Kitabı oku: «Die Schneckeninsel»
Innerhalb von neun Jahren haben sich drei Frauen im Nobelinternat für Mädchen in den Bergen umgebracht, da ist etwas faul, so viel ist Serge Michel von der Berner Mordkommission, früher Abteilung Leib und Leben, klar. Da dort gerade eine Ferienvertretung des Kochs gesucht wird, bittet er seinen Freund Simon Tanner, als solche anzuheuern und sich umzusehen.
Es klappt. Als erstes putzt Tanner die Küche und krempelt den Speiseplan um, zur augenblicklichen Begeisterung aller. Dann steht schon der nächste Tote ins Haus.

Foto Yvonne Boehler
Urs Schaub, geboren 1951, arbeitete lange als Schauspielregisseur und war Schauspieldirektor in Darmstadt und Bern. Als Dozent arbeitete er an Theaterhochschulen in Zürich, Berlin und Salzburg. 2003–2008 leitete er das Theater- und Musikhaus Kaserne in Basel, 2006–2010 war er Kritiker im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens. Urs Schaub lebt in Basel.
Urs Schaub
Die
Schneckeninsel
TatortSchweiz
Limmat Verlag
Zürich
Prolog
Er würde sich nur mit seinem Tod zufriedengeben.
Aber wo hatte er dieses Gesicht schon einmal gesehen? Ein breiter Schädel mit hohen Wangenknochen, niedriger Stirn und wild wuchernden Augenbrauen. Die Wangen blau schimmernd. Um die Augen und die Nase flechtenartig rote Äderchen. Seine Lippen wie Lefzen eines Bluthundes.
Er hatte bereits seit dem Betreten des Museums das Gefühl, beobachtet zu werden. Er tat es als Hirngespinst ab und konzentrierte sich auf die Sammlung, die er seit seiner Jugendzeit nicht mehr gesehen hatte. Unglaublich, diese Massen an Knochen von gigantischen Walfischen, von mächtigen Dinosauriern mit Wirbeln so dick wie Bäume bis zu den kleinsten Lebewesen mit winzigen zierlichen Skeletten.
Bei einem Schaukasten mit eingelegten Herzen und Hirnen starrten ihn unvermittelt die stechenden Augen aus einer verwüsteten Gesichtslandschaft an. Im ersten Augenblick dachte er, die Gestalt gehöre zur Ausstellung: ein Frühmensch, ein Neandertaler vielleicht. Aber sie zeigte plötzlich mit einem riesigen Buschmesser auf ihn und öffnete den Mund, als ob er einen Schrei ausstoßen wollte. Aber er blieb stumm. Er blickte sich um, ob jemand hinter ihm gemeint sein könnte, da war niemand. Im selben Moment stürmte der Mann los – und jetzt war es eindeutig: Der Mann meinte ihn. Er drehte sich auf dem Absatz und stürmte los, hoffte auf Personal zu stoßen, aber der riesige Saal leer. Er kurvte, so schnell es das rutschige Parkett zuließ, um einige Schaukästen voller Tierskelette, schlug einige Haken, sprang über die Absperrungen zwischen den Schaukästen und erreichte die geschwungene Treppe an der Längsseite des Saales. Er nahm zwei Tritte aufeinmal und gelangte schwer atmend zu einem Balkon, von dem man einen Überblick über die ganze Sammlung im Saal hatte. Er sah seinen Verfolger, wie er direkt unter ihm in dasselbe Treppenhaus einbog, durch das er eben hochgekommen war. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er ein blaues Arbeitsgewand trug, genau wie sein Vater. Er raste weiter, nahm die Treppe ins erste Stockwerk. Auch dieser Saal war leer. Keine Besucher – und weit und breit keine Aufsicht.
Er schwitzte, und sein Herz schlug einen beängstigend rasenden Rhythmus. Waren hier nicht eben noch unzählige Besucher gewesen? Wohin waren die alle verschwunden?
Auf einer glitschigen Stelle des Parkettbodens rutschte er aus und fiel hin. Seine Hände waren voll zähen Schleims. Angewidert versuchte er sie an seinen Hosen abzuwischen und bemerkte, dass der ganze Boden mit diesem Schleim bedeckt war. Der Ekel packte ihn. Da kam der Mann mit einem gewaltigen Sprung um die Ecke, das Buschmesser hielt er hoch in die Luft. Er warf sich blitzschnell um die Ecke, das Messer kam mit einem üblen Zischen herangeflogen und verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Es fraß sich mit einem knirschenden Geräusch tief ins Holz. Er griff nach dem Messer und zog mit aller Kraft, aber er rutschte auf dem glitschigen Boden aus. Er hörte, wie auch sein Verfolger ausrutschte und hart auf den Boden fiel. Das verschaffte ihm erneut einen kleinen Vorsprung. Er kroch durch die Halle, überquerte einige Absperrungen und befand sich kurz darauf im Haupttreppenhaus. Dort versteckte er sich schwer atmend hinter einem frei stehenden Korpus und lauschte nach seinem Angreifer. Der Schweiß lief ihm in Strömen übers Gesicht. Er zog sich die Jacke aus. Auf einen Schlag roch es so stark nach Lavendel, als hätte ihn jemand mit einer Sprühdose eingenebelt. Er griff in seine Hosentasche. Sie war voller Lavendelblüten. Auch die zweite Tasche war voll. Wie um alles in der Welt kamen die Lavendelblüten in seine Hosentaschen? Er leerte sie und suchte hektisch nach irgendeiner Waffe zu seiner Verteidigung. Er fand eine Schachtel und öffnete sie. Sie war voll mit wunderbar farbig verzierten Schneckenhäusern. Er nahm ein besonders schönes Exemplar in die Hand. Es war überraschend schwer. Plötzlich streckten sich Fühler aus dem Haus, dann erschien der ganze Schneckenkopf. Der Schneckenkopf besaß ein menschliches Antlitz. Vor Schreck ließ er sie in die Schachtel zurückfallen. Daraufhin fingen alle anderen Schneckenhäuser an, sich zu bewegen. Er schloss die Schachtel und warf sie mit aller Kraft in den Saal. Sie krachte irgendwo in einen Schaukasten, der mit ohrenbetäubendem Lärm zu Bruch ging. Oh Gott, was kostet wohl so ein Schaukasten? Und was passierte jetzt mit den Schnecken? Er schlich zum Treppenhaus, schwang sich aufs Holzgeländer und rutschte in einem halsbrecherischen Tempo herunter. Auch das Geländer war glitschig. Wo kam plötzlich dieser Schleim her?
Er erreichte mit wenigen Schritten die Eingangstür. Sie war verschlossen.
Wieso das denn?
Jetzt sah er, dass es draußen bereits Nacht war. Panik überfiel ihn. Vom oberen Stockwerk hörte er urtümliche Laute. Er schwang sich hinter den Informationskorpus. Er suchte erneut hektisch nach irgendeiner Art Waffe, fand aber nichts außer einem ziemlich langen Verlängerungskabel. Er lauschte nach oben. Noch war der Feind offenbar weiter weg. Er überquerte leise die Treppe, verknotete das Kabel an einem mächtigen gusseisernen Heizkörper und zog es zurück bis hinter die Säule auf der anderen Seite der Treppe. Er ließ das Kabel schlaff auf der Treppe liegen, kauerte sich hinter die Säule und wartete auf seinen Verfolger. Er wusste, dass er nur einen einzigen Versuch hatte.
Bald schon hörte er seine schweren Schritte auf der Treppe. Er drückte sich hinter die Säule und hoffte inständig, dass sie ihn ganz verbarg. Die Schritte kamen näher und näher. Und dann kam der Moment: Er schoss in die Höhe und zog wie verrückt am Kabel. Die schwere Gestalt ächzte auf und stürzte, drehte sich um ihre eigene Achse, fiel wie in Zeitlupe, aber unerbittlich – und schlug schwer mit dem Genick auf die unterste Treppenstufe. Es gab ein hässliches Geräusch, als ob trockenes Holz brechen würde. Das lange Messer schepperte über den Marmorboden. Die weit aufgerissenen Augen des Mannes waren gebrochen.
Er hatte keine Zeit mehr zu verlieren, griff nach einem schweren Eisenständer, holte gewaltig aus und durchbrach die Scheibe der Eingangstür. Einen Augenblick später schrillte die Alarmglocke. Er rannte wie ein Verrückter – wie er nach Hause gekommen war, war ihm ein Rätsel. Aber er schaffte es, zog sich aus und legte sich sofort ins Bett. Er konnte nur noch eines denken: Jetzt bin ich ein Mörder. Jetzt bin ich ein Mörder. Ich habe einen Menschen umgebracht – auch wenn es Notwehr war. Ich bin ein Mörder – auch wenn es Notwehr war. Ich bin ein Mörder …
Als er aufwachte, schrillte die Alarmglocke immer noch. Schweißgebadet lag er in seinem Bett. Dann schreckte er plötzlich hoch und griff sich an seine Stirn.
Das ist die Hausglocke!
Er rannte ins Bad und holte seinen Morgenmantel.
Dann fiel ihm ein, dass er seine Jacke im Museum hatte liegen lassen.
Mein Gott! Das ist die Polizei. Die haben mich anhand der Jacke identifiziert. Ein Kinderspiel!
Er eilte zur Tür, dabei fiel sein Blick auf die Garderobe, und da – da hing seine Jacke.
Ein Traum! Es war ein Traum gewesen!
Die Hausglocke schwieg. Er ging die alte Steintreppe des Maison Blanche hinunter, drehte den mächtigen Schlüssel und riss die schwere Holztür auf.
Mist!
Er war zu spät. Er sah gerade noch den hinteren Teil eines schwarzen Autos verschwinden. Er rannte über den Kiesplatz, durch das Tor auf die Straße und winkte heftig mit den Armen. Zu spät. Das Auto brauste davon.
Das konnte nur Michel gewesen sein!
Er lehnte sich erschöpft an die Mauer und betrachtete schwer atmend die zarten Farben, die der Spätsommer im Park des Maison Blanche bereits erahnen ließ. Bald würde eine Vielzahl von Gelb-, Braun- und Rottönen bis Violett um die Wette leuchten. Kein noch so luxuriöser Farbkasten könnte dann noch mit der Vielfalt dieses leuchtenden Farbenreichtums wetteifern.
Er schlenderte zum Brunnen, zog kurz entschlossen seinen Bademantel aus und legte sich ohne Zögern der Länge nach ins kalte Wasser. Schlagartig war sein ganzer Körper hellwach, und die Spuren seines Albtraums waren wie weggefegt. Nach einer heißen Dusche und einem ausgiebigen Frühstück rief er Serge Michel, seinen besten Freund an, der Kommissar bei der Mordkommission war, wie die Abteilung seit einiger Zeit hieß. Er mochte die alte Bezeichnung Leib und Leben viel lieber, aber die neue Zeit verlangte neue Begriffe. Unkraut hatte man ja auch in Begleitpflanze umgetauft.
Michel nahm sofort ab.
Ach, Simon, du lebst noch? Ich dachte schon, du hättest Dich heute Nacht stillschweigend auf und davon gemacht. Seit wann öffnest Du einem alten Freund nicht mehr?
Seit wann nannte Michel ihn beim Vornamen? Hatte er sich vielleicht doch Sorgen um ihn gemacht?
Ich war gerade unter der Dusche. Stell dir vor, Dicker. Ich weiß, du hältst nicht viel von täglicher Körperpflege. Elefanten machens ja mit Sand.
Er wollte Michel nichts von seinem Albtraum erzählen. Er würde ihn sowieso nur auslachen.
Michel schnaufte ungehalten.
Nenn mich nicht Dicker! Wie oft soll ich dir das noch sagen. Außerdem baden Elefanten sehr gerne. Hast du das vergessen? Auch ihre Liebesspiele machen sie sehr gerne im Wasser. Aber davon hast du natürlich keine Ahnung.
Gut, gut, beruhige Dich. Was wolltest du so früh am Morgen von mir?
Michel grunzte.
Früh? Ach ja, ich vergesse immer, dass der Herr nicht arbeiten muss und von seinem Privatvermögen lebt. Verzeihen Sie, dass ich eventuell Ihr königliches Levee gestört habe.
Tanner stöhnte.
Also: Was willst du?
Michel räusperte sich ausgiebig. Er tat das immer, wenn er nicht so richtig wusste, wie er mit der Sprache rausrücken sollte.
Sags doch einfach.
Es gibt da eine etwas knifflige Sache …, aber das können wir unmöglich am Telefon besprechen.
Gut. Wann und wo?
Ich hole dich ab. Wir machen einen kleinen Ausflug. In einer Stunde.
Tanner war einverstanden. Er hatte eh nichts Besseres vor. Den Rasen hatte er erst gestern gemäht und auch alle sonst anfallenden Arbeiten im Park des Maison Blanche erledigt. Demnächst, wenn alle Blätter fallen, würde es wieder sehr viel Arbeit geben.
Nach exakt einer Stunde stand er vor dem Eingangstor des Maison Blanche und wartete auf Michel. Für einen normalen Montagmorgen war erstaunlich wenig Verkehr. Normalerweise donnerte um diese Uhrzeit ein Lastwagen nach dem anderen durch die enge Dorfstraße. Nach zehn Minuten seufzte er und setzte sich auf die kleine Mauer gegenüber der Einfahrt.
Er betrachtete einmal mehr mit Freude die Fassade und das riesige Dach des Maison Blanche. Was für eine Persönlichkeit! Er konnte sich einfach nicht sattsehen an der Symmetrie und Ausgewogenheit der Fassade. Warum war das so schön? Es war doch bloß eine Wand mit unzähligen großen und kleineren Fenstern. Früher war die Straßen- und die Eingangsseite über und über mit Glyzinien bewachsen und hatte dem Haus etwas verwunschen Märchenhaftes verliehen. Seit der Renovation durch den neuen Besitzer war das Verwunschene endgültig verschwunden, dafür kam die geniale Mischung von ländlicher Behäbigkeit und adliger Grazie zu strahlender Geltung. Er kniff die Augen zusammen und versuchte sich vorzustellen, wie die Kutsche mit Napoleons Geliebter Josephine mit knirschenden Rädern auf den kiesbestreuten Vorplatz einbog, mit aufgeregt tänzelnden Pferden, die den Hafer im Stall rochen. Sie wird wohl sehr müde gewesen sein nach der anstrengenden Fahrt von Paris. Wahrscheinlich hatte sie sich sofort ins Bett begeben. Tanner betrachtete die spiegelnden Fenster des Zimmers, in dem die hochherrschaftliche Dame eine Nacht geschlafen hatte. Hundert oder mehr Jahre später war das Haus zu einem Mädchenpensionat umfunktioniert worden.
Er schmunzelte.
Das hätte er gerne erlebt: Dieses Haus voll vom Lachen junger Mädchen – aus besseren Familien selbstverständlich. Er begann sich gerade auszurechnen, wie viele Mädchen in dem Haus Platz gehabt hatten, als Michel mit seinem dunklen Dienstwagen vorfuhr.
Entschuldige die Verspätung, aber du weißt ja, wie das ist. Als ich gerade gehen wollte, hat die Chefetage gerufen …
Er lächelte ein grimmiges Lächeln.
Ich soll dich übrigens recht schön grüßen.
Tanner nickte und machte es sich bequem.
Und? Wohin geht die Reise?
Michel tat geheimnisvoll.
Warts ab. Auf jeden Fall in die Berge.
Er blickte zu Tanner.
Du liebst doch die Berge, oder?
Ja, ja. Ich liebe die Berge. – Aber die Schönste ist doch immer noch die da drüben.
Tanner zeigte auf die andere Seeseite. Michel runzelte die Stirn.
Die? Wie darf ich das verstehen?
Für mich ist der Hügel da drüben eine Sie. Meine Geliebte sozusagen. Sie ist das Erste, was ich am Morgen sehe, und das Letzte, was ich in der Nacht vorm Einschlafen sehnsüchtig anschaue.
Michel betrachtete ihn mit einem schiefen Blick.
Tanner deutete auf die Straße.
Da ist die Straße, Michel.
Michel lachte.
Es war mir schon immer klar, dass du ein bisschen anders bist, aber jetzt mach ich mir echt Sorgen.
Er tippte sich gegen die Stirn.
Verliebt in einen Hügel!
Sie sprachen erst wieder, als sie sich den Bergen hinter der Hauptstadt näherten.
Wie wäre es, wenn du mich endlich über Sinn und Zweck unserer Reise informiertest?
Warte, Tanner. Ich habe mir nun mal in den Kopf gesetzt, erst an Ort und Stelle anzufangen. Wir sind ja bald dort.
Gut. Weck mich, wenn mein Stichwort kommt.
Michel guckte ihn verständnislos an.
Ist ein Zitat. Fahr nicht so schnell.
Tanner streckte sich, schloss die Augen, überließ sich dem sanften Schaukeln des Autos und dem leisen Summen des Motors.
Michel rüttelte ihn am Arm.
Aufwachen! Wir sind da – oder wenigstens beinahe.
Tanner gähnte ausgiebig.
Oh, das war jetzt ein schöner Schlaf. Könntest du mich nicht öfter ausfahren?
Tanner richtete sich auf und rieb sich die Augen.
Oh, ich dachte, wir fahren in die Berge?
Ja, mach doch mal die Augen auf. Ringsum sind doch gewaltige Berge.
Ja, aber du hast doch gesagt, wir fahren in die Berge. Offenbar sind wir aber zu diesem See mit dieser Wahnsinnsfarbe gefahren. So ein Türkis gibt es nur hier. Und? Was sollen wir hier? Gehen wir schwimmen?
Michel schüttelte den Kopf.
Nein. Wenn der Herr mal aussteigen würde, könnte ich ihm etwas zeigen.
Sie stiegen aus.
Siehst du das Dorf da unten? Früher war das ein Fischerdorf. Heute ist es natürlich touristisch aufgemotzt worden, aber es hat immer noch einen ungeheuren Charme, finde ich.
Und was hat das mit uns zu tun?
Michel zeigte hinunter.
Dieses wunderbare weiße Haus dort auf der Landzunge. Wie ein Schloss würde ich sagen. Würde dir das gefallen?
Tanner schaute zu Michel.
Äh … bist du jetzt unter die Immobilienmakler gegangen? Ja, das würde mir gefallen. Wenn es nicht zu teuer ist, kaufe ich es sofort. Ich hoffe, die kleine Insel dort ist im Preis inbegriffen.
Michel schmunzelte.
Okay, du kannst für eine Weile dort wohnen. Du musst nicht mal was zahlen.
Wohnen? Spinnst du? Und was soll ich dort?
Steig ein. Ich erklär es dir beim Essen. Ich lade dich ein. Wir fahren zurück in den Hauptort. Ich möchte nicht, dass man uns da unten gemeinsam sieht. Verstehst du?
Tanner nickte übertrieben bedeutungsvoll.
Ja, ja, mach dich nur lustig.
Sie fuhren schweigend bis zu einem Hotel im Chaletstil.
Hier gehen wir essen. Der Koch ist aus Wien, es gibt ein echtes Wienerschnitzel.
Als sie im leeren Speisesaal saßen und bestellt hatten, begann Michel sich endlich zu erklären. Er fing allerdings mit einer Frage an.
Hattest du schon einmal mit Pensionaten zu tun?
Tanner hob überrascht den Blick.
Nein. Sollte ich? Also, das Maison Blanche war ja mal eins. Gerade heute, als ich auf dich warten musste, habe ich wieder einmal daran gedacht. Gibt es das heute noch? Das war doch zu Großmutters Zeiten.
Michel ließ sich nicht beirren.
Ja, stell dir vor. Die nennt man heute natürlich anders. Es gibt in unserem Land an die hundert solcher Institutionen. Meist gemischt, mit total internationaler Klientel und schweineteuer, sag ich dir. Es gibt in unserem Land einige der besten und teuersten Internate dieser Welt. Einige in dünner Bergluft, andere an den schönsten Seen, in Schlössern mit mehreren Hektaren an parkähnlichen Umschwüngen. Für die teuersten blätterst du 70 000 Franken pro Jahr hin, vielleicht noch einen Einzelzimmerzuschlag von 50 000 Franken und so weiter. Die Angebotskataloge sind uferlos. In dem teuersten werden inklusive aller Extras rund 140 000 Franken fällig. Pro Jahr.
Hier im Weißen Schloss, das du gesehen hast, ist ein Institut, ein Internat, nur für Mädchen. Das ist selten geworden, aber es gibt immer noch Eltern, die nicht wollen, dass ihr Töchterchen zusammen mit Jungs in die Schule geht. Schon gar nicht, wenn es eventuell Hunderte oder gar Tausende Kilometer weit weg von zu Hause ist. Gegründet wurde es von einer Dame, die nicht mehr lebt und selber auf einer der berühmtesten reinen Mädchenschulen erzogen wurde, in der Miss Porters School in Old England. Die Mädchen tragen hier dunkelblaue Röcke und weiße Blusen, am Sonntag karierte Röcke, schwarze Blusen, dunkle Strümpfe und Schuhe mit Absatz.
Ich bin beeindruckt. Und da soll ich wohnen! Ist das eine Art Prüfung? Willst du mich in Versuchung führen?
Michel schwieg, denn das Bier wurde serviert.
Du bist ja wohl alt genug und wirst dich zusammennehmen können.
Er räusperte sich vielsagend.
So. Ich komme jetzt zur Sache.
Tanner verdrehte die Augen zum Himmel.
In den letzten neun Jahren haben hier drei Frauen Selbstmord begangen. Die Erste war als Lehrerin tätig, die Zweite als Erzieherin und die Letzte, die Assistentin der Internatsleitung, eine Mathilde de Mol, hat sich vor etwa fünf Wochen umgebracht. Sie stammte aus Holland. Die anderen zwei waren aus Frankreich und Belgien. Alle drei sind ins Wasser gegangen, wie es so schön heißt.
Tanner verzog sein Gesicht.
Soll ich jetzt dort die neue Assistentin werden?
Michel wischte sich mit der Serviette den Schweiß von der Stirn.
Nein, die suchen für einen Monat einen Chefkoch. Und du kannst doch kochen. Der Chef geht in die Ferien und der, der ihn normalerweise vertritt, muss zum Militär. Da war noch ein anderer, der ab und zu aushalf, aber der ist vor zwei Wochen an Krebs gestorben.
Ich sehe, du bist also kein Immobilienmakler, sondern ein Personalvermittler.
Michel knallte seine Serviette auf den Tisch.
Jetzt hör schon auf. Es ist mir sehr ernst damit. In dem Haus ist etwas faul. Drei Selbstmorde in neun Jahren. Der zuständige Kommissar in dem Bezirk hat mich darauf angesprochen. Er ist ein alter Freund von mir. Die ganze Sache stinkt zum Himmel. Die Gerichtsmedizin hat alles genauestens untersucht. Alle drei Fälle wurden eindeutig als Selbstmord deklariert. Es gibt objektiv gesehen keinen Zweifel, aber –
Tanner beugte sich zu Michel.
Aber? Du glaubst es nicht. Du hast so ein Gefühl. Stimmts?
Michel brauste auf.
Ja, und? Ich kann auch mal ein Gefühl haben, oder? Oder hast du dieses Gebiet für dich gepachtet?
Tanner hob beschwichtigend die Hände.
Nein, natürlich nicht. Willkommen im Klub.
In diesem Moment wurde das Wienerschnitzel serviert. Sie pressten die Zitrone über die riesigen, aufgeklappten Fleischblätter und wünschten sich einen guten Appetit.
Und? Habe ich zu viel versprochen?
Tanner schüttelte den Kopf.
Nein. Es ist nahezu perfekt.
Michel runzelte die Stirn.
Nahezu? Was soll das jetzt wieder heißen?
Tanner hob beschwichtigend die Hand.
Das Tier, von dem das Fleisch stammt, ist nicht in einem österreichischen Stall aufgewachsen.
Michel lachte dröhnend und stopfte sich ein riesiges Stück Schnitzel in den Mund.
Nein, nein, es schmeckt sehr gut. – Ich soll also einen Monat in dem Haus kochen und herausfinden, was dort faul ist. Sehe ich das richtig?
Michel nickte eifrig kauend.
Ihr könnt keine weiteren Untersuchungen vor Ort machen, weil die Fälle offiziell als Selbstmord abgehakt sind?
Michel nickte und grunzte.
Für so eine Stelle braucht es gute Referenzen und Zeugnisse. Wenn es sich um so ein teures und vornehmes Institut handelt, werden die doch genau wissen wollen, woher ein Koch kommt, auch wenn er nur eine sogenannte Aushilfe ist.
Michel grinste verschmitzt und überreichte Tanner ein dickes Kuvert.
Es ist für alles gesorgt. Keine Sorge. Wir sind schließlich keine Anfänger.
Tanner wog das Kuvert in der Hand und legte es beiseite.
Oh la la, da bin ich aber gespannt. Aber erst esse ich, wenn du einverstanden bist.
Michel nickte.
Wer leitet denn das Institut?
Ein gewisser de Klerk. Dr. Willem de Klerk. Stammt aus Holland.
Hieß nicht auch der Präsident von Südafrika so?
Ach so? Lenk jetzt nicht ab.
Wie alt?
Michel zeigte mit der Gabel auf Tanner.
Müsste etwa in deinem Alter sein. Nur etwas sportlicher.
Ha, ha! Hat er Familie?
Also, verheiratet ist er nicht. Aber seine Mutter ist im Hause. Er hat selber keine Familie.
Weiß dein Chef davon?
Es war sogar seine Idee. Aber offiziell weiß er natürlich von nichts.
Tanner nickte.
Gut. Ich verstehe. Werde ich bezahlt?
Ja, sicher. Wenn Du die Stelle bekommst, kriegst du natürlich einen Lohn. Du musst halt gut verhandeln.
Michel grinste und wischte sich den Mund mit der Serviette sauber.
Ist das alles?
Bei Erfolg liegt sicher eine Prämie drin. Wusste gar nicht, dass du so geldgierig bist. Du hast doch schon einen ganzen Haufen.
Ich möchte noch ein Bier.
Michel streckte in Richtung Buffet zwei Finger auf und deutete auf das Bierglas.
Du nicht! Du musst fahren!
Spielverderber!
1. Tag — Sonntag
Drei Wochen später war Tanner unterwegs zu seiner Stelle als Koch im Weißen Schloss am türkisblauen See.
Da er nicht gut mit seinem glänzenden Jaguar anreisen konnte, saß er im Zug. Im Hauptort hatte er sich per Internet einen kleinen bmw gemietet, den er bei seiner Ankunft abholen würde.
Die Zeugnisse und Berufsausweise, die Referenzen und natürlich ein lupenreines polizeiliches Führungszeugnis, die Michel und sein Amt ihm zusammengestellt hatten, waren für die Bewerbung mehr als ausreichend gewesen. Stocker, der Meisterkoch vom schönen Hügel auf der anderen Seite des Sees, hatte sich bereit erklärt, bei der Zusammenstellung der fingierten Kochbiografie zu helfen. Die entsprechenden Referenzpersonen hatte er instruiert und darüber hinaus Tanner angeboten, eine Woche lang in seiner Küche mitzuarbeiten, um ihn in all die Maschinen, Gepflogenheiten und Praktiken einer professionellen Küche einzuweisen. Tanner hatte hart gearbeitet und sich sehr schnell in die Welt der professionellen Küche eingearbeitet. An zwei Tagen hatte er sich zusätzlich noch in die Geheimnisse der gehobenen Konditorei eingearbeitet. Im Weißen Schloss würde er immerhin tagtäglich für 100 Personen kochen müssen. Davon waren 75 Schülerinnen, dann die Lehrpersonen und weitere Angestellte für Service, Hausdienst, Administration.
Tanner fühlte sich einigermaßen gut für seine neue Arbeitsstelle vorbereitet.
Außerdem hatte Stocker ihn auch noch mit entsprechender Arbeitskleidung ausgestattet und ihm ein erstklassiges Messerset mit auf den Weg gegeben, denn ein Koch, der etwas auf sich hielt, kam mit seinen eigenen Messern. In der fingierten Geschichte lieh Stocker seinen Koch Tanner für einen Monat dem Internat aus. So weit so gut. Tanner freute sich auf die Chance, für einen Monat in eine neue Identität zu schlüpfen.
Im Hauptort erledigte er die Formalitäten für das Mietauto, verstaute sein Gepäck und machte sich auf den Weg an seinen neuen Wirkungsort. Diesmal fuhr er direkt ins Fischerdorf hinunter, wie Michel den Ort genannt hatte. Ob es hier wirklich noch Berufsfischer gab, die davon leben konnten? Wohl kaum. Im Schritttempo durchfuhr er das kleine Dorf und bog vom Hauptplatz, den eine ganze Reihe unansehnlicher Neubauten säumte – wahrscheinlich Eigentumswohnungen für Neureiche, in die immer enger werdende Zufahrtsstraße zum Weißen Schloss ein. Bis jetzt war ihm kein einziger Mensch begegnet. Wahrscheinlich hielten alle Mittagsschlaf. Er hielt direkt vor dem Eingang des wahrlich imposanten Hauses. Auch hier kein Mensch. Er stieg aus und hörte, dass jemand in einer fremden Sprache ein melancholisches Lied sang. Tanner lauschte einen Moment, bevor er leise die Autotür schloss.
Wie schön! Ich werde von einem Lied empfangen, dachte er und blickte sich um. Unterhalb des Hauses lag ein großer Garten mit Blumenbeeten, Büschen und Obstbäumen. Schmale Wege führten in die Tiefen des Gartens. Ob er bis zum See hinunterreichte, konnte er von seinem Standort aus nicht erkennen. Über allem herrschten Ruhe und ein tiefer Frieden. Trotzdem hatten hier drei Menschen Selbstmord begangen. Die Schönheit des Ortes und des Sees hatten sie offenbar davor auch nicht retten können.
Das Lied war zu Ende. Tanner ging auf die Eingangstür zu. Im langen Korridor, der zugleich eine Art Empfangshalle war, sah er eine Frau mittleren Alters, die, auf einer Leiter stehend, die Glasteile eines großen Leuchters polierte. Sie wandte sich um und lächelte.
Sie sind neuer Koch, richtig?
Sah man ihm das an?
Und Sie müssen die Sängerin dieses schönen Lieds gewesen sein!
Jetzt strahlte sie übers ganze Gesicht und stieg leichtfüßig die Stufen der Leiter herunter. Sie trocknete die Hände an ihrer Schürze ab und gab ihm die Hand.
Ich bin Ljuli. Ich für ganze Säuberung hier zuständig.
Ihre Hand zeichnete vor seinen Augen ein großes Rad in die Luft, das wohl das ganze Haus umfassen sollte.
Entschuldigung, mein Deutsch ist noch nicht sauber. Ich komme aus dem Kosovo.
Tanner nannte seinen Namen und fragte, ob sie ihm sein Zimmer zeigen könnte.
Ja. Du schönes Zimmer. Klein, aber mit Blick auf Wasser. Im Dach. Ich nur Berge sehen.
Sie hielt die Hand wie ein Brett vor die Augen. Tanner lachte und holte sein Gepäck aus dem Auto. Gemeinsam stiegen sie in den Lift.
Sie deutete nach oben.
Erst fahren, dann steigen. Eine Treppe.
Sie hatte recht. Das Zimmer war wirklich klein, aber der Ausblick auf See und Berge war atemberaubend.
Danke. Zeigst du mir jetzt die Küche?
Ganz unten. Im Keller.
Sie ging voraus. Es gab einige Zimmer im Dachgeschoss. Wahrscheinlich wohnte hier das gesamte Personal.
Auf der Treppe drehte sie sich zu ihm um.
Schau. Hier ist eine Lücke in Wand. Schau durch.
Sie machte ihm Platz. Er linste durch einen schmalen Riss in der Holzwand. Es war dunkel. Er drehte sich zu ihr.
Ich sehe nichts.
Du länger schauen. Augen erst äh … wegen Dunkelheit.
Er schaute und wartete. Da. Plötzlich sah er sie. Sie hingen an einem Balken und schliefen. Es waren sicher fünf oder mehr.
Fledermäuse, tatsächlich. Das hab ich schon lange nicht mehr gesehen. Danke. Arbeiten die auch fürs Internat?
Sie schaute ihn verständnislos an.
Wie? Ich nicht verstehen.
Nichts, nichts. Es war nur ein Scherz.
Sie drehte sich um.
Jetzt Küche.
Sie fuhren mit dem Lift bis ins erste Untergeschoss. Das mit dem Keller stimmte nur zur Hälfte, denn das große Gebäude war am Hang gebaut, der zum See abfiel, das heißt, dass es einige Fenster und auch eine schmale Glastür zum Garten hin gab. Die Küche war relativ klein, aber auf den ersten Blick konnte Tanner sehen, dass es alles Notwendige gab. Er sah allerdings auch, dass die Küche nicht so sauber war wie beim Stocker.
Das ist Reich des Kochs.
Sie flüsterte. Sie machte eine bedeutungsvolle Miene.
Wir müssen Herr Keller sagen.
Sie kicherte.
Er ist klein.
Sie hielt ihre Hand auf die Höhe ihrer Brust. Dann hörten sie energische Schritte.
Herr Keller? Neue Koch ist da.
Um die Ecke bog ein schmaler, untersetzter Mann in einem Trainingsanzug. Er hatte seine schwarzen Haare mit Gel nach hinten, aus seiner hohen, bleichen Stirn, gekämmt. Unter den Augen hatte er dunkle Ringe, wirkte erschöpft und gehetzt.
Nicht der neue Koch, sondern meine Vertretung.
Er wandte sich an Tanner. Ljuli verdrehte die Augen und ging.
Guten Tag. Willkommen. Du bist der Tanner. Ich bin der Keller, Max Keller. Ich bin froh, dass man eine Vertretung gefunden hat, quasi im letzten Moment. Du kommst vom Stocker, höre ich. Das ist gut, sehr gut. Morgen früh fliege ich nach Kanada. Ich gehe dort Fischen. Endlich.
Er seufzte. Max Keller näselte, was seiner Sprache etwas leicht Arrogantes verlieh. Seine Zunge huschte dauernd über seine Lippen, als müsste er sie permanent anfeuchten.
Nach zwei Jahren ohne Urlaub. Es ist eine rechte Schinderei hier, musst du wissen. Zu wenig Leute. Ich habe zwei Kochhilfen. Die sind nur angelernt. Sind beide aus dem Dorf. Und einen Stummen fürs Geschirr und so. Den Rest musst du machen.
Er griff hinter sich nach einem Ordner.
Hier sind die Menüs für den ganzen Monat. Das meiste ist bestellt und liegt bereits im Kühlkeller oder wird nach und nach geliefert. Alles mit der hohen Leitung abgesprochen. Insofern musst du dich nicht groß mit Bestellungen und Finanzen herumschlagen. Da bist du doch sicher froh, oder?
Tanner nickte vage.
Ach ja, übrigens, der Chef, ich meine, Herr de Klerk, ist erst wieder am Dienstag oder Mittwoch da. Er ist auf einem Kongress in Schweden. Er wird durch seine Assistentin vertreten. Hast du sie bereits kennengelernt?
Tanner verneinte.
Bei wichtigen Entscheidungen ist auch seine Mutter dabei, Madame de Klerk.
Er verdrehte die Augen.
Sie will partout Madame de Klerk genannt werden. Und sie benimmt sich auch so. Mit ihr musst du dich gutstellen, sonst hast du verloren. Alles klar?
Tanner nickte wieder.
Da ich jetzt Zimmerstunde habe, schlage ich vor, dass du den Ordner studierst, dich in der Küche umsiehst, sodass du mir später eventuell noch Fragen stellen kannst. Morgen früh wäre es dann zu spät. Wir sehen uns ab vier Uhr hier zum Appell.
Er kicherte, salutierte und schlug die Hacken zusammen.
Abtreten!
Dann ging er aus der Küche.
Tanner setzte sich auf den einzigen Stuhl in der Küche und betrachtete seinen Arbeitsplatz der nächsten vier Wochen. Er wusste jetzt schon, was er morgen früh tun würde – also sobald Keller weg war: Putzen, putzen und nochmals putzen.
Er seufzte. Er war gespannt auf seine sogenannten Kochhilfen.
Schnelle Schritte kamen die Treppen herunter.
Ach, schau an. Unser neuer Koch. Guten Tag, Herr Tanner. Ich bin Teresa Wunder, die Assistentin von Dr. de Klerk. Ich bin auch relativ neu hier, also haben wir mindestens etwas gemeinsam. Herr de Klerk kommt am Mittwoch, vielleicht auch erst am Donnerstag. Für alle möglichen Fragen wenden Sie sich also an mich. Ich wünsche ihnen einen guten Anfang und hoffe auf eine gute Zusammenarbeit.
Tanner drückte ihre Hand und bedankte sich.
Sie war das, was man im Volksmund eine kühle Blonde aus dem hohen Norden nennen würde. Der Händedruck ihrer schmalen Hand war aber angenehm kräftig. Ihre Rede klang ein wenig auswendig gelernt, aber Tanner empfand sie als aufrichtig. Sie hatte diesen schwarzen Anzug mit der obligaten weißen Bluse an wie alle aufstrebenden Assistentinnen.
Wie lange sind Sie denn schon hier, Frau Wunder?
Nennen Sie mich ruhig Teresa.
Ihre blasse Haut überzog sich mit einer leichten Röte.
Ja, das sind jetzt etwa – fünf Wochen, ja genau.
Tanner schaute sie an.
Und? Gefällt ihnen die Arbeit? Und der Ort? Fühlen Sie sich wohl hier?
Sie wich seinen Augen nicht aus, schien es aber plötzlich eilig zu haben.
Ich würde vorschlagen, dass Sie sich erst mal hier umsehen und einarbeiten, denn wir sind sehr auf Sie angewiesen, äh … also, ich meine, was unser leibliches Wohl angeht. Sie verstehen. Dann kann ich ihnen später gerne eine Übersicht über unser Institut geben. Das Abendessen wird am Sonntag um acht Uhr serviert. Unter der Woche eine halbe Stunde früher. Heute also um acht. Die Lehrerschaft werden Sie zum großen Teil erst morgen kennenlernen.
Schon war er wieder allein.
Hui, haben die’s alle eilig.
Tanner schaute sich in aller Ruhe den Herd, die Maschinen, die Werkzeuge an. Vergewisserte sich, wo all die größeren und kleineren Utensilien der Küche versorgt waren. Die Zutaten, die Gewürze usw. Die Vorräte würde er sich heute Abend mit Keller zusammen ansehen. Dann packte er besagten Ordner unter den Arm, er konnte ihn genauso gut in seinem Zimmer studieren. Er beschloss, die Treppe zu nehmen, um die verschiedenen Stockwerke zu sehen. In der Eingangshalle traf er wieder auf Ljuli.
Und? Ist Küche in Ordnung?
Ja, ja. Im großen Ganzen schon. Ich wollte dich fragen, ob du mir am Montag hilfst, sie mal gründlich zu, äh … säubern, putzen. Bis sie glänzt!
Ja, gerne. Der Herr Keller hat sich immer geweigert, dass ich putzen komme. Küche sehr schmutzig.
Tanner legte einen Finger auf seine Lippen. Sie machte es ihm nach und blickte ihn verschwörerisch an.
Bis später. Ich geh aufs Zimmer. Ich muss diesen ganzen Ordner durcharbeiten.
Sie verdrehte die Augen und lachte.
Äh, entschuldige, Ljuli, hättest du Zeit, mir noch das Haus zu zeigen?
Ja, gerne.
Also. Auf der linken Seite sind Büros. Besser anschauen mit Frau Wunder. Auf andere Seite und zum See sind Speisesäle.
Sie traten durch eine zweiflügelige Glastür, flankiert von zwei weißen Säulen, in die hohen und sehr luftig wirkenden Räume mit großen Tischen, an denen jeweils zehn Gäste sitzen konnten. An den Wänden alte Ölgemälde mit Landschafts- und Tiermotiven. In einer Ecke, nahe den Fenstern zum See, stand ein mächtiger weißer Flügel. Von den Decken hingen kostbare Jugendstil-Kronleuchter.
Hier essen Mädchen und vorne, äh … Saal für Lehrer und andere Angestellte. Im Sommer wir können essen auf Terrasse. Sehr große Terrasse. Bedeckt.
Gedeckt, sagt man. Oder überdeckt. Nicht bedeckt.
Danke. Sag mir bitte Fehler. Niemand tut es. Das ist schade.
Tanner nickte.
Sie gingen in den ersten Stock.
Im ersten und zweiten Stock sind Schulzimmer. Und Aufenthalt für Mädchen.
Ljuli öffnete eine Tür nach der anderen. Es waren alles sehr luftige und helle Räume mit wenig Tischen und alles sehr gut eingerichtet. Anscheinend wurde in sehr kleinen Klassen unterrichtet. In einem so teuren Internat war auch nichts Anderes zu erwarten gewesen.
Als sie durch alle Zimmer waren, zeigte Ljuli nach oben.
Im dritten Stock wohnen Mädchen mit Einzelzimmern und auch Herr und Frau de Klerk wohnen dort.
Aha. Wo wohnen denn die anderen Mädchen?
Es gibt noch zwei Häuser. Da wohnen Mädchen und Erzieherinnen.
Gut. Danke, Ljuli, für die Führung. Das war sehr nett. Ich geh jetzt in mein Zimmer. Arbeiten.
Er hob demonstrativ den Ordner in die Luft.
Ljuli lachte.
Viele Vergnügungen.
Als Tanner im dritten Stock ankam, hörte er, dass jemand mit einem schweren Hustenanfall zu kämpfen hatte. Ob das die alte Madame de Klerk war? Wahrscheinlich. Tanner lauschte und ging auf die Tür zu, hinter der sich das Hustendrama abspielte. Das Geräusch veränderte sich immer mehr in ein qualvolles Keuchen, als ob die betreffende Person kurz vorm Ersticken wäre. Kurz entschlossen klopfte er energisch an die Tür.
Brauchen Sie Hilfe, Madame? Soll ich Hilfe holen?
Er legte sein Ohr an die Tür. Jetzt war es eindeutig, es klang, als stünde jemand kurz vorm Ersticken. Er riss die Tür auf. Es war ein großes, salonartiges Zimmer, vollgestopft mit altmodischen Möbeln. In einer breiten Nische stand ein Himmelbett mit gedrechselten Säulen. Die Person im Bett krümmte sich und schien ihn nicht zu bemerken. In der Luft lag ein penetranter Duft nach Lavendel. Tanner ging näher ans Bett. Es war Madame de Klerk, da war er sich sicher. Sie hatte ganz kurzes weißes Haar.
Madame de Klerk. Können Sie mich hören? Ich bin der neue Koch. Tanner ist mein Name, und ich habe Sie zufällig furchtbar husten gehört. Brauchen Sie Hilfe?
Sie rührte sich nicht, sondern rang offenbar verzweifelt nach Atem. Tanner rannte ins Treppenhaus.
Ljuli! Ljuli! Komm! Madame de Klerk ist am Ersticken. Komm. Oder hol Hilfe.
Tanner schrie aus Leibeskräften und hoffte, dass Ljuli ihn gehört hatte. Er eilte zurück ins Zimmer.
Die Frau hatte sich mittlerweile im Bett umgedreht und reckte ihren Arm in die Höhe, dann auf die Seite, als ob sie etwas nehmen oder etwas zeigen wollte. Ihre Augen waren stark geweitet und sie konnte kaum atmen.
Jetzt entdeckte er auf einem Tisch, was sie verzweifelt verlangte. Einen Inhalator. In zwei Schritten war er beim Tisch, packte ihn und drückte ihn ihr in die Hand. Sie steckte sich ihn sofort in den Mund und pumpte. Kurz darauf beruhigte sie sich, und sie konnte wieder atmen. In diesem Moment kam Ljuli atemlos ins Zimmer gerannt. Sie ging sofort zum Bett.
Madame, ist gut so? Sollen wir Doktor rufen?
Sie schüttelte den Kopf, bedeckte mit einer Hand ihr Gesicht und deutete auf Tanner. Sprechen konnte sie offenbar noch nicht. Ljuli drehte sich zu Tanner um.
Das ist neuer Koch, Madame. Simon Tanner. Er hat sie gehört. Haben Sie Hilfe gerufen?
Sie schüttelte den Kopf und winkte mit einem Arm.
Es bedeutete offenbar, dass die Krise vorbei war und dass sie beide das Zimmer verlassen sollten.
Ljuli drehte sich um und zuckte resigniert mit den Achseln.
Gehen wir. Sie wünscht so.
Sie gingen beide aus dem Zimmer. Tanner schloss leise die Tür und nahm den Ordner vom Boden, wo er ihn hingelegt hatte.
Also, wie gesagt.
Er deutete auf den Ordner.
Danke, dass du gekommen bist, Ljuli, ich wusste ja nicht …
Sie hat immer wieder, äh … Anfälle. Sagt man so?
Tanner nickte.
Ich melde es Frau Wunder.
Sie ging eilig die Treppe runter. Tanner lauschte noch ein Weilchen und wandte sich zur Treppe, die in den Dachstock führte.
In seinem Rücken hörte er ein Geräusch und drehte sich um. Der Gang war leer, aber bei einem der hinteren Zimmer hatte sich die Tür einen Spalt geöffnet. Jetzt erschien ein sehr junges Gesicht mit dunkelblonden Stirnfransen.
Pst. Herr Tanner, kommen Sie.
Tanner ging näher.
Woher kennst du meinen Namen?
Er schätzte das Mädchen auf höchstens dreizehn Jahre.
He, wir werden hier nicht geduzt.
Oh. Verzeihen Sie, Madame. Mit wem habe ich die Ehre?
Kommen Sie in mein Zimmer, dann sage ich es ihnen.
Tanner schüttelte den Kopf.
Nein, junge Dame. Ich komme sicher nicht in Ihr Zimmer. Was wollten Sie mir sagen?
Sie verschränkte ihre Arme und flüsterte.
Warum haben Sie sie nicht verrecken lassen? Sie ist der Teufel.
Oh, das wusste ich nicht. Abgesehen davon, dass ich nicht an den Teufel glaube, ist es nicht meine Art, Menschen in Not meine Hilfe zu versagen.
So, so. Sie glauben also nicht an den Teufel. Mh, hm. Werden Sie mich auch retten, wenn ich in Not bin?
Tanner seufzte.
Ja, sicher. Wie heißt …
Das Mädchen zog sich zurück und schloss leise und ohne weiteren Kommentar die Tür. Neben der Tür war ein kleines Schild angebracht. Tanner ging näher.
L. Dürr stand da.
Lina? Lea? Lana? Lucy?
Tanner gab auf und ging endlich die Treppe hoch in sein winziges Zimmer mit Aussicht.
1. Tag — Sonntagnacht
Mitternacht war längst vorbei, als Tanner erschöpft ins Bett fiel.
Pünktlich um vier Uhr hatte er sich in das kleine Küchenreich des Weißen Schlosses begeben. Den Ordner hatte er studiert, vielmehr überflogen, denn er hatte schnell gemerkt, dass nichts besonders Aufregendes in den Menüvorschlägen der nächsten vier Wochen stand. Ein bisschen Hausmannskost, ein bisschen typisches Kantinenessen – wenn auch etwas gehoben –, ein bisschen international. Im Angebot standen zu jeder Mahlzeit ein vegetarisches Menü und eines mit Fleisch, gelegentlich Fisch. Es stand auch jeweils die Anzahl der verschiedenen Varianten fest. Natürlich war ein geschriebenes Menü das eine und das gekochte etwas anderes. Beim Kochen gab es zum Glück eine schier unendliche Vielzahl von Möglichkeiten. Insofern würde ihm sehr viel Spielraum bleiben, auch wenn er sich an die Vorgaben hielt, was noch lange nicht gesagt war. Für den heutigen Sonntagabend (eigentlich an jedem Sonntagabend) war ein klassisches Nationalgericht geplant, das hier Ländliches Abendessen hieß und landläufig Gschwellti genannt wurde; ganze, ungeschälte Kartoffeln mit einer Auswahl an Käsen und Salaten.
Also, viel Arbeit würde es heute Abend nicht geben.
Die zwei angelernten Hilfsköche – wie Keller sie genannt hatte – entpuppten sich als zwei Frauen aus dem Dorf. Etwas zurückhaltend, aber mit kräftigem Händedruck begrüßten sie ihren neuen Küchenchef und wünschten ihm einen erfolgreichen Arbeitsmonat und versprachen eine tatkräftige Zusammenarbeit. Das glaubte ihnen Tanner aufs Wort. Wahrscheinlich hätten die beiden Frauen – sie stellten sich als Lydia und Annerös vor – den Laden auch ganz allein schmeißen können, wenigstens auf dem bisher gewohnten Niveau. Das Frühstück machten sie übrigens allein, mit zusätzlicher Unterstützung aus dem Dorf. Tanner musste sich also ums Frühstück überhaupt nicht kümmern.
Der Stumme war ein schmaler, sympathischer Mann unbestimmbaren Alters aus Sri Lanka. Er verbeugte sich mit sehr ernster Miene. Tanner verbeugte sich kurzerhand auch, übertrieben theatralisch, was zu einem ersten Heiterkeitsausbruch in der Küche führte. Die Folge war, dass sich kurzerhand alle ein paar Mal gegenseitig verbeugten. Das Eis war gebrochen und alle machten sich an die Arbeit. Tanner entzündete rituell die Gasflammen des zentralen Kochherds, so wie er es von Stocker gelernt hatte. Die beiden Frauen begannen einen Berg von Salaten zu rüsten. Anandan, der Stumme, wusch Unmengen von Kartoffeln. Keller inspizierte derweil mit Tanner die Kühlräume und den Vorratskeller.
Es handelte sich, wie Tanner es aufgrund der Menüs geahnt hatte, durchs Band um lauter gängige Produkte, wie er sie in Großeinkaufsstätten für Hotels und Restaurants bereits kennengelernt hatte. In der Mehrheit waren es Fertig- und Halbfertigprodukte. Zur gleichen Zeit brachten sie all die diversen Käsesorten in die Küche, die dann von Tanner und Keller in kleinere Portionen geschnitten und auf großen Holzplatten dekorativ angerichtet werden sollten. Eine Platte pro Tisch. Tanner packte seine Messer aus und Keller begutachtete sie fachmännisch.
Aha, sieh an: Keine Produkte aus dem fernen Japan?
Nein, die sind von einem Freund von mir, der ein begnadeter Messerschmied ist. Du siehst, es gibt auch bei uns höchste Qualität. Und wunderschön sind sie obendrein. Jeder Griff eine Liebeserklärung an das geschmiedete Eisen.
Keller nickte und begann dann übergangslos einen ewig währenden Monolog über seine Kocherfolge und vor allem über seine künftigen Großtaten als Fischer in den reißenden Gebirgsbächen Kanadas zu halten. Tanner sah, dass sich der Rest der Küchenbesatzung schon ein ziemlich dickes Fell gegen dieses Monologisieren ihres Küchenchefs zugelegt hatte.
Er atmete tief durch und machte sich an die Arbeit.
Gegen sechs Uhr traf nach und nach auch das Servicepersonal ein: Ausschließlich jüngere Frauen aus dem nahen Ausland. Am Getrampel im Treppenhaus konnte man auch bis in die Küche hinunter hören, wie die Schülerinnen aus ihren Schlafhäusern oder aus dem Wochenendurlaub eintrafen. Einzelne Grüppchen schlenderten gelegentlich durch den Garten oder guckten fröhlich winkend durch die Fenster in die Küche. Die Mädchen, die Tanner sah, schätzte er auf vierzehn bis achtzehn Jahre. Morgen würde er von Teresa Wunder einige Informationen über die Schule erhalten. Das hatte sie ihm versprochen, als sie kurz nach fünf in die Küche schaute. Sie erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei, und kündigte an, dass sie um acht Uhr Tanner und Keller kurz in den Speisesaal holen würde, um die Ferienvertretung des Küchenchefs vorzustellen.
Von der Küche zu den Speisesälen gab es zwei Küchenlifte. Kurz nach halb acht wurden diese mit den Käseplatten und den unzähligen Salatschüsseln bestückt. Das Servicepersonal hatte indessen die Speisesäle hergerichtet, und die Schülerinnen setzten sich.
Kurz vor acht kam Teresa Wunder wie versprochen und führte die beiden Küchenchefs in die Speisesäle.
Tanner, ich möchte Sie erst Madame de Klerk und dann den beiden Erzieherinnen vorstellen.
Tanner nickte und folgte ihr durch das Gewusel der Schülerinnen, die jetzt in die Säle strömten.
Madame de Klerk saß an einem einzelnen Tisch nahe am Fenster, das direkt auf See und Garten blickte.
Tanner erschrak beinahe. Das war nicht das Wesen, dass er heute Nachmittag sich hatte krümmen und nach Luft ringen sehen. Diese Madame war das blühende Leben selbst und ganz bestimmt nicht alt. Da musste er irgendetwas falsch verstanden haben. Ihre Haut war glatt. Ihre Augen leuchteten, und sie hatte volle Lippen, die diskret geschminkt waren. Sie hatte keinerlei Falten außer einigen Lachfältchen um die Augen. Diese Madame hatte schönes, dunkelblondes Haar. Ihre Kleidung war sicher teuer, wirkte aber wie aus einem anderen Jahrhundert. Sie sah außerordentlich vornehm aus und hätte sofort in einer altmodischen Inszenierung von Drei Schwestern auftreten können.
Tanner ließ es nicht nehmen, sie mit einer knappen Verbeugung und die ihm kühl entgegen gestreckte Hand mit einem angedeuteten Handkuss zu begrüßen.
Jetzt kam die nächste Überraschung: Sie hatte eine ausgesprochen tiefe und raue Stimme. Tanner tippte auf schwere Raucherin.
Herzlich willkommen in unserem Institut. Mein Sohn, der Direktor, kann Sie heute leider noch nicht begrüßen. Er kommt wahrscheinlich erst Freitag oder Samstag.
Tanner stutzte. Interessant. Jeder sagte einen anderen Ankunftstag voraus.
Sie fixierte ihn mit ihren tiefblauen Augen und entließ ihn mit einer lässigen Handbewegung.
Teresa ging mit Tanner einen Tisch weiter, wo die beiden Erzieherinnen saßen. Es waren zwei jugendlich, sportlich und sympathisch wirkende Frauen.
Teresa stellte ihn kurz vor. Er schüttelte jeder die Hand, hatte aber die Namen sofort wieder vergessen.
Teresa wandte sich nun an die Schülerinnen. Sie klingelte energisch mit einer Tischglocke, und nach und nach wurde es still im Raum.
Sie begrüßte die Mädchen, nannte einige Termine und Verschiebungen im Schulprogramm der nächsten Woche und stellte Tanner als Küchenchef vor. Dann wünschte sie Max Keller schöne Ferien, Petri Heil und eine gute Rückkehr. Die Mädchen applaudierten heftig.
Währenddessen schaute sich Tanner die jungen Mädchengesichter an. Das Gesicht des Mädchens allerdings, das ihn vor dem Teufel gewarnt hatte, fand er nicht unter ihnen. Tanner und Keller gingen zurück in die Küche, wo sich Keller von der ganzen Küchenmannschaft verabschiedete, denn er fuhr bereits heute Abend weg, da morgen sein Flug nach Kanada sehr früh starten würde.
Tanner war nun für den Rest des Abendessens allein mit der kleinen Küchenmannschaft. Der Service meldete, dass es absehbar keine weiteren Nachbestellungen für Kartoffeln und Käse geben würde, allerdings seien noch drei große Schüsseln Salat gewünscht. Die Sauce sei heute aber auch gar zu lecker.
Annerös und Lydia beglückwünschten Tanner lachend, der hatte nämlich unter den kritischen Augen Kellers ein paar eigenmächtige Veränderungen an der Fertigsauce vorgenommen. Mit einer kräftigen Portion Honig und Holundersirup und einigen Brisen weiterer Gewürze.
Also entweder nur Öl, Essig, Pfeffer und Salz oder dann schon richtig.
Keller hatte nur mit den Schultern gezuckt.
Ab morgen machen wir die Sauce von Grund auf selber. Einverstanden?
Die beiden Frauen nickten. Der Stumme lächelte.
Nach dem Essen kam Teresa Wunder in die Küche und nahm Tanner beiseite.
Werden Sie es mit der kleinen Mannschaft schaffen? Keller meckerte immer, dass er mehr Leute brauchte.
Nein, nein, das geht schon in Ordnung. Die Mannschaft ist gut. Man muss sie nur selbständig machen lassen.
Sie nickte.
Gut zu wissen. Danke. Ach ja, Frau de Klerk wünscht Sie noch zu sprechen. So gegen zehn in ihrem Salon.
Sie guckte auf die Uhr.
Dann müssten Sie ja hier fertig sein. Schaffen Sie das?
Tanner nickte und runzelte die Stirn.
Es tut mir leid, ich weiß nicht, was sie will. Sie schien irgendwie verärgert zu sein. Weswegen weiß ich nicht. Nehmen Sie es gelassen.
Entschuldigen sie, Teresa, man hat mir gesagt, dass Frau de Klerk schon sehr alt sei? Aber das kann doch nicht diese Frau sein, die Sie mir vorgestellt haben?
Teresa lachte.
Also, wie alt sie genau ist, weiß niemand, aber sie ist deutlich älter als sie aussieht. Tja, ich wüsste auch gerne, wie sie das macht. Sie ist ein Phänomen. Vielleicht ein Naturwunder?
Tanner nickte.
Ja vielleicht. Dann gute Nacht.
Gute Nacht.
Er blickte ihren geschwinden Schritten nach.
Frau de Klerk verärgert?
Er zuckte die Achseln, drehte die Gashähne zu und machte noch einmal eine Sauce für die drei Schüsseln Salat, die von Annerös vorbereitet wurden.
Kurz nach zehn klopfte er leise an die Tür von Frau de Klerks Zimmer. Zuvor hatte er sich vergewissert, dass alle anderen Türen, auch die einer gewissen L. Dürr, nicht etwa zwecks Lauschens halb geöffnet waren. Das Weiße Schloss lag in tiefer Ruhe. Er klopfte noch einmal und drückte dann nach drei Atemzügen die Klinke. Die Tür war nicht abgeschlossen. Er öffnete sie. Der Raum lag vollkommen im Dunkel.
Machen Sie die Tür zu und kommen Sie rein. Ich sitze hier am Fenster.
Er schloss die Tür und blieb einen Augenblick stehen. Seine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Er sah sie als dunkle Silhouette am Fenster sitzen.
Kommen Sie schnell. Ich möchte Ihnen etwas zeigen. Nehmen Sie Platz. Neben mir ist ein Stuhl.
Sie klopfte mit ihrer Linken auf einen Polsterstuhl. Tanner setzte sich.
Schauen Sie. Jetzt geht gleich der Mond auf.
Tanner war verblüfft. Der See leuchtete matt, als ob es an seinem Grund eine Leuchtquelle gäbe. Am dunklen Firmament leuchteten nur ein paar vereinzelte Sterne.
Sie zeigte auf eine tiefe Kerbe zwischen zwei hohen Gipfeln.
Dort. Schauen Sie. Dort wird er gleich erscheinen.
Sie hatte recht. Ein kalt glühender Goldschimmer hatte sich bereits an die Ränder dieser Kerbe gelegt, als ob jemand mit einem Goldstift den schwarzblauen Bergrändern nachgefahren wäre.
Dann erschien der Mond. In einem unglaublichen Tempo schob sich die leuchtende Scheibe zwischen den Bergen hinauf. Ein gigantisches Spektakel.
Er ist noch nicht voll, sehen Sie. Das wird erst am nächsten Freitag der Fall sein.
Wenn der Herr Direktor zurückkommt, schoss es Tanner durch den Kopf.
Er betrachtete ihr Profil. Sie betrachtete verzückt das Naturschauspiel. Diese Hingabe an die Schönheit der Natur verklärte ihr Gesicht und machte sie noch schöner und sehr weich.
Sie bemerkte seinen Blick. Und da war sie wieder – diese herrische Barschheit.
Schauen Sie nicht mich an! Schauen Sie die Natur an.
Sie schnaubte ungehalten, beruhigte sich aber gleich wieder.
Ist das nicht schön? Das ist die reine Poesie. Erhaben. Eigentlich ist der Mond ja eine Sie. La Luna. Aber in unseren Breitengraden ist er in Gottesnamen halt ein Mann. Und jetzt – schauen Sie – jetzt legt sich die Goldstraße aufs Wasser. Betrachten Sie die zitternden, diese sich fortlaufend verändernden Linien. Das ist göttliche Mathematik, finden sie nicht auch?
Tanner war überrascht. Er getraute sich aber nicht, sie erneut anzusehen.
Göttliche Mathematik?
Ja, betrachten Sie jetzt zum Beispiel auch die immer schärfer hervortretende Küstenlinie des Sees. Diese wellenförmig verlaufenden Linien. Das ist wie Kurven in der Mathematik. Wie die Kurven der Aktienbörse, Zufallskurven.
Sind Sie Mathematikerin?
Sie lachte.
Ich war Mathematiklehrerin, lange ist es her. Und heute beschäftige ich mich in den Morgenstunden mit Börsengeschäften, so ab vier Uhr, verstehen Sie. Wenn alle anderen noch schlafen, außer der weltweiten Börse – die ist quasi rund um die Uhr wach.
Und? Gewinnen Sie?
Sie drehte sich zu ihm.
Ja. Stellen Sie sich vor. Ich gewinne – und wie. Wahrscheinlich, weil ich nichts mehr zu verlieren habe. Wovor sollte ich Angst haben?
Sie lachte ihr raues Lachen.
Und wenn ich gewonnen habe, schlafe ich selig wieder ein.
Und am Nachmittag? Was machen Sie da? Spielen Sie weiter?
Nein.
Sie stand mit einem Ruck auf.
Geben Sie mir ihre Hand.
Tanner stand auf und reichte ihr die Hand.
Sie sollen mir nicht Auf Wiedersehen sagen, sie sollen mich stützen, ich will ins Bett.
Tanner stützte sie. Sie hatte angenehme Hände. Zart geradezu, wenn man an ihre raue Stimme dachte.
Sie ging sehr bestimmt und fast leichtfüßig. Tanner fragte sich, warum sie seine Stütze brauchte.
Ich kriege manchmal Schwindelanfälle, die kommen leider ohne Ankündigung.
Konnte sie Gedanken lesen?
Sie waren jetzt bei ihrem großen Himmelbett angekommen.
Nehmen Sie meinen Morgenmantel.
Das war keine Bitte, das war ein Befehl. Er trat hinter sie und griff nach dem schweren Mantel an seinem umgelegten, weichen Kragen. Sie schlüpfte aus den Ärmeln. Sie stand wortlos da, als lauschte sie auf etwas. Dann streckte sie ihre schlanken Arme nach ihren Haaren aus.
Da Sie mich heute schon mal ohne meine Haare gesehen haben, spielt es jetzt auch keine Rolle mehr. Ich gebe Ihnen die Nadeln in die Hand.
Sie zupfte einige Nadeln aus dem Haar und nahm ihre voluminöse Haarpracht ab. Ihre blonden Haare waren also tatsächlich eine Perücke. Sie legte sie behutsam auf den Stuhl neben ihrem Bett. Sie hatte ein sehr zartes Nachtgewand an. Der Mond schien jetzt in das Zimmer, und so schimmerte sehr zart die Silhouette ihres Körpers durch den leichten Stoff. Der Stoff war kunstvoll und fein mit zarten Rosen bestickt. Es sah fast hochzeitlich aus. Ihr Körper wirkte wie Elfenbein. Er konnte nicht umhin, sie, die sich dem Fremden, so selbstverständlich präsentierte, anzustarren. Oder war ihr vielleicht die Wirkung des Mondlichts nicht klar?
Sie lachte ein raues Lachen.
Sie müssen sich nicht abwenden. Was gibt es für eine Frau Schöneres, Aufregenderes als der Blick eines Fremden? Dieser Blick wird durch kein Wissen, keine irgendwie gelagerte Vorgeschichte getrübt. Es gibt keine emotionale Verwicklung. Keine Belastung. Es gibt nur das Staunen über die Schönheit ihres Körpers. Es ist quasi ein unschuldiger Blick, der sich einfach am Sehen erfreut. Und dann zum Begehren wird.
Sie gab ihm wieder ihre Hand.
Helfen Sie mir jetzt ins Bett.
Er legte sie ins Bett.
Meine schönsten sexuellen Erlebnisse waren die flüchtigen, mit Unbekannten. Im Zug, auf einem Schiff, im Gang eines Hotels. Sie verstehen. Kaum hat man eine sogenannte Beziehung, fängt das Gemurkse an. Und am Schluss bringt man sich gegenseitig um.
Sie lachte ausgiebig und streckte und dehnte sich.
Kennen Sie Pasolini? Den italienischen Filmer?
Tanner nickte.
Ich war immer begeistert von seinen Filmen. Von seinem Plädoyer für eine Art der kindlichen, unschuldigen Sexualität, die natürlich eine Illusion ist.
Sie lachte ihr raues Lachen und richtete sich auf.
Zünden Sie mir eine Zigarette an!
Da war er wieder, der Befehlston.
Und Ihr Husten?
Kaum hatte er das gesagt, bereute er es auch schon.
Sie winkte ab. Sie zeigte in Richtung Tisch.
Die Zigaretten liegen dort drüben.
Er ging zum Tisch, fand Zigaretten und Feuerzeug. Es war die stärkste Marke, die man rauchen konnte. Er steckte sich eine zwischen die Lippen und zündete sie an. Er gab sie ihr in den Mund. Sie nahm einen tiefen Zug, legte ihren Kopf wieder zurück aufs Kopfkissen. Sie blies den Rauch gekonnt in Ringen gegen die Decke.
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen … ha, ha …
Rilke.
Sie schaute ihn überrascht an.
Ein Koch, der Rilke kennt.
Sie richtete sich auf und zeigte mit der Zigarette auf ihn.
Sie sind nicht das, was Sie vorgeben zu sein. Ich habe Sie durchschaut.
Wer ist schon das, was er vorgibt zu sein.
Ja, ja, bla, bla, bla …
Sie schloss für einen Moment ihre Augen. Draußen hörte man ein Käuzchen rufen. Sie nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. Ihre Brust hob und senkte sich.
Ich habe mein Leben lang geraucht. Die Leute – nicht nur die Jungen – denken immer, die Sexualität hört im Alter auf zu existieren. Sie denken, die schläft einfach ein oder nimmt ab wie das Gehör oder das Sehvermögen.
Sie gähnte.
Machen Sie die Zigarette für mich aus. Die hat mir jetzt geschmeckt wie lange keine mehr. Und daran sind Sie schuld. Mich zum Rauchen zu verleiten.
Er nahm die Zigarette und ging zum Aschenbecher.
Dort auf dem Tisch liegt ein längliches, ein weißes Lederetui. Sehen Sie es?
Er nickte.
Bringen Sie es mir bitte.
Er brachte es ihr. Sie öffnete den seitlichen Reißverschluss. Dann hielt sie inne und schaute ihn an.
Sie wissen, was das ist.
Ich ahne es.
Gut. Sie können jetzt gehen. Gute Nacht.
Das Letzte, woran Tanner dachte, bevor ihn der Schlaf übermannte, war eine Sequenz aus einer chinesischen Legende.
Ich zeige dir eine Falle, und du wirst hineinspringen.
2. Tag — Montagmorgen
Bereits um sechs Uhr stand Tanner wieder in der Küche. Nicht wegen der Vorbereitung des Frühstücks, das zwischen sieben und Viertel vor acht stattfinden musste, denn der Unterricht beginnt für die Mädchen pünktlich um acht Uhr. Fürs Frühstück waren Lydia und Annerös zuständig, unterstützt von zwei anderen Frauen aus dem Dorf, die im Speisesaal wirkten.
Er hatte sich diverse Ordner mit Lieferantenrechnungen angeschaut und sich zum Teil über die Höhe der Rechnungen gewundert. Auch staunte er über die Mengen von Salaten und verschiedenen Sorten Gemüse, die da zeitweise bestellt worden waren. Aber das hatte noch Zeit. Das würde er sich später mal gründlich anschauen.
Heute stand für den Mittagstisch Gemüsekuchen, also eine Quiche, mit Salat auf dem Programm. Zum Dessert ein gekaufter Vanillepudding, den sie nur aus der Verpackung zu stürzen hatten. Für den Abend Maispoularde und Reis. Für die Vegetarier Reis mit einer Gemüsesauce. Er hängte den Menüplan für heute auf.
Tanner stöhnte.
Oh je, ist das alles langweilig.
Er fand jede Menge Vanillestängel. Eier waren auch genug da. Ebenso Milch und Zucker.
Als Annerös und Lydia gegen sieben Uhr mit den Vorbereitungen zum Frühstück fertig waren, rief er sie zur Lagebesprechung zusammen. Anandan kam auch dazu.
Ihr habt gesehen, was Herr Keller für heute geplant hatte, oder?
Alle nickten.
Also, da wir noch jede Menge tiefgefrorenen Lachs haben, mischen wir den ins Gemüse, sonst ist eine Quiche, wenn wir nicht Topgemüse haben, einfach zu langweilig. Seid ihr einverstanden?
Alle nickten.
Lydia räusperte sich.
Apropos Gemüse. Wir hätten genug Produzenten im Dorf und in der Umgebung. Wir müssten das Gemüse nicht vom Großverteiler bestellen, wo wir nicht wissen, woher es kommt.
Lydia, du sprichst mir aus dem Herzen. Du bist ab jetzt zuständig für Gemüsebeschaffung. Das gleiche gilt für die Kräuter.
Lydia hob die Hand.
Aber die haben wir ja im Garten.
Tanner runzelte die Stirn.
Warum bestellt denn der Keller auch die Kräuter beim Großverteiler?
Er, äh … er geht nicht so gerne in den Garten, es war ihm zu mühsam, sich die Kräuter zusammenzusuchen. Hier regnet es sehr oft.
Gut. Lydia, das übernimmst auch du.
Sie nickte.
Mich interessieren vor allem auch alte Sorten und so weiter, übrigens auch essbare Blumen. Mach bitte eine Liste mit möglichen Produzenten. Nimm Kontakt auf. Ich bespreche das mit Teresa Wunder. Ich bereite den Teig für die Quiche vor. Dann rüsten wir die Gemüse. Heute halt die, die wir hier haben. Anandan holt den Lachs aus dem Kühlraum.
An Lydia gewandt.
Du besorgst uns frische Kräuter aus dem Garten. So viele du kannst.
Tanner guckte auf seinen Zettel.
Dann – oh je, diese Vanille-Puddings!
Jetzt meldet sich Lydia aufgeregt zu Wort.
Annerös macht die beste Vanillecrème der ganzen Gegend.
Stimmt das?
Ja, das stimmt. Ich mache das gerne.
Ob gerne oder nicht, hjedenfalls die absolut beste!
Gut. Du fängst sofort an. Falls es noch was fürs Frühstück zu tun gibt, mache ich das. Ihr beginnt sofort mit euren Arbeiten. Wann muss das Essen fertig sein?
Um halb eins.
Gut. Die Quiches müssen spätestens um Viertel vor zwölf in den Ofen.
Ich suche jetzt das Wunder, äh … Frau Wunder.
Alle kicherten.
Tanner ging die Treppe hoch in die Speisesäle auf der Suche nach Teresa Wunder. Die Mädchen trudelten langsam ein und setzten sich an ihre Tische. Teresa saß ganz allein im hinteren Teil des Speisesaals.
Entschuldigung, Teresa, ich hätte was zu besprechen. Kann ich nach dem Frühstück zu Ihnen ins Büro kommen?
Sie blickte ihn erschrocken an.
Ja, sicher können Sie gerne vorbeikommen. Gibt es, äh … ein Problem?
Offensichtlich wollte sie zuerst sagen, ob es schon ein Problem gäbe, unterdrückte aber das schon im allerletzten Moment.
Tanner winkte ab.
Nein, nein. Es gibt kein Problem. Ich möchte nur etwas Strategisches mit Ihnen besprechen. Also, ich meine etwas Kochstrategisches.
Sie war erleichtert.
Ja, ja, kommen Sie in einer halben Stunde.
Tanner nickte.
Sagen Sie, war es schlimm gestern mit Madame?
Tanner blickte verdutzt.
Nein, überhaupt nicht. Es gab überhaupt kein Problem. Sie wollte sich bei mir nur für meine Hilfe gestern bedanken.
Jetzt war sie an der Reihe, verdutzt zu gucken.
Sagten Sie bedanken?!
Tanner ging zum Lift und fuhr in den dritten Stock. Er hatte sein Telefon im Zimmer vergessen. Im dritten Stock lauschte er kurz auf eventuelle Geräusche aus Madames Zimmer. Er hörte nichts, wahrscheinlich hatte sie gewonnen und schlief jetzt ihren seligen Schlaf, wie sie es nannte.
Pst. Pst. Herr Tanner.
Er wandte sich um. In der halb geöffneten Tür stand L. Dürr mit den Stirnfransen und winkte ihm.
Was ist denn? Und warum gehen Sie nicht frühstücken?
Weil es mir nicht gut geht. Ich habe es schon gemeldet. Ich habe leichtes Fieber und Kopfschmerzen.
Also dann. Marsch ins Bett.
Er wandte sich zum Gehen. Sie flüsterte.
Wissen Sie, warum Madame so schön ist, obwohl sie wahrscheinlich schon sehr alt ist? Sie schmiert sich mit so einem Schleim ein.
Tanner musste unwillkürlich lächeln und schüttelte den Kopf.
So ein Unsinn. Gehen Sie jetzt ins Bett. Und gute Besserung.
Er stieg die Treppe zu seinem Zimmer hoch.
Auf seinem Telefon war eine Nachricht von Michel.
Bitte um Rückruf.
Ja, ja, lieber Michel, da musst du dich noch etwas gedulden, schließlich arbeite ich.
Später waren alle in der Küche eifrig am Arbeiten. Anandan hatte bereits genügend eingeschweißte Lachsfilets ins kalte Wasser gelegt. Annerös schlitzte geschickt Vanilleschoten der Länge nach auf. Er nickte ihr zu.
Nimm genug Eier.
Keine Sorge. Lydia ist übrigens draußen unterwegs.
Gut. Gibt es im Moment etwas fürs Frühstück zu erledigen?
Nein, nein. Es ist alles in Ordnung.
Er nahm sämtliche großen Kuchenformen für die Quiche aus dem Schrank, bebutterte und bemehlte sie tüchtig. Anandan hatte schon die Teige aus dem Kühlraum geholt. Das nächste Mal würde er den Teig selber machen, aber eins nach dem anderen.
Er begann die fertigen Teige auf der Maschine auszurollen und auf die Kuchenformen zuzuschneiden.
Die zwölf großen Formen reichen für die Quiche, oder?
Annerös bestätigte es ihm. Als er fertig war, wusch er sich die Hände.
Ich geh jetzt schnell ins Büro zu Frau Wunder. Bin sofort wieder da. Anandan, du kannst anfangen, die Gemüse klein zu schneiden. Ich habe bereits alles sortiert. Zuerst die Zwiebeln.
In der Eingangshalle begegnete er Ljuli.
Hallo. Du bist in Fahrt.
Sie lachte verschmitzt.
Sagt man so?
Tanner nickte lachend.
Ich hatte frei gestern Abend. War mit Freundin in Stadt.
Ach ja, Ljuli, das mit dem Putzen verschiebt sich auf heute Nachmittag. Wir haben heute Morgen leider zu viel zu tun.
Noch besser wäre morgen, weil kein Mittagessen, denn Mädchen haben keinen Unterricht, sondern Ausflug. Erst zum Abendessen wieder hier.
Ah, gut. Das hatte mir bisher niemand gesagt. Dann machen wir das so. Wir putzen morgen ab neun Uhr.
Er klopfte an die Tür, wo er das Büro Teresas vermutete.
Sie rief ihn sofort hinein.
Es ist alles klar, Tanner. Ich hatte Lydia schon im Garten angetroffen. Machen Sie, was Sie für richtig halten. Es darf einfach nicht teurer werden, sonst kriegen wir Stress mit der Obrigkeit. Ich gebe unseren Gemüselieferanten dann Bescheid. Mir wird schon eine Ausrede einfallen.
Liebe Teresa, Sie brauchen gar keine Ausreden. Wenn die Ihnen blöd kommen, so sagen Sie ihnen ganz ruhig, wir würden demnächst mit Prüfern vom Verband ihre Rechnungen kontrollieren.
Teresa stutzte.
Was wollen Sie damit sagen?
Tanner setzte sich und schlug die Beine übereinander.
Die Rechnungen von einigen Lieferanten sind eindeutig übersetzt. Mehr will ich nicht behaupten, dazu müsste man das alles genauer analysieren. Aber zu teuer ist es auf jeden Fall. Die Ordner stehen unten in der Küche. Sie können Sie jederzeit einsehen. Ich denke, dass wir mit einem Strategiewechsel entweder billiger werden, oder wir können uns bei anderen Sachen mehr leisten. Ich bin natürlich eher für die zweite Variante.
Teresa lachte.
Von Ihnen kann man eine Menge lernen, sehe ich. Gut. Machen Sie. Ich unterstütze das. Noch etwas?
Ich höre von Ljuli, dass die Mädchen morgen nicht zum Mittagessen da sind?
Oh, ja, das habe ich Ihnen heute Morgen schon sagen wollen. Sie müssen also nur für uns kochen.
Gut. Dann gehe ich wieder in die Küche. Ich habe heute leider keine Zeit für den Überblick, den Sie mir geben wollten. Vielleicht in den nächsten Tagen?
Sie nickte.
Einverstanden.
Noch etwas.
Ja. Bitte.
Haben Sie etwas dagegen, wenn mir Ljuli morgen hilft, die Küche gründlich zu putzen?
Ist es denn nötig?
Tanner seufzte.
Ja. Sehr.
Also, wieso sollte ich dagegen sein?
Danke.
Tanner ging ohne Umwege sofort zurück in die Küche. Er fühlte sich in seinem Element. Auf der Treppe zur Küche kam ihm noch einmal kurz der Satz von heute Nacht in den Sinn. Er verscheuchte ihn wie eine lästige Fliege.
2. Tag — Montagnachmittag
Nach dem Mittagessen, das ein voller Erfolg wurde – Annerös’ Crème wurde von den Mädchen mit Applaus bedacht –, fand Tanner endlich Zeit, Michel anzurufen. Ach, welche Ehre, der neue Sternekoch aus dem Weißen Schlösserl am Wolfgangsee … Sehr lustig, du bist wirklich ein Komiker. Tanner gab ihm einen kurzen Überblick über die Lage im Internat, soweit er dazu bereits in der Lage war. Madame erwähnte er nur am Rande. Und der Herr Direktor kommt also erst am Freitag oder am Samstag? Er interessiert mich natürlich am meisten. Wie stabil schätzt du denn die neue Assistentin ein? Als ziemlich stabil. Es ist schwer vorstellbar, dass die auch eine Selbstmordkandidatin ist. Sobald ich Zeit habe, studiere ich noch einmal die Unterlagen über die drei Frauen. Es ist sicher was anderes, wenn man vor Ort ist. Ach ja, schaust du mal, was für Kongresse in Schweden gerade stattfinden? Es müsste ja irgendwas mit Internaten, modernem Schulwesen oder so was Ähnliches zu tun haben, nehme ich an.
Michel stöhnte.
Mensch, hast du noch mehr solche Aufträge? Du weißt, wir sind unterbesetzt.
Tanner lachte.
Überglücklich wäre der Polizist, würde er die Vorzüge des Polizeilebens kennen.
Michel grunzte.
Was soll denn das sein?
Das ist ein Zitat. Ein leicht angepasstes Zitat von Vergil.
Und wer ist das jetzt wieder? Ist das auch ein Sternekoch?
Nein, du Dödel. Das war ein berühmter römischer …
Michel lachte.
Aber das weiß doch jeder. Reingefallen.
Während seiner Zimmerstunde widmete er sich noch einmal ausgiebig dem Studium der Unterlagen über die drei Selbstmörderinnen. Die erste, eine Belgierin, hielt es am längsten im Weißen Schloss aus. Sie arbeitete fünf Jahre bis zu ihrem Selbstmord. Bei der zweiten aus Frankreich waren es noch gute zweieinhalb Jahre und bei der dritten – sie war aus Holland – dauerte es noch knapp anderthalb Jahre. Wäre das Ganze ein mathematisches Modell, könnte ihm Madame als Mathematikerin sicher exakt vorausberechnen, wann die nächste Selbstmordkandidatin fällig wäre. Er grinste und schimpfte sich einen Zyniker. Er suchte nach Gemeinsamkeiten, fand aber in den Angaben, die ihm zur Verfügung standen nichts, was aufschlussreich gewesen wäre. Sie waren zwar während ihrer Tätigkeit hier alle etwa gleich alt gewesen. Die Erste war auf dem beigelegten Foto rothaarig, schlank zwar, aber mit weichen Formen. Die Zweite eine sehr schlanke Brünette mit wachen Augen. Die Dritte schließlich war ebenso blond gewesen wie Teresa, aber trotzdem eine ganz andere Persönlichkeit, soweit man das aus einem einzigen Foto herauslesen konnte. Er konnte die Unterlagen durchgehen und wiederlesen, es fiel ihm einfach nichts auf, was ein Hinweis zur Klärung der mysteriösen Selbstmorde hätte geben können. Außer dass sie alle drei ins Wasser gegangen waren, gab es schlicht und ergreifend keine Gemeinsamkeiten.
Was für ein grauenhafter Tod!
Tanner konnte und konnte sich einfach nicht vorstellen, wie man freiwillig im Wasser sterben konnte. Nahm man ein Medikament, das zum Tode führte, war einem nach der Entscheidung, es zu schlucken, alles aus der Hand genommen. Aber im Wasser! Die Panik, wenn man merkte, dass man keine Luft mehr bekam. Wie konnte man den Überlebenswillen ausschalten? Wie konnte man sich verbieten, nach oben zu schwimmen?
Schwimmen?
Tanner stutzte.
Wusste man denn, ob die Frauen überhaupt alle schwimmen konnten? In unseren Breitengraden war es zwar heutzutage fast selbstverständlich, dass alle schwimmen lernten, aber was hieß das schon.
Waren die Frauen in Kleidern ins Wasser gegangen? Zu welchen Tageszeiten? Wo hatte man sie gefunden? Hatte man errechnen können, wo sie ins Wasser gegangen waren?
Das waren eine Menge Fragen.
Tanner kratzte sich an der Stirn und griff nochmals zum Telefon.
Ja, ich bin es schon wieder. Ich habe da noch ein paar Fragen.
Michel stöhnte.
Beklage dich nicht. Du hattest doch ein komisches Gefühl bei den Selbstmorden, sonst wäre ich ja nicht hier.
Gut, leg los, in Gottes Namen.
Am Ende bemerkte Tanner noch, dass die Unterlagen total unvollständig seien. Es stünde zum Beispiel nichts über die Schul- und Ausbildungswege der Frauen. Hatten sie Sport gemacht? Konnten sie schwimmen? Hatten sie Beziehungen? Wenn ja, welche? Warum war keine der drei verheiratet? Waren sie lesbisch? Hatten sie unglückliche Beziehungen zu einem der Mädchen geknüpft? Hatte man die Schülerinnen befragt?
Michel stöhnte wieder.
Ja, ja, du hast ja recht. Die Schulleitung war übrigens aus Diskretionsgründen dagegen, die Mädchen zu interviewen. Und da der Befund der Gerichtsmedizin eindeutig auf Selbstmord lautete, gab es kein juristisches Mittel, die Befragungen durchzubringen. Das Ganze musste sowieso unter dem Deckel gehalten werden. Stell dir vor, wie schnell der gute Ruf eines Internats dahin ist. Und der gute Ruf ist alles, was ein Internat hat.
Gut. Klärt bitte ab, was noch möglich ist. Und ich mache vor Ort, was ich kann.
Um vier Uhr war die Mannschaft wieder vollzählig in der Küche versammelt. Lydia hatte bereits einige Kisten mit knackigen Salaten und verschiedene Gemüse besorgt. Sie zeigte Tanner stolz ihre Beute.
Ich bin begeistert. Danke, Lydia.
Er wandte sich an den Stummen.
Anandan, den Reis machst du ganz traditionell. Dann: Wir machen eine Bratensauce, eine Currysauce und eine Cocossauce. So haben die Gäste eine Auswahl. Sowohl die Vegetarier wie auch die, die Fleisch essen. Die Pouletbrüste machen wir auf meine Art. Annerös und Lydia, ich zeig euch gleich, wie es gemacht wird. Das Gemüse für die Vegetarier machen wir nicht in einer Sauce, das wird eh nur ein Einheitsbrei, sondern wir braten es. Diesen schönen weißen Chicorée schneiden wir längs und braten ihn mit Olivenöl, Salz und Pfeffer scharf an. Desgleichen die Peperoni, Zucchini und Brokkoli. Wir machen heute keinen Salat, den sparen wir uns für morgen Abend. Lydia, der hält doch gut bis morgen Abend, oder?
Kein Problem, Chef.
Ihre Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. Alle lachten.
Prima. Ach, ja. Jetzt zu den Pouletbrüstchen. Wir machen kleine Zöpfchen aus ihnen. Habt ihr das schon einmal gesehen?
Alle schüttelten den Kopf.
Anandan, gib mir mal eine Pouletbrust und du, Lydia, du hast doch wilden Majoran.
Tanner ging ans Schneidebrett.
Wir schneiden die Pouletbrüste in zwei Hälften oder eventuell in drei Teile, wenn das Stück besonders groß ist. Jedes Teil schneiden wir in drei Streifen, aber nicht ganz durch. Die Streifen müssen an der dicksten Stelle zusammenbleiben. Seht ihr, so. Wie ein Kopf mit drei Beinen. Dann nehmen wir einen oder zwei Majoranzweige und machen mit den drei längs geschnittenen Streifen einen kleinen Zopf. Die Zweige werden eingebunden. Man kann gleichzeitig auch Speckstreifen einbinden, aber die haben wir, glaube ich, heute nicht. Das machen wir das nächste Mal. Man muss die fertigen Teile nicht mal binden, man muss sie nur vorsichtig behandeln bis zum Anbraten, damit sie in der Form bleiben. Nach dem Anbraten ist es kein Problem mehr.
Er wandte sich zu Lydia und Annerös.
Das Zöpfeln könnt ihr sicher noch besser als ich. Ich werde unterdessen das Gemüse schneiden und dann die Saucen machen. Alles klar?
Alle nickten.
Auf los gehts los.
Pünktlich waren sie fertig. Als oben in den Speisesälen serviert war, aß auch die Küchenmannschaft in der Küche mit großem Appetit.
Annerös meinte, dass durch die Verwandlung der Pouletbrust in einen Zopf sich auch die Qualität des Fleisches wunderbarerweise verwandelt habe.
Tanner lächelte.
Es hat damit zu tun, dass wir durch das Zöpfeln die Oberfläche des Fleisches fast verdreifacht haben. Das macht ganz viel aus. Und dann natürlich die Liebe, mit der ihr beiden das Fleisch behandelt habt.
Sie lachten.
Wie lange arbeitet ihr eigentlich schon hier?
Die beiden Frauen sahen sich an.
Seit das Weiße Schloss umgebaut wurde. Das sind jetzt, äh …
Lydia sprang ein.
Es sind ziemlich exakt neun Jahre. Anandan kam erst vor drei Jahren zu uns.
Und Max Keller?
Wie wir. Er hat auch gleichzeitig mit uns angefangen. Nur das Servicepersonal wechselt von Saison zu Saison. Das ist ja auch klar. Es sind ja meist junge Leute, die sich so ihr Studium verdienen.
Geht der Max Keller hier eigentlich auch fischen? Im See oder in den Bächen?
Annerös und Lydia sahen sich fragend an.
Nein, nicht dass wir wüssten.
Was macht er denn so in seiner Freizeit?
Das wissen wir auch nicht. Er fährt immer mit seinem großen Motorrad weg. Wir denken, dass er eine Geliebte im Hauptort hat. Aber erzählt hat er nie davon.
Annerös kicherte. Lydia wechselte das Thema.
Ljuli ist auch erst vor drei Jahren zu uns gekommen.
Und die Erzieherinnen?
Die eine von Anfang, die andere seit knapp drei Jahren oder so. Da gab es mal einen Wechsel, aber da erinnere ich mich nicht mehr so recht.
Lydia war offensichtlich verlegen. Sie stand auf, um etwas zu holen.
Tanner konnte es sich nicht verkneifen.
Und Frau Wunder?
Annerös und Lydia wechselten einen schnellen Blick, und Annerös forderte Lydia, die sich wieder setzte, zum Antworten auf.
Ja, sie hat erst vor fünf Wochen angefangen. Ihre Vorgängerin ist auf tragische Weise ums Leben gekommen.
Tanner spürte, wie Annerös Lydia unter dem Tisch mit ihrem Fuß anstieß.
Lydia schwieg und schaute auf ihren Teller. Tanner aß weiter und fragte so beiläufig wie möglich.
Was heißt tragisch?
Sie ist im See ertrunken.
Er blickte hoch.
Ertrunken? Konnte sie nicht schwimmen?
Ich weiß nicht, ob sie schwimmen konnte. Weißt du das, Annerös? Ich habe sie nie baden sehen. Du, Annerös?
Die Angesprochene schüttelte den Kopf und senkte ihre Stimme.
Ich weiß es nicht, aber es spielt auch keine Rolle. Sie ist ja freiwillig ins Wasser gegangen.
Lydia nickte.
Es war Selbstmord.
Und weiß man, wieso sie das gemacht hat?
Beide hoben ihre Schultern und ließen sie wie einstudiert synchron wieder fallen.
Nein. Niemand hat das verstanden. Es war sehr tragisch. Sie war eine Nette. Aber wir hatten ja nicht so Kontakt zu ihr, also persönlich, meine ich.
Tanner hütete sich, weiter zu fragen. Er hatte das Gefühl, als ob Anandan etwas dazu sagen wollte, aber er konnte ja nicht reden. Er würde ihn in den nächsten Tagen mal darauf ansprechen. Schreiben konnte er ja.
Sie aßen schweigend weiter.
Zehn Minuten später meldete Teresa, dass alle vom Essen begeistert gewesen seien. Das löste die Stimmung wieder.
Tanner hätte gerne gefragt, ob Madame auch zum Essen erschienen war, aber er hütete seine Zunge.
Kurz vor zehn war die Küche fertig, und Tanner verabschiedete sich von seiner Mannschaft.
Morgen Abend würde er eine arabische Vorspeisentafel, Falafel und verschiedene Salate mit einheimischen Produkten machen, so wie er es damals von seiner Köchin in Marokko gelernt hatte. Lydia hatte ihm noch eine Ladung Kichererbsen besorgt, die musste er jetzt über Nacht noch in kaltes Wasser einlegen. Immerhin gab es unter den Schülerinnen einige aus muslimischen Ländern. Er hatte keine Lust auf Nudeln mit Rahmsauce und solche Sachen, wie sie Max Keller vorgesehen hatte.
2. Tag — Montagnacht
Danach löschte er die Lichter und ging durch die schmale Glastür hinaus in den Garten. Der Mond war noch nicht aufgegangen. Dunkel lag der See vor seinen Füßen. Weiter unten gab es eine Bank. Ljuli saß darauf. Sie winkte ihm und er setzte sich neben sie.
Du rauchst, Ljuli!
Ja, leider. Ich habe angefangen, als Mann tot war.
Das tut mir leid.
Danke, Tanner. Lange her. Wie anderes Leben. Im Krieg. Deswegen auch keine Kinder.
Tanner nickte.
Sie schwiegen und betrachteten den dunkel schimmernden See.
Nach einer Weile brach Tanner das Schweigen.
Was ist der Direktor de Klerk für ein Mensch? Ist er nett?
Ja, er ist sehr nett. Aber sehr von Mutter, äh …
Abhängig?
Sie lächelte, fast entschuldigend.
Ja. Sehr abhängig. Aber sehr nett.
Auf was für einem Kongress ist er eigentlich in Schweden? Weiß man das im Haus?
Ja, sicher. Das wissen alle.
Und?
Es treffen sich dort alle Schnecken, hm …
Schnecken? Meinst du Schneckenexperten oder so was?
Ja, dort ist Treffen alle Schneckenexperten aus Welt.
De Klerk ist Schneckenexperte?
Tanner schüttelte ungläubig den Kopf.
Schnecken! Ist das zu glauben! Er ist doch Internatsleiter?
Ljuli lächelte auch und flüsterte ihm ins Ohr.
Madame leitet Internat. Er ist nur, äh … wie sagt man: Schild?
Aushängeschild. Du meinst, er ist das Aushängeschild. Gut. Ich verstehe.
Ljuli erhob sich.
Ich muss jetzt ins Bett. Morgen sehr früh aufstehen. Schlaf gut, Tanner.
Schlaf gut, Ljuli.
Tanner blieb noch eine Weile sitzen. Er hatte das Gefühl, dass der Himmel sich immer mehr verdunkelte.
Wo blieb denn der Mond heute?
Er schloss die Augen. Plötzlich hörte er hinter sich ein Geräusch.
Tanner erschrak und drehte sich um.
Auf den Mond warten Sie heute vergebens.
Es war Madame, die sich ihm lautlos genähert hatte.
Heute wird er nicht zu sehen sein. Es braut sich eine dicke Wetterfront auf. Morgen wird es regnen. Sehen Sie. Schön, dass Sie auf mich gewartet haben. Kommen Sie mit, wir gehen zum alten Fischerhaus.
Ohne seine Antwort abzuwarten, ging sie voran.
Auf sie gewartet? Er wusste nichts davon, aber vielleicht hatte sie ja trotzdem recht.
Er folgte ihr. Er hatte das Gefühl, dass das Geheimnis, das er zu lösen hatte, ohne sie nicht zu lösen war.
Unten am Ufer war eine dreiseitig geschlossene Hütte. Die beiden vorderen Stützen standen im Wasser. Zum Wasser hin war die Hütte offen. Es gab eine breite Bank und einen Tisch.
Madame hatte einen Mantel an, den sie vorne mit einer Hand lose zusammenhielt. Sie setzte sich auf die Bank.
Setzen Sie sich neben mich. Wenn es Ihnen möglich wäre, mich zu halten, wäre ich Ihnen sehr verbunden.
Madame roch nach Lavendel und schien federleicht.
Die Küchenmannschaft ist begeistert von ihnen. Und das Essen ist auch gut.
Es war kein Lob. Es war nur eine trockene Feststellung.
Sie lehnte sich noch mehr an ihn. Er spürte die Rundung ihrer Brust. Die Zartheit ihrer Haut war erstaunlich.
Heute ist mir nicht ums Sprechen. Ich möchte einfach nur schweigen und meine Augen schließen.
Auch gut. Tanner war froh. Er hätte sie zwar gerne gefragt, was es mit dieser kleinen Insel auf sich hatte, die da draußen lag und die ihn an Böcklins Toteninsel erinnerte, wenn auch eine liebliche Variante davon, ohne schroffe Felsen und Gebäudeteile wie auf dem Gemälde. Heute Nachmittag hat er sie von seinem Zimmer aus bewundert. Die untergehende Sonne hatte die schon farbig werdenden Blätter der Bäume durchleuchtet, und die Insel sah aus, als ob sie Teil eines surrealen Werkes von Max Ernst wäre. Geheimnis, Ewigkeit und Schönheit.
Nach einer Weile musste Madame gähnen. Sie streckte und rekelte sich ausgiebig, wie die Katzen es gerne tun, und lehnte sich erneut an ihn.
Tanner fühlte sich zunehmend matt und wehrlos. Er hatte immer mehr das Gefühl, als ob er allmählich aus sich heraustreten würde und sich von außen beobachten könnte. Wie ein Wissenschaftler, der eine ihm unverständliche Spezies unter Laborbedingungen Experimenten unterzog. Nur dass die Spezies, die er beobachtete, er selbst war. Und dass sich das Wesen selbständig gemacht hatte, das doch eigentlich er war, aber ihm nicht mehr gehorchte, sondern einem anderen Willen, dessen Identität er nicht lokalisieren konnte. War das seine zweite Natur? Oder war sie das, die ihm ihren Willen durch geheimnisvolle Ströme aufzwang? Durch seine neue Rolle, seine neue Identität, die er spielte, war es ihm, als ob er sich langsam in zwei Wesen aufspaltete.
Ihn schauderte. Trotzdem war er neugierig, wie es weiter gehen würde.
Ist Ihnen kalt?
Nein. Es ist alles gut.
Lange saßen sie so und mit der Zeit verwoben sich ihre Atemzüge zu einem. Er spürte die Wärme ihres Körpers. Sie war wirklich ein Rätsel. Er hörte wieder die Stimme von dem Mädchen mit den Stirnfransen. Wissen Sie, warum Madame so schön ist? Sie schmiert sich mit Schleim ein.
Was für Schleim? Und doch, warum war ihr Körper dann so jung? Das war ganz und gar unnormal, falls sie wirklich schon so alt war, wie behauptet wurde. Das konnte alles gar nicht sein.
Madame regte sich und erlöste Tanner von weiteren Grübeleien.
So! Wir stehen jetzt auf. Begleiten Sie mich bitte nach oben.
Tanners Kopf war glühend heiß. Er bemerkte es erst jetzt. Zum Glück hatte sie nichts davon gemerkt. Er stand auf und bot ihr den Arm an.
Sie raffte den Mantel zusammen und sie stiegen langsam, geradezu majestätisch den Garten hinauf. In ihrem dunklen Zimmer angekommen, verlangte sie wie gestern eine Zigarette. Er zündete sie an und reichte sie ihr. Sie rauchte schweigend. Er wartete wortlos. Sie gab sie ihm. Er drückte die Zigarette aus.
Reichen Sie mir jetzt dieses längliche … Sie wissen schon.
Er reichte es ihr stumm und verließ das Zimmer.
Er ging in sein winziges Zimmer, zog sich aus und warf einen letzten prüfenden Blick aus dem Fenster. Der Himmel war tiefschwarz, als hätte es noch nie Sterne oder einen Mond gegeben. Dort, wo sonst Wasser lag, befand sich nun ein gutgemachtes Nichts. Auch die Insel existierte nicht mehr.
Tanner legte sich ins Bett und fiel sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
3. Tag — Dienstagmorgen
Die Nacht hatte die Welt am türkisfarbenen See von Grund auf verändert. Der Regen prasselte eine große, rhythmische Symphonie auf das Dach des Weißen Schlosses. Riesige dunkelgraue Wolken hingen bauchig wie eine Herde gestrandeter Walfische über dem See. Sie sahen nicht so aus, als ob sie daran dachten, jemals wieder zu verschwinden. Die kleine Insel war zwar wieder aus der Dunkelheit aufgetaucht, aber auf ihrer nächtlichen Reise jedweder Farbe beraubt worden. Dafür waren die Berge, die sonst so mächtig um den See herumstanden, spurlos verschwunden, wie wegradiert.
Tanner war seit fünf Uhr in der Küche zugange. Er hatte bereits den großen Kochherd und all die kleineren Maschinen einer gründlichen Reinigung unterzogen, als die Frühstücksmannschaft auftauchte. Er frühstückte mit ihnen und half bei den Vorbereitungen für die Speisesäle, obwohl es nicht zu seinen Aufgaben gehörte. So konnten Annerös und Lydia früher Schluss machen und versprachen, dafür eher zu kommen, um Tanner bei der arabischen Vorspeise- und Falafeltafel zu unterstützen, die sehr viel Handarbeit erforderte.
Nach dem Frühstück leerte sich das Haus. Die Mädchen machten mit einem Teil der Lehrerschaft einen Ausflug in die Landeshauptstadt. Ljuli kam nun auch in die Küche und half Tanner. Bis gegen Mittag war die Küche blitzblank und von Grund auf gereinigt. Tanner bedankte sich bei Ljuli und machte sich an die Vorbereitung eines kleinen Mittagessens für die wenigen Zurückgebliebenen. Madame nahm am Mittag nie etwas zu sich. Das hatte Tanner schon gestern erfahren. Kurz darauf rief er zum Mittagessen. Sie waren nur zu dritt. Teresa kam etwas verspätet, sie war ziemlich aufgelöst.
Entschuldigt die Verspätung. Ich war bei der Polizei. Walter Valser ist nämlich, äh … verschwunden.
Ljuli reagierte sehr verstört.
Wie verschwunden? Was ist passiert? Ist ihm etwas passiert?
Tanner blickte Teresa fragend an.
Herr Valser ist unser Gärtner und Haustechniker. Er hatte die ganze letzte Woche frei. Aber er hätte schon am Sonntag ins Haus kommen sollen, so war es ausgemacht. Er ist nicht erschienen. Gestern auch nicht, ohne sich abzumelden, und heute auch nicht. Er nimmt auch sein Handy nicht ab. Heute Morgen hat uns seine Frau angerufen und weinend berichtet, dass ihr Mann verschwunden sei. Wir waren jetzt bei der Polizei und haben eine Vermisstenanzeige aufgegeben.
Tanner begann vorsichtig nachzufragen.
Wann hat seine Frau ihn denn zuletzt gesehen?
Am Sonntagmorgen habe er sich verabschiedet. Am Sonntag hätte er ja ins Haus kommen sollen. Ist aber nicht erschienen. Danach hatte ihn seine Frau nicht mehr gesehen.
Tanner stutzte.
Und sie ruft erst heute Morgen an? Das ist aber eher seltsam. Und wie alt ist er, der Walter Valser, meine ich.
Er habe ihr gesagt, vielleicht übernachte er hier. Das tut er manchmal. Er ist so gegen die fünfzig.
Hat er hier ein Zimmer?
Nein, im kleinen Bootshaus, wo auch seine Werkstatt ist. Er hat eine Matratze. Da übernachtet er oft, denn er wohnt ganz am anderen Ende des Sees.
Und wie kam er jeweils zur Arbeit?
Meistens mit dem Fahrrad. Je nach Arbeitsrhythmus konnte er das Fahrrad aufs Kursschiff nehmen. Früher arbeitete er übrigens auf den Kursschiffen hier.
Fehlt denn zu Hause irgendetwas? Hat er was mitgenommen? Hat seine Frau etwas bemerkt? War er in letzter Zeit irgendwie unruhig? Anders als sonst? Hatte er Probleme?
Teresa starrte ihn verblüfft an.
Das alles hat die Polizei auch gefragt.
Tanner kapierte, dass er zu weit gegangen war und versuchte sofort, seine Fragerei herunterzuspielen.
Ja, das sind doch die Fragen, die einem als Erstes in den Sinn kommen, oder?
Ljuli nickte unsicher. Aber Teresa blickte ihn nach wie vor verwundert an.
Also, die Frau konnte sich an keine Auffälligkeiten erinnern. Gefehlt habe auch nichts.
Die Frage, ob jemand im Bootshaus nachgesehen habe, verkniff sich Tanner.
Er versuchte es auf die heitere Art.
Es gibt ja auch die berühmten Fälle, dass jemand Zigaretten holen geht und danach nie mehr nach Hause kommt. Davon habt ihr sicher auch schon gehört?
Die Frauen lächelten.
Ich sage es ja immer, Rauchen ist gefährlich, gell, Ljuli.
Jetzt lachten sie herzhaft.
Er wird schon wieder auftauchen. So schnell verschwindet kein Mensch.
Teresa nickte.
Hoffen wir es.
Haben Sie Madame informiert?
Nein, aber das mache ich gleich nach dem Essen.
Danach aßen sie weiter und unterhielten sich übers Kochen und über andere alltägliche Dinge.
Erst als Teresa das Besteck auf den Teller legte und sich mit der Serviette den Mund wischte, sprach sie das Thema wieder an.
Was wird denn die Polizei jetzt machen, frage ich mich.
Tanner nahm ein Schluck Bier.
Erst mal die ganzen Routinesachen. Die Vermisstenanzeige an alle Polizeistationen weiterleiten, Spitäler und alle möglichen Kliniken in einem gewissen Umkreis anfragen. Tja, und dann wieder warten.
Woher wissen Sie das so genau, Tanner?
Ich lese Kriminalromane. Sie nicht?
Teresa schüttelte den Kopf.
Ich gehe jetzt zu Madame und mache Meldung. Das ausgerechnet jetzt, da Dr. de Klerk nicht da ist! So ein Mist!
Ljuli nickte mitfühlend.
Tanner stand auf.
Wenn ich irgendwie helfen kann – Sie wissen ja, wo Sie mich finden.
Tanner räumte auf, ging dann in sein Zimmer und rief Michel an.
Also, Tanner, hör mal, ich habe drei Leute auf die drei Damen angesetzt, und die haben rund um die Uhr telefoniert und alle möglichen Informationen eingeholt. Alles ist in Protokollen zusammengefasst und bereits auf der Post zu dir unterwegs. Morgen solltest du das Paket erhalten.
Gut. Ich danke dir.
Ach, ja. In Schweden gibt es im Moment keinen Kongress zu den gesuchten Themen Internate, Schulen und so weiter.
Tanner grinste.
Nein, aber ich weiß mittlerweile, dass er an einem internationalen Schneckenkongress teilnimmt.
Schnecken? Machst du dich über mich lustig, Tanner?
Nein, nein. Es ist die Wahrheit. Das hat man mir gesagt. Das wissen hier alle. Dr. de Klerk ist offenbar Wissenschaftler. Schneckenexperte.
Okay, auch ein Beruf. Und weiter?
Mehr weiß ich auch nicht. Schnecken sind offenbar sein Hobby. Im Grunde leitet seine Mutter das Internat. Er sei bloß das Aushängeschild. Aber das ist nur Klatsch. Ich habe ihn ja noch nicht mal gesehen. Und jetzt was anderes. Der Gärtner ist verschwunden. Er hätte wohl schon am Sonntag wieder zur Arbeit kommen sollen und ist bis heute nicht aufgetaucht.
Tanner erklärte ihm, was er bisher wusste.
Aha, seltsam. Am Tag, an dem du auftauchst, verschwindet der Gärtner. Aber das ist sicher nur ein Zufall. Oder willst du den Job des Gärtners auch noch übernehmen?
Michel lachte schallend.
Blödmann. Er heißt übrigens Valser, wie das Mineralwasser, Walter Valser. Er hat früher bei der Schifffahrtsgesellschaft hier auf dem See gearbeitet. Kannst du mal diskret nachprüfen, warum er nicht mehr dort arbeitet? Das sind doch sicher gute Jobs bei so einer Schifffahrtsgesellschaft, die gibt man eher nicht freiwillig auf, denke ich.
Gut. Mach ich. Und melde dich, wenn dir in den Unterlagen über die drei Frauen etwas Brauchbares auffallen sollte.
Ja, falls die ankommen. Heute war noch nichts in der Post.
Na, ich sage es ja: Schneckenpost.
3. Tag — Dienstagnachmittag und Nacht
Er ging zurück in die Küche und begann mit der Verarbeitung der Kichererbsen. Ein Teil für den Humus, der größere Teil für die Falafel. Bis seine kleine Küchenmannschaft eintraf, hatte er den Humus und den Teig für die Falafel fertig. Gemeinsam rüsteten sie Gemüse und Salate, schnitten klein, raspelten, machten Saucen und hatten viel zu lachen. Tanner erzählte ihnen Anekdoten von seiner unvergesslichen Haushälterin und Köchin in Marokko. Er behauptete, er sei eine Zeit lang Koch in einem großen internationalen Hotel in Marokko gewesen.
Das Essen wurde ihr gemeinsames Meisterwerk. Sozusagen sein Einstand als professioneller Koch. Auch wenn davon niemand etwas wusste.
Die Vielfalt an Geschmack, Farben, Formen und verschiedenartigen Texturen war einfach einmalig. Und die beiden Speisesäle wussten es zu schätzen.
An diesem Abend gab es bestimmt keine glücklichere Küchenbrigade im Umkreis von mehreren Hundert Kilometern.
Als alles aufgeräumt war, bedankte sich Tanner bei seiner kleinen Truppe und blieb noch einen Moment allein in der Küche. Dann löschte er das Licht, ging in sein Zimmer, nahm seine starke Taschenlampe aus dem Koffer, zog seine Regenjacke an und stieg leise die Treppe hinunter. Es war bereits ruhig im Haus. Vom dritten Stock nahm er den Lift bis in den Keller, da die Treppe zu stark knarrte.
Er ging in die Küche und durch die schmale Glastür in den Garten. Er schloss sie leise hinter sich. Es regnete immer noch in Strömen. Er stand einen Moment ruhig da und vergewisserte sich, dass niemand im Garten war. Das war bei dem Wetter zwar unwahrscheinlich, aber Vorsicht war besser. Dann ging er leise ein paar Schritte bis unter den nächsten Apfelbaum und schaute an der großen Fassade hoch. Wo war eigentlich das Zimmer von Teresa Wunder? Er wusste es nicht. Licht brannte nur in den oberen Stockwerken bei den Einzelzimmern der Mädchen, die wahrscheinlich noch Hausaufgaben machen mussten, und natürlich bei Madame. Lichterlöschen war bei den Mädchen um zehn Uhr. Ob Madame wieder auf ihn wartete? Sie würde bei diesem Wetter wohl kaum in den Garten hinunterkommen.
Er schaute auf seine Uhr und wartete, bis die Lichter ausgingen. Es war gleich zehn. Max Keller war jetzt sicher schon in den Bergen von Kanada und würde wahrscheinlich morgen das erste Mal seine Angel auswerfen.
Tanner grinste. Angeln wäre gar nicht meine Sache. Und deswegen extra nach Kanada! Nein danke.
In diesem Moment ging das erste Licht aus. Kurz darauf alle anderen, außer bei Madame.
Er ging nun zügig von Baum zu Baum, bis hinunter zum Ufer. Sowohl die Fischerhütte wie auch das Bootshaus, das hundert Meter weiter rechts stand, waren vom Hauptgebäude aus nicht zu sehen. Er musste trotzdem mit dem Schein seiner Taschenlampe sehr vorsichtig umgehen. Der Regen hatte etwas nachgelassen. Der See lag ruhig und schwarz wie Tinte da. Die Sicht betrug höchstens zehn Meter.
Er erreichte jetzt das Bootshaus. An der Tür hing ein altes Vorhängeschloss. Er schaltete seine Lampe an, deckte sie mit der Hand aber ab und betrachtete die eiserne Haltevorrichtung, an der das Schloss befestigt war. Auf der einen Seite saßen die Schrauben bereits ziemlich locker im morschen Holz. Er suchte am Boden nach irgendetwas Flachem. Er fand ein Stück Blech und hebelte damit vorsichtig die Schrauben raus, aber so, dass er möglichst wenig Spuren verursachte und nachträglich die Schrauben wieder hineindrücken könnte. Nach kurzer Zeit hatte er es geschafft. Die Schrauben ließ er in den Metalllöchern hängen und schob vorsichtig die Tür auf.
Ein modriger Geruch schlug ihm entgegen. Moder und feuchte Erde. Er zog im Dunkeln die Tür hinter sich zu und knipste die Taschenlampe an. Er sah sofort, woher der Moder stammte. In der einen Ecke waren in einem Regal bereits viele Geranien für den Winter gestapelt, und die hatten in seiner Nase schon immer nach Tod gerochen. In der anderen Ecke lagerte das Werkzeug für die Gartenarbeit. In der Mitte stand eine alte Werkbank, darauf lagen kreuz und quer die Werkzeuge, alte Scharniere, angebrochene Schachteln mit Nägeln und Schrauben.
Er hatte schon größeres Chaos gesehen, aber so richtig ordentlich war der Valser auf jeden Fall nicht. Tanner ließ die Taschenlampe langsam kreisen.
Keine Liebe zu den Sachen war sein Befund.
So. Und wo ist jetzt diese Matratze, auf der Herr Valser angeblich ab und zu schläft?
Er öffnete die nächste Tür. Die führte in eine Art Zwischenkammer, dahinter vermutete Tanner das eigentliche Bootshaus, denn er hörte schon deutlich das Plätschern des Wassers. In dieser Kammer gab es einen Tisch, darauf standen ein Gasrechaud, ein verbeulter Topf, ein Teller, Besteck und ein Glas. Über dem einzigen Stuhl hingen eine Strickweste und ein paar alte Hosenträger. Neben dem Tisch stand ein ziemlich wackeliger Schrank. Er öffnete ihn. Da hingen ein paar Arbeitskleider, ein Fernglas, ein knorriger Spazierstock. Auf den zwei Regalen lagen sehr unordentlich verschiedene Kleidungsstücke.
Zwischen Schrank und Wand fand er die Matratze, von der gesprochen wurde. Und einen Schlafsack.
Gut. Hier hast du also geschlafen.
Aber jetzt war hier weit und breit kein Valser sehen.
Er stieß die Tür zum eigentlichen Bootshaus auf und schrak zurück. Das Aufstoßen der Tür hatte offenbar die Nachtruhe einiger Vögel gestört. Ein Wirbel von wildem Flügelschlagen und Kreischen dicht vor seinen Augen ließ ihn instinktiv die Arme hochreißen. Die Taschenlampe fiel ihm aus der Hand und rollte über den schmalen Steg in Richtung Wasser. Ein schneller Ausfallschritt rettete sie vor dem Sturz in den See. Tanner ging auf die Knie, tastete in der Dunkelheit nach der Lampe, die ausgegangen war. Er knipste sie wieder an, blickte hoch – und erschrak ein zweites Mal.
Da hing ein Körper an einem Seil. Unter seinen Füßen lag ein dreifüßiger Hocker, der umgestoßen war. Tanner rappelte sich keuchend hoch, leuchtete dem Mann ins Gesicht, denn um einen Mann handelte es sich – und erschrak ein drittes Mal. Das war definitiv nicht Walter Valser. Das Gesicht des Mannes war zwar schon erheblich von den Vögeln bearbeitet worden, dennoch bestand nicht der geringste Zweifel: Es war der Mann, der sich so aufs Fischen in Kanada gefreut hatte.
Tanner löschte die Lampe. Das Gesicht war wirklich unschön anzuschauen. Er wartete, bis sich seine Augen wieder ans Dunkel gewöhnt hatten. Er blickte sich um. Ein schlankes Ruderboot schaukelte still vor sich hin. Wer es als nächstes benutzen wollte, müsste ganz schön lange Wasser schöpfen. Das Bootshaus hatte offenbar Platz für zwei Boote. Wo das andere im Moment wohl war? Auf der einen Seite ging ein schmaler Steg hinaus aufs Wasser. Tanner schritt vorsichtig bis ans Ende. Der Regen hatte aufgehört. In der unmittelbaren Umgebung war auch kein Boot zu sehen, das heißt, so weit Tanner überhaupt sehen konnte. Und das war in dieser Nacht beileibe nicht weit. Die Vögel, es handelte sich um Raben, saßen alle auf einem Baum direkt neben dem Bootshaus. Sie warteten offensichtlich, bis der Störenfried wieder verschwinden würde. Von hier aus konnte er den oberen Stock des Weißen Schlosses sehen. Er sah die Fenster von Madame, die immer noch schwach erleuchtet waren.
Gut. Was tun?
Es blieb ihm eigentlich nur eine Möglichkeit.
Er zückte das Telefon und wählte Michels Nummer. Es dauerte lange, bis Michel abnahm.
Hör mal, jetzt übertreibst du es aber. Hast du schon wieder neue Fragen und Aufträge?
Nein, ich melde bloß einen neuen Selbstmord. Ich dachte, vielleicht interessiert dich das.
Das Telefon blieb einen Moment still.
Hallo, Michel! Bist du noch da?
Soll das ein Witz sein?
Nein, Michel, mit so was mache ich im Allgemeinen keine Witze. Es handelt sich um den Chefkoch Max Keller. Das ist der, den ich in deinem Auftrag hier vertrete. Erinnerst du dich? Der jetzt in Kanada am Fischen ist.
Wo hast du denn den gefunden? Du bist doch nicht in Kanada, oder?
Nein, ich stehe hier im Bootshaus, das zum Weißen Schloss gehört. Da hat er sich erhängt.
Warum um alles in der Welt bist du um diese Uhrzeit im Bootshaus? Wolltest du eine nächtliche Bootsfahrt machen?
Nein, ich habe nach Walter Valser suchen wollen. Der hat nämlich laut Teresa Wunder hier seine Werkstatt und übernachtet hier auch dann und wann. Da dachte ich mir, es wäre vielleicht eine gute Idee nachzuschauen, ob er möglicherweise hier steckt. Ich habe nicht ihn gefunden, sondern den Max Keller.
Wer zum Teufel ist Teresa Wunder?
Hast du ein Löchersieb im Kopf, oder bist du betrunken? Das ist die neue Assistentin der Internatsleitung. Sag mir, was ich jetzt tun soll, verdammt noch mal!
Michel schnaubte durchs Telefon.
Gut. Du bleibst, wo du bist und rührst dich nicht von der Stelle. Ich setze mich mit meinem Freund vom Hauptort in Verbindung. Ich möchte nämlich, dass du für den Rest der Welt anonym bleibst, ich meine, dass du der Koch bleibst … äh – ach du verdammte Scheiße: Du weißt, was ich meine, oder?
Ja, mein Dickerchen, ich weiß genau, was du meinst. Ich bleibe sowieso hier, denn die Raben haben schon angefangen, das Gesicht Kellers zu attackieren. Die Kollegen sollen aber bitte leise sein, vor dem Schloss parken und dann durch den Garten zum See. Zwei reichen. Und der Gerichtsmediziner. Schärf ihnen das bitte ein. Wir müssen so diskret wie möglich vorgehen. Hier sind 75 junge Mädchen. Ich will nicht, dass die alle aufgeschreckt werden und hysterisch herumflattern. Hast du mich verstanden?
Klar und deutlich. Und wenn du noch mal Dickerchen sagst, komme ich selber vorbei.
Dann sags ich gerne noch einmal …
Tanner nahm sein Telefon vom Ohr.
Mist. Schon abgehängt.
Nach einer Viertelstunde, die Tanner wie eine kleine Ewigkeit vorkam, rief Michel wieder an.
Also, die Sache ist geklärt. Sie sind schon auf dem Weg. Erst kommt eine Streife, die müsste sehr bald bei dir sein. Sie werden diskret vorgehen, haben sie mir versprochen. Danach kommt ein Ziviler mit einem Arzt. Ich bleibe wach. Du kannst mich jederzeit anrufen. Ich schau schon mal, ob ich etwas über den Keller finde.
Gut. Ich danke dir, Michel.
Ach ja, wegen Kongress und so. Wir haben in ganz Schweden nichts über Schnecken gefunden. Bist du sicher, dass du das richtig verstanden hast?
Ja, sicher. Klar und deutlich.
Dann war er vielleicht einfach an einer Universität eingeladen, die das gar nicht publik gemacht hat.
Ja, das ist natürlich möglich. Für Schnecken interessieren sich vielleicht doch nicht so viele Menschen.
Sie lachten und beendeten das Gespräch.
Es hatte erneut zu regnen begonnen. Tanner zog sich ins Bootshaus zurück. Die Raben protestierten lautstark. Ob gegen den Regen oder gegen seine Anwesenheit, war nicht auszumachen.
Mit der Taschenlampe suchte er minutiös den Boden nach Spuren ab. Was hätte er sonst tun sollen? Die Suche lenkte Tanner etwas ab. Den Toten fasste er nicht an, obwohl er sehr neugierig war, ob man bei ihm etwas finden würde. Sein Telefon zum Beispiel. Aber er hatte ja auch keine Handschuhe dabei und wollte keine Spuren zerstören und schon gar keine neue legen. Zum Beispiel seine eigenen Fingerabdrücke dort hinterlassen, wo sie nicht hingehörten.
Auf dem Holzboden des Bootshauses fand er nichts. Er richtete den Lichtstrahl ins Wasser. Nach einer Weile systematischen Absuchens des Seegrunds, der nur undeutlich zu erkennen war, bemerkte er an einer Stelle die schwache Reflexion eines Gegenstands. Er merkte sich die Stelle und ging vor das Bootshaus, denn nach seinem Zeitgefühl mussten die Beamten jetzt langsam eintreffen.
Er wartete noch einmal zehn Minuten. Das Licht bei Madame brannte immer noch.
Dann hörte er Schritte und der Strahl einer Taschenlampe zeigte in den Garten hinab. Er knipste kurz seine Lampe in die Richtung, als Zeichen seiner Anwesenheit.
Sie begrüßten sich per Handschlag. Die beiden Beamten stellten sich als Brunner und Wenger vor. Tanner berichtete ihnen den Verlauf seiner Entdeckung. Der eine machte sich Notizen. Dann gingen sie beide ins Bootshaus. Der jüngere kam sofort wieder heraus. Offenbar ertrug er den Anblick des Toten nicht gut.
Der andere kam etwas später raus.
Sie haben gar nichts angerührt und auch nichts verändert, Herr Tanner, oder?
Tanner verneinte.
Ich habe bloß die Vögel verscheucht. Sonst ist alles exakt so, wie ich es vorgefunden habe.
Ja, es ist kein schöner Anblick. Mein Kollege hat noch nicht so viel Erfahrung, deswegen …
Kein Problem. Von mir erfährt niemand etwas.
Der Beamte nickte.
Gut. Wir übernehmen jetzt den Ort. Sie können ins Haus gehen. Sie werden später alles noch einmal zu Protokoll geben müssen. Aber wahrscheinlich erst morgen früh.
Tanner nickte.
Ich werde jetzt die Assistentin der Internatsleitung informieren. Sie weiß nämlich noch nichts. Der Direktor weilt gerade im Ausland.
Ja, machen Sie das. Wie heißt die Dame?
Teresa Wunder. Kann ich mit ihr runterkommen, falls sie das wünscht.
Ja. Kein Problem.
Wenger, du kannst mal anfangen abzusperren. Bring Lampen mit.
Tanner ging den Garten hoch. Wenn er nur wüsste, wo Teresa ihr Zimmer hat. Deshalb ging er um das Haus herum, vielleicht würde er sehen, wo sonst noch ein Licht brannte.
Als er auf den Vorplatz kam, schloss Teresa gerade die Tür ihres Autos. Offenbar war sie weg gewesen. Sie sah Tanner und rannte aufgeregt zu ihm.
Was ist denn los, Tanner? Warum ist hier ein Streifenwagen? Ist es wegen Walter Valser?
Nein, Teresa. Ich habe jetzt leider keine gute Nachricht. Sollen wir nicht reingehen?
Nein, ich will jetzt wissen, was los ist. Ist etwas mit einem Mädchen?
Nein. Es ist wegen Max Keller. Er hat sich erhängt.
Teresa wurde käsebleich.
In Kanada?
Ihr wurde offenbar schwindelig. Tanner stützte sie.
Setzen Sie sich kurz auf die Treppe.
Er zog seine Windjacke aus und legte sie auf die Treppe. Sie setzte sich.
Nein. Er ist offenbar gar nicht nach Kanada geflogen. Ich habe ihn im Bootshaus gefunden.
Im Bootshaus?
Sie starrte ihn misstrauisch an.
Was hatten Sie denn im Bootshaus zu suchen?
Ich habe doch gesehen, wie Sie sich um den Herrn Valser Sorgen gemacht hatten, und da habe ich gedacht, ich schaue mal ins Bootshaus. Sie haben doch selbst gesagt, dass er da manchmal übernachtet. Es hat dort ja niemand nachgesehen. Sie auch nicht.
Wieso? Hätte ich das tun sollen?
Tanner seufzte.
Ich bin froh, dass Sie das nicht gemacht haben, sonst hätten Sie den Max Keller entdeckt und nicht ich.
Sie stand auf.
Gut. Begleiten Sie mich zum Bootshaus.
Das würde ich an ihrer Stelle nicht tun.
Warum nicht?
Es ist kein schöner Anblick.
Sie stand hilflos und unschlüssig da, dann setzte sich wieder und fing an zu weinen. Tanner setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern.
Oh Gott! Und das alles jetzt, da Herr de Klerk nicht da ist.
Sie schreckte auf.
Haben Sie es schon Madame gesagt?
Nein, nein. Die Polizei ist ja eben erst gekommen. Ich konnte ihn ja nicht einfach allein lassen. Ich bin gerade hochgekommen und wollte Sie suchen. Ich wusste ja nicht einmal, wo ich Sie finden würde.
Sie nickte und kämpfte gegen ihre Tränen.
Und Sie haben von sich aus die Polizei angerufen?
Ja, was hätten Sie an meiner Stelle getan?
Sie versuchte ein Lächeln.
Ja, ich hätte auch die Polizei angerufen oder einen Arzt – ich weiß doch nicht. Ich habe ja noch nie so etwas erlebt. Entschuldigen Sie meine Heulerei. Mist. Ich will nicht heulen.
Sie stampfte mit dem Fuß auf.
Ich trage hier die Verantwortung, und jetzt sitze ich hier und heule. Verdammt.
Tanner schwieg. Was sollte er auch sagen?
Sagen Sie was, verdammt noch mal. Mein Gott, so cool wie Sie möchte ich auch mal sein.
Okay. Hätten Sie einen Heulkrampf bekommen, hätte ich ihnen zu ihrem eigenen Besten eine runtergehauen, aber bei Ihnen war das nicht nötig.
Was? Sie hätten mir eine runtergehauen? Und auch noch zu meinem Besten. Das wird ja immer schöner.
Ja, das wäre dann ja meine Pflicht gewesen.
So, so. Ihre Pflicht. Das ist ein gutes Stichwort. Gut. Jetzt ist aber fertig.
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