hatte? Dachten sie, ihre Tochter studierte in Europa? Allzu lange konnte Michiko noch nicht als Prostituierte arbeiten, denn sie hatte noch nicht diesen müden, desillusionierten Blick, den alle früher oder später bekommen, die in diesem Milieu arbeiten. Was sie wohl für Träume gehabt hat? Was für Zukunftspläne?
Tanner passiert eine enge Gasse, in der ein übervoller Abfallcontainer eines chinesischen Fast-Food-Restaurants den Weg beinahe versperrt. Wahrscheinlich hat sich seine Bremse gelöst. Um weitergehen zu können, muss Tanner sich zwischen Container und Hauswand hindurchzwängen, den Container sogar etwas beiseite schieben. Sofort raschelt es laut und eine regelrechte Horde fetter Ratten flieht aus dem Küchenabfall ins nächste Kellerloch. Angewidert beschleunigt Tanner seine Schritte. Wenn es noch lange so heiß bleibt, werden die Bewohner dieser Stadt noch einige Überraschungen erleben.
Kurz darauf steht er vor dem Polizeipräsidium. Er fragt nach dem Dienst habenden Kommissar und lässt ihm ausrichten, dass er einige Auskünfte zur Leiche im Brunnen geben könne. Nach telefonischer Rückfrage wird Tanner von einem jungen Bereitschaftspolizisten durch lange Gänge in eine Art Vorraum oder Warteraum geführt. An der Wand hängen Plakate mit steckbrieflich gesuchten Gewaltverbrechern. Die Mehrheit der gesuchten Männer ist aus den drei Osten.
Sagt man hier einfach Osten, dann sind die aus dem Balkan, aus dem ehemaligen Jugoslawien oder die aus der ehemaligen Sowjetunion gemeint.
Mit dem Begriff des Nahen Ostens meint man undifferenziert alle die, die aus dem arabischen Raum kommen. Auch die aus der Türkei. Unter dem schönen Begriff des Fernen Ostens sind die aus Sri Lanka, die Tamilen, aber auch die von der chinesischen und japanischen Mafia gemeint.
Wie beruhigend, Verbrecher kommen aus dem Osten. Selten aus dem Westen. Aus dem Westen kommt das Wetter. Unsere eigenen Verbrecher sitzen ja eher in klimatisierten Räumen, tragen weiße Hemden, dezente Krawatten, fahren große Limousinen, bewohnen Hotelsuiten, haben nicht so böse Gesichter und werden nie auf solchen Plakaten abgebildet.
Was für eine schöne westliche Tradition: Die Gefahr kommt aus dem Osten. Das Irrationale, das Ekstatische, das Fanatische, das Asiatische, die Hunnen, der Ostjude, der Türke, die gelbe Gefahr.
Jetzt reicht es, denkt Tanner. Jetzt sitze ich schon zwanzig Minuten in diesem öden Raum. Und das mitten in der Nacht. Jetzt reicht es.
Tanner geht zur Verbindungstür, die ins Büro des Kommissars führt, und klopft energisch. Als keine Antwort kommt, öffnet er kurz entschlossen die Tür.
Drei Schreibtische sind in dem großen Raum so verteilt, dass jeder möglichst ungestört vom anderen arbeiten kann. Die Luft ist stickig und verbraucht. An der Decke sondern fahle Lampen ein kaltes Licht ab. An den Schreibtischen leuchten die obligaten Schreibtischlampen. In der Ecke steht ein billiger Ventilator, der ratternd die Hitze schön gleichmäßig im Raum verteilt. Cremefarbene Jalousien verschließen den Blick nach draußen. Zwei der Männer haben offenbar bis zu Tanners Eintritt auf den Monitor ihres Computers gestarrt, jetzt blicken sie ihn mit gehässigen Blicken an. Hauptkommissar Schmid sitzt zusammengesunken an seinem leeren Schreibtisch und fixiert die grüne Schreibunterlage. Bevor Tanner seinem Ärger freien Lauf lassen kann, räuspert sich Schmid laut. Dann spricht er schnell und ungehalten. Ohne aufzuschauen.
Sie haben zwar geklopft, aber niemand hat herein gesagt! Oder haben Sie etwas Derartiges gehört? Ich würde vorschlagen …
Ich würde vorschlagen, dass Sie mich jetzt einfach anhören. Sonst kann ich auch wieder gehen. Schließlich habe ich eine Information für Sie. Ich komme freiwillig hierher, mitten in der Nacht, und Sie lassen mich grundlos warten. Das ist nicht besonders höflich. Also, entscheiden Sie sich. Ich kann morgen auch direkt zum zuständigen Staatsanwalt gehen.
Jetzt blickt Schmid endlich von seinem Schreibtisch auf, unsicher, ob er seiner schlechten Laune nachgeben und den Besucher einfach rauswerfen soll. Seine Mitarbeiter erwarten es von ihrem Chef, das spürt er ganz deutlich. Andererseits gibt es etwas an Tanners Auftreten, das Schmid irgendwie beeindruckt. Er weiß nur noch nicht, was es ist. Aber vielleicht hat der nächtliche Störenfried ja doch eine brauchbare Information.
Gut. Entschuldigen Sie, dass ich Sie warten ließ. Natter und Waibel, lasst uns einen Moment allein.
Die Angesprochenen erheben sich zögernd von ihren Stühlen, als ob sie noch nicht so richtig an die Ernsthaftigkeit der Aufforderung glauben. Aber Schmid unterstreicht sie mit einer Geste. Er will seine beiden Mitarbeiter bei dem Gespräch nicht dabeihaben, da er instinktiv spürt, dass Tanner ihm vielleicht intellektuell überlegen sein könnte. Und so eine Situation konnte Schmid noch nie aushalten. Zudem ist es immer von taktischem Vorteil, alleiniger Herr über wichtige Informationen zu sein. Wichtig vor allem für die Karriere, das haben ihn fünfunddreißig Berufsjahre gelehrt. Dass er heute Hauptkommissar ist, und nicht einer seiner Mitarbeiter, hat viel mit wohl überlegter Informationspolitik zu tun. Schmid weiß das. Auch wenn er es nie zugeben würde.
Also, nehmen Sie Platz. Wie ist Ihr Name und was haben Sie mir denn so Wichtiges zu sagen. Um zwei Uhr siebenundzwanzig.
Tanner lehnt sich zurück und schaut offen und direkt in die beleidigte Miene und die skeptischen Augen seines Gegenübers. Bis Schmid ausweicht. Er kaschiert diese erste Niederlage, indem er sich aus der untersten Schublade seines Schreibtisches ein Bündel weißes Papier holt.
Ich habe dem Schild an der Tür entnommen, dass Sie Kommissar Schmid sind. Ist das richtig?
Hauptkommissar, ja, das stimmt.
Schmid könnte sich die Zunge abbeißen, dass er in die erste plumpe Falle gestolpert ist, die ihm Tanner gestellt hat. Aber jetzt ist es zu spät. Wenigstens lässt er sich nichts anmerken.
Freut mich, Herr Hauptkommissar Schmid. Ich heiße Tanner und bin für ein paar Tage in meine Geburtsstadt zurückgekommen. Ich bin seit dreißig Jahren nicht mehr hier gewesen. Es hat sich zwar einiges verändert, aber es ist immer noch eine der schönsten Städte in diesem Land, wie eh und je. Außer, dass ich mich nicht erinnern kann, dass es früher in dieser Stadt jemals so heiß gewesen wäre.
Als Schmid höflich über diese kleine rhetorische Pointe lächelt, schießt Tanner die Frage gezielt ab.
Sie haben keine Ahnung, wer die tote Japanerin aus dem Brunnen ist, oder?
Schmid verliert für einen Moment die Beherrschung über sein Gesicht. Ein Gesichtsmuskel zuckt und verzerrt seinen Mund zu einem schiefen Grinsen. Schnell wischt er sich mit dem Handrücken über den Mund.
Wie kommen Sie darauf, dass wir sie nicht kennen?
Jemand hat mir verraten, wie Ihre Mitarbeiter unter den Zuschauern vor Ort nach Zeugenaussagen gefragt haben. Bei der Gelegenheit hat man einem Ihrer Mitarbeiter eine Frage gestellt, und der war so frei, offen zuzugeben, dass die Polizei keine Ahnung habe, wer die Tote sei.
Tanner blufft natürlich. Aber er ist sich sicher, dass die Polizei wirklich keine Ahnung von der Identität der Toten hat.
Gut. Es stimmt. Wir wissen nicht, wer die Tote ist.
Schmid schwitzt bereits an den Händen. Das Gespräch dauert noch keine zwei Minuten und schon drei Punkte für Tanner.
Die Tote heißt Michiko. Das ist ein japanischer Vorname. Die japanische Kaiserin heißt auch so. Michikos Familiennamen kenne ich nicht. Sie lebte in Frankfurt, sprach ziemlich gut deutsch und war regelmäßiger Gast im Schlaraffenländli. Das heißt, sie war natürlich kein Gast, sondern sie arbeitete dort regelmäßig. Sie brauchen also nur nachzufragen. Sie kennen das Schlaraffenländli, oder? Ach, und noch etwas: Falls Sie je ihr Handy finden, werden Sie dort mit großer Wahrscheinlichkeit auch meine Nummer auf ihrer Anrufliste finden. Sie hat mich nämlich gestern angerufen.
Schmid starrt Tanner an. Irgendwie ist ihm jetzt die Frage, die er logischerweise stellen muss, peinlich. Tanner hätte ja gleich alles erzählen können. Aber so einfach wollte der es ihm nicht machen. Woher kennen Sie denn diese … diese Michi …, diese Dame? Ich meine, Sie müssen natürlich nicht antworten.
Oh, kein Problem. Ich kenne sie natürlich aus dem Schlaraffenländli. Und ich hatte sie gebeten sich zu überlegen, ob wir uns nicht außerhalb dieses Etablissements treffen könnten. Deswegen habe ich ihr meine Telefonnummer gegeben. Ja, und deswegen hat sie mich gestern angerufen.
Tanner ist richtig in Fahrt gekommen. Die Lügen sind wie flüssiger Honig aus seinem Mund geflossen. Schmid schaut ihn an, den Kopf in seiner berühmten schiefen Haltung. Wenn Tanner ihn kennen würde, wüsste er, dass Schmid ihm kein Wort glaubt. Schmid glaubt nie jemandem. Grundsätzlich nicht. Und schon gar nicht einem Tanner, der mitten in der Nacht großspurig daherkommt und mir nichts, dir nichts so locker von seinem Besuch im Puff berichtet. Dann nickt er aber Tanner anerkennend zu.
Doch. Doch, da haben Sie uns ganz schön geholfen. Klingt alles sehr plausibel. Doch, alles klar. Vielen Dank, Herr Tanner. Dürfen wir Ihre Telefonnummer auch haben? Und Ihre Wohnadresse? Und in welchem Hotel Sie in der Stadt logieren? Bleiben Sie überhaupt noch weiter hier?
Tanner überhört die Anzüglichkeit, die in dem Wörtchen auch steckt, und bringt die gewünschten Angaben zu Papier. Hauptkommissar Schmid starrt wieder gebannt auf die grüne Schreibunterlage. Jetzt weiß Tanner auch mit Bestimmtheit, dass Claudia vom Schlaraffenländli nicht die Polizei angerufen hat. Er erhebt sich, verabschiedet sich und wendet sich zur Tür. Schmid räuspert sich, bevor er noch einmal ruhig spricht.
Ein bisschen verwunderlich ist es schon, dass Sie mitten in der Nacht zu uns kommen, finden Sie nicht auch? Sie hätten uns das doch alles auch direkt am Tatort sagen können, oder? Aber gehen Sie nur. Sie werden sicher müde sein. Wir sehen uns ja sowieso wieder, da bin ich mir ganz sicher …
SIEBEN
In der Zeitung, die Tanner zum Frühstück durchblättert, steht selbstverständlich noch nichts von der ermordeten Michiko. Sie wurde ja erst nach Mitternacht gefunden. Stattdessen liest Tanner einen kleinen Bericht über eine weitere tote Kuh, die in dem kleinen See gefunden wurde, an dem er sich niedergelassen hat.
Wer, um Gottes willen, ermordet Kühe, schneidet ihnen die Ohren mit den gelben Erkennungsmarken ab und wuchtet die toten Kadaver in den See? Tanner beschließt, seinen Freund Serge Michel anzurufen. Vielleicht hat er mit dem Fall zu tun. Leider meldet sich aber nur der Anrufbeantworter und Tanner verspürt keine Lust eine Botschaft zu hinterlassen.
Heute steht ein Besuch der Firma, in der sein Großvater früher gearbeitet hat, auf Tanners Programm. Er will unbedingt wenigstens die Fabrik sehen. Vielleicht gibt es noch alte Gebäude, die damals schon standen. Wenn er Glück hat, besitzt die Firma ein Archiv, in das er Einblick nehmen könnte. Gar zu gerne würde Tanner herauskriegen, an welcher Art von Unglücksfall seinem Großvater die Schuld gegeben wurde. Diese Schuld, oder diese vermeintliche Schuld, sei – nach Aussage seiner Mutter – der Auslöser für seine Krankheit gewesen. Genaueres hatte seine Mutter über die Krankheit ihres Vaters nie gesagt.
Auf Tanners Besuchsliste stehen neben dieser Firma die örtliche Krankenkasse und die psychiatrische Klinik.
Die psychiatrische Klinik nannte man damals kurz und bündig Friedmatt, heute heißt sie PUK. Psychiatrische Universitätsklinik. Wer die Abkürzung nur hört und Shakespeare kennt, denkt zwangsläufig an den Puck aus dem Sommernachtstraum.
Tanner muss unwillkürlich schmunzeln.
Ist das eine Ironie des Schicksals? Man hatte den volkstümlichen Namen Friedmatt, der für alles stand, was mit Psychiatrie zu tun hatte, endlich durch einen seriösen Namen, eine korrekte Abkürzung ersetzt und ist dadurch unbeabsichtigt bei Puck gelandet, dem koboldhaften Verstörer, der den Mädchen mit Vorliebe böse Streiche spielt, und so manchen Wanderer, der durch altenglische Moore streifte, mit seinen Irrlichtern in ein Sumpfloch, sprich: in den Tod führte. So hat es der Zufall – oder eine andere unbekannte, ordnende Macht – verhindert, dass die psychiatrische Klinik eine kühle, verwaltungstechnisch korrekte Bezeichnung bekam, sondern stattdessen einen poetisch verrückten Namen aus der Welt der Träume und der Phantasie.
Neben der Friedmatt gab es für das quasi Nicht-Normale noch einen Ort: die Webstube. Werkstätten für alle, die in den Augen der Gesellschaft zwar nicht normal, aber ungefährlich waren. Das waren vor allem die Mongoloiden, wie man sie damals noch nannte. Inklusive alle anderen Arten von geistig und körperlich Behinderten, für die man noch nicht so differenzierte Bezeichnungen hatte wie heute, außer natürlich den unflätigen. Also nannte man sie allesamt die Webstübler. Man erkannte sie schon von weitem an ihren völlig deplatzierten Kleidern und Mützen. Sie wurden aus Kleidersammlungen für Arme versorgt.
In der nächsten Umgebung der Friedmatt waren auch ein Friedhof, die Kehrrichtverbrennung, eine Knochensiederei, die Großwäscherei für Spitäler und eine Sammelstelle für Kadaver angesiedelt.
Alles, was man in der Stadt nicht mehr haben wollte, und alles, was erst gründlich ausgekocht, gewaschen, durch die Mangel gedreht, therapiert, mit Medikamenten quasi »chemisch gereinigt« werden musste, bevor man es wieder in die Stadt hineinlassen konnte, war in diesem Stadtteil versammelt. Ort der Ausgrenzung. Ort der Verwandlung. Der Gärung. Der Zersetzung. Der alchemistischen Prozesse. Es roch nach Tod. Oder wie man in Tanners Geburtsstadt sagen würde: es schmeckt nach Tod … Heute wird er das noch mal mit anderen Augen sehen.
In den großen Schulferien arbeitete Tanner einmal in der städtischen Kehrichtverbrennungsanlage. Er saß mit zwei Männern mittleren Alters Tag für Tag acht Stunden und fünfundvierzig Minuten in dem kleinen Haus. Ihre Aufgabe war es, sämtliche ankommende Fahrzeuge, die Kehricht brachten, aufs Genaueste zu wiegen. Nach dem Abladen wurde das leere Fahrzeug noch einmal gewogen und die drei von der Waage ermittelten mittels einer einfachen Subtraktion das gelieferte Nettokehrichtgewicht.
Einer war natürlich der Chef. Er öffnete am Morgen, wenn’s losging, die Schranke des Werkhofs und senkte sie bei Feierabend. Er, und nur er, grüßte jeden aufs Gelände hereinfahrenden Fahrer und jeden, der das Gelände wieder verließ. Er verfügte über eine breite Palette fein abgestufter stummer Gruß- und Winkformen.
Zum Beispiel grüßte er den Direktor der Kehrichtverbrennungsanlage, der als einziger einen Mercedes fuhr, und zwar selbstverständlich einen schwarzen, mit militärischen Ehren. Zweimal täglich. Der König kommt. Der König geht. Er stand stramm und grüßte mit mathematisch exakt angewinkelter Hand an der Stirn. Bis der König, also der Direktor, außer Sichtweite war. Dabei summte er regelmäßig eine ziemlich rassige Marschmelodie, die der Direktor allerdings nicht hören konnte. Am unteren Ende seines Grußregisters gab es nur noch ein nachlässiges, kaum angedeutetes Nicken. Sichtete er einmal wöchentlich die Frau des Direktors in ihrem roten Mercedes Coupé, hob er begeistert beide Arme und schüttelte seine beiden Hände wie zu einem verrückten Tanz, bis der Wagen nicht mehr zu sehen war. Sie war einmal Miss Schweiz gewesen und beschäftigte zu hundert Prozent die sexuelle Phantasie sämtlicher Angestellter der städtischen Verbrennungsanlage. Die Arbeiter rissen sich einmal die Woche darum, ihr Auto mitten auf dem Werkhof waschen zu dürfen. Es fehlte nicht viel und sie hätten noch auf Knien – und mit einer Zahnbürste bewaffnet – die Profile der Reifen gereinigt.
Einen wöchentlichen Auftrag allerdings hasste Tanner. Er musste die Rechnung in die Knochensiederei bringen. Und da roch es so fürchterlich nach Verwesung und Tod, dass er anschließend jeweils noch zwei Tage glaubte, den Geruch in der Nase zu haben. Diesen Ort würde Tanner auch nicht für viel Geld noch einmal besuchen wollen.
Er wird also in die Psychiatrische Universitätsklinik gehen. Erstens, um zu sehen, wo sein Großvater bei Ausbruch seiner Krankheit eingeliefert worden war, und zweitens, um ein Gesuch um Akteneinsicht zu stellen. Und vor allem will er noch einmal zu dem sprechenden Busch. Die Sprache des verborgenen Wesens hat ihn neugierig gemacht. Außerdem könnte er vielleicht etwas über die Mörder von Michiko erfahren.
Am Nachmittag wird er im Gartenbad hinter dem großen Fußballstadion baden gehen. Ein weiterer Nostalgieabstecher. Außerdem verspricht der Tag wieder heiß zu werden und heute Abend will er ausgeruht und erfrischt zum Essen mit Martha erscheinen. Falls sie es nicht vergessen hat. Sie will ihn ja deswegen noch anrufen. Tanner beendet sein Frühstück und macht sich auf den Weg zum Theaterbrunnen.
In der Stadt herrscht reges Treiben. Jeder, der kann, macht seine Einkäufe und geschäftlichen Besorgungen am Morgen, solange die Luft noch relativ frisch ist.
Tanner sieht etliche Leute, die immer wieder den Himmel mustern. Tatsächlich hat der blaue Himmel einen ungewohnten Gelbstich. Wäre das Gelb noch ein bisschen intensiver, man hätte Weltuntergangsvisionen. Der Himmel verspricht eine unangenehme Hitze für den Tag und sieht irgendwie kränklich aus. Weit und breit keine Wolken.
Tanner gewöhnt sich nach und nach an die Hitze. In Marokko hatte er sie richtig schätzen gelernt. Ein Gräuel blieben ihm allerdings die feucht-kalten Tage im Winter, denn in seinem Haus gab es keine Heizung. Dafür gab es die unendlichen Variationen der tajines von Khadjia. Und abends legte sie warme Steine in sein Bett, die sie in heißem Wasser erwärmt hatte …
Aber das war lange her und die Erinnerungen an seine Jahre in Marokko erschienen ihm plötzlich nicht wie Erinnerungen an eine Wirklichkeit, sondern an eine geträumte Zeit. Der Rauswurf aus dem Land wie ein unsanftes Wecken …
So hektisch und betriebsam es in den Straßen der Innenstadt zu- und hergeht, so leer und ausgestorben ist die Anlage um den Theaterbrunnen. Die Touristen und die Kiffer schlafen noch. Auch für die Liebespaare ist es noch zu früh. Sie träumen noch von ihrer letzten Liebesnacht. Zumal der Bereich um den Brunnen immer noch abgesperrt ist.
Tanner beschließt, sich nicht direkt dem Busch zu nähern, sondern zuerst eine Weile das auch bei Tageslicht undurchdringlich scheinenden Gestrüpp und dessen Umgebung zu beobachten. Er lässt sich auf einer Bank unweit der Stelle nieder, setzt seine Sonnenbrille auf und wartet.
Die Anlage mit dem großen Brunnenbassin, dessen verspielt heitere Maschinen und Figuren aus polizeilichen Gründen noch nicht in Bewegung sind, erscheint heute Morgen inmitten der Betriebsamkeit der Stadt wie eine Oase der Trägheit und Stille. Ab und zu kommen einzelne Passanten durch die Unterführung, durchqueren die Anlage, ohne den Brunnen oder den still dasitzenden Tanner zu beachten.
Nichts deutet darauf hin, dass jemand in diesem Busch sitzt oder jemals saß. Außerdem ist es ein Rätsel, wie man in dieses undurchdringliche Gestrüpp hineinkommt. Oder wieder herauskommt. Immerhin handelt es sich um eine üppig wuchernde Pflanze mit Dornen. Aber die Stimme gestern Nacht war real. Da ist sich Tanner ganz sicher. Das hat er nicht geträumt, obwohl er oft genug an seiner Wahrnehmung zweifelt. Auch war er nicht betrunken. Der Tod von Michiko, der Anblick ihres hellen, bewegungslosen Leibes mitten im dunklen Wasser, die schnelle und flüchtige Arbeit der Polizei, der Besuch bei Kommissar … pardon, Hauptkommissar Schmid, das alles hat er schließlich auch nicht geträumt. Etwas fällt jetzt auf. Die Vögel …
Vögel fliegen den Busch an, setzen sich auf die Zweige und – verschwinden nach kurzem Zögern dann. Tanner versucht sich zu konzentrieren. Kommen sie auch wieder heraus? Vielleicht auf der von ihm abgewandten Seite des Busches? Denn da, wo sie in den Zweigen verschwinden, kommen sie offensichtlich nicht wieder heraus. Na ja, denkt Tanner, vielleicht haben die Vögel im Busch eine Gipfelkonferenz. Wenn es so ist, dann ist es aber eine sehr stille Konferenz. Man hört nämlich keinen Laut. Meditieren Vögel? In der Gruppe?
Tanner lacht still in sich hinein.
In diesem Moment kommt durch die Unterführung eine gebückt gehende Frau. Sie ist klein und schmal, hält ihren Kopf gesenkt und schleppt einen prall gefüllten, einachsigen Einkaufswagen hinter sich her. Diese Art von Einkaufswagen hatte früher auch Tanners Großmutter benutzt. Jetzt steht sie einen Moment still und atmet tief durch. Ihre grauen Haare sind straff nach hinten gekämmt und in einem kleinen Knoten am Hinterkopf zusammengehalten. Sie trägt trotz der Hitze mehrere dünne Mäntel übereinander und dicke graue Strümpfe. Jetzt setzt sie ihren Weg fort und verschwindet aus Tanners Blickfeld hinter dem Busch. Da sie nicht wieder auftaucht, denkt Tanner, sie müsse schon wieder eine Verschnaufpause machen. In diesem Moment rauscht es in den Zweigen, und ein Schwarm Vögel schwirrt aus dem Inneren des Dickichts. Wie auf Kommando schießen sie heraus in die Freiheit. Im nächsten Augenblick sind sie schon verschwunden. In alle Himmelsrichtungen. Sind sie vom Auftauchen der Frau erschreckt worden? Und wo bleibt sie eigentlich? Tanner beschließt nach einer Weile, näher zum Busch zu gehen. Ohne Hast und so unauffällig wie möglich nähert er sich.
Plötzlich hört er Stimmen. Tanner bleibt stehen und lauscht. Zwei Stimmen sprechen ohne Punkt und Komma hastig aufeinander ein, gleichzeitig rascheln Papier und Laub. Tanner geht näher und erkennt jetzt die hohe Stimme, die gestern aus dem Busch heraus gesprochen hatte. Offensichtlich schimpft die Stimme mit der Frau, die sich energisch, aber mit gepresster Stimme zur Wehr setzt.
Batterien bring mir Batterien das machst du extra du bist eine Verdammte/ja ja immer brauchst du Batterien ich habe dir vor zwei Tagen welche gebracht warum hast du sie vergessen das machst du extra um mich zu quälen/das bildest du dir ein du quälst mich mit deinen ewigen Vorwürfen/Gottes Strafe soll dich treffen, der Wurm in meinem Ohr hat es mir gesagt/sei still du undankbarer Mensch was würdest du denn ohne mich machen/ich brauche auch wieder neue Zeitungen die hast du mir auch nicht gebracht du weißt dass ich sie zum Schutz gegen die Geister brauche die alten sind schon ganz verschwitzt/ja ja du du du brauchst brauchst und ich soll springen wenn es dem Herrn gefällt/schweig Alte gehe heim und bringe mir Batterien und nicht wieder die falschen die dicken runden die brauche ich und jetzt schweig ich muss beten/ja ja ja …
Die Frau murmelt noch eine Weile Unverständliches. Als sie hinter dem Busch wieder sichtbar wird, ist ihr Einkaufswagen leer. Immer noch murmelnd und maulend geht sie zurück, in Richtung Fußgängerunterführung.
Tanner zieht sich leise zurück. Er will sich dem Wesen im Busch nicht mit leeren Händen nähern. Im nächsten Warenhaus findet er, was er sucht.
Diesmal geht er direkt auf den Busch zu. Von derselben Seite, wo die Alte stand. Da befindet sich anscheinend der Besuchs- und Lieferanteneingang. Tanner zitiert zu seiner Anmeldung die Frage, die er gestern Nacht aus dem Busch gehört hat.
Was ist das Größre vor dem Herrn? Ein ausgespiener Apfelkern, ein Hund, ein Kind, ein Halm im Wind, die Reue einer Dirne?
Es bleibt still im Busch. Tanner neigt sich etwas vor, kann aber durch das enge Geflecht der Zweige und Blätter nichts erkennen. Wenn ihn jetzt jemand beobachtet hätte, ihn sogar gehört hätte, er müsste denken, Tanner sei nicht bei Trost, er sei sicher einer dieser durchs Radio Gesuchten. Gebeten wird um schonendes Anhalten. Na ja, wenn schon.
Vorsichtig beginnt er, mit beiden Händen in die Äste zu greifen. Bevor er sie richtig anfassen kann, schreit die Fistelstimme.
Wage es nicht, den Hakeldamach zu betreten. Wage es nicht, ihn auch nur zu berühren, sündiges Stück Fleisch. Ich allein bewohne den Blutacker. Die flammenden Schwerter meiner Erzengel werden dich zerfleischen …
Und wieder geht die hohe Stimme in mehrstimmigem Knurren und wilden Geräuschen von zähnefletschenden Hunden unter. Diesmal hört man aber deutlich, dass die Batterien des Tonbandes bald am Ende sind. Was gestern Nacht noch einigermaßen überzeugte, wird zum rührend lächerlichen Versuch, böse Geister vom Busch fern zu halten. Damit kann man aber höchstens kleine Kinder erschrecken. Oder vielleicht ganz kleine Hunde, die an den Busch pinkeln wollen. Tanner versucht das Tohuwabohu von Fistelstimme und mehrstimmigem Hundechor ab Konserve zu übertönen.
Ich will nichts Böses. Ich will nur mit Ihnen reden. Und ich bringe neue Batterien, die dicken runden, die sind doch richtig, oder?
Der Busch gibt abrupt Ruhe. Diesmal hört Tanner auch deutlich den Schalter des Tonbands. Nach einer Weile wiederholt er sein Anliegen.
Und ich möchte wirklich wissen, was das Größre ist vor dem Herrn … Lange Stille. Tanner rührt sich nicht.
Was glaubst du denn? Fragen muss man selber beantworten, sonst nützen die besten Antworten nichts. Aber überlege es dir gut!
Tanner verschränkt die Arme. Ja, was ist denn das Größere vor dem Herrn. Die Reue einer Dirne? Reue für was? Das klingt sehr moralisch. Angesichts der toten Michiko sowieso.
Am poetischsten wäre natürlich der Halm im Wind. Ein fast schon japanisches Bild. Die Schönheit an sich. Die Kunst. Ob die Kunst das Größte vor dem Herrn ist? Wohl kaum.
Am philosophischsten ist das Bild vom Apfelkern. Auch wenn er ausgespien wurde. Oder gerade dann. Das scheinbar Unwerte. Der Apfelkern ist winzig, äußerlich banal, unscheinbar, und doch birgt er Leben und es kann daraus ein großer, blühender Apfelbaum entstehen. Und im Laufe seiner Zeit wird er Tausende von Äpfeln produzieren. Und wieder Apfelbäume. Der unscheinbare Apfelkern birgt eine Explosion von Leben in sich.
Und was ist mit dem Kind? Als Antwort wahrscheinlich zu sentimental, auch wenn Jesus gesagt hat, lasst die Kinder zu mir kommen. Ein Hund? In dieser Art von Fragestellung ganz gewiss nicht die richtige Antwort. Also trifft Tanner seine Entscheidung. Kaum hat er sie ausgesprochen, juchzt der Busch auf.
Nein, falsch! Ganz falsch. Ganz daneben. Da wollte einer klug sein … philosophisch sein, ha, ha … völlig falsch gedacht. Ha, ha, falsch … falscher … am falschesten …
Die sonst schon hohe Stimme überschlägt sich und geht in ein heiseres Singen und Lachen über.
Argumentieren hat wohl keinen Sinn, überlegt Tanner, schweigt und wartet, bis der Anfall vorüber ist.
Du kannst die Batterien in die Kiste legen. Und morgen früh darfst du es wieder probieren … mit einer Antwort, meine ich, ha, ha … jeden Morgen eine Antwort. Wenn du die richtige weißt, werde ich mit dir reden … aber erst dann.
Tatsächlich schiebt sich zwischen dem Boden und der untersten Reihe von Ästen eine flache Holzkiste hervor und bleibt auffordernd vor Tanners Füßen liegen.
Seufzend legt Tanner die Batterien hinein. Sofort wird die Kiste in das undurchdringliche, blickdichte Gebüsch zurückgezogen. Und wieder hüllt sich der Busch in Schweigen. Tanner überlegt, ob er noch mal fragen soll, etwa gezielt nach der Toten im Brunnen, aber wahrscheinlich wäre die Antwort unter den gegebenen Umständen nicht ergiebig. Er muss sich wohl oder übel dem begonnenen Frageund-Antwort-Ritual unterziehen.
Wie mag dieser Mann in den Busch gekommen sein? Ist er einfach ein Clochard, der seinen Ort gefunden hat? Was hält ihn gefangen? Innerhalb des Busches kann er ja allerhöchstens zwei Quadratmeter Platz haben. Und wer weiß von seiner Existenz? Die Behörden ja wohl kaum. Und was ist mit den Gärtnern? Die werden doch die Anlage regelmäßig pflegen. Die müssen es ja wissen. Und wer ist die alte Frau, die ihm als Verbindung zur Außenwelt und als Versorgerin dient? Ist sie seine Frau? Der Dialog zwischen den beiden wirkte wie gehässige Eheroutine.
Ohne sich zu verabschieden, entfernt Tanner sich vom Busch. Jede Art von Verabschiedung wäre ihm lächerlich erschienen. Morgen wird er einen zweiten Versuch mit der Antwort machen. Die Alternativen sind ja an einer Hand abzuzählen. Hätte Tanner ein bisschen aufmerksamer auf die Umgebung des Brunnens geachtet, wäre ihm nicht entgangen, dass er nicht der Einzige ist, der sich für den Busch interessiert.
ACHT
Im spanischen Restaurant sitzt Martha mit hochgezogenen Schultern am Tisch. Die Hände zwischen die Knie geklemmt, starrt sie stumm abwechselnd auf ihren leeren Teller und auf Tanner. So attraktiv sie in der weißen Bluse, in dem kurzen Lederrock und den neuen italienischen Schuhen auch wirkt, die Hilflosigkeit in ihren Augen, verstärkt durch die Haltung ihres Körpers, machen aus ihr in diesem Moment wieder das scheue, ungeschickte Mädchen vom Land, das Tanner aus der gemeinsamen Schulzeit in Erinnerung hatte.
Sie hatte ihn am frühen Nachmittag angerufen und gefragt, ob es ihm etwas ausmachen würde, sie in der Weltstadt am See zu treffen, da sie den ganzen Tag dort beschäftigt sei. Er hatte natürlich sofort eingewilligt, obwohl er nicht besonders gerne in die Stadt seiner früheren beruflichen Tätigkeiten zurückkehrte.
Sie reagiert heftiger auf Tanners leisen Bericht über Elsie, ihre Liebe und ihren wahrscheinlich nahen Tod, als Tanner erwartet hatte. Eigentlich wollte er es ihr nicht erzählen, schon gar nicht an diesem Abend, aber irgendwie hat Martha, durch und durch raffinierte Journalistin, ihm schließlich die ganze Geschichte entlockt.
Zur Bedingung, dass sie überhaupt mit ihm essen ging, gehörte ja das Versprechen, dass er ihr von seinem Besuch im Schlaraffenländli erzählte, und zwar mit allen Details, wie sie ausdrücklich betonte. Nun, ihr alle Details dieses Besuches zu erzählen, war kein Problem für Tanner. Zumal es ja ein ziemlich abrupt abgebrochener Besuch war. Aber wie macht man einer Frau begreiflich, warum man zu einer Nutte geht? Und auch noch einer Frau, die einem ungemein gut gefällt?
Und so wurde das Gespräch zwischen Martha und Tanner ernster, leiser und die Spannung zwischen ihnen immer greifbarer. Und zwar eine Art Spannung, die einen immer stärker verkrampft, je mehr man ihr entkommen möchte. Tanner hatte sich den ersten gemeinsamen Abend ganz anders vorgestellt. Dabei hatte ihre Begrüßung und die erste halbe Stunde ihrer Begegnung ein unbeschwertes Klima gehabt. Sie sprachen über unverfängliche Dinge aus der gemeinsamen Vergangenheit. Sie lachten gemeinsam über ihre ehemaligen Mitschüler und über ihre alten Lehrer. Kurz, es war eine Leichtigkeit und Vertrautheit zwischen ihnen, die Tanner freudig überrascht und dementsprechend animiert hatte. Sie versetzte ihn in Hochform. Martha hingegen reagierte anders. Als ob diese Schwingungen sie erschreckten. Als ob diese Stimmung, die sich spontan zwischen ihnen eingestellt hatte, nicht in ihr Konzept passte. Man konnte direkt sehen, wie sie geradezu mit Fleiß und mit System ihre Ausgelassenheit und Offenheit zurücknahm. Wie eine Fischerin, die ihre Netze einholt. Ihre Fragen wurden zunehmend penibler, ihre Ansichten zu allem, was Tanner sagte, schärfer und eigenartiger. Und das Schlimmste für Tanner war: Je mehr er von sich preisgab, desto bedrückter wurde Martha. Es begann ein eigenartiger Teufelskreis: Da er das Gefühl hatte, dass sie ihn immer weniger verstand, holte er immer weiter aus, durchpflügte die Vergangenheit seines Lebens, berichtete von seinen Beziehungen und schilderte ihr so plastisch wie möglich einschneidende Ereignisse. Aus lauter Verzweiflung erzählte er hundert und eine Anekdote. Es nützte alles nichts. Er sah deutlich in ihren Augen, dass er sie nicht überzeugen konnte. Sie bestand darauf, dass er vom Wesentlichen sprach. Und so erzählte er schließlich doch die Geschichte von Elsie. Da begann sie stumm zu werden. Bei allen anderen Dingen, von denen Tanner vorher sprach, hatte sie unerbittlich nachgehakt. Jetzt lauschte sie nur noch stumm seinen Worten. Vom Essen bekam Tanner für einmal wenig mit, obwohl der spanische Koch ohne Zweifel exzellent kochte.
Als Tanner endlich zu Ende erzählt hat, schweigen sie lange. Martha rührt in ihrem Kaffee. Dann blickt sie ihn lange an.
Ich habe dich doch falsch eingeschätzt, Tanner. Es tut mir Leid … du tust mir Leid … die Kinder, obwohl ich sie nicht kenne, tun mir Leid … Elsie tut mir Leid … ja, ja, jetzt fange ich auch noch an zu weinen, Scheiße!
Martha erhebt sich abrupt und verschwindet durch die Reihen der vielen verschiedenen Palmenpflanzen, die das Restaurant in einen wahrhaften Dschungel verwandelt haben; wahrscheinlich flieht sie zu den sehr gepflegten Toiletten, die sich in den Kellerräumen befinden. Unzählige gierige Männerblicke verfolgen die nackten Beine der schlanken Gestalt, bis sie das grüne Dickicht verschlungen hat.
Affen … lauter Affen … Affen im Urwald, murmelt Tanner wütend vor sich hin. Er weiß selber nicht, auf wen er eigentlich wütend sein soll: auf all die Männer, die jedem Minirock hinterherhecheln, oder auf sich selber, weil er es nicht verstanden hat, den Verlauf ihrer Begegnung in andere Bahnen zu lenken.
Barscher als beabsichtigt verlangt er die Rechnung bei dem sympathischen Kellner, der in dem Restaurant arbeitet, seit es unter der Herrschaft des Spaniers mit dem Bleistift hinterm Ohr steht. Tanner erschrickt selber über seinen unfreundlichen Ton. Zum Ausgleich gibt er dem Kellner ein geradezu fürstliches Trinkgeld und entschuldigt sich mit einem etwas verkniffenen Lächeln.
De nada, choder … muchas gracias.
Tanner steht auf und geht Martha nach.
Er lauscht an der Tür der Damentoilette. Offensichtlich telefoniert sie mit ihrem Handy. Leider kann er kein Wort verstehen.
Kein Wunder, bleibt sie so lange verschwunden, denkt Tanner und klopft an die Tür.
Bist du noch da, Martha?
Sie unterbricht ihr Gespräch.
Ich bin gleich fertig, Tanner, entschuldige …
Keine Ursache, ich wollte nur sicher sein, dass du noch da bist. Ich warte hier unten auf dich, ich habe bereits bezahlt. Lass dir Zeit.
Tanner setzt sich seufzend in einen Kinderstuhl bei der Märchenecke, die für die kleinsten Besucher des Restaurants eingerichtet wurde.
Mit wem Martha wohl telefoniert?
Nie im Leben würde er es erraten. Vor allem, was ihr zweites Gespräch betrifft. Aufschlussreich wäre es allerdings schon gewesen, wenn er es gekonnt hätte. Tanner holt tief Atem und seufzt. Gedankenverloren greift er zu einem der Kopfhörer. Eine widerlich süßliche Frauenstimme erzählt in einem völlig falschen Märchenton von Schneewittchen. Und wie es scheint, in ziemlich freier Form. Einer der Zwerge fragt gerade atemlos, welchen von den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen sie denn am meisten lieb habe. Er fragt es im Brustton der Überzeugung, dass ganz bestimmt nur er der Auserwählte sein kann. Darauf lässt die Erzähltante das Schneewittchen ziemlich zickig auflachen. Wahrscheinlich war ein liebliches Prinzessinnenlachen gemeint …
Aber ich habe euch doch alle gleich gern, ihr dummen Zwerge, ihr seid mir alle gleich lieb und wichtig.
Was für eine verlogene Antwort, denkt Tanner verstimmt. In diesem Moment tippt ihm Martha auf die Schulter. Er dreht sich zu ihr um. Martha lacht. Die Sonne im Märchen könnte dem naiven Müllersohn nicht freundlicher strahlen.
Du siehst, es geht mir besser. Ein bisschen kaltes Wasser ins Gesicht kann manchmal Wunder wirken.
Martha sieht tatsächlich nicht nur erfrischt aus, sondern sie hat offensichtlich auch ihre gute Laune wiedergefunden. Dass das alles aufs Konto von kaltem Wasser gehen soll, bezweifelt Tanner allerdings. Mit wem sie nur telefoniert hat? Hat sie angerufen oder war es einfach ein Zufall, dass ihr Telefon klingelte, während sie auf der Toilette war? Tanner hat große Lust danach zu fragen, verkneift es sich aber. Was geht es ihn an? Er hat sich über dreißig Jahre lang nicht bei ihr gemeldet, ja nicht einmal an sie gedacht, und jetzt ist er schon verstimmt, wenn ein paar fremde Männer ihr nachblicken und sie ein privates Telefongespräch auf der Damentoilette führt.
Warum habe ich bloß dieses beharrliche Gefühl, dass dieses Gespräch mich irgendwie betrifft, fragt er sich im Stillen. Er beschließt, das Gefühl einfach zu ignorieren. Es fällt ihm gar nicht so schwer, denn Martha hängt sich in diesem Moment mit einem wirklich verführerischen Lächeln bei ihm ein.
Komm, Tanner, lass uns fahren. Ich hoffe, du hast ein schnelles Auto. Ich will mal sehen, wie du wohnst.
Sie holen den kleinen BMW, den Tanner wieder gemietet hat, aus dem Parkhaus. Tanner bezahlt an einem der hypermodernen Parkautomaten, ohne mit der Wimper zu zucken, den horrenden Betrag … Ich will mal sehen, wie du wohnst …
Dieser von Martha leicht hingeworfene Satz dröhnt in Tanners Schädel und will nicht leiser werden. Er hat das Gefühl, als habe ihn irgendetwas Mächtiges geschubst. Sagen wir mal: eine Abrissbirne. Und zwar in eine Richtung gezwungen, die Tanner im Moment etwas unheimlich vorkommt. Wollte er das nicht auch? Wie? Die Nacht mit ihr verbringen! Ja? Nein? Ja, schon, aber …
Leise hört Tanner die alten Richter seines inneren Hohen Tribunals vor sich hin kichern. Sie hatten sich lange nicht mehr gemeldet. Vielmehr: Es hatte lange nichts zu melden gegeben.
Martha plaudert auf ihrem kurzen Weg durch die Innenstadt ohne Punkt und Komma. Wie weggeblasen ihre Verstimmung, ihr Traueranfall. Sie erzählt unbeschwert von ihren Kolleginnen und Kollegen bei der Zeitung, von ihrem bärbeißigen Chef, den Tanner ja kurz gesehen – und vor allem gehört hatte. Sie berichtet von ihrer neuen Arbeit. Sie bildet wohl eine Art ziemlich selbstständige Abteilung für besondere Aufgaben. Direkt der obersten Leitung unterstellt und niemandem sonst Rechenschaft schuldig.
Tanner hat Mühe, ihren frei assoziierenden Wörterkaskaden zu folgen. Mit ihrer kurzen Bemerkung hat sie ihn ganz schön durcheinander gebracht. Was ist nur in Martha gefahren? Woher dieser Umschwung? Auf einmal, quasi aus heiterem Himmel, will sie seine Wohnung sehen. Sie will also partout nicht in ihre Stadt zurückfahren, sie will Tanners Wohnung am kleinen See sehen.
Hätte ihn jemand gefragt, ob er Martha heute bitten würde, ihn in seine Wohnung zu begleiten, er hätte ihn entweder offiziell für verrückt oder zu einem psychologischen Vollidioten erklärt. Zu einem kompletten Ignoranten der weiblichen Seele auf jeden Fall.
NEUN
Das Haus am See, in dem Tanner sich eine Wohnung gemietet hat, ist voll mit antiken Möbeln und mit ebenso vielen Geschichten und Histörchen. Erbaut im 17. Jahrhundert – übrigens vom selben Architekten wie das nahe gelegene Schloss – war es zunächst Gasthof und Relaisstation für die Postkutschen, die die reichen Herrschaften von Paris in die Schweiz oder nach Italien und zurück beförderten. Die Legende des Hauses behauptet, dass auch die Gattin von Napoleon und andere hochwohlgeborene Persönlichkeiten aus Politik und Adel in diesem Hause übernachtet haben sollen.
Später wurde das Haus zu einem vornehmen Institut für die – wie man sie damals nannte – höheren Töchter und deren Erziehung zu perfekten Gattinnen umgewandelt. Eine Vorstellung, die Tanner ganz besonders amüsiert. Kurzzeitig war das Haus ein Restaurant, bis es dann als vornehmes Privat- und Patrizierhaus seine endgültige Verwendung fand.
Der jetzige Besitzer, ein schrulliger, pensionierter Apotheker, hat es von seiner noch schrulligeren Mutter geerbt, die fast dreißig Jahre lang das große, mit Glyzinien bewachsene Haus mutterseelenallein bewohnte, nachdem ihr Mann, ein Kunstlehrer aus Genf, gestorben war. Sie pflegte allerdings während der letzten Jahre immer zu behaupten, dass ihr Mann erst vor sieben Jahren gestorben sei. Das unterste Stockwerk besteht zur Hauptsache aus einem großen, dunklen Empfangs- und Wohnraum, mit einem Kamin, in dem ohne weiteres ein kleines Kammerorchester Platz nehmen könnte. In der Beletage im ersten Stock ist es heller und wohnlicher. Diese beiden Stockwerke sind bis auf weiteres unbewohnt, da der Besitzer sich nie richtig entscheiden konnte umzuziehen. Schön renoviert hat er das Haus für eine Riesenstange Geld, aber bewohnen will er es offenbar nicht. Tanner bewohnt den ganzen obersten Stock. Da, wo früher die Bediensteten hausten. Der Blick aus den Fenstern ist schlicht atemberaubend. Der Park. Der See. Das gegenüberliegende Ufer mit seiner sanft geschwungenen Hügelkette. Es ist einmalig.
In der ersten Zeit hatte Tanner allerdings keinen Blick für diese Schönheit. Der Schmerz um das Schicksal seiner Geliebten machte ihn blind für solche Äußerlichkeiten. Er hatte sich für die Wohnung entschieden, weil er sofort den Geruch dieses Hauses mochte. Ein Schritt ins Haus hinein, ein Atemzug … und er wusste, dass er hier wohnen wollte. Tanner fehlen jeweils die Worte, wenn er jemandem von diesem Geruch erzählen will. Auch jetzt, da er mit Martha auf dem Weg zu seinem neuen Zuhause ist.
Martha, du wirst es ja gleich selber riechen. Das Haus ist halt aus richtigem Stein gebaut, dazu viel altes Holz und komplett bewachsen mit diesen wunderschönen Glyzinien.
Martha nickt nur leicht mit dem Kopf, nun ihrerseits verwundert über den ununterbrochenen Erzählfluss von Tanner. Sie interessiert sich zwar auch für alte Häuser, aber Tanner spricht die ganze Zeit über dieses Haus, als ob er über eine Geliebte spräche.
Andererseits weiß sie natürlich, dass sie ihn mit dem Entschluss, mit ihm zu fahren, nervös gemacht hat. Eigentlich verstand sie selber im Nachhinein ihre spontane Entscheidung kaum noch, aber nachdem ihr Chef so lange am Telefon genervt und sie endlich einmal den Mut gefunden hatte, ihm ungeschminkt die Meinung zu sagen, vor allem über seine plumpen Annäherungsversuche, war es ihr, als ob ein unerträgliches Gewicht von ihr abgefallen wäre. Seit Monaten versucht Stettler, sie in sein Bett zu kriegen. Dabei mochte sie ihn anfänglich sehr gerne. Er ist ungeheuer intelligent, wortgewandt und witzig und von einer geradezu barocken Lebens- und Sinnenfreude. Aber seit er sich offenkundig in den Kopf gesetzt hat, sie in die lange Liste seiner Eroberungen einzureihen, findet sie ihn von Tag zu Tag widerlicher. Und das Ganze dauert nun schon ewige Monate. Zugegeben, am Anfang fühlte sie sich von seinen unverblümten Avancen geschmeichelt, immerhin ist er der große Boss der Zeitung, aber diese Zeit ist längst vorbei. Mittlerweile fühlt sie sich sogar bei ihrer Arbeit behindert und überlegt sich ernsthaft, ob sie nicht eine neue Stelle suchen soll.
Sie betrachtet Tanner von der Seite, der ununterbrochen von diesem Wunderhaus schwärmt, und überlegt, ob sie vielleicht mit ihm darüber reden sollte. Besser nicht. Sonst bildet er sich am Ende noch mehr ein, als er es eh schon tut. Unter dem Vorwand, seinen Schwärmereien aufmerksam zuzuhören, kann sie ihn ausgiebig betrachten. Früher in der Schule hatte sie das kaum gewagt, obwohl sie doch die gesamte gemeinsame Schulzeit, und noch lange danach, rasend in ihn verliebt war. Er hat sie natürlich nicht beachtet. Sie, das hässliche Entlein vom Lande. Außer natürlich, wenn er von ihr eine Arbeit abschreiben durfte oder sie ihm gnädigst eine schwierige Mathematikaufgabe siebenmal erklären durfte. Was war er doch für eine Flasche in Mathematik! Sie kann nicht verhindern, dass sie lachen muss. Tanner lacht mit und denkt wohl, seine Erzählung sei witzig. Er hat gerade von dieser alten Frau erzählt, deren Haarteil nicht selten an einem tief hängenden Baumast im Garten hing. Martha hört nur mit halbem Ohr zu.
Attraktiv ist er immer noch, denkt Martha bei sich, vielleicht sogar noch mehr als damals. Und wie er da sitzt. Wie er das Auto lenkt, als wär’s ein Teil von ihm. Sie betrachtet seine glatte Stirn. Obwohl er immer noch diese dichten Strähnen besitzt, ist die Stirn deutlich höher geworden. Dadurch wirkt seine Nase energischer. Und der Mund noch weicher. Seine Haare hätte sie früher so gerne angefasst, mehr hatte sie ja gar nicht gewollt. Mehr konnte sie sich damals auch gar nicht vorstellen. Jetzt dürfte sie wahrscheinlich alles an ihm anfassen, wenn sie nur wollte. Aber das wird nie geschehen. Das hat sie sich geschworen. Leide nie zweimal wegen demselben Mann. Ein ehernes Gesetz. Und dass sie leiden würde, war sonnenklar. Früher oder später. Wenn hier also einer leidet, dann soll er es sein. Er hat sie lange genug behandelt, als sei sie Luft. Weniger als Luft, denn die braucht man zum Leben. Diesen Moment, damals in den Bergen, wo er ihre Hand halten musste, weil der Lehrer es befohlen hatte, den wird sie allerdings nie vergessen. Da war eine Hitze in ihr, die sie später nie mehr erlebt hat. Und diesen Augenblick wird sie ihm nie verzeihen. Nie wird sie ihm verzeihen, dass er in diesem Moment nicht auch diese Hitze spürte. Im Gegenteil: dass er bei der nächsten Gelegenheit ihre zitternde Hand gleich wieder losließ und schleunigst zu dieser Schlampe, dieser Schlagersängerin aus Prag, überlief. Die einzige Genugtuung bezog sie damals aus der Tatsache, dass die ihn nicht ranließ. Die spielte nur mit ihm. Und auch nur während der Schulstunden. Kaum war nämlich die Schule aus, wurde sie von ihrem viel älteren Freund in einem schnellen Sportwagen abgeholt. Und dann litt Tanner. Und wie er litt. Es war ihm genau anzusehen. Nach ein paar Augenblicken des Genusses hatte sie dann doch Mitleid mit ihm und hasste umso mehr die andere.
Ja, was für ein netter Teufelskreis.
Ihre selbstvergessene Bemerkung passt an dieser Stelle zum Glück ganz gut zu der Erzählung von Tanner, der gerade berichtete, dass die alte Frau nachts in ihrem Bett Filme sah, die ein böser Nachbar projiziert haben soll. Wenn sie dann das Bett gewechselt habe, sei ihr der Film auch dort erschienen.
Eines gefällt ihr an Tanner immer noch. Leider. Schon als Junge besaß er diese Traurigkeit, die sich niemand erklären konnte. Auch heute kann sie sich dieser Trauer kaum entziehen. Immerhin kennt sie einen aktuellen Grund. Diese Elsie, die seit über einem Jahr im Koma liegt, die liebt er anscheinend. Martha graut bei der Vorstellung. Im Koma liegen. Nicht leben, nicht sterben. Aber traurig war er schon immer. Oder war es eher der Ausdruck einer nicht zu stillenden Sehnsucht? Eine Sehnsucht, die vielleicht durch nichts und durch niemanden zu stillen ist? Martha ist sich plötzlich nicht mehr sicher. Auf jeden Fall wird sie sich wappnen. Und nicht mit ihm ins Bett gehen. Keinesfalls.
Tanner räuspert sich und zeigt auf irgendwelche dunklen Umrisse.
Schau, Martha, da ist das Schloss, von dem ich dir erzählt habe, weißt du? Derselbe Architekt, ein französischer Offizier, der das Haus erbaut hat, in dem ich wohne. Hörst du mir überhaupt zu?
Martha schreckt hoch. Dann nickt sie schnell.
Entschuldige, Tanner, ich bin plötzlich müde. Die Autofahrt hat mich jetzt doch angestrengt und ich hatte einen mühsamen Tag. Und die Hitze.
Tanner versteht natürlich. Zum Glück sind sie gleich da. Er verlangsamt das Tempo seines Autos. Sie fahren durch ein großes Tor, der Kiesweg knirscht unter den Rädern.
So. Da sind wir.
Tanner nickt befriedigt. Er steigt aus und öffnet auf ihrer Seite die Wagentür. Es ist immer noch sehr warm. Über ihnen wölbt sich ein sagenhafter Sternenhimmel. Ein dickbauchiger Mond hängt über den Hügeln. Das dicht bewachsene Haus liegt im Schatten. Es ist still. Nur die Grillen zirpen und in der Ferne bellt dann und wann ein Hund. Der Brunnen zwischen dem Haupthaus und dem niedrigeren Gärtnerhaus plätschert friedlich, als ob er eine unendliche Geschichte zu erzählen wüsste. Martha taucht ihre nackten Arme bis über die Ellbogen in das kühle Wasser. Lange verharrt sie so, wie eine Skulptur. Tanner schaut sie an und wagt nicht, sich zu rühren, als ob er Angst hätte, etwas zu zerstören. Sie dreht ihm ihr Gesicht zu, ohne die Arme aus dem Wasser zu nehmen, schaut ihn lange an. Dann spricht sie leise, aber in einem sehr bestimmten Ton. In diesem neuen Ton, der ihn so überrascht hat.
Eines sage ich dir, Tanner. Wir werden heute Nacht nicht miteinander schlafen. Und wenn du lieb bist, dann diskutierst du jetzt nicht mit mir. Ich sage es dir und ich meine es genau so, wie ich es sage. Und ich spiele keine Spiele.
Natürlich liegt Tanner die Frage auf der Zunge, warum sie sich überhaupt entschlossen hat, mit ihm nach Hause zu fahren. Schließlich lag sein Haus ja nicht gerade am Weg. Aber er hütet sich, etwas zu sagen. Es kommt sowieso noch mehr von Martha. Das spürt er. Sie zieht die Arme aus dem Wasser und schüttelt sie ausgiebig.
Und wenn du dich jetzt zufällig fragen solltest, warum sie denn überhaupt mitgefahren ist, die blöde Kuh, so ist die Antwort ganz einfach. Ich war neugierig auf den Ort, wo sich unser Tanner, der sich all die Jahre so äußerst rar machte, niedergelassen hat. Und das Haus ist wirklich schön. Ja, wunderschön. Und ich wollte nicht allein zurück in meine leere Wohnung. Okay? Jetzt werfen wir noch einen Blick auf den See und danach zeigst du mir das Wunderhaus von innen. Ich bin auch sehr gespannt auf den berühmten Duft, den dieses Haus angeblich verströmt.
Lachend nimmt sie seinen Arm und zieht Tanner ungestüm in Richtung See, quer durch den Garten, bis zu der steinernen Balustrade, die den Garten abschließt. Das kurze Teilbad im Brunnen hat sie wohl aufgeweckt.
Hier erst begreift man, dass der Garten wie eine Terrasse ist, von der aus man praktisch den ganzen See überblicken kann. Martha lässt seinen Arm los und blickt stumm in die funkelnde Nacht hinaus.
Da fehlen mir echt die Worte, das ist … einfach toll. Tanner, ich beneide dich. Okay! Und jetzt der Duft.
Sie tänzelt los in Richtung Haustür, dreht sich dort auf dem Absatz um und blickt herausfordernd zu Tanner, der für ihren Geschmack ein bisschen zu langsam hinterhertrottet.
Tanner, öffne den Sesam. Ich will den Duft. Jetzt! Schläfst du schon? Ah, jetzt mach nicht so ein Gesicht, freu dich doch, dass ich hier bin.
Sie schnappt sich den Schlüssel aus Tanners Hand und öffnet schnell und geschickt die Tür. Sie steht im dunklen, kühlen Steinflur und nimmt einen tiefen Atemzug. Und noch einen. Dann dreht sie sich um und strahlt den etwas zu offensichtlich verstummten Tanner an. Sie hat beschlossen, darauf gar nicht einzugehen.
Wow, du hast Recht, es riecht, wie, äh … wie wenn man zu Hause angekommen ist. Von weit her. Nach einer sehr, sehr langen, beschwerlichen Reise. Ja, genau. So riecht es hier.
Martha hat Recht. Genau so duftet es. Tanner nickt und schließt gottergeben die schwere Haustür hinter sich. Martha schwebt in der Zeit bereits die ausgetretenen Steinstufen empor. Sie hat sich auch schon ihre italienischen Schuhe ausgezogen und sie einfach fallen gelassen. Tanner bückt sich seufzend und trägt sie hinauf. Er hört, wie Martha oben seine Wohnung aufschließt. Gleich darauf einige Laute des Entzückens. Als er oben ankommt, hat sie schon alle Türen aufgerissen und erforscht barfuß seine Wohnung. Das Mondlicht schimmert auf den dunklen Holzböden. Tanner lässt sich in der großen Zimmerflucht mit dem Blick zum See auf das Sofa fallen. Ihre Schuhe hat er immer noch in der Hand. Aus dem hintersten Zimmer, wo sein Bett steht, hört er sie lachen.
Das ist genau die Wohnung, wie ich sie auch möchte. Unendlich viele Zimmer, die alle leer sind, ruft sie. Eine Wohnung, durch die man rennen kann.
Er schließt die Augen und hört zu, wie sie mit ihren nackten Füßen durch seine Wohnung rennt.
Er seufzt.
Wie wird dieser Abend enden? Oder ist er schon zu Ende?
Seine Wohnung ist natürlich nicht ganz leer. Aber sie hat Recht. Sie wirkt ziemlich leer, weil jedes Zimmer höchstens ein Möbelstück beherbergt. Dort ein Tisch. Da ein Sofa. Im Zimmer ganz hinten ein Bett. Im Zimmer daneben eine lange Bücherwand und eine Musikanlage. In einem Zimmer liegt bloß ein dicker Teppich aus Marokko. All die anderen Sachen hat Tanner im leeren Gärtnerhaus eingestellt. Im Grunde braucht er sie alle nicht mehr.
Ich bin gespannt, wie du meine Badewanne findest, die ist nämlich riesig und ova …
Oh, wow! Verflucht! Eine ovale Badewanne. Wahnsinn!
Kreischend verkündet sie die Entdeckung. Tanner lächelt.
Wusst ich’s doch!
Er stellt ihre Schuhe auf den Boden, zieht seine aus und bettet sich bequem auf das Sofa, die Hände hinter dem Kopf gefaltet.
Jetzt bin ich gespannt, wie sich das Rätsel Martha weiterentfaltet, denkt er bei sich und findet seine gute Laune und auch seine Selbstsicherheit wieder. Ja, eigentlich amüsiert ihn das Ganze, zu offensichtlich entschlüsselt sich dem geschulten Kenner ihr Verhalten.
Genüsslich beginnt er eine Melodie zu summen, die ihm für die Situation sehr passend vorkommt. Zuerst summt er sie leise, dann etwas lauter. Plötzlich hört er Martha in seinem Rücken. Sie singt gekonnt die Melodie mit. Etwas später übernimmt sie das Lied ganz. Kein Wunder: Sie kennt die Worte, die Zerlina singt. Und noch etwas, was er nicht wusste: Martha singt wunderschön. Er dreht sich auf den Bauch, um sie zu sehen. Sie steht sehr aufrecht in der Tür, hält sich mit beiden Händen am Türrahmen fest und singt mit geschlossenen Augen die zärtlichen Worte des Liebesduetts.
An einer der schönsten Stellen bricht sie ab und öffnet die Augen. Jetzt könnte nicht die kleinste Stecknadel ungehört auf den Boden fallen.
In welchem Bett schlafe ich?
Ganz hinten steht ein breites Bett, es ist zufällig frisch bezogen. Ich schlafe hier auf dem Sofa. Wann möchte Zerlina denn frühstücken? Ich muss morgen um neun Uhr in der Hauptstadt sein. Fährst du mich hin? Am Nachmittag muss ich ins Büro und zurück in den Alltag.
In Ordnung. Ich kann dich am Nachmittag auch in deinen Alltag zurückfahren. Ich habe ja immer noch mein Hotelzimmer und meine Sachen dort. In deiner Alltagsstadt, meine ich. Außerdem habe ich dort noch einiges zu erledigen.
Wunderbar, Tanner.
Sie macht einen zögernden Schritt, dann dreht sie sich noch einmal zu ihm um.
Bist du mir böse? Ein bisschen? Ich hoffe nicht. Schlaf gut.
Sie huscht unvermittelt zu ihm und küsst ihn mitten auf den Mund, allerdings: Hätte man die Zeit messen wollen, in der sich ihre Lippen berührten, würden Geräte aus der Welt der mechanischen Zeitmessung leider nichts anzeigen. Aber die Zeit reichte immerhin, um ihren Duft wahrzunehmen.
Als sie längst im Dunkeln verschwunden ist, kommt ziemlich verspätet die Antwort auf ihre letzte Frage. Sie ist ja auch nicht für ihre Ohren bestimmt. Dann ist es plötzlich sehr still. Nur der Duft verweilt noch eine Weile. Vielleicht bildet er sich das auch nur ein. Ja, so ist das mit den Düften.
ZEHN
Serge Michel sitzt in seinem klimatisierten Dienstwagen und kaut lustlos an einem mächtigen Spezialsandwich, das die Vermieterin des trostlosen Appartements, das er seit Jahren bewohnt, fachgerecht für ihn zubereitet hat. Fachgerecht im Michel’schen Sinne. Das macht sie jeden Tag.
Für das Sandwich nimmt sie eines jener unglaublich knusprigen Halbweißbrote, ein halbes Kilo schwer, schneidet es mit ihrem scharfen Sägemesser einmal quer durch, bestreicht die aufgeschnittenen Brotteile dick mit Butter, die sie sich bei dem Bauern um die Ecke besorgt. Auf die Butter kommt eine dicke Lage Senf. Ein viertel Glas geht dabei spielend drauf. Dann kommen verschiedene Lagen Fleisch und Gemüse. Auf die glatte Senfpiste kommt erst einmal eine ebenso glatte Schicht fein geschnittener, gekochter Schinken. Dann eine Lage Speckstreifen, und zwar in krauser, aufgelockerter Form, nicht glatt hingelegt. Auf den Speck kommt je nach Jahreszeit eine Lage frische Tomaten, gebratene Auberginen, gedämpfte Peperoni oder in Gottes Namen halt sonst ein Gemüse, das die Frau vielleicht noch vom Mittagessen des Vortages übrig hat. Nur jede Art von Kohl hat sich der gute Michel verbeten. Und keine Gurken. Michel hasst Gurken. Auf das möglichst farbige Gemüsebeet oben drauf – quasi als innerster Kern des Sandwichs – wird gebratenes Fleisch gebettet. Wiener Schnitzel hat er am liebsten. Es darf ab und zu auch einmal das ausgelöste Fleisch eines gebratenen Huhns sein. Auf diese innerste Fleischschicht kommt dann in umgekehrter Reihenfolge wieder Gemüse, Speck, Schinken. Am Schluss die zweite mit Butter und Senf bestrichene Brothälfte. Symmetrie ist alles.
Dass er lustlos isst, kommt bei dem kolossalen Vielfraß Serge Michel im Schnitt erwiesenermaßen höchstens alle zehn Jahre einmal vor. Jetzt ist die Statistik allerdings ins Wanken geraten, denn vor zwei Wochen ist es schon einmal vorgekommen. An dem Tag nämlich, als ihn seine Geliebte mit den Worten verließ, sie könne leider nicht mit einem Polizisten zusammen sein. Es sei für sie ganz und gar unmöglich, da sie nämlich jeden Tag vor Angst um ihn fast sterben müsse. Sie würde das bei aller Liebe und trotz allnächtlicher sexueller Ekstase, was sie so noch nie erlebt habe – wie auch, sie war ja noch Jungfrau, als sie den dicken Michel kennen lernte – einfach nicht aushalten. Er sei ja als Polizist mit dem Abschaum der Menschheit konfrontiert und ständig in Gefahr. Außerdem wolle sie Kinder, und das ginge nun partout nicht, nein, nein. Ein Vater, der ständig in Gefahr sei. Kinder, die mit einem Bein schon im Waisengrab stehen. Nein, nein, nein!
Sie war nicht zu bremsen, waren ihre Bilder und Beispiele auch noch so abstrus. Wie ein steter Lavafluss strömten ihre Argumente. Jedes, das Michel widerlegte, gebar sieben neue. Er mühte sich ab, erklärte, beschwor, flehte auf Knien und weinte. In den letzten Nächten ihres Beisammenseins steigerte er seine Bemühungen um ihre sexuelle Befriedigung ins schier Übermenschliche. Sie bebte und zitterte vor Lust. Ihr weißer Leib glühte vor angeheiztem Verlangen. Die pralle und an köstlich steil aufragenden Erhebungen, Spalten und Ausbuchtungen so reich gesegnete Topographie ihres Fleisches wurde von Michels Händen derart bearbeitet, als gälte es, sie neu zu formen. Die Wellen ihrer Wollust nahmen geradezu beängstigende Formen an, quasi tsunamihafte Ausmaße. Er sah nach diesen Tagen seines erbitterten Kampfes aus, als hätte er ganz allein noch einmal die blutige Schlacht von Solferino geschlagen. Und verloren.
Eines Morgens war das Bett neben ihm leer und im Badezimmer waren alle ihre Sachen weg. All die Fläschchen, Döschen und sonstigen geheimnisvollen Gerätschaften, die eine Frau braucht, die sich an den Schimären der illustrierten Hefte orientiert – alles war verschwunden. An diesem Tag hat Michel wirklich wenig gegessen und das Wenige lustlos.
Heute allerdings will sich der übliche Heißhunger aus einem anderen Grund nicht einstellen. Die dritte erschlagene Kuh ist im See gefunden worden. Und er hat immer noch nicht den geringsten Hinweis in der Hand. Nicht das leiseste Anzeichen von einer Spur. Es ist zum Davonlaufen. Auch die Laune des Herrn Oberstaatsanwalt verschlechtert sich von Tag zu Tag. Tote Kühe im See machen sich irgendwie nicht besonders gut. Die Hotels am See klagen schon über sinkende Bettenbelegungen.
Zu allem Überfluss hat sich das Wasser des Sees über weite Flächen in tiefrotes Blut verwandelt. Da die farbliche Verwandlung zeitlich hinterlistig exakt nach dem Auftauchen der ersten erschlagenen Kuh begann, verbindet die einfache Volksseele das rote Wasser mit den toten Kühen. Dass es sich um eine explosionsartige Vermehrung der so genannten Blutalgen handelt, ein Phänomen, das sich in diesem See alle paar Jahre wiederholt, kann nichts an der Penetranz ändern, mit der eine gewisse Presse genüsslich einen Zusammenhang mit dem Blut der Kühe suggeriert, lechzend und bereitwillig aufgenommen von einer sensationslüsternen Bevölkerung. Normalerweise ergötzte sich der Volksmund an der Verbindung zu den in diesem See kurz nach Pfingsten 1476 abgeschlachteten Burgundern. Wenn sich also alle paar Jahre der See rot färbte, sprach man mit angenehmem Schaudern vom Burgunderblut.
Michels Auto steht ganz oben auf dem sanften Hügel. Weit unterhalb liegt der blutrote See. Wer um Gottes willen erschlägt wehrlose Kühe? Und mit so ungeheurer Gewalt? Um einen massigen Kuhschädel derart zu zertrümmern, muss einer schon mit einem riesigen Bauhammer mit ungeheurer Kraft zuschlagen. Muss mit einem langstieligen Hammer ausholen wie der Waldschrat mit der Riesenaxt auf dem berühmten Bild. Im Moment des Ausholens muss die Kuh den Täter mit ihren großen, sanften, ja zärtlichen Augen angeschaut haben, denn die Schläge sind genau frontal geführt worden. So viel hat die Gerichtsmedizin in ihrem kurzen Bericht geschrieben. Und das Motiv? Niemand hatte eine brauchbare Vorstellung davon. Sein Freund Tanner würde jetzt sicher Shakespeare zitieren. Ein Königreich für ein Motiv oder so.
Michel schüttelt sich vor Abscheu, legt sein Sandwich kurz auf den Beifahrersitz und betet die Kette seiner Lieblingsflüche herunter. Während der nicht enden wollenden Reihe angelt er sich, ohne hinzugucken, vom Hintersitz den Flachmann, den er dort für Notfälle bereithält, schraubt mechanisch den Deckel auf und leert ihn in einem Zug, so groß ist schließlich seine Not. In letzter Zeit häufen sich allerdings die Notfälle bedenklich, das muss sich Michel selber eingestehen. Wenigstens in hellen Momenten. Jedes Mal, wenn Michel den Flachmann geleert hat, beschließt er aufs Neue, ihn beim nächsten Mal wegzuschmeißen. Allerdings erst beim nächsten Mal. Schließlich hat ihm der kleine Schluck richtig gut getan. Er gibt sich einen Ruck, greift erneut nach seinem Brot, nimmt einen kräftigen Biss und während er kaut, schreibt er auf seinen bereitgelegten Notizblock.
In einer Spalte notiert er in Stichworten die Dinge, die er bereits geklärt hat. Zum Beispiel hat er mit seiner ganzen Mannschaft systematisch die Bauernhöfe abgeklappert, die direkt um den See herum liegen. Fazit: Kein einziger Bauer vermisst eine Kuh. Und schon gar nicht drei. Und bei keinem ist irgendetwas Verdächtiges gefunden worden. Weder ein mit Blut verschmierter Hammer noch abgeschnittene Ohren. Auch keine gelben Ohrenmarken mit Registrierungsnummern. Die Abklärung betreffend der Rasse hat auch nur ergeben, dass praktisch die meisten Bauern in der Gegend genau diese Art Kühe in ihren Ställen haben. Er kam sich schon ziemlich merkwürdig vor, bei den Bauern die Fotos der toten Kühe rumzuzeigen und sie ernsthaft zu fragen, ob sie eine dieser Kühe kennen. Die meisten Bauern taten ihm zwar den Gefallen und betrachteten lange und ernsthaft die Bilder, aber keiner konnte zu den Kühen etwas sagen. Hinter seinem Rücken hörte er sie dann lachen.
Er hat Thommen und Lerch in das zentrale Registeramt geschickt, in dem über sämtliche Kühe des Landes Buch geführt wird. Sie sollen die Listen, die ihm jeder einzelne Bauer übergeben musste, mit den Eintragungen im Amt vergleichen. Viel wird da nicht herausschauen, das weiß Michel schon jetzt. Aber so ist er wenigstens seine Mitarbeiter für ein paar Stunden los, deren Anwesenheit er im Moment schlecht erträgt. Und er muss sich nicht ihre dummen Vorschläge zu diesem dummen Fall anhören, in dem er feststeckt wie ein Schuh in der Kuhscheiße. Das letzte Wort wiederholt er einige Male laut vor sich hin. Sehr laut.
Auf der gleißenden Goldfläche entdeckt er jetzt ein Boot. Von hier oben sieht es winzig aus und die blutrote Wasserfläche reflektiert so stark, dass er nur mutmaßen kann, ob es sich um eines der kleinen Kursschiffe handelt oder um eine private Yacht. Wahrscheinlich um ein Kursschiff, denn wer würde freiwillig bei dieser Hitze aufs Wasser fahren, zumal absolute Windstille herrscht. Ihn würden sowieso keine zehn Pferde auf so ein schwankendes Schiff bringen, egal ob mit Wind oder ohne. Die feste Erde unter den Füßen ist ihm da tausendmal lieber. Überhaupt diese verfluchte Sucht alles zu befahren, alles zu besteigen, in alles hineinzukriechen, zu fliegen, zu tauchen … die Menschen spinnen doch. Hat er nicht letzthin in einem sehr weisen Buch gelesen, dessen pessimistische Grundhaltung gerade so recht seiner eigenen Lebenssituation entsprach, dass alles Unglück in dem Augenblick beginnt, da man sich entschließt, sein Bett zu verlassen, statt sich die Decke über den Kopf zu ziehen und weiterzuschlafen?
Er wäre heute Morgen auch besser im Bett geblieben.
Dies ist nicht mein Tag, sagt er leise und greift nach dem Zündschlüssel. Da entdeckt er am südwestlichen Horizont einen winzigen Punkt am Himmel, der sich erstaunlich schnell vergrößert. Er zögert mit dem Starten des Motors.
Es ist ein Helikopter. Der Pilot nimmt offensichtlich Kurs auf den See. Jetzt kann man sehen, dass der Helikopter an einem langen Seil irgendeinen Gegenstand transportiert. Der Helikopter hat mittler-weile die Mitte des Sees erreicht und geht zügig tiefer, auf die Wasseroberfläche zu. Michel lehnt sich zurück.
Was zum Teufel? Was treibt der denn?
Einen Augenblick später begreift er, dass das nicht irgendein Behälter ist, der da unter dem Helikopter hängt, sondern dass es sich um eine Art überdimensionierten Wassereimer handelt, der jetzt eben ins Wasser getaucht und gefüllt wird. Da wird Michel klar, dass der Helikopter hier Wasser holt, um ein Feuer zu löschen. Und tatsächlich hat er im Radio gehört, dass weiter unten im Welschland ein Wald brennt.
Na ja, kein Wunder bei der Hitze.
Er dreht entschlossen den Zündschlüssel.
Im Moment, da er den ersten Gang einlegt, kommt ihm der Gedanke. Vor Schreck lässt er die Kupplung zu schnell los und würgt den Motor ab.
Scheiße! Mit dem Helikopter! Auweia, das ist die Lösung! Die haben die Kühe mit dem Helikopter transportiert! Oder?
Da ihm niemand antwortet, wischt er sich mit einer seiner heiß geliebten Windeln den Schweiß vom Gesicht und nickt dabei heftig mit dem Kopf, als ob er sich in einem lächerlichen Rollenspiel selber eine Bestätigung geben möchte.
An den erschlagenen Kühen hatte man nämlich keinerlei Schleifspuren entdeckt, was bislang rätselhaft war. Denn wären die Kühe mittels der gängigen Transportmöglichkeiten, die – sagen wir mal – einem gewöhnlichen Bauern zur Verfügung stehen, transportiert worden, ginge so ein Transport vom Tatort bis zum See ganz sicher nicht ohne Schleif- und Kratzspuren ab. Aber mit einem Helikopter sieht die Sache ganz anders aus. Die Kuh wird auf ein am Boden ausgebreitetes Transportnetz geführt, dort erschlagen und das Netz wird samt Inhalt an den Helikopter gehängt.
Nachtflug zum See … ausklinken … wegfliegen … und fertig ist die Lauge! Das Letzte spricht Michel EINS wieder laut, worauf Michel ZWEI erneut energisch nickt.
Oh, jetzt krieg ich euch, ihr Schweine. Ihr verfluchten Kuhmörder. Ihr Schweine, ihr.
Wieder dreht Michel den Schlüssel, gibt aber vor Aufregung zu viel Gas – und der Motor säuft ab. Nach mehreren erneuten Startversuchen ist die Batterie am Ende, denn der gute Michel hat viel zu lange bei ausgeschaltetem Motor die Klimaanlage laufen lassen. Die Flüche, die jetzt erklingen, hört zum Glück niemand, denn auf die Anhöhe, wo das Michel’sche Auto steht, verirren sich Ausflügler höchstens an Wochenenden.
Was jetzt folgt, hasst Michel am allermeisten. Er muss einen seiner Blödmänner anrufen und um Hilfe bitten. Lerch oder Thommen – je nachdem, wer zufälligerweise sein Mobiltelefon gerade einmal nicht vergessen hat. Schwer seufzend greift er nach seinem. Im Moment, da seine Hand in die Leere greift, fährt ihm die Erkenntnis wie ein heißer Strahl ins Hirn, dass er das Telefon in seiner Wohnung hat liegen lassen. Angeschlossen an den Stromkreis seines kleinen Appartements, da er beim Aufstehen erst bemerkt hatte, dass der Akku leer war.
Wäre ich nur im Bett geblieben … quod erat demonstrandum!
ELF
Was ist das Größre vor dem Herrn? Ein ausgespiener Apfelkern … hallo, ich bin wieder da. Ich habe jetzt die Antwort!
Der Busch, vor dem Tanner einmal mehr steht, antwortet nicht. Auch das Tonband mit den fürchterlichen Höllenhunden bleibt stumm. Gut, es ist schon ziemlich spät am Abend, aber trotzdem ist es rätselhaft. Wie kann der Mann sein Dornenreich verlassen? Abgesehen davon hatte Tanner den Eindruck gewonnen, dass der Mann wie ein Einsiedler lebt, sein Platz gar nie verlässt, nicht mehr verlassen will. Warum müsste ihn denn sonst seine Frau versorgen? Er wird es in einer Stunde noch einmal versuchen.
Tanner setzt sich in das halb leere Gartenrestaurant, das sich oberhalb der Brunnenanlage befindet, und bestellt ein Bier. Ob er Martha anrufen soll? Vielleicht besser nicht.
Beim Frühstück war sie wieder merkwürdig reserviert und zurückhaltend gewesen. Wie weggeblasen war die aufgedrehte Laune der Nacht, da sie so schön und zärtlich gesungen hatte.
Mitten in der Nacht schlich er sich zu ihrem Bett, um zu sehen, wie sie schlief. Ein Streifen milden Mondlichts fiel quer über die Bettdecke. Ihre Schultern und ein kleiner Ausschnitt ihrer Brust waren zu sehen. Tanner setzte sich behutsam auf die Bettkante. Ihr Gesicht, ohne die geöffneten großen Augen und ohne ihre lebendige Mimik, sah im Dunkel seltsam slawisch aus. Ihre Wangenknochen wirkten höher und ausgeprägter als im Tageslicht. Irgendwie katzenartig. Wie ein Wesen von einem fernen Stern. Als sie sich ihm plötzlich zudrehte, erschrak er, denn er dachte, er hätte sie geweckt. Aber sie schlief fest. Durch die Drehung gab die Bettdecke ihr linkes Bein frei, bis hinauf zu ihrem Po. Was würde passieren, wenn er sie jetzt berührte? Es kostete ihn einige Anstrengung, sie nicht anzufassen. Seine Hand fuhr bloß mit gutem Abstand über Po und Bein, um quasi in der Luft ihre schönen Linien nachzuvollziehen. Er tat dies mehrmals. Den Abstand jeweils verkleinernd, bis er die Wärme ihrer Haut zu spüren glaubte. Dabei ließ er es klugerweise bewenden und kehrte zurück zu seinem Sofa. Dort lag er dann bis am Morgen mehr oder weniger schlaflos und belauschte die Konferenz einer immensen Vogelvollversammlung.
Das Gespräch beim Frühstück bestritt Tanner praktisch allein. Martha hatte ihn nach dem Zustand von Elsie gefragt. Dies wahrscheinlich, um den Abstand zwischen ihnen zu festigen. Anfänglich erzählte er deswegen auch nur das Nötigste. In Fahrt kam er erst, als er von seinem regelmäßigen Vorlesen sprach. Elsie hatte ihm nämlich in den Tagen ihres kurzen Glücks gebeten, wenn sie einmal gemeinsam viel Zeit hätten, müsse er ihr sämtliche Geschichten aus Tausendundeiner Nacht vorlesen. Zwischen ihren Liebesakten sozusagen. Sie kannte einige Geschichten von der Schule her und liebte sie sehr.
Als Tanner nun tagelang verzweifelt neben Elsie saß und irgendwann nicht mehr wusste, was er ihr erzählen sollte, denn man hatte ihm dringend empfohlen, täglich mit Elsie zu sprechen, kam ihm die Idee mit dem Vorlesen. Am Anfang fühlte er sich eigenartig verklemmt dabei, seiner Geliebten vorzulesen, die zwar atmet, aber sonst wie leblos daliegt. Aber die Ärzte meinten, man wisse eben nicht, ob jemand, der im Koma liege, nicht trotzdem alles mitbekäme. Vielleicht fände er einen Weg, in ihr Bewusstsein vorzudringen, auch wenn es sich bis auf den Meeresgrund zurückgezogen hätte.
Meeresgrund war übrigens das Wort, das Glöckchen, die jüngste Tochter von Elsie, verwendete, um sich und ihren Freundinnen den Zustand ihrer Mutter zu erklären.
So begann er dann eines Tages mit dem Vorlesen. Jeden Tag eine Geschichte. Die vergangenen Tage waren die ersten, an denen er nicht bei Elsie war. Wegen der Recherchen über seinen Großvater. Heute Vormittag hat er die Geschichte der dreihundertsten Nacht vorgelesen, das heißt einen Teil der Geschichte von Abu Mohammed, dem Faulpelz. Tanner hatte es sich angewöhnt, genau der Einteilung von Schehrezâd zu folgen, die klugerweise die Geschichten jeweils an einer spannenden Stelle unterbrach, wenn der Morgen kam, und erst in der nächsten Nacht weitererzählte. So hielt sie die Spannung auf die Fortsetzung der Geschichte über den Tag wach. Im Falle von Elsie hielt mit dieser Methode die Spannung bis zum nächsten Tag. Er hoffte es wenigstens. Denn, das war ja die schlimmste aller Ängste: eines Morgens zu kommen – und Elsie könnte nicht mehr zuhören. Insgeheim dachte und hoffte Tanner, dass eine der Geschichten so etwas wie ein Zauberschlüssel sei, der sie aus der Gefangenschaft ihres Zustandes befreien werde. Je länger er las, desto besessener war er von diesem Gedanken. Aber welche Geschichte wird es sein? Wird es morgen sein, wenn sie die Fortsetzung der Geschichte von Mohammed, dem Faulpelz hören wird? Wird es erst in vier Tagen sein, wenn es Mohammed gelingen wird, seine Geliebte aus den Händen des bösen Geistes Mârid zu befreien? Oder will sie sich sämtliche Tausendundeine Geschichten anhören? Und erst dann aufwachen? Tanner wischt diese Gedanken weg, die ihn ja sowieso nur wahnsinnig machen. Von diesen Dingen berichtete er Martha auch kein Wort.
Weißt du, Martha, zu Beginn dachte ich noch, ich würde allein wegen Elsie lesen. Jetzt brauche ich das Vorlesen genauso. Das Lesen stellt für mich mittlerweile eine Art Verbindung zu ihr her. Wenn ich nicht mehr lese, bricht diese Verbindung ab. Kannst du das verstehen? Wenn sie sich denn wirklich auf dem Meeresgrund befindet, wie Glöckchen in ihrer kindlichen Ernsthaftigkeit behauptet, so wäre das tägliche Lesen in Glöckchens Bild so etwas wie der Sauerstoffschlauch bei einem altertümlichen Taucher. Wie auch immer: Ich habe mich an das tägliche Lesen gewöhnt und bin überzeugt, dass Elsie auf ihre Art die Geschichten hört.
Für ihn selbst sind die Geschichten auf jeden Fall schon zur Medizin geworden. Denn seit er vorliest, hat sein Leben wieder einen neuen Sinn bekommen.
Die Vielfalt dieser Geschichtensammlung lässt sich in ihrer Bedeutung und Tiefe ohne weiteres mit dem gesamten Repertoire der klassischen Musik vergleichen.
Und auch die Wirkung auf mich ist ähnlich magisch, wie wenn ich klassische Musik höre.
So redete er heute Morgen drauflos und Martha nickte verständnisvoll.
An dieser Stelle seines Berichtes strich ihm Martha flüchtig übers Haar und schenkte ihm ein zärtliches Lächeln, trotz ihrer morgendlichen Reserviertheit. Ansonsten hörte sie mehr oder weniger stumm zu. Er vermied es, mit irgendwelchen Fragen in sie zu dringen. Obwohl da schon einige Fragen waren, die er gerne hätte stellen wollen. Auf dem Weg in die Hauptstadt sprachen sie nur noch über belanglose Dinge.
Er setzte sie in der Nähe des Kunstmuseums ab und sie verabredeten einen Zeit- und Treffpunkt für die Rückfahrt am Nachmittag. Zurück in ihren Alltag, wie sie es nannte.
Tanner fuhr dann in die kleine Klinik, die etwas außerhalb der Stadt liegt, um Elsie vorzulesen. Sie lag da wie immer, mit leicht geöffnetem Mund, und man hatte wirklich den Eindruck, als schliefe sie. Er küsste sie lange auf den Mund, nahm ihre Hand in die seine – und begann zu lesen. Ab und zu schaute er auf, um zu sehen, ob sie vielleicht auf eine besonders schöne Stelle der Erzählung reagierte. Heute war er nicht ganz so konzentriert wie sonst. Immer wieder geriet ihm das schlafende Katzengesicht von Martha dazwischen und zugegeben: auch die sanfte Linie ihres Pos und ihres Beines. Der heutige Abschnitt war kurz. Er blieb noch eine Weile sitzen, dann verabschiedete er sich, sprach kurz mit dem jungen Arzt, der Dienst hatte. Der konnte ihm natürlich nichts Neues sagen, aber Tanner hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Tag mit dem Dienst habenden Arzt zu sprechen. Auch dies gehörte zum Ritual. Etwas leichter ums Herz, verließ er die Klinik.
Auf dem Weg zu seinem Mietauto rief ihn Michel an und bat dringend um ein Treffen. Sie verabredeten sich in einem Gartenrestaurant.
Michel bestellte sich zwei große Bier aufs Mal. Damit der Kellner nicht gleich wieder kommen müsse, meinte er erklärend. Tanner begnügte sich mit einem Espresso und einer Karaffe Wasser. Seit der ganzen Finidorigeschichte, oder wie Michel sie nannte: der Finidorischeiße, waren sie richtig gute Freunde geworden. Oft erschien er unangemeldet bei Tanner, dann saßen sie, wenn es das Wetter erlaubte, bis in alle Nacht draußen im Garten oder gingen runter an den See – und schwiegen. Sie konnten unglaublich gut zusammen schweigen. Oder Tanner kochte für sie.
Heute war Michel ausgesprochen gesprächig. Er berichtete Tanner über alle Details seiner Leidensgeschichte mit den Kühen. Er sprach etwas wirr von seinen Theorien, von Helikoptern und allerlei weiteren abenteuerlichen Spekulationen. Am Schluss war klar, Michel wusste nicht, wie weiter und erhoffte sich von Tanner einen Rat.
Lieber Kollege, du weißt ja genauso gut wie ich: Wenn man gar nichts in der Hand hat, bedeutet es meistens, dass man etwas übersehen hat. Oft etwas sehr nahe Liegendes. Da man dieses aber nicht auf Knopfdruck finden kann, denn es gibt ja einen Grund, warum man es nicht sieht, wenden wir uns erst einmal dem Problem des Motivs zu. Keine Tat ohne Motiv. Schon gar nicht, wenn es sich um eine wiederholte Tat handelt. Da wir also den Täter nicht kennen, müssen wir erst einmal ein überzeugendes Motiv finden. Bist du so weit einverstanden, Michel?
Er nickte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Da es sich in dem Fall nicht um Menschen handelt, können wir alle Motive, die sich auf die Opfer selber beziehen, ausschließen.
Ach? Wie meinst du das?
Wie ich das meine? Lieber Michel, ich glaube nicht, dass jemand eine Kuh umbringt, weil er sie persönlich hasst. Ich kann mir auch kein Eifersuchtsdrama zwischen Mensch und Kuh vorstellen oder so.
Ja, ja. Ich verstehe.
These eins: Die Kühe werden umgebracht, um den Besitzer zu schädigen.
Michel nickt.
These zwei: Darüber hinaus soll damit ein Zeichen gesetzt werden. Verstehst du, was ich meine? Es soll nicht nur in der Öffentlichkeit geschehen, es soll die Menschen auch aufregen, besser noch aufwühlen. Es soll dramatisch sein. Würde der Täter bloß jemanden schädigen wollen, könnte er doch einfach die Kühe vergiften, oder?
Das stimmt. Aber warum schneidet der Täter dann den Kühen die Ohren mit den Erkennungsnummern ab, wenn er will, dass es öffentlich wird?
Stopp, Michel! Ich habe gesagt, er möchte den Besitzer schädigen. Ich habe nicht behauptet, der Täter wolle unbedingt den Besitzer der Kühe bloßstellen. Das ist ein Unterschied.
Michel nickte, trank einen Riesenschluck Bier, rülpste und maulte irgendwas von spitzfindig. Dabei grinste er.
Wir müssen aber auch überlegen, was es bedeuten würde, wenn es der Besitzer selber wäre, der seine Kühe erschlägt, die Ohren abschneidet und sie in den See schmeißt. Was würde das für einen Sinn machen? Ich meine, abgesehen davon, dass sich mit dieser Theorie das Ohrenabschneiden relativ gut erklärt. Ich würde aber diese Gedankenspur vorläufig beiseite lassen, sie kommt mir irgendwie zu abstrus vor. Bleiben wir einmal bei These eins und zwei.
Okay, Tanner. Und wir vernachlässigen erst einmal die Frage nach dem Wie, stimmt’s?
Ja. Das Wie überlegen wir uns, wenn wir ein überzeugendes Motiv gefunden haben. Ich meine, wenn wir eine überzeugende These zu einem Motiv gefunden haben.
Dann schwiegen die beiden und beobachteten eine Gruppe japanischer Touristen, die in den Garten strömten. Wahrscheinlich waren sie gerade mit einem Bus angekommen. Michel räusperte sich, so wie er es immer tat, bevor er ein neues Thema ansprechen wollte.
Mir hat ein Japaner erzählt, dass sie so viele Fotos machen, weil sie normalerweise nur einmal im Leben nach Europa kommen. Sie werden dann innerhalb von zwei Wochen organisiert durch sämtliche Länder und Städte gekarrt. Sie könnten das alles gar nicht richtig aufnehmen. Die Fotos aber könnten sie in Ruhe noch jahrelang studieren. Und damit übrigens auch beweisen, dass sie überall gewesen sind. Deswegen stellen sie sich so gerne in den Vordergrund der Fotomotive, verstehst du das? Ich finde das lächerlich. Was ist aus dem Volk der Samurais geworden …
Tanner dachte an ganz andere Dinge. An die schöne Michiko, die er kennen gelernt hatte und die jetzt tot war. Er spürte plötzlich eine Wut in sich, die sich gestern oder vorgestern gar nicht eingestellt hatte.
Was hast du denn plötzlich, Tanner?
Nichts, nichts! Ich dachte nur gerade an eine Japanerin, die ich mal gekannt habe.
Haben die wirklich so eine kleine, äh … du weißt schon? Also, das muss ja unglaublich sein.
Michel, nicht ablenken. Wir waren bei einem möglichen Motiv. Ich sehe zwei Möglichkeiten.
Na, da bin ich ja gespannt. Dann schieß mal los, Herr Lehrer.
Entweder hat es mit den Kühen selbst zu tun oder es hat mit den Kühen nichts tun.
Ach ne. Wie meinst du das? Immerhin sind die Kühe tot.
Michel kichert wie ein Schuljunge. Tanner fährt unbeirrt fort.
Nehmen wir an, es gibt einen Wettbewerb um die besten Milchkühe.
Wenn jetzt einer die Kühe von seinem Konkurrenten erschlägt, damit seine Kühe gewinnen, dann geht es doch um die Kühe selbst. Wenn einer aber dem anderen die Kühe erschlägt, um sich zum Beispiel zu rächen, weil der andere ihn mit seiner Frau betrogen hat, dann geht es offensichtlich nicht primär um die Kuh, verstehst du? Also, was ist denn daran so komisch?
Ich lache wegen der Vorstellung, ein Gehörnter erschlägt Hornvieh, um sich zu rächen. Hornvieh erschlägt Hornvieh.
Ja, es war ja nur ein Beispiel. Mann …! Jetzt sei mal wieder ernst.
Okay! Ich habe es kapiert. Es war nur ein Beispiel. Entschuldigen Sie, Herr Professor, die Hitze …
Du hast alle Bauernhöfe im Umkreis kontrolliert, sagst du. Bist du da ganz sicher? Abgesehen davon: Deine Helikoptertheorie erweitert den Umkreis natürlich mächtig. Hast du das bedacht? Nein? Na, dann denk mal drüber nach. Gibt es hier irgendeinen Versuchshof, wo sie neue Kühe züchten oder so. Genetisch manipulierte Kühe. Einen Hof, den du übersehen hast. Vielleicht sieht er nicht aus wie ein traditioneller Bauernhof? Und noch was. Habt ihr denn die Kühe überhaupt untersucht? Wenn es Versuchstiere wären, müsste sich das doch feststellen lassen. Wenn es dann nicht der Fall ist, kannst du diese Möglichkeit ausklammern. Aber wissen muss man es. Vielleicht stellt sich doch heraus, dass es irgendein Fanatiker ist, der etwas gegen genmanipulierte Kühe hat. Man weiß ja nie. Verstehst du?
Si, Tanner. Io capito. Das sieht aber alles nach sehr viel systematischer Arbeit aus. Und das bei dieser mörderischen Hitze. Und du kennst ja meine Schwachköpfe.
Noch etwas, Michel. Ich meine, wenn ihr den Fall wirklich ernsthaft lösen wollt. Das geht jetzt allerdings wieder mehr auf das Konto der Frage nach dem Wie. Wisst ihr genau, wo die Kühe im See jeweils aufgetaucht sind, respektive, wo sie gesichtet wurden? Durch den See fließt ja der Fluss, also gibt es eine Strömung. Man könnte sich mal über diese Strömung Gedanken machen.
Wie denn? Soll ich mich ins Wasser werfen und schauen, wo es mich hintreibt?
Ja, Michel, das ist endlich mal eine gute Idee von dir. Gewicht und Volumen kommen ja auch in etwa hin …
Tanner duckte sich lachend, um dem Schlag auszuweichen, zu dem Michel, über sein ganzes Gesicht feixend, ausholen wollte.
Aber jetzt mal ernsthaft. Man könnte mit dem Strömungsverhalten zum Beispiel herausfinden, wo man eine Kuh in den See werfen muss, damit ihr Körper dort hingetrieben wird, wo die Kühe gesichtet wurden. Wer weiß, vielleicht ergeben sich dadurch neue Aspekte. Frag mal einen der Surfer, die Tag für Tag auf dem See zu sehen sind. Die kennen sich bestimmt mit den Strömungsverhältnissen aus. Möglicherweise sind die Kühe nicht mitten in den See geworfen worden, sondern da, wo der Fluss in den See fließt. Dort gibt es zum Beispiel ein Kieswerk und eine Werft. Hast du diese stillgelegten Anlagen schon einmal unter die Lupe genommen? Wenn nicht, dann weiß ich nicht, warum du immer noch hier rumsitzt.
Okay, Tanner, du hast gewonnen. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Ob unser frisch gebackener Oberstaatsanwalt all diese Abklärungen genehmigen wird, wird sich herausstellen.
Sie verabschiedeten sich freundschaftlich. Und ein jeder ging seiner Wege, wie es so schön heißt.
Den Rest des Nachmittags verbrachte Tanner mit dem erfolglosen Versuch, in der Fabrik, wo sein Großvater gearbeitet hatte, etwas zu erfahren. Eine aufgedonnerte Mittvierzigerin am Empfang hörte sich zwar freundlich seine Bitte an, aber weiterhelfen konnte sie ihm nicht. Von der Direktion seien alle im Ausland. Und ob die Firma über ein Archiv verfüge, könne sie im Moment leider auch nicht sagen.
Tanner seufzt und kommt zurück von seinem kleinen Erinnerungsausflug. Er trinkt sein Glas aus. Mittlerweile ist es schon knapp vor Mitternacht.
Er steht auf und legt das Geld hin. Leider muss er einige Zeit beim Brunnen warten, denn ein sehr junges Liebespaar küsst sich ausgerechnet neben dem sprechenden Busch. Der Junge hat dem Mädchen das T-Shirt hochgeschoben und massiert ihre großen Brüste, die wunderbar weiß im Schein der Laterne leuchten. Nach einer Weile hat Tanner genug und räuspert sich. Das Paar erschrickt, das Mädchen zieht schnell ihr Hemdchen wieder runter und sie eilen davon. Wahrscheinlich denken sie, er sei ein Spanner.
Na ja, wenn schon. Man hat schon Schlimmeres von mir gedacht, murmelt er.
Tanner steht vor dem Busch, zückt seine kleine Taschenlampe und versucht, in das wirre Gestrüpp zu leuchten. Sofort ertönen, diesmal sehr laut, die Hunde. Tanner löscht das Licht.
Hallo, Buschmann, ich weiß jetzt die Antwort. Hören Sie mich?
Die Hunde werden leiser gestellt.
Ich sehe dich. Her mit der Antwort.
Die Hunde werden ganz abgestellt. Man hört deutlich den Tonbandschalter.
Tanner sagt das Wort.
Stille.
Er sagt es noch einmal. Und erntet ein gehässiges Lachen.
Nein. Falsch. Falsch. Du denkst falsch. Ganz falsch. Du hast ja keine Ahnung. Glaubst du überhaupt an Gott? Los, sag!
Tanner zögert. Ist das jetzt auch eine Prüfung? Er beschließt, mit einem berühmten Zitat zu antworten. Vielleicht kommt er damit durch. Die Anrede aus dem Zitat wird er allerdings tunlichst weglassen.
Hm …also: Wer darf sagen: Ich glaub an Gott? Magst Priester oder Weise fragen, und ihre Antwort scheint nur Spott über den Frager … Ha, ha, ha! Danke für die Antwort. Ich bin aber nicht das Gretchen. Wenigstens hast du mich nicht mit Liebchen angesprochen. Du glaubst also nicht an Gott.
Der Buschmann spricht plötzlich klarer als die anderen Male. Ohne diesen aggressiven, keifenden Ton.
Sieh mal einer an, er kennt Goethe. Das ist ja ein ganz neuer Aspekt.
Entschuldigen Sie, ich wollte nicht spotten oder so. Ich finde aber wirklich, dass die Frage nicht so einfach zu beantworten ist.
Warum? Entweder du glaubst an Gott oder nicht. Was ist daran schwierig?
Also gut, wenn Sie es genau wissen wollen: An den Gott, an den man mich lehren wollte zu glauben, an den glaube ich nicht. Habe ich auch nie geglaubt. Das, woran ich jetzt glaube, ist, eh … ja, das ist nicht so leicht zu beschreiben.
Der Mann im Busch lacht meckernd.
Schmonzes … Balonzes! Alles Mumpitz. Du hast einfach Angst, wie alle, an etwas zu glauben. Und ich sage dir, ihr macht euch alle etwas vor. Bastelt an eurem eigenen Bild herum, bis es passt. Und bis alles hineinpasst, was hineinmuss. Bis es euch eben in den Kram passt. Aber damit kommt ihr nicht durch, wenn der Jüngste Tag einmal da ist, ha, ha, ha … Und was die andere Sache angeht, musst du halt morgen wiederkommen und eine neue Antwort versuchen. Und jetzt verschwinde! Ich habe zu tun.
Stille. Nicht einmal ein Rascheln ist zu hören.
Ich habe zu tun? Was hat er denn in seinem Busch zu tun?
Tanner ist aber klar, dass die Sitzung für heute zu Ende ist. Dafür war die Ansage aus dem Busch zu kategorisch.
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